Anmerkungen zur Transkription

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Kopfzeilen, die den Inhalt veranschaulichen, werden hier als Randnotizen dargestellt, welche wiederum an den jeweils relevanten Stellen eingefügt wurden. Die [Druckfehlerberichtigung] (S. 375) wurde bereits in den Text eingearbeitet. Die Fußnoten finden sich am Ende des jeweiligen Kapitels.

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Der Verfasser vor einem Elefanten.


GRÖSSERES BILD

Im Morgenlicht.

Kriegs-, Jagd- und
Reise-Erlebnisse in Ostafrika

von

Hans Paasche,

Oberleutnant zur See.


Mit 97 photographischen Aufnahmen des Verfassers.

—— Zweite Auflage. ——

Berlin.

Verlag von C. A. Schwetschke und Sohn.
1907.

Fräulein Wanda Théremin hat die Photographien für den Druck vorbereitet.

Die Autotypien sind in der Kunstanstalt von Carl Schütte in Berlin hergestellt.

Vorwort.

Coelum, non animum, mutant,
qui trans mare currunt.
(Horaz. Epist. I, 11.)

Dies Buch schildert meine Erlebnisse in Ostafrika; was ich mit meinen Augen geschaut, mit meinen Ohren gehört habe, will es erzählen.

Eigene Erlebnisse: ich habe den Versuch gemieden, in meine Aufzeichnungen hinein zu verbessern, sie zu färben. Hieraus erklärt sich vielleicht, daß meine Schilderungen den Stempel starker Subjektivität tragen.

Mit herzlicher Dankbarkeit denke ich an meine Vorbilder, meine Meister und Gönner, auch wenn ich sie nicht mit Namen genannt habe. Und aufrichtig freuen würde es mich, wenn sie sich in meinem Buche wiederfänden.

Vielseitig ist unser herrlicher Seemannsberuf. Vielleicht ist das Schönste an ihm, daß mählich, und oft unbewußt, die flüchtigen Eindrücke von Ländern und Völkern und von dem bunten Leben in fremder Welt ein Stück unseres eigenen Seins werden. Man hängt oft fester daran, als es äußerlich scheinen möchte.

Ungemein günstige äußere Umstände habe ich gefunden: ich durfte Wanderungen machen, die jetzt, wo die große, stolze Flotte die Kräfte in der Heimat mehr zusammenhält, schon seltener und schwieriger werden; ich war Offizier auf einem kleinen Schiff mit glücklichen dienstlichen Verhältnissen, hatte wohlwollende Vorgesetzte, hatte Kameraden, die an allem Teil nahmen, für den Abwesenden sorgten und eintraten; ich fand freundliches Entgegenkommen beim höchsten Beamten und beim einfachsten Ansiedler; ich fand endlich ein Land voller starker und großer Hoffnungen.

Goethe schrieb aus Italien an Herder: „Ich will, solange ich hier bin, die Augen auftun, bescheiden sehen und erwarten, was sich mir in der Seele bilde.“

Nach dieser Lehre zu schauen und zu lernen habe ich mich in Ostafrika bemüht.

Wilhelmshaven, im Oktober 1907.

Hans Paasche.

Inhaltsverzeichnis.

Seite
Vorwort [III]
Zum Indischen Ozean [3]
Ost-Indianische Reise im Jahre 1644. — Von Bremen nach Port Said. — Bahnfahrt nach Kairo. — Blick über die Stadt und das Niltal. — Auf der Cheopspyramide. — Im Zoologischen Garten. — Von Suez nach Colombo. — S. M. S. ‚Bussard‘. — Ein Ausflug auf Ceylon. — Nach den Seychellen. — Bei einem Ansiedler und Naturforscher. — Auf dem Morn Seychellois. — Im tropischen Urwald. — Im Morgenlicht.
Daressalam [21]
Die alte, stille Zeit. — Ein Spaziergang. — In dem Negerviertel. — Eine Negerkneipe. — Die Quelle am Simbasital. — Die Kleidung der Suaheli. — In der Markthalle. — Eine Negerin beim Einkauf. — Das Aquarium. — Auf den Korallenriffen von Makatumbe. — Die Meeresfauna. — Haifische und Schiffshalter.
An der Küste [37]
Der Schiffsverkehr. — Gute Häfen. — Wind und Wetter. — Fischerei der Eingeborenen. — Sansibar. — Völkergemisch. — Der Deutsche und der Neger. — Der Handel Sansibars. — Eine Wagenfahrt. — Die Klubschamba. — Eine junge Dame bekämpft die Schiffsetikette. — Saadani und Bagamoyo. — Johann Jakob Sturz über Baumwolle. — Pangani. — In der Mündung des Pangani. — Eine aufregende Fahrt. — Vor Tanga. — Ein Jagdausflug. — Löwen. — Treibjagden auf Löwen. — Eine Löwin auf der Birsch erlegt. — Jagd auf Warzenschweine. — Am Sigi. — Ein Buschbock im Wasser erlegt. — Sonnenuntergang in See. — Die Insel Mafia. — Die Araber schenken fünf Rinder. — Ein Ritt durch die Insel. — Kokospalmen. — Die Insel Tschole. — Begräbnis eines Arabers.
Der Aufstand [73]
S. M. S. ‚Bussard‘ bringt Schutztruppen nach Kilwa. — Landungsabteilungen. — Im Mohorrofluß. — Ankunft in Mohorro. — Die Entdeckung des Aufstandes. — Die Haltung der Araber. — Der erste Angriff. — Ein Überfall abgeschlagen. — Die Feuertaufe. — Ermordung eines Ansiedlers. — Schwierige Stellung der weißen Soldaten. — Ein Nachtmarsch. — Verrat? — Verlassene Dörfer. — Brennende Hütten. — Eilmarsch zum Rufiyi. — Der Strom als Grenzlinie für den Aufstand. — Am Rufiyi aufwärts. — Am Hirusee. — Verkleideter Askari. — Panik unter den Trägern. — Lebensmittel beschlagnahmt. — Ein Akide. — Vorposten überrumpelt. — Gefecht bei Utete. — Ein Verlust. — Todesurteil. — An den heißen Quellen.
Gefechte am Rufiyi [104]
Ein großes Dorf von Aufständigen zerstört. — Ein Militärposten am Rufiyi. — Ein Gnubulle erlegt. — Herausforderung. — Verfolgung fliehender Schenzi. — Über den Fluß. — Zuverlässige Kundschafter. — Ein Trupp von über tausend Aufständigen wird zersprengt. — Mars war uns günstig. — Bleigeschosse gegen Neger? — Flußpferde gefährden die Boote. — Geier auf dem Schlachtfeld. — Rückmarsch nach Mayenge. — Ein Gefangener. — Leutnant Spiegel baut eine Boma. — In Booten stromab nach Mohorro. — Hinrichtung von Rädelsführern.
Im Aufstandsgebiet [125]
Der Bezirksamtmann und ich. — Abmarsch mit Hauptmann Merker. — Der erste Schuß auf Elefanten. — Rettung ertrinkender Neger. — Hauptmann Fonck im Usaramobezirk. — Die Neger unterwerfen sich. — In der Boma bei Mayenge. — Ausbildung neuer Askari. — Jagd auf Wasserböcke im Morgennebel. — Riedböcke und Buschböcke. — Baumwolle der Neger. — Zusammentreffen mit meinem Vater. — Sein Urteil über das Land.
Krokodile und Flußpferde [143]
Krokodilplage. — Ein Rekord an erlegten Krokodilen. — Die Dawa. — Der Hongo. — „Du hast getroffen, riechst du es nicht?“ — Treffer auf große Entfernung. — Ansitz im Schilf. — In der Rohrhütte. — Tierleben auf der Sandbank. — Flußpferde im Morgennebel photographiert. — Die Jagd auf Flußpferde. — Abschießen ganzer Herden. — Ein Schießerfolg. — Nutzen und Wert des Flußpferdes. — Der Geschmack des Wildprets. — Neger, die kein Schweinefleisch essen. — Das Schächten erlegter Tiere. — Aasvögel. — Geier und Marabu am toten Flußpferd. — Krokodile angepirscht. — Vom Flußpferd in die Luft geworfen. — Ein starker Bulle erlegt. — Unfälle; Flußpferde greifen die Boote an. — Die Stimme des Kiboko. — Tierleben am stillen Weiher.
Jagden im Busch [171]
Lager am See. — Birsch auf Riedböcke. — Farben im Freien. — Schwarzfersenantilopen. — Der Dank der Neger für das viele Essen. — Die Post kommt an. — Lange, erfolgreiche Schweißsuche. — Zebras und Hartebeeste beobachtet. — Platzregen. — Mein Reittier will nicht mehr. — Starker Riedbock erlegt. — Abendbirsch. — Merkwürdiges Benehmen einer Ricke. — Ein Löwe am Lager. — Gewohnheiten der Riedböcke. — Bemerkenswerte Jagdart. — Elenantilopen.
Büffeljagden [197]
Seltenheit des Kaffernbüffels. — Ein Mißerfolg. — Der Büffel im Sumpf. — Schuß vom Baum aus. — Den Büffel krank geschossen. Ob er dem Jäger gefährlich wird? — In dichtem Schilfgras sechs Schritt vor dem Stier. — Der Reiz der Gefahr. — Der erste Büffel zur Strecke. — Büffeljagd am Paregebirge. — Im Urwalddickicht. — Nach vier Tagen endlich die erste frische Fährte. — Die Büffel im Walde. — Ein Büffel in der Wildgrube. — Wildgruben. — Fährtensuchen. — Pirschkunst. — Büffel im Busch auf acht Schritte angepirscht. — Ermattung.
Elefanten [226]
Ein Elefant weckt mich. — Mein Paradies. — Nachtwache in den Feldern. — Gespenster. — Der erste Elefant zur Strecke. — Was die Neger vom Elefanten wissen. — Sieben Elefanten. — Jagd von der Leiter aus. — Zweiunddreißig Schüsse auf einen Elefanten. — Das Heraushauen der Zähne. — Vom Elefanten verfolgt. — Ali lobt meinen Mut. — Studien am Elefantenschädel. — Elefanten durchschwimmen den Strom. — Mit der Kamera auf der Elefantenfährte. — Die „Brücke zur Heimat“. — Allein mit dem Riesen. — Pürschzeichen und Fährtenfolge. — Schlafende Elefanten. — Jäger und Wild auf demselben Bilde. — „Der Star“. — Spaziergang hinter einem Elefanten. — Rappantilope erlegt. — Löwen an einem Termitenhügel. — Die Termiten. — Der Nyampara und die Arbeiter. — Geier als Totverweiser. — Die Poesie des afrikanischen Weidwerks. — Der Tod.
Nashornjagd [269]
Übertreibungen. — Die Gefahr. — Nashörner in offener Steppe. — Am einsamen Berge. — Ein Nashorn kommt vom Wasser. — Nashorn begegnet einer Zebraherde. — Gute Schüsse mit der Kamera. — Ein verwünschter Augenblick. — Weshalb das Nashorn „annahm“.
Am mittleren Rufiyi [281]
Unter fremden Negern allein. — Die Boma wird verlassen. — Ein mißglückter Überfall. — Das Lager der Aufständigen. — Mtanza. — Die Flüchtlinge; Rückkehr in die Dörfer. — Vom Lagerleben. — Schwarze Polizisten. — Boten. — Das Eheleben der Schwarzen. — Der Askariboy. — Die letzten Matrosen zur Küste gesandt. — Hausbau. — „Befestigung“ der Boma. — Wunden bei den Negern. — Giftpfeile. — Schlangen. — Puffotter. — Riesenschlange. — Eine Schlange kriecht in ein Mauseloch. — Bissige Ameise. — Sandfloh. — Wovon wir lebten. — Hungersnot. — Der farbige Händler. — Die Neger wandern aus. — Mangofrüchte. — Ein Elefant erlegt als Nahrung. — Die Neger wollen kein Elefantenfleisch essen. — Der Acker wird bebaut. — Die Neger sind dem Inder ausgeliefert. — Ist der Inder unersetzlich? — Die Händler im Aufstand. — Reisen in der Regenzeit. — Ein Raubzug in die Äcker der Aufständigen. — Vierzehn Stück Wild für achthundert Menschen. — Ein Schauri. — Ein Askari schießt sich selbst ins Bein. — Die Zeugen. — Die Askari hatten Krieg gespielt.
Ein Streifzug [329]
Menschenopfer. — Böse Nachrichten vom Feinde. — An den Stromschnellen des Rufiyi. — Bergsteigen ist unseemännisch. — Vorbereitungen zum Überfall. — Der Angriff. — Das Dorf wird geplündert; die Hütten niedergebrannt. — Roheiten. — Wie der Schenzi lebt; Hausrat, Beschäftigung. — Ein Verwundeter wird nach Mohorro gebracht. — Die Gefangenen entlaufen. — Die Strafpredigt des Askari Nyati. — Tierleben an den Schnellen. — Einfall der Aufständigen.
Rückkehr zur Küste [345]
Weihnachtsfeier. — Datum vergessen. — Wie der Schenzi den Tag einteilt. — Überschwemmung. — Der Alte im Dachgebälk. — Abrechnung mit Indern. — Übersetzen. — In den Schamben der Wakitschi. — Ein Gefangener tot. — Mitleid. — Kudu. — Die kriegerischen Bergbewohner. — Flußpferd im Mondschein. — Gegen den Strom nach Panganya. — Kranke Träger; ein Samariterdienst. — Ob man sich ansiedeln soll. — Trockenzeit und Regenzeit. — Die Eigentümlichkeit des Stromes. — Verkehrsaussichten auf der Wasserstraße. — Umgehungsbahn. — Stauwehr. — Viehzucht. — Kaisers Geburtstag. — Büffeljagd der Neger. — Tsetse; Anopheles; Glossina und Boophilus. — Lederbearbeiten. — Briefe. — Diktat. — Zumessen von Getreide. — Die Arbeit; Pflicht zu faulenzen. — Ein Neger vom Leoparden getötet; zwei Leoparden erbeutet. — Abreise. — Mattigkeit und Fieber. — In guter Pflege. — Mondscheinfahrt stromab. — Abschiedsfeier. — Wieder an der Küste.
Verzeichnis häufig vorkommender in Deutsch-Ostafrika allgemein gebrauchter Fremdwörter [374]
Druckfehlerberichtigung [375]

S. M. S. „Bussard“.

Zum Indischen Ozean.

Vor mir liegt, in Schweinsleder gebunden, ein altes Buch, das mich nach dem Indischen Ozean begleitet hat: „Johann Jakob Merckleins Ost-Indianische Reise, welche er im Jahre 1644 löblich unternommen und im Jahre 1653 glücklich vollendet samt Johann Sigmund Wurfbains kurtzem Bericht wie eine Reise, so zu Wasser wie zu Lande nach Indien anzustellen sey.“

Das Buch wird bezeichnet als: „Journal alles desjenigen, was sich auf währender neunjährigen Reise im Dienst der vereinigten geoctroyrten niederländischen Ost-Indianischen Compagnie täglich begeben und zugetragen, dabey die Situation und Gelegenheit der Länder und Sitten unterschiedlicher Völker zu besserer Nachricht in etwas berühret worden.“

Aus den getreuen Aufzeichnungen des Chirurgum und Barbirern Mercklein weht ein Hauch ursprünglichster Anschaulichkeit, und Freude an fremden Dingen. Deshalb ist es mir interessant gewesen hineinzusehen, und ich wurde unwillkürlich angeregt, meine Fahrt mit der des Holländers zweihundertfünfzig Jahre früher zu vergleichen.

Die Edle Herren Bewinthabere der Compagnie zu Amsterdam ließen im Jahre 1644 zwei Schiffe zurichten, um neue Besatzungen für die Schiffe und Faktoreien in Ostindien hinauszusenden.

Das war also ein Ablösungstransport genau wie der unsere, der am 5. Mai 1904 Bremerhaven verließ, um Mannschaften und Material für die im Osten stationierten Schiffe der Kaiserlich Deutschen Marine hinauszubringen; ohne Unterbrechung dampfte der ‚Main‘ die Weser abwärts durch den englischen Kanal und die Biskaya, an der Hispanischen Halbinsel vorbei, bog in die Meerenge von Gibraltar ein und erreichte am elften Tage der Abreise Port Said und die Pforte zum indischen Ozean.

Die arme Holländerflottille dagegen: Der Walfisch — groß 450 Last, jede zu 3000 Pfund, Kapitän Pieter Dierksoon, Oberkaufmann Herr Nikolaus Overschie, gewesener Direktor in Persia, — und der Salm, zwei neuerbaute Fluytschiffe. — Am 8. November verließen sie Amsterdam und konnten, „weil der Wind stetig aus Westen wehete, nicht in das Meer auslaufen bis auf den 30. Dezember“. An den Suezkanal dachte man damals noch nicht; die holländischen Segler mußten ihren Kurs unausgesetzt südlich nehmen, durch den Kalmengürtel der aufsteigenden Luftströme bis zum Kap der Stürme, das im Heimatlande des portugiesischen Entdeckers das Kap Bonae Spei genannt wurde, weil seine Entdeckung gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Hoffnung auf den Seeweg nach Ostindien in sich trug. Anfang März hielt sie ein starker Sturm dort fest, an der alten Pforte zum indischen Ozean und dem reichen Osten. Auf der Reede von Batavia wurde nach Verlauf von sieben Monaten am 31. May 1645 geankert, nach einer Seefahrt von 3600 Meilen. — Den gleichen Punkt etwa erreicht der deutsche Transportdampfer in dreißig Tagen; und gehört nicht zu den schnellsten Schiffen.

Sechs Monate später erst empfingen die Herren Bewinthabere in Amsterdam den Brief, der ihnen meldete, daß der ‚Walfisch‘ „in des Generals Residenzstadt Batavia arriviert sey ohne Verlust einiges Menschen durch Scharbuck oder morbus Scorbuticus, welches selten auf so langen Reisen geschieht“. Heute steht die Ankunft des Dampfers ‚Main‘ in irgend einem der großen Häfen des fernsten Ozeans noch an demselben Tage in der Weserzeitung. Und doch behielten die Herren in Amsterdam die Leitung in Händen; nur das Tempo der Unternehmungen ist eben schneller geworden.

Im Grunde erinnern alle Zustände und Ereignisse der Ostindianischen Compagnie an die heutigen Zustände in den Kolonien. Eine weitgehende Arbeitsteilung ist eingetreten; Handels- und Kriegsmarine sind getrennt; die Umgangsformen der Nationen feiner und empfindlicher geworden; die geräumigen Handelsdampfer tragen keine Kanonen mehr. Handel, Verwaltung und Waffengewalt liegen in verschiedenen Händen, während der Kaufmann des 17. Jahrhunderts alles dies in seiner Person vereinte, die Kapitäne der Schiffe, die Gouverneure, die Verwalter der Faktoreien ernannte und die Waffengewalt unmittelbar für sein Interesse einsetzte.

Im Niltal.

Am 17. Mai 1904 fuhr unser Dampfer zwischen den Molen von Port Said hindurch in den Suezkanal ein, an dem Denkmal Ferdinand von Lesseps vorbei, gab Leinen an Land und machte fest, um Kohlen zu nehmen. Die Agentur des Norddeutschen Lloyd hatte die gefüllten Prähme schon bereitliegen und das farbige Volk der Kohlenträger ging sofort unter viel Geschrei an die Arbeit; eine dicke Staubwolke hob sich in die Luft und verleidete dem Zuschauer den Aufenthalt an Bord. Wer abkömmlich war, verließ deshalb den Dampfer zu einem Abstecher nach Kairo, um erst in Suez das Schiff wieder zu besteigen. Auch ich gehörte zu den Reiselustigen, die in den staubbedeckten Waggons der Schmalspurbahn nach Ismailia Platz nahmen.

Die Sonne glühte, aber ein starker Luftzug trug sehr zum Wohlbefinden bei.

Zur Linken hatten wir den Suezkanal, zur Rechten die helle Wüstenlandschaft. Wo sich Menschen angesiedelt hatten, ragte wie eine Insel ein Fleckchen bebautes Land heraus; mit Dattelpalmen, Bananenbüschen und bunten Blütenbäumen. Erst der vom Nil hergeleitete Süßwasserkanal hat den Pflanzenwuchs hier ermöglicht. Ein Trupp Menschen mit bepackten Kameelen tauchte auf.

In all den kleinen Stationen stiegen Farbige ein und je näher wir von Ismailia dem wunderbaren Kairo kamen, desto vielseitiger wurde das Völkergemisch. Hier ein Araber in bronzefarbenem Gewande mit geradem Halsausschnitt und auffallend langen Ärmeln, deren weit hervortretendes, sauberes Futter auf den zierlichen Händen liegt; er trägt den Turban auf dem Kopf über dem feinen Gesicht. Neben ihm sitzt ein Türke, dessen große Nase und in Falten aufgehängter Mund sehr häßlich wirken. — Immer ausgedehnter werden die mit Kulturpflanzen bebauten Flächen. Wo das lebenspendende, kräftelösende Wasser hingeleitet ist, wächst dicht und üppig der Weizen hervor; unmittelbar daneben leuchtet der leblose Sand. Kameele und Ziegen begnügen sich mit spärlichem Grün, dann kommen Esel, starke Kühe und Pferde, wo sich die Pflanzen mehren. Es wechseln ab: Weizen, der gerade zur Ernte reif ist, Baumwolle und kniehoher, dichter, weißblühender Klee, als Viehfutter. Gepflügt wird noch mit dem alten Holzhaken, den wir schon auf den Malereien der alten Ägypter finden.

In den langen Furchen der sauber gehalten Baumwollfelder glänzt hier und dort Wasser, und Leute sind beschäftigt, das Naß den Pflanzen zuzuleiten. Ochsen mit verbundenen Augen ziehen die Göpelwerke der Schöpfräder und die Trommeln auf den offenen Tennen, wo der Weizen gedroschen wird. Das Korn wird mit der Sichel gemäht. Wo Kühe weiden, sitzen ebensoviel Menschen dabei und sehen zu.

Weithin verläuft das fruchtbare Land. In zarter Färbung von der Nachmittagssonne umflutet, erscheinen am Horizont zwei Pyramiden und der Höhenzug über Kairo, gekrönt von einem stolzen Bauwerk: der Moschee Mehemet Alis in der Zitadelle.

Durch die belebten Straßen der Stadt bringt uns ein Wagen auf die Höhe. Am Eingang der Zitadelle steht ein Posten der ‚Occupation armee‘ mit Bajonett, einen Tropenhelm mit silberner Spitze auf dem Kopfe. Um die hohen, schlanken Minarets kreisen Weihen. In der Moschee werden der von Teppichen bedeckte Boden, die Alabasterwände, die kunstvolle Kanzeltreppe und die an langen Ketten hängenden Lampen gezeigt.

Vier mächtige Pfeiler tragen die Kuppel mit ihren bunten Scheiben, die dem Innern des Raumes eine feierliche Beleuchtung geben.

Lästig war es, dem ewig schwatzenden Führer zu folgen; der wollte die Neugierde befriedigen und hetzte von einer Sehenswürdigkeit zur andern. Keines Eindrucks konnte man Herr werden; deshalb blieben wir einen Augenblick zurück, um in aller Ruhe das Bild in uns aufzunehmen. Dann standen wir an dem hohen Gitter, das das Plateau der Zitadelle abschließt.

Kairo.

Unter uns lag die große Stadt mit staubfarbenen Gebäuden, mit Türmen und Minarets.

Als breites Silberband schimmerte der Nil durch die Reihen der Häuser; einzelne Palmen zierten seine Ufer. In der Ferne begann die Wüste gerade dort, wo die Pyramiden von Gizeh mächtig emporragten. Weiter links am Nil hinauf waren die Pyramiden von Memphis im Dunst des Tals und im letzten Schein der feurig in die Sahara untertauchenden Sonne zu erkennen.

Als wir zur Stadt zurückfuhren, zündeten braune Gestalten die wenigen Laternen an; die Fußgänger auf den Straßen mehrten sich; vor den Trinkhallen saßen Männer auf den Trottoirs und rauchten Wasserpfeife.

Unter beständigen Zurufen an seine Pferde lenkte der Kutscher unsern Wagen zum Hotel.

Auf der Cheopspyramide

Der nächste Morgen war hell, wie fast das ganze Jahr hindurch in Kairo, als wir über die Nilbrücke nach Gizeh fuhren. Auf dem Wege kamen uns Kameele und Esel entgegen, die hoch und breit mit Grünfutter, Gemüsen, Körben mit Geflügel oder großen Milchgefäßen beladen zum Markte getrieben wurden. Die Sonne stieg höher über die Türme der Stadt und beleuchtete die üppige blütenreiche Pflanzenpracht des Gizeh-Garden. Vom Nil her wird das Wasser in den Garten gepumpt, weil es vom Himmel nicht zu erwarten ist; nun sprudelt es hier und dort aus dem Rasen hervor und überschwemmt die Beete.

Der breite von Akazien beschattete Weg biegt nach Westen auf die Pyramiden zu.

Wer es nicht gesehen hat, kann sich keinen Begriff machen von dem Eindruck der mächtigen von Menschen aufgetürmten Steinmassen aus der Nähe.

Man sagt, die Pyramide liege in dem Mittelpunkt der ganzen bewohnten Erde; der Meridian, der den Platz der Pyramide schneidet, decke mehr Land als irgend ein anderer und auch kein anderer Breitenparallel soviel wie der 30° N.

Wie weit solche Betrachtungen von Bedeutung sind, darf man dahin gestellt sein lassen. Wunderbar aber ist es, daß sich an der Cheopspyramide geometrische Proportionen nachweisen lassen, daß der Porphyrkoffer im Innern ein Einheitsmaß darstellt, daß die Richtung der Seiten bei allen Pyramiden den Himmelsrichtungen entsprechen; die Phantasie wird mächtig angeregt, wenn sie in dem Riesenbauwerk verborgene Rätsel sucht.

Man war überrascht, als s. Zt. im oberen Teil der Pyramide der leere Sarkophag gefunden wurde. In allen anderen Pyramiden befanden sich die Grabkammern unter der Grundfläche. Keine Inschrift, kein Ornament deutete an, daß je eine Mumie dort gebettet wurde und Herodot berichtet, daß Cheops nicht in der Pyramide begraben sei. Es schien, als habe der Baumeister mit seinem Verzicht auf jede Inschrift den späteren Zeiten sagen wollen, daß über den Sinn der Pyramide kein Zweifel bestehen könne.

Der Zugang zum Innern war vermauert und ist erst durch ebenfalls interessante Berechnungen und Überlegungen wieder gefunden worden.

Die Pyramide soll 2000 Jahre vor Christi Geburt erbaut sein; Cheops ließ die Tempel schließen, verbot die Opfer und machte es dem Volk zur Aufgabe, dafür an der Pyramide zu arbeiten. Das Bauwerk ist 227 m in jeder der Fronten und war früher 147 m hoch. Mehrere Millionen Tons Steine stecken darin. Die obersten Steine fehlen ebenso wie die glatte Bedeckung, die nur an der Spitze der Chephrenpyramide noch vorhanden ist.

Viel bedeutsamer als alle die oben ausgesprochenen Mutmaßungen erscheint die Lage des ungeheuren Monuments am Rande der Libyschen Wüste und des fruchtbaren Niltals. Als die Führer uns von Stein zu Stein hinaufbefördert hatten und ihre zudringliche Bettelei auf Minuten zum Stillstand gebracht war, konnte man von der quadratischen Plattform, die die Spitze der Pyramide bildet, den Rundblick in sich aufnehmen. Die Ostfront neigt sich nach den üppigen Feldern, die der Nil überflutet und der alten Chalifenstadt el Fostat, dem heutigen Kairo. Die Westseite blickt auf die Wüste, auf das unendliche hügelige Sandmeer, in dessen Fluten die Schatten der Wolken schwimmen. Da geht die Pilgerstraße durch das Natrontal an die Küste des Mittelmeers; kaum kann man von einer Straße sprechen. — — —

Ins Uferlose führen die Spuren.

Die Sphinx.

Auch diese lebensfeindliche Wüste haben der Handel und der Islam überwunden. Von hier aus ist die Lehre Mohameds nach Westen gegangen, bis sie in den Gebirgen Spaniens zurückgeworfen wurde. Die Menschen machte der Koran bedürfnislos und sie fanden in den Kameelen Lasttiere, durch deren Arbeit und Anspruchslosigkeit sogar die Ufer der Wüste verbunden werden konnten.

Menschen und immer wieder Menschen! Auch die den mächtigen Strom bändigten und ihren Feldern nutzbar machten, die die Steine zu fast unvergänglichen Bauwerken auftürmten.

Ein Volk, das Zeit zu solchen Bauten hatte, die nichts weniger sind, als Nutzbauten, mußte viel Brot besitzen!

Größeres kann die moderne Technik leisten. Welche Opfer an Leben aber mag es damals gekostet haben? Noch heute versucht die Natur ihr Veto einzulegen, wenn große Menschenmengen an einem Ort zur Arbeit zusammengebracht werden. Krankheiten und Seuchen brechen aus und nur die wohlorganisierte Arbeit der Ärzte ermöglicht große Unternehmungen. Wie mag es vor 4000 Jahren gewesen sein! Und wieviel Menschen mögen dem ungewohnten Klima, dem Fieber und anderen Krankheiten erlegen sein, die die Menschheit vielleicht jetzt schon überwunden hat!

Der Gedanke an solche Zustände erhöht die Bewunderung vor den großen Bauwerken der Alten; unter den heutigen Umständen würde sich eine Ausnützung von Menschen nach dem Muster der alten Machthaber von selbst verbieten. Sind es doch gerade die Leiden der Kulis und der Neger in Zentralafrika gewesen, durch die die Kulturwelt zur Teilnahme an kolonialen Unternehmungen begeistert wurde.

Die Ethik der Kulturvölker verbietet eine Ausnutzung der niedriger stehenden Rassen, wenn auch der Neger noch heute so roh und barbarisch ist, daß es ihm nicht zur Unehre gereichte, als Diener des Mächtigeren ausgenützt zu werden. Und welche Kulturarbeit könnte geleistet werden, wenn die ungeheure Überlegenheit, die wir mit unseren Feuerwaffen über die Neger besitzen, genutzt würde, um Bahnen und Wege zu bauen, um Plantagen anzulegen! Eine andere Zeit, hörte ich einmal sagen, hätte im Besitze einer Macht, wie wir sie haben, andere Werte in den Kolonien hervorgebracht, und vielleicht würden dann weniger Aufstände gekommen sein, die zur Vernichtung ganzer Stämme führten, würde schneller durch Erschließung des Landes der Hungersnot, der Schlafkrankheit und anderen verheerenden Übeln entgegengetreten sein.

Was Afrika anging, so war die Möglichkeit zu ähnlicher Herrschaft über Menschen noch immer vorhanden. In dem großen Kontinent, dem der Nil entströmt, hat es vor 4000 Jahren wahrscheinlich kaum anders ausgesehen als vor hundert Jahren. Sklaven holte sich Cheops von dort ebenso wie vor einem Menschenalter noch die Araber, und die Kunde von dem Mondland Uniamuezi, aus dem der Nil entspringen sollte, ist jedenfalls diesen ersten Interessen an dem volkreichen Süden zu danken.

Soll man einmal fragen, was wohl aus dem Neger geworden wäre, wenn Europa noch mit den Anschauungen des Mittelalters an die Erschließung Afrikas hätte gehen können? Es ist wie ein Zufall in der Weltgeschichte, daß das große, reiche Land solange unbekannt blieb und daß den vernichtenden Sklavenjägern gleich Rächer erstehen konnten. Jetzt stellen sich die kolonisierenden Völker die große Aufgabe, die Kräfte der neuen Länder in einer unserer Ethik entsprechenden Weise zu entwickeln und nutzbar zu machen.

Von den Pyramiden ging es auf dem Rücken eines Kameels zur Sphinx und dann zu einem dritten merkwürdigen Bauwerk, dem Tempel der Sphinx. In der Erde vergraben erweckt dieses Gebäude den Anschein, niemals für Außenfassaden, sondern wie der Bau eines Fuchses in die Erde hinein gebaut zu sein. Es ist von Wüstensand erst wieder freigelegt. Glatte, sauber gehauene und polierte Granitquadern bis zu 5½ m lang sind hier mit größter Genauigkeit neben- und übereinander gefügt. Aufrecht stehende Steine bilden Säulen, auf denen andere als Dach ruhen. Stellenweise ist Alabaster benutzt und auf jedes Ornament verzichtet worden: Hier spricht allein das Material durch seine Zusammenfügung, Wucht und Größe. —

Kairo.

Als ich am Nachmittag mit einigen Kameraden durch die Straßen ging, begegnete uns im Nordviertel der Stadt ein Leichenzug der Fellachen. Voran ging ein Karree alter Männer; ihnen folgten jüngere Männer mit Gesangsheften in arabischer Schrift, dann kamen Kinder mit Blumen, vor dem Sarg, der getragen wurde und mit bunten Tüchern und Blumen geschmückt war. Unter, neben und hinter dem Sarg gingen klagende Frauen, darunter eine, die von Zeit zu Zeit die Arme hob, wobei sie ein Tuch spannte und den Kopf zurückwarf. Ihr Gesicht war mit schwarzblauer Farbe beschmiert. Der Zug bewegte sich unter dem Klange eintöniger Lieder langsam vorwärts.

Ein anmutiges Bild bot sich uns am Nil. Langsam glitten Boote mit hohen, spitzen Segeln über das ruhige Wasser. Dattelpalmen standen neben weißen Häusern, darüber der blaue Himmel.

Wir gelangten über die Nilbrücke zum zoologischen Garten, der nicht sehr besetzt war. Die wenigen Tiere aber, die dort in üppigem Grün umherstanden, sahen sauber und wohlgepflegt aus, wie der ganze Garten. Die Büsche hingen voller Blüten; an vielen Stellen sahen Hydranten aus dem Boden, mit deren Hilfe den einzelnen Teilen des Gartens Wasser zugeführt werden kann. Wie im Sommer in den nordischen Gärten die Tiere durch Luft und Licht besser gedeihen als im Winter, so machte es sich auch hier vorteilhaft geltend, daß sie andauernd im Freien liegen konnten.

Zwischen hohen Fikusbäumen spaziert auf freiem Rasenplatz ein seltsamer Vogel — der Walkopfstorch —; sein Schnabel ist plump wie ein Kasten. Mit ihm teilen den sonnigen Raum einige Kraniche in lebendig zurechtgeschütteltem Gefieder. Daneben der künstliche Teich mit üppigen Sumpfgewächsen, Uferbäumen, die von ihren Ästen Wurzelfäden zum Wasser hinabsenden und breitblättrigen Wasserpflanzen: eine erdrückende Fülle.

Uns fesselten weniger die ausländischen Tiere, die Hirsche aus Europa und Ceylon, die Bären, die nicht auf afrikanischem Boden heimisch sind, sondern die Vertreter der ägyptischen Fauna; sicher wäre es eine vorteilhafte Beschränkung, wenn in solchen Tiergärten, die kaum einer allgemeinen Belehrung dienen können, die Tierwelt des Landes in der ihr eigenen Umgebung und in ihrem Klima möglichst vollständig gezeigt und auf die fremdländischen Vertreter weniger Wert gelegt würde. — Ein hervorragendes Beispiel der Art ist der große Rhodespark in Kapstadt.

Die wenigen Gazellen aus dem Sudan waren reizend anzusehen.

Der Nachmittag sah uns in dem Geschäftsviertel der Stadt Kairo, nachdem wir die Menge der Wagen an uns hatten vorbeifahren lassen, die zum Korso den Weg über die große Nilbrücke nach Gizeh nahmen.

Es gehört Kenntnis der Volkstypen dazu, um sich in dem Menschengewirr, das die engen Gassen der Bazars füllt, zurechtzufinden. Mich beschäftigte nur das bunte Bild; die Menschen aller Farben, zwischen den Läden mit Teppichen, Goldarbeiten, Ölkuchen, Anzügen, Metallwaren und Spezereien.

Die Eisenbahn brachte uns in unruhiger Nachtfahrt nach Suez. Der Dampfer hatte inzwischen den Kanal passiert und nahm uns auf, um seinen Weg durch das Rote Meer nach Colombo fortzusetzen.

Auf Ceylon.

Der Hafen von Colombo, auf Ceylon, wird von allen nach Osten gehenden Schiffen angelaufen; meist sogar mit etwas Aufenthalt, so daß die Schönheit der Insel und ihre Fruchtbarkeit sehr bekannt sind.

Der kleine Kreuzer Bussard, auf dem ich ein zweijähriges Kommando antrat, lag in dem Hafen. Er kam aus Ostasien und hatte eine schwere Seefahrt hinter sich, derentwegen man ihm einige Wochen Ruhe zu Reparaturen und Erholung gab, ein Umstand, der auch dem neuangekommenen Teil der Besatzung zugute kam.

So lernte ich außer der schönen von Palmen geschmückten Stadt auch Kandy und den botanischen Garten von Peredenya kennen, und unternahm einen kleinen Jagdausflug, der mich mit dem Charakter der Landschaft vertraut machte.

Wundervoll anzusehen ist das Bild des Hafens mit den vielen Schiffen, die hinter der langen Mole geborgen liegen, während die ungeheure Brandung von außen dagegen tobt, himmelhoch aufspritzt und eine breite See hinübergießt, die sich wie ein weißes Spitzentuch über die Mauer legt.

Krähen, von den Eingeborenen heilig gehalten, und deshalb geschont, fliegen in Menge von Schiff zu Schiff, sitzen auf den Stagen und an Land in den Bäumen. Merkwürdig genug sind auch die aufdringlichen Singhalesenbengels, die in kleinen Fahrzeugen um die Passagierdampfer herumfahren, nach Geldstücken tauchen und einen erbärmlichen Chorgesang anstimmen.

Den Tag über war man meist an Bord beschäftigt; denn nach jedem Besatzungswechsel gibt es viel zu ordnen; der Erste Offizier drängt darauf hin, die Rollen der Mannschaft recht bald einzuüben und den Schiffsdienst in die Reihe zu bringen. — Aber an den Abenden fuhr man an Land und promenierte mit Kameraden nach dem schön gelegenen Galle face Hotel oder ließ sich von einer Rickschah durch die von üppigen Bäumen eingefaßten Wege dahinfahren.

Eine Bahnfahrt in die Berge nach dem hochgelegenen Kandy führte mich durch die wechselnden Landschaftsbilder der Insel. Anfangs die Ebene mit Kokospalmwäldern, unterbrochen durch Reisfelder; die Copra, von Eingeboren geerntet, bildet ein wichtiges Produkt und wird in Colombo selbst verarbeitet.

Die ersten Anhöhen kamen, von dichtem Wald bedeckt, Regen strömte hernieder, Wolken verhüllten die Bergkuppen, die Bahn stieg bergauf und zog auf kühn angelegter Trace an steilen Berghängen entlang. Über liebliche Täler ging hier der Blick zu fernen Höhen. An den Hängen hinab floß Wasser über die Terrassen der Reisfelder; Rinder weideten dazwischen.

Nach der ägyptischen Baukunst machten die Tempel auf Ceylon geringen Eindruck. Kleinlich; es ist, als ob die Menschen nicht fähig waren, aus der Schönheit der sie umgebenden Natur etwas in ihre Kunst hinüber zu nehmen. Kuriosa sind es: der Zahn Buddhas, der Silberschatz, die abgeschmackten Götzenbilder, die heiligen Schildkröten, der heilige Baum und all der Flitter im Tempel. Desto großartiger ist die Natur und besonders die Palmenwelt in dem geräumigen botanischen Garten von Peredenya. Da stand eine Allee von Fächerpalmen wie das Peristil eines griechischen Tempels. Die Formenfülle der hier vertretenen Palmen berauschte das Auge. Neben der Lodoicea Seychellarum, der größten Fächerpalme der Erde, zartgerippte Phönixarten, die Siegelwachspalme mit roten Blattstengeln und die schmückenden Königspalmen.

Ceylon.

Das Orchideenhaus erinnerte mich an die begeisterten Schilderungen eines Freundes, dessen Lieblinge diese schmarotzenden Schönen waren; ich sah hier manche der Wunderblüten, die ich bisher nur von bunten Tafeln her kannte.

Muskatnuß und Kokain, Gummilianen und Teeblüten entdeckte man. Ungeheuerlich wirkte das mächtige Bambusgebüsch am fließenden Wasser. Da war jedes Rohr ein dicker Stamm, alle Gräser zusammen bildeten unten einen geschlossenen Zaun, und man konnte sich vorstellen, welche Schwierigkeit es sein mag, in einem Bambuswald vorzudringen, wenn nicht Elefanten uralte Wege offen gehalten haben.

Von der Bahn aus hatte ich ein merkwürdiges Tier gesehen: eine Rieseneidechse, die wie ein Krokodil langsam über die Böschung kroch. In Colombo wurde mir gesagt, daß es nicht schwer sei, solche Tiere im Lande anzutreffen, und daß auch die Vogelwelt im Tieflande überaus bunt und vielseitig sei.

So machte ich mich eines Tages auf den Weg um unter Führung eines Jägers in der Ebene südlich von Kolombo umherzustreifen; nach mehrstündiger Bahnfahrt verbrachte ich die Nacht in einem englischen Rasthause.

Am folgenden Morgen durchwanderten wir frische grüne Wälder. Mein Führer kannte alle die bunten Vögel, die in großer Zahl im Walde flogen. Bald hatte ich eine kleine Kollektion beisammen, und wir hatten bis in die Nacht zu tun, die Ausbeute zu präparieren.

Es sind die einzigen Vögel geblieben, die ich im Auslande gesammelt habe. Die Mühe des Präparierens war mir zu groß, wo größere Trophäen lockten; deshalb habe ich in Ostafrika außer Hühnern und Tauben fast keinen Vogel geschossen.

Mit der bunten Ausbeute, die jetzt in einem Glasschrank an den ersten bescheidenen Jagdtag am Indischen Ozean erinnert, und mit zwei großen Eidechsen fuhr ich nach Kolombo zurück.

Neun Tage waren wir von Ceylon nach den Seychellen unterwegs, ohne ein fremdes Schiff zu sehen; eine rechte Seefahrt war es, auf der man das Land verlernt, nur den Himmel mit den leuchtenden Gestirnen und die dunkle Salzflut um sich sieht.

Da kommt man dazu, alte Eindrücke zu verarbeiten und auf neue hungrig zu werden.

Daß Meere die Länder trennen und Gegensätze in dieser kleinen Welt erhalten und begünstigt werden, geschieht um uns schauende, genießende Menschen nicht durch langsame Übergänge stumpf zu machen!

Am neunten Tage umkreisten Möwen in wachsender Zahl das Schiff und kündeten die Nähe des Landes an.

Die Inseln sind grün vom Meeresstrand bis auf die Höhen. Auf einzelnen erkannte man reihenweise gepflanzte Kokospalmen. Die Bergspitzen der größten Insel Mahé stecken in den Wolken. Dichtes Grün klettert in den Schluchten hinauf. Nur einzelne schroffe Wände und große Steinblöcke, die wie Bastionen nach der See hervorspringen, sind kahl; nach dem Fuß der Berge wird der Pflanzenwuchs höher und voller, die Häuser der kleinen Stadt Port Viktoria verschwinden fast darin. Eine weiße Strandlinie setzt das Grün nach dem Wasser hin ab. Ganz unten, wo das Meer die Insel umsäumt, leuchtet aus dem seichten Wasser ein breiter Streifen buntfarbiger Korallen im hellsten Grün und dunklem Violett. Es ist wunderbar, wie hier der Meeresgrund seine Farbenpracht an das fruchtbare Gestade heranschiebt, um den großen und freundlichen Eindruck zu vertiefen.

Wir fuhren zu einem Abendspaziergang an Land. Nahe der Mole die weit auf das Riff hinausführt, löschte ein kleines Segelschiff seine Ladung an lebenden Schildkröten. Die Tiere wurden in ein der Mole angebautes Bassin geworfen. Dort sah man die großen Schilde von Zeit zu Zeit auftauchen und den Kopf herausstecken, um Luft zu holen.

Ein breiter Weg führt durch den Ort auf einen Sattel an der schmalsten Stelle der langgestreckten Insel. In den Gärten der Eingeborenen wachsen Lemonen, Ananas, Vanille und Mais. Die Kokospalme neigt ihre gefiederte Krone über die braunen Dächer der Hütten, in denen das Feuer zum Abendessen aufflackert.

Auf den Seychellen.

Ein andermal marschierte ich in den erwachenden Morgen hinein, um auf einer Tagestour die Insel kennen zu lernen. Ein guter Fahrweg geht fast rund um die Insel herum; mehrere Verbindungswege über die Höhen. England hat viel Geld dazu geliehen. 130 Inder mußten zum Wegebau eingeführt werden, weil die Kreolen zur Arbeit zu faul sind. Das rührige Vorgehen des Gouvernements in der Schaffung von Verkehrswegen zur Erleichterung der Produktion ist um so mehr hervorzuheben, als die Aussichten für das Land recht gering waren. Die Vanille ist stark im Preise gesunken, seit Kunstprodukte die nicht leicht zu kultivierende Frucht entbehrlich gemacht haben. Die Kopraproduktion aber nimmt an Ausdehnung zu; ihr kommen die neuen Wege besonders zustatten.

Zur Linken hatte ich den Strand, zur Rechten den steil ansteigenden Berg. Hier unten drängte sich eine formenreiche Pflanzenwelt: Kokospalmen, Brotfruchtbäume mit den großen, glänzenden und gezackten Blättern, Oleander, der elegante Stamm einer Betelpalme und die großen Fächer der Wandererpalme, — einer Musacee, — dann die Menge der Sträucher, Gräser und die starken Schwerter einzelner Agaven, auf der Höhe der den Weg begrenzenden Mauer.

Der Morn Seychellois war wolkenfrei. In den zahlreichen Schluchten, in den vom schattigen Laub überdachten steinigen Bachbetten kam in dieser Zeit kein Wasser zu Tal. Haushohe Granitblöcke lagen am Strand, vom Meer umspült.

Ein kleiner Kreolenknabe führte mich in einer Schlucht bergan, vorbei an einem Wasserfall, nach Kaskade Estates, der Farm eines Engländers.

Der Besitzer war zu Hause und begleitete mich in stundenlangem Spaziergang durch die Anlagen. Eine Menge Nutzpflanzen sah ich zum ersten Male: die Vanille, deren Schoten im Schatten großer Bäume gedeihen: (die Befruchtung der Blüten muß künstlich geschehen, weil der kleine Vogel, der in Amerika den Blütenstaub von Pflanze zu Pflanze trägt, auf den Seychellen nicht lebt.)

Auch die hohen Nelkenbäume mit roten Blüten waren mir unbekannt, ebenso der Indigo und eine andere Farbpflanze: der Arnotto, dessen Früchte in rote Farbe gebettet sind, die in Amerika, der Heimat der Pflanze, von den Indianern zum Bemalen der Haut, in Holland zum Färben von Butter und Käse verwandt wird.

Eine Menge anderer Pflanzen sah ich noch, die zum Versuch oder nur aus Interesse an der Botanik angebaut waren.

Auch über die Tierwelt war mein Gastgeber gut unterrichtet, hatte eine kleine Bibliothek auserlesener Bücher und erklärte mir an seiner Pflanzen- und Schneckensammlung merkwürdige Zusammenhänge.

Die Gruppe der Seychellen umfaßt 29 Inseln, die alle nicht weit auseinanderliegen; dennoch sind auffallende Trennungen in der Flora und noch mehr in der Fauna zu finden.

Die Lodoicea, die riesige Fächerpalme wächst wild nur auf zwei Inseln: Praslin und Curius island. Ebenso soll es einen Vogel geben, der nur auf Mahé vorkommt, einen andern, der nur auf Praslin und Felicité lebt und alle übrigen 27 Inseln meidet.

Wenn das schwer nachzuweisen ist — abgesehen von der Tiefseeexpedition mit ihrem vorübergehenden Aufenthalt, hat sich ein deutscher Zoologe längere Zeit auf den Seychellen aufgehalten —, so muß man staunen, wenn man in der genau mit Datum und Fundort bezeichneten Konchiliensammlung sieht, daß eine Schnecke, die auf allen Inseln nur mit ganz rundem Gehäuse vorkommt, auf einer einzigen Insel ausschließlich mit einer ausgesprochen scharfen Kante gefunden wird.

„Das sind,“ sagte der Pflanzer, „Beobachtungen, an denen sich jeder Naturfreund freuen sollte; die die Größe der Natur erhöhen und an denen wir schlichten Sammler Entdeckerfreuden erleben.“

Er nahm Haeckels „Welträtsel“ — in englischer Ausgabe — aus seinem Bücherschrank und sagte, die deutsche Jugend könne sich freuen, daß ihr ein solches Buch gegeben würde, zur Teilnahme an einem großen Kampf.

Nach dem Essen saßen wir in bequemen Stühlen auf der Veranda, und mein Gastgeber lockte durch Pfeifen eine große Zahl kleiner Vögel und wilder Tauben heran, die so zahm waren, daß sie aus der Hand fraßen.

Auf dem Rückwege nahm ich unter dem Wasserfall ein Bad, dann segelte mich ein alter Neger in seinem Einbaum mit gutem Winde über die Korallenriffe hinweg an Bord zurück.

Mir wurde erzählt, daß in den Bergen der Inseln eine ganz besondere Vegetation zu finden sei: der tropische Urwald mit riesigen Bäumen und seltenen Holzarten. Das mochte man kaum glauben, wenn man vom Ankerplatz des Schiffes aus nach den Höhen der Granitfelsen hinaufsah.

Die trockenen Reiser, die dort oben sichtbar wurden, wenn die vom Winde bewegten Nebel ein Fenster offen ließen, sollten große tote Bäume sein?

Unter Führung schwarzer Holzarbeiter stieg ich eines Morgens hinauf und stand nach vierstündigem Klettern auf dem höchsten Punkt der Insel, dreitausend Fuß über dem Meere.

Urwald umgab mich hier; Laubbäume, von denen Tautropfen fielen, große Baumfarren und Moos.

Zwischen den lebenden Stämmen standen riesige unbelaubte Eisenholzstämme; seit Jahrzehnten abgestorben trotzte ihr zähes Holz den Einflüssen der Witterung.

Über die Wipfel der Bäume hinweg sah ich den Horizont.

Insel im Meere! — Rundum suchte der Blick nach fernem Land; die weite, bewegte Flut trennte mich von der Heimat und von der Fremde.

Die Heimat mit ihrem Wissen, Verarbeiten und Erziehen machte mich hungrig nach der Fremde! Und Freude an der fremden, bunten Welt hier draußen lockte mich am frühen Morgen hinaus. Da sah ich das Meer, im Morgenlicht; die erwachende Tierwelt und die Menschen, die die Tagesarbeit vorbereiten.

Nicht der satte Mittag, an dem schon der nächste Tag erhofft wird, kann den reinen Genuß geben, den der Morgen dem Lebenden gibt.

Dem erwachenden Tag, dem Morgen mit seiner Schönheit, seinem aufklärenden Licht habe ich Freuden und Erfolge in Afrika zu danken. —

Auch was ich an Kulturansätzen sah, in dem Lande, dem meine Hauptaufmerksamkeit galt, war wie ein junges, erwachendes Leben. Endlich war es für mich der erste Versuch frei und selbständig in die Welt zu gehen und die Dinge anzuschauen; ich selbst stand „im Morgenlicht“. —

Die katholische Kirche in Daressalam.

Der stolze Bau gibt, in Verbindung mit dem geschmackvoll gebauten Bischofspalast, dem Städtebild sein Gepräge. Besonders vom Hafen aus ist der Blick auf die Stadt schön. Im Vordergrund des Bildes rechts sieht man eine Pandanus mit ihren Stelzwurzeln; die den Ananas äußerlich ähnlichen Früchte werden in Ostafrika angeblich nicht gegessen.

Daressalam.

Die Küstenplätze Ostafrikas, ihre Einrichtungen und Anlagen zu beschreiben, habe ich mir nicht zur Aufgabe gemacht. Gute Schilderungen von berufenen finden sich in vielen neuerschienenen Büchern; ich will nur einen kurzen Einblick geben in Dinge, die nicht oft erwähnt zu werden pflegen.

Daressalam.

Als S. M S. Bussard im Sommer 1904 in den Hafen von Daressalam einlief, war es noch das alte Daressalam; wir durften die ganz stille Zeit noch miterleben. Ein Jahr später begann der Bahnbau und brachte Leben in die Stadt. Die Kaufleute hatten zu tun, Unternehmer begannen den Bau der Bahnstrecke, ein Arbeitsmarkt entstand.

Der Aufstand kam hinzu, Marinetruppen kamen und gingen; oft lagen drei Kriegsschiffe zugleich im Hafen.

Die alte stille Zeit: Da war Daressalam Regierungssitz; für Handel und Verkehr aber nicht mehr als der Ausgangspunkt für die Pugustraße, die eine Tagereise weit ins Land führte. Die Karawanen des Zentralmagazins gingen von hier nach den Innenstationen.

Sobald man das Weichbild der Stadt überschritt, kam man in Busch, in Pflanzungen der Eingeborenen. Sehr bezeichnend ist der Ausdruck, den ich aus dem Munde des Herausgebers der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung hörte:

„Beim Anblick Daressalams hat man immer das Gefühl: ‚bado‘ (‚noch nicht!‘).“

Dieser Ausspruch soll etwa heißen: jeder, der das Land sieht, sagt: „ein reiches, aussichtsvolles Land!“ Immer neue kommen, gehen, erzählen daheim, wie schön es ist, und immer noch läßt der erwartete Unternehmungsgeist auf sich warten.

Das ist inzwischen freilich anders geworden: Daß ohne Bahnen kein noch so reiches Land erschlossen werden kann, hat nachgerade jetzt jeder eingesehen und bald wird man vergessen haben, welche Mühe sich das Gouvernement hat geben müssen, um in Deutschland richtige Ansichten über die Kolonie zu verbreiten.

Die anerkennenswerten Versuche, durch Wegebau, Begünstigung der Eingeborenenkulturen, — besonders was Baumwollbau anbetrifft, — die Produktion zu heben, werden hoffentlich bald von den Folgen des Bahnbaus in Schatten gestellt sein.

Wochenlange Reparaturzeit, die das Kriegsschiff dank der zu solcher Leistungsfähigkeit entwickelten Werft der Gouvernementsflottille im Hafen von Daressalam, anstatt in Kapstadt, verbringen konnte, gab uns Gelegenheit, an Land zu wohnen und das Städtchen kennen zu lernen.

Vor Wind und Wetter geschützt hatte das Schiff im Hafen, von Daressalam einen angenehmen Aufenthalt. In wenigen Minuten war das Land erreicht und nach kurzem Spaziergang konnte man — nötigenfalls durch drei Pfiffe — das Dinghi, (das kleinste Boot des Kriegsschiffs), mit einem Neger der Wache bemannt, querab am Strand haben, um schnell wieder an Bord zu gehen.

Der Entschluß, an Land zu gehen, wurde einem daher nicht so schwer, wie an Plätzen, wo das Schiff weit von der Küste auf Reede lag und nur wenige Routineboote den Verkehr mit Land aufrecht hielten. In dem Falle überlegte sich mancher, ob er sich den Unbequemlichkeiten der weiten Bootfahrt aussetzen sollte?

Wir Seeoffiziere waren in Daressalam stets in beneidenswerter Lage. Wenn man den Nachmittag nach beendetem Dienst mit Spaziergängen in den Palmenwäldern und in anregendem Verkehr mit den Offizieren, Kaufleuten und Beamten der Stadt verbracht hatte, dann brauchte man nicht in dumpfiger, heißer Stube unter ein Moskitonetz zu kriechen, sondern fuhr in wenigen Minuten auf sein schwimmendes Heim zurück, das von Insekten unbehelligt auf dem Wasser lag. Da fand man seine kleine Kammer vor und schlief bei der größten Hitze und Windstille gleich gut; weil ein kleiner, elektrischer Ventilator frische Luft über das Bett wehte.

So konnte man die Vorzüge des Landes genießen, ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

— Einige Europäer haben schon daran gedacht, in Hausbooten auf dem Wasser zu wohnen, und den Zolldirektor in eine eifrige Debatte verwickelt über die Frage, ob sie dort Getränke zollfrei genießen dürften. —

Es trieb mich, die Stadt und das Leben in den Straßen zu sehen.

Vor Tageslicht stand ich auf. Als ich im Dinghi an Land fuhr, beleuchtete die Sonne warm die weißen Gebäude am Strand; am Zoll ging ich vorbei.

Da saß ein schläfriger, schwarzer Matrose und blickte auf die Araberdhaus, die neben der Brücke verankert lagen; dort regte es sich schon; die großen Segel wurden gehißt, kräftige schwarze Seeleute holten an dem Fall; die schweren Takel knarrten, während die Kokosstricke hindurchliefen.

Mit dem ersten Morgenwind trieb täglich eine Anzahl der malerischen Fahrzeuge dem Ausgang der Bucht zu.

Sie brachten Brennholz vom Rufiyidelta, Kopra von Tschole- (Mafia) oder Baumwolle von Kilwa und Mohorro; auch Gummi aus dem Dondeland, Getreide und Wachs.

Ein Boy führte mir das bestellte Reittier vor.

Wenige Europäer standen erst unter den Vorbauten der Wohnungen.

Ich ritt mitten durch die Negerstadt und sah mit Vergnügen zu, wie ein schreiendes Kind von seiner Mutter gründlich gewaschen wurde.

Straße in Daressalam.

Häuser der Europäer, aus Korallenstein erbaut. In dem linken Hause befindet sich die Druckerei der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung. Eine ‚Bibi‘ in mit großen Sternen bedruckte Tücher gekleidet, trägt eine Tasse mit Öl in der Hand. Zwei Träger mit Lasten auf Kopf und Schulter; Boys und ein Eselwagen der Gemeindeverwaltung.

Aus den Hütten kamen Negerinnen heraus, die morgens baden, Wasser holen und sich zum Marktgang vorbereiten.

Durch die Palmenpflanzungen der Sultansschamba erreichte ich die Ölpalmenquelle. Zwischen großen Abhängen senkt sich das Tal zum Creek hin, der zur Flutzeit vom Meerwasser überschwemmt wird. In dem feuchten Tale stehen ein Dutzend der an der Ostküste seltenen Ölpalmen als dunkle Gruppe.

Viele Negermädchen mit Blechtins und irdenen Töpfen waren auf dem Wege dorthin; an der Quelle schöpften sie Wasser in ihre Gefäße.

Auf der Straße nach Bagamoyo schritten drei Bibis rüstig aus. Die eine trug ein kleines Kind auf dem Rücken; in der Hand einen Regenschirm. Der Reiseanzug bestand aus sauberen, bunten Tüchern; ein Tuch war um den Kopf gewickelt. Ich fragte wohin sie gingen?

„Nach Bagamoyo!“

„In einem Tage?“

„Heute schlafen wir in Mbweni!“[1]

Sie gingen den Abhang hinab in das Simbasital, in dem viel Mangrovengebüsch steht und an die Überschwemmungen des Meeres zur Flutzeit erinnert.

Neger mit Feldfrüchten kamen aus den Schamben und gingen zum Markt.

Auf der Karawanenstraße begegneten mir Träger, die in den großen Hütten der Karawanserei übernachtet hatten; Fremdlinge, die das gedrängte Leben der Großstadt fast zu verwirren schien. Sie gingen zum Markt, um sich Essen zu kaufen: Matamamehl, einige Mohogoknollen und für 1 Pesa Fisch, in kleinen Stücken auf Pflanzenfasern gereiht.

Im Staube der Straße saßen am Wege kleine Mädchen hinter geschnitzten Holztellern, auf denen fettiges Gebäck und gebratene Fische zum Verkauf lagen. Hier kaufen sich der Boy, der zur Arbeit geht, die Bootsleute und die Hafenarbeiter ihr Frühstück.

Dicht dabei war eine regelrechte Eingeborenenkneipe, in der allerdings nur Sodawasser verschenkt wurde. Die Gäste genossen das prickelnde Getränk unmittelbar aus der Flasche. Auch Tische standen da und es wurde Karten gespielt. Hier verkehrten die oberen Zehntausend der Schwarzen, die Lebewelt, Boys, die gerade Geld bekommen hatten, und Askari. — Daß die Damen keinen Zutritt hatten, ist selbstverständlich. —

Die Mehrzahl der Gäste waren Stutzer mit langem, bis an die Knöchel reichendem Hemd, weißer, gestickter Mütze und dünnem Stöckchen. Mancher trug auch über dem Hemd eine Weste.

Die Quelle am Simbasital bei Daressalam.

Negerweiber kommen von weither aus der Stadt, um hier gutes Wasser für den Hausgebrauch zu schöpfen. In Tontöpfen und Petroleumtins tragen sie das Wasser auf ihren Köpfen heim. Im Hintergrunde des Bildes sieht man eine Gruppe der an der Ostküste seltenen Ölpalmen (Elaeis).

Durch enge Gäßchen kam ich auf einen sauber gefegten Platz, wie es viele in den Dörfern der Küstenneger gibt: Hütten mit offener Veranda, in der eine Bibi sitzt und Streifen Flechtwerk zu einer Matte zusammennäht. Zäune aus trockenen Palmblättern von grünen Bananen, Papayen und Zuckerrohr überragt; ein Mangobaum, in dessen Schatten ein halbes Dutzend Neger um eine polierte Tischplatte herumsitzen und Karten spielen.

Zwischen den Inderläden ritt ich entlang. Mädchen mit Körben auf dem Kopfe für Einkäufe, andere mit einer Flasche oder Tasse, um Öl zu holen. Auch dies wird auf dem Kopfe getragen; denn die Bibi will beide Arme frei haben, weil sie mit ihren nur lose umgeschlagenen Tüchern dauernd zu schaffen hat. An ihrer ganzen Kleidung, die aus zwei dünnen Baumwolltüchern besteht, ist kein Knopf, keine Naht.

Auch die Männerkleidung muß erst gesäumt und genäht werden. In offenen kleinen Buden sitzen ein halbes Dutzend fleißige Suaheli an Nähmaschinen, nähen Mützen und säumen Tücher. Ein merkwürdiger Geschmack wird vielfach dabei entfaltet, z. B. Nachahmung von Oberhemden der Europäer mit Manschetten, die ohne Knöpfe getragen werden und bei jeder Arbeit hinderlich sind.

Das Nähen ist nach Anschauung der Suaheli eine Arbeit, die nicht schändet und deshalb auch von Männern ausgeführt werden kann, während Feldarbeit, Bereitung des Essens, Wasserholen von dem vornehmen Suaheli den Weibern überlassen wird.

An der Markthalle gab ich mein Reittier einem Boy, der es in den Stall brachte.

Auf dem Markt war viel zu sehen. Zwischen den Säulen der Halle bewegten sich die Käufer und Käuferinnen.

Ich folgte einer Negerin, die einkaufte.

Sie nahm ihr Körbchen vom Kopfe und suchte sich eine halbe Kokosnuß aus; sorgfältig und sauber geöffnet lagen die Nüsse da; dann kam sie zu einem Händler, der fein geriebenen Tabak feilhielt. Das Quantum für je ein Pesa war in Papier gewickelt. Sie nahm aus einer Schale eine Probe und wischte den Tabak hinter die Unterlippe, dasselbe wiederholte sie bei dem nächsten Händler. Hier schien es besser zu schmecken; sie zahlte die Kupfermünze und nahm ein Päckchen. Dann wurde mit ähnlicher Sorgfalt ausgewählt: Mohogo, Fisch und anderes.

Jede Ware ist in kleine Portionen geteilt. Feilschen ist überflüssig, dennoch ist ein ohrenbetäubendes Reden, Lachen, Zetern und Schreien in der Halle. Askari, schwarze Polizisten, die Goanesenköche der Hotels drängen sich zwischen Leuten aus der Karawanserei und den vielen buntgekleideten Weibern.

Phot. aus Daressalam.

Negerkinder auf der Straße, beim Essen.

An Früchten liegen dort besonders Bananen, Lemonen, Papayen, Ananas, Zuckerrohr, Mohogo; auch Bohnen und Zwiebeln. Wer sich genauer für die Produkte interessiert, findet viele Dinge, die ihm neu sind.

Da werden auch gebleichte Blätter der Phönixpalme (zur Herstellung von Matten) verkauft und Wurzeln, aus denen der Farbstoff zum Färben des Flechtmaterials gewonnen wird.

An seltsamen Fischen sieht man: die großen Stachelrochen, mit meterlangen scharfkantigen Schwänzen, Tintenfische und Haie.

Das Haifischfleisch gibt einen widerlichen Geruch von sich und kann dem Europäer die Spaziergänge im Eingeborenendorf gründlich verleiden.

Der Markt hatte für mich große Anziehungskraft, denn hier konnte ich am leichtesten die Stimmung beobachten, die der Neger empfindet, wenn er in das Volksgedränge kommt, unter die vielen Menschen, die, was sie schnell verdienen, ebenso schnell wieder verzehren, und deren Zufriedenheit beim Anblick der reichlichen Lebensmittel in den Worten zum Ausdruck kommt: „killa kitu tayari: es ist alles da“.

Jeder Fremde, der Daressalam auf der Durchreise besucht und das Eingeborenenviertel vergleicht mit den Wohnungen der Kaffern in Delagoabay oder der Neger in Mombasa, bekommt denn auch den Eindruck, daß es den Schwarzen im deutschen Gebiet gut geht.

Vom Markt aus bog ich in die Straße „Unter den Akazien“. Knallrote Blüten bedeckten die Bäume.

Am Ende der langen Baumreihe liegt der Kulturgarten mit dem Hospital; nicht weit davon das Wohnhaus des Gouverneurs in schönen Parkanlagen versteckt, mit der Aussicht auf das Meer.

Hart am Strande, hinter einem Kasuarinenwäldchen, ist ein kleines Gebäude halb in das Wasser hinausgebaut: das Aquarium; ein kleiner, aber viel versprechender Anfang, die reiche Fauna des ostafrikanischen Meeres zu zeigen und wissenschaftlich zu erforschen.

Hier fand ich den Stabsarzt unsers Kriegsschiffes beschäftigt, die vier Wasserbassins mit frisch gefangenen Fischen zu besetzen und durfte mich auch an dem Anblick einiger großer Langusten erfreuen, die für den Tisch der Offiziermesse bestimmt waren.

Da in den nächsten Tagen die Ankunft eines großen Postdampfers von Süden erwartet wurde, sollte das Aquarium zu einer Sehenswürdigkeit für die Passagiere gemacht werden, und eine Fahrt nach den Korallenriffen bei der Leuchtturminsel Makatumbe war nötig, weil dort der Aquariumssammler reiche Ausbeute findet.

Jetzt schon lagen in dem ersten Bassin Tintenschnecken wie leblos zwischen Steinen und Sand, durch sonderbare Höcker und Runzeln ihrer Umgebung so angepaßt, daß sie schwer darin zu unterscheiden waren. Zerschnittene Fische, in das Bassin geworfen, brachten schnell Leben in die unförmigen Geschöpfe, die die Bissen mit den Fangarmen ergriffen und zum Munde führten.

Im Palmenwald bei Daressalam.

Die Palme im Vordergrund zeigt die Einkerbungen, die den Negern als Stufen dienen, um auf die Baumkrone hinaufzusteigen, Palmwein zu zapfen, oder Nüsse abzuschlagen. Alle Palmen, bei denen Anzapfen gestattet ist, sind mit einem T (tembo = Palmwein) gezeichnet. Dunkle, dichtbelaubte Mangobäume stehen zwischen den schlanken Stämmen der Kokospalmen. Rechts sieht man auf dem Bilde einen gemauerten Brunnen mit Auftritt. Der Afrikaner spricht von einer „Palmenschamba“, d. h. Pflanzung, weil es natürliche Kokoswälder dort nicht gibt.

Seesterne, Schlangensterne, Seeigel und Seegurken lagen auf dem Boden des nächsten Bassins; ein Farben- und Formenreichtum, der das Auge entzückte. Urkomisch waren die hier häufigen Kofferfische und die Kugelfische, die sich, aus dem Wasser gehoben, wie ein Ballon aufpumpen und ihre Stachel von sich spreizen.

Die Pflege eines Seewasseraquariums erfordert viel Mühe und Sorgfalt, denn nicht alle Fische halten sich in der Gefangenschaft und gewisse Arten kann man nur wenige Stunden im Bassin beobachten, dann sterben sie.

Obwohl es nicht schwer ist, neue Tiere zu fangen und auch die schwarzen Fischer häufig Schaustücke mitbringen, kann das Aquarium deshalb nicht immer eine große Sehenswürdigkeit sein. Wer sich jedoch erst einmal dafür interessiert, für den gibt es immer etwas zu sehen.

Am nächsten Morgen begleitete ich den Stabsarzt hinaus, um auf den Riffen von Makatumbe für das Aquarium zu sammeln.

Der Südwestmonsum wehte und das aus dem Hafen hinauslaufende Wasser förderte die Fahrt unserer kleinen einheimischen Auslegerboote. Wenn der Wind recht stark in das Segel des primitiven Fahrzeugs faßte, konnte man weit zu luvard auslegen und sah dann das klare, grüne Wasser unter sich hindurchschießen. Mit uns verließ eine große Inderdhau die enge Einfahrt, um ihren Kurs nach Sansibar zu nehmen. Der braune Holzkasten mit der plumpen Takelage und den großen Segeln paßte so recht zu dem Palmenstrand im Hintergrund und zu den farbigen Menschen.

Nach einer Fahrt von etwa einer halben Stunde landeten wir auf der Leuchtturminsel. Die Boote wurden auf den Sandstrand gezogen; die Neger folgten uns mit Eimern und Glasgefäßen auf die Riffe, die schon fast frei von Wasser waren.

Strandläufer und Reiher flogen auf.

Große, gehobene Korallenfelsen standen da, von der zur Flutzeit drumherumtobenden Brandung zu fantastischen Formen zurechtgeschlagen. An dem zackigen, scharfkantigen Gestein saßen Austern, die man mit Beilen losschlagen mußte; eine kleine aber wohlschmeckende Art.

Viele Krabben liefen über die Steine hin, ihre spinnenähnlichen, von gelenkigen Beinen schnell fortbewegten Körper sahen drollig aus, weil sie nicht vor- oder rückwärts, sondern seitwärts liefen; die Stielaugen und Fühler waren dabei nach oben gerichtet.

Die feuchte Oberfläche des Riffs hatte eine braungrüne Farbe. Viele kleine und große Wasserbecken waren von der Flut zurückgeblieben; jedes ein natürliches Aquarium mit großem Reichtum an Lebewesen, die sich vor den glühenden Sonnenstrahlen dorthin geflüchtet hatten, wenn sie nicht in Hohlräumen unter den Steinen die Rückkehr der Flut erwarteten. Hunderte von Einsiedlerkrebsen, die sich kleine Muschelschalen, ein fremdes Kleid, angezogen hatten, spazierten mit ihrem Haus unter den Schutz der Korallensteine und Tangpflanzen.

Die Johannesstraße bei Daressalam.

Links das Meer, davor einige Pandanen; am Strand ein Fischerboot, das seine Segel zum Trocknen ausgespannt hat. In den Kokospalmen rechts ein Fischerdorf. — Die Straße ist nach Major Johannes benannt, einem der ältesten Offiziere der Schutztruppe, der die Entwickelung der Kolonie bis heute aktiv miterlebt hat und im Aufstand im Jahre 1905/06 die Operationen der Schutztruppe im Süden der Kolonie leitete.

Wenn man die Steine umdrehte, entfloh aalgleich eine Moräne; vor ihrem scharfen Biß, der wie der Schnitt eines Rasiermessers ins Fleisch dringt, mußte man sich hüten. Blitzschnell wand sie sich über den Boden dahin und war in der nächsten Höhlung verschwunden.

Die Unterseite einer umgedrehten Steinplatte ist bunt wie die Palette des Malers. Weichtiere, Schnecken, Brut und Algen in allen erdenklichen Farben, dazu Schlangensterne verschiedener Art, bunte Muscheln und Krebstiere. Ein natürliches Wasserbecken nun gar erst, umschließt eine Welt für sich; wenn kein Wind die Oberfläche kräuselt und die Sonne warm hineinscheint, ist es ein hoher Genuß für den Naturfreund, dem Leben darin zuzusehen.

Die zerklüfteten Korallensteine stellen gleichsam die Landschaft dar; Berge, Halbinseln, Grotten erscheinen da, Algen und Tange bilden Wälder, in denen sich Schnecken, Holothurien und Seesterne verbergen, während Fische über die Bäume hinwegfliegen wie Vögel in der Luft.

Ostafrikanische Negerin in der Tracht der Küste.

Ein mit seltsamen Mustern bedrucktes Baumwolltuch bildet ihr Kleid; es ist über der Brust eingefaltet. Auf dem Nacken liegt eine Messingkette. Um den Hals trägt sie ein Band mit blauen Glasperlen; in jeder Ohrmuschel drei Pfropfen aus zusammengerolltem Papier mit Staniolstreifen durchzogen. Ihr kurzes, krauses Haar ist mehrfach gescheitelt und in getrennten Bahnen geflochten. Mit der linken Hand hat sie hinter dem Rücken den rechten Oberarm angefaßt; durch diese Haltung tritt das Schlüsselbein besonders stark hervor. Die meisten Negerinnen gehen aufrecht und schön, weil schon die Gewohnheit, alle Gegenstände (selbst den zusammengefalteten Sonnenschirm!) auf dem Kopf zu tragen, sie zu guter Haltung erzieht. Leuchtend weiße, wohlgepflegte Zähne sind nach unserm Begriff ihr schönster Schmuck. Die Schönheitspflege der Küstennegerin erstreckt sich sogar auf die Haut und die Fingernägel.

Ostafrikanische Negerin in der Tracht der Küste.


GRÖSSERES BILD

Wenn nun der Blick auf einer ganz beschränkten Stelle haftet, regt sich dort eine noch kleinere Welt, deren Gestalten schließlich nur noch mit dem feinen Planktonnetz gefaßt und mit dem Mikroskop erkannt werden können.

Während wir noch Eimer und Gläser mit wunderlichem Gewürm anfüllten, zogen Neger einen mehrere Meter langen Hai auf den Strand. Sie hatten ihn mit der Angel gefangen und versprachen sich guten Gewinn auf dem Markt.

C. Uhlig.

Korallenfelsen bei der Insel Makatumbe.

Ich bestellte mir das große Gebiß, das eine Öffnung von fast ½ m hatte. Der Fisch wurde in Stücke geschnitten, und nur die Wirbelsäule blieb liegen. Die Neger brachten noch einen anderen merkwürdigen Fisch: den Schiffshalter. Er trägt an Stelle der vorderen Rückenflosse eine Haftscheibe, mit der er sich, — obwohl er selbst sehr gewandt schwimmt, — um schneller vorwärts zu kommen, an dem Boden der Schiffe oder an großen Fischen festsaugt.

Wir legten ihn in eine Holzbalje mit Wasser; er hielt sich an der glatten Innenwand so fest, daß ich ihn nur mit großer Gewalt losreißen konnte.

Die Flut kam. Schon warf sich die Brandung höher auf die Riffe; ihr Brausen mahnte uns, schnell zur Insel zurückzugehen, um mit der reichen Beute die Heimfahrt anzutreten.

Wir sahen über die Bucht mit ihren grünen Ufern. Hier haben vor dreißig Jahren noch Flußpferde in der See gelebt! Weit in das Meer hinaus sind die großen, plumpen Säugetiere geschwommen. In allen Buchten sind sie heimisch gewesen und von der Küste aus bis nach der Insel Mafia hinübergetrieben, wo sie heute noch zu finden sind.

Das ist gewesen.

Der Ozean aber birgt ein Leben, das unendliche Gelegenheit zu Beobachtung gibt. Mir scheint, dies Leben ist mit seinem Reichtum an Farben und Formen, mit seiner Vielseitigkeit, seinen Wundern und ungelösten Problemen so recht zur Freude des Menschen da und zeigt ihm unendliche Wege, die sein Wissensdrang noch gehen kann.

[1] Spr.: bueni.

Eine Dhau aus Kilwa auf dem Mohorrofluß.

An der Küste.

Die über siebenhundert Kilometer lange Küste Deutsch-Ostafrikas ist reich an guten Häfen für die größten Schiffe, an Creeks und stillen Buchten für den Dhauverkehr und die Fischerei der Eingeborenen. Inseln und Bänke sind dem Festlande vorgelagert und schützen gegen die Dünung des Indischen Ozeans.

Dadurch zeichnet sich die Küste aus vor der des südlichen und westlichen Afrikas, die schwer zugänglich ist, und an der sich die Schiffahrt der Eingeborenen nicht hat entwickeln können. Der Küste gegenüber liegen die großen, fruchtbaren Inseln Pemba, Sansibar und Mafia.

Die Nähe der Insel Sansibar und das Vorhandensein reichbevölkerter Inselgruppen im Indischen Ozean, die Wind- und Wetterverhältnisse, die den Verkehr mit Indien und Arabien begünstigten: dies alles hat dazu beigetragen, daß hier zu allen Zeiten ein reger Handelsverkehr bestand.

Der Segelschiffverkehr an der Küste von Deutsch-Ostafrika steht im Zeichen von regelmäßig alljährlich auftretenden Winden; sieben Monate lang weht bei Sansibar der Südwest-, drei Monate der Nordost-Monsun. In der übrigen Zeit ist der Wind unbestimmt; die beiden regelmäßigen Winde aber sind die Grundlage des Handels zwischen Ostafrika und Indien.

Gegen Ende November, wenn der Nordostwind seine volle Stärke erreicht hat, füllt sich der Hafen der schönen Nelkeninsel mit Inderdhaus. Aber auch Mombasa, Daressalam und Mocambique werden von diesen altertümlichen Holzschiffen angelaufen.

Die Unsicherheit der Festlandsküste war vor allem Ursache der großen Bedeutung Sansibars; es wurde der Stapelplatz für alle Güter, die aus Ostafrika herauskamen und die Operationsbasis für Unternehmungen nach dem Innern des Kontinents.

Zugleich war es der günstigste Platz für den Sklavenmarkt, weil die Insel als fast einziger Produzent der Gewürznelken in der ganzen Welt stets Arbeiter in den Pflanzungen beschäftigen konnte, und Menschenkräfte dort nicht brach zu liegen brauchten.

An die Geheimnisse dieses Handels wird erinnert, wer in den Gewässern zwischen den Inseln und dem Festlande tagelang kreuzt, wie wir es mit S. M. S. Bussard taten.

Die lieblichen Einfahrten, mit hellgrün schimmernden Korallenbänken, die vielen, kleinen, mit dichtem Busch bestandenen Inseln; die weit ins Land greifenden Creeks, eintönig mit Mangroven geschmückt: das ist der Hintergrund für die Schiffahrt schwarzer Menschen in naturfarbenen, wenig gepflegten Holzkästen mit Baststricken und großen, kühn im Winde geschwellten Segeln über blauer Flut.

Die Fischerei wird noch immer selbständig von den Eingeborenen ausgeübt; in selbstgefertigten, schmalen Auslegerbooten; mit Angelschnur und Korbreuse in tiefem Wasser, mit Netzen und Rohrgeflecht in den flachen Buchten, die teilweise zur Ebbezeit trocken fallen.

An der Fischerei ist ebenso wie an der Schiffahrt alles althergebracht und der europäische Einfluß hat wenig daran geändert.

Der Fischreichtum ist groß; das beweisen die Märkte und die gefüllten Fischerboote, die man auf dem Heimweg zur Stadt antrifft.

Sansibar.

Da wir ein Interesse daran hatten, die deutschen Küstenplätze vor Sansibar zu bevorzugen, ging das Kriegsschiff nur selten nach der Sultansinsel, obschon sie dem Festlande so nahe liegt, daß man von Saadani aus den Mittagsschuß hören kann, der vor dem Palast des Sultans gefeuert wird.

Ich persönlich bedauerte, daß wir so selten in Sansibar waren; denn dort ist immer noch eine starke Kolonie deutscher Kaufleute, und die Insel bietet dem Besucher eine Fülle des Sehenswerten. Wohl an keinem Platz der Erde ist ein solches Völkergemisch vertreten, wie dort; wenn auch meist nur in wenigen Vertretern. Die Asiaten sind zur Stelle, vom Japaner bis zum Inder; Bewohner der Seychellen, der Komoren und Madagaskars, Araber, Belutschen und Neger fast aller Volksstämme könnte man nachweisen. Dementsprechend ist, was die Händler in ihren dunklen Läden anzubieten haben.

In Sansibar trifft man leider schon freche Neger; in den vom Fremdenverkehr berührten Hafenplätzen können die Schwarzen den bescheidenen Charakter offenbar auf die Dauer nicht behalten. Sehr bald wird man auch in Daressalam und in Tanga von der guten, alten Zeit sprechen, mit ihrer großen Auswahl an anständigen Boys, mit mäßigen Löhnen, die die Neger doch zufrieden machten.

Ich weiß nicht, ob der Deutsche fähiger ist als der Engländer, den Eingeborenen zu distanzieren, traue aber dem Deutschen ein sicheres Gefühl für seine Stellungnahme zu; denn dem Deutschen ist die Kolonie nicht nur ein Ort für Gelderwerb, sondern zweite Heimat, die er sich nicht verleiden lassen will; auch nicht durch Verderb der Eingeborenen, und durch Minderung des Rassenprestige. Daher kommt vielleicht auch die sichtbare Abneigung der Deutschen gegen die Missionen, die zum Teil ohne nationales Interesse auf den Neger einwirken, und ihren sehr verschiedenen Aufgaben entsprechend, selten eine gemeinsame Kulturarbeit mit dem Ansiedler betreiben; daher auch der gute Klang des Titels „alter Afrikaner“ und das Mißtrauen gegen jeden, im Verhalten zu den Schwarzen noch nicht gefestigten Neuling. —

Im allgemeinen geht der Handel Sansibars zurück. Die Ladung der Dampfer der Deutschen Ostafrikalinie verteilt sich jetzt auf alle kleinen Küstenplätze, während früher fast der gesamte Handel der Ostküste bis nach Lamu und Somaliland hinauf über Sansibar nach Europa ging.

Nach der Nelkenernte riecht die ganze Stadt nach Gewürznelken; am meisten der Zoll, der an der Landungsstelle liegt.

Der angenehme Duft empfing auch mich als ich eines Tages mit einem Kameraden an Land ging.

Wir machten Einkäufe in den Läden der Hauptstraßen: silberne Kannen, aus Ebenholz geschnitzte Elefanten, Elfenbeinschnitzereien und seidene Decken aus Japan; nahmen einen Wagen und fuhren durch die engen Straßen hinaus nach Mnazi moja, einer breiten Allee, die zu den Sportplätzen der Europäer hinführt.

Das Hochwasser füllte die Lagune, die die Stadt von den Negerdörfern trennt.

Auf guten, festen Straßen rollte unser Wagen dahin, durch reiche Vegetation: dunkle Mangobäume mit Kokos- und Betelpalmen hinter weißen Gartenmauern.

In den Gärten lagen Landhäuser der Inder und Araber; zum Teil verfallen und von Pflanzen überwuchert. Viele Negerweiber in sauberen Tüchern gingen nach dem Ngambo, dem Negerdorfe, zum Tanz; sie hatten nach Landessitte ein großes Tuch um den Kopf gewickelt.

Ich fragte einen Neger, der mit zufriedenem Gesichtsausdruck dastand, was seine Arbeit sei?

„Ich passe auf eine Schamba auf!“

„Wem gehört die Schamba?“