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Dr. H. Breitenstein.

21 Jahre in Indien.

Waringinbaum.

21 Jahre in Indien.

Aus dem Tagebuche eines Militärarztes.


Erster Theil: Borneo.

Von

Dr. H. Breitenstein.

Mit 1 Titelbild und 8 Illustrationen im Text.


Leipzig.

Th. Grieben’s Verlag (L. Fernau).

1899.

Druck von H. Klöppel, Gernrode Harz.

Inhaltsverzeichniss.

Seite

Vorwort

[V]

 1. Capitel.

Rassen auf Borneo: Olo-Ott, Dajaker u. s. w. — Reise von Surabaya nach Bandjermasing — Insel Madura und Bawean — Dussonfluss — Mosquitos — Oedipussage auf Borneo — Danaus-Seen — Antassan — Rother Hund (eine Hautkrankheit)

[1]

 2. Capitel.

Pesanggrâhan = Passantenhaus — Ausflug nach der Affeninsel — Aberglaube der Eingeborenen — Reise nach Teweh — Ein chinesisches Schiff im Innern Borneos — Trinkwasser in Indien — Eis — Mineralwässer

[13]

 3. Capitel.

Amethysten-Verein — Alcohol — Gandruwo, eine Spukgeschichte — Polypragmasie der jungen Aerzte — Verpflegung in einem Fort — Unselbständigkeit der Militärärzte — Malayische Sprache — Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik — Krankenwärter und Sträflinge — Amoklaufen — Erste Praxis unter den Dajakern — Schwanzmenschen

[24]

 4. Capitel.

Fischschuppen-Krankheit — Tigerschlange — Schlangenbeschwörer — Gibbon — Kentering — Beri-Beri — Simulanten beim Militär — Mohammedanisches Neujahr — Tochter von Mangkosari — Kopfjagd — Pfeilgift — Genesungsfest — Gesundes Essen — Früchte — Indische Haustoilette — Wüthende Haushälterin — Dysenterie — Gewissenlose Beamte — Missionare

[45]

 5. Capitel.

Fort Buntok — Orang-Utang — Operationen — Prostitué bei den Affen — Darwinisten — Indische Häuser — Möbelfabrikanten — Französische Mode — Gefährliche Obstbäume — Einrichtung der Häuser — Dajakische Häuser — Götzenbilder — Tuwak oder Palmwein — Wittwenstand der Dajaker — Opfern der Sclaven — Todtenfest

[88]

 6. Capitel.

Ameisen und Termiten in den Wohnungen — Verderben der Speisevorräthe — Milch-Ernährung der Säuglinge — Aborte Tjebok — Transpiration in den Tropen — Baden — Siram = Schiffsbad — Antimilitärischer Geist der Holländer — Das Ausmorden der Bemannung des Kriegsschiffes „Onrust“, von den Dajakern erzählt

[113]

 7. Capitel.

Acclimatisation — Sport in Indien — Sonnenstich — Prophylaxis gegen Sonnenstich — Alcoholica — Bier — Schwarzer Hund — Mortalität beim Militär im Gebirge und in der Ebene — Klima — Statistik — Erröthen der Eingeborenen — Geringschätzung der „Indischen“ — Fluor albus, Menstruation — Gesundheitslappen — Erziehung der Mädchen — Indische Venus — Indischer Don Juan

[130]

 8. Capitel.

Urbewohner von Borneo — Eisengewinnung bei den Dajakern — Eisenbahn auf Borneo — Landbaucolonien — Jagd in Borneo — Im Urwalde verirrt — Wilde Büffel — Medicin auf Borneo — Actiologie bei den Dajakern — Taufe bei den Dajakern — Dukun — Doctor djawa

[147]

 9. Capitel.

Kriegsspiele der Dajaker — Angriff auf einen Dampfer — Hebammen — Frauen-Doctor — Europäische Aerzte — Gerichtsärzte — Stadtärzte — Civilärzte — Furunculosis — Aerztliche Commissionen — Vaccinateurs

[170]

10. Capitel.

Geographie von Borneo — Reise des dänischen Gelehrten Dr. Bock — Besteigung des Berges Kinibalu — Die Syphilis in Indien — Beschneidung

[190]

11. Capitel.

Das „Liebesleben“ bei den Waldmenschen, Dajakern, Malayen und Europäern — Aphrodisiaca

[223]

12. Capitel.

Abreise von Borneo — Tod meiner zwei Hausfreunde durch Leberabscesse — Bandjermasing nach 100 Jahren

[232]

Anhang.

Geschichte des Süd-Ostens von Borneo

[238]

Sach- und Namen-Register

[255]

Verzeichniss der Abbildungen.

Seite
[Titelbild]: Ein Waringinbaum.
[Umschlagbild]: Ein Dajaker.
[Fig. 1]: Grundriss von Bandjermasing 5
[Fig. 2]: Eine Bekompeyerin 14
[Fig. 3]: Das Fort Teweh bis zum Jahre 1880 28
[Fig. 4]: Mein erster Hausfreund 51
[Fig. 5]: Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari 60
[Fig. 6]: Mein zweiter Hausfreund 90
[Fig. 7]: Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus) 97
[Fig. 8]: Skizze von Borneo 155

[Fig. 1] ist (in doppelter Grösse) entnommen dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff.

[Titelbild] und [Fig. 6] wurden nach Photographien des Verfassers reproducirt.

[Figg. 2][5] wurden nach den Skizzen und Mittheilungen des Verfassers gezeichnet.

[Fig. 8] ist die verkleinerte Reproduction der Skizze, welche im Militärblatt von Holländisch-Indien in No. 59 vom Jahre 1888 erschien.


Legenda: D = dajakisch.
J = javanisch.
M = malayisch.
S = sundanesisch (im Westen Javas).

Vorwort.

E. Ch. Barchewitz rechtfertigt in der Vorrede seiner „Ost-Indianischen Reise-Beschreibung“ („Erfurt, verlegts Joh. David Jungnicol 1751“) die Herausgabe seines Buches mit folgenden Worten:

... „Ich könnte aber viele Ursachen anführen, welche mich hierzu bewogen, wenn ich die engen Grenzen meiner kurzen Vorrede überschreiten wollte; gleichwohl habe ich die vornehmste nicht verschweigen sollen. Die erste ist, dass wir unterscheiden vornehme und gute Freunde, denen ich dann und wann in Conversation von meiner Reise Eines und das Andere erzählet, mir angelegen, das, was ich erfahren, nicht vor mich allein zu behalten, sondern dem Publico zu communiciren ...“

Auch mir erging es so. Wenn ich einen Vortrag hielt über dieses oder jenes Thema, wie z. B. im Jahre 1885 über Borneo oder im Jahre 1898 über die Hygiene in den Tropen; wenn ich in einem kleinen Kreise in groben Zügen eine oder die andere den Tropen eigene Krankheitsform beschrieb, oder wenn ich diesen oder jenen Theil des täglichen Lebens im Lande des ewigen Sommers meinen Freunden entrollte, immer wurde ich dazu gedrängt, in irgend einer Weise meine Erlebnisse einem grösseren Publicum zugänglich zu machen. Wenn ich also dieser Aufforderung Folge leiste, so beabsichtige ich kein grosses gelehrtes Buch zu schreiben oder wie Barchewitz in seiner Vorrede sagt:

„An dem in diesen Bogen gebrauchten Stylo muss sich der geliebte Leser keineswegs ärgern, dass er nicht hochtrabend, sondern in einem ganz einfältigen und gemeinen deutschen Kleide aufziehet. Denn, gleichwie es einem Bürger oder Landmanne übel würde ausgelegt werden, wenn er in einem güldenen Stück einher getreten kommen würde; so würde es auch mir fast billig verarget werden, wenn ich wider mein Naturell und Lebensart in Beschreibung der Geschichten meines Lebens, den galanten Schlesiers oder Sachsen ihre Wohlredenheit abborgen und in selbige meine Historie verstecken wolle.“

Ich will nur erzählen, was ich gesehen und was ich erlebt habe als Arzt und als Mensch, und ich will, wo es sein muss, flüchtig den Kothurn der Wissenschaft besteigen; denn ich schreibe für Aerzte und für Laien.[1] Europa sprengt seine Fesseln und breitet seine Arme nach dem fernen Westen und Osten der Welt aus. Zahlreiche Aerzte gehen nach dem Congo, zu den Tabakpflanzern auf Sumatra u. s. w., um dort ihr Glück zu suchen. Sie finden dort andere Menschen, andere Sitten und Gebräuche, ein ander Klima, eine ganz andere Volksnahrung, sie finden Manches, von dem sie früher nichts gehört und nichts gelesen haben. Als ich vor 22 Jahren an der Westküste Sumatra’s in Padang zum ersten Male indischen Boden betrat, bot mir ein Hausirer eine Ananas zum Kauf an. Ich nahm sie auf das Schiff mit, ein Schiffsgenosse liess sie für mich schälen, während er mir ihren Saftreichthum und ihr Aroma in überschwänglichen Worten pries, und schon wollte ich einen Bissen zum Munde führen, als ein alter College, der von seiner Urlaubsreise zurückgekehrt war, mir warnend zurief: „Des Morgens (= Vormittagsstunden) darf man keine Ananas essen, sonst bekommt man die Cholera.“ Kurze Zeit darnach sass ich mit einem Obristlieutenant in der Veranda seines Hauses; wir philosophirten, wie er es nannte, und er behauptete, was ich späterhin noch vielfach zu hören bekam, dass Gott jedem Lande seine Krankheiten, aber auch die Arzneien für diese Krankheiten gegeben habe, und dass daher für die Behandlung der „indischen“ Krankheiten der europäische Arzt nicht die geeignete Person sei, sondern jene Damen, welche in der Behandlung der „indischen“ Krankheiten (Dysenterie, Aphthae tropicae u. s. w.) grossartige Erfolge hätten, weil sie sich nur der Arzneien des Landes bedienten, und dass selbst der Sanitätschef sich bei ihnen Raths erhole u. s. w. Wie rath- und hilflos stand ich gegenüber diesen — Phrasen! Nun Dieses und Solches mehr werde ich in diesem Buche mittheilen, ich werde erzählen, wie ich solche Fragen damals beantwortete, oder wie ich sie heute beantworten würde; ich werde damit kein Lehrbuch schreiben für den Arzt, der zum ersten Male das Land der Tropen betritt, sondern ihn nur aufmerksam machen auf die neuen Verhältnisse, denen er entgegentritt, und ihm auf diese Weise die Gelegenheit geben, zu manchen Fragen Stellung zu nehmen und über manche Fragen nachzudenken, welche ihm aus Unkenntniss der Verhältnisse, um mich eines banalen Ausdrucks zu bedienen, nicht einmal im Traume einfallen.

Der Laie wird mit mir eine Reise in das Land machen, welches sich „wie ein Gürtel aus Smaragd um den Gleicher schlingt“ (Multatuli); ich werde ihn in die Hütte des Kopfjägers begleiten, welcher im Herzen Borneos in grossen Hütten aus Bambus sein leichtsinniges Leben führt; ich werde ihm das Leben und Lieben der javanischen Frau in kurzer Skizze zeichnen; ich werde ihm die Feste der Palembanger (Sumatra) beschreiben u. s. w.; dann werde ich ihn in das Familienleben der europäischen und halbeuropäischen Bewohner dieser Inseln blicken lassen, und ich werde ihm ein ärztlicher Führer sein, wenn er als Tourist die Tiger des südlichen Java oder die Orang-Utangs Borneos fangen oder erlegen will, oder wenn er die „Tausend Tempel“ Javas zu bewundern beabsichtigt, oder für die Producte der heimathlichen Industrie im fernen Osten ein Absatzgebiet aufsuchen will.

Schon manches Werk wurde in diesem Genre geschrieben, aber nicht, so weit mir wenigstens bekannt ist, in deutscher Sprache. In Holland erschien jedoch vor 16 Jahren ein solches Buch unter dem Namen „De geneesheer (Arzt) in Nederlandsche Indië“ von Dr. C. L. van der Burg, welches mir so manche vergnügte Stunde bereitet, und aus welchem ich Vieles gelernt habe, obzwar ich damals schon 6 Jahre in den Tropen gelebt hatte. Dieses ist ein systematisch geschriebenes Buch, welches scharf abgegrenzte Theile der Tropenhygiene und der Ethnographie behandelt.

Ich habe mir ein weiteres Ziel gesetzt und auch eine andere Form dafür gewählt.

In 3 Theilen[2], genannt nach den 3 Inseln Borneo, Java und Sumatra, auf welchen ich viele Jahre gelebt habe, werden meine Erlebnisse und meine Beobachtungen, wie sie in meinen alten Reisebriefen auf einander folgen, mitgetheilt werden, nachdem die Schlacke der ersten oberflächlichen Eindrücke durch die Kritik der Beobachtung vieler Jahre beseitigt werden konnte.

Wenn diese 3 Bücher auch nach dem fernen „heiligen Java“ und Borneo den Weg finden, dann rufe ich ihnen wehmüthig die Worte des römischen Dichters nach:

Heu mihi quod domino

non licet ire tuo.

Karlsbad, im April 1899. Dr. H. Breitenstein.

1. Capitel.

Rassen auf Borneo: Olo-Ott, Dajaker u. s. w. — Reise von Surabaya nach Bandjermasing — Insel Madura und Bawean — Dussonfluss — Mosquitos — Oedipussage auf Borneo — Danaus-Seen — Antassan — Rother Hund (eine Hautkrankheit).

Wien Neerlands bloed door de aderen vloeit, van vreemde smetten vry (= Wem Niederland’s Blut durch die Adern fliesst, das frei von fremdem Makel) wird heute unter den Fahnen Javas mit ebensolcher Begeisterung als an den Ufern der Maas gesungen. Aber hier wie dort kann der Ethnograph nur von einer gemischten Rasse sprechen.

Wie in Europa, im Lande der »Bataver«, Franzosen, Engländer, Spanier und Deutsche seit Jahrhunderten abwechselnd sich angesiedelt und durch gegenseitige Heirathen, ich möchte sagen, eine neue Rasse geschaffen haben, so hat auch Bandjermasing, die Hauptstadt des südöstlichen Theiles von Borneo (wie alle grossen Hafenstädte des indischen Archipels), zahlreiche Menschenrassen, welche nicht nur neben einander leben, sondern sich auch unter einander kreuzen. Buginesen von Celebes, Javanen, Malayen, Maduresen, Bekompeyer, Chinesen und Europäer bewohnen zwar in eigenen Kampongs die einzelnen Theile der Stadt, aber Amor kennt keine Grenzpfähle und keinen Unterschied der Rassen. Reiner hat sich jedoch auf der Insel Borneo der dajakische Volksstamm erhalten, wenn wir dem Laufe des grossen Stromes Baritu folgen, in den sogenannten Dusson- oder Dajaklanden, d. h. ungefähr oberhalb Mengkatip (2° 5′ S. B.), trotzdem sie Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Fürsten seufzten; ganz rein blieben nur die Olo-Ott in ihrer Rasse; das sind jene Wilden, welche in den Urwäldern frei ohne jedes politische sociale Band in einzelnen Familien und als Nomaden auf Bäumen leben und in Hütten aus Laub sich vor den Unbilden des Wetters schützen. Sie selbst, d. h. die Olo-Ott, habe ich nicht gesehen, aber ihre nächsten Nachbarn, die Bewohner von Murong und Siang; unter den Dajakern, stricte dictu habe ich 3 Jahre gelebt; 10 Monate weilte ich in Buntok (1° 17′ S. B.), wo die Dajaker mit den Bekompeyern friedlich beisammen wohnen. Das sind Dajaker, welche im Contact mit den benachbarten Malayen nicht nur den mohammedanischen Glauben angenommen haben, sondern auch in ihren Sitten und Gebräuchen milder geworden sind und selbst durch Handel, Industrie und durch Ackerbau auf der ersten Stufe der menschlichen Civilisation stehen; auch ihre Künste und ihre Literatur sind die der Malayen, welche die Küsten aller Inseln des indischen Archipels bewohnen.

Bevor ich jedoch auf dieses Thema mich weiter einlasse, will ich mit einigen Zeilen von der Reise selbst sprechen, welche mich zunächst nach Bandjermasing und hernach nach Muara Teweh brachte, wo ich 3 lange Jahre verblieb und während dieser Zeit kein Pferd gesehen habe und keine — europäische Dame.

Den 28. März 1877 schiffte ich mich in Surabaya, der zweitgrössten Stadt Javas, ein, um als holländisch-indischer Oberarzt nach Borneo zu gehen. Gegenüber dieser Stadt liegt die Insel Madura und das Fahrwasser zwischen diesen beiden Inseln versandet mit jedem Tag mehr und mehr, so dass die Regierung ihre Mühe hat, diese Strasse offen zu erhalten. Hier hat die See eine so starke Strömung, dass ich mit meinem Kahne unmöglich das Schiff erreichen konnte, bis einer der Schiffsofficiere uns am Seil einen Rettungsring zuwerfen liess. Die Ruderer legten die Ruder zur Seite, erfassten das Tau und so gelang es ihnen, den Kahn an die Falltreppe zu bringen. Den vier Collegen, welche mich begleitet hatten, drückte ich zum letzten Male die Hand, und ich verliess die Nordküste Javas, um 3½ Jahr lang weit entfernt von der menschlichen Civilisation in einem kleinen Fort in Gesellschaft zweier Officiere ein Leben zuzubringen, das mir alle Genüsse des europäischen gesellschaftlichen Lebens vorenthielt bis auf die — der Wissenschaft. —

Das östliche Ufer der Insel Madura, an dem wir vorüber glitten, war reich mit Urwald bewachsen und bot uns manches schöne Panorama, hingegen war die Küste der Insel Bawean, an welcher wir ebenfalls vorbeidampften, flach und öde. Schon am 30. März sahen wir die Mündung des Baritu, ohne jedoch wegen der Ebbe weiterdampfen zu können. Eine ungeheure Sandbank verlegt nämlich die Einfahrt in den Baritu und wird mit jedem Tage grösser, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie die Insel Bawean erreicht haben wird. Erst am 31. März brachte uns die Fluth in den Baritu, welcher Strom auch Bandjermasing genannt wird und in seinem Oberlaufe Dusson heisst. Er hat zwei Mündungsarme, von denen jeder an der Küste ungefähr ein Kilometer breit ist. (Der westliche Arm mündet 3° 26′ S. B. und 114° 13′ O. L. und der andere 3° 35′ S. B. und 114° 33′ O. L. in die Javasee.)

Die Fahrt in den Baritu ging sehr langsam, weil der Strom bis zur Mündung des Martapuraflusses, an dessen Ufern die Hauptstadt Bandjermasing liegt, in mehr als dreissig Windungen sich schlängelt. Die Ufer sind dicht bewachsen und zwar unter anderem von der Nipahpalme (Nipa fructicans), deren Blätter abgekocht, abgekratzt und getrocknet werden, um als Deckblatt von Cigaretten zu dienen und welche die Heimath ist der — Mosquitos (Culex und Tipula).

Deren giebt es zahlreiche Species; aber alle sind eine fürchterliche Plage, von der besonders Bandjermasing heimgesucht wird.

Wenn auch in der Regel die indischen Mosquitos nur Abends und in der Nacht dem Menschen lästig werden, so ist dies doch nur in den Häusern der Städte der Fall; wenn man jedoch auf die Jagd geht und aus anderen Ursachen in das Gebüsch der Nipahpalmen kommt, dann kann man von ihnen bei Tage ebenso attaquirt werden als von den kleinen Blutegeln; der Stich der Njamuks (so heissen die Mosquitos im Malayischen) ist empfindlich, er verursacht eine Quaddel von bedeutender Grösse, welche durch heftiges Kratzen oft in ein Geschwür sich verwandelt. Dass man sie auch beschuldigt, die Uebermittler so mancher pathogener Bacterien zu sein, wie der Cholera, Lues u. s. w., ist, ich möchte beinahe sagen, selbstverständlich. Man schützt sich gegen ihre Stiche auf mannigfache Weise. In der Regel sind die von den Kleidern bedeckten Körpertheile vor ihren Angriffen gesichert; man kann aber doch nicht den ganzen Abend und die ganze Nacht gekleidet bleiben; die indische Haustoilette ist, wie wir sehen werden, so dünn, dass die Mosquitos hindurch stechen; dabei sind Kopf, Hände und Füsse unbekleidet; man bestreicht sie eventuell mit Oel, Cajaputiöl oder einem Decoct von Lignum Quassiae, wodurch sie in respectabler Entfernung von dem Menschen gehalten werden. Das am meisten gebrauchte Schutzmittel gegen diese blutdürstigen Mücken ist das Netz; man spannt nämlich um das Bett, welches an den vier Ecken zwei Meter hohe Pfeiler hat, ein Zelt aus Tüll; es bleibt jedoch eine akrobatische Leistung, beim Schlafengehen so geschwind hinter das Netz zu kommen, dass kein Mosquito uns begleiten kann. Wie schon erwähnt, hat Bandjermasing eine traurige Berühmtheit ob der Menge seiner Mosquitos. Zwei Momente jedoch vermindern diese Landplage: erstens dass diese blutgierigen Feinde unserer Nachtruhe Feinschmecker in ihrer Art sind; das Blut mancher Menschen schmeckt ihnen nämlich nicht oder vielleicht die Ausdünstung derselben. Zu diesen bevorzugten Geschöpfen Gottes gehörte z. B. ich. Ich war mir keiner einzigen constitutionellen Krankheit bewusst, als ich in Bandjermasing von den Bissen dieser Insecten verschont blieb, so dass ich selbst in der Nacht mit geöffnetem Mosquito-Netz schlafen konnte, während selbst der kleine Wau-Wau (Hylobates concolor), welcher dem Apotheker B... gehörte, mit Vergnügen Abends hinter das Mosquitozelt kroch, um ungestört dem Schlaf sich ergeben zu können. Freilich blieben sie auch von mir in keiner respectvollen Entfernung; ihr Summen und Schwirren beunruhigte und störte auch mich Anfangs, bis mich Gewohnheit und Erfahrung lehrten, das wählerische Gesindel schnarchend zu verachten. — Der zweite Factor ist, dass nur der Hauptplatz Bandjermasing von so zahlreichen und grossen Mosquitos heimgesucht wird, während in den Garnisonen jenseits des Alluviallandes diese Landplage aufhört. Während meines dreijährigen Aufenthaltes in Muara Teweh bekam ich niemals eines dieser Insecten zu Gesicht, es sei denn, dass ein Dampfer von Bandjermasing zu uns kam und die unwillkommenen Gäste als blinde Passagiere mitführte. Auch auf den übrigen Inseln des indischen Archipels kamen sie nur in der Ebene, an der Küste, im alluvialen Boden, in der Heimath der Sumpfgewächse vor, während im Gebirge, auf der Hochebene, in der Kalkformation sie nur zeitweise zu Gastrollen auftauchten. Auch kann man mit ein wenig Heroismus allen schädlichen Folgen ihres Stiches entgehen. Wir sehen ja, dass Säuglinge niemals Quaddeln, Entzündungshöfe oder Geschwüre von einem Mosquitostich bekommen; sie kratzen sich eben nicht und stören die blutdürstigen Insecten nicht in ihrer Trunksucht; ist einmal das Thierchen gesättigt (man gewahrt die Plethora seines Bauches, der bis zur Grösse einer halben Erbse anschwillt), so fliegt es seiner Wege und sein Stich lässt nur einen rothen Punkt zurück; wird es jedoch weggejagt, so bricht der Stachel ab und die Folliculitis ist gegeben; kratzt man diese stark juckende Stelle, so excoriirt die Haut, und der Anfang des Geschwüres ist fertig, welches mitunter recht lange bestehen kann. Tant de bruit pour une omelette, wird vielleicht mancher Leser denken; aber er erkundige sich z. B. bei einem Marineofficier, der tage- oder wochenlang bei einer Blockade vor einer Küste liegen muss. Ob die Langeweile mehr von unserer Gemüthsruhe fordert als die Mosquitos in einem solchen Falle, das muss man selbst erfahren haben, um die Verwünschungen gegen diese Plaggeister zu begreifen.

Fig. 1. Grundriss von Bandjermasing.

Ueber Bandjermasing selbst bringen meine Reisebriefe aus damaliger Zeit nur magere Berichte, vielleicht weil ich nur kurze Zeit in der Hauptstadt selbst verweilte und nach kurzem Aufenthalt ins Innere des Landes, an die Grenze aller menschlichen Civilisation geschickt wurde; vielleicht weil die Stadt Bandjermasing wenig Interessantes oder Mittheilenswerthes geboten hat, oder vielleicht weil nur die Topographie der Umgebung mir mehr Mittheilenswerthes und Interessantes bot. Ihre Einwohnerzahl bezifferte ich damals auf 30000. Der grösste Theil der Bewohner Bandjermasings besteht aus Malayen (Bandjeresen und Bekompeyer), und am kleinsten ist die Zahl — der Europäer. »Wenn wir von den Officieren mit ihren europäischen Soldaten und den Beamten absehen, ist die Zahl der europäischen Handelsleute, auch wenn die halbeuropäischen mit gerechnet werden, noch auf den Fingern einer Hand abzuzählen.« So sprach ich im Jahre 1885 in einem Vortrage über die Bewohner dieser Stadt; heute ist die Zahl der Europäer grösser, weil der Handel einen solchen Aufschwung genommen hat, dass selbst die Handelmaatschappij einen Agenten für die südöstliche Hälfte Borneos zu ernennen sich bemüssigt sah.

Von monumentalen Gebäuden kann kaum gesprochen werden; das Haus des Residenten ist wie die meisten Häuser Indiens in altgriechischem Stile gebaut mit einer vordern und hintern Veranda; das Fort mit seinem Spitale und seinen Kasernen, das neue Gefängniss, das Seminar für Volksschullehrer, das Clubgebäude, die europäischen Geschäfte u. s. f. sind hübsch und nett, aber ohne jeden architektonischen Werth. Am linken Ufer des Martapuraflusses liegt jedoch das chinesische Viertel mit zahlreichen Geschäften und einer chinesischen Kirche. Vor vielen Jahren las ich in einer Reisebeschreibung, dass in dem chinesischen Tempel zu Bandjermasing der Hauptaltar mit einem Bilde Napoleons I. verziert sei; sofort nach meiner Ankunft miethete ich einen Kahn, um diese Chinesische Kirche mit Napoleon als Buddha zu sehen. Ich sah keinen Buddha oder Confucius, welcher Napoleon ähnlich war, und als ich darnach mich erkundigen wollte, bekam ich keine Antwort; ich sprach kein Chinesisch und nur sehr mangelhaft die malayische Sprache, und die Tempeldiener waren nur dieser zwei Sprachen mächtig.

Unrichtig wird angegeben, dass diese Stadt auf dem linken Ufer des Baritu liege; von diesem Flusse sind die äussersten Gebäude der Stadt, das Hafenbureau und das Gefängniss noch mehr als eine Stunde entfernt.

Alle Häuser stehen auf Pfählen, denn die Stadt liegt im Inundationsgebiet des grossen Stromes Baritu, welcher sich täglich über 1 Million Hektar Landes mit der Fluth des Meeres ergiesst; mit der Ebbe dringt zwar das Wasser dem Meere zu, aber zahlreiche Pfützen bleiben zurück, die zahlreichen Canäle werden wasserfrei, die stinkenden Ausdünstungen verpesten die Luft und selbst der Martapurafluss wird in trockenen Jahren so wasserarm, dass das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen des Stromes geholt werden muss.

Grosse und ausgestreckte Sümpfe begrenzen im Norden und Süden die Stadt, und der Canal Kween ([Fig. 1]) ist die östliche Grenze des bewohnten rechten Ufers des Martapuraflusses.

Der officielle Ausweis spricht im Jahre 1882 von 592959 Bewohnern[3] des südöstlichen Borneos mit 549 Europäern, 2843 Chinesen und 435 Arabern; von diesen Ziffern haben nur die Angaben über die anwesenden Araber, Chinesen und Europäer einen gewissen Werth; wie wir später sehen werden, ist die Statistik der Eingeborenen ganz unverlässlich, so dass factisch die Einwohnerzahl Borneos noch heute selbst auf eine Million noch nicht bekannt ist.

Ob diese Stadt Bandjermasin oder Bandjermasing zu nennen sei, ist kaum zweifelhaft. Valentyn nennt sie Bandjermasingh, und mit Unrecht wird in dem grossen Atlas von Stemfoort und ten Siethoff eine neue Schreibweise dieses Namens eingeführt. Bandjir heisst nämlich Ueberströmung und mâsing bedeutet häufig vorkommend. Da thatsächlich diese Stadt häufigen Ueberströmungen ausgesetzt ist, und da nicht nur in den ältesten Büchern der Name Bandjermasingh vorkommt, sondern auch während meines dreijährigen Aufenthaltes auf Borneo mir geläufig war, so ist nach meiner Ansicht die ältere Schreibweise beizubehalten.[4]

Bis zum 16. Jahrhundert waren auch die Bewohner der Küste ebenso Heiden als heute noch die Dajaker im Innern der Insel es sind. Die Einführung der mohammedanischen Religion auf Borneo ist mit einer Oedipussage verbunden:

Bekanntlich hat Ende des 15. Jahrhunderts Madjopahit auf Java den Islam eingeführt und zwar mit Feuer und Schwert (so dass heutzutage nur zwei sehr kleine Colonien von echten Hindus auf dieser Insel gefunden werden, und zwar die eine in West-Java in der Provinz Labak und die zweite in Mittel-Java), und darum ist es interessant, dass die folgende Sage auch in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegt wird.

Im Beginne des 16. Jahrhunderts (1530?) lebte eine Fürstin des Bandjermasingischen Reiches, deren Name von der Zeitfluth weggespült wurde; sie hatte einen Knaben, dem sie einmal bei einer körperlichen Züchtigung eine Wunde am Kopfe beibrachte; er bekam dadurch eine solche Abneigung gegen das elterliche Haus, dass er seine Flucht mit Hülfe des Anakoda Laba, eines reichen Javanen, beschloss, der damals mit seinem Schiffe bei Negara vor Anker lag. Nach dem Tode seines reichen Pflegevaters führte er den Handel mit Borneo weiter. Seine hohe Abstammung hatte sein Pflegevater verheimlicht; Akar Sungsang (unter diesem Namen war er auf Java erzogen worden) erregte durch seinen Reichthum, seine Schönheit und durch seinen Muth dermaassen die Aufmerksamkeit der Bewohner von Amunthay, dass sie ihm die Hand der seither verwittweten Fürstin anboten. Viele Jahre lebte er in glücklicher Ehe mit — seiner Mutter, als sie eines Tages die Narbe an seinem Kopfe entdeckte und die Flucht auf Anakoda Laba’s Schiff erfuhr. Beschämt und erschreckt entzog sie sich seinen Umarmungen und stellte sich vor den Rath der Aeltesten, um die verdiente Strafe zu empfangen. Die Tradition (hadat) hatte jedoch keinen Präcedenzfall; die Ehe wurde nur gelöst und die Gattin-Mutter blieb straflos. Akar Sungsang heirathete wieder, und sein Enkel Samatra, der Sohn seiner Tochter Putri Kalarang und eines Dajakers, führte als Sultan Suriansah (1608?) den Islam auf Borneo ein. (Schwaner.)

Neben dieser Oedipussage hat die Mythologie der Dajaker auch die einer Venus anadyomene; aber für die Lernäische Schlange der Griechen hat der Dajaker kein Pendant; das ist um so überraschender, als die Küste ein ungeheurer Sumpf ist, über den sich bei der Fluth das Meer bis auf 1 Million Hektar ergiesst, und wo eine üppige Flora eine undurchdringliche, unausrottbare Wildniss geschaffen hat. An diese grosse sumpfige Ebene schliesst sich die tertiäre Formation[5] mit den Urwäldern, welche noch keines Europäers Fuss betreten und in welchen die Riesen der Flora neben den Riesen der Fauna hausen. Die Avicennien, Caesalpinen, Casuarinen und Rhizoforen; das Sideroxylon (Kaju besi M), Teakbäume, Guttapercha, Muskatbäume, Campher, Zimmt, Citrone, Bambus, Rottan, Reis, Pfeffer, Kaffee u. s. w. fesseln in ihrer Massenhaftigkeit den Laien vielleicht mehr als den Botaniker, und auch ich nahm den ganzen Reiz eines Urwaldes und der Sumpfpflanzen in mich auf und beugte in Demuth mein Haupt vor den gewaltigen Riesen der Pflanzenwelt, oder vor den Lianen, welche Schritt für Schritt den Marsch des Wanderers erschweren oder unmöglich machen. Auch ich ergötzte mich an der Pracht der Nepenthes-Artent, von denen schon Friedmann auf Borneo 22 Arten kannte und unter welchen die Nepenthes Edwardsiana, villosa und Rajali die schönsten sind.

Ein fesselndes Bild sind auch die Ströme mit ihren zahlreichen Seen (Danaus).

Ich habe den Genfer See gesehen, ich habe den Rhein befahren, ich kenne die Donau von Wien bis zum Banat; ich habe vier Monate in den Karpathen gelebt und habe mich an der Riviera herumgetummelt; ich weilte auf Java an den Ufern des Telagawarna, welcher wie in einem Kessel zwischen hohen Felsen eingeschlossen ist, dessen majestätische Ruhe und lautlose Luft mich mächtig ergriffen hat, aber nirgends sah ich ein Bild, das sich nur annähernd mit dem der Danaus vergleichen könnte; nirgends sah ich ein solch pittoreskes, variabeles Panorama, als auf den Seen jenseits der Ufer des Baritu.

Wahrscheinlich sind es alte Flussbetten, welche durch Antassans mit dem neuen Strom in Verbindung geblieben sind. Sinkt das Wasser in dem Barituflusse, so ist der Danau ein grosser Sumpf, aus dem hier der kahle Stamm eines Waldriesen (Balangiranbaum) sich erhebt, dort die Wurzeln einer Rhizophore eine niedrige Säulenhalle über dem sumpfigen Boden errichtet, durch die sich still und lautlos ein Krokodil windet; hier sitzt auf einem andern kahlen Stamme ein Reiher, dort tauchen einige Fische aus der Tiefe und trachten mit leichten Sprüngen die darüber schwebende Libelula zu erhaschen. Kreisen auch nebstdem einige Falken, oder in später Abendstunde zahlreiche Kalongs hoch in den Lüften, so ruht doch ein schwermüthiger, geheimnissvoller Ernst über der ganzen Fläche der Sümpfe und stimmt den Beobachter traurig im Gefühle der Einsamkeit und Verlassenheit.

Steigt das Wasser des benachbarten Stromes jedoch so hoch, dass es die durch den abgelagerten Sand und Schlamm immer und immer höher werdenden Ufer überragt, dann füllt sich das alte Becken zu einem grossen See, dessen Wasser in seiner wilden Fahrt immer und immer mehr den Boden aufwühlt und immer und immer neue Sümpfe schafft, bis wieder hier oder dort ein künstlicher Canal, Antassan, das Wasser dem Hauptstrom zuführt.

Die Formation dieses Diluvium und Alluvium ist bis jetzt ebenso wenig abgeschlossen als die der Danaus, Antassans und der grossen Ströme, welche oft einen täglichen Verfall von 15 Metern!! haben.


Ich verlasse nur ungern dieses Capitel, weil ich noch heute den ganzen Zauber dieser jungfräulichen Tropenwelt empfinde und fühle, obzwar ich kein Geologe und kein Botaniker bin.

So möge noch vor Schluss dieses Capitels wieder der Arzt in mir zu Worte kommen:

Eine zweite indische Landplage, welche noch ärger ist als die der Mosquitos, ist der rothe Hund, Lichen tropicus oder, wie sie Scheube nennt, eine Eczemform, z. B. eczema aestivum. Wenn ich mich jedoch an die Definition von Lichen halte, welche Hebra s. Z. gab, dann muss ich mich aus anatomischen, ätiologischen und klinischen Ursachen an die, wenn ich nicht irre, von mir zuerst in N.-Indien eingeführte Classification von Lichen tropicus halten. Hebra nannte Lichen »jene Krankheitsform, bei welcher Knötchen gebildet werden, die in typischer Weise bestehen und im ganzen chronischen Verlaufe keine weitere Umwandlung zu Efflorescenzen höheren Grades erfahren, sondern als solche sich wieder involviren«.

Als ich zum ersten Mal meinen Collegen mein Leid klagte, dass mich ein fürchterliches Jucken plage mit kleinen hochrothen Knötchen auf der Haut, und zwar am meisten zwischen den Fingern und am Rücken der Hand, am Rücken, auf der Innenseite der Arme und am Hals, da antwortete mir der Eine: »Seien Sie froh, dass Sie den rothen und noch nicht den schwarzen Hund haben« (wobei ein malitiöses Lächeln um seine Lippen spielte), während der Andere mir ein anderes Trostwort zu Theil werden liess. »Nein, seien Sie froh, dass Sie den rothen Hund haben, denn dann wissen Sie sicher, dass Sie keine andere Krankheit in Ihren Gliedern bergen.« Nun, was der Eine mit seinem »schwarzen Hund« und mit seinem malitiösen Lächeln sagen wollte, erfuhr ich später; für die Behauptung des zweiten Collegen, dass ich durch die Anwesenheit des »rothen Hundes« die demonstratio ad oculos hätte, nicht krank zu sein, bekam ich jedoch sofort die nöthige Interpretation. »Weil ich gesund sei, schwitze ich stark; weil ich stark schwitze, bekäme ich den »rothen Hund«; also, weil ich den rothen Hund hätte, sei ich gesund.« Kopfschüttelnd machte ich die Bemerkung: Gar so sehr könne ich mich mit meinem fürchterlichen Jucken nicht freuen, und ich würde es schon vorziehen, gesund zu sein, ohne den »rothen Hund« mitschleppen zu müssen, und ich möchte höflichst meine Collegen bitten, mir ein Mittel anzugeben, mich von diesem unliebsamen Gaste zu befreien. Ja, bekam ich mit mitleidigem Tone zur Antwort, wenn Sie den rothen Hund und die Transpiration unterdrücken wollen, und das Eine geht nicht ohne das Andere, dann können Sie auch sofort einen Sarg bestellen; Sie wissen ja, wie gefährlich es in Europa ist, die Transpiration zu unterdrücken; dies hat noch mehr Bedeutung »in de Oost«, wo Malaria, Cholera, Dysenterie u. s. w. sicher mit dem Schweisse den Körper verlassen. Noch wagte ich den Einwand: Mir scheint der »rothe Hund« von zu vielem Schwitzen zu entstehen, und ich möchte darum nur das zu viele Schwitzen bekämpfen, um dadurch vielleicht vom »rothen Hund« befreit zu werden. Auch dieses wurde mir abgerathen mit den Worten: Dagegen lässt sich nichts thun, denn der »rothe Hund« ist eine indische Krankheit, und da wir kein Arzneimittel dagegen haben, so ist auch bewiesen, dass der »rothe Hund« nicht vertrieben werden darf!! Aus diesem Gespräche wurde mir ersichtlich, dass der »rothe Hund« gewissermaassen einen diagnostischen Werth habe, weil er nie zugleich mit acuten Krankheiten vorkäme, und dass wir kein specifisches Heilmittel für ihn hätten. Nun, späterhin hatte ich an mir selbst und an hundert Anderen genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser zwei Axiome zu überzeugen.

Leider sind nicht allein die »Totoks« das Opfer dieser Plage, d. h. jene Europäer, welche erst eine kurze Zeit in den Tropen sich aufhalten, sondern noch jahrelang, selbst sein ganzes Leben lang wird man in grösseren oder kleineren Pausen von dieser Hautkrankheit heimgesucht. Als ich im Jahre 1884 zum ersten Mal mit Urlaub nach Europa ging, hatten wir eine junge Wittwe an Bord, welche wegen dieser Krankheit Indien verlassen musste. Diese Dame hatte selbst im Gesicht die rothen Knötchen, was in der Regel nicht vorzukommen pflegt. Sie konnte beinahe die ganze Reise nicht an die Tafel kommen, weil sie unter der europäischen Toilette zu stark transpirirte und die indische Haustoilette an der Abendtafel nicht erlaubt ist.

Die Eingeborenen leiden gar nicht oder selten an dieser Krankheit. Sind es Eingeborene mit dunkler Hautfarbe, bleiben sie ganz und gar davon befreit; sind es pigmentarme Eingeborene, wie z. B. die in Indien geborenen Europäer (Kreolen), so leiden sie ebenso häufig am »rothen Hund« wie die in Europa geborenen Europäer; Menschen aus gemischtem Blut (Sinju und Nonna genannt) haben bei pigmentreicher Haut wenig oder gar keine Anlage zu Lichen tropicus, und bei pigmentarmer Haut sind sie in gleicher Weise dieser lang dauernden Krankheitsform unterworfen. Die Prophylaxis fällt zusammen mit der Aetiologie, d. h. alles zu thun und zu lassen, was die Schweisssecretion erhöht (nirgends wird so viel getanzt als in Indien!!), und die Behandlung ist die der juckenden Hautkrankheiten. Nur wird man das tägliche Schiffsbad nicht abzuschaffen brauchen, denn die Krankheit »schlägt nicht hinein« (es ist ja ein Ausschlag); man wird das Jucken mit Streupulver, Eau de Cologne u. s. w. vermindern; mit dem Eintreten der niedrigen Temperatur wird das Jucken eo ipso minder, und nur in Ausnahmefällen wird es nöthig sein, wegen des »rothen Hundes« ein kaltes Bergklima aufzusuchen.

2. Capitel.

Pesanggrâhan = Passantenhaus — Ausflug nach der Affeninsel — Aberglaube der Eingeborenen — Reise nach Teweh — ein chinesisches Schiff im Innern Borneos — Trinkwasser in Indien — Eis — Mineralwässer.

Vor zwanzig Jahren bestand kein Hotel in Bandjermasing, wenigstens nicht im europäischen Sinne, sondern nur ein sogenanntes Pesanggrâhan, das heisst ein Gebäude, welches ursprünglich nichts anderes war, als ein Nachtverbleib für Reisende, welche sich selbst mit den nöthigen Lebensmitteln versahen. Solche giebt es heute noch zahlreich im Innern Javas. Der gesteigerte Verkehr brachte es mit sich, dass diese primitiven Häuser aus Holz oder Bambus von der Regierung einem niedrigen Beamten in Administration übergeben werden, welcher monatlich fl. 50 erhält und dafür in dem Pesanggrâhan einige Betten, Tische u. s. w. aufstellen muss, Reisende auf ihr Verlangen verköstigt (in der Regel gegen eine Bezahlung von 4–5 fl.) und für Officiere oder Beamte ein oder zwei Zimmer reservirt halten soll. Als im Jahre 1896 der König und die Königin von Siam Java mit grossem Gefolge besuchten und einige Tage an dem Fusse des Buru Budur zubringen wollten, mussten sie auch ein solches Nachtquartier beziehen, welches zu diesem Zwecke natürlich mit schönerer Einrichtung versehen wurde. Für das zahlreiche Gefolge wurden selbst zahlreiche Hütten aus Bambus in aller Eile gebaut und eingerichtet. Aber auch in diesem primitiven Hotel fand ich keinen Platz bei meiner Ankunft in Bandjermasing, und in liebenswürdiger Weise wurde mir vom Landessanitätschef Gastfreundschaft in seinem Hause angeboten. Zwei Tage später verliess der Dampfer wieder Bandjermasing, und im Hotel (?) wurden wieder einige Zimmer verfügbar. Da ich wusste, dass es noch einige Tage dauern würde, bis ich Bandjermasing verlassen sollte, hatte ich, um von der Gastfreundschaft meines Chefs keinen Missbrauch zu machen, oder ich will lieber sagen, um nicht länger, als nöthig war, davon Gebrauch zu machen, das Pesanggrâhan bezogen. Ein primitives Zimmer (das ganze Gebäude bestand aus Holz) mit primitiver Einrichtung, jedoch mit guter Küche, wurde mir geboten. Ich werde noch später Gelegenheit haben, mit der indischen Küche mich näher zu beschäftigen. Die wenigen Tage, welche ich in Bandjermasing bleiben sollte, benutzte ich zur Besichtigung der Stadt und zu einem Ausfluge nach der Affeninsel. Wenn, wie schon erwähnt, meine Reisebriefe aus dieser Zeit nur mangelhafte Berichte aus der Hauptstadt Borneos bringen, so kann ich sie heute hinreichend ergänzen, weil ich 3½ Jahr später wieder eine ganze Woche in Bandjermasing procul negotiis verweilte und durch den späteren Aufenthalt auf den andern Inseln einen Maassstab fand, mit Verständniss die herrschenden Verhältnisse, das Leben und Treiben dieser Hafenstadt zu beurtheilen. Es ist das Leben einer Hafenstadt, welche an einem Flusse und nicht an der Küste des Meeres liegt; es ist auch kein Wald von Mastbäumen oder eine unzählbare Menge von Dampfern, welche eine solche Hafenstadt charakterisirt. Ein Kriegsschiff, ein paar kleine Dampfer, einige grosse und unzählbar viel kleine Segelschiffe und Kähne bevölkern den Fluss; da das linke Ufer nur von den Chinesen bewohnt wird, welche zahlreiche Geschäfte (tokos) haben und keine einzige Brücke die beiden Ufer verbindet, so ist es der Kahn, welcher den kauflustigen Menschen und hin und wieder einem der beiden Militärärzte den Verkehr zwischen beiden Ufern vermittelt. Zahlreich sind die Magazine, welche auf dem Wasser in schwimmenden Häusern sich befinden, um von Zeit zu Zeit den Martapurafluss zu verlassen und mit Weib und Kind der Eigenthümer entweder stromaufwärts nach Martapura, der alten Sultan-Residenz, oder stromabwärts in den Baritu mit Dampfbarkassen gezogen zu werden.

Fig. 2. Eine Bekompeyerin.

Es ist hier ein Bild en miniature des bunten Lebens in den grossen Hafenstädten von Port Said, Singapore oder Makassar u. s. w.

Die Trachten der Chinesen, Araber, Malayen, Javanen, Dajaker, Bekompeyer, Buginesen und der Europäer geben auch hier ein kaleidoskopisches Bild, und wenn hin und wieder eine bandjeresische Frau auf ihrem Kahne bei uns vorbeifährt, so ist es nur ein neuer Stein in diesem farbenreichen Bild; denn sie hat einen colossal grossen Hut auf dem Kopfe, der sie vor den versengenden Sonnenstrahlen und dem tropischen Regen schützen soll. ([Fig. 2].)

Der Ausflug nach der Affeninsel geschah natürlich auch auf einem Kahn und zwar auf dem Canal Kween.

Dieser natürliche Canal ist ursprünglich nur ein Antassan gewesen, d. h. der Strom des Baritu hat sich in dem weichen Boden einen Weg gebahnt und die Martapura erreicht; ich zweifle auch keinen Augenblick, dass dieser Canal in den 18 Jahren, dass ich ihn nicht gesehen habe, an Breite, Grösse und Richtung nicht unbedeutende Veränderungen erfahren haben wird. An dem einen Ende dieser Antassans befindet sich die Affeninsel, wohin ich mich begab, beladen mit einem Revolver und mit einer grossen Pisangstaude (Musa sapientium und Musa paradisiaca = Banane).

Ich werde noch Gelegenheit haben, über die Pisang, sowie über Früchte Indiens im Allgemeinen zu sprechen; ich will jetzt nur erwähnen, dass diese eine Frucht ist, welche das ganze Jahr und überall im Archipel gegessen wird, dass es deren zahlreiche Arten giebt — bis zu 50 —, dass der Pisang-Baum auf gleichem Raume 133 mal mehr Nahrungsstoff als Weizen giebt, ja, dass einzelne Autoren selbst von zwei Centnern Früchten sprechen, welche ein einzelner Baum in einem Jahre liefere, dass die Frucht in Gurkenform ein mehliges Fleisch habe von süsslichem, leichtsaurem, adstringirendem Geschmack, und dass Säuglinge genährt werden mit geriebenem Pisang, mit welchem etwas gekochter Reis vermengt ist.

Den Revolver nahm ich mit, weniger aus Furcht, als mit dem Vorhaben, einen Affen zu erlegen. Kaum hatte ich mich der Insel genähert, welche ich wegen niederen Wasserstandes nicht betreten konnte, als die Affen (Cercopithecus cynomolgus), gemeinhin Keesch genannt, in grossen Schaaren ans Ufer kamen; ich glaube wenigstens 50–60 an diesem Tage gefüttert zu haben. Das possirliche Treiben dieser Vierhänder will ich meinen Reisebriefen nicht entnehmen, weil es genug bekannt ist, und weil ich späterhin genug von meinen Orang-Utangs und Gibbon mittheilen werde, welche in meinem Hause frei herumliefen. Als ich jedoch den Revolver zog, um nach den Affen zu schiessen, warnte mich mein Bedienter, dies zu thun, weil ich dann sehr krank werden würde. Ich liess mich nicht davon abhalten, schoss, ohne jedoch einen Affen zu treffen. »Glücklicherweise,« sagte ich, weil ich später gesehen, welche Macht diese eingeborenen Bedienten über ihre Herren bekommen, wenn man nicht vom Anfang an ihren Aberglauben ignorirt. Wenn man nicht vom Anfange an (principiis obsta!) sich auf diesen höheren Standpunkt stellt, ohne darum ihren Aberglauben zu bespötteln oder zu belächeln; dann wird der Orang baru = homo novus oft in unangenehmer Weise der Dupe seiner Bedienten, weil sie um jeden Preis ihre Ansichten durchsetzen wollen.

Zwei Beispiele aus meiner Erfahrung mögen dieses genauer illustriren. Ich schenkte einem meiner Freunde einen Beo (Gracula), welcher noch nicht gut sprechen konnte; sein Bedienter erklärte, die Zunge dieser indischen Elster dürfe nur an einem Freitag gelöst werden; ich zuckte die Achseln und bedeutete meinem Collegen, dass ich solche abergläubischen Ansichten principiell nicht befolge; mein College jedoch fand meinen Skepticismus gegenüber dem Mysticismus der Malayen nicht gerechtfertigt, weil Vieles zwischen Himmel und Erde sei, wovon die menschliche Weisheit sich nichts träumen liesse und weil der Bediente als Eingeborener des Landes besser mit der »Natur« des Landes vertraut sei u. s. w. Wie gewöhnlich stand sein Bedienter mit einem wesenlosen Ausdruck neben uns, als ob sein Geist irgendwo im Weltraum schweife, während er factisch, ohne dass es sein Herr wusste, die holländische Sprache gut verstand. Wenigstens ich sah, als mein Freund hierauf erwiderte, er wolle es probiren und denselben Tag dem Beo die Zunge lösen lassen, ein eigenthümliches Lächeln um seine Lippen spielen. Den andern Tag war der Beo — todt. Weniger gleichgültig ist der Aberglaube — in der Kinderpraxis. Die Babus (Dienstmädchen) haben ihre eigenthümlichen medicinischen Erfahrungen und octroyiren sie in geschickter Weise den Müttern, und wird man zu einem kranken Kinde gerufen, so erhält man die abenteuerlichsten Rathschläge. Ist so eine Mutter gewöhnt, jenen absurden Vorschlägen, wie wir sie späterhin kennen lernen werden, nicht principiell entgegen zu treten, oder sie sogar anzunehmen, so fühlt sich die Babu ihrer Rolle sicher und beherrscht die Mutter in fürchterlicher Weise; wird jedoch einmal ihr Rath nicht befolgt, so wird es oft geschehen, dass sie, um Beweise für ihre Ansicht zu bringen, selbst schädliche Medicinen dem Kinde eingeben, oder, wie ich es einmal entdeckte, in Gegenwart der Eltern und des Arztes das Kind in die Hinterbacke zwicken, um es fortwährend schreien und weinen zu lassen.

Am 11. April erhielt ich Marschbefehl und zwar nach Muarah Teweh (0° 5′ S. B.), wohin den folgenden Tag ein Regierungsdampfer mich und den neuen Militär-Commandant bringen sollte. Dieses Fort lag damals am rechten Ufer des gleichnamigen Nebenflusses des Barituflusses.

Auf dem Strome, auf welchem oft tausend Meter weit die tiefste Stille herrscht, welche nur durch das Plätschern der Räder des Dampfers unterbrochen wurde, waren wir oft stundenlang die einzigen lebenden Wesen; hin und wieder erhob am Ufer lautlos ein Krokodil seinen Kopf und schaute uns mit neugierigen Blicken an, hin und wieder flog ein glänzender Alcedo über dem Dampfer, oder wir hörten aus weiter Ferne die gellen Klagelaute der Gibbons; eine Riesentaube, einen Reiher, ein Lori sahen wir hin und wieder im Gebüsche; aber der Grundtypus des Panoramas war die majestätische Ruhe.

Menschen, sollte man glauben, bewohnen nur den unteren Lauf des Baritu, wo oft, wie in Bandjermasing, auf schwimmenden Häusern die Handelsleute wohnen. Diese Häuser, aus Matten verfertigt, schwimmen auf dem Wasser und sind mit grossen Rottangs an den Ufern befestigt; mit dem Steigen und Fallen des Wassers müssen die Rottangs kürzer oder länger angebunden werden. Will ein solcher Jünger Mercurs den Platz verlassen, löst er die Schlinge, zieht den Rottang ein und lässt sich den Strom abwärts treiben oder den Strom aufwärts ziehen mit seinem Geschäfte, mit Weib und Kind und mit seiner Wohn- und Schlafstätte. Das ganze Familienleben spielt sich auf diesem Hause ab, durch dessen Flur man die spiegelnde Fläche der Wasser sieht.

Im oberen Laufe des Stromes jedoch verschwinden diese schwimmenden Häuser ganz; nur sehr selten sieht man am Ufer ein Dorf (Kampong) stehen, und ebenso selten sieht man einen vereinzelten Dajaker auf der Fischjagd oder auf dem Wege nach seinem weit jenseits des Ufers gelegenen Kampong. Wenn man die Zahl der Kampongs und der Menschen, welche die Ufer dieses Riesenstromes bewohnen, als Maassstab für die Schätzung der Einwohnerzahl Borneos nehmen wollte, würde das Ergebniss viel zu weit hinter der Wirklichkeit bleiben, obgleich, wie bekannt, das Land sehr schwach bevölkert ist. Die Namen der einzelnen Kampongs und der zahlreichen Nebenflüsse dieses Stromes anzuführen, unterlasse ich gerne im Interesse des Lesers. Aber von drei Nebenflüssen, vom S. Rungan (Nebenfluss des Kahayastromes) und von der Lotongtoor und Teweh, welche sich in den Baritu ergiessen, muss ich doch einiges mittheilen.

Auf dem Ufer des Rungan soll nämlich das Wrack eines chinesischen Schiffes sich befinden. Wir werden im letzten Capitel sehen, dass die Chinesen schon vor 1400 Jahren Borneo, und zwar die Nordküste, besucht haben; aber aus einer viel späteren Zeit stammen die Berichte von einer Einwanderung der Chinesen in den südlichen Theil dieser Insel. Uebrigens ist der grösste Theil des Stromgebietes des Flusses Kahaya im Diluvium gelegen; die Quelle des Rungan liegt jedoch in tertiärer Formation. Wie ist nun dieses chinesische Segelschiff auf die Ufer dieser Nebenflüsse geworfen worden und wann geschah dies?

Wir haben aus jüngster Zeit ein Analogon für einen solchen Fall. Im Jahre 1883 war mit dem Ausbruchs des Krakatau (zwischen Java und Sumatra) ein heftiges Seebeben verbunden, welches den Dampfer »Berouw«, welcher im Hafen vor Telok Betong lag, bis eine Meile weit ins Innere des Landes schleuderte. Das Wrack lag noch im Jahre 1888 so weit von der Küste.

Wer weiss also, wie weit vor 1000 Jahren die Küste Borneos von der heutigen entfernt war?

Der Fluss Lotongtor ist ein historischer Kampong am gleichnamigen sehr kleinen Nebenfluss oder vielmehr Antassan zwischen den Flüssen Montalat und Teweh. Hier liegt nämlich das Wrack von dem Kriegsschiff »Ourust«, welches im Jahre 1859 von den Dajakern überfallen und dessen ganze Bemannung bis auf einen javanischen Bedienten niedergemacht wurde, welcher die Trauermähr nach Bandjermasing brachte.

Den Fluss Teweh nenne ich, weil auf seinem rechten Ufer ein Fort stand, Namens Muarah Teweh, in dem ich drei Jahre lang in Garnison lag, und weil dieser Nebenfluss auf der Wasserscheide entspringt, zwischen den Strömen der Ostküste und den Nebenflüssen des Baritu, so dass im Jahre 1880 der Sultan von Kutei und der dänische Forscher Bock diesen kleinen Bergrücken überschreiten und auf dem Teweh in den Baritu sich abtreiben lassen konnten, wo sie ein Regierungsdampfer erwartete und nach Bandjermasing bringen konnte. Das Fort lag damals im Winkel, welchen das rechte Ufer der Teweh mit dem linken Ufer des Baritu bildet; später wurde es verlegt nach dem linken Ufer der Teweh, und heute steht es am rechten Ufer des Bantu, direkt gegenüber der Mündung (Muara) dieses Flusses. Seine Kanonen bestreichen also die ganze Breite des Baritu, welche ich seiner Zeit auf 400 Meter berechnete, und den untern Lauf der Teweh. Im Jahre 1877 befand sich dort nur ein Fort mit 3 Officieren und ungefähr 100 Mann; heute residirt dort nebstdem ein Assistentresident (= Bezirkshauptmann), ein Postbeamter und ein Schreiber. Wie lange wird es dauern, dass auch ein Schullehrer und ein Notar sich in Teweh ansiedeln?


Während der Fahrt nach Teweh beschäftigte ich mich unter anderem auch mit dem Trinkwasser unseres Regierungsdampfers, welches in Bandjermasing an Bord gebracht worden war.

Prof. Robert Koch hat am 9. Juni 1898 in der Colonialgesellschaft zu Berlin einen Vortrag über Malaria gehalten, in welchem er einige Axiome aufstellte, welche in ihrer Allgemeinheit nicht von mir und wahrscheinlich auch von keinem andern Praktiker unterschrieben werden können: 1) Das Ueberstehen der Krankheit verschafft eine gewisse Immunität (?); 2) Chinin, zur rechten Zeit gegeben, heilt die Malaria (?); 3) die Uebertragung der Malaria findet weder durch die Luft, noch durch das Wasser statt (?) u. s. w. Im zweiten Theil werde ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mittheilen; aber an dieser Stelle muss ich meine warnende Stimme erheben, auf Grund dieser Theorien Maassregeln zu nehmen; denn Luft und Wasser sind Vermittler der Malaria!!

Das Trinkwasser ist für Bandjermasing eine Lebensfrage in erster Reihe, weil die Stadt zum Inundationsgebiet gehört, welches täglich unter dem Einflusse der Ebbe und Fluth steht. Es existiren keine Brunnen mit trinkbarem Wasser. Es wird also das Wasser gebraucht, welches während der Ebbe der Martapurafluss führt, an dem die Stadt liegt. Abgesehen davon, dass dieses Flusswasser sehr verunreinigt ist, weil zahlreiche Antassans und kleine Nebenflüsse noch im Bereiche des Inundationsgebietes liegen, ihr Wasser dem Baritu zuführen und somit gesundheitsschädliche Bestandtheile enthält, so geschieht es in trockenen Monaten oft, dass der Wasserstand so niedrig ist, dass zur Zeit der Ebbe ein Theil des Meerwassers zurückbleibt und zur Zeit der Fluth noch vermehrt wird. In solchen Monaten wird in grossen eisernen Kähnen das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen der Martapura zugeführt, wo sich der Einfluss der Fluth nicht mehr fühlbar macht. Natürlich bleibt ein solches Wasser immer mehr oder weniger gesundheitsschädlich. Wir haben ein sehr gutes Mittel, jedes ungesunde Wasser von den pathogenen Bacterien zu befreien. Aber — es ist zu einfach und kann darum (?) natürlich keinen allgemeinen Gebrauch finden?! Gegen die groben Verunreinigungen des Wassers werden grosse Filtrirsteine gebraucht, welche aus Sandstein in der Nähe Surabayas (Java), in Grissé gewonnen werden. In diesen kegelförmig ausgehöhlten Sandstein werden Holzkohle und Kieselsteine gelegt und das Wasser fällt, von den groben Verunreinigungen befreit, tropfenweise in den darunter stehenden Topf. Wegen der zahlreichen chemischen Verunreinigungen geben einige ins Wasser Eisenchlorid und Soda. — Die bacteriologische Untersuchung eines Wassers, welches auf diese Weise gereinigt ist, liess vieles, wenn nicht alles, zu wünschen übrig. Alle möglichen Filtrirapparate wurden also aus Europa bestellt — es wäre zu viel, um sie alle bei Namen aufzuführen — und alle entsprachen mehr oder weniger, d. h. die bacteriologische Untersuchung des Wassers, nach diesem letzten Filtrirungsprocesse, brachte mehr oder weniger nicht pathogene und sehr selten pathogene Bacterien zu Tage. Im Vertrauen auf die bacteriologische Untersuchung versäumten nun die meisten das einzige richtige Mittel, um Wasser sicher und zweifellos von pathogenen Bacterien zu befreien und zwar, es bis zur Siedhitze zu kochen, zum Nachtheile ihrer und ihrer Angehörigen Gesundheit. Wenn in einem Orte die Cholera epidemisch ausbricht, da treibt eine Jagd nach Filtrirapparaten die Preise in die Höhe; aber dass auch die Malaria, diese epidemische Pest einzelner Orte, gleicherweise durch das Trinkwasser verbreitet werden könne und verbreitet wird, daran denkt niemand; ja noch mehr, es wird von manchen Aerzten für unwahrscheinlich gehalten. Ich will nicht diesbezüglich die Literatur über dieses Thema in den Rahmen dieser Causerie hineinziehen, aber ich will nur zwei Thatsachen zur Unterstützung dieser meiner Behauptung anführen. Vor zwanzig Jahren hatte Semarang (auf der Nordküste Javas) kein artesisches Wasser und war berüchtigt durch seine schweren Malariaformen. Ist nicht nach dem Einführen der artesischen Brunnen Semarang bedeutend gesunder geworden? Hat sich dieser günstige Einfluss nicht auch auf die Zahl und Intensität der Malariafälle erstreckt? Während der letzten zehn Jahre rieth ich meinen Patienten und meinen Freunden, überall und immer nur gekochtes Wasser zu trinken. Ist es wirklich nur Zufall, dass alle, welche diesen Wink befolgten, seither vom Fieber befreit blieben, obzwar darunter Familien vorkommen, welche in Tjilatjap, dem grössten Malariaherde Javas, gelebt und das Fieber s. Z. acquirirt hatten. Um nur von zwei solchen Familien zu sprechen: sie nahmen nach dieser Zeit niemals Chinin, und doch sind sie seither befreit von Fieberanfällen, während es bekannt ist, dass Menschen, welche von der Malaria heimgesucht wurden, oft jahrelang noch einzelne Fieberanfälle bekommen, auch nachdem sie die Malariagegend verlassen haben. Ich wage es also zu behaupten, dass alle anderen Filtrirapparate überflüssig und selbst schädlich sind; dass die bis jetzt üblichen Filtrirsteine zweckentsprechend sind, wenn das Wasser zu gleicher Zeit bei einer Temperatur von 100–120° wenigstens ¼ Stunde lang gekocht wird. Im Allgemeinen wird es hinreichen, erst das Nutzwasser durch den Filtrirstein laufen zu lassen und darnach zu kochen, manchmal jedoch wird es besser sein, mit dem Kochen anzufangen und zwar bei dem grauen Wasser, welches reich an pflanzlichen Verunreinigungen ist. Oft wurde mir auf meinen Rath eingewendet, dass das Trinkwasser durch das Kochen seinen erquickenden Geschmack verliere. Das ist richtig; aber diesem Mangel ist abzuhelfen, z. B. durch ein Stück Kunsteis, welches natürlich aus destillirtem Wasser bereitet sein muss, oder durch Hinzufügen von Thee, Brandy u. s. w. Es kann das Trinkwasser auch in einem Kübel mit Eis frappirt werden und erhält dann auch einen angenehmen Geschmack. Durch das Kochen des Wassers wird auch der Gebrauch der Mineralwässer überflüssig. Diese werden mit mehr oder weniger Recht häufig gebraucht, und besonders das Apollinariswasser hat in den letzten Jahren eine starke Verbreitung gefunden. Es ist reich an Kohlensäure, und zwar ist es künstlich damit imprägnirt. In Indien giebt es zahlreiche Fabriken von Mineralwässern, und ihre Producte werden auch gerne von den Chinesen und den Halbeuropäern wegen ihres niederen Preises gekauft; sie haben jedoch immerhin einen gewissen schalen Beigeschmack, und man ist nicht sicher, ob das Wasser einer genügend reinen Quelle entnommen ist. Ich glaube nicht, dass immer destillirtes Wasser zur Fabrikation dieser künstlichen Mineralwässer verwendet wird, und in diesem Falle sind die Apollinaris, Krondorfer, Giesshübler u. s. w. gewiss vorzuziehen. Wer die Bedeutung eines guten Trinkwassers im Auge hält, wird mir gewiss verzeihen, wenn ich so lange bei diesem Gegenstande verweilt habe; denn es ist eine Lebensfrage für alle Länder und am meisten für Indien, wo auf der einen Seite wegen der starken Transpiration mehr als in Europa getrunken wird, und andererseits die Beschaffung von gutem Trink-, Koch- und Waschwasser schwierig, oft unmöglich ist. Die Flüsse im alluvialen Boden sind durch die Fäcalien der Menschen, durch anorganische Stoffe und durch die ungeheuren Massen faulender Pflanzen und Thiere stark verunreinigt. Die Flora und Fauna ist ja in den Tropen üppig. Neben den Riesen des Waldes aus der Thier- und Pflanzenwelt ist ja das Reich der Mikroorganismen noch riesenhafter. Das Wasser der Brunnen hat ja oft eine kleine Menagerie, wie van der Burg erzählt, von Terpsinoe, Melosira, Arcella, Cypris, Synedra, Navicula u. s. w., und oft genug findet man selbst makroskopisch im filtrirten Wasser munter herumschwimmende Ungeheuer. In solches Fällen gebraucht man daher aufgefangenes Regenwasser, welches jedoch ebenfalls filtrirt und gekocht werden muss. Vielfach wurde der Gebrauch des Eises angefeindet; alle möglichen Krankheiten des Magens und selbst der Magenkrebs wurden ihm zugeschrieben, aber, wie ich glaube, mit Unrecht. Eingeborene wie Europäer lieben (mit Recht) den kühlen Trank, weil sie viel kleinere Quantitäten zum Löschen des Durstes nöthig haben, und weil der Durst durch kaltes Wasser intensiver gelöscht wird als durch laues Wasser. Vielleicht ist die Einführung des Eises selbst eine Wohlthat zu nennen, denn seit dieser Zeit wird viel weniger Alkohol consumirt als früher. In früheren Jahren wurde Natureis von Amerika und selbst von Schweden eingeführt und war das Eis um einen billigen Preis nur in einzelnen Hafenplätzen zu bekommen; auch die ersten Eisfabriken wurden nur in den grossen Hafenstädten errichtet. Als ich im Jahre 1882 in Telok-Betong (Südküste von Sumatra) in Garnison lag, liess ich gemeinschaftlich mit einigen Herren von Batavia Eis kommen; es kam jedoch durch Schmelzen der Preis in Telok-Betong auf 25 Kreuzer das halbe Kilo, so dass wir von diesem Luxusartikel sehr bald absehen mussten, abgesehen davon, dass nur jede Woche einmal ein Boot zwischen diesen beiden Städten verkehrte. In früheren Zeiten, d. h. als die Eisfabriken noch nicht bestanden, hatten sehr viele Menschen im Innern des Landes, wohin das Natureis nicht transportirt wurde, kleine Maschinen für 60–100 Fl., in welchen durch Luftverdünnung kaltes Wasser gemacht wurde. Noch muss ich erwähnen, dass in hoch gelegenen Gegenden das Eis für den täglichen Gebrauch beinahe entbehrlich ist, weil das gewöhnliche Trinkwasser oft nicht mehr als 18–20° C. hat und bei dieser Temperatur erfrischend ist, und dann, dass von jeher irdene Krüge im Gebrauch sind (Gendis), in welchen das Wasser bewahrt wird und davon eine angenehme kühle Temperatur behält, weil der poröse, nicht glasirte Krug das Wasser verdunsten lässt, womit eine Herabsetzung der Temperatur verbunden ist.

3. Capitel.

Amethysten-Verein — Alkohol — Gandruwó, eine Spukgeschichte — Polypragmasie der jungen Aerzte — Verpflegung in einem Fort — Unselbständigkeit der Militärärzte — Malayische Sprache — Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik — Krankenwärter und Sträflinge — Amoklaufen — Erste Praxis unter den Dajakern — Schwanzmenschen.

Mit mir wurde, wie schon erwähnt, auch ein neuer Commandant nach Muarah Teweh transferirt, welcher gewissermaassen mein Chef in loco war, während der Landessanitäts-Chef in Bandjermasing in allen dienstlichen und wissenschaftlichen Angelegenheiten der eigentliche Chef blieb. Wir Beiden standen den fünften Morgen am Deck, als uns der Schiffs-Capitain am linken Ufer in weiter Ferne das Dach eines Forts sehen liess, mit des Worten: »Das ist Ihr Gefängniss.« Das erste Wort, welches der neue Commandant über Teweh zu mir sagte, war: »Nun zeigen Sie mir hier etwas Interessantes!« — Ein Fort mit zwei Meter hohen Palissaden aus Eisenholz; die Gebäude zeigten das schmutzig-gelb Graue von alten Bambusmatten und waren mit Holzschindeln gedeckt; hinter dem Fort war Urwald, auf dem jenseitigen Ufer des Baritu war Urwald und auf der Südseite zog der Tewehfluss zum Baritustrome. Mein Vorgänger soll, wie die bösen Zungen behaupteten, sofort nach seiner Ankunft in Teweh geheirathet haben, um die Regierung zu zwingen, ihn aus dieser Garnison abzulösen, weil »sie können doch nicht eine europäische Dame in Muarah Teweh wohnen lassen«; er blieb aber doch und hatte zur Zeit seiner Transferirung selbst schon ein kleines Baby; ich kaufte seine ganze Einrichtung, soweit er sie nicht mitnehmen wollte, bezahlte ihm auch den Preis für die Küche, welche er ausserhalb des Forts hatte bauen lassen; ich übernahm den Vorrath der Apotheke, ohne mich natürlich aufs Wägen und Messen der Medicinen einzulassen, bestätigte den Empfang von so viel Flaschen, Töpfen, Instrumenten, Utensilien, so viel Kilo Chinin, Ricinusöl und hundert anderen Medicinen, und zwei Tage später verliessen uns der alte Commandant und Dr. F. mit seiner Frau und drei Kindern (zwei stammten aus erster Ehe) und liessen uns (mit dem 3. Officier) zurück mit den wohlgemeinten Wünschen, die Oede des gesellschaftlichen Lebens mit Kartenspiel und dem Schnapse auszufüllen. Diese zwei Herren hatten es nicht gethan, und auch uns hat das Schicksal vor diesen Dämonen bewahrt.

Ich glaube, dass im Jahre 1894 Dr. Fiebig in Bandjermasing den Amethysten-Verein gegründet hat.

Aber schon seit wenigstens einem Jahrzehnt und zwar seit Einführung des künstlichen Eises hat der Alkohol in Indien viel von seinem verderblichen Einfluss verloren, seine Opfer sind jetzt bei weitem nicht so zahlreich, als sie es waren, wenn auch noch häufig genug, um einem Mässigkeits-Verein raison d’être zu geben. Ich zweifle, ob dieser Verein jedoch mit Erfolg Propaganda für seine Theorien machen wird und machen kann.

Dr. Fiebig verurtheilt nämlich den Gebrauch des Alkohols in jeder Form, zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen, d. h. er findet den Alkohol auch in der Hand des Arztes nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Dr. Fiebig geht also zu weit, er schiesst über das Ziel und verliert gerade in jenen Kreisen, welche berufen sind, seine Pläne, dem schädlichen Einfluss des Missbrauchs des Alkohols entgegenzutreten, zu unterstützen, eines grossen Theil der Anhänger, welchen er haben würde, wenn er sich an die thatsächlichen Verhältnisse halten würde. Auch Sympathie verlor er für seine Bemühungen durch die Form, in welcher seine Thätigkeit begann: amethystblaues Ordensband für die Mitglieder seines Vereins und das Losungswort »Los« (wenn ich mich nicht irre), welches die Mitglieder Jedem zurufen sollten oder mussten, wenn sie Jemanden Bier, Wein, Cognac oder Genevre trinken sahen, haben mehr Männer vom Zutritt zum Vereine ferngehalten, als Dr. Fiebig vielleicht dachte oder wusste. Nun, meine Wenigkeit z. B., die 20 Jahre unter den Holländern in Indien wohnte und doch keinen Genevre gewohnheitsmässig trank, welcher principiell kein Bier trank, weil sein Gebrauch (selbst der mässige) in den Tropen schädlich ist, ich selbst, der überzeugt ist, dass der Alkohol zum täglichen Gebrauch entbehrt werden kann, der in dem Alkohol ein Genussmittel sieht, welches als solches kein Bedürfniss ist, ich selbst hatte alle Sympathie für diesen Verein, so lange — ich nicht von den kindischen Spielereien mit einem amethystblauen Band u. s. w. hörte; ich bin also niemals Mitglied dieses Vereins geworden.

Wie gesagt, auch ohne die etwas laute Agitation dieses Vereines wurde der Missbrauch des Alkohols in holländisch Indien sehr vermindert; die Folgen desselben auseinander zu setzen, halte ich für überflüssig, weil sie hinreichend bekannt sind. Auf zwei Factoren möchte ich jedoch aufmerksam machen. Erstens: die meisten Menschen, welche dem Alkohol zum Opfer fielen, vergassen das alte Sprichwort: Principiis obsta. Als ich in Muarah Teweh Verdruss auf Verdruss hatte, verlor ich den Appetit; ein Gläschen Wein regte ihn jedoch so weit an, dass ich etwas essen konnte; bald jedoch zeigte sich diese Dosis zu klein, und ich musste bei Tafel zwei Gläschen Wein nehmen, um dasselbe Ziel zu erreichen; bald jedoch wurde auch dieses Quantum zu klein; ich nahm drei Gläschen, ohne dass für die Dauer mein Appetit rege blieb. Ich kam jedoch zu dem Entschlusse, die Dosis nicht weiter zu vergrössern, weil ich das Gespenst des chronischen Alkoholismus vor mir sah. Eine Zeit lang konnte ich trotz dieser drei Gläschen Wein keinen rechten Appetit bekommen; ich blieb jedoch bei meinem Entschluss und — siegte. Ohne die Dosis Wein zu erhöhen, konnte ich nach und nach wieder Mittag und Abendmahl essen, und auf diese Weise bin ich kein Säufer geworden.

Der zweite Factor ist, dass die Verführung in Indien zum Missbrauch des Alkohols gross ist. Wenn man dahin kommt, wird man von guten Rathschlägen überhäuft. Man geht in den Club und der Nachbar will sich des Homo novus erbarmen und ihm die Gefahren des Tropenklimas mit lebhaften Farben schildern, und schliesst seinen Vortrag mit den Worten: Ich bin schon 10–15 Jahre in Indien, ich bin niemals krank gewesen, lebe noch, wie Sie sehen; aber ich habe täglich zweimal vor der »Reistafel« und vor dem Abendessen mein Bitterchen getrunken. Sein Nachbar will auch ein Wort darüber sprechen und fügt hinzu: »Der Alkohol setzt ja die innere Temperatur herab, wie Sie wissen, Doctor; also müssen Sie ein Bitterchen trinken.« Ein Dritter fügt wieder hinzu: »In de ›Oost‹ muss man in den ›Pökel‹ gesetzt werden, sonst geht man zu Grunde, wie das Rindfleisch verdirbt, wenn es nicht eingepökelt wird.« Dies alles ist schon darum unrichtig, weil Millionen Menschen in den Tropen leben ohne den Gebrauch des »Genevre«. Alkohol ist eben kein Bedürfniss für den täglichen Gebrauch, ebenso als der Tabak oder das Opium. Es ist ein Genussmittel, und zwar ein gefährliches Genussmittel, weil es leicht zum Missbrauch führt und dann gefährlich für Leib und Seele wird. Dies möge jeder bedenken, der zum ersten Gläschen Bittern greift, um in der Monotonie des alltäglichen Lebens »auf dem Posten« einen Ersatz für andere Genüsse oder einen Sorgenbrecher für die Unannehmlichkeiten im häuslichen oder dienstlichen Leben zu finden. Wenn aber Dr. Fiebig mit seinen Anhängern den Alkohol aus dem Arzneischatz verbannen will, dann möchte ich ihm doch ein Halt, ein Ne nimis zurufen. Will vielleicht Dr. Fiebig in dem Moschus oder Campher so ein kräftiges Excitans als in dem Alkohol oder Aether sehen? Dr. Fiebig hat Unrecht, wenn er den Alkohol selbst den Aerzten entreissen möchte. Gänzlich wird ihm dies niemals gelingen. Noch einen Einwand des Dr. Fiebig gegen den »mässigen Gebrauch« des Alkohols möchte ich entkräften. Er wirft nämlich allen jenen, welche in unschädlicher Menge den Alkohol geniessen, vor, dass sie kein Recht hätten, dem Soldaten, dem Arbeiter oder dem Proletarier den Schnaps zu verweigern, weil sie ja auch Alkohol in der Form des Weines, Bieres, Champagners u. s. w. gebrauchen, mit einem Wort: exempla trahunt. Darüber liesse sich vieles zur Antwort geben; aber weder ich noch tausend Andere fühlen den Beruf in sich, von diesem Genussmittel abzusehen, allein — weil der Nachbar davon Missbrauch machen könnte. Wenn ich die Charakterstärke habe oder hatte, trotzdem dass ich den Wein gern trinke, und trotzdem meine Mittel es erlaubten, Wein in beliebig grosser Menge zu trinken, nur einen bescheidenen Gebrauch davon zu machen, dann darf ich mein warnendes Wort jedem zurufen, ein Gleiches zu thun. Für mein Kind, für meinen Freund werde ich vielleicht das Opfer bringen, ein Genussmittel mir zu versagen, wenn es aus pädagogischen Rücksichten nothwendig ist; aber zu Gunsten eines Fremden haben weder ich noch tausend Andere dazu den Beruf. —


Fig. 3. Das Fort Teweh bis zum Jahre 1880.

Das Schiff hatte uns verlassen, und jeder von uns drei Officieren zog sich in seine Gemächer zurück; wir zwei neuen Bewohner des Forts, um mit den häuslichen Angelegenheiten einen Anfang zu machen, der dritte, um den Anforderungen des Dienstes gerecht zu werden. Meine Wohnung lag an der Westseite des Hauptgebäudes, und zwar an dem südlichen Ende, so dass die westliche und südliche Seite meiner Wohnung von den Palissaden der Festung, die nördliche von der Bambuswand meines Nachbars und die östliche von der Hinterfront des Gebäudes begrenzt wurde. An diese schloss sich ein kleiner Hofraum und dahinter Pulvermagazin und Provostzimmer, und daran grenzte die Caserne, welche ebenfalls (nach Osten) von der Palissadenwand umschlossen wurde ([Fig. 3]). F. Gerstäcker theilt in der »Gartenlaube« von den 70er Jahren eine in Indien bekannte Spukgeschichte, wenn ich nicht irre, unter dem Namen »Gandruwó« mit, welche seiner Zeit sogar zu einem Duell eines Generals geführt habe. Die gegenwärtige Generation hat sie offenbar schon vergessen, weil man so selten von ihr sprechen hört. Sie zu erzählen, habe ich keine Ursache, weil ich folgenden ähnlichen Fall erlebt habe. Eines Abends sassen wir drei Officiere in unsern Zimmern, als plötzlich in meinem Zimmer ein Stein von der Decke fiel; ich schrieb es einem Zufalle zu und schwieg; es kam ein zweiter, ein dritter, und als endlich sogar ein Kork fiel, und zwar versehen mit dem Namen meines Weinlieferanten, stand ich auf und rief dem militärischen Commandanten zu, ob er die Steine fallen höre; ja, was bedeutet dieses? frug er zurück. Scherzend rief ich zurück: Das ist Gandruwó! Er kam zu mir und nirgends war eine Spur von einer lebenden Seele; vor uns lag das Ufer, es war mondhelle Nacht — kein Mensch, kein Affe zu sehen; vor der Südseite standen zwei grosse Bäume und ein Wachthaus, das geschlossen war; beim hellen Scheine des Mondes konnte man jedes Blatt des Baumes sehen, so dass wir sicher waren, dass auf dem Baume der Schalk nicht sitzen konnte, und nur in der Galerie, welche längs unserer Wohnung sich zog, lief die Schildwache auf und ab. Während wir den Fall besprachen und vor der Schildwache standen, fielen wieder Steine, und zwar immer aus dem Süden kommend. Für den dritten Lieutenant (de mortuis nil nisi bene) war es der ausgesprochene Fall von Gandruwó, weil er in dem jahrelangen Verkehr mit seiner Haushälterin in dem Aberglauben der Eingeborenen aufgegangen war. Nun, auch für uns zweie war es eine mysteriöse Sache: nirgends einen Menschen, nirgends ein lebendes Wesen zu sehen, und vor uns aus dem hohen Dachraume, in dem der Uebelthäter auch nicht sitzen konnte, Steine und Kork fallen zu sehen und zu hören! Nun, Doctor? frug mich der Commandant. In französischer Sprache gab ich ihm zur Antwort (weil die Schildwacht, obzwar ein Eingeborener, vielleicht doch holländisch verstehen konnte): »Ich weiss ein Mittel, um diesen Geisterspuk aufzuklären.« »Nun! welches?« »Drohen Sie der Schildwacht mit acht Tagen Provost, wenn das Fallen der Steine nicht aufhöre.« Der Commandant acceptirte meinen Rath und — die Ruhe war hergestellt. Offenbar hatte der Soldat, während er in strammer Haltung vor uns stand, mit dem Finger die Steine hinaufgeschnellt, ohne dass wir es merkten. In anderen ähnlichen Fällen sind z. B. in geschlossenen Räumen, selbst in Zimmern mit gewöhnlichem Plafond, dubang, d. i. mit Sirih roth gefärbter Speichel, Steine u. s. w. auf den Beobachter gefallen, obschon, wie in dem von Gerstäcker erwähnten Falle, ein Cordon von Soldaten das Haus umstand. Den directen Beweis für die natürliche Entstehungsweise habe ich in meinem Falle auch nicht erbracht; aber ich zweifle nicht, dass es in allen Fällen möglich gewesen wäre, den Betrug aufzudecken, wenn man nur den Mysticismus dieses Vorganges principiell ausgeschlossen hätte.


Auf die Ordnung meiner Wohnung brauchte ich nicht viel Zeit zu verwenden. Die Wände bestanden aus Matten von 2–3 Meter Höhe, hatten also keine Fenster, denn das Licht fiel über die Palissaden in mein erstes, ich will es Studirzimmer nennen; im zweiten Raume standen mein Bett, Kasten und Waschtafel. In der südlichen Wand war eine Oeffnung, welche in der Nacht oder bei schwerem Regen von einem Thürchen geschlossen werden konnte, also die Rolle eines Fensters spielte, und im letzten Raum stand der Geschirrkasten; eine Thür aus Bambus-Matten führte in den Hofraum. Natürlich war mein Studirzimmer zu gleicher Zeit, venia sit dictu, Empfangs- und Speisezimmer. Vor dem Fort stand am Ufer des Flusses meine Küche, mein Badehaus mit Abort, welche ebenfalls aus Bambus verfertigt waren; später errichtete ich daneben ein Affenhäuschen. Die Marodenzimmer für 6–8 Kranke und eine Apotheke standen im Fort und hatten dieselbe primitive Bauart und dasselbe einfache Baumaterial. Die Apotheke hatte einen grossen Vorrath an Arzneien, welche sich in den Jahren ihres Bestehens aufgehäuft hatten, ohne dass sie in Gebrauch genommen wurden. Die indische Regierung ist diesbezüglich besonders freigebig, oder sagen wir lieber verschwenderisch. Jeder Arzt hat das Recht, um Arzneien ad libitum ersuchen zu können; kein Chef hat den Muth, das »fiat verabfolgen« zu verweigern; wie viele, namentlich junge Aerzte, sehen ihr Heil nur in dem Verabfolgen von zahlreichen Medicinen und vergessen, dass der Arzt sehr viel auch ohne Arzneien helfen kann. Ich hatte einmal einen Patienten mit einem Typhoid — es ist 4 Jahre her — im Spital zu Magelang (Java), dem ich ¾ Gramm Antipyrin dreimal des Tages vorgeschrieben hatte; in meiner Abwesenheit bekam er Nasenbluten, und es wurde der »Doctor der Wacht« (du jour) gerufen; als ich zur Abendvisite kam, erzählte mir dieser Heilkünstler, dass er durch Ergotine sofort das Nasenbluten gestillt hatte (wäre es auch nicht ohne dieses gelungen?) und dass er nebstdem noch Chinin und Phenacetin gegeben hatte!! ein College konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Dieser Mann lebt noch, trotzdem er Antipyrin, Chinin, Phenacetin und Ergotin erhalten hat!!« Schon vor vielen Jahren hat der damalige Sanitätschef die jüngeren Aerzte aufmerksam gemacht, dass die Kunst des Arztes nicht im Verschreiben grosser oder zahlreicher Recepte bestehe; er hat zu tauben Ohren gepredigt, und die Polypragmasie florirt in Indien jetzt wie zuvor. Selbst in der Verabfolgung von Utensilien und Instrumenten zeigt die Regierung eine gleiche Freigebigkeit. Mikroskope z. B. von 500–600 fl. (mit Abbé, Oelimmersion) sah ich oft jahrelang in einem Winkel einer Apotheke ungebraucht stehen. Dem bacteriologischen Schwindel scheinen jedoch die letzten Jahre ein Ende gemacht zu haben. Auf zahlreiche Ansuchen nämlich von echten Dilettanten, welche vielleicht einmal einen Tuberkelbacillus unter dem Mikroskop gesehen hatten, oder denen es einmal gelungen war, einen solchen, sagen wir nach Gram oder Ehrlich, zu färben, wurden grössere Apparate, als Sterilisirungsöfen u. s. w. verweigert, während z. B. dem Laboratorium so ziemlich alle Hülfsmittel der modernen pathologischen Forschungen zur Verfügung gestellt wurden. Ich muss es wiederholen, dass der Sanitätschef sehr weise thäte, auch gegenüber dem Ansuchen um Medicinen und anderen Instrumenten etwas kritisch sich zu verhalten. Wie viele Tausende Gulden, vielleicht Hunderttausende sind in den einzelnen Apotheken der Marodenhäuser u. s. w. im indischen Archipel aufgehäuft, bis sie endlich von irgend einem Arzte als »verdorben« weggeworfen werden müssen.

Das Mobiliar des Marodenzimmers, das Geschirr, die Krankenwäsche und die Utensilien standen unter der Verwaltung des milit. Commandanten; auch die Kost bekamen die Kranken aus der gemeinsamen Menage; nur hatte ich das Recht, für gewisse Krankheitsfälle eine zweckentsprechende Diät vorzuschreiben, und erhielt dafür auf Ansuchen alles Nothwendige nach feststehendem Tarif, so z. B. durfte ich für jeden europäischen Patienten pro Tag ein halbes Huhn verlangen; wie erhält man jedoch ein halbes Huhn, wenn nur ein Patient im Marodenzimmer sich befindet? Im Archiv fand ich darüber sogar eine Correspondenz, d. h. eine diesbezügliche Anfrage an den Sanitätschef in Bandjermasing. Leider fand ich keine Antwort auf diese Frage vor. Für die Lieferung aller Bedürfnisse für die Truppen, somit auch der Patienten, befand sich ausserhalb des Forts ein Chinese, welcher unter dem Schutze des Häuptlings und der Truppen am linken Ufer der Teweh sein Magazin hatte. Er war natürlich nur der Vertreter einer grossen Gesellschaft, welche die Verpflegung der Truppen auf der S.-O.-Hälfte Borneos auf sich genommen hatte. Die gesetzliche Bestimmung bestimmte die Menge an Lebensmitteln, welche zu jeder Zeit im Fort und welche zu jeder Zeit in seinem Magazin anwesend sein mussten. Neben dem Quantum spielt natürlich auch die Qualität der Lebensmittel eine grosse Rolle in den Verpflichtungen des Lieferanten, welche eine stete Controle von Seiten des Commandanten erfordern. Die Gewissenlosigkeit der Lieferanten kann in Europa gross sein; aber der Chinese ist als Lieferant vielleicht weniger dumm als sein europäischer College, aber darum noch nicht gewissenhafter. Im Jahre 1870 wurden im Lager der französischen Armee Kisten eröffnet, welche Schuhe für die Soldaten enthalten sollten, und man fand — Kinderwagen und anderes Kinderspielzeug. So etwas hat ein chinesischer Lieferant niemals gethan. Womit jedoch der Thee z. B. gefälscht sein kann, welcher den Soldaten geliefert wird, das entzieht sich jeder Beschreibung. Die Butter, welche im Jahre 188... in Atjeh z. B. beim Lieferanten den Officieren zum Kauf angeboten wurde, sah dem Wagenfett ähnlicher als der Butter! Viel dieser Uebelstände erklären sich leicht durch die Unschlüssigkeit der Regierung. Auf der einen Seite will sie den Soldaten nur Lebensmittel in erster Qualität verabfolgen lassen, auf der andern Seite möchte sie gern so wenig als möglich dafür bezahlen. Ist der Officier bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel zu streng, und beklagt sich der Lieferant bei dem Intendanten, so kommt sicher eines Tags die Belehrung an die Officiere, bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel auch das Interesse des Lieferanten nicht aus dem Auge zu verlieren, weil anders der Preis der folgenden Concurrenzausschreibung zu hoch aufgesetzt werden würde. Kommt jedoch ein Inspecteur die Truppen inspiciren und sieht z. B., dass der gelieferte Reis zu viel mit gebrochenen Körnern gemengt sei, bekommt der Commandant wieder seine Nase. Am besten würden alle diese Schwierigkeiten behoben werden, wenn die Officiere, welche mit der Uebernahme der Lebensmittel u. s. w. betraut sind, wenigstens ebenso viel Waarenkunde besässen, als der Administrateur. In 189.. weigerte ein Lieutenant in Magelang, der kurz vorher von der Kriegsschule in Breda abgegangen war, das gelieferte Rindfleisch auzunehmen, weil die Lunge tuberculös sei; ich wurde geholt, um seine Diagnose zu bestätigen. Dieses konnte ich nicht thun, weil die Lunge nur ungleichmässig pigmentirt war. Der Lieutenant acceptirte meine Diagnose, das Rindfleisch wurde angenommen, und ich nahm ein Stück der Lunge mit, um sie dem Chef zu zeigen. Dieser Mann lebt jetzt als pensionirter Oberstabsarzt in Holland und hatte schon Vieles von Tuberculose des Rindes offenbar gelesen und gehört, und hatte auch schon von Färbung der Tuberkelbacillen und mikroskopischer Untersuchung läuten gehört — aber er hatte noch niemals gegenüber den militärischen Vorgesetzten eine selbständige Ansicht gehabt. Ohne auch nur die Lunge gut anzusehen, sprach er das Wort, das gewiss verdient der Nachwelt überliefert zu werden: »Wie können Sie oder wie wagen Sie es zu behaupten, dass die Lunge nicht tuberculös sei; haben Sie dort im Schlachthause nach Tuberkelbacillen gesucht?!« Auf meine Bemerkung, dass Pigmentflecke von der Grösse eines Cents bis zu der einer Hand doch keine Knötchen seien, und dass also nicht einmal ein Anlass in casu bestände, auf Tuberkelbacillen zu untersuchen, wurde ich entlassen, mit der Warnung, dass ich ohne mikroskopische Untersuchung niemals könnte wissen, ob eine Lunge tuberculös sei oder nicht?!

Es ist nämlich unglaublich, wie manche Militärärzte gegenüber dem »Commandanten« unselbständig sind, in der Furcht, Schwierigkeiten mit diesem Herrn zu bekommen, während sie oft ihrem untergeordneten Arzte gegenüber die grösste Strenge zeigen. Der Militär-Commandant ist und bleibt natürlich der Chef von Allen und über Alle: Ueber dem Artillerie- und Genieofficier, den Administratoren und dem Arzt. Keiner von diesen vier Fachleuten in Indien verleugnet aber so oft seine Selbständigkeit als der Arzt. Unglaublich aber wahr. Die Schuld liegt daran, weil, wie ich schon in der »Locomotif« vom 11. December 1896, betreffend »die Reorganisation des militärärztlichen Dienstes«, schrieb, die Aerzte in zahlreichen militärischen und medicinischen Wissenschaften fürchterliche Lücken haben. Von der gerichtlichen Medicin wissen sie nichts, und wenn, wie es häufig geschieht, ihre Hülfe oder vielmehr ihr Gutachten gefordert wird, nehmen sie »Casper« oder »Hoffmann« zur Hand und fabriciren daraus ein Schriftstück, welches den Stempel der Unreifheit deutlich trägt. Die Advocaten Indiens wissen das und halten damit Rechnung! In der Bauhygiene ist es am schlechtesten bestellt; d. h. pro forma werden die Aerzte in Fragen der Bauhygiene um ihr Gutachten angezogen; aber das »Genie« würdigt sie oft nicht einmal einer Antwort. Im Jahre 1891 wurde ein neues Spital in M.... gebaut; alles war fertig, d. h. der Boden abgemessen, Bauplan angenommen u. s. w., man sollte schon mit dem ersten Spatenstich anfangen, als ein neuer Stabsarzt in M.... ankam. Sofort erhob er gegen die Wahl des Grundes sein Veto, weil in der Nähe Sawahfelder (= nasse Reisfelder) sich befänden, welche die Quelle von Fieberepidemien werden könnten, und weil der ausgemessene Grund vor Jahrzehnten ein Kirchhof gewesen sei; die Genie gab ihr Gutachten, dass die nassen Reisfelder natürlich nicht bebaut werden würden, weil sie behufs Trockenlegung schon angekauft seien, und was den »alten Kirchhof« beträfe, so sei seit dreissig Jahren niemand dort begraben worden, der Grund sei also nicht antihygienisch. Der Stabsarzt V... erhob jedoch nochmals seine warnende Stimme; das Armeecommando bestätigte den Plan »der Genie«, das Spital wurde gebaut, und niemals hat sich ein schädlicher Einfluss des Bodens gezeigt.

»Die Militärhygiene ist ganz in den Händen der Compagnie- und Bataillonscommandanten. Allein im Nothfall, d. h. sobald sie Unterstützung für ihre Vorschläge suchen, rufen diese Herren die Hülfe des Arztes an, um ein wissenschaftliches Kleid ihren Vorschlägen zu geben, so als Bacterien, Eiweissgehalt u. s. w. ...« Und immer finden sich Aerzte, welche zu diesem Liebesdienst sich hergeben. Kein Wunder, dass ein Major der Infanterie eine dicke Broschüre über die Prophylaxis der Beri-Beri geschrieben hat!

Die Epidemiologie ist ganz und gar am Gängelband der europäischen Wissenschaft; anstatt selbständig die Verhältnisse des Tropenklimas zu den Epidemien zu beobachten, d. h. den Einfluss der tropischen Temperatur, Feuchtigkeit der Luft und des Bodens, der tropischen Flora und Fauna, Windrichtung, Wald, Höhe und Ebene auf die Ausbreitung gewisser Krankheiten zu studiren, werden kritiklos die Theorien der europäischen Epidemiologen auf Indien angewendet.

Von der militärischen Rechtspflege wissen die Militärärzte ebenso viel und ebenso wenig als von der Administration, obzwar oft eine Compagnie von Militär-Krankenwärtern unter ihrem Commando steht. »Ist es daher ein Wunder, dass bei solch mangelhaftem Wissen von Allem, was nicht direct den fachmännischen Theil betrifft, die Militär-Aerzte gegenüber dem Militär-Commandanten beinahe absolut unselbständig sind und oft genug auch in rein medicinischen Angelegenheiten keine Anerkennung finden?«


Sieben Personen von dem Fort standen direct unter meinem Befehl; ein europäischer Krankenwärter von dem Range eines Corporals (Hospitalbediende heisst sein Rang), zwei Handlanger und vier Sträflinge. Die »Handlangers« und die Sträflinge (dwangarbeiders) waren jedoch Eingeborene und zwar theils Javanen und theils Malayen, welche natürlich nicht der holländischen und noch weniger der deutschen Sprache mächtig waren. Im Anfange meiner indischen Carrière und zwar im Spitale zu Surabaya war mir sogar eine Abtheilung mit eingeborenen Soldaten zur Behandlung angewiesen worden. Einen meiner Krankenwärter gebrauchte ich also als Dolmetsch, da er genug der malayischen Sprache mächtig war, um sich mit den eingeborenen Soldaten verständigen zu können. Bei meiner Ankunft in Muarah Teweh ging es mir nicht viel besser. Ich hatte während meines Aufenthaltes in Surabaya die malayische Sprache kaum in ihren Elementen erlernt, so dass ich mich nur mangelhaft mit meinen Bedienten verständigen konnte und bei meiner Ankunft in Teweh vor denselben Schwierigkeiten stand. Ich frug also meinen »Hospitalbedienten«, welcher Sprache ausser der holländischen er mächtig sei? Ich spreche alle Sprachen des Archipels: Malayisch, Javanisch, Buginesisch, Chinesisch u. s. w., war seine Antwort. Einen colossalen Respect bekam ich vor diesem polyglotten Krankenwärter, der leider nicht lange anhielt. Es war eben eine Aufschneiderei im grossen Stile; in der chinesischen Sprache wusste er nur von 1–10 zu zählen; von der buginesischen Sprache wusste er ungefähr ein Dutzend Worte, ebenso viel von der javanischen Sprache, und nur in der malayischen hatte er die Wahl von 2–300 Wörtern.

Eine ähnliche Grosssprecherei mit etwas komischem Beigeschmack hörte ich acht Jahre später in Wien. Ich war auf meiner Urlaubsreise in Wien und stand mit einigen Philologen und der Frau eines indischen Collegen im Gespräch über indische Sprachen. Auf die Frage des einen Philologen, welche Sprachen auf den Inseln des indischen Archipels gesprochen würden, antwortete ich: »Es giebt zahlreiche Dialekte des polynesischen Sprachstammes, welche unter einander grösseren Unterschied zeigen als z. B. Deutsch und Englisch. (1000 Jahr v. Ch. ungefähr schieden die Malayer in westliche, von Madagascar bis zu den Philippinen, und in östliche Malayer, welchen der Name Polynesier heutzutage am häufigsten gegeben wird und die Inseln Süd-Australiens bis zu den Sandwichinseln bewohnen.) Malayer, Javanen und Sundanesen (in Malakka und Sumatra ist die ursprüngliche malayische Sprache am reinsten erhalten) können sich vielleicht mit einander verständigen, aber mit den Buginesen, Battakern, Dajakern, Alfuren u. s. w. ist dies beinahe unmöglich. Aber an allen Küsten des indischen Archipels wird malayisch gesprochen, welches von den malayischen Handelsleuten dahin verbreitet wurde; ja oft wird man im Innern aller Inseln hin und wieder einen Eingeborenen finden, der die malayische Sprache wenigstens etwas versteht. Es spielt also die malayische Sprache in Indien dieselbe Rolle wie die französische in Europa. Alle Europäer also, welche in Java u. s. w. sich aufhalten, müssen sich diese Sprache aneignen und wäre es nur, um mit den Bedienten sprechen zu können. Jedoch nur die wenigsten Europäer haben diese Sprache grammatikalisch gelernt. Wenn wir von wenigen Beamten und einzelnen Officieren absehen, so ist das Malayische, welches von den Europäern im indischen Archipel gesprochen wird, ein wahres Kauderwelsch, welches unter dem Namen Casernenmalayisch bekannt ist. Es werden nämlich die einzelnen Worte ohne Conjugation und ohne Declination, ohne Präfixe und ohne Suffixe hinter einander ausgesprochen, und dann spricht man von einem »sprechen« der malayischen Sprache!! Es ist natürlich nur ein Kauderwelsch.« »Ach!« fiel mir diese Dame ins Wort, »Sie sprechen natürlich nur von sich selbst; Ich bin der malayischen Sprache vollkommen mächtig!«

Von den zwei Handlangern war der eine ein Javane, der andere ein Malaye; die vier Sträflinge waren wegen Diebstahl und Mord (zwei von ihnen) aus ihrer Heimath (Java und Sumatra) verbannt und verurtheilt zu »Zwangsarbeit« und waren dem Marodensaal zu Teweh zugewiesen, Kulidienste zu leisten. Der eine der beiden »Handlangers« war ein langer, magerer Malaye, Namens Amat. Eines Tages untersuchte ich den Inhalt der »Feldmedicin-Kiste« und sah eine grosse viereckige Flasche mit einer Flüssigkeit gefüllt, ohne Etiquette. Dem Geruch nach zu urtheilen, hielt ich es für Chloralhydrat in Lösung, und bevor ich es sehen und verhindern konnte, hatte mein Amat zur Probe einen Schluck genommen. Ich wusste nicht, was in der Flasche war; ich wusste nicht, wieviel er davon getrunken hatte; die Grösse der Flasche liess zwar nicht an ein schweres Gift denken, aber ich befahl ihm, sofort den Finger in den Hals zu stecken, und er erbrach eine Flüssigkeit von demselben Geruch als dem in der Flasche. Theilweise war ich schon um das Schicksal meines dienstbeflissenen Krankenwärters beruhigt, als er in auffallender Weise fröhlich und ausgelassen wurde.

Ich kann für diese komische Scene kaum Worte finden. Ein langer, magerer Malaye, welcher betrunken zu sein scheint!! Auf dieses Stadium excitationis folgte bald die narcotische Wirkung, und nachdem er einige Stunden lang fest geschlafen hatte, war sein Chloralhydrat-Rausch geschwunden.

Diese Unvorsichtigkeit im Untersuchen der Medicamente ist mir in den spätern Jahren noch oft vorgekommen. Die Medicinen sind in Indien theuer, so dass sie von den Patienten aufgehoben werden, wenn sie momentan nicht nöthig sind. Sie schreiben z. B. auf das Fläschchen »gegen Husten« oder »gegen Nervosität« u. s. w., um sie eventuell später wieder benutzen zu können. Nun geschieht es manchmal, dass die Signatur abgefallen ist; nun, dann wird der behandelnde Arzt einfach ersucht zu kosten und zu sagen, was für eine Medicin dies sei!! Ich weigerte zu allen Zeiten, dieses zu thun, wenn ich auch keinen Augenblick fürchtete, von einigen Tropfen vergiftet zu werden, welche aus einem gewöhnlichen Medicinfläschchen getrunken werden. Einmal hätte eine solche Probe für mich verhängnissvoll werden können. Im Jahre 1890 lebte ich in Tjilatjap (Süden von Java) und hatte nur ein Marodenzimmer, obwohl sich anschliessend die Räume eines alten Spitals befanden. Auf der benachbarten Insel Nussah Gambangan lebte ein europäischer Aufseher des Leuchtthurms, welcher damals bei einem Ritte bergabwärts über den Kopf seines ungarischen Sattels gefallen war. Die Haut hing in Fetzen auf den Schenkeln herab. In einer Sänfte wurde er zu mir gebracht, und ich bot ihm ein Zimmer des alten Spitals zum Aufenthalt für ihn und seine Familie an. Die Beköstigung sollte seine Frau und seine Tochter auf sich nehmen. Dankbar nahm er das Anerbieten an, erfreute sich dadurch einer sorgsamen Pflege und die Heilung ging hübsch von Statten. Eines Tages stand ich in der Apotheke, als seine Tochter mit einem Glas Milch zu mir kam und mich ersuchte, die Milch zu kosten und ihr zu sagen, »ob und was der Milch fehle«, weil ihrem Vater bei dem Gebrauch derselben übel geworden sei. Ueberrascht sah sie mich an, als ich ihr zur Antwort gab: »Wenn Ihr Vater von der Milch übel wurde, brauche ich es doch nicht zu werden«. Kaum hatte sie mich darauf ersucht, »die Milch also chemisch zu untersuchen,« als ein fürchterlicher Schrei um Hülfe zu meinen Ohren drang. Ich eilte dahin und fand ihren Vater in einem fürchterlichen Zustande. Ich habe im Jahre 1873 in Ungarn und auch späterhin zahlreiche Cholerapatienten gesehen, aber keiner derselben zeigte so heftigen Krampf der Gedärme als dieser Patient. Erbrochen hatte er schon viel, wie ich sah, und ich dachte also sofort an eine Vergiftung mit Warângan (= Arsenik). Bei Vergiftungen mit mineralischen Giften wird man in Java am besten thun, in erster Reihe an Arsenikpräparate zu denken, weil dieses Gift täglich und in jeder Marktbude zu bekommen ist. Die Dolche der Javanen (Kris genannt), werden nämlich mit einer Lösung von Warângan und Citronensaft u. s. w. bearbeitet, um der Klinge ein schön damascirtes Aussehen zu geben.

Auch unser Patient war mit Warângan von einem der Sträflinge vergiftet, welcher täglich von seiner Wohnung die Milch gebracht hatte. Es gelang mir, ihn auch von dieser Heimsuchung zu befreien. Das Schicksal verfolgte ihn jedoch ohne Erbarmen. Er ging kurz darauf nach Samarang, wo er von einem tollen Hunde gebissen wurde. Damals existirte in Batavia noch nicht das Pasteur’sche Institut; diese unglücklichen Patienten mussten damals nach Saigon gehen; auch er that dies, kehrte zurück, starb jedoch kurz darauf an Lyssa humana.


Der Bestand meiner Krankenwärter war also sieben Mann, obzwar ich kaum jemals sieben Patienten zu gleicher Zeit im Marodenzimmer hatte; dieses hatte jedoch seine guten Ursachen. Das Fort war eben durch seine isolirte Lage gezwungen, immer kriegsbereit zu sein; die Sträflinge mussten im gegebenen Falle Kulidienste leisten, d. h. bei einer etwaigen Expedition Feldverbandskisten und Feldmedicinkisten tragen, die Tragbahre für Verwundete u. s. w. führen; sie mussten Lebensmittel und Trinkwasser mitnehmen oder mit dem Messer in der Hand einen Weg in den Urwald bahnen u. s. w. In Friedenszeiten mussten sie natürlich das gröbste Werk im Spital verrichten, die Aborte reinigen, die Wäsche der Patienten waschen, die Krankenkost in der Küche bereiten u. s. w. Natürlich war es für mich schwer, für sie immer Beschäftigung zu haben, und darum benützte ich sie gegen eine kleine geldliche Entschädigung auch zu Privatzwecken, obzwar dies ausdrücklich verboten war. Dies gab einmal Anlass zu einer Anklage gegen mich und zwar von Seiten des Commandanten des Forts. Ich vertheidigte mich in der erwähnten Weise und fügte hinzu, dass ich es nicht aus Gewinnsucht thäte, weil ich die Sträflinge bezahle, dass ich diese Leute lieber für mich arbeiten lassen müsse, als sie müssig im Fort herumgehen zu lassen, dass sie mir nur bei wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar beim Ausstopfen der Thiere, behülflich seien, und dass unter den herrschenden Verhältnissen ich keinen Bürger miethen könnte, weil eben auf ganz Teweh kein Bedienter oder Kuli zu bekommen wäre. Der Commandant des Forts bekam seine Nase und mir wurde ausdrücklich von Bandjermasing erlaubt, die Sträflinge in ihrer freien Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten gebrauchen zu können. Ich kann nicht umhin, den Heroismus eines solchen Sträflings zu besprechen, als er mir half, das Zibeth aus einer Zibethkatze (Viverra Zibetha) herauszunehmen. Er sollte die Katze bei den vier Füssen so halten, dass ich das Zibeth aus der Drüse, welche sie zwischen den hintern Extremitäten hat, mit dem beinernen Löffel herausdrücken konnte. Er hielt jedoch die Katze in einer so eigenthümlichen Weise, dass ich darauf aufmerksam wurde; ich blickte auf seine Hand und — die Katze hatte sich in seinen Finger verbissen, ohne dass er auch nur mit der Miene gezuckt hatte oder auch nur eine Schmerzensäusserung von sich gab. Sofort befreite ich ihn aus seiner erzwungenen Haltung, indem ich die Katze mit starkem Griff im Nacken fasste, und — legte einen silbernen Gulden in seine Hand. Da diese Sträflinge nebst der Kost nur 4 Kreuzer täglich bekommen, so ist ein solcher Nebenverdienst immerhin für sie sehr erwünscht. Zu einer ähnlichen heroischen That habe ich später einen europäischen Krankenwärter, mit dem Range eines Feldwebels, entschlossen gesehen. Ich bekam nämlich vier Jahre später in Batavia einen Soldaten in Behandlung, der Monate vorher von einem Pferde im Rücken gebissen war, und dessen Wunde zu gross war, um heilen zu können; ich entschloss mich zur Transplantation und entnahm ein Stück Haut zu diesem Zwecke aus dem Arme eines Sträflings, weil der Patient, ein Europäer, sich nicht dazu hergeben wollte und gab ihm (dem Sträfling) einen Reichsthaler (2 Fl. 50) dafür. Den andern Tag ersuchte mich der Sergeant, ihn und nicht den Sträfling den Reichsthaler verdienen zu lassen, wenn ich wieder ein Stückchen Haut nöthig hätte.


Schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Muarah Teweh kam der erste Dajaker in meine Behandlung. Ich stand an der Palissade und sah einen Mann einen Kahn verlassen und das sanft abfallende Ufer heransteigen. Der »Commandant der Wacht«, ein Feldwebel, nahm ihm sein Messer (Mandau) ab, liess ihn warten und meldete ihn bei mir an. Es war ein Mann mittlerer Grösse, von leicht brauner Hautfarbe, schwarzen Haaren, braunen Augen, grossen Löchern in den Ohrläppchen und war nur bekleidet mit dem Djawat, das ist einem Gürtel aus Baumbast, welcher mit einer schmalen Schürze vom Bauche herabhing; er sprach etwas Malayisch, und so hatte ich keinen Dolmetsch nöthig, um mich mit ihm zu verständigen. Am rechten Ufer des Baritu, gegenüber der Mündung der Teweh (etwas südlich), läge sein Kampong, von welchem sein Vater Häuptling sei; dieser sei schon seit längerer Zeit krank, obwohl die Bassirs und die Bliams ihre Opfer an den Radja-ontong schon zu wiederholten Malen gebracht hatten, und leide so fürchterlich, dass er käme, meine Hülfe anzurufen, weil er gehört habe, dass ich so ein gewaltiger Bassir sei. Nun, wenn ich damals gewusst hätte, dass ein solcher Bassir nicht nur ein Priester, Zauberer und Teufelsbeschwörer, sondern auch ein publiker Paederast sei, ich hätte mich für diese Titulatur bedankt. Seine Absicht war jedoch gut, denn als ich ihn frug, was denn ein Bassir sei, antwortete er: »So was, als ein Jesus!!?!« Wie ich später erfuhr, hatte er kurz vorher einen Soldaten vor einem Christusbilde beten gesehen, und auf seine Frage, wer dies sei, die Antwort erhalten: »Tuwan-Allah-Jesus«. Aus seiner weiteren Mittheilung entnahm ich, dass es sich bei seinem Vater um einen Tumor vesicae handle mit consecutiver Retentio urinae. Mit Nelaton-Katheter und Pravatz’scher Spritze ausgerüstet und begleitet von dem europäischen Krankenwärter, dem langen Amat und zwei Sträflingen, bestieg ich den Kahn des Dajakers. Der Fluss ist bei Teweh ungefähr 400 Meter breit; da aber unser Ziel stromabwärts lag, erreichten wir bald den Kampong, ohne dass die Ruderer thätig waren; der Strom riss uns einfach mit. Ans Ufer gekommen, sah ich vor mir ein langes Haus, welches auf Pfählen von ungefähr 1½ Meter stand. Eine breite Leiter stand in der Mitte. Ich stieg mit meinem Gefolge hinauf und fand sofort im Entrée den Patienten auf dem Boden liegen. Im Hintergrund tanzte ein Bassir vor einem Altar, und zur Seite des Kampongs sassen die Musikanten mit der Tote (eine Art Panpfeife), mit Pauken, malayischen Violinen (râbab genannt) und einer Art Dudelsack aus der Schale der Labufrucht, der sie wehmüthige Klänge zu entlocken wussten. Als ich mich niederbückte, um den Patienten zu untersuchen, begann der Bassir vor dem Altar hin und her zu trippeln, wobei er die halb ausgestreckten Arme schüttelte, welche zahlreiche kupferne grosse Ringe trugen. Nicht unharmonisch fiel draussen der Chor der Pauken und der anderen Instrumente ein, und die Beschwörungen der Bliams übertönten Alles, die Tote, die râbab, den Glockenschall der Ringe u. s. w. Die Untersuchung bestätigte mein Vermuthen, dass ein Tumor die Urethra unwegsam machte, so dass ich palliativ die Punctio vesicae machen wollte. Ich theilte der Umgebung mit, dass ein Stich in die Blase sehr viel Erleichterung in seine Schmerzen bringen würde, und Alle, wie auch der Patient, gaben zu dieser kleinen Operation die Zustimmung. Kaum hatte ich jedoch den Troicart auf den Unterbauch angesetzt, als der Patient und seine Frau einen leisen Schrei ausstiessen, seine Frau rief, die Krankenwärter mich erfassten, von dem Patienten hinwegrissen, mich zur Thüre und die Leiter hinabdrängten und am Ufer mich sofort den Kahn zu besteigen ersuchten. So rasch folgte eins auf das andere, dass ich keine Zeit zum Fragen hatte, was dies bedeute. Bevor ich jedoch in den Kahn stieg, um was mich die Krankenwärter ersuchten, sah ich mich noch einmal um und sah nichts, was die Aufregung meines Gefolges erklären konnte. Die Spieler schlugen ihre Pauken, die Mädchen bliesen ihre Tote, dazwischen hörte ich manche Seufzer des Patienten, gemischt mit den Worten seiner Frau; unter dem Kampong, zwischen den Pfählen, grunzten die Schweine, suchten ruhig in den Abfällen, welche zwischen den Latten des Hausflurs herabfielen, einen Leckerbissen, und dasselbe thaten die Hühner. Ich frug also meine Krankenwärter, was dieser Rückzug bedeute, der mehr eine übereilte Flucht, als ein ehrenhafter Rückzug war. »Haben Sie nicht »Amok« rufen gehört?« bekam ich zur Antwort. Dies war nicht der Fall. Der Patient hatte beim Ansehen des Troicart einen unwillkürlichen Angstschrei ausgestossen, weil er sich vor dem Stiche fürchtete; seine Frau hatte ebenfalls unwillkürlich und reflectorisch dasselbe gethan; meine Krankenwärter hielten diese zwei Schreie für »Amok«, ergriffen die Flucht und zogen mich mit, der keine Ahnung von der Gefahr hatte, welche mir in der Einbildung dieser Helden (?) drohte.

Ich hatte nämlich schon früher vom »Amok rufen« hin und wieder sprechen gehört. Nach dieser Zeit hatte ich einige Male Gelegenheit, mit dieser Sache mich zu beschäftigen. In der ursprünglichen Bedeutung des Wortes (amoq = Mord) hört man es beinahe jeden Tag gebrauchen; wenn zwei Soldaten raufen und einer von ihnen zieht das Messer, wird durch Schlagen auf den Holzblock in dem Wachthause die Polizei herbeigerufen, und dann spricht man von Amok; ein eifersüchtiger Ehemann prügelt seine untreue Frau, welche so fürchterlich schreit, dass wieder von Amok gesprochen wird u. s. w. Aber das eigentliche »Amok machen« bedeutet eine Mordmanie: Der betreffende Malaye läuft wie ein Rasender durch die Strassen mit einer Waffe in der Hand (in der Regel mit einem Kris) und stösst jedem, der ihm entgegenkommt, Alt oder Jung, Mann oder Frau, Feind oder Freund, das Messer in die Brust, ohne sich weiter aufzuhalten, oder nach seinem Opfer sich umzusehen, so lange, bis er von der herbeigeeilten Menschenmenge erstochen oder auf andere Weise unschädlich gemacht ist. Allgemein wird behauptet, dass dieses unter dem Einfluss des Opiumrauchens geschehe. Der eine Fall, welchen ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, betraf einen Mann von ungefähr 30 Jahren. Seine Verwandten erzählten mir, dass er schon eine Woche vorher am Fieber gelitten habe und dass ihn offenbar der Teufel (setan) gepackt hätte, weil er immer ein ruhiger, gelassener und ordnungsliebender Mann gewesen sei. Da er an dem bewussten Tage kurz vor seinem Anfall von Raserei hohe Temperatur hatte (»er war glühend heiss«, erzählte mir seine Frau), so war zweifellos das Fieberdelirium der Anlass zu diesem »Amok machen«. Man sieht in diesem »Amok machen« oft einen eigenthümlichen Selbstmordversuch, weil sie beinahe immer ermordet werden; Menschen also, welche des Lebens überdrüssig sind, würden Amok laufen, um so ihr Ziel zu erreichen, d. h. ohne eigentlich Hand an sich zu legen, von der Last des Lebens befreit zu werden, und doch der Freuden des Himmels theilhaftig zu werden, welche den Selbstmördern versagt bleiben. Oft wird behauptet, dass Rachsucht das Motiv der »Amokmacher« sei, dass der Beleidigte durch Opiumrauchen sich den Muth verschaffe, gerade wie die Europäer durch Schnaps dies thun, und dann mit seinem Feinde noch andere unschuldige Opfer treffe. Wenn ich noch hinzufüge, dass bei Frauen das Amok machen niemals vorkommt, dass Rasch es für eine Mania transitoria auf epileptischer Basis hält, so habe ich alles mitgetheilt, was mir hierüber bekannt wurde.

Wie gesagt, bestand das »Amokrufen« in unserem Falle nur in der Phantasie meines Gefolges; wenigstens niemals habe ich gehört, dass unter den Dajakern diese Volksunsitte herrsche, obzwar ich 3½ Jahr unter ihnen gelebt habe, und alle Fälle, welche mir bekannt wurden, waren von echten Malayen (Buginesen oder Maduresen u. s. w.) ausgeführt. Vielleicht glaubte mein malayischer Krankenwärter nur, dass es am sichersten sei, sobald als möglich aus diesem Kampong wegzukommen, und hat also zu diesem Mittel seine Zuflucht genommen. Er war zu dieser Furcht gewissermaassen gerechtfertigt, weil wir damals jede Woche, einmal von dem Residenten, das zweite Mal vom Militär-Commandanten, die Warnung erhielten, vorsichtig zu sein. Im Jahre 1873 hatte der damalige Häuptling Mangkosari den Argwohn der Holländischen Regierung so erregt, dass sie dem damaligen Militär-Commandanten von Teweh den Auftrag gab, ihn dafür zu tadeln u. s. w. Dieser liess ihn ins Fort kommen und zeigte eine solche Vertrautheit mit den verrätherischen Plänen dieses Häuptlings, dass er für die Sicherheit seiner Person bange wurde, über die Palissade hinweg ins Freie sprang und sich nie mehr sehen liess. Es wurde also ein anderer zum Häuptling der »Boven Dusson« ernannt, und zwar sein früherer Schreiber Namens Dakop, welcher ein Malaye war. Drei Jahre hat auf diese Weise Mangkosari im Gebirge gelebt, und erst Anfang 1876 war er zurückgekommen und hat die Holländische Regierung um Vergebung gebeten. Nun hatte Dakop sowohl als Malaye und Mohammedaner, als auch durch jeden Mangel einer ausgesprochenen Individualität absolut keinen Einfluss in dieser Gegend. Mangkosari dagegen war ein Dajaker von Geburt und Religion, war ein Neffe des Antasari, welcher im Jahre 1859 mit Suropatti in dem Aufstand gegen die Holländer eine grosse Rolle gespielt hat, er war schlau, intelligent, muthig und reich, und doch ... hat ihn die damalige indische Regierung nicht in sein früheres Amt eingesetzt; sie hat ihn aber auch nicht nach Bandjermasing kommen lassen, um sich zu rechtfertigen für sein früher verrätherisches Treiben, sie hat ihn auch nicht gefangen nehmen lassen; was denn? sie gab ihm Pardon und liess ihn »als Bürger und als Kaufmann« unter einem Häuptling leben, welcher früher sein Schreiber war!! Welcher Missgriff einer Regierung!

Dies alles war die Ursache, dass wir jede Woche gewarnt wurden, vorsichtig zu sein, weil Mangkosari »ein solcher verrätherischer Mann« sei. Was sollten solche warnenden Worte für mich jedoch bedeuten? Sollte ich niemals das Fort verlassen und höchstens vor der Palissade und auf der Schiessstätte spazieren gehen, welche sich im Norden an die Festung anschloss? Sollte ich ausserhalb des Forts niemandem meine ärztliche Hülfe leisten? Das eine wäre zu langweilig, das andere inhuman gewesen. Nebstdem erfreute ich mich der Freundschaft (?) des Mangkosari, dem ich viel verdankte; er führte mich in die Religion und Liturgie der Dajaker ein; ihm verdankte ich ausführlichen Bericht über das Leben und Treiben der Waldmenschen (Olo-Ott); ja, er erklärte sich s. Z. selbst bereit, mir das Skelett oder die Leiche eines Schwanzmenschen zu besorgen, wenn es mir gelänge, ihm volle Begnadigung zu erwirken, so dass er wieder Districts-Häuptling werden würde. Ich wandte mich auch an den Residenten, als er im Jahre 1878 in Teweh war, aber bekam zur Antwort: Mit solchen Sachen bemühen wir uns nicht. In dieser Frage gab ich mir damals viel Mühe, ohne zu einem Resultate in positiver oder negativer Richtung zu gelangen. Jedermann behauptete nämlich deren Existenz; ich bot darum 1000 Fl. für das Skelett eines solchen Menschen; ein Chinese bot sich mir an, ein solches zu holen, wenn ich ihm einen Reisevorschuss von 3–500 Fl. geben wollte.

Dazu konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich mit mehr oder weniger Recht fürchten musste, dass der Chinese nicht weiter als bis um die nächste Ecke des Stromes fahre, dort einige Tage liegen bleiben würde und dann mit einer oder der anderen fabelhaften Erzählung, aber ohne das gewünschte Skelett zurückkommen würde. Das Anerbieten Mangkosaris jedoch war so bestimmt, dass ich unmöglich die Existenz in das Reich der Fabel verweisen konnte. Ich habe jedoch keinen solchen Schwanzmenschen gesehen; ich darf also von der Existenz dieser Menschen als Thatsache nicht sprechen. Nach allen gewonnenen Berichten sollten diese Menschen zwischen dem Quellengebiet des Baritu und dem des Mahakamflusses wohnen und ein Rudiment von einem Schwanze haben, der ungefähr 2–3 cm lang sei, so dass sie, wenn sie auf dem Boden hocken, eine Grube in dem sandigen Boden zurücklassen. Ich muss jedoch bemerken, dass nach der Ansicht einiger Bewohner von Teweh die Schwanzmenschen — ein Schimpfwort für die primitiven Menschen des genannten Gebietes sein sollte.[6] Der Zufall kann manchmal auch ein Schalk sein. Zur Zeit, als ich mich mit dieser Frage beschäftigte, kam ein javanischer Soldat zur Reengagirung zu mir. Beim Assentiren sah ich gerade am Ende der Wirbelsäule einen — Schwanz (?). Ich rief schon mein heureka; als ich jedoch den Zusammenhang des Schwanzes (?) mit der Wirbelsäule untersuchte, sah ich, dass es nur ein cornu cutaneum (= Hauthorn) war, welches mit dem Steissbein in gar keiner Verbindung war.

4. Capitel.

Fischschuppen-Krankheit — Tigerschlange — Schlangenbeschwörer — Gibbon — Kentering — Beri-Beri — Simulanten beim Militär — Mohammedanisches Neujahr — Tochter von Mangkosari — Kopfjagd — Pfeilgift — Genesungsfest — Gesundes Essen — Früchte — Indische Haustoilette — Wüthende Haushälterin — Dysenterie — Gewissenlose Beamte — Missionare.

Eines Tages stand ich vor der Palissade und liess meinen Blick über die Ufer des Baritu schweifen; das Wasser war sehr niedrig; 15 Meter war der Fluss seit früh gefallen; die Schildwacht hatte ihre Aufmerksamkeit vielleicht mehr den Frauen gewidmet, welche in dem schwimmenden Badehause (zugleich Abort) sich befanden, als dem Badehause selbst; endlich riss ein eigenthümliches Knarren ihn aus dem Träumen. Das Badehaus war nämlich mit grossen Rottangs an dem Ufer festgebunden, welche nach dem jeweiligen Stande des Flusses kürzer oder länger angezogen werden mussten; das Wasser war schon so tief gefallen, dass das schwimmende Badehaus mit dem einen Rande am schräg ablaufenden Ufer aufruhte und dadurch eine schiefe Stellung bekam. Sofort schlug die Schildwacht den in der Nähe hängenden Holzblock, einige Soldaten eilten herbei, und es gelang ihnen, das schwimmende Haus vor dem Einsturz zu retten, indem sie die Rottangs vom Ufer lösten und durch einen kräftigen Stoss das Badehaus gänzlich ins Wasser brachten. In finsteren Nächten hat die Schildwacht nur dieses eigenthümliche Geräusch zum Wegweiser, ob unerwartet das Wasser gefallen sei und das Gebäude bedrohe; denn die Schildwacht muss in der Nacht von den Palissaden geschützt sein; wie leicht könnte es sonst geschehen, dass ein oder der andere Dajaker sich heranschliche, um sich ihren Kopf zu holen?

Den Soldaten war es also gelungen, das Badehaus den Soldaten zu erhalten, die Schildwacht ging wieder in schläfrigem Schritt auf und ab, als sie plötzlich in der Tiefe des Ufers einen Kahn anlegen sah und mich darauf aufmerksam machte. Ein Riese stieg nämlich aus dem Kahne, der nur aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestand. Bald folgten noch zwei Kähne mit zwei anderen Dajakschen Männern. Trotz der Tiefe des Ufers war seine Grösse so auffallend, dass ich die zwei andern Officiere zur Palissade rief; je höher er stieg und je näher er kam, desto mehr fiel mir neben seiner Grösse sein zerstörtes Wesen auf. Endlich erreichte er das Fort und ersuchte, mit dem Doctor sprechen zu können. Nachdem sie die Mandaus (Kopfmesser) abgelegt hatten und ich die Erlaubniss gegeben hatte, kamen sie zu mir, und ein eigenthümliches Gespräch begann; die drei Männer waren aus verschiedenen Gegenden gekommen und sprachen also drei verschiedene Dialekte; der Eine sprach den von Teweh, war jedoch nicht des Malayischen mächtig; ich liess also erst einen Bewohner von dem gegenüberliegenden Kampong holen, der beide Sprachen beherrschte, und ich hatte unterdessen Zeit, den Riesen näher zu beobachten. Zu Ehren seines Besuches hatte er ein Kopftuch angelegt, unter welchem jedoch die langen schwarzen ungekräuselten dicken Haare herabhingen; es bestand aus Baumbast, welches gefärbt war; nebstdem hatte er aus demselben Stoffe ein Röckchen ohne Aermel und ohne Knöpfe, welches also die Brust nicht bedeckte, und dann hatte er seinen Djawat (den Gürtel); das war also seine Galakleidung; was mich jedoch neben seinen zerstörten Gesichtszügen am meisten interessirte, war die Ichthyosis, d. h. der ganze Körper war mit Ausnahme des Gesichts, der Hände und Fusssohlen mit Schuppen bedeckt.

Wie ich später sah, ist beinahe ein Viertel der männlichen Bevölkerung mit dieser Hautkrankheit behaftet (von den Frauen finde ich in meinen Reisebriefen aus damaliger Zeit nichts diesbezügliches erwähnt). Auch gelang es mir niemals, über die Entstehungsursache dieser Fischschuppenkrankheit etwas zu erfahren; natürlich wurden die Lues, die Unreinlichkeit, der Genuss von Schweinefleisch u. s. w. in der Aetiologie dieser Krankheit genannt, ohne dass ich auch nur die geringste Bestätigung dafür finden konnte. Auch in Europa war mir ja eine Familie bekannt, wo die Fischschuppenkrankheit (= Ichthyosis) bei drei Brüdern vorkam (der vierte war davon befreit geblieben), und zwar ohne bekannte Ursache, die Eltern waren nämlich ichthyosisfrei. (Kaposi beschreibt mehrere Formen der Ichthyosis und nennt sie eine hereditäre Krankheit.) Mir gelang es niemals, eine Ursache für die Ichthyosis der Dajaker zu finden, und sie war so zahlreich, dass ich sie für die Dajaker eine endemische Volkskrankheit nennen musste.

Endlich kam der letzte Dolmetsch, und nach langer Debatte erfuhr ich erst das Folgende: Der lange Dajaker sei von der Quelle der Teweh zu mir gekommen, weil er an blutiger Diarrhoe leide; diese Krankheit hätte sich langsam und allmählich entwickelt, nachdem er vor acht Monaten von einer Tigerschlange (Python) attaquirt worden sei. Er ging nämlich um diese Zeit im Walde und hatte nur einen grossen Korb auf seinem Rücken; plötzlich fühlte er etwas Nasskaltes auf dem Rücken, er griff dahin, und in diesem Augenblicke schlang sich eine Sawahschlange viermal um seinen Thorax. Die Elasticität des Korbes rettete ihn vor einem sichern Tode; denn sie gab ihm Gelegenheit und Zeit, unter den Windungen der Tigerschlange sein Messer zu ziehen und mit raschen und kräftigen Zügen die Schlange — zu durchsägen. Diese Riesenschlangen, welche in Indien fälschlich für Boas gehalten werden, erreichen oft eine ungeheure Länge. In Buntok (zwischen Marabahan und Teweh) hatte eine Python den Stall eines Dajakers überfallen und war mit einer Gans davon geeilt. Durch das Geschnatter der übrigen Gänse aufmerksam gemacht, eilte er hinaus, und es gelang ihm noch, mit seinem Mandau ihr den Kopf abzuschlagen. Als ich den folgenden Tag ins Spital ging, sah ich den Rumpf auf der Strasse liegen; er war 9 Schritte, also mehr als 6 Meter lang; man will selbst Sawahschlangen von 8 Meter Länge gesehen haben. Diese Gans hatte ein sehr trauriges Schicksal, denn allgemein wird in Indien angerathen, Gänse in seinem Garten zu halten, weil sie durch ihr Geschnatter die Schlangen vertreiben sollten, und gerade eine Gans war es, welche sich die hungrige Python zu ihrem Opfer auserlesen hatte. Das beste Mittel jedoch, die Schlangen aus der Umgebung der Häuser fern zu halten, besteht darin, dass man rings um das Haus alles Gras ausrodet; die Schlangen lieben nicht die steinigen Wege, und wenn auch eine sich auf einen solchen Weg verirrt, so sieht man sie und läuft nicht Gefahr, sie zu treten und von ihr gebissen zu werden. Dies ist sehr wichtig; denn keine Schlange greift den Menschen an, und jede Schlange geht dem Menschen aus dem Wege, wenn er sie nicht tritt oder angreift. Man kann neben der grössten und giftigsten Schlange gehen, sie beobachten u. s. w., man bleibt unbehelligt, so lange man sie nur in Ruhe lässt. Ich habe zahlreiche Patienten behandelt, welche von giftigen und ungiftigen Schlangen gebissen waren. Auf mich machte es den Eindruck, dass der Biss einer giftigen Schlange nicht absolut tödtlich sei, und dass es allein davon abhänge, ob das Gift direct in eine Vene eingespritzt werde oder nur das subcutane Gewebe reize; im letzten Falle entsteht nur eine Entzündung mit consecutivem Exsudat, welches mechanisch die Aufnahme des Giftes in die Blutcirculation erschwert oder unmöglich macht. Damit ist natürlich der Process localisirt. Wenn jedoch der Giftzahn seinen Inhalt direct in das Lumen einer Vene entleert, so wird der tödtliche Ausgang nicht lange auf sich warten lassen; wenn nur eine Arrosion eines Blutgefässes ursprünglich stattgefunden hat, welche erst secundär die Wand einer kleinen Vene öffnet und den Uebergang des Giftes in den Blutstrom ermöglicht, ist natürlich noch nach Stunden und selbst nach 1–2 Tagen der Tod durch einen Schlangenbiss möglich. Da a priori diese Verhältnisse nicht erkannt werden können, ist es darum rathsam, sofort nach dem Bisse einer giftigen Schlange die Extremitäten abzuschnüren und die Wunde auszubrennen. (Compressen mit Ammoniak haben natürlich gegen die Aufnahme des Giftes ebenso wenig Erfolg als der inwendige Gebrauch desselben.) Ein Unicum in dieser Hinsicht sah ich im Jahre 1880 in Bantam (Süd-Westen von Java). Eine Frau sah ich mit einem exquisit komischen Stumpf des linken Unterschenkels und Contractur des Kniegelenkes. Auf meine Frage, wie sie dazu gekommen sei, erzählte sie mir, dass sie vor 13 Monaten von einer Schlange in den Fuss gebissen wurde, dass sie die Wunde (landesüblich) mit einer Kupfermünze bedeckt habe, welche wie ein Sieb durchlöchert war, dass die Wunde jedoch nicht heilte, sondern immer grösser und grösser wurde, und dass zuletzt der Fuss abgefallen sei. Da sie die ganze Zeit den Unterschenkel in gebeugter Stellung gehalten hatte, so hatte sich nebstdem die Contractur des Kniegelenkes entwickelt.

Auch hatte ich einmal Gelegenheit, einen Schlangenbeschwörer zu sehen und zu sprechen. Es war in Tjilaljap, wo ein Javane mit zwei lebenden, 2–3 Meter grossen Schlangen zu mir kam, welche sich um seinen Hals und Arme schlangen; natürlich erzählte er mir, dass er eine Medicin (obat) eingenommen habe, welche ihn gegen die Folgen eines Schlangenbisses unempfindlich gemacht habe. Als ich jedoch ihn frug, ob er vielleicht die Giftzähne ausgebrochen hätte und darum den Biss seiner Schlangen nicht fürchte, lächelte er mit verschmitzten Augen und bot sie mir zum Kaufe an. Da ich eine unbenutzte Volière aus Draht in meinem Garten stehen hatte, entsprach ich seinem Wunsche und liess sie dahin bringen. Es war an einem Samstag, an welchem Tage die meisten Männer Abends in den Club gehen, um Whist, L’hombre, Quadrille oder Billard zu spielen. Meine Frau bat mich, diesen Abend das Haus nicht zu verlassen, weil sie der Stärke des Drahtnetzes nicht vertraute. Als ich jedoch bei meiner Absicht verblieb, schloss sie alle Thüren und Fenster des Hauses sofort nach meinem Weggehen und verstopfte überdies noch die Ritzen zwischen Thür und Boden mit Lappen. Um 1 Uhr Nachts kam ich nach Hause, ging sofort nach der Volière, zündete ein Streichhölzchen an, um meine neuen Gefangenen im Schlafe beobachten zu können; ja wohl, »der Vogel war geflogen«, wie ein holländisches Sprichwort sagt. Der Käfig war leer. Im Stillen pries ich natürlich die Vorsichtsmaassregeln, welche meine Frau genommen hatte, und ging zu Bett, ohne meiner Frau etwas von der Flucht der beiden Schlangen zu erzählen. Am andern Morgen rief ich das ganze Personal herbei, den Kutscher, die Bedienten, die Köchin, die Babu (Zofe) und den Gärtner, und theilte ihnen das Vorgefallene mit. An Stelle des Entsetzens und Furcht, was ich von ihnen beim Hören dieser Botschaft erwartete, bekam ich nur die kurze Antwort »baik« = gut, und sie gingen — die Schlangen suchen. Die grössere der beiden lag ruhig am Eingange des Gartens zu schlafen. Der Kutscher nahm einen grossen Bambus, legte an das eine Ende eine Schlinge und näherte sich vorsichtig der schlafenden Schlange (es war eine Python bivittatus, welche auch von den Chinesen gegessen wird). Ebenso schnell als geschickt zog er die Schlinge über den Kopf, zog das freie Ende des Strickes, welches er in der Hand gehalten hatte, an, und der Flüchtling war wieder gefangen. Mit Hurrah wurde sie in den Garten gebracht, und ich liess sofort das Todesurtheil über den Deserteur aussprechen. Es bleibt eine solche Nachbarschaft immerhin gefährlich, weil ihre Bewegungen geradezu geräuschlos sind. In Teweh bekam ich einen solchen Gast sogar einmal ins Schlafzimmer und ins Bett. Es war nämlich Ueberströmung und die Schlangen der Umgebung flüchteten sich aufs Trockene (hinter dem Garten begann nämlich ein kleines Hügelland). Ich hatte oft Gelegenheit, die Schwimmtüchtigkeit der Schlangen zu bewundern. Sollte diese die Sage von der Existenz der Seeschlangen veranlasst haben? Es war die erste Ueberschwemmung (1878), welche ich in Teweh mitmachte. Ich stand vor dem Fort, wo das Wasser schon 1 Centimeter hoch stand. Da sah ich ruhig und gelassen eine Schlange sich uns nähern. Ich stellte mich zur Seite, und kaum war sie auf dem trockenen Ufer angelangt, als ich mich niederbückte und mit einem kräftigen Schlage meines Stockes ihren Kopf zerschmetterte (??). Die Schlange war ungefähr 2 Meter lang; ich nahm sie auf meinen Stock und schleuderte sie weit in den Fluss; wie überrascht war ich jedoch, als ich sah, dass diese Schlange auf der Oberfläche des Wassers sich erholte, einfach umkehrte und wieder ans Ufer schwamm.

Bei dieser Ueberschwemmung sah ich zahlreiche Schlangen, welche aufs Ufer kamen, um Nahrung zu suchen. Eines Abends jedoch lag ich schon im Bett und las, als von dem Dachraum herab eine Schlange auf das Zelt meines Bettes sich fallen liess und mich mit fragenden Augen anblickte. Ich sprang aus dem Bett, holte ein grosses Hackemesser, und es gelang mir, mit einem Schlage den Kopf abzuschlagen.

Wenn ich auch die Furcht vor den Schlangen auf ihr richtiges Maass zurückführen will, weil keine einzige ungereizt den Menschen angreift, so muss ich doch vor diesen Reptilien warnen, weil man eben zufällig, und ohne es zu beabsichtigen, eine Schlange treten kann. Unser Fort stand auf Pfählen, und bei jeder Ueberströmung krochen kleine Schlangen, welche sich auf das Trockene flüchteten, auf den Pfählen des Hauses hinauf und kamen auf diese Weise auch in die Wohnung; dies waren die gefährlichen Ular (Schlange) welang und die Ular dedor; es sind dies kleine niedliche Schlangen von 20–40 cm; ihr Gift ist aber nach den Mittheilungen der Eingeborenen ausserordentlich lebensgefährlich.


Fig. 4. Mein erster Hausfreund.

Sehr bald hatte ich zwei junge Orang-Utangs und zwei Gibbons (Hylobates concolor) domesticirt in meinem Hause; der Orang ist ein Phlegmaticus, der Gibbon ist ein ausgelassener Junge, welcher den ganzen Tag nur auf tolle Streiche denkt und Mann und Frau, Alt und Jung, Thier und Mensch necken oder plagen will. Manchmal wurden seine tollen Streiche lästig, aber noch öfters musste selbst der grösste Hypochonder über ihn lachen. Ich hatte z. B. einen kleinen Honigbär (Ursus malayanus), welcher in einem eisernen Käfig lebte; er war ein gutmüthiges Thier, welcher seinen Reis sehr gerne mit den kleinen Hühnern theilte; wenn jedoch die alte Henne vor dem Käfig angstvoll gluckte, um ihre Jungen vor dem Gastherrn zu warnen, so fand sie kein Gehör bei den Küchlein; aber der kleine Bär hatte Mitleiden mit der besorgten Mutter; er wollte ihr helfen und zwischen den Stäben des Gitters die alte Henne hineinziehen. Die Henne schrie aus Leibeskraft, er liess sie jedoch nicht los und wollte sie mit seiner Pfote hineinzwängen, wodurch oft nicht nur Federn, sondern auch ein Stückchen Haut mitgerissen wurde. Hin und wieder gab ich ihm die Freiheit, und gerne trottelte er dann in die Küche. um bei den Dienstboten ein Stückchen Zucker zu holen. Weh ihm jedoch, wenn mein Gibbon ihn erblickte! Aufrecht kam dieser gelaufen ([Fig. 4]), die langen Arme hielt er in die Höhe, die Schenkel im Knie ein wenig gebogen und nach Aussen rotirt. So konnte ich meinen Gibbon langsam auf der Erde dem Bären nachlaufen sehen, der die Gefahren, welche ihm drohten, kannte und brummend weglief. Vergebliche Mühe; denn der Gibbon hat ihn sehr bald ereilt, springt ihm auf den Rücken, giebt ihm einen guten Biss und eilt schnell davon, wobei er dann auch seine Hände gebraucht. Der Bär ist wüthend und läuft dem Plaggeiste nach, brummend und heulend. Der Gibbon wartet geduldig ab, bis der Bär nahe ist, springt ihm wieder auf den Rücken, beisst ihn in die Ohren und springt auf den nächsten Baum oder auf einen Pfeiler der Küche. In seiner Wuth klettert ihm der Bär nach, ohne zu ahnen, welche Streiche der Gibbon ersinnt, um ihn noch mehr zu plagen. Ruhig bleibt er auf dem Aste sitzen, blickt auf den Bär, welcher brummend und langsam heraufklettert, mit vornehmer Ruhe herab, und wer, wie ich, seinen Blick kannte, konnte schon aus seinem Zucken der Augenlider wissen, dass der Gibbon verrätherische Pläne schmiedete. Endlich ist der Bär in seiner Nähe, der Affe schwingt sich mit seinen langen Armen, während die Fusse den Ast festhalten, unter dem Bären auf den Stamm des Baumes, lässt seine Füsse los und fasst jetzt die Hinterfüsse des Bären. Wie dieser auch brummt und heult, sein Plaggeist lässt die Füsse nicht los; er zieht so lange, bis das arme Schlachtopfer endlich dem Zuge nachgiebt und, gezogen von dem Affen, endlich den Boden erreicht. Noch einmal beisst ihn der Affe und verschwindet mit Windeseile im Fort.


Ein grosses Beobachtungsmaterial boten mir meine Hausgenossen aus der Thierwelt, und manches Mittheilenswerthe enthält darüber mein Tagebuch. Soweit es in den Rahmen einer Reisebeschreibung passt, werde ich sie in den folgenden Capiteln mittheilen, und jetzt vorläufig wieder dem Arzt oder vielmehr der Hygiene einige Seiten einräumen.


Im Allgemeinen tritt in Borneo die trockene Zeit (der Ost-Monsun) viel später ein als auf Java. Im ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dieser Insel (im Jahre 1877) war sogar erst im August die erste regenfreie Woche eingetreten. Mit dem Eintritt der Monsune steht geradezu in einem Causalnexus der Gesundheitszustand von Menschen und Thieren. Welcher Theil des Jahres in den Tropen jedoch der gesunde oder der gesündere zu nennen sei, lässt sich im allgemeinen nicht behaupten; locale Ursachen spielen hierbei eine grosse Rolle. Was Teweh betrifft, so lag es nicht mehr in der Ebene des angespülten Landes. Aber das Bett des Baritu und des Nebenflusses Teweh, an deren Ufern unser Fort stand, war vorherrschend Lehmboden. Ein steter Wechsel des Wasserstandes charakterisirt diesen Strom auch noch in Teweh, wo die Ebbe und Fluth des Meeres nicht mehr merkbar ist; 10–15 Meter Unterschied im Niveaustande war eine häufige Erscheinung. Das Wasser bringt aus den Bergen eine Schlammmasse, welche reich an vegetabilischen und thierischen Stoffen ist, und lagert es (beim Sinken) auf den seicht absteigenden Ufern ab. Diese Schlammmassen sind die Brutstätte der todbringenden Miasmen. In der Regenzeit, wenn es täglich einige Stunden stark regnet, bleibt der Wasserstand hoch und bedeckt die sedimentirten Schlammmassen, und verhindert also gewissermaassen mechanisch das Entstehen der fieberbringenden Plasmodien. Aber auch in der trockenen Zeit können alle Bedingungen zur Existenz der Malaria, Beri-Beri u. s. w. fehlen. Wenn Tage oder Wochen lang, oder selbst Monate lang kein einziger Tropfen Regen fällt, wenn durch den niederen Wasserstand die Ufer Wochen oder Monate lang den versengenden, aber auch bactriciden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, und wenn selbst grosse Sprünge und Risse in den ausgetrockneten Lehmboden des Flussbettes kommen, auch dann fehlt den Miasmen jede Basis der Entwicklung.[7] In der Uebergangszeit zu beiden Monsunen (Kentering) sind jedoch im Gegentheil alle Factoren zu einer üppigen Entwicklung der Miasmen gegeben: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Ueberraschend gross war auch der Unterschied des Krankenstandes im Fort zu den verschiedenen Jahreszeiten. Während des Höhepunktes des Ostmonsuns, und noch mehr während des Westmonsuns, hatte ich oft Tage lang keinen einzigen Patienten. Sobald jedoch während des Ostmonsuns in der Woche ein- oder zweimal es regnete, oder sobald in der Regenzeit in der Woche einige Tage frei vom Regen blieben, meldeten sich alle Soldaten, welche früher schon an Intermittens gelitten hatten. Aber nicht allein die Malaria forderte in der Kentering ihre Opfer; auch die Beri-Berifälle bekamen ihre Recidiven zu dieser Zeit. Ich sehe noch den ersten Beri-Berifall vor mir, welcher sich in Teweh bei mir meldete; es war ein Soldat, welcher den ganzen Tag seinen Dienst verrichtet hatte und gegen den Abend unwohl wurde und mich nur um ein Linimentum ersuchte, weil er so schwere Füsse hätte. In der Absicht, den folgenden Morgen ihn eventuell zu untersuchen, liess ich ihm durch den Krankenwärter Spiritus camphoratus geben, ohne weiter mich mit ihm zu beschäftigen. Wie erschrak ich aber, als ich zu demselben Patienten in derselben Nacht gerufen wurde und ihn mit den stärksten und ausgesprochenen Erscheinungen der Herzparalyse sterbend sah. Es ist vor einigen Jahren in Atjeh geschehen, dass ein Beri-Beri-Patient als geheilt das Spital verliess und auf dem Wege nach der Caserne todt niederfiel. Ein solcher plötzlicher Tod scheint bei dieser Krankheit selbst häufig vorzukommen. Im Jahre 1880 hatte ich im grossen Militärhospital in Batavia »die Wacht«; in der Nacht wurde ich zu einem Beri-Beri-Patienten gerufen, welcher mit einer schweren Hydrops pericardii darniederlag; ich entschloss mich, ihm eine subcutane Injection von Pilocarpin zu geben, und schrieb das Recept auf die »Krankenliste«, welche für jeden Patienten angelegt wird und neben der Behandlung auch die Krankheitsgeschichte enthalten soll. Mit der »Liste« wurde das Pilocarpin aus der Apotheke geholt, und die übrigen Patienten des »Saales« umstanden das Bett, als ich ihm die Injection machte. Einer dieser Zuschauer hielt mir auch den Leuchter mit der Kerze (das Spital hatte zwar schon damals Gasbeleuchtung; aber dieser »Saal« war als temporärer Pavillon noch mit Oel beleuchtet). Hierauf ging ich wieder schlafen, und zwei Stunden später kam mir ein Krankenwärter melden: »Der Patient ist gestorben.« Ich nahm ihm die »Liste« ab, um die Stunde seines Todes aufzuschreiben, bevor ich mich angekleidet hatte, um bei diesem Opfer der Beri-Beri den Tod zu constatiren. Ich glaubte jedoch eine unrichtige »Krankenliste« zu haben, weil ich die Notirung vor der Injection darauf nicht sah; auf meine diesbezügliche Frage erwiderte mir der Krankenwärter, nicht Sidin, dem ich Pilocarpin eingespritzt hätte, sondern Amat, der mir bei dieser Gelegenheit die Kerze gehalten hatte, sei plötzlich gestorben!! Diese miasmatische Krankheit, welche mit der Malaria die indische Armee decimirt (die Beri-Beri sucht die meisten Opfer unter den Eingeborenen), wird im zweiten und dritten Theil noch ausführlicher besprochen werden müssen. Solche plötzliche Todesfälle aber geben dem jungen Militärarzte einen Wink, mit der Diagnose »Simulation« vorsichtig zu sein. Besonders die moderne Schule, welche nur Krankheiten und nicht den Kranken behandelt, hat an solchen irrigen Beschuldigungen eines unglücklichen Patienten oft genug Schuld; der junge Arzt baut in erster Reihe seine Diagnose auf den Befund durch Stetoskop, Harn u. s. w. Der Visus practicus fehlt ihm in Indien wie überall; Missgriffe sind also unvermeidlich; dies muss ihn also zur Vorsicht mahnen, die Diagnose »Simulation« nicht leichtfertig zu stellen. Ich weiss sehr gut, dass beim Militär damit grosse Schwierigkeiten verbunden sind; aber es ist nicht so arg, als man annimmt; herrscht ein guter Geist und Disciplin unter den Soldaten, sind, wie wir sehen werden, auch in Friedenszeiten die Fälle der Simulation nicht häufig, besonders wenn der Arzt sich nicht foppen lässt, und zur Zeit des »Ausrückens« noch weniger. Am 4. April 1887 sollte der Marsch nach Kotta-radja Bedil in Atjeh stattfinden, und an diesem Tage hatte sich kein einziger Soldat krank gemeldet!! Dass in ruhigen Zeiten die petites misères de la vie sich fühlbar machen, besonders wenn z. B. von einem Korporal oder Sergeant »Theorie« über die Handgriffe des Gewehres oder über die Bestandtheile der Kanone gehalten wird, dass dann die Soldaten Hülfe für ihre kleinen Qualen bei dem Doctor suchen, um eventuell »Frei vom Dienste« zu bekommen, spricht nicht gegen den »guten Geist unter den Soldaten«, sondern ist — begreiflich. Natürlich giebt es auch einige echte Simulanten in der indischen Armee. Einen solchen Fall hatte ich in Teweh zur Behandlung bekommen, und weil er ein Unicum in seiner Art ist, an den van Hasselt in seinem Buche über Simulation nicht einmal gedacht hat, will ich ihn etwas ausführlicher mittheilen. Ein Franzose, Namens Daudu, kam nach Teweh und meldete sich schon den andern Tag krank, »weil er so viel durch seinen Bauch leide«. Er stand vor mir als der Typus eines kräftigen, gesunden und schönen Mannes, hatte aber einen Bauch wie eine — schwangere Frau. Ich untersuchte alle Organe der Brust, sie waren gesund; der Puls regelmässig, die Schleimhäute waren normal gefärbt, der Stuhlgang, das Uriniren und der Appetit waren, wie er selbst mittheilte, normal; aber der Bauch war wie eine Trommel gespannt; es war unmöglich, durch Percussion Leber, Milz oder Nieren zu untersuchen; natürlich ergab auch die Palpitation ein negatives Resultat. — Ich kann und will nicht alle Details der Untersuchung und nur das Eine mittheilen: Nichts Objectives war zu finden, und keine andere subjective Klage äusserte der Patient (?) als: »j’ai tant de mal au ventre« oder »je souffre horriblement«.

Schmerzen für die Dauer zu simuliren, ist beinahe unmöglich, denn der Schmerz schreibt eine deutliche Schrift in den Zügen der Patienten; das erfahrene Auge unterscheidet den erheuchelten und den wirklichen Schmerz. Nun, der Schauspieler simulirt auch Schmerz, aber Tage oder Wochen lang die Rolle einer Mater dolorosa ununterbrochen zu spielen, wird wohl der grössten Künstlerin unmöglich sein. Dieses mochte wohl unser Freund Daudu gewusst haben und gab sich auch nicht einmal Mühe, durch ein leidendes Aussehen auf mein Mitleid Einfluss zu nehmen. Er hoffte alles von seinem grossen Bauch. Ich wusste mir also nicht anders zu helfen, als dass ich ihn zur Beobachtung ins Marodenzimmer aufnahm. Durch die Krankenwärter ihn observiren zu lassen, dazu hatte ich keine Lust; oder besser gesagt, zu wenig Vertrauen in die Ehrlichkeit und den Muth dieser Soldaten. Der europäische »Bediende« würde als Verräther wenn nicht durchgeprügelt, so doch boycottirt worden sein; und die eingeborenen »Handlanger« hätten gewiss ein gleiches Schicksal erfahren. Ich selbst kam natürlich so oft als möglich in den Krankensaal, und immer stand Daudu wie eine Säule in strammer Haltung vor seinem Bett und mit einem Bauche, als ob eine Pauke angebunden gewesen wäre. Kam ich in der Nacht und lag er, was sehr selten geschah, auf dem Rücken, so war das vorsichtigste Zurückziehen der »Sprey«, in welche er eingewickelt war, hinreichend, um ihn aufzuwecken, und der Bauch hatte sofort seine alte Haltung.[8] Ich gab ihm bei der Morgenvisite eine Morphiuminjection von 10 mg; er schlief jedoch nicht ein, weil er durch forcirtes Auf- und Abgehen und durch Kaffeetrinken die Wirkung des Morphium zu neutralisiren suchte. Zur Chloroformnarcose meine Zuflucht zu nehmen, konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich keine Assistenz hatte. Sein Zustand blieb unverändert, d. h. er ass gut, trank, bewegte sich und lebte wie jeder andere gesunde Soldat, und jede Untersuchung ergab negatives Resultat. Unter diesen Verhältnissen musste das Vermuthen von Simulation in mir auftauchen, und zwar musste ich daran denken, ob er nicht ein »Luftschnapper« sei, der, wie gewisse hysterische Patienten, Luft in grosser Menge verschlucken können, oder aber, ob er nicht wie die Bauchredner gelernt hätte, in der Inspiration zu sprechen. Mit palliativen Mitteln mich aus dieser schwierigen Lage herauszuhelfen, wäre auch möglich gewesen; ihn z. B. frei zu stellen von allen schweren Arbeiten, als Corvédienste, Schildwache stehen u. s. w.; dies wollte ich nicht thun, weil ich damit direct oder indirect ihn für krank erklärt hätte, also ... ich wartete. Diesmal, wie späterhin sehr oft, brachte das Warten die erwünschte Aufklärung. Daudu wurde nicht müde mit seiner künstlichen Auftreibung des Bauches, aber er ging in die Falle, die ich ihm legte. Ich musste nämlich die Apotheke in Ordnung bringen; zu diesem Zwecke liess ich von Daudu neue Signaturen schreiben u. s. w. In der Apotheke stand auch, stets gefüllt, die »Feldverband-Kiste« und die »Feldmedicinen-Kiste«, welche je 30–50 Kilo wogen und beim Ausrücken von zwei Kulis mit grossen Bambusstangen auf den Schultern getragen werden sollten. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschicklichkeit hantirte er mit diesen Kisten, als ob sie nicht einmal 5 Kilo wogen. Ich beneidete ihn oft um seine Körperkraft, die ihn dazu in Stand setzte; aber das Vermuthen, dass sein Zustand kein pathologischer sei, bekam dadurch beinahe Gewissheit. Ich sorgte dafür, dass der militärische Commandant auch Gelegenheit bekam, diese seine Körperkraft beobachten zu können, und zwar nicht nur momentan, sondern ich liess ihn oft stundenlang die schwersten Arbeiten in der Apotheke verrichten, z. B. die grossen Töpfe, Büchsen und Kisten einen ganzen Vormittag von einem Kasten in den andern überbringen u. s. w., so dass ich die Ueberzeugung bekam, dass Daudu nicht krank und dass sein Zustand ein artificieller sei. Nach zwei Monate langer Beobachtung hatte ich mir also die Ueberzeugung geschafft, dass sein Zustand ihm nicht hinderlich im Verrichten seines Dienstes sein könne (per analogiam). Der Zufall wollte es auch, dass um diese Zeit ein Transport mit militärischen Utensilien nach Bandjermasing gehen sollte. Daudu ersuchte mich, den Transport mitmachen (dies geschah zu Wasser in einem Boote) und zugleich von Bandjermasing nach der Superarbitrirungscommission zu Surabaja gesendet werden zu können. Mit der grössten Ruhe sagte ich ihm, dass dazu keine Ursache wäre, dass er nicht krank sei, dass er ganz gut seinen Dienst thun könne, und dass er also den folgenden Morgen das Marodenzimmer verlassen müsse. In der ersten Ueberraschung sprach er nur »C’est impossible, mon Doctor major«, und ich entliess ihn nur mit den Worten: »je l’ai vu que vous pouvez faire votre service.« Die Sache nahm natürlich den erwarteten Verlauf. Den andern Tag meldete er sich wieder krank, der Militär-Commandant frug mich brieflich (gemäss einer gegenseitigen Absprache), nicht ob er krank sei, sondern ob er seinen Dienst verrichten könne, was ich mit gutem Gewissen bejahen konnte; Daudu wurde bestraft, er reclamirte bei dem militärischen Commandanten in Bandjermasing, der mich ebenfalls um mein Gutachten officiell ersuchte; ich blieb bei meiner Behauptung, dass der Reclamant seinen Dienst verrichten könne; er wandte sich an das Kriegsgericht, und auch dieses verurtheilte ihn wegen Unwilligkeit und wegen Mangel an Achtung gegen seine Vorgesetzten, und endlich ... machte er alle seine Dienste. Zu gleicher Zeit wollte er sich in einem hochelegant französisch geschriebenen Brief, den ich noch heute besitze, an den Unterkönig wenden, in welchem er sich als das Opfer der mangelhaft entwickelten Wissenschaft der Medicin hinstellt, da nicht einmal so ein ausgezeichneter Arzt als Dr. Breitenstein seinen Zustand beurtheilen könne; er hat ihn aber auf mein Anrathen inhibirt. Einige Monate später musste ich einen Brief begutachten, welcher auf dem Wege der Gesandtschaft von seinem Bruder, einem Advocaten in Paris, an den Unterkönig geschickt wurde. In diesem frug dieser Advocat nur, wie es mit dem Magenleiden seines Bruders gehe. Ich begnügte mich, mitzutheilen, dass mir von einem Magenleiden des Daudu gar nichts bekannt war, da er während seines zweimonatlichen Aufenthaltes im Marodenhause zu Muarah Teweh sich eines solch guten Appetits erfreut hat, dass er nicht einmal an der gewöhnlichen Ration der Soldaten-Menage genug hatte, sondern sich oft noch Reis u. s. w. dazu kaufte. In einer ebenso feigen als läppischen Weise hat aber Daudu sich dafür an mir gerächt. Als ich im October 1880 Borneo verlassen musste, war ich gezwungen, einige Tage in Bandjermasing auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Täglich ging ich nach dem Spital, welches im Fort lag, und passirte bei dieser Gelegenheit die Caserne der Artilleristen. Eines Tages stand Daudu in der Veranda, und gerade als ich vorbeiging, bog er so seinen Oberleib, dass ich nur das Ende des Rückens zu sehen bekam! Wohlweislich sprach ich ihn dafür nicht an, denn er hätte gewiss mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt versichert, mich nicht kommen gesehen zu haben.

Solche seltene Fälle von Simulation sind in gewisser Hinsicht natürlich nicht gefährlich; d. h. wenn man aus Unsicherheit der Diagnose oder aus zu grosser Gewissenhaftigkeit hineinfällt, so wird nicht leicht ein zweiter Soldat es wagen, ein solches Leiden zu simuliren; aber bei anderen simulirten Krankheiten geschieht dies häufig; denn dem Soldaten macht es immer Freude, seinem Vorgesetzten ein Schnippchen schlagen zu können. Im Jahre 18.. kam z. B. ein Soldat mit Schmerzen in dem rechten Oberarm ins Spital zu M.... Per exclusionem zweifelte ich keinen Augenblick, dass dieser Patient einige Tage im Spitale ausruhen wollte, und theilte dies dem jüngeren Arzt mit, dem ich meinen Dienst übergab, weil ich auf Urlaub ging. Dieser wusste es natürlich (?) besser als ich, diagnosticirte: Neuritis brachialis, und als ich zurückkam, waren drei solche Fälle, und zwar von demselben Bataillon und von derselben Compagnie im Spital. Sogar ein vierter meldete sich mit dieser Krankheit; ich untersuchte ihn nach den Regeln der Kunst und schrieb ihn schon den folgenden Tag aus dem Spitalstande. Es kam kein neuer Fall von Neuritis brachialis mehr zur Behandlung, und auch die übrigen drei verliessen in einigen Tagen geheilt(?) das Spital.


Den 6. October (1877) war das mohammedanische Neujahrsfest (1294). Die Mohammedaner feiern diesen Tag mit allem Luxus, der ihnen zu Gebote steht; Jeder geht in seinem neuen Kleide in die Moschee, spazieren und Visite machen; auch zu uns kamen sie ins Fort und zwar unter einem fürchterlichen Raketenfeuer. — Ueberall wird Feuerwerk (mortjon) an diesem Tage angezündet, und je stärker das Donnern und Poltern desselben ist, desto grösser ist das Vergnügen dieser Menschen. Wenn man am mohammedanischen oder chinesischen Neujahr durch die Strassen einer grossen Stadt Javas fährt, hält man sich krampfhaft das Herz, weil man fürchtet, dass die Pferde durch das tolle Schiessen, oder getroffen von den Funken des Feuerwerkes scheu werden; sie gewöhnen sich jedoch so daran wie die Menschen. Dass natürlich die europäische und halbeuropäische Jugend an diesem lauten Vergnügen activ Theil nimmt, ist selbstverständlich. Wie viel tausend Gulden an einem solchen Tage für dieses Freudenschiessen verschleudert werden, weiss Gott. Sehr selten hört man jedoch von einem Unglück bei dieser Gelegenheit. Ich selbst hatte nur im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien eine kleine unangenehme Ueberraschung durch die Mortjon zu erleiden. Ich fuhr nämlich in meiner Equipage von Samarang nach Tjandi und suchte so viel als möglich dem Feuerwerke aus dem Wege zu gehen; kaum war ich jedoch auf der grossen Strasse, als ein Knabe sein Bündel mit brennenden Mortjons in die Luft warf; ohne darauf zu achten, fuhr ich weiter. Wenige Minuten darauf jedoch stieg auf meiner Seite eine kleine Rauchwolke und eine Flamme in die Höhe. Das Mortjon hatte die offene Rücklehne getroffen und in Brand gesetzt.

Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari.

Zu den Besuchen, welche wir damals erhielten, gehörte auch die Tochter Mangkosari’s, welche natürlich nicht zu uns selbst, sondern zu unseren Haushälterinnen kam. Ein langer Zug von 20–25 Frauen zwischen 15–25 Jahren näherte sich dem Fort. An der Spitze des Zuges ging jene stolz wie eine Juno und schön wie eine Venus. Mit ihren feuersprühenden Augen und elfenbeinernen Zähnen verrieth sie in ihrem gemessenen Schritt und der ihrer hohen Abkunft bewussten Haltung ihre fürstliche Abstammung. Bei ihrem Eintritt legte sie ihre kleine, weiche Hand in die meinige mit den Worten slamat taon Baru = glückliches Neujahr, ging stolzen und erhobenen Hauptes bei mir vorbei in das hintere Zimmer, wo meine Haushälterin auf dem Boden sass, und liess sich ebenfalls nieder, während das Gefolge in gemessener Entfernung ein Gleiches that. Natürlich war der Boden mit (Singaporschen) Matten bedeckt, und meine Haushälterin, welche von der Ankunft dieser Fürstentochter verständigt war, hatte für Gebäck, Zuckerwerk und Thee gesorgt. Ihr zurückhaltendes Benehmen gegen mich hatte seine gute Ursache. Täglich machte ich nämlich vor Sonnenuntergang einen Spaziergang zwischen dem Fort und der Wohnung ihres Vaters, welche am rechten Ufer des Tewehflusses lag; ich ahnte nicht, dass jedesmal ein Paar schwarze, feurige Augen mich auf meinem Spaziergang beobachteten. Eines Tages jedoch kam ich an das Ende der Strasse, und sieh’ da! zwei schöne Frauen sassen auf einem gefällten Baume, welcher vor dem Hause Mangkosari’s lag. Die eine der beiden kannte ich bereits; es war die (halbchinesische) Frau des chinesischen Lieferanten des Forts; die zweite wurde mir als die Tochter Mangkosari’s vorgestellt. Selten habe ich ein so schönes Mädchen gesehen, und niemals mit einer schöneren Frau, als diese war, gesprochen. Im Laufe des Gespräches (in malayischer Sprache) bot sie mir ([Fig. 5]) Früchte aus dem Körbchen an, welches sie in der Hand hielt; einen Augenblick zögerte ich, diese Liebesgabe anzunehmen — die Frauen standen auf und mit einem kurzen und gemessenen Tabeh (Gegrüsset) verliessen sie mich. Nur zweimal noch bekam ich hierauf während meines dreijährigen Aufenthaltes in Teweh die Tochter Mangkosari’s zu sehen, und zwar beim erwähnten Neujahrsfest und 1½ Jahr später, als die Frau des Mangkosari schwer erkrankte und mich um Hülfe ersuchen liess.


Den 3. Mai 1878 hatte ein Dajakscher Jüngling in unserer nächsten Nähe sich seinen Brautschatz geholt. Ungefähr 500 Schritte hinter dem Fort waren einige Malayen mit dem Fischfang beschäftigt, plötzlich sprangen einige Dajaker aus dem Gebüsche; vier von ihnen gelang es, je einen Malayen beim Kopfhaar zu fassen und ihm mit dem Mandau mit einem Schlag den Kopf abzuschlagen. Ebenso schnell als sie gekommen waren, wussten sie auch zu entfliehen, bevor die übrigen Fischer sich von ihrem Schrecken erholt hatten. Nur die kopflosen Leichen ihrer Kameraden und die Blutspuren, welche in den Urwald führten, waren die traurigen Ueberreste dieser Kopfjagd. Die Kopfjäger schnitten mit den kleinen Messern, welche sich auf der Scheide der Mandaus befanden, das Fleisch von den Köpfen ab, die langen Haare derselben banden sie an die Griffe ihrer Schwerter, und frohlockend zogen sie weiter, in der Ueberzeugung, mit ihren Schätzen jedes spröde Frauenherz erobern zu können. Die Werthscala eines Kopfes ist folgende: Sclave, Kind, Frau, Dajaker, Malaye, Chinese und Europäer. Die Leiche des einen Opfers wurde mir als corpus delicti des Verbrechens zur Obduction gebracht. Ich habe seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, eine solche Leiche zu obduciren; ich weiss also nicht, ob es Zufall war, oder ob es immer geschieht: am Rumpfe befand sich nur ein Schnitt, der den Zwischenraum zweier Halswirbel durchzogen hat. Was ich darüber bei Perelaer und Schwaner gelesen habe, und was mir darüber von den Eingeborenen erzählt wurde, stimmt damit überein, d. h. der Kopfjäger liegt im Hinterhalt, springt im gegebenen Augenblick auf sein Opfer, fasst es bei den Haaren, und mit einem Schwunge seines Mandaus trennt er den Kopf vom Halse. Diese Trophäen sind den Dajakern das Zeichen des persönlichen Muthes, und darum wurden sie damals von den Bräuten von ihren Freiern gefordert. Mittheilenswerth ist die Erzählung, welche Perelaer in Nr. 11 vom Militär-Spectator 1864 bringt. Im Jahre 1860 reiste Harimaung nach Kwala Kapuas und schloss mit den Beamten dieser Gegend ein Bündniss und beschwor, die Kopfjagd aufzugeben und auch in seinem Reiche die Kopfjagd zu verbieten. Viele Jahre hielt er sein Wort, bis ihn die Liebe wortbrüchig machte, obwohl sein Vater und seine Freunde ihn als Feigling behandelten und beschimpften. Er ging auf Freiersfüssen, ohne jedoch seine Braut heimführen zu können, weil er noch keinen Kopf erbeutet hatte, ja noch mehr, sie bot ihm den saloi (den kurzen, bis zum Knie reichenden Sarong) mit den Worten an: »Du bist kein Mann, Du musst Frauenkleider tragen.« Auch diesen Schimpf ertrug er, um dem Wort treu zu bleiben, das er dem Commandanten von Kwala Kapuas gegeben hatte. Als aber seine Geliebte einem berühmten Kopfjäger aus Miri (Kahajan) Gehör gab und selbst als Bräutigam annahm, da schwanden seine guten Vorsätze. Eines Tages verschwand er plötzlich und kehrte nach einigen Tagen zurück, mit seinem Korb auf dem Rücken, welcher vier Köpfe enthielt. Der süsseste Liebeslohn strahlte aus den Augen seiner Geliebten, als er den Korb vor ihren Füssen hinstellte und die Schädel herausrollen liess. Er aber blieb ruhig stehen und streckte seine Hand nach dem auf dem Boden liegenden Liebeslohn. Es waren die Köpfe ihres Vaters, ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihres — Bräutigams. »Du hast Köpfe gewünscht,« fügte er hinzu, »hier sind sie; ich habe meinen Eid gebrochen; ich darf nicht mehr unter die Augen des Commandanten von Kwala Kapuas kommen; sei verflucht!« Er floh in die Urwälder, welche er seitdem nicht mehr verlassen hat.

Natürlich giebt sich die Holländische Regierung alle Mühe, nicht nur unter ihren eigenen Unterthanen, sondern auch über die Grenze ihres Gebietes hinaus dieser grausamen Sitte zu steuern; abgesehen davon, dass die Sitten durch einen solchen Gebrauch nie milder werden können, ist die Kopfjagd eine der Ursachen, dass Borneo so schwach bevölkert ist.

Nach einer solchen Kopfjagd, wie sie Harimaung übte, bleibt natürlich die Blutrache nicht aus. Die Familie seiner Geliebten nahm Rache; sein ganzes Vaterhaus wurde ausgemordet und dessen ganzes Vermögen wurde zersplittert, und er selbst blieb — in den Urwäldern Borneos.


Lieutenant X., welcher gleichzeitig der Vertreter der Regierung gegenüber der Bevölkerung war (civile gezagvoerder), liess den Districtshäuptling Dakop kommen und gab ihm den Befehl, den Mörder auszuforschen, einzufangen und der Regierung auszuliefern. Unterdessen kam schon Mangkosari sich bei dem Commandanten melden und bot sich an, den Mörder zu suchen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Lieutenant X. sein Anerbieten annahm, denn es war noch keine Antwort auf sein Gnadengesuch eingelaufen, oder ob dieser Häuptling trotz des Verbotes des Militär-Commandanten diesen Kriegszug unternahm; genug an dem; einige Stunden später, während Dakop noch am Berathschlagen war, sah ich Mangkosari mit ungefähr 100 Mann den Baritu stromaufwärts fahren. Den andern Tag um 9 Uhr Abends sassen wir drei Officiere an der Whisttafel, als ein weihevoller Gesang an unser Ohr drang; wir traten zur Palissade; gellende Hurrahrufe mengten sich unter das gedehnte illa—la—lah há; eine ägyptische Finsterniss bedeckte die Landschaft, so dass wir nur einige Lämpchen wie Irrlichter auf dem Wasser schweben sahen; ein Blitzstrahl zuckte und zeigte uns vielleicht 40 kleine Kähne, welche sich unserem Fort näherten. Einer von ihnen blieb stehen, zwei Männer stiegen aus, wovon der Eine eine Laterne trug; als sie der Palissade nahe waren, erhob der Eine die Laterne, ein hundertstimmiges Hurrah drang zu unseren Ohren und wir sahen den zweiten Mann — ich glaubte, dass es Mangkosari selbst war — einen Schädel in die Höhe bringen, welcher, beleuchtet von der Laterne des zweiten Dajakers, uns den Mörder zeigen sollte, welcher mit seinem Kopfe sein Verbrechen gebüsst hatte. Wahrlich! eine eigenthümlich pittoreske Scene, die sich uns damals darbot! (Wer weiss, welchem unschuldigen Mann Mangkosari den Kopf abgeschnitten hat, um nur einen Beweis für seine Tüchtigkeit als Polizeimann zu geben.)

Noch dreimal hat während meines 3½ jährigen Aufenthaltes auf Borneo die Regierung von einer solchen Kopfjagd Nachricht bekommen. Der Einfluss der europäischen Civilisation macht sich natürlich, wenn auch langsam, doch sicher geltend, so dass heut zu Tage dieser grausame Gebrauch nicht so häufig geübt wird als früher. Dazu trägt auch die neue Waffe das ihrige bei. Als vor ungefähr 25 Jahren in der indischen Armee die Hinterlader eingeführt und die zurückgestellten alten Vorderlader auf Auction gebracht wurden, blieb kein einziges dieser alten Gewehre unverkauft. Auch unter den Dajakern befanden sich zahlreiche Käufer, welche die neue Waffe sehr gut zu gebrauchen lernten. Ich ging damals oft auf die Jagd und nahm einen Dajaker aus dem Gefolge Mangkosari’s mit, welcher mir das Gewehr trug. Bald wurde er ein geübter Schütze, der seinen Lehrmeister bei weitem übertraf. Vom oberen Laufe des Baritu kamen Ende 1879 die Fürsten von Murong und Siang nach Teweh und sahen damals zum ersten Male einen Dampfer und die neuen Beaumont-Gewehre; das Dampfschiff erregte mehr ihre Neugierde als Erstaunen; aber als sie das Hinterladergewehr gebrauchen sahen, sprangen sie wie Besessene vor Bewunderung. Ueber die Waffen der Dajaker, welche noch nicht von der Cultur beleckt sind, d. h. welche nur den Mandau, Schild, Pfeile und Blasrohr gebrauchen, ausführlich zu schreiben, würde überflüssig die Grenzen dieses Buches überschreiten.

Nur will ich mittheilen, dass ich mit dem Ipoh, dem Pfeilgift der Dajaker, einige Experimente gemacht habe. Ich habe nämlich 1 Gran = 65 Milligramm Ipoh in Wasser gemischt einem kleinen Affen ins Rectum eingespritzt. Obwohl ungefähr die Hälfte sofort wieder ausfloss und ich den Affen (Cercopithecus cynomolgus) nach Angabe der Dajaker sofort unter Wasser tauchte, bekam er doch nach ungefähr 10 Minuten Krämpfe und starb. Zweimal habe ich ein Schuppenthier (Manis pentadactyla) durch Ipoh getödtet; das erste Mal in Teweh und das zweite Mal, 16 Jahre später, in Java. Mit dem Messerchen gab ich zwischen zwei Schuppen einen Stich und steckte hierauf einen Pfeil in die Wunde. Im ersten Falle starb das Thier beinahe sofort nach der Operation, während es im Jahre 1896 doch noch ¼ Stunde dauerte, bis das Thier unter Convulsionen erlag. Nach Perelaer stamme das Gift von zwei Sorten Gewächsen; das eine, das Siren, stamme von einem Baume, und das andere, Ipoh, von einem Strauche. Nach meinen Untersuchungen dürfte in dem Theile Borneos, welchen ich bewohnt habe, Strychnos Tieuté Lechenault, und in Kapuas, Antiaris toxicaria die Quelle des Pfeilgiftes gegeben haben. Dass jedoch, wie Wefers Bettink behauptete, »das Pfeilgift von Borneo keine Spur von Strychnin enthalte«, kann ich, soweit es die Pfeile betrifft, welche ich in Teweh erhielt, nicht unterschreiben. Der verstorbene Professor Stricker in Wien schrieb mir seiner Zeit nämlich, dass das von mir gesendete Ipoh eine Strychninsorte sei.


»Greift nur hinein in’s volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.« So ging es auch mir während meines Aufenthaltes auf der Insel Borneo. In dem engen Raume des kleinen Forts herrschte Monotonie des ganzen täglichen Lebens. Als Arzt konnte ich nicht viel zu thun haben, weil hundert Soldaten, welche doch in der Kraft ihres Lebens stehen, nicht oft erkranken; als Mensch und als Officier kostete ich den Kelch eines der civilisirten Welt entrückten Bestehens bis auf die Neige, weil ich nur zwei Kameraden hatte, d. h. weil nur zwei Officiere und sonst niemand sich im Fort befand, mit denen ich verkehren konnte, und doch hatte ich keine Langeweile. Denn so oft als möglich (und natürlich immer auf eigene Verantwortung) verliess ich das Fort, um zu jagen, um Käfer zu sammeln, um einem dajakischen Feste beizuwohnen oder um an der Grenze des Urwaldes seltene Orchideen zu pflücken u. s. w.

So geschah es auch, dass ich den 25. Februar 1878 mit dem Bezirkshäuptling Dakop über den Baritu setzte, um hinter dem Kampong des Demong Djatra zu jagen. Der alte Kamponghäuptling war seinem Blasenkrebs erlegen, und sein Sohn Demong Djatra, der Nachfolger in dieser Würde, ist mein Freund (?) geworden. So oft als möglich besuchte er mich, d. h. so oft er Pulver für sein Gewehr nöthig hatte, und brachte mir hin und wieder auch kleine Geschenke, z. B. Früchte mit. Sein Gesichtsausdruck war der eines hinterlistigen Mannes, und vielleicht war dies die Ursache, dass mein Wau Wau ihn jedesmal attaquirte, wenn er zu mir ins Zimmer trat. Entweder riss er ihm wüthend das Tuch vom Kopfe oder er hing sich an seine Füsse und zerriss ihm die Hose (welchen Luxus er sich immer erlaubte, wenn er ins Fort kam), oder er sass zwischen den Spitzen der Palissade und riss ihn en passant, mit einem Ausdruck voller Wuth, bei dem Kragen, kurz und gut, er hasste den Demong Djatra. Dies war darum so auffallend, weil es der einzige Dajaker und der einzige Mensch war, dem mein Wau Wau solche unzweideutigen Beweise seiner Feindschaft gab, und weil thatsächlich Falschheit die Physiognomie dieses Häuptlings zeigt. Dass er zwei Jahre später das Haupt des Aufstandes war, will ich nur per parenthesim erwähnen, weil noch andere unserer »Freunde (sobat)« daran Theil genommen hatten, ohne dass sie einen solchen listigen Ausdruck gehabt hatten.

Als wir uns seinem Kampong näherten, sahen wir eine eigenthümliche Scene. Im Wasser stand mein »Freund« Djatra, vor ihm lag ein Boot, hinter ihm standen drei Männer in feierlicher Haltung und neben diesen eine Miniatur-Hütte, welche auf einem Gestell umgeben mit Wachslichtern ruhte. Im Hintergrunde standen die übrigen Bewohner des Kampong als Zuschauer. Unter den Frauen waren einige junge, welche über dem Knöchel eine Schnur mit kleinen Glasperlen hatten. Auf meine Frage, warum nicht alle Frauen diese Glasperlen über dem Knöchel tragen, theilte mir Dakop mit, dass nur jene Frauen oder Mädchen diesen Schmuck anlegen, welche zu heirathen wünschen. (Also eine dajakische Heirathsannonce!) Die drei Männer murmelten ihre Gebete und besprengten den Djatra mit Reis. Nun kam dessen Frau und kletterte auf einen Baum, der vor dem Boote im Wasser stand. Djatra nahm sein Mandau und hieb so lange darein, bis der Baum mit seiner Frau ins Wasser fiel. Jetzt stiegen Mann und Frau in den Kahn, welcher nichts mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, und der älteste der drei Bliams fasste ihn mit den Händen und platsch! beide liegen im Wasser; das Boot wird, während die beiden das Wasser von sich abschütteln, gut mit Wasser abgespült, und diese Procedur wird dreimal wiederholt. Nach dieser Taufe eilen Mann und Frau an den Wall und kriechen in eine zu diesem Zwecke bereitete Grashütte. Burschen bringen brennende Fackeln herbei, eine zweite Frau (garde-dame!) leistet dem Paare in der niedrigen Hütte Gesellschaft, es stürmen die drei Priester mit Lanzen gegen die Hütte, umtanzen sie schreiend und mit den Lanzen schwingend und drohend; mit Hurrah springen die drei Insassen aus der Höhle und im folgenden Moment verbrennen die Flammen die Grashütte. Jetzt ist Djatra, welcher Reconvalescent nach einer schweren Krankheit war, vollkommen gereinigt und das Genesungsfest abgelaufen.


Zahlreich sind die Krankheiten des Magens, der Leber und der Därme, an welchen die Europäer in Indien leiden. Natürlich wird dem Klima die Schuld gegeben, die Ursache dieser zahlreichen Krankheiten zu sein, ob aber mit Recht, das ist noch die Frage. Denn in Indien wird zu viel gegessen und zu viel getrunken. Woher soll der Magen die hinreichende Menge des sauren Magensaftes nehmen, wenn er durch eine zu grosse Menge von Speisen überfüllt wird. Man hilft sich zwar dadurch, dass man zu den Speisen gewisse Gewürze zusetzt, welche eine grössere Production von sauerem Magensaft anregen sollen; aber dieses hat seine Grenze.

Zuletzt kann keine grössere Menge gesunden Magensaftes erzeugt werden; die grosse Menge aufgenommener Speisen wird nicht zur gehörigen Zeit verdaut in den Zwölf-Fingerdarm geschafft, weil der Magen atonisch geworden ist. Es muss Dyspepsie eintreten, weil nicht genug saurer Magensaft vorhanden ist, um die Fermentation der Speisen zu ermöglichen, und auch Plethora stellt sich ein, welche zu Congestionen der Leber und der anderen Baucheingeweide und zum Entstehen der Hämorrhoiden Anlass giebt.

Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass in Indien die Flora und Fauna aussergewöhnlich üppig sind und dass also auch das Reich der Bacterien durch die immer herrschende Wärme und grosse Feuchtigkeit der Luft einen günstigen Boden zur Entwicklung hat; aber auch in Indien ist der sauere Magensaft im Stande, die Bacterien des Magens und des Darmes zu verzehren, wenn er in hinreichender Menge vorhanden ist. Daran denkt man in der Regel nicht, obzwar unter den Tropen der Stoffwechsel lange nicht so energisch ist, als in Europa. Jeder von uns weiss ja, dass in den kalten Wintermonaten der Appetit grösser als im Sommer ist, und doch wird in Indien, wo das ganze Jahr hindurch eine Temperatur von 25–40° herrscht, nicht nur nicht weniger gegessen und getrunken als in Europa, sondern sogar mehr. Zur Illustration dieser Behauptung will ich jetzt eine Beschreibung der Diners folgen lassen, welche man z. B. in Batavia in einem Hotel ersten oder zweiten Ranges erhält. (Wegen Mangel an Restaurationen und Kaffeehäusern bekommt man in den Hôtels auf Java die ganze Verpflegung und zwar für 4–6 fl. per Tag.) Beim Aufstehen des Morgens erhält man eine Schale Kaffee, welcher, so unglaublich es ist, nicht schlechter sein kann, als er ist. Zwischen 7–8 Uhr geht man zum ersten Frühstück.

Man erhält Thee oder Kaffee, zwei Eier, Butterbrot, Käse, Salami und Beefsteak. In Indien geborene Europäer nehmen gerne beim Frühstück einen Teller voll Nassi Gôrèng, d. i. Reis mit klein gehacktem Fleisch, Zwiebeln und Lombok (Paprika) in Cocosöl gebacken und mit zwei Spiegeleiern garnirt. Ich pflegte bei meinem Aufenthalt in Indien dabei zu bemerken, dass in Europa nicht einmal der Fürst von Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein ein so reiches Frühstück habe, als ein einfacher Lieutenant in Indien. Vorläufig muss man damit bis 1 Uhr Nachmittags zufrieden sein. Um jedoch zu dieser Hauptmahlzeit (Rysttafel genannt) den nöthigen Appetit mitzubringen, steht vor dem Essen die Caraffe mit Genever und Bitterextract den Gästen à discrétion. Wie der Magyar seinen Sliwowitz, so nimmt der Holländer vor Tisch ein, zwei oder drei Gläschen »Bitter«.

Die »Rysttafel« führt insofern diesen Namen mit Recht, weil des Mittags täglich der Reis die Hauptrolle spielt. Aber wie gross ist die Zahl der Nebenrollen! Zunächst wird der Reis mit zwei Saucen begossen. Die eine, Kerry genannt, besteht aus Cocosmilch, Bouillon und zahlreichen Gewürzen mit Stücken von Huhn, Fisch, Krabben u. s. w. Die zweite Sauce besteht aus Bouillon und verschiedenen Sorten Grünzeug, worin ebenfalls die Extremitäten eines Huhnes, der Kopf eines Fisches u. s. w. schwimmen. Auf einem zweiten Teller werden aufgehäuft zwei bis drei Sorten Rindfleisch, zwei bis drei Sorten Huhn, Fisch, Krabben, ein bis zwei Sorten Eier, und niemals fehlt ein Stück gehacktes Fleisch (Fricadell). Dazu werden noch verschiedene Grünzeuge mit Lombok zubereitet gemischt.

Damit ist aber das Mittagsmahl noch lange nicht beendigt. Jetzt folgen noch Beefsteak, Erdäpfel und Salat, Käse mit Butterbrod, Früchte und Kaffee.

Die »Rysttafel« bekommt der Passagier nur auf den holländischen Dampfern, und zwar sofort hinter Aden, d. h. bei der Einfahrt in den Indischen Ocean. Auf den Schiffen der Franzosen und Engländer wird diese nur in einer Miniaturausgabe geboten. Ebenso wie wir es in den Hôtels auf Ceylon und Singapore sahen, wird nämlich auf diesen Schiffen nach der Hauptmahlzeit Reis mit einer Kerrysauce servirt.

Bevor ich die weiteren täglichen Mahlzeiten auf Java mittheile, muss noch erwähnt werden, dass Jeder, der es thun kann, nach diesem üppigen Mittagmahle Siesta hält. Zwischen 4–5 Uhr wird aufgestanden, ein Schiffsbad genommen, eine Schale Thee getrunken, ein Spaziergang gemacht, und um 7 Uhr Abends beginnt das gesellschaftliche Leben, d. h. man empfängt und macht um diese Zeit seine Visiten. Darnach nimmt man ein paar Gläschen Genever oder Portwein, und um halb 9 Uhr geht man an das Abendessen. Curiosums halber will ich die Abschrift des Menu geben, welches am 17. Jänner 1897 (ich glaube es war ein Sonntag) im Hôtel du Pavillon in Samarang (Java) den Gästen geboten wurde:

Caviar. — Bruinsoep (braune Suppe). — Croustades. — Visch met wortelen (Fisch mit jungen Rüben). — Rolade met celleri (Sellerie) au jus. — Eend (Ente) met doperwten (Zuckererbsen). — Compôte. — Gebak (Torte). — Nougaijs (Nougat-Gefrorenes). — Vruchten (Obst). — Koffie.

Es kann wohl vorkommen, dass die Gäste hin und wieder eine oder die andere Schüssel passiren lassen, ohne etwas davon zu nehmen, aber ich kann auch behaupten, dass in Europa auf keiner Table d’hôte den Gästen soviel geboten und von ihnen soviel gegessen wird als in Indien, und zwar nicht nur in den Hôtels, sondern auch am häuslichen Herd. Kann es also Wunder nehmen, dass die Europäer im Indischen Archipel so oft an Krankheiten des Magens, des Darmes und der Leber leiden? Wir wollen keine strengen Richter sein, schon darum nicht, weil die indischen Früchte und Gewürze gar so herrlich sind. Ich habe eine Zeit gekannt, dass ich dreimal des Tages die »Rysttafel« hätte essen wollen.

Von den zahlreichen Früchten, welche besonders saftreich sind, und deren Aroma oft von keiner einzigen europäischen Frucht übertroffen wird, will ich nur einige erwähnen, und zwar jene, welche mir am besten mundeten: die Ananas (A. sativa), Djambu (Anacardium occidentale), die Papaja (Carica papaya), Nonafrucht (Anona reticulata), Durian (Durio zibethinus), Mangistan (Garciana mangostana), Duku (Lantium domesticum), Mangga (Mangifera indica). Von den zahlreichen Gewürzen (Hass-Karl spricht von 119 allein aus dem Pflanzenreich) und ihren Zusammensetzungen, z. B. Kerry, Ketjab (Soja) kann ich nur dasselbe sagen; sie sind herrlich.

In den Hôtels habe ich natürlich von diesen herrlichen Speisen täglich genug bekommen, ohne dass ich damals mich an dem »zu viel« versündigt hätte, obzwar die alte Phrase: »in Indien muss man sich kräftig nähren« und »flink trinken« in den verschiedensten Variationen mir vorgeleiert wurde von Aerzten und auch von Laien, welche »in Indien geboren sind und darum am besten wissen müssen, was in »de Oost« gegessen werden muss, wenn sie auch keine Aerzte seien«. Es bleibt eine Phrase zu sprechen von der Wahl einer »nahrhaften Speise«, wenn man vielleicht 10–20 Schüsseln oder Schüsselchen mit eiweissreichen Speisen vor sich stehen hat. Für die Frage einer zweckmässigen Volksspeise, oder für die Ernährung eines Soldaten auf dem Kriegszuge, oder für arme Leute, welche keine Wahl haben, oder für Kranke, welche nur gewisse Speisen vertragen, für diese Probleme ist es nöthig, genau zwischen nahrhaften und nicht nahrhaften Speisen zu unterscheiden. Aber für das Gros der Bevölkerung ist in Indien diese Frage schon erledigt. Dem Eingeborenen ist der Reis eine bessere und gesündere Nahrung, als dem Proletarier in Europa der Erdapfel; denn nach Horford und Krocker hat der Reis nur 15·1% Wasser (und 6·3% Albumin, 73·6% Stärke, 4·6% Cellulose und 0·3% Salze), während die Erdäpfel nach Moleschot 0·5–2·5% Eiweiss, 0·4–1% Cellulose, 9–23% Stärke und 69–81% Wasser haben. Wenn der Malaye und Javane mehr Fleisch gebrauchen würde, dann wäre seine »Volksnahrung« gewiss eine zweckentsprechende und »gesunde« zu nennen.

Die europäischen Soldaten bekommen aber so viel Reis (0·5 Kilo) und so viel Fleisch (0·27–0·4 Kilo) und 30 Gramm Butter u. s. w., dass die zweite Frage die Hauptsache wird, nämlich: ob genug Abwechslung geboten wird und auch genug aufgenommen und verzehrt wird, oder ob nicht vieles geradezu für den Organismus verloren gehe. Die zahlreichen Gewürze haben zwar den Zweck, den Magen zur grösseren Production des Magensaftes anzupeitschen; dieses gelingt zwar eine Zeit lang, aber es dauert nicht lange. Auch Dr. Pollitzer, welcher fünf Jahre am Mississippi wohnte, sprach als seine Ueberzeugung aus, dass mehr als die Hälfte der Magen- und Darmleidenden nicht dem Tropenklima, sondern der unzweckmässigen Lebensweise ihre Krankheit zuschreiben müssen, weil, wie schon oben erwähnt, bei zu grosser Menge der aufgenommenen Nahrung der Magen nicht genug sauern Magensaft erzeugen könne.

Auch mir ging es in Teweh nicht besser. Ich hatte grössere Sorgen, etwas zu essen zu bekommen, das ich gerne ass, als eine »nahrhafte Speise« am Tisch stehen zu sehen; im Gegentheil, diese »nahrhafte Speise« bekam ich zum Ueberdruss und zwar: Beim Frühstück Beefsteak, nach dem Reis Beefsteak und Abends Beefsteak; nebstdem jeden Morgen zwei oder vier Eier; zu guterletzt konnte ich kein Ei mehr sehen und schon der Geruch der Beefsteaks nahm mir allen Appetit. Glücklicher Weise schmeckte mir damals die »Rysttafel« so gut, dass ich mich beim Mittagsmahl für den ganzen Tag satt essen konnte. Denn nur zu oft geschah es, dass das Brod von dem Lieferanten ungeniessbar war und er uns dafür den zweifachen Geldbetrag erstatten musste; für jeden Soldaten war dies ein Freudenfest, er konnte dafür eine halbe Fl. Bier, Genever oder Aehnliches kaufen und ass dafür sein Surrogat, Reis u. s. w. Für uns Officiere war es jedoch jeder Zeit eine arge Enttäuschung, des Morgens kein Brod zu haben. Keine Erdäpfel zu haben, — das waren wir gewöhnt; als im Jahre 1878 durch aussergewöhnlich niederen Stand des Flusses sechs Monate lang niemand zu uns kommen konnte, und zwar nicht nur kein Dampfer, sondern auch kein Transportboot mit Lebensmitteln, so dass z. B. kein einziges Schächtelchen Streichhölzchen auf ganz Teweh zu kaufen war, da fühlten wir erst recht unsere Einsamkeit. Nur die Post, welche auf einem Kahn, der nichts anderes als ein ausgehöhlter Baumstamm war, jede Woche uns gesendet wurde, war das Band zwischen uns und der ganzen übrigen Welt. Mit Angst sahen wir dem Tage entgegen, dass unser Vorrath an Kaffee, Bier, Wein und Genever ausgehen sollte. An »nahrhaften Speisen« hatten wir genug grossen Vorrath; denn der Lieferant musste stets für sechs Monate bei sich und für einen Monat im Fort an Vorrath haben: Reis, lebende Rinder, Petroleum, Salz u. s. w. Von diesen Lebensmitteln hatte der Lieferant vor dem Eintritt der trockenen Zeit zufällig für sechs Monate das verpflichtete Quantum in seinem Magazine aufgespeichert, so dass wir keinen Hunger zu leiden brauchten. Ist die Noth am grössten, ist die Hülfe am nächsten; es begann zu regnen, und der Fluss begann zu steigen, als die Cigarren, Wein, Genever, Streichhölzer und Butter nur noch in ganz kleinen Mengen in Teweh zu bekommen waren und zwar nur bei dem chinesischen Lieferanten der Armee. Ein anderes Geschäft bestand natürlich in Teweh nicht. Endlich konnte ein Dampfer wieder zu uns kommen, und ein Stein fiel uns vom Herzen, als wir ein Glas Bier erhielten und ein Päckchen Streichhölzchen in unserer Vorrathskammer geborgen werden konnte.

Die Worte »gesundes Essen« werden jedoch mit mehr Recht gebraucht als »nahrhaftes Essen«; es wird am häufigsten gebraucht bei der Wahl von Grünzeug, Früchten und gewisser nur in Indien gebrauchter Zuspeisen. Zu den letzten gehört die »Rudjak«, das sind Scheiben von meistens unreifen Früchten, welche mit einer dicken Sauce von Lombok, Zucker und »Trassi« gegessen werden. Verschiedene Sorten von kleinen Fischen werden mit Garneelen in Wasser und Salz in einem irdnen Topf zum Gähren gebracht und darin gelassen, bis ein Brei daraus geworden ist; das Wasser wird danach weggegossen, und der Brei wird zu kugelförmigen Stücken getrocknet. Diese stinkende Zuspeise (Trassi) wird von manchen Europäern und allen Eingeborenen sehr gern bei der »Rysttafel« gebraucht. »Rudjak« wird ohne Löffel oder Gabel und nur mit den Fingern gegessen. Ein Stück rauhe Gurke, Manga, Papaya u. s. w. wird in die oben erwähnte Sauce getaucht, gegessen und — als »gesundes Essen« gepriesen, d. h. von den halbeuropäischen Damen. Ueber die Frage, ob Grünzeug ein »gesundes Essen« sei, lässt sich weniger streiten; denn wenn auch Fleisch (in allen Sorten) ein gesundes Essen ist, so regt es zu wenig die Peristaltik des Darmes an, natürlich in gebräuchlicher Menge; darum ist es gut, neben dem Fleische auch andere Speisen zu nehmen, welche, wenn auch nicht reich an nahrhaften Stoffen, doch für eine hinreichende Bewegung des Darmes sorgen. Von diesem Standpunkte aus muss theilweise auch der Gebrauch der Früchte beurtheilt werden. Andererseits sind die Früchte so mannigfaltig, und es giebt von vielen Früchten so zahlreiche Sorten, dass es schwer fällt zu generalisiren, d. h. sie im Allgemeinen zu den »gesunden« oder »ungesunden« Essen zu rechnen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Zuckergehalt gewisser Früchte und ihr Reichthum an Cellulose im Darme ungeheure Massen von nicht pathogenen Bacterien entstehen lassen, welche gewiss ein kräftiges Agens gegen die Entwicklung vom Krankheitserreger unter Umständen sein können. Wenigstens auf diese Weise erklärt Loebisch in Innsbruck den günstigen Erfolg einer Traubencur bei gewissen Erkrankungen des Darmes. Uebrigens hat die Früchtecur, von Sonius gegen die »Indische Spruw«[9] in Java eingeführt, wahrscheinlich derselben Ursache ihre günstigen Erfolge zu verdanken.

Die Zahl der Früchtesorten in Indien ist zu gross, um sie an dieser Stelle hinsichtlich ihres Nährwerthes zu beschreiben; aber ich kann nicht umhin, die am meisten gebrauchten Früchte mit einigen Worten zu besprechen:

Die Pisang, von welcher wir auf [S. 16] bereits sprachen, kommt in zahlreichen Varietäten auf den Tisch der Europäer; wegen ihres reichen Gehaltes an Amylum (±70%) wird von ihr niemals bezweifelt, dass sie »ein gesundes Essen« sei.

Die Ananas (Ananassa sativa) erfreut sich diesbezüglich schon mehr eines zweifelhaften Rufes; sie ist nämlich sehr saftreich und wird daher nicht von Menschen mit Hyperacidität vertragen; auch die Frauen fürchten manchmal diese süss-säuerlich aromatische Frucht, weil sie den weissen Fluss verstärken, die Menstruation zu stark anregen solle und das Fleisch ihrer Frucht wegen des grossen Gehaltes an Cellulose schlecht verdaut werde. Es ist gewiss überflüssig, das Fleisch der Frucht zu essen, und ich habe mich immer mit ihrem herrlichen Saft begnügt. (Dass sie jedoch, wie behauptet wird, auch ein Diureticum sei, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung.)

Djambu ist, ich möchte sagen, ein Sammelname für Früchte aus den verschiedensten Pflanzenfamilien. Die Djambu bidji (Psydium guajava) kann leicht gelb oder roth sein; diese letztere mit Zucker bestreut, giebt den Geschmack von Himbeeren; sie ist so reich an Samenkörnchen wie die Ribisel, die Körnchen sind aber etwas grösser und haben ihr daher den schlechten Ruf besorgt, dass sie den Darm reizen, Proctitis und sogar den Tod unter Cholera ähnlichen Symptomen zur Folge haben könne. Kirschenkerne haben auch schon manchmal eine Apendicitis verursacht, ohne dass man darum die Kirsche selbst in den Bann gethan hätte. Die herrliche aromatische Djambu verdient diesen schlechten Namen schon darum nicht, weil ihre Körner vielleicht nicht einmal ⅙ der Grösse eines Kirschkerns haben. Die holländische Djambu (Persea gratissima) wird auch advocat genannt; sie stammt aus Westindien und soll dort Apocata heissen, woraus das indische Wort advocat entstanden ist. Sie hat die Grösse eines sehr grossen Apfels, ist eine Fleischfrucht und wird gegessen, indem man ohne Schale die Frucht zerreibt und mit Portwein mengt. Der feinste Mandelgeschmack ist nicht so fein und so angenehm, als von diesem Brei.

Die Papaja (Carica papaya) hat seit einigen Jahren in den europäischen Laboratorien Eingang gefunden, weil der weisse Saft der weichen Schale einen Verdauung befördernden Extract giebt: das Papajin. Diese Fleischfrucht erreicht oft die Grösse eines Kindskopfes und hat in ihrem Innern eine grosse Menge schwarzer Samenkörner, welche als Heilmittel manchmal gebraucht werden; sie ist sehr angenehm (besonders die Riesenpapaya) und aromatisch und wird beschuldigt, bei den Männern temporäre Impotens und bei den Frauen Fluor albus zu veranlassen; ich glaube weder an das Eine noch an das Andere. Sie wird roh mit Zucker und Wein gemischt oder in Zucker eingemacht gegessen. Auch Icterus (Gelbsucht) soll sie erzeugen.

Die Nonnafrucht (Anona reticulata) hat in früheren Zeiten als Aphrodisiacum gegolten, wie Bontius erzählt; aber heute ist diese mehlige, süsse Frucht trotz ihrer zahlreichen Samenkörner eine gern gesehene Frucht auf dem Tische der Europäer, ohne dass man an ihren Liebeszauber denkt oder glaubt. Die Anona muricata wird oft so gross als der Kopf eines Mannes und hat auch einen sehr angenehmen, sehr stark sauern Geschmack; ihr Fleisch wird zerrieben und durch ein Sieb gepresst, weil die Cellulose unangenehm im Munde ist.

Die Durian (Durio zibethium) erreicht die Grösse einer grossen Melone und kann dem sorglosen Wanderer gefährlich werden, wenn sie reif abfällt und den Kopf des Zerstreuten trifft; sie stinkt nach faulen Zwiebeln so stark, dass sie das ganze Haus verpestet, wenn man sie nicht im Hofraume, sondern im Hause öffnet; ihr Geschmack soll jedoch den aller übrigen Früchte der Welt an Feinheit übertreffen und wird von jedem gepriesen, dem es gelingt, sich an den fürchterlichen Gestank zu gewöhnen. Mir gelang es nicht.

Die Manggis (Garcinia mangostana) ist nach meinem Geschmack die beste der indischen Früchte und wird nach »van der Burg« selbst von Bontius durch folgendes Dystichon verherrlicht:

Cedant Hesperii longe hinc, mala aurea, fructus;

Ambrosia pascit mangostan et nectare divos.

Sie sieht wie ein Lederapfel aus, birgt jedoch hinter der fingerdicken, tanninreichen Schale grosse Körner mit schneeweissem Fleisch, welches einen süss-säuerlichen aromatischen Geschmack hat.

Die Mangga (Mangifera Indica), die Rambutan (Nephelium lappaceum), die Djeruks (Citrus), welche jedoch bei weitem nicht so aromatisch sind, als die europäische Orange, die Duku’s, Langsat, die Labu (Lagenaria idolatria), die Samangka (Wassermelonen) u. s. w., alle diese zahlreichen Früchte werden bald »ein gesundes«, bald »ein ungesundes Essen« genannt; die einen werden ein Diureticum genannt, die andern hätten einen scharf reizenden Saft u. s. w.; wir werden uns im zweiten und dritten Theil noch mehr mit ihnen beschäftigen und wollen darum jetzt wieder zu unseren Erlebnissen auf Borneo zurückkehren.


Von den indischen Frauen, oder besser gesagt, von den Frauen in Indien, zu schreiben, ist eine dankbare Sache. Das Geistesleben aller Frauen Indiens, von der hochgebildeten europäischen Frau angefangen bis herab zu der Wilden, zeigt einen festen Punkt, die Liebe; aber wie die übrigen Fragen und Phasen des täglichen Lebens zu dieser Cardinalfrage sich verhalten, giebt den verschiedenen Frauen den eigenthümlichen Typus, welcher am besten mit dem Worte Charakter bezeichnet wird. Dass natürlich die Verhältnisse des Tropenlebens, die Erziehung, die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Formung des Charakters einen grossen Einfluss nehmen, ist selbstverständlich. Ob aber dieser Einfluss grösser oder kleiner sei als der, welcher bedingt ist durch die Abstammung, d. h. in unserem Falle durch die Vermischung mit den Kindern des Landes, wage ich nicht zu entscheiden. Oft gehen nämlich Kinder aus gemischter Ehe in einem Alter von wenigen Monaten nach Europa, geniessen eine europäische Erziehung und kehren erst als Erwachsene nach Indien zurück. »Sofort klettern sie auf die Palmen,« sagt der Malaye und deutet damit an, dass diese leichter wie die in Europa geborenen, und ebenso leicht als die in Indien erzogenen Europäer die Sprache, Sitten und Gebräuche des Landes annehmen. Die in Indien geborenen Europäer werden Kreolen genannt und zeigen in ihrem Charakter dieselben Eigenthümlichkeiten, als die der gemischten Rasse, wenn auch die Hautfarbe weiss ist und das Jochbein und Oberkiefer nicht so stark prominiren als bei den »Halbeuropäern«. Darum mag in diesem Buche der Ausdruck »indische Damen« alle europäischen Frauen umfassen, welche in Indien geboren und in Indien erzogen wurden, ohne Unterschied, ob Vater oder Mutter, ob Grossvater oder Grossmutter von Eingeborenen abstammen, oder ob selbst »kein Tropfen Eingeborenen-Bluts in ihren Adern rollt«. (Charakteristisch ist die Thatsache, dass nur sehr vereinzelt der Fall dasteht, dass ein Eingeborener eine europäische Frau heirathet, während das Umgekehrte nicht selten geschieht und zwar dass ein Europäer »die Mutter seiner Kinder« zum Altar führt.) Bei den »indischen Damen« zeigt sich die Vorliebe für die indische Toilette geradezu als Charaktereigenthümlichkeit; keine europäische Dame z. B. wird gegenwärtig in indischer Toilette im Salon erscheinen oder Abendgesellschaften aufsuchen. Die »indische Dame« jedoch sieht darin nichts Indecentes.

Zu D... sollte eines Abends grosser Empfang beim Residenten sein; der Militär-Commandant erschien mit seinem Officier um 7 Uhr in Galatenu und fand die Frau des Residenten in — indischer Toilette, weil sie mit ihren Freundinnen beim Kartenspiel vergessen hatte, dass an diesem Tage ihr Mann, der Resident, seinen »jour« habe. Um nicht die Gäste warten zu lassen, blieb sie in ihrer Haustoilette. Die militärischen Gäste verliessen jedoch auf Antrag ihres Chefs sofort das Gebäude. Dieser Fall ist allerdings vereinzelt. Eine europäische Dame hätte natürlich lieber die Gäste warten lassen, bis sie die Haustoilette abgelegt hatte, als in solcher Toilette zu »empfangen«. Denn diese besteht nur aus einem bunten Rock, der um den Unterleib geschlungen und mit einem Bande befestigt wird; ein Leibchen, mit mehr oder weniger Spitzen garnirt, bedeckt den Oberleib; die »indischen Damen« haben unter dem Leibchen (Kabaya genannt) ein Unterleibchen (Kutang), welches die Rolle eines Mieders vertritt und weiter nichts. Ein indiscreter Wind wird nicht gefährlich, weil der bunte Rock, Sarong genannt, eng anschliessend ist, und es darum nicht viel Geschicklichkeit erfordert, den Sarong nach dem Winde zu drehen. Ist der Sarong aber von schlechter Qualität und die Sonne fällt auf ihn, dann sieht man nicht nur die äusseren Conturen des Körpers, sondern die schwach durchfallenden Sonnenstrahlen geben oft ein sichtbares, wenn auch schwaches Bild der schlecht verdeckten Theile. Nicht nur aus Schicklichkeitsgründen, sondern auch aus hygienischen ist es darum zu empfehlen, dass die Damen Unterhosen tragen; man transpirirt stark in Indien, der Landwind ist oft kühl, er spielt oft unter dem Sarong, dass es Mühe kostet, ihm (dem Winde) den Eintritt zu wehren; Darmkrankheiten in Folge Erkältungen sind dann unvermeidlich. Eine sehr zweckmässige Haustoilette sind Sarong und Kabaya, wenn darunter Unterhose und Flanellhemdchem (mit oder ohne Aermel) getragen werden, sie ist eine sehr praktische Nachttoilette für die Damen; auf die Strasse oder in den Empfangssalon gehört sie jedoch nicht. Ich weiss, dass diese meine Worte keinen Einfluss haben werden, denn die »indischen« Damen sind noch conservativer als die holländischen. Die indische Toilette entspricht zwar einem Bedürfniss. Wir würden in Europa im Hochsommer auch eine leichtere Kleidung für wünschenswerth finden; wir tragen aber der Schamhaftigkeit Rechnung und gewöhnen uns daran. Eine Unterhose und eventuell ein Flanellhemdchen unter der Kutang zu tragen, ist ja nicht so schwer, und es wäre damit dreierlei Vortheil erreicht: der Genuss einer leichten Toilette wäre verbunden mit der Schamhaftigkeit und dem hygienischen Vortheil eines Präservativs gegen Erkältung. — Dies ist auch die Toilette der eingeborenen Frauen, mit dem Unterschiede jedoch, dass die Kabaya sehr oft aus hell gefärbten Stoffen und nicht aus Leinwand mit Spitzen besteht; die Sonnenschirme und Kabaya sind schreiend roth, grün oder blau in allen möglichen Nuancen. Oft bestehen diese Kabayen aus Seide oder ähnlich glänzenden Stoffen, so dass das Auge von diesen grellen Farben — man sollte meinen — beleidigt, nein, im Gegentheil befriedigt wird. Gerade im Lande des ewigen Sommers mit dem hellen und scharfen Sonnenlicht gefiel mir dieses farbenreiche Kaleidoskop besser als in Europa, vielleicht, weil dieser »bäuerische« Geschmack dem ganzen Wesen der Malayen entspricht.


Von den Frauen der Dajaker werden ebenfalls bunte Kabayen getragen, und zwar bei ihren zahlreichen Festen; in ihrer Häuslichkeit ist der »saloi«, der kurze Sarong, ihr einziges Kleidungsstück, der von der Mitte des Unterleibes bis zum Knie reicht; bei einem Feste, welches mir zu Ehren gegeben wurde, erschienen sie jedoch in ihrem Galatenu, d. h. im sarong und badju (Leibchen ohne Aermel). Es wurde ein Ladang angelegt, d. h. ein trockenes Reisfeld. Wochen vorher wurde hinter dem Kampong ein niedriger Hügel durch Fällen der Bäume und Verbrennen der Reste von allen Pflanzen befreit. Zu der Aussaat des Reises wurde ich eingeladen. Eine Reihe von Männern bohrte mit einem zugespitzten Bambusstock Löcher in den Boden, und hinter ihnen stand eine Reihe von Mädchen und Frauen, welche einen Selindang nach malayischer Sitte trugen, ein Umschlagtuch, welches von der rechten Schulter zur linken Seite gezogen und befestigt wird, und darin war ein Körbchen mit dem Reis für die Aussaat. Endlich siegte die Natur über die Etiquette; die Mädchen und Frauen warfen Selindang und badju weg und rückten den Sarong in die Mitte des Bauches. Der Bildungsgrad dieser Frauen kann natürlich nicht mit europäischem Maassstab gemessen werden; sie spielen die Flöte, sie singen ihre Helden- und lyrischen Lieder und tanzen in anmuthigen Bewegungen ihre Chorreigen; im Uebrigen — lieben sie. Manche von ihnen hat auch in der Geschichte eine Rolle gespielt, wie z. B. Induambang, welche im grossen Aufstande gegen die Holländer im December 1859 die Dajaksche Helena war. Vor der Ehe führen sie ein so liederliches Leben, dass kaum jemals eine virgo intacta das Ehebett bestiegen hat. Kinder zu bekommen ist für solche Mädchen keine Schande; ehrlos ist sie jedoch, wenn der Vater nicht bekannt ist oder der Geliebte die Vaterschaft verleugnet.

Höher stehen natürlich die malayischen Mädchen und Frauen; von ihnen sind allerdings gewiss noch 95% Analphabeten, weil nur die Töchter der Häuptlinge die Schule besuchen, und zwar entweder die malayische oder die holländische Schule; läuft das malayische Mädchen von Borneo von 2–3 Jahren nackt auf der Strasse, mit einem silbernen Feigenblatt vor den Schamtheilen, welches mit einer Schnur um die Hüften gebunden wird, und Ringen an Händen und Füssen, so geht sie doch mit 7–8 Jahren schon mit einem Sarong und bunter Kapaya gekleidet, wenn sie die Schule besucht oder am Neujahrstag ihre Gratulationsvisite abstattet; sonst ist ihre Toilette der Sarong, welcher unter den Achseln befestigt wird; ihre Reife bekundet sie durch die Beschneidung, welche den meisten Europäern unbekannt ist, weil sie von einer Dukun (Hebamme) ohne Festlichkeiten ausgeführt wird. (Bei den Knaben hat die Beschneidung, wie wir sehen werden, immer einen mehr oder weniger öffentlichen Charakter.) Nach der Beschneidung tritt sie in alle Rechte einer heirathsfähigen Frau. Besonders die Häuptlinge auf den Inseln heirathen gerne eine junge Frau, um sicher ihres Kaufes zu sein, d. h. dass physisch und geistig der zarte Thau der Virginität erhalten sei; sie bezahlen auf Borneo 50–150 fl. Brautschatz; nur zu oft entläuft die junge Braut ihrem ältlichen Bräutigam, weil seine leidenschaftlichen Umarmungen schmerzhaft sind. Sie wird von ihren Eltern wieder in die Wohnung des Mannes gebracht, bis endlich dieser sein Ziel erreicht. Solche junge Frauen von 13–14 Jahren gehören bei den malayischen Häuptlingen Borneos zur Regel; sie sind dann auch zärtliche Frauen und finden sich recht gut in diese Rolle. Das ganze Aeussere ist bis auf die plattgedrückte Nase ein angenehmes, wenn sie kein Sirih kaut, die Zähne nicht schwarz färbt und nicht abfeilt. Das letzte ist natürlich Regel, weil es Volkssitte ist, aber oft unterlassen dieses jene Frauen, welche durch den Umgang mit den Europäern auch eine andere Geschmacksrichtung angenommen haben. So eine junge malayische Frau hat zierlich schöne Füsse, magere Hände mit langen, mit bunten Ringen geschmückten Fingern, welche etwas hyperextendirt, d. h. nach dem Rücken der Hand gebogen sind, eine schöne Büste, glänzend schwarze Haare und Augen, die Lippen sind etwas dick und die Ohrläppchen haben Oeffnungen von der Grösse einer Krone, welche ausgefüllt werden mit einem Cylinder, verziert mit zahlreichen Diamanten.[10] Das lange Haar wird auf dem Hinterkopf in einen grossen Knoten gebunden und trägt reiche Haarnadeln; der Sarong wird mit einem silbernen oder goldenen Gürtel über den Hüften, und die Kabaya mit 2–3 Nadeln, welche mit zierlichen Ketten verbunden sind, geschlossen. Auf den Armen tragen sie Armbänder.


Alle unsere drei Haushälterinnen waren Malayische Frauen, welche ihre Scepter im Hauptgebäude des Forts schwangen; nicht nur von den übrigen Soldatenfrauen, sondern auch von den Frauen und Männern des Kampongs wurde ihre Stellung sehr hoch geschätzt; die Eine fühlte sich als die Haushälterin des »Militär-Commandanten« als die höchste Person des Forts; die zweite fühlte sich in noch höherer Position, weil ihr »Mann« in der Caserne die höchste Autorität sei, und die dritte wollte von der gewichtigen Stellung ihrer zwei Colleginnen nichts wissen, weil sie die Tochter eines Hadji’s war und weil »ihr Mann« ein Doctor sei, von dem alle beide in allen täglichen Fragen des Lebens ganz und gar abhängig seien, und weil er den grössten Gehalt beziehe. Solche Debatten nahmen oft eine gefährliche Heftigkeit an; ich kam einst zu einer solchen thätlichen Scene; die Eine behielt ein Bündel Haare ihrer Nachbarin in Händen, während die dritte die Spuren eines Bisses im Oberarm für Wochen lang davon trug.


Während meines Aufenthaltes in Teweh, also vom April 1877 bis 1. Januar 1880, habe ich keine europäische Dame gesehen und gesprochen, und in Buntok, d. i. bis Oktober des Jahres 1880, habe ich im Ganzen nur mit drei europäischen Damen verkehren können. Die erste war eine »indische Dame«, und zwar die Frau des Controleurs, welcher in Buntok seinen Standplatz hatte und einige Wochen nach unserer Uebersiedelung von Teweh (1. Januar 1880) seine Frau zu sich kommen liess, weil er hoffte, durch die gleichzeitige Anwesenheit von Officieren seiner Frau wenigstens einige Gesellschaft und »Ansprache« bieten zu können. Die zwei andern Damen waren die Frauen von zwei Missionären, welche im Osten von dem Barituflusse, und zwar in Telang und Tamejang Layang, auf Kosten der Barmer Missionsgesellschaft der Bekehrung und Civilisirung der Dajaker sich gewidmet hatten. Späterhin habe ich nie mehr Gelegenheit gehabt, mit Missionären zu verkehren, und ich kann mir daher über die Arbeit dieser Männer im Allgemeinen aus Autopsie kein Urtheil erlauben. Von diesen zwei Männern jedoch bekam ich einen so ungleichen Eindruck, dass ich noch weniger das Thun und Lassen der Missionäre in Holländisch-Indien im Allgemeinen beurtheilen kann. Folgender Anlass gab mir Gelegenheit, diese zwei protestantischen Familien im Innern Borneos aufzusuchen: Im Osten der Insel lebte der Sohn Suto-Ono’s, jenes Dajakers, welcher im Kriege der Jahre 1859–1863 ehrlich und treu der Holländischen Regierung zur Seite stand. Es war ein fürchterlicher Aufstand; die Kohlenminen von Pengaron wurden geplündert, der europäische Ingenieur ermordet; das Kriegsschiff »Onrust« mit Mann und Maus ausgemordet (auf seinem Kessel stand ich noch im Jahre 1878); der kleine Kreuzer No. 42 fiel ebenfalls in die Hände der Dajaker; Puhi Petak und die Schanze von van Thuyll wurden erobert u. s. w. Die malayische Bevölkerung, welche den Aufstand begonnen hatte, ermüdete bald im Kampfe mit den Holländern; Antasari war gestorben, Hidajat nach Java verbannt und Demang Lehmann zum Tode verurtheilt; doch die Dajaker setzten den Kampf fort, bis endlich die Uebermacht der europäischen Strategie und Waffen im Jahre 1864 dem Krieg ein Ende machte und das Sultanat von Bandjermasing beseitigte.[11]

Der Sohn des treuen Häuptlings Suto-Ono folgte in seiner Würde, und in dieser Eigenschaft schrieb er mir im Jahre 1880 einen Brief, und zwar in malayischer Sprache. Er theilte mir mit, dass in seinem Bezirke eine Dysenterie-Epidemie ausgebrochen sei, d. h. er gebrauchte diesen Ausdruck nicht; aber mit wenigen und doch so glücklich gewählten Ausdrücken beschrieb er die Symptome der unglücklichen Patienten, dass mir sofort das Bild der septischen Dysenterie deutlich wurde, und dass ich diese präcise und deutliche Schreibweise dieses Dajakers bewundern musste. Buntok lag in der Nähe der inficirten Gegend; ich fürchtete, dass die Epidemie unser Fort erreichen könnte, wenn sie in ihrem Fortschreiten nicht aufgehalten würde. Ich ging also mit diesem Brief zu dem Controleur, der ungefähr den Wirkungskreis eines Kreishauptmanns hat. Diesem routinirten Beamten kam der Brief sehr ungelegen, weil er in seinen stereotypen Bulletins: »Gesundheitszustand günstig, politische Verhältnisse günstig« Veränderung bringen sollte. »Wozu lassen Sie mich diesen Brief lesen?« frug er mich. »Vielleicht kann man diesen armen Dajakern Hülfe in ihren schweren Leiden bringen; vielleicht können die hygienischen Verhältnisse verbessert werden, so dass die Epidemie bald ein Ende nehme; nebstdem fürchte ich, dass sie das Fort erreiche, wo in einem relativ engen Raume 150 Menschen beisammen wohnen, und dass es dann zu spät sei, ›den Brunnen zuzudecken, wenn das Kalb schon ertrunken ist‹.« (Holl. Sprichwort.)

»Kennen Sie die Sitten und Gebräuche der Dajaker, dass Sie auch nur den geringsten Nutzen von einer hygienischen Maassregel erwarten?«

»Ja, gerade darum will ich dahin gehen, um nicht nur zu sorgen, dass diese unglücklichen Patienten von ihren so fürchterlichen Schmerzen befreit werden und heilen, sondern auch, dass die Fäcalien ...«

»Ah, jetzt verstehe ich Sie, Doctor! ...« und dabei machte er mit seinen Fingern die Bewegungen des Geldzählens.

Darauf konnte ich nichts anderes erwidern, als dass es mir sehr gleichgiltig sei, wie er über mich denke, dass ich ihn jedoch warne, mir noch einmal solche Insinuationen in’s Gesicht zu sagen, weil ich dann auch meine Finger bewegen würde, und zwar nicht in der Luft, sondern auf seiner Wange.

Zu dieser unparlamentarischen Antwort liess ich mich hinreissen, weil er mit seiner Fingerbewegung andeuten wollte, dass meine Theilnahme für die »unglücklichen« Dajaker nichts anderes als reine Geldspeculation sei.

Ich ging darnach zum Militär-Commandanten, erzählte ihm den Vorfall und bat ihn um einen Privat-Urlaub für einige Tage, um wenigstens etwas gegen diese Epidemie thun zu können. Da er nur für vier Tage die Befugniss hatte, nebstdem in meiner Abwesenheit den ärztlichen Beruf im Fort auf sich nehmen musste, so wollte er noch einmal mit dem Controleur darüber sprechen. Obwohl mit dieser kleinen Expedition grosse Unkosten verbunden waren, bat ich doch den Lieutenant T., von diesem Plan abzustehen, weil ich mit einem solchen Manne überhaupt nicht verkehren wollte, und weil ich fürchten musste, dass ein solcher Mann noch Aergeres im Stande zu thun sei, wenn es gälte, ihn aus seinem Dolce far niente herauszureissen. Ich bekam also meinen Urlaub für vier Tage, miethete einen Kahn mit sechs Ruderern, nahm für vier Tage Lebensmittel mit, und mein Bedienter, welcher einige dajaksche Worte sprach, war mein Dolmetsch, Küchenmeister, Gesellschafter u. s. w.

Der Kahn war so lang, dass ich darin liegen, während die dajakschen Ruderer und mein Bedienter bequem mit gekreuzten Füssen (nach ihrer Gewohnheit) sitzen konnten. Die hintere Hälfte des Kahnes hatte eine Decke aus Atap, welche mich vor Regen und Sonnenschein beschützte; Waffen nahm ich nicht mit, nach dem Princip, dass mir Einzelnen eine Waffe, Revolver oder Säbel, gegen eine Uebermacht unmöglich etwas helfen könnte, und dass »Vertrauen wieder Vertrauen gewinne«. Zwischen Buntok und Mengkatip befinden sich zahlreiche Nebenflüsse und Antassans; auf der Karrauw sollte ich das von der Epidemie heimgesuchte Gebiet erreichen. Dieser Fluss ist befahrbar und giebt den Weg nach dem Osten der Insel, in welcher ein langer Gebirgsstock von Nordwesten nach Südosten zieht. Zwischen ihm und dem Baritu sind zahlreiche Danaus mit ihrem düsteren, schwermüthigen Panorama. Telang war das Ziel meiner Reise, welches an einem kleinen Flusse desselben Namens liegt. Dieser ist wieder ein Nebenfluss des Sungei (kleiner Fluss), Siong, welcher zwischen dem S. Pattai und dem Karrauw (1° 37′ S. B.) in den Baritu sich ergiesst. Seine Ufer haben niedriges Gesträuch; seine Mündung ist mit Treibholz angefüllt, und unvergesslich bleibt mir die Reise, die ich damals auf diesem Wasser machen musste; dreimal habe ich die Kähne wechseln müssen, weil sie zu gross waren, und habe zuletzt ein Djukung, die nicht mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, benützt. Es schwamm aber so viel Treibholz, dass die Ruderer nicht einmal den kleinen Kahn vorwärts bringen konnten; sie stiegen aus und sprangen auf den Stämmen umher, wie Onkel Tom auf den Eisschollen. Zuletzt war das Wasser nur noch 1 Meter tief, so dass mir die Dajaker den Platz im Kahne gönnten, ins Wasser stiegen und ihn über das Treibholz zogen. Wir waren in einem Antassan, d. h. in einem Wasserkanal, den der Strom in den weichen Alluvialboden gräbt oder vielmehr bohrt. Sein Ende war bald erreicht, und vor mir lag eine schöne, schneeweisse Strasse aus Kalkstein, welche zum Hause des Missionärs F. führte. Hier verblieb ich sechs Tage (inclusive der Tage der Ankunft und Abreise, welche der Militär-Commandant im Interesse der guten Sache nicht rechnete), und wenn auch mein Gastherr klagte, dass nach zehnjähriger Arbeit nur acht Familien den protestantischen Glauben angenommen haben, so machte dennoch seine Arbeit auf mich den günstigsten Eindruck. Die Dajaker lernten Lesen und Schreiben; zur Sonntags-Uebung versammelten sich über 30 Personen in der Kirche und sangen christliche Lieder in dajakscher Sprache, und zu den täglichen Andachtsübungen, im Hause des Missionärs selbst, sangen die dajakschen Bedienten deutsche Lieder. Leider habe ich bei einer solchen Gelegenheit der Frau des Missionärs zu einem unangenehmen Missverständniss Anlass gegeben. Es war ein schönes Genrebild; die Frau F. sass am Phisharmonium, und daneben ihre zwei Kinder mit wahren Engelsköpfen. Hinter ihnen stand ein junges, schönes dajakisches Mädchen. Es herrschte eine gewisse heilige Weihe in diesem Raume, und dieser Zauber erfasste mich mit voller Macht. Als wieder ein deutsches Lied begann, wollte ich die Aussprache der Dajakerin genauer unterscheiden und näherte mein Ohr dem Kopfe des Mädchens. Herr F., der neben mir sass, sah und verstand auch mein Verlangen; die Frau F. jedoch verkannte meine Absichten, und mit lauter drohender Stimme drang das Lied durch das Haus: »Nur Gott ist meine Liebe«, und stärker und stärker fielen die Hände auf die Tasten, bis ich den Wink verstand und den Kopf zurückzog.[12]

Sobald als möglich liess ich mich von dem Districtshäuptling herumführen und fand ein grosses Feld für meine Thätigkeit. Nicht allein, dass ich zahlreiche Patienten behandeln konnte (der Herr F. war Homöopath), sondern auch die Hygiene trat in ihre Rechte. Der Dajaker[13] lässt nämlich die Leiche drei Tage im Hause liegen, bis er sie in den Sarg giebt, welcher aus einem schweren Baum besteht; dieser Sarg bleibt entweder im Hause oder wird auf das Feld gebracht, wo er auf ein Gestell gelegt wird, mit einem Sonnenschirm über seinem Kopfe; in beiden Fällen ist der Sarg mit einem Deckel aus demselben Holze geschlossen und hat in der Mitte des Bodens eine Oeffnung mit einer kleinen Röhre; durch diese läuft ununterbrochen das Wasser ab, oder besser gesagt, die Flüssigkeit, welche beim Faulen der Leiche sich abscheidet. Man corrigirt, wenn die Leiche im Hause bleibt, den damit verbundenen Gestank dadurch, dass in den Topf, welcher die Fäulnissflüssigkeit auffängt, Harz, Oel und Kalk gegeben werden. Ob nun die Leiche auf dem Felde oder im Kampong bleibt, dauert es noch lange, bis das »Todtenfest« den Schlussstein des Begräbnisses besorgt. Man wartet, bis die Leiche ganz ausgetrocknet ist, oder man wartet, bis man das Geld hat, welches das Todtenfest kostet; also es verstreichen oft 1–2 Jahre, bis die Leiche verbrannt oder beigesetzt wird.

Bei meiner Ankunft hatten die meisten Verstorbenen nicht einmal einen Topf unter sich, um die Flüssigkeit der Fäulniss aufzufangen; nun dass dies Zustände sind, welche geradezu das Aufhören einer Epidemie unmöglich machen, bedarf keiner weiteren Erörterung. Natürlich gelang es mir nicht, die sofortige Bestattung der Leichen zu veranlassen, aber sie willigten ein, die Excremente u. s. w. mit Kalk, Schwefel und Asche zu begraben, und die Cadaver nicht im Hause, sondern auf dem Felde den Fäulnissprocess abwarten zu lassen.

Den folgenden Tag zog ich weiter in das Gebiet des Häuptlings und kam nach Tameang Layang, wohin mich der Herr F. begleitete. Auch hier wohnte ein Missionär von der Barmer Missionsgesellschaft mit Frau und Kind. Man kann sich keinen grelleren Contrast vorstellen als diese zwei Männer, welche im Innern von Borneo die Civilisation und das Christenthum verbreiten wollen. Der Eine, ein philosophisch geschulter, geistreicher Mann, welcher den Segen des Christenthums, aber auch den der europäischen Civilisation erkannt hat und für beide das dajaksche Volk gewinnen will; der Andere, dessen Ideenkreis sicher nicht den des dajakschen Districtshäuptlings übertraf, beklagte nur, dass die Dajaker solche verstockte Heiden seien und durchaus das Christenthum nicht annehmen wollten, während der Herr F. mit Genugthuung im erfolgreichen Unterrichte in der Schule schon ein schönes Ziel sah, das er erreicht hat. Jener war früher Schmied; aber noch in Borneo hämmert er nur Einen Amboss, und zwar, dass die Sünde die Ursache aller Uebel sei, und zwar die Sünde im banalsten Sinne des Wortes; sein College konnte mir gegenüber nach solcher banalen Debatte nur kopfschüttelnd beifügen: »Ja, ja, mein College hat viel Amtseifer.« Auch pries er mit überschwänglichen Worten die Verdienste und Talente des Controleurs seines Bezirkes, weil er den Markttag der Dajaker, der früher jeden Sonntag gehalten wurde, auf den Montag verlegt hatte. Umgekehrt war seine Frau eine einfache, geduldige, tolerante Frau, während die Frau des Philosophen etwas fanatisch angelegt war. Ich muss es jedoch wiederholen, dass die sechs Tage, welche ich bei den Missionären verlebt habe, zu den schönsten meines Aufenthaltes auf Borneo gehören.

Einen schönen Schlag der Dajaker sah ich in diesen beiden Orten; an und für sich ist der Dajaker nicht so dunkel als der Malaye an der Küste, und doch fiel mir ihre blanke Hautfarbe auf, so dass ich den Districtshäuptling um Aufklärung ersuchte. Lächelnd zeigte er nur in der Ferne — die Ruinen eines Forts, welches vor zwanzig Jahren dort gestanden hatte. Diese Rasseverbesserung durch europäische Soldaten wird wohl dort ein Unicum gewesen sein, denn in Muarah Teweh hätte zwanzig Jahre später gewiss kein europäischer Soldat es gewagt, mit einer dajakschen Frau ein Liebesverhältniss anzuknüpfen. Eines Tages bekam ich Nachricht, dass im Kampong des Häuptlings Djatra die Blattern ausgebrochen seien. Bevor ich in Bandjermasing das Ansuchen um Vaccinestoff und um einen malayischen Vaccinateur machen wollte, musste ich wissen, ob die Berichte des Häuptlings richtig seien und wie viel Blatternkranke schon vorkämen. Ich machte mich also mit dem Districtshäuptling auf den Weg und kam per Kahn vor den Kampong, bei welchem alle Einwohner zu einem Feste vereinigt waren und, da es schon Nachmittag 5 Uhr war, dem Tuak (schwach alkoholisches Getränk) gut zugesprochen hatten. Kaum hatte ich den Fuss auf das Ufer gesetzt, als zwei junge hübsche Mädchen, nur mit dem Saloi gekleidet, auf mich zukamen. Hinter ihnen aber schwankte ein Dajaker, mit seinem Mandau bewaffnet, den Mädchen halb betrunken nach, streckte die Hand zum Grusse aus und rief wiederholt: Ich kenne Dich (saja kanal samah kowe). Die liebeslüsternen Augen der beiden jungen dajakschen Schönen waren mir zu gefährlich, und ich zog mich in den Kahn zurück und begnügte mich, die Ziffern der Blatternkranken, welche Dakop mitgetheilt hatte, nach Bandjermasing einzusenden. — Auch habe ich zum ersten Male in Telang diese Andeutung gehört, dass die europäischen Soldaten sich mit den dajakschen Frauen abgegeben hätten.


Den sechsten Tag verliess ich also die beiden Missionäre mit dem Bewusstsein, was unter den herrschenden Umständen in so kurzer Zeit zu thun möglich war, auch gethan zu haben; d. h. ich gab den Missionären Winke zur Behandlung der Unglücklichen und zur Verbesserung der hygienischen Zustände. Unterwegs wurde mir ein Sägehai angeboten (Pristis antiquorum), welcher sich bis in die Nähe von Teweh verirrt hatte und dort eingefangen wurde, und zu Hause angekommen, berichtete ich meinem Chef nach Bandjermasing alle Maassregeln, die ich getroffen hatte. Da ich übrigens den Häuptling ersucht hatte, mich durch wöchentlichen Rapport von der Ausbreitung der Epidemie auf dem Laufenden zu erhalten, so erhielt ich ein gutes Bild von ihrem Verlaufe, der mich leider sehr beunruhigte; denn mit jeder Woche bekam ich Rapport aus Kampongs, welche näher dem Fort lagen, und nach zwei Monaten beschloss ich, wieder eine Inspectionsreise zu unternehmen. Ich ersuchte den Militär-Commandanten um einen eintägigen Urlaub, weil ich nur die Kampongs auf dem Ufer des Baritu besuchen wollte, von welchen ich aus dem erhaltenen Rapport den Krankenstand kannte. Den Abend vor meiner Abreise ging ich zu dem Controleur, um ihn davon zu verständigen. Er billigte zu meiner Ueberraschung meinen Plan, rieth mir aber, erst um 8 Uhr aufzubrechen, weil er um 6 Uhr denselben Weg nehmen müsse, um dem Residenten (Statthalter) bis zur Grenze seines Bezirks entgegen zu fahren. Arglos willigte ich natürlich ein, und als ich am folgenden Tage bei allen Kampongs, wo ich anlegte, hörte, dass zwei Stunden vorher der Controleur gewesen sei und dass gar keine Dysenterie-Patienten sich unter ihnen befänden, dass diejenigen, von welchen sie in ihren Rapporten gesprochen hatten, schon gesund oder gestorben seien, und als sich dieses bei jedem Kampong wiederholte, und als ich nebstdem bei den meisten Kampongs oft Minuten lang warten musste, bis sich ein Häuptling oder überhaupt jemand am Anlegeplatz zeigte, da — fielen mir die Schuppen von den Augen. Ich kehrte um, weil ich doch keinen Nutzen von meiner Reise erwartete, und weil denselben Abend der Resident ankommen sollte. Bei dem officiellen Empfange erzählte mir der Schiffskapitän des Dampfers folgenden Dialog zwischen dem Residenten und dem Controleur, welcher in seiner Gegenwart an Deck des Schiffes geführt wurde. Bei Mengkatip wäre der Controleur auf das Schiff gekommen und hätte ein Resumé von den Verhältnissen des Bezirkes gebracht. Zuletzt frug der Resident: »Wie steht es mit der Gesundheit am obern Lauf des Dussons?«

»Gut! Resident! Der Menschenmörder behauptet zwar, dass wir eine Dysenterie-Epidemie hätten, und er ist auch hier in der Nähe »auf Inspection«; aber nach meiner 19jährigen Erfahrung in den Tropen geschieht es immer in den Kenteringen, dass mehr Menschen sterben als sonst.«

»Wer ist das, der Menschenmörder?«

»Der Doctor!«

»So, der Doctor sagt, dass hier eine Dysenterie-Epidemie ist, und Sie sagen: dies hätte keine Bedeutung!! Vorläufig genug darüber!«

Nach dem officiellen Empfang, welcher auf dem Schiffe selbst stattfand, ging der Resident auf’s Land und besuchte zuerst den Militär-Commandanten und dann mich. Nachdem ich alles erzählt hatte, fand er nicht nur Anerkennung für meine Bemühung, sondern forderte mich auch auf zu »declariren«, d. h. für die zwei Reisen, welche ich im Interesse der armen Patienten gemacht hatte, nach dem üblichen Modus die Rechnung einzureichen; in meinem Range konnte ich 6 fl. per Tag Diät und sieben Ruderknechte für 1 fl. per Tag und Kopf in Rechnung bringen, so dass ich keinen Schaden erlitten hatte.

Bald darauf verminderte sich die Zahl der Kampongs, welche Dysenterie-Kranke bekamen, und die Zahl der Todesfälle, und zuletzt war die Epidemie ganz und gar erloschen.

Dieses war die erste, und beinahe möchte ich sagen, die einzige Dysenterie-Epidemie, welche ich in Indien gesehen habe; im Jahre 1895 habe ich in Magelang (Java) auch zahlreiche Dysenterie-Kranke gesehen; aber wie wir im Capitel »Java« sehen werden, kann in diesem Falle von einer Epidemie stricte dictu nicht gesprochen werden. Ja noch mehr, es ist noch die Frage, ob gegenwärtig in Java überhaupt noch Dysenteriefälle vorkommen. Von Laien wird die Diagnose »Dysenterie« sehr häufig gestellt, d. h. immer, sobald Blut im Stuhl sich zeigt; aber diese Diagnose erfordert noch ein wenig mehr. Der Arzt wird aber in gewöhnlichen Verhältnissen auf »Java« kaum alle Jahre einen Dysenteriefall zu Gesicht bekommen; mit Recht wurde sogar vor dem Jahre 1894 bezweifelt, ob überhaupt die Dysenteria tropica auf Java noch vorkomme; denn in der ganzen Armee wurden von 1891–94 12, 10, 9, 14, also durchschnittlich 11 Dysenterie-Kranke behandelt. Dieser Zweifel ist gerechtfertigt gegenüber jenem Theil der Bevölkerung, mit welchem der europäische Arzt in Berührung kommt; denn dieser Theil, mag es ein Europäer oder ein Eingeborener sein, trinkt kein Sawahwasser, ohne es zu filtriren, oder gebraucht nur artesisches Wasser (in den grossen Städten). Ob jedoch in jenen abgelegenen Kampongs, deren Bewohner niemals einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen, noch gegenwärtig die Dysenterie vorkomme, weiss ich nicht; in der Armee, welche allein eine Statistik von nennenswerther Bedeutung herausgiebt, waren bis zum Jahr 1894 die Dysenteriefälle immer nur vereinzelt. In diesem Jahre brachte der Krieg auf Lombok mit seinen elenden und traurigen Erlebnissen eine grosse Zahl von Dysenteriefällen, welche nach Java evacuirt wurden; meistens kamen sie nach Magelang, wo auch noch später einzelne Fälle vorkamen, jedoch keine Epidemie sich einstellte. Diese einzelnen Fälle recrutirten sich auch aus Soldaten, welche nicht auf Lombok gewesen waren, wenigstens die letzten Wochen oder Monate vor ihrer Erkrankung, so dass, was übrigens nicht mehr eines Beweises bedarf, der infectiöse Charakter dieser Krankheit constatirt werden konnte.

5. Capitel.

Fort Buntok — Orang-Utang — Operationen — Prostitué bei den Affen — Darwinisten — Indische Häuser — Möbelfabrikanten — Französische Mode — Gefährliche Obstbäume — Einrichtung der Häuser — Dajakische Häuser — Götzenbilder — Tuwak oder Palmwein — Wittwenstand der Dajaker — Opfern der Sclaven — Todtenfest.

Als mein Vorgänger im April 1877 Teweh verliess, nach Batavia ging und von dort aus mir einen Brief schrieb, meldete er mir unter anderem, dass ich nicht lange in dieser abgelegenen Garnison bleiben würde, weil, wie ihm der Armee-Commandant mitgetheilt habe, die Aufhebung Tewehs eine beschlossene Sache sei. Es dauerte aber drei Jahre, bis (am 1. Januar 1880) das Fort eingezogen und nach Buntok verlegt wurde. Es war für alle drei Officiere eine mit strenger Arbeit verbundene Zeit, weil jeder einzelne in seinem Fach dafür sorgen musste, dass alles so gut als möglich eingepackt zur Uebersiedlung an diesem Tage bereit gehalten werde. Am 31. December kam ein Kriegsschiff uns holen; die Soldaten und Sträflinge brachten alles an Bord, und den folgenden Morgen sollten die letzten Geräthe mit der Mannschaft eingeschifft werden. Es regnete fürchterlich; in Strömen fiel der Regen zur Erde; gegen 11 Uhr war alles eingeschifft, und schon ertönte das Signal »Vorwärts«, als die drei Mächte, der Militär-Commandant, der Assistentresident und der Schiffscapitän, zu einer Besprechung am Hinterdeck des Schiffes sich zurückzogen. Der Commandoruf: »Stop« erscholl, und wir, »dii minores gentium«, suchten vergebens eine Erklärung für diesen Vorgang. Die Boote wurden wieder herabgelassen, und die ganze Besatzung mit den Sträflingen ging wieder ans Land — um die Palissaden niederzureissen. Erst im letzten Augenblick hatte der Assistentresident es für bedenklich erklärt, ein Fort zurückzulassen, welches dem Feinde bequem und leicht der Sammelplatz für seine Truppen werden und verhindern könnte, dass späterhin, wie beabsichtigt war, die Palissaden aus dem Boden gerissen und nach Buntok gebracht würden, um dort wieder in Gebrauch genommen zu werden. Sie bestanden nämlich aus Eisenholz (Sideroxylon), welches trotz der 15 Jahre, welche sie im Gebrauch standen, noch immer ein theures, gut verwendbares Material war. Also unter einem heftigen Tropenregen zogen die Truppen die verbindenden Stangen aus den Balken, rissen sie aus dem Boden, und auf diese Weise blieben sie liegen, ohne eine Palissade zu sein; das Ganze war eine überflüssige Plagerei der Soldaten, weil ein etwaiger Feind in 1–2 Tagen, wenn er hätte wollen, die Palissade wieder in Ordnung bringen konnte. Wenn das Kriegsschiff schon die grossen schweren Baumstämme nicht mitnehmen konnte oder wollte, so war es auch zwecklos, im heftigsten Regenwetter die Soldaten Stunden lang arbeiten zu lassen. Endlich konnten wir unter Dampf gehen und kamen nach Buntok. Es war ein neues Fort in Viereckform mit zwei Bastionen im Westen und Osten; kopfschüttelnd betrachtete ich das neue Fort; vielleicht keine 15 Meter war es vom Ufer entfernt und die westliche Bastion keine 10 Meter!! Buntok liegt beinahe ganz im alluvialen Land; der Fluss Baritu kommt gerade oberhalb des Forts in einer scharfen Strömung gegen das Fort an; mit mathematischer Genauigkeit liess sich berechnen, dass in 5–6 Jahren das Fort einstürzen müsse, weil der Baritu die Palissaden in dieser Zeit erreicht haben müsse; und factisch hat schon zur Zeit meines Aufenthaltes der Kampf mit dem Wasser angefangen; es wurden Strombrecher angelegt, aber ohne Erfolg; ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Unterspülungsprocess dauerte; Buntok musste verlassen werden, und das Fort wurde wieder nach Teweh verlegt.

Fig. 6. Mein zweiter Hausfreund.

Im Fort selbst wohnte der militärische Commandant; für den »Doctor« und den dritten Officier sollten zur Seite des Forts Wohnungen gebaut werden; unterdessen blieb ich im Kampong neben dem Controleur wohnen, und zwar zusammen mit dem Officiersstellvertreter v. E., welcher den Bau des Forts geleitet hatte. Meine kleine Menagerie hatte ich von Teweh mitgebracht; Jacob und Simon, die zwei kleinen jungen Orang-Utangs, konnten sich nur langsam an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Als ich den folgenden Morgen nach dem Fort gehen wollte, welches ungefähr 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt war, begleitete mich Jacob. Auf der Ebene bewegte sich der Orang sehr schwerfällig; die langen Arme gebraucht er zwar beim gewöhnlichen Gange, aber nicht mit der innern Fläche der Hand; er stützt sich auf den Rücken der eingeschlagenen Hand; dadurch kann er nur langsam vorwärts kommen; auch auf den Bäumen sind seine Bewegungen sehr langsam und träge, besonders im Vergleiche mit dem Gibbon, welcher mit Windeseile von Baum zu Baum springt, klettert oder sich schwingt. Um 8 Uhr sollte ich in der Caserne sein, weil um diese Zeit täglich der »Krankenrapport« gehalten wird. Mein Orang wollte sich, wie er es mit dem Bedienten zu thun pflegte, auf meinem Unterschenkel festhalten, um auf diese Weise meine Gesellschaft nicht zu verlieren. Dies war mir jedoch eine lästige Anhänglichkeit stricte dictu und ich erlaubte es auch diesmal nicht. Darauf begann er so ein jämmerliches Geschrei und humpelte mir nach, so dass ich mit ihm Erbarmen hatte. Ich überliess ihn dennoch seinem Schicksale und ging eilenden Fusses in die Caserne, wohin unter denselben klagenden Tönen mein Jacob mir folgte. Der Krankenrapport war beendigt, und ich ging in’s neue Spital, um die erste Anordnung zu treffen, als auch mein vierhändiger Freund erschien, ohne dass ich es bemerkte; er aber fasste mich bei der Hand, um mich zu begrüssen und auf seine Gegenwart aufmerksam zu machen. ([Fig. 6].)

Jacob blieb die ganze Zeit bei mir und folgte mit seinen verständigen Augen all meinem Thun und Lassen; um 11 Uhr verliess ich das Fort und liess den Orang durch meinen Bedienten nach Hause tragen. Hier lebte ich schon in einem grossen Comfort; meine Wohnung bestand aus Holz und hatte Fenster; ich konnte Spiegel und Gemälde aufhängen; ich konnte mit Vorhängen die Fenster verzieren; ich hatte eine Veranda, in welcher ich Gäste empfangen konnte, und ich hatte europäische Nachbarn, den Controleur mit seiner Frau. Noch bequemer hatten es Simon und Jacob; an das Haus grenzte ein kleiner Garten und hinter ihm der Urwald. Zwischen beiden war ein breiter Streifen âlang-âlang (Schilfrohr) und hier hatten sie ein pied à terre sich gebaut; nach dem Frühstück verschwanden sie, kehrten zum Mittagessen zurück; Nachmittags machten sie denselben Spaziergang, um vor Eintritt der Finsterniss zurück zu sein. Natürlich war ich neugierig, wo und wie sie ihre Zeit zubrachten; ich folgte ihnen eines Tages und sah sie im Schilfrohr — »Klima schiessen«.[14] Das Rohr war plattgedrückt, und sie lagen auf dem Rücken und zogen Grimassen, während der eine die Unterlippe schaufelförmig hervorstreckte und Speichel darin ansammelte, gab ihm der andere mit dem Zeigefinger einen kleinen Stoss, so dass der Speichel weithin spritzte. Die Ruhe ihrer Bewegungen, das Phlegma in allem ihrem Thun und Lassen steht im grellen Gegensatze zu dem sanguinischen Temperament und ausgelassenen Treiben der Gibbons. Eines Tages brachte ich meinen Wau-Wau, der ein Weibchen war, zu Jacob, der damals in seinem Käfig lag und sich in seine Decke eingewickelt hatte; Jacob stand auf, näherte sich dem Gibbon und spitzte die Lippen, wobei die Unterlippe die Form einer kleinen Schaufel bekam. Offenbar wollte er den Wau-Wau küssen. Dieser jedoch sprang zurück und verrieth deutlich, dass er von seiner Intimität nichts wissen wollte; dreimal wiederholte mein Orang seine Liebesbewerbungen, und als er zum dritten Male einen Korb geholt hatte, fasste er sein Kopfpolster, schlug es wüthend auf den Boden und zog sich schmollend in die Ecke seines Käfigs zurück. Wiederholt habe ich diese Scene aufführen lassen, und es wäre mir unmöglich gewesen, seinen Bewegungen eine andere Deutung zu geben, als die einer Liebeswerbung. Das Einwickeln in seine Decke ist für den Orang geradezu ein Bedürfniss, obwohl ich es nicht erklären kann, denn wenigstens in Teweh hatten wir keine Mosquitos und die Temperatur in der Nacht war zwar etwas niedriger als bei Tage, aber doch nicht empfindlich kalt. Das erste Mal, dass ich den Käfig des Abends nicht schloss, weil er schon an mich gewöhnt war, hatte er in der Nacht das Tischtuch vom Tisch genommen, um davon Gebrauch zu machen; natürlich musste am folgenden Tage das Tischtuch von dem Bedienten aufgehoben werden. In der Nacht wurde ich jedoch plötzlich wach; im ersten Halbschlaf glaubte ich, einen Gorilla vor meinem Bette stehen zu sehen; bald merkte ich jedoch, dass mein Jacob es war, der das Leinentuch unter meinem Körper hervorzuziehen trachtete. Den andern Tag gab ich ihm eine alte Militärdecke, und er war zufrieden. Die Intelligenz dieser Affen ist factisch sehr gross, und es ist kein Zufall, dass ein Dajaker und ein bekannter, seither verstorbener Larynkolog (im Jahre 1885) mich frugen, ob man dem Orang nicht sprechen lernen könnte. Wenn es auch sein grösstes Vergnügen war, auf dem Rücken zu liegen, mit den Füssen in der Höhe und die Lippen zu einer Schaufel zu spitzen und mit dem Speichel zu spielen, so suchte er doch Thätigkeit und fand sie in meinem Conversationslexikon; mit grösster Zufriedenheit betrachtete er die Bilder in diesem Buche, und als er eines Tages die Zeichnung des Elephanten zu Gesicht bekam, warf er das Buch weg; oder er stieg auf den Schreibtisch und zerlegte meine Lampe, er nahm Ballon und Cylinder ab und drehte den Dochtträger heraus. Auch war er sehr bald mein täglicher Gast zu Tisch; ich gebrauchte jedoch die Vorsicht, seinen Stuhl etwas von dem Tische entfernt zu halten, so dass er nicht mit seinen langen Armen in eine der Schüsseln greifen konnte; auf einem kleinen Teller bekam er seinen Reis mit Fleisch und Huhn u. s. w.: er ass Alles, was auf den Tisch kam, und wenn er genug hatte, gab er den Teller auf den Stuhl, ohne ihn jemals fallen zu lassen, und entfernte sich.

Man kann ihn eine Caricatur von einem Menschen nennen; auf dem Stuhl sass er nämlich mit gekreuzten Füssen wie die Eingeborenen und fasste mit denselben den Teller; sein grosser Bauch erinnerte mich immer an den »Reisbauch« der indischen Kinder, wenigstens er hat dieselbe Form und dieselbe Grösse; sein Gesicht ist haarlos, und der übrige Körper ist mit Ausnahme der innern Flächen der Hände und Füsse mit rothbraunen Haaren bedeckt; er hat in der Jugend eine schöne, hohe Stirn, welche im Alter zurücktritt und zwar mit einer scharfen Kante von rechts nach links; dazu entwickeln sich im hohen Alter grosse Drüsen zu beiden Seiten des Gesichts (die Ohrspeicheldrüsen?), so dass er den menschlichen Typus verliert und ein geisterähnliches Ansehen erhält. Dieses erklärt auch, dass die Dajaker von zwei Sorten Orang-Utangs sprechen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass zwei so verschiedene Wesen denselben Ursprung haben könnten. (Nun, der vom hohen Alter gebückte Greis ist auch dem jungen Knaben sehr wenig ähnlich.) Nach Friedmann heissen die alten Orang-Utangs Pappan und die ohne die erwähnten Drüsen Rambi; ich habe jedoch nur alte Orang-Utangs mit diesen grossen Drüsen gesehen, während Friedmann erzählt, dass es auch junge Pappan gäbe. Ich habe ungefähr 25 Orang-Utangs bekommen, gewöhnlich um den Preis von 5–7.50 fl. per Stück, von diesen waren nur die zwei erwähnten, Simon und Jacob, lebend; die andern waren mit Pfeilen oder Gewehren geschossen; der grösste war 150 cm. lang und hatte einen so versteinerten Schädel, dass ich sein Alter auf 80–100 Jahre schätzte; ich habe noch keinen Menschenschädel gesehen, der ein so hohes Alter gezeigt hätte.

Vieles habe ich bereits über den Orang gelesen, und manches war insofern übertrieben, als ihrem Thun und Lassen manchmal Motive untergeschoben wurden, welche offenbar zu hoch gegriffen waren. Mein Simon liebte es z. B., in der Küche sich bei der Köchin aufzuhalten und ihr von Zeit zu Zeit den Sarong aufzuheben; ich habe niemals etwas anderes darin gesehen, als einen unschuldigen Zeitvertreib, während die Köchin ihn dafür einen »Nâckal« nannte, d. h. ausgelassener Junge, weil sie in dieser Bewegung seiner Hände etwas anderes suchte.

Ich kann nicht umhin, eine Erzählung von Spencer St. John mitzutheilen, obwohl sie wenig Vertrauen verdient, weil er offenbar zu viel den Mittheilungen der Eingeborenen vertraute; er spricht ja von einem 5′ 2″!! grossen Orang. Er theilt also folgende Erzählung eines Dajakers mit: »Ein junger Dajaker wanderte an einem heissen Tage durch das Dickicht; er kam zu einem kleinen Bache, dessen klares Wasser ihn zum Baden einlud. Schnell entkleidete(?) er sich, legte seine Waffen, Schwert und Blasrohr, auf die Seite und sprang hinein. Als er sich erfrischt hatte und wieder aus Ufer stieg, bemerkte er, dass ein mächtiges Orang-Utang-Weibchen vor seinen Kleidern(?) Wache hielt und auf ihn zukam. Sprachlos vor Erstaunen stand er da; dasselbe steigerte sich noch mehr, als das Thier ihn beim Arme ergriff und ihn zwang, mit auf einen laubreichen Baum zu klettern. Dort musste er sich zu ihm setzen und bekam Früchte zu essen, doch bewachte es ihn eifersüchtig und litt nicht, dass er hinabstieg. Dies dauerte einige Zeit, bis die Wächterin sorgloser wurde. Der Mann benützte den günstigen Augenblick und entschlüpfte nach dem Platze, wo er seine Waffen gelassen hatte. Als der Orang ihm dahin folgte, erschoss er ihn aus dem Blasrohr mit einem vergifteten Pfeile.

Wer die Behendigkeit und die Schnelligkeit kennt, mit welcher sich ein Dajaker bewegt, und nur einmal die Unbeholfenheit des Orang gesehen hat, oder vielmehr, wie langsam dieser auf dem Boden geht und wie ruhig, gelassen, ich möchte fast sagen schwerfällig von Ast zu Ast auf den Baum klettert, den erfasst sofort die Unwahrscheinlichkeit dieser Erzählung.

Wir hatten z. B. in Teweh vor dem Fort eine Hütte stehen, wo wir nach unserm Spaziergange um 6 Uhr uns niederliessen und gewöhnlich ein Glas Limonade tranken; Jacob wartete auf den Augenblick, dass wir genug entfernt waren und, ich weiss nicht, ob es Zufall war oder Absicht, er stieg jedesmal hinauf, um das Glas des militärischen Commandanten zu nehmen und auszutrinken; sobald ich das sah, eilte ich natürlich zurück, und der Orang ergriff die Flucht; ich möchte sagen, dass jeder Mann, ohne gerade zu laufen, jeden Orang-Utang einholen kann und muss; Jakob wurde auch immer eingeholt und für seine Genäschigkeit bestraft, wobei er ein so jämmerliches Geschrei erhob, dass ich Mitleid mit ihm haben musste; wenn jedoch mein Gibbon bei irgend einem muthwilligen Streiche ertappt wurde, da war er auch, wie ein Wirbelwind, schon entflohen, und beinahe niemals gelang es, ihn einzuholen und sofort zu bestrafen.

Eines Tages sass ich bei der Theetafel, als er sich mit erhobenen Armen näherte, hin und wieder sich in der Achselhöhle kratzte und mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt den Kopf nach allen Seiten hin drehte; ich kannte meinen Pappenheimer zu gut, um nicht zu wissen, dass mein Gibbon irgend einen Bubenstreich ausführen wolle, wenn er solche Gleichgiltigkeit zeigte. Kaum hatte ich mich auch zur Seite gewendet, um ein Stück Zucker zum Thee zu nehmen, sprang der kleine Gibbon auf den Tisch, packte den silbernen Theelöffel und eilte hinweg. Es war das Werk eines Augenblickes stricte dictu; sofort sass er auf der Fallklappe, welche vom Dach des Hauses zur Palissade bei Sonnenschein oder Regen gelegt wurde. Mit dem Löffel in der Hand sah er mich mit seinen schelmischen Augen triumphirend an, und weder mein Bitten noch Drohen erreichten ihr Ziel. Endlich liess ich die Klappe schliessen, so dass entweder er oder der Löffel in die Chicane fallen musste. Der Löffel war dort nicht zu sehen, und der Affe sass hoch oben auf dem Dache. Zufällig fanden wir später den Löffel zwischen den Latten der geflochtenen Fallklappe.

Eines Tages sah ich, dass mein Gibbon einen traumatischen Staar am rechten Auge hatte; zu gleicher Zeit hatte ich einen malayischen Patienten, welcher centrale Flecken an einem seiner Augen hatte; durch Entfernung eines Stückes der Regenbogenhaut konnte er wieder den Gebrauch seines Auges bekommen. Ich schrieb also nach Bandjermasing an den Landes-Sanitäts-Chef d. G., welcher ein bekannter Oculist war, und bat ihn, die Augeninstrumente, welche zu diesen zwei Operationen nöthig waren, mir zu borgen. Vor der Operation liess ich den Gibbon von unten bis zum Halse einwickeln, um ihn zur Ruhe zu bringen; es half nichts; ich narcotisirte ihn also und führte die Staaroperation nach den Regeln der Kunst aus. Die Operation war bei ihm schwieriger als bei einem Menschen, weil zum Fixiren des Augapfels mir der Platz fehlte. Der Rand der Orbita ist nämlich beim Wau-Wau gerade so gross als die Cornea; den Augapfel durch die Cornea fixiren zu lassen, hielt ich für gefährlich; ich musste also mit der Pincette in die Orbita eindringen, um dort die Conjunctiva sclerae zu fassen. Kaum war die Operation beendigt und ein Verband angelegt, als auch schon der Affe erwachte, sich den Händen der assistirenden Krankenwärter entriss, davon eilte und den noch unvollkommenen Verband vom Kopfe riss. Ich war jedoch unter den herrschenden Verhältnissen mit dem Resultat der Operation zufrieden. Die Wunde heilte mit einem Vorfalle der Regenbogenhaut. — Auch folgende Operation einer Phlegmone bei einem Affen ist mittheilenswerth. Es war ein alter grosser Gibbon, 90 cm lang, welcher gefesselt mir gebracht wurde. Unter den Soldaten war ein Europäer, der in gewisser Hinsicht das Factotum des Forts war. Tilly hiess er und war ein Belgier. Das Wort Furcht kannte er nicht, und er verstand alles. Ging eine Taschen-Uhr schlecht, reparirte er sie; brach ein Instrument von mir, von der Genie oder von der Artillerie, er brachte es in Ordnung; wollte ich eine Blechbüchse für meine Spirituspräparate haben, er machte sie mir aus Petroleumbüchsen u. s. w. Auf meine Frage, warum er noch nicht Korporal oder Feldwebel sei (denn auch seine Aufführung liess nichts zu wünschen übrig), antwortete er mir: Wozu soll ich Korporal u. s. w. werden? Mein Essen und Trinken habe ich; durch meine Arbeiten verdiene ich viel mehr als ein Feldwebel und habe gar keine Verantwortung; als Korporal ist man der Sündenbock von jedem und für jeden. Also, ich thue meinen Dienst und bin dann frei, zu thun, was ich will. Als mir dieser grosse Wau-Wau gebracht wurde, ersuchte ich den Dajaker, die Fesseln zu lösen, weil eine Hand stark geschwollen war und beim Palpiren die Anwesenheit von Eiter verrieth. Der Dajaker wagte dies jedoch nicht zu thun, weil er sich vor den starken Zähnen des alten Wau-Wau fürchtete. Ich liess also Tilly holen, welcher den Wau-Wau mit fester Hand im Nacken fasste, der Dajaker löste die Fesseln und legte sie über die Hüfte an und befestigte den Strick an einem grossen Nagel der Palissade. Mit traurigem und schmerzhaftem Gesichtsausdruck sass der Gibbon zwischen den Spitzen der Palissade und zeigte selbst meinem jungen Gibbon die Zähne, wenn er sich ihm näherte. Nun war das auch für mich eine gefährliche Nachbarschaft; ich gab jedoch den Muth nicht auf; ich nahm eine Wundspritze mit warmem Wasser und spritzte ihm diese aus respectvoller Entfernung auf die geschwollene Hand; offenbar war durch die Entfernung der Fesseln oder durch das Bespritzen mit warmem Wasser ihm deutlich geworden, dass ich gute Absichten mit ihm habe; genug an dem, schon nach ein paar Stunden konnte ich mich ihm nähern, streicheln und die Hand gut untersuchen und ihm die Phlegmone öffnen!! Nach der Operation legte er selbst seinen Kopf auf meine Schulter. Mit einem gut angelegten Verbande überliess ich ihn dann der Ruhe. Leider konnte ich ihn nicht auf der Palissade lassen, weil an dieser Stelle die Patrouille in der Nacht auf und ab ging. Vor Schluss des Thores liess ich ihn von Tilly hinausbringen und an einem Baume anbinden. Den andern Morgen war er geflüchtet, indem er die Fesseln vom Unterbauch abgestreift hatte.

Fig. 7. Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus).

Vor dem Fort hatte ich mir in Teweh ein Affenhäuschen bauen lassen, in welchem die Affen von niedrigem Range gemüthlich beisammen lebten. Der Cercopithecus nemestrinus, der Schweinsaffe, ist ein wilder Cumpan mit starkem Gebiss; er hat Backentaschen, Steissschwülen, kurzen, gekrümmten Schwanz und eine gelbliche Farbe. Ich hatte späterhin einen solchen Lampongaffen, welcher abgerichtet war, Cocosnüsse zu pflücken; zu diesem Zwecke wurde er mit einem langen Stricke zu der Cocospalme gebracht, an der er sofort schnell hinaufkletterte und begann, die einzelnen Nüsse um ihren Stiel zu drehen oder abzubeissen. Sah ich, dass die Frucht noch grün, d. h. zu jung war, so schüttelte ich nur mit dem Strick, und er nahm eine andere in Arbeit. In Sumatra werden die »Lampongaffen« allgemein zu dieser Arbeit abgerichtet; sie sind jedoch wie alle Affen im höheren Alter falsch und — ist es Zufall oder nicht — mein Exemplar eilte immer, sobald es losgekommen war, in die Küche gegen die weiblichen Bedienten, obzwar oder vielleicht eben, weil es selbst ein Weibchen war. Jene, welche ich jedoch auf Borneo hatte, waren noch jung und lebten friedsam mit den übrigen beisammen. Wenn ich hin und wieder meinen Gibbon in den Käfig brachte, so gab es fürchterliche Eifersuchtsscenen; denn mein Gibbon (ein Weibchen) zeigte in so auffallender Weise sein Verlangen, wieder einmal Liebesgenuss zu kennen, dass man ihn eine — Prostituée nennen musste. Das Geschrei der übrigen weiblichen Affen wurde so fürchterlich, dass ich um sein Leben besorgt war; gern folgte er in einem solchen Falle meinem Rufe, den Käfig zu verlassen. Affen gewöhnen sich leicht an den Menschen; wie oft entkam einer oder der andere, und er flüchtete höchstens auf das Dach des Forts; gegen den Abend kamen sie ohne Ausnahme zurück; hin und wieder selbst brachte ich meinen Hund vor den Käfig, welcher nun geöffnet wurde. Das neckische Spiel der Affen mit dem Hunde war interessant. Die Thür war noch keinen Meter hoch; der Hund stand vor der Thüre, und die Affen tänzelten um ihn herum, bis sie endlich einer nach dem andern den Käfig verlassen hatten; der Hund eilte ihnen nach; endlich sprang einer nach dem andern in den Fluss, und mein Hund that dasselbe; ruhig liess jeder Affe den Hund näher kommen, um im rechten Augenblick unterzutauchen. »Bela«, mein treuer Jagdhund, dreht sich rechts und links und sieht endlich in einer Entfernung von 20–30 Metern wieder ein Köpfchen auftauchen; er schwimmt dahin; endlich ist jeder der Affen des Spieles müde und lässt sich von dem Hunde packen, der sie, ohne sie zu verletzen, mit den Zähnen ans Ufer bringt. Hier werden sie von meinem Bedienten in Empfang genommen und wieder ins Häuschen gebracht. Wiederholt wurde behauptet, dass die Affen auch in der Gefangenschaft sich paaren; ich habe es jedoch niemals gesehen und kann daher diese Behauptung nicht unterschreiben.

Bevor ich dieses Thema verlasse, muss ich noch mittheilen, dass die Dajaker, zufolge einer Sage im Dusongebiete, Darwinisten sind; die Schöpfung der Menschen geschah auf diese Weise, dass Tempon Telon mit einem fürchterlichen Blasen in die Versammlung der aufrührerischen Thiere flog und dadurch drei Sorten von Affen Menschengestalt gab; aus dem Keesch (Cercopithecus cynomolgus) wurde der Javane, aus dem Orang-Utang der Dajaker und aus dem Nasenaffen mit weisser Glabella, und weissem Präputium der Europäer; da ich unsern Stammvater, d. h. den Nasenaffen, niemals besass, weiss ich nicht, ob der Nasenaffe dieser Sage mit dem Nasalis larvatus identisch sei.

Von den Halbaffen Borneos hatte ich nur den Tarsius spectrum und den Plumplori (Stenops tardigradus).

Auch die Frage von dem Vorkommen von Elephanten auf Borneo muss ich mit wenigen Worten besprechen, weil, um nur ein Beispiel anzuführen, ich in Batavia im Jahre 1896 darüber interpellirt wurde. Meines Wissens nach kommen sie nicht auf Borneo vor; ich sass ja im Herzen von Borneo, niemand hatte sie gesehen, die dajaksche Sprache hat kein Wort für diese Ungeheuer des Waldes und der gebildete Dajaker spricht nur von gâdja, welches Wort malayisch ist; niemals sah ich einen Zahn oder sonst einen Theil eines Elephanten, und jede Information, die ich darüber nahm, hatte kein anderes Resultat als dass eine Rhinocerossorte, aber kein Elephant auf der Insel Borneo vorkomme. Bekanntlich wird erzählt, dass vor ungefähr 140 Jahren die ostindische Compagnie an den Sultan von den Sulu-Inseln (im Osten von Borneo) einige Elephanten zum Geschenk gegeben habe, dass er jedoch gefürchtet hatte, dass diese »theuren« Gäste seinen Vorrath von Reis in kürzester Zeit auffressen würden, und dass er sie also auf die Küste von Borneo bringen und weglaufen liess. Selbst Friedmann, welcher ebenfalls diese Erzählung mittheilt, fügt hinzu, dass jedoch Elfenbein allein von todten Thieren gefunden worden, und dass zu seiner Zeit niemals ein lebender Elephant gesehen worden sei. Aus obiger Ursache jedoch muss ich sogar annehmen, dass überhaupt die ganze Erzählung jeder historischen Basis entbehre.


Bei unserer Ankunft in Buntok am 1. Januar 1880 war das Fort fertig, aber für zwei Officiere fehlten noch die Wohnungen; der Platz-Commandant wohnte im Forte, ich zog zum Aspirant-Officier der »Genie« (= Ingenieurs), und der dritte Officier bezog vorläufig im Fort die Wohnung eines Feldwebels. Natürlich wurde der Bau passender Häuser für zwei Officiere sofort angefangen, und zwar wenige Schritte entfernt von der Südseite des Forts. Nicht nur in Holland, sondern auch in Indien bewohnt in der Regel jede Familie »ein Haus« und nicht »eine Wohnung«, und der echte holländische Spiessbürger hat nur Mitleiden für den Wiener oder Berliner, welcher kein eigenes »Haus« bewohnt, sondern mit vielen Andern den Gebrauch eines Hauses theilt. In Indien, wo der Grund ausserordentlich billig ist, hat nebstdem jedes Haus einen grösseren oder kleineren Garten, welcher in erster Reihe Fruchtbäume und nur ausnahmsweise Blumenanlagen hat. Natürlich sind die Häuser ohne Stockwerke, haben die Villaform im entarteten altgriechischen Stile und sind aus Bambus, Holz oder Stein gebaut. Wenn ich auch im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien, und zwar in Samarang, Häuser im Schweizerstil erbauen sah, so ist im Allgemeinen der Typus aller Häuser folgender: Das Haus hat die Form eines Oblongums und besteht aus einer vorderen und hinteren Veranda, welche mit einem Gange verbunden sind und zu dessen Seite je 2–3–4 Zimmer sich befinden. Ausserhalb des »Hauses« befinden sich die Speisekammer, Bedientenzimmer, Küche, Aborte, Badezimmer, Stall, Wagenremise und der Brunnen. Eine solche Wohnung wurde also auch für mich gebaut, und zwar aus Holz; die inwendigen Wände wurden mit Tapeten belegt, was ich seitdem niemals mehr gesehen habe. Es stand auf Pfeilern von ungefähr ½ Meter Höhe; dies ist eine zweckmässige Maassregel. Wenn auch der Grund des Hauses mit Steinen, trockenen Korallen oder Sand ausgefüllt ist, so dringt bei hohem Stande des Flusses das Wasser im weichen Alluvialboden nicht nur bis an, sondern auch in die Grundmauern des Hauses. Ist aber das Material des Unterbaues nicht gut trocken, was sehr oft der Fall ist, wenn es lange Zeit vor dem Gebrauche am Bauplatze aufgespeichert lag, oder wenn junge Korallen angewendet wurden, von welchen z. B. die Thiere noch nicht abgestorben sind, dann ist ein solches Haus auch bei niedrigem Wasserstande feucht; es entwickeln sich Miasmen und verpesten das Haus.

Wenn aber das Haus ½-1 oder selbst 1½ Meter über dem Boden sich erhebt, wenn unter dem Flur des Hauses sich ein Hohlraum befindet, z. B. ein grosses Gewölbe, oder wenn das Haus auf hohen Pfeilern steht, so dass der Wind die Zwischenräume gut durchstreichen kann, dann können die Miasmen, welche aus dem feuchten Grunde aufsteigen, mit jedem Windschlage vertrieben werden. Wenn nicht Sümpfe in der Nähe des Hauses sich befinden, so ist die Richtung von Nordost nach Südwest die beste, so dass weder den ganzen Vormittag, noch den ganzen Nachmittag die Schlafzimmer von den heissen Sonnenstrahlen erwärmt werden. So wählte auch ich das Zimmer im Osten zum Schlafzimmer; dadurch hatte ich zur Zeit meines Mittagsschläfchens keine Sonne auf den Mauern meines Schlafzimmers stehen, und auch zur Nachtzeit war die Temperatur darin weniger hoch als im Zimmer auf der anderen Seite. Sind jedoch Sümpfe in der Nähe, dann bestimmt die Lage derselben die Wahl der Thüren und Fenster; bei Nacht werden die aufsteigenden Miasmen durch keine versengenden Sonnenstrahlen vernichtet und darum ist es gefährlich, bei offenem Fenster zu schlafen, wenn der Wind die Miasmen aus den nahen Sümpfen gerade durch die Fenster ins Haus jagt. Dies war bei meinem Hause der Fall. Da ich unmöglich den Sumpf drainiren oder trocken legen konnte, liess ich zwischen meinem Hause und dem Sumpfe einen Schirm pflanzen, welcher das Ueberstreichen der Miasmen verhindern sollte. Weder Eucalyptus noch Sonnenblumen hatte ich zu diesem Zwecke gewählt; ich wollte rasch Hülfe haben, und dies war nur möglich durch die Wahl eines Baumes, welcher in kurzer Zeit hinreichend Laub erreicht. Auch vor dem Eingange des Forts stand ein Schilderhäuschen, welches den ganzen Tag den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt war, weil die Bäume kaum so dick als ein Spazierstock waren und nur geringes Laub trugen. Es waren nämlich einige Waringinbäume (Urostigna benjaminum) gepflanzt, welche erst nach Jahren eine stattliche Grösse erreichen; unterdessen sollte jedoch die Schildwacht doch auch etwas Schatten haben; ich schlug also vor, hier wie dort Warubäume (Hibiscus elatus??) pflanzen zu lassen, welche schon nach einigen Monaten ein stattliches Laub tragen.

Die Einrichtung des Hauses war die allgemeine, d. h. Rohrstühle aus Djatiholz (Tectona grandis), Kasten und Tische aus demselben Holz, Spiegel und Gemälde. Erst in den letzten 5 Jahren entwickelte sich der Luxus, gepolsterte Stühle, schwere Vorhänge und Fussteppiche in Gebrauch zu nehmen. Batavia begann damit, und schon in wenigen Jahren wird dieser Luxus sich bis in die entferntesten Garnisonen aller Inseln verbreitet haben; die Erfahrung muss erst lehren, ob dieser Luxus neben dem hohen Preis noch andere Vorzüge habe. Denn die Stühle aus Djatiholz mit Rottanggeflecht waren praktisch und schön. Die elegantesten Stühle werden nämlich auf Java von den chinesischen Möbelmachern gemacht; nach jeder Zeichnung und nach jedem Modell verfertigt der gezopfte Chinese Alles, und um einen Preis, der in Europa unerhört ist. Ich besitze momentan einen Rohrstuhl, welchen ich um 3 Fl. in Singapore gekauft habe und der geradezu das Erstaunen aller Fachleute wegen seiner schönen Arbeit, aber noch mehr um die Billigkeit erregt. Der Gebrauch der Teppiche an Stelle der Matten muss auch noch erprobt werden; die Matten haben zwar den Nachtheil, dass sie den blossen Füssen der Kinder (auch Erwachsene gehen oft ohne Schuh[15] und Strümpfe im Hause herum) nachtheilig werden können. Wenn sie nicht aus gutem Rottang (Calamus), sondern aus anderem ordinären Schilfrohr, oder gar aus Bambus geflochten sind, haben sie oft Unebenheiten, an welchen der Fuss oder der Podex der herumrutschenden Kinder sich verletzen kann, oder aber, was noch häufiger geschieht, sie sind so glatt, dass man häufig ausgleitet und fällt. Es hat gewiss so manchen hygienischen Nutzen, Teppiche zur Bedeckung des Bodens zu verwenden; wie sie sich jedoch zu der Feuchtigkeit des Bodens und zu den zahlreichen Motten, Mosquitos und Ameisen verhalten, dazu fehlt mir die Erfahrung. Auch was die Vorhänge betrifft, bleibt die Frage noch immer offen, ob das Neuere auch das Bessere sei. Ich hatte (wie überall) weisse Vorhänge aus Vitrage, welche mit Vorhängen aus mehr oder weniger schönen Cretonen garnirt waren. In den letzten Jahren sah ich jedoch schwere, theure Vorhänge aus Damast u. s. w. die Fenster verzieren. Zum Mildern des scharfen Lichtes habe ich weisse oder gefärbte Vitrage an den Fenstern selbst anbringen lassen; also zu diesem Zweck sind theuere, schwere Vorhänge entbehrlich; nebstdem werden sie in ihren Falten ein Heer von Insecten und selbst Eidechsen bergen, wenn sie nicht täglich ausgeklopft werden; aber die Zukunft wird es erst lehren, ob sie bleibend dem Möbel eines Hauses in Indien eingereiht werden können.

Als ich im Jahre 189.. in Weltevreden bei einem Collegen zum ersten Male eine solche nach europäischer Mode eingerichtete Wohnung sah mit Divan, Teppichen, Vorhängen, Causeusen, Chaiselongues und diversen Phantasiestühlen, da bedauerte ich es, dass auch in Sachen der Mode Java am Gängelband von Europa läuft und jede Originalität aufgiebt.

(Auch in der Wissenschaft könnte Java sich von Europa emancipiren, und dies wird auch geschehen, aber wann?)

Ist es zu bedauern, dass in Europa die verschiedenen nationalen Trachten verschwinden und Platz machen der »französischen Mode«, noch mehr verdient es Tadel, dass die Mode Europas ihr strenges Scepter über Indien führt. Vor 20 Jahren trug keine Dame einen Hut, auch die Männer nicht nach Sonnenuntergang, welcher täglich zwischen 6–6½ Uhr stattfindet, wobei die Dämmerung nur 10–15 Minuten dauert; nur wenn eine Dame aus den höheren Ständen auf die Reise ging, und wenn die Herren im Laufe des Tages ihren Geschäften nachgingen, trugen sie Hüte. Gegenwärtig hat der Hut in allen Formen Indien erobert; bei den Empfangsabenden, welche um 7 Uhr Abends beginnen, hat gewiss schon die Hälfte der europäischen Damen den thurmhohen Hut auf dem Kopfe, und gewiss 90% der Männer einen modernen Filzhut in der Hand; ja selbst der Cylinder und der Claquehut haben sich der Köpfe der höchsten Würdenträger bemächtigt. Im Anfange dieses Jahrhunderts kamen die Damen im Sarong und Kabaya auf den Empfangsabend des Unterkönigs in Buitenzorg, und am Ende desselben Jahrhunderts in Seiden- und Sammetroben und Hüten von ½ Meter Höhe! O quae mutatio rerum.


Der Eingang in mein Haus befand sich im Garten und war üblicher Weise mit Blumentöpfen umgeben, welche theilweise auf der Treppe selbst und zum Theil in der Veranda standen. Diese Blumentöpfe waren jedoch nichts anderes als die leeren Petroleumbüchsen und leere Bier- oder Weinfässer, welche grün angestrichen waren. Andere Blumentöpfe aus Lehm gebrannt, welche in verschiedenen Formen gegenwärtig in Java um einen Preis von 8–25 Kreuzern gebraucht werden, waren auf Borneo damals unbekannt; die Petroleumbüchsen werden jedoch noch heute gerne überall zu Blumentöpfen umgewandelt, weil sie nicht brechbar sind. Das Petroleum kommt nämlich in Kisten in den Handel, welche zwei Büchsen zu je 18 Liter enthalten. (Im Innern Javas kosten diese 36 Liter Petroleum fl. 4·25 bis fl. 4·50. Die leeren Büchsen sind ein sehr gesuchter Handelsartikel geworden, weil sie, wie gesagt, zu Blumentöpfen und zur Versendung von Cocosöl u. s. w. gebraucht werden. Seitdem in Java und Sumatra ergiebige Petroleumquellen entdeckt wurden, werden diese Büchsen auch in Indien gemacht, und zwar aus dünnen Zinnplatten, welche aus Europa bezogen werden.) — Schön sind solche Blumentöpfe nicht, wenn sie auch grün oder braun angestrichen werden, aber dauerhaft sind sie. Auch im Garten selbst sieht man diese Blumentöpfe stehen, ohne dass sie den bescheidensten Ansprüchen des guten Geschmackes entsprechen; dass jedoch so selten Blumenbeete gefunden werden — ich sah sie nur bei Pflanzern — hat seine gute Ursache; ein grosser Theil der europäischen Bevölkerung ist flottirend, d. h. die Beamten und Officiere werden häufig transferirt; jedesmal hält der Transferirte Auction von seinen Möbeln u. s. w.; Blumenbeete können natürlich nicht transportirt werden, aber Blumentöpfe; hinc illae lacrimae. Da nebstdem die Blumen ein starker Modeartikel sind, so kann ein geschäftlicher Geist mit dem Verkaufe der Blumentöpfe oft einen hübschen Gewinn erzielen. Diese Aussicht hatte ich natürlich nicht, weil bei einer etwaigen Transferirung nur mein Nachfolger der einzige Käufer voraussichtlich war; denn damals hatten die eingeborenen Häuptlinge der Umgebung, im Gegensatze zu ihren Amtsbrüdern auf Java, noch kein besonderes Bedürfniss nach Blumentöpfen, Schaukelstühlen, Lampen, Tischen, Illustrationen aus alten illustrirten Zeitungen, alter Wäsche und Kleidern u. s. w. gezeigt, und ich war auf meinen Nachfolger angewiesen, wie viel von der Einrichtung verkauft werden würde; hätte er Möbel mitgebracht, so hätte ich alles um eine Kleinigkeit oder um gar keinen Preis an den Mann bringen können.

Bei der Wahl der Bäume im Garten kann man nicht genug vorsichtig sein; denn wenn man Kinder hat, welche gern im Garten spielen, können Bäume mit grossen Früchten sehr gefährlich werden. Noch vor Kurzem hat Dr. F. auf Java einen zweijährigen Sohn dadurch verloren, dass im Garten eine Cocosnuss diesem auf den Kopf fiel. Ich liess also keine Palmen, keine Durian und keine Nangka[16] pflanzen. Von Mangistan, Liberia-Kaffee, Mangga und Pisangbäumen liess ich Ableger aus dem benachbarten Kampong holen und sie in entsprechendem Abstand in den Boden stecken. Zu meiner Genugthuung fassten alle Ableger Wurzel. Die Umgebung der Bäume blieb, wie der ganze Garten, frei von Gras, weil ich Sand, mit Kalk und kleinen Kieselsteinen gemischt, zum Pflaster des Gartens gebrauchte. Der Graswuchs kann ja so üppig sein, dass es sehr viel Mühe kostet, es aus dem Garten fernzuhalten. Noch muss ich bemerken, dass weder die Fenster noch die Thüren des Hauses jemals durch die Bäume bedeckt werden konnten, so dass der Wind immer das ganze Haus durchstreichen konnte.

Natürlich erforderte das neue Haus eine landesübliche und standesgemässe Einrichtung. Dem »Standesgemässen« wird leicht Genüge geleistet. In der vorderen Veranda spielt sich nämlich, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, das Salonleben ab; hier empfängt man die Besuche; sie sind also darnach eingerichtet. Ein runder oder ovaler Tisch mit sechs Schaukelstühlen, Lampe und Blumentöpfen ist die Einrichtung eines kleinen Hauses in einem kleinen Orte; in grösseren Orten, oder wenn man verheirathet ist und einen »jour fixe« hält, ist eine zwei- oder dreimal so grosse Zahl von Stühlen mit einem oder zwei Divans unvermeidlich; sehr oft hängen an der Mauer schöne Gravüren (von Gopil z. B.) oder porzellanene Blumenvasen u. s. w. Auch ich war in der Lage, meinen »Empfangssalon« standesgemäss einzurichten, obwohl die Zahl der Stühle nicht gross zu sein brauchte; denn im Ganzen waren es ja nur fünf Männer und eine Dame, mit welchen ein Verkehr möglich und erlaubt war; wenn jedoch ein Dampfer zu uns kam, da musste schon auf eine doppelte Anzahl gerechnet werden; nun dann nahm ich einfach die Stühle meines Schlafzimmers u. s. w. zu Hülfe.

Die hintere Veranda, in der holländischen Sprache »achtergallery« genannt, ist der Schauplatz des täglichen Familienlebens. In der Ebene und in warmen Gegenden im Allgemeinen ist die hintere Veranda ebenfalls eine offene Halle, und doch besitzt sie die ganze Einrichtung eines Familien- und Speisezimmers. Im Gebirge jedoch ist sie häufig, aber bei Weitem nicht immer, ein grosses Zimmer mit Fenstern, weil in der Morgen- und Abendstunde die Temperatur[17] oft so niedrig ist, dass der Gebrauch in der Haustoilette ein sehr unangenehmes Gefühl der feuchten Kälte mit sich bringt. Hier wird von der Hausfrau und den Kindern der ganze Tag verlebt, von hier aus hat sie Uebersicht über die Küche, über die Bedienten, über den Garten und über die Speisekammer; hier spielen die Kinder auf dem mit Matten bedeckten Boden, oder arbeiten die Schulkinder ihre Hausaufgaben, hier versieht die Hausfrau alle ihre Arbeiten, und hier wird auch gespeist. In einigen Häusern befindet sich über dem Tische die Pongka, d. i. ein grosser Fächer, der mit einem Stricke von einem der Bedienten während der Mahlzeit ununterbrochen in Bewegung gehalten wird. Dieser Fächer wird in Englisch-Indien häufiger gesehen als in Holländisch-Indien. Vor zwanzig Jahren war die Pongka auf Borneo, und selbst auf Java noch ganz unbekannt. Es wird mit ihr nämlich ein Luftstrom erzeugt, welcher besonders Menschen mit Rheumatismus Anfangs lästig ist. Gewöhnt man sich jedoch daran, dann bietet er eine angenehme Abkühlung.

Wie oft wird die malayische Rasse eine diebische genannt! In einer offenen Veranda, welche mitten in einem kleinen Garten steht, der von allen Seiten zugänglich ist, befinden sich nicht allein die grossen Möbelstücke, als Buffet, Tische und Stühle, sondern Gläser, silberne Messer, Gabeln und Löffel, zahlreiche Gemälde und Nippsachen zur Verzierung der Mauern und Tische, und wie selten hört man von einem Diebstahle! In jeder grossen Stadt Europas würde eine solche Veranda nicht eine einzige Nacht von den Langfingern unbehelligt bleiben. Einige Familien lassen zwar in der Veranda eine »Nachtwache« ... schlafen! welche eigentlich nur verhindern soll, dass Räuber, Mörder oder Diebe in die geschlossenen Schlafzimmer eindringen können. Landherren haben jedoch auch »nichtschlafende Wächter«, welche vielleicht einige Dienste leisten.

Wie gross der Unterschied zwischen einer europäischen und einer dajakschen Wohnung sei, möge folgende Schilderung der letzteren, entnommen einem Vortrage, welcher in der geographischen Gesellschaft im Jahre 1885 von mir gehalten wurde, die beste Illustration geben. Ich muss hier jedoch für den Ethnographen bemerken, dass die Beschreibung die eines Hauses ist, welches auf dem Baritu gegenüber der Mündung des Tewehflusses, also gegenüber dem europäischen Fort lag und keine Palissaden hatte. Es sind echte Pfahlbauten (die ich übrigens auch noch im Süden von Java, an der sogenannten Kindersee und auf Sumatra gesehen habe).

Im Süden Borneos, und zwar schon von Buntok aus, bestehen die Kampongs (Dörfer) aus einzelnen Häusern, welche in gewisser Entfernung von einander liegen und darum auch keine gemeinschaftlichen Palissaden haben können; im Norden jedoch, wo die Dajaker in einem steten Kampfe unter einander leben, sind diese Kampongs nicht mehr als ein langes Haus von ungefähr 100 Meter Länge und stehen auf Pfählen von 1½-2 m Höhe. Vor dem Hause stehen hin und wieder einige Ampatong, das sind aus Eisenholz geschnitzte Figuren mit bis auf die Brust hervorragenden Zungen und stark entwickeltem Charakter ihres Geschlechtes, nach welchem sie auch in männliche und weibliche eingetheilt werden. Sie dienen gewissermaassen zur Vogelscheuche, um nämlich die in der Luft herumschweifenden Hantus, bösen Geister, von den lebenden Menschen selbst abzuhalten, und speculiren dabei auf die Sinneslust dieser feindlichen Bewohner der Luft. Die ganze Front des Hauses nimmt ein Vorsaal ein, in dem das öffentliche Leben sich abspielt. Gäste werden hier empfangen, Berathungen gepflogen, bei schlechtem Wetter ihre zahlreichen Feste gefeiert u. s. w. Hier münden auch die Thüren der Wohnungen der einzelnen Familien. In einer solchen Wohnung spielt sich das tägliche Familienleben in allen seinen Phasen im einzigen Raume ab. Auf dem Boden, der aus Latten von der Rinde der Arengpalme besteht, liegen Matten zur Schlafstätte; der reiche Dajaker hat auch einige Polster aus Kapok (indische Pflanzendaunen), manchmal sogar eine Matratze. Im Hintergrunde stehen auf einigen thönernen Herden, Dâpur genannt, die thönernen oder kupfernen Kessel auf Holzfeuern, und der Rauch findet nur schwer durch das kleine Fenster oder durch die Lücken der Matten den Weg nach aussen. Der Gestank der getrockneten todten Fische mischt sich dazu mit den Ausdünstungen der Menschen. Der Kranke oder das kleine Kind können nicht den Weg zum Flusse nehmen (wo der Abort steht), weil nur ein Baumstamm mit Einkerbungen, oder eine Leiter mit dünnen Bambusstäben die Treppe zum Flusse ist. Die Defäcationen geschehen also im Zimmer und zwar über den Löchern in der Flur, und Schweine und Hühner halten zwischen den Pfählen Wache, um den Dienst der Sanitätspolizei zu übernehmen. In den Dächern mengen sich unter das triefende Fischgeräthe, seien es Netze oder Seros, d. h. geflochtene Körbe in allen möglichen Formen, die Schädel der theuern abgestorbenen Familienmitglieder, oder erbeutete Schädel, die in einem Bündel von Flocken aus der Nipapalme eingehüllt sind.

In diesen Häusern werden alle Phasen des persönlichen, des Familien- oder des Gemeindelebens mit 4–8 Tage langen Festen gefeiert, bei denen Venus und Bacchus abwechselnd sich die Hände reichen. Bei Tag wird der Tuwak aus grossen Schalen getrunken, in Chören getanzt beim ohrzerreissenden Schall der Pauken, und der scheidende Tag ladet Jung und Alt, das ganze Dorf zur Orgie; ihre Priester (Bassirs) und Priesterinnen (Bliams) sind Prostituées im strengsten Sinne des Wortes, und wenn sie sich doch einer gewissen grossen Verehrung erfreuen, so wird es Niemand überraschen, der die dualistische Erklärung eines intelligenten Häuptlings vom Standpunkte eines Dajakers hört: »Die Verehrung gilt ja nur ihrem Geiste und nicht ihrem Körper.« Sie sind nämlich Zauberer und beschwören die Geister, welche über die Menschen Krankheiten bringen, sie bannen die Hantu’s, welche dem neugeborenen Kinde Unheil drohen, sie trachten die bösen Vorzeichen, welche einem kriegerischen Unternehmen entgegenstehen, zu beschwören, sie massiren die Kranken und Ermüdeten, wobei oft ein Splitter, kleine Schlangen u. s. w. aus dem Körper geholt werden und — prostituiren sich gegen Bezahlung; die lesbische Liebe und die Sünden Sodoms und Gomorrhas sind alltägliche Sünden, so dass ihre Priester eine zweite Ursache der geringen Bevölkerung von Borneo sind. (Die erste ist, wie wir [Seite 61] sahen, die Kopfjagd.)

Von den dajakschen Kampongs, welche vor ihren Palissaden hohe Stangen mit den Köpfen der getödteten Feinde stehen haben, und von ihren Tätowirungen weiss ich aus Autopsie nichts mitzutheilen. (Von der Religion und Sprache der Dajaker will ich auch nicht sprechen, weil dieses in den Rahmen eines ethnographischen Werkes und nicht in eine Reisebeschreibung gehört, und weil thatsächlich das Material unter meinen Händen wächst, auch wenn ich mich begnüge, das selbst Erlebte und das mit eigenen Augen Gesehene mitzutheilen.)

Zu allen ihren Festen wurde ich von Dajakern eingeladen, weil ich ein dankbarer Gast war; ich brachte nämlich ein oder zwei Flaschen Genevre mit und begnügte mich, ein ganz passiver Zuschauer zu sein. Wenn jedoch der Herr Y. kam, liefen die Mädchen entweder ganz weg oder zogen sich mit ängstlicher Miene in eine Ecke zurück, wie erschreckte Schafe in einen Stall, nicht weil er ihre Keuschheitsgefühle (?) wiederholt beleidigt hatte, sondern weil er Tyrannengelüste als ein Servitut seiner Stellung beschaute, das nicht bezahlt werden dürfe. Das ist ja, wie wir bereits andeuteten, die ärgste Schande für ein dajaksches, ja selbst für ein malayisches Mädchen. Vor mir fürchteten die dajakschen Mädchen sich nicht, weil ich die Rolle des nüchternen Beobachters niemals verliess, und diesem Umstande verdanke ich es auch, dass ich in ihren Glauben und Liturgie, in ihre Gebräuche und Sitten einen Einblick erhielt, wie wenig Andere, obzwar der Controleur X.[18] darin einen wachsenden Einfluss meinerseits sah, der unterdrückt werden musste. Als ich z. B. (vide [Seite 80]) meine Reise nach Telang antreten wollte, musste ich einen Kahn miethen, und zwar den einzigen, der in Buntok zur Verfügung stand, den des Kamponghäuptlings. Zufällig erkundigte ich mich Abends bei ihm, ob der Kahn schon gereinigt sei. Ja, erwiderte dieser, aber der Herr Controleur giebt mir nicht die Erlaubniss, den Kahn zu vermiethen!!

Ein andermal war ich bei einem Feste gewesen, und als ich nach Hause ging, folgte mir ein Dajaker mit einer Schüssel als Gegengeschenk für die zwei Flaschen (3 Liter) Genevre, welche ich gebracht hatte. Der Controleur erfuhr dies durch seinen Bedienten und schickte den Befehl, dem Feste ein Ende zu machen, weil der Controleur in seinem Mittagschläfchen gestört werde. Die Dajaker fühlten diesen Wink mit dem Zaunpfahle, schickten auch dem Controleur eine Schweinskeule und — mochten weiter singen, tanzen und spielen!! Ob solche Geschenke, Slametans (javanisch Sedekah) genannt, auch unter den Dajakern üblich seien, will ich bezweifeln. Bei den Malayen, bei den Javanen u. s. w. ist der Slametan eine Landessitte: Ein eingeborener Feldwebel verheirathet z. B. seine Tochter und möchte gerne die Officiere zum Tanzfeste einladen. Er schickt also an die Frau oder Haushälterin der Officiere eine Schüssel mit einem geschlachteten oder lebenden Huhn, 10–20 Eier, eine Staude Pisang und andere Früchte. Der Anstand erfordert, dass man nicht nur diese Geschenke annimmt, sondern auch sofort ein Gegengeschenk, und zwar in Geld macht. Wenn der Betrag nicht höher ist als der Werth des gesendeten »Slamatans«, dann kann man in Zukunft von solchen Aufmerksamkeiten vielleicht verschont bleiben. Will man jedoch seine besondere Erkenntlichkeit für die Einladung zeigen, dann giebt man ½-1 oder 2 fl. mehr und wird beim Erscheinen des Festes besonders herzlich empfangen.

Dieser malayischen Sitte also wollten die Dajaker folgen, wenn sie mir, wie erwähnt, ein Gegengeschenk brachten, und zwar die Keule eines Wildschweines und einige Früchte.

Wenn sie auch den Tuwak[19] als Volkstrank stark gebrauchen, so ziehen sie doch den Genevre vor, obschon oder vielleicht weil sein Alcohol bedeutend grösser ist. Gewöhnlich hat der Tuwak 3–5% Alcohol und der Genevre 40–50%; ersterer kann dadurch in viel grösseren Mengen getrunken werden als der Genevre; alle Feste der Dajaker dauern 4–6–8 Tage; der Tuwak wird in grossen Töpfen (Blanggas) auf den Festplatz gebracht und von Alt und Jung, von Frau und Mann mit halben Cocosnussschalen aus den Blanggas geschöpft. Sie werden dadurch fröhlich, ausgelassen, aber nur selten betrunken. Eine solche Orgie muss man gesehen haben, um an sie glauben zu können. Es war ein »Todtenfest«, bei welchem ich zum ersten Male eine solche »Ausgelassenheit« der Dajaker sah, welche ein Beamter sittlich entrüstet nicht mit ansehen wollte.

Der Kamponghäuptling, zu dem ich im Jahre 1877 gerufen wurde, um ihm in seiner schweren Krankheit (Carcinoma vesicae) Hülfe zu leisten, war gestorben; sein Körper war auf das Feld gebracht und in einem hölzernen Sarge der Verwesung übergeben. Nach dieser Zeit sollte das Todtenfest beginnen. Eile hatte es damit nicht, weil die Wittwe zu alt war, um an eine zweite Heirath zu denken, und weil ein solches Fest viel Geld kostet. Nebstdem hatten sie gehört, dass Muarah Teweh aufgelassen werden sollte; sie konnten dann vielleicht zu Ehren der Verstorbenen einige Sclaven opfern, wie es bei den unabhängigen Dajakern damals noch üblich war. Da jedoch noch Ende 1878 das Fort Teweh bestand und noch immer keine Anstalten zum Verlassen der Boven-Dusson genommen wurden, entschlossen sie sich endlich, für ihn das Todtenfest zu halten, ohne Sclaven zu opfern; denn der Geist (liau) wurde zwar in den ersten 24 Stunden nach seinem Tode vom Charon (Tampon Telon) nach dem »Wolkensee« gebracht, aber die Seele, welche erst nach Ablauf des Todtenfestes dahin gebracht wird, um sich mit der »liau« zu vereinigen und die Freuden des Himmels zu geniessen, blieb, so lange der Sarg des Verstorbenen nicht bestattet ist, unbefriedigt schweben. Die Wittwe ist, so lange das Todtenfest nicht gegeben ist, »pali«; ihre Kinder sind »pali«, d. h. sie sind unrein und werden von den Sanggiangs (gute Geister) nicht erhört. Nebstdem muss die Wittwe die Trauerkleider, d. h. stets ein Kopftuch und schwarze Kleider tragen (unmittelbar nach dem Tode trägt sie jedoch weisse und erst später schwarze Kleider). Das sind genug Ursachen, um das Todtenfest sobald als möglich zu geben, d. h. sobald die grossen Ausgaben, welche damit verbunden sind, gedeckt werden können. Unser Häuptling hatte keine Sclaven officiell, d. h. er hatte nur »Schuldner, welche ihre Schuld durch Arbeit auf dem Felde und in dem Hause zu tilgen sich verpflichtet hatten«; diese aber beim Todtenfeste seines Vaters zu opfern, wagte er nicht wegen Anwesenheit des Forts; er wählte also dazu Karbouwen (indische Büffel), welche dasselbe Schicksal erlitten, als den Sclaven zugedacht war. Sie wurden an einem Opferstock festgebunden, und ihnen gegenüber nahmen die Männer in voller Kriegsrüstung in einer Reihe Platz; einer nach dem andern sprang aus der Reihe hervor, und unter dem Jubelgesang der Bliams und Bassirs schwang er seine Lanze gegen den unglücklichen Stier, der, nur leicht verwundet, ein fürchterliches Gebrüll ausstiess.

Ein fürchterlich schöner und doch erbärmlicher Anblick war es, ein solch colossales plumpes Riesenthier mit seinen gutmüthigen Augen und seinen massiven Hörnern machtlos und wehrlos gefesselt zu sehen und preisgegeben dem mordlustigen Spiele der Menschen. Wir Europäer sassen auf einem hohen Gerüst und waren ausser Gefahr, auch wenn es dem Büffel gelungen wäre, seine Fesseln zu brechen und in blinder Wuth sich auf seine Quäler zu stürzen. Drei Jahre später sah ich dieses. Ein Karbouw sollte geschlachtet werden; die Sundanesen (Bewohner des Westens von Java), welche seinen Kopf mit dicken Stricken auf dem Blocke festhalten sollten, liessen plötzlich die Stricke los, mit einem wilden Angstschrei zog sich der Büffel aus der Schlinge und stürzte in die umgebende Menge, welche sofort auf die nächsten Bäume flüchtete; ich selbst hatte noch Zeit, mein Pferd zu besteigen, welches mich bald ausser Gefahr brachte. Wenn man im täglichen Leben einer Heerde dieser Riesenbüffel begegnet, oder sie im Sumpfe baden sieht, während nur ein kleiner Bube die ganze Heerde leitet und sie wäscht, dann bewundert man den sanften Charakter dieser Ungeheuer, welche jedoch ihrer Kraft sich ganz gut bewusst sind. In Tjilatjap fuhr ich mit meinem Mylord, welcher mit zwei Pferden bespannt war, durch eine Heerde von diesen Riesenbüffeln; um keinen Millimeter wichen sie aus, so dass das Spritzbrett meines Wagens zertrümmert, ohne dass nur ein Karbouw auch nur ein Haar breit zur Seite gedrängt wurde.

Endlich hatte der letzte der anwesenden Dajaker seine Lanze in das Herz des Karbouws gestossen, mit einem fürchterlichen Gebrüll, dem sofort das Todesröcheln folgte, stürzte der Riesenbüffel zusammen, und Alt und Jung stürzte sich auf ihn, um Stücke abzuschneiden und kochen zu lassen. Während dieser Zeit begann der Reigentanz; die dajakschen Schönen waren zu Ehren der anwesenden Gäste (der Resident, Assistent-Resident, Controleur und wir zwei Officiere) in Festgewand, mit Sarong, Badju und Selindang gekleidet und umstanden einen Opferstock, auf welchem eine Ziege angebunden war. Die weibliche Jugend umzog tanzend in einem Reigen den Altar, indem sie in der einen Hand die Tóte hielten und darauf bliesen, und mit der anderen Hand die der Nachbarin berührten; unter dem ohrzerreissenden Schalle der Pauken und der kupfernen Becken sangen sie ihr illa-la-hap, blieben stehen, beugten sich und drehten den Körper rechts und links, um wie eine Sprungfeder aufzuschnellen. Um diesen Reigen bewegten sich drei Bassirs mit vorausgestreckten Armen, in welchen grosse kupferne Ringe hingen, und die dritte Reihe bestand aus zwei — Clowns; sie trugen nur eine Schwimmhose und hatten eine Maske vor dem Gesicht.

Den ernsten Gesang der Bassirs begleiteten diese Bajazzos mit Sprüngen und ekelhaften körperlichen Bewegungen; bald näherten sie sich den Mädchen und ahmten unter dem schallenden Gelächter der Frauen die Bewegungen des Coitus nach, bald brachten sie ein Gläschen Genevre an die Lippen einer Schönen und liessen sie das Gläschen in einem Schluck leer trinken, und bald carikirten sie die Bewegungen der Bassirs. Ich habe noch nie so ein widerliches, ekelhaftes Fest gesehen, als dieses Todtenfest bei den Dajakern; ich muss jedoch beifügen, dass nur diesen einen Tag wir Europäer officiell Zeuge waren (es dauerte ja 8 Tage), und dass nicht nur zu Ehren der Todten solche Orgien gefeiert werden, sondern bei jeder Gelegenheit; das für das Todtenfest charakteristische Abholen der Leiche von dem Felde, das Aufbahren der ausgetrockneten Leiche, das Schmücken derselben u. s. w. haben wir nicht gesehen, ebenso, als wir Abends nach Fallen der Sonne die Bassirs und Bliams nicht ihre Rollen vertauschen sahen. Sie haben aufgehört, Zauberer zu sein, und beim Scheine der kleinen Harzflammen beginnen jene schon angedeuteten Orgien, welche zwar in Europa nicht unbekannt sind, aber doch nur von Wenigen geübt werden. Wenn Rousseau etwas von diesen »Naturmenschen« gewusst hätte, wäre in seinem Emil niemals ihnen eine Hymne gesungen worden.

Nach Perelaer lautet die erste Strophe des Liedes, welches die Bassirs beim Todtenfeste sangen, wie folgt:

Dedari liau olo matai, tandjong ambon dari liau[20]

Balongkangnihau tandjong danom manawan.

6. Capitel.

Ameisen und Termiten in den Wohnungen — Verderben der Speisevorräthe — Milch-Ernährung der Säuglinge — Aborte Tjebok — Transpiration in den Tropen — Baden — Siram = Schiffsbad — Antimilitärischer Geist der Holländer — Das Ausmorden der Bemannung des Kriegsschiffes „Onrust“, von den Dajakern erzählt.

Bei der Einrichtung eines »Hauses« muss man in Indien auf vieles bedacht sein, das in Europa kaum in Betracht gezogen wird; die üppige Flora und Fauna der Tropen z. B. können des Guten zu viel leisten. Abgesehen von der Gefahr, in seinem Garten Bäume und Früchte zu halten, welche durch ihre Grösse beim Herabfallen geradezu gefährlich werden können, ist es nicht rathsam, wogegen so häufig gesündigt wird, auf den Mauern Schlingpflanzen anzubringen; es nesteln sich darin zahlreiche Insecten, welche bei Gelegenheit ins Zimmer kriechen. Ein schöner Baum ist der [Seite 101] erwähnte Waringinbaum; mit seinem mächtigen Laub und den zahlreichen Luftwurzeln wird er oft ein stattlicher, herrlicher Baum; seine Wurzeln aber pflanzen sich weit unter dem Boden fort und unterminiren die Grundmauern; sie müssen also in bedeutender Entfernung von dem Hause (wenigstens 20 Meter weit) gepflanzt werden. Eine gleiche Gefahr bieten die mächtigen Rhizophoren, welche ein gutes Brennmaterial liefern; da sie jedoch nur in neugebildetem Alluvialboden gedeihen, und da selten ein »Haus« in diesem gebaut wird, so ist diese Gefahr der Mangroven nur eine theoretische. Auch ist es nicht empfehlenswerth, stark riechende Blumen im Hause zu halten, obzwar die Ventilation der Wohnungen intensiver ist als in Europa. Halbeuropäische Frauen und noch mehr die Eingeborenen gebrauchen gerne Odeurs, welche geradezu betäubend sind und selbst Kopfschmerzen verursachen, z. B. die Blüthe der melatti (eine Jasminumsorte), welche sogar von den malayischen und javanischen Dichtern in allen Tonarten besungen wird.

Aber auch die Fauna ist so üppig, dass selbst im täglichen Leben gegen ihren zu grossen Reichthum Maassregeln genommen werden müssen. Gegen die Riesen des Urwaldes hat der Einzelne in seinem »Hause« nur selten sich zu schützen; denn sie ziehen sich vor dem Menschen zurück; auf der Jagd nach ihnen habe ich natürlich so manche Vorsichtsmaassregeln nehmen müssen, um nicht umgekehrt ihnen eine Beute zu werden; aber die grosse Welt der kleinen Thiere giebt im »Hause« den Menschen viel zu schaffen. Zahlreiche Eidechsen sieht man auf den Mauern herumlaufen; diese sind jedoch gern gesehene Gäste, weil sie uns in der Jagd gegen die Mosquitos und andere Insecten helfen. Wenn zur Zeit der Kenteringe vor dem Regen grosse Schwärme von fliegenden Ameisen (Larong) die brennenden Lampen des Abends umkreisten und auf den Tisch mit dem Verlust ihrer Flügel niederfielen, da machte es mir immer viel Vergnügen, den grossen Appetit meiner zahmen Eidechsen zu bewundern. Scheu waren sie nicht und fürchteten sich vor mir nicht im Geringsten. So lagen sie auf dem Tische auf der Lauer, und sobald eine Ameise auf den Tisch fiel, weil sie sich an dem warmen Lampencylinder verbrannt hatte, stürzten sie aus ihrem Schlupfwinkel und verschlangen die Ameise. Zu ihrer Lieblingsspeise gehört auch die Walang sangit (Stenocoris varicornis), welche einen fürchterlichen Gestank verbreitet und oft bedeutenden Schaden den Reisfeldern verursacht. Zu den tolerirten und aus denselben Ursachen gern gesehenen Gästen gehören die Frösche, welche in die Veranda gesprungen und hin und wieder auch ins Haus kommen; denn auch sie verzehren eine grosse Menge der Insecten; Wanzen habe ich nur in den Spitälern gesehen; aber die Ameisen sind eine fürchterliche Plage der Hausfrau, sowie die »weissen Ameisen«, besser Termiten (termes fatalis) genannt, in ihrer Gefrässigkeit geradezu gefährlich werden. Von diesen sah ich oft 1 Meter hohe Nester, welche so hart waren, dass sie mit der Hacke zertrümmert werden mussten, um das Innere besichtigen zu können. Es war ein Erdhügel aus Lehm mit zahlreichen, labyrinthähnlichen Gängen. In der Mitte lag die Königin, welche von den Malayen gern gegessen wird. Aber auch die Larongs sind ein Leckerbissen der Javanen und Malayen. Zur Zeit des Schwärmens werden im Hause weisse Lavoirs unter die Lampe mit Wasser gefüllt gestellt. Die schwärmenden »weissen Ameisen«, wie der Holländer die Termiten nennt, versengen an der Lampe die Flügel oder die Füsse, oder sie fallen, erschöpft durch die ausstrahlende Wärme der Lampen, nieder und werden im Wasser aufgefangen; die Flügel werden, wenn sie nicht schon abgefallen sind, herausgerissen und die Termite selbst in Oel mit oder ohne Mehl gebacken. Ich konnte mich niemals dazu entschliessen, mich durch Kosten von ihrem mandelähnlichen Geschmacke, den sie haben sollen, zu überzeugen. Ob die javanischen Gourmands jemals einen europäischen Feinschmecker in ihre Gilde aufnehmen werden? Ich bezweifle es. Beinahe täglich kann man im Kampong oder selbst in seinem eigenen Garten 2–3 Mitglieder seiner Bedienten auf dem Boden hintereinander sitzen sehen, welche auf dem Kopfe ihres Vordermannes gewisse ungeladene Gäste suchen und verspeisen.

Bekannt ist es, dass die Termiten grossen Schaden anrichten können, wenn man ihrem gefrässigen Triebe keine Grenzen setzt. Mir gelang dies immer, so dass ich während meines 21jährigen Aufenthaltes in den Tropen nicht den geringsten Schaden durch die râjaps erlitt. Meine Kästen liess ich niemals an den Mauern stehen, sondern in einer Entfernung von 2–3 cm.; die Füsse derselben ruhten entweder in zinnernen Näpfen, welche mit Wasser oder Petroleum gefüllt waren, oder auf kleinen zinnernen Platten; auch die Kisten und Koffer standen nicht auf dem Fussboden selbst, sondern auf Ziegeln; jede Woche wurden alle Kästen, Koffer und Kisten zur Seite geschoben zur Controle, ob die Termiten sich unter denselben nicht angesiedelt hätten; täglich wurden die Matten von dem Fussboden aufgenommen, um nach Oeffnungen zu suchen, aus welchen sie ins Haus hätten dringen können. Oft genug sah ich dann zwischen den Fugen des Fussbodens kleine Sandhügelchen mit einer Oeffnung, in welcher die Termiten aus- und eingingen. Ich goss in die Löcher Petroleum oder Carbolsäure (5% Auflösung), um für lange Zeit von ihrem Besuche verschont zu bleiben.

Lästig sind die schwarzen Ameisen, welche von Vielen gern gesehene Gäste sind, weil, wie man behauptet, sie die Termiten vertreiben. Thatsache ist, dass ich beide niemals zu gleicher Zeit in meiner Wohnung hatte. Die schwarzen Ameisen scheinen eben aussergewöhnlich stark entwickelten Riechnerv zu haben. Es ist oft unglaublich, wie sicher und schnell diese Ameisen ihre Beute finden. Lässt man z. B. die Zuckerbüchse unbewahrt Abends auf dem Tische stehen, so ist den andern Morgen die Oberfläche schwarz von Ameisen; Man muss also die Zuckerdose immer in einer Schale mit Wasser stehen lassen. Aber nach einigen Tagen hilft dieses Präservativ auch nicht mehr, wenn die Zuckerschale nebstdem nicht gut geschlossen ist. Man sieht dann auf dem Wasser Leichen von Ameisen schwimmen, auf welchen die lebenden sorglos ihre Näscherei aufsuchen. Nach der Ansicht der Eingeborenen opfern sich einige Ameisen dem Tode durch Ertrinken, um mit ihrem Leichnam eine Brücke zu bauen, auf welcher ihre Brüder zu dem Zucker gelangen können. Natürlich ist der Speisekasten immer und ewig ihren Einfällen ausgesetzt und selbst, wenn seine Füsse in Näpfen, mit Wasser und Petroleum gefüllt, stehen. Die Eingeborenen behaupten, dass in einem solchen Falle die Ameisen, durch den Geruch der Speisen angelockt, sich vom Plafond auf den Kasten fallen lassen; ich fand jedoch eine andere Erklärung dieser eigenthümlichen Erscheinung. Die Hausfrau lässt nämlich im Eifer ihres Amtes die Thür des Kastens offen stehen, welche sich an die Mauer anlehnt; von dieser finden sie dann ihren Weg in den Kasten. Man erwehrt sich also der schwarzen Ameisen am besten, wenn man auf dem Tische keine Speisen stehen lässt, den Speisekasten in einiger Entfernung von der Mauer und seine Füsse in einen Napf mit Petroleum stellt; Wasser zu diesem Zwecke zu gebrauchen, ist darum nicht praktisch, weil es von den Hunden, Katzen und Ratten in der Nacht ausgetrunken wird. Sind die »weissen Ameisen« auch gefährlicher als die schwarzen Ameisen, weil sie alles zerstören, was aus dem Thier- und Pflanzenreich stammt (Banknoten und hölzerne Schiffe fielen schon ihrer Fresswuth zum Opfer), so sind die schwarzen Ameisen wieder lästiger, weil sie eine ununterbrochene Aufmerksamkeit der Hausfrau erfordern, um die Speisereste vor ihren Angriffen zu beschützen. Leider sind diese nicht die einzigen Feinde, gegen welche die Hausfrau einen steten Kampf führen muss. Die drei Factoren, welche die Entwicklung der Bacterien ermöglichen, organische Stoffe, Wärme und Feuchtigkeit, befinden sich in Indien zu allen Zeiten und an allen Orten. Dadurch verderben die Speisen sehr leicht und sehr schnell unter den Tropen. Nach 48 Stunden sind Fleisch und Fische schon ungeniessbar. In Essig eingelegte Gurken u. s. w. haben in wenigen Tagen eine dicke Schimmelauflage, wenn der Verschluss der Gefässe nicht luftdicht ist. Wenn auch die Gurken u. s. w. unter der Schimmelschicht nicht verdorben waren, so ekelte mich der Anblick so sehr, dass ich sie immer habe wegwerfen lassen. Mit Milch zubereitete Mehlspeisen können kaum 24 Stunden lang bewahrt werden, weil sie darnach sauer werden. Fette Fleischspeisen werden nach 2 Tagen ranzig. Das sind Verhältnisse, welche den Hausfrauen viele Sorgen bereiten, wenn ihnen von den Männern ein gewisser Grad von Sparsamkeit auferlegt werden muss.

In Buntok musste ich viele Conserven gebrauchen, weil weder von den eingeborenen noch von den sogenannten Soldatenfrauen viele Sorten Grünzeug gepflanzt wurden. Physolen (Katjang), Spinat (Bajem), aubergines (terong = Solanum melongena), Gurken, Wassermelonen, Labu (Lagenaria idolatrica), junge Bambus kamen auf meinen Tisch; ebenso klein war die Abwechslung in den Fleischspeisen: Huhn, Ei, Fisch und Beefsteak; ich musste also zu Conserven meine Zuflucht nehmen, um hin und wieder junge Erbsen oder Spargel zu essen, oder californische Birnen, Kirschen, Aepfel und Pfirsiche zum Nachtisch zu haben, oder aber eine andere Fleischsorte geniessen zu können als Huhn und wiederum Huhn u. s. w. u. s. w. Späterhin und zwar auf Java war eine Conserve auf meinem Tisch eine grosse Ausnahme, es sei denn, dass ich Gäste hatte.

Eine wichtige Rolle spielte die Milch. Wir hatten auf Borneo keine Kuh, also auch keine Milch; die Rinder, welche uns das Rindfleisch lieferten, wurden von Bengalis über Java und von Madura importirt und niemals zur Zucht gebraucht; von Bandjermasing wurden sie in grossen Kähnen nach Buntok und Teweh geschleppt, was oft wochenlang dauerte. Sie waren bei ihrer Ankunft oft so mager, dass wir sie Kleiderstöcke nannten, weil man auf die Hüfte factisch einen Hut aufhängen konnte. Da diese Rinder das erlaubte Minimum an Gewicht gewöhnlich hatten, so gab sich der chinesische Lieferant keine Mühe, diese Thiere fetter werden zu lassen. Das Gras war in Buntok wegen der immerwährenden Ueberschwemmung mit theilweise gemischtem Fluss- und Seewasser schlecht; er hätte also die Rinder mit Reis mästen müssen; er that es nicht; so geschah es selten, dass das Rind nach dem Schlachten, nach der Enthäutung und nach der Entfernung der Eingeweide, des Kopfes und der Füsse mehr als 75 Kilo wog. Nun, solche Rinder wären auch nicht besonders geschickt für die Gewinnung einer guten Milch gewesen; Ziegenmilch konnten wir ebenso wenig als Eselinnen- oder Pferdemilch bekommen; Karbouwen sah ich auch nicht in Buntok, also wir mussten Milch aus Conserven zum Kaffee und Thee nehmen. War auch diese nicht zu bekommen, so quirlte ich in meinen Morgenkaffee ein Ei, welches selbst ein angenehm schmeckendes Surrogat für Milch ist. Weniger für Erwachsene als für Säuglinge ist ja Milch eine Lebensfrage. Es kommt wohl selten bei den dajakschen und malayischen Müttern ein vollständiger Mangel an Milch vor; ich wenigstens habe kein einziges Mal gehört, dass eine eingeborene Mutter ihr Kind nicht säugen konnte; dass sie jedoch zu wenig oder zu schlechte Milch haben, sah ich öfters; sie helfen sich dadurch, dass sie das Kind mit einem Brei vollstopfen, welcher aus weichgekochtem Reis, Pisang und Zucker besteht. Die Zweckmässigkeit dieser Kinderernährung lässt sich theoretisch bestreiten; ob aber die Sterblichkeit unter den eingeborenen Kindern eine grössere oder kleinere sei als unter den Europäern, ist gar kein Zweifel, wenn wir auch keine statistischen Ausweise darüber haben. Java hatte im Anfange dieses Jahrhunderts 5 Millionen Seelen, heute 25 Millionen; die Sterblichkeit kann also nicht gross sein. Aber es ist eine kleine und schwache Rasse; dieses spricht nicht für die Zweckmässigkeit der vegetabilischen Kinderernährung. Nebstdem ist es bekannt, dass die eingeborenen Kinder einen Hängebauch haben, der unter dem Namen »Reisbauch« bekannt ist.

Eine Amme würde ich in Indien, wenn auch nicht unbedingt zurückweisen, so doch als ultimum refugium in Reserve halten, wenn die künstliche Ernährung nicht gelingen sollte; denn eine europäische Amme wird vielleicht niemals zu bekommen sein, und mit einer eingeborenen Amme sind so viel Unannehmlichkeiten verbunden, dass ich vorläufig jeder Frau abrathen muss, ausser in der dringendsten Noth durch eine eingeborene Amme ihr Kind säugen zu lassen. Vielleicht entschliesse ich mich doch später dazu, die Leidensgeschichte einer französischen Dame zu erzählen, welche in Magelang (Java) entgegen meiner Warnung eine eingeborene Amme zu ihrem Kinde nahm, dreimal sie wechselte und endlich ihr Kind mit der von mir angegebenen Conservemilch nicht nur glücklich über die Zeit des Wechsels in der Nahrung brachte, sondern auch zu einem kräftigen und gesunden Mädchen entwickeln sah. Ich liess von der überall käuflichen Swiss condensed milk anfangs 1 : 17 (die ersten 4 Wochen) und später aufsteigend bis 1 : 10 eine Auflösung machen und gab davon 50 Ccm. in der ersten Woche, um bis 200 Ccm. per Dosis zu steigen. Diese Milch hat mir wiederholt so vortreffliche Dienste geleistet, dass ich die letzten Jahre zuerst zu diesem Surrogat der Muttermilch meine Zuflucht nahm, und in zweiter Reihe zur Kuhmilch, wo diese, wie z. B. auf Java, in hinreichender Quantität, aber oft in schlechter Qualität zu bekommen ist.

Wenn man seine eigene Kuh hat und das Melken controlliren kann, so hat man doch noch Schwierigkeiten damit; nur zu oft geschieht es, dass die Kuh entweder krank wird, oder wenigstens sich den Magen verdirbt; sie bekommt Diarrhoe und der Säugling, welcher ihre Milch trinkt — wird auch krank. Wenn auch unter den schweizerischen Kühen, welchen diese Conserven ihren Inhalt verdanken, die eine oder andere Kuh krank wird, so vertheilt sich ihre Milch auf die grosse Menge; ich will mich jedoch anderer theoretischer Erklärungen enthalten, weil für mich die Thatsache spricht, dass in Indien unter den zahlreichen Ersatzmitteln der Muttermilch die condensirte Milch mir die besten Resultate gegeben hat.

Um nur eines Falles zu gedenken: Im Jahre 189.. kam in Ngawie der Lieutenant X., welcher eine tuberculose Frau hatte, mit einem ½ Jahr alten Kinde in Garnison. Das Kind war eine Mumie, obzwar es mit Eiweiss genährt wurde. (Eiweiss kann nur für einige Tage ein Surrogat der Muttermilch sein, für die Dauer regt es zu wenig die Peristaltik des Magens und der Därme an.) Sofort liess ich die Ernährung mit Eiweiss trotz des Sträubens der Eltern aussetzen und liess dem Kinde erwähnte condensirte Milch, und zwar in einer Auflösung 1 : 12 geben. Das Kind vertrug die Milch gut und schon nach wenigen Wochen entwickelte sich ein kräftiges Fettpolster.

Eine zweite Ursache, warum ich in Indien geradezu vor dem Gebrauche der Kuhmilch für Säuglinge warnen muss, ist die Thatsache, dass sie, ich möchte sagen fast immer, mit Wasser aus dem Sumpfe (Sawahfeld), oder aus den Riols, mit Zuckerwasser, Cocosmilch oder selbst mit Gyps verfälscht wird. Selbst wenn man seine eigene Kuh hat, aber beim Melken nicht dabei steht, ist man seiner Sache nicht sicher, weil der Bediente, der damit betraut ist, einen Theil der Milch unterschlägt, um sie zu verkaufen, und, um das gewöhnliche Maass seinem Herrn abzuliefern, die Milch verfälscht. Uebrigens hat die erwähnte condensirte Milch diesen Vortheil, dass man eventuell einen Soxhletapparat entbehren kann. Man braucht ja keinen Vorrath an Milch zu halten, während die von der Kuh gewonnene Milch nicht allein sofort gekocht, sondern auch in gut verschlossenen Flaschen zum Zwecke der Sterilisirung bewahrt werden muss. Wenn man keinen Soxhlet besitzt, gebraucht man in Indien häufig die Fläschchen von Eau de Cologne von ungefähr 200 Ccm. Trotz ihres Reichthums an Zucker hält sich die condensirte Milch 2, selbst 3 oder 4 Tage in Indien, bevor Schimmel darauf kommt; also für jeden Fall so lange, dass ein Kind die Büchse zu Ende gebrauchen kann. Man kann ja aus einer Büchse 2–3 Liter Milch gewinnen, und da nebstdem so eine Büchse 30–40 Kreuzer in Java kostet, und eine Flasche Milch von 750 Ccm. mit 25 Kreuzern bezahlt wird, so verdient auch vom ökonomischen Standpunkte aus diese Milch in Indien den Vorzug vor der käuflichen Kuhmilch.