Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Der abenteuerliche Simplicissimus
Das ist Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten
In unwesentlicher Kürzung herausgegeben von
E. G. Kolbenheyer
Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H. Berlin
1920
Der abenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiter Auflage, die erste ging verloren. Der Volksverband der Bücherfreunde bringt durch seine Neuausgabe, die 1919 veranstaltet wurde, in Erinnerung, daß sich das Erscheinen des für die deutsche Literatur- und Sittengeschichte so bedeutungsvollen Kulturromans zum 250. Male jährt.
Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter,
Und siehe, wie das Rad sich abermals gewandt.
Du, deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter,
Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland.
Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen,
Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt,
So wird dein Blick doch in des Volkes Herzen tauchen,
Und, ach, du findest viel im alten, irren Stand.
Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben,
Dem Trümmerhauf entfliehn im härnen Bußgewand?
O schnöde, arge Welt! O, du vergeudet Leben!
Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! —
Ein Vierteltausend-Jahr spannt seinen bunten Bogen
Von dir zu uns, und alles Einzelglück und -leid
Verschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd Wogen
Erschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit.
Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen:
Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan!
Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen,
Rang es empor und fiel in doppeltharter Bahn.
Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen,
Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn.
So aber wächst und reift in uns ein Weltensegen
Und wird in reinerm Licht erglühen, wird erglühn!
Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle,
Zeig' deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle!
[Das erste Buch]
[Das erste Kapitel]
Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all- und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig, gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen.
Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein.
Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf dem — so man der Eichelmast gedenkt — Bratwürst und fette Schunken wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet. Die Tapezereien bestunden in dem zärtesten Gewebe, das auf dem Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben, daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst- und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug, Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander gute Nacht geben.
Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen Übungen vollauf begriffen. Mein Knän war vielleicht eines viel zu hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben!
[Das ander Kapitel]
Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt. Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel, Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl. Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redet Philo der Jud in seiner Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk auf der Jagd geübt und angeführt werden. — Solches alles muß mein Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu künftiger Herrlichkeit gemacht.
Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit, derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger:
»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel arauma!«
Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.«
»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a veirfeussiger Schelm is!«
Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.
Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen. Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf sicher genug zu sein bedünkte.
[Das dritte Kapitel]
Sang also auf ein Zeit ein Lied, das ich von meiner Mutter selbst gelernet hatte:
Du sehr verachter Baurenstand
Bist doch der beste in dem Land,
Kein Mann dich gnugsam preisen kann,
Wann er dich nur recht siehet an.
Es ist fast alles unter dir,
Ja was die Erde bringt herfür,
Wovon ernähret wird das Land,
Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der Kaiser, den uns Gott gegeben,
Uns zu beschützen, muß doch leben
Von deiner Hand, auch der Soldat,
Der dir doch zufügt manchen Schad.
Die Erde wär ganz wild durchaus,
Wann du auf ihr nicht hieltest Haus.
Ganz traurig auf der Welt es stünd,
Wann man kein Bauersmann mehr fünd.
Vom bitterbößen Podagram
Hört man nicht, daß an Bauren kam,
Das doch den Adel bringt in Not
Und manchen Reichen gar in Tod.
Der Hoffart bist du sehr gefeit,
Absonderlich zu dieser Zeit.
Und daß sie auch nicht sei dein Herr,
So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.
Ja der Soldaten böser Brauch
Dient gleichwohl dir zum Besten auch,
Daß Hochmut dich nicht nehme ein
Sagt er: dein Hab und Gut ist mein.
Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben, die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren zurecht gebracht worden.
Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde.
Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich, sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste nicht erwarten.
Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen.
Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen, mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.
Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernach hatte jeglicher seine sonderliche Verrichtung, und jede war lauter Untergang und Verderben. Dann obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fließ darin verborgen. Andere packten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen, als wollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, andere schütteten die Federn aus den Bettzüchen und füllten hingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gerät hinein, als seie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugen Öfen und Fensterläden ein, gleich als hätten sie einen ewigen Sommer zu verkünden. Kupfer- und Zinngeschirr stampften sie zusammen und packten die gebogenen und verderbten Stücke. Bettladen, Tische, Stühle und Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag. Häfen und Schüsseln mußten entzwei. Unsere Magd ward im Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte. Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll Jauche in Leib. Das nannten sie den schwedischen Trunk. Zwangen ihn so, etliche von denen Reutern anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und in unsern Hof brachten. Auch mein Knän, meine Mutter und unser Ursele waren darunter.
Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhähnen ab und anstatt deren die Baurendaumen auf, folterten die armen Schelme, als wollten sie Hexen brennen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren in Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekannt hatte. Einem andern schlangen sie ein Seil um den Schädel und drehten es mit einem Holzbengel zusammen, daß ihm Blut zu Mund und Ohren heraussprang. In summa, es hatte jeder seine eigene Erfindung die Bauren zu peinigen.
Mein Knän war meinem damaligen Bedünken nach der Glücklichste, ohn Zweifel darum, weil er der Hausvater war. Sie satzten ihn zu einem Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, rieben seine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alte Geiß wieder ablecken und dadurch also kützlen mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen. (Ich hab Gesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete seinen verborgenen Schatz, der von Geld, Perlen und Kleinodien reicher war, als man hinter dem Bauren hätte suchen mögen.
Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern vermag ich sonderlich nichts zu sagen, doch weiß ich wohl, daß man hin und wieder in den Winkeln erbärmlich schreien hörte. Schätze, es sei der Mutter und dem Ursele nicht besser gegangen als den andern.
Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieß und half die Pferde tränken, dadurch ich zu unserer Magd in den Stall kam. Die sahe wunderwerklich zerstrobelt aus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu mir mit kränklicher Stimme:
»O Bub, lauf weg, sonst nehmen dich die Reuter mit! Guck, daß du davonkommst! Du siehest wohl, wie es so übel ...«
Mehres konnte sie nicht sagen.
[Das vierte Kapitel]
Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu tun; doch ist es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald bin entlaufen. Wo nun aber weiter hinaus? — Die stockfinstre Nacht bedeuchte meinem finstern Verstand nicht schwarz genug, dahero verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch. Da konnte ich das Geschrei der getrillten Bauren vernehmen. Allein ich hörete auch der Nachtigallen lieblichen Gesang, unbekümmert um alle Menschennot. Darum so legte ich mich auch ohn alle Sorg auf ein Ohr und entschlief.
Als der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sahe ich meines Knäns Haus in voller Flamme stehen, und ich schlich näher, jemand vom Hof anzutreffen. Gleich ward ich von fünf Reutern erblickt und angeschrieen:
»Jung, kom heröfer oder skall mi de Tüfel halen, ich schiete dik, dat di de Dampf tom Hals utgat!«
Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegen eines Morastes nicht zu mir gelangen, was sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte. Lösete einer den Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichem Feuer und unversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfältige Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschröckt ward, daß ich alsobald zur Erde niederfiel. Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die Reuter ritten ihres Wegs und ließen mich ohn Zweifel vor tot liegen. So hatte ich jedoch den ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten.
Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf und wanderte, bis ich im Walde von ferne einen faulen Baum schimmern sahe, kehrete in neuer Forcht derowegen spornstreichs um und lief so lang, bis ich wieder einen gleichen Baum erblickte, davon ich gleichfalls floh. Also trieben mich die gefäuleten Bäum einer zum andern, bis mir zuletzt der liebe Tag zu Hilfe kam. Aber mein Herz stak voll Angst und Jammer, die Schenkel voll Müdigkeit, der Magen knurrte, das Maul lechzete, närrische Einbildungen erfüllten mein Hirn und schwerer Schlaf meine Augen. Ich ging dannoch fürder, wußte aber nicht wohin: je weiter, je tiefer von den Menschen hinweg in die Wildnus. Ein unvernünftig Tier hätt besser aus und ein gewußt. Doch war ich noch so witzig, als mich abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, darin zu schlafen. —
Kaum war ich aber dargesunken, hörte ich eine Stimme:
»O große Liebe, du mein einziger Trost! Meine Hoffnung, du mein Reichtum, o mein Gott!«
Ganz unverständlich wallte die Stimme weiter, vor deren Seltsamkeit ich mich entsatzte. Allein es klang herfür, daß Hunger und Durst gestillet werden sollten, also riet mir mein ohnerträglich Verlangen, mich auch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu. Da wurde ich eines großen Mannes gewahr, in langen, schwarzgrauen Haaren, die ganz verworren auf den Achseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein Angesicht war zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlich lieblich. Der lange Rock starrte von tausend aufeinander gesetzten Flicken. Um Hals und Leib trug er eine schwere eiserne Kette gebunden wie St. Wilhelmus. Ich fing an zu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst noch mehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, so er an seine Brust druckte. Ich konnte mich nicht anders entsinnen: ohn Zweifel, das war der Wolf!
In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifen herfür, ich bließ zu, stimmte an, ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu vertreiben. Über solch gählinger und ungewöhnlicher Musik an einem so wilden Ort der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel vermeinend, der Teufel wollte ihn wie St. Antonio tribulieren und seine Andacht stören. Ich retirieret in den Baum, er aber ging mich an, den Feind des Menschengeschlechts genugsam auszuhöhnen:
»Ha, du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus...«
Ich hab mehrers nit verstanden. Vor Grausen und Schröcken sank ich in Ohnmacht nieder.
[Das fünfte Kapitel]
Was gestalten mir wieder zu mir selbst verholfen worden, weiß ich nicht. Als ich mich erholet lag mein Kopf in des Alten Schoß und vorn war meine Juppe geöffnet. Da ich den Einsiedel so nahe bei mir sahe, fing ich ein solch grausam Geschrei an, als ob er mir das Herz hätte aus dem Leibe reißen wollen. Er aber sagte:
»Mein Sohn, schweig, ich tue dir nichts.«
Je mehr er mich aber tröstete und mir liebkoste, je mehr ich schrie:
»Du frißt mich! Du frißt mich! Du bist der Wolf und willst mich fressen!«
»Eija wohl nein, mein Sohn. Sei zufrieden, ich friß dich nicht!«
Dies Gefecht währete lang. Endlich ließ ich mich soweit weisen, mit ihm in die Hütte zu gehen. Da war Armut Hofmeisterin, Hunger Koch, Mangel Küchenmeister. Mein Magen aber ward mit Gemüs und einem Trunk Wasser gelabet und mein verwirrt Gemüt durch tröstliche Freundlichkeit wieder aufgerichtet. Der Schlaf befing mich zusehends und der Einsiedel ließ mir sein Lager, obgleich nur einer darin liegen konnte.
Um Mitternacht erwachte ich und hörte den Alten singen:
Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall,
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen.
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein
Und nicht mehr mögen singen.
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben!
Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lob zu vollenbringen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Echo, der wilde Widerhall,
Will sein bei diesem Freudenschall
Und lässet sich auch hören,
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf betören.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lob Gottes sehn
Und Ehre ihm beweisen.
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Nur her, mein liebes Vögelein,
Wir wollen nicht die Fäulsten sein
Und schlafend liegen bleiben.
Vielmehr bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben.
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Unter währendem diesem Gesang bedünkte mich wahrhaftig, daß Nachtigall sowohl als Eule und Echo eingestimmet hätten. Als wann ich je der Melodei des Morgensterns auf meiner Sackpfeifen gefolget wär, also trieb es mich, den Alten zu begleiten, da mir diese Harmonie so lieblich schiene — doch ich entschlief.
Bei hohem Tag stund der Einsiedel vor mir und sagte:
»Auf, Kleiner und iß! Ich will dir alsdann den Weg weisen, daß du noch vor Nacht in das nächste Dorf und wieder zu den Leuten kommest.«
Ich fragte ihn: »Was für Dinger? Dorf und Leut?«
»Behüte Gott, weißt du nicht was Dorf und Leute seind? Bist du närrisch oder gescheit?«
»Nein,« sagte ich, »ich bin meines Knäns Bub.«
Darauf fielen unsere Reden und Gegenreden:
»Wie heißt du?« — »Bub.« — »Wie hat dich Vater und Mutter gerufen?« — »Ich weiß von kein Vater und Mutter nicht.« — »Wer hat dir das Hemd geben?« — »Ei, mein Meuder.« — »Wie hieße dich dann dein Meuder?« — »Bub, Schelm, ungeschickter Dölpel, Galgenvogel.« — »Wer ist deiner Meuder Mann?« — »Niemand.« — »Bei wem hat sie des Nachts geschlafen?« — »Bei meinem Knän.« — »Wie heißt der?« — »Knän.« — »Wie hat ihn deine Meuder gerufen?« — »Knän, auch Meister.« — »Niemalen anders?« — »Ja.« — »Wie dann?« — »Rülp, grober Bengel, volle Sau.« — »Du bist wohl ein unwissender Tropf!« — »Ei, kennst du einen andern Namen?« — »Und was weißt du von unserm Herrgott?« — »Den kenn ich wohl.« — »Also, wie kennst du ihn?« — »Ja, der ist daheim an unserer Stubentür gestanden auf dem Gesims. Mein Meuder hat ihn von der Kirchweih heimgebracht und hingekleibt.« — »Ach, daß Gott walte! Weißt du anders nicht? Bist du nie in die Kirche gangen?« — »Ei ja wohl! Ich kann wacker klettern und hab als einen ganzen Wams voll Kirschen gebrockt.«
»Ach gütiger Gott, nun erkenne ich erst, was vor eine große Gnade und Wohltat es ist, wem du deine Erkanntnus mitteilest, und wie gar nichts ein Mensch sei, dem du solche nicht gibest. Wüßte ich nur, wo deine Eltern wohneten, so wollte ich dich gern hinbringen und sie lehren, wie sie Kinder erziehen sollten.«
»Unser Haus ist verbrannt. Mein Meuder und der Knän, also auch unser Ursele seind hinweggeloffen und wiederkommen und unser Magd ist krank im Stall gelegen.«
»Wie ist das geschehen?«
»Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die auf Ochsen ohn Hörn gesessen seind, haben Schaf, Küh' und Säu gestochen. Da bin ich auch weggeloffen und darnach hat das Haus gebrannt.«
»Wo war dann dein Knän?«
»Sie haben ihn angebunden und unser alte Geiß hat ihm die Füß geleckt, da hat mein Knän lachen müssen und hat denselben eisernen Männern viel Weißpfennig geben, groß und klein, hübsche gelbe und sonst glitzerechte Dinger und Schnüre voll weißer Küglein. Darauf hat unser Ann gesagt, ich soll auch weglaufen, sonst nehmen mich die Krieger mit.«
»Wo hinaus willst du?«
»Ich weiß Weger nit und will bei dir bleiben.«
»So geh und iß,« sagte der Einsiedel.
Das war unser discurs, unter welchem mich der Alte oft mit allertiefstem Seufzen anschauete. Weiß nicht, ob es aus Mitleiden geschahe oder aus Ursach, die ich erst etliche Jahr hernach erfuhr.
[Das sechste Kapitel]
Ich futterte nach Notdurft, sonach mich der Einsiedel fortgehen hieß. Da suchte ich meine allerzartesten Worte herfür, daß er mich bei sich behielte, bis er beschloß meine verdrüßliche Gegenwart zu leiden, darum daß er mich unterrichtete.
Ich hielt mich wohl, und er fand Gefallen an mir, da ich begierig seine Unterweisungen hörete und die wachsweiche, und zwar noch glatte Tafel meines Herzens seine Worte zu fassen sich geschickt erwies.
Er lernete mir vom Fall Luzifers und wie unsere ersten Eltern aus dem Paradies verstoßen wurden, unterwies mich im Gesetz Moisis und den zehn Geboten, kam also auf das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres Heilands, zuletzt beschloß er mit dem jüngsten Tag. Sein Leben und sein Reden waren mir eine immerwährende Predigt und ich gewann solche Liebe zu seinem Unterricht, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte. So lernte ich auch beten. Da ich aber in purer Einfalt verblieben, hat mich der Einsiedel, weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt, SIMPLICIUS benannt.
Wir baueten vor mich eine Hütte gleich der seinen von Holz, Reisern und Erde, fast formiert wie der Musketierer im Feld ihre Zelten, oder besser zu sagen, wie die Bauren ihre Rubenlöcher decken, kaum daß ich aufrecht darin sitzen konnte, so nieder. Mein Bett war von dürrem Laub und Gras, ebensogroß als die Hütte selbst.
Als ich das erste Mal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und, meinem Bedünken nach, sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sahe wohl die Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redete, und merkte doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch zu tun hatte. Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches beigelegt, machte ich mich darhinter, schlugs auf und bekam im ersten Griff das erste Kapitel des Hiobs und die davor stehende Figur, so ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war, in die Augen. Ich fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort widerfahren wollte, ward ich ungeduldig und sagte eben, als der Einsiedel hinter mich schlich:
»Ihr kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? Habet ihr nicht allererst mit meinem Vater lang genug schwätzen können? Ich sehe wohl, daß ihr auch dem armen Knän da seine Schafe heim treibet und das Haus angezündet habet. Halt! Halt! Ich will das Feuer noch wohl löschen!«
Damit stund ich auf, Wasser zu holen.
»Wohin, Simplici?«
»Ei Vater, da sind auch Krieger, die haben Schafe und wollen sie wegtreiben. Sie habens dem armen Mann da genommen, mit dem du erst geredet hast. So brennet sein Haus auch schon lichterlohe und wird verbrennen, wann ich nicht bald lösche.«
Und ich zeigte mit dem Finger, was ich sahe.
»Bleib nur, es ist noch keine Gefahr.«
»Bist du dann blind? Wehre du, daß sie die Schafe nicht forttreiben, so will ich Wasser holen!«
»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst geschehene Dinge vor Augen zu stellen.«
»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht leben?«
Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen.
»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.«
Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich in dein Gespräch mit ihnen richten?«
»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.«
Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem Druck nachmalete. —
Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen, ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider, welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts, dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete.
Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten. Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute. Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und dem Gottesdienst abwarten konnten.
Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie die Orthographia selbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte locken können.
[Das siebente Kapitel]
Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm, mir aber die Schaufel gab und mich an der Hand in unsern Garten führete.
»Nun, Simplici, liebes Kind, dieweil gottlob die Zeit vorhanden, daß ich aus der Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, so habe ich dich auf dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum Unterricht geben wollen, wie du dein irdisch Leben anstellen solltest, damit du gewürdigt werdest das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich zu schauen, zumalen ich deines Lebens künftige Begegnüsse beiläufig sehe und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lange verharren wirst.«
Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes Erfindung die Stadt Villingen, und sie waren mir so unerträglich, daß ich sie nicht ertragen konnte.
»Herzliebster Vater, willst du mich allein in diesem wilden Wald verlassen?«
Mehrers vermochte ich nicht heraus zu bringen, dann meines Herzens Qual ward aus überfließender Liebe, die ich zu meinem Vater trug, also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank. Er hingegen richtete mich auf, tröstete mich, so gut es Zeit und Gelegenheit zuließ, und verwiese mich gleichsam fragend:
»Willst du der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben? Was unterstehst du dich, meinem schwachen Leib, der nach Ruhe lechzet, aufzubürden? Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren!«
Und er riete mir getreulich: »Anstatt deines unnützen Geschreies folge meinen letzten Worten, welche seind, daß du dich je länger je mehr selbst erkennen sollst. Dann daß die meisten Menschen verdammt werden, ist Ursache, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen und was sie werden müssen. Und hüt dich jederzeit vor böser Gesellschaft, dann derselben Schädlichkeit ist unaussprechlich. Bleib standhaft vor allen Dingen. Wer verharret bis ans Ende, der wird selig. So du aber aus menschlicher Schwachheit fällst, dann stehe durch rechtschaffene Buße geschwind wieder auf.«
Nachdem mir der sorgfältige, fromme Mann solches vorgehalten, hat er mit seiner Haue angefangen, sein eigenes Grab zu machen. Ich half, so gut ich konnte, wie er mir befahl.
»Mein lieber und wahrer, einziger Sohn, wann meine Seele an ihren Ort gegangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte Ehre. Scharre mich mit dieser Erde wieder zu, die wir anjetzo aus der Grube graben.«
Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich küssend viel härter an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene, hätte müglich sein können.
»Liebes Kind, ich befehle dich in Gottes Schutz.«
Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen, ich hing mich an seine Büßerketten und vermeinte ihn damit zu halten.
Er aber sagte: »Laß mich, daß ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei.«
Legte demnach die Kette ab samt dem Oberrock und begab sich in das Grab wie einer, der sich sonst schlafen legen will.
»Ach großer Gott, nun nimm wieder hin die Seele, die du mir gegeben!«
Hierauf beschloß er seine Lippen und Augen sänftiglich. Ich aber stund da wie ein Stockfisch etlich Stunden, dieweil ich ihn öfters in dergleichen Verzuckungen gesehen. Da sich aber mein allerliebster Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab und fing an ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln. Aber da war kein Leben mehr.
Nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrei hin und her geloffen, begann ich ihn zuzuscharren. Und wann ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte, stieg ich wieder hinunter, entblößte es wieder, damit ichs noch einmal sehen und küssen konnte.
[Das achte Kapitel]
Über etliche Tage verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und begehrte Rat von ihm. Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Walde zu verbleiben, bin ich doch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen getreten, maßen ich den ganzen Sommer tät, was ein frommer Einsiedel tun soll. Aber gleichwie die Zeit alles ändert, so verringerte sich auch nach und nach mein Leid, und die scharfe Winterkälte löschte die innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Jemehr ich anfing zu wanken, je träger ward ich in meinem Gebet und ich ließ mich die Begierde überherrschen, die Welt auch zu beschauen. Demnach gedachte ich wieder zu dem Pfarrer zu gehen und machte mich seinem Dorf zu, fand es aber in voller Flamme stehen, dann es eben eine Partei Reuter ausgeplündert und angezündet hatte. Die Bauren waren teils niedergemacht, viel verjaget und etliche gefangen, darunter auch der Pfarrer war. Die Reuter ruckten eben wegfertig aus und führten den Pfarrer an einem Strick daher. Unterschiedliche schrieen: Schieß den Schelmen nieder! Andre wollten Geld von ihm. Er hub die Hände auf und bat um des jüngsten Gerichtes willen um Verschonung und Barmherzigkeit. Aber einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm gleich eins an Kopf, davon er alle vier von sich streckte.
Indem kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als ob man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fingen an so gräulich zu schreien, so grimmig drein zu setzen und drauf zu schießen, daß mir alle Haar zu Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen Kirchweih gewesen, dann die spessarter Bauren lassen sich fürwahr so wenig als andre auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus und schlugen ihre ganze Beute in den Wind.
Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen, dann meine Wildnus mir anmutiger erschiene. Der Pfarrer lag ganz matt, schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er nun selbst auf den Bettel geraten wäre, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts zu getrösten. Zog demnach ganz traurig gegen den Wald, gedachte die Wildnus nimmer zu verlassen und ob es nicht möglich wäre, daß ich ohn Salz leben und also aller Menschen entbehren könnte. Mich zu bestärken zog ich meines Einsiedels hinterlassen hären Hemd an und hing seine Ketten über.
Den andern Tag als ich bei meiner Hütte saß und zugleich neben dem Gebet gelbe Ruben zu meines Leibes Unterhaltung briet, umringten mich an fünfzig Musketierer. Zwar sie ob meiner Person Seltsamkeit erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütte, suchten, was da nicht zu finden war, und warfen die Bücher durcheinander, weil sie ihnen nichts taugten. Endlich sahen sie, als sie mich besser betrachteten, an meinen Federn, was vor einen schlechten Vogel sie gefangen hatten, und konnten leicht ihre Rechnung machen; doch verwunderten sie sich über mein hartes Leben. Ja, der Offizierer ehrte mich und begehrte gleichsam bittend, ich wolle ihm den Weg aus dem Wald weisen. Ich widerte mich nicht und führte sie am nächsten Weg dem Dorf zu.
Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr zehn Bauren, deren ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber beschäftigt waren, etwas einzugraben. Die Musketierer schrieen: Halt! Halt! Jene aber antworteten mit den Rohren. Wie sie jedoch sahen, daß sie übermannet waren, gingen sie schnell durch. Die müden Soldaten konnten keinen ereilen, huben aber an auszugraben. Sie hatten wenig Streich getan, da hörten sie eine Stimme von unten herauf:
»O, ihr Erzbösewichter, vermeinet ihr wohl, daß der Himmel euer unchristliche Grausamkeit und Bubenstücke ungestraft hingehen lassen werde? Nein, eure Unmenschlichkeit soll vergolten werden.«
Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie tun sollten. Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst. Ich gedachte, es träume mir. Ihr Offizier hieß sie tapfer zu graben.
Sie kamen auf ein Faß, schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der weder Nasen noch Ohren mehr hatte, gleichwohl noch lebte. Sobald er sich ein wenig ermunterte, erzählte er: Ihrer sechs seines Regiments, so auf Fourage gewesen, seien von den Bauren ergriffen worden. Sie hätten hintereinander stehen müssen, davon die ersten Fünf von einer Kugel tot geschossen worden seien, ihn aber, den letzten, habe die Kugel nicht mehr erlanget. Da hätten sie ihm Nase und Ohren abgeschnitten, zuvor aber ihn gezwungen, daß er ihrer fünfen (salva venia) den Hintern lecken müssen. Da er sich so gar geschmähet gesehen, hätte er ihnen die allerunnützesten Worte gegeben, der Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungeduld eine Kugel schenken, aber vergebens. Nachdem er sie so erbittert, hätten sie ihn in gegenwärtig Faß gesteckt und also lebendig begraben, sprechend: Weil er des Todes so eifrig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht willfahren.
Indem kam eine andre Partei Soldaten den Wald herauf, sie hatten obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen, die andern erschossen. Unter den gefangenen waren vier, denen der übel zugerichtete Reuter zuvor so schandlich hatte zu Willen sein müssen. Als nun beide Parteien erkannten einerlei Kriegsvolk zu sein, traten sie zusammen.
Da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren getrillt wurden. Etliche wollten sie zwar in der ersten Furi totschießen, andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor rechtschaffen quälen und ihnen eintränken, was sie diesem Reuter zu tun geheißen.« Dahingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nichts wert, dann wäre er kein Bernheuter gewesen, so hätte er allen redlichen Soldaten zu Spott solch schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward beschlossen, daß ein jeder von den sauber gemachten Bauren an zehn Soldaten wett mache, was er von dem Reuter empfangen, und darzu sagen sollte: ‚Hiermit lösche ich wieder aus und wische ab die Schande, die sich die Soldaten einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bernheuter tat, wie ich ihnen tue.’
Darauf schritten sie zur Sache, aber die Bauren waren so halsstarrig, daß sie weder durch Verheißung des Lebens noch durch Marter dazu gezwungen werden konnten.
Einer führete den fünften Bauren, an dem der Reuter nicht schandbar geworden war, etwas beiseits und sagte zu ihm: »Wann du Gott und seine Heiligen verläugnen wilt, werde ich dich dahin laufen lassen, wohin du begehrest.« Der Bauer antwortete, er hätte sein Lebtag nichts auf Heilige gehalten und auch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt. Schwur darauf solenniter, daß er Gott nicht kenne. Hierauf jagte ihm der Soldat eine Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert, als wann die an einen stählernen Berg gangen wäre. Also zuckte er seine Plempe und rief:
»Holla, bist du solch ein Schelm! Ich habe versprochen, dich laufen zu lassen, wohin du begehrest, so schicke ich dich nun ins höllische Reich, weil du nicht in den Himmel wilt!«
Und spaltete ihm damit den Kopf bis an die Zähne.
Indessen banden die andern Soldaten die vier übrigen Bauren mit Händen und Füßen an einen umgefallenen Baum so artlich, daß sie ihre Posteriora gerad in die Höhe kehrten. Nachdem sie den Bauren die Hosen abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpfe daran und fidelten die armen Schelme also bis Haut und Fleisch ganz von dem Bein hinweg war. Mich aber ließen sie nach meiner Hütte gehen.
Da ich wieder heim kam, befand ich, daß mein Feuerzeug und ganzer Hausrat samt allem Vorrat an armseligen Speisen, die ich im Garten erzogen und auf den künftigen Winter vor mein Maul gesparet hatte, mir einander fort war. — Wo nun hinaus?
Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen, ohn Unterlaß im Sinn. Ich dachte nicht sowohl meiner Erhaltung nach als der Antipathia, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält. Ich meinte, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, wilde und zahme, weil sie einander so grausam verfolgten.
[Das neunte Kapitel]
In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem hungrigen Magen.
Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen, lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber nicht herfürwollte, striegelten sie die Commissarii mit Besen, die man militarische Execution nennet, daß ihnen die Seufzer aus dem Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark aus den Beinen herausging.
Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit, diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche Last der Wurzel.
Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,
Arbeit und Armut, wie es fällt,
Gewalttat, Ungerechtigkeit
Treiben die Landsknecht allezeit.
Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden, förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder jämmerlich leiden, in summa nur verderben, beschädigen und verderbt, beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben, Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben.
Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf und gaben den Musketierern Baumöl.
Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz, ein glatt Stück ohne Äste mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert als ein stählerner Spiegel.
Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto besser saßen sie.
Wann ein Commissarius daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen, so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden.
Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu schmälen. Aber Adelhold sagte:
»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen? Ein rechtschaffener Edelmann, eh er seinem Geschlecht durch Untreue, Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht fein:
Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,
Als wann der Baur zum Herren wird.
Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein alter Löw.«
Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch Wohlverhalten ein General zu werden.
Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch laben
Mit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt.
Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt.
Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.
Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancher Nobilist, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet manch wackerer Soldat unter seiner Muskete, der billiger ein Regiment meritierte.«
Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen Soldaten prügelte wie die Hunde.
Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der Kriegsgott Mars und bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam.
Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme:
Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,
Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:
Durch innerlichen Krieg und brüderlichen Streit
Wird alles umgekehrt und folget lauter Leid.
Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner Hütte.
Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte.
‚Lieber Simplici, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten. Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du bestehen mögen. Vale!’
Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben, welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen.
[Das zehent Kapitel]
Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt. Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir ein erschröcklich Spectacul. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht gleich zween Musketierer, die mich in ihre Corps de Garde führten.
Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt, noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten und vorn, fein kreuzweis, wie man St. Wilhelmum zu malen pfleget, umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte. Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte, der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht, ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch: zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib zugleich.
Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so er mir zum Valete hinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte:
»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!«
»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann heiß!«
Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu, als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde.
Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine Antwort war: »Ich weiß es nicht.« — »Was Teufel weißt du dann? Was ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« — »Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte, hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben.
»Warum eben auf birkenen Rinden?«
»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.«
»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.«
»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.«
»Wo, in welchem Wald?«
Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht. Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben, ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.«
So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor.
»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst niemand verstehet. Wie heißt du?«
»Simplicius.«
»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an Hand und Fuß in Eisen schließe!«
Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge, dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug an mir getragen.
Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen elenden Zustand allererst grausam machten.
»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du unglückseliger Simplici! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit: Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch, du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«
Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet, wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen, was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O Simplici, bist du es!«
Da hub ich beide Hände auf und schrie: »O Vater! O Vater!«
Er fragte mich, was ich getan hätte. Ich antwortete, ich wüßte es nicht. Als er aber den Umstand vernahm, bat er, man wollte mit mir inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gubernator berichtet hätte, dann solches würde verhüten, daß er sich an uns beiden vergreife.
[Das elfte Kapitel]
Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider, ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock, auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen hatte, wie Simplicius eins war. Alsdann dorfte allererst der Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungerten Leib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig, da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein Herr Simplicius wie ein junger Graf zum besten accommodiert. Ich glaube schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan, daneben mein Bildnus.
Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch, daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte. Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete.
Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu meinem Pfarrer brachte. In dessen Museo satzten wir uns und er ließ mich vernehmen:
»Lieber Simplici, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welche beiden Tugenden man zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. — Ich will dir aber auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben gekommen sei.
Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten. Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte, er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines Trostes bedurfte. Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh.
Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau, Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd, geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden, und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten Conterfait trug vertauschen.
Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf und erzählte, wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich, indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden. Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.«
Ich antwortete, es gälte mir gleich.
Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine Beständigkeit und unveränderlichen Willen. In summa er konnte nicht genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicher Inbrünstigkeit kurz vor seinem Tod rekommendieret.
Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,« antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und festen Vorsatz verwundern muß.«
Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden die Augen voll Wasser, da er sagte:
»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern können. Als will ich anstatt seiner seinen Simplicium versorgen. Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren, als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.«
Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute, sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten.
[Das zwölfte Kapitel]
Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher, der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm rächen möchte.«
»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers überkommt!«
»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter, »ich bin darum kein Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der Eigentumsherr.«
Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet.
Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?«
Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen geben?«
Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war, welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus dem Medico und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern, Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott gewesen.
Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als ein Ecce-Homo wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren. Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes Ecce-Homo. Er aber sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher Ecce-Homo manglen. Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige, dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.« »Phantast,« rief er, »ich aestimiere die Rarität!«
So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs? Tun nicht die Zöllner also auch?’
Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.
Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.
Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und versatzte dem Täter eins vor den Kopf.
Ich sagte: »Ach Freund, was machst du!«
Er antwortete: »Da wäre einer ein Bernheuter! Ich will mich, schlag mich der Donner und hol mich der Teufel, selbst rächen oder das Leben nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so coujonieren ließe!«
Das Lärmen zwischen den zweien Duellanten vergrößerte sich, weilen beiderseits Beiständer auch in die Haare kamen. Da bliebs bei geringen Kinderschwüren nicht. Die heiligen Sakramente mußten nicht nur siebenfach, sondern auch mit hunderttausenden soviel Tonnen, Galeeren und Stadtgräben voll heraus, also daß mir alle Haare zu Berg stunden.
Zum allerschröcklichsten kam es mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Boßheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörte. Da vernahm ich zu unterschiedlichen Zeiten:
»Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen! Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und eben soviel Mal gekotzt!«
»Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!«
»Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!«
»Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!«
»Ich habe ihn darniedergehauen, als wenn ihn der Hagel hätte darnieder geschlagen.«
»Ich habe ihn geschossen, daß er das Weiße über sich kehrte.«
»Ich habe ihn so artlich über den Tölpel geworfen, daß ihn der Teufel hätte holen mögen. — Ich habe ihm den Stein gestoßen, daß er den Hals hätte brechen mögen.«
In Gottes Namen sündigten sie, was wohl zu erbarmen ist: »Wir wollen in Gottesnamen auf Partei, plündern, niedermachen, in Brand stecken.«
Wann ich so etwas hörete und sahe und, wie meine Gewohnheit war, mit der Hl. Schrift hervorwischte, so hielten mich die Leute vor einen Narren und ich ward ausgelachet, daß ich endlich auch unwillig wurde und mir vorsatzte, gar zu schweigen.
Als ich demnach vermeinete, ich hätte Ursach zu zweifeln, ob ich unter Christen wäre oder nicht, ging ich zu dem Pfarrer mit der Bitte, er wolle mir doch aus dem Traum helfen. Der Pfarrer antwortete: »Freilich sind sie Christen und wollte ich dir nicht raten, daß du sie anderst nennen solltest. Dessen verwundere dich nicht. Wann die Apostel selbst anjetzo auferstehen und in die Welt kommen sollten, sie würden jeder männiglich vor Narren gehalten sein. Was du siehest und hörest ist eine allgemeine Sache und nur Kinderspiel dagegen, was sonsten so heimlich, als offentlich und mit Gewalt wider Gott und den Menschen vorgeht. Laß dich das nicht ärgern. Du wirst wenig Christen finden, wie dein Einsiedel einer gewesen ist.«
Indem führet man etliche Gefangene über den Platz und wir beschaueten sie auch. Da vernahm ich eine neue Mode einander zu grüßen und zu bewillkommnen, dann einer unserer Guarnison kannte einen Gefangenen. Zu dem ging er, gab ihm die Hand und druckete sie vor lauter Freude und Treuherzigkeit, dabei er sagte: »Daß dich der Hagel erschlage, lebst du noch, Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen! Ich habe, schlag mich der Donner vorlängst gemeinet, du wärest gehängt worden!«
Darauf antwortete der andere: »Potz Blitz Bruder, bist dus oder bist dus nicht? Daß dich der Teufel hole, wie bist du hierher gekommen? Ich hätte mein Lebtag nicht vermeinet, daß ich dich wieder antreffen würde, sondern habe gedacht, der Teufel hätte dich vorlängst hingeführet!«
Und als sie von einander gingen, sagte einer zum andern:
»Strick zu, Strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann wollen wir brav mit einander saufen!«
Ich verwunderte mich und ging, dem Gubernator aufzuwarten, dann ich hatte gewisse Zeiten Erlaubnus, die Stadt zu beschauen, weil mein Herr von meiner Einfalt Wind hatte und gedachte, solche würde sich legen, wann ich herumterminierte und von andern gehobelt und gerülpt würde.
[Das dreizehnte Kapitel]
Meines Herren Gunst mehrete sich täglich, weil ich nicht allein seiner Schwester je länger, je gleicher sahe, sondern auch ihm selbsten, indem die guten Speisen und faulen Täge mich glatthärig machten. Wer etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, erzeigte sich mir günstig, und sonderlich mochte mich der Secretarius wohl leiden, indem mir derselbe rechnen lernen mußte.
Er war erst von den Studien gekommen und stak noch voller Schulpossen, die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben, als wann er einen Sparren zu viel oder zu wenig gehabt hätte. Er überredete mich oft, schwarz sei weiß und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der Erste alles und aufs letzte gar nichts mehr glaubte.
Einsmals tadelte ich sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortete solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, dann daraus lange er hervor, was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider und in summa, was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt. Ich wollte das von einem so kleinen, verächtlichen Ding nicht glauben. Hingegen sagte er, solches Vermöge der spiritus papyri (also nannte er die Tinte) und das Tintenfaß würde darum Faß genannt, weil es große Dinge fasse.
»Wie soll mans herausbringen, sintemal man kaum zween Finger hineinstecken kann?«
Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten müsse und verhoffe sich bald auch eine schöne, reiche Jungfrau herauszulangen. Wann er Glück hätte, so getraue er auch ein eigen Land und Leute heraus zu bringen.
Ich mußte mich über diese künstlichen Griffe verwundern und fragte, ob noch mehr Leute solche Kunst könnten.
»Freilich, alle Kanzler, Doktoren, Secretarii, Prokuratoren oder Advokaten, Commissarii, Notarii, Kauf- und Handelsherren, so, wann sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.«
Ich meinte so seien die Bauren und andere arbeitsame Leute nicht witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot essen und diese Kunst nicht auch lernen. Er aber sagte: »Etliche wissen der Kunst Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche wolltens gern, mangeln aber des Arms im Kopfe oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunst und haben Arms genug, wissen aber die Griffe nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden; andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie wohnen aber in der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst zu üben.«
Als wir dergestalt vom Tintenfaß diskurierten, kam mir das Titularbuch ungefähr in die Hände, darin fand ich mehr Torheiten, als mir bisher noch nie vor Augen gekommen.
Ich rief: »Alles sind ja Adamskinder und eines Gemächts miteinander, Staub und Aschen, woher kommt ein so großer Unterschied? Allerheiligst, Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche Eigenschaften? Der ist gnädig, der ander gestreng und was tut das Geboren dabei? Die heißen Hoch-, Wohl-, Vor-Großgeachte! Was ist das vor ein närrisch Wort: Vorsichtig! Wem stehen dann die Augen hinten im Kopf? Es ist viel rühmlicher, wann einer freundlich tituliert wird. Item wann das Wort Edel an sich selbsten hochschätzbare Tugenden bedeutet, warum es bei Fürsten und Grafen zwischen hoch und geboren setzen? Und Wohlgeboren ist eine Lüge, solches möchte eines jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es ihr bei der Entbindung ergangen sei.«
Der Secretarius und ich lacheten gar sehr. Indem entrann mir ein so grausamer Leibsdunst, daß beide ich und der Secretarius darüber erschraken.
»Trolle dich, du Sau,« sagte er, »zu den andern Säuen im Stall, mit denen, du Rülp, besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren kannst!«
Und also hatte ich den guten Handel in der Schreibstube, dem gemeinen Sprüchwort nach, auf einmal verkerbt.
Ich kam unschuldig in das Unglück, dann die ungewöhnlichen Speisen und Arzneien, die mein eingeschnurrtes Gedärm zurecht bringen sollten, erregten viel garstige Wetter und Stürm in mir, maßen weder mein Einsiedel noch mein Knän mich unterrichtet, daß es übel getan sei, wann man dies Orts der Natur willfahre.
Mein Herr hatte nun einen ausgestochenen Essig zum Pagen neben mir, dem schenkte ich mein Herz. Aber er eiferte mit mir, wegen der großen Gunst, die mein Herr zu mir trug. Er besorgte, ich möchte ihm vielleicht die Schuhe gar austreten und sahe mich heimlich mit Mißgunst an. Er sann auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen möge und mich zu Fall brächte. Ich aber vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, so alle auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestunden.
Einsmals schwätzten wir im Bett vom Wahrsagen, und er versprach mir solches umsonst zu lernen. Hieße mich darauf den Kopf unter die Decke tun. Ich gehorchte fleißig und gab auf die Ankunft des Wahrsagegeistes genaue Achtung. Potz Glück! Desselben Einzug in meine Nase war so stark, daß ich eilends unter der Decke herfürwischte.
»Was hast du,« fragte der Lehrmeister. Ich antwortete ihm. Da meinte er: »Du kannst also die Kunst des Wahrsagens am besten.«
Ich nahms vor keinen Schimpf, dann ich hatte damals noch keine Galle und begehrte allein zu wissen, wie ihm dies so stillschweigend gelungen sei. Er antwortete: »Du darfst nur das linke Bein lupfen und darneben heimlich sagen: je pete, je pete, je pete und mithin so stark gedruckt, als du kannst.«
»Es ist gut,« sagte ich, »man meinet sodann, die Hunde haben die Luft verfälscht. Ach, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstube gewußt!«