Onkel Tom's Hütte

oder die

Geschichte eines christlichen Sklaven.

Von

Harriet Beecher Stowe.

Aus dem Englischen übertragen

von

L. Du Bois.

Dritter Band.

S. Zickel.

Nro. 19. Dey-Street.

NEW-YORK.


Inhalt.

I.

Seite
I. Worin der Leser die Bekanntschaft eines menschenfreundlichen Mannes macht 1
II. Die Mutter 16
III. Der Gatte und Vater 21
IV. Ein Abend in Onkel Tom's Hütte 28
V. Die Empfindungen lebenden Eigenthums unter wechselnden Herren 44
VI. Die Entdeckung 57
VII. Der Kampf der Mutter 71
VIII. Ein würdiges Trio 91
IX. Worin sich zeigt, daß ein Senator nur ein Mensch ist 115
X. Das Eigenthum wird fortgeschafft 139
XI.
Worin das Eigenthum in einen unpassenden
Geisteszustand geräth
155
II.

Seite
XII. Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel 1
XIII. Die Quäker-Niederlassung 26
XIV. Evangeline 39
XV. Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen 54
XVI. Tom's Mistreß und ihre Ansichten 77
XVII. Die Vertheidigung des freien Mannes 106
XVIII. Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten 131
XIX.
Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten
(Fortsetzung)
155
III.

Seite
XX. Topsy [1]
XXI. Kentucky [22]
XXII. »Das Gras verwelkt — die Blume verblüht« [29]
XXIII. Henrique [39]
XXIV. Vorboten [51]
XXV. Der kleine Evangelist [60]
XXVI. Der Tod [67]
XXVII. »Dies ist das Letzte der Erde« [87]
XXVIII. Wiedervereinigung [97]
XXIX. Die Schutzlosen [119]
XXX. Das Sklavenhaus [130]
XXXI. Die Fahrt [145]
XXXII. Finstere Orte [154]
XXXIII. Cassy [166]
XXXIV. Die Geschichte der Quatroon [178]
XXXV. Die Zeichen [194]
XXXVI. Emmeline und Cassy [203]
XXXVII. Freiheit [213]
XXXVIII. Der Sieg [223]
XXXIX. Der Kunstgriff [237]
XL. Der Märtyrer [252]
XLI. Der junge Master [262]
XLII. Eine wirkliche Geistergeschichte [271]
XLIII. Ergebnisse [280]
XLIV. Der Befreier [292]
XLV. Schlußbemerkungen [298]

I.

Seite
I.Worin der Leser die Bekanntschaft eines menschenfreundlichen Mannes macht1
II.Die Mutter16
III.Der Gatte und Vater21
IV.Ein Abend in Onkel Tom's Hütte28
V.Die Empfindungen lebenden Eigenthums unter wechselnden Herren44
VI.Die Entdeckung57
VII.Der Kampf der Mutter71
VIII.Ein würdiges Trio91
IX.Worin sich zeigt, daß ein Senator nur ein Mensch ist115
X.Das Eigenthum wird fortgeschafft139
XI.
Worin das Eigenthum in einen unpassenden
Geisteszustand geräth
155
II.

Seite
XII.Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel1
XIII.Die Quäker-Niederlassung26
XIV.Evangeline39
XV.Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen54
XVI.Tom's Mistreß und ihre Ansichten77
XVII.Die Vertheidigung des freien Mannes106
XVIII.Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten131
XIX.
Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten
(Fortsetzung)
155
III.

Seite
XX.Topsy[1]
XXI.Kentucky[22]
XXII.»Das Gras verwelkt — die Blume verblüht«[29]
XXIII.Henrique[39]
XXIV.Vorboten[51]
XXV.Der kleine Evangelist[60]
XXVI.Der Tod[67]
XXVII.»Dies ist das Letzte der Erde«[87]
XXVIII.Wiedervereinigung[97]
XXIX.Die Schutzlosen[119]
XXX.Das Sklavenhaus[130]
XXXI.Die Fahrt[145]
XXXII.Finstere Orte[154]
XXXIII.Cassy[166]
XXXIV.Die Geschichte der Quatroon[178]
XXXV.Die Zeichen[194]
XXXVI.Emmeline und Cassy[203]
XXXVII.Freiheit[213]
XXXVIII.Der Sieg[223]
XXXIX.Der Kunstgriff[237]
XL.Der Märtyrer[252]
XLI.Der junge Master[262]
XLII.Eine wirkliche Geistergeschichte[271]
XLIII.Ergebnisse[280]
XLIV.Der Befreier[292]
XLV.Schlußbemerkungen[298]

Vorrede zur europäischen Ausgabe.

Indem die Verfasserin die Herausgabe dieses Werkes für das Festland Europa's authorisirt, hat sie nur die Bemerkung beizufügen, daß die Menschenliebe höher steht als die Vaterlandsliebe.

Das große, allen christlichen Nationen gemeinsame Mysterium, das Bündniß Gottes mit den Menschen durch die Menschwerdung Christi, verleiht der menschlichen Existenz eine Ehrfurcht erweckende Heiligkeit, und in den Augen eines jeden wahrhaft Gläubigen muß Derjenige, welcher die Rechte seines niedrigsten Mitmenschen mit Füßen tritt, nicht nur als Unmensch, sondern auch als Gotteslästerer erscheinen, — und die schrecklichste Art dieser Gotteslästerung ist das Institut der Sklaverei.

Man hat gesagt, daß die Schilderungen dieses Buches Uebertreibungen enthielten! Ich wünschte, es wäre wahr! ich wünschte, dieses Buch wäre wirklich nur eine Schöpfung der Einbildungskraft, und nicht eine Mosaik wirklicher Thatsachen! Aber daß es keine Erfindung ist, dafür sind die Beweise in Tausenden blutender Herzen zu finden, — sie sind von Tausenden von Zeugen in den Sklavenstaaten bekräftigt, und selbst von Sklavenhaltern, mit ausdrücklicher Bezugnahme auf dieses Buch, bestätigt worden. — Wenn noch andere Beweise erforderlich wären, so dürften wir die ganze civilisierte Welt nur auf das allgemein publicierte Gesetzbuch der Sklavenstaaten verweisen, welches eine vollständige, klare und gesetzliche Billigung jeder Grausamkeit und Abscheulichkeit enthält, die der Mensch überhaupt der Seele und dem Körper seines Mitmenschen zufügen kann; und wenn das Gesetz so beschaffen ist, — wie müssen dann die Folgen sein? Seitdem ist jedoch, Gott sei gedankt, jener gewaltige, unaussprechliche Angstschrei endlich gehört worden!

Es ist gesagt worden, daß die Sklavenbevölkerung ganz ungeeignet für die Freiheit, und deren unfähig sei, und daß die in diesem Buche geschilderte Charaktere eingebildete Uebertreibungen und Unmöglichkeiten seien. Allein, was man auch über die afrikanische Race selbst sagen möge, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß die Sklavenbevölkerung Amerika's jetzt eine in hohem Grade gemischte Race ist, in deren Adern das beste angelsächsische Blut fließt, — und daß Charaktere, wie Georg Harrys und Elise, keineswegs ungewöhnlich unter den Sklaven sind. Damit auch die Charakteristik des »Onkel Tom« selbst nicht für eine, in der Wirklichkeit nicht zu findende Erdichtung gehalten werde, wollen wir aus dem publizirten Testamente des Richters Upshur, früheren Staatssecretairs unter Präsident Tyler, des Tributes erwähnen, welcher darin den Verdiensten eines Lieblingssclaven gezollt worden ist.

»Ich emancipire hierdurch meinen Sklaven David Rice, und weise meine Testamentsvollstrecker an, ihm hundert Dollar auszuzahlen. Ich empfehle ihn der Achtung und dem Vertrauen einer jeden Gemeinde, in der er sich niederlassen sollte. Er ist vierundzwanzig Jahre lang mein Sklave gewesen, während welcher Zeit ihm von mir unbedingtes und unbegränztes Vertrauen geschenkt worden ist. Sein Verhältniß zu mir und meiner Familie ist stets von der Art gewesen, daß sich ihm täglich Gelegenheit darbot, uns zu hintergehen oder zu bevortheilen, und dennoch hat ihm nie ein erhebliches Vergehen, selbst nicht ein Verstoß gegen die Gesetze des Anstandes in seiner Stellung zur Last gelegt werden können. Seine Intelligenz ist höherer Art, seine Rechtlichkeit über jedem Verdachte, und sein Gefühl für Recht und Schicklichkeit richtig und sogar geläutert. Ich bin der Meinung, daß er einen gerechten Anspruch darauf hat, dieses Zeugniß von mir mit in die neuen Verhältnisse zu nehmen, welche er einzugehen genöthigt ist; es gebührt seinen langen und treuen Diensten von der aufrichtigen Freundschaft, die ich für ihn hege. Während des ununterbrochenen, vertrauten Verkehrs durch vierundzwanzig Jahre habe ich ihm nie ein unfreundliches Wort gesagt, und nie dazu Veranlassung gehabt. Ich habe nie einen Menschen gekannt, der weniger Fehler und mehr gute Eigenschaften hatte, als er.«

Es soll nicht behauptet werden, daß ein Charakter, wie der Onkel Tom's gewöhnlich zu finden sei, aber er hat mehr als einmal existirt; und es ist so eine Schmach, Verachtung und erzwungene Lasterhaftigkeit auf das Haupt des unglücklichen Afrikaners gehäuft worden, daß er wohl mit Recht einen Anspruch auf eine so günstige Schilderung hat, als sie mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit übereinstimmt.

Nicht in äußerster Verzweiflung, sondern in feierlicher Hoffnung und Zuversicht dürfen wir dem Kampfe zuschauen, der jetzt Amerika durchwühlt. Es ist der Angstschrei des Teufels der Sklaverei, der von fern die Stimme eines nahenden Jesus gehört hat, und die edle Gestalt durch Zuckungen verzerrt, aus der er ihn endlich vertreiben wird.

Es ist unmöglich, daß eine so ungeheure Verirrung lange im Busen einer Nation bestehen könne, die in jeder anderen Beziehung das beste Beispiel der großen Principien einer allgemeinen Brüderschaft giebt. In Amerika genießen der Franzose, der Deutsche, der Italiener, der Ungar, der Schwede und der Lette, alle gleiche Rechte; — alle Nationen entfalten hier die ihnen eigenthümlichen Vorzüge, und werden durch die liberalen Gesetze des Landes gleicher Privilegien theilhaftig; Alles wirkt darauf hin, zu befreien, zu humanisiren, zu erheben, und grade aus diesem Grunde wird der Kampf mit der Sklaverei jedes Jahr furchtbarer. Der Strom menschlichen Fortschritt's, der durch die zusammenfließenden Kräfte aller Nationen immer breiter, tiefer und kräftiger wird, stößt auf diese Schranke, hinter welcher sich alle Unwissenheit, Grausamkeit und Bedrückung finstrer Jahrhunderte gesammelt hat; — jetzt schäumt und drängt er nur gegen den Fuß, aber er steigt mit jedem Jahre, und endlich wird er mit einem Sturze, gleich dem des Niagara, das Hemmniß mit sich fortreißen. Dichtkunst, Redekunst und Litteratur sind dagegen, denn es gibt keine einzige Fähigkeit göttlichen Ursprungs im Menschen, die nicht für Freiheit spräche! Anfangs verbreitete sich die Sklaverei über alle Staaten der Union. Jetzt hat der Fortschritt der gesellschaftlichen Verhältnisse die Mehrzahl derselben emancipirt. In Kentucky, Tennessee, Virginien und Maryland haben zu verschiedenen Zeiten starke Bewegungen zu Gunsten der Emancipation statt gefunden, — Bewegungen, welche fortwährend durch eine Vergleichung des progressiven Fortschritts der freien Staaten mit der Armuth und Unfruchtbarkeit als Folge eines Systems erweckt wurden, welches in wenigen Jahren den Boden erschöpft, ohne im Stande zu sein, ihm wieder frische Kräfte zu geben. Der Zeitpunkt kann nicht mehr fern sein, wo alle diese Staaten ihrer eignen Selbsterhaltung wegen emancipiren werden, und wenn kein Sklavengebiet hinzukommt, so wird ein Zunehmen der Sklavenbevölkerung Maßregeln für die Emancipation der übrigen nothwendig machen. Dies ist der Punkt, um den gestritten wird. Sofern kein neues Sklavengebiet gewonnen wird, muß die Sklaverei untergehen, — wenn es gewonnen wird, besteht sie fort. — Um diesen Punkt manöveriren und kämpfen die politischen Parteien, und jedes Jahr wird der Kampf heißer, der bald zur großen Nationalfrage werden wird. In dem Gesetze von 1850, die flüchtigen Sklaven betreffend, gewann die Sklavenmacht allerdings einen Sieg, aber es war nur ein Sieg des Pyrrhus, — noch ein solcher würde ihr Untergang sein! Grade dieses Gesetz hat mehr als alle früher wirkenden Mittel dazu beigetragen, die moralische Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu erwecken und zu concentriren.

Keine inneren Kämpfe irgend einer andern Nation der Welt können für den Europäer von so großem Interesse sein wie die Amerika's, denn Amerika bevölkert sich immer mehr aus Europa, und jeder Europäer, der an seinen Ufern landet, erlangt fast unmittelbar seine Stimme in den Berathungen.

Wenn deßhalb die Unterdrückten andrer Nationen in Amerika ein Asyl dauernder Freiheit zu finden wünschen, so mögen sie bereit sein, mit Herz, Hand und Stimme gegen das Institut der Sklaverei zu kämpfen; denn diejenigen, die Andere zu Sklaven machen wollen, können selbst nicht lange frei bleiben.

Wahr sind die großen, lebendigen Worte: »Keine Nation kann frei bleiben, bei der die Freiheit nur ein Vorrecht und nicht ein Princip ist.«

Andover, den 21. September 1852.
Harriet Beecher Stowe.


Zwanzigstes Kapitel.
Topsy.

Eines Morgens, als Miß Ophelia in ihren häuslichen Sorgen geschäftig war, wurde St. Clare's Stimme am Fuße der Treppe gehört, der nach ihr rief.

»Komm herunter, Cousine, ich habe Dir etwas zu zeigen!«

»Was ist es denn?« fragte Ophelia, mit ihrem Nähzeuge in der Hand herabkommend.

»Ich habe hier etwas für Dein Departement angekauft, — sieh' hier!« sagte St. Clare, indem er ein kleines Negermädchen von acht bis neun Jahren hervorzog.

Sie war eine der Schwärzesten ihrer Race, und ihre runden, wie Glasperlen glänzenden Augen flogen mit unstäten, ruhelosen Blicken über alle im Zimmer befindlichen Gegenstände. Ihr Mund, der vor Erstaunen über die Wunder im Wohnzimmer ihres Herrn halb geöffnet war, ließ zwei Reihen glänzend weißer Zähne sehen. Ihr wolliges Haar war in verschiedene Zöpfe geflochten, die nach allen Richtungen hin starrten. Der Ausdruck ihres Gesichts enthielt eine sonderbare Mischung von Muthwillen und Schlauheit, über die, wie ein Schleier, die Miene eines schmerzlichen Ernstes hing. Sie trug ein einziges, schmutziges, zerlumptes Kleid aus Sackleinwand, und stand mit ernsthaft gefalteten Händen vor Ophelien. In ihrer ganzen Erscheinung lag etwas so Sonderbares, Koboldartiges, — etwas, wie Miß Ophelia später versicherte, so »Heidnisches,« daß diese gute Dame einen wahren Schrecken vor ihr empfand. Indem sie sich zu St. Clare umwandte, sagte sie:

»Augustin, wozu in aller Welt hast Du denn das Ding hierher gebracht?«

»Damit Du es erziehen sollst, kein Zweifel, und es auf den rechten Weg bringen. Ich dachte, es wäre ein possierliches Exemplar im Jim-Crow-Geschlechte. Hier, Topsy,« fügte er mit einem Pfiff hinzu, so wie man die Aufmerksamkeit eines Hundes zu erregen pflegt, — »laß uns einen Gesang hören, und zeige uns etwas von Deinen Tanzkünsten.«

Die schwarzen gläsernen Augen begannen von einer Art boshaften Muthwillens zu glänzen, und das kleine Wesen begann mit einer klaren, gellenden Stimme eine jener sonderbaren Neger-Melodien, nach der sich ihre Hände und Füße im Takte bewegten, während sie sich im Kreise herum drehte, mit den Händen und Knien zusammenschlug, und jene sonderbaren Kehllaute hören ließ, die der heimathlichen Gesangsweise ihres Geschlechtes eigentümlich sind; und endlich zwei oder drei Sprünge in die Luft machend, kam sie mit einem gedehnten Schlußtone, der so unirdisch klang wie die Pfeife einer Locomotive, auf den Teppich nieder, und stand dann wieder mit gefalteten Händen da, und dem Ausdrucke scheinheiliger Sanftmuth und Feierlichkeit im Gesichte, der nur durch die listigen Blicke unterbrochen wurde, die sie in schräger Richtung aus ihren Augenwinkeln umherschoß.

Miß Ophelia stand stumm und wie vom Schlage getroffen vor Erstaunen.

St. Clare, muthwillig wie er war, schien sich an diesem Staunen zu ergötzen, und wandte sich von Neuem an das Kind.

»Topsy,« sagte er, »dies ist Deine neue Mistreß, ich übergebe Dich ihr; also betrage Dich jetzt gut.«

»Ja, Master,« entgegnete Topsy mit scheinheiligem Ernste, während ihre gottlosen Augen blinzelten.

»Du mußt Dich gut betragen, Topsy, verstehst Du,« sagte St. Clare.

»O ja, Master,« entgegnete Topsy, von Neuem blinzelnd, während ihre Hände andächtig gefaltet blieben.

»Nun, Augustin, in aller Welt, sage mir nur, wozu ist das?« sagte Miß Ophelia. »Dein Haus ist so voll von dieser Plage, daß man kaum seinen Fuß niedersetzen kann, ohne auf eins dieser Wesen zu treten. Wenn ich des Morgens aufstehe, so finde ich eins hinter der Thür liegen und schlafen, einen andern schwarzen Kopf unter dem Tische, und wieder einen andern auf der Fußdecke vor der Thür; und an allen Gittern hängen sie, und grinsen und schneiden Gesichter, und in der Küche wälzen sie sich fortwährend auf dem Boden umher! Wozu hast Du denn dieses Wesen noch nöthig gehabt?«

»Ich sagte Dir ja, — damit Du es erziehen sollst, weil Du immer von Erziehung sprichst. Ich dachte, ich wollte Dir ein frisch eingefangenes Exemplar bringen, um Deine Hand daran zu versuchen, und es auf den rechten Weg zu bringen.«

»Ich will dieses Wesen nicht haben, gewiß nicht. Ich habe schon mehr mit dieser Gattung zu thun, als mir lieb ist.«

»So seid Ihr Christen alle! — Gesellschaften könnt Ihr stiften, und ein paar arme Missionäre anwerben, um ihr ganzes Leben unter solchen Heiden zuzubringen; aber zeige mir Einen von Euch, der so ein Wesen zu sich in das Haus nehmen, und die Mühe der Bekehrung selbst übernehmen würde! Nein; wenn es dahin kommt, dann sind sie schmutzig und widerlich, und machen zu viel Umstände, und so weiter!«

»Augustin, ich habe die Sache nicht in diesem Lichte betrachtet,« sagte Miß Ophelia, augenscheinlich sanfter werdend. »Wohl, es kann vielleicht ein ächtes Bekehrungswerk sein,« fügte sie hinzu, das Kind mit etwas günstigeren Blicken betrachtend.

St. Clare hatte die rechte Feder berührt, denn Miß Opheliens Gewissenhaftigkeit war immer wach. »Aber,« bemerkte sie noch, »ich sah wirklich die Nothwendigkeit nicht ein, dieses noch zu kaufen, da bereits genug im Hause vorhanden sind, um alle meine Zeit und Gewandtheit in Anspruch zu nehmen.«

»Wohlan, Cousine,« sagte St. Clare, indem er sie bei Seite zog, »ich habe Dich wegen meiner albernen Reden um Verzeihung zu bitten. Du bist so gut, daß sie keine Bedeutung haben können. Sieh, die Sache ist diese. Das kleine Wesen gehörte einem Paar trunkener Geschöpfe, die ein niedriges Wirthshaus halten, an dem ich alle Tage vorüber komme; und ich konnte das Schreien und Prügeln dieses Kindes nicht mehr anhören. Das Mädchen sah aufgeweckt und possierlich aus, als wenn sich was aus ihr machen lasse, und so kaufte ich sie, und will sie Dir geben. Versuche Du nun, ihr eine orthodoxe, neu-englische Erziehung zu geben, und sieh zu, was sich mit ihr machen läßt. Du weißt, ich selbst besitze keine Fähigkeiten in dieser Richtung, aber ich möchte, daß Du es versuchtest.«

»Wohl, ich will thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und näherte sich ihrer neuen Untergebenen ungefähr so, wie sich eine Person einer schwarzen Spinne nähern würde, für die sie wohlwollende Absichten hegt.

»Sie ist schrecklich schmutzig, und halbnackt,« sagte sie.

»So nimm sie hinunter, und laß sie sich waschen und reinlich anziehen.«

Miß Ophelia führte sie hinunter in die Regionen der Küche.

»Sehe gar nicht, wozu Master St. Clare noch 'ne Niggerin braucht!« sagte Dinah, während sie den neuen Ankömmling mit keinen sehr freundlichen Blicken betrachtete. »Mag sie nicht unter meinen Füßen haben!«

»Pah!« sagte Rosa und Jane mit vornehmem Abscheu, »sie mag uns aus dem Wege gehen! Wozu Master noch eine von diesen niedrigen Negerinnen nöthig hat, kann ich nicht begreifen!«

»Du geh'! Nicht mehr Niggerin als Du bist, Miß Rosa,« sagte Dinah, welche die letztere Bemerkung auf sich bezog. »Bild'st Dir wohl ein, Du wärst 'ne Weiße? Bist gar nichts, nicht schwarz, nicht weiß. Will doch lieber 'was sein.«

Miß Ophelia sah, daß hier Niemand zu finden sei, der die Beaufsichtigung des Waschens und Ankleidens übernehmen würde, und fand sich deßhalb genöthigt, es mit einer sehr unfreundlichen und unwilligen Hülfe von Seiten Jane's selbst zu thun.

Es ist nicht für zarte Ohren geeignet, die Einzelheiten der ersten Toilette eines vernachlässigten, mißbrauchten Kindes zu hören. Zahllose menschliche Wesen müssen in dieser Welt in einem Zustande leben und sterben, dessen Schilderung zu stark für die Ohren ihrer Mitmenschen sein würde. Miß Ophelia hatte einen guten, festen, praktischen Willen, und ging deßhalb durch alle ekelhaften Einzelheiten mit heroischer Gründlichkeit, obgleich nicht mit sonderlichem Gefallen daran, — denn Beharrlichkeit war das Einzige, wozu ihre Grundsätze sie bringen konnten. Als sie auf dem Rücken und den Schultern des Kindes die tiefen Narben und Schwielen sah, unverlöschliche Zeichen des Systemes, unter dem es bisher aufgewachsen war, fühlte sie Mitleid für dasselbe.

»Sehen Sie, da!« sagte Jane, auf diese Marken deutend, »zeigt das nicht, daß sie ein Taugenichts ist? Wir werden schöne Arbeit mit ihr haben, glaube ich. Ich hasse alle diese Niggerkinder! sind so ekelhaft! Ich wundere mich, daß Master sie gekauft hat!«

Das »Niggerkind« hörte alle diese Bemerkungen mit unterwürfiger, kläglicher Miene an, die ihm gewohnheitsgemäß zu sein schien, aber unterließ dabei nicht, scharfe, verstohlene Blicke auf den Schmuck zu werfen, den Jane in ihren Ohren trug. Als Topsy endlich reinlich und ordentlich angezogen, und ihr Haar kurz abgeschnitten worden war, sagte Miß Ophelia mit einiger Zufriedenheit, daß sie christlicher aussehe als zuvor, und begann bereits im Geiste Pläne für ihren Unterricht zu entwerfen.

Indem sie sich vor sie setzte, begann sie Fragen an sie zu richten.

»Wie alt bist Du, Topsy?«

»Weiß nicht, Missis,« sagte das Bild mit einem Grinsen, das alle seine Zähne zeigte.

»Du weißt nicht, wie alt Du bist? Hat Dir's denn niemals Jemand gesagt? Wer war Deine Mutter?«

»Hatte nie eine!« sagte das Kind, von Neuem grinsend.

»Du hattest nie eine Mutter? Was meinst Du damit, wo bist Du denn geboren worden?«

»Bin nie geboren worden!« fuhr Topsy mit einem neuen Grinsen fort, welches so koboldartig aussah, daß, wenn Miß Ophelia überhaupt nervenreizbar gewesen wäre, sie sich leicht hätte einbilden können, irgend ein schwarzes Gnomenkind aus dem diabolischen Reiche vor sich zu haben; allein Ophelia war nicht nervenschwach, sondern derb und praktisch, und sagte deßhalb mit einiger Schärfe:

»Du mußt mir darauf antworten, Kind; ich spasse nicht mit Dir. Sage mir, wo Du geboren worden bist, und wer Dein Vater und Deine Mutter waren.«

»Bin nie geboren worden,« wiederhole der Kobold nachdrücklicher; »— habe nie Vater und Mutter gehabt, nichts. Bin von 'nen Händler aufgezogen worden, mit einer ganzen Menge Anderer. Tante Sue zog uns auf und fütterte uns.«

Das Kind war augenscheinlich aufrichtig, und Jane, in ein kurzes Lachen ausbrechend, sagte:

»O Missis, es giebt eine Menge von der Art. Die Händler kaufen sie billig auf, wenn sie klein sind, und ziehen sie auf für den Markt.«

»Wie lange bist Du bei Deinem Master und Deiner Mistreß gewesen?« fragte Miß Ophelia weiter.

»Weiß nicht, Missis.«

»Ist es ein Jahr, oder mehr, oder weniger?«

»Weiß nicht, Missis?«

»O, Missis,« unterbrach hier Jane wieder, — »diese niedrigen Neger wissen so etwas nicht; die wissen nichts von der Zeit; wissen nicht, was ein Jahr ist, und wissen nicht, wie alt sie sind.«

»Hast Du jemals etwas von Gott gehört, Topsy?«

Das Kind sah bei dieser Frage verwirrt aus, aber grinste wieder wie gewöhnlich.

»Weißt Du, wer Dich geschaffen hat?«

»Niemand, was ich weiß,« sagte das Kind mit einem kurzen Lachen. Die Idee schien es besonders zu amüsiren, denn seine Augen blinzelten, und es fügte hinzu: »Ich denke, ich bin gewachsen; 's hat mich Niemand geschaffen.«

»Kannst Du nähen?« fragte Miß Ophelia weiter, indem sie es für zweckmäßig hielt, die Unterhaltung auf etwas Anderes zu lenken.

»Nein, Missis.«

»Was kannst Du denn? — was hast Du für Deinen Herrn und Deine Mistreß gethan?«

»Wasser geholt, und Teller gewaschen, und Messer geputzt, und weißen Leuten aufgewartet.«

»Waren sie gut gegen Dich?«

»Glaube, ja,« sagte das Kind, Miß Ophelia listig von der Seite betrachtend.

Ophelia stand von diesem ermuthigenden Zwiegespräche auf, während dessen St. Clare hinter ihrem Stuhle, sich auf die Lehne stützend, gestanden hatte.

»Du findest hier jungfräulichen Boden, Cousine,« sagte er. »Lege Deine eignen Ideen hinein, — wirst nicht viel auszurotten haben.«

Miß Opheliens Ansichten über Erziehung waren wie alle ihre anderen Ideen bestimmt und geordnet, und aus derjenigen Schule, welche vor ungefähr hundert Jahren in Neu England herrschend war, und noch jetzt in einigen abgelegenen, unverderbten Theilen zu finden ist, wohin keine Eisenbahnen führen. Sie ließen sich ziemlich genau in wenige Worte fassen: »Den Kindern Aufmerksamkeit zu lehren, wenn mit ihnen gesprochen wird; ihnen den Katechismus, Nähen und Lesen zu lehren und sie zu züchtigen, wenn sie Unwahrheiten sagen;« und obgleich in der Fluth von Licht, welches sich jetzt über Erziehung verbreitet, diese Principien natürlich weit in den Hintergrund getreten sind, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß unsere Großmütter unter ihrer Herrschaft manche recht brave Männer und Weiber erzogen haben, wie Viele von uns werden bezeugen können. Jedenfalls wußte Miß Ophelia nichts Anderes zu thun, und begann deshalb das Erziehungswerk ihres heidnischen Zöglings mit vollem Eifer.

Das Kind wurde als Miß Ophelia's Mädchen angekündigt und im ganzen Hause so betrachtet; und da Topsy in der Küche mit keinem sehr gnädigen Auge betrachtet wurde, so beschloß Miß Ophelia, ihren Wirkungskreis und Unterricht hauptsächlich auf ihr eigenes Zimmer zu beschränken. Mit einer Selbstverleugnung, welche vielleicht nur wenige von unsern Lesern zu würdigen im Stande sein werden, beschloß sie, statt behaglich ihr Bett selbst zu machen und ihr Zimmer selbst auszufegen und abzustäuben, — was sie bisher stets mit völliger Beiseitesetzung aller Anerbietungen des Kammermädchens im Haushalte selbst besorgt hatte, — sich zu dem Märtyrerthum zu verurtheilen, Topsy diese Verrichtungen zu lehren. Wenn je eine unserer Leserinnen dasselbe that, so wird sie die Größe dieses Opfers zu würdigen wissen.

Miß Ophelia begann mit Topsy damit, daß sie sie am ersten Morgen in ihr Zimmer nahm und einen Lehrcursus in der geheimnißvollen Kunst des Bettmachens anfing. Topsy stand, rein gewaschen und rein geschoren von allen den geflochtenen kleinen Zöpfen, an denen ihr Herz gehangen hatte, in einem saubern Kleide und weißer, gestärkter Schürze, vor Ophelien mit einer so feierlichen Miene, wie sich für ein Leichenbegängniß gepaßt haben würde.

»Nun, Topsy, will ich Dir zeigen, wie mein Bett gemacht werden muß. Ich bin sehr eigen darin; Du mußt lernen, es grade ebenso zu machen.«

»Ja, Madame,« sagte Topsy mit einem tiefen Seufzer und einem schmerzlich ernsthaften Gesichte.

»Nun, Topsy, sieh hier; — dies ist der Saum des Betttuches, — dies ist die rechte Seite und dies die linke: — wirst Du das behalten?« sagte Miß Ophelia weiter.

»Ja, Madame,« wiederholte Topsy mit einem neuen Seufzer.

»Gut, das untere Betttuch mußt Du über das Pfühl ziehen, — so, — und es glatt unter die Matratze einschlagen, — so, siehst Du?«

»Ja, Madame,« sagte Topsy mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Aber das obere Betttuch,« fuhr Miß Ophelia fort, »muß auf diese Weise herabgelegt und am Fußende glatt und fest eingeschlagen werden, — so, — mit dem schmalen Saum unten.«

»Ja, Madame,« sagte Topsy wie zuvor, — allein wir wollen hinzufügen, was Miß Ophelia nicht bemerkt hatte, daß nämlich während der Zeit, wo die gute Dame im Eifer ihrer Verrichtungen ihrer Schülerin den Rücken zugedreht, diese ein Paar Handschuhe und ein Band zu erhaschen gewußt und diese geschickt in ihren Aermel geschoben hatte, worauf sie mit gefalteten Händen wieder so ehrerbietig wie zuvor dastand.

»Nun, Topsy, laß mich sehen, wie Du dies machst,« sagte Miß Ophelia, die Betttücher wieder herabreißend und sich setzend.

Topsy ging hierauf mit großem Ernste und großer Geschicklichkeit durch den ganzen Prozeß zu Miß Opheliens großer Zufriedenheit; sie legte die Betttücher glatt, beseitigte jede Falte, und zeigte während der ganzen Verrichtung einen Ernst, an dem ihre Lehrerin nicht geringes Gefallen fand. Allein aus einer unglücklichen Schlitze ihrer Aermel kam ein Stückchen des Bandes zum Vorschein, grade in dem Augenblicke, als sie ihr Geschäft beendigte und fiel Miß Ophelien in's Auge. Augenblicklich sprang diese darauf zu. »Was ist dies? Du ungezogenes, böses Kind, — Du hast dies gestohlen!«

Das Band wurde aus Topsy's Aermel hervorgezogen, aber Topsy wurde dadurch durchaus nicht außer Fassung gebracht, sondern blickte darauf nur mit einer Miene überraschter Unschuld.

»O, ah, das ist Miß Feely's Band! Wie sich das nur in meinem Aermel hat fangen können?«

»Topsy, Du unartiges Kind, sage mir keine Lügen, — Du hast das Band gestohlen!«

»Missis, ich versichere, ich hab's nicht gethan, — hab's nie gesehen, als jetzt grade in dieser Minute.«

»Topsy,« sagte Miß Ophelia, »weißt Du nicht, daß es sündlich ist, zu lügen?«

»Ich sage nie Lügen, Miß Feely,« sagte Topsy mit tugendhaftem Ernste; »'s ist nur die Wahrheit, was ich jetzt gesagt habe, — nichts Anderes!«

»Topsy, ich werde Dich peitschen müssen, wenn Du lügst.«

»O, Missis, wenn Sie mich peitschen den ganzen Tag, — kann nichts Anderes sagen, gar nicht!« rief Topsy, indem sie zu weinen anfing. »Hab's nie gesehen, — muß sich in meinem Aermel gefangen haben. Miß Feely muß es auf dem Bette gelassen haben und da muß es an meinen Aermel gekommen sein.«

Miß Ophelia war über diese dreiste Lüge so empört, daß sie das Kind ergriff und es heftig schüttelte.

»Sage mir das nicht noch einmal!«

Das Schütteln ließ auch die Handschuhe aus dem andern Aermel auf die Erde fallen.

»Da, Du!« rief Miß Ophelia. »Willst Du mir nun noch sagen, Du habest das Band nicht gestohlen?«

Topsy bekannte jetzt in Bezug auf die Handschuhe, aber fuhr beharrlich fort, das Stehlen des Bandes in Abrede zu stellen.

»Höre, Topsy,« sagte Miß Ophelia, »wenn Du Alles gestehen willst, so will ich Dich für dieses Mal nicht peitschen.«

Auf diese Weise gedrängt, gestand Topsy endlich, mit schmerzlichen Versicherungen der Reue, das Band und die Handschuhe genommen zu haben.

»Nun, sage mir, — ich weiß, Du mußt noch andre Dinge im Hause genommen haben, denn ich habe Dich gestern den ganzen Tag umher laufen lassen, — nun sage mir, was Du sonst noch genommen hast, und ich will Dich nicht peitschen.«

»O Missis! ich habe Miß Eva's rothes Ding genommen, was sie um den Hals trägt.«

»Das hast Du gethan, Du böses Kind! — Wohl, was weiter?«

»Und Rosa's Ohrringe, — die rothen.«

»Geh, und hole beide Stücke gleich hierher.«

»O, Missis, ich kann nicht, — sind verbrannt.«

»Verbrannt? was ist das wieder für eine Lüge! Gehe gleich, oder ich peitsche Dich!«

Topsy blieb mit lauten Versicherungen, und Thränen und Stöhnen dabei, daß sie nicht könne, — daß sie verbrannt seien.

»Weshalb hast Du sie denn verbrannt?« sagte Ophelia.

»Weil ich unartig bin, — bin mächtig unartig; — weiß nicht, kann nicht anders.«

Grade in diesem Augenblicke kam Eva unschuldig und ahnungslos mit dem in Rede stehenden Korallenhalsbande in das Zimmer.

»Wie, Eva, wo hast Du Dein Halsband gefunden?« fragte Miß Ophelia.

»Gefunden? Wie, ich habe es den ganzen Tag getragen,« entgegnete Eva.

»Hast Du es denn gestern gehabt?«

»Gewiß! Und was sonderbar ist, Tante, ich habe es die ganze Nacht um gehabt; ich vergaß gestern, als ich zu Bett ging, es abzulegen.«

Miß Ophelia war vollständig irre, und zwar um so mehr, als grade in diesem Momente auch Rosa, mit einem Korbe frisch geplätteter Wäsche auf dem Kopfe, in das Zimmer trat, und die bewußten Ohrringe in ihren Ohren trug.

»Ich weiß nicht, was ich mit dem Kinde anfangen soll!« sagte sie. »Was in der Welt brachte Dich dazu, Topsy, mir zu sagen, daß Du die Dinge genommen habest?«

»Missis sagte, ich mußte gestehen, und es fiel mir nichts Anderes ein, zu gestehen,« entgegnen Topsy, ihre Augen reibend.

»Aber natürlich habe ich nicht gewollt, daß Du Dinge gestehst, die Du nicht gethan hast,« sagte Miß Ophelia; »es ist eins so gut eine Lüge, wie das andere.«

»So? — ist es?« sagte Topsy, mit der Miene unschuldiger Verwunderung.

»O, da ist keine Spur von Wahrheit in solchen Kreaturen,« sagte Rosa, verächtlich auf Topsy blickend. »Wenn ich Master St. Clare wäre, so wollt' ich sie peitschen lassen, bis das Blut strömte, — sicherlich, sie sollt' es kriegen!«

»Nein, nein, Rosa,« sagte Eva mit einer befehlenden Miene, die das Kind zuweilen annehmen konnte; »Du mußt nicht so sprechen, Rosa! ich kann es nicht hören.«

»O, Miß Eva! Sie sind so gut, Sie wissen nichts davon, wie man mit Niggern umgehen muß. 's gibt kein andres Mittel, als sie derb zu peitschen, — glauben Sie nur!«

»Rosa!« rief Eva, während ihr Auge flammte, und ihre Wangen sich purpurroth färbten, — »still! sprich kein Wort mehr davon!«

Rosa verstummte augenblicklich.

»Miß Eva hat St. Clare'sches Blut, — das ist klar; sie kann grade so sprechen, wie ihr Vater,« murmelte sie, während sie zum Zimmer hinausging.

Eva stand vor Topsy, und betrachtete sie.

Da standen die beiden Kinder als würdige Repräsentanten der Extreme der bürgerlichen Gesellschaft. Das schöne, hoch erzogene Kind mit dem goldenen Lockenkopfe, den tiefen Augen, den geistreichen, edlen Zügen, und den feinen Bewegungen; und daneben sein schwarzer, schlauer, kriechender und doch scharfsinniger Nachbar. Sie waren die Repräsentanten ihrer Geschlechter: des sächsischen, das durch Jahrhunderte von Bildung, Herrschaft, Erziehung, physischer und geistiger Entwickelung gegangen war, und des afrikanischen, das Jahrhunderte in Druck, Unterwürfigkeit, Unwissenheit, Mühe und Laster durchlebt hatte!

Etwas Aehnliches mochte vielleicht in diesem Augenblicke Eva's Gedanken beschäftigen; allein die Gedanken eines Kindes sind nur dunkle und unbestimmte Ahnungen, und in Eva's edler Natur mochten viele solche geistige Regungen thätig sein, für die ihr die Kraft des Ausdrucks fehlte. Als sich Miß Ophelia über Topsy's Ungezogenheit und schlechtes Betragen ausließ, sah das Kind bestürzt und traurig aus, aber sagte sanft:

»Arme Topsy, warum mußt Du stehlen? Du wirst nun unter strenge Aufsicht kommen. Ich wollte Dir lieber Etwas von meinen Sachen schenken, als daß Du es stiehlst.«

Es waren die ersten freundlichen Worte, die das Kind in seinem Leben gehört hatte. Der sanfte, liebevolle Ton machte einen sonderbaren Eindruck auf das wilde, rohe Herz, und der Glanz einer Thräne zeigte sich einen Augenblick lang in dem scharfen, runden Auge; aber gleich darauf folgte wieder das kurze Lachen und Grinsen. Nein! das Ohr, das nie etwas Anderes als Scheltworte gehört hat, glaubt nicht an etwas so Himmlisches wie Güte; und Topsy hielt deshalb Eva's Rede nur für etwas Spaßhaftes, etwas Unerklärliches, — sie glaubte ihr nicht.

Aber was war mit Topsy zu machen? Miß Ophelia wußte es nicht. Ihre Regeln für Erziehung schienen auf das Kind nicht zu passen. Sie dachte, sie wolle sich Zeit nehmen, um den Fall zu überlegen, und schloß deshalb, im Vertrauen auf gewisse, unbestimmte, wirksame Kräfte, die dunkelen Gemächern zugeschrieben werden, Topsy in ein solches ein, bis daß sie zu einem bestimmteren Entschlusse gekommen sein werde.

»Ich sehe nicht ein,« sagte Miß Ophelia zu St. Clare, »wie ich das Kind in Ordnung halten soll, ohne es zu peitschen.«

»Gut, so peitsche es, so viel Du willst. Ich will Dir volle Machtvollkommenheit geben.«

»Kinder müssen immer körperlich gezüchtigt werden,« sagte Miß Ophelia, »ich weiß nicht, wie man sie ohne das erziehen kann.«

»O, natürlich,« sagte St. Clare, »mache es ganz so, wie Du es für am Besten hältst. Nur eine Bemerkung wollte ich mir erlauben. Ich habe das Kind mit der Feuerzange, mit Schüreisen und Schüssel, was grade am nächsten zur Hand war, prügeln und niederschlagen sehen; und da es also an diese Art von Operation gewohnt ist, so müssen Deine Züchtigungen ziemlich energisch eingerichtet werden, wenn sie großen Eindruck machen sollen.«

»Was ist denn aber nun mit ihr zu thun?« fragte Ophelia.

»Du hast eine sehr wichtige Frage aufgeworfen,« sagte St. Clare, »und ich wollte, Du könntest sie beantworten. Was ist mit einem menschlichen Wesen zu thun, das nur durch die Peitsche regiert werden kann, — wenn selbst diese wirkungslos wird? Es ist ein sehr häufiger Fall hier bei uns im Süden.«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie ein solches Kind gesehen.«

»Solche Kinder sind bei uns sehr gewöhnlich, und sogar solche Männer und Weiber. Wie sollen die regiert werden?« sagte St. Clare.

»Es ist jedenfalls mehr, als ich zu beantworten vermag,« entgegnete Miß Ophelia.

»Und ich gleichfalls,« sagte St. Clare. »Jene schrecklichen Grausamkeiten, die von Zeit zu Zeit durch die Zeitungen bekannt werden, — solche Fälle, wie zum Beispiel Prue's, — woher kommen sie? In vielen Fällen ist es ein allmähliger Abhärtungsprozeß auf beiden Seiten, — indem der Besitzer immer grausamer, und der Sklave immer unempfindlicher dagegen wird. Peitschen und Mißhandlung sind wie Laudanum; die Dosis muß in demselben Grade erhöht werden, in welchem die Nerven sich abstumpfen. Ich erkannte das sehr bald, als ich Besitzer wurde, und beschloß deßhalb, nie damit anzufangen, weil ich nicht wußte, wann ich aufhören würde. Die Folge davon ist, daß meine Sklaven sich wie verzogene Kinder betragen; aber ich halte es für besser, als wenn wir beiderseits entmenscht wären. Du hast viel über unsere Verantwortlichkeit in Bezug auf Erziehung gesprochen, und deshalb wollte ich, daß Du es mit einem Kinde versuchen möchtest, welches als Beispiel von Tausenden gelten kann.«

»Aber es ist Euer System, welches solche Kinder erzeugt,« sagte Miß Ophelia.

»Ganz richtig, ich weiß das; aber sie sind einmal so, — sie sind da, — und was ist mit ihnen zu machen?«

»Wohl, ich kann nicht sagen, daß ich Dir für diesen Versuch besonders dankbar wäre: allein, da es einmal eine Pflicht zu sein scheint, so will ich darin fortfahren, und thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und hielt ihr Wort, denn sie fuhr fort, mir einem Grade von Eifer und Energie an der Bildung ihres Zöglings zu arbeiten, der Achtung verdiente. Sie bestimmte regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für das Kind, und versuchte es, sie lesen und nähen zu lehren.

In der erstern Kunst machte Topsy schnelle Fortschritte. Sie lernte die Buchstaben wie durch Zauberei, und war sehr bald im Stande, einfache Schrift zu lesen; aber das Nähen war eine schwierigere Aufgabe. Das Wesen war geschmeidig wie eine Katze, und behende wie ein Affe; und da ihr das Stillsitzen beim Nähen zuwider war, so zerbrach sie ihre Nadeln, und warf sie verstohlen zum Fenster hinaus, oder in Spalten der Wände; sie verwickelte, zerriß und beschmutzte ihren Zwirn, oder warf ein ganzes Knäul verstohlen in einen versteckten Winkel. Ihre Bewegungen waren beinahe so schnell, wie die eines geübten Taschenspielers, und die Herrschaft über ihre Gesichtszüge war eben so groß; und obgleich Miß Ophelia sich nicht denken konnte, daß so viele Zufälle sich nach einander ereignen könnten, so war sie ja dennoch außer Stande, sie ohne eine besondre Wachsamkeit zu ertappen, die ihr keine Zeit zu andern Geschäften übrig gelassen haben würde.

Topsy war sehr bald im ganzen Hause bekannt. Ihr Talent für jede Art von Possen, Grimassen und Nachäffung, — für tanzen, klettern, singen, pfeifen und Nachahmung jedes Tones, der ihr gefiel, schien unerschöpflich. Während ihrer Spielstunden hatte sie regelmäßig sämmtliche Kinder des ganzen Hauses hinter sich, die sie offenen Mundes vor Staunen und Verwunderung anstarrten, — selbst Eva nicht ausgenommen, welche sich von ihren wilden Teufeleien in derselben Weise angezogen fühlte, wie eine Taube zuweilen an dem Glanz und Schimmer einer Schlange Gefallen findet. Miß Ophelia wurde darüber unruhig, daß Eva so vielen Gefallen an Topsy's Gesellschaft fand, und bat St. Clare, es zu verbieten.

»Pah, laß das Kind gehen,« sagte St. Clare, »Topsy wird ihr keinen Schaden thun.«

»Aber ein so verderbtes Kind, — mußt Du denn nicht fürchten, daß sie ihr eine Unart lehre?«

»Sie kann ihr keine Unart lehren; andern Kindern wohl, aber von Eva's Gemüthe rollt das Böse ab wie Thau von einem Kohlblatte, nicht ein Tropfen fällt hinein.«

»Sei dessen nicht zu gewiß,« sagte Ophelia. »Ich würde mein eignes Kind nie mit Topsy spielen lassen.«

»Wohl, Deine Kinder haben's nicht nöthig,« sagte St. Clare, »aber meine mögen es thun. Wenn Eva hätte verdorben werden können, so hätte es schon vor Jahren geschehen müssen.«

Topsy wurde anfangs von den oberen Dienstboten verachtet; allein sie fanden bald Grund genug, ihre Meinung zu ändern. Es zeigte sich, daß, wer sie irgendwie beschimpft hatte, mit Sicherheit darauf rechnen konnte, bald darauf irgend einem unangenehmen Zufalle zu begegnen. Entweder wurden plötzlich ein Paar Ohrringe, oder andrer Lieblingsschmuck vermißt, oder ein Kleidungsstück wurde vollständig ruinirt gefunden, oder die betreffende Person mußte über einen Eimer heißen Wassers stolpern, oder es kam plötzlich, unerwartet und unerklärlich, eine Fluth Spülicht von oben auf sie herab, wenn sie sich grade in vollem Staate befand; — und in allen diesen Fällen fand sich, wenn eine Untersuchung veranlaßt wurde, Niemand, der zu dem Schimpfe Gevatter stehen wollte. Topsy wurde citirt und mußte wiederholt vor allen den häuslichen Richtern erscheinen, aber bestand alle Verhöre mit der erbaulichsten Unschuld. Niemand in der Welt war zweifelhaft über die Thäterschaft; aber auch nicht der entfernteste Beweis ließ sich zur Rechtfertigung des Verdachtes führen, und Miß Ophelia hatte zu viel Gerechtigkeitsgefühl, um ohne einen solchen weiter in der Sache gehen zu wollen. Mit einem Worte, Topsy machte dem ganzen Haushalte begreiflich, daß es am Rathsamsten sei, sie in Ruhe zu lassen, und man ließ sie in Ruhe.

Topsy war in allen Handverrichtungen gewandt, und lernte mit überraschender Schnelligkeit Alles, was ihr gezeigt wurde. In wenigen Unterrichtsstunden hatte sie gelernt, alle Geschäfte für Miß Opheliens Zimmer in einer solchen Weise zu verrichten, daß selbst diese eigne Dame keine Fehler daran finden konnte. Menschliche Hände konnten kein Bettuch glätter, kein Kissen richtiger legen, als Topsy, wenn sie es wollte, — aber sie wollte es sehr oft nicht. Wenn in Miß Ophelien, nach drei oder vier Stunden sorgsamer und geduldiger Ueberwachung, die sanguinische Hoffnung aufstieg, daß Topsy endlich auf den rechten Weg gekommen sei, und sie von ihrer Beaufsichtigung abgehen könne, um sich andern Geschäften zu widmen, so pflegte Topsy einige Stunden lang einen wahren Carneval von Confusion zu halten. Eines Tages fand sie Miß Ophelia mit ihrem besten indianischen Florshawl als Turban um den Kopf gebunden, deklamatorische Vorstellungen vor dem Spiegel geben.

»Topsy!« pflegte sie dann zu ihr zu sagen, wenn alle Geduld am Ende war, »weshalb machst Du solche Streiche?«

»Weiß nicht, Missis, — glaube, weil ich so unartig bin!«

»Ich weiß nicht mehr, was ich mit Dir machen soll, Topsy.«

»Müssen mich peitschen, Missis; meine alte Missis peitschte mich immer; — kann nichts thun, wenn ich nicht gepeitscht werde.«

»Topsy, ich mag Dich nicht peitschen. Du kannst gut und artig sein, wenn Du willst; — warum willst Du nicht?«

»Bin an's Peitschen gewöhnt, Missis; — glaube 's thut mir gut,« entgegnete Topsy.

Miß Ophelia versuchte das Recept, und Topsy verursachte dann regelmäßig einen entsetzlichen Lärm, schrie, heulte und flehte, und saß eine halbe Stunde später auf irgend einem Vorsprunge des Balkons, umgeben von der Heerde ihrer jungen Bewunderer, und drückte die äußerste Verachtung über die ganze Sache aus.

»Pah, Miß Feely peitschen! — bringt keine Fliege um, ihr Peitschen. Hättet sehen sollen, wie mein alter Master 's Fleisch fliegen ließ; — alte Master verstand 's!«

Sonntags pflegte sich Miß Ophelia angelegentlichst damit zu beschäftigen, Topsy den Katechismus zu lehren. Topsy hatte ein ungewöhnliches Wortgedächtniß und lernte mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, die für ihre Lehrerin sehr ermuthigend waren.

»Welchen Nutzen erwartest Du davon für sie?« fragte St. Clare.

»Nun, es ist immer für Kinder von Nutzen gewesen. Kinder haben das immer lernen müssen,« entgegnete Ophelia.

»Ob sie es verstehen oder nicht — gleichviel!« sagte St. Clare.

»O, Kinder verstehen es in der Zeit nie; aber wenn sie aufwachsen, kommt die Zeit, wo sie es verstehen lernen.«

»Nun, meine ist noch nicht gekommen, obgleich ich bezeugen kann, daß Du es mir gründlich genug beigebracht hast, als ich ein Knabe war,« entgegnete St. Clare.

»Du warst immer ein guter Lerner, Augustin. Ich hegte damals große Hoffnungen von Dir,« sagte Ophelia.

»So, hast Du denn jetzt keine?« fragte St. Clare.

»Ich wollte, Du wärest so gut, wie Du als Knabe warst, Augustin!«

»Das wünschte ich auch, Cousine,« sagte St. Clare. »Wohl, fahre fort, und katechisire Topsy: vielleicht machst Du doch noch etwas aus ihr.«

Topsy, die während dieser Unterhaltung gleich einer schwarzen Statue, mit demüthig gefalteten Händen da gestanden hatte, fuhr jetzt auf einen Wink von Miß Ophelia fort:

»Unsere ersten Eltern, da sie der Freiheit ihres eignen Willens überlassen blieben, fielen aus dem Stande, in dem sie erschaffen worden waren.«

Topsy's Augen blinzelten, und sie blickte fragend auf Ophelien.

»Was willst Du, Topsy?« fragte Miß Ophelia.

»Bitte, Missis, war es der Stand Kentucky?«

»Was für ein Stand?«

»Der Stand, aus dem sie fielen. Ich hörte Master sagen, daß wir von Kentucky gekommen wären.«

St. Clare lachte.

»Du wirst ihr eine Erklärung geben müssen, oder sie macht sich eine,« sagte er. »Es scheint hier die Theorie der Auswanderung darunter verstanden zu werden.«

»O, still, Augustin!« sagte Miß Ophelia, »wie kann ich etwas thun, wenn Du dabei lachst?«

»Gut, ich will Dich nicht wieder stören, auf mein Wort,« sagte St. Clare, nahm seine Zeitung, und setzte sich nieder, bis Topsy ihre Recitationen beendigt hatte. Diese waren ganz gut, nur daß sie dann und wann, in den wichtigsten Stellen, die Worte auf eine sonderbare Weise versetzte, und bei dem Irrthume aller Gegenvorstellungen ungeachtet beharrte; und St. Clare, trotz aller seiner Versprechungen, fand ein muthwilliges Vergnügen darin, sich diese anstößigen Stellen wiederholen zu lassen, ohne Miß Opheliens Gegenvorstellungen zu beachten.

»Aber wie kannst Du glauben, daß ich mit dem Kinde etwas erreichen kann, wenn Du so fortfährst,« pflegte sie zu sagen.

»Gut, es ist unrecht, — ich will es nicht wieder thun; aber es ist gar zu drollig, das kleine Bild über diese Worte stolpern zu hören.«

»Ja, aber Du bestärkst sie ja in ihrem schlechten Wege.«

»Was macht 's denn aus? Ein Wort ist für sie so gut wie ein anderes.«

»Du willst, daß ich sie gut erziehen soll, und solltest also mit dem Einfluß, den Du ausübst, vorsichtig sein.«

»O Elend! freilich sollte ich das! aber wie Topsy selbst sagt: »ich bin so unartig!««

In dieser Weise schritt Topsy's Erziehung ein oder zwei Jahre fort, während deren Miß Ophelia sich täglich mit ihr plagte, wie mit einem chronischen Leiden, an dessen Beschwerden sie sich endlich so gewöhnte, wie andre Personen an ein Nerven- oder Kopfleiden.

St. Clare fand an dem Kinde dasselbe Vergnügen, wie an den Spässen eines Papagei's oder Hühnerhundes. Topsy dagegen pflegte, wenn sie in irgend einem andern Departement in Ungnade gefallen war, hinter seinem Stuhle Schutz zu suchen, und St. Clare wirkte dann stets auf eine oder die andre Weise Vergebung für sie aus. Von ihm erhielt sie auch so manche kleine Münze, die sie zu Nüssen und Zuckerkant verwendete, um sie mit sorgloser Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauses zu vertheilen; denn Topsy war, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, von Natur gutmüthig und freigebig, und nur bösartig in ihrer eignen Selbstvertheidigung.

Sie ist jetzt in unser corps de ballet genügend eingeführt worden, und wird darin von Zeit zu Zeit, neben den andern handelnden Personen, ihre Rolle spielen.


Einundzwanzigstes Kapitel.
Kentucky.

Unsere Leser sind vielleicht nicht abgeneigt, einen kurzen Rückblick auf Onkel Toms Hütte zu thun, um zu sehen, was unter denen, die er zurückgelassen hat, vorgeht.

Es war spät an einem Sommer-Nachmittage, und die Thüren und Fenster des großen Wohnzimmers in Mr. Shelby's Haus waren alle geöffnet, um jedes frische Lüftchen, das dazu geneigt war, hereinzulassen. Mr. Shelby saß in einer großen Halle, welche mit diesem Zimmer in Verbindung stand, und durch das ganze Haus zu einem am andern Ende befindlichen Balkon lief. Nachlässig in seinen Stuhl zurückgelegt, und seine Füße auf einem andern wiegend, rauchte er seine Nachmittags-Cigarre. Mrs. Shelby saß in der Thür, mit feiner Näherei beschäftigt, und schien etwas auf dem Herzen zu haben, zu dessen Vorbringen sie eine Gelegenheit suchte.

»Hast Du gehört,« sagte sie, »daß Chloë einen Brief von Tom erhalten hat?«

»Wirklich? Tom scheint dort einen Freund zu haben. Was macht der alte Junge?«

»Er muß von einer sehr anständigen Familie gekauft worden sein, sollte ich denken,« sagte Mrs. Shelby, — »er hat sehr gute Behandlung, und nicht viel zu thun.«

»So! nun das freut mich, — wahrlich,« sagte Mr. Shelby mit Herzlichkeit. »Ich hoffe, Tom wird sich an eine südliche Residenz gewöhnen, — und kaum wünschen, hieher zurückzukehren.«

»Im Gegentheil, er fragt mit großer Aengstlichkeit danach, wann das Geld für seine Wiedereinlösung werde aufgebracht werden können.«

»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Shelby. »Wenn die Geschäfte einmal angefangen, schief zu gehen, so hörts nicht wieder auf. Es ist gerade wie durch einen Sumpf von einer trockenen Stelle auf die andere springen; hier borgen und dort bezahlen, und dann wieder borgen, um den Letzten zu bezahlen; — und diese verdammten Wechsel laufen immer ab, ehe ein Mensch Zeit hat, eine Cigarre zu rauchen und sich umzudrehen, — nichts als Mahnbriefe und Drängen und Treiben.«

»Ich sollte denken, mein Lieber, es könnte so Manches geschehen, um unsere Angelegenheiten zu ordnen. Wenn wir zum Beispiel alle unsere Pferde und eine Farm verkauften, um Alles abzuzahlen?«

»O lächerlich, Emilie! Du bist die gescheiteste Frau in Kentucky, aber hast doch nicht Einsicht genug zu sehen, daß Du von Geschäften nichts verstehst; — Weiber verstehen und können davon nie etwas verstehen.«

»Aber könntest Du mich denn nicht wenigstens einen Blick in Deine Verhältnisse thun lassen? mich ein Verzeichniß aller Deiner Schulden und Forderungen sehen, und mich versuchen lassen, ob ich Dir keinen Rath zu ökonomischen Maßregeln geben könnte?«

»O Thorheit! quäle mich nicht, Emilie! — das kann ich nicht. Ich weiß recht wohl, wie meine Sachen stehen, und die lassen sich nicht kneten und drücken und in jede mögliche Form bringen, wie Chloë es mit ihren Pasteten macht. Du verstehst einmal nichts von Geschäften, wie ich Dir schon gesagt habe.«

Da Mr. Shelby keine besseren Gründe anzuführen hatte, so erhob er bei diesen Worten seine Stimme, — eine Art und Weise, die für einen Mann, der mit seiner Frau über Geschäftssachen spricht, sehr bequem und sehr überzeugend ist.

Mrs. Shelby schwieg mit einem Seufzer. Es war außer Zweifel, daß sie, obgleich ein Weib, dennoch einen klaren, energischen, praktischen Verstand hatte, und eine Charakterstärke besaß, die der ihres Gatten bei weitem überlegen war; so daß es keineswegs so sehr abgeschmackt gewesen sein würde, wie Mr. Shelby dachte, sie Theil an den Geschäften nehmen zu lassen.

»Glaubst Du nicht, daß wir auf eine oder die andere Weise Geld aufbringen könnten? Die arme Chloë, sie rechnet so sehr darauf.«

»Das thut mir leid. Ich glaube, ich war etwas zu voreilig mit meinem Versprechen. Ich weiß nicht, ich denke, es ist am Ende der beste Weg, es Chloë geradezu zu sagen, damit sie sich darein findet. Tom wird in ein oder zwei Jahren eine andere Frau haben, und sie thäte am besten, zu einem andern Mann zu gehen.«

»Mr. Shelby, ich habe meinen Leuten gelehrt, daß ihre ehelichen Verbindungen so heilig wie die unsrigen seien. Ich würde mich nie dazu verstehen können, Chloë solchen Rath zu geben.«

»Es ist ein Unglück, Frau, daß Du diese Leute mit der Last einer Moralität beschwert hast, die weit über ihre Verhältnisse und ihre Aussichten hinausgeht. Ich habe immer so gedacht.«

»Es ist nur die Lehre der Bibel,« entgegnete Mrs. Shelby.

»Gut, gut, Emilie, ich will mich in Deine religiösen Ansichten nicht mischen; nur scheinen sie mir für Leute in solchen Verhältnissen durchaus nicht geeignet zu sein.«

»Leider sind sie es nicht,« sagte Mrs. Shelby, »und das ist der Grund, weshalb ich das Sklavenwesen hasse. Ich sage Dir, mein Lieber, ich kann mich von den Versprechungen nicht lossagen, die ich diesen hülflosen Geschöpfen gemacht habe. Wenn ich das Geld in keiner andern Weise aufbringen kann, so will ich Musikunterricht geben. Ich weiß, daß ich Beschäftigung genug bekommen und das Geld bald verdienen würde.«

»Wie, Emilie, Du würdest Dich doch nicht auf diese Weise herabwürdigen wollen? Ich könnte nie meine Einwilligung dazu geben.«

»Herabwürdigen! würde es mich so herabwürdigen, wie wenn ich das Versprechen bräche, was ich Hülflosen gegeben habe? Nein, gewiß nicht!«

»Du bist heroisch und überspannt,« sagte Mr. Shelby; »aber ich dächte, Du thätest wohl, die Sache noch einmal zu überlegen, ehe Du solchen abenteuerlichen Streich unternimmst.«

Hier wurde die Unterhaltung durch die Erscheinung Chloë's am Ende der Veranda unterbrochen.

»Wenn's Ihnen gefällig wäre, Missis,« sagte sie.

»Nun, Chloë, was gibt's?« sagte ihre Mistreß aufstehend und nach dem Ende des Balkones gehend.

»Wenn Missis hier das Geflügel ansehen wollte,« sagte Chloë mit einer Miene ernster Betrachtung, während sie auf einen Haufen Hühner und Enten deutete, bei dem sie stand; »ich dachte, ob Missis vielleicht eine Hühnerpastete haben wollte von diesen da.«

»Das ist mir gleich, Chloë, — richte sie nur zu, wie Du willst,« entgegnete Mrs. Shelby.

Chloë blieb gedankenvoll stehen, während sie das Geflügel einzeln durch ihre Hände gehen ließ; allein es war leicht erkennbar, daß die Hühner nicht der Gegenstand ihrer Gedanken waren. Endlich begann sie mit einem kurzen Lachen, mit dem ihr Geschlecht häufig etwas zweifelhafte Vorschläge einzuleiten pflegt:

»Mein Gott, Missis, warum sollen Master und Missis sich quälen um das Geld und nicht gebrauchen das Recht, was ihnen zukommt?« sagte Chloë von Neuem lachend.

»Ich verstehe Dich nicht, Chloë,« entgegnete Mrs. Shelby, die Chloë's Weise kannte, und deßhalb nicht im Geringsten bezweifelte, daß sie jedes Wort der zwischen ihr und ihrem Ehemanne so eben Statt gehabten Unterhaltung gehört habe.

»O Missis!« sagte Chloë wieder lachend, »andere Leute miethen ihre Nigger aus, und lassen sie Geld verdienen: halten nicht solche Bande, die sie aus Haus und Hof ißt.«

»Wohl, Chloë, wen meinst Du denn, daß ich ausmiethen solle?«

»O, ich meine gar nichts, — nur Sam sagte mir, daß da einer von den Conditorn wäre, in Louisville, der 'ne geschickte Hand für Kuchen und Pasteten brauchte, und der vier Dollars die Woche geben wollte, — sagte er.«

»Nun, Chloë?«

»Ja, so dachte ich, Missis, 's wäre Zeit, daß Sally endlich anfinge, 'was zu thun. Sally ist unter mir gewesen diese ganze Zeit, und kann Alles beinahe eben so gut machen wie ich; und wenn Missis mich wollte gehen lassen, so könnt' ich helfen das Geld verdienen. Fürchte mich gar nicht, meine Kuchen und meine Pasteten neben alle die von 'nem Conditor zu stellen.«

»Aber, Chloë, willst Du denn Deine Kinder verlassen?«

»O, Missis, die Jungens sind groß genug, um zu arbeiten, — fehlt ihnen gar nichts; und Sally soll nach der Kleinen sehn, 's ist so ein munteres Ding, braucht gar nicht viel gewartet zu werden.«

»Louisville ist ziemlich weit von hier.«

»Mein Gott, fürchte mich nicht! — ist's wohl den Fluß hinunter, nahe bei meinem alten Mann vielleicht?« sagte Chloë, die letzten Worte in fragendem Tone sprechend und auf Mrs. Shelby blickend.

»Nein, Chloë, es ist noch viele hundert Meilen davon entfernt,« entgegnete Mrs. Shelby.

Chloë's Gesicht wurde traurig.

»Das thut nichts, Chloë; Du kommst ihm wenigstens näher, wenn Du dahin gehst. Ja, Du magst gehen; und jeder Cent Deines Lohnes soll zu der Wiedereinlösung Deines Mannes zurückgelegt werden.«

Wie wenn ein heller Sonnenstrahl eine dunkle Wolke versilbert, so klärte sich Chloë's dunkles Gesicht augenblicklich auf, — es strahlte förmlich.

»O Herr! wenn Missis nicht zu gut ist! — dachte gerade an dasselbe; denn ich brauche keine Kleider und keine Schuhe und nichts, — könnte jeden Cent sparen. Wie viele Wochen gibt's denn in 'nem Jahre, Missis?«

»Zweiundfünfzig,« sagte Mrs. Shelby.

»Herr! also so viele? und vier Dollar für jede, — wie viel mag das sein?«

»Zweihundert und acht Dollar,« entgegnete Mrs. Shelby.

»Wie!« sagte Chloë mit einem Ausdruck von Ueberraschung und Wonne; — »und wie lange würde 's dauern, bis ich Alles herausgearbeitet hätte, Missis?«

»Vier bis fünf Jahre, Chloë; aber Du sollst nicht Alles allein verdienen, — ich will Etwas dazu legen.«

»Mag nichts davon hören, — Missis Stunden geben. Master hat ganz Recht darin; — würde sich nicht passen. Hoffe, keiner von unserer Familie wird dazu kommen, so lange ich Hände habe.«

»Fürchte nichts, Chloë, — ich will schon Sorge tragen für die Ehre der Familie,« sagte Mrs. Shelby lächelnd. »Aber wann gedenkst zu gehen?«

»O, ich denke Nichts, — nur, Sam, er geht auf den Fluß mit Fohlen, und sagte mir, ich könnte mit ihm gehn; und so machte ich just meine Sachen zusammen. Wenn Missis wollte, so könnt' ich mit Sam morgen früh gehen, — wenn Missis mir 'nen Paß schreiben wollte, und 'ne 'Commendation.«

»Wohl, Chloë, ich will dafür sorgen, wenn Mr. Shelby Nichts dagegen einzuwenden hat. Ich muß erst mit ihm reden.«

Mrs. Shelby ging in das obere Stockwerk und Tante Chloë ging entzückt in ihre Hütte, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen.

»O, Master Georg! Sie wissen nicht, daß ich morgen nach Louisville gehe!« sagte sie zu Georg, als er sie beim Eintreten beschäftigt fand, die Kleidungsstücke ihrer Kinder zu ordnen. »Dachte, ich wollte grade 'mal über diese Sachen sehen und sie in Ordnung haben. Aber ich gehe, Master Georg, — ich gehe, und bekomme vier Dollar die Woche; und Missis will es Alles aufheben und meinen alten Mann damit wiederkaufen.«

»Sieh da!« sagte Georg, »das ist ein gutes Geschäft! Wann gehst Du denn?«

»Morgen, mit Sam. Und nun, Master Georg, — ich weiß — sind Sie wohl so gut und schreiben just an meinen alten Mann, und sagen ihm das Alles, — nicht wahr?«

»Versteht sich,« sagte Georg. »Onkel Tom wird sich freuen, Nachricht von uns zu bekommen. Ich will gleich in's Haus gehen, und Feder und Papier holen; und dann kann ich ihm auch gleich von unsern jungen Fohlen erzählen und von allen andern Sachen, — nicht wahr, Tante Chloë?«

»Freilich, freilich, Master Georg; gehen Sie nur, und ich will Ihnen unterdessen ein hübsches Stückchen Huhn zurecht machen, oder so Etwas; — werden nicht oft mehr bei alte Tante Chloë 'was essen.«


Zweiundzwanzigstes Kapitel.
»Das Gras verwelkt — die Blume verblüht.«

Mit jedem Tage fließt ein Theil unseres Lebens dahin, — und so war es mit Onkel Tom, bis zwei Jahre verflossen waren. Obgleich getrennt von Allem, was seinem Herzen theuer war, und obgleich oft die heftigste Sehnsucht nach seinen Lieben empfindend, fühlte er sich doch eigentlich nie ganz unglücklich; denn so stark ist die Harfe menschlicher Gefühle bezogen, daß nur ein Zerreißen aller Saiten ihre Harmonie gänzlich zerstören kann; und selbst wenn wir auf Zeiten der Trübsal und der Leiden zurückblicken, so können wir uns erinnern, daß fast jede Stunde derselben in ihrem Laufe Abwechslung und Erleichterung mit sich brachte, so daß wir, wenn auch im Ganzen nicht glücklich, doch auch nicht ganz elend waren.

Sein an Chloë gerichteter Brief war, wie dessen bereits im vorigen Kapitel Erwähnung geschehen, von Master Georg in guter Zeit beantwortet worden, und zwar in einer runden, deutlichen Schulknabenschrift, die, wie Onkel sagte, sich beinahe über das ganze Zimmer lesen ließ. Das Schreiben enthielt verschiedene erquickliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse, mit denen unsere Leser bereits bekannt sind: zum Beispiel, daß Tante Chloë an einen Conditor in Louisville ausgedungen worden, wo sie mit der Fabrikation von Pasteten unglaubliche Summen Geldes verdiene, die alle zur Wiedereinlösung Toms zurückgelegt werden sollten; daß Mose und Pete munter aufwüchsen, und daß das Kleine unter Sally's und der ganzen Familie Aussicht bereits im ganzen Hause umhertrabe. Toms Hütte war für jetzt geschlossen worden, allein Georg ließ sich mit großer Wärme über die Verbesserungen und Verzierungen aus, die darin vorgenommen werden sollten, sobald Tom zurückkehre. Der Rest des Briefes enthielt ein Verzeichniß von Georgs Schulstudien und von den Namen der vier jungen Fohlen, welche seit Toms Entfernung gefallen waren, und erwähnte in inniger Verbindung hiermit, daß sich Vater und Mutter wohl befänden. Der Styl des Briefes war entschieden ein sehr bündiger: allein Tom hielt seine Abfassung für eins der vollendetsten Beispiele in der neueren Zeit. Er konnte nie müde werden, das Schreiben zu betrachten, und berathschlagte sogar mit Eva darüber, ob es nicht gut wäre, es unter Glas und Rahmen bringen zu lassen, um es im Zimmer aufhängen zu können; und nur die Schwierigkeit, es so einzurichten, daß beide Seiten des Blattes zugleich sichtbar seien, stand der Ausführung im Wege.

Die Freundschaft zwischen Tom und Eva war in gleichem Schritte mit dem Kinde selbst gewachsen. Es würde schwer sein zu sagen, welchen Platz sie in dem sanften, empfänglichen Herzen ihres treuen Dieners einnahm. Er liebte sie wie etwas Irdisches und Gebrechliches, aber verehrte sie beinahe als etwas Himmlisches und Göttliches. Wie der italienische Seemann auf sein Bild des Jesuskindes schaut, so betrachtete er sie mit einer Mischung von Ehrfurcht und Zärtlichkeit; und sein größtes Vergnügen bestand darin, den kindlichen Einfällen, den tausend kleinen Bedürfnissen zu genügen, die das jugendliche Alter wie mit einem buntfarbigen Regenbogen schmücken. Wenn er Morgens auf den Markt ging, so waren seine Augen stets auf die Blumenlager gerichtet, um seltene Bouquette für sie auszusuchen, und die schönste Pfirsich, die er fand, glitt stets in seine Tasche, um sie ihr zu geben, wenn er nach Hause kam; und der liebste Anblick für ihn war der, wenn er ihren goldlockigen, kleinen Kopf zur Pforte hinaus blicken und auf seine Rückkehr warten sah, und er dann ihre kindliche Frage hörte: »Nun, Onkel Tom, was hast Du heut' für mich?«