Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien
zur Erdkunde
In Verbindung mit Anderen
herausgegeben von A. Scobel
10
Am Rhein
1908
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
Am Rhein
von H. Kerp
Mit 192 Abbildungen nach photographischen
Aufnahmen und einer farbigen Karte
Zweite Auflage
1908
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
| Seite | ||
| I. | Einleitung | [3] |
| II. | Zur geologischen Einführung | [6] |
| III. | Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus | [18] |
| IV. | Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz | [48] |
| V. | Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltale | [78] |
| VI. | Das Rheintal von Coblenz bis Bonn | [110] |
| VII. | Der Westerwald nebst dem Sieg- und Lahntale und das Siebengebirge | [130] |
| VIII. | Die Eifel | [157] |
| IX. | Die Kölner Bucht und das Bergische Land | [164] |
| X. | Der rheinische Weinbau | [185] |
| Literatur | [193] | |
| Verzeichnis der Abbildungen | [194] | |
| Register | [197] | |
| [Karte der Rheinlande.] | ||
Abb. 1. Rolandseck, Nonnenwerth und Siebengebirge.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 123].)
I. Einleitung.
Einleitung.
Am Rhein! Welche Fülle von Vorstellungen, von Gedanken und Empfindungen wird beim Klange dieses Wortes in uns geweckt! Das Auge schaut herrliche Landschaftsbilder, die neben dem Schönsten auf Erden noch in Schönheit strahlen; das Ohr lauscht den weihevollen Rheinliedern, die von dem Tiefsten, was die deutsche Brust gefühlt, sprechen, die bald von klagendem Schmerz, bald von stolzer Siegesfreude erzählen oder in den Traum der Sage den Übermut eines fröhlichen Lebens mischen; und der Geist, der die Spuren des Raumes und der Zeit gleich schnell durchmißt, faßt all das Große und Schöne, das Ernste und Heitere, was die Vergangenheit brachte, was die Gegenwart bietet und die Zukunft zu erhoffen läßt, zusammen und weiht den Strom, der Deutschlands Stolz und seines Landes Schönheit ist, zu einem Sinnbild, das alle deutschen Lande und alle deutschen Bruderstämme mit dem Bande ewiger Einigkeit und Treue umfaßt. Das ist der Rhein, und das bedeutet sein Name, und so wird auch sein Name überall, nicht bloß im deutschen Vaterlande, sondern auch in der übrigen Welt verstanden und gedeutet. Darum lockt er die Menschen, führt fröhlich sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt und läßt traurig sie weiter ziehen. Für Tausende und Millionen aber bleibt er ein ewiger Traum, der nie sich erfüllen ließ, ein Traum, der selbst bei anderen Völkern lebt, zu denen die Wellen der geheimnisvoll plaudernden Myth’ und Sage, der laut redenden Geschichte schlugen und des schönen Rheinlands begeisternde Kunde drang. Davon ein Beispiel!
Es war am Empfangsabende des Internationalen Geologen-Kongresses zu Petersburg im Jahre 1897. In einem großen Restaurant in der Demidowstraße hatten sich die Teilnehmer aus aller Herren Ländern eingefunden. Das war für viele ein frohes Wiedersehen! Das Stimmengewirr der zahlreichen Gruppen, die sich an den Tischen und dem reichgedeckten Büfett gebildet hatten, durchdrang die gastlichen Räume. Im frohen Austausch der Reiseerinnerungen und der weiteren Reisepläne und im Auffrischen früherer Lebensbeziehungen vergingen schnell, nur zu schnell, die schönen Stunden. Meine älteren deutschen Reisefreunde wollten sich nun, gegen Mitternacht, verabschieden, und den protestierenden jungen russischen Herren, die in liebenswürdiger Weise uns an unserem Tische Gesellschaft geleistet hatten, wurde ich als jüngster zurückgelassen, als das Opfer einer angenehmen Pflicht. Wir rückten die Stühle näher zusammen und plauderten weiter. Ich pries die gastliche Aufnahme, die uns in Rußland bereitet wurde, und meine frohgestimmten Tischgenossen wollten wissen, in welchem Teile Deutschlands ich wohne. Und als ich sagte: „Ich wohne am Rhein!“ da riefen alle wie aus einem Munde: „O, so erzählen Sie uns vom Rhein!“ Und ich erzählte von meinem Heimatlande mit der Begeisterung, die der Vater Rhein mir in das Herz gelegt hat, und mit dem Feuer, das ich in den Augen der jungen Russen auflodern sah. Ich pries den stolzen Strom mit seinen grünen Wellen, die Berge, die, rebenbekränzt, die alten Burgen tragen, die rheinischen Städte, deren gewaltige Dome im Rheine sich spiegeln, die freundlichen Dörfchen, die überall, manche umschattet von Obsthainen, die Ufer des Stromes säumen, und auch die rheinischen Mädchen und Frauen, die den fremden Wanderer von der hohen Burgruine herab grüßen, wenn er muß scheiden aus solchem Paradies. Als die Begeisterung überquoll, da erklangen Rheinlieder, fern am Strande der Newá, beim lustigen Klang der Gläser, die mit kaukasischem Wein gefüllt waren.
Wir saßen noch lange. Als wir endlich schieden, da fühlten auch die jungen Russen etwas von jener Sehnsuchtsstimmung nach dem Vater Rhein, die jeden Rheinländer erfaßt, wenn er in anderen Erdenländern weilt. So oft ich noch von einer weiten Reise zurückkehrte, war es mir beim Anblicke des stolzen Stromes, wenn wieder die Türme des Kölner Doms vor mir erschienen und der Zug polternd über die Rheinbrücke fuhr, als hätte ich etwas Verlorenes wieder gewonnen. Und nach meiner Ankunft in Bonn war gewöhnlich mein erster Gang an den Rhein und auf den Alten Zoll, wo ich die Sieben Berge grüßen konnte. Am ersten freien und schönen Nachmittage aber fuhr ich auf einem der stolzen Rheindampfer stromaufwärts, als müßte ich mich überzeugen, ob all die Herrlichkeit noch da wäre.
Abb. 2. Das Kölner Dombild. Altargemälde von Meister Stephan. (Zu [Seite 5] u. [171].)
Diese einleitenden Worte mögen dem freundlichen Leser sagen, mit welch freudigen Gefühlen ich der Aufforderung, für die Sammlung geographischer Monographien die Bearbeitung des Rheins und des Rheinischen Schiefergebirges zu übernehmen, nachgekommen bin. War ich doch durch den Stoff ausgezeichnet vor allen anderen! Durfte ich doch den Strom schildern und preisen, um den zwischen den Völkern so oft und so heiß gestritten worden ist, der durch die Weihe der Geschichte für jeden Deutschen zum heiligen Strom geworden ist, so daß der Klang seines Namens heute das Losungswort, das Triumphgeschrei deutscher Einigkeit, Freiheit und Stärke bedeutet.
Abb. 3. Frankfurt im 17. Jahrhundert (nach Merian). (Zu [Seite 20].)
Wie ich an jenem Abende in Petersburg in einer frohen Stunde den jungen Russen — es waren Studenten der Bergakademie und Anthropologen — von der Herrlichkeit des Rheines erzählen durfte, so möchte ich auch dem freundlichen Leser von Land und Leuten am Rhein wenn auch kein vollständiges, so doch ein in seiner Eigenart ausgeprägtes Bild zu geben versuchen. Es ist das Bild einer ruhmreichen Vergangenheit und einer nicht weniger glanzvollen Gegenwart, ein Bild, dessen einzelne Züge durch Sage und Dichtung so verklärt sind, daß uns Wonne umgibt fast überall, wohin wir schauen. Wir sehen in den Städten die herrlichen Dome ragen, und andachtsvoll betreten wir die Stätten, wo hochvollendete Kunstschöpfungen zu Thronen des Himmlischen und Göttlichen wurden. Wir durchwandern die einzelnen Blütezeiten der rheinischen Kunst, im Geiste und in der Wirklichkeit. Aus den Gräbern steigt das glänzende Bild der römischen Kultur mit seinen Lagern, Kastellen, Brücken, Straßen, Wasserleitungen, Tempeln und reichgeschmückten Landhäusern; wir schauen das Bild der Frankenzeit mit seinen Königshöfen oder Pfalzen und den ältesten christlichen Gotteshäusern; reicher, in staunenerregender Fülle entfaltet sich uns der Kulturschmuck des eigentlichen Mittelalters, der Zeit, die die herrlichen Dome schuf, die von dem gemütvollen romanischen Baustile nach interessanten Übergängen fortwanderte zur stolzen, himmelanstrebenden Gotik, die auch die prächtigen Burgen auf die Rebenhöhen setzte und die reichgeschmückten Rathäuser in den Städten baute, die ferner durch Künstlerhand wertvolle Skulpturen und geschätzte Malereien ([Abb. 2]) entstehen ließ; endlich, nach einer Zeit traurigen Verfalls, sehen wir, in einer glücklichen Gegenwart, eine neue Blütezeit der Kultur anbrechen, eine Zeit, die mit Verständnis das Alte durchforscht und wie ein Schatz hütet und wahrt, die zugleich neue Züge dem Gesamtbilde zufügt und es besonders mit den menschenbeglückenden Wunderwerken der neuzeitlichen Technik ausstattet. Einem kräftig pulsierenden Leben sind diese Neuschöpfungen menschlichen Könnens vornehmlich gewidmet, einem Leben, in dem ein rühriges Streben mit rheinischem Frohsinn so glücklich sich paart, wie es wohl auch in den früheren Kulturzeiten, die das rheinische Land schaute, gewesen ist und in dem sonnigen Lande der Reben auch nicht anders sein kann. Dorthin mögen die freundlichen Leser froh mit mir wandern, möge auch der rheinische Dichter Karl Simrock zurück uns winken mit den launigen Worten:
„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!“
Abb. 4. Frankfurt, von Sachsenhausen gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 20].)
Von der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main und vom alten goldenen Mainz soll die Wanderung uns führen durch die Rebengefilde des Rheingaues, durch das herrliche Rheintal selbst und durch die nicht minder schönen Nebentäler der Nahe, der Saar, der Mosel, der Lahn, der Ahr, der Sieg und der Wupper, sowie durch die schönsten Gegenden des Rheinischen Schiefergebirges, durch das jene Täler tiefe Furchen gezogen haben, bis hin nach Düsseldorf, der jung strahlenden Kunststadt am Rhein, und nach Aachen, der alten Kaiserstadt.
Abb. 5. Der Kaisersaal im Römer zu Frankfurt.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt. (Zu [Seite 20].)
II. Zur geologischen Einführung.
Geologische Einführung.
Zwar bedarf es nicht unbedingt der Führung eines Naturforschers, um die Schönheit, mit der die Oberfläche der Erde geschmückt ist, zu empfinden und zu genießen. Anderseits bin ich auch nicht der umgekehrten Ansicht, daß beim Genießen des Schönen der Verstand fernzuhalten sei als ein Störenfried, der manche Empfindungen, naive des Volkes, die aber von der Poesie geliebt werden, verscheuchen könnte. Herz und Verstand vertragen sich in den meisten Menschen recht gut miteinander, und für Empfindungen, die beim Fragen nach verborgenen Ursachen flüchten, melden im Herzen sich andere, die sicheren Ursprung haben und unser Gefühlsleben noch wärmer anhauchen. Auch die Geologie oder Erdgeschichte, die manches Überlieferte, so auch den Drachen, der einst am Drachenfels hauste, zur Fabel macht und manches Teufelswerk in der Natur einer phantasieärmeren Wirklichkeit zurückgibt, entschädigt uns reichlich, indem sie uns in dem Antlitz der Erde lebensvolle Züge zeigt, die wir vorher nicht kannten, nicht sahen und nicht suchten. Es wird uns, als wenn ein Marmorbild zu leben begänne. Der starre Fels, er haucht Leben, indem er uns sagt, wie er geworden, seine Schichten, so innig sie verbunden sind, entfliehen in verschiedene, weit voneinander entfernte Zeiten, das verbrannte Gestein des Kraters beginnt zu glühen, und Kiese und Sande, Lehm und Ton, die so wohl gebettet sind, beginnen zu wandern und werden ein Spiel der Fluten. Durch die unermeßlichen Räume der Zeiten eilt der Geist, die Phantasie beginnt großartige Bilder der Vergangenheit zu gestalten, zu denen der Verstand die Grundlinien eines Planes fand, und unser Herz wird erfüllt von jenem Empfinden, das dem Werden alles Großen sich beugt.
Die Variskischen Alpen.
Wenn wir so auch das Antlitz unseres schönen Rheinlandes, wie es aussah in früheren Erd-Epochen, im Geiste zu gestalten suchen, geleitet von namhaften geologischen Forschern, so schauen wir ein riesenhaftes Gebirge, ein Hochgebirge, das an die heutigen Alpen erinnert. Von dem Ostende der mittelfranzösischen Gebirgsscholle zog es sich in einem gewaltigen Bogen über Vogesen und Schwarzwald, durch Süd-, West- und Mitteldeutschland, um den Nordrand Böhmens herum bis zu den Karpathen hin. Nicht bloß diese Hauptrichtung hatte es mit den ebenfalls bogenförmig verlaufenden Alpen gemein. Es war wie diese auch ein einseitig aufgebautes Kettengebirge, das auf der konvexen Südseite, wo die höchsten Gipfel lagen, eine kristallinische Hauptzone, auf der konkaven Nordseite eine breite Zone mächtig entwickelter Sedimentgesteine besaß. Von dieser letzteren Zone des früheren mitteleuropäischen Hochgebirges, das Sueß nach dem Lande der alten Varisker, dem heutigen Vogtlande, Variskische Alpen genannt hat, ist das Rheinische Schiefergebirge, durch welches später der Rhein und seine Nebenflüsse ihre tiefen Furchen gezogen haben, der Rest eines kleinen Gliedes, ein recht armseliger Rest; denn nur das Fundament, der Sockel der einstigen Hochgebirgsfalten, blieb unserer Zeit erhalten, genug noch, um daraus die Schönheit des heutigen Rheinlandes zu gestalten.
Abb. 6. Der Römer und der Gerechtigkeitsbrunnen zu Frankfurt. (Zu [Seite 21].)
Der alte Hochgebirgssockel, als den wir also das Rheinische Schiefergebirge betrachten müssen, baut sich, wie schon der Name andeutet, aus schiefrigem Gestein auf. Die schiefrige Struktur des Gesteins sagt uns schon, daß es eine Meeresablagerung, ein echtes Sedimentgestein, ist. Wo der abgelagerte Schlamm sehr tonreich war, entstand der eigentliche Schiefer, dessen reinste Form der schwarzblaue Dachschiefer, wie er z. B. bei Caub gewonnen wird, ist; wo er stärker mit Sand gemischt war, bildete sich ein Gestein, das wegen seiner grauen Färbung Grauwacke genannt wird. Schiefer und Grauwacke sind die beiden Hauptgesteinsarten Rheinlands; aber zahlreiche andere Gesteine, Kalk, Sandsteine, ältere und jüngere Eruptivgesteine usw. kommen in ihm noch vor, und indem wir ihre Altersfolge festzustellen suchen, lernen wir die Wandlungen kennen, die dieses Gebiet durchgemacht hat, wie es sich hob und senkte, wie seine Oberflächenformen entstanden und verschwanden, welchen Lauf die Gewässer nahmen und schließlich das heutige Bild schufen.
Urzeit. Devon.
Die ältesten Sedimentgesteine der Erde, die sich nach der Urzeit, nach der Bildung einer festen Erdkruste um einen feurigen Kern, in den Zeitperioden des Cambrium und des Silur als Ablagerungen eines Urmeeres gebildet haben und die ersten deutlichen Spuren und Reste organischen Lebens enthalten, treten nur im Hohen Venn und in den Ardennen, und zwar verhältnismäßig spärlich zutage. Die älteste Kruste der Erde, die aus den sogenannten Urgesteinen der Gneis- und Granitgruppe gebildet wird, erscheint im ganzen Gebiete nirgendwo an der Oberfläche. Daß diese Unterlage aber nicht fehlt, wird durch die zahlreichen Einschlüsse von archäischen Gesteinen, von Granit, Diorit, Gneis, Granulit, Glimmerschiefer usw. in den vulkanischen Tuffen, Basalten und Laven des Laacher Sees, des Siebengebirges usw. bewiesen. Es kann nur angenommen werden, daß sie bei den vulkanischen Ausbrüchen aus großer Tiefe abgerissen und mit an die Oberfläche gefördert wurden. Im Hohen Venn zeigte sich bei einem Bahnbau, daß dort Granit sogar bis nahe an die Oberfläche reicht.
Abb. 7. Haus Frauenstein und Salzhaus am Römerberg in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 21].)
Devonische Gesteine.
Die Hauptgesteinsmasse des Rheinischen Schiefergebirges entstand in der Erd-Epoche, die der silurischen Zeit folgte und den Namen Devon erhalten hat. Dieselbe wurde benannt nach der englischen Grafschaft Devonshire, weil sie dort vom englischen Geologen Murchison zum ersten Male als ein selbständiges Glied der Erdrinde nachgewiesen wurde. Bei der geologischen Erforschung des Rheinischen Schiefergebirges zeigte sich, daß sie in diesem Gebiete viel vollständer entwickelt ist. Sie könnte also zutreffender als Rheinische Formation bezeichnet werden. Das Devon wird in drei Unterglieder, in das Unter-, Mittel- und Oberdevon, eingeteilt. Von diesen ist das älteste Glied, das Unterdevon, am mächtigsten entwickelt. Ihm gehören die Tonschiefer und Grauwacken, ferner der noch ältere Taunusquarzit, der besonders im Taunus und Hunsrück eine wichtige Rolle spielt, und als älteste Gesteine die Phyllite und Sericite an. Letztere, die eine schmale Zone am Südfuße des Taunus und des Hunsrück bilden, werden von einigen Forschern auch für älter als devonisch gehalten. Im Vergleich zum Unterdevon hat das Mitteldevon, wie ein Blick auf die geologische Karte[A] uns sagt, nur eine geringe Verbreitung. Die Eifelkalke, die bei Gerolstein als prächtige Dolomitfelsen aufragen, und die Lenneschiefer, die zwischen der Sieg und der Ruhr verbreitet sind und also den Boden des Bergischen Landes bilden, gehören ihr an. Das Oberdevon ist noch viel weniger verbreitet. Schichten desselben kommen nur in einer Kalkmulde bei Prüm in der Eifel, zwischen der Wupper und der unteren Ruhr im Bergischen Lande, bei Aachen und in der Lahn- und Dillgegend vor.
Abb. 8. Der Dom in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 21].)
Obschon die unterdevonischen Schichten die ungeheure Mächtigkeit von etwa 3300 m besitzen, sind sie, wie aus den Versteinerungen, die sie enthalten, als den Spuren früherer Lebewesen, geschlossen werden konnte, in einem ziemlich seichten Meere, das mit unserer Nordsee verglichen werden kann, abgelagert worden. Es sind jedoch nur wenige versteinerungsreiche Bänke bekannt geworden. Um so reicher ist die Ausbeute des Paläontologen in den mitteldevonischen Kalken und Schiefern, die sich als Tiefseebildungen zu erkennen geben. Diese Schichten, besonders die Kalke der Eifel, enthalten eine solche Fülle von Versteinerungen, daß man, wie Rauff sich ausdrückt, „streckenweise keinen Stein aufheben kann, der nicht zugleich Versteinerung wäre, und daß beispielsweise in der Umgebung von Gerolstein, ohne jede Übertreibung gesprochen, die Straßen tatsächlich mit Korallen und Stromatoporen beschottert werden“. Auch die oberdevonischen Schichten enthalten stellenweise einen großen Reichtum von Versteinerungen. Außer zahllosen Muscheln aus der Klasse der Brachiopoden oder Armfüßler, Korallen, Seesternen, Seelilien und krebsartigen Tieren treten im Devon zum ersten Male auch Fische und Ammoniten auf. Die Fische hatten sämtlich ein knorpeliges Skelett gleich den Haifischen und Stören der Gegenwart, weshalb von ihnen nur wenig erhalten ist.
Als sich die devonischen Schichten ablagerten, fanden gleichzeitig viele submarine Ausbrüche von vulkanischem Gestein, von Diabasen und Aschen statt; die Schalsteine der nassauischen Gegenden haben diesen Ursprung. In Verbindung mit Kalksteinen bewirkten sie sekundär die Entstehung von Eisenerzen, besonders von Roteisensteinen, so daß im Nassauischen und in Westfalen ein bedeutender Eisenbergbau begonnen werden konnte.
Abb. 9. Goethe-Haus in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 22].)
Die Steinkohlenzeit.
Auf die devonische Zeit folgte die Karbon- oder Steinkohlenzeit. Sie schuf die Ablagerungen, die das Rheinische Schiefergebirge im Norden, Osten und Südwesten säumen, im Norden in langer Ausdehnung von Valenciennes in Frankreich bis nach Marsberg in Westfalen, von da am Ostrande des Devon nach Süden herumgreifend bis über Wetzlar hinaus, im Südwesten auf kleinerem Raume an der Saar und oberen Nahe. Wir unterscheiden ein Unterkarbon und ein Oberkarbon oder das produktive, d. h. von Kohlenflözen erfüllte Steinkohlengebirge. Jenes ist in Belgien als Tiefseebildung in einer ungeheuren Mächtigkeit, östlich vom Rhein aber als Flachseebildung entwickelt, letzteres haben wir überall als die Ablagerung eines sehr seichten Meeres, in dessen Buchten sich ein ungemein üppiges Pflanzenleben entfalten konnte, aufzufassen.
Abb. 10. Goethe-Denkmal in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 22].)
Entstehung der Gebirge.
Schon die bandartige Ablagerung der karbonischen Schichten an den Rändern des Rheinischen Schiefergebirges sagt uns, daß dieses zu jener Zeit anfing, sich aus den Fluten des Meeres herauszuheben, zusammen mit dem gewaltigen Hochgebirge, den Variskischen Alpen, von denen wir eingangs sprachen. Dies führt uns zu der Frage, wie wir uns die Entstehung der riesigen Gebirge, die in früherer Zeit hervorragten und wieder verschwunden sind oder, jüngeren Ursprungs, noch heute die Oberfläche der Erde schmücken, zu denken haben. Manche Theorien sind hierüber aufgestellt worden. Die Katastrophentheorie, der auch noch Humboldt huldigte, ist längst abgelöst worden von der Kontraktionstheorie, die von Lyell begründet und von Heim und Sueß weiter ausgebildet wurde und den großartigsten Vorgang der Gebirgsbildung, die Entstehung der riesigen Ketten- oder Faltengebirge, als Wirkung eines langsameren, aber allmählich immer stärker werdenden Seitenschubs erklärt. Die fortschreitende Abkühlung der Erde ist die letzte Ursache dieses Vorgangs, bei dem die oberen Erdschichten immer stärker in Falten gelegt und zu Falten aufgebogen werden. Im Rheinischen Schiefergebirge sind die einstigen Falten zum Teil nachgewiesen worden. Sie bildeten zahlreiche Gebirgszüge, die, wie am Oberflächenbilde stellenweise noch heute sichtbar ist, von Südwesten nach Nordosten strichen. Namentlich drei große Faltenbewegungen wurden wirksam. Zuerst wurde das Hohe Venn aufgebogen, dann folgte die Auffaltung des Taunus und Hunsrück und daran schloß sich unmittelbar die Aufwölbung der Eifelfalte. Jede dieser Hauptfalten war von zahlreichen Nebenfalten begleitet. Der Druck kam vorwiegend von Südwesten; doch sind auch Wirkungen einer quer hierzu gerichteten Druckbewegung, besonders in der Eifel, zu erkennen. Die karbonischen Schichten bei Aachen sind noch mitgefaltet worden, ein Beweis, daß bei ihrer Ablagerung die Faltenbewegung noch nicht begonnen hatte, die des Saargebiets dagegen nicht mehr. Die Forschungen haben ergeben, daß sich an der Stelle, wo das Saarkohlengebirge abgelagert wurde, eine wohl 5000 m tiefe Senke zwischen dem Hunsrück im Nordosten und einer anderen Hochgebirgskette im Südwesten befand. Die Gewässer, die von den beiden Gebirgen mit wildem Sturze herniederflossen, führten große Massen Quarz und Schiefergeröll mit sich fort und füllten allmählich die Senke aus. Ein großer Teil des Steinkohlengebirges, das so entstand, wurde in der dann folgenden Permzeit von den Ablagerungen des Rotliegenden überdeckt. Der ganze Ost- und Südrand des Rheinischen Schiefergebirges war in dieser Zeit wieder unter den Meeresspiegel geraten, bis zur Mosel hin, wo noch kleine Reste des Rotliegenden, die der Reisende auf der Fahrt von Trier nach Coblenz auf der ersten Strecke schaut, erhalten sind.
Die späteren Erd-Epochen.
In der nächsten Erd-Epoche, der Triaszeit, dauerte das Tiefersinken des Gebietes fort. Immer weiter dehnte sich in dem früheren Gebirgslande wieder die Herrschaft des Meeres aus, und mit neuen Ablagerungen bedeckte dieses den alten Gebirgsrumpf. Auch das Jurameer flutete wahrscheinlich noch über weiten Gebieten. In der nachfolgenden Kreidezeit dagegen war der größte Teil des Rheinischen Schiefergebirges wieder trockengelegt. In der Tertiärzeit gab es noch eine seichte Meeresbucht, das sogenannte Mainzer Becken, mit einem reichen Tierleben. Dann folgten zahlreiche Süßwasserbildungen, Geröll-, Sand-, Ton- und Braunkohlenablagerungen, auf seiner Oberfläche, besonders auf den eingesunkenen Schollen des Neuwieder und Limburger Beckens, sowie des Mainzer Beckens im Süden und der Kölner Bucht im Norden, begannen ferner die zahlreichen vulkanischen Ausbrüche, die bis in das Diluvium fortdauerten und die Vulkanberge der Eifel, die Basaltkuppen des Westerwaldes und vor allem die schöne Berggruppe des Siebengebirges schufen.
Wir verfolgten die Landbildungen, die auf dem Raume des Rheinischen Schiefergebirges in den verschiedenen Erd-Epochen vor sich gingen, und es bleibt uns noch die andere Aufgabe, auch die Vorgänge zu verfolgen, durch die das mächtige Hochgebirge und auch manche der später auf seinem Sockel wieder abgelagerten Erdschichten wieder zerstört und abgetragen wurden. Hierbei wird sich vor unseren Augen zum Schlusse das jetzige Oberflächenbild des Rheinischen Schiefergebirges gestalten.
Wie alle Gebirge, besonders die hoch gehobenen Faltengebirge, die mit starkem Gefälle fließende Gewässer hinabsenden, so unterlagen auch die alten Faltenzüge des jetzigen Rheinischen Schiefergebirges gleich nach ihrer Aufrichtung einer starken Zerstörung und Abtragung. Wieviel letztere bisher betragen hat, darüber sind erst wenige Berechnungen gemacht worden. Cornet und Briort veranschlagen in ihren Arbeiten über das belgische Karbon das Maß der Abtragung bei Namur auf 5000–6000 m. Dies gibt uns eine annähernde Vorstellung, mit welchen Kräften und Leistungen wir bei der Zerstörung der Gebirge zu rechnen haben. Auch der Vergleich mit den viel jüngeren Alpen dürfte geeignet sein, eine anschauliche Vorstellung hierüber zu geben. Von ihrer stolzen Höhe büßten sie nach den Berechnungen von Professor Heim in Zürich in einem verhältnismäßig noch kleinen Zeitabschnitte ein Drittel ein, und für das heute noch 4280 m hohe Finsteraarhorn, den höchsten Berg der Berner Alpen, betrug die Höhenabnahme mindestens 1000 m an Sedimentgestein und eine nicht bestimmbare Höhe an kristallinischem Schiefer.
Abb. 11. Die Börse in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)
Die schnelle Zerstörung, welche das alpenartige Gebirge jedenfalls in der ersten Zeit nach seiner Auffaltung erfahren hatte, verlangsamte sich, als schon in der Permzeit das ganze Gebiet sich zu senken begann. Aber eine andere Zerstörungsweise setzte mit diesem Zeitpunkte ein. Das Meer umbrandete das Gebirge und überflutete es teilweise, wie die Ablagerungen des Rotliegenden, des Buntsandsteins und noch jüngerer Erdschichten beweisen. Das gewaltige Zerstörungswerk der Meeresbrandung können wir an heutigen Küsten beobachten. Sie hobelt gleichsam das Land allmählich gleichmäßig ab, so daß, wenn sich später das Meer wieder zurückzieht, eine fast ebene Fläche zum Vorschein kommt. Besonders dürfte das Buntsandsteinmeer die Abnagung und Einebnung weiter Gebiete des Rheinischen Schiefergebirges bewirkt haben.
Ausbildung der heutigen Formen.
Als die Schwankungen der Meeresgrenzen aufhörten und das Rheinische Schiefergebirge in seinem heutigen Umfange wieder als trockenes Land heraustrat, wurde seine Oberfläche von neuem modelliert, und zwar um so stärker, je höher sie gehoben wurde. Sie schmückte sich mit neuer Schönheit, indem weiches Gestein fortgeschwemmt wurde, härteres aber stehen blieb, und indem die heutigen Gewässer ihre Täler tief eingruben. Die zahlreichen Bergrücken, welche den sonst einförmigen Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges heute noch aufgesetzt sind, wie die Taunuskette, der Soon-, Idar-, Hoch- und Errwald auf dem Hunsrück, der Kondelwald, die Schneifel u. a. auf der Eifel usw. sind nur Reste härterer Gesteinsschichten, stellen aber durchaus nicht mehr die früheren Faltenzüge dar. Sie bestehen aus dem harten Quarzit, der der Verwitterung besser als die Schiefer-, Grauwacke- und Sandsteinschichten widerstand. Die Hauptachse der Taunus-Hunsrückfalte, die früher eine ununterbrochene Gebirgskette darstellte, lag z. B. südlich von der jetzigen höchsten Erhebungslinie und wird durch die dort auftretende schmale Zone der stark abgetragenen Phyllite und Sericite bezeichnet. Auch die Porphyr- und Melaphyrfelsen der Nahegegend, ferner die überaus zahlreichen Vulkanberge, besonders Basaltkuppen der Eifel, des Westerwaldes und des Siebengebirges, sowie die Kalkfelsen bei Gerolstein in der Eifel verdanken ihr jetziges stattliches Hervortreten meist nur dem Umstande, daß sie von der sie umgebenden weicheren Gesteinshülle allmählich entblößt wurden.
Abb. 12. Eschenheimer Turm in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt. (Zu [Seite 23].)
Bildung der Flußtäler.
Die heutige Talbildung des Rheinischen Schiefergebirges hat ihren Anfang wohl erst gegen Ende der Tertiärzeit, in der Pliocänzeit, genommen. Allmählich haben der Rhein und seine Nebenflüsse, die Mosel, die Lahn, die Nahe, die Sieg, die Ahr und die Wupper, ihr Bett bis zur jetzigen Tiefe ausgenagt und dadurch die große Gebirgsscholle in mehrere kleinere zerlegt. In bedeutender Höhe der Täler finden wir die Spuren ihres früheren Laufes. Am deutlichsten sind die alten Flußterrassen im Rheintal ausgebildet, doch fehlen sie auch im Tal der Mosel und in den Tälern der anderen Flüsse nicht. Im Rheintal ist eine Hoch- und eine Niederterrasse nachzuweisen. Jene liegt etwas nördlich von Coblenz in einer Höhe von 245, bei Linz von 200, auf der Erpeler Ley von 150 und auf dem kleinen Krater des Rodderberges bei Rolandseck von 130 m über dem jetzigen Rheinspiegel; sie setzt sich mit abnehmender Höhe auch durch die Kölner Bucht als Schotterfläche der Ville, ja bis nach Cleve und Nimwegen hin fort. Diese Hochterrasse zu beiden Seiten des Tales ist der Rest des ehemaligen, sehr breiten Strombettes. In dieses begann sich der Rhein später tiefer einzugraben. Er zog hierbei von selbst seine Wassermasse enger zusammen. Tiefer sank sein Spiegel, seine steilen Uferwände wurden immer höher und wuchsen allmählich zu Bergen, auf denen in der Höhe die aus mächtigen Schottermassen bestehende Terrasse zurückblieb. Außer dieser obersten Hauptterrasse kommen an den Talwänden auch kleinere Hängeterrassen vor. Die Niederterrasse, eine untere Hauptterrasse, liegt in einer Höhe von 20–30 m über dem jetzigen Wasserspiegel und bezeichnet wieder ein längeres Verweilen des Stromes in seinem Bette. Dann begann er, sich sein heutiges Bett zu graben.
Abb. 13. Das Opernhaus in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)
Abb. 14. Der Palmengarten in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt. (Zu [Seite 23].)
Abb. 15. Im Palmenhause des Frankfurter Palmengartens. (Zu [Seite 23].)
Zu diesem tiefen Einnagen kann der Strom, wie schon erwähnt wurde, nur durch eine langsame Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges veranlaßt worden sein. Diese Aufwärtsbewegung war keine gleichmäßige, sondern ging bald langsam, bald schneller vor sich. Es hätte sonst eine Terrassenbildung nicht stattfinden können. Die Tatsache, daß die Quelle bzw. der Oberlauf der außerhalb des Rheinischen Schiefergebirges entspringenden Flüsse, der Saar, der Mosel, des Rheines (sein Lauf durch die Oberrheinische Tiefebene) jetzt tiefer liegen als die höchsten Spuren der alten Stromläufe, könnte auch so erklärt werden, daß jene außerhalb gelegenen Gebiete später eingesunken und die genannten Gewässer gezwungen worden seien, ihr Wasser aufzustauen, um schließlich über die Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges einen Abfluß zu finden. Die gleichzeitige Annahme von Spalten in letzterem erleichtert diese Erklärungsweise, nach der das Rheintal und seine Nebentäler nur als einfache Erosions-, d. h. Ausnagungstäler aufzufassen seien. Führen wir aber, wie es oben geschah, ihre bedeutende Vertiefung auf ein späteres langsames Emporsteigen des Rheinischen Schiefergebirges zurück — und hierzu sind wir gezwungen, um den beiden Tatsachen, der früheren teilweisen Überflutung des Gebiets durch das Tertiärmeer und der Terrassenbildung gerecht zu werden —, so haben wir eine kompliziertere Talbildung vor uns, die man die vorausgehende nennt. Diese Bezeichnung will andeuten, daß der Beginn der Talbildung der Gebirgserhebung vorausgegangen war, wenn sie auch durch diese erst zum schnellern Fortschreiten angeregt wurde. Wir brauchen in diesem Falle keine großen Spaltenbildungen, die den Gewässern den Weg wiesen, anzunehmen. Solche konnten sicher bisher auch nur auf wenigen Strecken des Rheintales und seiner Nebentäler nachgewiesen werden. Einem Gebirgsspalt folgt der Rhein z. B. auf der Strecke von Braubach unterhalb Boppard bis Coblenz. Die Deutung der Täler des Rheinischen Schiefergebirges als vorausgehende Talbildungen schließt aber durchaus nicht aus, daß die außerhalb entspringenden Gewässer, also Rhein, Mosel und Saar, in früherer Zeit vor Eintritt in das Gebiet ihr Wasser seeartig aufgestaut haben, wofür besonders hinsichtlich des Rheinlaufs, der das Mainzer Becken und einen großen Teil der Oberrheinischen Tiefebene füllte, Beweise vorhanden sind. Diese Aufstauung mußte sogar in dem Maße stattfinden, als die Talvertiefung hinter der Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges zurückblieb. Auch die eingesunkenen oder in der Aufwärtsbewegung zurückgebliebenen Schollen innerhalb des Gebietes, wie das Limburger und Neuwieder Becken und die Kölner Bucht, blieben noch lange Zeit von Wasserfluten bedeckt, bis sie sich mit dem Fortschreiten der Talbildung allmählich entleerten. Der Rhein und seine Nebenflüsse begannen ihre Talbildung in den überlagernden, aber wieder abgetragenen Schichten und setzten sie ohne Rücksicht auf den Gebirgsbau der unterlagernden Schichten fort, so daß man auch von epigenetischen oder aufgelagerten Tälern sprechen kann. Von der Pliocänzeit bis zur Diluvialzeit, und zwar bis etwa zu den letzten Abschnitten der Eiszeit, in der auch schon der Mensch am Rheine wohnte, war beinahe diese ganze Erosionsarbeit der Flüsse geschehen; denn der aus der letztgenannten Zeitepoche stammende feinerdige Löß bekleidet vielfach die Gehänge der Täler, besonders des Rheintales, fast bis zur Niederterrasse herab.
Abb. 16. Kurfürstliches Schloß in Mainz. (Zu [Seite 29].)
Abb. 17. Innere Ansicht der Stadthalle in Mainz. (Zu [Seite 30].)
Abb. 18. Mainz.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)
[A] Geologische Übersichtskarte der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen, bearbeitet von H. v. Decken. — Geologische Übersicht von Mitteleuropa in Andrees Handatlas, V. Aufl. S. 37 38.
III. Das Mainzer Becken, der Rheingau und der Taunus.
Die nördlichen Gegenden der Oberrheinischen Tiefebene, deren unterster Schlußteil das fruchtbare Mainzer Becken bildet, „behaupten,“ so sagt Kutzen, „vor den meisten Abschnitten unseres Vaterlandes, ja vor den meisten Flußtalstücken unseres ganzen Erdteils den Vorrang. Während zweier Jahrtausende waren sie ein Hauptschauplatz weltgeschichtlicher Ereignisse und insbesondere auch der Entwicklung des deutschen Volkes; denn gerade hier tummelten sich von jeher die Eroberer und Völker, von den Zeiten Ariovists und Cäsars bis zu dem Cäsar der Neufranken und seinen Gegnern. Kelten und Germanen, Römer und Hunnen, Schweden und Spanier, Russen und Franzosen versuchten sich hier gegeneinander und düngten mit ihrem Blute das Land, das, oft verwüstet, immer wieder zu neuer Blüte sich erhob. Hier gingen bei weitem die Mehrzahl der großen weltgeschichtlichen Völkerzüge über den Rhein und ließen ihre Spuren zurück, wie auch das herrliche Land selbst stets der Zankapfel der Völker war. An diesen Rheinufern blühten die Reiche der Burgunder und Nibelungen auf und später Deutschlands schöne Pfalzgrafschaft. An ihnen wuchsen jene Städte des Reiches, die Blüte deutschen Lebens, in deren Mauern entscheidende Reichs- und Kirchenversammlungen gehalten, Kaiser gewählt, gekrönt und in die Gruft gesenkt, Künste und Wissenschaften gepflegt, bedeutsame, ja auf die ganze Zivilisation umgestaltend einwirkende Erfindungen, z. B. die Buchdruckerkunst in Straßburg und Mainz, gemacht und Handelsgeschäfte im großartigsten Maßstabe gehandhabt wurden. Noch stehen als Zeugen einer gewaltigen Vergangenheit die hohen Dome und ragen mit ihren Türmen und Zinnen ehrfurchtgebietend ins weite Land hinein, von Berghöhen schauen ernste Ruinen zur Ebene herab und reden von dunklen Sagen uralter, kaum zu ergründender Tage oder von jener großen Zeit, wo die Gaue des Oberrheins noch der Mittelpunkt des Deutschen Reiches waren, wo sich alle Macht und Kraft, aller Reichtum, alle Kunst des germanischen Volkes hier konzentriert hatte. Das alles ist anders geworden; aber das schöne Land ist geblieben, um so inniger umschweben jene Erinnerungen den Wanderer und erhöhen sein Interesse für dasselbe.“
Abb. 19. Der Dom in Mainz, vom Markt gesehen. (Zu [Seite 30].)
Abb. 20. Der nördliche Kreuzarm des Mainzer Domes. (Zu [Seite 30].)
Frankfurts Lage.
Unter den oberrheinischen Städten, die die Wiege großer Zeitereignisse waren und in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten, ragen noch heute besonders zwei hervor: Frankfurt am Main und Mainz. Zwar liegt Frankfurt, wo wir unsere Wanderungen durch das Land am Rhein beginnen wollen, abseits von diesem Strome. Aber an allen Vorteilen, die derselbe als Völkerstraße darbietet, hat die Stadt teilnehmen können, und so kann sie doch, obschon nur am Unterlaufe eines bedeutenden Nebenflusses, des Mains, gelegen, als eine Rheinstadt gelten. Die eigentliche Fortsetzung des großen Grabens der Oberrheinischen Tiefebene, dem der Rheinstrom folgt, bildet nicht das enge Rheintal, sondern die fruchtbare Landschaft der Wetterau, die sich nördlich von Frankfurt ausdehnt. Von dort aus öffnen sich bequeme Verbindungen nach Norden nach dem Hessenlande und nach Nordosten nach Thüringen hin und dadurch nach dem nördlichen und nordöstlichen Deutschland. So bildet Frankfurt die Brücke vom Rhein, der großen Verkehrsader des südwestlichen Deutschland, zu dem übrigen Deutschland, und dieser wichtigen Lage verdankt es die hervorragende Rolle, die es in der Vergangenheit spielen konnte und auch in der Gegenwart auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs zu behaupten vermag. Durch diese Gunst übertrifft seine Lage selbst die des benachbarten Mainz, das von der von Süden nach Norden laufenden Verkehrsstraße durch den Rheinstrom getrennt ist. Warum gerade die durch Frankfurts Lage bezeichnete Stelle am Main für eine Niederlassung bevorzugt wurde, lag in örtlichen geographischen Verhältnissen begründet. Es war nicht bloß das zufällige Vorhandensein einer Furt, die der Stadt den Namen „Villa Franconofurd“: Furt der Franken gab, entscheidend. Ausläufer des Vogelsberges, die nur bei Frankfurt bis an den Main heranstreichen, und eine kleine Bodenerhebung auf dem linken Mainufer sicherten auch eine bequeme Benutzung dieser Furt, während an anderen Flußstellen ein mehr oder weniger breites Überschwemmungsgebiet Hindernisse bereitete. Am Mainufer, von wo aus Frankfurt noch immer sein eigenartigstes Gesamtbild ([Abb. 4]) mit den beiderseitigen Gebäudereihen, mit dem stattlichen, alles überragenden Dom und den niedrig den Fluß überspannenden Brücken entfaltet, wird uns die Situation, die die Gründung der Niederlassung veranlaßte, klar. Recht bedeutend senken sich von der verkehrreichen Zeil aus die zum Main hinführenden, meist sehr engen Gäßchen. In dem Flusse aber schwimmen noch heute mehrere kleine Inseln, auf denen jetzt die alte Mainbrücke ruht, die Furtstelle bezeichnend, wo die fränkischen Heere den Main zu überschreiten pflegten. Die königliche Pfalz, die in der Frankenzeit zu Frankfurt errichtet wurde, wird zuerst im Jahre 793 als Winteraufenthalt Karls des Großen erwähnt. Ludwig der Fromme ließ daselbst 822 eine neue Kaiserpfalz, aula regia, erbauen, vermutlich an der Stelle, die jetzt der sog. Saalhof einnimmt. Dadurch wuchs das Ansehen der Stadt bedeutend, 876, beim Tode Ludwigs des Deutschen, galt sie als Hauptstadt des ostfränkischen Reiches. Von der fränkischen Zeit an wurden in Frankfurt die deutschen Kaiser gewählt, und die Goldene Bulle Karls IV. bestimmte, daß die Bartholomäuskirche, d. i. der Dom, als Wahlstätte dienen sollte. Später mußte auch Aachen seinen Rang als Krönungsstadt an Frankfurt abtreten. So wurde die freie Reichsstadt, die durch Messen zugleich als Handelsplatz mächtig aufblühte, die wichtigste Stadt im Deutschen Reiche, der erst später Wien als ständiger Kaisersitz den Rang ablief ([Abb. 3]).
Abb. 21. Gutenberg-Denkmal in Mainz. (Zu [Seite 31].)
Frankfurts Vergangenheit.
Wir begrüßen es dankbar, daß Frankfurt die Stätten der Erinnerung an seine frühere Größe und Bedeutung so treu bewahrt hat, daß wir heute noch aus dem Kaisersaal ([Abb. 5]) auf den Römerberg, den wichtigsten Platz im alten Stadtteil, hinabschauen können, wie es der neugewählte Kaiser tat, wenn er sich nach beendetem Festmahl auf dem Balkon der festlich versammelten Volksmenge zeigte. In dem angrenzenden Wahlzimmer, das die Kurfürsten zu ihren Vorberatungen benutzten, während der eigentliche Wahlakt in der Wahlkapelle des Domes stattfand, hält noch heute der Magistrat der Stadt Frankfurt seine Sitzungen ab. Der Kaisersaal wurde 1411 vollendet und 1838 bis 1853 neu hergestellt. Er ist mit dem überlebensgroßen Bilde Karls des Großen, den Brustbildern der übrigen Karolinger und den großen Kaiserbildern von Konrad I. (911 bis 918) bis Franz II. (1792 bis 1806), mit dem die Herrlichkeit des alten Deutschen Reiches aufhörte, geschmückt. Das Wahlzimmer wurde 1731 bis 1732 umgebaut. 1896 bis 1898 wurde das Haus zum Römer ([Abb. 6]), das diese historisch denkwürdigen Räume enthält, nebst zwei angrenzenden Häusern mit einer neuen, etwas zu gleichartigen spätgotischen Fassade in hoher Giebelform versehen. Die drei Häuser liegen in einer Gruppe von zwölf Häusern, die man heute insgesamt mit dem Namen „Römer“ zu bezeichnen pflegt. Von den übrigen, zum Teil sehr eigenartigen Gebäuden verdienen besonders das Haus Frauenstein, das eine bemalte Fassade im Stil des achtzehnten Jahrhunderts hat, und das neben ihm an der Ecke der Wedelgasse gelegene Salzhaus ([Abb. 7]), dessen schmaler Giebel ganz aus Holz geschnitzt ist, genannt zu werden. Vom Römerberg, auf dem, wohl auf die Kaiserwahl hindeutend, der Justitiabrunnen steht, lenken wir unsere Schritte durch eine Straße, die den Namen Markt führt, zum Dom hin. Es ist ein historischer Weg, den wir schreiten. Im Geiste sehen wir den Zug der Kurfürsten sich zur Wahlkapelle im Dom bewegen und grüßen den neuen Kaiser, dem die festliche Menge zujubelte. Dieses Zurückschweifen in vergangene Zeiten wird uns leicht, ja zum Bedürfnis beim Anblick der altertümlichen Häuser, die links und rechts vom Markt noch stehen blieben als stumme Zeugen jener Geschehnisse, dort rechts das Eckhaus „Zum großen Engel“, das aus dem Jahr 1562 stammt und halb im gotischen, halb im Renaissancestil erbaut ist, links ein burgartiges Gebäude, genannt das „Steinerne Haus“, das schon 1464 errichtet wurde und mit Fries, Ecktürmchen und Madonnenstatue geschmückt ist, dann wieder rechts der Tuchgaden, wo die Frankfurter Metzgerzunft, alter Überlieferung gemäß, dem nach der Krönung vorüberziehenden Kaiser den Ehrentrunk darbringen durfte.
Abb. 22. Haus „zum Boderam“ am Markt in Mainz. (Zu [Seite 31].)
Frankfurt.
An dem Dome ([Abb. 8]) fällt uns besonders das unverhältnismäßig weit vorstehende Querschiff auf. Das kurze, dreischiffige Langhaus, ein gotischer Hallenbau, stammt aus den Jahren 1235 bis 1239. Die übrigen Teile des Bauwerks sind alle jünger, meist aber, wie auch das Langhaus selbst, Erneuerungsbauten älterer Gebäudeteile. Schon 870 ließ Ludwig der Deutsche an derselben Stelle eine Kirche, die er als Salvatorkirche weihen ließ, erbauen. Dieselbe wurde 1239 nach dem Umbau, von dem das Burghaus herrührt, dem heiligen Bartholomäus geweiht. Die Wahlkapelle stammt aus dem Jahre 1355. Am 15. August 1867 wurde der Dom durch Feuer stark beschädigt. Bei der Wiederherstellung erhielt auch der bis dahin unvollendete Turm seine eigenartige Bekrönung, eine achtseitige Kuppel, die in eine Spitze ausläuft, wie es ein alter Entwurf zeigte.
Abb. 23. Gymnasium in Mainz. (Zu [Seite 32].)
Beim Anblick dieser alten Gebäude in der enggebauten Altstadt kommt uns deutlich zum Bewußtsein, was Frankfurt in politischer Hinsicht dem früheren Deutschen Reiche gewesen ist. Die Stadt, die die deutschen Kaiser aus ihren Mauern hervorgehen sah, schenkte dem deutschen Volke auch den größten Dichter. Im „Großen Hirschgraben“ steht, vom Roßmarkt schnell zu erreichen, das Goethehaus ([Abb. 9]). Es ist ein für frühere Zeiten stattliches Gebäude, aus dem Erdgeschoß, zwei etwas vorgebauten Stockwerken und einem aufgesetzten Giebelhaus bestehend. Tausende Besucher aus allen Ländern der Erde durchwandern alljährlich diese durch einen großen Geist geweihten Räume, in denen der Dichter seine glückliche Jugendzeit verlebte und die ersten Werke schuf, die ihn so früh berühmt machten. Aus „Dichtung und Wahrheit“ sind wir mit den inneren Räumen schon ziemlich vertraut. Es ist das Verdienst des „Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen Vereinigung, daß das denkwürdige Haus uns als ein deutsches Nationalheiligtum erhalten blieb. Dasselbe wurde seit seiner Neugestaltung im Jahre 1884 stilgemäß wie zu Goethes Jugendzeit wieder eingerichtet. Alles heimelt uns so merkwürdig an. Nun erst glauben wir dem großen Dichter näher zu sein. Wir schauen in das Antlitz des strengen Vaters und der ebenso lebensfrohen als lebensklugen Mutter, der Frau Rat, aus deren Munde wir die Worte zu vernehmen glauben, „daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von ihr weggegangen ist, wes Standes, Alters und Geschlechtes sie auch gewesen sei“. Sie war der gute Schutzgeist des Goetheschen Hauses. Es war ein schöner Gedanke, der bei den großen Festlichkeiten, die bei Gelegenheit des 150. Geburtstages des Dichters veranstaltet wurden, auftauchte, auch der herrlichen „Frau Rat“ ein Denkmal zu setzen, nachdem ihrem großen Sohne auf dem benachbarten Goetheplatze schon 1844 ein solches ([Abb. 10]) errichtet worden war. Die Frankfurter Bürgerinnen, die deutschen Frauen griffen ihn mit Begeisterung auf, im stillen flossen die Mittel und bald kann an seine Verwirklichung gedacht werden. Durch eine solche Ehrung wird sich die deutsche Frauenwelt selbst ein Denkmal setzen. Wenn wir den Hof des Goethehauses durchschreiten, gelangen wir zu einem Neubau, in dem 1897 das Goethemuseum eröffnet wurde.
Das neuere Frankfurt blüht mächtig wieder auf. Die letzte Volkszählung ergab eine Bevölkerung von rund 340000 Einwohnern. Noch immer ist die Stadt einer der bedeutendsten Handelsplätze Deutschlands, besonders ein wichtiger Geldmarkt ([Abb. 11]). Ein lebhafter Verkehr flutet durch die Zeil, die Hauptgeschäftsstraße Frankfurts, und prächtige Schauläden locken unsere Augen. Die Fortsetzung der Zeil bildet nach der einen Seite hin die Neue Zeil, nach der anderen, vom Roßmarkt ab, die schöne Kaiserstraße, die zum Hauptbahnhofe hinführt. Prächtig sind auch die Anlagen, die an Stelle der früheren Festungswerke getreten sind. Ihnen folgend, gelangen wir an dem schönen Eschenheimer Turm ([Abb. 12]) vorbei zu dem großartigen Opernhause ([Abb. 13]). Mehr lockt den Fremden wohl noch der berühmte Palmengarten ([Abb. 14]), der weiter außerhalb seitwärts von der Bockenheimer Landstraße liegt. Hinter dem großen, am Eingang gelegenen Blumenparterre, auf dem vom zeitigen Frühjahr an bis in den späten Herbst hinein ein ununterbrochener Blumenflor in kunstreichen Zeichnungen und vielfarbigen Mustern einen entzückenden Anblick darbietet, erhebt sich das im Jahre 1879 in deutschem Renaissancestil erbaute Gesellschaftshaus, in dem täglich zweimal Konzerte der Palmengarten-Kapelle stattfinden. Unmittelbar an das Gesellschaftshaus, nur durch große Glasscheiben getrennt, schließt sich das Palmenhaus ([Abb. 15]) an. Eine ideal aufgebaute tropische Landschaft zeigt sich unserem überraschten Auge. Wir bewundern die stolzen Palmen, die malerisch hängenden Farnkräuter und nicht weniger den so frischgrünen eigenartigen Rasen. Wenn sich das abendliche Halbdunkel in diesen seltsamen Raum schleicht, so fühlen wir uns, traumverloren auf einer Bank sitzend, in eine andere Welt versetzt, in die bisher nur die Phantasie uns trug. Plötzlich zuckt das elektrische Licht hell auf, und ein neuer magischer Zauber durchdringt den Raum. Seltsam stehen die Pflanzengestalten da, und eigenartige Schattenbilder decken den Boden. Dieser Tropentraum ist mit das Schönste, das Frankfurt uns mitgibt auf den weiteren Reiseweg.
Abb. 24. Kreuzaltar in der Peterskirche zu Mainz. (Zu [Seite 32].)
Mainz.
Wo der Main in den Rhein einmündet, an der Innenseite des Knies, das letzterer an dieser Stelle macht, liegt die alte Stadt Mainz. Ihr Gesamtbild ([Abb. 18]) und die Eigenart und Wichtigkeit ihrer Lage überschauen und erkennen wir am besten, wenn wir auf der stattlichen, schönen Rheinbrücke stehen, die nach dem gegenüberliegenden Kastell hinführt. Unter uns rauschen die Wogen des majestätischen Stroms, der soeben seine Vereinigung mit seinem bedeutendsten Nebenflusse vollzogen hat. Noch hat sich ihr Wasser nicht vermischt. Neben dem grünen Rheinwasser ziehen die dunklen Fluten des Mains dahin. Erst wo der Rhein am Binger Loch sich in ein enges Felsenbett zusammendrängen muß, findet die eigentliche Vermählung der beiden Gewässer statt. In herrlicher Lage steigt vor uns das Häuserbild von Mainz, mit der großen Stadthalle im Vordergrund, auf. Majestätisch, mit beherrschender Hoheit, reckt sich der Dom aus ihm hervor. Heller Sonnenglanz liegt auf den Dächern und Türmen der Stadt, auf der weiten Ebene, die rings sich ausdehnt, und auf den grünen Gehängen des Taunus, dessen Höhen im Nordwesten emporsteigen, und das ganze Bild mit Häusern, Türmen, Rebengehängen, Brücken und Schiffen spiegelt sich in den breiten Wasserflächen der beiden Ströme, über deren leicht bewegte Wellen überall ein helles Glitzern huscht. Das ist das „Goldene Mainz“, das in der Römerzeit und im Mittelalter so glanzvoll strahlte, und das nach seinem Niedergange auch in der Gegenwart neuen Glanz zu entfalten beginnt.
Abb. 25. Homburg vor der Höhe. Gesamtblick von der Ellerhöhe aus gesehen.
Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft in Steglitz-Berlin. (Zu [Seite 35].)
In der Römerzeit hatte Mainz fast noch eine größere Bedeutung als Köln. Es konnte wie dieses sich nähren von einer fruchtbaren Umgebung, es beherrschte weithin nicht bloß das Rheintal, sondern auch das Maintal, und ein wichtiger Punkt war es ferner deshalb, weil es ziemlich in der Mitte der langen römisch-germanischen Grenzlinie, wo die beiden Schenkel derselben in einem stumpfen Winkel zusammenstießen, lag und einen starken Stützpunkt darstellte, der vor Angriffen durch zwei breite Stromläufe geschützt war. Bereits die Kelten hatten die Wichtigkeit dieser Lage erkannt, und eine größere keltische Niederlassung bestand schon, als Drusus daselbst ein stehendes Winterlager errichtete. Diese römische Festung war eine der größten am Rhein. Sie faßte zwei Legionen, also, wenn wir die Auxiliartruppen hinzurechnen, eine Truppenzahl von etwa 20000 Mann. Moguntiacum scheint das Hauptquartier des Drusus gewesen zu sein. Denn die römischen Soldaten setzten daselbst ihrem geliebten Feldherrn ein Denkmal, das in den Urkunden Drusilek, im Volksmunde aber Eigelstein genannt wird. Noch ragt die kegelförmige Ruine dieses Römerdenkmals auf der Zitadelle empor. Vor demselben fand in römischer Zeit alljährlich als Totenfeier eine Leichenparade statt. In der Nähe steht noch ein anderes Denkmal, der Ehrenbogen, der dem Germanicus (gest. 19 n. Chr.), dem Sohn des Drusus, errichtet wurde.
Abb. 26. Das Schloß zu Homburg vor der Höhe.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 35].)
Abb. 27. Das Saalburg-Kastell. Wiederaufgebaut. Porta Praetoria. (Zu [Seite 36].)
Eine bedeutende römische Ansiedelung konnte Moguntiacum erst werden, als die römische Grenzlinie nach der Eroberung des Taunuslandes weiter nach Norden vorgeschoben wurde und die Stadt nunmehr auch die nötige Sicherheit und Ruhe für andere Ansiedler bot. Die Erbauung des Castellum Mattiacum auf der rechten Seite an der Stelle, wo heute Kastel liegt, rückte Mainz in die zweite, ja nach Errichtung des Limes oder Pfahlgrabens (vgl. eine spätere Stelle in diesem Abschnitt) sogar in die dritte Verteidigungslinie. Über den Rhein wurde eine feste Brücke geschlagen, deren steinerne Pfeiler auf einem Pfahlrost ruhten und eine hölzerne Brückenbahn trugen. Als im Jahr 1880 an der nämlichen Stelle der Bau der neuen festen Rheinbrücke begonnen wurde, stieß man auf die Eichenpfähle, die von den Römern in den Strom gesenkt worden waren. Es war ein glücklicher Gedanke, aus diesen Resten ein geschichtliches Andenken zu gestalten. Es wurde aus ihnen ein Pfeiler der alten Römerbrücke rekonstruiert, der im Hofe des erzbischöflichen Schlosses Aufstellung fand. Nach Fundstücken konnte auch festgestellt werden, daß das großartige Bauwerk während der Regierungszeit des Kaisers Domitian um das Jahr 89 n. Chr., und zwar durch die vierzehnte und zweiundzwanzigste Legion aufgeführt wurde. Als im dritten Jahrhundert die germanischen Stämme der Alemannen und Franken ihre verheerenden Einfälle in das Römergebiet unternahmen, wurde die Brücke zum Schutze der Stadt Mainz zum Teil abgebrochen. Unter Diokletian fand aber ihre Wiederherstellung statt. Ihre endgültige Zerstörung fällt wohl in die Zeit nach Valentinian.
Abb. 28. Nauheim.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 38].)
Abb. 29. Kronberg.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 38].)
Mainz war Sitz des römischen Statthalters von Obergermanien und daher auch der Verwaltung mit zahlreichen Beamten. Die Zivilisten, die Händler und der Troß des Heeres wohnten vor der Stadt. Auch die entlassenen Soldaten, die sog. Veteranen, schlugen daselbst ihr Heim auf, nachdem sie sich mit eingeborenen Frauen verheiratet hatten. Die Kolonie, die auf diese Weise heranwuchs, erhielt erst unter Diokletian, nach 293, Stadtrechte und ward von da ab Civitas genannt.
Abb. 30. Friedberg.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 38].)
So fluten die Erzählungen der ältesten Geschichte von Mainz durch unsern Geist, wie dort unten die Wogen des Stromes sich drängen, die da kommen und gehen und keine dauernde Gestalt annehmen, oder wie die Rheinnebel aus dem Strome aufsteigen, die den Glanz des Goldenen Mainz verdunkeln wollen. Vierhundert Jahre dauerte die Herrlichkeit der Römerherrschaft, dauerte auch die Herrlichkeit des römischen Mainz. Die über den Limes, über den Rhein drängenden Germanen legten es in Trümmer. Aus dem Dunkel der Geschichte taucht dann das Mainz des Mittelalters, fast glänzender noch als das der Römerzeit, auf. Zwar melden glaubwürdige Nachrichten, daß die Anfänge des Christentums bis ins vierte Jahrhundert, bis zum Jahre 368 zurückreichen. Aber erst im achten Jahrhundert gewann das christliche Mainz wieder eine beherrschende Stellung in der neu sich bildenden Kulturwelt. Der heilige Bonifatius (Winfried, gest. 755) erhob das dortige Bistum zu einem Erzbistum und verlieh dem neuen Erzbischof zugleich das Primat über ganz Deutschland. Durch das ganze Mittelalter hindurch behielt die Stadt eine hohe, besonders politische Bedeutung. Ihre zentrale Lage in dem damaligen Deutschland ermöglichte es den Erzbischöfen von Mainz, die zugleich zu den sieben Wahl- oder Kurfürsten des Deutschen Reiches gehörten, enge Beziehungen nach allen Seiten zu unterhalten. Ihr Einfluß war unter den deutschen Fürsten daher sehr groß. Die Stadt selbst wußte sich die Rechte einer freien Reichsstadt zu sichern. Im Jahre 1254 wurde in ihren Mauern der deutsche Städtebund zur Sicherung des Landfriedens gegründet. Derselbe umfaßte während seiner kurzen Blütezeit über 100 Städte von Basel bis zum Meere. Mainz war sein Haupt. Der Handel der Stadt blühte mächtig auf, ihr Reichtum wuchs, und mit Recht hieß sie das „Goldene Mainz“. Zwei Jahrhunderte dauerte diese Zeit der Hauptblüte. 1462 verlor Mainz seine meisten Rechte. Die frühere freie Reichsstadt wurde jetzt den Erzbischöfen untertan, und über ihr thronte, Gehorsam fordernd, die kurfürstliche Burg.
Abb. 31. Schloß Friedrichshof.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 38].)
Die strategische Wichtigkeit der Lage von Mainz am Zusammenflusse von Rhein und Main machte die Stadt zu einem Zankapfel der Völker. In Kriegszeiten ward sie fast niemals verschont. Im Dreißigjährigen Kriege eroberten nacheinander die Schweden (1631), die Kaiserlichen (1635) und die Franzosen (1644) dieselbe. Ihre starken Festungswerke wurden von letzteren auch 1688 eingenommen, und 1792 wurde sie von ihnen ohne Kampf zum dritten Male besetzt. Nach der französischen Herrschaft, von 1816 bis 1866, war Mainz deutsche Bundesfestung. Im neuen Deutschen Reiche hat Mainz zusammen mit Köln die Sicherung der Rheinlinie übernommen. So ist es noch heute ein Waffenplatz ersten Ranges und seiner Geschichte treu geblieben bis zur Gegenwart.
Abb. 32. Königstein.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 38].)
Abb. 33. Soden.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 39].)
Am Rheinufer hat Mainz sich in jüngster Zeit durch Anlagen bedeutend verschönert. Die Rampe der prächtigen Brücke, das unterhalb derselben sich erhebende alte kurfürstliche Schloß ([Abb. 16]), ein aus rotem Sandstein aufgeführter, umfangreicher Bau, der schon 1627 begonnen, aber erst 1754 vollendet wurde, ferner die riesige Stadthalle und die nach dem Rhein sich öffnenden Torbauten geben der Rheinpromenade einen malerischen Rahmen und Schmuck. Die Konzerte, die an mehreren Abenden der Woche in der Stadthalle ([Abb. 17]) abgehalten werden, locken besonders in der Sommerzeit zahlreiche Spaziergänger zu der Rheinpromenade hin. Vielbesucht sind auch die „Neuen Anlagen“, die weiter oberhalb, am Sicherheitshafen und an der Eisenbahnbrücke, am Rheinufer auf einer kleinen Anhöhe geschaffen wurden. In umgekehrter Richtung gelangt der Spaziergänger zu den großen Hafenanlagen von Mainz, dem Zollhafen, dem Allgemeinen Hafen und einem zweiten Sicherheitshafen, der zugleich als Floßhafen dient. Gleich Mannheim, Cöln und Ruhrort ist Mainz heute wieder ein wichtiger Stützpunkt der Rheinschiffahrt.
Abb. 34. Eppstein im Taunus, vom Malerplatz aus gesehen.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 39].)
Aus der Rheinpromenade führen uns zahlreiche, quer zum Rhein laufende Gassen in die unansehnliche, enggebaute, aber doch wieder interessante Altstadt von Mainz. Bald stehen wir auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Dom ([Abb. 19] und [20]). Gewaltig ragt der Bau mit den sechs Türmen vor uns auf, in dessen einzelnen Teilen eine seltsame Stilmischung, die von so vielen Jahrhunderten erzählen will, zum Ausdruck kommt. Unter den drei großen romanischen Domen von Mainz, Speier und Worms ist er der älteste. Schon im Jahr 978 begann der Erzbischof Willigis seinen Bau, dicht neben einer älteren Kirche. Noch am Tage der Einweihung, im Jahre 1009, wurde das Werk ein Raub der Flammen. Durch Erzbischof Bardo wurde der Dom wiederhergestellt. Aber eine gewaltige Feuersbrunst zerstörte ihn 1081 von neuem. Die hölzerne Decke wurde nun, um die Feuersgefahr zu vermindern, durch eine steinerne ersetzt. Das Langhaus erhielt damals seine heutige Form. Dohme nennt es in seiner „Deutschen Baukunst“ ein „Werk, gewaltig in den Massen, einheitlich in der Gesamterscheinung, aber einfach, wie es Bauten zu sein pflegen, in denen der Architekt noch mit den konstruktiven Gedanken ringt“. In den Kämpfen des Erzbischofs Arnold mit der Bürgerschaft (1155 bis 1160) wurde der Dom von der letzteren als Festung benutzt. Wieder zerstörte dann im Jahre 1191 ein Brand seine oberen Bauteile. Mit der Reparatur wurde eine großartige Erweiterung des Baues verbunden. Das westliche Querschiff mit dem Hauptchor und der achteckigen Kuppel, sowie der Kapitelsaal wurden angefügt. Die Zeit der Gotik erdachte für das bis dahin romanische Bauwerk noch einen herrlichen Schmuck: Sie umgab das Langhaus mit einem gotischen Kapellenkranze, wodurch dasselbe aus einem dreischiffigen in einen fünfschiffigen Bau umgewandelt wurde, schmückte den Dom mit einer glänzenden Fensterarchitektur und mit Ziergiebeln und gab Türmen und Dächern ein mehr gotisches Gepräge. Noch viele Wandlungen, zum Teil wieder durch Brandschäden veranlaßt, hat der wundervolle Bau durchgemacht, der durch alles, was die Jahrhunderte beigefügt oder in ihrem Sinne verändert haben, eins der interessantesten Bauwerke für die Geschichte der Baukunst geworden ist. Aus dem verwüsteten Zustande, in dem ihn die französische Zeit hinterlassen hat, ist er mit großen Opfern gerettet worden, so daß er nun wieder in einer Vollendung dasteht, wie ihn keine Zeit seit den Tagen des höchsten Glanzes gesehen hat.
Abb. 35. Malerisches Motiv von der Burg in Eppstein im Taunus.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 39].)
Vom Dome wandern wir weiter zu dem nahe gelegenen Gutenbergplatz, auf dem seit dem Jahre 1837 ein Denkmal ([Abb. 21]) des Erfinders der Buchdruckerkunst steht, das von Thorwaldsen in Rom modelliert wurde. Zwischen den Jahren 1450 und 1455 stellte Gutenberg in Mainz zuerst gedruckte Bücher mit Metallbuchstaben her. Wie seine Erfindung nach mancher Richtung in Dunkel gehüllt ist, so läßt sich auch nicht bestimmt sagen, ob so viele Häuser in Mainz mit vollem Grund mit der Ausübung der neuen Kunst in Verbindung gebracht werden.
Mainz besitzt viele historisch oder architektonisch interessante Gebäude. Hingewiesen sei auf den Holzturm und den Eisenturm, die von der alten Stadtbefestigung noch übrig geblieben sind, auf das Haus „zum Boderam“ ([Abb. 22]) am Markt, auf das alte Gymnasium ([Abb. 23]), den ehemaligen Kronberger Hof, der zwischen 1604 und 1626 erbaut wurde, auf den ehemaligen Knebelschen Hof, der sich durch einen reichen Renaissance-Erker im inneren Hof auszeichnet, auf die frühgotische St. Stephanskirche, die als doppelchörige Hallenkirche von 1257 bis 1328 auf einem der höchsten Punkte der Stadt erbaut wurde, sowie auf die doppeltürmige Peterskirche, die in der französischen Zeit, insbesondere der heutige Kreuzaltar ([Abb. 24]), dem Kultus der Göttin der Vernunft diente. Diese letztere Kirche erhebt sich unmittelbar an dem großen, baumgeschmückten Schloßplatze, und vor uns liegt das schon erwähnte kurfürstliche Schloß ([Abb. 16]), dessen ausgedehnte Räume seit 1842 als römisch-germanisches Zentralmuseum dienen und eine hochbedeutende Sammlung römischer und germanischer Original-Altertümer enthalten. Beim Durchwandern der Säle und beim Betrachten der interessanten Fundstücke wird die ganze Geschichte der Stadt Mainz und des rheinischen Landes noch einmal in uns wach. Die prächtige, mit schönen Anlagen geschmückte Kaiserstraße, in die wir durch einen nordwestlichen Ausgang des Schloßplatzes einbiegen, aber zaubert uns das Bild des neuen Mainz (90000 Einw.) vor, wie es sich nach dem Hinausschieben des engen Festungsgürtels zu gestalten begonnen hat. Prächtige Gebäude fesseln den Blick, und am Ende der Kaiserstraße taucht der Hauptbahnhof vor uns auf.
Abb. 36. Schloß Biebrich.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 39].)
Abb. 37. Wiesbaden, vom Neroberg gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 39].)
Umgebung von Mainz.
Nachdem wir in den beiden Städten Frankfurt und Mainz, die die Ausgangspunkte unserer Rheinwanderung bilden sollen, Umschau gehalten haben, wollen wir einen Blick auch in das sie umgebende Land werfen, um den Boden, auf dem sie erwuchsen, genauer kennen zu lernen. Es ist ein weites, meist flaches, stellenweise aber hügeliges Land, das sie umbettet. Fruchtbare Äcker dehnen sich meist vor uns aus; stellenweise aber trat an die Stelle des Ackerbaues die Gemüsezucht, für deren Erzeugnisse die beiden Städte eine gute Absatzquelle bilden, so südwestlich von Mainz, wo auch eine bedeutende Spargelzucht betrieben wird; große Obstanlagen schaut ferner das Auge, die uns schon verraten, daß wir uns in der Gegend befinden, wo der beste Apfelwein herkommen soll; auch Rebenschmuck fehlt nicht der Landschaft, in der hier und da große, wohlhabende Dörfer auftauchen, und deren Bild endlich vervollständigt wird durch dunkle Kiefernwaldungen, die zwar selten, in weiten Abständen voneinander erscheinen und meist die niedrigen Anhöhen bedecken, diese von weitem schon als Sandhügel kennzeichnend. Bei schönem, klarem Wetter braucht der Blick nicht bei diesen nahen Bildern zu verweilen. Er schweift in die nebelige Ferne, wo rings sich die Linien von höheren Erhebungen abzeichnen. Im Nordwesten säumt der hohe Zug des Taunus, der „Höhe“, wie man im Lande sagt, den Horizont, von Norden streichen die Ausläufer des Vogelsberges, der gewaltigsten Basaltmasse Deutschlands, heran, im Osten grüßen des Spessart waldbedeckte Höhen, im Südosten erscheinen des Odenwaldes liebliche Abhänge, im Südwesten läßt das freundliche Bergland der Pfalz den Blick weiter schweifen, einerseits nach dem hochgewölbten Donnersberg und anderseits nach dem Soonwald des Hunsrück, und nur im Süden bleibt der Horizont frei, dem Rheine den Lauf zu diesem schönen, reichen Lande öffnend. Rings also Höhen und in der Mitte ein eingesenktes, ein eingesunkenes Land, ein Becken, das nach der ziemlich in der Mitte gelegenen Stadt Mainz das Mainzer Becken genannt wird. Diese Bezeichnung drückt nicht bloß, den plastischen Bau der Landschaft anzeigend, einen geographischen Begriff aus, sondern ist zugleich ein geologischer Begriff. Das „Tertiärbecken von Mainz“ reiht sich den Tertiärbecken von Wien, von Paris und London mit ihrer reichen Kulturentwicklung würdig an. Die Süßwasserbildungen, die in dem seichten Meeresbecken entstanden, sind meist fruchtbare Bodenarten. Am wichtigsten sind die Mergelschichten, die die glücklichste Bodenmischung darstellen, indem sie sowohl den nötigen Sandgehalt, der sie locker macht, als auch den nötigen Tongehalt, der sie wasserhaltig, und endlich auch einen bedeutenden Kalkgehalt, der sie fruchtbar macht und ihre schnelle Erwärmung fördert, besitzen. Andere Bodenarten sind die Taunusschotter, die weniger fruchtbar sind, aber dem Weinbau genügen, Geschiebelehm, der als Ackerboden wertvoll ist, Sand, der nur stellenweise dem Anbau dient, und Löß, der wieder von großer Fruchtbarkeit ist. Der Sand, der bei Mainz und Darmstadt auftritt, ist echter Flugsand. Dünenzüge sind erkennbar. Auch das Auffinden von dreikantigen Steinen, deren Form nur durch Windwirkung entstanden sein kann, beweist den Dünencharakter. Nach oben gehen die Dünenzüge allmählich zu dem feineren Löß über. Aus diesen Erscheinungen müssen wir folgern, daß Deutschland im späteren Diluvium teilweise, wenigstens im nördlichen Teile der Oberrheinischen Tiefebene, Steppencharakter hatte. Auf den höheren Abhängen schlossen sich an die Steppe Waldgebiete an; denn im Löß werden neben echten Steppentieren auch andere Tiere in Überresten gefunden, deren Leichen durch Wasserfluten angeschwemmt wurden.
Abb. 38. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)
Das Mainzer Becken.
Verlassen wir hiermit das Bild früherer Erdzeiten, die noch nicht lange hinter uns liegen, und wenden wir uns der Betrachtung des heutigen Bildes der Landschaft zu! Von allen Randgebieten des Mainzer Beckens lockt uns keines so wie der Rheingau, der sich so sonnig zu den Füßen des hochragenden Taunuszuges bettet, über den der warme Hauch der südlichen Winde weht, und wo noch mehr die Glutstrahlen der Mittagssonne helfen, ein goldenes Weinland, vielleicht das gepriesenste auf Erden, zu schaffen. Und zu den Vorzügen, die Windeshauch und Sonnenschein der reich gesegneten Landschaft bringen, gesellt sich ein dritter, der dieselbe nicht minder berühmt gemacht hat. An vielen Stellen sprudeln aus dem Erdboden warme Quellen, die schon von den Römern als Heilquellen benutzt wurden, und die in unserer Zeit das Land der Reben zum Ziele von Tausenden machen, die entweder Genesung suchen oder in den zahlreichen, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens ausgestatteten Badeorten nur ein angenehmes und genußreiches Leben suchen.
Abb. 39. Königliches Theater in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)
Für den Besuch der zahlreichen Badeorte, die am Südabhange des Taunus oder auf dem Taunus selbst, anmutig in die Täler gebettet, liegen, ist teils Frankfurt, teils Mainz der geeignetste Ausgangspunkt. Als solcher kommt für einige auch Höchst (16000 Einw.), die erste Station der schon 1839 eröffneten Taunusbahn von Frankfurt nach Mainz, wo sich die großartigen Höchster Farbwerke befinden, in Betracht.
Homburg vor der Höhe.
Das vornehmste unter den Taunusbädern ist Homburg vor der Höhe (10000 Einw.) ([Abb. 25]), das in jüngster Zeit auch ein Lieblingsaufenthalt des deutschen Kaisers Wilhelm II. geworden ist. Das dortige Schloß ([Abb. 26]), das seit 1866 für die preußische Königsfamilie eingerichtet ist und bis zu diesem Jahre Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg war, wurde 1680 bis 1685 von dem Landgrafen Friedrich II. aufgeführt und 1820 bis 1840 umgebaut. Das glanzvoll eingerichtete Kurhaus stammt aus den Jahren 1841 bis 1843, wurde aber 1860 bedeutend vergrößert. Es enthielt früher auch ein vortrefflich geordnetes Saalburg-Museum mit zahlreichen Fundstücken von der etwas mehr als eine Stunde entfernten Saalburg und anderen römischen Taunuskastellen, sowie mit einem Modell jenes berühmten Kastells, von dem später noch die Rede sein soll, und eines römischen Wachtturmes. Die wertvolle Sammlung befindet sich jetzt in der Saalburg selbst. Glänzende Festsäle und die Gartenterrasse hinter dem Kurhause sind die Sammelplätze der eleganten Welt. Schöne Promenaden und der große Kurpark laden zu Spaziergängen ein. Die eisenhaltigen salinischen Trinkquellen, die besonders gegen Unterleibsleiden wirksam sind, treten an der Brunnenallee schäumend zutage. Die bedeutendste unter ihnen, die Elisabethquelle, ist kochsalzreicher als der Kissinger Rakoczy. In ihrer Nähe liegen inmitten eines herrlichen Blumenflors zwei Trinkhallen, ferner der Musikpavillon und das Palmenhaus. 1887 bis 1890 wurde in italienischem Renaissancestil das große, luxuriös ausgestattete Kaiser Wilhelm-Bad erbaut.
Abb. 40. Das Rathaus in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)
Die Saalburg.
Eine elektrische Bahn führt uns bequem von Homburg zu der 420 m über dem Meere gelegenen Saalburg. Dort grüßt uns ein lebenswahres Bild der Römerzeit. Das in seiner ganzen Anlage freigelegte Römerkastell ist wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt worden. Es bildet ein Rechteck von 221 × 146 m, mit einem Flächeninhalt also von über 32000 qm. Die Ecken sind abgerundet. Vier Tore führten in das Kastell. Auf der Südseite öffnet sich uns die 8,2 m breite Porta decumana. Eine 3 m hohe Mauer und zwei Spitzgräben umgeben die Anlage. Am 11. Oktober des Jahres 1900 wurde durch Kaiser Wilhelm II., der ein hohes Interesse für den Wiederaufbau der Saalburg bekundete, der Grundstein zum Hauptgebäude in der Mitte, zum Praetorium ([Abb. 27]), unter Veranstaltung eines glanzvollen Festes gelegt. Vor diesem Bau, der als Limes-Museum dient, wurde dem ersten Erbauer der Saalburg, dem römischen Kaiser Antoninus Pius, ein Denkmal errichtet.
Der Limes.
Die Saalburg bildete ein Glied der 542 km langen Befestigungslinie, mit welcher die Römer den unterjochten Teil Germaniens umzogen, um das Land vor den Einfällen der übrigen germanischen Stämme zu schützen, des Pfahlgrabens oder Limes. Derselbe begann bei Kehlheim an der Donau, lief als rätischer Limes von dort nach Lorch bei Stuttgart und als obergermanischer Limes über Miltenberg am Main, über den Taunus und über Ems und endete am Rhein bei Rheinbrohl. Er bestand aus einer Grenzmarkierung, aus einem Erddamm mit aufgesetzter Mauer und davorliegendem Graben und aus etwas zurückliegenden Wachttürmen und Kastellen. Die Grenzmarkierung bestand entweder nur aus Steinen oder streckenweise auch aus Palisadenreihen. Ursprünglich war wohl nur diese Anlage, die man einen limes perpetuus nannte, vorhanden. Die Palisaden bildeten ein Annäherungshindernis und für die Patrouillen einen Schutz. Als später der Erdwall angelegt wurde, verlor die Grenzmarkierung ihre Bedeutung. Die Wachttürme waren anfangs Holz-, später Steintürme. Sie lagen gewöhnlich 30 m hinter dem Erdwall und etwa 750 m, also auf Signalweite, voneinander. Kastelle waren überall dort angelegt, wo ein Flußlauf die Befestigungslinie kreuzte. Am rätischen Limes waren sie, weil dort die Bodenform eine günstige war, selten, um so zahlreicher am obergermanischen. Bisher sind etwa 70 Kastelle bekannt. Die größten hatten einen Innenraum von etwa 60000 qm und eine Besatzung von 1000 Mann, die mittleren waren 20000 bis 35000 qm groß und mit 500 Mann belegt, die kleinsten maßen nur 5000 bis 8000 qm und hatten nur eine kleine Besatzung. Alle hatten die Aufgabe, Flußtäler und Straßen zu sperren. Sie waren also Sperrforts und als solche festungsmäßig mit Türmen versehen und mit Ballisten, d. h. Wurfgeschützen ausgerüstet. Die Besatzung mußte imstande sein, kleine Feindesscharen zurückzuweisen, größere aber so lange aufzuhalten, bis die Legionen herankamen.
Abb. 41. Das Kurhaus in Wiesbaden.
Nach einer Photographie von Hofphotograph Karl Schipper in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)
Auf das Verhalten der unruhigen, kriegs- und wanderlustigen germanischen Volksstämme übte die Anlage des römischen Pfahlgrabens eine bedeutende Wirkung aus. Der Grenzverkehr wurde scharf überwacht, und bewaffnete Überschreitung der Grenzlinie war verwehrt. Die Bewegung des germanischen Volkes wurde dadurch vorläufig zum Stillstand gebracht. Da es aber für die in starker Vermehrung begriffene Bevölkerung an weiteren Weideplätzen bald fehlte, waren die Westgermanen gezwungen, von der Viehzucht zum Ackerbau überzugehen und feste Siedelungen anzulegen. So nahm die Not den zum Nomadenleben neigenden Germanen in eine harte und um so nützlichere Schule. Erst als seßhafter Ackerbauer konnte er die zivilisatorischen Elemente in sich aufnehmen und verbreiten (Mommsen).
Kronberg. Altkönig. Feldberg.
Von der Saalburg aus würde uns der Pfahlgraben zum Fuße des Feldbergs, der höchsten Erhebung (880 m hoch) des Taunus, hinführen. Es hat einen gewissen Reiz, so einen Patrouillengang römischer Soldaten nachzuahmen. Genußreicher ist aber die Besteigung des Feldbergs von dem westlicher gelegenen Kronberg aus. Darum kehren wir nach Homburg zurück und statten von dort noch mittelst der Eisenbahn dem Städtchen Friedberg ([Abb. 30]) und dem Badeorte Nauheim ([Abb. 28]) einen Besuch ab.
Nach Kronberg (Cronberg, [Abb. 29]) führt von Frankfurt eine Eisenbahnlinie, die bei Rödelheim von der Homburger Bahn abzweigt. Das Städtchen liegt, umgeben von Obstpflanzungen und Kastanienwäldern, an einem Hügel und wird von dem im dreizehnten Jahrhundert erbauten Schloß überragt. Der weit sichtbare Turm bietet eine prächtige Aussicht dar. Wir schauen hinab auf die zahlreichen zierlichen Landhäuser, die meist Eigentum Frankfurter Familien sind, zum Teil die Frankfurter Malerkolonie bildend. Nordöstlich grüßt uns das Schloß Friedrichshof ([Abb. 31]), der ehemalige Witwensitz der Kaiserin Friedrich.
Abb. 42. Der Kochbrunnenplatz in Wiesbaden. (Zu [Seite 40].)
Von Kronberg sind viele besuchenswerte Punkte leicht zu erreichen. Nordwestlich steigen die Burgruine Falkenstein, das Stammschloß des gewaltigen Erzbischofs Kuno von Trier, sowie die Trümmer der Bergfestung Königstein ([Abb. 32]), die 1796 von den Franzosen geschleift wurde, vor uns auf. Weiter nördlich ragt, in der Richtung auf den Feldberg zu, die 798 m hohe Bergkuppe des Altkönig empor. Sein Gipfel ist von zwei riesenhaften Ringwällen umgeben, die aus vorrömischer Zeit stammen und wohl von einem keltischen Volke herrühren, das dort seine Opfer- und seine Zufluchtsstätte in Kriegszeiten hatte. Der äußere Wall hat einen Umfang von 1389 m, der innere von 982 m. Der Große Feldberg (880 m), dem sich links der 827 m hohe Kleine Feldberg vorlagert, ist ganz von Wald bedeckt. Nur der Gipfel, auf dem drei Gasthäuser stehen, und von dem man bei hellem Wetter einen ausgedehnten Rundblick genießt, ist frei. Auf ihm liegt ein riesiger, 12 m breiter und 3 m hoher Quarzblock, der schon in einer Urkunde vom Jahre 812 genannt und 1043 als Brunhildenbett bezeichnet wird.
Soden. Eppstein. Biebrich.
Eine dritte Taunusfahrt, die wir von Frankfurt aus unternehmen, führt uns nach dem kleinen Badeort Soden ([Abb. 33]). In dem Tale, in welchem es gebettet ist, entspringen 24 kohlensäurereiche, 9 bis 22 Grad warme Kochsalzquellen, deren Wasser zusammen mit der milden Luft des Ortes besonders Kehlkopfleidenden Linderung bringt. Und als eine vierte Tour sei die nach dem in tiefem Tale gelegenen Eppstein ([Abb. 34]) empfohlen, das durch seine alte Burg ([Abb. 35]) und seine malerischen Fels- und Waldpartien ein Lieblingsaufenthalt für Maler geworden ist.
Die übrigen schönen Punkte am Südabhange des Taunus und in dem Rebengarten des Rheingaues erreichen wir am bequemsten von Mainz aus. Eine kurze Stromfahrt führt uns zwischen zwei langgestreckten Rheininseln, der Ingelheimer Aue und der Petersaue, auf der 840 Kaiser Ludwig der Fromme starb, hindurch, immer im Anblicke der Taunushöhen, nach der am rechten Rheinufer gelegenen Stadt Biebrich (20000 Einw.), deren rege Gewerbtätigkeit zahlreiche Fabrikschornsteine ankünden. Unser Ziel ist das von 1704 bis 1706 im Barockstil erbaute Schloß ([Abb. 36]) des früheren Herzogs von Nassau, späteren Großherzogs von Luxemburg, und in dem Schloßpark bewundern wir die schöne Kastanienallee, deren alte Bäume sich durch eine ungewöhnliche Größe auszeichnen, und betrachten, den Geist in die Vergangenheit versenkend, die kleine Moosburg. Zwar wurde diese erst 1806 aufgeführt, jedoch auf den Trümmern der alten Kaiserpfalz Biburk, die 874 Ludwig der Deutsche bewohnte.
Abb. 43. Griechische Kapelle am Neroberg bei Wiesbaden. (Zu [Seite 41].)
Wiesbaden.
Von Biebrich erreichen wir in etwa einer Stunde Wiesbaden ([Abb. 37]), das bedeutendste und besuchteste unter den Taunusbädern, wo jährlich etwa 130000 Kurgäste zusammenströmen. Die Hauptsaison ist im Frühling und Herbst. Früher als anderswo hält ja der Lenz dort seinen Einzug, und im Herbst lacht ein heiterer Himmel, wie er in einem Weinlande lachen muß. Im Sommer aber ist die Temperatur zu warm und schwül, und manche Kurgäste reisen dann ab nach kühleren Orten. Etwa die Hälfte der obengenannten Zahl der Kurgäste mag auf Durchreisende entfallen, die übrigen nehmen längeren Aufenthalt. Die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die für diese geschaffen worden sind, haben auch viele Rentner und pensionierte Beamte, besonders höhere Offiziere angelockt und bestimmt, in Wiesbaden ihren dauernden Wohnsitz zu nehmen. Dadurch wuchs die Stadt bedeutend an; sie zählt heute über 100000 Einwohner. Prächtige Alleenstraßen durchziehen dieselbe, wie die mit schattigen Platanenreihen geschmückte Wilhelmsstraße, wie die Rheinstraße, der Bismarck- und Kaiser Friedrich-Ring und die nach Biebrich zu führende Adolfsallee; inmitten schmuckvoller Anlagen oder auf Plätzen erheben sich schöne Denkmäler, wie das der Kaiser Wilhelm I. ([Abb. 38]) und Friedrich III., des Fürsten Bismarck und des in Wiesbaden verstorbenen nationalen Dichters Gustav Freytag; viele stattliche und stilvolle Gebäude geben ferner der Stadt Glanz und Ansehen, wie das Königliche Theater ([Abb. 39]), das Königliche Schloß, welches 1883 renoviert wurde, das Rathaus ([Abb. 40]), das im Jahre 1907 eröffnete prunkvolle neue Kurhaus ([Abb. 41]), die katholische Kirche, die Ringkirche u. a. Von den zahlreichen Quellen Wiesbadens ist der wichtigste Sprudel der Kochbrunnen ([Abb. 42]), der am Ende der schönen Trinkhalle entspringt und eine Vereinigung von 15 Quellen darstellt. Stündlich liefert er 22800 l sehr kochsalzreiches Wasser. Die Temperatur desselben beträgt 69° C. Schon Plinius spricht von den heißen Quellen Wiesbadens, das in Römerzeit, Aquae Mattiacorum, als Hauptort der später fast ganz romanisierten Mattiaken aus einem Kastell rasch emporblühte. Er berichtet, daß ihr Wasser, nachdem es geschöpft wäre, drei Tage warm bliebe. Das Kastell wurde wahrscheinlich schon von Drusus angelegt. In fränkischer Zeit hieß der Ort Wisibada und bildete den Hauptort des Königssundragaues.
Abb. 44. Schlangenbad, von der Wilhelmshöhe gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 41].)
So sehr uns auch das glanzvolle Badeleben lockt, so angenehm es sich sitzt am Kurhause inmitten des Blumenflors oder wandert durch den schattenkühlen Kurpark, mehr noch zieht es uns hinauf auf die Höhen ringsum, die mit schmucken Villen so reich geschmückt sind. Das lohnendste Wanderziel bildet der Neroberg, auf dessen Höhe die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle ([Abb. 43]) im hellen Sonnenlichte glanzvoll erstrahlen. Wir können einen doppelten Weg wählen, und jeder verheißt eine genußreiche Wanderung. Wir folgen entweder dem Nerotal und später dem Philosophenwege oder der villengeschmückten Kapellenstraße, die uns nicht sofort zum Gasthofe des Nerobergs, sondern zuerst zur griechischen Kapelle hinführt. Oben entfaltet sich uns ein schöner Blick auf die Stadt ([Abb. 37]) und eine umfassende Aussicht auf das Rheintal; über den Mainzer Dom schweift der Blick bis zu den Nebellinien ferner Gebirge, bis zur Bergstraße und zum Melibocus.
Abb. 45. Rauenthal.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu [Seite 43].)
Langenschwalbach. Schlangenbad.
Nordwestlich von Wiesbaden liegt, schon auf der Hochfläche des Taunus, dessen hoher, aus Quarzit[B] aufgebauter Rücken nach Norden in ein fast wagerecht liegendes Plateau übergeht, das Bad Langenschwalbach (3000 Einw.), gewöhnlich nur Schwalbach genannt. In ein freundliches Wiesental hat sich das Städtchen, das schon im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert als ein Luxusbad ersten Ranges glänzte, gebettet. Merian beschrieb die dortigen kalten Quellen, von denen die bedeutendsten der Stahlbrunnen und der Weinbrunnen sind, im Jahre 1665 mit folgenden Worten:
„Das Wasser ist sehr kalt, von Farben vberauß schön, hell, wie ein Crystall durchscheinend, zu trinken gar lieblich (wiewohl es einem anfangs seltzsam vorkompt), am Geruch stark wie ein newer verjährter Wein, also, daß man bißweilen meynet, man wollt’ nießen.“
Etwa 5000 Kurgäste, in der Mehrzahl weiblichen Geschlechtes, beleben in der Saison den sonst so stillen Ort, besonders Bleichsüchtige und Nervenleidende. Indem wir wieder herniedersteigen von dem Taunusplateau, führt uns der Weg nach dem kleinen, nur aus etwa 50 Häusern bestehenden Badeorte Schlangenbad ([Abb. 44]), der in einem Waldtal ein so reizendes Plätzchen gefunden hat. Seine Quellen gehören zu den erdig-mineralischen Mineralwässern und liefern ein klares, völlig geruchloses Wasser von 29 bis 32° C, das besonders bei Hautkrankheiten und Nervenschwäche heilbringend wirkt.
Abb. 46. Eltville.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 43].)
Abb. 47. Der Marcobrunnen.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu [Seite 43].)
Der Rheingau.
Nach kurzer Wanderung von Schlangenbad weiter talwärts nehmen uns sonnige Rebengelände auf. Der gepriesene Rheingau lacht mit seiner Weinfülle uns entgegen. Vielleicht schon zur Merowingerzeit wurde dieses Land in einen Rebengarten verwandelt. Seit alters führt es seinen inhaltsvollen Namen, der es so innig mit dem Rheine vermählt. Von allen Gauen am stolzen Strom wurde nur einer nach diesem benannt, der Rheingau, der auf der rechten Seite des Rheintales bis Lorch reichte und dieses alte Weinstädtchen noch mit umfaßte. Ursprünglich war er ein königliches Gebiet, das 961 und 983 von den Ottonen an Mainz überlassen wurde. Ein bis zur Undurchdringlichkeit verwachsener Baumverhau umgab dasselbe damals und schloß es wie eine Festung ab. Den heutigen Umfang erhielt der Weinbau im dreizehnten Jahrhundert. Als die Rheingaugrafen 1279 verdrängt worden waren, setzten die Mainzer Erzbischöfe einen Statthalter (Vicedom) ein, der aber bis zum Jahre 1527 den Rheingauer Landtag befragen mußte. Erst als der große Bauernaufstand niedergeschlagen war, begann die unmittelbare Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe. Viele Jahrhunderte hindurch ist nun schon der Weinbau im Rheingau die Quelle des Wohlstandes. Vorübergehend kamen zwar Zeiten, in denen die Einkünfte aus demselben zu wünschen ließen. So wirkte das Verschwinden der zahlreichen kleinen Herrschaften in Deutschland ungünstig ein; denn die Fürstenhöfe waren früher die besten Absatzquellen. Daß damals die Rheingauwinzer ihren herrlichen Wein selbst trinken mußten, war an sich ja eine schöne Sache; aber die Taschen blieben dabei leer, und der Kopf wurde hitzig. In unserer Zeit hat der wachsende Wohlstand den Rheingauer Weinen neue, zahlkräftige Kunden gebracht. (Näheres über Weinpreise der besseren Marken siehe in dem letzten Abschnitte über den rheinischen Weinbau.)
Abb. 48. Kloster Eberbach.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu [Seite 43].)
Abb. 49. Kelterraum in Eberbach.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu [Seite 43].)
Rheingauwanderung.
Die Wanderung durch die Rebengefilde des Rheingaues ist, da das Herz von vornherein schon so frohgestimmt ist, etwas gar Schönes. Sonnig, meist schattenlos ist zwar der Weg, der uns von Schlangenbad über Rauenthal ([Abb. 45]) nach dem lieblich am Rhein gelegenen Städtchen Eltville oder Elfeld (4000 Einw.) ([Abb. 46]), von dort über Erbach am Marcobrunnen ([Abb. 47]) vorbei nach Hattenheim, dann nach der einst so berühmten Benediktinerabtei Eberbach ([Abb. 48]), wo wir uns in dem schönen Kelterraum ([Abb. 49]), dem früheren Refektorium, gern der weinkundigen Mönche, die dem Steinberger zu seinem berühmten Namen verhalfen, erinnern, weiter über Hallgarten am Schloß Vollrads vorbei nach Schloß Johannisberg ([Abb. 50]), wo der König der Weine und der Wein der Könige gezogen wird, und schließlich über Geisenheim (4000 Einw.) ([Abb. 52]), wo sich die Königliche Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau befindet, nach dem weinberühmten Städtchen Rüdesheim (5000 Einw.) ([Abb. 51]). Östrich und Winkel, nicht weniger bekannte Weinorte, ließen wir bei dieser Wanderung abseits am Rheine liegen. Wohlgepflegte Weinberge schaute überall unser Auge, und berühmte Namen klangen an unser Ohr, die ein Gefühl der Hoheit dieses Landes in uns weckten. Doch wenn es auch einem gewöhnlichen Sterblichen nicht vergönnt ist, von den edelsten Weinen des Rheingaus in Fülle zu trinken oder auch nur davon zu kosten, auch das andere Gewächs läuft wie Feuer durch unsere Adern, und wenn wir in diesem Weinglück, in der Begeisterung, die eine solche Wonne dem Menschen gibt, hinaufsteigen zum Niederwald, dann öffnet sich beim Anblick des Germaniadenkmals das Herz zu jenem weihevollen Empfinden, das alle deutschen Brüder, das ganze deutsche Vaterland hineinziehen möchte in dieses Glück, in dieses Glück am Rhein.
Abb. 50. Schloß und Dorf Johannisberg.
Nach einer Photographie von R. Bieleck in Eltville. (Zu [Seite 43].)
Das Nationaldenkmal.
Das Germaniadenkmal ([Abb. 53]) wurde am 28. September 1883 im Beisein des Kaisers Wilhelm I. und vieler deutscher Fürsten enthüllt. Sechs Jahre war an ihm gearbeitet worden, die Bausumme betrug 1⅒ Millionen Mark. Als im Jahre 1877 am 16. August der Grundstein zu dem Denkmal gelegt wurde, begleitete Kaiser Wilhelm I. die ersten Hammerschläge mit den Worten:
„Wie mein Königlicher Vater einst dem deutschen Volke vor dem Denkmal zu Berlin zurief, so rufe ich heute von dieser bedeutungsvollen Stelle den deutschen Völkern zu: Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachahmung!“
Die Gestalt der Germania wurde nach einem Entwurfe des Professors Schilling in Dresden gegossen. Sie mißt 10,60 m, mit dem Sockel, der mit den sinnreichen Darstellungen: „Krieg“, „Friede“, „Des Kriegers Abschied“ und „Des Kriegers Heimkehr“ geschmückt ist, aber 34 m.
Abb. 51. Rüdesheim, vom Rochusberg gesehen. (Zu [Seite 43].)
Abb. 52. Geisenheim. (Zu [Seite 43].)
Abb. 53. Nationaldenkmal auf dem Niederwald. (Zu [Seite 44].)
Abb. 54. Bingen und der Niederwald. (Zu [Seite 46].)
Blick vom Nationaldenkmal. Der Mäuseturm.
Der Blick vom Denkmal entfaltet ein ebenso reiches als prächtiges Bild. Er reicht über den ganzen Rheingau und die Taunuskette, schweift zu der weiß schimmernden Rochuskapelle und zur Burg Klopp, die, überragt von dem Scharlachkopf, über dem Städtchen Bingen (10000 Einw.) ([Abb. 54]) thront, folgt dem Laufe der Nahe, die aus einer Bergspalte zu kommen scheint und zwischen Bingen und Bingerbrück in den Rhein mündet ([Abb. 55]), mißt den breiten Strom, der aus der weiten Ebene kommt und nun westwärts in enger Talspalte, im Binger Loch ([Abb. 57]), verschwindet, und grüßt den Mäuseturm ([Abb. 56]), der auf einer kleinen Rheininsel so schmuck emporsteigt, fast schlanker noch als der hohe Turm der Burgruine Ehrenfels ([Abb. 56]), die aus der rechten Talwand herausragt. Die beiden Bauten wurden einst errichtet, um die Schiffahrt, die an dieser Stelle auch durch Felsenriffe behindert war, bis die preußische Regierung umfangreiche Sprengungen vornehmen ließ, sperren zu können. Mäuseturm heißt soviel als Turm zum „Mûsen“, d. h. Ausschauen. Er wurde von dem Erzbischof Willigis von Mainz erbaut. Das Volk aber knüpfte an ihn die grausame Sage, daß dort der geizige Erzbischof Hatto, weil er dem Volk das Brot verteuerte, von Mäusen zur Strafe aufgefressen worden sei.
[B] Über den geologischen Bau des Taunus-Hunsrück vgl. [Abschnitt V].
IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz.
Eine Rheinfahrt.
Rheinfahrt! Welch froher, einziger Sinn liegt in diesem Worte! An wonnige Reisetage werden wir erinnert, an Tage, wo wir die herrliche Schönheit des Rheintals zum erstenmal schauten und mit den schönen Bildern der Landschaft auch die Poesie des deutschen Rheinstroms in unser Herz einziehen ließen. Die hoch und steil aufragenden Bergwände zu beiden Seiten des Tales, die Burgen auf den rebenbekränzten Bergen, die freundlichen Dörfchen und Städtchen am reichen Strand, vor uns die blitzende Flut des majestätischen Stromes, dessen Wellen plätschernd den Kiel des Schiffes umkosen, um uns Scharen froher Menschen, die wie wir trunkenen Auges in die Landschaft schauen, und in der Hand das Glas, gefüllt mit lieblich duftendem Rheinwein: das sind die Bilder, die, gepaart mit frohen Augenblicken, immer wieder im Erinnern vor uns auftauchen.
Mittag ist’s. Lustig scheint die Sonne auf die steile Bergwand des Niederwaldes, des Weines Geister in den Rebenstöcken weckend. Von dem Aufstieg zum Niederwalddenkmal — sauer war er uns geworden — sind wir vor einer Stunde zurückgekehrt. Zu einem kleinen Frühstück fanden wir eben noch Zeit, und nun stehen wir, zusammen mit zahlreichen Touristen, die wie wir froh ihr Ränzlein auf den Rücken schnallten, in Rüdesheim am sonnigen Strand, um die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten. Wir wandeln auf und ab. Plötzlich Bewegung in der Menge. „Das Schiff ist in Sicht!“ so tönt ein Rufen, und alle Blicke wenden sich südwärts, wo der Rhein, breit wie ein See, heranflutet. Stolz wie ein Schwan durchfurcht es die Wellen. „Lohengrin“ ist’s! eins der schönsten Schiffe der Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft.
Abb. 55. Nahemündung, Bingen, Scharlachkopf und Bingerbrück. (Zu [Seite 46].)
Burg Rheinstein.
In voller Fahrt! Der Windhauch des Schiffes, das in Bingen noch viele Reisende aufnahm, fächelt auf dem Oberdeck Kühlung uns zu. Neben uns sitzt eine holländische Familie, dort stehen zwei Engländer, in modefarbene Anzüge gekleidet, und aus einer anderen Gruppe klingen französische Laute an unser Ohr. Ein Stelldichein der Nationen Europas! Vater Rhein kennt sie alle; denn er plaudert eine lange Geschichte. Aber ob ehemals Freund oder Feind, gastlich sind sie alle geladen, und allen lacht des Landes Schönheit. Wir fahren in engem Tale. Als wären wir in einem norwegischen Fjorde, so schauen wir vor uns und hinter uns in eine riesige Schlucht. Aber anders ist das Bild der hochragenden Bergwände. Fast ebenso schroff steigen sie an manchen Stellen empor. Aber überall hat des Menschen Hand sie berührt, überall hat sie die Rebe gepflanzt, war es auch noch so mühsam, die Terrassen zu ebnen und fruchtbares Erdreich auf den nackten Fels zu tragen. Frühere Geschlechter, schon in römischer Zeit, versuchten’s, und die heutigen Winzer wissen nicht anders, als das mühevolle Werk zu erhalten und noch vollendeter zu gestalten. Leisteten doch noch Kühneres die Vorfahren! Dort auf Bergeshöhe gar ein stolzer Bau! Mauern, zinnengekrönte Türme! Eine alte Ritterburg! Faitz-, Vauts- oder Voigtsberg nannte sie die Geschichte, zum erstenmal im Jahre 1279. Wer ihr Erbauer war, meldet sie nicht. „Burg Rheinstein“ ([Abb. 58]) ist ihr jetziger Name. Der stolze Bau sah den Glanz der Ritterzeit, erprobte seiner Mauern Stärke in manchem Kampfe, bis ihn die Raubscharen der Franzosen 1689 in Schutt und Asche legten. Verschwundene Herrlichkeit! Doch mit dem Gestein, das, von der Fuge getrennt, in Trümmer fällt, stirbt nicht des Menschen Geist. Das glänzende Bild früherer Zeiten lebt in ihm weiter, und nun sucht er es zu gestalten, in altem oder noch schönerem Glanze. So fanden auch viele Burgen am Rhein ihre Wiedererbauer. Burg Rheinstein ließ Prinz Friedrich von Preußen, dessen Grab sich in der Burgkapelle befindet, neu aufführen. In der neuen Gestalt bringt sie die Bauweise und Anlage der mittelalterlichen Burgen vortrefflich zur Anschauung. Aus dem Rittersaal, dem Prachtraum des Herrenhauses oder Pallas, schauten die Ritter und Burgfräulein hinab in das Rheintal. Luftiger noch wohnte der Wächter, der auf dem höchsten Turme, dem mächtigen Bergfried saß, der bei einer Belagerung der Burg im Falle der Gefahr die letzte Verteidigungsstellung bildete. Zu den notwendigen Bestandteilen einer Burg gehörten noch Torburg, Küche und Brunnen. Nach der Angriffsseite ragte die mächtige Schildmauer auf. Nur eine Zugbrücke, die gewöhnlich über einen tiefen Abgrund führte, stellte die Verbindung mit der Außenwelt her. War sie hinaufgezogen, so konnte niemand in die Burgfeste eindringen. Hinter seinen Mauern konnte der Ritter jedem Feinde Trotz bieten. Aus diesem Gefühl der Sicherheit wuchs der kühne Geist des Rittertums hervor.
Abb. 56. Der Mäuseturm und Burg Ehrenfels. (Zu [Seite 48].)
Falkenburg. Sooneck. Heimburg.
Weiter geht die Fahrt. Da ist kein Auge, das nicht die neuen Bilder mit Spannung erwartet und freudig grüßt. Im Reisehandbuch und auf der Karte wird aufmerksam die Fahrt verfolgt. Sollen doch die schönen Bilder weiter leben, zusammen mit ihren berühmten Namen! Längst liegt Aßmannshausen ([Abb. 59]) hinter uns, und auch Burg Rheinstein auf der anderen, der linken Rheinseite entschwindet jetzt unseren Blicken. Die lange Häuserreihe des Ortes Trechtingshausen, überragt von den Ruinen der Falkenburg ([Abb. 60]), einer der Raubburgen, die der rheinische Städtebund 1252 zerstören ließ, gleitet vorüber.
Abb. 57. Das Rheinknie bei Bingen. (Zu [Seite 48].)
Dann steigt, über dem Eingang einer engen Bergschlucht, der schlanke Turm der prächtigen Burg Sooneck ([Abb. 61]) empor. Auch sie erstand durch Fürstengunst aus ihren Trümmern. Der „Prinz von Preußen“, der spätere Kaiser Wilhelm I., erwarb sie zusammen mit seinem Bruder Prinz Karl von Preußen und ließ sie von 1834 ab neu herstellen. Ihr erster Erbauer war der Erzbischof Willigis von Mainz, der zu Anfang des elften Jahrhunderts lebte. Aber später wurde sie, gleich der Falkenburg, ein Räubernest, und König Rudolf von Habsburg ließ sie zerstören. Neu erstand sie aus ihrem Schutt, bis spätere Zeiten sie wieder zerstörten. Daß die Burg Sooneck auch in unserer Zeit in neuer Pracht hergestellt wurde, verdankt sie der prächtigen Aussicht, die sie darbietet. „Seeartig erscheint von den Zinnen der Burg aus in ruhiger Majestät der Spiegel des Stromes, grüne Inseln spiegeln sich in seinem Bette, und die üppigen Weingelände von Lorch ([Abb. 62]) und Trechtingshausen scheinen sich auf den Strommauern fortsetzen zu wollen. Wild starren über den Weinbergen, die rechts den edlen Bodentaler liefern, die Felsklippen empor; ein Bergpfad durchzieht die finstere Schlucht der Burg zu Füßen; er führt auf des Soonwaldes wildreiche Höhen, wo der Eber noch den Boden aufwühlt und der Hirsch mit den gewaltigen Stangen den Buchenwald durchästet“ (Mehlis).
Abb. 58. Schloß Rheinstein. (Zu [Seite 50].)
Lorch.
Bis südlich von Lorch ([Abb. 62]), das schmuck auf dem rechten Ufer bald vor uns auftaucht, während links das langgestreckte Dorf Niederheimbach und die Heimburg grüßen, bauen sich die Talwände aus Taunusquarzit auf. Es war ein mühevolles Werk, das der Rheinstrom beim Einsägen in dieses harte Gestein auszuführen hatte. Noch hat er es nicht ganz vollendet, noch lauern überall Quarzriffe unter seinem Wasserspiegel, besonders bei niedrigem Wasserstande die Schiffahrt sehr gefährdend. An vielen Stellen mußten, wie am Binger Loch, umfangreiche Sprengungen vorgenommen werden, um diese überhaupt möglich zu machen. Auf der folgenden Strecke, auf der der Rhein den Hunsrückschiefer zu durchfurchen hatte, war das Werk wohl leichter. Aber manche harte Felsbänke durchsetzen auch dort den Strom und lassen ihn wild aufbrausen, so am Wilden Gefährt bei Bacharach, ferner bei Caub, wo die Pfalz, eine kleine Burg, auf einem Felsen mitten im Strom erbaut ist, sowie besonders auf der Strecke zwischen dem Kammereck und der Lorelei. Mit dem Eintritt in den Hunsrückschiefer geht zugleich eine große Veränderung in dem Gepräge der Landschaft vor sich. Während der Quarzit eine ziemlich gleichmäßig zusammengesetzte Gesteinsmasse bildet, ist der Schiefer in seinen einzelnen Lagen oft sehr verschieden beschaffen und von ungleicher Härte. Infolgedessen sind die Formen, die die Verwitterung und die gewaltsame Zerstörung durch den Strom und der einmündenden Bäche entstehen ließen, mannigfaltiger, und malerischer ist das Bild der Felswände, die ihre wuchtige Gesamterscheinung durch einen reichen Wechsel zwischen beleuchteten kleinen Vorsprüngen und dunkeln Klüften beleben können.
Abb. 59. Aßmannshausen. (Zu [Seite 50].)
Zwischen trotzigen Schieferwänden geht also die Fahrt weiter. Schon gleich die Ruinen der hinter dem Städtchen Lorch aufragenden Burg Nollich zeigen sich uns auf zackigem Schieferberge. Ein scharfer Felsgrat tritt aus dessen südwestlichem Abhange heraus, die Teufelsleiter genannt. Ein Ritter von Lorch soll einst an dieser Stelle hinaufgeritten sein, um durch diese kühne Tat die Hand eines Edelfräuleins zu erringen. Lorch selbst ist ein sehr alter Ort. Schon 844 wird es als Lorecha erwähnt. Im Mittelalter wohnten daselbst viele Adlige, die, nach dem Wortlaut einer Urkunde, ein „Leben wie im Paradiese“ führten. Auch heute hat Lorch noch manche historisch interessante Gebäude. Die aus dem dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhundert stammende Martinskirche, die sich durch ihr herrliches Geläute auszeichnet, enthält mehrere bemerkenswerte Grabdenkmäler, so das Denkmal des Ritters Johann Hilchen von Lorch, eines Waffengenossen Sickingens, der „in den Zügen gegen den Erbfeind, den Dürcken, und den König zu Francreich in den Jahren 1543 und 1544 oberster Veltmarschalck“ war. Auch das fünfstöckige Wohnhaus dieses Ritters wird in Lorch noch gezeigt.
Bei Lorch mündet das Wispertal in das Rheintal. Kalte Winde führt es diesem zu, Bergwinde, die die im Rheintale aufsteigende warme Luft zu ersetzen suchen und dem Weinbau viel Schaden zufügen.
Abb. 60. Die Falkenburg (Schloß Reichenstein). (Zu [Seite 52].)
Wispertal. Fürstenberg. Bacharach.
Von Lorch und Burg Nollich wenden wir den Blick ab und schauen nach links auf die gegenüberliegende Bergwand, die den kalten Windhauch des Wispertales empfängt. Von der Höhe grüßen uns die Ruinen der Burg Fürstenberg. Einst fuhr ein neugewählter deutscher Kaiser, Adolf von Nassau war es, hier vorbei, auf dem Wege zur Krönung nach Aachen. Da gebot die pfälzische Besatzung dieser Burg seinem Schifflein Halt und forderte trotzig den Rheinzoll. So geschehen im Jahre 1292. Noch sinnen wir nach über eines solchen Kaisers Herrlichkeit, der seine Kaiserwürde verzollen mußte, da taucht, schimmernd im Lichtglanze des Tages, das alte ehrwürdige Städtchen Bacharach (2000 Einw.) ([Abb. 63]) aus den Fluten vor uns auf. Malerisch überragen es die roten Sandsteinbogen einer gotischen Kirchenruine und die weitläufigen Mauertrümmer der oft und heiß umstrittenen Burg Stahleck. Das Schiff mäßigt die Fahrt, um an der Landebrücke anzulegen, und in Muße können wir das Bild betrachten, dessen einzelne Züge so viele historische Erinnerungen in uns wecken. Die mittelalterlichen Stadtmauern, die von der Burg herabkommen und noch fast die ganze Stadt umschließen, machen uns schon klar, daß diese eine lange Geschichte zu erzählen weiß. Im Mittelalter wurde kaum ein Ort mehr genannt als Bacharach, und auch in der weiten Welt war es überall bekannt. Kamen doch von dort die herrlichsten Weine, wie Widtmanns musikalisches Kurzweil aus dem Jahre 1632 uns meldet, worin es heißt:
Zu Klingenberg am Main,
Zu Würzburg an dem Stein,
Zu Bacharach am Rhein,
Hab’ ich in meinen Tagen
Gar oftmals hören sagen,
Soll’n sein die besten Wein’!
Abb. 61. Schloß Sooneck.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 52].)
Bacharach. Stahleck.
Wohl haben Bacharachs Rebengehänge eine günstige Lage; denn unterhalb der Stadt macht der Rhein eine Biegung, so daß auf dieser Strecke die linke Bergwand mehr Sonnenbestrahlung und den warmen Hauch von Süden empfängt. Aber dennoch ist die Lage nicht so hervorragend günstig, und es sind nur mittelmäßige Weine, die bei Bacharach und in der Umgegend, so im Blüchertal, das den beliebten Steeger liefert, wachsen. Der hohe Ruf der Weine von Bacharach in früherer Zeit hatte einen anderen Grund. Im Mittelalter war die Stadt der Stapelplatz für die meisten Weine, die im oberen Rheintal und in dem angrenzenden Rheingau, der besten Weingegend Deutschlands, wuchsen. Die zahlreichen Felsklippen im Rhein machten nämlich die Schiffahrt zwischen Bacharach und Bingen fast unmöglich. Die herrlichen Rheingauer Weine mußten auf Fuhren nach Bacharach gebracht werden und wurden dort erst auf die Schiffe verladen. So galten sie als Bacharacher Weine. Die frühere Bedeutung hat Bacharach mit der Erweiterung der Rheinschiffahrt und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verlieren müssen. Doch besitzt es noch immer einige Bedeutung auf dem Gebiete des Weinhandels. Denn in den Tälern von Steeg, von Oberdiebach und Manubach wächst eine Fülle von Wein. Im Innern macht Bacharach einen altertümlichen Eindruck. Noch viele alte Fachwerkbauten, Giebelhäuser mit weit vorstehendem und dadurch schwerfällig überhängendem Obergeschoß engen die Straßen ein. Ein altberühmtes Fachwerkhaus mit turmartigem Erker, das aus dem Jahre 1568 stammt, wurde 1897 zum Teil auf Staats- und Provinzialkosten neu hergestellt. Hinter der spätromanischen Peterskirche steigt auf einer kleinen Anhöhe der auch als Mauerruine noch schöne Bau der ehemaligen Wernerskirche vor uns auf. In zierlichem gotischem Stil war diese 1293 in Form eines Kleeblattes erbaut worden; das Maßwerk in den Fensteröffnungen, in denen nun der Wind sein Spiel treibt, veranschaulicht noch die edlen Formen des Baues. Nun hinauf zur Burg Stahleck! An der Einmündung des breiten Steeger- oder Blüchertales, das den Zugang zur Hochfläche des Hunsrück bildet und auch von Blücher als Marschroute auf dem Zuge nach Frankreich gewählt wurde, gelegen, war sie ein strategisch wichtiger Punkt. Nicht weniger als achtmal wurde sie im Dreißigjährigen Krieg, zwischen 1620 und 1640, nebst der Stadt von den Franzosen erobert, die sie auch 1689 zerstörten.
Die Pfalz. Caub. Oberwesel.
Von Eindrücken, die frühere oftmalige Einkehr im alten Bacharach zurückgelassen hatte, durfte ich in Kürze erzählen. Nur zu schnell setzt sich unser Schiff „Lohengrin“ wieder in Bewegung, und neue Bilder verdrängen die alten. Die zierliche Pfalz, mitten im Strome gelegen und von dessen Wogen oft wild umbraust, läßt uns vorübergleiten, und rechts begleitet uns die lange Häuserreihe von Caub, überragt von der Burg Gutenfels, die vor kurzem ausgebaut wurde. Am Ufer steht, der Pfalz gegenüber, seit 1894 ein Denkmal Blüchers ([Abb. 65]). Es ist die Stelle, wo dieser mit einem preußischen und einem russischen Armeekorps in der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überschritt. Mit Hilfe der Cauber Schiffer wurde die Pontonbrücke geschlagen, für die die Felsklippe der Pfalz einen vortrefflichen Stützpunkt darbot. Bei Caub wird der beste rheinische Dachschiefer gewonnen. In dem schwärzlichen Gestein, dessen Farbe die Sonnenstrahlen stärker auf sich sammelt, gedeiht auch vortrefflich die Rebe.
Mit freudigem Staunen wenden wir uns dann dem prächtigen Bilde zu, das am linken Stromesufer im Rahmen einer der schönsten Landschaften des Rheintales erscheint, dem mit Kirchtürmen, Ringmauern und zinnengekrönten Türmen reich geschmückten Städtchen Oberwesel (2800 Einw.) ([Abb. 64]). Von der Bergeshöhe schaut ernst die in Trümmern liegende Schönburg hinab auf die freundlichen Gärten im Tale, aus denen schmuck die zahlreichen Landhäuser Oberwesels herauslugen.
Abb. 62. Lorch.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 52].)
Abb. 63. Bacharach und Burg Stahleck. (Zu [Seite 54].)
Die Lorelei.
Bei Oberwesel beginnt die schönste Strecke des Rheintales. Hinter der hochragenden Felsmasse des Roßsteins stürmt der Rhein, in seinem Laufe umbiegend, in die enge Felsenspalte des Kammereck hinein, und bei einer neuen Biegung des Stromes fällt unser Blick auf eine andere trotzige Felsklippe, die unmittelbar aus dem Strome, 132 m über dessen Spiegel, emporsteigt. Es ist der sagenumwobene Loreleifelsen ([Abb. 66]). Die zackig auslaufenden Schichten seines schiefrigen Gesteins steigen zum Strome hin an, so daß man das Gefühl bekommt, als ob der Bergkoloß im Begriff wäre, sich aus den Fluten herauszuheben. Wer das Glück hat, beim Sonnenuntergang, wenn die Abendröte die Bergesspitze golden bemalt, oder im Mondenschein, wenn gespensterhafte Schatten den schroffen Berg umspielen, den Anblick des Lurleifelsens zu genießen, der glaubt auf dem hohen Bergesgipfel die schöne Jungfrau, von der die Sage erzählt, zu schauen. Auch den Schiffer kann er sehen. Zum Fischfange fährt er hinaus auf den Strom. In dem kühlen, wenig von der Sonne erwärmten Wasser am Loreleifelsen hält sich mit Vorliebe der Salm, der beste, schmackhafteste und teuerste aller Rheinfische, auf. Dort lockt den Fischer ein guter Gewinn, und mancher mag beim Fischfange die verborgenen Felsklippen nicht genug beachtet haben. Aber die Sage vergoldet, gleich dem Abendrot, das golden die Spitze des Loreleifelsens malt, in einem sinnigen Bilde den ernsten Zug des Fischerlebens. Sie läßt den jungen Fischer lauschen auf das liebliche Singen, das geheimnisvoll, mit gewalt’ger Melodei, von der umgoldeten Bergesspitze hernieder klingt.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei,
Das hat eine wundersame,
Gewalt’ge Melodei.
Dem Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh,
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, am Ende verschlingen
Die Wellen noch Schiffer und Kahn,
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lorelei getan.
(Heine.)
Die Abstammung des Wortes Lorelei ist nicht völlig aufgeklärt. Die einen wollen es, an das schöne Echo, das vom Berge widerklingt, erinnernd, als „lauter Fels“ deuten. In der Bibelübersetzung Luthers wird „lören“ in dem Sinne von „heulen, laut jammern“ gebracht. Die Übersetzung „Totengesangfelsen“ würde zu der mit der Lorelei verknüpften Sage passen.
Abb. 64. Oberwesel.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 56].)
Abb. 65. Blücherdenkmal in Caub und Burg Gutenfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 56].)
Von den steilen Bergwänden, die sich bis auf 165 m einander nähern, während die Breite des Rheines bei Rüdesheim 830 m beträgt, eingeengt, mußte der gefesselte Strom mit um so größerer Gewalt sich an den Felsen brechen, die in seinem Bette aufragten. Bis zu einer Tiefe von 27 m hat er dasselbe ausgefurcht. Tiefdunkel sind daher seine Fluten, in die aber früher hier und da einzelne härtere Felsklippen höher, gefahrdrohend für die Schiffahrt, hinaufragten, bis Sprengungen sie beseitigten. Der helle Sonnenschein, der unserer Rheinfahrt lacht, gibt nicht das rechte Stimmungsbild in diesem engsten, schluchtartigen Teile des Rheintals. Wenn Gewitterwolken über dem Strome sich ballen oder die Rheinnebel durch das Tal wallen, wenn aus dem Wolkengrau, dem weißen Nebelschleier wie schwarze Mauern die trotzigen Bergwände mit den Trümmerresten der Burgen herausschauen, dann erst entsteht eine Stimmung, die in diese Landschaft hineinpaßt und uns ein düsteres Fjordbild von Norwegens felsiger Küste vortäuschen könnte.
Abb. 66. Die Lurlei.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 56].)
Abb. 67. St. Goar und Rheinfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 60].)
St. Goar. Rheinfels. Katz und Maus. Die Brüderburgen.
Unterhalb des Loreleifelsens wird der Rhein wieder breiter, und bei St. Goarshausen, dem das alte Städtchen St. Goar ([Abb. 67]) gegenüberliegt, fand sich sogar Raum genug zur Anlage eines Sicherheitshafens, in dem die Schiffe zur Winterzeit vor dem Eisgange oder zu anderen Jahreszeiten vor plötzlich eintretendem Hochwasser Schutz suchen können. Während über St. Goarshausen der hohe Turm der 1393 erbauten Burg Katz ([Abb. 68]) emporragt, ist St. Goar durch die Ruinen der umfangreichen Burg Rheinfels ([Abb. 69]), die mehr als 100 Jahre älter ist, malerisch geschmückt. Die Besitzer dieser beiden Burgen waren die Grafen von Katzenelnbogen, die eine Stunde landeinwärts auch die Burg Reichenberg ([Abb. 70]) besaßen. Spottweise nannten diese eine andere Burg, die wenig unterhalb von der rechten Talwand herniederschaut, die Maus. Dann erscheinen auf derselben Seite, nach einer längeren Strecke, auf wildgerissenen Felsen die Trümmer der beiden „Brüderburgen“ Liebenstein und Sterrenberg. Eine tiefe Schlucht trennt die beiden Burgen voneinander, über die die Geschichte wenig Verbürgtes zu melden weiß. Gesprächiger ist die Sage. Sie erzählt von zwei Brüdern, die, nachdem sie ihre blinde Schwester bei der Erbschaftsteilung betrogen haben, selbst miteinander in heftigen Streit geraten und sich gegenseitig töten. Anders berichtet Horn die Sage. Zwei Brüder liebten eine Maid — Gräfin Laura nennt Heine sie — und gerieten darüber in Streit.
„Wehe! Wehe! Blut’ge Brüder!
Wehe! Wehe! Blut’ges Tal!
Beide Kämpfer stürzen nieder,
Einer in des andern Stahl.“
(Heine.)