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Heinrich Brugsch-Pascha.

Aus dem Morgenlande.

Altes und Neues

von

Prof. Dr. H. Brugsch-Pascha.

Mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers

von

Ludwig Pietsch.

Mit Porträt und 7 Abbildungen.


Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Aus dem Morgenlande.


Inhaltsverzeichnis.

Seite

Heinrich Brugsch-Pascha. Von Ludwig Pietsch

[5]


Die Symbolik der Farben

[13]

Die älteste Rechenkunst

[25]

Der Hypnotismus bei den Alten

[43]

Litteraten zur Moseszeit

[53]

Zur ältesten Zeitrechnung

[62]

Die sieben Hungerjahre

[75]

Zur ältesten Geschichte des Goldes

[90]

Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit

[101]

Eine Blitzstudie

[128]

Der große königliche Gräberfund

[140]

Die großen Ramessiden

[170]

Pyramiden mit Inschriften

[176]

Im Faijum

[192]

Heinrich Brugsch-Pascha.

Das physiologische Kapitel von den geistigen Anlagen und der Vererbung ist, trotzdem wir in unserem Wissen von der Natur so herrlich weit gekommen sind, noch immer ein so dunkles und geheimnisvolles, wie je in früheren „dunkeln“ Zeiten. Wie kam der Knabe, welcher am 18. Februar 1827 zu Berlin dem braven Unteroffizier bei den Garde-Ulanen, Brugsch, geboren wurde, dazu, während seine großen geistigen Fähigkeiten fast noch unerweckt und von anderen kaum geahnt in seiner Seele ruhten, als er noch die mittleren Klassen des Kölnischen Gymnasiums besuchte, plötzlich von einer alles andere zurückdrängenden Leidenschaft für die Geschichte, die Kunst und Schriftwerke des alten Pharaonenlandes ergriffen zu werden? Es war, als ob eine ganz besondere Anlage gerade für diesen Zweig der Altertumswissenschaft in ihn gelegt gewesen wäre. Die erste Lektüre des Abschnittes über Ägypten im alten Herodot, welchen der des Griechischen noch nicht mächtig gewordene dreizehnjährige Schüler in deutscher Übersetzung zufällig zu lesen bekam, entschied über sein ganzes ferners Leben und Streben. Ein heißes Verlangen, sich über alles, was jenes alte Wunderland am Nil betraf, zu unterrichten, ergriff ihn. Er gab Unterrichtsstunden an andere Schüler, um sich die Mittel zu verschaffen, sich Bücher über Ägypten zu erwerben. Die Königliche Sammlung ägyptischer Altertümer, die damals noch in dem, heute vom Hohenzollernmuseum eingenommenen, Schloßpavillon von Monbijou aufgestellt war, wurde der letzte Aufenthalt des Schülers. Sein ernster Eifer und seine Begeisterung für diese Denkmale machte den Direktor der Sammlung, Prof. Passalacqua, auf ihn aufmerksam. Er suchte den jungen Brugsch in seinen Bestrebungen zu fördern; lehrte ihn die Arbeiten Champolions, die Entzifferung der Hieroglyphenschrift und deren Grammatik, kennen. Mit dieser vertraut geworden, warf Brugsch sich auf das Studium der demotischen, d. h. der altägyptischen Volkssprache und Schrift, mit gleicher Leidenschaft. Bald lernte er diese Zeichen auf Steininschriften und Papyrusresten lesen und entziffern. Ja noch als Schüler des Gymnasiums verfaßte er eine Grammatik der demotischen Sprache der alten Ägypter. Alexander von Humboldt, der hochherzige Förderer aller geistigen Bestrebungen, unterstützte den jugendlichen Gelehrten mit den zur Herausgabe dieser Arbeit erforderlichen Geldmitteln. Wenn Lepsius, der Berliner Ägyptologe, ein abfälliges Urteil über dieselbe abgegeben haben soll, so fand sie dafür in Paris eine desto ehrenvollere Aufnahme. Eine der ersten Autoritäten, Vicomte E. de Rougé, spendete dem Werk des jungen Deutschen die wärmste Anerkennung. Vor seinen Lehrern hatte dieser merkwürdige Gymnasiast jene Studien und Arbeiten vollständig geheim zu halten gewußt. Sie sahen ihn nur besonders auf den Gebieten der Sprachen, der Geschichte, Geographie, Mathematik und Naturwissenschaften während dieser Zeit überraschend schnelle glänzende Fortschritte machen, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er durch eigene Kraft, heimlich studierend und arbeitend, in der Specialwissenschaft der ägyptischen Altertumskunde erworben hatte. Das Glück gesellte sich dem Talent und dem Fleiß. Direktor Passalacqua machte Friedrich Wilhelm IV. auf Brugsch und seine Arbeiten aufmerksam. Der König gewährte ihm ein reiches Stipendium, um seinen Universitätsstudien obzuliegen, und nach deren Absolvierung eine neue königliche Unterstützung, um seinen sehnsüchtigsten Wunsch zu erfüllen, Ägypten zu bereisen und die gewaltigen Denkmale der Pharaonenzeit in ihrer Heimat mit eigenen Augen zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1852 trat Brugsch diese Reise an. Er hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft des berühmten französischen Ägyptologen Mariette-Bey zu machen, der damals eben in der Nähe des Dorfes Sakkarah bei der ungeheuern Totenstadt der Hauptstadt des alten Reiches, Memphis, die Ausgrabung des dort entdeckten grandiosen unterirdischen Felsengrabes mit den kolossalen schwarzen Granitsarkophagen der heiligen Apisstiere leitete. Dabei wurde auch eine außerordentliche Menge demotischer Inschrifttexte ans Licht gefördert, welche dem Scharfsinn und dem gelehrten Wissen des deutschen Forschers reichen Anlaß zur glänzenden Bethätigung bei ihrer Entzifferung boten.

Acht Monate verweilte er dort in der Gesellschaft Mariettes und widmete sich mit voller Hingebung diesen für die altägyptische Sprach-, Geschichts- und Landeskunde unschätzbar wichtig gewordenen Arbeiten. Erst dann setzte er seine Studienreise nach Oberägypten zu den anderen Tempelpalästen, den Denkmalen und Felsengräbern am Wüstenrande des Nilthales fort. — Zwei Jahre lang hatte ihn dieser ägyptische Aufenthalt von der Heimat fern gehalten. Nach Berlin im Jahre 1854 zurückgekehrt, wurde Brugsch vom Könige und Alexander von Humboldt in jeder Weise ausgezeichnet. Er habilitierte sich als Privatdocent an der Universität, und es fehlte ihm nicht an begabten Schülern, welche sein Werk erfolgreich fortgesetzt haben. Seine Studien arbeitete er zu einem großen historisch-geographischen Werk über das alte Ägypten der Pharaonenzeit aus. Noch eine zweite Reise dorthin unternahm er nicht lange nach jener ersten. Diesmal machte er die Nilfahrt nach Oberägypten auf einem viceköniglichen Dampfer in Gesellschaft seines Freundes Mariette, der eben damals mit der Begründung des ägyptischen Museums zu Bulak bei Kairo beschäftigt war. Durch Humboldt warm empfohlen, machte Brugsch damals die persönliche Bekanntschaft des Chedive Said-Pascha, der ihm die Mittel zur Herausgabe seines ersten französisch geschriebenen Versuchs einer Geschichte Ägyptens gab. Diese von ihm veröffentlichte „Histoire d’Égypte“ ist die Grundlage seines späteren 1879 erschienenen umfassenden Werkes „Geschichte Ägyptens unter den Pharaonen“ geworden. — Den wieder Heimgekehrten trafen herbe Schicksalsschläge. Sein Vater starb, und dieser Tod legte dem Sohne die Pflicht der Sorge für eine geliebte Mutter und einen fünfzehn Jahre jüngeren Bruder auf. Ein Jahr später schied auch sein hochherziger greiser Gönner Alexander von Humboldt aus dem Leben, und der königliche Schützer und Förderer des Gelehrten, dessen besondere Wissenschaft nicht zu denen gehört, welche ihren Jüngern als reichlich melkende Kühe dienen können, verfiel jener schweren unheilbaren Gehirnkrankheit, die seinen reichen Geist für immer in Nacht hüllte und ihn stumpf und tot für alles geistige Leben um ihn herum machte. Es kam eine schwere Zeit für den Schützling des unglücklichen Monarchen....

In ganz ungeahnter Weise sollte Brugsch aus diesem engen sorgen- und mühevollen Leben in der Heimat herausgerissen werden. Er nahm eine Einladung des ihm wohlwollenden Herrn von Minutoli an, ihn auf seiner Gesandtschaftsreise nach Teheran zum Schah von Persien zu begleiten. Jener erlag auf derselben einer tödlichen Krankheit. Brugsch trotzte glücklich allen Anstrengungen und Gefahren dieser Reise, von deren Verlauf sein 1862 veröffentlichtes Buch: „Die Reise der preußischen Gesandtschaft nach Persien“ ein getreues fesselndes Bild giebt. Der anscheinend mit seinem ganzen Denken der Gegenwart abgewendete, auf die Beschäftigung mit einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt und Kultur sich konzentrierende Gelehrte war durch die Verhältnisse in eine praktische, halb diplomatische Thätigkeit hineingedrängt worden. Dem von Persien unbefriedigt Zurückgekehrten wurde von der preußischen Regierung die Stelle eines Konsuls in Kairo angeboten, und er nahm sie in der Hoffnung an, so die beste Gelegenheit zur Fortsetzung seiner ägyptischen Studien zu erhalten. Aber bald mußte er die Unmöglichkeit erkennen, zugleich zweien Herren zu dienen, der reinen Wissenschaft und den Konsulatsamtspflichten. Letztere nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; um so mehr als gerade damals (1865) die verheerende Choleraepidemie und eine furchtbare Teuerung ausbrachen. Die großen Schwierigkeiten seiner Stellung wurden dadurch aufs äußerste gesteigert. Er hatte den schlimmsten Gefahren tapfer Stand gehalten. Aber die Konsulatsthätigkeit war ihm gründlich verleidet. Er legte sein Amt nieder mit der Absicht, dauernd in Frankreich seinen Wohnsitz aufzuschlagen, da sich im Vaterlande für seine wissenschaftliche Kraft keine Verwendung zu finden schien. In Paris fand er desto schmeichelhafteres Entgegenkommen. Aber gerade damals erging an Brugsch die Königliche Berufung an die Universität Göttingen als ordentlicher Professor. Nun endlich konnte er wieder seine streng wissenschaftlichen Arbeiten aufnehmen. Die Lehrthätigkeit, welche er mit großem Erfolge, eine Schar von Hörern um sich versammelnd, übte, ging damit Hand in Hand. Dort hat er 1868 das großartige Werk seines Wörterbuchs der demotischen und der Hieroglyphenschrift der alten Ägypter vollendet, das vier Bände umfaßt, welche er seitdem noch durch drei Supplementbände ergänzt hat. — Aber langes ruhiges Verharren in derselben Stellung ist ihm niemals beschieden gewesen. Sein ganzes reiches Leben zeigt einen beständigen Wechsel des Orts, der Stellung, der Thätigkeit. In demselben Jahr 1868 erging an ihn eine Einladung des damaligen Chedive von Ägypten, Ismael Pascha, nach Kairo zurückzukehren und in ägyptische Dienste zu treten, um in seiner herrlichen Hauptstadt eine ägyptische Akademie ins Leben zu rufen, zu organisieren und zu leiten. Mit Königlicher Bewilligung verließ Brugsch, auf welchen das Nilland immer wieder seinen alten Zauber, seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, Göttingen und folgte dem verlockenden Ruf. Seine Bemühungen, die Absicht und Idee Ismael Paschas zu realisieren, blieben nicht erfolglos. Das folgende Jahr des höchsten Glanzes der Regierung des Chedive, das Jahr der Eröffnung des Suezkanals im Beisein der Souveräne und aller glänzendsten Repräsentanten der Bildung und des Geistes Europas und Amerikas, führte Brugsch auf ägyptischem Boden in mannigfache persönliche Beziehungen zu jenen erlauchten Gästen. Wurde es auch durch nicht eben lautere Mittel verhindert, daß er, der wie kein Zweiter für eine solche Aufgabe berufen und geeignet war, unseren Kronprinzen auf seiner Nilfahrt nach Oberägypten als sachkundigster Führer durch jene Wunderwelt der altpharaonischen Riesendenkmäler begleitete, so ward ihm dafür die Genugthuung, sich eingeladen zu sehen, den Kaiser von Österreich zu der und durch die Nekropole des alten Memphis mit ihren Pyramiden und Grabtempeln zu geleiten. An ehrenden Auszeichnungen für die hohen wissenschaftlichen Verdienste seines Führers ließ Kaiser Franz Josef es nicht fehlen. Wie des Vaters Gunst, so wurde dem Gelehrten später auch die des Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, im vollen Maß zu teil. Auf dessen Reise nach Oberägypten im Jahre 1881 hat Brugsch ihn auf die dringende Einladung des liebenswürdigen Prinzen als Führer und Dolmetscher begleitet. Uns Deutschen, die wir durch das große Ereignis der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten geführt worden waren, erwies sich unser berühmter Landsmann, in seiner hochangesehenen, wichtigen Stellung im ägyptischen Staatsdienst allzeit hilfreich, förderlich und dienstbereit. Er öffnete uns sein Haus, in dessen Räumen wir, echte deutsche Heimatluft atmend, das Weihnachtsfest jenes Jahres feierten, und sammelte durch sein ganzes Bezeigen feurige Kohlen auf unser Haupt. Zu dem unvergänglichen Glanz und Reiz, der in unserer Erinnerung diese letzten Monate des Jahres 1869 umstrahlt und schmückt, hat Heinrich Brugsch sehr wesentlich beigetragen.

Er blieb während der folgenden Jahre bis zur Abdankung Ismael Paschas und zum Siege der britischen Intriguen und Vergewaltigungen Ägyptens in dem Dienste des Chedive. Als dessen Generalkommissar organisierte und leitete er jene wundervolle ägyptische Abteilung der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873, und ebenso drei Jahre später die der Ausstellung zu Philadelphia. Jede dieser großen Aufgaben, die eben so gründliche, wissenschaftliche Kenntnis des ägyptischen Altertums, der pharaonischen wie der arabischen und mameluckischen Zeiten des Nillandes und ihrer Denkmale, eine gleich innige Vertrautheit mit dem Leben, der Kultur, der Thätigkeit des ägyptischen Volkes und seiner Regierung in der Gegenwart, und dazu noch einen hohen Grad von organisatorischem Talent und praktischem Geschick erforderten, hat Brugsch vollendet und in wahrhaft vornehmer Weise im Sinne und zur Zufriedenheit seines Auftraggebers zu lösen verstanden. Aber während alle, die damals das Vertrauen des Chedive genossen und einflußreiche Stellungen bei ihm bekleideten, sich auf seine Kosten bereichert haben, ist Brugsch ohne Vermögen, wie er in dessen Dienst getreten war, auch wieder aus Ägypten gegangen. Der Titel Pascha und eine kleine Pension — darauf beschränkt sich der Lohn, der ihm geworden.

Noch mehrfach begleitete er, als mit Land und Leuten, mit der Sprache und den Denkmalen vertrautester Führer, europäische Fürsten auf ihren Reisen durch Ägypten und auch wohl Syrien; so den Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin; so den Prinzen Friedrich Karl. Einen lebendigen und anregend geschriebenen Bericht über diese Reise hat Brugsch in einem durch Major von Garnier mit Zeichnungen geschmückten Buch: „Prinz Friedrich Karls Reise im Morgenlande“ gegeben.

Solche Reisen und jene zeitraubenden Arbeiten als Ausstellungskommissar haben ihn dennoch nie dauernd von seiner streng wissenschaftlichen Thätigkeit abzulenken vermocht. Durch seine immer fortgesetzten Forschungen und litterarischen Veröffentlichungen über die Himmels- und Erdkunde, Zeitrechnung, Geschichte, Sprache, Philosophie, Religion, Poesie und Kunst der alten Ägypter hat er damals die Kenntnisse von dieser ehrwürdigen ältesten Kultur der Welt fort und fort erweitert, vertieft und bereichert, seiner Wissenschaft neue Freunde und Bekenner geworben und mächtig dazu beigetragen, das Bewußtsein von ihrer Bedeutung und Wichtigkeit zu verbreiten und in seinem Volk lebendig zu erhalten.

Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden. Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht. Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf, ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und ein anderes: „Die Muse von Teheran“.

In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der Berliner Universität als Privatdocent. Die durch Lepsius’ Tod erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig besetzt. — Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist.

In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die seine, scheint sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden, mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen. Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug. Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten Augenärzte wirkt. — Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben, der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist.

Ludwig Pietsch.

Aus dem Morgenlande.

Die Symbolik der Farben.

Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue, das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb, die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln, vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen, verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.

Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird. Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben äußerte, weil ihm eine schwarze Weste, statt einer gewünschten rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen, daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.

Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der Farbensymbolik zu wenden.

Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik, welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen.

Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan, auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt habe, um klassische Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu gewinnen.

Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen. Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen, diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung.

Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände, an der Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden. Ich wähle eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für alle ähnlichen gelten darf: 1) Silber, 2) Gold, 3) Saphir oder Lasurstein, 4) Smaragd, 5) Eisen, 6) Kupfer, 7) Blei, 8) Smirgel. Da in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen eigentümlichen Farbe dem Beschauer vor Augen geführt werden, so läßt sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß, Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb, Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin in sich.

Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als heilige betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge giebt die Reihe an: Weiß, Grün, Hellrot, Dunkelrot, während in einer jüngeren Epoche das Hellrot durch Hellblau verdrängt wurde. Die Teppiche, Vorhänge, Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den Turmflügeln der Tempel mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um zum heiligen Gebrauch verwertet werden zu können.

Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben vorgeschrieben waren: Weiß, Blau, Dunkelrot und Hochrot, welche bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und der Priesterkleidung ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine symbolische Bedeutung eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es auch den Auslegern noch nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen endgültig zu führen. Der Unterschied zwischen den ägyptischen vier heiligen Farben und den ebräischen berührt lediglich die Farbe des Grünen, welche bei den Israeliten durch Blau ersetzt ward.

Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyptischen Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck der Farbe zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff, ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die heiligen Tiere (von jeder Gattung vier), deren Farbe durch eine priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale ihrer Heiligkeit angesehen wurden.

Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde.

Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben, stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß, den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über dasselbe. Dem Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren Umgang. Aus diesem Grunde opferte man rotfarbige Tiere, um dem unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine rötliche Kuh als Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde. Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten.

Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und was dergleichen Überlieferungen mehr sind.

Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt, jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene. Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte. Soweit nach den Alten.

Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.

1) Weiß. Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren gegenüber. Beim anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das „helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die „Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch, der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl „glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und „prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum „prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel „glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte, mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht, daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines uralten Ursprungs rühmen dürfen.

2) Gelb. Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet. Die ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen, wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände, welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.

3) Dunkelblau, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt, sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser Pflanze den Beinamen Dar-neken, d. h. „vor Schaden bewahrend“. Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd, jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.

4) Grün, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten, weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“ Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen, welche die Ägypter, besonders die Frauenwelt, an ihren Fingern, oder auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.

5) Rot. Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein, die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose, verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte, betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter sühnte Verbrechen und Sünde.

In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen, abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde bis zum Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar; man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf, sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist, werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze rot gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der heiligen Sühne diente.

Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene Vorschrift „von der rötlichen Kuh und dem Sprengwasser“, um sich die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt war.

Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.

6) Schwarz. Die symbolische Bedeutung dieser Farbe wird am besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens, ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer, gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.

Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb, Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant, Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen, bei bunten Zeugstoffen u. s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“, so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in innigstem Zusammenhang.

Die älteste Rechenkunst.

So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen, so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem das Zeichen der Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen.

Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern bezeichnet werden.

Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker, ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets, um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner ausführlicheren Erörterung.

Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei, drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s. w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen darzustellen. Ein liegender Strich — z. B. vertrat die Stelle von |||, oder 4, zwei übereinander liegende = die Stelle von 2×4 Strichen, oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen Bezeichnungsweise.

War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden, so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle, nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser „Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete. Ro 3, ro 4, ro 20, ro 124 hieß soviel als ein Drittel, ein Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte hatte man ein eigenes Zeichen erfunden, ebenso für 2⁄3 und wenige andere Brüche. Im übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also 1⁄3, ¼, 1⁄5 u. s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer als 1 war, nahm man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in solche mit dem Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab. So wurde ¾ einfach in die Brüche ½ und ¼ zerlegt, die in der schriftlichen Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige Zerlegung nicht immer durchführbar, so ließ man den letzten kleinsten Bruch ganz aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen kleinen Fehler.

Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen, in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde bescheidenere Dimensionen an.

Und dennoch haben nicht nur die jüngeren, sondern bereits die ältesten Ägypter es fertig gebracht, trotz ihrer unbeholfenen Zahlenbezeichnungen nicht nur die verzwicktesten Rechenoperationen durchzuführen, sondern in Gestalt gewählter Beispiele ihre arithmetischen Lehrsätze der Mit- und Nachwelt zur Nachachtung in methodischer Weise zu enthüllen. Den ersten Anstoß dazu gab die vielfach geübte Praxis der Vermessung.

Schon die Griechen lebten der Überzeugung, daß in Ägypten die Wiege der Feldmeßkunst gestanden habe und daß diese Kunst von dort zu den Hellenen gekommen sei. Das gesteht als einer der ältesten Zeugen Herodot (II. 109.) ausdrücklich zu. Als Grund dafür giebt der Vater der Geschichte die Notwendigkeit einer alljährlichen Berichtigung der an den König zu entrichtenden Steuerquote an, weil die eintretende Überschwemmung von den vermessenen Äckern der Einwohner gelegentlich ein Stück loszureißen pflege und den Ertrag derselben dadurch verringere. Um diesen Unterschied in gerechter Weise festzustellen, seien die königlichen Feldmesser mit der Nachmessung von Amts wegen betraut worden. Aber auch sonst fehlt es nicht an Zeugnissen aus dem klassischen Altertume, daß nicht bloß die Feldmeßkunst, sondern das gesamte Rechenwesen auf altägyptische Ursprünge zurückzuführen sei.

Ich will an dieser Stelle und gleichsam in Parenthese eine Thatsache anführen, welche die neueste Geschichte Ägyptens seit der englischen Okkupation betrifft und mit der herodotischen Bemerkung in einem gewissen Zusammenhange steht. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die britische Verwaltung im Nilthale mit der schwierigen und zeitraubenden Aufgabe, eine Vermessung des gesamten urbaren Landes durchzuführen, und zwar auf Grund der Lehren der europäischen Feldmeßkunst, da nähere Prüfungen des Katasters der früheren ägyptischen Verwaltung Ungenauigkeiten in den Angaben der vermessenen Feldstücke herausgestellt haben. Die aus den europäischen Berechnungen hervorgehenden Unterschiede waren bald größer, bald kleiner und beeinflußten damit die Höhe der den Besitzern auferlegten Abgaben.

Aber dennoch war es nicht eine bloße Willkür, welche den ägyptischen Vermessungen zu Grunde lag. Erst in diesem Jahre hat sich nämlich die wunderliche Thatsache herausgestellt, daß die modernen ägyptischen Massahin oder Feldmesser, meistens Kopten, d. h. christliche Nachkommen der alten Ägypter, sich eines Systems bedienten, das zwar auf Grund seiner fehlerhaften Anlage unrichtig, seinem Ursprunge nach uralt, mit andern Worten urägyptisch ist. In welcher sonderbaren Weise die modernen Feldmesser, welche sich eines Rohrstabes oder eines Palmenzweiges in der Länge einer sogenannten Kassabeh (3,55 Meter) bei ihrer Arbeit zu bedienen pflegen, ihre Operationen ausführten, mögen die folgenden Beispiele beweisen.

Um den Flächeninhalt eines beliebigen Dreiecks festzustellen, ohne Rücksicht auf dessen Gestalt in Bezug auf die Winkel, multiplizieren sie nach alter Gewohnheit die halbe Länge der kleinsten Seite mit der halben Summe der Längen der beiden übrigen Seiten. Der Irrtum bei dieser Art der Berechnung erreicht nicht selten das Vierfache des geometrisch bestimmten wirklichen Wertes, so daß der Steuerzahler sich im höchsten Maße benachteiligt sehen mußte. Bei einem vierseitigen Feldstücke, wiederum ohne Rücksicht auf seine besondere Gestaltung, multiplizieren sie die Hälfte der Längensummen je beider gegenüberliegender Seiten miteinander. Eine solche Methode ergiebt nur bei einem Viereck oder Rechteck das geometrisch richtige Resultat, führt aber bei allen übrigen vierseitigen Feldstücken, z. B. in Trapezform, zu den gröbsten Irrtümern.

Selbst die späteren Niederlassungen der Hellenen in Ägypten und die Bekanntschaft mit den Fortschritten der angewandten Mathematik änderten nichts an den herkömmlichen Gewohnheiten der ägyptischen Harpedonapten oder Feldmesser, Gewohnheiten, die sich bis zur Stunde unter den modernen Ägyptern fortgepflanzt haben. So befinden sich beispielsweise lange hieroglyphische Inschriften auf den Mauerwänden des Tempels von Edfu, deren Inhalt die Größe des heiligen Tempelgutes nach Zahl und Maß der Äcker auf Grund der Angaben der Feldmesser betrifft. Die nun 2000 Jahre alte Methode kehrt auch darin wieder. So wird darin ein quadratisches Feldstück von 2 Ruten die Seite mit Hilfe der Formel (2 + 2)2 × (2 + 2)2 richtig auf 4

Ruten berechnet und ebenso ein rechteckiges, dessen gegenüberliegende Seiten die Längen von 2 und 20 Ruten betrugen, durch die Formel (2 + 2)2 × (20 + 20)2 = 40

Ruten bestimmt, aber für ein trapezförmiges Feldstück mit den gegenüberliegenden Seitenlängen 21 zu 20 und 4 zu 4 Ruten findet sich irrtümlich dieselbe Formel angewendet: (21 + 20)2 × (4 + 4)2 = 82

Ruten, während die geometrische Berechnung dafür die Zahl 81,18

Ruten ergiebt.

Dieselbe Formel, welche der Berechnung des Flächeninhaltes eines vierseitigen Feldes ohne Rücksicht auf seine besondere Gestalt im höchsten Altertum zu Grunde lag, findet sich in den Hunderten von Beispielen der Edfuer Inschriften auch auf jedes Dreieck irgend welcher Gestalt angewendet, nur mit dem Unterschiede, daß die der kleinsten Seite gegenüber liegende Spitze des Dreiecks, gleichsam die vierte, zu einem mathematischen Punkte zusammengeschrumpfte Linie, durch das Wort „nichts“ ersetzt wurde. Wir würden dafür 0 sagen. Zur Berechnung eines gleichseitigen Dreiecks von je einer Rute Längenausdehnung der Seite findet sich daher der gewöhnliche Ansatz: (1 + 0)2 × (1 + 1)2 = ½

Rute, für ein gleichschenkliges Dreieck mit der Grundlinie einer Rute und der Schenkellänge von 2 Ruten tritt der gleiche Ansatz ein, nämlich (1 + 0)2 × (2 + 2)2 = 1

Rute. Thatsächlich beträgt aber der Inhalt des ersteren 0,433 gegen 0,5

Ruten, und der des letzteren 0,968 gegen 1

Rute. Die Fehler, welche aus dieser Methode entspringen, die noch in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfange unserer Zeitrechnung ihre Verwendung fand, sind genau dieselben, welche sich aus den gleichen Ansätzen der modernen Feldmesser in Ägypten ergeben und welche mit allem Rechte die englische Verwaltung durch geometrische Nachmessung zu beseitigen bemüht ist, um einen genauen Kataster des urbaren Landes im Nilthale ein für allemal festzustellen und eine gerechte Verteilung der Besteuerung bebauter Felder herbeizuführen.

Eine derartige Berechnung für alle Fälle verstößt gegen die bekanntesten und einfachsten Regeln der Geometrie, wie sie heutzutage unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und rechtfertigt die britische Rektifizierung, aber sie findet ihr ältestes Vorbild in einem altägyptischen Papyrus, dessen Abfassung in die Zeiten zwischen den Jahren 1800 und 2000 v. Chr. fällt. Beinahe 4000 Jahre hindurch hatte sich danach die einseitige Lehre bis zu den modernen ägyptischen Feldmessern fortgepflanzt, um schließlich von den Engländern über den Haufen geworfen zu werden!

Der altägyptische Papyrus, auf welchen ich soeben angespielt habe, befindet sich im Britischen Museum zu London, ist in hieratischen Schriftzügen abgefaßt, mit mathematischen Figuren versehen und deshalb in die Wissenschaft unter dem Namen des mathematischen Papyrus von London eingeführt. Aus seinem reichen Inhalt, der durch die Behandlung eines deutschen Gelehrten (Prof. Eisenlohr in Heidelberg) bekannter geworden ist, hebe ich nur hervor, daß die Berechnung des Flächeninhaltes von Feldstücken und des kubischen Inhaltes meist zur Aufnahme von Getreide bestimmter hohler Räume bis zu den kleinsten Maßen hin den Hauptgegenstand der an Beispielen erläuterten Lehrsätze bildet. Wie nahe man aber in einzelnen Fällen der geometrischen Wahrheit war, dafür spricht vor allem die bereits vor fast 4000 Jahren aufgestellte Formel zur Berechnung des Flächeninhalts eines kreisförmigen Feldstückes. Aus den im Papyrus vorgelegten Beispielen erhellt, daß man von dem Durchmesser des Kreises ein Neuntel abzog und den übrig bleibenden Rest mit sich selbst multiplizierte. Ich führe in wörtlicher Übersetzung ein Beispiel an, dem ein Kreis beigefügt ist mit den Schriftzeichen für „9 Ruten“ (oder Kassabeh) in seinem Innern. Der dazu gehörige Text lautet wie folgt: „Berechnung eines kreisförmigen Feldes von 9 Ruten (Durchmesser). Es wird die Frage nach seinem Flächeninhalt gestellt. Ziehe bei dir sein Neuntel ab, das ist 1. Als Rest bleibt 8. Multipliziere 8 mal 8. Das Facit ist 64

Ruten. Das ist sein Flächeninhalt.“

Man muß billig erstaunt sein, daß dies Resultat sich nur unmerklich von der wirklich richtigen Zahl (64,0224

Ruten) auf Grund unserer modernen Methode unterscheidet, in welcher die Zahl π eine so bedeutungsvolle Rolle für die Kreisberechnung spielt.

Die Beispiele, so viel deren in dem uralten Papyrus ziffernmäßig entwickelt werden, beziehen sich mit äußerst geringen Ausnahmen auf die praktische Thätigkeit des Ackerbauers in Bezug auf die Vermessung seiner Felder und die räumliche Bestimmung der für die Aufnahme der verschiedenen Getreidesorten errichteten Speicher oder sonstiger Baulichkeiten mit Hilfe der bestehenden großen Getreidemaße und ihrer Unterabteilungen. Das waren unentbehrliche Geschäfte gerade wie dies bis zur heutigen Stunde in ganz Ägypten und in der übrigen Welt der Fall ist. Daß man schon sehr frühzeitig daran dachte, die Hauptregeln der Vermessungskunst für den alltäglichen Gebrauch des Landmannes niederzuschreiben, dafür tritt der Londoner Papyrus als redender Zeuge ein.

Soweit wir gegenwärtig in der Lage sind, die Textworte zu verstehen und die Berechnungen von Zahl und Maß bis in ihre Einzelheiten zu verfolgen, stellt sich als allgemeines und zweifelloses Ergebnis die Thatsache heraus, daß die in dem Papyrus niedergelegten Regeln und Methoden mit ihren als Erläuterung dienenden zahlreichen Beispielen auf einer verständigen Grundlage beruhen und durchaus nicht an ein Zeitalter der menschlichen Kindheit erinnern. Es ist im Gegenteil erstaunlich, wie man ohne die Kenntnis des Stellenwertes der Zahlenreihen die verwickeltsten Rechnungen durchzuführen vermochte und selbst bei Bruchberechnungen nur in äußerst seltenen Fällen, wie man zu sagen pflegt, selber in die Brüche geriet.

Nur ein Umstand bleibt dabei auffällig, daß man nämlich nicht nur die einfachsten Brüche mit dem Zähler Eins, die man in der kürzesten Weise zu bezeichnen imstande war, in den häufigsten Fällen in kleinere Brüche mit demselben Zähler Eins zerlegte, sondern die Nenner in ein gewisses abhängiges Zahlenverhältnis zu einander stellte. So finden sich beispielsweise in einer mir vorliegenden Rechnung, von welcher weiter unten ausführlicher noch die Rede sein wird, die Brüche 1⁄10 und 1⁄5 durch die nebeneinanderstehenden Bruchzahlen 1⁄16, 1⁄32, 2⁄320 und 1⁄8, 1⁄16, 4⁄320 gleichsam umschrieben wieder. Durch eine leicht ausführbare Nachrechnung überzeugt man sich sofort von der Richtigkeit beider Ansätze.

Es diene zum Verständnis dieser auffallenden Erscheinung die Bemerkung, daß die Bezeichnung jener Teilbrüche nicht mit Hilfe der gewöhnlichen Zahlzeichen, sondern durch Schriftcharaktere vor sich geht, von denen jedes einzelne ein besonderes Wort zum Ausdruck eines bestimmten Hohlmaßes darstellt. Es ist etwa so als wollte man mit Bezug auf unser älteres Getreidemaß-System die Brüche ½, 1⁄24 und 1⁄384 (Wispel) mit den Worten: Malter, Scheffel und Metze wiedergeben. Es ist sofort ersichtlich, daß diese Wörter der Reihe nach bestimmte Bruchteile des Wispels andeuten, ohne daß dies zunächst aus ihrem Namen selber hervorgeht. Für denjenigen, welcher mit den Getreidemaßen und ihren Verhältnissen zu einander vertraut ist, sind ihre ziffernmäßige Wertgrößen von vornherein verständlich.

Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, auf eine wenig bekannte, sehr eigentümliche Rechnungsmethode überzugehen, welche noch heutzutage von den koptischen Schreibern der Regierung, aber auch sonst im gewöhnlichen Lebensverkehr ausgeübt wird, sobald es sich um Rechnungen mit Brüchen handelt. Diese Methode, welche mit der altägyptischen die größte Verwandtschaft besitzt, führt im Munde der Eingeborenen den Namen der indischen Rechnung, obgleich ich keinen Grund für ihren Ursprung anzugeben vermag.

Einleitend mache ich darauf aufmerksam, daß man bei Unterhaltungen mit den modernen Ägyptern sehr häufig die Redensart vernimmt: das ist wie die Elle, oder das paßt wie die 24, um die Genauigkeit irgend einer Angabe im Besonderen zu bestätigen. Man muß dazu wissen, daß nicht nur bei den gegenwärtigen Bewohnern im Nilthale, sondern schon bei den alten und ältesten Ägyptern die Elle eine ganz besondere Heiligkeit besaß, und daß man sie damals wie noch heute in 24 gleiche Teile teilte, welche im Altertume „Finger“ hießen und jetzt den Namen Kirat tragen. Nicht nur die Einheit der Elle, sondern jede Einheit überhaupt wird von den heutigen Ägypter als aus 24 gleichen Teilen bestehend betrachtet, so daß ihre Hälfte durch 12, ihr Viertel durch 6, ihr Sechstel durch 4, ihr Achtel durch 3 u. s. w. bezeichnet zu werden pflegt. Handelt es sich in den modernen Berechnungen der koptischen Schreiber z. B. um die Summierung der Brüche ½, 1⁄8, 1⁄12, so addiert man die Teilstücke der Elle: 12 + 3 + 2 = 17 zusammen, und zieht daraus die rechnungsmäßigen Schlüsse. Da ja der Bruch für sich allein wieder als eine neue Einheit betrachtet wird, so entsteht daraus ein weit verzweigtes Rechnungssystem, welches bis zu den kleinsten Brüchen fortgeführt wird.

Ganz ähnliche Anschauungen herrschten bereits im höchsten Altertum vor, wenigstens in Bezug auf die überlieferten zahlreichen Beispiele, in welchen es sich bis zu den Brüchen hin um die Berechnungen von Hohlmaßen für Getreide, Flüssigkeiten u. s. w. handelte. Jede einzelne Maßeinheit wurde in 320 gleiche Teile geteilt, wobei die ganzen Zahlen 320, 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2, 1 unserer 1 und den Brüchen ½, ¼, 1⁄8, 1⁄16, 1⁄32, 1⁄64, 4⁄320, 3⁄320, 2⁄320, 1⁄320 entsprechen. Die Beispiele, welche ich oben angeführt hatte, nämlich die Zerlegungen der Brüche 1⁄10 und 1⁄5 in ihre besonderen Teilstücke, liefern dafür sprechende Zeugnisse.

1⁄16 + 1⁄32 + 2⁄320 an Stelle des einfachen Bruches 1⁄10, besagen nichts weiter, als daß es sich um die Summierung von 20 + 10 + 2 = 32 Teilstücken der 320 der Grundeinheit, d. h. um 1⁄10 derselben, handeln soll.

Der Papyrus von London führt zahlreiche Beispiele dieser Rechnungsmethoden an, die, wie angegeben ist, etwa in die Zeit zwischen 1800 und 2000 v. Chr. fallen. Das ist ein hohes Alter, wie es nur von wenigen Handschriften in der Welt übertroffen wird, aber trotzdem bietet die merkwürdige Urkunde nicht das älteste Beispiel der besprochenen Rechnungsmethode dar. Erst vor kurzem hat mich ein glücklicher Zufall ein Schriftstück kennen gelehrt, das ich mit vollem Rechte als die älteste Rechentafel der Welt überhaupt bezeichnen darf, wie es der Leser des weiteren sehen wird.

Es war im April des laufenden Jahres 1891 als während meines Aufenthaltes im Museum von Gizeh mein Blick zufällig auf zwei beschriebene Holztafeln fiel, die sich in einer der obersten Abteilungen eines Kastens mit ägyptischen Antiken halb versteckt vorfanden. Auf meine Bitte wurden sie aus ihrem Verließe geholt und mir die Gelegenheit geboten, sie in aller Ruhe unter dem Lichte der klaren ägyptischen Sonne zu prüfen. Jede der beiden Tafeln hat eine Länge von etwa einem Fuße, die Höhe eines halben Fußes, und auf beiden befindet sich an der oberen Längsseite eine kleine Öffnung, als ob man ehemals eine Schnur dadurch gezogen habe, um sie mit Bequemlichkeit, etwa wie ein Schüler seine Rechentafel, zu tragen oder an einen Nagel aufzuhängen. Beide Tafeln sind mit einem Gipsstuck überzogen gewesen, der vollständig geglättet erscheint und heutzutage eine schmutzige, wachsgelbe Färbung angenommen hat. Sie waren auf beiden Seiten beschrieben, wobei es sich mir bald herausstellte, daß die dick aufgetragenen Züge fast nur Ziffern in kolonnenartig angeordneten Berechnungen enthielten. Ein großer Teil der Schrift erscheint verwischt, allein dieser Übelstand ist nicht beklagenswert, da derselbe Gegenstand meist drei- bis viermal wiederholt entgegentritt, so daß eine gegenseitige Prüfung die vollständige Herstellung der Grundrechnung gestattet. An dem Rande beider Tafeln befinden sich lange Namensverzeichnisse von Personen, die, wie die Zahlzeichen, in altertümlicher Schrift ausgeführt sind und deren Ursprung nur der elften oder zwölften Dynastie, d. h. etwa der Mitte des 3. Jahrtausends, angehören kann. Das geht nicht bloß aus dem Schriftcharakter selber, sondern noch vielmehr aus einzelnen Namensformen hervor, welche mit denen bekannter Könige jener Epoche identisch sind. Ich nenne an dieser Stelle die drei auffallendsten, nämlich Entef, Amenemhet und Ufurtisen. Es kann somit über das angegebene Alter jener merkwürdigen Tafeln kein Zweifel obwalten und wir sind dadurch in die Lage gebracht, den Ursprung der Rechnungen selber in jene uralte Zeit zu versetzen.

Der Fundort der beiden erwähnten Rechentafeln war ein Grab gewesen, und es läßt sich nach sonstigen Vorgängen und Beispielen mit zweifellosester Gewißheit annehmen, daß sie als Erinnerungen an einen teuren Toten, der Mumie desselben beigegeben waren, um vielleicht an seine letzte Thätigkeit im Rechenfache auf Erden zu erinnern. Es war offenbar ein Schüler, der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne seine Studien auf dem bezeichneten Gebiete vollendet haben zu können. Die kleinen Fehler und Irrtümer nämlich, welche in den einzelnen Kolonnen mit unterlaufen, die Wiederholungen der Abschrift derselben Rechnung und sonstige Indizien weisen darauf hin, daß der ehemals Lebende sich mitten in der Schulung befand, als er plötzlich seinem Leben Valet sagen mußte.

Ein näheres Studium der Kolonnen, die ziemlich regellos und wild neben- und untereinander fortlaufen und die beiden Seiten jeder Tafel bedecken, läßt mit aller Bestimmtheit feststellen, daß es sich in sämtlichen Rechnungen um die Proportion gewisser Zahlenreihen zu einander handelte. Als Anfangsproportionen erscheinen die folgenden fünf: 1 : 1⁄3, 1 : 7, 1 : 10, 1 : 11, 1 : 13. Obgleich die Zahlen ohne besondere Rechnungszeichen neben- und untereinander erscheinen, so lehrt schon der erste Blick, daß Zahlenverhältnisse vorliegen, die in fortlaufender Stufenfolge von den einfachen Zahlen bis zu den zusammengesetzten Brüchen hin entwickelt werden.

Ich führe als erstes, weil durchsichtigstes und einfachstes Beispiel die Verhältnisse von 1 : 10 an, die ich in nachstehender Übertragung nach dem Ziffernbilde der Tafeln wiedergebe.

Vervollständigt ist dies Bild durch mich selbst nur durch das moderne Zeichen der Proportion, um auch für das Auge die einzelnen Verhältnisse deutlicher hervortreten zu lassen:

1

:

10

10

:

100

20

:

200

2

:

20

1

:

20 + 10 + 2320 (= 1⁄10)

2

:

40 + 20 + 4320 (= 1⁄5)

4

:

80 + 40 + 5 + 3320 (= 2⁄5)

8

:

160 + 80 + 10 + 5 + 1⁄1320 (= 4⁄5)

Man überzeugt sich, auf welchem rationellen, wenn auch zeitraubenden Umwege mit Hilfe der Teilzahl 320, in ihrer fortschreitenden Entwickelung von Stufe zu Stufe, man es erreichte, die Bruchwerte vollkommen zu beherrschen und ihre Multiplikation in leichtester Weise durchzuführen. Noch viel beredter spricht ein anderer Ansatz dafür, in welchem die Verhältnisse nach der Proportion 1 : 1⁄3 beginnen, und deren fortschreitendes Schema nach dem mir vorliegenden Texte die folgende Übertragung zeigt:

1

:

1⁄3

2

:

2⁄3

4

:

11⁄3

5

:

12⁄3

10

:

31⁄3

20

:

5 + 12⁄3 (= 62⁄3)

40

:

10 + 31⁄3 (= 131⁄3)

80

:

20 + 5 + 12⁄3 (= 262⁄3)

160

:

40 + 10 + 2 + 11⁄3 (= 531⁄3)

320

:

80 + 20 + 5 + 12⁄3 (= 1062⁄3)

Das System der 320 begegnete nicht selten Schwierigkeiten, um Brüche auszudrücken, deren Nenner aus einer wenig oder gar nicht teilbaren Zahl bestand. In einem solchen Falle versuchte man mit Annäherungswerten auszukommen, etwa nach Art unserer abgekürzten Decimalbrüche. Ein lehrreiches Beispiel gewährt die dreimal auf den beiden Tafeln wiederholte Reihe der Proportionen nach dem Grundschema 1 : 11, welche ich in nachstehender Umschrift wiedergebe.

1

:

11

10

:

110

20

:

220

2

:

22

4

:

44

8

:

88

11

:

121

1

:

20 + 5 + 4320 (= 29320) 1⁄11

2

:

40 + 10 + 5 + 3320 (= 58320) 1⁄6 + 1⁄66 (= 2⁄11)

4

:

80 + 20 + 10 + 5 + 1320 (= 116320) 1⁄3 + 1⁄33 (= 4⁄11)

8

:

160 + 40 + 20 + 10 + 2320 (= 232320) 2⁄3 + 1⁄22 1⁄66 (= 8⁄11)

In den letzten vier Zeilen sollten rechnungsmäßig der Bruch 1⁄11 und seine vielfachen 2⁄11, 4⁄11, 8⁄11, das Ergebnis bilden. Thatsächlich führte aber das System auf den Hauptbruch 29⁄320 an Stelle des erwarteten 29⁄319 = 1⁄11. Man ließ ihn unbeschadet des Fehlers stehen, wies jedoch durch ein dahingestelltes 1⁄11 auf die Erkenntnis des Fehlers hin, ebenso auch in den folgenden drei Zeilen, worin außerdem die Brüche 2⁄11, 4⁄11, 8⁄11 nach der üblichen Methode in solche mit dem Zähler 1 zerlegt sind.

Ähnlich verhält es sich mit der Proportionsreihe, an deren Spitze sich als Schema 7 : 1 befindet und die ich in genauer Umschrift wiedergebe:

7

:

1

1⁄4

:

1⁄28

1⁄2

:

1⁄14

1

:

40 + 51⁄2320 (= 91640)

2

:

80+ 10 + 1320 (= 91320)

4

:

160+ 20 + 2320 (= 182320)

An Stelle des Bruches 91⁄640 hätte man 91⁄637 erwartet, um die Proportionszahl 1⁄7 zu gewinnen. Der kleine Fehler blieb indes unbeachtet, sowohl hier als in den beiden darauf folgenden Stufen (in denen er sich verdoppeln und vervierfachen mußte) um nicht unnötige Rechnungsschwierigkeiten in das System hineinzutragen, in welchem 320 und die Unterabteilungen nicht bloße Zahlen, sondern Maßverhältnisse ausdrücken, mit welchen der Landmann gewohnheitsmäßig vertraut war. Auch unsere Bauern reden von einer Metze, ohne dabei an den 1⁄384 Teil des Wispels zu denken. Die 320 Teilstücke, aus welchen auf Grund der ältesten ägyptischen Vorstellungen ein Ganzes bestand und deren Haupteinheiten sich in Reihenfolge 160 (= ½), 80 (= ¼), 40 (= 1⁄8), 20 (= 1⁄16), 10 (= 1⁄32), 5 (= 1⁄64), 4, 3, 2, 1 darstellen, haben für das gesamte Rechenwesen der alten Ägypter eine weittragende Bedeutung gehabt, insoweit sich dasselbe, wie bemerkt, zunächst auf die Berechnung hohler Räume bezog ohne Rücksicht auf die verschiedenen Einheitsgrößen der Maße des Raumes.

Als lehrreiches Beispiel dafür dient ein in demselben Museum von Gizeh aufbewahrter Metallbecher aus einer der späteren Epochen des ägyptischen Altertums, dessen Inhalt nach den Untersuchungen meines Bruders Emil Bey 0,23 Liter in sich faßt. Von oben nach unten fortlaufend und nach dem Boden zu immer kleiner werdend befinden sich auf der Innen- und Außenseite desselben Ringe eingegraben, zwischen welchen erklärende hieroglyphische Textworte und Bruchziffern deutlich lesbar angebracht sind. Sie lauten, in der angegebenen Reihenfolge, ½, ¼, 1⁄8, 1⁄16, 1⁄32, 1⁄64 Hin, entsprechen also genau den oben angeführten Teilstücken. Mit dem Worte Hin, das sich außerdem in der ebräischen Sprache in derselben Gestalt erhalten hat, bezeichnete man ein Grundhohlmaß, das nach den sehr genauen Untersuchungen darüber eine Fassung von 0,454 Liter besaß. Die Hälfte desselben betrug mithin 0,227. Damit stimmt der oben besprochene geaichte Metallbecher des Museums von Gizeh wohl überein, dessen Inhalt auf Grund der eingegrabenen Inschriften die Hälfte eines Hin in sich faßte. In allen Zeiten der ägyptischen Geschichte erscheint der Name Hin in Tausenden von Texten wieder, um die kleinsten Grundeinheiten aller räumlichen Maße zu bezeichnen, gerade wie wir in unseren Tagen das Litermaß als eine solche auffassen. In den verschiedenen Sammlungen ägyptischer Altertümer werden meist aus Alabaster angefertigte Gefäße aufbewahrt, deren Aufschrift nicht selten den räumlichen Inhalt derselben mit Hilfe des Hinmaßes anzeigt. Man begegnet Angaben darauf, wie z. B. 9, 11, 21, 40 Hin, in einzelnen Fällen sogar mit hinzugefügten Bruchteilen dahinter, welche die Beweise liefern, daß man den Inhalt der bezüglichen Gefäße auf ihre Fassung genau zu prüfen verstand.

Das Maß des Hin, das für sich allein nach dem allgemein eingeführten Rechnungssystem in 320 kleinste Teilstücke mit den Unterabteilungen 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2 und 1 zerfiel, wurde anderseits für sich allein als ein kleinstes Teilstück, d. h. als 1⁄320 betrachtet, dessen Einheit somit das 320fache von 0,454 Liter in sich fassen mußte. Die vollzogene Rechnung führt auf ein größtes räumliches Maß, dessen Inhalt sich auf 145,35 Liter berechnet. Das ist aber genau die Fassung der altägyptischen Kubikelle (von 0,527 Meter Längenausdehnung), deren Teilstücke nach dem allgemeinen Schema, wie ich es kurz vorher wiederholt habe, die hauptsächlichsten Unterabteilungen der ägyptischen Maße darstellten, d. h. ½, ¼, 1⁄8, 1⁄16, 1⁄32, 1⁄64 Kubikelle oder mit anderen Worten 160, 80, 40, 20, 10 und 5 Hin.

Ich habe kaum nötig, darauf hinzuweisen, welche merkwürdige Analogie das altägyptische System der Getreide- und Flüssigkeitsmaße mit unserem modernen darbietet, in welchem bekanntlich das Liter den Raum eines Kubikdecimeters oder den tausendsten Teil eines Kubikmeters bezeichnet. Der Unterschied liegt allein in der Teilzahl 320, welche wir durch die Decimalberechnung ersetzt haben.

Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße, besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums. Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit des Feldmaßes in ½, ¼, 1⁄8, 1⁄16, 1⁄32 geteilt, mit andern Worten, dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag.

Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in der Ordnung 360, 60, 1, 1⁄60, 1⁄360 darstellten. Die geschichtliche Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als eine unentschiedene und schwebende Frage bezeichnet werden. Auf alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe, uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen mit Erfolg durchzuführen.

Der Hypnotismus bei den Alten.

Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen, welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen. Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.

Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an Mesmer und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf Cagliostro, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen, wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben wird.

Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen. Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen, welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, in welchem die sogenannte Gnosis in vollster Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der Gnostiker, welche sich vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den Willen des Beschwörenden auszuführen.

Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle und dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, galten als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen Museen aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags als beredte Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue Vorschriften über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So sollte z. B. ein goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und vor jedem Unglück bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der das geschnittene Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen Schwanz biß, darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben die drei Namen Abrasax, Jao und Sabaoth. Selbst jüdische Gottesgelehrte und christliche Bischöfe standen nicht an, der Dämonenlehre ihren Beifall zu schenken, denn sie spielen in ihren Äußerungen und Schriften bei passender Gelegenheit häufig darauf an. Die Gnostiker schienen niemals in Verlegenheit zu sein, um selbst das Unmöglichste zu erreichen. Es gab förmliche Rezepte um glücklich zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen und Haß hervorzurufen, um Träume zu haben und Träume zu senden, mit einem Worte, um jeden Wunsch in Erfüllung zu bringen. Sie legten damit den eigentlichen Grund zu dem im Mittelalter allgemein verbreiteten Glauben an eine höhere Magie und wenn in ihren Schriften auch keine Vorschriften darüber enthalten sind, wie man schlechte Metalle in Gold verwandeln könne, so sind die Rezepte in den gnostischen Schriften um so zahlreicher, welche von der Mischung der Metalle handeln und chemische Prozesse berühren.

Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der materia medica verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.

Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe, ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap. A. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter. Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken. Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitterung der ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt, insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis, Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.

Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen, merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.

Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat, unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen. „Ich bin Horus,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder (sic) der Göttin Isis, geboren von Isis, der herrliche Knabe, welchen Isis liebt und welcher nach seinem Vater Osiris-Onnofer begehrt“. Dem Dämon wird somit die Täuschung zugemutet, als sei der Beschwörende der ägyptische Gott Horus in eigener Person, um seiner Dienstfertigkeit einen besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige Widerspenstigkeit durch das Gewicht der Autorität zu brechen. Den Zweck der Beschwörung bildet in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie gesagt, die Absicht, den citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen Rede zu stehen.

Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine Zauberschale und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums, und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die betreffenden Fragen zu beantworten.

Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „zu veranlassen, daß es seine Augen schließe“. War dies erreicht worden, so rief es der Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „er veranlaßte, daß es seine Augen öffne“. Das Kind mußte sagen, was es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.

Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die Ägypter den kleinen Kindern (Paidaria) eine wahrsagende Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen, die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.

Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache aus, die Beschwörungen gerichtet werden, wobei wiederum das Kind die Rolle des Mediums übernehmen mußte.

Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.

„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h. frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle. Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so rufe sofort den Namen Heue aus, zu sieben Malen, und befrage es nach allem, was du willst.“


„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute die Götter in dem Umkreis der Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“


„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in Schlaf und stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken. Indem du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her, und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand u. s. w.“


„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“

Tete-Ik-Tatak u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin Horus, das Kind in Mendes, denn ich bin Isis, die Wissende. Was ich mit meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“

„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. — Stelle ihn auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten: „Dann frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“


Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor:

„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei Log (ein besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin. Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich: Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe, bis sie dir auf alle vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“


Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange.

„Du bist Boel (3 Mal zu sagen) ï-ï-ï-a-a-a Tat-Tat-Tat, der, welcher allein das Licht spendet, der Urheber des Feuers, in dessen Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt. Du lebendiger, unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer ruhst, der im Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels bildet, in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, steige heraus aus dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde, sofort! Laß es mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe ihn zu fragen, sofort! Sonst werde ich dich verachten am Himmel im Angesicht der Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes, werde ich dich verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im Angesicht dessen, welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt und in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h. Peperi-Pater-Emphe, der zweimal große Gott, in dessen Hand der schöne Stab ist, du, welcher einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn ein Gott entstehen ließ.

„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort!

„Großer Gott, Sisaoth-Achrempto, komme hier herein aus dem Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von Kabaon ruhst. Takrtat, der welcher nicht stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt, tritt herein! Nahe dich, großer Boel-Arbeth bai nuthi, du großer Gott, nahe dich Boel-Tat, nahe dich Boel!

„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott, in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich befragen wird.

„Sobald er sich diesem Kinde in der betreffenden Stunde offenbart hat und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen, sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden Spruch her, nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem es sie schaut: Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet.“

Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba.

Litteraten zur Moseszeit.

Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken, erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues zuzuführen.

Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes, ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene Wirklichkeit oder eine nur eingebildete phantastische berühren. Die Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt.

Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen, durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und Urbegriffen zurück.

Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen. Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen, kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung des Schriftstellers und sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung und Bildung bedingt. Allein von diesem Standpunkte aus darf sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen und die Nachlebenden ist die Schrift.

Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet, das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial, auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz, die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen: „Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben.

Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot, des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten Schriftentums, wie es in den „Häusern der Bücherrollen“ oder den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen Bibliothek zu Berlin „Nutrimentum spiritus“ von Friedrich dem Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten Glauben schenken darf.

Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines „Schreibers“, scriptor, oder schriftkundigen Mannes, und empfing seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „göttlichen Dingen“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welche nach der Versicherung des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde, die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die Kunst und die Musik.

Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt, deren Thor Ali ist.“

In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des Schicksals des Menschen tritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke.

Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v. Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“ fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem „Hören“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereien des menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm und Ehre ein und — wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten zu setzen — er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser, zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu warnen.

Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete, besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten von elegantem Stil“. Man rühmt die „Süßigkeit“, das heißt die Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward. Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück ist allzu zusammengestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen; ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern. Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten, das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen Namen stinkend gemacht.“

In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine wahre Sucht nach dem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden Wörtern, deren Anwendung dem gebildeten Litteraten unerläßlich schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem Namen der schönen Litteratur zusammenfassen.

An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel. Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v. Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher, und die geschichtlichen Lücken durch romanhafte Erzählungen und Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein wenig vorher fällt.

Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ, so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.

Zur ältesten Zeitrechnung.

Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die historische Zeitmessung umfassen.

Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu überliefern.

Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung, welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres, dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461 Wandeljahre ausfüllten.

Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie, wobei die genaue Kenntnis des Anfangstages der betreffenden Ära als die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober 312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des Sonnenjahres von 365¼ Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622), die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16. Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren Anfang nimmt.

Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden (julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden, wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer Zeitrechnung ist der Gebrauch einer angewandten Ära in keinem Falle nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen, welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde: der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten Untersuchungen bilden.

Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil, wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen Nachfolgern bezeichnet.

Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen, werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben, wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren, Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind, so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen zu können.

Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte. Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher, wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern 5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft ausgeübt hatten.

Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher, wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho, um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren 1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24. Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20. März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius 1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben zu behandeln sind.

Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese astronomischen Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von 8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr. bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit, an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen. — Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33, zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von Dr. W. Meyer (s. S. 307 ff.).

Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit eine besondere Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den asiatisch-babylonischen Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt ist durch die Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell el-Amarna, von denen der größere Teil in den Besitz der Berliner Museen gelangt ist, die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs Burnaburiasch, oder, wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit dem ägyptischen König Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der eben genannte ägyptische Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III. aufgeführt wird, so liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das Jahr 1400 oder etwas später anzusetzen.

Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem (unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden Residenzstädte, verhinderten eine parteilose Kritik und damit die chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen Königsreihen.

Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte.

Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr. hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes chronologisches Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren.

Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr. Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht.