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Auf märkischer Erde

HANNS VON ZOBELTITZ


Auf märkischer Erde

Roman


NEUFELD & HENIUS / VERLAG / BERLIN

Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1910 by Egon Fleischel & Co., Berlin

Gedruckt bei A. Heine, G. m. b. H., Gräfenhainichen

Erstes Kapitel

Die Rackowschen waren soeben fortgefahren. Im großen Zimmer räumte Helene mit dem Stubenmädchen den Kaffeetisch ab. Ihr feines Näschen schnoberte, wie’s der Vater nannte, dem leisen, süßen Duft von Waffeln und Pariser Parfüm nach, der noch im Raum lag. Immer hinterließ Tante Marie diesen Veilchengeruch mit dem Moschusakzent, und immer rief er in Helenens erregbarer Phantasie unklare Vorstellungen wach von unerhörtem Luxus, von rauschenden Seidenkleidern, kostbaren indischen Schals, koketten Kapotthütchen, von funkelnden Brillanten und Perlenreihen, die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Ganz merkwürdig: immer war dann auch das Bild der schönen Kaiserin Eugenie da, von der die Rackowschen vorhin wieder erzählt hatten. Tante Marie von ihrer Anmut und Eleganz, von den Kleidern, die sie auf der Brunnenpromenade in Ems getragen, und wie groß der Umfang ihrer Krinoline gewesen wäre; Onkel Ernst mit zugespitzten dicken Lippen von ihrer Schönheit, ihrem üppigen rotblonden Haar, ihrem blendenden Teint. Und daß und wie der General Fleury immer um sie gewesen wäre. Da hatten die Herren gelacht, aber Tante Marie und Martha hatten verstohlene Blicke gewechselt.

Die Tassen klirrten leise unter ihren Händen. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

Der Rittmeister schritt schweigend auf dem hausgewirkten Läufer entlang, der in der Diagonale des großen Zimmers lag, von der Korridortür bis zur Tür der Vorratskammer. Straff aufrecht ging er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf mit dem weißen, ein wenig gelockten Haar etwas vorgebeugt, seine gewohnten zwölf Schrittchen hin, zwölf Schrittchen zurück. Jedesmal, wenn er kehrt machte, sah er zärtlich zu seinem Spätling hinüber. Aber seine Gedanken waren nicht um Helene beschäftigt. Auch sie gingen nach Paris. Immer, wenn der Name Paris fiel, dachte er an seine große Zeit zurück, an die Tage, an denen er sich das Kreuz von Eisen gewonnen hatte, an seinen geliebten Marschall Vorwärts und an den anderen Napoleon, den er heut noch haßte wie Anno 13. Ebenso haßte, wie er den Neffen verachtete, ihn und das ganze Getriebe um ihn her. Ein ehrlicher und kritikloser Haß war’s, und eine ehrliche und kritiklose Verachtung, ganz im altpreußischen Zuschnitt.

An dem letzten der drei Fenster saß Mutter. Mutter — Omama genannt, seit die Kinder von Bruder Wilhelm im Hause waren und heranwuchsen. Selbst Helene vergaß sich manchmal und sagte Omama zu ihrer Mutter. Vor dem birkenen Nähtisch saß sie und träumte mit ihren großen blauen Augen ins Freie, in die grünen Fliederbüsche des Gartens hinaus. Die Hände im Schoß und die Lippen in leiser, stummer Bewegung. Vielleicht skandierte sie wieder einmal. Schrieb’s wohl auch am Abend heimlich auf und legte es heimlich in das Glaskästchen mit den blauen Bändern, wo ihr Allerheiligstes und Allerheimlichstes war, ihr Reliquienschrein. Der alte Rittmeister nannte ihn spottend den Körnersarg. Denn ganz unten lagen ein paar vertrocknete Veilchen, die der Sänger einst der Omama verehrt hatte. Lang, lang war’s her, und aus der jungen Komteß Grucker war ein verhutzeltes altes Frauchen geworden, aus der gefeierten Schönheit, der reichen Erbin eine kleine, greise märkische Edelfrau. Aber sie konnten’s beide nicht vergessen: Omama nicht die eine Begegnung, die eine Stunde unter der Eiche im Park, und der Rittmeister nicht seine rasende Eifersucht. Trotzdem die schleichende Zeit sonst so vieles ertötet und begraben hatte.

Es war totenstill im großen Zimmer. Nur das Ticken der Kuckucksuhr klang, und bisweilen schnappte Diana, die am Ofen lag, nach einer verspäteten Fliege. Dann blitzte der alte Herr aus seinen scharfen Augen mißbilligend hinüber und machte halblaut: Kusch. Gleich legte der Köter gehorsam den feinen Kopf zwischen die Pfoten. Einen höllischen Respekt hatten die Hunde. Der Rittmeister dressierte sie selber; noch nach der alten Methode, mit Peitsche und Korallenhalsband.

Der Kaffeetisch war längst abgeräumt. Das Mädchen hatte das Damasttuch mit hinausgenommen, Helene breitete die braune Plüschdecke über den Tisch. Wie immer verdroß sie dabei der große runde Fleck, auf dem am Abend die Lampe stand. Sie strich von rechts drüber hin und von links. Es half nichts. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Abgeschabt und ärmlich. Altmodisch und ärmlich. Wo sie auch hinsah, alles im Zimmer abgeschabt, altmodisch und ärmlich. Die Tapete mit den kleinen Vierecken und den bunten Sträußchen in jedem Quadrat voller Flecken; der Sofateppich mit dem Rosenmuster dünn; die Zimmerdecke grau verblakt; das eckige, steiflehnige Kanapee eingesessen. Und sie dachte wieder an das elegante Rackow und an die elegante Tante Marie, die so häßlich war wie die Nacht und doch alle Welt bezauberte, dachte darüber hinaus wieder an Paris und an die Toiletten der Imperatrice, an funkelnde Diamanten und an Perlenketten, die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Und an die Große Oper dachte sie, von der die Rackower erzählt hatten. An die erste Aufführung des „Tannhäuser“, der die im vorigen Jahr in Paris beigewohnt hatten, dachte sie, und was das für eine kuriose Musik gewesen sein sollte, von einem Deutschen namens Wagner, einem Revolutionsmann von 48 — und dann dachte sie an die Desirée Artôt und an die kleine Pauline Lucca, die in Berlin seit dem vorigen Jahr alle Herzen entflammte. Bruder Wilhelm konnte ja nicht genug Wesens von ihr machen.

Helene war an den Ofen getreten. Fast wie im Trotz lehnte sie sich fest an ihn und fühlte dabei, daß ihre Hände fiebrig heiß auf den kalten Kacheln lagen.

Immer noch machte Vater seinen eintönigen Marsch in der Diagonale. Immer noch träumte Mutter zum Fenster hinaus. Immer noch — immer noch. Die Luft war so drückend, und es schien, als senkte sich die graue Zimmerdecke langsam immer tiefer.

„Ich geh’ hinaus auf die Veranda“, sagte sie plötzlich scharf in die Stille hinein. Und wunderte sich, daß sie’s überhaupt sagte.

Der alte Rittmeister unterbrach seinen Marsch nicht, nickte nur, lächelte ihr zu. Mutter sah flüchtig auf. „Nimm mein Tuch um, Lenchen. Es wird schon kalt gegen Abend.“

„Mich friert nicht. Ich geh’ zur Post mit den Jungens. Oder ich geh’ zu Pastors.“

Eigentlich hätte sie sagen mögen: ich geh’ in die weite Welt hinaus. Und wußte doch, daß ihre Welt drüben an der neuen Chaussee, an der schnurgeraden Pappelreihe ihr Ende hatte. Aber vielleicht sah, faßte sie dort wirklich die Post, die von Frankfurt kam ... und hinter Frankfurt lag Berlin ... zwei Stunden nur mit der Eisenbahn, und der wundervolle köstliche Dampfwagen raste von Berlin weiter hinaus in die Weite, in diese köstliche, wundervolle Weite ..

Aber dann, als die schwere eichene Haustür hinter ihr ins Schloß gefallen war, blieb sie doch auf der Veranda stehen.

Denn da saß Martha, hatte eine gewaltige irdene Schüssel im Schoß und schnipselte Bohnen. Fleißig wie immer. Grad daß sie über das bessere Kleid, das sie den Rackowern zu Ehren in der Eile angetan, die große Küchenschürze gebunden hatte.

Als Helene sie so sah, wurde wieder etwas wie Trotz in ihr wach, eine Auflehnung gegen das Bild der Alltäglichkeit. Sie fragte hastig: „Warum quälst du dich selber, Martha? Laß das doch Mamsell machen.“ Und sie wurde rot dabei, denn sie liebte die junge Schwägerin in ihrem heißen Herzen, hegte eine unwillige Bewunderung für sie.

Martha Hackentin sah nur einen Augenblick auf. „Ich kann doch nicht müßig sein. Mamsell hat in der Leuteküche zu tun.“ Da lief Helene zurück an den Schrank im Flur, holte sich ein Küchenmesser, zog sich einen Stuhl heran und griff in die irdene Schüssel. Es ging ihr gut von der Hand, wenn sie irgendeine Arbeit begann, aber sie hatte keinerlei Neigung zur wirtschaftlichen Betätigung und erlahmte schnell.

Auch jetzt lehnte sie sich bald zurück und sah der Schwägerin zu. Sah auf den glatten dunklen Scheitel und die weiße, etwas niedrige Stirn, die tief über das Gefäß gesenkt war. Sah auf die Hände, die, so gut sie gehalten waren, die stark tätige Hausfrau verrieten.

„Sehnst du dich nie nach der Stadt?“ fragte sie plötzlich.

„Wie sollte ich, Helene? Ich bin ja gern in Rohlbeck. Ich bin doch hier zu Hause.“ Martha hatte auf einen Moment die klaren grauen Augen gehoben, hatte ein wenig mit dem Kopf geschüttelt: Helene tat oft gar zu merkwürdige Fragen.

„Nun ... du bist doch aus der Stadt. Du bist doch kein Landkind.“

„Aber ich hab’ hier meine Heimat gefunden. Meine liebe zweite Heimat.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich hab’ meine Kinder hier und meine Arbeit.“

„Ja. Freilich! Arbeit hast du, von früh bis spät. Die erste im Hause auf und die letzte in den Federn. Man müßte sich eigentlich schämen vor dir. Man müßte —“

„Du Närrin! Mir ist’s noch nie zu viel geworden.“

Eine Weile war’s stille zwischen ihnen. Auch Helene hatte wieder in die Schüssel gegriffen, aber sie zog die Bohnen nur spielend durch ihre feingliedrigen langen Hände. Es war wieder, wie es oft war. Sie hätte der Schwägerin nicht weh tun wollen — um alles in der Welt nicht. Aber sie einmal ein wenig aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen, an ihrem ewig gleichen, schönen Maßhalten zu rütteln: das reizte sie wie eine verbotene Frucht.

„Wilhelm bleibt diesmal fürchterlich lange in Berlin.“

„Er muß wohl.“

„Wenn ich an deiner Stelle wär’, Martha — ich stürbe vor Sehnsucht.“

„Es stirbt sich nicht so leicht, du Kind.“

Noch immer klang die Stimme gleich gelassen. Aber die Hände ruhten doch auf eines Atemzugs Länge am Rande der Schlüssel, und die weiße, schmale Stirn hatte sich noch ein wenig tiefer geneigt.

„Du sagst das so: Wilhelm muß! Meine brüderliche Liebe hat an unserer Öde hier nie besonderen Gout gefunden.“

Diesmal sah Martha voll auf. Eine leichte Röte stieg in ihr weiches Gesicht, flutete über den klaren Teint, der vielleicht das Schönste an ihr war, und ebbte gleich wieder ab.

„Das war nicht hübsch von dir, Helene“, sagte sie dann bestimmt. „Du weißt es doch: die kleine Klitsche kann nicht zwei Familien ernähren, und Wilhelm war nicht so ... nicht so vorsichtig, sich eine reiche Frau zu nehmen. Da muß er eben Geld verdienen ... und hat’s gewiß dabei oft schwer genug.“

„Das elende Geld!“ rief Helene. „Das herrliche, das wunderherrliche Geld. Ach Martha ... einmal so recht in Friedrichsdore wühlen können! Scheffelweise möcht’ ich’s haben. So reich sein wie die Rackower, ein großes, glänzendes Haus machen, reisen, die Welt sehen ...“

„Und glaubst du, daß das glücklich macht?“

„Ja! Ja! Mich gewiß. So wie ich nun mal bin. Sieh mich nur strafend an, nenn’ mich nur schlecht! Ich kann mich nicht ändern. Ihr alle könnt mich nicht ändern!“ Heiß hatte sie’s herausgestoßen, mit halblauter, mühsam verhaltener Stimme. Den rostbraunen Haarschopf warf sie zurück, strich sich mit beiden Händen über die Schläfen. Und dann kam gleich der Rückschlag. Die Hände sanken in den Schoß. „Aber wir sind ja hier alle arm wie die Kirchenmäuse. Die ganze Sippe: die Golziner, die Steckschen, die Buckschen. Grad nur die Rackower machen eine Ausnahme, weil die Tante Marquise die Millionen hat. Sonst ... es ist ein Jammer um den elenden märkischen Sand!“

Martha war aufgestanden. Sie setzte die große Schüssel auf den eichenen Tisch. Nun siegte der Unwille doch über ihre Gelassenheit. „Du bist ein rechtes Kind, Helene“, sagte sie ziemlich scharf. „Schäm’ dich, unsere liebe Scholle zu schelten. Die ist treu, wenn sie auch karg sein mag. Und wir müssen Treue um Treue vergelten. Geh hinüber auf den Kirchhof, schau’ dir die alten Gräber an. Da liegen deine Vorfahren, Reihe um Reihe, seit dreihundert Jahren. Seit dreihundert Jahren hat das gegolten: Treue um Treue. Daß dir das die Städterin sagen muß, dir, Helene! Schäme dich!“

Eine Sekunde stand Helene noch im Trotz. Dann flog sie der Schwägerin jäh um den Hals und küßte sie rechts und links auf die Wangen. „Du Gute! Du Liebe! Du Allerbeste ...“

Da trat gerade der alte Herr aus der Haustür, und als er seinen Spätling und die Schwiegertochter in der engen Umarmung sah, lachte er froh: „So hab’ ich euch gern. Das heißt“ — er legte den gekrümmten rechten Zeigefinger um den Nasenrücken — „das heißt ... die Überschwenglichkeit stammt natürlich von der Helene. Hat sie von der guten Mama. Die war auch so ... gleich aus dem Häuschen ... das heißt, damals, als wir noch jung waren. Lieber Gott ... ja ... und ist das heut nicht ein schöner Septemberabend?“

Das letzte sagte er schon, sich umwendend, auf der Mitte der tief ausgetretenen Treppenstufen, die von der Veranda in den Garten hinabführten. Und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er weiter hinunter, den breiten sandigen Fahrweg entlang, der, von sonnverbrannten kümmerlichen Rasenbeeten umsäumt, am Tore in den Dorfanger mündete.

Es war die Stunde, zu der er sich seit Jahrzehnten, Sommer und Winter, dort am Torweg mit dem Pastor loci traf. Das Wetter mußte schon sehr schlecht sein, wenn der alte Rittmeister und Pastor Heckstein ihr Rendezvous in die große Stube des Schlosses, wie das herrschaftliche Haus trotz aller Einfachheit von alters her genannt wurde, oder in das verräucherte Studierzimmer des Pfarrhauses verlegten. Wetterfeste Greise, die sie waren. Dem Rittmeister verschlug’s nichts, mit seinen fast siebzig Jahren bei strengster Kälte ein paar Kesseltreiben mitzumachen, und Heckstein, der nur wenige Jahre jünger war, fuhr im Winter regelmäßig im offenen Wägelchen ohne Pelz nach seinen beiden Filialdörfern, Dommelt und Rackow, stand im dünnen Talar in der ungeheizten Kirche auf der Kanzel und lachte nachher vor der Kirchtür seinen anderen Freund und Patron Ernst Hackentin aus, wenn der schimpfend die gewaltige Kugel seines Korpus in kostbaren Zobelpelz aus dem gutsherrlichen Gestühl herausrollte.

Auch heut kam er pünktlich des Wegs vom Pfarrhause her, der kleine hagere Mann im schwarzen Düffelrock mit dem schwarzen breitkrämpigen weichen Filzhut über dem scharfkantigen bartlosen Gesicht, aus dessen brauner Lederhaut die großen Augen hell und gutmütig, aber auch eigen lustig und listig herausleuchteten. Er stapfte mit gemächlichen Schritten, hob hier seinen dicken Knotenstock drollig drohend gegen den halbwüchsigen Christian Metzger, der in der letzten Konfirmandenstunde gedöst haben mochte und nun schleunigst Reißaus nahm; blieb dort stehen, um einer Gänseherde, die in wohlgeordneter Marschordnung über den Anger zog, wohlgefällig nachzuschauen, und fragte die Frau Kantorin, die am Zaun stand, wie ihre berühmten Gravensteiner heuer zu geraten versprächen. Da gerade die hübsche Anna Flehr, die Kantorstochter, am selbigen Zaun Maulaffen feilhielt, so kniff er ihr im Vorübergehen fest in die runde, rosige Backe. Für ein hübsches Menschenkind hatte er das gleiche Verständnis wie für einen guten Apfel, wobei ihm aber ein frisches Mädel lieber war als ein Bube und ein duftender Gravensteiner lieber als eine schrumpliche Reinette.

Vor ihm her trottelte Waldmann, rastete, machte einen Bogen, lief wieder ein Stückchen voraus, kam zurück, schlenkerte mit dem langen Behang — kurz, benahm sich höchst willkürlich. Ganz im Gegensatz zur Diana, die haarscharf hinter dem linken Fuß ihres gestrengen Herrn blieb, mit der feinen Nase dicht an dessen grauem Beinkleid. Und die grundsätzlich nie von dem pastoralen Dackel Notiz nahm.

Schon von weitem grüßten sich die beiden alten Herren. Der Rittmeister hob militärisch zwei Finger an sein Käppchen; der Pastor berührte flüchtig die Hutkrempe.

„N’Abend, Hackentin. Wie geht’s? Wie steht’s?“

„N’Abend, Pastor. Alles gut zu Wege bei dir?“

Sie nannten sich seit achtunddreißig Jahren du; seit Heckstein den Wilhelm getauft hatte. Mit dem stand er nun auch schon zwölf Jahre auf du und du, seit dem Tauftage seines Ältesten. Und dem hatte Heckstein neulich mit einem freundschaftlichen Jagdhieb eröffnet: „Na, Junker Hans, wenn ich deinen Erstgeborenen taufe, machen wir beide Brüderschaft. Sput’ dich nur ’n bissel, daß ich nicht zu lange warten brauch’.“

Ein paar Augenblicke blieben die alten Freunde zwischen den Pfosten des Torwegs stehen, zwei vierkantig behauenen, schwarzgeteerten Eichenstämmen, jeder mit einer Vollkugel gekrönt, die gelegentlich auf der Feldmark gefunden worden waren; Kantor Flehr, der ein Bücherwurm war, hatte damals eine gelehrte Untersuchung angestellt, nach der sie russischer Providenz sein sollten und aus den Julitagen 1759 stammten, in denen General Wedel sich vor Soltykow über die Oder zurückziehen mußte.

Der Pastor sah auf die frische Radspur. „Die Rackower waren hier. Wie waren sie denn, Hackentin?“

„Ernst ist noch ’n bissel dicker geworden, denk’ ich. Das heißt — wenn’s möglich ist. Mariechen war herablassend wie immer, ganz Marquise, hatte ein Monstrum von Krinoline an, ein Kleid mit verrückt vielen Volants und dazu einen neuen Sonnenschirm, blaue Seide mit Spitzen, der wohl wieder die Weiber auf zehn Meilen im Umkreis verdreht machen wird. Das heißt — sie nannte das Ding natürlich nicht Schirm, sondern ombrelle. Auf der Rechnung nimmt sich das übrigens tout-egal aus, und bezahlt wird die doch sobald nicht.“

Sie zwinkerten sich, verständnisvoll lächelnd, mit den Augen zu und bogen in die Allee von hochstämmigen Kastanien ein, die sich längs des Gartenzauns hinzog. Langsam, behaglich schritten sie nebeneinander her; Diana immer mit der Nasenspitze am linken Bein des Rittmeisters, Waldmann bald voraus, bald zurück, bald stehen bleibend und die schlanke Engländerin mit klugen Augen, halb neidisch, halb mißachtungsvoll anschauend.

„Ja, und Ernst hat eine neue Delikatesse erfunden. Crêpes à la Suzette, glaub’ ich, nennt er das Deubelszeug. Das heißt — es sind Eierkuchen mit irgend ’ner Soße aus Likören, wenn ich recht verstanden hab’. Du kannst dir ja das Rezept von ihm geben lassen. Die Pastorin wird sich schon darauf verstehen.“

„Nee, Hackentin. Ich bleibe bei Speckeierkuchen. Wenn’s dazu langt, will ich schon froh sein. Denn was so unsere Bauern sind — du kennst sie ja — wenn die uns die Eier abliefern, wundert sich meine Guste immer, daß Hühner überhaupt so kleine Eier legen können. Was hat Ernst denn sonst noch erzählt?“

Der alte Rittmeister schnellte mit dem Fuß ein Steinchen zur Seite. „Sie sind auf der Durchreise von Ems ein paar Tage in Berlin gewesen, haben auch Wilhelm gesprochen, der wieder mal große Rosinen im Kopf haben soll. Das heißt — von wegen der Eisenbahnkonzession — du weißt ja. Die Rosinen kenne ich nachgerade, aber den Kuchen, in dem sie gebacken werden sollen, den werd’ ich wohl nicht erleben. Na, ich will mich nicht ärgern. Was Ernst sonst erzählte? Politik, Politik und nochmal Politik. Unser herrlicher Landtag — daß ihn der Deibel hole — treibt sein Spielchen weiter, Hohenlohe macht Bücklinge, und Majestät können zusehen, ob schließlich ’n paar Kröten von der Kammer bewilligt werden. Das heißt — wahrscheinlich nicht mal das. Schlechte Zeiten, Heckstein ... hundsmiserable Zeiten. Ein altes Preußenherz möcht’ sich am liebsten umdrehen bei dem Skandal.“

Oft zitierte der Pastor nicht Bibelworte. Die sparte er sich für den Sonntag auf. Aber manchmal glitt ihm doch eins über die Lippen. „Hoffnung läßt nicht zuschanden werden“, meinte er.

„Jawohl, Heckstein, ich weiß. Steht Römer fünf. Aber im Hiob steht auch: der Menschen Hoffnung ist verloren. Siehst du ... so steht’s um meine Hoffnung. Das heißt — um die Armee geht’s, und wenn unser Allergnädigster Herr nur wollte! Bloß dem Wrangel ’nen Wink geben, und der fegte wie Anno achtundvierzig den ganzen liberalen Schwindel zum Tempel raus. Gegen Demokraten helfen nur Soldaten. So aber frißt das Geschwür weiter ... bis in unsere eigenen Familien hinein!“

Das war ein Punkt, auf den der Pastor das Gespräch nur ungern lossteuern sah. Denn das ging auf Fritz Hackentin, des Rittmeisters Zweiten, der erst Leutnant bei den Franzern gewesen war, dann zur Themis geschworen hatte und nun als Kreisrichter in Stellberg saß. Ein guter Junge, aber ein unruhiger Kopf. Etwas unruhiges Blut hatten die Rohlbecker Hackentine ja alle. Das kam von den Gruckers herüber, in denen nun mal der romantische Zug lag. Wenn man so daran dachte: als die alte Gnädige jung gewesen war, als sie noch vierelang fuhr und selber kutschierte —

Aber auf den Fritz durfte Hackentin nicht zu sprechen kommen. Das wurde sonst ungemütlich, und dazu war der Abend zu schön.

Zum Glück waren sie gerade unter der letzten Kastanie angelangt. Drüben stand der Kantor in seiner Haustür, der lange Labammel, dürr wie die endlose Pfeife, aus der er qualmte. Kaum, daß er sie aus den Zähnen zog, um seinen Gruß anzubringen.

„Na, Flehr, was macht der Bakel?“ rief Hackentin über die beiden Zäune hinüber.

„Danke, Herr Rittmeister. Wie das Sprichwort sagt: Wer den Stock fürchtet, kann nur mit dem Stock regiert werden. Man braucht ihn eben.“

„Ja, Kantor, vielleicht waren’s bessere Zeiten, als man ihn mehr brauchte. Das heißt — nicht bloß in der Schulstube.“

„Ich weiß nicht, Herr Rittmeister, ob das bessere Zeiten waren.“

„Vielleicht erfahren Sie’s noch.“ Hackentin wandte sich. Halblaut, etwas unwirsch meinte er zu seinem alten Freunde: „Der ist auch schon angesteckt, liest mit dem Grunowschen Müller zusammen die ‚Tribüne‘. Du solltest ihm mal feste den Daumen aufs Auge drücken, Heckstein —“

„Er ist nicht der Schlechteste. Seine Bengels hält er stramm in Ordnung, mit und ohne Rohrstöckchen, je nachdem. Sie lernen bei ihm gerade richtig: nicht zu viel und nicht zu wenig. Und solchen Chor in der Kirche, wie er ihn zurechtgebracht hat, wirst du im ganzen Kreise vergeblich suchen. Von der Musika versteht er was. ‚Meine Hochachtung‘, würde dein Schwager Grucker sagen. Na, und was die politische Gesinnung anbetrifft, ... du kennst ja meine Ansicht: das kommt und geht. Wenn wir ein paar Jährchen weiter sind mit Gottes Hilfe, lachen wir beide wohl über die Aufregung von heute. Denn, weißt du, im Grunde ist alles, was brandenburgisch ist, doch loyal bis auf die Knochen.“

Der Alte grollte: „Das haben wir achtundvierzig gesehn ...“

„Ach was! Was war denn da außer Berlin los? Berlin aber ist gar nicht brandenburgisch, wenn’s auch zufällig mitten in unserer lieben Sandstreubüchse liegt. Berlin ist Berlin. Da muß immer gestänkert werden. Aber sonst? Der Flehr da ist typisch. Mal gelegentlich ’n bissel das Maul vollnehmen, mal recht klug schnacken, mal sich recht gebildet fühlen und mal recht schön liberal wählen, wenn’s hoch kommt. Mehr aber nicht.“

„Ist gerade genug. Order muß pariert werden.“

„Wird auch ... Da kommt ja die Lene. He, Leneken, wohin denn so eilig?“

Mit ihren schnellen Schritten kam sie vom Schlosse her. Einen Hut hatte sie nicht aufgesetzt; in der leisen Dämmerung, die schon anhob, spielten ihre Haarwellen ins Goldig-Rote. Ein Tuch hatte sie umgenommen; fest lag das dünne Gewebe um die Schultern, umspannte knapp die jugendliche Büste und war hinten in der Taille zusammengeknotet.

„Ich will der Post auflauern, Onkel Pastor.“

„Denkst wohl, der Schwager Postillion bringt dir’n Schatz mit, Lene?“

„Der könnte mir grad’ fehlen, Onkel Pastor. Willst du — Waldmann, du Frechdachs! Sieh dir mal Diana an, wie die artig ist.“

„Im Pfarrhaus gibt’s frischen Pflaumenkuchen, Leneken.“

„Ich hasch’ mir beim Zurückkommen ein Stück.“

Sie nickte dem Vater zu, sie winkte von weitem zum Kantor hinüber und huschte weiter, durch das Tor, den Anger entlang.

Die beiden Alten sahen ihr wohlgefällig nach. Es war immer, als schwebte sie über dem Boden. Ganz eigen zierlich setzte sie unter dem weitbauschigen Rock, der grad nur die modische Krinolinenform andeutete, die Füßchen. Schuster Freyer in Logow war sonst kein Held in seinem Fach, aber für das gnädige Fräulein auf Rohlbeck tat er immer sein Bestes.

„Ein Mordsmädel, deine Lene!“ meinte der Pastor schmunzelnd.

Der Rittmeister nickte. „Ein gutes Kind. Das heißt — es ist noch junger Most. Das gärt und gärt und will manchmal überschäumen. Man muß die Lene ein bißchen straff im Zügel halten.“

Heckstein lächelte verstohlen. Er wußte am besten, daß die Kinder im Schloß nie recht im Zügel gehalten worden waren. Nicht gleichmäßig wenigstens. Mal hatten die Zügel am Boden geschleift, mal waren sie wieder gewaltsam angezogen worden; und wenn Hackentin am rechten Zügelende zog, zerrte die alte Gnädige vielleicht gerade am linken. Aber das tat am Ende nicht viel. Es war ein guter Kern in den Kindern.

Wie er das überdachte, während sie langsam wieder unter dem grünen Dach der Kastanien hinschlenderten, fiel ihm ein, daß die Gelegenheit vielleicht günstig wäre, für den Kantor noch ein gutes Wort einzulegen.

„Sieh mal, Hackentin,“ begann er aufs neue, „da hast du eben auf den Flehr geschimpft. Hast aber ganz vergessen, was der Mann sich für eine Mühe mit der Lene gegeben hat und noch gibt. Ich meine von wegen ihres Gesanges.“

„Wird ihm doch auch bezahlt.“

„Na hör’ mal: die paar Dittchen für die Stunde! Du kannst froh sein, daß wir solch einen musikalischen Kantor hier haben, der dafür sorgt, daß Lenes schöne Stimme nicht verkommt. Aber neulich hat er mir selber gestanden, daß er am Rande seiner Kunst ist.“

„Jawohl — jawohl — ich weiß schon. Das heißt — daß Lene in die Stadt müsse, einen anderen, besseren Lehrer bekommen. Die Litanei hat er mir auch schon vorgebetet. Unsinn, Pastor. Dazu langt’s nicht mehr. Und ich will auch nicht. Will nicht, daß der Lene alle möglichen Fladusen in den Kopf gesetzt werden. Damit darfst du mir nicht kommen ...“

Der Rittmeister rückte sein Käppchen plötzlich ganz weit nach rückwärts auf die weißen lockigen Nackenhaare, wandte sich kurz um, und da Diana der Kehrtwendung nicht schnell genug folgte, vielmehr mit fragendem Blick aufsah, kriegte sie einen sanften Hieb —

„Und im übrigen ist der Kantor doch ein Demokrat.“

Helene war indessen den Dorfanger entlang gegangen, hatte ein paar Worte mit der Frau Kantorin gewechselt, die immer aussah wie ein scheues, in der Gefangenschaft gehaltenes Reh, wenn jemand vom Schloß sie ansprach, und die um so scheuer und demütiger wurde, je freundlicher die Worte waren, die man an sie richtete. Dann hatte Lene bei Meister Winkel, dem lobesamen Schneider des Dorfes und dessen Krämer, eine Bestellung der Schwägerin ausgerichtet, die sich auf ein Paar Hosen ihres Neffen Hans bezog, und dann war sie am Kirchhof ein paar Augenblicke stehengeblieben. Da lag, seitlich der kleinen Backsteinkirche, die noch immer des richtigen Geläuts entbehrte, weil weder Patron noch Gemeinde die Mittel aufbrachten, das alte Erbbegräbnis. Es mochte noch in besseren Zeiten gebaut sein, vor hundert oder hundertfünfzig Jahren vielleicht: die eisenbeschlagene Tür war sogar von ein paar Säulen eingerahmt, wirklichen Sandsteinsäulen, mit einem Giebelchen darüber, in dem das Hackentinsche Wappen mit den drei Hecken als Sandsteinrelief eingelassen war. Aber der Zahn der Zeit hatte den Bau angefressen. Die Säulen waren zermürbt, das Wappen war kaum noch erkennbar, das Ziegeldach schadhaft — gut, daß der dicht wuchernde Efeu das Schlimmste zudeckte. Das Erbbegräbnis hatte auch schon lange nicht mehr zugereicht; links und rechts daneben lagen Hackentinsche Gräber. Schlichte Gräber, die sich wenig von denen der wohlhabenden Bauern unterschieden. Höchstens, daß sie ein wenig mehr gepflegt waren, und auch das nur, weil die junge Gnädige eine besondere Vorliebe für den Kirchhof hatte.

Ein paar Minuten stand Helene am Zaun. Ihr lagen Marthas Worte im Sinn von der Treue um Treue. Die hatten sie vorhin gepackt und klangen noch in ihr nach. Aber wie sie so auf die Gräber sah, über denen sich zwei große Maulbeerbäume mit weitgespannten Ästen breiteten, die noch auf des großen Friedrichs Befehl gepflanzt worden waren, fing sie plötzlich an zu frösteln.

Neulich in Rackow hatte sie in einem Bande Gedichte geblättert. Eigentlich nur, weil Tante Marie so viel Wesens von dem großen Franzosen Victor Hugo machte. Jetzt fiel ihr mit einem Male ein Satz daraus ein: „Gloire, jeunesse, orgueil, biens que la tombe emporte ...“

Ruhm und Jugend und Stolz —

Nein! Nein! Für sie hatten die Gräber nichts Erhebendes! Sie konnte sich nur vor ihnen fürchten. Wie Moderluft wehte es aus ihnen. Ein Schauer überrann sie. Und sie zog das dünne Tuch fester um die Schultern und eilte rasch weiter, am Krug vorüber und an der Schmiede, der neuen Chaussee zu, die dicht am Dorfausgang die schmale Wintze überbrückte.

Da stand schon der Doktor Hemming mit den beiden Junkern. Oder vielmehr er stand, seitlich der Brücke, an eine dicke Weide gelehnt und himmelte über das Stoppelfeld zum Horizont hinüber. Die Jungens aber saßen auf der Steinbrüstung der Brücke; der langaufgeschossene Hans schien es seinem Hauslehrer nachmachen zu wollen, er starrte träumend mit gesenktem Kopf auf das rinnende Wasser, während Thede — Theodor — irgendeine Bohnenstange aufgegabelt hatte, die dreimal so lang war wie der Knirps, und mit ihr ebenso kräftig wie zwecklos in den zerwühlten Uferrändern umherstakte. Vielleicht dachte er in seiner wallenden Phantasie, auf diese bequeme Art ein paar der berühmten Wintze-Krebse zu fangen und Mutter in die Küche liefern zu können.

Alle drei achteten nicht auf die Nahende. Und Helene war das ganz recht. Denn der Hauslehrer mit seinen wasserblauen Schmachtaugen langweilte sie immer; außerdem konnte sie ihn nicht leiden, weil er immer ja sagte, auch wenn ihm der Widerspruch auf der sommersprossigen Stirn geschrieben stand. Und die Jungens — die Jungens waren eben dumme Gören mit hundert unnützen Fragen, dazu mit unfehlbar schmutzigen Pfoten, die überall hinklatschten, wo sie nichts zu suchen hatten.

Aber das war es nicht allein. Die Equipage, die vor dem Kruge hielt und augenscheinlich auch auf die Post wartete, beschäftigte ihre Gedanken. Sie hatte die Rackower Schimmel sofort erkannt und den dicken Jochen, den zweiten Herrschaftskutscher. Es war überhaupt zweite Garnitur, Wagen, Pferde und Kutscher. Wen ließen die Rackower nur abholen? Sie hatten ja nichts davon erzählt, daß sie einen Gast erwarteten. Aber sie hatten freilich fast immer Gäste im Haus. Ob es jemand von den Leibern aus Frankfurt a. O. war? Einer von den jagdlustigen Herren vom Leibregiment, der noch ein paar Rebhühner knallen wollte? Oder ein Ulan aus Züllichau? Oder kam nur Onkel Artenau aus Stellberg, um der Marquise seine neueste Pracht- und Prunkstickerei vorzuführen? Pfui Spinne ... solch ein Mann, der sich Königlich Preußischer Major schimpfen ließ, und den halben Tag am Stickrahmen saß wie eine alte Jungfer.

Mit einem Male hatte Junker Thede doch die Tante erspäht. Er schmiß die Bohnenstange ins Wasser, daß es hoch aufspritzte, schwang seine kurzen Beinchen mit einem Wuppdich über die Brüstung, stieß ein Indianergeheul aus, kam im Galopp angejagt und — richtig — da wollten auch schon seine Pfoten mit den Farbenklexen von Tinte, Flußmoder und Tuschkastenresten an ihren Rock aus geblümter Indienne. „Tante Lene, Tante Lene, weißt du schon das Allerneueste?“

„Finger weg, Thede! Himmel, wie der Junge wieder aussieht!?“ Und da gerade Doktor Hemming sich umschaute, den Strohhut, den er immer bis in den November hinein trug, lüftete und anstatt auf den harmlosen Horizont zu ihr himmelte, mochte der auch gleich sein Teil abbekommen. „Nein, wie Sie den Bengel mit solchen Händen herumlaufen lassen können?! Unsere Ferkelchen sind ja reinlicher als er.“ Und dann kam doch die Neugier ihrer jungen Jahre: „Das Allerneueste? Na, das wird wieder mal was Feines sein?“

„Ein Russe kommt nach Rackow. Ein wirklicher, leibhaftiger Russe.“

„Woher hast du denn dein großes Wissen, Thede?“

„Na ... von dem Rackower Jochen ... natürlich.“

Inzwischen hatte auch der Hans sich von der Brückenmauer herabbequemt. Im Vollgefühl seiner höheren Weisheit höhnte er: „Ja — und Thede stellt sich den Russen mit einer Bärenfellmütze und einem so langen Bart vor. So wie er in der Fibel abgemalt ist.“

„Der Russe lebt in Eis und Schnee,

Säuft vielen Schnaps und noch mehr Tee,“

gab der Hauslehrer einen Fibelvers eigener Erfindung zum besten und wartete, ob sein Witzchen nicht ein Lächeln auf dem schönen Mädchengesicht heraufzaubern würde.

Aber er wartete vergeblich. „Ach Unsinn —“ meinte Helene nur und schlenderte langsam über die Brücke auf die Chaussee. Ach Unsinn — sagte sie, und doch beschäftigte sie der Russe gewaltig. Ein Russe, ein leibhaftiger Moskowiter! Wo den die Rackower nur aufgegabelt hatten? Und warum die heut nachmittag nichts von ihm erzählt hatten? Gewiß, weil er wieder einmal eine Überraschung für den ganzen Kreis sein sollte. Sicher irgendein Großfürst oder einer der millionenschweren Bojaren. Oder mindestens ein Diplomat. Aber dann hätten sie doch nicht die zweite Garnitur, Pferde, Wagen und Jochen, zum Abholen geschickt ...

Da kam sie aber wirklich, die Post.

Auf dem Stellberger Berge, wo sich die Chaussee in den Wald verlor, wirbelte eine kleine Staubwolke auf, wälzte sich näher und näher den Hang hinunter. Bald wurden dahinter, in kleinen Abständen, noch zwei Wölkchen sichtbar — die Beichaisen. Der Verkehr von Frankfurt a. O. nach Posen mußte lebhaft sein, jetzt im Frühherbst.

Nun unterschied man schon Wagen und Pferde. Und als die Hauptpost draußen an der Schneidemühle vorüberrollte, setzte der Postillion sein Horn an die Lippen. Es klang deutlich, getragen und langsam, herüber:

„Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt’ ich auf mein Grab,

Da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab ...“

Der Hauslehrer stand wieder neben Helene. Er fühlte das unwiderstehliche Bedürfnis, geistreich und sinnig zu sein: „Wie lange noch, und wir hören den guten Schwager zum letzten Male. Wenn der Herr Baron erst die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen bauen wird, verödet die Chaussee, und dann heißt es auch für Rohlbeck, was der Dichter Scherenberg klagt:

Mit Totenschnelle geht es fort,

Kein Schwager knallt hinein,

Kein Wegesgruß, kein schelmisch Wort,

Kein Posthorn weckt den müden Ort

Und klingt zum Träumen ein.

O Eisenbahn, was bist du kommen,

Hast unser Posthorn uns genommen!“

„Ich denke, Sie wollen ein Mann des Fortschritts sein, Herr Doktor?“ warf Helene schnippisch ein.

„Am rechten Ort, gnädiges Fräulein. Immer am rechten Ort. Aber die Poesie darf darüber nicht verkümmern. Hören Sie doch nur: ‚Ach Reitersmann, ach Reitersmann, laß doch die Lilien stehn. Sie soll ja mein fein’s Liebchen noch einmal sehn ...‘ Ist das nicht schön? ... ‚Dann begraben mich die Leute ums Morgen ... rot ...‘“

„Schade nur, Herr Doktor, daß der Postillion so schauderhaft falsch bläst —“ meinte sie spitz und ärgerte sich, daß sie es sagte. Denn eigentlich hatte der Postillion gar nicht falsch geblasen, und sie selber lauschte solchem Volkslied über alle Welt gern. Und sie dachte daran, wie sie bisweilen in dem stillen Abendfrieden ins Feld hinausgewandert war, ganz allein, sich auf einen Grenzstein gesetzt hatte, den Kopf in beide Hände vergraben, um dem Klang des Posthorns zu lauschen, der ihr immer wie ein Gruß aus weiter, weiter Welt erschien.

Doch da hielt schon die Hauptpost dicht an der Brücke.

Die beiden Junker stürmten mit Geheul voran; teils, um die lederne Posttasche aufzufangen, die der Schwager im kunstvollen Bogen vom hohen Bock herabschleuderte; teils, um den erwarteten „Moskowiter“ mit eigenen Augen zu schauen.

Recht enttäuscht waren sie. Denn der Herr, der ausstieg, hatte gar nichts Besonderes an sich. In ihren Augen zumal.

Es war ein schlanker, junger Mann in grauem Reiseanzug, der lange Rock eng in der Taille, die Pantalons sehr weit. Das brünette Gesicht bildhübsch, etwas scharf und ganz glatt rasiert. Auf dem braunen Haar trug er einen gewaltigen Kalabreser, und um seinen hohen Kragen war kunstvoll eine bunte Krawatte geschlungen, in der ein großer Brillant funkelte.

Als er ausgestiegen war und die kleine Gruppe — Helene, Doktor Hemming und die beiden Junker — sah, stutzte er und zog den Hut. Aber Helene fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß, ärgerte sich wieder und machte kehrt. So mochte der Fremde merken, daß die junge Dame ihn nicht erwartete. Und da kam auch schon Jochen, meldete sich, wies auf seinen Wagen und half den Koffer aus dem hinteren Verschlag der Post herausheben. Es mußte sehr schnell gehen, denn der Kutscher der ersten Beichaise drängte und drohte weiterzufahren.

„Habt ihr die Posttasche?“ fragte Hemming. „Nun denn — marsch! Großvater wartet.“ Und er ging den Jungens, die um ihr Leben gern sich den Koffer des Fremden noch näher angesehen hätten, voraus, um Helene einzuholen. Aber sie hatte sich beeilt, und er wollte nicht auffällig hasten. So kam er erst dicht vor dem herrschaftlichen Tor wieder an ihre Seite, und im gleichen Augenblick überholte sie auch die Rackower Equipage. Der „Russe“ saß weit zurückgelehnt, in etwas theatralischer Pose, die Beine vorgestreckt, im Fond und lüftete noch einmal mit einer gewissen Grandezza seinen Heckerhut.

Der Doktor grüßte zurück, während Helene den Nacken straffte. Sie sagte sogar: „Warum grüßen Sie denn?“

„Aber ... der Herr ist doch Gast der Rackower Herrschaften. Ich kann doch nicht unhöflich sein.“

„Ich weiß nicht, wie der Mann dazu kommt, mich zu grüßen. Er ist mir doch nicht vorgestellt.“

Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht und unlogisch war. Man nahm es sonst auf dem Lande nicht so genau. Es war aber etwas wie das Gefühl in ihr: du mußt dich wehren! Ohne daß sie recht wußte, weshalb und wogegen. Sie war jäh aus dem Gleichgewicht geworfen. Am liebsten hätte sie sich mit Herrn Hemming gezankt, nur um eine Ablenkung zu finden. Sie spitzte schon das Mäulchen, um ihm irgendeine Sottise zu sagen. Doch dann besann sie sich: es lohnte nicht. Es blieb immer einseitig, das Streiten mit diesem weichen Menschen, diesem Ja- und Amensager, dieser Qualle, die auswich, sobald man fest zugriff.

So faßte sie lieber die Jungens, die herangekommen waren, an den Achseln, Hans rechts, Thede links, und jagte mit ihnen den Weg entlang, daß die Posttasche am langen Lederriemen sich wie eine Sturmfahne um ihre Köpfe schwang. Jagte die Verandatreppe hinauf, durch den dunklen Flur in die große Stube, warf die Tasche auf den Tisch: „Da habt ihr sie —“

Mutter saß noch immer an ihrem Traumfenster, schrak aber auf: „Kind, Helene, wie kann man so laut sein. So laut und so wild.“ Vater stand am Ofen, kramte in der Tasche nach dem Brillenfutteral: „Steck’ die Lampe an, Lene.“

Wie alle Abend, wenn die Dämmerung heranschlich. Und wie alle Abend stand nun schon die große, hohe Moderateurlampe mitten auf dem Tisch, auf dem runden, abgeschabten Fleck der braunen Plüschdecke. Wie alle Abend pumpte Helene das Öl auf, horchte auf das leise „Gluck-Gluck-Gluck“, nahm Glocke und Zylinder ab, strich mit ihren hastenden Händen ein Vierteldutzend Schwefelhölzer vergeblich auf dem scharfgeritzten Deckel des Porzellanbehälters an, bis endlich eins zündete.

Mit einem Male war plötzlich in ihr alle Aufregung erloschen. Gluck-Gluck-Gluck machte das Öl in der Lampe, und ihr klang’s wie: alle Abend — alle Abend — alle Abend ...

Nun leuchtete die Lampe auf, warf ihren milden Lichtkreis gerade über den runden Tisch, indes das übrige Zimmer in der Dämmerung blieb. Vater holte vom Schreibtisch den kleinen Schlüssel, schloß die Posttasche auf, wie alle Abend. Und wie alle Abend sammelte sich um den Tisch für das große Ereignis das ganze Haus. Mutter kam von ihrem Traumplatz, Martha kam; der Hauslehrer war plötzlich da, und die Jungens boxten und knufften sich schweigend am Ofen. Wie alle Abend. Vater faßte tief in die Tasche hinein, legte den kleinen Pack Briefe und Zeitungen sorgsam vor sich hin, setzte umständlich die Brille auf und begann zu sortieren.

„Da, Herr Doktor —“ Das war auch derselbe Ton und dieselbe Bewegung an jedem Abend, ein widerwilliger Ton und ein verächtliches Schnippsen der Finger, die dem Hauslehrer seine Zeitung hinüberschnellten. Die Volkszeitung! Jeden Abend aufs neue empörte sich der alte Herr darüber, daß in seinem Hause dies verfl— Demokratenblatt gehalten werden durfte.

„Da, liebe Martha ... von Wilhelm ...“

Ein paar Briefe, die schon äußerlich einen geschäftlichen Charakter zeigten, den blauen Firmenstempel etwa von Moses Conitzer in Stellberg, schob er zur Seite. Dann endlich setzte er sich und faltete fast feierlich die Kreuzzeitung auseinander. Und regelmäßig sagte dabei Mutter aus ihrem hochlehnigen Ohrenstuhl heraus: „Hackentin, mir die Familiennachrichten.“

Eigentlich gab er nur sehr ungern ein Stück Zeitung ab, ehe er sie selber, langsam und gewissenhaft, von Anfang bis zu Ende studiert hatte. Wenn sie keine Beilage brachte, knurrte er wohl auch ein langgezogenes ‚Neee ... nachher ...‘ oder er lachte: ‚Erfährst schon noch früh genug, wer wieder mal in die Mariage geraten ist oder wer’n Kind gekriegt hat.‘ Heut gab es eine Beilage: „Da ... Elisabeth ...“

Und dann wurde es still im Bannkreis der Lampe, an der Runde des großen Tisches.

Der Rittmeister und Hemming entfalteten ihre Zeitungen; Martha las, Zeile für Zeile, den Brief ihres Mannes; die alte Gnädige vertiefte sich in die Familiennachrichten; die beiden Jungens wußten, daß sie das Maul und die streitbaren Hände stille zu halten hatten, holten ihre Lieblingsschmöker, Hans einen Band der Beckerschen Weltgeschichte, Thede sein „Gumal und Lina“, und steckten die Nasen hinein.

Ganz stille war’s, bis auf das Knistern des Papiers.

Der Stuhl zwischen Martha und Mutter blieb leer — Helenens Stuhl. Sie stickte sonst um diese Stunde oder häkelte Frivolitäten. Heut mochte sie’s nicht. Auf leisen Sohlen schlich sie ins dunkle Nebenzimmer, setzte sich an den geöffneten Flügel und träumte vor sich hin.

Manchmal glitt ihre Linke über die Klaviatur, ohne daß sie eine Taste niederdrückte ... manchmal zitterte wohl auch ein ganz leiser Klang aus den Saiten, ein Hauch nur.

Von links her kam dann und wann ein gedämpftes Tellerklirren. Auguste deckte im Saal den Abendtisch. Und mitten in ihre Träumerei hinein dachte Helene: ‚Was es wohl geben wird? Speckbratkartoffeln natürlich und saure Milch ...‘

Langsam kroch drüben über den Wiesen der Mond hinauf. Jetzt legte sich ein Streif blauweißes Licht über das Fensterbrett, nun zog er schon bis zum Flügelende hin.

Einmal sagte Mutter: „Da zeigt Graf Schulenburg von den Alexandern seine Verlobung an ... mit der Witwe seines Bruders ... Meta, geborene Freiin von Eckardstein. Er lag mal ein Manöver hier. Eckardstein ... Eckardstein? Das ist ganz junger Adel ... nicht wahr, Karl?“

„Natürlich, Elisabeth ... das heißt, vom Alten Fritz her, glaub ich, oder so ... Aber nun laßt mich zufrieden mit Hinz und Kunz. Da soll man noch Sinn dafür haben ... schlechte Zeiten ... Schandzeiten ...“

‚Was er wohl antworten wird?‘ dachte Helene. ‚Ja bei den Zeiten. Was, Herr Doktor, bewegte Zeiten ... sagen ... selbstverständlich. Die Qualle hat grad noch den Mut, sich ihre liberale Zeitung zu halten. Weiter langt’s nicht.‘

Richtig ...

„Jawohl, Herr Rittmeister, bewegte Zeiten.“

Schandzeiten, sag’ ich Ihnen, Doktor. Da haben wir’s: in der Schlußsitzung des Abgeordnetenhauses der Militäretat abgelehnt — das heißt, grad noch zehn Abgeordnete haben dafür gestimmt!“

Helene interessierte die Politik gar nicht. Langweilte sie geradezu. Knapp, daß sie wußte, wie nun schon zwei Jahre oder darüber der Streit um die Armee zwischen Landtag und König sich hinzog, daß sich der Konflikt immer schärfer und schärfer zuspitzte. Merkwürdig, wie sich die Männer über solche Dinge ereifern konnten. Vater nun gar. Manchmal bebte seine gute alte Stimme förmlich vor Erregung, wenn er von den verfl— Demokraten sprach, die alles besser wissen wollten.

„So ... so ... das sind doch noch brave Leute. Vorgestern war eine Deputation aus dem Kreise Bromberg beim König auf Schloß Babelsberg, um Majestät ihre Ergebenheit und die Stimmung des Kreises zugunsten der Militär-Reorganisation auszusprechen. Der Treskow auf Grocholin ... übrigens ein Treskow ohne c ... hm ..., der Pfarrer Ehrlich auf Groß-Murzyno, der Lehrer Stieff aus Raczkowerdorf ... Also auch mal ’n Lehrer ... merkwürdig ...“

Das war wieder eine Spitze. Aber die Qualle regte sich nicht.

Es wurde wieder ganz stille.

Plötzlich fragte Vater: „Na, Doktor, was meint denn Ihr Blättchen? Das heißt — eigentlich gelüstet es mich nicht nach der Weisheit.“

„Es ist wohl noch alles unentschieden, Herr Rittmeister.“ Wie das Gluck ... Gluck in der Lampe kam es heraus. „Das Ministerium wird wohl gehen müssen.“

„So ... meinen Sie? Auf das Ministerium kommt’s übrigens spottwenig an. Das heißt: in Preußen muß der König regieren. Punktum.“

Wieder las Vater. Die Zeitung knisterte und knisterte.

Einmal sprach Martha mit ihrer sanften Stimme: „Wilhelm kommt am Sonntag.“ Es klang so viel Glück aus dem Wort und frohe Erwartung. Aber es achtete niemand darauf, nur gerade daß die Jungens aufschauten. In deren Augen war ja doch die Neugier: was bringt Papa uns mit?

Mit einem Male schlug Vater mit der flachen Hand auf das Papier. Und seine Stimme bebte wieder. „Da haben wir’s. Hört mal. Hier, ganz versteckt, steht es: ‚Der bisherige Gesandte am französischen Hofe, Herr von Bismarck-Schönhausen, ist gestern abend von des Königs Majestät zum Staatsminister und interimistischen Vorsitzenden des Staatsministeriums ernannt worden.‘ Das heißt also: Da haben wir den Mann des königlichen Vertrauens. Bismarck-Schönhausen ... Bismarck-Schönhausen ... war der nicht Gesandter in Petersburg, Elisabeth?“

„Ja, ich glaube ... warte einmal ... er hat eine Puttkamer zur Frau ... ich entsinne mich ... von den pommerschen Puttkamers ... Viertlum oder so hieß das Gut.“

„So ... so! Was du nicht immer alles weißt.“

Vater war ganz aufgeregt. Als sich Helene umwandte, sah sie, daß er aufgestanden war und schneller als sonst seinen Lieblingsgang auf dem Läufer in der Diagonale des Zimmers machte. Alle Augenblicke erschien seine Silhouette vor dem hellen Türrahmen. Die Zeitung flatterte in seiner Hand, und er sprach in abgerissenen Worten, halb für sich, halb für die anderen: „Bismarck ... Bismarck-Schönhausen. Das muß der Bismarck sein, der Anno achtundvierzig den Demokraten ordentlich die Wahrheit gezeigt hat. Das heißt: im Vereinigten Landtag ... damals. So ... und ’n Puttkamer aus Viertlum. Hm ... das heißt: eigentlich mag ich diese Herrschaften da nicht, die Blankenburgs und Theddens, die mit dem lieben Gott immer ’n Privatabkommen haben wollen, fast wie Tante Marianne ... ja ... aber wackere, feste Leute sind’s schon, loyal bis in die Knochen, als ob’s Märker wären, die Pommern. Ja ... und was sagen Sie nun eigentlich dazu, Doktor?“

Ganz leise stand Helene auf. Das mußte sie sehen, was die Qualle für ein Gesicht machen würde.

Aber sie kam nicht auf ihre Rechnung. Der Hauslehrer schien aus allen Wolken gefallen. Er sah aus seiner Zeitung hoch, mit himmelnden Augen:

„Verzeihung, Herr Rittmeister, ich habe hier gerade eine Rezension gelesen ... über ein paar neue Stücke im Wallnertheater. ‚Verplefft‘ von Herrn von Moser ... es soll sehr amüsant gewesen sein.“

„Herr von Moser?“ sagte Mama sofort dazwischen. „Das ist auch ein früherer Offizier. Bei den Gardeschützen stand er, den Neuchatellern. Wer jetzt nicht alles schreibt?“

Vater sah erst den Doktor, dann Mutter an, schüttelte den Kopf und lachte. Lachte, daß die Stube dröhnte.

„Na, wenn’s wahr ist und Sie haben gar nicht zugehört, Herr Doktor ... dann ist’s schon ’ne kuriose Geschichte. Wozu halten Sie sich denn justement das Blatt? Das heißt: wenn Sie so wenig Interesse für die Politik haben? Kreuzdonnerwetter ...“

Da ging zum Glück die Tür zum Saal. Auguste kam herein, gluckste: „Es ist angerichtet.“ Ein Duft nach gebratenem Speck umwehte sie. Natürlich ... es gab wieder Speckbratkartoffeln und saure Milch ... wie an jedem Abend. Saure Milch mit Torf, dachte Helene und sah schon im Geiste die Schüssel vor sich, mit dem geriebenen Schwarzbrot, das sie „Torf“ nannten, schüttelte sich und hatte den Herrn von Bismarck-Schönhausen vergessen samt der ganzen Politik.

Zweites Kapitel

In Stellberg war Herbstmarkt.

Es war eigentlich nicht viel los. Nur die Pferdejuden hatten zu tun. Mancher Bauer schlug jetzt billig einen Gaul los, den er zur Winterbestellung nicht mehr zu brauchen meinte und nicht bis zum Frühjahr durchfuttern wollte. Vor dem „König von Preußen“ trottelte alle Augenblick eine Schindmähre, am Halfter geführt, in mehr oder minder widerwilligem Trab vorbei, und Moritz Cohn aus Ziebingen, Hartwig Kantorowicz aus Meseritz, Ephraim Hentschel aus Zielenzig standen in ihren langen, dunklen Kaftanen, den hohen, glänzend gewichsten Stiefeln, unter der Mütze die Löckchen über die Schläfen fallend, dabei und machten die Gäule herunter. Bis dann der eine oder der andere doch den Bauer in die Schankstube winkte.

Auf dem Marktplatz waren in zwei Reihen die Buden aufgeschlagen, Zelt- und Bretterwerk. Kleinkram lag darin, Schnittwaren, Hausgerät, allerlei Tand. Von den Stangen wehten die bunten Taschentücher, die der Bauer liebt, mit schönen Bildern darauf: das Königspaar, die Krönung, auch noch die Völkerschlacht bei Leipzig. Dicke wollene, blaue und rote Unterröcke baumelten daneben und weiße Schürzen. In der einen Bude gab’s Peitschen aller Art und Regenschirme, in der nächsten lockten die neuesten Bilderbogen von Gustav Kühn aus Neu-Ruppin. Die schönste Bude aber hatte Tante Hufnagel, die dicke Konditorsfrau. Sie hatte auch den meisten Zulauf. Mit ihren zwei Mamsellen stand sie hinter dem langen Tisch, und sie lächelten alle drei so süß, wie ihre Ware war: Berge von Streuselkuchen und Brezeln, Düten mit Bonbons, vor allem jedoch Stöße von Pfefferkuchen; die „Mehlweißchen“ von Tante Hufnagel waren berühmt bis über Frankfurt hinaus, und auf den Lebkuchenkerzen hatte keine Konkurrenz so schöne Verslein wie sie.

Das große, immer umlagerte Konditorzelt stand gerade gegenüber der Apotheke „Zum Mohren“.

Auch in der Apotheke gab’s heute mächtig viel Arbeit. Die Gelegenheit des Marktes mußte benutzt werden, allerlei Bedarf an Medizin für Mensch und Vieh einzukaufen. Außerdem war der humpelnde Provisor ein halber oder drei Viertel Doktor, nur daß er seine Verordnungen ohne Rezept und umsonst lieferte, sogar mit einem derben Witzlein dazu. Auch gab es in der Apotheke manche schöne Dinge, die nicht zur Heilkunst gehörten, aber in hohem Ansehen standen: allerlei Wohlriechendes, Lederzucker, buntschillernde süße Magenmorsaille mit merkwürdig viel Gewürzen, und vor allem einen Apothekerschnaps, bitter wie Galle, scharf wie Schwefelsäure und wärmend wie ein gutgeheizter Kachelofen — einen herrlichen Apothekerschnaps, der „Doktor“ hieß, aber ein Dutzend Doktoren wert war und doch nur einen Silbergroschen kostete.

Der Provisor Dingeldey hatte an solchen großen Tagen alle Hände voll zu tun. Denn sein Chef, Herr Herr, war durch andere Obliegenheiten vollauf in Anspruch genommen. Höchstens, daß er mal ein eiliges Rezept zusammenbrauen half, was selten genug vorkam, denn an Markttagen verschrieb Doktor Tiburtius wenig oder gar nichts. Da saß der auch an dem großen braunen Tisch im Nebenzimmer der Offizin und trank seinen gezehrten Oberungar, den er für das bekömmlichste Getränk der Welt erklärte. Er trank ihn — und nicht zu knapp. Wie eine ungeheure Koralle stand ihm die Nase im Gesicht, und zweimal im Jahr hatte er das Zipperlein. Das merkten jedesmal seine Patienten im ganzen Kreise am eignen Leibe: denn in diesen schlimmen Perioden verordnete er fast ausschließlich Rizinusöl, abwechselnd mit Kurella. Über Land fahren, zu seinen Kranken, konnte er freilich nicht, wenn er die Füße in den dicksten Strümpfen immer am Ofen halten mußte. So beschränkte er sich darauf, die Mägen auszufegen, wie er es nannte. Und gerade in diesen Zeiten, hieß es, machte er die glänzendsten Kuren. Wenn er dann wieder gesund war, half er mit Grobheit nach. Er konnte furchtbar grob sein, der Doktor Tiburtius. Bei den Bauern hielt er’s für geradezu unentbehrlich; auf den Gutshöfen war er nur wenig höflicher.

Herr Apotheker Herr persönlich widmete sich an den Markttagen fast ausschließlich den Gästen im Nebenzimmer der Offizin. Er wäre sehr entrüstet gewesen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er unterhielte da eine Weinstube. Empört wäre er gewesen, wenn jemand geäußert hätte, er bediente seine Gäste. Die Tatsache stand trotzdem fest, daß man im braunen Zimmer Getränke erhielt, die nicht aus der lateinischen Küche stammten. Man mußte freilich zu den Honoratioren zählen, man durfte auch nicht bezahlen. Aber die Eingeweihten wußten, daß jede Flasche unweigerlich einen Taler kostete, nur der Champagner — Grüneberger Landkarte war’s von Foerster & Grempler und trug auf der Etikette einen Plan der gesegneten Gemarkung — nur die Pulle Champagner kostete zwei Taler. Den Obolus legte man beim Abschied schweigend auf den Tabakskasten am Fenster; vergaß es einmal ein Gast, so kam’s auf die Jahresrechnung der Apotheke. Im übrigen wurde Herr Herr durchaus als Herr behandelt. Er saß mitten unter seinen Gästen, wenn er nicht gerade unterwegs war nach dem Keller, und wenn er besonders gut aufgelegt war, so pfiff er ihnen etwas vor. In der ganzen Provinz Brandenburg einschließlich Berlin pfiff anerkanntermaßen niemand so künstlerisch schön als Herr Herr.

Es war noch früh am Tage, gegen elf Uhr, und die Tafelrunde noch klein. Obenan saß der Doktor Tiburtius vor seinem Oberungar. Neben ihm links der Kreisrichter, Fritz von Hackentin und der Herr des Hauses bei einer Flasche Pontac; ihnen gegenüber Major a. D. von Artenau, ein Hüne von Gestalt mit einem riesigen Schnauzbart und buschigen grauen Brauen über den vom ewigen Sticken entzündeten Augen. Er hatte noch um kein Getränk gebeten, wartete vielmehr auf einen Partner für eine „Landkarte“ oder noch lieber für ein kleines Böwlchen; denn abgesehen von seiner grandiosen Stickkunst war er auch der anerkannte Meister im Bowlenbrauen.

Das Gespräch ging langsam. Der Doktor schimpfte auf den Schäfer Knorr in Lobitten, der wieder einmal gegen Gesetz und Kleiderordnung einem alten Weibe das ausgefallene Schultergelenk eingerenkt hätte, und auf die Themis mit den verbundenen Augen, die die allerdummsten und allertollsten Kurpfuschereien dulde, wobei der Kreisrichter einen bitterbösen Seitenblick abbekam.

Fritz Hackentin hörte sich das lächelnd an. Er hielt die schlanke rechte Hand um sein Glas gelegt, drehte es langsam hin und her, hatte sein gewöhnliches ironisches Zwinkern um die klugen grauen Augen und empfand ein kleines Vergnügen darüber, wie der Doktor sich mehr und mehr in die Wut hineinsteigerte. Und erst als der schließlich mit einem „Himmelkreuzdonnerwetter, wozu hat unsereiner denn eigentlich studiert!“ schloß, fragte er trocken: „Ja, hat Meister Knorr denn das Gelenk wirklich wieder in Ordnung gebracht?“

„Was geht denn in drei Deibels Namen mich das an? Ob die olle Gillerten ein Krüppel bleibt oder nicht! Verdient hätte sie’s schon. Was, Herr Herr, hab’ ich recht?“

„Hat der Schäfer Geld für die Kur genommen?“

„Den Geier wird er getan haben. Dazu sind die Kanaille viel zu schlau. Das wird gelegentlich auf andere Weise abgemacht. Heimlich und heimtückisch.“

„Ja, lieber Doktor, wenn der Mann sich nicht hat bezahlen lassen, dann kann die Justiz auch nichts machen.“

„Das ist eben der Skandal. Aber ich faß den Knorr schon noch. Der Kerl muß sitzen! Der Kerl muß ...“

Weiter kam er nicht. Denn Artenau hatte den Hals gereckt, rief dazwischen: „Da kommt der Conte aus Sodelzig ...“ und sie sahen alle auf.

Das Gespann des Grafen Grucker war auch sehenswert. Vor dem Wagen zwei edle Pferde, wie immer naß und mit Schaumflocken übersät, denn der alte Graf fuhr wie ein Toller; das Geschirr arg desolat, hier und dort mit Stricken und Bindfaden geflickt; der Wagen selber aber, die im ganzen Kreise berühmte „Wurst“, bestand aus nicht viel mehr als aus einem langen gepolsterten Brett, das über die Achsen gelegt war. Im Reitsitz saß der Graf darauf, und ganz hinten hockte in einer Art Korb der Kutscher.

Man hörte schon von der Straße aus die dröhnende Stimme: „Meine Hochachtung! Daß du mir die Schinder ordentlich abreibst!“

Dann klang’s aus der Offizin: „Meine Hochachtung! Na, Herr Provisor, erst mal’n Doktor. Aberst gut vermengeliert. So, danke —“

Dann flog die Tür auf, und der untersetzte starke Mann krachte ins Zimmer: „Meine Hochachtung! Da wär’n wer ja. ’n Tag allinsgesamt. Artenau, ich seh’s dir an deiner schönen Nasenspitze an, du hast auf mich gewartet. Also mansch uns man ’n Röhrenwasser. Puh —“ und er setzte sich auf einen Stuhl, daß es krachte, reichte jedem über den Tisch die Rechte hin und drückte die verschiedenen Hände, bis die Besitzer „au“ sagten. Mit der Linken aber krabbelte er aus der Joppentasche ein halbes Dutzend Zigarren heraus, lang, dick und schwarz wie die Nacht, legte sie vor sich auf den Tisch, zündete sich die erste an und meinte, „Kindersch, ich muß euch ’ne Geschichte erzählen.“

„Nämlich, wie ich zum Frühjahrsmarkt hier nach Stellberg fahre, sagt die Gräfin: ‚Otto,‘ sagt sie, ‚du mußt so gut sein und die Mamsell mitnehmen.‘ ‚Wozu denn?‘ frag ich. ‚Sie muß Geschirr für die Leutküche kaufen.‘ Also Mamsell wird auf die Wurst gepackt, hinten auf ’n Kutschersitz, und der Karl muß hinter mir reiten. Man soll ja nun mal den Weibern nichts abschlagen. Alles geht auch ganz gut, bloß daß der Artenau da ’ne recht längliche Bowle gebraut hatte und wir längelicht hier sitzen blieben. Um dreie läßt die Mamsell gehorsamst fragen, ob der Herr Graf nicht bald abführe, und um viere läßt sie wieder fragen. Da kann doch der geduldigste Mensch ein Wüterich werden. Aber ich bin ganz stille, und Abend gegen neune fahren wir wirklich los. Wie der Hausknecht vom ‚König von Preußen‘ am Wagen leuchtet, seh ich die Mamsell mit ’nem großen Korbe auf dem jungfräulichen Schoß und mit großen, dicken Tränen auf den Backen. Pimperlings rennen die runter. Ich kann alles, aber heulen kann ich nicht sehen. Warum heult das Frauenzimmer: bloß weil sie ’n paar Stündeken hat warten müssen. Als ob ich im Leben nicht schon manchmal viel länger hätt warten müssen, wenn par exemple zum Beispiel die Gräfin nicht mit der Toilette fertig wurde. Na also, ich denke: das Heulen mußt du der Mamsell abgewöhnen. Fahr also drauflos, gleich furioso über das Pflaster, und das Frauenzimmer schreit, als ob es am Spieße steckt. Dann das Stück Chaussee und dann ... na, ihr kennt ja den Waldweg über Ebersvorwerk, schön ist er nicht. Und die Mamsell schreit und schreit. Laß sie man schreien, denk ich, sie sitzt ja dahinten wie in Abrahams Schoß. Sie wird schon stille werden. Wird sie auch, so etwa von Doberow an. Mal dreh ich mich um. ‚Mamsellken‘, ruf ich. Keine Antwort. ‚Karl, ist denn Mamsell noch da?‘ ‚Jawohl, Herr Jraf.‘ Na also. Ich fahr also wieder zu, nicht schlecht, die Füchse hatten lange gestanden. Da sind wir denn endlich. Ich steig ab, die Mamsell steigt ab. Nicht ’ne Träne mehr, aber ’n Gesicht, wie siebzehn Tage Regenwetter. Kein Ton. Aber wie ich frag: ‚Na, Mamsellken?‘ da reißt sie ’s Tuch vom Korb und weist so mit der Hand darauf hin, als wie wenn sie sagen möchte: Da hast du die Bescherung! ’s waren nämlich man bloß noch Scherben drin, blaue, braune, graue und weiße, keiner größer wie ’n Dalerstück. Und wie ich lache: ‚Mamsellken, lassen Sie das man nich die Frau Gräfin sehen, daß Sie so schlecht verpackt haben‘, da schmeißt sie mir den ganzen Zauber vor die Beine: ‚Un zu Johanni zieh ick, Herr Jraf!‘“

Er lachte, daß die Wände dröhnten, und alle lachten mit, so ansteckend war dies tiefe Lachen aus voller Brust. Man mußte immer mit ihm lachen, wenn auch seine Geschichten selten eine richtige Pointe hatten. Er lachte selber, bis er nicht mehr konnte. Dann zog er ein rotseidenes Taschentuch, so groß, daß man damit den halben Tisch hätte zudecken können, und wischte sich die Augen aus. „Na, Artenau, du alter Stickereimajor, biste fertig? Laß mal schmecken. Heut wird aber nich so lange gepichelt. Ich wollte eigentlich nur den Rittmeister sprechen. Kommt Vater nicht, Fritze?“

„Ich denk doch, Onkel Grucker. Wilhelm ist in Rohlbeck und wollte mit Papa kommen.“

„So, der Wilhelm. Na, der wird uns wohl die Eisenbahn in der Tasche mitbringen. Ich pfeife übrigens auf die Eisenbahn, mir ist meine Wurscht lieber.“

„Ich pfeife auch auf die Eisenbahn“, warf Doktor Tiburtius dazwischen. „Stellberg kriegt ja doch keinen Bahnhof, und dann sitzen wir ganz in der Bredouille. Das bißchen Verkehr, was wir hier haben, geht auch noch in die Wicken. Die Chaussee ja: die war gut. Aber die Eisenbahn? Das ist man dummes Zeug. Ist gar kein Bedarf dazu da. Zwischen Berlin und Hamburg, oder zwischen Berlin und Leipzig und so, das laß ich mir gefallen. Aber bei uns? Na, Ihrem Bruder Wilhelm mag sie schon helfen, Herr von Hackentin, uns hilft sie sicher nichts — die Eisenbahn!“

Der Kreisrichter hatte wieder sein überlegenes ironisches Lächeln. „Gegen einen Kulturfortschritt soll man sich nie sträuben.“

„Laß uns bloß mit deiner Kultur und dem Fortschritt zufrieden, mein Junge“, rief der Graf. „Wir haben schon genug Kultur, und den sogenannten Fortschritt hab ich noch von achtundvierzig her im Magen. Aber ich will mich nicht ärgern. Und da hätten wir ja übrigens den Rackower ... meine Hochachtung, wen bringt denn der mit?“

Vor der Tür hielt der Rackower Viererzug. Rappen, in glänzender Kondition mit Silbergeschirren; ein elegantes Coupé dahinter.

„Meine Hochachtung, Dicker!“ schrie Grucker dem Eintretenden entgegen.

„Bonjour, messieurs!“ Ernst Hackentin machte eine seriöse Handbewegung „Erlauben Sie ... gestattet, daß ich unseren lieben Gast vorstelle, Herr Alfred Schwarz, Kaiserlich Russischer Hofopernsänger.“

Man rückte zusammen. Unwillkürlich schob man sich immer zusammen, sobald der Rackower an einem Tisch erschien; auch dann, wenn mehr als genügend Raum vorhanden war. Er war wirklich übermenschlich dick, der kleine Mann. Eine Fettkugel war er mit ganz kurzen Beinchen und ganz kurzen Armen; der Kopf darüber glich einer zweiten Kugel; glattrasiert, bartlos, mit einer ungeheuerlichen Glatze, die nur im Nacken ein schmaler, graumelierter Haarkranz abschloß; im faltenlosen Gesicht lag stets ein Zug ungemessenster Sorglosigkeit, schrankenlosen Behagens, und dazu blitzten und blinkerten die kleinen Augen wohlwollend und listig zugleich.

Schwer ließ er sich nieder. In gemessenem Abstand von der Tischkante, die ja nicht, wie an der Rackower Tafel, den im ganzen Kreis bekannten ovalen Ausschnitt trug.

„Hier, mein lieber Schwarz, hier, bitte ...“ Er nannte die Namen. „Mein verehrter Herr Herr, dürfen wir uns bei Ihnen zu einer Flasche Pontac invitieren? Vielleicht ein wenig temperiert, wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht. Wie geht es der verehrten Gräfin, lieber Grucker? Ah ... gut ... freut mich riesig. Danke, Marie ist auch gut zu Wege. Famöses Herbstwetter, nicht wahr? Ich bin sehr froh, daß es unser lieber Gast so gut trifft.“

Der Rackower sprach mit ganz sanftem Tonfall, deutlich akzentuiert, aber leise. Immer, auch bei Nichtigkeiten, als wenn ihm ungeheuer daran läge, zu überzeugen. Grucker nannte seine Art zu reden manchmal den Hofpredigerton. Er sprach auch gern und langatmig, mit ausgesuchter Höflichkeit, in jeder Einzelwendung. Dazwischen mußte seine silberne Schnupftabakdose, mit dem Namenszug in farbigen Steinen auf dem Deckel, die Runde machen, wenn es irgend anging.

Sonst fesselte seine Redegabe meist auch die Widerstrebenden. Er hatte ja immer den Sack voll Neuigkeiten, schon aus den Pariser Zeitungen, die er sich hielt. Aber heut konzentrierte sich das Interesse doch mehr auf seinen Gast als auf ihn. Ein russischer Hofopernsänger? Etwas noch nicht Dagewesenes im Kreise. Erstens schon an sich: ein Sänger. Zweitens: ein Opernsänger. Drittens: ein russischer! Warum den die Rackower eingeladen hatten? Doppelt merkwürdig, weil Marie Hackentin sonst ja immer die Exklusive markierte. Denn auch ein Hofopernsänger blieb doch immerhin ein Komödiant.

Herr Alfred Schwarz saß zwischen den Herren wie ein Mann, der gewohnt ist, das allgemeine Interesse zu erregen. Schweigsam zuerst, aber mit dem Ausdruck artigsten Zuhörens in dem jugendlichen schönen Gesicht. Dann allmählich auftauend, weltgewandt in das allgemeine Gespräch eingreifend, jede Frage mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit beantwortend. Er saß in sehr legerer Haltung, die schlanken Beine übereinander geschlagen, so daß auf dem einen Fuß das Streifchen eines seidenen Strumpfes sichtbar wurde, und drehte sich aus dem Etui, das auf seinem Schoß lag, eine Zigarette nach der anderen.

Grucker, der leidenschaftliche Kettenraucher, schnoperte eine ganze Weile nach dem starken süßen Duft, bis er fragte: „Schmeckt denn das Deubelszeug eigentlich?“

„Wollen Sie nicht einmal selbst versuchen, Herr Graf?“ Die flinken, schlanken Hände hatten sofort eine Papyros gedreht. „Bitte, wollen Sie hier anfeuchten ...“

„Lecken soll ich?“ Alle lachten, denn Grucker machte die Sache mit seiner dicken, schweren Zunge möglichst ungeschickt. Die erste Zigarette zerkrümelte, mit der zweiten ging es besser, und dann schmunzelte der Konte: „Weiß Gott, nicht übel, so zwischen durch. Ein famöser Tabak das muß ihm der Neid lassen.“

„Die Großfürstin Maria Constantinowna hatte die Gnade, mir ein paar Pfund zu senden.“

„Sie waren lange in Petersburg?“ fragte Fritz Hackentin über den Tisch herüber.

„Vier Saisons. Ich kam ein Jahr nach der Beendigung des Krimkrieges an die Newa.“

„Schlimme Tage für Rußland —“

„Bah! Man merkte davon in Petersburg wenig. Der Russe trägt nicht schwer. Das Land mochte erschöpft sein, aber es war doch durch die Lieferungen sehr viel Geld verdient worden, und der Rubel rollte. Wir hatten fast immer das Haus zum Brechen voll.“

Artenau war längst fasziniert von dem auffallend schönen Brillanten, den der Sänger in der Krawatte trug. Schließlich zwang er sich nicht länger, beugte sich weit vor und meinte mit seiner stockenden Stimme: „Sie haben da einen wunderschönen Solitär ...“

„Seine Majestät der Zar ließen mir die Nadel nach einer Vorstellung des „Fra Diavolo“ überreichen. Übrigens —“ er lachte gleichmütig — „nachträglich hab ich erfahren, daß Seine Majestät mir einen weit kostbareren Stein bestimmt hatten. Aber das geht in Rußland nun einmal so: auf dem Wege von Seiner Majestät bis zu mir wurde der Brillant immer kleiner.“

„Schweinebande!“ rief Doktor Tiburtius dazwischen. „An den Galgen sollte die Gesellschaft.“

„Es ist in der Welt nicht anders. Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen.“

„Oho! Oho, Herr Schwarz! Bei uns ist’s doch anders. In Preußen gibt’s noch Richter. Bei uns gilt gleiches Recht für jedermann, und wenn wir auf etwas stolz sein dürfen, dann ist’s die Ehrlichkeit unserer gesamten Beamtenschaft.“

Der Sänger verbeugte sich verbindlich: „Ich bin ja selber preußischer Untertan, wenn auch aus einem entlegenen Winkel des Königreichs.“

„Nämlich, wenn man fragen darf?“

„Ich bin dicht an der französischen Grenze geboren, in einem kleinen Ort nahe Saarbrücken.“

Plötzlich fuhr Graf Grucker in die Höhe: „Die Rohlbecker! Und die Lene ist auch mit. Donnerwetter, da muß ich doch ...“ Er stülpte seine Kappe auf und hastete zur Tür hinaus.

Draußen half Wilhelm Hackentin seinem Vater aus dem Wagen.

Vater und Sohn waren sehr verschieden. Wilhelm überragte den Rittmeister fast um Haupteslänge, und sein Gesicht zeigte nicht die Hackentinschen Züge, sondern die Gruckerschen, mit dem ausgeprägten Kinn, der kühn geschwungenen Nase. Er hieß nicht umsonst der „schöne“ Wilhelm. Und man sah ihm an, er hielt auf sein Äußeres. Während der Vater einen grauen, ausgedienten Flausrock trug, war er sehr elegant und sehr geschmackvoll gekleidet, in einem langen hellen Redingote, unter dem weite, gestreifte Beinkleider mit breiten, schwarzen Galons hervorsahen; und während der Rittmeister Handschuhe grundsätzlich verschmähte, außer beim Kirchgang, deckten seine auffallend kleinen Hände weiche gelbe Lederhandschuhe; der alte Herr trug eine Jagdkappe, abgetragen wie sein Überrock, der Sohn eine seidene schwarze Reisemütze von fast kokettem Schnitt.

„Meine Hochachtung!“ rief der Graf schon auf der obersten Stufe zur Apothekentür, und dann hatte er den Rittmeister umhalst und küßte ihn schallend erst auf die rechte, dann auf die linke Backe. „Tag, Schwager. Tag, Wilhelm!“ Auch der bekam seine Küsse, und dann hob Grucker die Nichte mit seinen mächtigen Armen aus dem Wagen, schwenkte sie einmal im Kreis, daß die Röcke flogen, setzte sie nieder, und gleich hatte auch sie ihr Teil: diesmal aber traf’s nicht die Wangen, sondern die Lippen. Lene hielt übrigens ganz stille. Hätte sich ja auch nicht rühren können, so fest hielt der Onkel. Wollte sich auch nicht rühren: denn Onkel Grucker war eben Onkel Grucker. Und ihr Pate dazu.

Er schnalzte mit der Zunge und lachte: „Meine Hochachtung! Geht man hinein und sorgt, daß mir der Artenau das Röhrenwasser nicht aussauft. Ich muß mit der Lene erst ... na, Puttchen, he? — was müssen wir denn?“

Sie hatte bei ihm schon eingehakt: „... zu Tante Hufnagel gehen ...“

„Na natürlich. Und wenn’s ’n Daler kost’.“

Das war immer so. Wenn der Graf auf den Jahrmärkten einer seiner Nichten habhaft wurde — und manchmal waren’s auch nur Wahlnichten, aber jung und hübsch mußten sie sein —, dann zog er mit ihnen zu Tante Hufnagel. Und gewöhnlich hatten sie dabei einen Kometenschweif hinter sich: die liebe Jugend des Städtchens. Denn die wußte, daß es dem Sodelziger Herrn, so sparsam der sonst war, auf ein paar Hände voll Pfeffernüsse nicht ankam. Manchmal auch nicht auf eine Handvoll blanker Dreier. Gerad wie dem alten Wrangel in Berlin.

„Na, Puttchen, was macht das Herz?“ scherzte er, während sie über die Straße gingen.

„Onkel Grucker, ich hab keins.“

„Meine Hochachtung! ’n Mädel ohne Herz. So was läßt der liebe Gott ja gar nicht zu. Na hör mal, Deern, ... und ich dachte doch, der hübsche Gardeschütze, der dich immer mit so großen Gucklöchern ansah, bei uns, bei dem Manöverdiner ... der Neuchateller ... wie hieß das Luderchen doch ...“

„Merivaux, Onkel Grucker. Das ist aber auch das Einzige, was ich von ihm weiß.“

„Merivaux — so! Der Deixel soll die französischen Namen behalten. Sind aber brave Kerle, die Neuchateller. Haben sich als gute Royalisten gezeigt, als die da unten Revolution machten. Anno sechsundfünfzig und so. Ja — Tag, Tante Hufnagel. Meine Hochachtung!“

Madame Hufnagel knixte ganz tief, die beiden Mamsellen knixten noch tiefer, und alle drei lächelten so süß, wie ihre Waren waren.

„Na, nu greif mal zu, Puttchen.“

Helene Hackentin zierte sich nicht. Wie hätte man sich denn auch vor der Bude von Tante Hufnagel zieren können. Sie stopfte ein paar Pralinees ins Kröpfchen und steckte sich die Taschen voll. Rechts ein Paket Schokoladenpfefferkuchen und links den kleinen Karton mit einem Königsberger Marzipanherz. „Siehst du, Onkel Grucker, nu hab ich ’n Herz!“ Famos übrigens, daß die Pelerine links und rechts ordentliche Taschen hatte.

Brrr — brrr schmiß der Graf eine Handvoll Pfeffernüsse über die blonden, braunen, schwarzen Köpfe hin. Es summte in der Luft wie ein Schrotschuß Und die liebe Jugend jagte hinterher, stolperte, schubste sich, balgte sich, lag auf den Pflastersteinen und jauchzte. Grucker aber hatte gerad noch einen Blondkopf an den langen Zöpfen erwischt. „Bist du nicht eine kleine Tiburtia? Die Nas’ kenn’ ich doch! Sperr’s Maul auf und mach die Augen zu. So ... da ...“ Unbarmherzig schob er einen wahren Riesenkloß Mehlweißchen in den aufgerissenen Schlund und wollte sich totlachen, wie das Unglückswurm zwischen Lachen und Greinen biß und schluckte.

„So, Tante Hufnagel ... Schluß. Was kost’t der Kitt? ’n Daler zwanzig ... hier! Bist fertig, Puttchen? Na, denn woll’n wir mal. ’n Abend ... ’n Abend ...“

Und wieder knixte Madame Hufnagel ganz tief, beide Mamsellen knixten noch tiefer, alle drei lächelten so süß wie Marzipan. Helene hakte wieder ein, aber dann besann sie sich und meinte, ein wenig zögernd: „Nun muß ich zu Tante Artenau ...“

„Meine Hochachtung! Nee aber — was willst du denn da? Etwa zusehen, wie die semmelblonde Julie das Kunststück fertig bringt, ein Hühnerei in der Achselhöhle auszubrüten? Pfui Spinne. Komm du man mit zu uns ordentlichen Leuten.“

Es stand ihr auf dem Gesicht geschrieben: ihr war das auch lieber. Aber sie zögerte noch immer, griff in die linke Manteltasche — gut doch, daß der Mantel so schöne Taschen hatte! — krabbelte sich ein Stückchen Pfefferkuchen heraus und steckte es zwischen die Zähne. Gerad noch so viel Platz blieb, daß sie fragen konnte: „Wer ist denn drin, Onkel Grucker?“

„Wer wird denn drin sein, Mademoiselle Neugier? Artenau und Tiburtius und Fritze, dein Bruder Demokrat ... na, und Ernst mit seinem Moskowiter Sänger.“

Es war gut, daß sie nicht über den Straßendamm konnten. Gerad kam nämlich von der Kirche her ein Haufen Menschen mit einer „Moritat“ in der Mitte, und der Mann mit der Schauleinewand pflanzte sich just vor der Apotheke auf. So etwas mußte Grucker sich immer in der Nähe ansehen und anhören, blieb also stehen, sagte lachend: „Meine Hochachtung ... wunderschön!“ und merkte gar nicht, wie Helene aus eigenem Antrieb den Schritt hemmte und daß sie trotzig den Nacken steifte. Bis der Leierkasten sein Lied abgespielt und der Mann das Epos von dem siebenfachen Mord vorgetragen hatte —

„Und so hat in einer Nacht

Er sieben Christen umgebracht“ —

Währenddessen konnte Helene sich besinnen. Sie knabberte dabei langsam ihren Pfefferkuchen auf. Da wären wir ja beinah’ recht albern gewesen, dachte sie. Warum denn nicht? Was geht mich dieser ... dieser Russe an. Nun gerade! Und als Grucker sein Dittchen auf den Sammelteller geworfen hatte und sich wieder in Bewegung setzte, fragte sie: „Also der Rackower Gast? Was ist denn das für ein Menschenkind?“

„Biste neugierig, Puttchen?“

„Bewahre. Ich frag nur so ...“

„Na also, wenn du nur so fragst: er trägt seidne Strümpfe und ’ne Krawattennadel, die ihm der Kaiser aller Reußen geschenkt haben soll. Sonst ’n ganz manierliches Kerlchen, scheint’s. Schmokt auch ’n ganz wundervollen Toback. Meine Hochachtung — wirklich! Weiter weiß meines Vaters Sohn nichts von ihm.“

Da waren sie auch schon in der Offizin.

Aber nun zögerte Helene doch wieder. Es war sehr laut im Nebenzimmer. Auch der Graf horchte auf. „Die scheinen ja ’n bissel scharf aneinander geraten. Hör’ mal, Lene ...“

„Ich möchte doch lieber ...“

„Na, du wirst dich doch nicht fürchten! Was sich zankt, liebt sich, Leneken.“

Er stieß die Türe auf, stapfte mit seinem lauten „Meine Hochachtung!“ über die Schwelle, stieß aber direkt auf seinen Neffen Fritz Hackentin, der — mit dem Hut in der Hand — hinauswollte, rot im Gesicht und vor Erregung zitternd. Der Bruder stand daneben, suchte ihm den Hut zu entwinden.

„Hallo, mein Junge!“ rief Grucker. „Hier wird nicht desertiert.“ Er faßte ihn mit beiden Händen um den Leib, hob ihn hoch, wie man ein Kind hochhebt, drehte ihn um und schob ihn, ohne loszulassen, wieder zum Tisch hin. „Komm, Lene, Mädel, streichle mal ’n bißken. Kreuzdonnerstag und Freitag, man wird doch hier in Ruh’ sein Glas Wein trinken können!“

„Laß mich, Onkel Grucker ... laß mich!“

Aber die eisernen Fäuste hielten fest. „Nee, Fritz. So kommst du nicht los. Erst ’n Versöhnungsschluck. Habt wieder mal hohe Politik getrieben — he? Verflucht und zugenäht! Na, was gab’s denn?“

Drüben saß der alte Rittmeister. Er war so blaß im Gesicht, wie der Sohn rot war, und die Hand, die er am Glas hielt, zitterte auch. Aber er zwang sich. „Wenn du’s wissen willst, Schwager. Das heißt, daß mein Sohn Fritz uns gerad erzählt hat, daß er Mitglied vom Nationalverein ist. Und da hab ich ihm meine Meinung gesagt. Das heißt, über die ganze Schreierei und über den vielgeliebten Schützenherzog in Gotha dazu. Und das kann er nicht vertragen.“

„Deshalb ist es besser, ich gehe!“ stieß der Kreisrichter hervor. „Meine Überzeugung lasse ich nicht antasten, auch von dir nicht, Papa.“

Der Graf hatte ein Lachen, das oft geradezu erlösend wirken konnte. So lachte er jetzt. Und es paßte in dies Lachen hinein, was er zwischendurch in einzelnen Brocken vorbrachte: „Brat mir einer ’n Storch ... kriegen sich Vater und Sohn wegen Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, Durchlaucht und so, an den Kragen ... aber den Storch recht knusperig, bitte! Kinderkens, seid gut ... lieber Artenau, du oller Stickereimajor, nu aber schnell ’ne neue Mischung ... was Besänftigendes. Heut wird nicht mehr Politik gemacht ... hier setzt du dich, Fritze ... so ... na, und da hab ich euch die Lene mitgebracht ... Lene ... Puttchen ... komm her. Es frißt dich keiner ...“

Sie war an der Tür stehengeblieben.

Daß sich Vater und Bruder stritten, war ihr nichts Neues. Das ging nun schon seit Jahren, man hatte sich nachgerade daran gewöhnt: Vater und Fritz vertrugen sich schließlich immer wieder, und Onkel Grucker brachte das gewiß heute schnell zuwege. Er verstand das Leimen.

Aber diesmal war’s ihr peinlich. Weil der Fremde dabei war. Der Russe, gegen den sie vom ersten Sehen an etwas wie instinktive Abneigung empfunden hatte.

Das Zimmer war mit Tabaksrauch gefüllt. Mehr noch als Onkel Pastors Arbeitsstube am Sonnabend. Mit dem Messer hätte man den Qualm durchschneiden können, und die Augen taten einem weh; kaum, daß man die Herren am Tisch unterscheiden konnte: den Doktor, der bei Lene noch von früher her immer einen Lebertrangeschmack auf der Zunge hervorrief, den lustigen Herrn Herr, Artenau, Onkel Ernst ...

Ja ... und da stand der Russe am Fenster.

Fast wie sie an der Tür. Vielleicht hatte er auch den gleichen Gedanken wie sie: ich wollte, ich wäre nicht hier. Zu verwundern wär’s nicht.

Das Gespräch am Tisch ging noch ein paar Augenblicke weiter. Schon gemäßigter. Sie hörte nur einzelne Worte ... „Das deutsche Vaterland ...“ sagte Fritz. „Nee, unser altes Preußen ...“ sagte Vater, und Onkel Grucker: „Nu laßt’s mal endlich ...“

Da war auch schon der Rackower aufgestanden, dem jeder politische Streit unbequem war, hatte das Monokel ins Auge geklemmt und ihr zugenickt, war zu seinem Gast ans Fenster getreten. Und der wandte ihr im nächsten Moment das Gesicht zu, verbeugte sich.

Zu dumm, zu kindisch, daß man immer noch rot wurde wie ein Backfisch ...

„Na, Leneken, wo steckst du denn?“ rief der Graf schon zum drittenmal. „So komm doch! ’s ist wieder Friede im Lande.“

Langsam ging sie an den Tisch, nickte, reichte die Hand. Und nun walzte sich Onkel Ernst heran, stellte ihr den Russen vor. Jäh überflutete sie wieder die alberne Röte. Aber sie überwand sie diesmal schnell; vielleicht, weil es ihr so komisch vorkam, daß er Schwarz hieß, einfach Schwarz, während sie irgendeinen Namen auf off oder itsch erwartet hatte.

Der Friede schien wirklich geschlossen, die Gläser wurden neu gefüllt, Grucker hatte schon wieder eine seiner langen dicken Zigarren in Brand. Dann hieß es plötzlich, wie zur Besiegelung des Friedens: „Lieber Herr Herr, pfeifen Sie uns eins“, und der Apotheker ließ sich nicht lange bitten. Er spitzte die Lippen und pfiff. Erst von Schumann: „Wohlauf, noch getrunken, den funkelnden Wein ...“ und dann sein Glanzstück aus „Fra Diavolo“.

Eigentlich liebte Helene dies Kunstpfeifen wenig. Es hatte für ihr empfindliches Ohr immer ein wenig Schrilles. Aber das mußte sie zugeben: Herr Herr machte seine Sache gut, und es war doch Musik. Stets, wenn ein Lied erklang, wurde ihre Seele wach.

Und dann war sie mit einem Male, sie wußte selbst nicht, wie es eigentlich gekommen war, in einem Gespräch mit dem Russen. Sie nannte ihn im stillen immer den Russen, wenn er auch Schwarz hieß.

Er hatte an die Produktion des Apothekers angeknüpft, aber sie waren im Nu darüber hinaus. Von der Musik im allgemeinen sprach er, von den neuesten Opern dann, von Spontini, von Donizetti, von Lortzing und vor allem von Meyerbeer. Eigen erfreut schien er, daß sie gut Bescheid wußte. Einmal sagte er: „Ich hätte nie geahnt, daß man hier, in der Landeinsamkeit, Musik so liebt.“

„Gerade, wenn man so einsam lebt, meine ich, muß man sie doppelt lieben.“

„Sie ist die große Herzenströsterin.“ Er sprach es mit Emphase, aber das entging ihr.

„Ich finde, daß sie immer neue Sehnsucht weckt“, erwiderte sie.

Als ob er sie nicht ganz verstanden hätte, so schaute er sie an. Er wiegte den schönen Kopf: „Gewiß, sie weckt Sehnsuchten, aber nur, um sie wieder zu stillen.“ Und dann: „Sie üben selber Musik, gnädiges Fräulein? Aber was frage ich — wer sich so stark für Musik interessiert, muß auch versuchen, dem inneren Drang zum Leben zu verhelfen.“

„Ich singe ... ein wenig.“ Erst als sie es gesagt hatte, fiel ihr ein, daß Onkel Grucker vorhin von Herrn Schwarz als dem „Moskowiter Sänger“ gesprochen hatte. Es war aber nur eine ganz unklare Vorstellung in ihr, was der Onkel eigentlich damit gemeint hatte, und sie war nun doch neugierig: „Sie singen auch — nicht wahr?“ fragte sie, und es mochte wohl sehr naiv klingen. Denn er lachte ganz leise, verneigte sich ein wenig: „Es ist ja mein Beruf, gnädiges Fräulein. Ich bin Opernsänger.“