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HANS BETHGE
ARABISCHE NÄCHTE
LEIPZIG * IM INSELVERLAG
MCMXX
ARABISCHE NÄCHTE
NACHDICHTUNGEN
ARABISCHER
LYRIK
WILLI GEIGER
GEWIDMET
ANORDNUNG
| VOR DEM ISLAM: | |
| HATIM IBN ABDALLAH | |
| Gastfreundlich und stolz | [3] |
| AMR IL KAÏS (etwa 500–540 n. Chr. Geb.) | |
| Der Verführer | [4] |
| Hymne | [5] |
| IL SAMAUAL IBN ADYA (6. Jahrhundert) | |
| Stammesstolz | [9] |
| AMR IBN KULTHUM (6. Jahrhundert) | |
| Lob des Weines | [11] |
| Frage | [13] |
| Wenn sie allein ist | [14] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Treue Liebe | [16] |
| SEIT DEM ISLAM: | |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Immer zugegen | [17] |
| KALIF YAZID IBN MOAUJA (gestorben 683) | |
| Die roten Fingernägel | [18] |
| Der Beneidete | [19] |
| Der Schatten als Kundschafter | [21] |
| Wahnsinn oder Liebe? | [22] |
| Tötende Liebe | [24] |
| Die Vernichterin | [25] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Die Vorwürfe | [27] |
| KAÏS IBN IL MULLAUACH (7. Jahrhundert) | |
| Leïla | [28] |
| KUTHAIJIR (gestorben 723) | |
| Verlassen | [31] |
| ABBAS IBN IL ACHNAF (8. Jahrhundert) | |
| Die Unerbittliche | [32] |
| HARUN AL RASCHID (763–803) | |
| Die Macht der Liebe | [35] |
| ABU NUWAS (762–810) | |
| Ihr Gang ist wogend | [36] |
| Die Spröde | [38] |
| Liebe im Traum | [39] |
| Im Rausch | [40] |
| MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI (8. Jahrh.) | |
| Liebestrunken | [41] |
| Leidenschaft | [43] |
| Trübe Gedanken | [44] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Tränen | [45] |
| MUDRIK IL SCHAÏBANY | |
| Die Geizige | [46] |
| IBN IL RUMI (gestorben 896) | |
| Umarmung | [47] |
| IBN IL MOATTAS (9. Jahrhundert) | |
| Die Siegerin | [48] |
| SCHULE DES IBN IL MOATTAS | |
| Nacht und Morgenröte | [49] |
| KUSCHAGIN (10. Jahrhundert) | |
| Verpfändet | [50] |
| URAK IL HUTAÏL | |
| Frage und Antwort | [51] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Verzehrende Liebe | [52] |
| ABU FIRAS (gestorben 968) | |
| Wünsche | [53] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Aufforderung | [54] |
| Kummer | [55] |
| Im Zweifel | [56] |
| Frage und Antwort | [57] |
| Auf eine Rose | [58] |
| IBN IL KHAYAT IL DEMISCHKI (10. Jahrh.) | |
| Auf der Schwelle | [59] |
| IBN KALAKIS (12. Jahrhundert) | |
| Geheime Liebe | [61] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Wogen | [62] |
| ABU ABD IL RAHMAN ELAÏTAM ELKUFI | |
| An ein Schwert | [63] |
| AUS TAUSEND UND EINE NACHT | |
| Nahmas Porträt | [65] |
| Auf Nahmas Schönheit | [67] |
| Bei Nahmas Abreise | [68] |
| Auf ein Grab | [69] |
| An eine Sängerin | [70] |
| Der Strom der Liebe | [71] |
| Fragen eines Liebenden | [72] |
| An einen berühmten Gast | [74] |
| IL HAGYRI (13. Jahrhundert) | |
| Liebeshymne | [75] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Wasser und Feuer | [77] |
| IBN IL FARID (1181–1234) | |
| Selige Nacht | [78] |
| SCHULE DES IBN IL FARID | |
| Tränen | [79] |
| Seltsamer Wunsch | [80] |
| NUBATA (14. Jahrhundert) | |
| Ein Wunder | [81] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Auf einen Apfel | [82] |
| Weisheit | [83] |
| Der Liebesbrief | [84] |
| Der Liebende und die Fackel | [85] |
| ACHMED BEN MOHAMMED MOKRI | |
| Sehnsucht nach Damaskus | [86] |
| Auf einen Garten | [88] |
| IBN HOGGIAT (gestorben 1433) | |
| Der verliebte Dichter | [89] |
| SOYUTI (um 1490) | |
| Frühling | [91] |
| Erinnerung | [92] |
| An den Zephir | [93] |
| Der Bach und der Baum | [94] |
| SABBAGH | |
| Auf ein Pferd | [95] |
| IBN IL SCHAAB (18. Jahrhundert) | |
| Feuer und Rauch | [96] |
| MAHMUD PASCHA SAMY IL BARUDY (19. Jrh.) | |
| An die Abwesende | [97] |
| ISMAÏL PASCHA SABRY | |
| Liebesgebet | [99] |
| ACHMED BEY SCHAWKY | |
| Wenn du erscheinst | [101] |
| UNBEKANNTER DICHTER | |
| Liebeslied | [102] |
| GELEITWORT | [103] |
GASTFREUNDLICH UND STOLZ
HATIM IBN ABDALLAH
Ich bin Abdallahs Kind, der Sproß des Mannes, Der strahlend ritt auf einem roten Pferd.
Wenn du das Mahl bereitet hast, so hole
Den Gast herein, daß er sich auch erlabe, –
Sei es ein später Wandrer, seis ein Nachbar,
Ich will nicht, daß man Übles von mir spricht.
Ich bin der Knecht des Gastes, der mich aufsucht;
Sonst aber hab ich wahrlich nichts von Knechtes Art!
DER VERFÜHRER
AMR IL KAÏS
Wie viele Frauen habe ich verführt!
Zuweilen waren säugende darunter
Und solche, die ein Kind erwarteten.
Und wieder andre, die bedenkenlos
Ihr Kindchen, das ein Jahr alt war, alleine
Sich überließen, um an meinem Halse
Berauschten Sinns zu hängen. Und wenn dann
Das Kind in seiner Angst zu weinen anhub,
So wendete die junge Mutter sich
Mit ihres schönen Körpers oberer Hälfte
Wohl nach ihm hin. Das andre ihres Körpers
Blieb bei mir, bei mir, ohne sich zu rühren!
HYMNE
AMR IL KAÏS
Durchbrochen hab ich ihrer Wächter Schar
Und die Verwandten, welche alle wünschten,
Mich mit dem Dolche meuchlings umzubringen.
Am Firmamente standen die Plejaden
Und funkelten, so wie die Edelsteine
An den Gewändern schöner Frauen glühn.
Ich kam und sah: Bei einem Vorhang legte
Sie ihre Kleider ab, um dann zu schlafen;
Nur einen Schleier noch behielt sie an.
Sie sprach zu mir: Ich schwöre, daß du heute
Mich nicht umarmen sollst. Wirst du denn niemals
Den Weg zurück zur frommen Tugend finden?
Und dennoch schritt sie mit mir in die Nacht.
Wir ließen hinter uns ein Tuch hinschleifen,
Um auszulöschen unsrer Schritte Spur.
Als wir dem Dorf genügend ferne waren,
Wandte sie ihre Schritte einem Tale,
Das ganz mit weißem Sand erfüllt war, zu.
Da neigte meine Liebste sich zu mir
Und schmiegte ihren Kopf an meine Brust,
Und ihres Körpers Schlankheit fühlte ich.
Vollendet schön sind ihre jungen Schenkel,
Ihr Leib ist weiß und klein, und ihre Brust
Strahlt wie das blanke Glänzen eines Spiegels.
Sie wendet sich: und reizend starrt ihr Busen.
Ihr Blick ist scheu; so blickt wohl die Gazelle,
Die sorgenvoll ihr Junges überwacht.
Auch ihre Brust ist von Gazellenart,
Nur daß die sanfte Brust meiner Geliebten
Durch Edelsteine noch verschönert wird.
Nachtschwarz sind ihre Haare, und sie fluten
Auf ihren Rücken, üppig wie die Dolden
Der Dattelfrüchte an den Palmenkronen.
Und dieses Haar ist lockig; in den Flechten,
Den aufgerollten und den wallenden,
Verschwinden ihre Kämme ganz und gar.
In sanfter Rundung prangen ihre Hüften,
Die zierlichen. Und ihre feinen Beine
Sind schlank wie Binsen, die im Wasser stehn.
Am späten Morgen steht sie auf. Ein Duft,
So wundervoll, als stamm er von Muskat,
Umweht ihr Lager. Sie erhebt sich spät,
Weil kein Geschäft sie, keine Arbeit zu
Besorgen hat. Die Finger ihrer Hände
Sind zart und rosig, kleinen Blüten gleich.
Ihr Teint besitzt die Farbe eines Eis,
Gelegt von einer jungen Straußin, die
Nur immer silberklares Wasser trank.
Ihr Teint ist ambrafarben. Er durchschimmert
Die Nacht wie eine Fackel, die ein frommer
Einsiedler in der Finsternis erhebt.
Der Weise auch muß ihr Bewundrung zollen,
Wenn sie daherkommt, zwei Begleiterinnen
Zu Seiten, die sie völlig überstrahlt.
Oft heilt die Zeit den Wahnsinn der Verliebten,
Doch niemals wird mein Herz die Leidenschaft
Preisgeben, die ihm Licht und Nahrung ist.
Wie oft schon haben Freunde mich bestürmt,
Ich solle sie verlassen, die ich liebe.
Taub bleib ich solchem Ratschlag immerdar.
Wie viele Nächte, die mir endlos schienen,
Gleich dem gedehnten Wogengang des Meeres,
Sind mir mit dunkeln Sorgen schon genaht.
Einst sprach ich zu der Nacht, von der ich meinte,
Daß sie zur Hälfte schon verflossen sei,
Die aber immer schrecklicher sich dehnte:
O Nacht, so sprach ich, lange Nacht, entflieh
Und mache endlich Platz dem jungen Tag,
Wenn ich auch weiß, daß aller Tagesglanz
Die Unruh meines Herzens nicht verscheucht,
Wenn ich auch ewig, ewig leiden muß,
So wie das Licht der Sterne ewig scheint.
So steht's mit mir, zu sehr Geliebte du!
STAMMESSTOLZ
IL SAMAUAL IBN ADYA
Ein unbezwingbar ragendes Gebirg
Nimmt alle die in seinen Schatten auf,
Die unserm Schutz sich willig anvertraun.
Uns ist der Tod nichts Schreckliches. Gewiß,
Die Stämme von Amer und Sabul fürchten
Sich sehr vor ihm. Wir aber lieben ihn!
Da wir ihn lieben, fliegt das Leben uns
Gar schnell dahin. Langatmig ist das Leben
Der andern, die voll Angst sind vor dem Tod.
Niemals starb einer von den Unsern noch
Auf seiner Ruhstatt. Freilich, es vergeht
Kein Tag, an dem nicht einer von uns stirbt.
Des Degens Schneide ist der schmale Weg,
Drauf unsre Seelen in das Ewige wandern,
Sie kennen eine andre Straße nicht.
Wahrlich, wir sind dem Regen zu vergleichen,
Der stets willkommen ist, wenn er sich naht;
Keiner von uns denkt an sein eigenes Heil.
Man glaubt uns, wenn wir andere der Lüge
Bezichtigen. Doch wird es niemand wagen,
Zu zweifeln an der Wahrheit unseres Worts.
Wenn einer unsrer Helden stirbt, so ist er
Sofort ersetzt durch einen andern Helden,
Des hoher Sinn ganz unantastbar ist.
Das Feuer, das wir an den Abenden
Entzünden, um den Wanderern zu zeigen,
Wo ihnen Schutz winkt, ist noch nie erloschen,
Ohn daß ein Gast sich unserm Stamm genaht,
Um Ruhe zu erbitten. Niemals noch
Hat sich ein Gastfreund über uns beklagt.
Ruhm hat an unsre Waffen sich geheftet
In Ost und West. Wir haben unsre Klingen
Erprobt beim Spalten helmbewehrter Köpfe.
Noch keiner von den Unsern zog jemals
Sein Schwert und schob zurück es in die Scheide,
Ohn daß ein Leben ihm zum Opfer fiel.
LOB DES WEINES
AMR IBN KULTHUM
Erhebe dich! Nimm deinen Krug und gieße
Uns ein den süßen Wein von El Andar,
Denn eine holdre Labe gibt es nicht.
Gieß ein uns dieses köstliche Getränk,
Des Farbe goldig schimmert, so als hätten
Sich safranfarbene Blüten drin entfärbt.
Gieß ein uns diesen Trank, der alle Sorgen
Verjagt und der die Traurigkeit erstickt
Und unsrer Seele edeln Mut verleiht.
Gieß ein uns diesen Trank, der die Verachtung
Der irdischen Güter in dem Geizhals weckt!
Um-Amr, du hast nicht wohl an mir getan:
Du hast den Kelch, als er nach rechts hin kreisen
Gesollt, von mir entfernt. Das war nicht gut.
Wert bin ich dieses Trankes so wie du.
Wie viele Becher hab ich einst geleert
In Baalbek und Damaskus! Lustig, Brüder!
Denn eines Tages kommt der Tod zu uns.
Wir alle sind geschaffen für den Tod.
Der Tod ist für uns all geschaffen. Auf!
Genießen wir die Zeit, solang sie blüht!
FRAGE
AMR IBN KULTHUM
Bleib. Geh noch nicht hinweg. Laß mich dir sagen,
Welch wilde Leiden ich um dich ertrug.
Ich möchte wissen, ob auch du um mich
Gelitten hast. Bleib noch und gib mir Antwort,
Ob du das Band der Treue schon zerrissest,
Das dich mit einem Mann verband, der nie,
Auch in Gedanken nie, dir untreu war.
Was hast du während dieses Tags getan,
Da Waffenlärm erklang und da der Sieg
Die Deinen krönte? – O bedenke wohl,
Daß morgen und die kommenden Tage voll
Geheimnisvoller Zukunft sind, die heute
Noch keines Menschen Aug enträtseln kann.
WENN SIE ALLEIN IST
AMR IBN KULTHUM
Wenn sie allein ist, wenn sie nicht die Blicke
Feindlicher Menschen zu befürchten hat,
Dann läßt sie unbekleidet ihre Arme,
Die wohl den Gliedern eines weiblichen
Kameles gleichen, das noch nie gebar.
Und auch ihr Busen ist dann unverhüllt,
Der zwei aus Elfenbein gemachten Bechern,
Die noch kein Mensch jemals berührte, gleicht.
Ihr Leib ist lang und schön geschweift. Die Hüften
Sind schwer von ihres üppigen Fleisches Fülle,
Sie geht verführerisch, – die Türen scheinen
Zu schmal für sie, und ich bin toll nach ihr.
So weiß sind ihre Lenden, daß sie Säulen
Aus Marmor gleichen oder Elfenbein,
Und wenn sie schreitet, klirren ihre Spangen.
Bin ich von ihr entfernt, erfaßt mich Sehnen,
Wie ein betrognes Tier, dem man sein Junges
Genommen hat und das nun klagt nach ihm.
Von ihr entfernt, bin ich voll Schmerz und Jammer,
Wie eine Mutter voller Jammer ist,
Die ihre Kinder durch den Tod verlor.
TREUE LIEBE
UNBEKANNTER DICHTER
Ein treues Liebespaar hat Kummer nur
Um Eines: Trennung. Eng vereint zu leben,
Wird einem solchen Paare nie zu viel.
Wo ihnen nur ein kleines, feines Wölkchen
Der Lust sich zeigt, da weilen sie so gerne.
Dem Ruf der Liebe folgen sie entzückt.
Was andre Leute reden, achten sie
Nicht im geringsten. Nur die eignen Worte
Sind ihnen wertvoll und von süßem Klang.
IMMER ZUGEGEN
UNBEKANNTER DICHTER
Dein Bildnis strahlt in meinen Augen,
Dein Name lebt in meinem Mund,
Du selber wohnst in meinem Herzen, –
Wie wär es möglich, o Geliebte,
Daß du dich je vor mir verbirgst?
DIE ROTEN FINGERNÄGEL
KALIF YAZID IBN MOAUJA
Als ich ihr dann begegnete, da sah ich,
Daß ihre Fingernägel purpurrot
Von Farbe waren; und ich sprach zu ihr:
„Du Böse färbst dir deine Nägel rot
Und machst dich schön, wenn ich nicht bei dir weile?“
Darauf entgegnete sie ernst und still:
„Die Eitelkeit ist meinem Herzen fremd.
Du Schlimmer schiebst mir eine Absicht zu,
Die ich nicht kenne. Hör die Wahrheit an:
Du, meine einzige Stütze und mein Halt,
Du bliebst so grausam lange fern von mir,
Daß blutige Tränen meinem Aug entströmten.
Mit diesen Händen hab ich meine armen
Augen getrocknet. Weißt du nun, woher
Das blutige Rot an meinen Nägeln stammt?“
DER BENEIDETE
KALIF YAZID IBN MOAUJA
Sie hat geforscht, wie es mir gehe. Da
Hat man zu ihr gesagt: „Es ist vorbei,
Er ist hinüber – und durch deine Schuld.“
An einer feinen Geste ihrer Hände
Erkannte man ihr Mitleid. Tränen stürzten
Aus ihren Lidern vor, die zart wie Kelche
Der Lilien sind, und glitten auf die Wangen,
Die Rosen gleichen, nieder, und sie biß
Die Lippen sich, die so wie Kirschen leuchten,
Mit ihrer Zähne perlenhaftem Schimmer.
Und darauf sprach sie dies: „Groß ist mein Schmerz
Um ihn fürwahr; niemals hat eine Schwester
Das Unglück ihres Bruders so beweint,
Niemals hat eine Mutter so gejammert
Des Sohnes wegen, wie ich heute tu.“
Und darauf eilte sie, mich zu besuchen,
Und überhäufte mich mit Freundlichkeiten,
Und meine Seele lebte wieder auf
Und schenkte auch dem Körper wieder Leben;
Und viele gab es, die mich um den Tod
Beneideten, aus dem ich neu erstand.
Ja, viele Männer wünschten, so wie ich
Dahinzusiechen, um von ihren Händen
Erweckt zu werden in das Reich des Lichts.
Seltsam: um alles Gute, alles Böse,
Was mir von ihr wird, muß ich Eifersucht
Und Neid erfahren, – um den Tod sogar.
DER SCHATTEN ALS KUNDSCHAFTER
KALIF YAZID IBN MOAUJA
Ihr Schatten ist zu mir gekommen,
Um mich im Traume zu besuchen,
Dann kehrte er zu ihr zurück.
Sie sprach zu ihm: Sag mir, in welcher
Verfassung du ihn angetroffen, –
Und lautre Wahrheit künde mir!
Da sprach der Schatten: Wenn dein Freund
Vor Durst verginge und er wüßte,
Daß dies dein Wille sei, – er würde
Nicht einen Tropfen zu sich nehmen,
Und wenn man ihm verlockend böte
Den wundervollsten Labetrunk.
WAHNSINN ODER LIEBE?
KALIF YAZID IBN MOAUJA
Fällt Nacht auf mich hernieder, oder fühl ich
Das Fluten deines schwarzen Haares? Ist es
Der Mond, der scheint, oder dein süßes Antlitz?
Seh ich ein Blatt der lieblichen Narzisse
Oder dein Augenlid? Seh ich das Leuchten
Von Hagelkörnern oder deine Zähne?
Erheben sich auf deiner Brust zwei Hügel
Von Elfenbein, – oder erblickt mein Auge
Die Fülle deines Busens? Ist es Flugsand,
Was unter deiner Kleidung sich bewegt,
Oder das Schwellen deiner jungen Hüften?
Wenn du erkennen könntest, wie ich leide
Um deinetwillen, Schrecken würde dich
Erfassen, und du würdest staunend fragen:
„Erfüllt ihn Wahnsinn oder Liebesglut?“
Wenn jemand, der in deiner Nähe war,
Sich mir gesellt, so atm' ich mit Entzücken
Den feinen Duft auf, der mich an Muskat
Gemahnt und den er mit sich führt von dir
Als wie ein Grüßen. Und mit flehender Stimme
Sprech ich zu ihm, der mich so glücklich macht:
„Du hast die Liebesglut in mir vermehrt,
Vermehre jetzt die Worte deines Mundes
Und sprich mir lange, lange, lang von ihr!“
TÖTENDE LIEBE
KALIF YAZID IBN MOAUJA
Ich habe auf den Knien um ihre Liebe
Sie angebettelt. Darauf sagte sie:
Weißt du denn nicht, daß alle, die im Traume
Mich zu besitzen meinen, beim Erwachen
Verzweifelt sterben, weil sie nun erkennen,
Daß sie mich nicht besitzen? Ach, zu viele
Sind hingesiecht, aus Leidenschaft zu mir,
Bis in den Tod. Die andern, die nicht wagten
Mir ihres Herzens Qualen zu gestehen,
Sind fortgereist und kehrten nie zurück ...
Und ich entgegnete: Ich bitte Gott
Um Nachsicht für die Glut, die in mir lodert,
Und werde standhaft und voll Mut beharren
Bei meiner Liebe, die dich ganz umschlingt.
Und dann verließ sie mich. Und ich stand da
Wie ausgedorrt, ein abgestorbener Baum.
DIE VERNICHTERIN
KALIF YAZID IBN MOAUJA
Auf ihren Armen, ihren schönen Händen
Sind Zeichen tätowiert gleich dünnen Zügen
Von Ameisen, die ihrem Volk entfliehn.
Man könnte ihre Haut mit einem Rasen
Vergleichen, darauf eine kühle Wolke
Die Körner feinen Hagels sinken ließ.
Sie hat gewiß gefürchtet, daß die Pfeile
Aus ihren Augen ihre eignen Hände
Verletzen könnten, – darum zog sie vor,
Mit einem Küraß sonderbarer Zeichen
Die Haut zu schirmen. Ach, die Böse hat
Die flachen Hände gegen mich erhoben,
Als wollte sie das Herz aus meiner Brust
Fortreißen, und die Pfeile ihrer Augen
Vernichten mich, ohn daß ich fliehen kann.
Die Locke, die auf ihrer Schläfe liegt,
Ist ein Skorpion, der seinen giftigen Stachel
Gegen mein banges Herz gerichtet hält.
Ihr Auge scheint geschlossen, doch es wacht.
Der Bogen ihrer Augenbrauen nimmt
Mich ganz gefangen. Ihre Wangen schimmern
Gleich roten Rosen. Könntet ihr die Brust
Der Wundervollen sehn: ihr würdet meinen,
Zwei Früchte des Granatbaums zu erblicken.
Sehr aufrecht ruht ihr Leib auf edeln Hüften
Und wiegt sich rhythmisch. Wenn die Sonne sie
Im bloßen Schmucke ihrer Nacktheit sähe:
Sie würde fürder nicht zu scheinen wagen,
Weil sie erkennen würde, daß sie nimmer
Mit solcher Schönheit Glanz sich messen kann.
DIE VORWÜRFE
UNBEKANNTER DICHTER
Ich habe mich bei ihr beklagt. Sie sprach:
„Da meine Liebe dich zu Klagen hinreißt,
So möge Gott von dieser Liebeslast
Dich bald befreien!“ Hierauf schwieg ich, und
Sie sprach: „Du hast zu viel Geduld mit mir.
Verliebte sind doch sonst nicht so geduldig?“
Ich näherte mich ihr, – sie wollte mich
Nicht hören; darauf bin ich weit hinweg
Gegangen, um sie ja nicht zu erzürnen, –
Nun tadelte sie, daß ich lieblos sei.
Sie wird gereizt durch die geringsten Klagen,
Und rührende Geduld ermüdet sie.
Wer sagt mir einen Ausweg aus dem Wirrwarr?
Wenn jemand einen guten Rat mir weiß,
Will ich den Segen Allahs ihm erflehn.
LEÏLA
KAÏS IBN IL MULLAUACH
Ich denke unaufhörlich Leïlas
Und der verrauschten Jahre. Liebe Freunde,
Warum beweint ihr meinen Jammer nicht?
Ich möchte Freunde haben, welche weinen,
Wenn ich in Tränen bin! Hat Gott die Macht,
Zwei Herzen zu vereinen, wenn die Hoffnung,
Sie zu vereinen, schon in Asche sank?
Von Allahs Fluch getroffen seien jene,
Die meinen, daß die Zeit mir Lindrung bringt!
Für ewig hängt mein Sinn an Leïla;
Ich sehe sie im Geist, wie sie des Abends
Die väterlichen Schafe heimwärts treibt.
Gott schenkte einem andern Leïla.
Mich machte er verrückt nach Leïla, –
Konnt er mir denn nichts Besseres verleihn?
Hat man mir nicht gesagt, daß sie im Sommer
Nach Tima käme? Hingeschwunden sind
Des Sommers Monde, – warum kam sie nicht?
Weh! meine Liebe ist gespannt gleich wie
Die Sehne eines Bogens. Eines Tages
Zerreißt die Sehne, maßlos überreizt.
O immer wieder, wenn der Morgenstern
Sich mit dem Frührot aus der Nacht erhebt,
Flammt meine Leidenschaft gewaltig auf.
Wenn ich mich rüste zum Gebet, so neige
Ich mich nach jener Richtung hin, wo du
Verweilst, o Strahlende. Die heiligen
Gesetze wollen, daß ich mich nach andrer
Richtung verneige; doch das tu ich nicht.
Ich liebe sehr den Namen Leïla,
Ich liebe alle Namen, die ihm gleichen,
Und wertlos scheint dies Leben mir, denn sie,
Die ich ersehne, ward des andern Weib.
Ich lebe, um an Leïla zu leiden,
Ich muß, wenn ich die Ebene durchreite,
Meines Kameles Sattel wohl beachten:
Er ist bestrebt, nach rechts hin sich zu neigen,
Wenn du dich rechts befindest. Und er hängt
Nach links hinüber, wenn du linkswärts weilst.
Wenn ich vom Schlaf gemieden werde, flehe
Ich Allah an, daß er mir Schlaf verleihe,
Damit dein Bild in meinem Traum ersteht.
Der Reiz, der von dir ausgeht, ist ein Zauber.
Obwohl es alte Zauberformeln gibt,
Die schützen gegen überirdische Kräfte, –
Nie würd ich wagen, nur den kleinsten Vers
Zu sprechen, um zu bannen deine Macht, –
Ich will dein Sklave sein bis in den Tod.
O Freunde, wenn ihr keine Mittel wißt,
Mich in Besitz von Leïla zu setzen,
So bitt ich euch: schafft meinen Sarg herbei,
Bereitet mir das Leichentuch und betet
Zu Allah, daß er gnädig sei dem Manne,
Des Herz gebrochen ward durch Leïla.
VERLASSEN
KUTHAIJIR
Du hast in deine Arme mich gelockt
Mit Worten, so beredt, daß scheue Gemsen
Aus Felsenhöhn herabgestiegen wären.
Dann, als du meiner Herr geworden warst,
Gingst du hinweg. Nun ist mein Herz voll Gram,
Und alle Lust schwand in die tiefste Nacht.
DIE UNERBITTLICHE
ABBAS IBN IL ACHNAF
Sie ließ mir sagen, daß sie krank sei. Ich
Ging dennoch zu ihr, und ich fand sie lächelnd
Und ganz gesund vor, – sie war niemals krank.
Doch krank, unheilbar krank, ist ihr Besucher.
Wenn alle Herzen hart wie ihres wären, –
Kein Vater wär besorgt mehr um sein Kind.
Sie schrieb, ich solle jetzt nicht zu ihr kommen,
Da ließ ich sie allein, daß sie erführe
Die Bitternis der Einsamkeit. Doch, ach,
Was kümmert sie's, wenn Menschen, die sich nach
Ihr sehnen, auf der Schwelle ihrer Wohnung
Daliegen, zu erfahren, wie's ihr geht?
Wenn dies ein Fehler ist, daß ich von neuem
Dich zu besuchen komme, – o so wisse,
Daß ich noch vieler Fehler fähig bin.
Bekannte haben, da ich deinen Namen
Aussprach, zu mir gesagt: Sie ist es, sie,
Die dich so traurig macht und derentwillen
Du Dinge treibst, die dir nicht ziemen. Ich
Hab alles abgeleugnet und gelacht,
Um meiner Freunde Argwohn zu zerstreun.
Die Frauen sind voll Neid auf deine Schönheit,
Die lieblichsten Gesichter stehen alle
Dem Reize deines Angesichtes nach.
Dein Leib ist wie ein schmächtiger Zweig, daran
Zwei blanke Äpfel des Granatbaums hangen,
Die engsten Gürtel sind für dich zu weit.
Wenn Dunkelheit des Abends niedersteigt,
Um mich zu quälen, wendet sich mein Herz
Zu dir, die mir des Schlafes Süße raubt.
Du bist die Quelle aller meiner Leiden
Von heut und ewig. Du hast meinen Augen
Schlaflosigkeit, die schreckliche, verliehn.
Wie lange werd ich weinen, während du
Nur immer lachst? Ich nahe dir in Demut,
Doch du entfernst dich, – denn du hassest mich.
Wie lange noch wird meine arme Seele
Verharren in dem Banne deines Zaubers?
Wie lange werd ich singen meine Qual?
Die Mißgeschicke kommen und entschwinden, –
Die Leidenschaft zu dir wächst immer tiefer
In mich hinein und wurzelt wie ein Baum.
Ich bin ein Jäger, der die herrlichste
Gazelle jagt: und die Gazelle tötet
Den Jäger durch die Holdheit ihres Seins.
DIE MACHT DER LIEBE
HARUN AL RASCHID
Drei holde Wesen lenken mich, nachdem sie
Die Zügel an sich rissen. Allen Raum
In meinem Herzen haben sie besetzt.
Ein ganzes Volk gehorcht mir. Wie ist's möglich,
Daß jene drei sich mir nicht beugen wollen
Und daß ich selber ihnen dienstbar bin?
Ich seh es ein: die Macht der Liebe ist
Gewaltiger als alle andre Herrschaft,
Selbst als die Macht auf einem Königsthron.
IHR GANG IST WOGEND
ABU NUWAS
Ihr Gang ist wogend, ihre Haare liegen
Wie Wellen um die Stirn. Mein Herz ist wüst, –
Es läßt nicht ab von der, die mich verachtet.
Sie schreibt mir Missetaten zu, die ich
Niemals beging; ihr Zorn flammt gegen mich,
Und, ach, mir täte ihre Gunst so not!
Gewährt sie mir ein Stelldichein, so wart ich
Umsonst auf sie. Nun nehme ich mir vor,
Das nächstemal ihr unwirsch zu begegnen.
Doch seh ich sie dann wieder, stolz und schön,
So flieht mein zorniger Vorsatz ganz dahin,
Im Anblick ihrer königlichen Haltung.
Ja, wogend ist ihr Gang. Kein andres Wesen
Hat diesen wogend-wundervollen Schritt
Wie sie, der all mein Träumen angehört.
Wer sie betrachtet, dessen Augen werden
Geblendet. Ihrem Angesichte ward
Der Strahlenglanz der Sonne nachgebildet.
Die reinste Schönheit geht verlockend aus
Von ihrem Angesicht. Der schönste Duft
Hat sein Arom von ihrer Haut geliehn.
Und wenn der frömmste Scheich an ihrer Seite
Verweilte, – alle Frömmigkeit bewahrte
Ihn vor Versuchung seines Herzens nicht.
DIE SPRÖDE
ABU NUWAS
Sie war so schön an jenem Abend und
So heitern Augs. In kühnem Spiele ließ
Ich ihren Mantel mählich niedergleiten,
Den strahlenden, – und auch ihr Rock sank hin.
Und da die Nacht nun ihre dichten Schatten
Gleich einem schweren Vorhang niederließ,
Begann ich keck zu werden. Aber sie
Entzog sich mir und sagte nur: „Auf morgen!“
Am andern Tag, zu festgesetzter Stunde,
Traf ich sie wieder und gemahnte sie
An ihr Versprechen. Sie erwiderte:
„Die dunkeln Worte, die bei Nacht man spricht,
Verlieren ihren Sinn am hellen Tag!“
Und lächelte und sagte: „Hab Geduld!“
LIEBE IM TRAUM
ABU NUWAS
Im Traume hab ich neulich es erlebt,
Daß unsre Schatten sich zusammenfanden
Und unsre Liebe ganz die alte war.
Warum, Geliebte, bleiben unsre Körper
Im Zorn getrennt, indessen unsre Schatten
So selig sind, wie wir schon längst nicht mehr?
Wär es nicht billig, daß im wahren Leben
Du auch so gütig mir entgegenkämest,
Wie du's im Leben meiner Träume tust?
O Qual! wir sind zwei Liebende, die nur
Sich lieben, wenn sie träumen; doch im Wachen
Sind sie voll grimmen Zornes zueinander.
Man soll sich hüten vor den Luftgebilden
Der Träume; doch mitunter, das ist wahr,
Sind sie auch weiser, als wir Menschen sind.
IM RAUSCH
ABU NUWAS
Sie schien mir sorgenvoll. Ich wollte sie
Umarmen, voller List. Da rannen Tränen
Aus ihren Augen, heiß, über die Rosen
Der jungen Wangen. Eine Schale hob ich
Ihr da entgegen, und sie trank sie leer,
Und in ihr Paradies nun stürmt ich ein ...
O furchtbar, wenn sie aus den tiefen Wogen
Des Rausches, der sie noch umfangen hält,
Erwachen wird! Der Gram wird sie verzehren,
Und in Verzweiflung und voll Haß wird sie
Mich niederstechen mit dem schärfsten Schwerte
Ihrer entsetzlichen Verlassenheit.
LIEBESTRUNKEN
MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI
Schon Blicke können Liebe sein, gewiß.
Jedoch der Liebe wundervollstes Wesen
Verrät sich anders noch als nur in Blicken!
Mein Aug hat dich verfolgt, allüberall;
Da fühltest du, daß ich dich liebte, und
Du gabst auch deine Liebe selig her.
Und die Gedanken, die in unsern Seelen
Nunmehr erstehn, bereiten uns Verwirrung, –
Und wenn sich unsre Augen treffen, fühlen
Wir ein gefährlich Glühn in unsrer Brust.
Einst kannt ich nur die Trunkenheit, die uns
Der ausgepreßten Trauben Saft verleiht:
Heut hat das goldne Glänzen mich berauscht,
Das in den Augen meiner Liebsten sprüht,
Und meine Seele ist ihm ganz verfallen.
Ich war bei ihr! Und meine Blicke haben
Sie eingehüllt, ganz dicht, und holde Sünden
Beging sie durch die ganze Nacht hindurch,
Davon ich schweige. Und die ganze Nacht
Ließ ich die lieben Sünden mir gefallen, –
Nie hab ich Sünden so mit Lust verziehn!
LEIDENSCHAFT
MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI
„Verbirg doch deine Leidenschaft,“ sagt man
Zu mir, „laß sie nicht alle Welt durchschaun!“
Wie aber könnt ich diesen Rat befolgen,
Da mich mein Blick verrät? Und warum sollt ich
Mich ungerecht gegen mein Herz verhalten,
Dem fremd ist alle Ungerechtigkeit?
Nein, ungerecht ist jene, die ich liebe.
Sie klagt, daß ich zuviel von meiner Liebe
Gesprochen habe, – aber das, was ich
Verschwiegen habe, ist ja noch viel mehr!
O wüßtet ihr, was ich an Leidenschaft
Verschwiegen habe, – Schrecken faßte euch!
TRÜBE GEDANKEN
MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI
Geliebte, wenn ich dich verlieren sollte,
So werd ich fortziehn in die Einsamkeit,
Um völlig zu erlöschen. In die Erde
Werd ich ein Bild einzeichnen, das dir gleicht,
Und werde es mit meinen Tränen netzen
Und will es bitten, mich zu trösten in
Der Einsamkeit, in der du mich gelassen.
Ich habe dich geliebt, im Übermaß.
Wenn dieses Sünde ist, so bitt ich Gott:
Er soll mir meine Sünde nicht verzeihn.
TRÄNEN
UNBEKANNTER DICHTER
Wir lagen beieinander, und sie sah,
Wie Tränen, kleinen Perlen gleich, mir aus
Den Augen rannen, und sie sprach zu mir:
„Freund, ich verstehe, daß dir Tränen kommen,
Wenn wir uns fern sind. Aber sage mir,
Warum du jetzt weinst?“ Ich entgegnete:
„Wenn wir uns fern sind, wein ich vor Verlangen,
Bei dir zu sein; doch wenn ich bei dir bin,
So kommen Tränen mir bei dem Gedanken,
Daß wir uns trennen müssen.“ Mitleidvoll
Sah sie mich lange an und trocknete
Die Tränen mir mit liebevoller Hand.
DIE GEIZIGE
MUDRIK IL SCHAÏBANY
Die eiteln Worte und die trügerischen
Versprechungen, die mir die reizende
Gazelle mit den hübschen Augen macht,
Sind all mein Glück. Verlassen hab ich jene,
Die mir freigebig ihre Gunst erwiesen,
Und liebe diese, die mir nichts gewährt!
Die allzu aufmerksame Art der Frauen,
Die ich nicht liebe, ist mir widerwärtig;
Jedoch das ganz zurückgezogene Wesen
Der Schönen, der mein Herz gehört, bedeutet
Mir alle Lust und alle Seligkeit.
Tadelt die Spröde, die ich liebe, nicht
Ob ihrer Sparsamkeit in ihrer Gunst!
Ich mag es gern, wenn die Geliebte geizig
Auf solche Weise ist. Ein solcher Geiz
Erhöht die Schönheit noch der schönsten Frau.
UMARMUNG
IBN IL RUMI
Voll Leidenschaft umarm ich die Geliebte, –
Doch meine Seele bebt und ist bedrückt.
Ist es denn wirklich wahr, daß die Umarmung
Die Menschen näher zueinander führt?
Ich küsse ihren Mund, um meine Liebe
Zu sänftigen, – doch meine Liebe lodert
Nur immer mächtiger auf, – ich glaube wohl,
Daß sich mein Herz erst dann zufrieden gibt,
Wenn unsre beiden Seelen ganz und gar
Zusammenströmen, um sich nie zu trennen.
DIE SIEGERIN
IBN IL MOATTAS
Nicht mehr zu lieben, hatte ich beschlossen, –
Doch sie hat mich bezwungen. Ohne mir
Die Stunde ihrer Ankunft mitzuteilen,
Trat sie zu mir, gar strahlend ausgerüstet
Mit ihrer Schönheit ganzem Waffenschmuck.