Deutsche Dichter

des

siebzehnten Jahrhunderts.

Mit Einleitungen und Anmerkungen.

Herausgegeben

von

Karl Goedeke und Julius Tittmann.

Zehnter Band.

Grimmelshausen's Simplicianische Schriften.

Erster Theil.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.


1877.


Simplicianische Schriften.

Von

Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen.

Herausgegeben

von

Julius Tittmann.


Erster Theil.

Trutz Simplex. — Der seltzame Springinsfeld.

Anhang: Der erste Bärnhäuter. — Gaukel-Tasche.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.


1877.


Inhalt

Seite
Die Simplicianischen Schriften.
I.
[v]
Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. [5]
Das erste Capitel.[9]
Das zweite Capitel.[12]
Das dritte Capitel.[16]
Das vierte Capitel.[20]
Das fünfte Capitel.[23]
Das sechste Capitel.[28]
Das siebente Capitel.[32]
Das achte Capitel.[35]
Das neunte Capitel.[38]
Das zehnte Capitel.[42]
Das elfte Capitel.[46]
Das zwölfte Capitel.[49]
Das dreizehnte Capitel.[53]
Das vierzehnte Capitel.[57]
Das fünfzehnte Capitel.[62]
Das sechzehnte Capitel.[67]
Das siebzehnte Capitel.[71]
Das achtzehnte Capitel.[76]
Das neunzehnte Capitel.[81]
Das zwanzigste Capitel.[87]
Das einundzwanzigste Capitel.[89]
Das zweiundzwanzigste Capitel.[93]
Das dreiundzwanzigste Capitel.[98]
Das vierundzwanzigste Capitel.[102]
Das fünfundzwanzigste Capitel.[105]
Das sechsundzwanzigste Capitel.[108]
Das siebenundzwanzigste Capitel.[112]
Das achtundzwanzigste Capitel.[115]
Zugab des Autors.[119]
Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins.[120]
Der seltzame Springinsfeld.[121]
Das erste Capitel.[127]
Das zweite Capitel.[130]
Das dritte Capitel.[135]
Das vierte Capitel.[140]
Das fünfte Capitel.[144]
Das sechste Capitel.[149]
Das siebente Capitel.[155]
Das achte Capitel.[162]
Das neunte Capitel.[166]
Das zehnte Capitel.[172]
Das elfte Capitel.[175]
Das zwölfte Capitel.[181]
Das dreizehnte Capitel.[186]
Das vierzehnte Capitel.[191]
Das fünfzehnte Capitel.[195]
Das sechzehnte Capitel.[198]
Das siebzehnte Capitel.[203]
Das achtzehnte Capitel.[206]
Das neunzehnte Capitel.[210]
Das zwanzigste Capitel.[213]
Das einundzwanzigste Capitel.[216]
Das zweiundzwanzigste Capitel.[219]
Das dreiundzwanzigste Capitel.[223]
Das vierundzwanzigste Capitel.[227]
Das fünfundzwanzigste Capitel.[231]
Das sechsundzwanzigste Capitel.[234]
Das siebenundzwanzigste Capitel.[240]
Anhang.[243]
Des ersten Bärnhäuters Bildnus.[246]
Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter.[247]
Der Autor an den Käufer und sonst jedermann.[256]
An die Umstehenden.[257]
Die Geizigen und...[260]
...Mauschals betreffend.[261]
Die Possenreißer und...[262]
...Schalksnarren betreffend.[263]
Die Soldaten und...[264]
...Kriegsgurgeln betreffend.[265]
Die Weinschläuch und...[266]
...Bierbrüder betreffend.[267]
Die Courtisanen und...[268]
...Jungfernknechte betreffend.[269]
Die Gaukler, Spitzbuben...[270]
...und Spieler betreffend.[271]
Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser.[272]

Die Simplicianischen Schriften.

I.

Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus« gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet, ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.

Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten, vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen möchten.

Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen »Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke unmittelbar an.

Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist; diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich, der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.

Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt, die Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.

Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt, er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.

Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in nachstehender Weise vermittelt.

Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für mobilis als nobilis zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer Thaten.

Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen; überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen, die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten beladenen Phantasten, standhafte Weigerung — der Weg zum Besitz geht natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof. Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der Liebe für immer verleidete.

Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen Lebens daran zu knüpfen.

Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder wissen — denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste mehr gelegen —, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige, ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder, deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte, wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist. Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die »Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen, sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin abstamme.

Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des »Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende machen können, es ist ein zauberhaftes Vogelnest, das seinen Träger unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte, und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.

Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's folgen auf die sechs Bücher des »Simplicissimus« — wodurch also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich anerkannt wird — die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«, »Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden. Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich. Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.

Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will. Ubeda's »Picara Justina« war durch eine Uebersetzung in Deutschland bekannt (Frankfurt 1626 — 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen. Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben — und hier tritt schon ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit Springinsfeld zu Tage — entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen; in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe schnellt.

Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten. Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.

In der für die höhern Stände zunächst berechneten Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch, der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die »Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«, die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde, schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen, die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden, die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte, indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.

Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »Historia Amadaei« mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.

Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s. w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.

Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth redet, und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.

Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane, den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659) und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen Redewendungen anbringen läßt.

Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung »Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet, die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige Seligkeit hätte bringen können.

Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen. Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt, und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried, Historische Chronik, II. 13). Diese Achtserklärung wurde 1622 wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen, mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum Islam gegeben haben.

Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen, da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth. Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand, bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek wandte — es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler, wenn (Kap. II.) statt dessen Budweis genannt wird —, zog Buquoi auf Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge »fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500 Menschen erschlagen worden.

Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621 ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's (S. [16]) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.

Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück; den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren. Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus Mähren zu danken hatten.

Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen, während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim, welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der Wetterau bezogen.

Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct auf das »Theatrum Europaeum« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den »Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.

Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen. Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte, ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die Elbe bis nach Jütland gedrängt.

Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein. Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins freie Feld an der Donau verlegt.

Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim) befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen. Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs 1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In spätern Jahren sollte sie — so erfahren wir aus einer der satirischen Schriften Grimmelshausen's — den geliebten und gehaßten Simplicissimus noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672 erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.

Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns, mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.

Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art, wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka, daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen, ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in einem Hospital zu enden.

In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung, die sogar an die französischen noms de guerre, wie Sautebuisson, Jolibois, Verdelet anklingt. Später wurden dieselben auf christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen, wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.

Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den Kenner der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird; natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit verzichten.

Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen, Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen, als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft, die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.

Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt, und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen. Der geschichtliche Verlauf ist folgender.

Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200 Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben, machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am 23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte; bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig Regimenter kostete.

Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644. Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne, die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen, darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug, wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert, viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont und, wie das »Theatrum Europaeum« sich ausdrückt, »eine unerhörte Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen, die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8. December 1645.

Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen (Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft, wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den gefallenen General.

In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe, an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand »der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647 mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14. September schon gekündigt wurde.

Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen« sind der General der Reiterei Johann de Werth und der Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli ein Mandatum avocatorium an die gesammten Kriegsleute der bairischen Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.

Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die folgenden, dem »Theatrum Europaeum« (Theil VI. S. 57 fg., wo die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre, Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert, darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian nach dem kurzen Bericht des »Theatr. Europ.« (V, 1293) gegen einige Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische, ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt, die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt.

Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg.

Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel, genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.

Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen, dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener, auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.

Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen, und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische, französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten, faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen. In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den 17. September 1668.

Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner »Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint — denn ein Zweck ist doch überhaupt nicht einzusehen — ist hier der furchtbare Boden, auf dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige Handlung sich auswirkt.

Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten. Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen Angaben stimmt.

Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem ehrbaren Wandel bekehrt hatte.


Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen. Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig gehalten werden.

In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z. B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche Sagen«, I, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke (in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein Nest — genau so faßt es Grimmelshausen —, um dasselbe vor Gefahren sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. II, V. 1203 fg.). Unter den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut, dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B. zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister erblicken läßt.

Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen. Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche, Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam, ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil, worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan, seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben.

Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder »Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite und Anchises im griechischen Götterglauben.

Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich selbst ein »Mümmelchen« — der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft —; des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog, der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch heranbrausenden Wellen fortgerissen.

Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner verwandt zu werden.


Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670 bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus« angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind.

Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt. Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. VII), wo Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt, genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der Schreiber (»Springinsfeld« Kap. VIII) von seiner Absicht sagt, das Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter« folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230 Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker, die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt hat.

Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche« auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. III, S. 181 fg.) haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls »Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen: »Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der Welt« (II, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.

Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des »Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432), einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »Rinconete y Cortadillo«, deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des Namens scheint daneben bestehen zu können.


Fußnoten:

[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite stehen im Original — zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend — folgende Verse:

[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter.

[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige.

Auf der Rückseite des Titels:

Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld,
Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt,
Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen,
Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen.
Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück?
Sie stimmten in ein Horn, zeigten mir ihre Tück.
Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen,
Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen,
Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus,
Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus,
Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben,
Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben.


I.
Trutz Simplex.


Trutz Simplex

Oder

Ausführliche und wunderseltzame

Lebensbeschreibung

Der Erzbetrügerin und Landstörzerin

Courage,

Wie sie anfangs eine Rittmei-

sterin, hernach eine Hauptmännin, ferner

eine Leutenantin, bald eine Marketenterin,

Musquetiererin und letzlich eine

Zigeunerin abgegeben, Meisterlich

agiret und ausbündig

vorgestellet:

Eben so lustig, annehmlich un̄ nutzlich

zu betrachten als Simplicissimus

selbst.

Alles miteinander

Von der Courage eigner Per-

son, dem weit und breit bekannten Simpli-

cissimo zum Verdruß und Widerwillen, dem

Autori in die Feder dictirt, der sich vor

dißmal nennet

Philarchus Grossus von Trommenheim,

auf Griffsberg &c.


Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot.


Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage.

[Das erste Capitel.] Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.

[Das zweite Capitel.] Jungfrau Lebuschka (hernachmal genante Courage) kommt in den Krieg und nennet sich Janco, muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.

[Das dritte Capitel.] Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen Courage.

[Das vierte Capitel.] Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Witwe werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.

[Das fünfte Capitel.] Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und züchtiges, wie auch verruchtes gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern
mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.

[Das sechste Capitel.] Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.

[Das siebente Capitel.] Courage schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber nicht so wol als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant um die Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie sitzen läßt.

[Das achte Capitel.] Courage hält sich in einer Occasion trefflich frisch, haut einem Soldaten den Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, daß ihr Leutenant als ein meineidiger Ueberlaufer gefangen und gehenket worden.

[Das neunte Capitel.] Courage quittirt den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten wil und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird.

[Das zehnte Capitel.] Courage erfähret nach langem Verlangen, Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern gewesen, und freiet darauf wiederum einen Hauptmann.

[Das elfte Capitel.] Die neue Hauptmännin Courage ziehet wieder in den Krieg und bekam einen Rittmeister, Quartiermeister und gemeinen Reuter durch ihre heldenmäßige Tapferkeit in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann und wird eine unglückselige Witwe.

[Das zwölfte Capitel.] Der Courage wird ihre treffliche Courage auch wieder trefflich von dem ehedessen von ihr gefangnen Major eingetränkt, wird jedermans Hur, darauf nackend ausgezogen und muß eine gar schändliche Arbeit verrichten, wird aber endlich von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen, erbeten, daß ihr nicht etwas Aergers widerfuhr, und darauf auf ein Schloß geführt.

[Das dreizehnte Capitel.] Courage wird als ein gräfliches Fräulein auf einem Schloß gehalten, von dem Rittmeister gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf Erfahrung der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar listig aus dem Schloß nach Hamburg gebracht und daselbst elendiglich verlassen.

[Das vierzehnte Capitel.] Courage wirft ihre Liebe auf einen jungen Reuter, der einen Corporal, so ihme Hörner aufsetzen wolte, also zeichnete, daß er des Aufstehens vergaß. Darauf wird ihr Liebster harquebusirt, die Courage aber mit Steckenknechten vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an sie legen wolten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musquetierer zu Hülfe kame.

[Das funfzehnte Capitel.] Courage hält sich bei einem Marketenter auf; ein Musquetierer verliebt sich trefflich in sie, dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie den Ehestand lediger Weise mit ihme treiben möchte; wird auch darauf eine Marketenterin.

[Das sechzehnte Capitel.] Courage nennet ihren Courtisan, den Musquetierer, mit dem Namen Springinsfeld, dem ein Fänderich, auf der Courage Anstalt, gar listig ein paar großer Hörner aufsetzet, darzu der Courage vermeinte Mutter treulich hilft; kurz, sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herum und schicket sich stattlich in den Handel.

[Das siebzehnte Capitel.] Der Courage widerfährt ein lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf Anstiften einer italiänischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem vornehmen Herrn beim Nachtimbiß war; sie bezahlet aber sowol die Putanin als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht auch einem Apotheker ein wunderliches Stückchen.

[Das achtzehnte Capitel.] Die gewissenlose Courage erkauft von einem Musquetierer einen Spiritum Familiarem, empfindet darbei großes Glück, und gehet ihr alles nach Wunsch und Willen von statten.

[Das neunzehnte Capitel.] Courage richtet ihren Springinsfeld zu allerlei Schelmenstücklein trefflich ab, der sich bei einer vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den Keller gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig erpracticirt und bei Nacht von Courage aus dem Keller gezogen wird.

[Das zwanzigste Capitel.] Courage nebenst ihrem Springinsfeld bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte Weise, indeme sie dem einen, der sehen wolte, was in ihrer Hütten vor ein Gepolter war, und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in die Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen verlegte.

[Das einundzwanzigste Capitel.] Courage wird von ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und übel zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demüthig um Gnade und Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen wil.

[Das zweiundzwanzigste Capitel.] Courage wird von ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hemd gegen des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich zu schreien beginnet, daß alle Officierer zulaufen und des Possens lachen; sie schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das beste Pferd, nebenst 100 Ducaten und dem Spiritu Familiari.

[Das dreiundzwanzigste Capitel.] Courage heurathet wiederum einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei ihr erwarmet, wieder beraubet, lässet sich darauf auf ihres ersten Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Hurenhandwerk wie zuvor, doch gar vorsichtig, mit den eingequartierten Soldaten.

[Das vierundzwanzigste Capitel.] Courage bekommt eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Saurbronnen und macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie ihn redlich wieder und läßt ihm ihrer Magd neugebornes Kind vor seine Thür legen nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courage mit ihm erzeugt hätte.

[Das fünfundzwanzigste Capitel.] Courage treibet mit einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche Händel, als eben zween Musquetierer auf einem Baum Birnen mauseten und der eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle fallen ließ; darüber die Courage mit ihrem alten Liebhaber vertrieben, endlich offenbaret und der Stadt verwiesen wird.

[Das sechsundzwanzigste Capitel.] Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und Brantewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.

[Das siebenundzwanzigste Capitel.] Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben und Courage selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder zustellen.

[Das achtundzwanzigste Capitel.] Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machen sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.


Das erste Capitel.

Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.

Ja — werdet ihr sagen, ihr Herren — wer solte wol gemeint haben, daß sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen, daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen, ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.

Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret, beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte — werdet ihr sagen —, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die, deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung zu fassen die Gnad haben können.

Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder jung oder gar zu Stücken lachen.

Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?

Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich bändig zu machen. Die Cholera[7] hat sich mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte Phlegmam[8] evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche, wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret, ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan!

Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren, warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller Welt deine Laster offenbarn?

Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse, wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei.

Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und Sünder abgestraft.


Fußnoten:

[4] Schelle, »schellenlaute Thörin«.

[5] Gumpen, Springen, Hüpfen.

[6] deren, der, dat. wie öfters bei Grimmelshausen.

[7] Cholera, Galle.

[8] Phlegmam, Acc. als fem. genommen.

[9] beschweret, beschwöret.


Das zweite Capitel.

Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.

Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden.

Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter; ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren, welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.

Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.«

Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!

Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen.

»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan euch das ander auch wieder wachsen.«

Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben.

Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß: wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein Teutscher Flachs in finden.«

»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?«

»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn aus der Küheweid[19] bringe.«

»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne, die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.«

Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte, daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten. Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer Nation haben wolte.

Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20] wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte, muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte, daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte, so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst nicht mitgebracht.


Fußnoten:

[10] scilicet, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben will!

[11] Gurre, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch gebräuchlich.

[12] Bragoditz, Pragatitz, jetzt Prachatitz in Böhmen, Prachiner Kreis.

[13] Vgl. die Einleitung.

[14] Anliegen, Sorge, Kummer.

[15] Dauben, Einbildungen.

[16] schmecken, riechen, merken.

[17] Kürbe, Kirbe, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht.

[18] Kuder, Werch, Heede.

[19] aus der Küheweid, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.

[20] Maultasche, Maulschelle, statt des Ritterschlags.


Das dritte Capitel.

Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen Courage.

Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten. Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon seine Besoldung hat.

Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich, der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn niemalen hören oder sehen beten.Und wann ihn gleich der weise König Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war, von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe preißmachen.

Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte, mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten, daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war, und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste, das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet. Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen getraute.

Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben, und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen, unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte, wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus.

Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam, sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum, daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines Mannsmenschen Hände kommen sein.«

Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste.

»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer hergebrachten Ehr beschützen.«

Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst gewesen.

Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen, daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen; mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre, der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen, allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen, unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar ordenlich von mir vernehmen solt.


Fußnoten:

[21] Rakonitz, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag.

[22] Alphonsus, Alfons X., König von Leon und Castilien, reg. 1252 bis 1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph, Astronom. Von ihm sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von Aragonien, gest. 1458, wie H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint.

[23] Iylau, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn.

[24] Trebitz, Trebitsch, Trzebicza, Flecken, Fähren, Kreis Iglau.

[25] mundirte, montirte, ausrüstete.

[26] schnellen, in die Höhe, wieder zu stehen kommen.

[27] Filz, Schelte, Strafrede.

[28] verzwicken, zweideutig ausdrücken.

[29] wagen, Gefahr laufen.

[30] Zeiger, Zieger, Käse.


Das vierte Capitel.

Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.

Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs. Ich quälte ihn oft, daß er dermalen eins[31] sein Versprechen halten und mich zur Kirchen führen solte; aber er hatte allzeit eine Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange Bank schieben konte. Niemalen konte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann ich eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben meine Jungfrauschaft wie des Jephthae Tochter[32] beweinte, welchen Verlust ich doch nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war froh, daß mir solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir zu Wien ein toll[33] Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie es damalen das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß mir nichts anders manglete als die Copulation, und daß man mich einmal Frau Rittmeisterin nennete, wormit er mir eine große Hoffnung machte und mich willig behielte. Ich dorfte aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben. Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er mich nicht mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage nante. Denselben Namen ähmten andere nach, ohne daß sie dessen Ursprung wusten, sondern vermeinten, mein Herr hieße mich dessentwegen also, weil ich mit einer sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste Feindsgefahren zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die ihr noch euer Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, dann mit derselbigen gehet zugleich euere Freiheit in Duckas[34] und ihr gerathet in ein solche Marter und Sclaverei, die schwerer zu erdulden ist als der Tod selbsten. Ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der Verlust meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab niemal kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses gieng mir zu Herzen, daß ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben muste, wolte ich nicht in Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der Schul schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen möchte. Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, wie man ein Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, nachdem er eine Dame betrogen und sich folgends an ein andere verheuraten wolte, wiederum zum Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und zum Fenster hinaus auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, daß ich ihm einmal unversehens in einer Occasion ein Kugel geschenkt hätte.

Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in Ungarn und nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch unsere meiste Bagage und beste Sachen hinterlegeten, weil sich mein Rittmeister versahe, wir würden mit dem Bethlen Gabor eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen giengen wir nach S. Georgi[35], Possing, Moder und andere Ort, welche erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg und fast die ganze Insul[36] nahmen wir ein, und vor Neusoll[37] kriegten wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich verwundet, sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir anfiengen zu fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg kamen. Daselbst pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem Fleiß, aber die Wundärzte prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet war. Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß er sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein solcher eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß er beichtet und communicirte. Nach solchem wurde er beides durch seinen Beichtvatter und sein eigen Gewissen angespornt und getrieben, daß er mich mit ihme im Bette copuliren ließe, welches nicht seinem Leib, sondern seiner Seelen zum besten angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil ich ihn überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, mit ihnen ehelich zu leben; dieser aber ehelichte mich, weil er wuste, daß er solte sterben. Aus diesem Verlauf musten die Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als ein getreuer Diener, sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück beweinet hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu Paß, welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen mich zur Wittib machte. Und damals gieng mirs allerdings wie jenem Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer Befreundten, der ihr das Leid klagte[38], zur Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt einem der Teufel zum ersten hin.

Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, dann er mir nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, sondern auch ein schön Stück Geld hinterlassen, und um alle diese Begebenheit ließe ich mir von dem Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der Hoffnung, dardurch von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte aber auf fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar gut edel[39] von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß er sich elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder zugericht hätten. Ich verlore aber zu Preßburg nicht allein diesen meinen Liebsten, sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor belägert. Dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu Fuß aus Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe ich mich mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, Dienern und ganzer Bagage nach Wien begeben, um von dannen wiederum in Böhmen zu kommen, zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen. Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so viel Pferd und Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im Krieg redlich und ehrlich gewonnen.


Fußnoten:

[31] dermalen eins, dermaleinst.

[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11 in ihrer Weise auf!

[33] toll, auffallend.

[34] in Duckas gehen, sprichwörtlich wie: in die Brüche gehen.

[35] Georgi, Szt. György.

[36] die Insul, Schütt.

[37] Neusoll, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der Neitra 1626; vgl. die Einleitung.

[38] das Leid klagte (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein Beileid bezeigte.

[39] gut edel, von gutem Adel.


Das fünfte Capitel.

Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.

Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40] zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant, welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen, Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern, wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen, sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen. Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte.

Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den »Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen machte, das ließe sie nicht unterwegen.

Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig, welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte, noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt, und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen, die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte, daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten, die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte, wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador, welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten in specie zusammen brachte, ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern, Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:

Ein jeder Tag bricht dir was ab
Von deiner Schönheit biß ins Grab.

Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können, sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte, seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.


Fußnoten:

[40] genau, sparsam.

[41] Daus-Es, Daus-As, 2 und 1 im Kartenspiel = durchtriebenes Weib.

[42] Hofbursch, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.

[43] sich enthalten, sich aufhalten.

[44] aufsetzen, frisieren und coiffieren.

[45] Amadis, vgl. die Einleitung.

[46] dörfen, wagen.

[47] Anwurf, erster Angriff.

[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso verliebt waren.

[49] columbinen, colombin, couleur gorge de pigeon, taubenhalsfarbig

[50] malzern, malzen, figürlich Ausbeute machen.

[51] Reise, Dienst.


Das sechste Capitel.

Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.

Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz zu reisen, welches ich als in einem befriedeten[52] Land sicher zu thun getraute. Aber potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen sahe, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman gethan hatte, vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich an und wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald zu, als wann sie der Teufel selbst gejagt hätte. Ich schrei[53] zwar, als wann ich an einer Folter gehangen wäre, aber sie machten mich bald schweigen. Um Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag, allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es wurde ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem sie ihre viehische Begierden sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig Dragonern eine Convoy nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und, weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit einander niedergemacht. Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht gepartet[54], und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht 24 Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, daß er mich und das Meinige vor keine rechtmäßige Beuten halten und behalten könte. Er muste es selbst bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich ihm um meiner Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, wann er einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter Hauptmann; wann mein Will darbei wäre, so würde die Beut bald getheilt sein; wo nicht, so werde er mich gleichwol mitnehmen und hernach erst mit einem jedwedern disputirn, ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, und damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vortheil wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, ob er die Beute unter seine ganze Bursch[55] theilen solte, oder ob ich vermittelst der Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben wolte, auf welchen Fall er seine bei sich habende Leute schon bereden wolte, daß ich mit dem Meinigen keine rechtmäßige Beute, sonder ihme allein durch die Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. Und damit fienge ich an zu weinen, als wann mirs gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den alten Reimen:

Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
Aber es geht ihn nicht von Herzen,
Sie pflegen sich nur so zu stellen;
Sie können weinen, wann sie wöllen.

Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu geben, mich zu trösten, sich selbst aber stärker zu verlieben, sintemal mir wol bewust, daß sich die Herzen der Mannsbilder am allermeisten gegen dem weinenden und betrübten Frauenzimmer zu öffnen pflegen. Der Poß gienge mir auch an, und indem er mir zusprach und mich seiner Liebe mit hohem Betheuren versicherte, gab ich ihm das Jawort, doch mit diesem ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, daß er mich vor der Copulation im geringsten nicht berühren solte, welches er beides verheißen und gehalten, biß wir in die Mansfeldische Befestigungen zu Weidhausen[56] ankamen, welches eben damals dem Herzogen aus Baiern vom Mannsfelder selbst per Accord übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs heftige Liebe wegen unsers Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulden mochte, ließe er sich mit mir ehelich zusammen geben, ehe er möchte erfahren, wormit die Courage ihr Geld verdienet, welches kein geringe Summa war. Ich war aber kaum einen Monat bei der Armee gewesen, als sich etliche hohe Officierer fanden, die mich nicht allein zu Wien gekant, sondern auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten. Doch waren sie so bescheiden[57], daß sie weder meine noch ihre Ehr offentlich ausschrien. Es gieng zwar so ein kleines Gemurmel um, darüber ich aber gleich wol keine sonderliche Beschwerung empfand, außer daß ich den Namen Courage wiederum gedulden muste.

Sonst hatte ich einen guten geduldigen Mann, welcher sich eben so hoch über meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit erfreute. Diese hielte er gesparsamer zusammen, als ich gerne sahe. Gleich wie ich aber solches geduldete, also gab er auch zu, daß ich mit Reden und Geberden gegen jederman desto freigebiger sein dorfte. Wann ihn dann jemands vexierte, daß er mit der Zeit wol Hörner kriegen dörfte, antwortet er auch im Scherz, es seie sein geringstes Anliegen; dann ob ihm gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei dem, was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern nehme Zeit, dieselbe fremde Arbeit wieder anders zu machen. Er hielte mir jederzeit ein trefflich Pferd, mit schönem Sattel und Zeug montirt. Ich ritte nicht wie andere Officiersfrauen in einem Weibersattel, sondern auf einem Mannssattel, und ob ich gleich überzwergs saße, so führte ich doch Pistolen und einen türkischen Säbel unter dem Schenkel, hatte auch jederzeit einen Stegreif auf der andern Seiten hangen und war im übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein darüber also versehen, daß ich all Augenblick schrittling sitzen und einen jungen Reuterskerl präsentirn konte. Gab es dann eine Rencontra gegen dem Feinde, so war mir unmüglich, apart[58] nicht mit zu machen. Ich sagte vielmalen, eine Dame, die sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren nicht wagen dörfte, solte auch kein Plümage[59] wie ein Mann tragen. Und demnach mir es bei etlichen Betteltänzen glückte, daß ich Gefangne kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu sein dunken, wurde ich so kühn, wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen Carbiner oder, wie mans nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite zu hängen und neben dem Troupen auch zweien zu begegnen, und solches desto hartnäckiger, weil ich und mein Pferd vermittelst der Kunst, die ich von vielgedachter meiner Wirthin erlernet, so hart war, daß mich keine Kugel öffnen[60] konte.