von L. Du Bois.
Erster Band.
S. Zickel.
Nro. 19. Dey-Street.
NEW-YORK.
Inhalt:
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Erstes Kapitel.
In welchem der Leser die Bekanntschaft eines menschenfreundlichen Mannes macht.
An einem kalten Februartage, spät des Nachmittags, saßen zwei Herren in einem schön möblirten Eßzimmer, in der Stadt P– in Kentucky, allein beim Weine. Keine Dienstboten waren gegenwärtig, und die Herren, mit dicht an einander gerückten Stühlen, schienen den Gegenstand ihrer Unterhaltung mit sehr großem Eifer zu besprechen.
Der Bequemlichkeit halber haben wir uns bisher des Ausdrucks: „zwei Herren“ bedient; allein einer derselben würde bei einer genaueren Untersuchung, im strengeren Sinne des Wortes, nicht unter diese Kathegorie zu bringen gewesen sein. Er war ein kurzer, untersetzter Mann, mit groben, gemeinen Zügen, und jenem großthuenden, gemeinen Wesen, welches stets einen Menschen niedrigen Standes verräth, der bemüht ist, sich in höhere Sphären hinauf zu drängen. Seine Kleidung war überladen, und ließ eine bunte Weste von zahllosen Farben mit einer blauen, gelbgefleckten Halsbinde sehen, deren stutzermäßige Schleife mit dem ganzen Wesen des Mannes in genauem Einklange stand. Seine großen, ungeschickten Hände waren reich mit Ringen bedeckt, und an seiner Brust hing eine schwere goldene Uhrkette, mit Petschaften von ungewöhnlicher Größe und sehr verschiedenartigen Farben, welche er im Eifer des Gesprächs, augenscheinlich mit großem Wohlgefallen, durch seine Hände spielen ließ. Seine Unterhaltung verrieth eine freie und dreiste Verachtung jeder grammatischen Regel, und war überdies in passenden Zwischenräumen mit verschiedenen gemeinen Ausdrücken und Wendungen ausgeschmückt, die selbst der Wunsch, in unserer Schilderung getreu zu sein, uns nicht bestimmen kann, hier wiederzugeben.
Sein Gesellschafter, Mr. Shelby, hatte das Aeußere eines Gentleman, und die häuslichen Einrichtungen, so wie das ganze Aeußere des Hauses und Haushaltes ließen auf gute Verhältnisse und sogar auf Reichthum schließen. Wie wir vorher erwähnt haben, befanden sich Beide in sehr angelegentlicher Unterhaltung.
„Dies ist der Weg, den ich vorschlagen würde, um die Sache in Ordnung zu bringen,“ sagte Mr. Shelby.
„Kann auf diese Weise keinen Handel machen, – kann wahrhaftig nicht, Mr. Shelby,“ sagte der Andere, ein Glas Wein zwischen seinem Auge und dem Lichte haltend.
„Ja, aber ich versichere Euch, Haley, der Tom ist ein ganz ungewöhnlicher Kerl; er ist ganz ohne Zweifel die Summe überall werth, – beständig, ehrlich, tüchtig, und verwaltet eine ganze Wirthschaft wie nach der Uhr.“
„Ihr meint, so ehrlich, wie's bei Negern möglich ist,“ sagte Haley, sich selbst ein Glas Brandwein einschenkend.
„Nein, ich meine in vollem Ernste, Tom ist ein guter, stätiger, vernünftiger, frommer Kerl. Er hat seine Religion in einer Brüderversammlung, vor vier Jahren empfangen; und ich glaube, er besitzt wirklich Religion. Ich habe ihm seitdem Alles anvertraut, was ich besitze, – Geld, Haus und Pferde, – habe ihn durch das Land gehen lassen und ihn dennoch stets treu und redlich gefunden.“
„Manche Leute glauben nicht an fromme Neger, Shelby,“ sagte Haley mit einer ungenirten Handbewegung, „aber ich glaube dran. Ich hatte 'mal einen Kerl, – er war mit unter dem letzten Trupp, den ich dieses Jahr nach Orleans brachte, – 's war so gut wie eine Betstunde, wenn man den Kerl beten hörte, und dabei war er ganz sanft und gefügig. Brachte mir auch eine gute Summe ein, denn ich hatte ihn von Einem gekauft, der verkaufen mußte; so gewann ich netto sechs hundert an ihm. Ja, kein Zweifel, Religion ist eine ganz vortreffliche Sache in einem Neger, wenn's ächte Waare ist, kein Zweifel.“
„Nun, bei Tom ist es ächte Waare,“ entgegnete der Andere. „Seht, letzten Herbst ließ ich ihn allein nach Cincinnati gehen, um für mich Geschäfte abzumachen und ungefähr fünfhundert Dollar zu holen. ‚Tom,‘ sagte ich zu ihm, ‚ich vertrau Dir, weil ich weiß, daß Du ein Christ bist, – daß Du nicht betrügen willst.‘ Tom kömmt zurück, pünktlich, ich wußte es wohl. Einige schlechte Kerle sollen zu ihm gesagt haben: ‚Tom, warum nahmst Du nicht den Weg nach Canada?‘ ‚Ah,‘ hat er geantwortet, ‚Master hat mir getraut, und ich konnte nicht.‘ So ist mir erzählt worden. Ich muß sagen, es thut mir leid, mich von ihm zu trennen. Ihr solltet ihn für den ganzen Rest der Schuld annehmen; und Ihr würdet es thun, Haley, wenn Ihr ein Gewissen hättet.“
„Je nun, ich habe gerade so viel Gewissen, wie ein Mann in Geschäften brauchen kann, – grade so etwas, um drauf zu schwören, so zu sagen,“ entgegnete der Händler scherzhaft, „und dann bin ich auch immer gern bereit, guten Freunden gefällig zu sein; aber dieses Jahr, seht, dieses Jahr ist ein wenig zu schwer für einen Mann, – zu schwer.“ Bei diesen Worten seufzte der Händler gedankenvoll und schüttete von Neuem etwas Brandwein hinunter.
„Nun so sagt, Haley, wie soll der Handel werden?“ sagte Mr. Shelby nach einer peinlichen Pause.
„Wohl, ist denn da kein Junge oder Mädchen, das mit Tom in den Handel geworfen werden kann?“
„Hm! – ich wüßte keinen, den ich entbehren könnte, und, um die Wahrheit zu sagen, es ist nur eine bittere Nothwendigkeit, was mich überhaupt dazu bestimmt, zu verkaufen. Ich trenne mich höchst ungern von irgend einem meiner Leute, ganz gewiß.“
Hier öffnete sich die Thür, und ein kleiner Mulattenknabe von vier bis fünf Jahren kam in das Zimmer. Es lag etwas außerordentlich Liebliches und Einnehmendes in seiner Erscheinung. Sein schwarzes, seidenfeines Haar hing in vollen Locken um sein volles Gesicht, während ein Paar großer, dunkler Augen unter schweren, langen Wimpern hervorschauten, als er neugierig in das Zimmer blickte. Ein buntes Röckchen von gelber und scharlachrother Farbe, welches sehr sorgfältig gearbeitet und besonders passend für ihn war, hob seine üppige, dunkle Schönheit noch mehr, und eine gewisse komische Zuversicht mit einer eigenthümlichen Mischung von Schüchternheit in seinem Wesen verrieth, daß er von seinem Herrn nicht unbeachtet und ungehätschelt geblieben war.
„Sieh da, Jim Crow!“ rief Mr. Shelby pfeifend und ihm eine Weintraube zuwerfend, „greif zu!“
Das Kind sprang mit allen Kräften nach der Beute, während sein Herr lachte.
„Komm hierher, Jim Crow,“ sagte Mr. Shelby, und klopfte, als das Kind zu ihm getreten war, freundlich seinen lockigen Kopf und sein Kinn. „Nun, Jim Crow, zeige diesem Herrn, wie Du tanzen und singen kannst.“
Der Knabe begann augenblicklich mit seiner hellen, klaren Stimme einen jener wilden Gesänge, die unter den Negern üblich sind, und begleitete ihn mit mannigfachen Bewegungen seiner Hände, Füße und seines ganzen Körpers, welche in genauem Einklange mit dem Takte der Musik waren.
„Bravo!“ sagte Haley, ihm eine halbe Orange zuwerfend.
„Nun, Jim, laß uns sehen, wie Onkel Cudjoe geht, wenn er die Gicht hat,“ sagte sein Herr.
Sofort nahmen die biegsamen Glieder des Knaben eine mißgestaltete verzerrte Form an, während er, mit hinaufgezogenen Schultern, den Stock seines Herrn in der Hand, durch das Zimmer hinkend, sein kindliches Gesicht in eine schmerzhafte Miene verzog, und, nach rechts und links speiend, die Gewohnheit eines alten Mannes nachäffte.
Beide Anwesende brachen in ein schallendes Gelächter aus.
„Nun, Jim, zeige uns, wie der alte Elder Robins den Psalm singt,“ sagte drauf sein Herr.
Der Knabe verzog sein rothwangiges Gesicht in unglaubliche Länge und begann einen Psalm mit unerschütterlichem Ernste durch die Nase zu singen.
„Hurra, bravo! was für ein Junge ist das!“ rief Haley. „Der Junge ist ein Kapital, auf mein Wort! – Hört,“ sagte er dann plötzlich, seine Hand auf Mr. Shelby's Schulter legend, „werft den Jungen mit in den Handel – und unsre Rechnung soll abgemacht sein. Kommt, seht, das ist der beste Weg!“
In diesem Augenblicke wurde die Thüre langsam geöffnet, und eine junge Mulattin, ungefähr fünfundzwanzig Jahr alt, trat ein. Es bedurfte nur eines Blickes auf sie und das Kind, um sie als die Mutter desselben zu erkennen. Sie hatte dasselbe tiefe, volle und dunkle Auge, mit den langen Wimpern, und dieselben Locken schwarzen seidenen Haares. Das Braun ihrer Haut wich auf den Wangen einem deutlich erkennbaren Anfluge von Röthe, welche sich steigerte, als sie den Blick des fremden Mannes in dreister und unverstellter Bewunderung auf ihre Person geheftet sah. Ihre Kleidung war im höchsten Grade sauber und passend, und ließ ihre schönen Körperformen vortheilhaft hervortreten. Ihre zart geformte Hand und ihr niedlicher Fuß waren Dinge, die dem schnellen Auge des Händlers nicht entgingen, welches daran gewöhnt war, in einem Blicke alle Merkmale eines schönen weiblichen Artikels aufzufassen.
„Nun, Elisa?“ fragte der Herr, als sie zaudernd still stand und ihn anblickte.
„Ich suchte Harry,“ erwiderte sie, während der Knabe in großen Sätzen auf sie zugesprungen kam, ihr seine Beute zeigend, die er im Schooße seines Kleides trug.
„Wohl, so nimm' ihn hinweg,“ sagte Mr. Shelby, worauf sie sich eiligst, den Knaben auf den Arm nehmend, mit ihm entfernte.
„Bei Jupiter!“ rief der Händler, sich voll von Bewunderung zu Mr. Shelby umwendend, „das ist ein Artikel! Ihr könntet Euer Glück mit dem Mädchen allein jeden Augenblick in Orleans machen. Ich habe mehr als tausend für Mädchen bezahlen sehen, die kaum so hübsch waren.“
„Ich will mein Glück mit ihr nicht machen,“ entgegnete Mr. Shelby trocken, und suchte das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, indem er eine neue Flasche öffnete und den Gast um seine Meinung darüber fragte.
„Vortrefflich, – erste Qualität!“ sagte der Händler und fuhr dann fort, sich zu Shelby wendend und ihm vertraulich auf die Schulter schlagend: „Kommt, was wollt Ihr für das Mädchen haben? – was soll ich sagen? – was verlangt Ihr?“ „Mr. Haley, sie soll nicht verkauft werden,“ sagte Shelby, „meine Frau würde sich nicht für eben so viel Gold, als sie wiegt, von ihr trennen.“
„Pah, pah, Weiber reden immer so, weil sie keine Berechnung haben. Zeigt ihnen nur, wie viel Uhren, Federn und andere Sachen für so viel Gold, als ein Mensch wiegt, gekauft werden können, das wird die Sache schon ändern, denke ich.“
„Ich sage Euch, Haley, davon darf keine Rede sein, ich sage nein und ich meine nein,“ sagte Shelby mit Nachdruck.
„Nun, so werdet Ihr mir wenigstens den Jungen lassen,“ sagte der Händler, „Ihr müßt zugestehen, daß ich ein hübsches Gebot für ihn gemacht habe.“
„Wozu in aller Welt braucht Ihr den Jungen?“ sagte Shelby.
„Wozu? seht, ich habe einen Freund, der in diesen Artikeln handelt, – der hübsche Jungen aufkaufen und für den Markt aufziehen will. Sind natürlich Luxusartikel, – werden als Aufwärter und so dergleichen an Reiche verkauft, die dafür bezahlen können. Es macht sich gar nicht übel in solchen großen Häusern, – wenn ein wirklich hübscher Junge die Thür aufmacht, und aufwartet und bedient. Diese Art bringt einen hübschen Preis; und dieser kleine Hallunke ist so ein komisches, musikalisches Exemplar, daß er gerade dazu paßt.“
„Ich möchte ihn doch lieber nicht verkaufen,“ sagte Mr. Shelby nachdenkend; „seht, Herr, ich habe menschliches Gefühl, und kann das Kind nicht von der Mutter reißen.“
„O wahrhaftig? – So etwas von der Art? – ich verstehe, ganz richtig. S'ist manchmal gewaltig fatal, mit Weibern zu thun zu haben. Ich hasse das Geschrei und Geheul. S'ist gewaltig fatal; aber seht, so wie ich das Geschäft einrichte, wird es gewöhnlich vermieden. Warum schickt Ihr nicht das Mädchen für eine Woche, oder ein paar Tage oder so aus dem Wege? – dann macht sich die Sache ganz ruhig ab; – ehe sie zurückkömmt ist Alles vorüber. Eure Frau mag ihr dann ein Paar Ohrringe, oder ein neues Kleid, oder so etwas Aehnliches geben, was Alles wieder gut macht bei ihr.“
„Ich fürchte nicht!“ sagte Shelby.
„Gott helf mir! Diese Geschöpfe sind ja nicht wie weiße Menschen; die kommen da bald drüber weg, wenn Ihr's richtig angreift. Da sagt das Volk,“ fügte er, eine vertrauliche Miene annehmend, hinzu, – „diese Art Geschäft mache Einen hartherzig; aber ich habe das nie gefunden. Die Sache ist, ich hab's nie so treiben können; wie es Manche thun. Ich habe Viele gesehen, die die Kinder den Weibern aus den Armen rissen, und zum Verkaufe ausstellten, während jene wie wahnsinnig schrieen; – große Thorheit, – schadet dem Artikel nur, – macht ihn zuweilen ganz unbrauchbar. Ich sah einmal in Orleans ein hübsches Weib, das durch solche Art Behandlung total drauf ging. Der Kerl, der sie in Handel hatte, wollte ihr Kind nicht haben, und sie war eine von der rechten, hohen Art, wenn ihr Blut heiß war. Ich sage Euch, sie drückte das Kind in ihre Arme, und schrie, und gebährdete sich auf eine schrecklich Weise. Es läuft mir noch jetzt kalt über, wenn ich daran denke; und als sie das Kind fortschleppten und sie einsperrten, fing sie an zu rasen, und war acht Tage nachher todt. Tausend Dollar, Herr, gradezu weggeworfen, – nur durch unrichtige Behandlung, – so ist's. Es ist am besten, die Sache menschlich zu betreiben; das ist meine Erfahrung.“
Nach diesen Worten lehnte sich der Händler, mit verschränkten Armen und einer Miene tugendhafter Entschlossenheit, zurück in seinen Stuhl, und hielt sich augenscheinlich für einen zweiten Wilberforce. Der Gegenstand schien indeß den Ehrenmann zu interessiren, denn während Mr. Shelby gedankenvoll eine Orange abschälte, hub er von Neuem an, zwar mit bescheidener Zurückhaltung, aber als wenn er von der Gewalt der Wahrheit unwiderruflich getrieben würde, noch einige Worte hinzuzufügen.
„Es sieht zwar nicht gut aus, wenn ein Mensch sich selbst rühmt, aber ich sage es nur, weil's die Wahrheit ist. Ich glaube, ich bin bekannt dafür, daß ich die besten Negerzüge auf den Markt bringe; wenigstens hat man mir so gesagt: alle in gutem Stande, – fett und gesund, und ich verliere weniger als irgend Einer im Geschäfte. Alles das kommt aber nur von der Art her, wie ich das Geschäft betreibe, Herr! Menschlichkeit, Herr, kann ich sagen, ist die große Säule meines Geschäfts.“
Mr. Shelby wußte nicht, was er eben dazu sagen sollte, und sagte deshalb nur: „Wirklich?“
„Ja, seht, man hat mich ausgelacht wegen dieser Ideen, und hat mir Vorwürfe gemacht. Sie wären nicht populär, und nicht allgemein, hieß es; aber ich blieb dabei, – blieb dabei, und habe guten Profit damit gemacht; – ja, Herr, sie haben sich bezahlt gemacht, kann ich sagen,“ fügte er, über seinen eigenen Witz lachend, hinzu.
Es lag etwas so Pikantes und Originelles in dieser Anschaulichmachung von Menschlichkeit, daß Mr. Shelby unwillkürlich mitlachen mußte. Vielleicht lachst Du auch, lieber Leser; allein Du weißt, daß Menschlichkeit sich heut zu Tage unter sehr verschiedenartigen Formen und Gestalten zeigt, und daß die Sonderbarkeiten des menschlichen Thuns und Treibens nie aufhören werden.
Mr. Shelby's Lachen ermuthigte den Händler, fortzufahren.
„S'ist kurios! aber ich habe das niemals den Leuten in den Kopf bringen können. Da war Tom Locker, mein alter Compagnon, in Natchez, – ein gewandter, geschickter Kerl, dieser Tom, – aber ein wahrer Teufel bei den Negern; – und aus Grundsatz, – aus Grundsatz, denn einen gutherzigeren Kerl hat es nie gegeben; – aber s'war sein System, Herr. Ich pflegte mit ihm zu reden. ‚Tom,‘ sagte ich, ‚wenn Deine Weiber an zu schreien fangen, was nützt es dann, ihnen mit der Peitsche um die Ohren zu hauen? S'ist lächerlich,‘ sagt' ich, ‚und thut nicht gut. Ich nehm's ihnen nicht übel,‘ sagt' ich, ‚s'ist Natur,‘ sagt' ich, – ‚und muß sich Bahn machen so oder so. Und nebenbei, Tom,‘ – sagt' ich – ‚verdirbt's Dir die Weiber, sie werden kränklich und lassen's Maul hängen; – und manchmal werden sie häßlich, – besonders die gelben, – oder der Teufel holt sie ganz und gar. Warum‘ – sagt' ich – ‚kannst Du sie nicht lustig machen, und freundlich mit ihnen reden? Glaube mir, Tom, so ein Bischen Menschlichkeit mit hineingeworfen in's Geschäft, ist ein gut Theil besser, als Dein Fluchen und Peitschen; und außerdem bringt's mehr ein,‘ – sagt' ich, – ‚glaube mir.‘ Aber Tom wollte nichts davon wissen, und verdarb mir so Viele, daß ich zuletzt mit ihm abbrechen mußte, obgleich er ein gutherziger Kerl war, und ganz vortrefflich im Geschäfte.“
„Und findet Ihr, daß Eure Art das Geschäft zu betreiben, vortheilhafter ist, als Tom seine?“ sagte Mr. Shelby.
„Ja, ich glaube. Seht, wenn ich irgend kann, so geb' ich wohl Acht, bei den unangenehmen Theilen des Geschäfts, wie Kinder verkaufen, – schaffe die Weiber aus dem Wege, – aus den Augen, aus dem Sinn, Ihr wißt ja, – und wenn Alles abgemacht ist, und Nichts mehr dran geändert werden kann, so gewöhnten sie sich natürlich daran. S'ist ja nicht, als wenn es Weiße wären, die dazu erzogen worden sind, für ihre Weiber und Kinder zu sorgen, und alles das. Neger, wißt Ihr wohl, die richtig aufgebracht worden sind, wissen von allem Dem nichts und so wird's ihnen viel leichter.“
„Dann fürchte ich, daß die meinigen nicht richtig aufgebracht worden sind,“ sagte Mr. Shelby.
„Wahrscheinlich. Ihr Kentucky Leute verderbt alle Eure Neger. Ihr meint's ganz gut, aber das heißt nicht ihnen wirklich Gutes thun. Seht, ein Neger, der in der Welt herumgestoßen und geworfen, und an Tom, und Dick, und Gott weiß wen, verkauft werden soll, – für den ist's keine Wohlthat, Begriffe zu bekommen und Hoffnungen, oder zu gut aufgebracht zu werden, denn das Rauhe und Harte fällt ihm nachher um so schwerer. Die Sache ist, Mr. Shelby, jeder Mensch hält natürlich seinen eigenen Weg für den besten; und ich denke, ich behandle meine Neger gerade so gut, als es ihnen zuträglich ist.“
„Es ist eine schöne Sache, mit sich selbst zufrieden zu sein,“ sagte Mr. Shelby mit einem leichten Schauder und einer lebhaften Empfindung von Abscheu.
„Wohl,“ sagte Haley, nachdem Beide eine Zeit lang stillschweigend ihre Nüsse geschält hatten, „was meint Ihr dazu?“
„Ich will die Sache mit meiner Frau überlegen und besprechen,“ sagte Mr. Shelby. „Inzwischen, Haley, wenn Ihr wünscht, daß die Sache in aller Stille abgemacht werden soll, wie Ihr vorhin erwähntet, so würdet Ihr am besten thun, Euch nichts davon hier in der Nachbarschaft merken zu lassen. Es könnte sonst unter meine Leute kommen, und es möchte kein sehr ruhiges Geschäft sein, einen von ihnen von hier wegzubekommen, wenn sie es vorher wissen, – darauf verlaßt Euch.“
„Versteht sich, auf jeden Fall, nichts gesprochen. Aber hört, ich hab's teufelmäßig eilig, und muß es so schnell wie möglich wissen, woran ich bin,“ sagte er indem er aufstand und sich seinen Ueberrock anzog.
„Wohl, kommt diesen Abend zwischen sechs und sieben Uhr, dann sollt Ihr meine Antwort haben,“ sagte Mr. Shelby, worauf der Händler sich mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernte.
„Ich wollte, ich hätte den Kerl die Treppe hinunter werfen können,“ sagte Shelby zu sich selbst, als die Thür wieder fest geschlossen war, – „mit seiner Unverschämtheit! allein er weiß, welchen Vortheil er über mich hat. Wenn Jemand jemals zu mir gesagt hätte, daß ich den Tom an einen dieser schuftigen Händler im Süden verkaufen sollte, so würde ich gefragt haben: ‚Ist Dein Diener ein Hund, daß das mit ihm geschehen soll?‘ – und nun muß es doch geschehen, so viel ich sehen kann. Und Elisa's Kind dazu! Ich weiß im voraus, daß ich deshalb bei meiner Frau einen harten Strauß zu bestehen haben werde: und eben so wegen Tom's. Alles wegen der fatalen Schulden! – Der Kerl sieht seinen Vortheil und will so viel Nutzen wie möglich davon ziehen.“
Die mildeste Form von Sklaverei ist vielleicht in Kentucky zu finden, wo die ausgedehntere Betreibung eines ruhigen Feldbaues in regelmäßigen Abstufungen nicht jene periodischen Ueberhäufungen von Arbeit herbeiführt, die in den südlicheren Provinzen so gewöhnlich sind, und deshalb das Loos des Negers ein unerträglicheres ist, während der Herr, zufrieden mit einem allmählicheren Erwerbe, nicht jenen Versuchungen, hartherzig zu werden, ausgesetzt ist, die stets den Sieg über die schwache menschliche Natur davon tragen, sobald die Aussicht auf einen schnellen und plötzlichen Gewinn in die Wagschaale fällt, und kein schwereres Gegengewicht vorhanden ist, als die Rücksicht auf Hülflose und Schutzlose.
Wer gewisse Besitzungen dort besucht, und die nachsichtige, wohlwollende Behandlung einzelner Herren und Herrinnen, und die aufrichtige Anhänglichkeit einzelner Sklaven sieht, möchte sich versucht fühlen, von der oft wiederholten poetischen Fabel patriarchalischer Institutionen zu träumen; allein über diesen Scenen hängt ein schwarzer Schatten, – der Schatten des Gesetzes. So lange das Gesetz alle diese menschlichen Wesen mit schlagenden Herzen und regen Empfindungen nur als eben so viel Dinge ansieht, die einem Herrn gehören, – so lange das Falissement, oder sonstiges Unglück, oder Unklugheit, oder der Tod eines menschenfreundlichen Herrn die Ursache werden kann, daß dieselben ein Leben freundlichen Schutzes und Wohlwollens gegen ein Leben voll harter Arbeit und endloses Elend vertauschen müssen, – so lange ist es unmöglich, auch das bestverwaltete Sklavenverhältniß zu einem schönen, angenehmen Loose zu machen.
Mr. Shelby war ein gewöhnlicher, gutmüthiger Mensch, freundlich und stets bereit, den Wünschen seiner Umgebung zu entsprechen, so daß den Negersklaven seiner Besitzung nie etwas mangelte, was zu ihrem körperlichen Wohlbefinden beitragen konnte. Er hatte sich aber in bedeutende und unvorsichtige Speculationen eingelassen, hatte sich dabei tief verwickelt, und seine Wechsel waren zu einem bedeutenden Betrage in Haley's Hände gefallen. Dieser Umstand diene als Schlüssel zu der vorangegangenen Unterhaltung.
Inzwischen hatte es sich zugetragen, daß Elisa, als sie sich der Thür nahte, genug von obiger Unterhaltung hörte, um zu erfahren, daß der Händler ihrem Herrn Anerbietungen für irgend Jemanden mache. Sie hätte gern an der Thür gehorcht, als sie das Zimmer wieder verließ, allein ihre Herrin rief gerade nach ihr und zwang sie davon zu eilen. Dennoch glaubte sie gehört zu haben, daß der Händler ein Gebot für ihr Kind gemacht habe; – konnte sie sich geirrt haben? Ihr Herz schlug fieberhaft, und unwillkürlich preßte sie ihn so gewaltsam an sich, daß das Kind ihr erstaunt ins Gesicht blickte.
„Elisa, Mädchen, was ist heut mit Dir?“ fragte ihre Herrin, als Elisa das Waschbecken ausgeschüttet, die Wasserkaravine umgestoßen hatte, und endlich ihrer Herrin in voller Gedankenlosigkeit ein langes Nachthemde an Stelle des seidenen Kleides brachte, welches sie ihr aufgetragen hatte, aus der Garderobe zu holen.
Elisa erschrack, und kam zur Besinnung. „O Mistreß!“ sagte sie, indem sie ihre Augen aufschlug, und dann in Thränen ausbrechend, sich schluchzend auf einen Stuhl niedersetzte.
„Elisa, Kind, was fehlt Dir?“ fragte ihre Herrin.
„O Mistreß, Mistreß,“ sagte Elisa, „ein Sklavenhändler ist bei dem Herrn im Zimmer, und hat mit ihm gesprochen. Ich hörte ihn.“
„Nun, dummes Mädchen, wenn auch, was ist's weiter?“
„O Mistreß, glauben Sie, daß der Herr meinen Harry verkaufen könnte?“ Und das arme Wesen fiel von Neuem in einen Stuhl, und begann convulsivisch zu schluchzen.
„Ihn zu verkaufen! Nein, albernes Mädchen! Du weißt, daß Dein Herr nie mit diesen südlichen Händlern Geschäfte macht, und nicht Willens ist, je einen seiner Dienstboten zu verkaufen, so lange diese sich gut betragen. Wer denkst Du denn, thörichtes Kind, würde Deinen Harry kaufen wollen? Glaubst Du denn, daß die ganze Welt in ihn so vernarrt ist, wie Du, Gänschen? Komm her, sei munter, und hake mein Kleid zu. Nun lege mein Haar in die hübsche Flechte, die Du vor ein paar Tagen gelernt hast, und horche nie wieder an den Thüren.“
„Ja, aber nicht wahr, Mistreß, Sie würden nie Ihre Einwilligung dazu geben, daß – daß –“
„Dummes Zeug! Kind. Gewiß, nimmer. Wozu sind diese Schwatzereien? Eben so wenig, wie daß eins meiner Kinder verkauft würde. Aber wahrhaftig, Elisa, Du wirst mir beinahe zu stolz auf den Buben. Kein Mensch darf seine Nase zur Thüre hinein stecken, ohne daß Du glaubst, Dein Bube soll verkauft werden.“
Beruhigt durch den zuversichtlichen Ton ihrer Herrin fuhr Elisa flink und gewandt mit ihren Toilettengeschäften fort, und lachte selbst über ihre Befürchtungen.
Mistreß Shelby war eine Frau von hoher geistiger und moralischer Bildung. Mit jener angeborenen Hochherzigkeit, welche so häufig als ein charakteristisches Merkmal der Weiber in Kentucky gefunden wird, verband sie ein religiöses Gefühl, welches sich in allen ihren Handlungen praktisch kund gab. Ihr Mann, der keinen Anspruch auf besondere Religiosität machte, achtete und ehrte nichts destoweniger diese Seite in ihrem Charakter, und hegte vielleicht sogar eine Art Scheu vor ihrer Meinung. Gewiß ist, daß er ihr unbegränzte Machtvollkommenheit in allen ihren Bestrebungen für das Wohl und den Unterricht ihrer Dienstboten gab, obgleich er selbst keinen direkten Antheil daran nahm. In der That, wenn er auch nicht an die Lehre von der Wirksamkeit der besondern guten Werke der Heiligen glaubte, so schien er doch gewissermaßen anzunehmen, daß seine Frau Frömmigkeit und Wohlthätigkeit genug für zwei besitze, – und die schwache Hoffnung zu hegen, durch Vermittlung derjenigen Tugenden in den Himmel zu gelangen, welche seine Frau in so großem Maaße besaß, obgleich er selbst darauf keinen besondern Anspruch machen konnte.
Die schwerste Last auf seiner Seele jetzt, nach der Unterredung mit dem Sklavenhändler, war die von ihm vorempfundene Nothwendigkeit, seiner Frau die getroffenen Verabredungen mitzutheilen, und den dringenden Gegenvorstellungen zu begegnen, auf die er, wie er wußte, mit Sicherheit rechnen konnte.
Da Mistreß Shelby von den finanziellen Verlegenheiten ihres Ehemannes durchaus keine Ahnung hatte, und die gewöhnliche Gutmüthigkeit seines Herzens kannte, so war sie in dem Ausdrucke ihrer Ungläubigkeit rücksichtlich des von Elisa geäußerten Verdachtes ganz aufrichtig gewesen. Sie hatte in der That mit keinem Gedanken weiter daran gedacht; und da sie überdieß mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuche beschäftigt war, so entschwand der Gegenstand gänzlich aus ihrem Kopfe.
Zweites Kapitel.
Die Mutter.
Elisa war von ihrer Kindheit an bei ihrer Herrin als ein gehätschelter und verwöhnter Günstling auferzogen worden.
Der Reisende im Süden wird oft jene Zartheit und Sanftheit der Stimme und des ganzen Wesens bemerkt haben, welche sehr häufig eine besondre Gabe der Mestizen und Mulattenweiber zu sein scheint. Die natürliche Grazie der Mulattin ist oft mit einer blendenden Schönheit, und stets wenigstens mit einem äußerst angenehmen und einnehmenden Aeußeren verbunden. Elisa, wie wir sie geschildert haben, ist kein Phantasiebild, sondern der Erinnerung entnommen, wie wir sie vor Jahren in Kentucky gesehen haben. Sicher unter der schützenden Sorge ihrer Herrin hatte sie ihre körperliche Reife ohne jene Versuchungen erlangt, welche die Schönheit einer Sklavin so häufig zu einer so unheilvollen Erbschaft machen. Sie war an einen hübschen und talentvollen jungen Mulatten verheirathet worden, der Sklave auf einer nachbarlichen Besitzung war, und den Namen Georg Harris führte.
Dieser junge Mann war von seinem Herrn in eine Fabrik von Sackleinwand verdungen worden, wo seine Geschicklichkeit und Einsicht ihm sehr bald den Ruf des besten Arbeiters verschafft hatten. Er hatte eine Maschine erfunden, den Hanf zu reinigen, welche, wenn man die Erziehung und Verhältnisse des Erfinders berücksichtigte, eben so viel mechanisches Genie verrieth, wie Whitney's Baumwollenspinnmaschine. Er war von hübscher Figur und einnehmendem Wesen, wodurch er bald der allgemeine Liebling in der Fabrik wurde. Nichtsdestoweniger waren alle diese edleren Eigenschaften, da der junge Mann vor dem Gesetze nicht ein Mensch, sondern nur eine Sache war, der Herrschaft eines gemeinen, engherzigen, tyrannischen Herrn unterworfen. Dieser Ehrenmann, als er von der in der Umgegend viel besprochenen Erfindung Georgs gehört hatte, nahm sich eines Tages die Mühe, nach der Fabrik hinüber zu reiten, um zu sehen, was dieses einsichtsvolle Stück seines Eigenthums dort treibe. Der Besitzer empfing ihn mit großer Begeisterung, und gratulirte ihm, einen so werthvollen Sklaven zu besitzen. Er wurde durch die ganze Fabrik geführt, und Georg zeigte ihm das ganze Maschinenwesen, und sprach dabei so lebhaft und so fließend, zeigte eine solche Haltung, und erschien so schön und männlich, daß seinen Herrn ein gewisses unbehagliches Gefühl von Untergeordnetheit beschlich. Wozu hatte sein Sklave nöthig, durch das Land zu gehen, Maschinen zu erfinden, und mit Gentlemen zu verkehren? Er wollte dem bald ein Ende machen, – er wollte ihn zurückholen und hacken und graben lassen, und sehen, „ob er sich dabei auch so stattlich ausnehmen werde.“ Wie gesagt, so geschehen. Der Fabrikbesitzer und alle dabei gegenwärtigen Arbeiter waren erstaunt, als er plötzlich Georgs Lohn verlangte, und seine Absicht zu erkennen gab, ihn mit sich nach Hause zu nehmen.
„Aber, Mr. Harris,“ entgegnete der Fabrikbesitzer, „ist das nicht eigentlich zu schnell?“
„Und wenn es ist? – ist der Mann nicht mein?“
„Ich würde nichts dagegen haben, Mr. Harris, den Lohn zu erhöhen.“
„Gleichviel, Herr, ich habe nicht nöthig meine Arbeiter auszudingen, wenn ich keine Lust dazu habe.“
„Aber, Herr, er scheint ganz besonders geeignet zu diesem Geschäfte.“ „Mag sein, – er taugte aber nie viel zu irgend einer Sache die ich ihm auftrug, mein Seel'!“
„Denken Sie aber nur an seine Erfindung der Maschine,“ wendete hier einer der Arbeiter unglücklicher Weise ein.
„O ja! – eine Maschine um Arbeit zu sparen, nicht wahr? So etwas wird er schon erfinden, ohne Zweifel! 's müßte ja kein Neger sein. Die sind alle selbst Maschinen, die Arbeit zu sparen, – einer wie der andere! Nein, er soll das Feld treten!“
Georg stand wie angezaubert da, als er so plötzlich sein Urtheil von einer Gewalt ausgesprochen hörte, gegen die kein Widerstand möglich war. Er preßte die Lippen krampfhaft zusammen, und ein ganzer Vulkan bitterer Empfindungen brannte in seinem Busen, und sandte Feuerströme durch seine Adern. Sein Athem ging kurz, seine großen, dunklen Augen glühten wie feurige Kohlen, und es möchte vielleicht ein gefährlicher Ausbruch bei ihm statt gefunden haben, wenn nicht der gutherzige Fabrikbesitzer seinen Arm berührt, und ihm leise zugeflüstert hätte: „Gieb nach, Georg; geh jetzt mit ihm; wir wollen doch sehen, wie wir Dir helfen können.“
Der Tyrann bemerkte das Flüstern, und errieth seine Bedeutung, obgleich er nicht hören konnte, was gesagt wurde, und diese Wahrnehmung bestärkte ihn nur in seinem Vorsatze, die Gewalt, die ihm über sein Opfer zustand, geltend zu machen.
Georg wurde nach Hause geführt und an die niedrigsten Arbeiten der Farmwirthschaft gestellt. Er hatte es über sich vermocht, jedes unehrerbietige Wort zu unterdrücken; aber das funkelnde Auge und die finstere Stirn waren Theile einer natürlichen Sprache, welche sich nicht unterdrücken ließ, – sichere Anzeichen dessen, daß der Mensch nicht zur Sache werden könne.
Es war während jener glücklichen Periode seiner Beschäftigung in der Fabrik, daß Georg sein Weib kennen gelernt und geheirathet hatte. Während jener Zeit hatte er, da der Fabrikherr ihm seine Gunst und sein Vertrauen in besonderem Grade zugewendet hatte, volle Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, wann und wie er wollte. Die Heirath wurde von Mistreß Shelby besonders begünstigt, die, mit einer Art weiblichen Gefallens an Ehestiftungen, sich gefreut hatte, ihren schönen Schützling mit einem in jeder Beziehung passenden Manne derselben Klasse verbunden zu sehen; und so wurden Beide in dem Wohnzimmer ihrer Herrin verbunden, und diese selbst schmückte das schöne Haar der Braut mit Orangenblüthen, und warf den bräutlichen Schleier darüber, der ohne Zweifel auf keinem schöneren Kopfe geruht haben könnte. Auch fehlte es nicht an weißen Handschuhen und Kuchen und Wein, und an Gästen, die die Schönheit der Braut und die Güte und Freigebigkeit der Herrin priesen.
Ein oder zwei Jahre lang sah Elisa ihren Gatten häufig, und nichts störte ihr Glück, als der Verlust zweier Kinder im ersten Alter, an denen sie mit leidenschaftlicher Liebe hing, und um die sie mit so verzehrendem Kummer trauerte, daß ihre Herrin sich veranlaßt fühlte, ihr sanfte Vorwürfe zu machen, und sich bemühte, ihre von Natur leidenschaftlichen Empfindungen durch den Einfluß der Vernunft und Religion zu mäßigen. Nach der Geburt des kleinen Harry war sie jedoch allmählig ruhiger geworden und jeder blutende, zuckende Nerv schien durch die neue Verbindung mit diesem jungen Leben geheilt worden zu sein, und Elisa war wieder ein glückliches Weib bis zu dem Augenblicke, wo ihr Mann von seinem menschenfreundlichen Principale auf so rohe Weise losgerissen, und unter die eiserne Herrschaft seines rechtmäßigen Besitzers zurückgebracht worden war.
Der Fabrikherr besuchte, seinem Versprechen getreu, nach ein oder zwei Wochen Mr. Harris, in der Hoffnung, daß die erste Hitze sich gelegt haben werde, und wandte alles Mögliche an, um ihn zu bestimmen, Georg seiner früheren Beschäftigung zurückzugeben.
„Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, und weiter darüber zu sprechen,“ sagte er mürrisch, „ich weiß am besten selbst was ich zu thun habe.“
„Ich wollte mir nicht anmaßen, mich in Ihre Angelegenheiten zu mischen; sondern ich dachte nur, Sie würden es selbst Ihrem Interesse angemessen finden, uns diesen Mann unter den offerirten Bedingungen zu überlassen.“
„O ich verstehe Alles vollkommen. Ich sah Ihr Winken und Flüstern an dem Tage, wo ich ihn von der Fabrik wegholte, aber ich lasse mich auf diese Weise nicht hintergehen. Es ist hier ein freies Land, Herr; der Mann ist mein, und ich thue mit ihm was mir gefällt, – verstanden?“
Und so fiel Georgs letzte Hoffnung zu Boden. Nichts lag nun vor ihm als ein Leben voll Mühe und Qual, welches durch die gesuchten Kränkungen und Entwürdigungen noch mehr verbittert wurde, welche eine tyrannische Erfindungskunst zu erdenken vermochte.
Ein sehr menschenfreundlicher Jurist sagte einst: „das größte Uebel, das du dem Menschen zufügen kannst, ist ihn zu hängen.“ Nein, es gibt noch ein anderes Uebel, welches dem Menschen zugefügt werden kann, und welches größer ist!
Drittes Kapitel.
Der Gatte und Vater.
Mistreß Shelby hatte das Haus verlassen, um ihren Besuch zu machen, und Elisa stand in der Veranda des Hauses und schaute traurig dem fortfahrenden Wagen nach, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie wandte sich um, und ein freundliches Lächeln leuchtete augenblicklich aus ihren schönen Augen.
„Georg, bist Du es? Wie Du mich erschreckt hast! Ach, wie froh bin ich, daß Du gekommen bist! Mistreß ist ausgefahren, um einen Besuch zu machen; komm' also in mein kleines Zimmer, wir haben den ganzen Nachmittag für uns.“
Indem sie dies sagte, zog sie ihn in ein niedliches kleines Gemach, welches an der einen Seite der Vorhalle lag und in welchem sie sich gewöhnlich aufhielt, mit ihren Nähereien beschäftigt, um den Ruf ihrer Herrin hören zu können.
„Wie froh ich bin! Warum bist Du denn nicht freundlich? – Und sieh' Harry, wie er wächst.“ Der Knabe blickte scheu durch seine Locken hindurch auf den Vater und hielt sich ängstlich an den Röcken seiner Mutter fest. „Ist er nicht hübsch?“ sagte Elisa, seine Locken aufhebend und ihn küssend.
„Ich wollte, er wäre nie geboren worden!“ sagte Georg bitter. „Ich wollte, ich wäre selbst nie geboren worden!“
Ueberrascht und erschreckt setzte sich Elisa nieder, lehnte ihren Kopf an ihres Gatten Schulter und brach in Thränen aus.
„Das noch, Elisa, o es ist zu sündlich von mir, Dir solchen Schmerz zu bereiten, armes Weib!“ sagte er zärtlich, „'s ist zu sündlich. O, wie wünsche ich, daß Du mich nie gesehen hättest, – dann hättest Du vielleicht glücklich werden können.“
„Georg, Georg, wie kannst Du so reden? Was ist denn Schreckliches geschehen, oder was soll geschehen? Wir waren doch so glücklich bis vor Kurzem.“
„Das waren wir,“ sagte Georg. Dann das Kind auf seinen Schooß nehmend, schaute er ihm in seine funkelnden, dunklen Augen und fuhr mit den Händen durch seine langen Locken.
„Gerade wie Du, Elisa; und Du bist das hübscheste Weib, das ich je gesehen habe, und das beste, das ich je zu sehen wünsche. Aber ach! ich wollte, ich hätte Dich nie gesehen, und Du nie mich.“
„O Georg, wie kannst Du –?“
„Ja, Elisa, 's ist Alles Elend, Elend, nichts als Elend. Mein Leben ist bitter wie Wermuth; alle Lebenskraft verzehrt sich in mir. Ich bin ein armes, elendes, verlorenes Lastthier; ich werde Dich nur mit mir hinabziehen, das ist Alles! Was nützt es, daß man sich Mühe giebt, etwas zu verrichten, etwas zu lernen, etwas zu sein? Wozu nützt das ganze Leben? Ich wollte, ich wäre todt!“
„O lieber Georg, aber das ist wahrhaftig sündlich! Ich weiß, wie sehr es Dich schmerzt, daß Du Deinen Platz in der Fabrik verloren hast, und daß Du einen harten Herrn hast; aber, bitte, sei geduldig, vielleicht –“
„Geduldig!“ sagte er, sie unterbrechend; „bin ich nicht geduldig gewesen? Sagte ich ein Wort, als er kam und mich ohne jeden irdischen Grund von dem Orte wegnahm, wo Jeder freundlich gegen mich war? Ich habe ihm gewissenhaft jeden Cent von meinem Lohne ausgeliefert, – und Alle sagten, daß ich ein guter Arbeiter wäre.“
„Ja, es ist schrecklich,“ sagte Elisa, „aber Du weißt, er ist doch nun einmal Dein Herr!“
„Mein Herr? und wer machte ihn zu meinem Herrn? Das ist es gerade, was mir durch den Kopf geht, – welches Recht hat er auf mich? Ich bin ein Mensch, so gut wie er; – ich bin ein besserer Mensch als er. Ich verstehe mehr vom Geschäfte als er; ich kann besser lesen als er, besser schreiben als er, – und ich habe es Alles selbst gelernt, ohne seinen Beistand, – selbst gegen seinen Willen. Welches Recht hat er nun, aus mir ein Zugpferd zu machen? – mich von Geschäften wegzunehmen, die ich verrichten kann, und besser verrichten kann als er, um mich zu Arbeiten anzustellen, die nur für ein Pferd geeignet sind. Er versucht es; er sagt, er will mich niederdrücken, er will mich demüthigen, und giebt mir deshalb absichtlich die schwerste, niedrigste und schmutzigste Arbeit.“
„O Georg, Georg! Du erschreckst mich! Ich habe Dich nie so reden hören; ich fürchte mich, daß Du etwas Schreckliches begehen könntest. Ich wundere mich durchaus nicht über Deine Empfindungen, aber ich bitte Dich, sei vorsichtig, – bitte, bitte, – um meinetwillen, um Harry's willen!“
„Ich bin vorsichtig gewesen, und bin geduldig gewesen, aber es wird immer schlimmer; Fleisch und Blut kann es nicht länger tragen: jede Gelegenheit, die sich darbietet, mich zu kränken und zu quälen, benutzt er. Ich dachte, ich könnte meine Arbeit ruhig und still verrichten, und würde dann nach den Arbeitsstunden einige Zeit zum Lesen und Lernen haben; allein je mehr er sieht, daß ich thun kann, desto mehr ladet er mir auf. Er sagt, daß obgleich ich nichts sage, er dennoch sehe, daß ich den Teufel in mir habe, und den wolle er austreiben; – ja, er soll dieser Tage herausfahren, aber in einer Weise, die ihm nicht gefallen wird, denke ich.“
„O Gott! was sollen wir thun?“ sagte Elisa traurig.
„Erst gestern wieder,“ sagte Georg, „als ich beschäftigt war, Steine in einen Wagen zu laden, stand der junge Master Tom dabei und knallte mit seiner Peitsche so dicht über dem Pferde, daß es unruhig wurde. Ich bat ihn so freundlich als ich konnte, es nicht zu thun, – allein nun fuhr er erst recht fort. Ich bat ihn abermals, worauf er sich gegen mich wendete und mich an zu peitschen fing. Ich hielt seine Hand fest, und dann schrie er und schlug um sich und lief zu seinem Vater, dem er erzählte, ich habe ihn angreifen wollen. Der kam wüthend zu mir gerannt und sagte, er wolle mir zeigen, wer mein Herr sei, und band mich an einen Baum und schnitt Ruthen für den jungen Herrn aus, und hieß ihn mich peitschen, so lange er könne, – und das that er. – Wenn ich ihm das nicht noch 'mal vergelte!“
Bei diesen Worten wurde die Stirn des jungen Mannes so finster und seine Augen begannen so zu funkeln, daß seine junge Frau davor erbebte. „Wer machte diesen Mann zu meinem Herrn? Das ist es, was ich wissen will!“ sagte er.
„Wohl,“ sagte Elisa traurig, „ich dachte immer, daß ich meinem Herrn und meiner Herrin gehorchen müsse, oder ich könne keine Christin sein.“
„In Deinem Falle hat es Etwas für sich. Sie haben Dich auferzogen wie ein Kind, haben Dich genährt, gekleidet und unterrichtet, so daß Du eine gute Erziehung bekommen hast. Hier ist wenigstens einiger Grund, weshalb sie auf Dich Anspruch haben. Aber ich bin gestoßen und gepeitscht und verflucht worden, und im glücklichsten Falle mir allein überlassen worden; und was schulde ich? Ich habe meine Erhaltung mehr als hundertmal bezahlt. Ich will es nicht länger tragen! Nein, ich will nicht!“ sagte er, seine Faust mit einem wilden Blicke ballend.
Elisa zitterte und schwieg. Sie hatte ihren Gatten noch nie in solcher Stimmung gesehen, und ihr sanftes System von Ethik schien sich wie Schilf in der Brandung solcher Leidenschaft zu beugen.
„Du weißt, du gabst mir den armen kleinen Carlo,“ fügte Georg hinzu; „das Thierchen war mein einziger Trost. Er schlief mit mir des Nachts und folgte mir des Tages überall, und sah mich an, als wenn er wisse, was ich fühlte. Eines Tages fütterte ich ihn gerade mit einigen Ueberbleibseln, die ich vor der Küchenthür gefunden hatte, als der Herr vorüber kam und sagte, ich füttere den Hund auf seine Kosten, und das könne er nicht ausführen, daß jeder Neger seinen Hund halte. Er befahl mir, ihm einen Stein an den Hals zu binden und ihn in's Wasser zu werfen.“
„O Georg, Du thatest es doch nicht?“
„Ich nicht, aber er that es. Er und Tom warfen das arme Thier mit Steinen, während es im Ertrinken war. Es sah mich so traurig an, als wenn es sich wundere, daß ich ihm nicht zu Hülfe komme. Ich wurde gepeitscht, weil ich es nicht selbst thun wollte. Ich frage nichts darnach. Er wird schon sehen, daß ich Keiner bin, der sich durch Peitschenhiebe zähmen läßt. Meine Zeit wird schon noch kommen, wenn er sich nicht vorsieht.“
„Was hast Du im Sinne? O Georg, thue nichts Schlechtes! Wenn Du nur auf Gott vertraust und Recht thust, so wird er Dich erretten.“
„Ich bin kein Christ, wie Du, Elisa; mein Herz ist voll Bitterkeit; ich kann nicht auf Gott vertrauen. Warum läßt er das so geschehen?“
„O Georg, wir müssen glauben. Mistreß sagt, daß, wenn uns Alles mißglückt, wir glauben müssen, Gott habe es zu unserm Besten gethan.“
„Das können solche Leute leicht sagen, die auf ihrem Sopha sitzen und in ihrem Wagen fahren; aber laß sie an meinem Platze sein, ich glaube, dann würde es ihnen etwas schwerer fallen. Ich wollte, ich könnte fromm sein; aber mein Herz brennt mir und kann nicht wieder ruhig werden. Du könntest es auch nicht in meiner Stelle, – Du kannst es jetzt nicht, wenn ich Dir Alles gesagt habe, was ich zu sagen habe. Du weißt noch nicht Alles.“
„Was kann denn jetzt noch kommen?“
„Vor einiger Zeit sagte mein Herr, er sei ein Narr gewesen, daß er mir erlaubt habe, außerhalb des Platzes zu heirathen; daß er Mr. Shelby und seine ganze Familie hasse, weil sie Alle stolz wären und ihre Köpfe höher trügen als er, und daß ich stolze Begriffe von ihnen bekommen hätte; und sagte, daß er mich gar nicht wieder hierher gehen lassen wolle, und daß ich auf seinem Gute ein Weib nehmen solle. Anfangs sagte er diese Dinge nur, wenn er brummte und schalt, aber gestern befahl er mir, Mina als Weib zu mir zu nehmen und mit ihr in eine Hütte zu ziehen, oder er wolle mich den Fluß hinunter schicken und verkaufen lassen.“
„Wie? – Du bist ja aber mit mir verheirathet worden, durch den Geistlichen, gerade so, als wenn Du ein Weißer wärest!“ sagte Elisa einfach.
„Weißt Du nicht, daß ein Sklave sich nicht verheirathen kann? Es giebt kein Gesetz dafür in diesem Lande. Ich kann Dich nicht als mein Weib behalten, wenn es ihm einfällt uns zu trennen. Das ist der Grund, weshalb ich wollte, ich hätte Dich nie gesehen, – weshalb ich wünschte, ich wäre nie geboren worden; es wäre für uns beide besser gewesen, – es wäre für dieses arme Kind besser gewesen, wenn es nie geboren worden wäre. Alles dies kann ihm auch noch begegnen!“
„O, aber mein Herr ist so gut!“
„Ja, aber wer weiß? – er kann sterben, – und dann kann er verkauft werden, Gott weiß, an wen. Welche Freude kann es uns gewähren, daß er schön und kräftig ist? Ich sage Dir, Elisa, daß ein Schwert Dein Herz durchdringen wird für jede gute und schöne Eigenschaft, die das Kind besitzt; es wird ihn Dir zu werth machen, als daß Du ihn behalten könntest!“
Diese Worte fielen Elisa schwer auf's Herz. Die Erscheinung des Sklavenhändlers trat wieder vor ihre Augen, und als wenn irgend Jemand ihr einen tödtlichen Schlag versetzt hätte, wurde sie plötzlich bleich und verlor den Athem. Sie blickte angstvoll nach der Veranda, wohin sich der Knabe, überdrüssig der ernsten Unterhaltung, zurückgezogen hatte, und wo er auf Mr. Shelby's Spazierstock triumphirend auf- und niederritt. Sie war im Begriff, ihrem Manne ihre Befürchtungen mitzutheilen, aber hielt dennoch zurück.
„Nein, nein, – er hat genug zu tragen, der Arme!“ dachte sie. „Nein, ich will ihm nichts davon sagen; überdies ist es ja auch nicht wahr; Mistreß täuscht uns niemals.“
„Also, Elisa, mein Weib,“ sagte der Mann traurig, „sei standhaft, und nun lebe wohl, ich gehe.“
„Du gehst, Georg? – wohin denn?“
„Nach Canada,“ sagte er, sich hoch aufrichtend, „und wenn ich dort bin, will ich Dich kaufen; das ist die einzige Hoffnung, die uns bleibt. Ich will Dich und den Knaben kaufen, – so Gott mir helfe!“
„O schrecklich! wenn Du gefangen werden solltest!“
„Ich werde nicht gefangen werden, Elisa; eher will ich sterben! Ich will frei sein, oder sterben!“
„Du wirst Dich doch nicht selbst umbringen?“
„Das wird nicht nöthig sein, – sie werden mich schnell genug niedermachen. Nimmer sollen sie mich lebendig den Fluß hinab bringen!“
„O Georg, um meinetwillen sei vorsichtig! Thue nichts Böses, lege nicht Hand an Dich selbst, oder an irgend einen Andern! Du bist zu sehr gereizt, – zu sehr. Gehen mußt Du, – aber sei vorsichtig, sei weise. Bitte Gott, daß er Dir beistehe.“
„Wohlan denn, Elisa, so höre meinen Plan. Meinem Herrn fiel es ein, mich grade hier vorbei zu schicken mit einem Briefe an Mr. Symmes, der eine Meile weiter wohnt. Ich glaube, er rechnete drauf, daß ich hierher gehen würde, Dir zu erzählen, was ich bekommen habe. Es würde ihm Freude machen, wenn er denken könnte, daß das ‚Shelby'sche Volk‘, wie er es nennt, sich darüber ärgerte. Ich gehe jetzt nach Hause, und thue, als wenn ich ganz resignirt wäre, verstehst Du, als wenn Alles vorbei wäre. Inzwischen habe ich schon einige Vorbereitungen getroffen, – und ich habe Freunde, die mir helfen werden, – und in Zeit von acht Tagen oder so werde ich vermißt werden. Elisa, bete für mich, vielleicht erhört Dich der gute Gott!“
„O bete selbst für Dich, Georg, und vertraue auf ihn, wenn Du gehst; dann wirst Du nichts Böses thun.“
„So lebe wohl denn,“ sagte Georg, Elisa's Hände haltend, und unverwandt in ihre Augen blickend. Beide standen eine Zeit lang schweigend; dann folgten die letzten Worte, Schluchzen und bittre Thränen, und ein solcher Abschied, wie er zwischen Personen stattfinden muß, deren Hoffnung auf Wiedersehen so schwach wie Spinngewebe ist. Dann trennten sich Gatte und Gattin.
Viertes Kapitel.
Ein Abend in Onkel Tom's Hütte.
Onkel Tom's Hütte war ein kleines von Balken errichtetes Gebäude dicht bei „dem Hause“, wie die Neger par excellence die Wohnung ihres Herrn bezeichnen. Vor demselben lag ein sauberer Gartenfleck, in welchem jeden Sommer Stachelbeeren und Himbeeren und allerhand andere Früchte und Gemüse unter sorgsamer Hand blühten. Die ganze Front des Häuschens war von den Stauden einer einheimischen, immerblühenden Rose bedeckt, deren Ranken sich so verflochten, daß kaum eine Spur von den rauhen Balken sichtbar war. Auch verschiedene Jahresblumen, wie Goldlack, Nelken und Levkojen fanden hier im Sommer ein stilles Plätzchen, in dem sie ihre Pracht und ihre Wohlgerüche entfalten konnten, und waren der Stolz und die Freude Tante Chloë's.
Laßt uns in die Wohnung eintreten. Die Abendmahlzeit im Herrenhause ist vorüber, und Tante Chloë, die als oberste Köchin die Zubereitung desselben zu leiten pflegt, hat den Unterbeamten der Küche das Geschäft des Reinigens und Aufräumens überlassen, und sich in ihr eignes, behagliches Territorium begeben, um „ihrem Alten“ das Abendbrod zu reichen. Ihr dürft deshalb nicht daran zweifeln, daß sie es ist, die am Feuer steht, und mit ängstlicher Aufmerksamkeit gewisse zischende Gegenstände in einer Pfanne beobachtet, und von Zeit zu Zeit mit sehr ernster Vorsicht den Deckel der Backpfanne aufhebt, unter welchem ganz unzweifelhafte Anzeigen von „etwas Guten“ hervordampfen. Ihr Gesicht ist rund, schwarz und so glänzend, daß man glauben möchte, sie wäre, wie eine ihrer Theezwiebacke, mit Eiweiß überstrichen worden. Ihr ganzes, volles Gesicht strahlt unter ihrem wohlgestärkten Turbane von Zufriedenheit und Frohsinn, obgleich es, wenn wir doch einmal gestehen müssen, einen leichten Anstrich des Selbstbewußtseins verräth, welches der ersten Köchin in der ganzen Nachbarschaft, wofür Tante Chloë ganz allgemein galt und gehalten wurde, rechtmäßig zustand.
Eine Köchin war sie ohne Zweifel durch und durch. Allen Hühnern, Truthähnen und Enten auf dem Hühnerhofe wurde Angst, wenn sie Tante Chloë sich nahen sahen, und dachten augenscheinlich an ihr Ende; und gewiß ist, daß sie fortwährend über schmoren, braten und backen mit solcher Lebhaftigkeit nachdachte, daß sie jeden denkenden lebendigen Vogel dadurch in Schrecken setzen mußte. Ihr Kornkuchen, in allen seinen Modificationen war ein erhabenes Geheimniß für alle weniger geübten Küchenpraktikanten; und sie schüttelte ihre fetten Seiten vor Freude und Stolz, wenn sie von den fruchtlosen Versuchen erzählte, die einer oder der andre ihrer Collegen gemacht hatte, ihren Höhenpunkt zu erreichen.
Die Ankunft von Gästen im „Hause“, die Zubereitung von Mittag- und Abendessen im „großen Style“ erweckte alle ihre Lebensgeister; und kein Anblick war ihr erfreulicher als eine hohe Schicht Reisekoffer in der Veranda, denn dann hatte sie Aussicht auf neue Anstrengungen und neue Triumphe.
Grade in diesem Augenblicke schaut jedoch Tante Chloë in die Backpfanne, und wir wollen sie in dieser ihr innig verwandten Beschäftigung lassen, bis wir das Bild der Hütte vollendet haben.
In einer Ecke derselben steht ein Bett mit saubrer, weißer Decke; und an der Seite desselben lag ein Stück Teppich von ziemlich bedeutendem Umfange. Auf diesem Stücke Teppich hatte Tante Chloë ihren Stand, da sie unzweifelhaft zu den höheren Regionen des menschlichen Lebens gehörte, und dasselbe, so wie das Bett, bei dem es lag, und überhaupt die ganze Ecke des Zimmers, wurden mit rücksichtsvoller Achtung behandelt, und so viel wie möglich vor den Einbrüchen und Entheiligungen des kleineren Volkes geschützt. Diese Ecke war das Gastzimmer des Hauses. In einer andern Ecke stand ein Bett von weit unscheinbarerem Aeußern, und war augenscheinlich für den Gebrauch bestimmt. Die Wand über dem Kamin war mit einigen hellfarbigen Bildern aus der heiligen Schrift und einem Portrait General Washington's geschmückt, welches dergestalt gezeichnet und colorirt war, daß es ohne Zweifel diesen Helden in Erstaunen gesetzt haben würde, wenn er je einen Abdruck desselben gesehen hätte.
Auf einer rohen Bank in einer andern Ecke war ein Paar wollköpfiger Knaben mit glänzend schwarzen Augen und fetten, glänzenden Wangen beschäftigt, die ersten Gehversuche des jüngsten Kindes zu überwachen, welche, wie gewöhnlich, darin bestanden, sich auf den Füßen zu erheben, einen Augenblick zu schwanken, und dann wieder umzufallen, wobei jeder erfolglose Versuch mit schallendem Gelächter begleitet wurde.
Ein Tisch, schon etwas rheumatisch in seinen Gliedmaßen, befand sich vor dem Feuer, und war mit einem Tuche bedeckt, welches Tassen und Schalen, von unzweifelhaft schönem Muster, mit noch anderen Symptomen eines herannahenden Mahles trug. An diesem Tische saß Onkel Tom, Mr. Shelby's bester Sklave, den wir, da er der Held unserer Erzählung ist, für unsere Leser daguerreotypiren müssen. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann, mit breiter Brust, vom glänzendsten Schwarz und mit einem Gesichte, dessen ächt afrikanische Züge Ernst und Verstand in Verbindung mit natürlicher Herzensgüte verriethen. Es lag in seinem ganzen Aeußern eine gewisse Selbstachtung und Würde, verbunden mit vertrauungsvoller Einfachheit des Sinnes.
Er war grade in diesem Augenblicke sehr eifrig mit einer Tafel beschäftigt, welche vor ihm lag, und auf der er langsam und mit großer Sorgfalt einige Buchstaben nachzumalen versuchte, während Master Georg, ein muntrer, hübscher Knabe von dreizehn Jahren, diese Beschäftigung überwachte, und der Würde seiner Stellung als Lehrer vollkommen zu entsprechen schien.
„Nicht so, Onkel Tom, – nicht so,“ sagte er lebhaft, als Onkel Tom mühsam den Schweif seines G auf die falsche Seite gebracht hatte; „das macht Q, siehst Du?“
„Gott's Willen, wirklich?“ sagte Onkel Tom, ehrfurchtsvoll und bewundrungsvoll seinen jungen Lehrer anblickend, während dieser mit flüchtiger Hand zahllose Q's und G's zu seiner Erbauung auf die Tafel malte; und sodann den Griffel in seine dicken, schweren Finger nehmend, begann er sein Werk von Neuem.
„Wie leicht weiße Menschen Alles machen!“ sagte Tante Chloë, einen Augenblick inne haltend, während sie beschäftigt war, eine eiserne Pfanne mit einem Stück Speck auf der Gabel auszufetten, und blickte stolz auf Master Georg. „Wie er schreiben kann! und lesen dazu! Und dann Abends herunter zu kommen, und uns die Bibel vorzulesen, – s'ist mächtig interessant!“
„Aber Tante Chloë, ich werde mächtig hungrig,“ sagt Georg; „ist denn der Kuchen in der Pfanne noch nicht bald gut?“
„Beinahe, Master Georg,“ sagte Tante Chloë, den Deckel aufhebend und hinunter blickend; – „bräunt wunderschön, – prächtiges Braun. Für das, laßt nur Tante Chloë allein! Neulich Missis ließ Sally Versuch machen, 'nen Kuchen zu backen, – grade nur, um's zu lernen,“ sagte sie. „O geht, Missis,“ sagte ich, „es thut mir wirklich weh, zu sehen, die guten Sachen alle so wegzuwerfen! Kuchen riß ganz auf an einer Seite, – keine Form, nichts – nicht mehr als mein Schuh, geht!“
Und mit diesen Schlußworten, dem Ausdrucke über die Ungeschicklichkeit Sally's, nahm Tante Chloë den Deckel der Backpfanne schnell hinweg, und ließ einen schön gebackenen Pfundkuchen sehen, dessen sich kein städtischer Zuckerbäcker zu schämen gehabt haben würde. Da dieser augenscheinlich der wesentlichste Bestandtheil des Gastmahls war, so begann Tante Chloë nunmehr sehr ernstlich den Tisch herzurichten.
„Hier, Ihr, Mose und Pete! geht aus dem Wege, Ihr Niggers! – Geh' Polly, mein Honig, – Mama gibt ihrem Kinde was, nachher. Nun, Master Georg, Sie, nehmen Sie die Bücher fort da, und setzen Sie sich zu meinem Alten, und ich will die Würste heraus nehmen, und Ihre Teller sollen im Augenblick voll Kuchen sein.“
„Ich sollte zum Abendessen in's Haus kommen,“ sagte Georg, „aber ich wußte was besser war, Tante Chloë.“
„Ja, ja, Sie wußten's – Sie wußten's, Zuckerkind,“ sagte Tante Chloë, die dampfenden Kuchen auf seinen Teller häufend; „Sie wußten's, alte Tante würde schon s'Beste aufheben für Sie. O freilich!“ Und mit diesen Worten gab Tante Chloë Georg einen Stoß mit ihrem Finger, und wandte sich dann wieder mit großer Geschäftigkeit zu ihrer Pfanne.
„Nun soll's an den Kuchen gehen,“ sagte Master Georg, als die Thätigkeit der Pfanne etwas nachgelassen hatte, und schwang dabei ein großes Messer über besagtem Artikel.
„Gott's willen, Master Georg!“ rief Tante Chloë, mit großem Ernste ihm in den Arm fallend, „Sie wollen ihn doch nicht mit dem großen, schweren Messer schneiden? Zerquetschen ja Alles, verderben's ganz und gar. Hier, ich habe ein altes, dünnes Messer; ich halt's immer scharf, grade dazu! Hier, nun, sehen Sie, – geht aus einander leicht wie 'ne Feder! Nun essen's los! – s'nichts zu beißen drin.“
„Tom Lincoln sagt,“ bemerkte Georg, mit vollem Munde redend, „daß ihre Jinny eine bessere Köchin wäre, als Du.“
„Kommt nichts drauf an, was die Lincoln's sagen, – gar nicht!“ sagte Tante Chloë verächtlich; „sind nichts, ich meine neben unsern Leuten. Sind ganz achtbare Leute, ganz genug, in 'ner einfachen Art; aber was in großen Style machen – nichts davon, keinen Begriff davon. Just nun, stellen Sie Master Lincoln neben Master Shelby! Guter Gott! und Missis Lincoln! – kann sie auftreten wie meine Missis – so glänzend verstehen Sie? O nichts! gehn Sie mir, sagen Sie mir nichts von den Lincoln's!“ – und Tante Chloë warf ihren Kopf in die Höhe, wie Jemand, der sich selbst bewußt war, etwas von der Welt zu verstehen.
„Gut, aber ich habe Dich doch selbst sagen hören, Tante Chloë,“ sagte Georg, „daß Jinny eine gute Köchin sei.“
„Ganz richtig,“ sagte Tante Chloë, – „und das 's wahr. Gut, gewöhnlich, einfachen kochen – Jinny kann; – kann gutes Brod backen, – Kartoffeln kochen, – ihr Kornkuchen sind nicht extra, nein, Jinny's Kornkuchen sind nicht extra; aber nun höher 'nauf, in höheren Zweigen, was kann sie? – lieber Gott! Sie kann Pasteten machen, – gewiß, sie kann, – aber was für Teig und Kruste? Kann sie den wirklichen, leichten Teig machen, der Ihnen im Munde zerfließt und aufgeht wie ein Hauch? Just, hören Sie, – ich ging da h'nüber, wenn Miß Marien's Hochzeit war, und Jinny just zeigte mir die Hochzeitpasteten. Jinny und ich sind's gute Freunde immer, Sie wissen. Ich sagte nichts, nimmer, Master Georg! Gewiß, glauben's mir, – könnte nicht 'nen Augenblick schlafen, die ganze Woche, wenn ich solches Gebäck Pasteten gemacht hätte; – waren nichts werth, gar nichts!“
„Ich glaube, Jinny hat gedacht, sie wären vortrefflich,“ sagte Georg.
„Nicht wahr? – so sie dachte. Da war sie, zeigte sie, ganz unschuldig, – sehen Sie's just hier, Jinny wußte's nicht. Geht mir, die Familie ist nichts! Wie kann sie's wissen? Nicht ihre Schuld. Ah, Master Georg, Sie kennen nicht halb Ihre Privilegien in Ihrer Familie, und in 'er Auferziehung!“ Bei diesen Worten seufzte Tante Chloë und schlug ihre Augen mit tiefer Bewegung auf.
„Ganz gewiß, Tante Chloë, ich kenne alle meine Pasteten und Puddings-Privilegien,“ sagte Georg. „Frage nur Tom Lincoln, ob ich mich nicht jedesmal damit rühme, wenn ich ihn treffe und ihn auslache.“
Tante Chloë lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte aus Herzenskräften über den Witz des jungen Herrn, lachte, bis die Thränen ihre schwarzen, glänzenden Backen hinunterliefen, während sie abwechselnd dabei beschäftigt war, ihn im Scherze zu stoßen und zu schlagen und ihm zu sagen, daß er fortgehen solle und daß er ein Bösewicht sei, – daß er im Stande sei, sie zu tödten und daß er sie sicherlich nächstens umbringen werde, und verfiel dabei zwischen diesen blutigen Prophezeihungen in immer neue Ausbrüche des Lachens, die immer länger anhielten, bis endlich Georg wirklich zu glauben begann, er sei ein höchst gefährlich witziger Mensch, und daß er wohl Acht geben müsse, auf was er spreche.
„Und das haben Sie Tom gesagt? Haben Sie? O Herr, was die Jugend nicht alles thut? Haben ihn ausgelacht, und wie haben Master Georg ihn ausgelacht!“
„Ja,“ sagte Georg, „ich sagte zu ihm, ‚Tom, Du mußt 'mal Tante Chloë's Pasteten sehen; das ist die rechte Art!‘ sagte ich.“
„'S ist ein Jammer, nun, Tom kann nicht,“ sagte Tante Chloë, auf deren menschenfreundliches Herz Tom's ungünstiges Loos einen tiefen Eindruck zu machen schien. „Sollten ihn doch 'mal zu Mittag laden, 'mal dieser Tage, Master Georg,“ fügte sie hinzu; „'s würde sich ganz hübsch von Ihnen machen. Sie wissen's, Master Georg, Sie sollen sich nicht über Niemand erheben, wegen Ihrer Priv'legien, weil alle unsre Priv'legien uns sind gegeben. Wir sollen immer daran denken,“ sagte Tante Chloë ganz ernsthaft.
„Gut, ich will Tom an irgend einem Tage in der nächsten Woche hierher einladen,“ sagte Georg, „und Du thust Dein Bestes, Tante Chloë, und er soll die Augen aufreißen. Soll er uns nicht so viel essen, daß er für vierzehn Tage genug hat?“
„Ja, ja, – gewiß!“ sagte Tante Chloë ganz erfreut, – „Sie sollen sehen. O Herr! an manche von unsern Mahlzeiten zu denken! Wissen's noch die große Hühnerpastete, die ich machte, wenn General Knox war hier? Ich und Missis, wir beinahe hatten was Streit, wegen des Teigs. Was manchmal solche Damen Einfälle haben, – weiß nicht; aber manchmal, wenn ein Mensch just am meisten Verantwortlichkeit hat auf sich, so zu sagen, und ist 'ne ganz wichtige Sache, solche Damen haben den Einfall um Einen herumzuhängen, und sich in Alles zu mischen! Nun, Missis wollte, ich sollte's so machen, und dann sollt' ich's so machen; und endlich wurd ich beinahe unartig und sagte: ‚Nun, Missis, schauen Sie auf die schönen, weißen Hände, Ihre, mit langen Fingern, alle mit blanken Ringen, just wie meine weißen Lilien, wenn der Thau drauf liegt; und nun schauen Sie meine großen, schwarzen Hände. Nun, denken Sie nicht, daß der Herr gewollt hat, ich soll den Pastetenteig machen, und Sie sollen im Zimmer bleiben?‘ Da haben Sie's, Master Georg, so unartig war ich.“
„Und was sagte Mutter?“ fragte Georg.
„Sagte? – je nun, sie lachte gar mit den Augen, – den schönen, großen Augen, ihren, und sagte: ‚Gut Tante Chloë, ich glaube, Du hast recht,‘ sagte sie, und fort ging sie in's Zimmer. Sie hätte mir eins an den Kopf geben sollen, daß ich so unartig war; aber so ist's, – ich kann nichts thun mit Damen in der Küche!“
„Wohl, Du legtest große Ehre mit dem Gastmahle ein, – ich entsinne mich deutlich, Jedermann sagte es,“ bemerkte Georg.
„Und stand ich nicht hinter der Thür des Speisezimmers an dem Tage? und sah ich nicht, wie General Knox dreimal seinen Teller hinreichte, grade nach dieser Pastete? – und, sagte er: ‚Sie müssen eine außerordentliche Köchin haben, Mistreß Shelby.‘ – O Herr! ich hätte aus einander gehen mögen!“ –
„Und der General, er weiß, was kochen ist,“ fügte Tante Chloë hinzu, sich stolz aufrichtend. „Sehr hübscher Mann, der General! Er kommt von der ersten Familie in Virginien! Er weiß was es heißt, so gut wie ich – der General. Sehen Sie, da sind Punkte in allen Pasteten, Master Georg; aber 's weiß nicht jeder, was das ist oder sein soll. Aber der General, er weiß es; o, ich merkt's, was er sagte. Ja, er weiß, was die Punkte sind!“
Um diese Zeit war Master Georg endlich zu dem Punkte gelangt, den selbst ein Knabe (unter besondern Umständen) erreichen kann, daß er in der That keinen Bissen mehr hinunterbringen konnte, und hatte deßhalb Zeit, die Reihe von Wollköpfen und leuchtenden Augen zu bemerken, die aus einem entfernten Winkel seine Operationen mit hungrigem Magen beobachtet hatten.
„Hier, Du, Mose, Pete,“ rief er, freigebig große Stücke vom Kuchen vor sich abbrechend und ihnen zuwerfend; „Ihr wollt was haben, nicht wahr? Komm, Tante Chloë, backe ihnen ein paar Kuchen.“
Und Georg und Tom begaben sich nach einem bequemen Sitze in der Kaminecke, während Tante Chloë, nachdem sie einen ansehnlichen Haufen Kuchen gebacken hatte, ihr jüngstes Kind auf den Schooß nahm, und nun begann abwechselnd dessen Mund und ihren eigenen zu füllen und angemessene Antheile an Mose und Pete auszutheilen, welche es vorzuziehen schienen, ihre Portionen zu verzehren, während sie sich auf dem Erdboden, unter dem Tische, umherwälzten und einander kitzelten.
„O geht, wollt Ihr?“ sagte die Mutter, ihnen von Zeit zu Zeit, wenn die Bewegungen derselben zu lästig wurden, einen Stoß mit dem Fuße unter dem Tische gebend. „Könnt Ihr nicht artig sein, wenn weiße Leute hier sind bei Euch? Wollt Ihr? ruhig da, oder ich setze Euch ein Knopfloch tiefer, wenn Master Georg fort ist!“
Was diese schreckliche Drohung für eine Bedeutung hatte, läßt sich schwer sagen, gewiß ist aber, daß sie einen sehr geringen Eindruck auf die jungen Sünder machte.
„Na, denn!“ sagte Onkel Tom, „die sind so voller Uebermuth, die können sich nicht ordentlich betragen.“
Die Knaben tauchten unter dem Tische hervor, Gesicht und Hände wohl bedeckt mit einer Mischung von Fett, Zucker und Schmutz, und begannen ein herzhaftes Küssen des jüngsten Kindes.
„Fort mit euch!“ sagte die Mutter, die wolligen Köpfe bei Seite stoßend. „Ihr müßt ja alle zusammenkleben und nie wieder los kommen, wenn Ihr's so macht. Fort, geht an den Brunnen, und wascht Euch!“ sagte sie, diese Worte mit einem Schlage begleitend, welcher einen furchtbaren Schall verursachte, aber keine andere Wirkung zu haben schien, als ein noch größeres Gelächter auf Seiten der Kinder zu erzeugen, während sie über einander zur Thür hinauspurzelten und im vollsten Jubel aus Leibeskräften schrieen.
„Gab es je solche ungezogenen Bälge?“ sagte Tante Chloë, halb schmunzelnd, während sie ein altes Handtuch hervorsuchte, welches besonders für solche Zwecke gehalten wurde, etwas Wasser aus dem halbzerbrochenen Theetopfe darauf schüttete und jene pflasterartige Mischung von dem Gesichte und den Händen des jüngsten Kindes abwusch, worauf sie es in Tom's Schooß setzte und sodann das Geschirr und die Ueberreste des Abendessens wegzuräumen begann. Das Kind benutzte diese Zwischenzeit dazu, an Tom's Nase zu zupfen, ihm das Gesicht zu zerkratzen und die kleinen, fetten Hände in sein wolliges Haar zu stecken, was ihm besonderes Vergnügen zu gewähren schien.
„Ist's nicht ein prächtiges Kind?“ sagte Tom, es von sich entfernt haltend, um es in seiner ganzen Länge zu betrachten; und sodann aufstehend setzte er es auf seine breite Schulter und begann mit ihm zu springen und zu tanzen, während Master Georg mit dem Taschentuche nach ihm schnappte, und Mose und Pete, welche inzwischen zurückgekehrt waren, dergestalt hinter her brüllten, daß Tante Chloë erklärte, sie verliere ihren Kopf in dem Lärmen. Da jedoch, ihrer eigenen Angabe zufolge dies eine chirurgische Operation war, welche sich täglich wiederholte, so verminderte diese Erklärung nicht im geringsten die Heiterkeit der Kinder, bis sie sich vollständig müde getanzt, gewälzt und geschrieen hatten.
„Na, denn, hoffe, nun seid Ihr fertig,“ sagte Tante Chloë, die inzwischen ein aus einem rohen Kasten bestehendes Rollbett hervorgezogen hatte; „nun, Mose und Pete, hier hinein, denn wir haben jetzt Betstunde.“
„O Mutter, noch nicht. Wir wollen mit in Betstunde, – Betstunde ist so komisch, – wir gern in Betstunde.“
„Ah was, Tante Chloë, schieb's wieder hinunter, und laß sie mit aufbleiben,“ sagte Master Georg mit Bestimmtheit, der rohen Maschine einen Stoß gebend.
Nachdem Tante Chloë auf diese Weise den Schein gewahrt hatte, schien sie höchlich erfreut, den Kasten wieder bei Seite schieben zu können, indem sie sagte: „Gut, vielleicht thut's ihnen gut!“
Nunmehr löste sich das Haus in eine Comite auf, um die Vorbereitungen und Vorrichtungen für die Betstunde zu berathschlagen.
„Wo nun Stühle her bekommen, ich weiß wahrlich nicht,“ sagte Tante Chloë.
Da die Betstunde seit längerer Zeit regelmäßig jede Woche bei Onkel Tom gehalten worden war, ohne Hülfe von mehr „Stühlen,“ so war einige Aussicht vorhanden, daß sich gegenwärtig vielleicht ein Ausweg finden lassen werde.
„Onkel Pete hat beide Beine von der alten Stuhl abgesungen – vorige Woche,“ bemerkte Mose.
„Du geh! weiß gewiß, Du hast sie abgebrochen, selbst,“ sagte Tante Chloë, „so einer von Deinen Streichen.“
„Aber er steht noch,“ sagte Mose, „wenn er nur an der Wand stehen bleibt.“
„Denn Onkel Pete muß nicht sitzen drin, denn er rückt immer, wenn er anfängt singen. Einen Abend er beinahe durch das ganze Zimmer gerückt,“ sagte Pete.
„Ho, denn lass' ihn sitzen drin,“ sagte Mose, „und denn er wird anfangen: ‚O Heilige und Sünder kommt –‘ und denn bricht er ein;“ – und Mose ahmte dabei den näselnden Ton des alten Mannes genau nach und wälzte sich zugleich an der Erde, um ein Bild der zu erwartenden Katastrophe zu geben.
Während Mose und Pete dies zwischen sich verhandelten, waren zwei leere Fässer in die Hütte gerollt worden, und nachdem beide durch an die Seiten gelegte Steine einen festen Stand bekommen hatten, wurden Bretter darüber gelegt, so daß durch diese Vorrichtung, mit Hülfe verschiedentlicher umgestülpter Eimer und anderer ähnlicher Hausgeräthe, die Vorbereitungen beendigt waren.
„Master Georg liest die Bibel so wunderschön, na, ich weiß, er wird doch hier bleiben, und uns was lesen,“ sagte Tante Chloë, – „ich dächte, s'wäre gleich viel mehr interessant.“
Georg bequemte sich sehr gern dazu, denn welcher Knabe ist nicht jeder Zeit zu Allem bereit, was ihm eine Art Wichtigkeit verleiht. Das Zimmer füllte sich bald mit einer gemischten Versammlung vom alten, greisen achtzigjährigen Patriarchen bis zum jungen Mädchen und dem fünfzehnjährigen Buben hinab, von denen Mehrere nachbarlichen Familien angehörten und Erlaubniß erhalten hatten, dieser Versammlung beizuwohnen.
Nach einer einleitenden Unterhaltung über die verschiedenartigsten Gegenstände, je nachdem sie gerade die Interessen der anwesenden Andächtigen berührten, begann zum augenscheinlichen Ergötzen Aller der Gesang. Selbst die störende Einwirkung der näselnden Töne konnte den mächtigen Eindruck der natürlich schönen Stimmen in Gesängen, die zugleich lebhaft und geistig waren, nicht vernichten. Der Text war zuweilen der wohlbekannter gewöhnlicher Kirchenhymnen, und zuweilen von einem unbestimmteren, milderen Charakter, wie er namentlich in den freien Brüderversammlungen zu hören ist.
In vielen dieser Gesänge kamen wiederholte Beziehungen auf „die Ufer des Jordan“, „die Felder Canaan's“ und „das neue Jerusalem“ vor; denn der Geist des Negers, von Natur mit Leidenschaftlichkeit und Einbildungskraft begabt, wählt sich Hymnen und Ausdrücke eines lebhaften, malerischen Charakters; und während die Anwesenden sangen, lachten Einige derselben, und Andere weinten, und noch Andere schlugen die Hände zusammen, oder drückten sich die Hände in Entzückung, als wenn sie schon glücklich am jenseitigen Ufer des Flusses angelangt wären.
Master Georg las auf Verlangen die letzten Kapitel der Offenbarung, wobei er oft durch Ausrufungen wie: „O hört nur das!“ „O denkt an das!“ „Wird das nicht alles geschehen?“ u. s. w. unterbrochen wurde.
Georg, der ein aufgeweckter Knabe, und in religiösen Gegenständen von seiner Mutter wohl unterrichtet worden war und sich hier ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung sah, warf von Zeit zu Zeit Erklärungen seiner eignen Eingebung mit hinein, natürlich mit dem erforderlichen Ernste und der nöthigen Würde, wofür er von den Alten gesegnet und von den Jungen bewundert wurde; und Alle stimmten endlich darin überein, daß „ein Geistlicher es nicht besser auslegen könne, als er,“ und daß „es wirklich zum Erstaunen sei!“
Onkel Tom galt in der ganzen Nachbarschaft als eine Art Patriarch in religiösen Gegenständen. Da in seinem Geiste, vermöge natürlicher Anlage, das moralische Gefühl vorherrschend war, und da sein Geist einen größeren Umfang und größere Bildung besaß, als seine Gefährten sich dessen zu rühmen vermochten, so wurde er von Allen mit großer Achtung und als eine Art Geistlicher angesehen; und der einfache, herzliche, aufrichtige Ausdruck seiner Ermahnungen hätte vielleicht selbst höher gebildete Personen erbauen können. Aber es war namentlich die Art des Gebets, worin er sich auszeichnete. Nichts konnte die rührende Einfachheit, die kindliche Begeisterung seines Gebetes übertreffen, so getreu gehalten in der Sprache der Bibel, die ein so integrirender Theil seines Wesens geworden zu sein schien, daß sie unwillkührlich seinen Lippen entfloß. Er betete in der Ausdrucksweise eines frommen, alten Negers „gerade hinauf.“ Und einen solchen Eindruck äußerte stets sein Gebet auf die Empfindungen der Andacht unter seiner Zuhörerschaft, daß oft Gefahr drohte, es möchte ganz verloren gehen unter dem Ausbruche der Gefühle und Antworten von allen Seiten.
Während sich diese Scene in der Hütte des Sklaven zutrug, fand eine davon sehr verschiedene in dem Salon des Herrn statt.
Der Sklavenhändler und Mr. Shelby saßen wieder in dem früher erwähnten Eßzimmer beisammen, an einem Tische, der mit Papieren und Schreibmaterialien bedeckt war.
Mr. Shelby war beschäftigt, verschiedene Packete Wechsel zu überzählen und zu überrechnen, und schob sie sodann zu dem Händler hinüber, der sie ebenfalls nachzählte.
„Alles richtig,“ sagte der Händler; „nun also unterzeichnen diese da!“
Mr. Shelby zog hastig die Verkaufsbriefe an sich und unterzeichnete sie, wie ein Mann, der über ein unangenehmes Geschäft hinwegeilt, und schob sie sodann mit dem Gelde zur andern Seite hinüber. Haley zog hierauf aus einer stark abgenutzten Brieftasche ein Pergament hervor, welches er, nachdem er es zuvor überblickt hatte, an Mr. Shelby aushändigte, der es mit einer Bewegung unterdrückten Eifers an sich nahm.
„Wohl, die Sache ist gemacht,“ sagte der Händler aufstehend.
„Ist abgemacht!“ sagte Mr. Shelby in sinnendem Tone und wiederholte nach einem langen und tiefen Athemzuge: „ist abgemacht!“
„Ihr scheint mir nicht sonderlich damit zufrieden zu sein,“ sagte der Händler.
„Haley,“ sagte Mr. Shelby, „ich hoffe, Ihr werdet nicht vergessen, was Ihr mir auf Eure Ehre versprochen habt, daß Ihr nämlich den Tom nicht verkaufen wollt, ohne vorher zu wissen, in was für Hände er geht.“
„Warum? Ihr habt jetzt gerade dasselbe gethan,“ sagte der Händler.
„Umstände, wie Ihr wohl wißt, nöthigten mich,“ sagte Shelby in stolzem Tone.
„Wohl, sehet, die können mich auch nöthigen,“ sagte der Händler. „Indeß, will mein Bestes thun, ihm 'ne gute Koje zu verschaffen; – und was mich betrifft, so braucht Ihr nicht besorgt zu sein, daß ich ihn schlecht behandele. Wenn's etwas in der Welt gibt, wofür ich dem Herrn dankbar bin, so ist's, daß ich nicht grausam bin.“
Nach den Erläuterungen, welche der Händler zuvor über die Principien seiner Menschlichkeit gegeben hatte, fühlte sich Mr. Shelby durch diese Erklärungen nicht sonderlich beruhigt; allein da sie die einzige Beruhigung waren, die er finden konnte, so ließ er den Händler schweigend gehen und suchte Zerstreuung in einer einsamen Cigarre.
Fünftes Kapitel.
Die Gefühle lebenden Eigenthums unter wechselnden Besitzern.
Mr. und Missis Shelby hatten sich am Abend in ihr Zimmer zurückgezogen. Er streckte sich in einem großen, bequemen Armstuhle und las einige Briefe, die mit der Nachmittagspost angekommen waren, während sie vor dem Spiegel stand und die verwickelten Flechten und Locken wieder glatt bürstete, welche Elisa zuvor gemacht hatte; denn als ihr die bleichen Wangen und verweinten Augen derselben zu Gesicht gekommen waren, hatte sie sie von ihren Dienstgeschäften für diesen Abend entbunden und sie zu Bett geschickt. Ihre gegenwärtige Beschäftigung erinnerte unwillkührlich an die Unterhaltung dieses Morgens mit ihrer Dienerin. Indem sie sich deßhalb zu ihrem Manne umwandte, sagte sie nachlässig:
„Sage mir doch, lieber Arthur, wer war denn der ordinaire Mensch, den Du heut an unsern Mittagstisch zogst?“
„Haley ist sein Name,“ sagte Shelby, sich unbehaglich in seinem Stuhle umwendend und seine Augen unverwandt auf den Brief gerichtet haltend.
„Haley! Bitte, sage mir, was ist er denn? und was mag er denn nur für Geschäfte hier gehabt haben?“
„Nun, s'ist ein Mann, mit dem ich einige Geschäfte gemacht hatte, als ich zum letzten Male in Natchez war,“ sagte Mr. Shelby.
„Und deßhalb machte er sich's hier so bequem und kam und lud sich zum Mittagessen ein, – ja?“
„Nein, ich lud ihn ein; ich hatte einige Rechnungen mit ihm abzumachen,“ sagte Shelby.
„Ist er ein Sklavenhändler?“ fragte Mrs. Shelby, eine gewisse Verlegenheit im Wesen ihres Mannes erkennend.
„Warum, mein Kind, was bringt Dich denn auf die Frage?“ sagte Mr. Shelby aufblickend.
„O nichts, – nur, Elisa kam heut nach Tische weinend und in größter Verzweiflung zu mir und sagte, Du sprächest mit einem Händler und sie habe ihn gehört Dir ein Gebot für ihren Jungen machen, – das alberne Gänschen!“
„So?“ sagte Mr. Shelby, wieder auf seinen Brief blickend, der einige Augenblicke lang seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien, obgleich er nicht bemerkte, daß er ihn verkehrt in der Hand hielt.
„Es muß heraus, jetzt oder später,“ sagte er im Geiste zu sich.
„Ich sagte Elisa,“ bemerkte Mrs. Shelby, während sie fortfuhr, ihr Haar zu bürsten, „daß sie eine Närrin sei, sich solche Angst zu bereiten, und daß Du nie irgend etwas mit solchen Menschen zu thun habest. Ich wußte ja, daß Du nie die Absicht hattest, irgend einen unserer Leute zu verkaufen, – am wenigsten an solchen Menschen.“
„Richtig, Emilie,“ sagte der Mann, „so habe ich immer gedacht und gesagt; allein die Sache ist, meine Verhältnisse sind jetzt von der Art, daß ich jetzt nicht mehr umhin kann. Ich werde einige meiner Leute verkaufen müssen.“
„An dieses Geschöpf? Unmöglich! Shelby, das kann nicht Dein Ernst sein.“
„Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß es wirklich mein Ernst ist,“ sagte Mr. Shelby. „Ich habe mich dazu verstanden, Tom zu verkaufen.“
„Was? unsern Tom? – dieses gute, treue Geschöpf! – ist Dein treuer Diener von seiner Kindheit an gewesen! – O Shelby! – und Du hast ihm außerdem die Freiheit versprochen, – Du und ich, wir haben hundertmal mit ihm davon gesprochen. – Wohl, nun kann ich Alles glauben, – nun kann ich auch glauben, daß Du den kleinen Harry, das einzige Kind der armen Elisa, verkaufen könntest!“ sagte Mrs. Shelby in einem Tone, der eine Mischung von Kummer und Unwillen verrieth.
„Wohl, da Du doch einmal Alles wissen mußt, – es ist so. Ich habe versprochen, Tom und Harry zu verkaufen; und ich sehe nicht ein, weßhalb ich um einer Handlung willen für ein Ungeheuer gehalten werden soll, die von Andern jeden Tag verübt wird.“
„Aber warum unter Allen grade diese wählen?“ sagte Mrs. Shelby, „wenn Du überhaupt verkaufen mußt.“
„Weil diese die höchste Summe von Allen einbringen, – das ist der Grund. Ich hätte allerdings noch eine andere Wahl treffen können, wenn Du so willst. Der Kerl machte mir ein hohes Gebot für Elisa. Hätte Dir das besser zugesagt?“
„Der Elende!“ sagte Mrs. Shelby mit Heftigkeit.
„Ich habe ihn natürlich keinen Augenblick angehört; – aus Rücksicht für Dich wollte ich nicht. Laß mir also wenigstens so viel Gerechtigkeit widerfahren.“
„Mein Lieber,“ sagte Mrs. Shelby sich sammelnd, „verzeihe mir. Ich war überrascht, und gänzlich unvorbereitet für diese Nachrichten; aber gewiß wirst Du mir erlauben, ein Fürwort für diese armen Geschöpfe einzulegen. Tom ist ein edelherziger, treuer Mensch, wenn er auch schwarz ist. Ich glaube, Shelby, daß, wenn es nöthig wäre, er sogar willig sein Leben für Dich hingeben würde.“
„Ich weiß es, – ich glaube es, – aber was hilft das alles? Ich kann mir nicht anders helfen!“
„Warum nicht ein Opfer in Geld bringen? Ich will gern meinen Theil daran tragen. O, Shelby, ich habe mich bemüht, – gewissenhaft bemüht, wie eine Christin soll, – meine Pflichten gegen diese armen, einfachen, abhängigen Geschöpfe zu erfüllen. Ich habe für sie gesorgt, sie unterrichtet, über sie gewacht, und alle ihre kleinen Sorgen und Freuden seit Jahren gekannt; und wie kann ich jemals wieder meinen Kopf unter ihnen aufrichten, wenn wir, um eines kleinen, erbärmlichen Gewinnes willen, ein so treues, vortreffliches, vertrauungsvolles Wesen, wie den armen Tom, verkaufen, und in einem Augenblick ihn von Allem losreißen, was wir ihn schätzen und lieben gelehrt haben? Ich habe ihnen die Pflichten der Familie gelehrt, der Eltern und der Kinder, des Gatten und des Weibes; und wie kann ich den Gedanken tragen, öffentlich anerkennen zu müssen, daß wir, sobald es sich um den Werth des Geldes handelt, keine Pflicht und kein Band ehren, wie heilig es auch immer sein möge. Ich habe mit Elisa über ihren Knaben gesprochen, – über ihre Pflicht gegen ihn als eine christliche Mutter über ihn zu wachen, für ihn zu beten, und ihn nach christlichen Grundsätzen zu erziehen; und was soll ich nun sagen, wenn Du ihn von ihr reißest, und ihn verkaufst, Seele und Leib, an einen gemeinen Menschen ohne alle Grundsätze, – nur um etwas Geld zu gewinnen? Ich habe ihr gesagt, daß eine menschliche Seele mehr werth sei, als alles Geld in der Welt: und wie kann sie nun meinen Worten Glauben schenken, wenn sie uns, im Widerspruche hiermit, ihr Kind verkaufen sieht, – vielleicht zu seinem sichern Ruine an Leib und Seele!“
„Es thut mir leid, daß Du Dir das so sehr zu Herzen nimmst, Emilie, – wahrlich,“ sagte Mr. Shelby, „und ich ehre Deine Empfindungen, wenn ich sie auch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung theile, aber ich versichere Dir heilig, daß es nichts nützt, – ich kann mir nicht anders helfen. Es war nicht meine Absicht, Dir dies zu sagen; aber, um die reine Wahrheit zu gestehen, es bleibt mir keine andere Wahl, als entweder diese Beiden oder – Alles zu verkaufen. Haley ist in den Besitz einer Hypothek gekommen, welche, wenn ich sie nicht unverzüglich abzahle, Alles verschlingt. Ich habe zusammengescharrt und gekratzt, was möglich war, ich habe geborgt und Alles gethan, nur nicht gebettelt, und der Preis für diese Beiden war grade noch nöthig, um das Fehlende zu decken, und so mußte ich sie dran geben. Haley hatte an dem Kinde Gefallen gefunden, und wollte auch kein anderes Arrangement eingehen. Ich war in seiner Gewalt und mußte es thun. Wenn es Dir so nahe geht, diese verkauft zu sehen, würde es besser sein, wenn Alle verkauft würden?“
Mrs. Shelby stand wie vom Schlage gerührt. Endlich, sich wieder zu ihrer Toilette wendend, bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und seufzte tief.
„Das ist der Fluch der Sklaverei! – Ein Fluch für den Herrn wie für den Sklaven! Ich war eine Thörin zu glauben, daß ich aus einem so tödtlichen Uebel noch etwas Gutes bilden könne. Es ist eine Sünde, unter Gesetzen, wie die unsrigen sind, Sklaven zu halten; ich fühlte das immer, – ich dachte das immer, als ich noch ein Mädchen war, – ich fühlte es noch mehr, als ich in den Kirchenverband getreten war; aber ich dachte, ich könne es mit Gold überziehen, ich könne durch Güte, Sorgfalt und Belehrung das Verhältniß der Meinigen besser machen, als es in der Freiheit sein würde, – Thörin, die ich war!“
„Aber Weib, Du wirst ja ein vollständiger Abolitionist.“
„Abolitionist! Wenn Jene von der Sklaverei so viel wüßten wie ich, so möchten sie reden. Wir bedürfen ihrer nicht. Du weißt, daß ich Sklaverei nie gebilligt habe, – daß ich nie gewünscht habe, Sklaven zu besitzen.“
„Ja, in diesem Punkte bist Du verschiedener Meinung von vielen weisen und gelehrten Männern,“ sagte Mr. Shelby. „Erinnerst Du Dich an Mr. B...'s Predigt, vor einigen Wochen?“
„Ich will solche Predigten nicht hören; ich mag Mr. B. nie wieder in unserer Kirche hören. Geistliche können dem Uebel vielleicht nicht abhelfen, – können es nicht heilen, so wenig wie wir, – aber es vertheidigen! – das ging immer gegen meinen Verstand. Und ich glaube, Du selbst hast auch von der Predigt nicht viel gehalten!“
„Ich muß gestehen,“ sagte Mr. Shelby, „diese Geistlichen treiben die Sache zuweilen noch weiter, als wir armen Sünder es thun würden. Wir Weltmenschen müssen gewaltig oft ein Auge zudrücken, und uns an Manches gewöhnen, was nicht ganz in Ordnung ist; aber wir mögen's nicht leiden, wenn Weiber und Geistliche groß und breit auftreten und in solchen Dingen noch weiter gehen als wir. Aber nun, meine Liebe, hoffe ich, hast Du die Nothwendigkeit eingesehen, und Dich überzeugt, daß ich das Beste gethan habe, was die Umstände zuließen.“
„O ja, ja,“ sagte Mrs. Shelby hastig und zerstreut, ihre goldene Uhr in der Hand wiegend, und fügte sodann nach einer Pause gedankenvoll hinzu: – „ich besitze keine Juwelen von einigem Werthe, aber – würde diese Uhr nicht vielleicht etwas nützen? – sie war sehr theuer, als sie gekauft wurde. Wenn ich nur wenigstens Elisa's Kind retten könnte, so würde ich gern Alles opfern, was ich habe.“
„Es thut mir leid, sehr leid, Emilie,“ sagte Mr. Shelby, „daß Dir dies so sehr zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist, Emilie, Alles ist bereits abgemacht; die Verkaufsscheine sind bereits unterschrieben und in Haley's Händen, und Du mußt Gott danken, daß es nicht noch schlimmer ist. Der Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle zu Grunde zu richten, – und nun sind wir ihn glücklich los. Wenn Du den Mann kenntest, wie ich ihn kenne, so würdest Du einsehen, daß wir einer großen Gefahr entgangen sind.“
„Ist er denn so hartherzig?“
„Nicht hart und grausam grade, aber ein Mensch wie Leder, – ein Mensch, der für nichts Anderes lebt, als für Handel und Gewinn, – kalt und ohne Bedenken, und unerbittlich wie Tod und Grab. Er würde für einen guten Gewinn seine eigne Mutter verkaufen, – ohne dabei der alten Frau irgendwie Uebles zu wünschen.“
„Und diesem Elenden gehören der gute, treue Tom, und Elisa's Kind!“
„In der That, meine Liebe, dies liegt mir schwer auf dem Herzen, – ich kann nicht daran denken. Haley will die Sache schnell betrieben haben, und schon morgen Besitz ergreifen. Ich werde mein Pferd aus dem Stalle nehmen, bei guter Zeit, und mich auf und davon machen. Ich kann Tom nicht sehen, das ist gewiß; und Du thätest auch am besten, wenn Du eine Fahrt irgendwohin unternähmest, und Elisa mit Dir führtest. Laß die Sache abgemacht werden, während sie aus dem Wege ist.“
„Nein,“ sagte Mrs. Shelby, „ich will auf keine Weise Mitschuldige oder Mithelferin in diesem grausamen Geschäfte sein. Ich will den armen, alten Tom sehen, und möge Gott ihm Kraft geben in seinem Unglück! Sie sollen wenigstens sehen, daß ihre Herrin für sie und mit ihnen fühlen kann. Was Elisa betrifft, so wage ich nicht an sie zu denken! – Gott sei uns gnädig! Was haben wir denn gethan, daß diese grausame Nothwendigkeit über uns kommen muß?“ –
Es gab einen Zuhörer dieser Unterhaltung, an den Mr. und Mrs. Shelby wenig dachten.
In Verbindung mit dem Zimmer, in welchem sich Beide befanden, stand ein geräumiges Kabinet, welches nach dem äußeren Gange führte. Als Elisa von Mrs. Shelby für den Abend entlassen worden war, hatte ihr fieberhaft aufgeregter Geist sie an dieses Kabinet erinnert, und sie hatte sich dort versteckt, und mit fest gegen die Spalte der Thüre gedrücktem Ohre kein Wort der ganzen Unterhaltung verloren.
Als die Stimmen allmählig erstarben, schlich sie leise davon. Blaß, fröstelnd, mit starren Zügen und zusammengepreßten Lippen, schien aus dem zarten, furchtsamen Geschöpfe, was sie bisher gewesen war, ein ganz anderes Wesen geworden zu sein. Sie schlich vorsichtig den Flur entlang, hielt einen Augenblick an der Zimmerthür ihrer Herrin an, hob ihre Hände auf wie in stummem Rufe zum Himmel, und schlich dann in ihr eignes Zimmer. Es war ein stilles, reinliches Gemach, auf demselben Flure mit dem Zimmer ihrer Herrin belegen. Hier war das freundliche, sonnige Fenster, wo sie so oft singend, mit ihrer Näherei beschäftigt, gesessen hatte; dort stand eine kleine Büchersammlung, vor der verschiedene kleine Schmuckartikel, Geschenke des Weihnachtsfestes, in sorgfältiger Ordnung lagen; hier befand sich ihre einfache Garderobe, im Wandschranke und in der Kommode; hier, mit einem Worte, war ihre Heimath, die im Ganzen genommen bisher eine glückliche gewesen war. Aber dort, auf dem Bette, lag ihr schlummerndes Kind, dessen lange Locken nachlässig um seine bewußtlosen Züge fielen, während sein rosiger Mund halb geöffnet war, seine kleinen, fetten Hände ausgestreckt auf der Bettdecke lagen, und ein Lächeln, gleich einem Sonnenstrahle, sich über das ganze Gesicht breitete.
„Armes Kind! armes Wesen!“ sagte Elisa, „sie haben Dich verkauft! aber Deine Mutter will Dich dennoch retten!“
Keine Thräne fiel auf das Kissen; in solchen Momenten hat das Herz keine Thränen; – es tröpfelt nur Blut, bis es sich still und schweigend ausgeblutet hat. Sie ergriff ein Blatt Papier und Bleifeder, und schrieb eilig folgende Worte:
„O Mistreß! theure Mistreß! halten Sie mich nicht für undankbar, – denken Sie nicht zu hart von mir, – ich habe Alles gehört, was Sie heut Abend mit dem Herrn gesprochen haben. Ich will es versuchen, mein Kind zu retten, – Sie werden mich nicht verdammen! Gott segne Sie, und lohne Ihnen alle Ihre Güte!“
Nachdem sie dieses Blatt hastig zusammengelegt und addressirt hatte, öffnete sie eine Kommode, und legte ein kleines Packet Kleidungsstücke für das Kind zurecht, welches sie mittelst eines Taschentuches fest um ihren Leib band; und so zärtlich ist die Sorge einer Mutter, daß sie selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht vergaß, ein oder zwei Lieblingsstücke seines Spielzeugs mit in das Packet zu legen, während sie einen bunt gemalten Papagei zurückbehielt, um ihn damit zu unterhalten, wenn sie ihn aufwecken mußte. Es kostete einige Mühe, den kleinen Schläfer zu ermuntern; allein nach einigen Versuchen saß er im Bette auf, und spielte mit seinem Vogel, während seine Mutter sich den Hut aufsetzte und das Tuch umhing.
„Wo willst Du hingehen, Mutter?“ fragte er, als sie sich mit seinem Röckchen und seiner Mütze dem Bette näherte.
Seine Mutter kam dicht zu ihm heran, und sah ihm so ernst in die Augen, daß er sogleich merkte, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse.
„Still, Harry,“ sagte sie, „Du mußt nicht laut sprechen, oder sie hören uns. Ein böser Mann ist gekommen, um den kleinen Harry seiner Mutter wegzunehmen, und im Dunkeln fortzutragen; Mutter aber will ihn nicht lassen, – Mutter will ihrem kleinen Harry das Röckchen anziehen und die Mütze aufsetzen, und mit ihm davon laufen, so daß der böse Mann ihn nicht fangen kann.“
Während dieser Worte hatte sie dem Kinde die einfache Kleidung angelegt, und ihn in ihre Arme genommen, und indem sie ihm zuflüsterte, recht still zu sein, öffnete sie eine Thüre ihres Zimmers, welches in die äußere Veranda führte, und schlich leise hinaus.
Es war eine sternhelle, kalte Nacht, und die Mutter schlug ihr Tuch so dicht wie möglich um das Kind, welches von dumpfen Schrecken ganz still geworden war, und sich ängstlich um ihren Hals klammerte.
Der alte Bruno, ein großer Neufundland-Hund, welcher am Eingange des Portals schlief, erhob sich mit leisem Geknurre, als sie sich ihm nahte. Sie rief jedoch freundlich seinen Namen, worauf das Thier, ihr alter Spielgefährte, augenblicklich zu wedeln und ihr zu folgen begann, obgleich er in seinem schlichten Kopfe mit großem Bedenken zu erwägen schien, was diese nächtliche Promenade zu bedeuten haben möge; denn mehrmals stand er still, und blickte außerordentlich ernsthaft erst nach Elisa und dann nach dem Hause, bis er endlich, wie durch Nachdenken beruhigt, ihr weiter nachtrabte. Wenige Minuten brachten sie an das Fenster von Onkel Toms Hütte, wo Elisa still stand und leise an die Scheibe klopfte.
Die Betstunde bei Onkel Tom war durch Absingen mehrerer Hymnen bis zu einer späten Stunde ausgedehnt worden; und da Onkel Tom nach derselben noch zu seiner eigenen Erbauung einige lange Solos unternommen hatte, so war die Folge davon, daß, obgleich es jetzt zwischen zwölf und ein Uhr war, er und seine würdige Ehehälfte noch nicht schliefen.
„Guter Gott! was ist das?“ sagte Tante Chloë, aufspringend und hastig den Fenstervorhang wegziehend. „Meiner Seel! ist's nicht Lizy! Zieh Dich an, Alter, schnell! – da ist Bruno auch, der herumwedelt; was in aller Welt! Ich will die Thür aufmachen.“
Wie gesagt, so geschehen. Die Thüre flog auf, und der Schein des Talglichtes, welches Tom in der Eile angezündet hatte, fiel auf das bleiche Gesicht und die dunklen, wilden Augen des Flüchtlings.
„Gott helf! – Ich fürchte mich, Dich anzusehen, Lizy! Bist Du so krank, oder was ist vorgegangen mit Dir?“