Sidsel Langröckchen

Nordische Bücherei

Hans Aanrud

Sidsel Langröckchen

Erzählung

Elftes bis zwölftes Tausend

Leipzig 1914
Verlag von Georg Merseburger

Einzige autorisierte Übersetzung von Walther R. Schmidt-Kristiania. Titelzeichnung von Lisbeth Bergh. Zeichnungen von Arthur Michaelis. Plattendruck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.

Sidsel Langröckchen als Spinnfrau.

Bär, der große, alte, struppige Hofhund auf Hoël, saß auf der Türtreppe und schaute ernsthaft über den Hof. Es war ein kalter, klarer Spätwintertag, und der Schnee glitzerte im Sonnenschein. Am liebsten wäre Bär aber doch hineingegangen; denn es ließ sich nicht leugnen: wie er da saß, fror ihn grimmig an den Pfoten, und er hob abwechselnd bald die eine, bald die andre eine Weile von den Steinfliesen empor, um nicht das Kribbeln in die Klauen zu bekommen.

Aber er durfte seinen Posten nicht verlassen. Die Schweine und die Ziegen waren heute im Freien. Noch führten sie sich zwar alle ganz anständig auf; die Schweine gingen dort in der Sonne und rieben sich an der Ecke des Kuhstalls, und weiter weg knabberten die Ziegen eifrig an der Baumrinde, die beim Schweinestall auf einen großen Haufen für sie zusammengekehrt war, und taten so, als hätten sie an nichts andres zu denken. Aber er wußte von früher her: kaum war er hineingegangen, da lagerten sie sich sogleich mitten in den Haustüren und verübten all den Unfug, den sie sich nur ausdenken konnten — die große neue Ziege Krummhorn, die erst im letzten Herbst auf den Hof gekommen war, und die er noch nicht ordentlich abgerichtet, hatte bereits einen Schwuppdich bis an die Hausecke hin gemacht und ihn dabei so gleichgültig und überlegen angesehen.

Die war wirklich eine unerträgliche Person, aber sie sollte sich bloß unterstehen —!

Ein Weilchen wenigstens mußte er noch sitzen bleiben — die Wege durfte er ja auch nicht ganz aus dem Auge verlieren, es hätte doch jemand kommen können.

Zufällig drehte er den Kopf nach dem schmalen Pfad hin, der die Halde schräg vom Oberdorf herabkam.

Alle Wetter! Was war denn das?

Dort kam Etwas — etwas Rundes, Putziges, Winziges — ärgerlich, daß die Augen nicht mehr recht mitwollten! — ja, ja, er mußte auf alle Fälle Meldung machen.

Er fing an zu bellen, ein kurzes, tiefes Gekläff, das weit hinausschallte. Die Ziegen sprangen ängstlich in einen Klumpen zusammen und spitzten die Ohren, die Schweine hörten jählings auf, sich zu jucken und zu kratzen, und lauschten — ja, da konnte man sehen, daß sie vor ihm Furcht hatten.

Dann blieb er wieder ruhig sitzen und sah den Weg hinauf. Nein aber, ob er jemals etwas Ähnliches gesehen hatte — vielleicht war es nicht einmal etwas, das er zu melden brauchte; aber immerhin mußte er sich wohl auf den Weg machen und sich die Sache etwas näher ansehen.

Er krümmte den buschigen Schwanz in einen großen Bogen; man sollte sehen, daß er bester Laune war, und trippelte zum Hofe hinaus.

Es mußte aber doch wohl ein Mensch sein. Es fing an, so leibhaftig der Finn-Kathrine zu gleichen, die dort im Winter zu gehen pflegte, aber die konnte es doch nicht sein; denn dazu war das Wesen dort allzu winzig. Aber ein weiter, langer Weiberrock war es jedenfalls, und unter dem Rock kamen die Spitzen von einem Paar großer Schuhe hervor, über die graue, abgeschnittne Strumpffüße gezogen waren. Über den Rock war ein großer Bausch Gestricktes gewurstelt, aus dem zwei Stummel mit roten, gestrickten Fausthandschuhen hervorguckten. Oben drauf saß ein etwas kleinerer Bausch Gestricktes — das war wohl der Kopf. Hinten auf dem Rücken hing ein großes Bündel in einem dunkelfarbigen Einschlagetuch und vorn ein kleiner, niedlicher, rotgemalter Holzeimer.

Bär mußte unwillkürlich stehen bleiben und sehen. Das rätselhafte Wesen war nun ebenfalls seiner gewahr geworden und wie unschlüssig stehen geblieben. Da ging er auf die äußerste Wegkante hinüber, blieb dort stehen und versuchte, so gleichgültig wie möglich auszusehen, um das Wesen nicht zu erschrecken. Dies ging dann vorsichtig, wie auf Stelzen, langsam wieder vorwärts, indem es sich dicht an der andern Seite des Weges hindrückte und drehte sich allmählich, je näher es herankam, so daß es ganz der Quere ging, als es endlich gerade vor Bär angelangt war.

Da gelang es aber Bär, einen kurzen Blick durch eine kleine Öffnung in dem obersten Strickbausch zu werfen, und was sah er! Erst ein kleines, rotes, aufwärtsstrebendes Stumpfnäschen, dann einen roten Mund, der unsicher zuckte, als wollte er zu weinen anfangen, und ein Paar große blaue Augen, die ihn erschrocken anstarrten.

Bah! Das war ja bloß ein kleines Mädel, das wegen der Kälte tüchtig eingemummelt war. Er kannte sie zwar nicht, aber — wart mal — das Eimerchen kam ihm so bekannt vor. Jedenfalls war es keine Art, sich hier barsch zu stellen und so ein kleines Ding zu erschrecken.

Unwillkürlich wedelte er mit dem Schwanze während er hinüberging, um den Eimer zu beschnüffeln.

Aber das kleine Mädchen verstand ihn nicht sofort, erschrocken trat es vielmehr ein paar Schritte zurück und purzelte rücklings neben dem Wege hin. Da sprang Bär rasch zur Seite und lief ein Stückchen voraus, sah sich wieder um und blinzelte freundlich mit den Augen und wedelte kräftig mit dem Schwanze. Jetzt begriff sie, stand auf, lächelte und trippelte hinter ihm drein. Bär humpelte voran, sich immer wieder umsehend; nun erkannte er, daß sie sicher irgend einen Auftrag auf Hoël auszurichten hatte, und da war es seine einfache Pflicht und Schuldigkeit, ihr zurecht zu helfen.

Das kleine Mädchen war Sidsel Langröckchen von Schloß Guckaus oben auf der Höhe, die dergestalt auf Hoël ihren Einzug hielt.

Schloß Guckaus lag auf einem öden, unfruchtbaren Berghang, weit vorn, gerade unter dem Großhammer, zu alleroberst im Oberdorf, und der Name — es hieß eigentlich Neu-Wüstenland — war ein Spitzname, den ihm ein Spottvogel gegeben, weil man von da oben einen weiten Ausguck hatte, und weil es allem andern eher als einem Schloß glich. Das Krongut, das zum Schloß gehörte, bestand bloß aus etwas Heideland, wo Heidel- und Preiselbeerkraut üppig gedieh, unterbrochen hier und da von einem kleinen Fleckchen Ackerboden oder einem Stückchen Wiese.

Die Stallgebäude bestanden aus einem untermauerten Kuhstall mit zwei Ständen, halb in den Hügel eingegraben, und einem kleinen Schweinekofen im gleichen Stil. Und das Schloß selbst war ein winzig kleines, mit Rasen gedecktes Häuschen, das ganz vorn am Abhang mitten in der Einöde lag. Es hatte bloß ein niedriges Fensterchen mit ganz kleinen Scheiben, das ins Tal hinabschaute.

Fast überall aber, wo man im Umkreis sein mochte — wenn man in der Richtung hinsah und den Blick hoch genug hinaufwandte, überall sah man stets dieses Schloß und dies Guckfensterchen, das wie ein kleines Auge über das Tal hinausblickte.

Wenn nun die Herrlichkeit, von der sie herkam, nicht größer war, so kann man sich wohl leicht denken, daß Sidsel Langröckchen just keine verkleidete Prinzessin war, sondern schlecht und recht ein kleines armes Bettelkind. Und zum ersten Mal auf den Hof von Hoël zu kommen, war für sie dasselbe, als wenn sie wirklich zu Hofe gekommen wäre, obschon sie in einem gar wichtigen, eigentlich nur für Erwachsene passenden Auftrag geschickt war; sie kam nämlich an Stelle ihrer Mutter als Spinnfrau.

Sidsels Mutter, Rönnaug, hatte nun schon vier Jahre lang oben auf Schloß Guckaus allein für den Unterhalt der Familie sorgen müssen. Früher war es ihnen gut gegangen; da war aber der Mann gestorben, und nun saß sie allein da mit dem Schloß, einer Kuh und zwei Kindern, Jakob, der damals ungefähr sechs Jahre zählte, und Sidsel, die zwei Jahre jünger war. Es hielt oft schwer genug, aber sie hatten doch immerhin ein Dach über dem Kopfe, und nach Brennholz brauchten sie auch nicht weit zu laufen, der Wald lag gerade vor der Tür.

Im Sommer konnte sie den harten, steinigen Boden gerade soweit aufkratzen, daß sie auf dem jämmerlich kleinen Fleckchen Ackerland Kartoffeln und etwas Korn bauen konnte, und Heidegras und frisches Laub, das sie sammelte, gab es gerade genug, um die Kuh Bliros jedes Jahr durchfüttern zu können. Und wo eine Kuh ist, da gibt’s auch immer was zu leben.

Im Winter spann sie fleißig Leinwand und Wolle für die Bäuerinnen unten im Dorfe und vor allem für Kjersti Hoël, die Großbäuerin, bei der sie als Magd gedient hatte, ehe sie sich verheiratete.

Auf diese Weise hatte sie sich durchgeschlagen. Unterdessen war der Jakob so groß geworden, daß er selber für sich sorgen konnte. Im letzten Frühling war auf Nordrum Nachfrage nach einem Hirtenbuben gewesen, und da hatte er sofort zugeschlagen. Er und Sidsel hatten so oft oben in der Stube vor dem kleinen Guckfensterchen auf den Knieen gelegen, hinausgeschaut und überlegt, wo sie wohl beide einmal dienen würden, wenn sie erst groß wären. Und da hatte der Knabe immer Nordrum für sich gewählt, hauptsächlich deshalb, weil er den Bauer von Nordrum immer als einen besonders starken Mann hat rühmen hören, — sie dagegen hatte gemeint, besser müsse es auf Hoël sein, wo bloß Frauensleute wären.

Im Herbst hatte dann der Nordrum gesagt, so einen Burschen wie den Jakob könne er auch im Winter brauchen, und da war Jakob dort geblieben.

Er war sogar schon letzte Weihnachten einen ganzen Tag wieder zu Hause gewesen, und da hatte er der Schwester ein Weihnachtsgeschenk mitgebracht von einem kleinen Mädchen auf dem Nordrumhofe, einen gar feinen Unterrock aus grauem Fries.

Und wie lustig und spaßig er geworden war! Als sie den neuen Rock, der ihr vorn wie hinten bis ganz herunter auf die Füße reichte, zum erstenmal angezogen hatte, da hatte er sie Sidsel Langröckchen genannt.

Nach Weihnachten aber war oben auf Schloß Guckaus die Not eingezogen. Die Kuh Bliros, die sonst fast das ganze Jahr hindurch Milch gab, ließ es sich plötzlich einfallen, mehrere Monate trocken zu stehen; sie sollte erst zum Sommer hin kalben. Die letzte Woche hatte es nicht einmal mehr Milch zum Kaffee gegeben.

Bis zum Nachbarhof Svehaugen war es auch nicht bloß ein Katzensprung, und dort war es zudem auch knapp mit der Milch, das wußte Rönnaug, und außerdem hatte sie keine Zeit, sie mußte sich sputen, daß sie mit der Wolle, die sie für Kjersti Hoël spann, endlich fertig wurde und sie bald abliefern konnte, dann wurde wohl auch Rat für Milch und Kaffee und andres mehr. Deshalb arbeitete sie unausgesetzt die ganze Woche hindurch — Sidsel war nun so groß, daß sie beim Karden helfen konnte — und trank den Kaffee schwarz. War es nun aber, weil sie den schwarzen Kaffee nicht vertragen konnte, oder ein andrer Grund, — als sie gestern abend spät fertig geworden war, fühlte sie einen saugenden Schmerz unter der Brust, und als sie heute früh aufstand und sich fertig machte, mit der Wolle nach Hoël zu gehen, wurde ihr mit einem Mal so übel und schwindlig, daß sie sich wieder aufs Bett legen mußte. Sie fühlte sich ganz elend. Nun war es aber Sitte, daß die Spinnfrau, was sie gesponnnen, auch selber brachte, und da bekam sie nicht bloß Vergütung für ihre Arbeit, sondern wurde auch bewirtet und erhielt neue Aufträge und Bescheid, wie das nächste Garn gesponnen werden sollte.

Doch diesmal war wirklich kein andrer Ausweg, sie mußte Sidsel schicken. Sie würde sich schon zurechtfinden, obwohl sie noch nie auf Hoël gewesen war, und soviel würde sie wohl auch mit nach Hause bringen, daß sie wenigstens wieder einmal eine ordentliche Tasse Kaffee trinken könnten, dann konnte sie ja an einem der nächsten Tage immer noch selber gehen.

Wenn sie sich nur darauf verlassen könnte, daß Sidsel sich ordentlich zu benehmen verstände und sich nicht gar zu ungelenk anstellte?

O ja, hatte Sidsel gemeint, wenn sie nur gehen dürfte, dann würde sie sich schon richtig zu benehmen wissen, genau wie eine Spinnfrau; denn sie erinnerte sich sehr gut daran, wie die es machten, von damals, als sie die Mutter nach Nordrum begleiten durfte.

Da hatte denn Sidsel ihren Fries-Unterrock angezogen — sie trug ihn wie einen richtigen Rock und nur bei festlichen Gelegenheiten — war ordentlich in eine Menge Tücher und wollene Schale eingewickelt worden, hatte das große Garnknäuel hinten auf den Rücken gehängt bekommen, den Milcheimer vorn um den Hals und außerdem viele gute Lehren und Ermahnungen mit auf den Weg, und so ging es zu, daß sie heute hinter Bär hertrippelnd in den Hof von Hoël einzog.

Als sie an den Wirtschaftsgebäuden vorüberkam, mußte sie wirklich stehen bleiben und sich umsehen. Ja, hier war freilich alles viel großartiger als daheim! Ein Scheunentor so breit, daß das ganze Guckaus-Schloß hätte hindurchfahren können, und eine einzige Fensterscheibe war mindestens ebenso groß, wie das ganze Fenster oben im Schloß! Und solch eine Ziege! — Sie bekam gerade Krummhorn zu Gesicht, die der Haustür bereits bedenklich nahe war und kaum Miene machte auszureißen, als Bär herankam. Nicht einmal vor dem Hunde war die bange! Sie war freilich auch so groß wie ein ordentliches Kalb! Wenn die Kühe nach demselben Maßstabe waren, da mußten sie ja vom Erdboden aus das Gras auf dem Dache von Schloß Guckaus fressen können! Sie mußte unwillkürlich nach der Tür des Kuhstalls hinschielen. Nein, die war doch nicht größer als Stalltüren gewöhnlich sind — da waren die Kühe doch wohl wie andre auch.

Bär hatte unterdessen die Zeit benutzt, um Krummhorn zurecht zu weisen, nun kam er zurück, wedelte lustig mit dem Schwanze und wandte sich nach der Haustür, als ob er die Kleine hineingeleiten wollte. Ja, der Hund hatte recht, sie mußte sich wirklich beeilen, um ihren Auftrag auszurichten und durfte nicht länger hier stehen und gaffen.

Sie folgte Bär nach, ging in die Hausflur hinein, hob die Türklinke, drehte sich ganz um sich selbst herum, als sie die Tür wieder zumachte, und stand dann in der großen Küche von Hoël.

In der Küche waren bloß eine Magd, die in der Mitte des großen Raumes saß und spann, und Kjersti Hoël selbst, die an dem großen, weißgetünchten Herde saß und Kaffee mahlte.

Beide sahen auf, als die Tür geöffnet wurde.

Sidsel blieb einen Augenblick stehen, machte dann einen so tiefen Knix, daß sie in dem weiten, langen Rock förmlich untertauchte, und sagte wie eine Erwachsene, genau wie sie die Mutter hatte sagen hören: Guten Tag, lieben Leute, Gott segne eure Arbeit!

Kjersti Hoël mußte lächeln, als sie das winzige Ding an der Tür wie eine Erwachsene reden hörte, aber dann sprach sie ebenfalls wie zu einer Erwachsenen. Guten Tag, fremde Jungfer, geht sie Gänge?

Ja, so ist es.

Wie heißt denn die Jungfer, und wo kommst du her? ich sehe, ich kenne dich nicht.

Nein, das ist wohl nicht anders zu erwarten; aber meine Mutter und der Jakob nennen mich Sidsel Langröckchen; und ich bin von Schloß Guckaus, und ich sollte für Mutter mit dem Wollgarn hierher gehen, das sie für dich gesponnen hat, und sollte dir sagen, sie hätte nicht eher damit kommen können, da sie erst gestern spät abends den letzten Wickel anscheren konnte.

Nein, ist es die Spinnfrau, die Gänge geht! Und ich vergesse rein, dich zu bitten, Platz zu nehmen. Nun lege nur ab und setze dich!

Wie leutselig Kjersti Hoël war. Stand sie doch sogar auf und brachte ihr einen Stuhl!

Danke, ich bin so frei.

Sidsel nahm den Eimer und das Garnknäuel herunter und setzte beides bei der Tür nieder. Darauf begann sie über die Diele zu gehen. Ihr war, als wollte der Weg bis zum Stuhl gar kein Ende nehmen — bis hin zum Stuhl war es fast ebenso weit, wie zu Hause von der Haustür bis zum Kuhstall! — Endlich kam sie glücklich ans Ziel und vermochte sich mit Mühe und Not bis auf die äußerste Kante des Stuhles hinaufzuschieben; der Stuhl war auch viel höher, als sie es gewohnt war.

Kjersti Hoël kam nun zu ihr hin: Da will ich doch einmal das Knäuel auflösen und sehen, was eigentlich drin steckt, sagte sie, und dabei begann sie, ihr erst die roten Fausthandschuhe auszuziehen und dann alle die wollenen Schaltücher aufzubinden. Bald saß Sidsel abgetakelt da, aber doch noch immer hübsch rundlich in ihrem kurzen Oberleibchen; denn der weite Rock war nicht nur unten zu lang, auch oben reichte er ihr bis dicht unter die Arme.

Kjersti blieb stehen und sah sie eine Weile an:

Dachte ich mir’s doch, daß ich ein niedliches kleines Mädel in dem Knäuel finden würde. Du ähnelst deiner Mutter.

Sidsel wurde so verschämt, daß sie ganz vergaß, daß sie ja Spinnfrau spielen sollte. Sie schlug die Augen nieder und wußte nicht, was sie antworten sollte.

Was ist denn aber mit der Rönnaug, deiner Mutter, daß sie nicht selber kommt?

Sie fühlte sich heute morgen nicht wohl.

Nein, ist sie krank? Rönnaug war doch sonst immer die Gesundheit selber. Was fehlt ihr denn?

Sie meinte, es müsse wohl der schwarze Kaffee sein, der ihr schlecht bekommen ist.

Seid ihr denn ohne Milch? Ja, nun sehe ich erst, du hast den Eimer mit.

Ja, denk dir nur, die Bliros läßt sich’s auf einmal einfallen, den ganzen Winter trocken zu stehen.

Nein, wirklich? Ja, da ist es freilich nicht so leicht für deine Mutter. Wird denn die Bliros lange trocken stehen?

Freilich, sie soll ja erst zum Sommer hin kalben.

Hm!

Kjersti wurde nachdenklich und sagte wie für sich selber:

Ich habe wirklich schon oft vorgehabt, Rönnaug zu besuchen, aber es ist nie etwas draus geworden; nun will ich aber sehen, ob ich nicht in diesem Frühjahr einmal dazu komme.

* *
*

Sidsel Langröckchen blieb an dem Tage lange auf Hoël. Obwohl sie als Spinnfrau gekommen war, hätte sie es sich doch nie träumen lassen, daß eine Großbäuerin wie Kjersti Hoël so leutselig und freundlich zu ihr sein könnte. Sie bewirtete sie mit allerlei Eßwaren, mit Kaffee, Milch und Kuchen, als wäre sie zu Gaste geladen; und sie unterhielt sich mit ihr so freundlich, daß sie alle Schüchternheit ganz vergaß. Und wie viel Merkwürdiges zeigte sie ihr!

Der Kuhstall war nun aber doch das Allerfeinste. So viele Kühe, daß sie sie kaum zählen konnte, und Schweine, Schafe und Ziegen! Und in einem großen Hühnerstall eine ganze Masse Hühner, ganz sicher so viele, wie es im Herbst oben auf Guckaus Krähen gab!

Und über alles wollte die Großbäuerin genaue Auskunft haben, ob sie lesen und schreiben könne — nun, das konnte sie, das hatte sie ja vom Jakob gelernt —, und ob sie oben auf Schloß Guckaus genug zu essen hätten, und wie die Ernte ausgefallen wäre.

Und Sidsel konnte erzählen, sie hätten im Herbst drei Scheffel Kartoffeln geerntet und einen Scheffel und sechs Liter Mischkorn, und so viel Laub hätten sie gesammelt, daß sie reichlich Futter hätten, um Bliros den Winter durchzufüttern, und sogar noch mehr.

Und nachdem Kjersti ihr die Schafe und die Ziegen gezeigt hatte, da hatte sie wahrhaftig angedeutet, daß sie wahrscheinlich zum Frühling hin eine Hirtin haben müsse, und da hatte Sidsel — sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam — der Kjersti erzählt, wie sie daheim vom Fensterchen aus sich immer Hoël ausgewählt habe, für den Fall, daß sie in Dienst gehen müsse.

Ob sie denn gern von zu Hause fort wolle?

O ja, wenn es nur nicht so schmerzlich wäre, die Mutter verlassen zu müssen.

Nun, darüber wollten sie jetzt nicht weiter reden — sie würde schon im Frühjahr einmal kommen und mit der Mutter sprechen. Jetzt müßten sie aber ins Haus, damit sie etwas zu essen bekäme zur Stärkung für die Reise; denn sie müsse wohl nun daran denken, heimzukehren, es ginge ja bereits auf den Abend.

Darauf gingen sie wieder ins Haus, und Sidsel wurde von neuem bewirtet, und während sie aß, sah sie, wie Kjersti Butter und Käse und andres mehr aus dem Keller heraufholte, und alles in das große Einschlagetuch, in dem das Garn gewesen war, einwickelte. Aber den Milcheimer rührte sie nicht an; dagegen bemerkte Sidsel, daß sie leise etwas zur Magd sagte und daß diese hinausging.

Nachdem Sidsel gegessen und, wie es sich geziemt: Dank und Ehre für Essen und Trinken gesagt hatte, meinte Kjersti:

Ja, nun heb mal das Bündel und versuch, ob du es tragen kannst.

Das war nun freilich tüchtig schwer, doch sie würde es schon erschleppen können. Aber noch immer erwähnte Kjersti den Eimer nicht.

Ja so, nun komm her, Sidsel, ich will dir mit den Schaltüchern helfen!

Sie zog ihr die dicken Handschuhe über die Finger, wickelte sie in alle die vielen Schaltücher ein, und bald stand Sidsel wieder reisefertig da, ebenso wohl verpackt, wie sie gekommen war.

Niedergeschlagen ging sie zur Tür hin, wo der Eimer stand. Aber noch immer sagte die Großbäuerin nichts wegen des Eimers. Unschlüssig blieb sie stehen; sie hatte wirklich so viel Gutes bekommen, daß es nicht gut anging, sie geradezu an die Milch zu erinnern, aber viel lieber hätte sie etwas von der reichen Bewirtung entbehrt, als daß sie ohne Kaffeemilch zur Mutter heimgekommen wäre.

Sie hob das Bündel auf, steckte die Nasenspitze in das Schaltuch hinein, damit Kjersti nicht sehen sollte, daß ihr die Tränen in die Augen traten, als sie sich endlich bückte, um den leeren Eimer zu fassen.

Da sagte Kjersti:

Aber da hätte ich ja wahrhaftig beinahe ganz vergessen, dich zu fragen, ob du nicht mit mir tauschen willst, wenn du für deinen Eimer einen andern bekommst, der der Art ist, daß er überhaupt nie leer wird. Willst du?

Sidsel ließ den Eimer fallen. Wohl hatte sie heute viel Wunderbares gesehen und gehört, wovon sie niemals eine Ahnung gehabt und desgleichen sie noch nie gesehen hatte! Aber daß Kjersti nun gar einen Eimer hatte, der nie leer wurde! — Sie blieb mit offenem Munde stehen.

Jedenfalls mußt du ihn dir ansehen — er steht draußen vor der Tür.

Sidsel war nicht faul, hinauszukommen.

Kjersti folgte ihr. Da stand die Dienstmagd und hielt die große Ziege, Krummhorn, an der Leine.

Kjersti sagte:

Sie ist die Leine gewohnt; ich denke also, sie wird schon mit dir gehen. Und nun grüß mir deine Mutter und frag sie, ob sie mit dem Eimertausch zufrieden ist — und sie wurde nicht einmal böse, daß Sidsel Langröckchen ganz vergaß, danke zu sagen, als sie mit Krummhorn von dannen zog, während Bär sie ein langes Stück Wegs begleitete; denn was hier vor sich ging, das ging über seinen Verstand.

* *
*

Es läßt sich denken, daß Mutter Rönnaug auf Guckaus auch große Augen machte, als sie Sidsel in dem Aufzug kommen sah. Aber es war keine Zeit, alles gleich zu erzählen.

Der Stand neben Bliros mußte geräumt und in Ordnung gebracht werden. Denn nun war es, als hätten sie zwei Kühe, und Krummhorn spazierte so stolz und überlegen in ihren Stand hinein, als ob sie selber eine Kuh wäre, und ihr Lebtag immer im Kuhstall gestanden hätte. Bliros aber war sichtlich beleidigt, daß dieses neue Wundertier da hereinkam und sich in ihrem Stalle breit machte, und sie machte eine Bewegung mit dem Kopfe, um nach ihr zu stoßen. Aber da stieß Krummhorn so gleichgültig wieder, als sei sie’s nur so gewohnt, sich mit Kühen herumzustoßen.

Bliros mußte sie sich wirklich ansehen, so ein albernes Ding war ihr denn doch noch nicht vorgekommen!

Darauf drehte sie sich wieder nach der Wand zu und sah überhaupt nicht mehr nach Krummhorn hin.

An dem Abend hatte Sidsel Langröckchen so viel zu erzählen, daß sie sich selber in den Schlaf schwätzte.

Abschied von Schloß Guckaus.

Als Sidsel Langröckchen das nächste Mal nach Hoël kam, da kam sie nicht allein, und da kam sie, um für immer dort zu bleiben.

Alles war ganz, ganz anders gekommen, als sie sich gedacht hatte. Aber sie hatte gewissermaßen keine Zeit gehabt, sich die Sache eher richtig klar zu machen, als gerade in dem Augenblick, da sie jetzt aus dem Gattertor des Guckausschlosses heraustrat — so vielerlei war in der letzten Zeit auf sie eingestürmt, so viel Neues hatte es zu sehen und zu hören gegeben, daß sie nicht einmal Ruhe gefunden, sich richtig auszuweinen, obschon sie immer wie mit einem Tränenkloß im Halse heimgegangen war; als sie jetzt aber Halt machte und sich umsah, da brachte das Bild, das sie sah, auf einmal ihr alles klar und traurig deutlich ins Gedächtnis zurück. Nun war etwas vorbei, etwas, das niemals wiederkommen konnte; nie wieder sollte sie nach Guckaus zurückkehren, höchstens als Fremde, sie hatte niemand — nirgends ein Heim mehr.

Und da begann sie zu weinen so bitterlich, daß alle, die erst gemeint hatten, sie hätte alles so ruhig und vernünftig hingenommen, unwillkürlich stehen blieben und sie ganz verwundert ansahen.

* *
*

Die letzten paar Wintermonate waren für Sidsel oben auf Schloß Guckaus so schnell vergangen, sie wußte gar nicht wo sie geblieben waren. Und das kam nicht zum geringsten Teil daher, daß sie zu all dem übrigen die letzte Zeit unglaublich viel im Kuhstall zu tun bekommen hatte.

Krummhorn war nun gewissermaßen ihre Kuh geworden, und es war selbstverständlich, daß Sidsel sie warten mußte; denn Bliros gab deutlich zu verstehen, daß sie es höchst ungnädig aufgenommen hätte, wenn Rönnaug selber sich mit der Wartung einer ärmlichen Ziege hätte abgeben wollen, gerade als ob diese eine ebenso wichtige Person im Kuhstall wäre wie sie selber — denn der Kuhstall gehörte nun doch ihr allein — dies andre Tier war da bloß geduldet.

Und deshalb wartete Sidsel Krummhorn genau so, wie sie die Mutter Bliros warten sah; ja, sie bekam sogar noch mehr als die Mutter im Stalle zu tun. Denn sie lernte bald die Ziege selber melken, und Bliros, Mutters Kuh, melkte ja überhaupt nicht mehr.

Ob Krummhorn Milch gab? Oh, sie mußte sie oft dreimal am Tage melken! Nun war an Kaffeemilch oder Milchbrei kein Mangel mehr, es blieb sogar mitunter genug übrig, um noch Waffeln zu backen.

Dann kam der Frühling, und der kam oben auf Schloß Guckaus immer zeitig. Das Heideland, das mitten in der Sonne lag, guckte immer zu allererst im ganzen Tal aus dem Schnee hervor.

Und da ging Sidsel hin und untersuchte den Boden — es war ein so wunderliches Gefühl, wieder die bloße Erde unter den Füßen zu fühlen; und Tag für Tag beobachtete sie genau, wie die einzelnen Flecken größer und größer wurden, wie der Schnee allmählich abwärts glitt, ganz langsam, genau wie ihr langer Rock an ihr selber hinabglitt, wenn sie das Gürtelband löste und ihn fallen ließ, so daß er zuletzt wie ein großer, bauschiger Ring um ihre Füße herum liegen blieb. Denn wenn erst der Schnee bis zu dem großen Steine hinabgeglitten war, wo sie und Jakob ihren eigenen Kuhstall zu haben und Tannenzapfen als Futter für ihre Kühe und Schafe aufzubewahren pflegten — dann fingen auch die äußersten Knospen an den Bäumen an, dick zu werden und aufzuschwellen, fertig zum Aufspringen, das wußte sie noch vom vorigen Jahre — und auch danach sah sie nun jeden Tag — und dann, dann kam endlich der große, ereignisvolle Tag heran, wo Krummhorn ins Freie gelassen werden sollte, das hatte die Mutter gesagt.

Das war es, worauf sie wartete. Nicht allein deshalb, weil es so lustig war, nein auch, weil die Ziegen nie so kräftige, fette Milch gaben, als wenn sie im Frühling die ersten Knospen zu fressen bekamen.

Die Mutter war seit dem Tage, da Sidsel zum erstenmal auf Hoël gewesen war, nicht mehr recht wohl und munter gewesen; wenn aber Krummhorn nur erst ihre Knospen zu knabbern bekam, dann würde sie schon wieder gesund werden.

Obwohl sie listig etwas Sand darauf gestreut hatte, damit der Schnee rascher wegschmelzen sollte, lag an dem Tage, da Sidsel Langröckchen in den Stall ging, Krummhorn losband und ins Freie führte, freilich noch immer ein winziger Streifen Schnee oben auf dem Steine.

Krummhorn ging ruhig und würdevoll, bis sie vor die Stalltüre gekommen waren. Da blieb sie stehen, sah sich um und schnupperte gegen die Sonne. Sidsel zog an der Leine, sie wollte zu dem Heideflecken hinunter ziehen, wo sie die Birke stehen hatte, deren Knospen am weitesten vorgeschritten waren.

Krummhorn blieb unbeweglich stehen, als ob gar nichts los wäre; sie war so stark, daß sie nicht einmal den Hals reckte, so krampfhaft Sidsel auch an der Leine ziehen mochte. Sidsel ging da näher heran, um die Leine kürzer zu nehmen, aber da machte Krummhorn eine kurze Bewegung mit dem Kopf, stieß so heftig mit den Hörnern nach Sidsel, daß diese hinterrücks zu Boden fiel, und tänzelte dann gleichgültig davon.

Sidsel kam rasch wieder auf die Beine und setzte der Ziege nach. Als sie ihr aber endlich so nahe gekommen war, daß sie eben nach der Leine am Boden greifen wollte, da begann Krummhorn zu traben; sie galoppierte nicht, wie Ziegen zu tun pflegen, sie trabte wie eine Kuh oder ein Elch, trabte am Hause vorüber und schlug die Richtung nach Svehaugen ein. Sidsel ihr nach; aber so sehr sie auch lief, holte sie sie doch nicht ein. Schließlich stolperte sie über einen Stein, fiel hin, so lang sie war, und hatte gerade noch Zeit, die Augen aufzuschlagen und Krummhorn im Trabe über die Anhöhe verschwinden zu sehen.

Nun blieb ihr nichts andres übrig, als heimzulaufen und die Mutter zu holen, und dann setzten sie beide der Ziege nach. Aber das wurde ein langes Wettlaufen; erst dicht am Gatter von Svehaugen holten sie Krummhorn ein. Dort stand sie und sah gelassen durch die Zaunpfähle; sie dünkte sich offenbar zu gut, um, wie andre Ziegen, über den Zaun hinwegzusetzen, sie, die sich einbildete, sie wäre eine Kuh.

Rönnaug war von dem langen Laufen ganz warm geworden und in Schweiß gebadet, und am Abend, als sie zu Bett gegangen waren, sagte die Mutter, sie friere so erbärmlich. Das schien Sidsel sonderbar; denn als sie ihr Gesicht an den Hals der Mutter legte, war der so heiß wie ein glühender Ofen.

Am nächsten Morgen weckte die Mutter Sidsel und bat sie, zu Kari Svehaugen hinüberzugehen und sie zu bitten, sie möge zu ihr kommen und nach ihr sehen, sie fühle sich ganz elend und werde gewiß nicht aufstehen können.

Das kam Sidsel wieder seltsam vor; denn sie hatte die Mutter noch nie mit so geröteten Wangen und mit so lebhaften Augen gesehen. Aber auf einmal kam ihr alles so verwunderlich vor, daß sie kein Wort hervorbrachte, sondern sofort aufstand, sich eilig ankleidete und davonstürzte.

Nun kamen seltsame Tage oben im Guckausschloß. Wenn Sidsel Langröckchen späterhin an die Zeit zurückdachte, war es ihr, als sei es wie ein einziger schrecklich langer Tag gewesen, an dem so vielerlei geschehen war, was sie sich gar nicht recht klar machen und auseinanderhalten konnte. Alle Erinnerungen an diese Zeit waren wie Schatten, die in einem gelblich flammenden, bösartigen Licht vorüberdrängten und sich jagten, und durch all dies Gewirr hindurch hörte sie wie ein unablässiges Sausen ein schweres, wehes Atemholen.

Ihr war, als könne sie in der Ferne Kari Svehaugen erkennen, die still herumging und im Hause und im Kuhstall alles besorgte, und sie selbst hatte gewiß mehrere Male oben im Geäst einer Birke gesessen und Knospen gepflückt. Auch Lars Svehaugen glitt rasch an ihrem Auge vorüber, als hätte er es furchtbar eilig. Und dann war einer gefahren gekommen, im Pelz und mit großen, schweren Stiefeln, den alle umringten und dessen Worten sie lauschten; und mit ihm kam ein eigentümlicher Geruch, der gleichsam die ganze Stube ausfüllte, auch noch lange, nachdem er schon wieder fort war.

Ihr war auch, als hätte sie Kjersti Hoël auf einem Stuhle sitzen und allerhand gute Sachen aus einem großen Korbe auspacken sehen, und Jakob stand daneben und hatte ein großes Stück Rosinenkuchen in der Hand, an dem er kaute, immerfort kaute, als wäre es ihm unmöglich, den Rosinenkuchen hinunterzuwürgen. Am deutlichsten sah sie seine Augen, sie waren so groß und seltsam glänzend.

Dann war sie eines Morgens in blendend grauem Tageslicht erwacht. Und von da ab sah sie alles und konnte sich auf alles ganz deutlich besinnen. Sie lag in dem kleinen Kinderbette, in dem Jakob zu liegen pflegte, als er noch zu Hause war — sie mochte wohl alle diese Nächte darin gelegen haben — und Kari Svehaugen beugte sich über sie und sah auf sie herab. Es war ganz still; das schwere, wehe Atemholen konnte sie jetzt nicht mehr hören; es knisterte bloß im Feuer auf dem Herd, und ein warmer Luftstrom drang von dort herein.

Kari sagte ganz still:

Nun hat es deine Mutter gut, kleine Sidsel, so gut, wie sie es nie zuvor gehabt hat. Und deshalb sollst du auch nicht weinen.

Und Sidsel weinte auch nicht, sie stand bloß auf und ging ganz still umher den ersten Tag.

Und später gab es so viele Vorbereitungen zu etwas Feierlichem, daß sie kaum Zeit bekam, über die große Veränderung nachzudenken. Lars Svehaugen kam vom Krämer mit so viel feinem weißem, blankem Zeug, wie sie noch nie gesehen, und dann kam eine Frau und half der Kari, das Zeug zurechtzuschneiden und ein Kissen und ein feines, weißes Kleid daraus zu nähen, das die Mutter anhaben sollte, und auf dem weißen Kissen sollte sie liegen.

Lars Svehaugen kam wieder und begann eine neue Bettstelle für die Mutter zurecht zu zimmern; und gerade da kalbte Bliros, und das Kalb sollte geschlachtet werden. Und Lars brachte feine Tannenbüsche und hämmerte ein paar an der Tür draußen fest und andre auf die Gatterpfosten und streute Tannenreisig auf den ganzen Weg bis ans Haus heran. Und allerlei Sendungen kamen, eine solche Menge guter Sachen von Kjersti Hoël und von andern, daß Sidsel noch nie so viel Gutes gekostet hatte.

Und dann kam der Tag, an dem die Mutter zur Kirche gefahren und begraben werden sollte. Es kamen viele Menschen, und Jakob kam in neuen Kleidern aus grauem Fries und strahlte förmlich; und alle wurden bewirtet, und es war so still und feierlich. Sogar der Schulmeister kam in eigener Person und sang so schön, während Lars Svehaugen und drei andre die Mutter zur Tür hinaustrugen und auf einen Schlitten setzten. Darauf zogen sie langsam von dannen, die Anhöhe hinab, der Schlitten fuhr zuerst, und alle die andern schritten still hinterdrein. Unten aber standen zwei Pferde, und sie und Jakob durften wahrhaftig neben Kjersti Hoël selber im Schlitten sitzen und fahren.

Dann kamen sie zu der weißen Kirche; die Glocken läuteten so schön oben im Turm in dem Augenblick, als sie die Mutter durch die große Pforte hineintrugen.

Das weitere sah sie nicht mehr ganz deutlich; aber dessen entsann sie sich noch, wie sie die Mutter in die Erde hinabsenkten und grüne Heidekränze über sie streuten; darauf sang der Schulmeister wieder, und alle Mannsleute nahmen die Hüte ab und hielten sie lange vors Gesicht.

Darauf gingen sie fort und fuhren wieder im Schlitten; aber diesmal fuhren sie viel schneller; es war, als liefen die Zaunpfähle in der verkehrten Richtung mit einander um die Wette, und sie und Jakob versuchten, sie zu zählen, aber es ging nicht.

Und alle kamen wieder mit heim, Kjersti Hoël auch. Daheim hatte Kari Svehaugen, die nicht mit zur Kirche gegangen war, den Tisch mit einem weißen Tischtuch gedeckt und Teller und gutes Essen aufgetragen; und alle aßen und unterhielten sich, aber niemand sprach laut. Nach dem Essen nahm Sidsel Jakob mit in den Kuhstall und zeigte ihm Krummhorn. Oh ja, er mußte schon zugeben, es war eine ganz schöne Ziege; aber eklig war die sicher, das konnte er an ihren Augen sehen. Sie waren auch am Bache, um nach seiner Mühle zu sehen, aber die war verfallen, seitdem er so lange nicht hier gewesen war.

Dann wurden sie ins Haus gerufen und alle tranken Kaffee, und als sie damit fertig waren, begann Kari alles in Körbe einzupacken.

Als das getan war, sagte Kjersti Hoël:

Ja, nun sind wir wohl hier fertig. Du, Sidsel kannst Krummhorn an die Leine nehmen und mit mir gehen. Das war das letzte, was ich deiner Mutter versprochen habe.

So war es zugegangen, daß Sidsel Langröckchen zusammen mit Kjersti Hoël, Bär und Krummhorn bis zu dem Gatter gekommen war, und da geschah es, daß sie zurückblickte und dann zu weinen anfing.

Dort sah sie Kari Svehaugen einen großen Korb am Arme tragend und Bliros an der Leine nach sich ziehend auf dem einen Wege, und weiter weg auf dem andern sah sie den Rücken von Jakob, dem sie eben die Hand gegeben und Lebewohl gesagt hatte — er sah so merkwürdig klein und armselig aus der Jakob — und dort brachte Lars Svehaugen einen Tannenzweig an der Türklinke an zum Zeichen dafür, daß Schloß Guckaus nun leer stand, verschlossen und verriegelt.

Wenn das Vieh auf die Weide gelassen wird.

Sidsel Langröckchen erwachte in der kleinen Gangkammer, die unter der großen Treppe draußen auf dem Flur in Hoël eingebaut war. Sie schlug die Augen mit einem Mal weit auf und versuchte, sich zurechtzufinden. Sie fühlte ein wohliges, erwartungsvolles Erbeben im ganzen Körper, fühlte, daß sie zu etwas Großem, Wichtigem, etwas Neuem erwacht war, auf das sie sich ganz unvernünftig gefreut hatte; aber sie konnte nicht sofort darauf kommen, was es war.

Es war ganz hell in der kleinen Kammer, in der bloß ein Bett und ein Stuhl standen und sonst nur noch ein kleines Wandbrett hing mit einem Spiegel darüber.

Die Sonne schien quer in die Stube herein durch ein paar Fensterscheiben, die hoch oben in der Wand gerade über ihrem Bett angebracht waren, und zeichnete die Scheiben als zwei leuchtende gelbe Vierecke auf der Diele bei dem kleinen Ofen ab; die eine Ecke reichte weit bis zum Ofen hinauf. Sie folgte den Sonnenstrahlen mit den Augen, da traf die eine Ecke gerade auf etwas Hellgrünes, und gleichzeitig schlug ihr ein wunderlich feiner Duft entgegen. Sie sog den Duft ein — ja richtig — nun besann sie sich, es waren die feinen Birkenzweige, mit denen sie gestern ihr Kämmerchen geputzt hatte; draußen war keimender, sprossender Frühling, und heute sollte das Vieh auf die Weide gelassen werden, und die Kälber sollten Namen kriegen; heute sollte sie erst im Ernst ihren Dienst antreten, etwas für sich selbst werden, Hirtin auf Hoël.

Sie war nun schon einen ganzen Monat auf Hoël.

Aber bisher war sie gewissermaßen bloß zum Staate herumgegangen, hatte im Hause mit Kjersti herumgebastelt, Kleinholz für sie geholt, den Kaffee gemahlen und mit ihr geplaudert.

Die Schafe und Ziegen waren zwar bereits ins Freie gelassen, aber die durften noch überall hin, bloß in den Garten durften sie nicht hinein; aber den bewachte Bär. Im Kuhstall war auch nichts für sie zu tun; dort war außer der Sennerin noch die Stallmagd, und die zwei besorgten alle Arbeit. Eigentlich sollte eine Hirtin ja freilich melken können; aber sie meinten, Sidsel solle damit noch ein Jahr warten; sie habe noch zu kleine Hände, um Kühe zu melken. Und gar oft saß sie und maß ihre Hand und zog an den Fingern und fragte die Sennerin, ob sie nicht ihre Hände schon sehr groß fände; die Sennerin aber hatte gewiß schlechte Augen, denn sie konnte das gar nicht finden.

Krummhorn hätte sie ja eigentlich selber warten sollen, das meinte auch Kjersti, aber daraus wurde auch nichts. Denn die Ziege war so ganz unlenksam geworden, daß sie mitunter meinten, sie wäre geradezu verrückt. Im Ziegenstall ging sie von der einen Wand zur andern, sprang auf die andern Ziegen und die Schafe ein, daß es bloß so in deren Hinterbeinen krachte — zu guterletzt mußten sie Krummhorn an der Wand festbinden und auch dann noch die Leine ganz kurz machen. Und im Stall wollte sie sich überhaupt nicht melken lassen. Als Sidsel es das erste Mal versuchte, machte die Ziege einen mächtigen Satz und schlug so heftig mit den Hinterbeinen aus, daß Sidsel nach der einen und der Melkeimer nach der andern Seite rollten. Daraufhin mußte die Sennerin selber die Ziege melken; aber auch da konnte es bloß mit Anwendung von Gewalt geschehen, und ein Zweites mußte Krummhorn an den Hörnern festhalten.

Und kam sie vollends ins Freie, so war sie nicht zu bewegen, den andern Ziegen auf den Anger hinauf zu folgen, um Futter zu suchen, frech stellte sie sich an der Tür zum Kuhstall auf, und hier stand sie unbeweglich den ganzen, geschlagnen Tag — und brüllen tat sie, wie eine Kuh, sagte der Knecht — so daß sie am Abend, wenn die andern satt und vollgefressen heimkehrten, mager und hungrig wie ein Wolf war.

Sidsel meinte zwar, wenn sie einen Stand im Kuhstall kriegte, so würde sie schon wieder vernünftig werden; aber dazu sagten Kjersti wie die Sennerin nein — eine Ziege dürfe nicht solche schlechte Angewohnheit gelehrt bekommen.

Sidsel hatte deshalb nicht weiter viel zu tun gehabt; das Einzige, wozu Kjersti sie angestellt hatte, war, ihr Kämmerchen hübsch in Ordnung zu halten, und das hatte sie auch immer getan. Jeden Morgen machte sie selbst ihr Bett, und jeden Sonnabend scheuerte sie den Fußboden und das Wandbrett und streute Wachholder. Und letzten Sonnabend war denn auch Kjersti gekommen, hatte zu ihr hereingeguckt und gesagt, sie hielte ihre Schlafkammer ordentlicher und sauberer als die erwachsnen Mägde; und das war nicht gelogen, das hatte sie selber gesehen.

Nun sollte es aber anders werden. Gestern abend war Kjersti zu ihr gekommen und hatte gesagt, heute früh sollte das Vieh auf die Weide gelassen werden, und da müsse sie mit dabei sein; späterhin am Tage sollten die Kälber zum ersten Mal ins Freie kommen, und die müsse sie wenigstens den ersten halben Tag hüten, und weiterhin solle sie ihnen Namen geben, Namen, die sie auch für später behalten sollten, bis sie große, alte Kühe würden. Am nächsten Tage dann sollte sie den Ranzen aufgeschnallt kriegen und mit den Schafen und Ziegen in den Wald ziehen. Denn nun ging es nicht länger an, die Tiere noch auf dem Anger grasen zu lassen.

Jetzt besann sie sich auch; diese Namen waren es gewesen, über die sie gestern abend im Bett nachgedacht hatte; aber noch war sie damit nicht weiter gekommen, als darüber nachzudenken, ob nicht die feine rotbraune, die mit dem großen, weißen Fleck am Kopfe und mit den sanften, gutmütigen Augen, Bliros heißen sollte.

Aber sie hatte den Gedanken bald aufgegeben. Es war doch nur eine einzige Kuh, die Bliros heißen konnte. Ach, sie mochte am liebsten gar nicht daran denken. Und darüber war sie eingeschlummert.

Wenn sie es nur nicht verschliefe! Denn sie hatte Kjersti sagen hören, sie könne es nicht ausstehen, wenn die Mägde am Morgen so lange liegen blieben und die Zeit vertrödelten — und es wäre ja auch keine Art gewesen, wenn sie gerade heute, wo sie im vollen Ernst den Dienst beginnen sollte, nicht ebenso früh zur Stelle gewesen wäre wie die andern.

Sie kam rasch aus den Federn und schlüpfte in ihren langen Rock. Dann machte sie schnell ihr Bett, öffnete die Tür, ging in den Flur und auf die Treppe hinaus.

Die Sonne war eben im Osten über den obersten Tannenwipfeln auf der Halde emporgekommen und brauste nun wie ein schäumender Wasserfall über die Talränder nieder; die Sonnenstrahlen zitterten im Tau auf den Wiesen und Halden; es blinkte im Gelben, es glitzerte im Grünen, es blitzte in den Bächen, die talabwärts rauschten. Aus jedem Gebüsch kam ein lustiges Zwitschern und Piepsen, ein unaufhörliches Schwätzen und Flügelschlagen, von allerorten kam die frohe Kunde keimenden Lebens und Treibens.

Alles vermischte sich zu einem einzigen, mächtigen Morgenbrausen, in dem der einzelne Laut verschwand, nur der Kuckuck rief hoch oben im Birkenwäldchen auf der Halde so laut, daß man ihn über alles hinweg hörte, und in jedem blanken Fenster stand ein großes, ruhiges Sonnenauge.

Und wie es Tausenderlei verschiedene Arten Laute gab, so gab es tausend verschiedene Düfte, von der dampfenden Erde, von sprossendem Gras, von Knospen und Blüten, und durch das Ganze drang — wie der Ruf des Kuckucks in dem großen Gebrause — der feine, scharfe, betäubende Brodem des eben aufgesprungenen Birkenlaubs.

Sidsel Langröckchen blieb eine Weile stehen, holte tief Atem und ließ den Duft und das Brausen auf sich eindringen. Dann sah sie sich auf dem Hofe um. Es war noch ganz still, alle Türen waren noch geschlossen; von lebenden Wesen, die zum Hof gehörten, war nur Bär zu sehen, der sich langsam von den Steinfliesen erhob, wo er sichs in der Sonne bequem gemacht hatte; er kam heran, sah zu ihr auf und wedelte mit dem Schwanze.

Ja wahrhaftig, sie war heute die Erste, die auf dem Hofe auf war!

Nun, da mußte sie eben warten. Sie setzte sich auf die Treppe.

Aber nein, das hätte sie sich doch denken können — natürlich war Kjersti schon auf; sie hörte sie aus ihrer Kammer in die Küche gehen und mit dem Stecken dreimal an die Decke zur Südkammer pochen, in der die andern Mägde schliefen.

Gleich darauf hörte sie plumps, plumps, wie eine nach der andern aus dem Bette sprang, und das Klappern der Holzschuhe, die sie anzogen.

Dann kam Kjersti heraus — sie wollte nach der Knechtekammer hinüber, um die Burschen zu wecken.

Als sie Sidsel sah, sagte sie:

Nein, da ist ja Sidsel schon auf den Beinen. Du bist mir ein flinkes Mädel, ich meine, ich muß dich zur Großmagd machen.

Sidsel wurde auf einmal so verlegen, daß sie sich gar nicht getraute, Kjersti in die Augen zu sehen. Als aber endlich die Sennerin und die andern Mägde die Treppe herabkamen, hob sie unwillkürlich ihr Stumpfnäschen noch ein bißchen höher als sonst.

Bald herrschte überall auf dem Hofe emsiges Leben und Treiben; aber es war doch nicht wie gewöhnlich. Jedes hatte heute Eile, und es war, als ob alles die Richtung auf den Kuhstall hin nähme; die Türen standen weit offen an beiden Seiten des Stalles, und alle nahmen ihren Weg durch den Stall hindurch. Die Frühlingsluft strömte ungehindert hinein, und die Kühe drehten sich in ihren Ständen um, bliesen die Nüstern auf und schauten hinaus.

Als Kjersti selber hineinging, mit den Kühen redete und der Schellenkuh die Backen klopfte, während die Mägde dasaßen und molken, da begriffen auch die Tiere sofort, was für ein Tag heute war. Die Schellenkuh hob den Kopf und brüllte, daß es weit hinausschallte, und das war für alle andern das Zeichen; sie rissen an den Ketten, schlugen mit den Schwänzen und begannen ebenfalls zu brüllen, eine nach der andern, die ganze Reihe abwärts, so daß der Stall förmlich erbebte, ein vielstimmiger, erwartungsvoller Jubelruf, der gar kein Ende nehmen wollte.

Und über das Ganze hinweg hörte man den Bullen, der so tief, gleichmäßig und gutmütig brüllte — er brauchte sich gar nicht anzustrengen, um gehört zu werden.

Obwohl heute alles rascher vor sich ging als sonst, schien es Sidsel Langröckchen doch, als dauerte es lange. Sie konnte nicht begreifen, wo die andern die Ruhe hernahmen, dazusitzen und gelassen ihr Frühstück zu verzehren. Sie war lange vor den andern fertig und fragte, ob sie nicht das Kleinvieh herauslassen dürfe, die Schafe und die Ziegen. Das dürfe sie schon, wurde ihr geantwortet. Im Handumdrehen hatte sie die Tiere ins Freie gebracht, und wie gewöhnlich zerstreuten sie sich rasch mit mutwilligen Sprüngen und langen Sätzen über die Wiesen hin — nur Krummhorn nahm die Gelegenheit wahr und schlüpfte durch die offne Tür in den Kuhstall hinein. Aber Sidsel hatte keine Zeit, das zu beachten.

Auf einmal wurde es einen Augenblick ganz still; man hörte ein paar tiefe, volltönende Schläge einer groben Schelle. Aber es war nur ein Augenblick; dann antwortete vom Kuhstall her ein Jubelgebrüll, Brummen, Schnauben, Schnieben und Kettenklirren, als ginge ein schweres Gewitter über den Hof nieder. Jetzt verstanden die Tiere, daß es wirklich Ernst war, als sie die Schelle hörten, die sie, seitdem sie im Herbst in den Stall gekommen waren, nicht wieder gehört hatten.

Und da kamen sie in feierlichem Zuge, Kjersti selbst an der Spitze, die Schelle mit dem eisenbeschlagenen Kloben in der Hand, hinter ihr die Sennerin, dann die Untersennerin, die Stallmagd und darauf die beiden Knechte, die dicke Knüppel austeilten, — auch Sidsel bekam einen — und zu allerletzt Bär, der heute auch mit dabei war.

Sie gingen in den Stall hinein. Da wurde es mit einem Mal wieder still; alle Kühe drehten die Köpfe nach der Seite, von wo der Zug hereinkam, und sahen mit großen, erwartungsvollen Augen drein.

Dann wurde das Vieh verteilt. Die Sennerin sollte die Ketten lösen. Sidsel, die Untersennerin und die Stallmagd sollten es mit ihrem Stecken durch die Tür hinausleiten; draußen im Viehgatter sollten die Knechte bereitstehen, um die Tiere in Empfang zu nehmen und auf den rechten Weg zu bringen — das Vieh sollte heute auf den Nordanger — und diejenigen, die zusammengerieten, trennen, und draußen wollten Kjersti und Bär stehen und sich das Schauspiel durch das Gatter ansehen.

Der große Augenblick war gekommen.

Kjersti ging zur Schellenkuh in den Stand hinein. Die richtete sich auf, hob stolz den Kopf, so hoch sie vermochte, und stand bumsstille, wie eine Mauer. Sie wußte genau, daß sie die vornehmste hier war, die als erste durch die Stalltür aus- und eingehen durfte; sie mußte aber auch zeigen, daß sie die Ehre wohl zu würdigen verstand, von Kjersti selbst das Ehren- und Machtzeichen, die Schelle, an- und abgeschnallt zu bekommen. Kjersti band ihr die Schelle um den Hals und löste ihr die Kette, die klirrend zu Boden fiel. Da schwenkte die Kuh langsam und bedächtig, wie ein großes, schweres Schiff, aus dem Stande heraus; feierlich und ernst nahm sie die Richtung auf die Tür zu, den Kopf hoch haltend und so ruhig, daß man kaum die Hörner sich bewegen sah, und die Schelle gab bloß einen kurzen, bestimmten Ton bei jedem Schritte.

Der nächste war der Bulle; dem löste die Sennerin die Kette; der ging ebenso ruhig und schwerfällig, und seine Hörner ragten so hoch, daß sie beinahe das Dachgebälk streiften, und waren so breit, daß es aussah, als füllten sie den ganzen Mittelgang aus. Sidsel hatte noch nie bemerkt, daß er so groß war. Und dann kamen der Reihe nach die andern, Brandros und Morlik, Kranslin und Reindrople, Svartsi und Drive, Farskol und Litago, Sommerlöv und Spasergang, Mörkei und Guldros, die ganze, lange Reihe abwärts bis zu den Färsen, deren Namen keines richtig behalten konnte, und die jungen Ochsen, die überhaupt keine Namen hatten. Und je weiter sie den Gang hinunterkamen, um so schneller ging es; sie streckten die Hälse und zerrten an den Ketten, sie stürzten auf die Kniee, wenn die Kloben an den Ketten nachgaben, sprangen wieder auf, daß es in den Gelenken krachte, liefen geradeswegs gegen die Wand oder oben in den Futtergang hinauf, scharten sich dann alle bei der Tür zusammen, kamen zwei und zwei nebeneinander her, liefen sich so fest, daß ihre dicken Bäuche wackelten, und bereits kamen neue von hinten nach und drängten vorwärts, schlugen mit den Hörnern, stießen und brüllten; plötzlich gab dann der Widerstand vorn nach, und der ganze Klumpen stürzte ins Freie.

Das Letzte, was Sidsel sah, war Krummhorn, die hinten ausschlug und mit einem langen Satz durch die Stalltür den andern nachsetzte.

Draußen war Lärm und Leben. Sie hoben die Köpfe, schnauften nach der Halde hinauf, und dann wurden sie wie besessen; alte, steifbeinige Kühe schlugen übermütig wie die Kälber mit den Hinterbeinen aus, machten mutwillige Sätze über den Hof hin, gerieten in ihrer Ausgelassenheit aneinander, daß die Hörner nur so krachten, stießen ein kurzes, wildes Gebrüll aus, wenn sie den kürzeren zogen, und fuhren auf eine zweite und dritte los — das Ganze ward ein einziger großer Wirrwarr von Schnaufen und Brüllen, Krachen der Hörner und Knacken der Gartenzäune, Aufklatschen und Knallen der Stecken, Rufen und Schreien von Menschenstimmen; und durch den Wirrwarr hindurch bahnte sich der Bulle, auf und abschreitend, die Hörner hoch über dem Ganzen, den Weg wie ein gewaltiger Schneepflug.

Nur die Schellenkuh stand ruhig ein Stück abseits und sah zu; ihr wagte keines zu nahe zu kommen.

Endlich war die Sennerin an die Spitze des Zugs gekommen und begann zu locken; da hob die Schellenkuh den Kopf, brüllte, daß es weit über den Hof schallte, und sprang hinterdrein. Ihr nach kam Brandros, die immer noch voller Wut schnaubte; nun hatte sie alle gezüchtigt, die es überhaupt der Mühe wert waren, und hatte sie auch nicht die Schelle bekommen, wollte sie doch wenigstens die nächste nach der Schellenkuh sein. Ihr wieder dicht auf den Fersen kam Krummhorn angesetzt, den Kopf hoch und mit wichtiger Miene; aber Brandros verstand heute keinen Spaß, schlug mit dem einen Hinterbeine aus und traf sie so mitten auf den Kopf, daß es Krummhorn vor den Augen flimmerte. Aber die Ziege schüttelte bloß den harten Schädel — tat, als wenn gar nichts geschehen wäre — das war wohl so Sitte unter Kühen.

Das Locken der Sennerin wurde immer lauter, eine nach der andern wurde aufmerksam, kam nachgesetzt, und bald lief der ganze Haufen unter lautem Schnaufen und Brüllen, Rufen und Schellenklang, Locken und klatschenden Schlägen hastig zum Nordanger hinauf.

Dort oben war das Gelände flach und weit weniger gefährlich; das Jungvieh tänzelte in wildem Spiele herum, und hier fand der letzte Kampf statt zwischen denen, die die Kräfte noch nicht gemessen hatten; denn dieser erste Kampf war für den ganzen Sommer entscheidend. Aber bald beruhigten sie sich, und ein paar Stunden später grasten sie friedlich Seite an Seite.

Die Knechte fingen an, heimzugehen. Bloß die Sennerin und Sidsel sollten noch eine Weile zurückbleiben, um aufzupassen, daß nichts geschah. Und richtig, es geschah etwas.

Brandros war die einzige, die sich nicht beruhigen konnte, schnaufend schritt sie hin und her — eigentlich hätte sie die sein sollen, die die Schelle trug — und mit einem Mal fuhr sie wie toll auf die Schellenkuh los. Es entstand ein Ringkampf, daß die Rasenstücke nur so in der Luft herumflogen; dann hörte man ein Krachen und ein kurzes, wildes Brüllen — Brandrosens eines Horn hing gebrochen herab und schlenkerte hin und her. Sie schüttelte den Kopf, daß das Blut weit herumspritzte, stieß von neuem ein lautes Brüllen aus, kehrte um und setzte in langen Sprüngen geradeswegs nach dem Hof zurück, auf die Stalltür zu, und dort begann sie zu brüllen, als ob sie den ganzen Gutshof niederreißen wollte.

* *
*

Nach dem Mittagessen wurden die Kälber herausgelassen. Sidsel taufte sie Gulddrople, Rödsi und Morskol — der Ochse sollte noch keinen Namen bekommen —; sie sah wohl, daß Kjersti sich darüber wunderte, daß sie kein Tier Bliros genannt hatte, aber sie ließ sich nichts merken.

Sie trieben sie aus dem Verschlage heraus und über den Boden des Stalles hin in der Weise, daß jede von den Mägden ihnen einen Bottich mit etwas Dünnmilch vorhielt; die Kälber fuhren mit den Köpfen in die Eimer bis auf den Boden, die Mägde liefen dann mit den Kübeln voran, und die Kälber, die auch den letzten Tropfen mitnehmen wollten, ihnen nach, den Eimer wie große Hauben über den Köpfen tragend. Draußen vor der Stalltür schnappten die Mägde ihnen die Kübel wieder weg — und da standen sie, die noch niemals zuvor außerhalb des Verschlags gewesen waren, auf einmal inmitten der großen, wunderlichen, neuen Welt.

Sie sahen nieder und stelzten rückwärts, als ständen sie auf einer Treppe. Aber bald wagten sie, vorsichtig den einen Fuß vorzusetzen, dann den andern.

Es ging langsam, Schritt für Schritt, aber dann — dann begriffen sie, daß sie auch hier festen Grund unter den Füßen hatten; dies war bloß ein größerer, aber so herrlich heller Verschlag, wo es gewiß weit bis zur Wand war — schwupp! reckten sie die Schwänze gerade in die Höhe und setzten davon wie die wildesten Waldtiere.

Das war ein Gelaufe von Zaun zu Zaun, der Kreuz und Quer und rund im Kreise über die weiten Felder hin, und jedes Mal, wenn sie über einen Erdhaufen wegliefen, sahen Kjersti und Sidsel die aufgerichteten Schwänze sich wie Steuer gegen den Himmel abzeichnen. Sidsel fand, sie habe noch nie so etwas Lustiges gesehen. Aber lange blieben sie nicht beisammen; bald lief jedes in andrer Richtung, und am Abend mußte Sidsel sie einzeln aus den entlegensten Winkeln auf dem Felde zusammensuchen und eins nach dem andern wieder mit einem Eimer heimlocken; denn begreiflicherweise hatten sie noch nicht genügenden Verstand, um zu wissen, daß sie auch wieder nach Hause müßten, sie, die zum ersten Male im Freien waren.

* *
*

Sidsel lag wieder in ihrer kleinen Gangkammer. Es war am Abend des ersten Tages.

Erst sprach sie das kurze Nachtgebet, wie sie zu tun pflegte, streckte sich und fühlte sich wundervoll wohlig und müde im ganzen Körper.

Was das für ein Tag gewesen war! Sie wußte er war lang gewesen; aber wie schnell war er ihr vergangen. Sie mußte wirklich alles noch einmal überdenken.

Aber der Schlummer überraschte sie und warf die Bilder bunt durcheinander.

Dort sah sie ein paar große Hörner, die wie ein Schneepflug durch ein unentwirrbares Gewimmel hindurchpflügten, und dort wieder sah sie Brandros in ihrem Stande stehen; den Kopf zur Seite geneigt und einen großen Lappen um das eine Horn gewickelt, glich sie genau einem alten Weibe, das sich Kopfschmerzen wegen ein Tuch um die Stirn gebunden hat; und dort — ihr war, als sähe sie deutlich einen Vers geschrieben, den sie einmal gehört hatte:

Kälbchen springen, Schwänzchen schwingen

Hoch in der Luft.

Und dann schlummerte Sidsel Langröckchen ein.

* *
*

Am nächsten Tage bekam Sidsel Langröckchen den Hirtenranzen aufgeschnallt und zog mit dem Kleinvieh in den Wald — Krummhorn bekam sie nicht mit; die trabte spornstreichs nach dem Nordanger hinauf zu den Kühen.

Dieser Tag wurde ihr lang; es war so wunderlich einsam und still im Walde; sie mußte unwillkürlich an so vielerlei denken, an die Mutter, an Jakob und an Schloß Guckaus, und da konnte es wohl geschehen, daß ihr die Tränen kamen.

Die Alpfahrt.

Die Halde jenseits des Tals hinauf zieht ein langer Zug.

Am Kammerfenster daheim steht Kjersti Hoël und folgt ihm mit den Augen, soweit sie vermag, bis er über dem Bergkamm im Gebirge verschwindet.

An der Spitze reitet die Sennerin auf dem Soldatenpferd,[1] dem ein Frauensattel aufgeschnallt worden ist, ein hohes Gestell wie ein Lehnstuhl; und dort hoch oben thront sie in sonntäglichem Putz, im weißen Kopftuch, rotbäckig, rund und selbstbewußt. Nun ist sie die Hauptperson, diejenige, die das Regiment führt.

Nach ihr kommen zwei Knechte, jeder leitet eins der beiden Saumpferde, die unter dem schweren Packsattel im Rücken förmlich einsinken. Darauf kommt das Vieh in stolzem Zuge. Erst die Schellenkuh, dann Brandros mit ihrem schiefen Horn, dicht hinter ihr Krummhorn, darauf Mörkei und dann die ganze Schar — mit Ausnahme von Farskol und Litago, die heuer Stallkühe sein und die Kälber anlernen sollen, mit auf die Weide zu gehen — bis zum Stier, der zuletzt geht, als hätte er auf die ganze Schar aufzupassen. Dann kommen die Ziegen, die es immer eilig haben und gern an den andern vorbeikommen möchten; darauf die Schafe in einem dichten Klumpen, weiterhin vier große Schweine, und schließlich die Untersennerin und Sidsel Langröckchen mit dem Hirtenranzen auf dem Rücken.

Im Anfang ist es flott wie im Tanze gegangen; alle erinnern sich des Gebirges vom vorigen Sommer her, alle haben sich dorthin zurückgesehnt, es geht keinem rasch genug vorwärts. Aber je weiter sie bergauf steigen, desto steiler wird es, die Sonne steigt höher und brennt ihnen auf den Rücken; die Schweine fangen an, zurückzubleiben, versuchen, bei jedem Seitenpfad einen Abstecher zu machen, lauern nur darauf, etwas Schatten zu erhaschen oder eine Pfütze zu finden, in der sie sich abkühlen können; die Ziegen und Schafe merken, daß sie hungrig werden, schlüpfen zur Seite, wo sie einen Busch sehen und ein paar Blätter abknabbern können, oder sie entdecken ein Gatter, durch das sie neugierig hindurchgucken müssen, oder einen grünen Fleck; und die Färsen, die bisher noch nicht mit auf der Alp gewesen sind, begreifen gar nicht, wozu die unnötige Eile, und tun einfach nicht mehr mit, wenn nicht der Stecken über ihnen ist.

Also muß Sidsel oft vom Wege abbiegen, hinauf auf Seitenpfade, hinter Büsche und Sträucher, hinab ins Waldgestrüpp und in den Moorgrund und sie einzeln wieder auflesen, und kaum hat sie sie auf der einen Seite des Weges zusammengetrieben, so wischen sie ihr auf der andern wieder aus.

Sie hat eins ihrer Strumpfbänder nehmen müssen, um den langen Rock heute damit aufzubinden, damit er ihr nicht im Wege ist; denn sie muß tüchtig laufen und sich abmühen, ununterbrochen locken und rufen.

Es ist wirklich ein schweres Stück Arbeit; das blonde Haar wird ganz feucht, und ihr Gesicht ist so rot wie eine Preiselbeere; aber sie merkt es gar nicht, so ist sie in Anspruch genommen von all dem, was sie zu tun hat. Denn sie ist den ganzen Sommer über für das Kleinvieh verantwortlich, daß keins verloren geht und daß alle fett und blank zum Herbst wieder heimkommen; sie und die Sennerin haben gewissermaßen die Verantwortung, jede für ihren Teil des Viehbestandes, und wenn es auch bloß die Nachhut ist, die sie hat, so will sie doch nicht die Schande auf sich sitzen haben, daß sie nicht alle vorwärtsbringen könne.

Langsam steigen sie höher und höher hinauf, bald liegt das ganze Tal breit und hellgrün tief unter ihnen. Die Tannen werden niedriger und kahler, die kleinen Birken dichter, bald treffen sie die ersten Abgesandten der Krähenbeere und Zwergbirke. Aber nun sind sie auch über den Bergkamm gekommen.

Da ist es allen, als ob eine schwere Bürde von ihnen genommen wäre, alle Müdigkeit ist von Volk und von Vieh wie weggewischt, die ganze wunderbare Ruhe und Frische des Hochgebirgs strömt auf sie ein, sie befinden sich wie in einer neuen Welt; vor ihnen liegt das Gebirge mit seinen unendlichen Höhenzügen und Abhängen, bis es sich weit, weit in der Ferne in den blauenden Bergspitzen mit ihren weißen Schneestreifen verliert; und sehen sie zurück, so ist das Tal weg, versunken; jenseits sehen sie ebenfalls weite Bergrücken mit blitzenden Wassern und grünen Matten.

Alle holen tief Atem und sehen sich um; eine feierliche Ruhe kommt über alles; ganz von selbst ordnet das Vieh sich auf dem steinigen Weg, der sich schier ins Unendliche vorwärts schlängelt; sie versuchen nun nicht mehr zu entwischen, sondern gehen gleichmäßig und langsam. Nun bekommt auch Sidsel Zeit, sich umzuschauen. So weit hat sie noch nie sehen können, und hier oben soll sie den ganzen Sommer über bleiben!

Sie fühlt sich auf einmal so wunderlich klein und nichtig inmitten dieser überwältigenden, großartigen Natur; aber ihr wird gar nicht bange, nur feierlich und still zu Mute.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken vorwärts, über diesen Tag, diesen Sommer, über viele Sommer hinaus; einmal wird sie groß und erwachsen sein, wie die Sennerin, die sie dort hoch zu Roß sieht, einmal wird vielleicht auch sie so sitzen und an der Spitze reiten.

Die Saumpferde wollen trotz ihrer schweren Last nicht langsam gehen, sie greifen aus, überholen die Sennerin, und bald sind sie über einen Bergkamm verschwunden, allen weit voran. Der Zug kommt langsam nach, Stunde um Stunde geht es vorwärts über Auen und Bäche, an Sennen und Moorgründen und klaren Gebirgswässern vorüber.

Sidsel darf sogar aufsitzen und eine Weile an Stelle der Sennerin reiten, die gern ein Stück gehen will.

Der Abend rückt heran. Jetzt ziehen sie hoch oben durch eine tief eingeschnittene Kluft in der Bergwand, die sie frühmorgens in weiter Ferne sahen, und nun geht es wieder bergabwärts; sie begegnen Birken und einer vereinzelten, verkrüppelten Fichte, und von unten herauf dringt das Rauschen eines großen Flusses. Nun stehen sie am Rande des Hochtals, wo die Hoëlalp liegt, und sehen hinab. Da unten auf einer weiten Matte liegt die Alp friedlich und grün, drei Sennhütten, Högseth, Lunde und Hoël. Aus zweien steigt der Rauch aus dem Schornstein empor in die stille Abendluft.

Sie bleiben stehen und halten Umschau: Dort also sollen sie den Sommer verbringen!

Die Kühe beginnen zu brüllen, und das Kleinvieh drängt sich vor und eilt den Weg hinab. —

Am nächsten Morgen treibt Sidsel schon früh die Schafe und Ziegen über die Matte auf der Hoëlalp. Sie hat keinen Ranzen; denn hier oben auf der Alp soll sie um die Mittagszeit heim zur Sennhütte.

Es ist strahlender Sonnenschein. Die Kühe sind bereits im Freien und traben in einer langen, schnurgeraden Linie von dannen, die Schelle ertönt in gleichmäßigen, tiefen Tönen, ihr Klang vermischt sich mit dem ebenso tiefen andrer Schellen von den Nachbarsennen, und mitten in dies ernste, feierliche Geläute klingt das feine, rasche Tingeln der kleineren Schellen der Ziegen und Schafe.

Nun soll Sidsel hinein in dieses große Unbekannte, wo sie nie zuvor war. Die Sennerin hat ihr deshalb auch gesagt, sie solle sich heute zum erstenmal nicht zu weit weg wagen, damit sie sich wieder nach Hause zurückfinde; sie solle sich nach den anderen Hirten richten und sich nur in deren Nähe halten — sie wüßte übrigens nicht ob es Buben oder Mädel wären, die heuer auf Högseth und Lunde hüteten.

Sidsel sah immerfort zurück, um sich die Richtung des Weges zu merken, und es wurde ihr förmlich schwer, die Sennhütte aus den Augen zu lassen. Aber das Vieh lief schnell von dannen, sie mußte ihm nacheilen, um es nicht ganz zu verlieren, und auf einmal, als sie sich wieder umsah, war die Hütte verschwunden; rings umher war bloß das unendliche Gebirgsland mit Anhöhen und Gründen und hohen Berggipfeln in weiter Ferne, und es war so weit und still, man hörte nur die Schellen, nicht einmal das Rauschen des Flusses drang bis hier herauf.

Sie fühlte sich auf einmal so unendlich einsam, so weit weg, fühlte ein so heftiges Bedürfnis, ein lebendes Wesen zu liebkosen, daß sie in die Herde hineinging und bald das eine, bald das andre der Tiere an sich zog und streichelte und hätschelte, und bald wurde die Schellenziege ganz eifersüchtig, stieß die andern weg und schmiegte sich schmeichelnd an sie. — —

Ho—i—ho, ho—i—ho! ertönte es plötzlich, daß es weit über das Gebirge schallte. Die Ziegen spitzten die Ohren, und Sidsel blieb gleichfalls stehen und horchte mit verhaltenem Atem; der Ruf kam so unerwartet, sie konnte nicht unterscheiden, aus welcher Richtung, wie aus allernächster Nähe und doch wieder wie von allen Seiten auf einmal.

Ho—i—ho, ho—i—ho! klang es noch etwas stärker.

Bald darauf hörte sie Schellen, viele Schellen gleichzeitig, und dann sah sie einen großen Haufen Schafe und Ziegen im Zug über den Bergkamm kommen.

Das mußten wohl die andern Hirten sein. Dort in der Ferne sah sie nun auch zwei Strohhüte über die Anhöhe auftauchen, und nach und nach wuchsen zwei lange Burschen empor, mindestens so groß wie der Jakob.

Sie wurde so verschüchtert, daß sie sich niederkauerte und hinter einem Erdhügel versteckte.

Die Burschen beschatteten die Augen mit der Hand und sahen hinab. Ho—i—ho! Sie lauschten. Ho—i—ho! Keine Antwort.

Ho hei, du Bursch im Hoëlsennerrock,

Bist du ein Mann, so zeig dich doch!

Sie standen eine Weile still. Dann machten sie ein paar Luftsprünge, schlugen einen Purzelbaum und liefen ein Stück weiter, den Abhang hinab, juchheiten und riefen von neuem. Dann machten sie wieder Halt und horchten, als wären sie ihrer Sache nicht sicher.

Ho—i—ho! Sie lauschten von neuem.

Liegst du verborgen hinter Busch und Stein,

Komm vor, laß sehen, ob du hast Mark im Bein!

Darauf kamen sie vollends herab zu Sidsels Herde und sahen sich um. Nein sie sahen niemand. Das mußte wirklich ein Teufelskerl sein, der neue Hirt auf Hoël, daß er sich gleich am ersten Tag von seiner Herde so weit wegwagen durfte. Das war sicherlich einer für sie! Vielleicht hatte er von ihrem Badeteich drunten im Moorgrund gehört; — war vielleicht schon dort!

Ja, ja, dann mußten sie wohl seine Herde mitnehmen und dorthin gehen; aber erst noch einmal juchheien — vielleicht war er gar nicht so weit weg und konnte sie hören, wenn sie ordentlich laut schrieen.

Ho—i—ho! Das Echo ertönte lang wie ein hallender Donner.

Als es wieder still geworden war, kam es aus allernächster Nähe, zitternd und dünn wie das Piepsen eines Vogels:

Ho—i—ho! Es war Sidsel Langröckchen; als sie hörte, daß sie ihre Herde mit forttreiben wollten, da meinte sie sich denn doch zu erkennen geben zu müssen, obschon es ihr furchtbar unangenehm war.

Die Buben blieben aufs äußerste überrascht stehen. Dort hinter dem Erdhaufen wuchs ein kleines, winziges Wesen langsam empor, wie ein richtiger, kleiner Bergkobold mit karriertem Halstuch und einem weiten, viel zu langen Weiberrock, blieb unbeweglich stehen und starrte sie mit großen, verlegenen Augen an.

Auch sie wurden etwas verlegen; da waren sie hergelaufen gekommen, hatten grobe Worte gebraucht gegen so ein armes, kleines Geschöpf! Aber ärgerlich wurden sie auch. Sie hatten sich schon auf einen gleichaltrigen, ebenbürtigen Kameraden gefreut.

Da konnte man sehen, daß ein Frauenzimmer auf Hoël das Regiment führte, nicht einmal einen Hirtenbuben hatten die!

Wäre es wenigstens noch ein ordentliches, großes Frauenzimmer gewesen, ihretwegen größer, als sie selbst waren; die hätten sie wenigstens veralbern und jagen können — aber mit dem Rumpelstilzchen da! Nein, erwachsene Burschen mußten sich ja schämen, mit so einem Ding sich zu befassen; gegen diesen Zwerg konnten sie doch wirklich weder Mundwerk noch Fäuste gebrauchen. Aber immerhin, mit ihr reden und sie aushorchen, ob nicht doch vielleicht späterhin ein andrer Hirt käme, mußten sie gleichwohl, und dann brauchten sie sich nicht weiter um das Mädel zu kümmern; sie mußten sich eben heuer den Sommer die Zeit allein vertreiben.

Nur ein bißchen Angst machen wollten sie ihr, damit sie ihnen vom Leibe blieb.

Sie kamen heran und stellten sich, die Hände in den Hosentaschen, herausfordernd vor Sidsel auf. Der eine sagte:

Du bist’s also, die heuer Hirtin auf Hoël sein soll?

Ja — und sie setzte, wie um sich zu entschuldigen, rasch hinzu, ja, es war Kjersti selber, die es so haben wollte.

Wie heißt du denn?

Sidsel — — und Jakob nennt mich Langröckchen.

Wo bist du denn her?

Aus Guckaus.

Du bist doch nicht gar die Schwester von Jakob Guckaus? Wir sind im Winter zusammen in die Schule gegangen.

Ja, die bin ich.

Warum konnte denn aber der Jakob nicht selber kommen? Denn daß du’s nur weißt, ein kleines Mädel können wir hier oben nicht brauchen.

Er stand eine Weile und wartete auf Antwort. Da aber Sidsel nichts zu antworten wußte, fuhr er fort: Ja, was wir sagen wollten, ich, Jon Högseth, und der da, Peter Lunde — halte dich hübsch von uns fern! Untersteh dich nicht, auch nur ein Haarbreit über den Strich vom Klininggrautfelsen hinunter nach dem Skraamoor und hin zum Pegeflecken beim Högsethsteig zu kommen, und laß dir’s nicht einfallen, auf unsrer Seite zu hüten; sonst kriegt im Winter der Jakob all die Hiebe, die du eigentlich hier im Sommer hättest bekommen sollen!

Sidsel wurde es angst und bange zu Mute, und ihre Mundwinkel begannen, unsicher zu zucken. Da sagte der andere Bursche, der etwas kleiner war:

Aber du, der Jakob ist stark, der kriegt dich unter.

Aber nicht, wenn ich mich geübt habe — hoi!, dabei machte er einen hohen Luftsprung und fuchtelte übermütig mit den Armen in der Luft herum.

Da kannst du sehen, was dem Jakob bevorsteht. Nimm dich also in acht! Und nun ziehen wir zum Skraamoor und baden. Hoi—ho!

Mit lautem Juchhei und Geschrei stiegen sie wieder die Anhöhe hinauf; aber oben sahen sie sich noch einmal um und blickten einander doch etwas unsicher an, als sie Sidsel noch immer unbeweglich auf demselben Fleck stehen sahen, mit großen Tränen in den Augen.

Sidsel fühlte sich ganz elend und erbärmlich, wie sie dortstand. Ganz gewiß wollte sie keinen Anlaß dazu geben, daß ihr Jakob Prügel bekam; wenn sie nur eine Ahnung gehabt hätte, wo sie nicht hingehen durfte; aber weder wußte sie, wo der Pegefels, noch wo das Skraamoor war. Sie konnte nur ihrer Herde folgen und im übrigen sehen, wie es ging.

Als sie eine gute Weile später auf eine Anhöhe hinaufkam, hörte sie die Schellen von neuem. Ihr wurde ganz angst, und sie fing an, ihre Herde nach einer andern Richtung zu jagen; als sie sich aber nach einer Weile umsah, bemerkte sie weit, weit unten im Moorgrund zwei weiße Körper, die herumsprangen und tollten und im Sonnenschein rund um einen kleinen, blitzenden Teich Purzelbäume schlugen.

Also hatten die beiden ihre Herden verloren!

Da mußte sie sich wohl der Tiere annehmen und sie solange hüten. Deswegen konnten sie ihr doch nicht böse werden; denn sie wußte, daß einem Hirten keine größere Schande widerfahren konnte, als seine Herde zu verlieren. Und das wäre denn doch eine zu große Schande, wenn so große Burschen ohne ihre Herden nach der Sennhütte heimkehrten.

Sie nahm sich also der Tiere an, und ab und zu lief sie auf die Anhöhe hinauf, um zu sehen, ob die Burschen nicht bald fertig wären, es sah aber so aus, als hätten sie über dem Baden alles andere vergessen.

Endlich sah sie, wie die beiden plötzlich in ihrem Tollen anhielten, aufhorchten und nach allen Richtungen ausspähten. Darauf bekamen sie auf einmal Eile, fuhren in die Kleider und sprangen von dannen, nach einer ganz andern Richtung hin. Plötzlich blieben sie stehen, lauschten und liefen dann wieder. Es war so weit weg, daß es nichts genützt hätte, zu juchheien und zu rufen. Nun liefen sie auf eine Anhöhe jenseits des Moors hinauf und spähten lange nach allen Richtungen hin aus.

Dann liefen sie wieder, was sie konnten, zurück in der Richtung auf das Moor zu — dasselbe Ergebnis! — nahmen darauf die Richtung unten längs der Anhöhe, wo sie stand; aber das Vieh weidete auf der andern Seite des Hanges, deshalb konnten sie die Schellen auch jetzt noch nicht hören.

Da wagte Sidsel endlich zu juchheien, aber allzu schwach; sie versuchte es noch einmal und lauter.

Da blieben sie stehen und antworteten.

Sie juchheite noch ein drittes Mal, und nun kamen sie zu ihr hinauf. Sie waren merkwürdig still, fanden es doch wohl ärgerlich, das kleine Mädel nach ihren Herden fragen zu müssen, aber es blieb ihnen nichts andres übrig.

Hast du unsre Tiere gesehen?

Sidsel sah sie ängstlich an: Die weiden hier auf der andern Seite der Halde. Ich hab sie gehütet, aber ihr dürft deshalb nicht den Jakob hauen!

Sie wurden etwas kleinlaut, aber irgend etwas mußten sie ja wohl sagen, und deshalb erklärte Jon:

Na ja, für dies eine Mal solls ihm geschenkt sein!

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Als Sidsel am Abend gerade das Viehgatter zumachen wollte, kam Peter Lunde am Zaun vorüber.

Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf zwischen deiner Herde?

Nein, ich habe meine gezählt.