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Dr. H. Breitenstein.

21 Jahre in Indien.

Aus dem Tagebuche eines Militärarztes.


Dritter Theil: Sumatra.

Von

Dr. H. Breitenstein.

Mit 1 Titelbild und 26 Abbildungen.


Leipzig.

Th. Grieben’s Verlag (L. Fernau).

1902.

Vorrede.

Wie der erste Theil dieses Buches fand auch der zweite Theil (unter dem Namen »Java«) eine sehr freundliche Aufnahme; aus Deutschland, Oesterreich, Bosnien, Holland, England und Russland kamen mir günstige Recensionen meines Buches zu. In Indien selbst wird es jedoch, wie ich höre, wenig gekauft und wenig gelesen — »weil ich zu viel in diesem Buche gelobt habe«.

Als vor ungefähr einem Jahre auf dem holländischen Markte ein Buch erschien, welches alles tadelte, was auf Java lebt und sich regt, welches in den schärfsten Worten den Europäer auf Java als den Auswurf der Menschheit bezeichnete und schilderte, der nur einen Gott habe — das Geld, der nur eine Tugend kenne — das Geld, und der darum cynisch, roh, ordinär, gemüths-, geist- und herzlos sei, nur einen Genuss kenne und suche — den Besitz des Geldes —, dieses Buch wurde in Indien viel gelesen und stark gekauft.

Vielleicht wird sich der dritte und letzte Theil meines Werkes auch in Indien, d. h. auf den Inseln des indischen Archipels, eines grossen Leserkreises erfreuen; ich habe darin nämlich leider Weniges zu loben, desto mehr zu tadeln.

Viele Worte des Lobes finde ich für den Boden Sumatras, seinen Reichthum u. s. w., dagegen nur wenige für die Europäer auf dieser meerumsäumten Insel.

Ihre Politik ist bis jetzt die eines kleinlichen, engherzigen und geizigen Spiessbürgers gewesen. Ihre neuen Goldminen sind von einem unpraktischen Bergrechte geschützt, welches dem Wucher, der Spiellust und selbst dem Schwindel Thür und Thor öffnet.

Im Westen der grossen Wasserscheide jagt der Büttel der holländischen Regierung den armen, bedauernswerthen (?) malaiischen Bauer zu Robottdiensten in die Caffeegärten, weil die holländische Regierung 24 fl. an jedem Pikol Caffee verdienen will.

Im Osten dieser Insel verzehrt das Sumpffieber den chinesischen Kuli, weil der holländische Pflanzer mit seinem Deckblatte den Havanatabak vom Weltmarkte verdrängen will.

Im Herzen Sumatras hausen noch Menschenfresser! und im Norden dieser Insel sind noch zahlreiche Völkerstämme, von welchen die Holländer kaum mehr als den Namen kennen.

Zwischen den himmelanstrebenden Gipfeln der Bergriesen Ophir, Telaman u. s. w. wohnen in ganzer Sittenreinheit die Epigonen der »Padri«, welche in ihrem siegreichen Zuge gehemmt wurden von den Holländern im Bunde mit Menschenfressern des Tobahsees!

Kurzsichtige Minister haben die schönste Perle der Krone Hollands in schmutziges, altes und verrostetes Eisen gefasst und dem Volke die Phrase zugerufen: Java ist die Königsinsel unseres grossen Kaiserreiches »Insulinde«; Gott gab ihr grosse Schutzmauern, die da heissen: Sumatra, Borneo und die Molukken. Java ist die Quelle unseres Reichthums, Java ist der Sitz unserer Macht und darum wollen wir nur Java hegen und pflegen.

Sumatra, Borneo und die Molukken sind aber keine dürre, leblose und unfruchtbare Mauer; sie haben einen fetten und humusreichen Boden; die Flora und Fauna ist hier wie dort üppig; Millionen Menschen rufen hier wie dort um Schutz für ihr Leben, für ihre Büffel und für ihre Töchter gegen ihre eigenen Fürsten, welche als Despoten des Landes Mark aussaugen.

Wohlan! Holland! raffe dich auf! Hebe auch die Schätze der Insel Sumatra und schaffe allen seinen Bewohnern ein menschenwürdiges Dasein!

Du sollst, denn du kannst!


Dieser Kassandraruf zieht wie ein rother Faden durch diesen dritten Theil meines Werkes: »21 Jahre in Indien«, obwohl ich mich bemüht habe, den ursprünglichen Charakter des Buches beizubehalten, d. h. zu erzählen, was ich auf der Insel Sumatra erlebt, zu beschreiben, was ich gesehen, und zu schildern — was ich dort gelitten habe.

Um einem oft geäusserten Wunsche der Kritik gerecht zu werden, habe ich in diesem dritten Theile meines Buches die Tropenfauna und Flora sowie die Ethnographie eines malaiischen Volksstammes nach den Mittheilungen bekannter Fachleute besprochen und in einem Anhange einige Tropenkrankheiten beschrieben. In einem zweiten Anhange brachte ich einige malaiische Melodien, in europäische Noten gesetzt — eine Arbeit, welche mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verbunden war und von dem bekannten Recensenten Otto Knaap (Amsterdam) für mich in liebenswürdiger Bereitwilligkeit gemacht wurde.

Das Milieu meiner Mittheilungen sind Land und Leute des meerumspülten Sumatra, welches ich nicht nur in »Wort«, sondern auch in »Bild« vorführen will.

Ungefähr 400 Photographien standen mir zu diesem Zweck zur Verfügung, welche theilweise meiner Sammlung und theilweise Freunden meines Werkes angehören. Aus naheliegenden Ursachen musste ich mich auf die Wahl einer kleinen Anzahl beschränken, und so hoffe ich, dass die gewählten 26 Illustrationen hinreichen werden, den Text, wenn auch nicht zu vervollständigen, so doch zu ergänzen.

Gern schliesse ich mit einem Wort des Dankes an die Verlagsfirma Th. Grieben’s Verlag in Leipzig, welche dieses Buch mit künstlerisch ausgestatteten Bildern versehen hat, und an jene Herren, welche mir ihre Sammlung von Photographien zur Verfügung gestellt haben, und zwar:

für [Fig. 3] dem Herrn Geh. Rath Dr. Max Bartels in Berlin;

„ „  [4] u. [23] dem Herrn Oberingenieur Yzerman in Amsterdam;

„ „  [22], [24] u. [25] dem Herrn Oberingenieur Delprat in Java;

„ „  [2] u. [5] dem Herrn Regierungsrath F. Heger, Vorstand des ethnographischen Museums in Wien;

„ „  [1] dem Herrn Dr. Schmelz in Leiden;

„ „  [6], [7], [8], [9], [10] u. [11] dem Herrn Dr. Axel Preyer, z. Z. in Cairo.

Figuren [12], [13], [14], [15], [16], [17], [21], [26] und [Titelbild] sind meiner Sammlung entnommen.

Karlsbad, im Wonnemonat 1902.

Dr. H. Breitenstein.

Inhaltsverzeichniss.

Seite

Vorwort

[III]

 1. Capitel.

Abstammung des Namens Sumatra — Ausbruch des Vulcans Krakatau — Sumatra von Java getrennt — In Telók Betóng — Malaiische Küche — Manila-Cigarren — Ein arabischer Don Juan — Eine Allee aus lebendem Bambus — Eine unzufriedene Europäerin — Cholera auf einem Dampfer — Ein den weiblichen Bedienten gefährlicher Affe — In’s Innere der Provinz — Verdächtige Impfung — 500 „Mulis“ — Ein liebenswürdiger Affe — Seequallen ein Leckerbissen — Ein einträgliches Geschäft — Kröpfe

[1]

 2. Capitel.

Deutsche Soldaten — Ein Mörder (?) — Im Werbedepot — Ein Eremit — Elektrische Diagnosen — Ein Erdbeben — Schutzbrillen — Sandalen — Punka — Eine Menagerie — Chemisch reines Trinkwasser in den Lianen — Mein Name wird ominös — Telegraph und Elephant — Der Arzt in den Colonien — Eine wohlthätige Fee — Meine Abreise von Telók Betóng — Grösse von Sumatra

[25]

 3. Capitel.

Provinz Palembang — Fauna von Sumatra — Ein Orang-Utan-Riese — Farbenpracht der Fische — Gold auf Sumatra — Urbewohner des Landes — Die Hauptstadt Palembang — Schwimmende Häuser

[50]

 4. Capitel.

Rheumatismus — Singapore — Spitäler in Singapore — Ein arabischer Geldwechsler — Chinesische Kaufleute — Die Provinz Riauw und Vasallenstaaten — Matriarchat — Menangkabauer — Nieskrampf

[62]

 5. Capitel.

Die Provinz „Ostküste von Sumatra“ — Zinninseln — Ein misslungener Freihafen — Ein englischer Abenteurer — Petroleum auf Sumatra — Menschenfresser — Die Hauptstadt Medan — Im Urwalde — Entwaldung — Die Commandeuse — Ein schlechter Garnisonsplatz — Ein Vorurtheil — Eine Faciesbildung — Hospitalbrand — Amok-Laufen — Krebsfälle

[72]

 6. Capitel.

Flora von Mittel-Sumatra

[103]

 7. Capitel.

Nach Atjeh — Eine neue Kohlenstation — Uléë Lhöë — Die Strandpalme — In Kuta-radja — Auch eine Frauenfrage — Eine Tropenkrankheit

[111]

 8. Capitel.

Eine sogenannte Friedensgarnison — Campierpfähle — Ein Deserteur (?) — Ein freigebiger Compagniecommandant — Eine Kirmes — Ein Klewang-Anfall — Im Kugelregen — Geringschätzung der Militärärzte — Chinesen in Atjeh — Kleider und Schmuck der Atjeer — Musikinstrumente der Atjeer — Atjeische Prüderie

[138]

 9. Capitel.

Der heilige Krieg — Habsüchtige Priester (= Ulamas) — Abstammung der Atjeer — Abstammung der Niasser von einem Hunde — Schwanzmenschen — Die Kunst bei den Atjeern — Die Dichtkunst der Atjeer — Derwische — Abschied von Lambaro — Mit meiner Frau im Kugelregen — Ein heikler Auftrag — „Gross-Atjeh“

[159]

10. Capitel.

Auf einem alten Dampfer — Die Insel Nias — Niasser — Niasser und Dajaker — Ein gefährliches Landen — Oel glättet die stürmischen Wogen — Schmutzige Fiaker — Ein Haudegen — Die Engländer in Padang — Vortheile eines hölzernen Hauses — Padang ist ein grosser Garten — Malaiische Silberarbeiten — Das Zodiakallicht — „Der Culturzwang“ — „Das Gouvernement der Westküste Sumatras“ — Der Padrikrieg

[173]

Schluss.

Wieder auf dem alten Dampfer — Die Residentie Benkulen — Katholische Missionäre — Schluss

[196]

Anhang.

Knöchelfieber — Die Lâtahkrankheit — Indische Spruw — Tropenhygiene

[199]

II. Anhang.

Malaiische Musik

[212]

Sach- und Namen-Register.

[220]

Corrigenda.

Seite 163, Zeile 13 von oben statt „atavistische Schwänze“ nur zu lesen: „[Schwänze]“.

Es haben nämlich Bartels, Schäfer, Virchow, Breitenstein u. s. w. diese fraglichen Gebilde nur für Monstra oder krankhafte Neubildungen erklärt und sie nicht wie Haeckel, Alsberg, Wiedersheim und andere philosophirende Naturforscher zu atavistischen Beweisen des thierischen Ursprunges des Menschen erhoben.

Beinahe alle bisher beschriebenen Fälle von „Schwänzen bei Menschen“ sind übrigens — keine Schwänze stricte dictu.

Verzeichniss der Abbildungen.

Seite des Textes

[Aussenblatt][1]: Ein Atjeer.

[Titelblatt]: Photographie des Verfassers.

Fig.  [1]:

Eine Muli (Tochter eines Häuptlings in der Provinz Lampong.)

19

Fig.  [2]:

Ein Haus und eine Reis-Scheuer aus dem Padangschen Oberlande

42

Fig.  [3]:

Ein Mädchen aus dem unabhängigen Korintji

57

Fig.  [4]:

An den Ufern des Musistromes (= Fluss Palembang)

58

Fig.  [5]:

Ein Mädchen aus Semang (Malacca)

69

Fig.  [6]:

Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn in Deli

76

Fig.  [7]:

Ein Engpass im Gebiete der Battaker

77

Fig.  [8]:

Ein battakscher Kampong

77

Fig.  [9]:

Ein Tiger in der Falle

80

Fig. [10]:

Roden des Urwaldes

81

Fig. [11]:

Ein Bach im Urwalde

103

Fig. [12]:

Uléë Lhöë, Hafen von Atjeh

114

Fig. [13]:

Pfarrhaus in Kuta-radja

117

Fig. [14]:

Eine Gerichtsverhandlung in Kuta-radja

122

Fig. [15]:

Die neue Moschee in Kuta-radja

123

Fig. [16]:

Meine Wohnung in Lambaro

140 147

Fig. [17]:

Im hohen Schilderhaus

142

Fig. [18]:

Ein atjeeisches Ehepaar

153

Fig. [19]:

Atjeer, welche einen Drachen fliegen lassen wollen

157

Fig. [20]:

Ein Haröbab-Orchester

157 166

Fig. [21]:

Ein atjeeischer Pflug

114 160

Fig. [22]:

Niasser auf dem Marsche

176

Fig. [23]:

Ein Kampong auf und an den Ufern eines Flusses

181

Fig. [24]:

Ein Gruppe in Pedir gefangener malaiischer Frauen

184

Fig. [25]:

Bewohner der Pageh-Inseln

196

Fig. [26]:

Angklung, ein malaiisches Musikinstrument

219

Fig. 1. Eine Muli.

Tochter eines Häuptlings in der Provinz Lampong.

([Vide Seite 19].)

1. Capitel.

Abstammung des Namens Sumatra — Ausbruch des Vulcans Krakatau — Sumatra von Java getrennt — In Telók Betóng — Malaiische Küche — Manila-Cigarren — Ein arabischer Don Juan — Eine Allee aus lebendem Bambus — Eine unzufriedene Europäerin — Cholera auf einem Dampfer — Ein den weiblichen Bedienten gefährlicher Affe — In’s Innere der Provinz - Verdächtige Impfung — 500 „Mulis“ — Ein liebenswürdiger Affe — Seequallen ein Leckerbissen — Ein einträgliches Geschäft — Kröpfe.

Den 4. April 1882 wurde ich von Batavia, wo ich mich als Oberarzt der holländisch-indischen Armee in Garnison befand, nach Telók (= Golf) Betóng, der Hauptstadt der »Residentie« (= Provinz) »Lampong’sche Distrikten« im Süden der Insel Sumatra[2] transferirt; am 15. April trat ich meine Reise mit einem Dampfer der damaligen »indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft« Morgens um 6 Uhr an und fuhr zwischen den »Tausend Inseln« hinaus in die Javasee, um schon in wenigen Stunden die Sundastrasse und die Insel Sumatra vor mir zu sehen, welche (nach Salomon Müller) bereits im Jahr 860 den chinesischen Seeleuten unter dem Namen Fantsoêr bekannt gewesen sein soll.

Die Sundastrasse, jener schmale Seeweg, welcher Sumatra von Java trennt und zugleich die beiden verbindet, ist nicht viel älter als der Wasserweg zwischen Java und Madura und als der zwischen Java und Bali. Die javanischen Ueberlieferungen verlegen die Abtrennung dieser drei Inseln in’s 13. Jahrhundert, und geologische Verhältnisse scheinen diese sagenhafte Theilung des »Landes« (Tanah M.) Java in vier Inseln zu bestätigen.

Schon drei Jahre vor dem fürchterlichen Ausbruch des Krakatau constatirte der Ingenieur Verbeek in der Tiefe der Sundastrasse einen grossen Spalt in der Nähe dieser Insel, und als im Jahre 1883 aus den Tiefen dieser schmalen Strasse 18 km3 Asche bis zu einer Höhe von 15000 Meter geschleudert wurden, so dass man in Spanien und in Holland den Regen damit gemischt fand und die feinsten Theile selbst den ganzen Aequator umkreisten, da entrollte sich vor unserm Auge ein Stück der Geschichte des Werdens und des Bildens der Erde.

Jene Reihe von Vulcanen, welche im grossen Bogen von Kamtschatka aus über Japan, die Philippinen, Molukken und kleinen Sundainseln, Java, Sumatra bis an den Meerbusen von Bengalen (Barren-Inseln, 303 Meter hoch) den Süden Asiens umkreisen, sie sind die grossen Poren, aus welchen die gefesselten feurigen Massen des Erd-Innern sich bald mit mächtiger Gewalt, bald ruhig und gelassen auf die Oberfläche der Erde wälzen und hier zerstören und dort wieder aufbauen.

In den Tagen vom 26. bis 28. August 1883 erbebte die Strasse von Sunda von der Wuth des Vulcanes Krakatau; doch nur die kleine Insel, der »Polnische Hut«, verschwand von der Oberfläche der Erde; die Insel Krakatau verlor ⅔ ihrer Grösse (von 33½ auf 10½ ☐km); aber die »Verlassene Insel«, welche früher 3.7 ☐km gross war, hatte im Jahre 1883 eine Höhe von 11.8 ☐km und die »Lange Insel« hat von 2.9 ☐km bis 3.2 ☐km zugenommen.[3]

Geologisch ist gewiss obige Sage verbürgt, dass in früheren Jahrhunderten Java mit Sumatra durch eine Brücke verbunden war, wenn auch mancher Zoologe daran zweifeln möchte; die Fauna dieser Insel stimmt ja mehr mit jener von Borneo als mit der von Java überein; der Orang-Utan z. B. kommt nicht auf Java, aber auf Borneo und Sumatra vor, und auch die Flora[4] zeigt grössere Aehnlichkeit mit der Vegetation von Malacca (Vide »Quer durch Sumatra« von Yzermann) als mit jener von Java. Die geologischen Verhältnisse sind jedoch, ich möchte sagen, von erdrückender Beweiskraft, dass Java und Sumatra in früheren Zeiten ein zusammenhängendes Ganzes gebildet haben. Die Botaniker und Zoologen werden übrigens allein aus der geographischen Verbreitung der Pflanzen und Thiere nicht leicht auf die Zusammengehörigkeit einzelner Inseln sich eine Schlussfolgerung erlauben, weil es zahlreiche Factoren gibt, welche auf diese Frage Einfluss nehmen. Wie oft haben z. B. ja Wind und Wasser einzelne Thier- und Pflanzenformen in weit abgelegene Theile der Erde geführt?

Die Sundastrasse ist in ihrem nördlichen Anfange nicht breit. Die Entfernung der Schweinsecke (Varkenshoek) von dem Hafenplatz Anjer auf Java beträgt nicht mehr als 27 km, während die Ausfahrt in den indischen Ocean ungefähr 100 km breit ist. Die Südküste Sumatras hat die Form eines schief liegenden M, und die zwei Meerbusen führen die Namen Lampongsbai (die östliche) und Semangka oder Kaisersbai (die westliche).

Ich habe die Küste der Lampongsbai vor dem Ausbruch des Krakatau und fünf Jahre nach dieser gewaltigen Eruption gesehen, ohne bei oberflächlicher Beobachtung einen Unterschied in der Configuration der Küste constatiren zu können. Das Erd- und Seebeben, sowie die ungeheueren Lavamassen haben dabei beinahe die ganze Südküste Sumatras heimgesucht. Während nur einzelne Theile der östlichen Küste der Semangkabai und die Mitte der Westküste der Lampongsbai von den verheerenden Elementen verschont blieben, ist der übrige Theil oft bis auf eine Entfernung von 4–5 km eine Beute der stürmischen Elemente geworden. Aber bei näherem Zusehen findet man zahlreiche Ueberbleibsel jener traurigen Zeit. Als ich im Jahre 1888 Telók Betóng für einige Stunden besuchte, da merkte ich freilich die grosse Veränderung, welche im Jahre 1883 das Erd- und Seebeben veranlasst hatte; 3 km entfernt von der Küste lag z. B. am Ufer des kleinen Lampongflusses das Wrack des »Berouw«, jenes Dampfers der »indischen Gouvernementsmarine«, welcher am 27. August 1883 von den rasenden Elementen in’s Innere des Landes geschleudert wurde und dort liegen blieb. Der Kapitän hatte sich vor dieser Zeit an’s Land geflüchtet und — kam ums Leben. Der »erste Officier«, welcher an Bord geblieben war und alle Luken und Fenster geschlossen hatte, kroch unversehrt aus dem Schiffe, welches von den zurückströmenden Wellen nicht mitgeführt wurde.

Ein einförmiges, geradezu langweiliges Bild bot diese Stadt, als ich sie 1882 zum ersten Male betrat. In einer Entfernung von ungefähr 1000 Meter blieb der Dampfer stehen und ein Schiffsboot brachte mich an’s Ufer, welches ausschliesslich aus Riffkorallen bestand.

Bei der Ebbe konnte ich späterhin mich sehr oft an dem schönen formenreichen Bilde erfreuen, welches der von den hellen Strahlen der Tropensonne erleuchtete Meeresgrund dem Beobachter darbot. Die Labyrinthkoralle (Maeandrina), die Schwammkoralle (Madrepora verrucosa), die Lochkoralle (Porites furcatus), die Orgelkoralle (Tubepora musica) und die Astraea pallida erhielt ich in so grossen Stücken, dass ich bei der Transferirung im September desselben Jahres drei grosse Kisten gefüllt mit diesen Korallen mitnehmen konnte. Auch zahlreiche Seeigel und Seesterne erhielt ich damals, deren innern Mantel ich noch heute besitze und den jeder Naturfreund ob seines zierlichen Baues bewundern muss (z. B. Echinus esculentus).

Am Ufer stand die Stadt mit 2825 Seelen, und zwei kleine Strassen führten dahin. Die südliche bestand nur aus chinesischen Häusern und Toko’s und mündete in die grosse Hauptstrasse, welche zur rechten Hand an einen Hügel grenzte. Auf diesem stand das Gebäude des Residenten und das Fort. Die chinesische Strasse hatte jenseits des grossen Weges eine Fortsetzung, in welcher das Haus meines Amtsvorgängers und ein Hôtel standen.

Da der Dampfer nur einige Stunden vor Anker liegen sollte, um dann die Reise nach Padang (Westküste) und Atjeh (Nordküste) fortzusetzen und Dr. L., den ich ablösen sollte, in diesen wenigen Stunden nicht den Dienst übergeben, seine Koffer und Kisten einpacken und Auction von seinen Möbeln halten konnte, so musste Dr. L. auf die Ankunft des nächsten Dampfers warten und zwar jenes, welcher die Rückreise von Padang via Telók Betóng nehmen sollte. Ich blieb vorläufig im Hôtel wohnen, und nach der Auction seiner Möbel miethete ich sein Haus von dem Eigenthümer um 40 Fl. monatlich.

Es war ein hölzernes Haus, welches auf einem ziemlich grossen Grundstücke stand. Es folgte dem allgemein in Indien üblichen Typus. Eine vordere und eine hintere Veranda fassten zwei Zimmer zwischen sich, wovon das eine mein Bureau wurde und das andere zum Schlafen diente; einige Meter davon entfernt standen die Bedientenzimmer, Küche, Badezimmer, Abort, Stall und Wagenremise und zwar aus Bambus-Matten.

Wenn in früheren Jahren nur wenig Luxus in der Einrichtung eines Wohnhauses getrieben wurde, so war die Küche geradezu unglaublich primitiv eingerichtet. In allem und jedem verrieth sie die Gewohnheiten der eingeborenen Küchenprinzessinnen und trug nur in der Höhe des Herdes den Gewohnheiten einer europäischen Hausfrau Rechnung. Die malaiische Küche ist in der Regel ein kahler Raum, umgeben mit Bambus-Matten, auf welchem ein Dach ohne Plafond ruht. Durch den Rauch des Holzes, welcher bei der Dachventilation hinausströmt, sind die Wände schwarz gefärbt. Auf dem Boden stehen zerstreut einige Dapur, das sind aus Lehm gebrannte Formen, auf welche Pfannen oder Töpfe gestellt und mit Holz erwärmt werden. Hockend bearbeitet auf dem Boden die Köchin die Speisen. In europäischen Küchen befindet sich jedoch auf einen Meter hohen Mauern ein Dapur im Grossen mit vier bis fünf Oeffnungen, auf welche die Töpfe und Pfannen gestellt und mit Holzfeuer erwärmt werden.

Der Totaleindruck einer solchen Küche ist sehr ungünstig. Die durch Rauch schwarzgefärbten Bambus-Wände harmoniren mit der schmutzig-weissen Farbe der Dapurs und mit dem Schmutz und Abfällen, welche sich rings um das Wasserreservoir aufhäufen, das sich in jeder Küche befindet. Ich darf aber nicht das ordinäre Tischchen vergessen, auf welchem die zahlreichen Schüsselchen der »Rysttafel« zubereitet werden. Auf diesem liegen zahlreiche Kochlöffel, geschnitzt aus der trockenen Schale der Cocosnuss, viele Futterschwingen in verschiedenen Grössen zur Aufnahme von den diversen Gemüsesorten, einige kleine Töpfchen für Pfeffer, Gewürznelken, Muskatnüsse, Salz u. s. w. und ein kleiner Mörser aus Stein, in welchem diese gestampft oder zerrieben werden. Zur Bereitung des Reises findet man überall den Kukusan und Lumpang mit dem Tumbug. In diesem wird der Gâbah, d. i. der Reis, mit seiner braunen Schale so lange gestampft, bis er zum Bras, d. h. Reis ohne Schale (= Dedág), geworden ist. Der Dedág wird gerne den Pferden, Kühen und dem Geflügel in’s Futter gemengt; sobald auch der Tumbug zum ersten Male in den Lumpang fällt, eilen alle Hühner, Enten und Gänse herbei, um den herausfallenden Dedág aufzupicken. Der Kukusan ist ein aus Bambus oder Rottang geflochtener Kegel, in welchem der Bras eingedämpft (nicht gekocht) wird. In einem grossen Topf, welcher die bekannte Form eines Papierkorbes hat, wird nämlich das Wasser gekocht, und dann wird der Kukusan mit dem Reis den Dämpfen des siedenden Wassers ausgesetzt, welche durch die Lücken des Kegels dringen. Der Reis ist jedoch vorher in einem gewöhnlichen Topfe in Wasser so weit gekocht worden, dass die Körner halb weich geworden sind.

Die Dapurs wurden immer mit Holz gefeuert, es sei denn, dass die Köchin Speisen verfertigen wollte, welche von allen Seiten, wie in unseren Röhren, erwärmt werden mussten. In diesem Falle nahm sie eine Pfanne, welche mit einer etwas kleineren Pfanne zugedeckt wurde. Auf den Deckel wurde glühende Holzkohle gelegt, welche mit dem Fächer glühend gehalten wurde, der zu den unentbehrlichsten Instrumenten einer malaiischen Köchin gehört. Der Kochlöffel in der rechten und der Fächer in der linken Hand sind ja die Insignien, welche im ganzen indischen Archipel das Amt einer Kókki (M. = Köchin) verkünden.

Ich kam nur selten in die Küche; hier war die Domäne meiner Haushälterin, welche eine Christin von der Insel Ambon war. Nur kurze Zeit habe ich diese eingeborene Frau in meinen Diensten halten können, weil sie trotz des christlichen Glaubens um kein Haar besser als alle ihre mohamedanischen Colleginnen war.

Eines Tages nämlich theilte mir der Kutscher mit, dass während meiner Abwesenheit ein arabischer junger Mann im ganzen Hause den Herrn spiele.

Einige Tage vorher hatte mir ein junger Araber spitzige Manila-Cigarren zum Kaufe angeboten. Dies war mir damals aufgefallen, weil diese Cigarren in Telók Betóng überhaupt nicht verkauft wurden und ich mir von Batavia eine Kiste mit 500 Stück hatte kommen lassen.

Zu jener Zeit waren diese Cigarren wirklich ein sehr gutes aromatisches Kraut; die kegelförmigen, an beiden Enden abgeschnittenen Cigarren wurden beinahe ausschliesslich von den Europäern geraucht; sie kosteten 6 Ct. = 10 Pf. Seit dieser Zeit hat aus drei Ursachen der Import dieser Cigarren bedeutend abgenommen. Zunächst entstand in Semarang (Java) eine Fabrik von diesen Cigarren. Ein Herr Glaser liess aus Manila 60 Mädchen kommen und fabricirte von javanischem Tabak seine Cigarren in derselben Form. Die Qualität der in Europa käuflichen Manila-Cigarren ist thatsächlich zurückgegangen, weil, wie mir von mehreren Fabrikanten mitgetheilt wurde, auch das Tabakblatt von Manila schlechter geworden sei. Nebstdem hat der Import von Cigarren von Holland durch die Einführung der Postpackete ungeheuere Ausdehnung genommen. Ich selbst habe in den letzten zehn Jahren von holländischen Cigarrenfabrikanten regelmässig in Postpacketen meine Cigarren bezogen; Zoll und Fracht erhöhten den Preis der Cigarre nur um 1 Ct.

Als mir der Kutscher mittheilte, dass ein junger Araber in meiner Abwesenheit sich ganz ungenirt in meinem Hause bewege, da trat ein fürchterlicher (?) Argwohn in mir auf. Sollte meine Haushälterin sich nicht nur einen Geliebten halten, welcher zur gewissen Stunde des Tages in meinem Hause die Rolle des Hausherrn spiele, nicht nur meine Cigarren rauche, sondern sie auch stehle und die Frechheit habe, mir dieselben Cigarren zum Kaufe anzubieten? Als ich nach Hause kam, liess ich mir zunächst den Vorrath an Cigarren von meiner Haushälterin in’s Schlafzimmer bringen, um wenn möglich aus der Zahl derselben eine Bestätigung oder eine Entkräftigung dieses Argwohnes zu erhalten. Die Rechnung stimmte nicht.

Ich ging nach der Küche, und da sass auf dem Boden derselbe junge Araber, seine Rysttafel zu gebrauchen, welcher mir die »Punt-Manila« vor einigen Wochen zum Kaufe angeboten hatte! Der arabische Don Juan wollte sich zunächst als den Verwandten meiner Haushälterin ausgeben; ich gab ihm jedoch keine Antwort und zeigte ihm den Ausgang des Gartens, und zwei Stunden später nahm meine Haushälterin denselben Weg. Wohlweislich unterliess ich es, die Polizei davon zu verständigen, weil — wer den Schaden hat, hat auch den Spott. Thatsächlich hatte diese ganze Affaire einen starken Beigeschmack des Komischen.

Ich glaube nicht, dass auf ganz Java eine provinziale Hauptstadt existirt, welche ein so kleines europäisches Publikum beherbergte als Telók Betóng. Ein Resident, ein militärischer Kommandant im Range eines Hauptmanns mit zwei Leutnants, ein Secretär, welcher gleichzeitig die Agenda eines Notars führte, zwei Postbeamte, ein Architekt und meine Wenigkeit waren nicht nur die Notablen des Ortes, sondern auch die einzigen Europäer. Damals besass die ganze Provinz keine einzige europäische Unternehmung[5]; der Pfeffer war der einzige Export-Artikel, und hin und wieder kam Herr X. von der grossen gleichnamigen Exportfirma auf Batavia zu uns, um den Ankauf der Pfefferernte zu besorgen. Nicht einmal eine europäische Schule befand sich in der ganzen Provinz. Der Detailhandel war in den Händen der Chinesen, welche nicht aus Amoy stammen, von wo der grosse Strom der Auswanderer nach Java geht. Sie hatten nämlich chinesische Frauen bei sich, welche keine andere Sprache als die chinesische verstanden und die wohlbekannten verkrüppelten Füsse zeigten. (Aus Amoy ist nämlich das Auswandern der Frauen verboten und dieses die Ursache, dass man auf Java nur halbchinesische Frauen sieht und die Frauen auf Sumatra den Typus der echten Chinesen zeigen.)

Fig. 2. Ein Haus und eine Reis-Scheuer aus dem Padangschen Oberlande.

([Vide Seite 42].)

Natürlich befanden sich im Innern der Insel noch einige europäische Beamte.[6] Diese konnten jedoch wegen der grossen Entfernung und der mangelhaften Verkehrswege nur selten nach der Hauptstadt kommen.

Eine Ausnahme hiervon machte der Controleur von Tanjong Karang, welches Dorf 4½ km von der Hauptstadt entfernt war. Der Weg dahin war im Jahre 1882 in so schlechtem Zustande, dass es Ueberwindung kostete, den Controleur N. und seine Frau zu besuchen. Man ging in der Regel mit einem dos-à-dos dahin, weil kein anderer Wagen in der ganzen Hauptstadt und in der ganzen Provinz sich befand, d. h. bis auf jenen Mylord, welchen ich von Batavia mitgebracht hatte.

Nachdem ich allen Europäern in Telók Betóng meine Antrittsvisite gemacht hatte, musste ich natürlich auch nach Tanjong Karang fahren.

Hier sah ich zum ersten und auch zum letzten Male eine Allee aus lebendem Bambus. Natürlich hatte ich früher und später nur zu oft Gelegenheit, Bambus im Urwalde zu sehen, umgeben von Kräutern, Sträuchern und kleinen Bäumen; aber hier stand das Haus des Controleurs am Ende einer gut erhaltenen und gut gepflegten Strasse, welche nur von Bambusgruppen eingesäumt war. Sie, d. h. die Bambusgruppen, standen so nahe bei einander, dass die ganze Allee von ihrem Laub überdeckt war und einen herrlichen schattenreichen Spielplatz für die Kinder des Controleurs bildete.

Um ½6 Uhr Abends war ich von Telók Betóng abgefahren, und als ich das Haus des Gastherrn betrat, war die Sonne bereits hinter dem Horizont in die Tiefen des Weltalls getaucht. Ich wurde in der »Binnengallery« des Hauses empfangen und hinter mir wurde sofort die Thüre geschlossen. Aber auch die Fenster dieses Saales waren nicht geöffnet und blieben geschlossen, selbst als es bereits dunkel geworden war, weil — sich zwei Siamangs (Hylobates Syndactylus) im Hause frei bewegten und die offenen Fenster zu ihren Spaziergängen in’s Freie benutzen hätten können! Telók Betóng liegt 5° 20′ s. B., hat also eine reine Tropentemperatur, und trotzdem liess der Herr X. den ganzen Tag und den ganzen Abend sein Haus geschlossen, um seinen Affen die Flucht in’s Freie unmöglich zu machen! Es waren wohlerzogene Hausgenossen, welche uns im Gespräche nicht störten. Beide waren bereits erwachsen (ungefähr 90 cm hoch) und beunruhigten mich in keiner Weise, weil ich einige Jahre vorher die grauen Gibbons (Hylobates concolor) besass und wusste, wie anhängliche und unschuldige Thiere die jungen Gibbons sind.

Ihre Zutraulichkeit kann natürlich manchmal auch lästig werden. Eines Tages hatte der Herr X. den Secretär der Residentie zu Gaste. Einer der beiden Siamangs griff mit seinen Händen in den Teller des Gastes, um sich ein Stückchen Fleisch anzueignen. Der Herr Y. fand diesen unappetitlichen Eingriff in seine Rechte geradezu unschicklich und gab dem Affen einen Schlag auf seine diebische Hand. Die Hausfrau war darüber so entrüstet, dass sie vom Tische aufstand, den Affen zu sich rief und ihn zur Beruhigung küsste!

Mir ging es noch schlechter als dem Herrn Y.

Während dieses Besuches kamen auch die Kinder des Herrn X. zu mir, und bei einem derselben fiel mir ein rother Rand der untern Augenlider auf. Ich glaubte den Gastherrn darauf aufmerksam machen zu müssen. Erschrocken bat er mich, die Augen näher zu untersuchen. Wegen der spärlichen Beleuchtung schob ich meine Diagnose für den nächsten Morgen auf, und als ich um 11 Uhr bei ihm erschien, fand ich eine granulöse Augenentzündung. Bei der Besprechung der Vorsichtsmassregeln, welche gegen die Uebertragung auf die Augen seines Brüderchens genommen werden sollten, erwähnte ich entre autre auch der frischen Luft, welche im Hause herrschen müsse, und dass zu allen Stunden des Tages und Abends, in welchen die Sonne nicht direct die Vorgallerie bescheine, Thüren und Fenster offen stehen müssten, d. h. in unserm Falle, da diese nach Norden lag, schon eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang. »Dies geschieht doch immer,« erwiderte hierauf Frau X. Als ich darauf lächelnd bemerkte, mit Ausnahme von gestern, wo ich bei geschlossenen Thüren und Fenstern empfangen wurde, rief sie erzürnt aus: »Dies ist eine Lüge!« Ohne natürlich darauf nur ein einziges Wort zu erwidern, stand ich auf und fuhr nach Telók Betóng zurück. Den andern Tag kam der Herr X. mit seinem Söhnchen nach der Hauptstadt mit der Bitte, das Auge seines Söhnchens in Behandlung zu nehmen, und versprach mir, alle meine hygienischen Massregeln genau zu befolgen. Ich theilte ihm aber mit, dass ich niemals mehr sein Haus betreten werde, und als er mit Thränen in den Augen an meine Humanität appellirte, blieb ich unerschütterlich, weil es doch nur eine Geldfrage war. Herr X. konnte ja sein Söhnchen mit seiner Mutter nach Batavia schicken, wo er selbst das Bene haben könne, von einem Specialisten sein Söhnchen behandeln zu lassen.

Ich glaubte unerbittlich bleiben zu müssen, weil Frau X. überhaupt eine hohe Kunst besass, sich unangenehm zu machen. Sie hatte vor ihrer Reise nach Indien eine allzuhohe Auffassung von der Stellung ihres Mannes. Die Eingeborenen trugen aus Gewohnheit und aus Politik diesem Factor Rechnung. Diese Dame forderte dasselbe devote Entgegenkommen aber auch von den europäischen Mitbewohnern von Telók Betóng.

Im Allgemeinen ist der Holländer in Indien sehr ceremoniell, und gewiss haben (vor meiner Ankunft in Telók Betóng) die Officiere und die übrigen Beamten auch dieser Dame gegenüber der Etiquette Genüge geleistet. Als diese aber als »Europäerin« wenigstens dieselbe »hormat« (= Ehrenbezeigung) forderte, als der Frau des Residenten gegeben wurde, welche nur eine Nonna (= Halbeuropäerin) sei, wurde ein Misston in das Zusammenleben dieser kleinen europäischen Gemeinde gebracht und diese Dame — begann alles »Indische« zu verurtheilen. Alles war in ihren Augen schlecht und gemein. Das »indische« Essen, die »indische« Toilette, die »indischen« Officiere und die »indischen« Aerzte, die »indischen« Früchte und die »indischen« Frauen u. s. w. Solche Aeusserungen brachten sie natürlich noch mehr in den Gegensatz zu ihren Colleginnen, und zuletzt stand sie ganz isolirt. Offenbar war der oben erwähnte scharfe Ausdruck »Lüge« nur der Ausbruch einer erbitterten Stimmung.

Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Wie der Herr X. vor seiner Heirat ein verführerisches Bild von seiner Stellung in Indien seiner Braut mit mehr oder weniger Recht entwarf und seine Frau sich enttäuscht sah, als sie in’s Innere einer Insel sich versetzt sah, wo ihr das gesellschaftliche Leben gar nichts bot, so geht es vielen andern. Die Enttäuschung verleitet diese Menschen zu ungerechtem Urtheil über indische Zustände.

Der Herr B. Veth, wenn ich nicht irre, der Sohn jenes Professors Veth, welcher ein dickleibiges Buch über Java geschrieben hat, voll Liebe und Entzücken für das reizende Java, hat vor einigen Monaten seine Eindrücke über das Leben in niederländisch Indien veröffentlicht. Beinahe möchte man aus diesem Buche das Echo aller jener verunglückten Existenzen hören, welche in Indien ihre Ideale und Erwartungen nicht realisirt sahen. Es ist aber so wenig objectiv gehalten und übertreibt die Schattenseiten des Lebens in den Tropen in so hohem Maasse, dass er überhaupt nichts Gutes aus dem Leben in N. Indien mitzutheilen weiss. Nach 12jährigem Aufenthalt auf den Inseln des indischen Archipels kehrte er nach Holland zurück und ergötzte sich beim Landen in Genua an dem Lachen eines Matrosen, das in Indien überhaupt der Europäer nicht kenne?!! Wie ein dicker rother Leitfaden zieht durch das ganze Buch die Mittheilung von dem ekelhaften gemüth-, sitten- und geistlosen Leben der Europäer, ohne auch nur ein einziges Mal Beweise dafür zu bringen.


Am 15. Juni erschien im Hafen von Telók Betóng der Dampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit der gelben Flagge auf der Spitze des Hauptmastes. Die Hafenwacht verständigte davon sofort den »Hafenmeister«, und dieser wiederum schickte einen officiellen Bericht an den Resident und liess mich dieses durch ein »Leitje« wissen, um die etwaigen Befehle des Resident sofort ausführen zu können. Es war 4 Uhr Nachmittags, und sofort nahm ich mein Bad und kleidete mich an. Nach den herrschenden Quarantainevorschriften — die gelbe Flagge annoncirte nämlich die Anwesenheit von ansteckenden Krankheitsfällen auf dem Schiffe — darf niemand das ankommende Schiff betreten oder verlassen, bevor der Quarantaine-Doctor auf das Schiff gegangen ist und mit dem Schiffskapitän die nothwendigen Maassregeln besprochen und genommen hat. Kaum hatte sich der Anker des Schiffes in den Grund gebohrt, so bestieg ich das Deck und sah auf seinem vorderen Theil einen sterbenden Mann, der nach den Mittheilungen des Kapitäns und eines an Bord sich befindenden Militärarztes an Cholera gelitten hatte. Ob dies die richtige Diagnose gewesen sei, war in dem gegebenen Falle ohne Bedeutung. Es war kein Passagier für Telók Betóng an Bord; die Postsäcke und die Waaren, welche ausgeladen werden sollten, waren mit den Entleerungen der Patienten nicht in Berührung gekommen; ich schlug also vor, die Waaren auf das Land bringen zu lassen, niemandem zu gestatten, das Schiff zu betreten und das Schiff sofort seinen Weg fortsetzen zu lassen. Wie ich später hörte, waren bis zur Ankunft in Atjeh (Norden Sumatras) im ganzen vier Cholera-Fälle vorgekommen.

Im Juni des Jahres 1882 herrschte die Cholera auf Batavia nicht mehr epidemisch. Sporadische Fälle kommen zu jeder Zeit und überall auf Java vor.

Früher machte man sich diesbezüglich die Diagnose sehr leicht und behauptete einfach: Die sporadischen Cholerafälle sind keine Cholera gewesen; es hat eben eine Verwechslung stattgefunden mit einer Vergiftung von Arsenik oder mit jener perniciösen Form der Malaria, welche unter dem Namen »febris perniciosa Cholerica« beinahe dasselbe Krankheitsbild als die Cholera asiatica zeigt. Es giebt isolirt stehende Fälle von Cholera, gerade wie ich vereinzelte Fälle von Pocken beobachtet habe, und gerade wie in letzter Zeit vereinzelte Fälle von Pest in Europa vorgekommen sind. Dass diese vereinzelten Fälle kein epidemisches Auftreten veranlassten, ist bis jetzt ebensowenig einwandsfrei erklärt worden, als warum in Europa zeitweilig die Cholera kein Schlachtopfer fordert.

Mit dem unglücklichen Patienten, welcher sterbend auf dem Deck lag, habe ich mich nicht beschäftigt, weil ein Militärarzt an Bord war und die indische Dampfschifffahrts-Gesellschaft den Arzt immer reichlich honorirte, wenn er, auf der Reise begriffen, den Matrosen ärztliche Hülfe leistete[7], und desto mehr glaubte ich mich jedoch mit diesem jungen Oberarzt beschäftigen zu müssen, der offenbar zum ersten Male in seinem Leben einem Cholerafalle gegenüberstand und ein Opfer der Choleraphobie[8] geworden war. Durch Cognac glaubte er seinen aufgeregten Zustand, seine Praecordialangst und seine Furcht bemeistern zu können. Rathlos lief er auf dem Deck auf und ab und frug mich wiederholt, was er doch in diesem Falle zu thun habe. Was die Schiffshygiene betreffe, konnte ich ihm unter den gegebenen Verhältnissen nichts Besseres anrathen, als die Desinfection des Schiffes dem Kapitän zu überlassen, der ein erfahrener Mann und nebstdem auch diesbezüglich mit Instructionen und Arzneien versehen sei; wenn jedoch seine ärztliche Hülfe verlangt werde, könne und möge er sie den Patienten leisten, ohne zu fürchten, selbst ein Opfer der Cholera zu werden. Er könne ja jede Berührung mit den Excrementen vermeiden, und wenn durch Zufall dies doch geschehen würde, schütze ihn die sofortige Reinigung vor einer Infection. Was den prophylaktischen Gebrauch des Cognacs betreffe, müsse ich ihm aus der Erfahrung mittheilen, dass nur kleine Dosen, z. B. 20–30 Gramm einen Werth hätten, weil sie die Peristaltik des Magens anregen, dass jedoch grosse Dosen, welche er bereits genommen zu haben scheine, schädlich seien, weil sie die Acidität des Magens abstumpfen. Nun, mit diesem wohlgemeinten Rath ging es mir schlecht. »Ich bin ein Holländer,« erwiderte er hierauf, »und ich trinke wie viel ich will, und ich lasse mir von niemand etwas vorschreiben.« Ich versicherte ihn, dass ich keinesfalls beabsichtigte, ihn in seiner persönlichen Freiheit zu beschränken, und verliess das Schiff. Wie mir einige Wochen später der Schiffskapitän mittheilte, hatte dieser Arzt, der jetzt nicht mehr unter den Lebenden weilt, sofort nach meiner Abfahrt von dem Schiffe den Schiffskapitän gebeten, ihn durch sein Boot an’s Land bringen zu lassen, weil er mich zum Duelle fordern müsste.


Erst in der Mitte des Monates Juli bekam ich Gelegenheit, auch das Innere des Landes kennen zu lernen, und ich machte um so lieber davon Gebrauch, als ich bis nun nicht weiter als bis Tanjong Karang, d. i. 5 km hinter der Hauptstadt, gekommen war. Der Resident sollte eine Inspectionsreise nach dem nördlichen Grenzbezirk Tulang Bavang mit der Hauptstadt Menggala machen und lud mich ein mitzugehen, weil noch niemals der dortige Vaccinateur controlirt wurde. Er würde mir zu diesem Zwecke den im Hafen liegenden Gouvernementsdampfer »Berouw« zur Verfügung stellen. Er selbst wolle und müsse den Landweg nehmen, um gleichzeitig sich von dem Zustande der Wege und der zwischen der Residenzhauptstadt und Menggala gelegenen Bezirke überzeugen zu können. Natürlich musste zunächst der Landescommandirende, welcher den Rang eines Hauptmannes bekleidete, um die Erlaubniss angegangen werden, und dieser wiederum gab die Zustimmung für den Fall, als ich selbst den allgemeinen Gesundheitszustand der Truppen für günstig erklären könne und nach menschlicher Berechnung kein dringendes ärztliches Eingreifen in den nächsten Tagen meine Anwesenheit unerlässlich mache.

Wenn auch die gesetzlichen Bestimmungen für einen solchen Fall gesorgt haben und bestimmen, dass der Platzcommandant im Verhinderungsfalle des Garnisondoctors den täglichen Krankenrapport halten solle, und wenn auch im Marodenzimmer[9] sich nur drei Patienten mit Hautkrankheiten befanden, so verliess ich doch nur mit einiger Unruhe für einige Tage meinen Standplatz. Ich besass nämlich damals einen kleinen Siamang, welcher bereits domesticirt war und sich mit meinem Bedienten bereits befreundet hatte; nebstdem hatte ich kurz vorher einen Lampongaffen[10]! erhalten, welcher gelernt hatte, die Cocosnüsse von dem hohen Palmenbaume auf Verlangen herunterzuwerfen. Dies war eines der grössten Exemplare mit grossen Schlagzähnen. Wenn er seine Unzufriedenheit durch Aufheben der Oberlippe zeigte, flösste er geradezu Schreck und Furcht ein. Er hatte um den Bauch einen Riemen und war mit diesem durch einen Strick an einer Stange befestigt, auf welcher eine Kiste seinen Käfig bildete. Hin und wieder geschah es, dass er sich der Fesseln zu entledigen wusste. Dann eilte er jedesmal nach der Küche und bedrohte die weiblichen Bedienten. Jedesmal war es mir gelungen, sie rechtzeitig vor seinen scharfen Zähnen zu schützen. Wenn sie auch immer einen fürchterlichen Lärm schlugen, sobald der Affe in der Küche erschien und zwar geradezu mit einem drohenden Gesichtsausdrucke, so deuteten sie den Angriff in ganz anderer Weise als ich. Sie liessen mich glauben, dass dieser Angriff ihren körperlichen Reizen gelte — es war ein Männchen — und dass sie sich nur aus diesem Grunde durch Schreien und Lärmen ihn vom Leibe halten wollten. Dies wollte mir niemals einleuchten, und darum fürchtete ich, dass in meiner Abwesenheit dieser wilde Kumpan ein Unglück anrichten könnte.

Eine grössere Beunruhigung verursachte mir natürlich der Gedanke an die Möglichkeit, dass in meiner Abwesenheit entweder die Cholera ausbreche oder jemand sich den Fuss breche u. s. w. Sehr bald hatte Hauptmann X. meine diesbezüglichen Befürchtungen entkräftet und zwar mit den richtigen Grundsätzen, dass man im praktischen Leben nicht mit allen »möglichen« Fällen rechnen dürfe, sondern dass man nur die »wahrscheinlichen« Ereignisse im Auge halten müsse.

Die »Residentie« (= Provinz) Lampong hat zwei grosse Strassen und zahlreiche Pfade; die eine grosse Strasse geht beinahe in einer geraden Linie von der Hauptstadt bis nach Menggala, dem Ziele unserer Reise, und ist ungefähr 120 km lang. Bis zum Gunung Sugi, also ungefähr 55 km lang, geht dieser Weg über Berg und Thal und zieht sich in dem zweiten Theil auf der Ebene dahin. Diesen Weg nahm der Resident und zwar in einem dos-à-dos, welcher von einem und stellenweise von zwei Pferden gezogen wurde. In seiner Begleitung befand sich der Architekt und ein Polizeidiener.

Ich selbst erhielt in einem officiellen Brief das Ersuchen des Residenten, im Vaccine-Distrikte Menggala die Impfresultate des dortigen Vaccinateurs aufzunehmen und zu diesem Zwecke mit dem Regierungsdampfer »Berouw« am 14. Juli mich dahin zu begeben. Der Controleur des Bezirks habe bereits Befehl erhalten, mir bei der Inspection jedwede Hülfe zu leisten, d. h. zu sorgen, dass mir eine grosse Zahl von Eingeimpften vorgeführt werde und zwar so viel als möglich aus der jüngsten Zeit. Schönes Wetter begleitete uns auf der Fahrt längst der westlichen Küste der Halbinsel vor Katimbang, welche ein Jahr später so fürchterlich durch den Ausbruch des Krakatau gelitten hatte.[11] Bald bekamen wir die Spitze des Radja Basa (1341 Meter hoch) zu Gesicht, zogen bei der Schweinsecke und zwischen den Zutpheninseln hinaus in die Javasee. (Auch die Ostküste dieser Halbinsel wurde von dem wüthenden Elemente des Krakatau schwer heimgesucht; bis zur Nähe der Nordinsel wurde die Küste rasirt.) Wenn wir auch im Hintergrunde die Gebirge der Westküste vor uns vorbeiziehen sahen, so war doch die ganze Küste vom Vorgebirge Tua = Schweinsecke bis zur Mündung[12] des Menggalastromes flach und zum grössten Theil sumpfig. Die Sumpfvegetation begleitete uns bis an’s Ziel der Fahrt. Den folgenden Vormittag kurz vor 12 Uhr, also nach einer Fahrt von 29½ Stunden, liessen wir in Menggala den Anker fallen. Sofort begab ich mich zum Controleur X., welcher mir Gastfreundschaft anbot. Auf der Reise hatte ich gehört, dass der Schiffskapitän von dem »Berouw« und der Controleur nicht gut aufeinander zu sprechen wären. Dieses Factum nahm keinen Einfluss auf meinen Entschluss, von dem gastfreundlichen Anerbieten keinen Gebrauch zu machen. Einerseits war ich auf dem Schiffe gut geborgen, wofür übrigens der Schiffskapitän der Regierung 7 fl. pro Tag in Rechnung brachte, anderseits hatten, wie mir der Herr X. selbst mittheilte, schon zahlreiche Gäste sich bei ihm eingefunden, und ich zögerte also, mehr als nöthig zu incommodiren. Das gespannte Verhältniss zwischen diesen zwei Herren sollte sich bald auch in publico zeigen. Zunächst erfuhren wir, dass der Resident noch nicht angekommen sei und dass bei dem Wedono ungefähr 500 Mädchen versammelt seien, welche späterhin das Fest der »Mulis« aufführen sollten; unterdessen könnte ich die Arbeit der Vaccinateurs controliren.

Fig. 3. Ein Mädchen aus dem unabhängigen Korintji.

([Vide Seite 57].)

Die Wohnung des Controleurs war 1 km von der des Wedono entfernt. Ich ging also in Begleitung zweier Schiffsofficiere auf den Marsch. Der Vaccinateur erwartete mich mit seinen Rapporten in der »Pendoppo« des Häuptlings. Sein jeweiliger Standplatz wird von dem Residenten im Einvernehmen mit dem »Inspector des civilärztlichen Dienstes« in Batavia geregelt. Der Resident jeder Provinz lässt nämlich von seiner Provinz eine Impfungskarte anlegen, welche so eingerichtet ist, dass der Vaccinateur jeden Tag der Woche in einem andern Kampong sich aufhält. Die rings um dieses Centrum gelegenen Dörfer schicken ihre neu zu impfenden Kinder dahin und der Vaccinateur wählt aus den in der vorigen Woche mit gutem Erfolg eingeimpften Kindern 2–3 Kinder aus, welche gegen eine Vergütung der Reisekosten u. s. w. im benachbarten Centrum abgeimpft werden. Wie ich schon im Theile »Borneo« Seite 189 mittheilte, ist im Allgemeinen der Vaccinateur oder, wie er malaiisch officiell genannt wird, der »Mantri Djadjar« the right man on the right place; die Unkosten der Vaccination sind nicht hoch und der Segen der Vaccination hat bis nun nicht nur ganz Java, sondern auch einen grossen Theil Sumatras von der Geissel schwerer Blatternepidemien befreit.

Mit den Rapporten in der Hand besichtigte ich zunächst alle kleinen Kinder, welche vor 8 und vor 14 Tagen zum ersten Male eingeimpft waren. Beinahe kein einziger Fall befriedigte mich; ich sah nur grössere oder kleinere Geschwüre, welche ich unter andern Umständen geradezu für specifisch hätte halten müssen; selbst jene Impfstiche, welche erst 8 Tage alt waren, waren weder Knötchen noch Bläschen, wie ich es nach der Dauer der Impfung erwartete. Hierauf kamen die 500 Mulis = die Töchter der Häuptlinge zur Inspection; jede hatte 2–3 Narben auf der äusseren Seite jedes Oberarmes. Die Narben waren aber so gross und stark strahlenförmig, dass sie mich zur Frage zwangen, ob sie wohl noch wüssten, wie lange es gedauert hatte, bevor die Impfpusteln geheilt waren; nur einige dieser Mädchen wussten es noch, weil sie erst im reiferen Alter zum ersten Male eingeimpft waren. »Einige Wochen« und »einige Monate« waren die stereotypen Antworten. Diese lange Dauer der Heilung correspondirte mit den Geschwüren, welche ich bei der jüngsten Impfung gesehen hatte, und ich beschloss, wenn auch nicht auf ganz wissenschaftlicher Basis, radicale Abhülfe zu schaffen. Unterdessen war nämlich der Resident angekommen. Ich ging in die Pendoppo, um ihn zu begrüssen und ihm von dem Ergebniss meiner Inspection Bericht zu erstatten. Das Programm der weiteren Festlichkeiten sollte und konnte keine Störung erfahren; ich selbst sollte ja den folgenden Tag wieder nach Telók Betóng zurückkehren; ich hatte also weder Zeit noch Gelegenheit, mich mit dieser Sache an diesem Tage noch zu beschäftigen, um eine richtige Diagnose dieser Geschwüre aussprechen zu können.

Als aber der Resident mich frug, welche Vorschläge ich einreichen würde, wenn nach einer kunstgerechten Untersuchung die ungünstigste Diagnose dieser Geschwüre gestellt werden müsste, gab ich 3 Punkte an. 1. Sollte die weitere Abimpfung von Kindern vorläufig eingestellt werden. 2. Sollte sofort um Zusendung neuen Vaccinestoffes von Batavia ersucht werden. 3. Sollte der Vaccinateur die Zwischenzeit in der Hauptstadt sich aufhalten und unter meiner Aufsicht die Vaccination der Kinder vornehmen, um auch die Anforderungen der Reinlichkeit und Antisepsis kennen zu lernen. Zu meiner Ueberraschung erklärte der Resident meine Vorschläge für angenommen und ertheilte sofort die diesbezüglichen Befehle. Einige Tage später berichtete ich hierüber an den Sanitätschef in Batavia, welcher mir den Dank der Regierung für meine energischen Maassregeln aussprach.

Während meiner Unterredung mit dem Residenten, an der natürlich sich auch der Controleur betheiligt hatte, waren vor der Pendoppo die 500 Mulis mit ihren Vätern angetreten, um uns nach dem Festplatze zu begleiten, welcher sich bei dem Hause des Controleurs befand. Den Zug eröffneten die Häuptlinge; sie waren ohne Schuhe, trugen weisse Hosen, hatten um die Hüfte einen kurzen Sarong geschlungen, ihr Oberkörper war mit einem kurzen Sammtröckchen bekleidet, welches zahlreiche aus Gold gestickte Blumen hatte, und ihr Kopfhaar war nach malaiischer Sitte in ein ebenso kostbares Kopftuch eingewickelt. Die Mulis waren wie indische Bajaderen reichlich geschmückt, und wie mir ein arabischer Priester mittheilte, betrug der Preis des Schmuckes oft 2000 fl. Der Rand des Sarongs war von den meisten mit Ryksdaaldern benäht (à 2,50 fl. = 4¼ Mark) und der Salindang von einzelnen hatte am vordern Rande eine Reihe von Goldstücken im Werthe von je 10 fl. = 16½ Mark. Die Nägel ihrer Hand staken in langen spitz zulaufenden Köchern aus Silber; über die Brüste schlang sich ein goldener Gürtel und auf dem Kopfe trugen sie eine mit Goldblech belegte Krone ([Fig. 1]). Es machte auf mich einen eigenthümlichen Eindruck, hinter einer Schaar von kleinen (1,15 Meter hohen) braunen Mädchen zu schreiten, welche durch ihre entblössten braunen Schultern und Rücken, ich weiss nicht mehr durch welche Ideenverbindung es geschah, an eine Heerde fetter Schafe erinnerte.

Als wir auf dem Festschauplatze ankamen, spielte sich eine jener kleinlichen Reibereien ab, welche ceteris paribus in allen Colonien der Welt mit der Anwesenheit junger Beamten verbunden sind. An und für sich sind es ja keine staatenbewegenden Ereignisse oder Principienfragen, welche das Aufeinanderstossen der verschiedenen Würdenträger veranlassen; sie schaffen aber Zwist und Verbitterung, deren Folgen manchmal selbst »politische Fehler« genannt werden müssten. Doch ad rem.

Der Boden war mit Matten bedeckt und zwei Faulenzerstühle und zwei gewöhnliche Sessel waren für die »Autoritäten« reservirt. Der Resident bot mir den Sitz zu seiner Rechten an. Leider habe ich den tiefen (?) Grund dieser Selbstverleugnung des Residenten nicht verstanden und mich dadurch der seltenen Gelegenheit beraubt, das ganze Fest der Mulis sehen zu können. Nachdem ich mehr, als es sich thatsächlich vertheidigen liess, gegen diese unverdiente Ehre protestirte, setzte sich endlich der Resident nieder, und ich nahm zu seiner linken Seite Platz. Hierauf erschien die angesehenste Muli mit einem Päckchen Cigaretten in der Hand und einer brennenden im Munde. Während sie eine Cigarette an der letzteren anzündete, offerirte sie diese dem Residenten, ging bei mir vorbei und offerirte dem Controleur von Menggala und seinem Gaste, seinem Collegen von Seputi, ebenfalls eine brennende Cigarette. Als eine zweite und eine dritte Muli dasselbe wiederholten, bestand in mir kein Zweifel, dass dieser Vorgang programmgemäss sich abspielte und dass der Resident aus diesem Grunde mir den Ehrenplatz angewiesen hatte. Diese Ehrenbezeigung sollte nur den Beamten als den Vertretern der Regierung erwiesen werden. Ich frug also den Controleur, ob auf seine Anordnung die Mulis an mir vorbeigingen, ohne auch mir eine Cigarette anzubieten; ja, rief er stolz aus, denn diese Hormat (= Ehrenbezeigung) kann doch nicht auch einem Maschinisten geboten werden. (Der Schiffscapitän stand mit seinen Officieren hinter uns.) Diese Bestätigung meiner Vermuthung, dass nur den Beamten von den Eingeborenen »Hormat« geleistet werden sollte, entrüstete mich so, dass ich aufstand und dem Residenten mittheilte, dass Kopfschmerzen mich verhinderten, weiter an dem Feste theilzunehmen, und den hinter mir stehenden Schiffscapitän ersuchte, mit mir auf das Schiff zurückzukehren. Ich war damals 32 Jahre alt, also zu jung, um mit Gleichmuth eine absichtliche Zurücksetzung gegenüber einem jungen Mann von 22 bis 23 Jahren aufzunehmen; ich war aber auch schon zu alt, um die Ursache dieser Zurücksetzung in mir zu suchen, und heute drängt sich die Frage in mir auf, ob denn der modus vivendi der jungen Beamten gar so tadelnswerth sei. Den Eingeborenen gegenüber sind sie die Vertreter der Regierung, dies wird niemand bezweifeln; dass sich in der Brust eines 22- bis 25jährigen jungen Mannes das Selbstvertrauen unter dem Einflusse der Verhältnisse zu einer Ueberhebung steigere, möge man ihnen ruhig gewähren. Diese Beamten haben ja, wenn sie nicht verheirathet sind, im Innern des Landes eine isolirte und auch an vielen Gefahren exponirte Stellung. Für viele Jahre sind sie den Wohlthaten eines civilisirten und gesellschaftlichen Lebens entrückt. Die eingeborenen Häuptlinge, mit denen sie verkehren, üben aus Gewohnheit und vielleicht noch mehr aus Opportunitätsrücksichten die grösstmögliche Schmeichelei und Unterwürfigkeit diesen Beamten gegenüber. Dies ist eine Entschädigung für die Entbehrungen, denen diese jungen Männer ausgesetzt sind. (Wie oft haben sie monatelang kein Stückchen Brot gesehen?) Ich kann ja aus eigener Erfahrung bestätigen, dass sie späterhin diesen Grössenwahn ablegen, und mit sehr viel Vergnügen erinnere ich mich noch heute der zahlreichen angenehmen, liebenswürdigen Männer, welche sich in den höheren Regionen der indischen Beamtenwelt befinden. Ich habe z. B. 1½ Jahr später im Innern Sumatras um 11 Uhr meine Antrittsvisite bei dem Controleur gemacht, welcher zufällig die Häuptlinge seines Bezirkes um sich versammelt hatte. Ich war damals schon Regimentsarzt, also im Range viel höher als er; ich war vielleicht um 12 Jahre älter, und doch erhob er sich nicht von seinem Sessel, als ich eintrat, drehte nicht einmal den Kopf um, sondern lud mich mit einer seitlichen Bewegung der Hand ein, mich zu setzen. Späterhin lernte ich ihn als einen gebildeten und thatsächlich höflichen Mann kennen. Eines Tages glaubte ich, ihn bei einem Gläschen Wein über diesen eigenthümlichen Empfang in ruhiger Weise interpelliren zu müssen. Ja, sagte er, dies ist richtig; aber ich war »im Dienste«. Nun, alte Männer können auch unangenehme Seiten haben; lassen wir den jungen Leuten den Stolz als schönes Vorrecht ihrer Jugend!

Noch heute bedauere ich es, dass ich durch diesen Zwischenfall der seltenen Gelegenheit mich selbst beraubt habe, einem solchen Feste der Eingeborenen Sumatras bis zu seinem Ende beiwohnen zu können. Abends machte ich mit den Officieren des »Berouws« eine Visite bei dem Schreiber des Controleurs, welcher der zweite und letzte Europäer des Ortes war, betheiligte mich an dem Souper, welches der Controleur zu Ehren seiner Gäste gab, und den nächsten Tag verliessen wir zu Schiff Menggala, während der Resident wiederum über Land seine Rückreise antrat. Circa 11 Uhr des zweiten Tages kamen wir in Telók Betóng an. Am Ufer stand mein Bedienter mit dem kleinen Siamang auf dem Arm. Ein lauter Freudenschrei, U—U, durchdrang die Lüfte, als der kleine Affe mich auf dem Schiffe erblickte; er sprang auf den Boden und lief unruhig auf dem Ufer auf und ab und hielt seine langen Arme über seinem Kopfe beinahe in einem Halbkreis gebogen.

Mit einem Kahn musste ich mich an’s Ufer bringen lassen, weil damals noch keine Pier bestand. Kaum hatte ich dieses betreten, so stiess mein kleiner Hausfreund wieder einen Freudenschrei aus, sprang auf meinen Arm und legte seinen Kopf gegen meine Wange.

Zu Hause angekommen, fand ich einen Araber auf mich warten, welcher mir einen kleinen Elephanten, einen jungen männlichen Siamang und einige Seeigel und Seesterne zum Kaufe anbot. Für den Elephanten verlangte er 50 fl. Dieser Betrag war nicht zu hoch; ich konnte mich aber nicht entschliessen, den kleinen Elephanten zu kaufen, weil ich wusste, in kurzer Zeit diese Garnison verlassen und nach Batavia gehen zu müssen, wo ich zur Erlangung des höhern Ranges ein Examen ablegen sollte. Der Transport eines solchen kleinen Hausthieres ist immer mit Schwierigkeiten verbunden. Da ich mit aller Wahrscheinlichkeit nach dem Examen von Batavia wieder nach irgend einem anderen Theile des indischen Archipels transferirt werden würde, hätte der kleine Elephant mir sehr grosse Auslagen durch die Transportkosten verursacht. Der Araber theilte mir nebstdem mit, dass er mit Reis und Gras gefüttert werden müsse. In Batavia muss nicht nur der Reis, sondern auch das Gras gekauft werden; ein kleiner Elephant hat einen sehr regen und grossen Appetit; ich hätte also täglich für sein Futter ungefähr 1 fl. bezahlen müssen, während ein paar Pferde nur um 30 Ct. täglich an Reis und Gras verzehren.

Ich kaufte von dem Araber also nur für meinen kleinen Hausfreund seinen Kameraden, die Seeigel, Seesterne und eine grosse Zahl von Muscheln. Auch hatte er in einer Petroleumbüchse (von 18 Liter) in Seewasser zahlreiche Quallen, welche, wie er mir erzählte, von den Küstenbewohnern gegessen würden, von dessen Richtigkeit ich mich einige Tage später überzeugen konnte. Austern sind ja auch für den europäischen Gaumen eine Leckerei; warum sollten diese Quallen den Lampongern nicht behagen?


Meine Reise in’s Innere dieser Provinz hatte keinen grossen Erfolg. Die Zeit war zu kurz, um in das Leben, die Sitten und Gebräuche der einheimischen Bevölkerung einen richtigen Einblick zu bekommen, und thatsächlich sind meine Aufzeichnungen, welche ich damals machte, nichts mehr als Aphorismen, welche ich den Mittheilungen der Häuptlinge verdanke und welche von dem Controleur bestätigt wurden.

Die Lampongsche Sprache ist ein Dialekt, welcher mehr mit der sundanesischen als mit der eigentlichen malaiischen Sprache Mitten Sumatras verwandt zu sein scheint; ich war dieses Dialektes nicht mächtig und sprach mit den Häuptlingen den sogenannten Kasernen-malaiischen Jargon, mit welchem man ja auf allen Inseln des indischen Archipels in der Regel auskommt.

Es überraschte mich zu hören, dass sie ein Alphabet besitzen (eine Abart des Sanskrit), und dass nicht nur die Häuptlinge, sondern auch der grösste Theil der Bevölkerung lesen und schreiben können; aber noch mehr Verwunderung zeigten die Häuptlinge, als sie von mir hörten, dass es europäische Völker gäbe, unter welchen sich 30 bis 40% Analphabeten befänden. Zum Schreiben benutzten sie früher Lontarblätter, Bambus und Bast; gegenwärtig sind natürlich Papier und Stahlfeder allgemein im Gebrauch.

Ihre literarischen Producte bestehen in Klageliedern (hiwang), in grossen Erzählungen (sarambay), in Liebesliedern (wajak) und in Märchen, während einige Zwerghirscherzählungen nur mündlich sich fortpflanzen.

Ihre Häuser stehen auf Pfählen, sind mit pittoresken Figuren in Holz geschnitten oder gemalt versehen und bestehen bei dem »kleinen Mann« aus Bambusmatten und bei den Häuptlingen aus Brettern.

Ich glaube nicht, dass irgend ein Volk in Europa einen so zahlreichen Adel besitzt, als er in dieser Provinz Sumatras gefunden wird. Schon im 15. Jahrhundert sollen die Lamponger Unterthanen des Sultans von Bantam (West-Java) gewesen sein, und seit dieser Zeit haben ihre Fürsten aus der Eitelkeit der Lamponger ein einträgliches Geschäft gemacht; als im Jahre 1752 die »Lampongschen Distrikte« die Lehnsherrschaft der »indischen Compagnie« anerkannten, im Jahr 1808 unter Daendels dem Sultan von Bantam abgenommen wurden und erst im Jahre 1856 durch einen Sieg über die Häuptlinge Hadji Wacha, Wak Mas und Raden Inten in den ruhigen Besitz des holländischen Staates kamen, kannte kein Lamponger ein grösseres Glück, als ein Pangkat (= Rang oder Titel) zu besitzen, den er um theueres Geld von dem Sultan und mit kostbaren Festmählern erstehen konnte. Solche adelige Titel waren: Pangeran, Radèn, Dalem, Temanggung, Sutan, Ngabéhi Mas für Männer und Anggin, Mas Inten, Owoq, Dalem Ratu für verheirathete Frauen.

Zu den adeligen Insignien gehören die Papadun, die Sesako und die Lawang Kori. Die Papadun ist ein hölzerner, mit Gold und Silber beschlagener Divan, und die Sesako eine Rückenlehne aus demselben Material. Die Lawang Kori ist eine Ehrenpforte bei dem Hause, welche häufig und zwar bei allen festlichen Gelegenheiten benützt wird, während die beiden andern nur bei dem Festmahle gebraucht werden, welches zu Ehren der Erhebung in den Adelstand[13] gegeben wird. Originell ist die Titi Kaki djalma. Viele Frauen bemühen sich nämlich, das Recht zu erhalten, mit den Füssen auf den Rücken eines Mannes sich zu stützen, wenn sie auf einen Tragestuhl in die Sesat (= Gemeindehaus) getragen werden und dort aussteigen. Andere »Stiftsdamen« dürfen kupferne oder silberne Krüge, Schüsseln, welche auf einer Matte stehen, bei ihren festlichen Gängen auf dem Boden vor sich ziehen lassen. Natürlich sind die Farbe und der Schmuck des Pajung (Sonnenschirm), welcher über ihrem Haupte getragen wird, ebenso deutliche Zeichen ihres Adels als bei den Häuptlingen auf Java.

Auf diese kleine ethnographische Skizze beschränkt sich mein Wissen von den Sitten und Gebräuchen der Lamponger.

Warum ich damals nur wenige Kröpfe gesehen habe, obwohl oft behauptet wird, dass in dieser Gegend und in dem benachbarten Palembang 16–80% (?!) der Bevölkerung diese Geschwulst am Halse besitzen sollen, ist mir nicht bekannt. Sollte gerade in diesem Districte die unterste Grenze dieser statistischen Behauptung sich befinden?

Fig. 4. An den Ufern des Musistromes (= Fluss Palembang).

([Vide Seite 58].)

2. Capitel.

Deutsche Soldaten — Ein Mörder (?) — Im Werbedepot — Ein Eremit — Elektrische Diagnosen — Ein Erdbeben — Schutzbrillen — Sandalen — Punka — Eine Menagerie — Chemisch reines Trinkwasser in den Lianen — Mein Name wird ominös — Telegraph und Elephant — Der Arzt in den Colonien — Eine wohlthätige Fee — Meine Abreise von Telók Betóng — Grösse von Sumatra.

Die holländisch-indische Armee war vielleicht ein Jahrzehnt lang geradezu eine Fremdenlegion zu nennen. Das »fremde Element« war oft so stark vertreten, dass z. B. die Schweizer allein in Semarang eine Meuterei in Scene setzen konnten, welche 24 Stunden lang die ganze Stadt in Furcht und Sorge versetzte. Ich selbst hatte wirklich interessante Begegnungen mit deutschen und österreichischen Soldaten, Unterofficieren und Officieren.[14] Auch in Telók Betóng befand sich ein Sergeant in Garnison, der durch seine allgemeine Bildung hoch über das Niveau seiner Kameraden hervorragte. Ich nahm keinen Anstand, ihn bei mir zu empfangen und mit ihm zu verkehren, obwohl ich zwei Jahre vorher (und auch späterhin) wirklich unangenehme Erfahrungen mit den »Landsleuten« gemacht hatte. (Meine Naturalisirung zum Holländer war jedoch durch diese unangenehmen Erfahrungen weder beeinflusst noch bedingt.)

Vor 25 bis 30 Jahren strömten zahlreiche junge Leute nach Harderwyk, dem Werbedepot der colonialen Armee, und viele von ihnen fanden nicht nur eine gesicherte Existenz, sondern kamen nach Verlassen des militärischen Dienstes auch zu Wohlstand und selbst zu Reichthum. In der holländischen Armee erfreuten sich die deutschen Soldaten einer besonderen Werthschätzung, und ausnahmslos hörte ich von allen holländischen Officieren, die ich darüber interpellirte, diese als die besten Elemente der Armee bezeichnen; ich verstehe also nicht, wie Carthaus ein so düsteres Bild von dem Leben eines deutschen Soldaten in dieser Armee entwerfen konnte. (Vide: »Aus dem Reiche von Insulinde« von Dr. Emil Carthaus, VII. Capitel.) Ja noch mehr. Ich hatte Gelegenheit, einen Corporal zu sprechen, welcher s. Z. in der Fremdenlegion von Frankreich und zwar in Tonkin gedient hatte. Die Behandlung durch die Officiere und die ganze Verpflegung, deren sich der »Fremde« in der holländischen Armee erfreue, könne nicht einmal mit der in der französischen Armee verglichen werden, sagte mir dieser Corporal. Unter den Holländern fühle er sich heimisch und führe ein sorgloses Leben, während er in Tonkin oft den Tag verflucht habe, an welchem er sich in die Fremdenlegion Frankreichs aufnehmen liess.

Diese kurzen Mittheilungen über die »Fremden« in der holländischen Armee mögen die Einleitung zu dem folgenden Capitel sein, ohne dass ich nur andeutungsweise verrathen will, wie viel davon Wahrheit und wie viel davon Dichtung sei. Das Thatsächliche ist dem Lebenslaufe mehrerer Collegen entnommen.

Auf dem Wege zwischen Telók Betóng und Tanjong Karang stand ein Haus, welches sich in vieler Hinsicht von dem gewöhnlichen Typus der indischen Wohnung unterschied; es wurde von einem hochbetagten Greise bewohnt, von welchem die seltsamsten Dinge erzählt wurden. In seiner Jugend soll er als Mediciner in Deutschland die tollsten Streiche ausgeführt haben; auf dem Mensurboden war er geradezu gefürchtet. Eines Tages fiel sein Gegner, am linken Arme verletzt, zu Boden, und in seiner Wuth sah unser jetziger Eremit nicht das an dem Arme strömende Blut. Er stiess dem Verwundeten den Stahl in’s Herz und mit einem Aufschrei der Entrüstung schleuderte ihn sein eigener Secundant in die Ecke des Saales. Während der anwesende Arzt ohne Erfolg sich mit dem unglücklichen Gegner beschäftigte, traten die vier Secundanten sofort zu einer Berathung zusammen. Der »Mörder« stand unterdessen regungslos an der Mauer angelehnt. Nach wenigen Minuten erschien jeder der vier Secundanten vor ihm, spuckte vor ihm aus, und zuletzt kam der behandelnde Arzt, führte ihn zu der Leiche seines Gegners und zeigte ihm die Wunde am linken Arm. »Sie Schuft« waren die einzigen Worte, welche er sprach, und spuckte ebenfalls vor ihm aus. Sofort ging Dr. X. nach Haus, packte seinen Koffer ein und verliess die Universitätsstadt L. Ohne Aufenthalt reiste er bis Harderwyk, um sich dort als gemeiner Soldat in die indische Armee einreihen zu lassen.

Ein junger Mann, der damals mit dem Postwagen nach Harderwyk kam und nach dem Werbedepot frug, war zwar keine auffallende Erscheinung, aber eine herrliche Beute für die damals in Hülle und Fülle lauernden Werber, vulgo Hyänen genannt. Vor einer Taverne hielt der Wagen still und unser Aesculapius fiel natürlich sofort in das Netz eines solchen »Blutsaugers«. Ein ausgedienter Corporal trug ihm den Koffer in die mit Rauch und Qualm gefüllte Schankstube und bot sich als Führer in Harderwyk an. Dr. X. liess für sich und seinen Cicerone ein Gläschen Schnaps geben und erfuhr von dem Wirthe, dass sein Führer 6 Jahre in Indien gedient habe und daher alle möglichen Auskünfte über das Leben in den Tropen geben könne. Unaufgefordert theilte er auch mit, dass er Documente, wie Heimathschein, Reisepass oder Taufschein, in hinreichender Menge in Vorrath habe:

»Auf der Rückreise nach Europa sterben an Bord einzelne Soldaten, um die kein Hahn kräht; seine Kameraden nehmen ihm dann die Briefe, etwaiges Geld und die Documente ab. Sind es ehrliche Menschen, senden sie das Geld und die Briefe an die ihnen etwa bekannte Adresse. Heimathscheine u. s. w. der Verstorbenen kaufe ich ihnen ab. Es kommen häufig junge Leute nach Harderwyk ohne irgend ein Document, weil sie in aller Eile ihre Heimath verlassen haben; besonders von unseren deutschen Brüdern müssen viele junge Leute flüchten, weil sie zu viel Ehrenschulden hatten, oder weil sie einen andern Studenten im Duell getödtet haben, oder weil sie von einem ihrer kleinen Fürsten mit zu wenig Respect gesprochen haben; diese Leute haben dadurch Ursache, so bald als möglich Europa zu verlassen; ihre »Papiere« haben sie vergessen mitzunehmen; ohne »Papiere« werden sie beim Werbedepot nicht einmal zugelassen. Also bin ich nur in der Lage, ihnen aus ihrer Verlegenheit zu helfen und verkaufe ihnen irgend einen der Heimathscheine, welche ich stets in Vorrath habe; darauf ist alles echt; die Unterschrift des Bürgermeisters ist echt, der Stempel des Gemeindeamtes ist echt; Alles ist echt. Hier gegenüber steht ein Wirthshaus, welches ebenfalls solche »Papiere« verkauft. Darauf ist Alles falsch: der Stempel, die Unterschriften des Bürgermeisters und des Notars, welcher die Unterschrift legalisirte. Was ist die Folge? Wenn ein Soldat Unterofficier geworden ist und er beabsichtigt, Officier zu werden, so werden auf Grund seines Heimathscheines Erkundigungen eingezogen und dann ist er blamirt. Seine Heimath kennt in der Regel nicht einmal den Namen.«

Bei diesen Worten des Gastwirthes zog ein schmerzhaftes Lächeln um die Lippen unseres Flüchtlings, der plötzlich seinen Koffer ergriff, ihn öffnete und daraus einen Heimathschein nahm und den Wirth ersuchte, diesen gegen einen andern einzutauschen; er sei selbst bereit, 10 Fl. darauf zu zahlen. Das Geschäft wurde geschlossen, und unter dem Namen Johann Schmidt, Bäckergeselle aus Berlin, meldete er sich den andern Tag beim Werbedepot an. Obwohl damals die Assentirung der Recruten in Harderwyk sehr oberflächlich geschah, fiel der »Bäckergesell« Johann Schmidt durch seinen zarten Körperbau und durch seine wohlgepflegten Hände auf, so dass der anwesende Oberarzt sich über diesen »feinen« Bäckergesellen lustig machte. »Nun,« rief Johann Schmidt unvorsichtig aus, »ich bin kein homo quadratus, aber Sie, Herr College, sind es ja auch nicht; Sie brauchen also mich nicht zur Zielscheibe Ihrer Witze zu machen.«

Der Oberarzt gab darauf keine Antwort und erklärte ihn »geeignet für den Dienst in den Tropen«. Johann Schmidt, so wollen wir ihn auch weiterhin nennen, ging missmuthig zurück in die Taverne und malte sich alle schrecklichen Folgen seiner unvorsichtigen Aeusserung aus; er sah sich bereits wegen Fälschung seines Heimathscheines gerichtlich verfolgt, bestraft und in seine Heimath abgeschoben, wo er wegen feigen Mordes an einem wehrlosen, zu Boden gesunkenen Verwundeten justificirt werden sollte. Trübsinnig sass er auf der hölzernen Bank der Taverne und wies alle aufmunternden Worte seiner Schicksalsgenossen ab; Nachmittags sollten sie beeidet werden und ihr Handgeld bekommen; sie hatten also unbeschränkten Credit und seine neuen Kameraden machten davon ausgiebig Gebrauch; anstatt des Schnapses füllten französischer Rothwein und weisse Rheinweine die schmutzigen Gläser; die kleinen stinkenden Tabakspfeifchen wurden weggeworfen und Cigarren von nicht besserer Qualität, aber um das Dreifache überzahlt, angezündet. Junge und alte, hässliche und hübsche Mädchen mischten sich unter die halbbetrunkenen Recruten, und ihre Zoten waren das Echo der Flüche und Verwünschungen, mit welchen die »Colonialen« ihrer Vergangenheit und ihrer Heimath gedachten.

Plötzlich erschien an der Thüre ein Corporal und rief mit lauter Stimme: »Wo ist Johann Schmidt, Bäckergeselle aus Berlin?« Als keine Antwort erfolgte und der Corporal sich schon entfernen wollte, brachte ihn der Wirth zu unserm neuen Recruten Johann Schmidt, welcher vertieft in seine Träumereien nicht wusste, dass er nun für immer und ewig Johann Schmidt aus Berlin sei und bleiben werde. Von dem Corporal aufgefordert, zum Oberarzt X. zu kommen, begab er sich dahin. Zu seiner grössten Ueberraschung wurde er von seinem Collegen mit theilnahmsvollen Worten empfangen und selbst eingeladen, mit ihm ein Gläschen Bitter zu trinken. Nachdem er bei der Assentirung sein Incognito unwillkürlich gelüftet hatte, zögerte er jetzt keinen Augenblick, die volle Wahrheit zu erzählen. Da der Oberarzt die Gewissheit gewann, dass er thatsächlich bereits Medicinae Doctor geworden war und selbst bedeutendes medicinisches Wissen verrieth, gewann das Mitleid Oberhand, und er beschloss, diesen jungen Mann zu retten. Er liess sich von Dr. X. den Namen und die Adresse des Arztes mittheilen, welcher bei dem unglücklichen Duell Hülfe geleistet hatte, und ersuchte den Recruten, 14 Tage ruhig und anständig in Harderwyk zu leben; es würde wahrscheinlich noch einige Wochen dauern, bis er sich einschiffen werde können, und während dieser Zeit werde er doch als Recrut in Harderwyk militärische Dienste leisten müssen, resp. abgerichtet werden. Während der nächsten drei Wochen wurde er nur in dienstlichen Angelegenheiten hin und wieder zum Oberarzt gesendet, welcher ihn stets mit Herablassung, aber ohne jedes andere Zeichen von Wohlwollen empfing; schon hatte er von seinem Sergeanten die Nachricht erhalten, dass die ganze Compagnie in einigen Tagen sich auf einem grossen Dreimaster einschiffen werde, und hatte bereits die Abschiedsbriefe an seine noch lebenden Eltern geschrieben, als er eines Tages den Befehl erhielt, unter Geleite von vier Mann nach Utrecht zu gehen. Sofort nach seiner Ankunft wurde er zum Platzcommandant beschieden, welcher ihm mittheilte, dass der Oberarzt in Harderwyk sich seiner in jeder Hinsicht angenommen habe; alle seine Mittheilungen über sein Vorleben wären für richtig gefunden worden, und die holländische Regierung sei bereit, ihn unter gewissen Bedingungen als Militärarzt in Dienst zu nehmen; vor allem anderen müsse er jedoch den Herrn Johann Schmidt fragen, ob er beschwören könne und wolle, dass er thatsächlich nichts von der Wunde seines Duellgegners gewusst habe, und dass er nicht mit Ueberlegung dem zu Boden gesunkenen Feind das Schwert in die Brust gestossen habe. Als er sich dazu bereit erklärte, wurde er vor eine viergliedrige ärztliche Commission gebracht, vor welcher er diesen Eid ablegte, und da »sein Diplom als Doctor der Medicin in Verlust gerathen war«, stellten sie einige medicinische Fragen an ihn, welche ihnen die Ueberzeugung verschaffen sollten, dass keine Personenverwechslung stattgefunden habe. Nach sechs Wochen schiffte er sich als »Officier van Gezondheid« 3. Kl. mit einem Dreimaster ein und kam nach einer Reise von 105 Tagen glücklich in Batavia an. Mit Fleiss und Eifer widmete er sich seinem Berufe; besonders das »nervöse« Leben in den Tropen reizte seine Forschungssucht. Trotz der mangelhaften Technik der damaligen Zeit versäumte er keine Gelegenheit, von verstorbenen Soldaten oder Sträflingen (dwangarbeiders) einige Stücke von Nerven der Schenkel oder Arme sich herauszuschneiden und mit seinem primitiven Mikroskope zu untersuchen; wenn bei den zahlreichen Expeditionen, an welchen er theilnehmen musste, den verwundeten Soldaten ein Arm oder ein Finger oder der Fuss amputirt werden musste, fand er trotz aller schwerer Arbeit immer noch Zeit, von der amputirten Extremität alle grösseren Nerven heraus zu präpariren und sie in Weingeist oder Aether zu bewahren, um durch Zupfpräparate die groben Veränderungen in den Nerven zu studiren; bald aber genügte ihm dieses nicht mehr, und er verlegte sich auf das Studium der functionellen Störungen der Nerven in den Tropen. Diese erforderten grössere Apparate und — lebendes Material. Soweit jene in den grossen Spitälern von Java vorräthig waren, wie z. B. eine grosse elektrische Batterie, sah er davon ab, sie aus Europa kommen zu lassen, weil sie bei seinen häufigen Transferirungen nur ein Lastposten gewesen wären; doch im Jahre 186. nahm er seinen Abschied, zog sich in die Einöde des Innern Sumatras zurück, baute sich nach eigenen Plänen ein Haus und schaffte sich alle Apparate an, welche zur Untersuchung der Functionen der Nerven unentbehrlich waren.

Der Abschied aus dem Militärverbande geschah unter so eigenthümlichen Verhältnissen, wie er mir erzählte, dass ich es nicht unterlassen kann, sie mitzutheilen. Er befand sich im grossen Militärspitale zu S. und erhielt eines Tages den Befehl, in Vertretung des Garnison-Doctors entre autre auch das Militär-Gefängniss zu besuchen; in der letzten Zelle lag ein zum Tode verurtheilter Mörder. Dieser litt an Dysenterie. Bevor er die Zelle verliess, ersuchte ihn der Patient, ihm mehr zu essen zu geben, als er bis jetzt erhielt. Dr. Schmidt wollte zunächst seinen Stuhlgang inspiciren, der vor der Thüre in einem grossen Topf sich befand, um darauf seine diesbezügliche Entscheidung zu basiren. Der Patient schien dies nicht verstanden zu haben, sprang aus dem Bette und wollte dem Doctor zu Leibe; die Krankenwärter sprangen dazwischen, und unbehindert konnte er die Zelle verlassen. Als er dieses seinem Chef mittheilte, liess dieser ihm die Wahl, officiell darüber an den Platzcommandanten zu berichten oder zu schweigen; in dem einen Falle würde der Verurtheilte gewiss nicht begnadigt werden, während in dem zweiten Falle dies sehr wahrscheinlich sei, weil der damalige Gouverneur-General nur sehr selten das Todesurtheil eines europäischen Verbrechers bestätigte. Gleichzeitig nahm der Chef den Kopfzettel des Patienten zur Hand und las, ohne etwas zu ahnen, den ursprünglichen eigenen Namen des Dr. J. Schmidt vor. Wie vom Blitz getroffen, stürzte er zu Boden. Nachdem er sich erholt hatte, nahm er aus Gesundheitsrücksichten den Abschied aus dem Dienst und beschloss, die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen von allem Verkehr mit den Menschen nur für die Wissenschaft zu leben. Niemals gab er sich die Mühe — seine Eltern waren ja bereits gestorben —, seinen heimathlichen Behörden von dem Tausche seines Heimathscheines und von der Personenverwechselung mit dem Mörder Aufklärung zu geben.

Ohne ihn von meiner Ankunft verständigt zu haben, überschritt ich den kleinen (0,4 Meter hohen) Zaun, welcher den Garten von dem Wege trennte. Ein gewaltiger Trompetenstoss eines alten Elephanten begrüsste uns, ohne dass wir ihn sahen, und ein junger näherte sich uns neugierig; er war noch keine 1½ Meter hoch und blieb in einiger Entfernung vor uns stehen. Gleichzeitig sahen wir aus einem Hause im Hintergrund einen alten Mann ein Fernglas auf uns richten und einen malaiischen Diener auf uns zukommen, der zunächst den kleinen Elephanten mit einem Stock nach hinten trieb und uns hierauf um unsere Namen und um den Zweck unseres Besuches frug. Auf dem »Leitje« (= Schiefertafel[15]) schrieb ich, dass ich als College und Landsmann bei seinem Hause nicht vorbeifahren könne, ohne mich ihm vorgestellt zu haben. Sofort erschien ein alter Mann, den ich wenigstens 80 Jahre alt schätzte; sein Rücken war gekrümmt, ein weisser kurz geschnittener Bart und dichtes weisses Haar zierten seinen Kopf; weiche Züge verriethen einen sanften milden Charakter; gekleidet war er in chinesische Toilette, d. h. er hatte eine dunkle leinene Pluderhose (Nachthose) und eine weisse Kabaja an; seine Füsse trugen keine Schuhe, sondern braune Sandalen, welche mit einem breiten gestickten Riemen von dem Rücken des Fusses getragen wurden. Eine indische Katze[16] folgte ihm in einiger Entfernung. In etwas gebrochenem Deutsch frug er mich um mein Begehren, da er nicht voraussetzen könne, dass ein so junger Arzt, als ich sei, nur durch Neugierde getrieben ihn aufzusuchen käme; was die Landsmannschaft beträfe, habe er gar keine Ursache, sich noch als Deutschen auszugeben, weil er seit vielen Jahren nicht nur jede Verbindung mit seiner Heimath abgebrochen habe, sondern auch bis auf gewisse medicinische Fragen jedes Interesse dafür verloren habe. Als ich ihm jedoch mittheilte, dass ich in Telók Betóng von seinen Forschungen gehört habe, dass mich die moderne Lehre von dem Entstehen der Krankheit nicht ganz befriedige, und dass ich deshalb nicht aus Neugierde, sondern im Verlangen, etwas zu lernen, zu ihm käme, da zuckte ein Freudenstrahl durch seine Augen. »Was,« rief er aus und zog mich beim Arme in sein Haus, ohne meinen Begleiter nur eines Wortes oder eines Blickes zu würdigen, »Was! Sie junger Arzt schwören nicht auf die Unfehlbarkeit der Bacteriologie!? Nun kommen Sie herein zu mir! Vorgestern bin ich aus dem dos-à-dos gefallen; wie Sie sehen, ist das Gelenk meiner rechten Hand geschwollen; ich bitte Sie, untersuchen Sie mich und sagen Sie mir, ob das Köpfchen einer der beiden Knochen oder vielleicht beide gebrochen seien? Doch nein! ich will Ihnen sofort meine Untersuchungsmethode zeigen. Hier steht eine elektrische Batterie; ich steche nun zwei feine Nadeln in meinen gesunden Arm und verbinde sie mit 24 Elementen; wie Sie sehen, bekomme ich jetzt eine Ablenkung der Magnetnadel auf dem Widerstandsmesser bis zu 250; dasselbe geschieht, wenn ich auf meinem kranken Arm oberhalb der verletzten Stelle die Nadeln einsteche. Wenn ich aber — achten Sie jetzt gut auf die Grösse des Widerstandes — die eine Nadel in den geschwollenen Theil einführe, zeigt der Widerstandsmesser 350°. Natürlich werden Sie mir einwenden, dass dieses eine Folge des Ergusses in das Gewebe sei; Sie irren sich aber darin sehr stark; durchfeuchtete Gewebe sind bessere Leiter der Elektricität als trockene und — mein Kutscher Kromo war mit mir aus dem Wagen gestürzt und hat sich das linke Schienbein gebrochen; die Schwellung ist bei ihm bereits geschwunden und die Fractur des Schienbeines lässt sich noch heute sehr leicht und bequem constatiren. Ich bitte Sie, Herr College! untersuchen Sie gefälligst jetzt diesen Patienten in der von mir angegebenen Weise, und Sie werden beinahe denselben Unterschied als bei mir in der Widerstandsgrösse finden. Hab ich nun nicht das Recht, in dieser Abweichung der Magnetnadel ein unfehlbares diagnostisches Verfahren zu sehen? Vor einigen Wochen litt mein malaiischer Nachbar an einer rechtsseitigen Lungenentzündung; am 9. Tag wich das Fieber, das Husten wurde schwächer u. s. w. Am 12. Tag stieg die Temperatur wieder auf 39,5°, er klagte wieder über heftige Schmerzen, er begann zu deliriren u. s. w.«

Fig. 5. Ein Mädchen aus Semang (Malacca).

([Vide Seite 69].)

»Ich bin ein alter Mann; ich höre nicht mehr gut; ich konnte ihn also nicht auscultiren; überhaupt war ich niemals in der modernen Untersuchungsmethode der Lungen bewandert; ich musste mir meine Diagnose auf anderen Erscheinungen aufbauen; diesmal griff ich zu meiner elektrischen Nadel und constatirte, dass der obere Lappen der linken Lunge angegriffen war. Die Vergrösserung der Leber, des Herzens und der Milz constatire ich leichter als die grössten Professoren in Europa. Die Veränderungen der Muskeln und Nerven, wie sie besonders in der Beri-Beri auffallend zu Tage treten, werden durch meine Nadeln so leicht nachgewiesen, dass ich selbst die leichtesten Formen und die ersten Anfänge dieser Krankheit diagnosticiren kann; und Sie, Herr College!« Ohne meine Antwort abzuwarten, führte er mich zu allen seinen Apparaten, welche vor 18 Jahren thatsächlich die modernsten genannt werden mussten. Nebstdem war ein Tisch mit zahlreichen medicinischen Wochenschriften in der deutschen, holländischen und französischen Sprache bedeckt, und sein Bücherschrank[17] zeigte eine grosse Auswahl der diesbezüglichen Werke. Hierauf führte er mich in die Veranda, wo sich ein Apparat zur Bestimmung der elektrischen Spannung in der Luft befand; der Galvanometer befand sich in einer graduirten Röhre und bestand aus einer kleinen Scheibe von der Grösse einer 10 Cent-Münze und ruhte auf einer feinen stählernen Feder. »Sehen Sie,« rief mir Dr. Schmidt zu, »das ist mein Haustyrann. Steht die Scheibe auf 1, dann ist die elektrische Spannung in der Luft gering; dann ziehe ich seidene Unterwäsche an und esse schwere Kost, z. B. die »Rysttafel«; bei einem Stande von 2 nehme ich wollene Leibwäsche und esse gemischte Kost, und bei dem höchsten Stande der elektrischen Spannung (No. 3) nehme ich nur Fleischspeisen. Dieser Apparat ist ein strenger Tyrann; denn er schreibt mir auch vor, was und wieviel ich trinken darf, wann ich zu Fuss oder zu Pferd spazieren oder ob ich mich von meinem Elephanten in einem Wagen ziehen lassen solle. Die geringste Uebertretung seiner Befehle wird sofort bestraft. Eine Erkältung der Lungen, eine Diarrhoe, ja selbst ein Fieberanfall sind die Strafen, mit welchen er jede Ausserachtlassung seiner Befehle ahndet. Selbst meine Bedienten und alle Eingeborenen meiner Umgebung unterwerfen sich seinen Anordnungen. Die weissen Nachbarn und alle Europäer in Telók Betóng lachen natürlich über meine elektrischen Schrullen, wie sie es nennen, und schwören auf die Fahne der Bacteriologie; wir hatten selbst einen Beamten in der Nähe, der nur gekochtes Wasser trank, seine Kinder, seine Teller und seine Fussböden mit gekochtem Wasser reinigte, und selbst die Pisang, die Mangga und die Durian in gekochtem Wasser abwaschen liess, bevor sie seine Kinder in die Hände nehmen mochten; die Folgen blieben aber nicht aus; die ganze Familie sieht wie Leichen aus; schauen sie jedoch mich, meine Diener und selbst alle Eingeborenen an, welche zu jeder Zeit die jeweilige Spannung der Elektricität berücksichtigen und — kein einziger ist krank, kein einziger leidet jemals an Fieber, Beri-Beri, indischem Spruw oder Dysenterie.«

Seine Mittheilungen waren von so zahlreichen Angaben über Ampères, Watts und Widerstandsgrössen begleitet, eine so grosse Reihe von Gelehrten auf dem Gebiete der Elektrophysiologie wurde dabei erwähnt, dass ich sie weder mir merken noch bei meiner Ankunft in Telók Betóng in meinem Tagebuche aufnehmen konnte. Viele Einwände gegen seine Theorien konnte ich nicht machen. Einerseits beherrschte ich dieses Thema kaum oberflächlich, weil mein diesbezügliches Wissen aus meiner Studienzeit schon lange als Ballast über Bord geworfen war, und zweitens erwartete Dr. Schmidt offenbar keine Widerlegung; seine Mittheilungen stürmten ja wie ein Bergstrom auf mich ein und liessen mich gar nicht zu Worte kommen; offenbar hatte er das Bedürfniss, dieses Thema nach allen Seiten zu besprechen, obwohl ich durch kein einziges Wort ein Verständniss dafür verrieth.

Eben wollte ich von ihm eine Aufklärung über die Construction seines mir unbekannten Elektrometers erbitten, als der alte Elephant eine heftige Unruhe zeigte, die Pferde im Stalle laut wieherten, aus dem nahen Urwalde klagende Laute des Schweinsaffen (Cercopithecus nemestrinus), des Siamangs (Hylobates syndactylus) und das Brüllen eines Tigers zu unseren Ohren drangen, Hunde, Gänse, Hühner, Ziegen und Schweine unruhig um das Haus liefen und der kleine Elephant selbst sich auf die Treppe der Veranda flüchtete. Unwillkürlich oder instinctmässig warfen wir einen Blick auf den Galvanometer; sein Schwimmer flog mit ungeheurer Geschwindigkeit auf und ab. »Wir bekommen Erdbeben,« rief Dr. Schmidt und zog seine Uhr heraus. Nach ungefähr 1 Minute fühlten wir das Haus schwanken, und gleichzeitig erscholl neben uns das Klingeln einer elektrischen Glocke. Ein Seismometer d. h. ein Erdbebenmesser war mit Drähten mit einem elektrischen Glockenapparate verbunden, welcher sich ebenfalls in seinem Arbeitszimmer befand. Wir eilten dahin, um die Richtung des Erdbebens und seine Intensität aufzunehmen. Auf einer kleinen gemauerten Säule stand der Apparat. An einem feinen Seidendraht hing ein kleines metallenes Kügelchen, welches bei unserer Ankunft wie ein Pendel hin und her schwankte; hin und wieder traf es einen der 16 Stifte, welche sich am Rande der Scheibe befanden; in demselben Augenblicke war der Contact mit der elektrischen Glocke hergestellt und das Läuten begann. Die 16 Stifte lagen in der Richtung der Striche einer 16 theiligen Windrose; da das Kügelchen des Pendels stets 2 Stifte traf, welche SWS und NON entsprachen, so constatirten wir dadurch, dass das Erdbeben in der Richtung von Java über Sumatra seinen Weg genommen hatte. Zwischen dem ersten Auftreten der elektrischen Erscheinungen und dem ersten Signal des Seismometers war 1 Minute verstrichen; dieses deutete auf eine kleine Entfernung der Ursprungsquelle des Erdbebens. Dr. Schmidt dachte an einen feuerspeienden Berg in der Sundastrasse, obzwar, wie ihm (und mir) bekannt war, schon seit dem Jahre 1680 keine vulcanische Eruption in dieser Strasse stattgefunden hatte; ich für meine Person enthielt mich jeder Ansicht, weil mir die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbeben nicht bekannt war und ich noch weniger wusste, wie die verschiedenen Medien, Wasser, alluvialer Boden und tertiäre Schichten diesbezüglich sich verhalten. Das Erdbeben hatte nur einige Secunden gedauert; im Ganzen hatte ich nur zwei Stösse verspürt, und das Pendel des Seismometers kam bald zur Ruhe.

Mein Begleiter hatte sich unterdessen mit dem kleinen Elephanten unterhalten und den Garten besichtigt, welcher das Haus umgab. Während Dr. Schmidt in’s Haus ging, um die Zeit, Richtung und Intensität des Erdbebens zu notiren, machten mich meine Freunde auf den eigenthümlichen Stil des Hauses und der Nebengebäude aufmerksam und verurtheilten alles, was sie sahen, weil es nicht den herrschenden Anschauungen entsprach. Ich konnte mich nur theilweise diesem strengen Urtheile anschliessen und behielt mir vor, mein Endurtheil auszusprechen, bis ich von Dr. Schmidt Aufklärungen über alles und jedes erhalten hätte. Leider geschah, was ich befürchtete. Dr. Schmidt motivirte sein ganzes Thun und Lassen mit dem wechselnden Widerstand der Stoffe gegen die Erd- und Luft-Elektricität, und wiederum ergoss sich ein Strom von Ziffern und Namen über mich. Da viele seiner Erklärungen einen wissenschaftlichen Kern hatten, d. h. den allgemein giltigen Anschauungen der Hygiene entsprachen, so mögen sie hier ihren Platz finden, ohne dass ich natürlich seine Motivirung heute noch mittheilen könnte oder wollte. Zunächst trugen alle seine Bedienten, wie er selbst, rauchgraue Brillen und Sandalen. Jene sollten sie nur im Freien gebrauchen und zwar wenn es nicht regnete. Jedermann ist es bekannt, wie während der trockenen Zeit (bei einer Temperatur von ungefähr 37–40 ° C.) die heisse Luft in solche Schwingungen versetzt wird, dass man sie selbst sehen kann. Die Brechung des Lichtes ist eine ungeheuere und reizt geradezu das Auge (die Retina). Der Gebrauch einer solchen Brille ist also gewiss anzuempfehlen, wenn sie nicht gleichfalls für schwaches Licht z. B. im Hause oder im schattenreichen Garten gebraucht wird. Ich selbst hatte stets eine solche bei mir, wenn ich in der Mittagsstunde zu meinen Patienten fahren musste.

Was die Sandalen betrifft, darüber sind die Acten noch nicht geschlossen. Der Eingeborene geht am bequemsten blossfüssig; selbst als Soldat oder als Kuli, welcher 30–40 Kilo 20–30 Paal (= 30–45 km) weit tragen muss, wird er gewöhnlich ohne Schuhe oder ohne Sandalen marschiren; gewöhnlich sind die Landstrassen, die Wege der Stadt und des Dorfes ungepflastert und bestehen aus einer Lehm- oder Humusschicht, welche mit Sand oder kleinem Gerölle gemischt ist. Thatsächlich ist das Gehen ohne jede Bedeckung der Sohlen in Indien geradezu ein Genuss. Wer daran zweifelt, möge z. B. um 12 Uhr bei einer europäischen Schule stehen; die Jugend stürmt natürlich wie überall lebenslustig aus dem Schulhause; sobald der Lehrer oder die Lehrerin aus dem Gesichtskreise verschwunden ist, werden von allen Kindern Schuhe und Strümpfe ausgezogen, und blossfüssig eilen sie nach Hause oder balgen sich auf der Wiese. Selbst erwachsene Männer und Frauen werden hin und wieder im Hause oder im Garten vergessen die Pantoffeln zu gebrauchen. Die Haut der Fusssohlen wird durch das Gehen ohne Schuhe so derb, dass sie durch stumpfe Steinchen oder durch die rauhe Oberfläche des Pflasters nicht verletzt wird; Glasscherben, Nägel oder spitze Steine verletzen natürlich den Fuss des Eingeborenen ebenso gut als die Sohle des »Orang baru«, welcher seit seiner ersten Jugend niemals blossfüssig gegangen ist. Die Haut des Eingeborenen wird aber nicht nur derber, sondern verwandelt sich oft auch in eine Schwiele; ich sah sehr oft bei Recruten eine Form derselben, deren Entstehungsweise mir noch heute dunkel ist. Der ganze Ballen und die ganze Ferse war mit einer Schwiele bedeckt, welche durch zahlreiche kleine, bis stecknadelkopfgrosse Grübchen das Aussehen eines Siebes erhielt; der Recrut hatte keine Schmerzen und wurde dadurch nicht im Geringsten im Marschiren beeinflusst. Das Reglement für die Assentirung spricht nur von »unheilbarer Schwielenbildung in solchem Grade, dass dadurch das Marschiren erschwert wird«, und in § 322 von malum perforans pedis = durchbohrende Fussgeschwüre, als Ursachen, um einen Recruten zurückzuweisen; aber dennoch nahm ich solche Recruten nicht an, weil sie einmal angenommen und im Besitze des Handgeldes sich wegen dieses Uebels sehr leicht krank melden können. Relativ ungünstiger ist eine partielle Schwielenbildung der Sohle; in der Regel entstehen durch begrenzte Schwielen in der Umgebung Risse oder Rhagaden in der Haut, welche schmerzhaft sind und selbst das Gehen auf der hölzernen Flur erschweren. Auch dieses Uebel beobachtete ich häufig bei den eingeborenen Soldaten, und s. Z. ersuchte die Regierung in Europa (!?) die ärztliche Facultät um das Gutachten, ob auch diesen Soldaten Schuhe verabfolgt werden sollten. Auf Grund des Gutachtens, welches vom Generalstabsarzte i. P. Dr. van Gelder abgegeben wurde, blieb es beim Alten, d. h. die eingeborenen[18] Soldaten erhalten keine Schuhe, es sei denn, dass ein militärärztliches Zeugniss das Tragen von Schuhen (mit Strümpfen) zur Heilung von krankhaften Zuständen der Fusssohle für den betreffenden Patienten nothwendig erkläre.

Ob nun Dr. Schmidt mit Recht oder mit Unrecht seine Diener veranlasste, Sandalen zu tragen, muss ich unerörtert lassen, weil ich zu untersuchen vergass, ob sie Rhagaden oder Geschwüre an der Fusssohle hatten. Natürlich sind Sandalen in den Tropen weniger unangenehm als Schuhe, veranlassen keine Schweissfüsse, missformen nicht die Gestalt der Füsse[19] und sind auch billiger. Noch muss ich mittheilen, dass einige angesehene Malaien im Bade hölzerne Sandalen gebrauchen. Das sind hölzerne Sohlen mit grossen Hacken und haben in der Nähe der Spitze einen Knauf, welcher zwischen der ersten und zweiten Zehe getragen wird.

Bekanntlich umgeben die indischen Feinde ihre kleinen Forts mit eigenthümlichen Chicanen. Das Terrain ist mit Gras oder Gesträuch bedeckt, und dazwischen befinden sich hölzerne Nägel, welche 10–20 cm aus dem Boden hervorragen. Sie sind scharf zugespitzt und durchbohren manchmal selbst eine dicke Schuhsohle. Noch öfter ist in dem Gesträuche Stachelbambus (Bambu duri) verborgen, welcher nur die blossen Füsse bedroht, während die mit Schuhen bekleideten Soldaten ungefährdet darüber schreiten können. Ich muss annehmen, dass Generalstabsarzt Dr. van Gelder auch mit diesem Factor rechnete, als er sein Gutachten abgab, dass die eingeborenen Soldaten kein (?!) Bedürfniss für Schuhe haben sollten! —

Eine Interpellation über die eigenthümliche Bauart seines Hauses schien Dr. Schmidt erwartet zu haben, denn sofort brachte er ein Bündel Zeitschriften, Broschüren und eigene Aufsätze herbei, um seine Behauptungen von dem bedeutenden Unterschiede im elektrischen Widerstande zu unterstützen, welche die einzelnen Baustoffe zeigen sollten.

Das Gebäude, in welchem wir uns bis jetzt befanden, war nur sein Arbeitszimmer und war entsprechend seinen elektrischen Untersuchungen frei von Eisen und anderen metallenen Ornamenten u. s. w. Es bestand beinahe ganz aus Bambus. Selbst die Flur der Veranda und des grossen Saales (von 4×7 m) bestand aus gespaltenem Bambus und war mit Matten bedeckt, welche aus gespaltenem Rottang geflochten waren. Meine Frage, ob durch dieses Material sein Laboratorium nicht leide, beantwortete er mit der Gegenfrage: ob ich für seine Arbeiten ein besseres Arbeitszimmer construiren könnte. Durch die Spalten und Lücken der Matten bestehe ein ewiger Luftstrom, so dass nicht nur jeder Unterschied in der elektrischen Spannung der Luft, sondern auch in der Temperatur derselben entfalle. Dadurch sei es allerdings zur Mittagszeit im Laboratorium ebenso warm als in der Veranda; er sei aber ein alter Mann, dem die hohe Temperatur kein unangenehmes Gefühl verursache, und er bleibe von jenen Fehlern in der Beobachtung der elektrischen Spannung verschont, welche alle Berechnungen zeigen, wenn sie mit diesem Factor nicht rechnen. Wenn bei herrschender Windstille die Luft im Zimmer stagnire, lasse er die »Punka« von einem Kuli in Bewegung setzen, welche über seinem Schreibtisch sich befinde, und zwar nur eine halbe Stunde, während er sich gleichzeitig in der Veranda aufhalte. Dieser Luftstrom werde mit Recht »Zugluft« genannt; sie verursache ihm geradezu Reissen im Kopfe, das dann noch einige Stunden anhalte. Der Rheumatismus der Muskeln und Gelenke entstehe auch nur durch die verschiedene elektrische Spannung in den einzelnen Luftschichten, und wenn in Europa einmal diese Wahrheit in die grosse Menge der gelehrten Aerzte Eingang gefunden haben werde, könnte ein günstiger Erfolg in der Prophylaxe und in der Behandlung des Rheumatismus nicht ausbleiben. Natürlich leidet nicht Jedermann durch die Unterschiede der elektrischen Spannung in den verschiedenen Luftschichten; denn, um nur ein Beispiel anzuführen, der 20jährige Jüngling habe einen viel grösseren Widerstandscoefficienten in den Muskeln und Säften des Körpers als der 80jährige Greis, und darum werde ein junger Mann die Luftbewegung oder den Zug, welcher durch die Punka veranlasst wird, sogar angenehm finden. Dies ist die Ursache, welche mich veranlassen würde, eine Punka für jedes Privathaus, jede Caserne, jede Kirche, ja selbst für gewisse Säle in Spitälern anzuempfehlen, d. h. wenn sie ebenfalls aus Bambus gebaut sind. Steinerne Gebäude bedürfen dessen nicht; wenn diese so gebaut sind, dass die Feuchtigkeit des Bodens nicht in die Mauern zieht, wenn für hinreichende Ventilation gesorgt ist, können um 11 Uhr Fenster und Thüren geschlossen werden. Die durch die diversen Oeffnungen einströmende warme Luft ist leichter als die im Hause befindliche kühle Luft, und steigt in die Höhe. Natürlich muss sich in einem solchen steinernen Gebäude eine hinreichend grosse Dachventilation befinden, so dass dieser warme Luftstrom, welcher gleichzeitig die Verunreinigungen, durch die Ausathmungen und Ausdünstungen der Menschen und Thiere bedingt, mit sich führt, unbehindert hinausströmen kann. Andererseits muss das Hineinströmen des Regens unmöglich gemacht werden, wofür die Ingenieure zahlreiche Vorrichtungen kennen.

Nach diesen weitläufigen Erörterungen auf dem Gebiete der Hygiene und der elektrischen Untersuchungsmethoden fasste mich Dr. Schmidt bei dem Arme und führte mich nach der Rückseite des Laboratoriums. Dort zeigte er mir die Wohnungen seiner Bedienten, den Stall mit seinem grossen Elephanten, einen Käfig für alle Sorten Affen der Insel Sumatra und sein Vogelhaus. Ich sah grosse und kleine Exemplare des Kees (Cercopithecus kynomolgus), des Schweinsaffen (Inuus nemestrinus), des Siamang (Hylobates syndactylus) und des Orang-Utan (Pythecus satyrus); es befanden sich darunter hübsche Exemplare von dem grauen Wau Wau (Hylobates leuciscus), von dem Gibbon mit weissen Händen (H. Lar) und von dem H. variegatus, und er besass paarweise 6 Sorten von Simpeis (= Semnopithecus) und zwar den S. obscurus, den S. albocinereus, den S. ferrugineus, den S. femoralis, den S. pruinorus und den S. Thomasi. In dem Vogelhause befanden sich zahlreiche Sorten Hühner, 2 Sorten Enten, Gänse, Fasanen (Euplocamus sumatrensis), Pelicane, Marabus, Perlhühner und 4 Sorten Tauben. Auch 2 Pfauen schritten stolz in dem für sie durch ein Drahtgehege abgeschlossenen Raume auf und ab. Neben dieser Volière stand ein grosser Käfig mit einem kleinen Königstiger und in einem kleinen Käfig befand sich eine Zibethkatze (Viverra tangalunga). Nur kurze Zeit hielt ich mich bei dieser kleinen Menagerie auf und äusserte mein Bedauern, meine Begleiter nicht länger auf mich warten lassen zu dürfen. Lächelnd wies er mit erhobenem Arm nach einem Haine, welcher sich hinter der Menagerie befand, und rief aus: »Die Herren sind wohl versorgt und aufgehoben. Sie können ganz beruhigt sein, Herr Doctor! Hinter diesem kleinen Walde, welcher mir das reinste und beste Trinkwasser liefert, steht meine Burg, und Ihre Begleiter sitzen schon seit einer halben Stunde bei einem Gläschen Bitter und trinken dazu ein Glas frisches, kühles, krystallhelles Wasser, welches ich den Lianen entnehme, die sich von Baum zu Baum dieses kleinen Waldes schlingen. In meiner Burg befindet sich zwar ein Ziehbrunnen; sein Wasser entspricht aber kaum den bescheidensten Anforderungen an ein gutes Trinkwasser, auch wenn es durch einen Filtrirstein[20] aus Grissée gegangen ist. Die Natur in den Tropen sammelt in ihrem Reichthum diesen kostbaren Schatz, das chemisch reine Wasser in den Lianen in so grosser Menge, dass ich in diesem kleinen künstlich angelegten Urwalde täglich mein Verlangen nach diesem köstlichen Nass für mich und meine Angehörigen in jeder Hinsicht befriedigen kann. Nebstdem besitze ich, wie Sie sofort sehen werden, eine kleine Maschine, welche die Temperatur des Wassers auf 10 ° C. herabsetzen kann, und auf diese Weise bleibe ich von allen Krankheiten verschont, welche ein unreines und ungesundes Trinkwasser in der Regel entstehen lässt.«

Fig. 6. Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn in Deli.

([Vide Seite 76].)

In dem Haine befand sich ein Pfad von ungefähr ½ Paal Länge, den wir darauf betraten, und nach einigen Krümmungen sah ich im Hintergrunde ein kleines Plateau mit einer Burg, welche von einem Wassergraben umgeben war; ein sumatranischer Hund[21] (Canis sumatranis) begleitete uns, der, wie die Gladakker auf Java, nur halbgezähmt war; eine Wachtel (Turnix pugnax) flog von Baum zu Baum, ohne dass wir den in Europa bekannten Schlag hörten, und am Ende des Pfades befand sich ein Wassergraben, welcher mehr als 5 Meter breit war. Die »Burg« war ein grosses hölzernes Gebäude mit starken Palissaden umgeben; an den vier Ecken befanden sich 10 Meter hohe Thürme, welche je eine Kanone trugen. Uns gegenüber befand sich ein grosses Thor, das, wie ich später hörte, auf elektrischem Wege sich öffnete, sobald ein Knopf auf dem letzten Baume des Pfades gedrückt wurde, und gleichzeitig senkte sich eine Zugbrücke über den Wassergraben. Das Innere der Burg entsprach im Ganzen und Grossen einem malaiischen Kampong, und die einzelnen Häuser hatten den Baustyl der »Padang’sche Oberländer« ([Fig. 2]). In der Veranda des ersten Hauses sassen meine Begleiter und unter ihnen ein 14jähriges schönes europäisches Mädchen und ein Fräulein, welches mir als die Gouvernante der Nichte des Dr. Schmidt vorgestellt wurde. Sie war eine Engländerin, welche beim Nennen meines Namens mit einem Aufschrei zusammenstürzte. Es gelang uns beiden, sie bald wieder zur Besinnung zu bringen, und als das nervöse Schluchzen und Weinen nachgelassen hatte, theilte sie uns die Ursache dieses unerwarteten Anfalles mit. In London hatte sie als die Tochter eines angesehenen Kaufmanns eine glückliche Jugend verlebt und in ihrem 23. Jahre sich mit einem Herrn Breitenstein verlobt, welcher am Tage ihrer Hochzeit wegen Betrugs, Diebstahls und Bigamie verhaftet wurde. Um diese Schmach zu vergessen und der Schande zu entfliehen, welche dieser Scandal auf den Namen ihrer unbescholtenen und ehrenwerthen Eltern geworfen hatte, war sie aus der Heimath geflüchtet und hatte in dieser Einöde Sumatras den heissgeliebten Mann zu vergessen gesucht. Schon Wochen und Monate lang hatte sich ihr Geist mit diesem Namen nicht mehr beschäftigt, und so geschah es, dass beim Nennen meines Namens die traurige Vergangenheit mit ungeschwächter Kraft in ihrem Geiste auftauchte und sie zu erdrücken drohte. Es gelang mir bald, den ungünstigen Eindruck, welchen mein Name veranlasst hatte, zu verscheuchen und in einem gemüthlichen Gespräche die englische Dame wieder ihre Vergangenheit vergessen zu lassen. Dabei zeigte »die Nichte« des Hausherrn eine solche Vielseitigkeit des Wissens, dass wir unserer Verwunderung Worte leihen mussten. Sie sprach die deutsche, holländische, französische und englische Sprache ebenso geläufig als die malaiische und lampongsche Sprache, las den Virgil und die Iliade im Urtexte und widmete sich unter Leitung ihres »Onkels« dem Studium der höhern Mathematik und Geometrie. Ein lebhaftes Interesse gewann ich für dieses junge Geschöpf, welches sich fern von allen Genüssen der modernen Civilisation dem Studium solcher abstracten Wissenschaften widmete, obwohl sie kaum den Kinderjahren entwachsen war, und bat meinen alten Collegen, mir etwas mehr über den Bildungsgang dieses »Wunderkindes« und auch über die etwaige erbliche Disposition ihres Geistes mitzutheilen. Leider berührte ich offenbar damit einen wunden Punkt in seinem Leben. Ohne zu antworten, stand er auf, murmelte die Worte: »Also auch neugierig« und entfernte sich. Einige Minuten später erschien sein Bedienter mit dem Leitje, auf welchem Dr. Schmidt mir mittheilte, dass er wegen heftiger Kopfschmerzen sich zu Bett hätte legen müssen und dass er mir und meinen Reisegenossen eine »gute Reise« wünsche.

Wir verliessen also »die Burg« und kehrten auf demselben Wege, den wir gekommen waren, zur Hauptstrasse zurück, um unsere Reise nach Tanjong Karang zu Pferd fortzusetzen.


Den 7. September 1882 wurde wieder meine Transferirung beschlossen, um mich im grossen Militärspitale zu Batavia zu dem Examen vorbereiten zu lassen, welches mir das Avancement zum Regimentsarzt ermöglichen sollte. Ein paar Tage später erschien diese Transferirung in den Zeitungen, und mein Freund, der österreichische Consul O. Mayer, verständigte mich sofort davon telegraphisch.

Damals ging der Telegraph durch die Sundastrasse nach Telók Betóng und von dort bis nach Padang auf der Westküste der Insel Sumatra; die nördliche Provinz Atjeh und die bedeutenden Plantagen auf der Ostküste Sumatras bedienten sich im Bedarfsfalle des englischen Kabels, welches von der Insel Pénang via Singapore nach Batavia ging. Der Postdirector zu Telók Betóng hat mir die Schwierigkeiten geschildert, welche mit dem Legen des Telegraphen durch den Urwald Sumatras verbunden waren, so dass ich es begreiflich fand, dass der Telegraph damals nicht auch nach dem Osten der Insel gezogen wurde. Einerseits hätten zahlreiche »unabhängige Länder« durchzogen werden müssen, und anderseits die Arbeiten im Urwalde und besonders die etwaigen unvermeidlichen Reparaturen in den »unabhängigen Ländern« und in den Urwäldern so einen Aufwand von Geld, Menschenleben und Zeit gekostet, dass die Regierung davor zurückschrecken musste. Selbst die Arbeiten in den unterworfenen Ländern und in den gelichteten Urwäldern gingen nur langsam von statten durch die Angriffe der — Elephanten. Diese Thiere benützten nämlich die eisernen Telegraphenstangen zum Hautkratzen, wenn es sie juckte. Es wurden soviel Telegraphenstangen von ihnen umgeworfen, dass man die Isolatoren zuletzt auf lebenden Bäumen anbringen musste. Ob sich die diesbezüglichen Verhältnisse heute schon gebessert haben, ist mir nicht bekannt.

Als ich mit dem Dampfer vom 15. October officiell von meiner Transferirung verständigt wurde, musste ich die Frage beantworten, ob ich von der gesetzlichen Begünstigung Gebrauch machen wolle, einen Monat einem Militärspital zur Dienstleistung zugetheilt zu werden, um ein hinreichendes Material zur Uebung und Vorbereitung zum Examen benützen zu können. Es geschah nämlich damals nur zu oft, dass junge Militärärzte direct von der Schule und sofort nach dem letzten Rigorosum nach Indien gingen und nach kurzem Dienste in irgend einem grossen Spitale nach den Aussenbesitzungen geschickt wurden und zwar in kleinere Forts von 50 bis 100 Mann. Wenn sie einige Jahre hindurch täglich oft nicht mehr als 2 bis 3 Patienten zu behandeln hatten, kamen sie aus der Uebung der üblichen Untersuchungsmethode wegen Mangels an passendem Material, und wenn sie dann nach 6 bis 8 Jahren mangelhafter Praxis zum Examen zugelassen worden wären, hätte ein Misserfolg unmöglich ausbleiben können. Diese Verhältnisse veranlassten mich auch, im II. Bande, Seite 52, das Bedauern auszudrücken, dass diese Examina abgeschafft wurden; sie waren und würden es heute noch sein, ein Sporn oder ein moralischer Zwang, das auf der Schule erworbene theoretische medicinische Wissen in der Praxis zu pflegen und weiter auszubilden. Ich weiss es, dass seit der letzten Organisation der medicinischen Studien in Holland wirklich gut unterrichtete und ausgebildete Mediciner in die Praxis eintreten; aber ich weiss es auch aus eigener Erfahrung, dass die Schulweisheit sehr bald über Bord geworfen wird, wenn die Praxis nicht das Material, den Sporn zur Fortsetzung der Studien giebt. Wenn man z. B. Monate oder Jahre lang keinen Fall von Lungenkrankheiten zur Behandlung bekommt, dann verliert man auch die Sicherheit in der Untersuchung der Lunge durch Percussion und Auscultation, und in der medicinischen Wissenschaft gilt in erster Reihe das Sprichwort: »Stillstehen heisst Zurückgehen«. Ja noch mehr. Wenn die jungen Aerzte in den Colonien von Zeit zu Zeit in die grossen Spitäler zur Dienstleistung eingetheilt werden, dann unterhalten sie nicht nur ihr auf der Schule erworbenes theoretisches Wissen, sondern werden auch ärztlich so vielseitig gebildet — als es ihre Collegen in Europa gewiss nicht sind. Der Colonial-Arzt ist ja durch die herrschenden Verhältnisse gezwungen, sich in allen Zweigen des ärztlichen Wissens zu bethätigen, und jene Einseitigkeit, welche oft die europäischen Specialisten zeigen, ist eben in den Colonien nicht denkbar. Wie oft wird in Europa von den bedeutendsten Männern der medicinischen Wissenschaft geklagt, dass durch die Specialisten das einheitliche Ziel der Therapie, den kranken Menschen und nicht irgend eine Krankheit zu behandeln, ausser Acht gelassen wird? Ich darf und kann auch nicht den Specialisten die raison d’être ableugnen; aber für die Colonien sind in allen Fächern praktisch ausgebildete Aerzte in erster Reihe eine Nothwendigkeit und dieses ist nur zu erreichen, wenn dafür gesorgt wird, dass die jungen Aerzte so viel, als eben möglich ist, in grossen Spitälern ihre Arbeit erhalten, und kleineren Garnisonen, welche auch keine grössere Civilpraxis bieten, der Arzt nicht länger als höchstens ein Jahr zugetheilt bleibe.

Ich hatte in Telók Betóng nur ein kleines Material während der 5 Monate, welche ich in dieser Garnison zugebracht habe. Ausser zwei Entbindungen, bei welchen ich assistirte, hatte ich keine anderen Fälle, als einige unbedeutende Malaria-, Darm- und venerische Krankheiten während dieser 5 Monate in Behandlung gehabt, und darum zögerte ich keinen Augenblick, von oben erwähnter Begünstigung Gebrauch zu machen, und bat den Sanitätschef, mich einen Monat lang in einem grossen Spital zu meinem Examen vorbereiten zu dürfen.

Ich kann nicht umhin, das originelle Honorar für meine gynäkologische Hilfe zu erwähnen, welches mir eine der erwähnten Damen damals bezahlte. Es war eine junge Dame, welche ihr erstes Kind bekam. Als der kleine Weltbürger durch einen Schrei seinen Eintritt in diese schöne Welt verkündete, fühlte ich einen Kuss auf der Stirne. Der Mann der jungen Frau stand zur andern Seite des Bettes; ich frug also die junge Frau, ob sie sich mit dem Kusse nicht in der Adresse geirrt habe? »Nein,« erwiderte sie und drückte mir warm die Hand, während sie ihren Mann zärtlich anblickte; »dieser Kuss der Dankbarkeit galt sicher Ihnen, denn Sie haben mich rasch und sicher von den schweren Geburtsnöthen befreit.« Leider wurde diese dankbare Seele ein Jahr später von der Cholera dahingerafft.

Einer andern Dame, welche ich damals in Behandlung hatte, möchte ich gerne an dieser Stelle ein Denkmal der Dankbarkeit setzen. Es ist die Frau des damaligen Residenten Altheer. Sie ist eine Dame von seltener Herzensgüte, welche nur ein Ziel, nur eine Lebensaufgabe kannte — Gutes zu thun, und wirklich schnöden Undank erntete. Ich meine nicht die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten, mit welchen sie mich, den ledigen Mann, in meiner Hauswirthschaft überhäufte. Keine Torte wurde in ihrer Küche bereitet, ohne dass auch mir ein Stück gesandt wurde; die ersten Ananas, Rambutan, Mangistan, Manggafrüchte ihres grossen Gartens kamen nicht nur auf ihren Tisch, sondern wurden auch mir gesandt. Als ich meine Haushälterin verabschiedete, weil sie nicht nur ihrem Liebhaber auf meine Kosten volle Verpflegung gab, sondern mir auch meine Cigarren durch ihren Liebhaber zum zweiten Male zum Kaufe anbieten liess, war es wiederum diese brave Dame, welche mir so lange täglich eine ganze »Rysttafel« schickte, bis ich wieder meine eigene Menage führen konnte. Von mir hat allerdings Frau Altheer keinen Undank erfahren; ich bewahre noch heute eine dankbare Erinnerung an die zahlreichen Beweise ihres guten Herzens. Als aber ein Jahr später beim Ausbruch des Krakatau die wüthende See ihre haushohen Wellen über die Stadt Telók Betóng stürzte, flüchteten alle Bewohner hinauf auf den Hügel, auf welchem das Haus des Residenten und das Fort standen. Europäer, Chinesen und Eingeborene fanden ein Asyl bei dem Residenten, und die Herzensgüte seiner Frau feierte Orgien von Wohlthun und Hülfeleistung. Schwere Rauch- und Aschenwolken hingen über dem Hügel, aus denen beinahe ununterbrochen feuerglühende Blitze die dichte unheilschwangere Luft durchzuckten. Zwei lange Tage war ihr Haus von klagenden und weinenden Kindern und Frauen der Europäer und einigen Chinesen bewohnt, während in den Gärten und in allen Nebengebäuden die Eingeborenen ihr lautes Gebet um Erbarmen zum Himmel sandten. Wie ein schützender Engel eilte sie von Zimmer zu Zimmer, vom Garten in’s Haus, vom Haus in den Stall und brachte den hungrigen Männern, Frauen und Kindern Essen und Trinken aus ihrer Vorrathskammer, ohne zu bedenken, dass sie selbst morgen nichts mehr zu essen haben würde. Als die Wuth der schäumenden, brausenden und stürmenden See gebrochen war, als der Krakatau in seinem Ergusse der brennenden Feuermasse sich erschöpft hatte und die lebenspendende Sonne ihre hellen Strahlen wieder über Telók Betóng ausbreitete, fassten diese Unglücklichen wieder neue Lebenslust und stiegen hinab in die Stadt, um nach ihrem Vorrath an Reis und Mehl, Hühnern, Kühen und Ziegen zu suchen; alles war verschwunden; die wüthenden Elemente hatten die Stadt rasirt; alles war verschwunden in dem unersättlichen Abgrund des grossen Meeres. Weinend und klagend kehrten sie zurück in ihr Asyl, und der gute Engel des Hauses fand für jeden ein tröstendes Wort, einen Teller Reis oder ein paar Erdäpfel oder ein Stück Fleisch aus Conserven, und das letzte Huhn wurde geschlachtet, um einer jungen Wöchnerin eine kräftige Suppe geben zu können. Den dritten Tag gelang es einem Dampfer, trotz der ungeheueren Masse von schwimmender Lava und Schlamm, von 20 bis 40 Meter!! Tiefe, von Batavia aus dem schwer heimgesuchten Telók Betóng Hülfe zu bringen. Der Resident Altheer nahm die mitgebrachten Lebensmittel in Empfang und vertheilte sie unter die Aermsten der Armen gratis. Die vermögenden Chinesen und Europäer liess er jedoch den gewöhnlichen Marktpreis bezahlen, um den Erlös wiederum dem kleinen Mann, dem armen Bauer, dem kleinen Beamten zukommen zu lassen. Dies gefiel jedoch keineswegs dem langzöpfigen Mongolen; er wollte auch für sein Leiden eine Entschädigung haben, und als ein zweiter Dampfer, welcher ebenfalls Lebensmittel angebracht hatte, nach Batavia zurückkehrte, gingen zwei Chinesen mit, um bei der Regierung ihre Klage über den Resident Altheer und seine Frau einzureichen, dass diese beiden die unglücklichen, armen, ihres Vermögens beraubten Chinesen zwangen, des Hungertodes zu sterben, weil sie die Lebensmittel nicht bezahlen konnten. Von Augenzeugen wurde mitgetheilt, dass einer dieser armen?? Chinesen am Schiffe eine Tausend-Gulden-Banknote wechseln liess. Auf diese Anklage ging ein Sturm der Entrüstung durch die Zeitungen und eine Commission, wozu der Adjutant des Gouverneur-General, Leutnant zur See X., gehörte, ging nach Telók Betóng und hörte von den dortigen Chinesen dieselben Klagen. Der Resident Altheer — wurde pensionirt. Keiner der europäischen Zeugen hatte nämlich gesehen, dass irgend ein Chinese Geld besessen haben sollte!! Ehre diesem Mann und seiner Frau!

Ende September kam mein Nachfolger[22] an, und da ich vorher davon telegraphisch verständigt worden war, konnte ich rechtzeitig alle Maassregeln nehmen, um sofort nach seiner Ankunft Auction halten zu können und von der Gastfreundschaft Gebrauch machen, welche der militärische Commandant mir anbot. Die Hoffnungen, welche ich auf meinen Nachfolger baute, eine »gute Auction« halten zu können, wurden nur theilweise erfüllt. Er brachte sich nämlich die grossen Möbel, als Tisch und Kasten, mit und sah davon ab, meine Equipage und Pferde zu erstehen, weil Telók Betóng zu klein sei, um sich diesen Luxus zu gestatten. Für die Pferde fand sich ein Käufer; aber der Wagen blieb unverkauft. Meine Equipage war in gutem Zustande; der Transport nach Batavia hätte aber 40 fl. gekostet; ich konnte mit einer gewissen Sicherheit wissen, dass ich nach meinem Examen nicht in Batavia bleiben würde, weil die dortigen Regimentsärzte sich einer gewissen Stabilität erfreuten; sie waren nämlich an der »Doctor-Djawa Schule«[23] als Docenten angestellt, und es war aus pädagogischen Ursachen ein häufiger Wechsel derselben nicht erwünscht. Doch der Resident half mir aus meiner Verlegenheit: Er legte mir nahe, meine Equipage zu verloosen. Zu diesem Zwecke sollte ich an ihn ein diesbezügliches Gesuch einreichen und 6 pCt. der Totalsumme als Verloosungsgebühr erlegen. So geschah es auch, und eine Stunde vor Ankunft des Dampfers aus Padang geschah im Club die Verloosung; ein Chinese erstand meinen Wagen.

Fig. 7. Ein Engpass im Gebiete des Battaker.

([Vide Seite 77].)

Nur fünf Monate war ich in dieser kleinen Garnisonstadt, und mit Vergnügen erinnere ich mich noch heute an die gemüthlichen und geselligen Stunden, die ich dort verbracht habe. Der militärische Commandant und seine Frau, der Resident und seine Frau und die meisten übrigen Familien hatten »indisches Blut« in sich, und doch waren sie Ehrenmänner, tüchtige Männer, brave Männer, und ihre Frauen waren liebenswürdige, herzensgute und schöne Damen.


Die »Lampongsche Distrikten« war die erste Residentie Sumatras,[24] welche ich aus Autopsie kennen gelernt habe; aus naheliegenden Gründen will ich in meinen weiteren Mittheilungen die chronologische Reihe verlassen und mich mehr an die Topographie der Insel halten.

An diese Provinz grenzt im Norden die »Residentie Palembang«, welche durch ihre neuen Goldbergwerke in der Gegenwart viel die holländischen Capitalisten beschäftigt.

3. Capitel.

Provinz Palembang — Fauna von Sumatra — Ein Orang-Utan-Riese — Farbenpracht der Fische — Gold auf Sumatra — Urbewohner des Landes — Die Hauptstadt Palembang — Schwimmende Häuser.

Die Provinz Palembang kann geologisch und klimatologisch als ein Paradigma des Tropenlebens angesehen werden; während ihre östliche Küste reines angespültes Land ist, das zur Zeit der Fluth mit Salzwasser bedeckt ist, so dass dieser Bezirk Banju assin = Salzwasser genannt wird, sind seine Grenzen im Westen die Berge des Barisangebirges mit italienischem Klima. Hier der Sumpf mit seinen fieberbringenden Miasmen, dort das Gebirge mit seinem sanften milden Klima und mit seinem azurblauen Himmel.

Im Allgemeinen ist ja die »Natur« auch auf dieser Insel keine liebevolle Lebensgefährtin des eingewanderten oder dort geborenen Europäers; sie ist eine strenge Herrin, welche ihre Uebermacht den winzigen unbedeutenden Unterthan immer und immer, täglich und stündlich fühlen lässt. Die Majestät der Tropennatur drückt nieder; sie erhebt nicht, weil das Massige, das Ungeheure oft zum Schreckenerregenden wird.

Hier im Sumpfe strömt der Fluss Musi, an dessen Ufer, mehr als 90 km von der Küste entfernt, die Hauptstadt Palembang liegt, welche gewiss zur Zeit ihrer Gründung nur wenige Schritte vom Ufer entfernt war. Hier hausen — um an dieser Stelle nur von der Fauna zu sprechen — die Krokodile und auf den Nipahpalmen Tausende und abermal Tausende Mosquitos; dort auf den sumpfigen Reisfeldern nisten Tausende und Tausende Walang sangit, welche durch ihren intensiven Gestank beinahe ebensoviel berüchtigt sind als durch die Verheerung, welche sie an der reifen Frucht bewerkstelligen. Aber auch tausende Leuchtkäfer schweben nach der Ernte des Reises über dem zeitlich trockenen Felde und feiern ihre Hochzeit im zierlich schwebenden Tanze, und ein reizend beleuchtetes Bild fällt und steigt ununterbrochen beim hellen Funkeln der Sterne auf dem Tropenhimmel. Im Gebirge zieht in grossen Herden der Elephant und im Urwald der Orang-Utan und der wilde Büffel; das Rhinozeros und der feige mörderische Tiger bergen sich in dem hohen Grase der Alang-Alangfelder. In welchen Mengen und Schaaren stellen sich die kriechenden, fliegenden und springenden Insecten ein? Zahlreicher als die erwähnten Walang sangit, Mosquitos und Leuchtkäfer erscheinen die Termiten, die schwarzen und die rothen Ameisen in unseren Wohnungen. Wohl selten sieht man in Europa so grosse Schwärme der Eintagsfliegen durch die Luft ziehen, und wenn die »Larongs« ihre Hochzeit in den Lüften feiern, lässt sich ihre Zahl kaum annäherungsweise beziffern. In der Regel ziehen diese fliegenden Termiten nach dem Regen in einer warmen Tropennacht durch die Luft und umschwärmen jede Lampe; zu Hunderten führen sie ihren Hexentanz um die Lampe herum auf, bis jede einzelne entweder ihre Flügel oder ihren Kopf an dem heissen Lampenglase verbrannt hat. Man stellt unter der Lampe ein weisses Lavoir mit Wasser auf, und in wenigen Minuten ist die Oberfläche des Wassers mit einer 3–4 cm hohen Schicht dieser Leichen bedeckt. Wird dieses nicht gethan, versehen den Gräberdienst die Ameisen, Eidechsen und Frösche. Freilich ist die Zahl der letzteren nicht so gross, um diese Haufen von Larongs zu verzehren — die Flügel bleiben unbenutzt; aber auch die grosse Zahl der Ameisen ist nicht hinreichend, um in einer Nacht den Tisch oder den Boden unter der Lampe von diesen Leichen zu befreien.

Wie viel Sorge und Arbeit schafft die Ameise übrigens der Hausfrau, welche ihre Speisevorräthe vor dem diebischen Ueberfalle dieser kleinen Insecten schützen will; wenn nur einen einzigen Tag oder nur eine einzige Nacht die Zuckerschale oder die Fleischschüssel nicht durch einen Wasserwall beschützt wird, ist sie nach 24 Stunden mit einer Schicht von Ameisen bedeckt, und von dem Rande der Schüssel bis zum Boden zieht sich ein doppelter Heereszug von Ameisen, welche die Beute zu ihrem Neste tragen, oder von welchem sie ausziehen, um die leicht erbeutete Nahrung zu holen.

Auch von den Termiten ist es bekannt, dass sie in ungeheurer Zahl sich ansiedeln und alles Organische bedrohen; hölzerne Schiffe wie Kästen oder auch Möbel wurden nur zu oft eine Beute dieser vielfressenden Horde. Wie oft stand ich voll Bewunderung vor 2–3 Meter hohen Hügeln, welche in ihrem Innern das Labyrinth eines Termitenhauses bargen, wenn ich die Grösse dieses Thieres berücksichtigte; es ist ja nicht grösser als 1–2 cm.

Wie gross ist die Verheerung, welche die kleinsten Lebewesen, die Pilze und die Bacterien in den Tropen anrichten, und wie gross ist die Zahl der Opfer ihrer zerstörenden Thätigkeit! Auch hierunter leidet die sparsame Hausfrau; wenn sie z. B. keinen Eisschrank hat, kann sie das ganze Jahr hindurch keine einzige Fleischspeise länger als zwei Tage bewahren!

Wenn wir zu den Wirbelthieren zurückkehren, so erwähnt, um mit den Vögeln zu beginnen, Salvadori allein 179 Arten und zwar nur aus Mittel-Sumatra. Darunter sind vielleicht nicht an Zahl, jedoch an Bedeutung für den Haushalt in erster Reihe zu nennen: die Hühner. Sie sind in ganz Sumatra stark verbreitet; jeder Europäer und jeder Eingeborene hält sich eine grössere oder kleinere Zahl Hühner, welche 2–3 mal des Jahres 12–14 Eier legen. Die Zahl der Sorten ist jedoch nicht gross.[25] Auch von den Enten sind im Allgemeinen nur zwei Sorten auf dieser Insel zu finden: die Bergente und die Manilaente. Die »Bebek« werden am liebsten wegen ihrer Eier gezogen, welche als sogenannte »gesalzene Eier« kaum jemals auf einer »Rysttafel«[26] fehlen. Einige Vögel kommen nur in grossen Schwärmen vor; dazu gehört z. B. der Reisdieb und der Spatz, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts von dem Autokraten Daendels auf Java eingeführt wurde. Ein interessanter Vogel ist der Beo, dessen ich schon in Band I erwähnt habe. Seine Sprache ist viel deutlicher als die des Papagei und als die des Burung Kaléng, welcher ebenfalls in den Wohnungen der Eingeborenen gern gehalten wird. Die Zahl der Singvögel ist jedoch auf Sumatra sehr klein; sie pfeifen und rufen sehr laut; so z. B. kann man den Piet van Vliet oder den Kuckuk oft auf hunderte von Metern weit hören; aber den Gesang einer Nachtigall oder Lerche wird man kaum jemals auf allen Inseln des indischen Archipels hören. Noch muss ich von dem Pfau mittheilen, dass man — Eingeborene und Europäer — ihn in eine gewisse Verbindung mit dem Tiger bringt. Wo ein Pfau sich aufhält, befindet sich auch der Tiger; er soll sich von den Entleerungen des Tigers nähren; ich war nicht in der Lage, die etwaige Richtigkeit dieser Mittheilungen constatiren zu können.

Von den übrigen Wirbelthieren sind für die Insel Sumatra der Elephant, der Siamang und theilweise auch der Orang-Utan charakteristisch. Wie nämlich schon wiederholt von mir mitgetheilt wurde, befindet sich der Elephant und der Siamang (Hylobates syndactylus) nur auf Sumatra, während der Orang auch auf Borneo gefunden wird. Im vorigen Jahr erhielt ich von einem meiner Karlsbader Patienten die Haut eines Orang, welchen er in der Provinz Deli (Sumatra) geschossen hatte. Die Leiche liess er hierauf mit den Händen des Orang an eine Stange befestigen und die Stange so hoch halten, dass die eingeschlagenen Füsse den Boden berührten. Der Jäger war ein grosser Mann (178 cm gross), und liess sich zusammen mit dem Orang photographiren. Mein Patient reicht mit seinem Kopfhaar bis zur Schulter des Affen!! Ich besitze noch heute diese Photographie (die Haut und der Schädel dieses Orang ist im Besitze des Wiener Museums), und auf Grund dieser Photographie kann ich mir ein Urtheil erlauben. Ich habe während meines 3½jährigen Aufenthaltes auf Borneo mehr als 20 Leichen von Orang-Utans unter den Händen gehabt; keine war grösser als 150 cm; ich muss entweder also annehmen, dass der eben beschriebene Orang von Sumatra ausnahmsweise so gross, also unter den Orangs ein Riese war, oder dass im Allgemeinen die Insel Sumatra eine grössere Sorte als Borneo beherberge. Andererseits aber ist diese Frage schwer zu beantworten, weil, wenigstens nach meiner Erfahrung, die Zahl dieser Affen in Sumatra viel kleiner als in Borneo zu sein scheint. Warum jedoch nur die Insel Sumatra Elephanten besitzt, während die Insel Java, welche wahrscheinlich noch in historischen Zeiten mit ihr zusammenhing, diese Bewohner nicht kennt, und warum die Insel Borneo den Orang besitzt, obwohl sie räumlich viel weiter von Sumatra als Java entfernt ist, werden vielleicht die Geologen und die Paläontologen zu beantworten wissen.

Auch das Reich der Fische ist auf Sumatra sehr gross. Schon vor vielen Jahrzehnten theilte Dr. Bleeker mit, dass 380 Sorten Fische auf den Inseln des indischen Archipels gegessen werden. Dazu gehören auch die Haifische, deren Fleisch die Chinesen trocknen, räuchern, und deren Flossen, in der Sonne getrocknet, in keiner chinesischen Suppe fehlen; obwohl diese Fische die hohe See bewohnen, schwimmen sie oft genug die grossen Flüsse landeinwärts, so z. B. der Hundhai (Scyllium maculatum), der Hammerfisch (Zygaena malleus) und der Riesenhaifisch (Carcharyas macrorhynchus), welcher oft länger als 6 m wird. Wie gross die Zahl der Fische speciell auf dieser Insel sei, weiss ich nicht; aber ich erinnere mich sehr gut, dass der Fischmarkt durch den Formenreichthum und durch die Farbenpracht der ausgestellten Fische immer meine Aufmerksamkeit erregte. Der Kugelfisch (Tetrodon), dessen Halshaut getrocknet den Resonanzkasten der indischen Violine (rebáb) bedeckt, der Roche, Sterlett, das Seepferd, welches als Aphrodisiacum gebraucht wird, der Riemenfisch, der Schlammbeisser, die Makrele, der Haifisch, der Karpfen (gurámi), der fliegende Fisch, sie alle geben wirklich ein reiches Bild der verschiedensten Formen, welche Fische haben können, und was die Farbe betrifft, so glaube ich, dass die Fische Sumatras an Farbenpracht[27] mit der seiner Orchideen wetteifern können. Ich will sofort bemerken, dass ich die Prachtfische Sumatras gewöhnlich nur an den Strandplätzen sah, und dass es nicht nur möglich, sondern auch sehr wahrscheinlich ist, dass sie meistens in der See ihre Heimath besassen; aber ebensogut ist es möglich, dass ein Theil dieser farbenreichen Fische auch Flussfische waren.

So reich das von mir beobachtete Terrain der Fauna an interessanten Erscheinungen ist, und so ungern ich dieses Thema verlasse, so nothwendig ist es, befugten Männern die ausführliche Bearbeitung der Fauna Sumatras[28] zu überlassen, weil ich doch nur Lückenhaftes bieten kann, und weil auch in diesem III. Theile meines Werkes nur die Causerie und nicht die trockene Form irgend einer Wissenschaft zur Geltung kommen soll.


Finder, Gründer, Schinder, Rinder habe das neue Gesetz des Bergbaues geschaffen, theilte mir einer meiner Karlsbader Patienten mit; es wird nämlich erzählt, dass von 5 Millionen Gulden, welche die Goldminen auf Celebes bis nun gekostet haben, 3 Millionen in die Taschen der Gründer geflossen seien; im Ganzen sollen die Syndicate der diversen Goldminen von N.-Indien 18 Millionen verdient haben, und wie viel haben davon erhalten — die Rinder — nein, ich wollte sagen die Actionäre? Sollte die holländische Regierung nicht bald, ja sehr bald ein Gesetz schaffen, welches Jedermann verbietet, Actien von einem Unternehmen auf den Markt zu bringen, welches noch nicht im Betriebe ist und noch keinen Beweis von Lebensfähigkeit gegeben hat?

In Palembang ist sehr viel Gold, wenn auch Carthaus behauptet, dass die Eingeborenen kaum 15 Ct. (= 25 Pfennig) per Tag durch die Goldwäscherei verdienen. Das mächtige Urgebirge der Insel Sumatra hat, wie die übrigen Inseln des malaiischen Archipels, wie dieser Arzt in seinem Buche »Aus dem Reiche von Insulinde« mittheilt, Granite, Syenite und Phyllite zum Kern. Während der Tertiärperiode hob sich und noch heute hebt sich das ganze Gebiet durch den Vulcanismus, welcher sich von Kamtschatka bis zum Meerbusen von Bengalen durch eine Reihe von thätigen und erloschenen Feuerbergen und durch colossale Anhäufungen von vulcanischen Materialien äussert und ungeheuere andesitische Massen auf die Erdoberfläche schleudert. Im Bereiche des Urgebirges trat auch Gold auf, welches schon seit Jahrhunderten von den Eingeborenen in primitiver Weise gesammelt wird. Es ist darum auch kein Zufall, dass die ganze Industrie von der Provinz Palembang (Palembangsche Möbel und Holzschnitzereien), die Sarong von Atjeh und die Kleider der Häuptlinge in dieser Provinz so reichlichen Goldschmuck zeigen.

Carthaus behauptet, dass die Augite und Hornblenden Sumatras nicht arm an Silber und Gold seien; dass aber die vorhandene Menge gerade wie die des Bleis, Quecksilbers und Eisens zu »ungünstig gelegen sei, um zu erfolgreichem Bergbaubetriebe Hoffnung zu geben«. Eine schöne Zukunft verspricht er jedoch der Gewinnung des Zinnes und der Kohlen, welche Prognose sich heute schon bewahrheitet hat.

Dennoch möchte ich bezweifeln, ob denn ein europäisches Unternehmen[29] auf solider Basis nicht z. B. in dem nördlichen Districte der Residentie Palembang zum Segen des Landes die Schätze des Bodens und zwar in erster Reihe das Gold heben könnte.

Dieser District — Djambi genannt — steht unter dem Sultan von Djambi, und de facto hat die holländische Regierung nicht nur an der Peripherie, sondern selbst auch in der Hauptstadt des Sultanats nur geringen Einfluss. Noch vor wenigen Jahren fand ein Ueberfall in der nächsten Nähe des Forts statt, dem ein Infanterieofficier und ein Militärarzt zum Opfer fielen; und doch sind es beinahe schon 300 Jahre, seitdem in Djambi die erste Factory (im Jahre 1616) und in Muára Kómpeh (im Jahre 1707) zum ersten Male eine europäische Garnison errichtet wurde. Beide liegen im Alluvium ungefähr 90 km und 45 km von der Mündung des Djambiflusses entfernt, welcher in seinem Oberlaufe Harifluss (= Batang Hari) heisst und mit drei mächtigen Armen in die Berhalastrasse sich ergiesst.

Vom Cap Bon, dem östlichsten Punkt der Küste, bis zum Pik von Indrapura (3690 m hoch) an der Westgrenze des Sultanats beträgt die Luftlinie 360 km, und vom Berge Bempatasan im Norden bis zum entferntesten Punkte der Südgrenze ungefähr 200 km. Diese Provinz hat die höchste[30] Bergspitze Sumatras, die grössten Ströme und die grössten Landstrassen dieser Insel.

Fig. 8. Ein Battak’scher Kampong.

([Vide Seite 77].)

Unter den zahlreichen Bergspitzen des Barisangebirges[31] ragt im westlichen Theile Palembangs und zwar in dem Sultanat Djambi der Berg Korintji oder der Berg Indrapura als zweithöchster Berg von Sumatra mit seiner 3690 m hohen Spitze als Grenzmauer zwischen dieser Provinz und der Residentie »Padangsche Oberländer« hoch in die Lüfte, ohne dass man immer unterscheiden kann, ob die umgebenden Wolken Dämpfe aus dem Innern eines Vulcanes oder Gebilde der feuchten Luft seien. (Aehnliche Zweifel hatte ich ja auch in den Jahren 1891–1896, als ich zu Magelang auf Java am Fusse des Vulcans Merapi in Garnison war. Von ihm wusste ich, dass er ein feuerspeiender Berg war; dennoch geschah es sehr oft, dass Wolkenmassen seinen Scheitel umgaben, ohne dass ich bestimmt behaupten konnte, dass nur Feuchtigkeit der Luft die Quelle dieser Wolkenbildung war.) Die übrigen zahlreichen Bergspitzen, so hoch oder so klein sie sein mögen, anzuführen, würde das Ziel dieses Buches überschreiten. Auch die Namen der übrigen Flüsse mitzutheilen — ausser jenen bereits genannten Djambi- und Musistrom — hätte keinen Zweck.

Die erwähnte grosse Landstrasse beginnt bei der Hauptstadt Palembang und zieht in südwestlicher Richtung nach Muara Enim; hier theilt sich die Strasse in zwei Zweige, wovon der nördliche über Tebing-Tinggi und Kepahiang quer durch die Residentie Benkulen bis an die gleichnamige Hauptstadt an der Küste des Indischen Oceans sich zieht; sie dürfte ungefähr 350 km lang sein. Der südliche Ast strebt der Grenze der Residentie »Lampongsche Districte« zu, zieht durch die »Pasumahländer« und geht noch auf Palembangs Gebiet in einen kleinen Fussweg über und ist ungefähr 102 km lang.

Die Hauptstadt Palembang ist eine sehr interessante Stadt; der Ethnograph, der Tourist wie der Künstler finden dort ein pittoreskes Bild, welches sie selten auf ihren Reisen in andern Colonien oder in Hafenplätzen sehen können; es ist eine echte malaiische Handelsstadt mit zahlreichen »Râkits« (= Flösse, auf welchen Häuser stehen). Ich selbst habe dieselben, wenn auch nicht in so grosser Zahl, nur noch in Bandjermasing beobachten können. Dort sind allerdings dieselben Bedingungen vorhanden, welche den Gebrauch dieser schwimmenden Häuser rechtfertigen.

Hier wie dort ist ein junges angespültes Land, welches bei der Fluth des Meeres täglich unter Wasser gesetzt wird. (Ich sah in Bandjermasing ein neues Haus auf diesem weichen Boden bauen; die Piloten gingen wie durch Wachs in die Tiefen des Grundes.) Hier wie dort ist der Boden für den Ackerbau gänzlich untauglich, und hier wie dort sind die Bewohner ausschliesslich Handelsleute.

Solche Verhältnisse erklären hinreichend den Gebrauch solcher leicht transportablen Wohnhäuser. ([Fig. 4].)

Die Stadt Palembang liegt an beiden Ufern des Musi; das linke Ufer heisst in der Volkssprache pinggir ilir = das niedere Ufer, im Gegensatze zum pinggir ulu = hohes Ufer, welches thatsächlich einen Weg besitzt, welcher so ziemlich parallel mit dem Ufer von einem Ende der Stadt bis zum andern verläuft. Hier befinden sich zahlreiche chinesische Tokos (= Geschäftshäuser) und die Agentur der »Handelmaatschappy«. Das östliche Ende der Strasse wird durch eine Ziegelfabrik abgeschlossen. Unter den Gebäuden dieses Theiles der Stadt verdient vielleicht der chinesische Tempel Erwähnung. Das linke Ufer, welches in gleicher Weise wie das rechte von vielen kleinen Canälen oder Flüsschen unterbrochen wird, hat auf dem Lande zahlreiche europäische Wohnungen: Das Haus des Residenten, die Caserne mit »Officiershäusern«, den Bazar, den Kirchhof, malaiische Moschee, zahlreiche Kampongs und am östlichen Ende die alten Sultansgräber.

An beiden Ufern liegen zahlreiche Râkits: Auf einem Flosse aus grossen Baumstämmen, welche mit Rottang untereinander verbunden sind, steht eine aus Matten bestehende Wohnung. Das Floss ist mit dicken Rottangen an Pflöcken festgebunden, welche je zwei für ein Râkit auf dem Lande sich befinden. Der Stand des Wassers ist aber ein variabler; die Taue müssen daher je nach der Höhe des Wasserstandes kürzer oder länger angezogen werden. In beiden Fällen werden die Bewohner des Râkit durch ein eigenthümliches Knarren des Flosses darauf aufmerksam gemacht. Besonders beim Sinken des Wasserspiegels ist ein rasches Eingreifen dringend nöthig. Werden in diesem Falle nicht sofort die Taue gelöst, so sitzt das Floss an der Böschung fest, und da dieses keine horizontale Fläche ist, sondern in der Regel einen Winkel von 40–50° mit dem Horizont einschliesst, so verliert das »Haus« seinen verticalen Stand, und oft genug geschieht es in einem solchen Falle, dass das Haus einstürzt. Der entgegengesetzte Fall ist weniger gefährlich. Wird das Steigen des Wassers von den Bewohnern nicht wahrgenommen, so wird es nur seine Stabilität verlieren, und wenn die Eigenthümer zufällig abwesend sind, werden sich die Nachbarn beeilen, die Taue anzuziehen, um nicht der Gefahr ausgesetzt zu werden, ihre eigene Wohnstätte von dem frei beweglichen Nachbarhause unsanfte Berührungen erdulden zu lassen.

Die Bäume des Flosses sind in den seltensten Fällen mit Brettern bedeckt; gewöhnlich bildete die Flur des Hauses ein Netzwerk aus dünnen Stöcken oder Matten aus Bambus oder aus Rottang; in dem einen Falle sieht man also das Wasser durch die Maschen des Netzwerkes durchschimmern, und der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Haus betritt, fühlt sich in doppelter Weise darin unangenehm. Einerseits fühlt er die Wellenbewegungen des Wassers und andrerseits geht er unsicher auf den runden Stöcken des Bodens.

Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf, wie der hygienische Werth solcher Wohnungen zu beurtheilen sei. Wenn wir von theoretischen Erwägungen absehen und allein die Thatsachen sprechen lassen wollen, so ist die Hygiene in diesen schwimmenden Häusern gewiss nicht schlechter als in jenen, welche in der nächsten Umgebung einen trockenen und festen Untergrund haben. Die Eingeborenen, welche in solchen Häusern wohnen, erfreuen sich im Allgemeinen einer bessern Gesundheit, sie leiden weniger an Fieber und an Krankheiten der Därme, als ihre Nachbarn auf dem Lande. Aber die Zahl der von mir beobachteten Fälle ist zu klein, um mir auf Grund dieser Thatsachen ein Urtheil zu erlauben. Von theoretischen Standpunkten ausgehend, glaube ich ihnen jedoch einen gewissen hygienischen Werth zusprechen zu müssen. Auf Sumatra ist die Luft feucht, selbst sehr feucht; die Ausdünstungen des Wassers, welche durch die Flur des Hauses in die Schlafräume dringen, spielen eine untergeordnete Rolle; sie haben ja weder Zeit noch Gelegenheit, in den Wohnräumen sich dauernd aufzuhalten und Schimmel entstehen zu lassen. Wenn auch nämlich Sumatra keine ausgesprochenen Monsune hat, so besteht doch ein täglicher Wechsel in der Windrichtung. (Der Seewind ist warm, und der von den Gipfeln des Centralgebirges Abends und während der Nacht hinabsteigende Luftstrom setzt die Temperatur oft um 10 ° C. herab.) Der Wind dringt durch die Lücken der geflochtenen Wände des Hauses und führt alle schädlichen Stoffe der Luft nach aussen. Thatsächlich habe ich niemals in einem solchen schwimmenden Hause irgendwo Schimmel gesehen.

Auch die Temperatur ist in solchen Häusern angenehmer als in jenen, welche aus Holz oder Steinen gebaut auf dem festen Lande stehen, d. h. so lange ein Luftstrom die Wohnräume durchzieht. Wenn aber, was häufig in den Nachmittagsstunden der regenfreien Tage geschieht, kein Wind oder kein Zephyrwehen die vom Wasserspiegel reflectirte heisse Luft stagniren lässt, so dass man auf dem benachbarten Ufer die Wellen der erhitzten Luft mit freien Augen sehen und ich möchte sagen, mit den Händen greifen kann, dann allerdings wird auch der Aufenthalt in einem solchen Hause zu einer Höllenqual. Durch den grossen Feuchtigkeitsgehalt der Luft verdampft der Schweiss auf dem Körper langsamer als in der trockenen Luft, und wenn man nach Landessitte um zwei Uhr sein Mittagsschläfchen gehalten hat, erwacht man um vier Uhr in Schweiss gebadet, und müde schleppt man sich zu der Oeffnung in der Flur, um mit dem warmen Wasser des Flusses den Schweiss von dem Körper abzuspülen.

Auch die Abfälle der Küche, der Kehricht und die Entleerungen der Menschen gehen auf diesem kurzen Wege in den Strom, und die Bewohner sorgen dafür, dass der Unrath nicht in den Zwischenräumen der Râkits stagnire; die zahlreichen Fische unterstützen sehr gern diese hygienischen Maassregeln der Eingeborenen, und nicht selten sieht man durch die Maschen des Netzwerkes einen Kampf der Fische um diese etwas fraglichen Leckerbissen.

Diese primitiven Häuser bieten also den Eingeborenen unter den herrschenden Verhältnissen, vom hygienischen Standpunkte beurtheilt, gewiss zweckmässige Wohnstätten.


In der nächsten Provinz, welche im Süden an diese »Residentie«[32] grenzt und »Riauw und Vasallenstaaten« heisst, habe ich mich nur einige Stunden und zwar in der Hauptstadt Riauw aufgehalten.

4. Capitel.

Rheumatismus — Singapore — Spitäler in Singapore — Ein arabischer Geldwechsler — Chinesische Kaufleute — Die Provinz Riauw und Vasallenstaaten — Matriarchat — Menangkabauer — Nieskrampf.

Ende März 1883 wurde ich von der Artillerie-Schiessstätte in Batu-Djadjar[33] auf Java abberufen und kehrte nach Batavia, meinem Standplatze, zurück. Mein altes Leiden, ein Gelenkrheumatismus, hatte sich kurz vor meiner Abreise eingestellt; ich konnte manchmal nicht gehen, manchmal nur mit gebogenem Knie, und manchmal war ich stundenlang frei von Schmerzen, und dabei zeigten die davon befallenen Gelenke kein objectives Symptom, d. h. sie waren nicht geschwollen.

Im Allgemeinen habe ich in Indien durch diese chronische Krankheit eher mehr denn weniger als jetzt in Europa gelitten; meine Erfahrungen in den Tropen stimmen mit jenen anderer Aerzte in Europa überein; wenn ich auch z. B. auf den warmen, selbst heissen Strandplätzen, wie z. B. auf der Nordküste von Sumatra, auf Java u. s. w. Fälle von chronischem Rheumatismus zur Behandlung bekam, so waren es doch nur Ausnahmefälle. Im Gebirge oder vielmehr in höher gelegenen Theilen des Landes häuften sich nicht nur die Anfälle bei mir selbst, sondern ich bekam auch viel mehr Fälle zur Behandlung als in warmen Garnisonen, wie Ngawi, Tjilatjap u. s. w.

Auf bacteriologischer Basis lässt sich diese allgemein bekannte Thatsache — auch in Europa sind ja die Sommermonate und die südlichen warmen Orte die günstigsten Bedingungen für diese Patienten — leichter als auf meteorologischer erklären. Im letzteren Falle werden die Temperaturschwankungen, der jeweilige Feuchtigkeitsgehalt der Luft, die Richtung des herrschenden Windes und die jeweilige Elektricitätsmenge beschuldigt, diese Krankheit oder ihre zeitweiligen Anfälle zu veranlassen. Hohe Temperatur allein, sowie hohe Feuchtigkeit der Luft oder beide zusammen können kein absolutes Präservativ für oder vielmehr gegen den Gelenkrheumatismus sein; denn dann müsste in den Tropen diese Krankheit unbekannt sein; selbst im Gebirge ist ja die Durchschnittstemperatur z. B. in Magelang auf Java, welches 384 m hoch liegt, noch immer 20 ° C.; dennoch hatte ich während meines 5jährigen Aufenthaltes in dieser Garnison zahlreiche Anfälle, und ich sah selbst acute Fälle dort auftreten. Die Richtung der herrschenden Winde muss natürlich ganz ausser Betracht bleiben; sie ist ja nur die Folge zahlreicher Factoren, Temperatur, Luftströmung u. s. w., welche an und für sich sehr wahrscheinlich die biologischen Processe der Menschen und Thiere beeinflussen. Die Schwankungen der Elektricität sind leider viel zu wenig bekannt, d. h. so weit sie die biologischen Processe des Menschen beeinflussen. Wenn wir aber in kleinsten Organismen, in Bacterien die Entstehungsursache dieser Krankheit suchen, wie es schon vor mehreren Jahren Salisbury, Guttmann, Pocock, Schäfer u. s. w. thaten, dann werden wir leichter zum Ziel gelangen, wir werden wenigstens das variable Bild dieser Krankheit erklären können; denn auch in Indien sind die Exacerbationen an jene Zeiten des Jahres geknüpft, in welchen die Bacterien jeglicher Sorte am üppigsten gedeihen; es ist die Zeit der Kenteringe, in welcher alle Bedingungen zur starken Entwicklung der schädlichen Bacterien gegeben sind: Feuchtigkeit, hohe Temperatur und passender Nährboden. In den ausgesprochen trockenen Zeiten, in welchen Wochen lang kein Tropfen Regen fällt, und während jener wenigen Wochen, in welchen es ununterbrochen regnet, diese sind in den Tropen die gesündesten Zeiten, und auch ich blieb, wie die übrigen Rheumatici, von den Attacken meines chronischen Leidens befreit. Vielleicht wird es bald gelingen, den Krankheitserreger des Gelenkrheumatismus zu entdecken.

Ich blieb also im Spital und nahm jeden Tag in der frühen Morgenstunde ein warmes Bad. Ende Mai sollte das 10. Bataillon nach Atjeh (Sumatra) gehen, und der Spitalschef, welcher zugleich Landessanitätschef war, frug mich, ob ich es nicht wagen wollte, die Truppen zu begleiten, um durch eine Seereise mich von dem 5wöchentlichen Aufenthalte im Spitale zu erholen. Ich nahm gern seinen Vorschlag an, weil der Aufenthalt im Spitale mich thatsächlich langweilte. Der Marsch vom Spitale in Weltevreden nach der Station war für mich mit keiner Ueberanstrengung verbunden, und weiterhin konnte ich voraussichtlich an Bord des Schiffes der nöthigen Ruhe mich hingeben. Via Singapore ging die Reise nach Atjeh.

Im Ganzen habe ich mich fünfmal in dieser Hauptstadt der Straits Settlements aufgehalten.

In zwei Tagen hatten wir damals Singapore erreicht, und schon nach wenigen Stunden setzten wir unsere Reise fort; ich sah damals nur den Hafen und das Hôtel de l’Europe, welches am Ufer vielleicht 20 Meter hoch über den Spiegel der See sich erhob. Auf der Rückreise von Atjeh kam ich den 13. Juni (1883) mit einem Dampfer der indischen Dampfschifffahrtsgesellschaft wiederum nach der »Löwenstadt«, und da wir zwei Tage uns dort aufhalten sollten, ersuchte ich den holländischen General-Consul um eine Empfehlungskarte an die Spitalsleiter des Frauenspitales. Eine Stunde später erhielt ich von seinem »Hoofd-Assistent« einen ausführlichen Brief und die nöthigen Einführungskarten. Wie mir dieser Herr mittheilte, befanden sich damals drei grosse Spitäler zu Singapore: Das General-Hospital unter der Direction des Dr. Simon, das Pauper-Hospital oder Tan Tock Seng’s unter Dr. Bentley und das Lock-Hospital, in welchem der Chef des civilärztlichen Dienstes Dr. Rowell nur (venerische) Frauen behandelte. Da alle drei Aerzte ihre ärztlichen Visiten zwischen 7½–8 Uhr Morgens in dem Spitale machten, so konnte ich wegen der kurzen Zeit nur eines unter der Leitung des Spitalchefs besehen; nun hatte jeder dieser drei Herren einen Stellvertreter, welcher unter dem Namen Apothecary eine mir und im Allgemeinen den deutschen und holländischen Anschauungen fremde Stellung einnahm. Ich würde ihn am besten mit einem Krankenoberwärter vergleichen, welcher einiges medicinische Wissen besitzt; er ist ein Heilgehülfe und behandelt die Patienten, während die genannten Aerzte eigentlich nur Conciliarpraxis in diesen Spitälern üben. Dieses erklärt auch die hohen Honorare, welche diese drei Aerzte in der Privatpraxis sich bezahlen lassen; eine gewöhnliche Visite wird mit 1 £ bezahlt, während im benachbarten Batavia und Deli das Standard 1 Dollar oder Ryksdaalder = 2,50 fl. ist.

Aus naheliegenden Ursachen sah ich davon ab, von den übrigen zwei Apothecaries mir die Spitalsräume zeigen zu lassen, und verfügte mich um 7 Uhr in das Spital des Dr. Rowell.

Fig. 9. Ein Tiger in der Falle.

([Vide Seite 80].)

Ich war der englischen Sprache nicht mächtig, und Dr. R. sprach das Französische in einem mir beinahe unverständlichen Dialekte; ich hatte zwar als Dolmetsch einen Reisegenossen mitgenommen, aber unwillkürlich verfielen wir Beide auf den Gebrauch der malaiischen Sprache, und ohne Dolmetsch flottete das Gespräch sehr gut.

Das Spital machte in jeder Hinsicht einen günstigen Eindruck. Es bestand nur aus glatten, ungefärbten Holzwänden und hatte eine sehr gute Ventilation; die Patientinnen schliefen auf hölzernen Pritschen und hatten ein ledernes Kopfkissen, welches mit Kapok gefüllt war. Der Zwischenraum zwischen je zwei solchen Pritschen war 1½ Yard = 1,4 m gross. Die Reinlichkeit liess nichts zu wünschen übrig, und die Luft der Säle war ganz frisch und ohne jeden Gestank. Damals behandelte Dr. R. seine Patienten mit subcutanen Einspritzungen mit Sublimat; ich frug ihn, wie lange die secundären Symptome bei dieser Behandlung auf sich warten liessen, und mit wirklich beneidenswerthem Sanguinismus antwortete er: »Diese kommen überhaupt bei uns nicht vor!« Ich fühlte keinen Beruf in mir, bei dieser Gelegenheit mich in eine wissenschaftliche Debatte einzulassen, und als übrigens noch der Apothecary diesen Erfolg ihrer Therapie bestätigte, gratulirte ich den beiden Herren zu ihrem therapeutischen Triumph und verabschiedete mich von ihnen.

Mein dritter Aufenthalt in Singapore dauerte nur wenige Stunden, welche jedoch hinreichten, mir ein kleines Abenteuer zu verschaffen. Den 22. Juni brachte mich ein kleiner Dampfer von Batavia nach Singapore, von wo ich am 25. in der Frühe meine Reise nach »Polonia« fortsetzen sollte. Als ich Abends (den 24.) in den Hafen einlief, sah ich einen österreichischen Dampfer dort liegen, und bald hatte ich mit dem Schiffscapitän und mit dem Schiffsdoctor Bekanntschaft gemacht. Dieser war ein gebürtiger Dalmatiner und war der englischen Sprache sehr gut mächtig. Wie alle Fremden gingen wir Beide in’s Hôtel de l’Europe und liessen uns ein Glas mit Eis abgekühltes Bier geben. Hier ist das Rendezvous nicht nur aller Reisenden, sondern auch der jeunesse dorée von Singapore. Man erwarte jedoch nicht grosse Säle mit Eleganz und Luxus ausgestattet. Die kleinste Provinzialstadt Europas hat einen schöneren Billardsaal als dieses Hôtel I. Ranges in Singapore. Einen herrlichen Anblick bietet aber die Veranda durch die Aussicht auf die See. Es war ein kühler Abend, die Temperatur war auf 72 ° F. = 22 ° C.[34] gesunken, der Tropenhimmel glänzte in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, und vor uns lag nur wenige Schritte entfernt der Hafen, in welchem Hunderte von Lampen im Innern zahlreicher Schiffe auf- und abwogten, von dem sanften Wellenschlag der See geschaukelt.

In die Veranda kamen chinesische und klingalesische Hausirer, und vor derselben gingen zwei arabische Geldwechsler auf und ab, welche ihre silbernen Dollars von einer Hand in die andere fallen liessen. Da ich in meiner neuen Garnison dieselben voraussichtlich benöthigen würde, entschloss ich mich, eine holländische 100 fl.-Banknote einzuwechseln, und nach langem Feilschen bot er mir 44 Dollars dafür an. Er kam zu mir in die Veranda und zählte sie mir vor. Befriedigt nickte ich mit dem Kopfe, als er den 44. niederlegte, und mit dem malaiischen Worte sudah (= es ist gut) entliess ich ihn, ohne zu bemerken, dass ich ihm eine Banknote von 200 fl. und nicht von 100 fl. gegeben hatte. Mit einem gleichgiltigen tabéh-tuwan (= Gegrüsst Herr!) ging er weg. Um 9 Uhr ging ich zum Schiffe zurück und entdeckte sehr bald, dass mir 100 fl. fehlten, und sofort erinnerte ich mich auch, auf welche Weise dieses Manco entstanden war, und eilte mit meinem österreichischen Collegen auf die Polizei. Ein englischer Polizeiagent ging trotz der späten Abendstunde mit uns in’s Hôtel, wo die Kellner zwar sich erinnerten, mich mit einem arabischen Geldwechsler in Unterhandlung gesehen zu haben, Niemand kannte jedoch seinen Namen oder seinen Wohnort. Zufällig hörte jedoch ein klingalesischer Hausirer, um was es sich handle, und rief plötzlich: »Ich habe es auch gesehen und mir fiel auf, dass dieser Araber keinen kleinen Finger auf der linken Hand hatte.« Dieses Signalement war dem Polizeiagenten bekannt, und als wir in die Wohnung dieses Arabers traten, sass er auf seiner Matte und hatte vor sich 44 Dollars liegen. Lächelnd behauptete er, gewusst zu haben, dass ich den Irrthum bemerken und die 44 Dollars holen kommen würde. Der Polizeiagent hatte eine ganz andere Ansicht und zwar, dass er darauf gerechnet hatte, dass ich abreisen würde, ohne den Irrthum zu entdecken; wir Beide aber waren froh, dass er den lapsus manus nicht leugnete. Der Araber verlangte sogar zur Belohnung seiner Ehrlichkeit einen Dollar. Dem Polizeiagenten entlohnte ich seine gestörte Nachtruhe.

Im Jahre 1897 sah ich zum letzten Male die »Löwenstadt«; vom 17. bis zum 20. April mussten wir auf die Ankunft des »Ernest Simon« warten, welcher von China kommen und uns zur Reise nach Marseille aufnehmen sollte.

Die Stadt liegt auf der gleichnamigen Insel, welche 555 ☐km gross ist.

Den 18. April fuhr ich mit einer kleinen Gesellschaft längs des Berges Timah (170 m hoch) in einem bequemen Wagen nach der Nordküste der Insel, und wir liessen uns von einem chinesischen Kahnführer über den Canal fahren, welcher an dieser Stelle ungefähr 3 km breit ist. Wir waren in Asien, und zwar im Reiche des Fürsten von Djohor. Den Luxus, welchen dieser Fürst in Europa zu entwickeln gewöhnt ist, zeigte keineswegs sein Palast. Ein reicher holländischer Patricier hat mehr Luxus und Comfort in seinem Hause als dieser Fürst in seinem Schlosse. Der Regent in Bandong[35], und ich will nicht von dem Gegenfürsten in Solo[35] (Java) sprechen, entwickeln viel mehr Luxus in ihren Wohnungen, als ich in Djohor sah. Hierauf ging ich in den englischen Club, wo ich mich durch einen der anwesenden Officiere introduciren liess und ein herrliches Beefsteak mit einem Glas Bier bekam.

Den 19. besuchte ich in Singapore den botanischen Garten und die Wasserreservoirs. Der erstere verdient weder diesen Namen noch den eines Thiergarten. Ein paar Schlangen, Affen, Papageien verriethen höchstens den guten Willen, wie z. B. der Thiergarten in Batavia. Aber schön war das Wasserreservoir neben dem Sophienhügel. Vor dem Hôtel zog sich die Esplanade mit dem Raffles-Denkmal und dem Cricket-Club längs der Küste dahin, welche im Westen von der Mündung des Singaporflusses begrenzt wurden. Am rechten Ufer befand sich der Landungsplatz und das chinesische Viertel. Natürlich wurde ich von den chinesischen Kaufleuten überfallen, obwohl ich durch den Gebrauch der malaiischen Sprache den Globetrotter verleugnete. Wenn man den Muth hat, den dritten Theil von dem verlangten Preise zu bieten, kann man in Singapore Vieles um einen Preis erhalten, welcher in Europa ungläubiges Kopfschütteln erregen würde. Ich kaufte z. B. damals zum Gebrauche auf dem Schiffe zwei longues chaises um 3,75 fl. = 6½ Mark das Stück, welche ich noch heute besitze. Sie sind schöner und solider als jene, welche ich im Jahre 1886 zu demselben Zwecke in Rotterdam um 13 fl. = 21½ Mark per Stück bezahlt habe.

Der Totaleindruck der Stadt Singapore ist ein sehr günstiger: Eine Hafenstadt mit starkem Handel in den Händen eines europäischen Volkes, welches auch dort in den Tropen den heimathlichen Sport und die nationale Energie nicht verleugnet.

Die Insel Singapore liegt — ohne dazu gerechnet zu werden — im Riouw und Linggaarchipel und ist ungefähr 45 km von der Insel Bintang oder Riouw entfernt, nach welcher die dritte »Residentie« auf der Ostküste von Sumatra benannt ist.

Die Provinz »Riouw en onderhoorigheden«[36] = Riouw und Vasallenstaaten zerfällt in zwei Theile; der östliche Theil umfasst den Archipel und die Inseln im chinesischen Meere bis 4° 45′ N. B., wozu die Watas (= hl. Esprit) oder die Tambelan, die Anambas, die Seeräuber (oder Serasan), die Duperre und die Natuna-Inselgruppen gehören; die Insel (= Pulu) Laut liegt beinahe schon am 5° N. B. Der westliche Theil »Lingga« mit den drei Districten Mandah, Indragiri und Réteh liegt auf der Insel Sumatra und wird im Westen von der Residentie »Padang’sches Hochland« begrenzt, oder, besser ausgedrückt, von unabhängigen Stämmen, welche zwischen dieser Provinz und dem holländischen Gebiete der Ostküste ihre staatliche Freiheit bis zum heutigen Tage sich erhalten haben.

Diese »unabhängigen Stämme« sind mit den im Norden und Süden wohnenden Nachbarn die spärlichen Reste jenes grossen und mächtigen malaiisch-islamischen Reiches Menangkabau, welches im Mittelalter nicht nur ganz Mittel-Sumatra besass, sondern auch Singapore und Malacca im 12. Jahrhundert gründete und seine Sprache von hieraus bis Ceylon einerseits und bis an die äussersten Inseln des indischen Archipels allen Küstenbewohnern gab, so dass die malaiische Sprache von Madagascar bis Neu-Guinea auf den Küsten aller Inseln dieselbe führende Rolle wie die französische Sprache in Europa hat.

Diese Ueberbleibsel des grossen Reiches von Menangkabau haben nach dem Falle dieses Colosses in verschiedener Weise eine neue staatliche Organisation erhalten[37] und ihre Häuptlinge führen heute diverse Namen und auch diversen Rang. Sie alle haben aber heute Communalbesitz und üben die Hadat Kamanakan, d. h. die Erbfolge in weiblicher Linie aus: Das Haupt der Familie ist der Mama, der Bruder der Mutter, welcher in allen Rechten und Pflichten der Vater seiner Neffen und Nichten ist; in der Erbfolge werden jene Familienmitglieder berücksichtigt, welche nur in weiblicher Linie verwandt sind. Von der Mutter also erben die Kinder, und wenn diese nicht vorhanden sind, sind ihre Erben nur ihre Brüder und Schwestern resp. deren Kinder. Als Vormund der Kinder tritt nach dem Tode der Mutter nicht der leibliche Vater, sondern der Mama auf. Stirbt der Mann, so treten nicht seine Kinder, sondern seine Geschwister resp. deren Kinder die Erbschaft an.

Dies ist das Princip des Kamanaken = Matriarchat, welches noch bei zahlreichen malaiischen Stämmen des Padangschen Oberlandes (z. B. in Agam, Tanah Datar, in den 50 Kota’s u. s. w.) und auch von den Orang Semang ([Fig. 5]) auf Malacca geübt wird, welches im 13. Jahrhundert von den Menangkabauern bevölkert wurde.

Diese, d. h. die heutigen Menangkabauern Sumatras pflanzen Ladangs (= trockene Reisfelder), Tabak, Kaffee, Zuckerrohr, Catechu, Indigo (Marsdenia tinctoria oder Indigoferasorten), Kapok (= Pflanzendune), Mais, Obi (= Baumknollen), Palmen und andere Fruchtbäume; sie treiben Handel mit den Producten des Urwaldes, Getáh, Sago, Wachs, Holz, rothe Erde; sie backen Töpfe und besitzen einige Goldschmiede. Im Ganzen und Grossen sind die »unabhängigen Länder« an der Westgrenze der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten« ein armes Volk. Genug häufig ziehen sie in die benachbarten holländischen Besitzungen, um als Kuli ihr Brod zu verdienen, oder nehmen gegen Bezahlung die Robottdienste auf sich, welche der reiche Nachbar, zu stolz, sie in Persona zu leisten, gerne einem andern überlässt. Trotz ihrer Armuth haben sie sich eine relativ hohe Sittenreinheit aus jener Zeit erhalten, in welcher (im Anfange des 19. Jahrhunderts), wie wir später sehen werden, die »Padri« ihrer neuen mohamedanischen Lehre vom Padangschen Oberlande aus mit Feuer und Schwert in die benachbarten Stämme Eingang zu verschaffen und sie über ganz Mittel-Sumatra zu verbreiten suchten. Ihr Gebiet ist reines Hochland und fällt sanft in das Gebiet ab, welches die Residentie »Riouw und Vasallenstaaten« bildet.

Die Hauptstadt dieser Provinz liegt auf der Insel Bintang oder Riouw und zeigt in jeder Hinsicht den Typus einer kleinen Hauptstadt, und wenn wir von der Topographie der Stadt absehen, könnte man sie ein zweites Telók Betóng nennen. Die Zahl der Beamten und Soldaten war in beiden Städten dieselbe; höchstens lebten in Riouw mehr Europäer, welche in dem intensiven Schifffahrtsverkehr in diesem Hafen Beschäftigung und Broderwerb fanden.

Ich selbst hatte Gelegenheit, mich einige Stunden in dieser Hafenstadt aufzuhalten und zwar am 25. Februar 1884, als ich aus der Garnison Seruway desertirte, d. h. mich Krankheits halber evacuirte, bevor mein Nachfolger angelangt war. Ich musste auf die Fortsetzung der Reise des Dampfers nach Batavia warten, weil eine grosse Schiffsladung ausgeladen werden musste. Ich ging auf das Land, besuchte den dortigen Platzcommandanten und den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« Dr. X. und kehrte dann in’s Hôtel zurück, um das Signal des Dampfers nicht zu überhören. Es dauerte aber noch zwei Stunden, bis die schrille Dampfpfeife mich wieder an Bord rief. Unterdessen that ich nichts anderes als — niesen.

Dies ist eine echte Tropenkrankheit, welche nur die Veteranen im Tropenleben überfällt und von der die Orang baru (= Neulinge) verschont bleiben. Sie besteht nur in einem Nieskrampf (Ptarmus = Stermutatio convulsiva), welcher in den Tropen einen heftigen Schnupfen einleitet und viel häufiger als in Europa den Eingewanderten befällt, welcher schon viele Jahre den nervenschwächenden Einfluss des Tropenklimas erfahren hat.[38]

5. Capitel.

Die Provinz „Ostküste von Sumatra“ — Zinninseln — Ein misslungener Freihafen — Ein englischer Abenteurer — Petroleum auf Sumatra — Menschenfresser — Die Hauptstadt Medan — Im Urwalde — Entwaldung — Die Commandeuse — Ein schlechter Garnisonsplatz — Ein Vorurtheil — Eine Faciesbildung — Hospitalbrand — Amok-Laufen — Krebsfälle.

Während meiner 21jährigen Dienstzeit in der holländisch-indischen Armee wurde ich 20 Mal transferirt und machte im Ganzen 20 grössere oder kleinere Seereisen und bin 6 Mal in der Strasse von Malacca gefahren.

Das erste Mal begleitete ich im Mai 1883 das 10. Bataillon nach Atjeh, blieb nur einige Tage in der Hauptstadt Kuta radja und kehrte längs der Ostküste von Sumatra, also zum zweiten Male in der Strasse von Malacca nach Java zurück.

Den 22. Juni 1883 musste ich wiederum, also zum dritten Male, in dieser Strasse eine Fahrt machen, weil ich bei meiner Ankunft in Batavia den Befehl erhielt, sofort nach »Polonia«[39] zu gehen, wo der Sitz der militärischen Behörden der vierten Provinz, der »Ostküste Sumatras« sich befand, in welcher ich mich 8½ Monate aufhielt. Traurige Tage, Wochen und Monate habe ich, wie wir sofort sehen werden, in dieser Provinz verlebt, und als ich auf meiner Rückreise nach Batavia im Februar des Jahres 1884 zum vierten Male den Weg durch die Malaccastrasse nahm, hielt mich nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende meines körperlichen und seelischen Leidens am Leben.

Fig. 10. Roden des Urwaldes.

([Vide Seite 81].)

Zum fünften Male sah ich diese Meeresstrasse im Jahre 1896, als die holländische Regierung den Abfall ihres Bundesgenossen Tuku Umar durch einen grossen Feldzug in sein Gebiet in Atjeh bestrafen musste. Zu diesem Zwecke liess sie vier Bataillone Infanterie, Cavallerie, Artillerie und Genietruppen von der Insel Java zur Ergänzung ihrer Truppenmacht nach Atjeh kommen. Da die einzelnen Truppenkörper reglementär keine Militärärzte besitzen, welche nur den »Garnisonsplätzen« zugetheilt werden, mussten diese Truppen von Aerzten »begleitet« werden, welche aus andern Garnisonsorten genommen wurden. Ich selbst bekam den Befehl, »das 6. Infanteriebataillon« von Magelang, wo ich mich in Garnison befand, nach Semarang zu »bringen«. Hier wurde ich jenem Schiffe zugetheilt, welches die »Artillerie«, die »Genie« und die »Maulesel« nach Atjeh transportiren sollte. Der Stand der Militärärzte in der Garnison »Atjeh und Vasallenstaaten« war bei meiner Ankunft complet; ich wurde also nicht zurückgehalten, sondern bekam den Befehl, mit erster Gelegenheit nach meiner Garnison zurückzukehren. Diesmal ging die Reise nach Java längs der Westküste Sumatras.

Die sechste Fahrt in der Malaccastrasse schloss, wie wir früher sahen, meine Carrière in der holländisch-indischen Armee.


Als ich im Juni 1883 nach Polonia transferirt wurde, benutzte ich einen Dampfer der damaligen indischen Dampfschifffahrt-Gesellschaft, welche nach Riouw, Singapore und nach der Ostküste Sumatras jeden Monat sechs Dampfer sandte. Den 22. Juni schiffte ich mich in Batavia ein, und bei schönem Wetter und bei ruhiger See nahmen wir den Curs nach N. W. Die Fahrt ging zwischen den beiden zinnreichen Inseln Banka[40] und Billiton, liess die Gruppe der Lingga-Insel zur Backbordseite liegen, und wir dampften dann direct nach Riouw und Singapore. Hierauf bestiegen wir einen kleinen Dampfer, welcher einen geregelten Verkehr zwischen Riouw und den Hafenplätzen auf der Ostküste Sumatras unterhielt. Von Riouw ging die Fahrt zwischen den Inseln Padang und Bengkalis, und wir sahen die Tebing-Tinggi-, Rangsang- und Merbouw und die übrigen kleinen Inseln auf der Backbordseite in weiter Ferne liegen. Vor der Hauptstadt der »Residentie« fiel der Anker in die Tiefe der »Brouwerstrasse«, welche die drei erstgenannten Inseln von dem Festlande scheidet. Ich wusste damals nicht, dass der Plan bestand, in Bengkalis einen Concurrenzhafen des Welthafens Singapore zu schaffen; ich schenkte also diesem Theil der Stadt keine Aufmerksamkeit, und ich weiss nur aus den spätern Mittheilungen der Tagesjournale, dass zur Ausführung dieses stolzen Planes nichts geschehen ist, d. h. keine modernen Lagerhäuser, Werften und Docks gebaut wurden, sondern man sich begnügt hatte, Bengkalis zu einem Freihafen zu erklären und im übrigen der Zukunft ihre allmähliche Entwicklung zu einem Welthafen überliess. Der Welthandel kennt diesen Freihafen kaum dem Namen nach und die »Sparsamkeit hat wieder die Weisheit betrogen« (holländisches Sprichwort). Das Princip: »10×10 Gulden lieber auszugeben, als 100 Fl. auf einmal« hat wieder Schiffbruch gelitten. Auch die Stadt selbst zeigte nur wenig den Stempel einer Residenzstadt; im Ganzen lag eine Compagnie Soldaten in Garnison.

Der Militärarzt, den ich während meines zweistündigen Aufenthaltes aufsuchte, war ein Däne und bewohnte mit Frau und Kind ein kleines hübsches hölzernes Haus. Da er mir mittheilte, dass ausser dem Gebäude des Residenten und einer Tapiocafabrik[41] Bengkalis überhaupt keine Sehenswürdigkeiten besitze, so machte ich gern von seiner Einladung Gebrauch, bei einem Glase abgekühlten Apollinariswasser in seinem Hause die Abreise des Dampfers abzuwarten.

Von seinem Hause aus sah man in weiter Ferne (± 4 km) die Küste Sumatras, welche ein sanft aufsteigendes Ufer hatte, das aber doch noch so niedrig war, dass es zur Zeit der Fluth ganz mit Wasser bedeckt war. Tiefer ins Innere des Landes erstrecken sich zahlreiche Sümpfe; zahlreiche Seen und zwei grosse Ströme durchziehen von Westen nach Osten diesen südlichen Theil der Provinz, welche noch einen eigenen Sultan besitzt und den Namen Siak führt. Die zwei Ströme, welche dem Centralgebirge Sumatras entspringen, heissen der Kampar, dessen Quellengebiet zum Theil in der »Residentie Riouw« und zum Theil im Padangschen Hochlande liegt, und der Fluss Siak, dessen südlicher Quellenarm am Berge Suligi (536 Meter hoch) und dessen nördlicher Quellenarm an der Grenze der unabhängigen Battakländer entspringen.

Das gegenwärtige Sultanat von Siak[42] stand im 14. und 15. Jahrhundert unter dem Radja von Gasip, welches an dem gleichnamigen Nebenflusse des Siakstromes zu jener Zeit ein mächtiger Staat gewesen sein soll. Es kam durch Verrath eines gewissen Pandan in die Gewalt der Atjeers und von diesen unter die Botmässigkeit von Djohor, und erst im Jahre 1717 wurde das Sultanat Siak von Radja Ketjil gegründet. Die zahlreichen Thronstreitigkeiten, welche hierauf entstanden, nahmen erst im Jahre 1858 ein Ende, als Wilson, ein englischer Abenteurer, dem Tongku Ismail versprach, die aufständischen Stämme zu unterwerfen. Aber auch zwischen diesen Beiden kam es bald zum Streite, und der eingeborene Häuptling wandte sich an die holländische Regierung, welche Wilson aus Siak vertrieb, während mit einem Contract das Sultanat Siak ein Vasallenstaat Hollands wurde. Ismail blieb nur bis zum Jahre 1864 Sultan, in welchem Jahre er wegen Wahnsinns abgesetzt wurde. Sein jüngster Bruder Tongko Sjarif Kasim wurde Sultan und sein ältester Bruder Tongku Putra Mangkubumi Reichsverweser des Landes. Den 23. Juni 1884 trat der Sultan die nördlichen Besitzungen seines Reiches: Deli, Serdang, Tamiang, Assahan u. s. w. an den holländischen Staat ab und zwar gegen eine jährliche Subvention von 40000 Fl. Die Bezahlung einer Schuld von 50000 Fl. wurde ihm nebstdem erlassen.

Die Bevölkerung dieses Sultanats theilt sich in zwei Theile; die Einen nennen sich die directen Unterthanen des Sultans von Siak; es sind die ehemaligen Menangkabauer, welche in den vier Sukus (= Bezirken) Tanah datar, Kampar u. s. w. einer bedeutenden Autonomie sich erfreuten, während die Bewohner der nördlichen Districte Tanah putih, Bangka und Kubu und die der Inseln Rupat bis Pengailan nur ungern den Sultan von Siak als ihren Herrn anerkennen. Das staatsrechtliche Verhältniss dieser einzelnen Staaten zum Sultan ist so verwickelt, dass es eine unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten ist und bleibt. Auch das Verhältniss zur indischen Regierung (die Insel Bengkalis ist schon seit 25 Jahren in vollem Eigenthum Hollands, ebenso theilweise die Insel Rupat) ist jetzt in ein Stadium der Veränderung gekommen, dessen Beendigung mir noch nicht bekannt ist.


Nur zwei Stunden blieb ich in Bengkalis. Die Dampfpfeife rief mich bald aufs Schiff; an der Insel Rupat, welche durch die gleichnamige Strasse von Sumatras Küste ungefähr 5 km weit geschieden ist, zogen wir vorbei, landeten wieder nur für ungefähr zwei Stunden bei der Mündung des Assahan, wo ein Kahn für die gleichnamige Stadt die Briefe holte und brachte.

Auch dieser District der Residentie »Ostküste von Sumatra« besteht zur Hälfte aus angespültem und sumpfigem Lande. Von hier aus liegt die ganze Küste dieser Provinz grösstentheils im Diluvium. Endlich erreichte ich das Ziel meiner Reise, Labuan Deli, welches bereits damals durch eine Eisenbahn ([Fig. 6]) mit der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes Medan verbunden war. Seitdem sind bedeutende Veränderungen vorgefallen. Diese Stadt wurde zur Hauptstadt der ganzen Provinz »Ostküste von Sumatra« ernannt, welche schon im Jahre 1897 von 103 km Eisenbahnen durchzogen wurde (Bengkalis wurde als Freihafen und als zukünftiger Welthafen aufgelassen); Belawan wurde an Stelle von Labuan Deli der bedeutendste Hafen dieser »Residentie«, von dem jährlich tausende und tausende Ballen Tabaks nach Europa und tausende und tausende Büchsen mit Petroleum[43] nach Java, China und Japan versandt werden.

Von den vier Bezirken, in welche der District Deli eingetheilt wird, Serdang, Deli, Langkat und Tamiang, ist der bedeutendste Deli; aber auch in Langkat bestehen seit ungefähr zehn Jahren Plantagen, und nur Tamiang hat sich kaum über die ersten Anfänge einer systematischen und rationellen Plantagenwirthschaft erhoben. Bis nun hat der »Delitabak« allein aus dem gleichnamigen District eine blühende Provinz gemacht und die »Deli Maatschappy« hat ihren Gründern und Actionären Millionen und Millionen bereits als Dividenden bezahlt, während die Tabaksunternehmungen in dem Bezirke Tamiang noch nicht mit Gewinn arbeiten. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die ganze Provinz, von Assahan angefangen, Diluvialland ist, welches im Westen vom Hochgebirge begrenzt wird; der Sebajak mit 2172 Meter, der Baros mit 1950 Meter, der Tenaro mit 1850, der Semilir mit 1813, der Temangu mit 1816, der Seraga mit 1490 und der Dolok (= Berg) mit 1440 Meter Höhe sind die bedeutendsten Bergspitzen, auf welchen zahlreiche aber unbedeutende Flüsse entspringen und ihren Lauf nach Osten nehmen und welche mit ihren reizenden Gebirgspanoramen ([Fig. 7]) das Gebiet der »unabhängigen Battaker« begrenzen.

Ich glaube mich hier jeder Mittheilung über die Gebräuche und Sitten dieser nicht ganz primitiven Menschen — sie besitzen ja ein eigenes und selbständiges Alphabet —, welche fälschlich für die Urbewohner Sumatras gehalten werden, mit Recht enthalten zu müssen. Es hat ja in jüngster Zeit ein Oesterreicher und zwar Freiherr Joachim von Brenner ein interessantes und lehrreiches Bild von seinen Reisen durch die Battakländer ([Fig. 8]) beinahe in erschöpfender Weise entworfen. Freilich ist das Capitel über seine Gefangennahme in Lontong am Tobasee und über die Gefahr, geschlachtet und von den Battakern verzehrt zu werden, interessant und romantisch geschrieben, aber eine erhitzte Phantasie scheint dabei Pathenstelle versehen zu haben. Wie mir nämlich ein Resident dieser Provinz voriges Jahr mitgetheilt hat, befinden sich die Anthropophagen gegenwärtig nur im Gebiete der Pak-Pak, welche ungefähr 50 km vom Tobasee entfernt wohnen. (Auch Frau Ida Pfeiffer, welche im Jahre 1852 die südlichen Battakländer durchzogen hat, wurde von einer unbegründeten Furcht beherrscht, wenn sie entre autre mittheilt, dass sie es nur ihrem zähen Fleische als alte Frau verdankt hätte, von den Eingeborenen nicht verspeist worden zu sein.)

Die Battaker sind ja schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts von zwei mächtigen civilisatorischen Nachbarn in ihrer ursprünglichen rohen Sitte — der Menschenfresserei — beeinflusst. In den Jahren 1820 bis 1830 ist die mohamedanische Secte der Padri bis an’s Ufer des Tobasees vorgedrungen, während im Osten die holländische Regierung ihre civilisatorischen Arbeiten bis tief in’s Innere des Landes ausgebreitet hat und noch ausbreitet. Wenn wir also von jenen wenigen Battakstämmen absehen, welche im Nordosten unter dem Namen der Pak-Pak die alte Sitte der Anthropophagie noch heute üben, so steht der übrige Theil auf einer ziemlich hohen Stufe der Civilisation, und gerade das Buch des Herrn J. von Brenner bringt uns davon hunderte und hunderte Beweise.

Bei meiner Ankunft in Labuan Deli erfuhr ich eine grosse Enttäuschung. Kaum hatte der Anker sich in den Grund des Meeresbodens gebohrt, erschien der Adjutant des Landescommandanten an Bord und theilte mir mit, dass ich nicht in Medan, der Hauptstadt des Bezirkes Deli, stationirt, sondern zum »Eerstaanwezend« Officier in dem Bezirke Tamiang ernannt worden sei; ja noch mehr, der in diesem Bezirke momentan anwesende Militärarzt müsse so bald als möglich seinen Standplatz Seruway verlassen, weil er sich mit den übrigen Officieren nicht vertrage. Daher sei es nothwendig, dass ich sofort meine Reise fortsetze, und dass die üblichen Vorstellungen bei dem Landessanitätschef und bei dem Landescommandirenden u. s. w. meinerseits aufgeschoben werden.

Zu meinem grössten Bedauern habe ich dadurch die Gelegenheit verloren, die interessanteste Stadt »der Residentie Ostküste von Sumatra« zu sehen und mit jenen zahlreichen interessanten Eingeborenen in Contact zu kommen, welche von der Peripherie der Provinz bei verschiedenen Anlässen nach Medan gehen, um mit den Vertretern der diversen Tabak- und Petroleum-Unternehmungen in geschäftlichen Verkehr zu treten. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, in dem Bezirke Tamiang vielleicht mit einzelnen Bewohnern der Gaju- oder Alasländer in Berührung zu kommen, welche das Innere von Gross-Atjeh bewohnen und selbst bis heute noch wenig bekannt sind, oder dass ich Ruinen der alten Modjopahit finden würde, oder dass ich an dieser Grenze der menschlichen Civilisation ein reiches Feld zu zoologischen Studien würde beobachten können; nichts ist in Erfüllung gegangen; die traurigsten Tage meines Lebens habe ich dort, an der Grenze des Atjeischen Reiches, verlebt.

Der Adjutant Wiersma verliess mich nach der Mittheilung dieser Hiobspost, der Schiffscapitän hatte unterdessen die Postsäcke an’s Land bringen lassen, und ¼ Stunde später erschien der Major P., um sich mit seinem Adjutanten ebenfalls zur Reise nach Seruway einzuschiffen.

Dieser Major war einer jener wenigen Officiere, welche trotz ihrer Tapferkeit und ihres persönlichen Muthes nicht nur Bonhommes sind, sondern dies auch in all ihrem Thun und Lassen zeigen. Ich habe ja viele Officiere in der holländisch-indischen Armee gekannt, welche mit ihren militärischen Tugenden eine hohe Bildung des Geistes und des Herzens vereinigten; sie glaubten jedoch, diese ja nicht zeigen zu dürfen, um so viel als möglich durch Strenge, ja selbst durch Härte den Untergebenen imponiren zu können. Major P. hatte den Muth, die wohlthuende Güte seines Herzens immer und jedem zu zeigen. Ich habe auch im Jahre 1891 direct unter ihm gedient; er war unterdessen Colonel geworden; sein Wunsch war für alle Officiere und für alle Soldaten mehr als ein Befehl, und niemals wurde ein Officier von ihm bestraft; eine Unterlassungssünde der jungen Leutnants wurde mit academischer Ruhe dem Missethäter (?) auseinandergesetzt und dieser Mann verliess »belehrt« den Rapport. Aber auch der Soldat, welcher sich grobe Verstösse gegen die Disciplin zu Schulden hatte kommen lassen, ging beschämt und gebessert vom Rapporte weg und war überzeugt, für sein Vergehen als ein abschreckendes Beispiel seiner Kameraden gestraft worden zu sein.

Als das Schiff Labuan Deli verliess, theilte mir Major P. mit, dass er nach Seruway gehe, um die Streitigkeiten zweier Officiere zu schlichten, und zeigte mir die darüber geführte Correspondenz. Nachdem ich sie gelesen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, dem Major P. sie mit den Worten Heine’s zurückzugeben: Es will mir schier bedünken — dass sie beide thäten stinken. Es war das alte Lied: Die Einförmigkeit des Lebens von wenigen Menschen, welche auf einem engen Raume beisammen leben müssen, machte die Fehler jedes Einzelnen in hohem Grade fühlbar. Wenn auch ich, der ich im Grunde meines Herzens nichts so als den Frieden liebte, späterhin in Streitigkeiten verwickelt wurde, wie leicht musste es mit Dr. X. geschehen, der leicht erregbar war und neben seinem Chef wohnen musste, dessen Frau geradezu die Langeweile des täglichen Lebens durch Kampf und Streit zu tödten suchte.

Der Dampfer brachte uns zunächst in den Aroëbusen, wo sich eine Holzunternehmung befand, welche von 25 Mann mit dem Commando eines Lieutenants beschützt wurde. (Hier in Pangkalan Siatas war die Endstation der Route, welche die Orte der Ostküste Sumatras miteinander verbindet.) Der Eigenthümer der Unternehmung war verheirathet und ebenso Lieutenant X., dessen Frau s. Z. eine Claviervirtuosin gewesen war. Er hatte sie in Batavia kennen gelernt und geheirathet. Nach der Hochzeit soll er an die Regierung ein Gesuch eingereicht haben — so erzählt wenigstens die böse Fama — mit der Bitte, dass seine Frau auch weiterhin Unterricht im Clavierspiele möge geben, weil einerseits es Schade wäre, dass ein solches künstlerisches Talent durch Mangel an Uebung für die Mitwelt verloren gehe und verkümmern sollte, und anderseits der ehrliche und redliche Gelderwerb auch die Frau eines Officieres nicht schände. Die Regierung gab ihm sofort die Erlaubniss; wenige Tage später jedoch las er in den Zeitungen seine Transferirung nach Pankalan Siatas. Diese erinnert mich an einen analogen Fall, welchen ich im Haag erlebt habe und der ebenfalls die holländische Regierungsweise charakterisirt. Im Jahre 1876 wollten im Haag die Socialisten im Abgeordnetenhause in corpore erscheinen, um dort demonstrativ ein Misstrauensvotum gegen die Abgeordneten abzugeben. Die Regierung wurde davon rechtzeitig in Kenntniss gesetzt. Die Polizei und die Truppen wurden zwar consignirt, aber sie waren nirgends zu sehen. Unbehindert zogen die tausende Socialisten vor das Abgeordnetenhaus, und unbehindert kamen die vordersten Reihen vor die Thüren der Galerien des Hauses; aber — Waisenmädchen nahmen alle Plätze ein.

Lieutenant X. lebte im besten Einvernehmen mit der Familie des Pflanzers; es fehlte ja — der Dritte oder besser gesagt — die Dritte.

Man muss sich das Leben auf einem so abgelegenen Platze vergegenwärtigen, um diese Menschen zu bewundern. Am rechten Ufer des Salahadjiflusses lag zunächst das Haus des Officiers und hinter diesem die Caserne der 25 Mann. Beide waren von einer 3 Meter hohen Palissade eingeschlossen. Zehn Schritte davon entfernt lag das Haus des Pflanzers, welches ebenfalls mit einer Palissade umgeben war. Um 6 Uhr Abends wurden die Thore geschlossen und einige Bediente, mit Gewehren bewaffnet, wurden auf Bastions zur Wache aufgestellt. Herr X. machte jede Nacht zweimal die Runde, um sich von der Wachsamkeit dieser seiner Wachleute zu überzeugen; denn die benachbarten Atjeers bedrohten täglich und stündlich ihr Leben und ihr Hab und Gut; diese hatten ja noch vor kurzer Zeit einen exponirten Posten von 7 Mann, welche unter dem Commando eines Feldwebels standen, in der Nacht bei Bukit (= Hügel oder Berg) Kramat überfallen und getödtet, d. h. ungefähr 6 km entfernt.

Wie viel Kämpfe, Sorge und Wachsamkeit erforderte die See zu ihren Füssen und der Urwald hinter ihrem Rücken. Das stürmische Element und das Krokodil auf der einen Seite und der Tiger ([Fig. 9]) und der Leguan und der Orang-Utan und die Schlangen auf der andern Seite (Elephanten kommen in diesem Bezirk nicht vor). (Von einem Rhinozeros wusste mir der Herr X. nichts zu erzählen.) Trotz dieser unheimlichen Nachbarschaft hatte er an dem linken Ufer der Bisitan-Bucht, welche sich von der Aroëbucht nach Süden abzweigt, eine Holzsägerei errichtet und sie mit transportablen Schienen mit seiner Wohnung verbunden. Auf kleinen Lowris besorgte er den Transport der Bretter und Schindeln, mit welchen er einen ausgebreiteten Handel trieb.

Fig. 11. Ein Bach im Urwalde.

([Vide Seite 103].)

Es war ein fröhlicher Zug, als wir alle drei Officiere, der Schiffscapitän und die zwei Familien auf Sesseln in den Lowris sassen und von Kulis nach der Werkstätte gestossen wurden. Der Weg ging nämlich über wellenförmiges Terrain, und die Kulis hatten beinahe die Hälfte des Weges mehr Mühe, dem zu raschen Fahren der Lowris Einhalt zu bieten, als sie sich bemühen mussten, über die kleinen Hügel bergauf diese zu stossen. Abgesehen von zwei Sägemaschinen und einer Halle mit fertigen Brettern und Schindeln war hier nichts anderes zu sehen, als der Typus einer Entwaldung; für den Nachwuchs wurde nicht gesorgt, weil der Pflanzer mit sehr viel Recht voraussetzte, dass weder er noch seine Kinder die Früchte dieser Arbeit an diesem Orte jemals ernten würden.

Dieser Raubbau ist übrigens auch bei den Eingeborenen im Schwange; vielleicht sind sie sich dessen bewusst, dass nach vielen Decennien die Natur der Tropen in ihrem, ich möchte sagen, unerschöpflichen Reichthum allein für den Nachwuchs in vielen Fällen sorgt. Die Hauptnahrung ist auch bei den Bewohnern des äquatorialen Sumatra der Reis; sie pflanzen diesen jedoch weder in künstlichen noch in natürlichen Sumpfboden, sondern auf »Ladangs« = trockene Reisfelder und zwar in ganz gleicher Weise, als es die Dajaker auf Borneo thun.[44] Die grossen Bäume werden einige Meter über dem Boden (auf einer Leiter) gefällt, weil ihr Umfang dort viel kleiner als in der Nähe der Wurzel ist, und alles wird dann in Brand gesetzt; die Lianen, Sträucher und kleinen Bäume verbrennen mehr oder weniger vollständig, während die gefällten Waldriesen in der Regel nur ihre Aeste und ihr Laub verlieren. ([Fig. 10].) Gewaltige Baumstämme von 20–40 Meter Länge und 1 Meter Durchschnitt bleiben unbenutzt jahrelang liegen, bis die Ameisen, Todtengräber, Rüsselkäfer und der Schimmel ihre Maulwurfsarbeit beendigt haben; der durch Feuer von den lebenden Pflanzen befreite Boden wird mit dem Patjol (= Hacke) aufgerissen, und es werden Reis oder Cassave, Bataten oder Zucker, Ananas, Pisang, Labu, Tabak oder Kaffee, Lombok (= Paprika), Indigo und einige Fruchtbäume gepflanzt.

Wenn ausschliesslich oder wenigstens hauptsächlich Reis in diesen Ladangs gepflanzt wird, erschöpft sich selbst der humusreiche Boden der Insel Sumatra, und nach der dritten bis fünften Ernte befriedigt das Erträgniss des Bodens nicht mehr den Eingeborenen. Er verlässt einfach dieses Feld und sucht sich in der Nähe einen geeigneten Platz für einen neuen Ladang. Das alte Reisfeld bekommt ein neues Kleid und zwar (anfänglich) ein ganz anderes Pflanzenkleid, als es jemals besessen hat. Alang-alang (Imperata Königii), Glagah (Saccharum spontaneum, eine Graminea, deren Saft die Eingeborenen bei Augenentzündung gebrauchen), kleine Farrensträuche und Melastoma polyantha bedecken nach wenigen Monaten den Boden. Bald kommen selbst einige Bäume, und nach zehn Jahren sieht man schon einen kleinen Wald von (z. B.) Commersonia platyphylla u. s. w. Nach zwanzig bis dreissig Jahren hat sich bereits ein Wald von dreissig bis vierzig Sorten kleiner Bäume und Gesträuche entwickelt, worunter selbst einige des alten Urwaldes auftreten; die Stämme werden schlank, und die Kronen werden dichter, und Rottangpalmen verbinden sie zu einem Netze, welches ein dem jungfräulichen Urwalde ähnliches Bild schafft. Diese Entstehungsgeschichte des secundären Urwaldes bringt uns S. H. Koorders in dem Werke »Quer durch Sumatra« von J. W. Yzermann. Der Förster und der Botanicus beherrscht dieses Thema so ausführlich, dass ich den Fachmann, dem die zahlreichen Details Interesse einflössen mögen, nach dem Originalwerk verweisen muss.[45]

Hier in der Holzsägerei des Herrn X. war das Bild des verwüsteten Urwaldes, wie es oben angedeutet wurde, nur theilweise zu sehen und zwar, soweit der Aufseher mit seinen Kulis und seinen Arbeitern einen Ladang zu ihrem Privatgebrauch angelegt hatte.

Unser Schiff hatte Eis mitgebracht, und bald sassen wir bei einem Picknick, bei dem durch Eis gekühltes Bier und Brandy-Soda die Hauptrolle spielten.

Vor Anbruch der Nacht gingen wir zu Fuss zurück — die schräg auffallenden Sonnenstrahlen verlieren ja schon um 5½ Uhr einen Theil ihrer versengenden Wärme — und kamen vor Eintritt der Finsterniss in Pangkalan Siatas an; ich und der Schiffscapitän blieben weiter die Gäste des Lieutenants X., und der Major P. mit seinem Adjutanten nahmen bei Herrn Z. das Abendmahl ein. Nach demselben kamen wir alle beim Pflanzer zu einer Whistparthie zusammen. Den andern Morgen fuhr der Küstendampfer zurück, mich holte die Dampfbarcasse ab, welche der Pflanzer dem Controlor zu Seruway für seine zeitweiligen Reisen zur Verfügung stellte, und die zwei übrigen Officiere gingen unter dem Schutze einer kleinen militärischen Patrouille den Landweg zu Fuss dahin. Zwei Stunden lang schaukelte mich die kleine Barcasse auf den etwas unruhigen Wogen der Malaccastrasse, bis ich endlich bei dem Cap (Tandjong) Tamiang[46] in den gleichnamigen Fluss hineinfuhr. Sumpfvegetation bedeckte seine Ufer, welche bei der Ebbe des Meeres oft zehn Meter die Fläche des Wassers überragte. Dieses war grau und schmutzig von der Masse des vegetabilischen Gemenges; nur wenig Treibholz hinderte uns in der langsamen Fahrt stromaufwärts, und gegen vier Uhr hielten wir vor dem Fort Seruway an; beinahe gleichzeitig mit uns erschienen die beiden andern Officiere, welche auf ihrem Marsch einen geeigneten Platz für einen Neubau des Forts ausgesucht hatten. Major P. und sein Adjutant begaben sich sofort zu dem Commandanten des Forts, um die zahlreichen casus belli (?) dieses Officiers mit meinem Collegen zu untersuchen, und ich stellte mich der kampflustigen Commandeuse und den übrigen europäischen Bewohnern des Forts vor. Auch die Frau meines Collegen gehörte zu jenen indischen Damen, obgleich ganz reines europäisches Blut in ihren Adern strömte, welche in der Geltung ihrer Person und der Stellung ihres Mannes eine Lebensfrage sehen und ihren ganzen Einfluss auf ihren Mann zur Erreichung dieses Zieles aufwenden. Dadurch entstanden jene kleinlichen Reibereien, welche nicht nur meinem Vorgänger, sondern auch mir den Aufenthalt in diesem Fort verbitterten und, wie wir sofort sehen werden, meinem Collegen viele Monate lang die Qualen einer Untersuchung vor dem Kriegsgerichte verschafften.

Nietzsche hat zwar im Jahre 1883 sein Aufsehen erregendes Werk »Also sprach Zarathustra« herausgegeben; aber bis nach Seruway, ins Innere der Ostküste Sumatras, hatte es damals seinen Weg noch nicht gefunden. Dieselben Erfahrungen und Beobachtungen mögen ihn zu dem Ausspruch veranlasst haben: »Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht«, welche ich damals sah und erlebt habe. Auch dieser Satz in seinem berühmten Werke hat, und zwar nur durch die Form mit vielem Rechte, vielfach Anstoss erregt. Der Grundgedanke dieses Satzes enthält jedoch eine goldene Wahrheit, welche den wahren männlichen Charakter bedingt. Der wahrhaft männliche Charakter soll und muss jeden Einfluss kleinlicher und kindischer Lebensanschauungen zurückweisen, auch wenn er vom Liebsten, das er besitzt, von seinem Weibe oder von seinen Kindern, geübt wird. (Ich füge »die Kinder« hinzu, weil ich oft genug sah, dass Männer eben so stark unter dem Pantoffel ihrer Frau — als ihrer Tochter oder ihrer Kinder im Allgemeinen stehen und standen.) Weder Lieutenant X. noch mein College haben sich diesem Einflusse zu entziehen gewusst und erlitten dadurch viel Leid und Kummer. Der Eine weilt nicht mehr unter den Lebenden; der Andere ist von dem Menschenstrome einer europäischen Residenzstadt aufgenommen worden; ich kann also ihre weiteren Erlebnisse mittheilen, ohne fürchten zu müssen, ihren Namen durch meine Erzählung der Oeffentlichkeit preisgegeben zu sehen.

Lieutenant Y. wurde wenige Wochen vor meiner Ankunft auf Vorschlag des Dr. X. wegen eines Gehirnleidens nach Medan evacuirt. Da er wegen dieser Krankheit die Reise nur unter geübter Aufsicht antreten mochte, begleitete ihn mein späterer Nachbar, der Officiersaspirant Z. Diese Vorsicht war dringend geboten, und thatsächlich hatte dieser Begleiter sehr viele Mühe, den Lieutenant Y. lebend nach Pangkalan Sitas zu bringen; er wollte sich nämlich in’s Wasser stürzen, als er die weite See zu Gesicht bekam. In seinem Wahnsinn erzählte er auch bei Tisch der Frau seines Gastherrn zu Pangkalan Sitas, dass Dr. X. in Seruway ihn habe ermorden wollen. In Medan hatte er sich von dem Malariafieber bald erholt, welches die Ursache seines Gehirnleidens gewesen war, und besuchte auch den nächsten Empfangsabend des Landescommandirenden, Majors P.; hier sah er Dr. X. und seine Frau. Sofort ging er auf Frau Dr. X. zu, um sie zu begrüssen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Diese Dame nahm die angebotene Hand nicht an, gab ihm keine Antwort und streckte ostentativ ihre Hände nach rückwärts. Da er sich keiner Schuld bewusst fühlte (was er s. Z. in seinem Delirium gesprochen hatte, wusste er auch nicht), suchte er ihren Mann auf, um Aufklärung für dieses beleidigende Vorgehen seiner Frau zu erhalten. »Sie ist in ihrem Rechte«, war die kurze Antwort. Um zu dieser ungelegenen Zeit und auf diesem Orte des Vergnügens kein unliebsames Aufsehen zu erregen, machte Lieutenant Y. dem Gespräche sofort ein Ende und schickte ihm den nächsten Tag seine Zeugen. Dr. X. nahm keines seiner Worte zurück, gab auch keine Erklärung dafür, warum er das beleidigende Benehmen seiner Frau gut heisse, und weigerte sich aus principiellen Ursachen, ein Duell anzunehmen. Diese Affaire nahm den unvermeidlichen weiteren Verlauf. Major P. bestrafte Dr. X. wegen seines, eines Officiers unwürdigen Benehmens mit vier Tagen Arrest; dieser reclamirte, und der Armeecommandant bestätigte die Strafe und gab noch vier Tage Arrest, weil er durch seine leichtsinnige Reclamation Mangel an Ehrfurcht vor seinem Vorgesetzten gezeigt habe. Dr. X. liess auch diese Strafe nicht auf sich ruhen und suchte nun den Ausspruch eines Kriegsgerichtes nach. Glücklicherweise hat ihn dieses freigesprochen, weil im andern Falle mit der Strafe noch ein grosser geldlicher Verlust verbunden gewesen wäre. Der »Krygsraad« tagte nämlich in Atjeh, wo sich zu dieser Zeit Dr. X. in Garnison befand. Die Zeugen mussten persönlich ihre Aussagen vor dem Kriegsgericht abgeben und daher, so weit sie sich nicht ebenfalls in dieser Garnison befanden, dahin reisen. Nach ungefährer Berechnung wären die Gesammtunkosten ungefähr 1000 Fl. gewesen; Dr. X. wurde von dem Kriegsgericht freigesprochen, weil es sich der Anschauungsweise des Sanitätschefs angeschlossen hatte, welcher folgenden Standpunkt in seiner diesbezüglichen Erklärung abgegeben hatte: Lieutenant Y. habe in zweifacher Weise die ganze Affaire provocirt und sei darum der Hauptschuldige in dieser Angelegenheit. Zunächst habe jeder Mann abzuwarten, ob ihm eine fremde Dame überhaupt die Hand reichen will. Dann aber sei Lieutenant Y. besonders unvorsichtig gewesen, weil er Frau Dr. X. zuerst die Hand angeboten hatte, obzwar er gewusst hatte, dass ihr Mann vor nicht langer Zeit in Unfrieden mit ihm gelebt habe.

Es kann hier nicht weiter meine Aufgabe sein, mit dem Freispruche des Kriegsgerichtes mich zu beschäftigen; aber ich glaube darauf hinweisen zu müssen, weil Dr. X. nur durch theilnahmsvolle Intervention seiner Collegen von den Folgen seiner unüberlegten Handlungsweise befreit blieb.

»Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht.« In noch unwürdigerer Weise liess sich Lieutenant B. durch seine Frau beeinflussen, welcher oder welche der Commandant des Forts Seruway zu meiner Zeit war.

Das Fort bestand aus hölzernen Gebäuden und hölzernen Palissaden. Die Nordseite wurde von einem hölzernen Hause eingenommen, in welchem die zwei Officiere und obengenannter Aspirantofficier wohnten. Ich bewohnte den westlichen Theil, welcher gegenüber dem Marodenhause lag. Die Wohnung trug den Typus aller indischen Häuser, wie ich sie im II. Theile »Java«[47] beschrieb. An die westliche Wand schloss sich ein Theil des Hofraumes mit einer Bretterwand als Gehege an.

Eines Tages lag ich um 3 Uhr in der vorderen Veranda in einem Faulenzerstuhle zu ruhen, weil mich die Wärme im Schlafzimmer verhinderte, mein gewöhnliches Mittagsschläfchen im Bette zu halten. Da sah ich plötzlich einen eingeborenen Soldaten und einen Sträfling, beide mit einem Knüttel gewaffnet, in den Hofraum sich schleichen. Ich rief sie zu mir und frug sie, was dies bedeute. »Njonjah tuwan Commandant suruh« = Die Frau des militärischen Commandanten habe den Auftrag gegeben. »Suruh apa?« = Was hat sie befohlen? »Die Katze zu tödten« war die Antwort dieser Bösewichter. (?) Ich befahl ihnen natürlich sofort, mein Haus zu verlassen, und ging den andern Morgen auf das Platz-Bureau, den Lieutenant X. davon zu verständigen. Natürlich (!) war ihm davon nichts bekannt, und ich versicherte ihn, dass dies eine angenehme Aufklärung für mich sei, weil ich natürlich (??) nicht glauben konnte, dass mit seinem Wissen ein Soldat bewaffnet auf das erf (H. = Grundstück) eines Officiers eindringen werde. Abends ging ich zu seiner Frau eine Abschiedsvisite machen, weil ich den andern Morgen eine Inspectionsreise nach Pangkalan Siatas unternehmen sollte; bei dieser Gelegenheit erfuhr ich den Grund ihres Hasses gegen meine Katze. Diese bevorzugte besonders gerne ihren Milchtopf und ihre Küchlein. Ich bat diese Dame also, ihren Milchtopf zuzudecken, weil ich die Katze nicht entbehren wolle und auch nicht wegen der zahlreichen Ratten entbehren könne. Ich bekam aber nur die bedeutungsvollen Worte zur Antwort: »Ich werde mir schon zu helfen wissen.« Im ersten Augenblicke dachte ich daran, dass diese Antwort eine friedfertige Bedeutung hätte. Vorsichtshalber befahl ich jedoch meinem Bedienten, während meiner Abwesenheit meine Katze in einen Bambus-Käfig abzuschliessen. Bei meiner Rückkehr war die Katze verschwunden. Dieser Erfolg ihrer autokratischen Gelüste befriedigte sie jedoch nicht. »Kromo«[48] und »Wongso«[48] der Truppen sollten sehen, dass ihr Mann im Fort das höchste Wesen sei, obwohl ich als Regimentsarzt höher im Rang sei und nur aus dieser Ursache ein höheres Gehalt als ihr Mann bezöge. Als ich dieses Gespräch zu hören bekam, hielt ich mich aus naheliegenden Ursachen »indisch taub«[49] (dieses Gespräch war ja an die Adresse einer Soldatenfrau und nicht direct an mich gerichtet), und es gelang ihr nicht, mich zu einer Gegenäusserung zu verlocken.

Den andern Morgen kam ein eingeborener Soldat, welcher eine ansteckende Hautkrankheit hatte, auf den Krankenrapport. Ueblicherweise schrieb ich in das betreffende Register neben seinen Namen: Ziekenzaal (= Marodenzimmer). Nach dem Reglement musste dieser Patient sofort in die Caserne gebracht werden, wo er (oder bei acuter Erkrankung ein Kamerad in seiner Gegenwart) seine Kleider und Wäsche in seinen Koffer einzupacken und diesen nebst Waffe in die dazu bestimmte Wachstube (= Rustkamer H.) im Beisein seines Feldwebels zur Aufbewahrung zu geben und sich dann sofort in das Marodenzimmer zu begeben hatte. Diesmal geschah nichts von allem diesen. Es war 11 Uhr geworden, und noch immer konnte mir der Krankenwärter nicht mittheilen, dass dieser Patient angekommen sei; ich liess den Krankenwärter bei dem Schreiber des Platzcommandanten sich informiren und erfuhr, dass dieser keinen diesbezüglichen Befehl geben wolle, weil ich ihn nicht direct darum ersucht hatte. Da dies im Widerspruch mit den Vorschriften des »Garnisondienstes« war, schrieb ich ihm officiell einen Brief mit der einfachen Mittheilung, dass ich einen Soldaten, welcher an einer ansteckenden Hautkrankheit leide, angewiesen habe, in’s Spital zu gehen, dass dieses nicht geschehen sei und dass ich glaube, den militärischen Commandanten für die Folgen dieser Ausserachtlassung verantwortlich zu machen und nebstdem den Landescommandirenden in Kenntniss zu setzen, dass ich in der Ausübung meines Dienstes nicht der üblichen Unterstützung mich erfreuen könne.

Vier Jahre später sollte der ungezügelte dämonische Einfluss dieser Frau auf ihren braven, etwas willensschwachen Mann traurige Folgen haben. Ich wurde im Jahre 1887 nach L. transferirt und hatte unter anderen Obliegenheiten auch die Verpflichtung, jede Woche zwei Mal nach L. zu gehen, wo Lieutenant X. der Commandant des Forts war. Bei meinem ersten Besuche sah ich Frau X. im Hofraume im Gespräche mit einem anderen Lieutenant stehen. Die 40 Mann, welche zu meinem Schutze mitgegangen waren, hatten vor dem Fort ihre Waffen abgelegt, der Hornist des Forts gab das Zeichen: »Der Doctor ist da«, und bevor die Patienten sich meldeten, ging ich in das Fort, und als ich Frau X. erblickte, eilte ich auf sie zu, um sie herzlich zu begrüssen. Alle grossen und kleinen Zwistigkeiten, welche ich vier Jahre vorher mit dieser Dame hatte, waren ja vergessen; auch diese Dame zeigte nur die Freude des ersten Wiedersehens, und ich — klopfte ihr mit den Händen auf die Schulter mit den Worten: »Ja, ja, was sind Sie, Frau Lieutenant, seit dieser Zeit stark geworden.« Ich unterhielt mich noch kurze Zeit mit ihr über unsern Aufenthalt in Seruway; auch ihr Mann nahm daran Antheil, und bald kam mir »der Sergeant der Wache« mittheilen, dass die Patienten sich eingestellt hätten. Ich nahm von Beiden herzlichen Abschied, versprach, ihnen so bald als möglich meine Frau vorzustellen, hielt meine Krankenrapporte und ging nach Hause. Wie war ich jedoch den anderen Tag überrascht, mit der Post einen Brief von Lieutenant X. zu erhalten, in dem er mich beschuldigte, seine Frau coram publico »gemein« behandelt zu haben; durch zwei Officiere wurde diese Sache zwar beigelegt, aber das Verhältniss zwischen uns Beiden blieb ein gespanntes; so oft ich ex officio in das Fort kam, verkehrten wir nicht mehr und in der Regel kehrte ich zurück, ohne Lieutenant X. oder seine Frau gesprochen zu haben. Sehr oft fiel mir aber auf, dass das Aussehen des Herrn X. viel zu wünschen übrig lasse; eines Tages glaubte ich officiell den Landescommandirenden davon in Kenntniss setzen zu müssen, und als mich dieser aufforderte, es schriftlich zu thun, schrieb ich, dass mir bei meiner Inspectionsreise nach L. das schlechte Aussehen des Commandanten des Forts aufgefallen war, und dass im Interesse des Dienstes und noch mehr im eigenen Interesse dieser Officier sich unter ärztliche Behandlung stellen sollte. Oberst C. schickte eine Abschrift dieses Briefes nach L. zur Information.

Fig. 12. Uléë Lhöë, Hafen von Atjeh.

([Vide Seite 114].)