Balboa.


Ein Trauerspiel

in

fünf Aufzügen

von

Collin.


Berlin,

bei Johann Friedrich Unger.

1806.


Personen.

Pedrarias, Statthalter auf Darien.
Maria, seine Tochter.
Vasco Nunez Balboa, Adelantado.
Jeronimo, oberster Richter.
Eskimosa, Richter.
Linares

Hauptleute des Balboa.
Almes
Suligo
Pinto
Medina, Aufwärterinn der Maria.
Volk. Wache. Richter. Bothe. Gefolge.

Erster Aufzug.

Ein mit Blumenkränzen und Trophäen gezierter sonst einfach gebauter Saal.

Erster Auftritt.

Jeronimo. Linares.

(treten schleunig auf.)

Linares.

Ihr in Maria del Antigua?

Seyd herzlich uns willkommen! Dieses Glück —

O mein Jeronimo — wem danken wir’s?

Jeronimo.

Zum höchsten Richteramt’ auf Darien

Berief mich unsers Königs Majestät.

Ich folgte freudig diesem schönen Rufe,

Der lange schon mein Wunsch im Stillen war.

Seit Pedrarias Spanien verließ,

Um hier des Königs Stelle zu vertreten,

Fand in Madrid ich keine Ruhe mehr.

Das Loos der Wilden unter diesem Herrscher

Schien mir bedauernswerth. Ich sehnte mich

Ihr Schicksal zu erleichtern. — Selbst im Schlafe

Rief mich gebietend mancher düstre Traum

An dieses Ufer. Mit dem ersten Schiffe

Flog ich nach Hispanjola, weilte dort

Nur einen Tag, und segelte hierher.

— Doch sprecht nun auch, mein Freund! Was geht hier vor?

Denn dieser Saal, mit Kränzen ausgeschmückt,

Und dieser Fahnen, dieser Waffen Prunk,

Die Dienerschaft, zur Feier aufgeregt,

Verkündet Festlichkeit, verkündet Freude.

Linares.

Für uns! für euch! Frohlocket guter Greis!

Die Tochter Pedrarias, euer Zögling —

Jeronimo.

Der Engel! — geht’s ihm wohl? Ist sie nun glücklich?

Erhörte Gott mein sehnlichstes Gebet?

Linares.

In einer Stunde seht ihr sie vermählt.

Jeronimo.

Vermählt? Vermählt! Wie habt ihr mich erschreckt.

Doch auch nach ihrer Neigung? sprecht, mit wem?

Linares.

Der Bräutigam ist ganz Mariens werth;

Der Name sey euch Bürge: — Balboa!

Jeronimo.

Scherzt ihr mit meinem Alter, junger Mann?

Linares.

Dann müßt’ ich euch so innig nicht verehren.

Jeronimo.

Vergebt! Mit Balboa? Wie unbegreiflich!

Ich kenne Pedrarias und den Groll,

Der wider diesen Balboa ihm grimmig

Die Brust erfüllt, an seinem Leben zehrt. —

Mit Balboa die Tochter Pedrarias?

Hier glimmt ein Unheil! — Freund, so kenn’ ich ihn:

Eh’ er dem Feinde seine Tochter gönnte,

Eh’ würd’ er sie dem Meere selbst vermählen.

Ihr staunet? — Ja! So denkt ein Pedrarias.

Linares.

Ihr werdet selbst des Festes Zeuge seyn.

Jeronimo.

O wie ganz anders treff’ ich alles an.

In Hispanjola scholl der frohe Ruf:

Ein Meer gen Westen habe Balboa,

Mit ihm zu neuen segensreichen Ländern

Entdeckt die langgesuchte sichre Pforte?

Wie freute sich im Herzen mancher Christ,

Das heil’ge Kreuz dort aufgepflanzt zu seh’n;

Wo, hingeführt vom milden Balboa,

Der Indier es zwanglos ehren würde. —

Die Sage wäre falsch? Der Held noch hier?

Linares.

Wahr sprach der Ruf. An jenem Meere harrten

Wir schon der Abfahrt. Jedem Krieger klopfte

Das kühne Herz mit frohem Ungestüm,

Bald einzudringen in das Paradies,

Wohin bisher mißgönnend die Natur

Den reichsten Schatz des edlen Gold’s verbarg.

Jeronimo.

Unsel’ges Gold! — Doch, Linares, sprecht weiter!

Linares.

Da kommt ein Bothe keuchend angeritten,

Bringt Vasko Nunez schriftlichen Befehl,

Zurückzukehren und mit aller Eile,

Weil Pedrarias wicht’ge Dinge noch

Mit ihm bereden müsse. Wir erstarrten.

Die ganze Mannschaft murrte. Doch der Held

Verwies uns dieses Murren, flog hinweg.

Wir folgten nach, nur eine kleine Zahl,

Doch in derselben jeder, Mann für Mann,

Zu seinem Schutz’ auf Kampf und Tod entschlossen.

Jeronimo.

Und Pedrarias? — Wie empfing er ihn?

Linares.

Verschlossen, finster, kalt, nach seiner Art.

Auch das Geschäft war nicht der Reise werth;

Ein kurzes Briefchen hätt’ es abgethan.

Nun sah ich klar, er gönne meinem Herrn

Die Ehre nicht, und halt’ ihn nur zurück. —

Ich wache, bin zu Schutz und Wehr gefaßt;

Fest kett’ ich seine Treuen hier zusammen.

Denn nicht besorg’ ich bloß, ich weiß es, Freund:

Noch haßt den Helden heimlich Pedrarias.

Jeronimo.

Und wählt ihn doch zu seinem Tochtermann?

Linares.

Weil er ihn wählen muß, Jeronimo.

Laßt ein Geheimniß eurer Brust vertrau’n.

Es hat sich durch Ximenes Balboa

Gewendet an des Königs Majestät,

Erzwungen dieses Bündniß, das wohl nur

Durch solches Vorwort möglich werden konnte.

Jeronimo.

Wer kann den stolzen Pedrarias zwingen?

Linares.

Den list’gen sagt, dann stimm’ ich mit euch ein.

Jeronimo.

That Balboa den Schritt mit ihrem Wissen?

Linares.

Er denkt zu zart, um ihre Kindlichkeit

Auch nur mit leisem Vorwurf zu belasten.

Maria liebet innig ihren Vater; —

Nur im Verborg’nen weint sie ihre Thränen,

Die seine Rauhheit täglich ihr entpreßt.

Jeronimo.

So zieht sie nun mit Balboa hinweg?

Linares.

Unwillig nur entsagt sie dieser Reise.

Jeronimo.

Umwölkt erblick’ ich deinen Pfad, Maria!

Linares.

Wir alle fürchten. Er allein ist ruhig.

Er ahnet nichts; vielmehr er will nichts ahnen.

So war Kolombos auch. Das ist die Art

Der großen Männer. — Wo Gefahr sich zeigt,

Im Schlachtgewühl, in der empörten See:

Da stehen sie wie Gottes Cherubim,

So flammt ihr Auge, blitzt ihr Schwert empor! —

Doch steigen diese Mächtigen herab

In des gemeinen Lebens niedern Kreis:

Man möchte sie für schwache Kinder halten;

So unbefangen wandeln sie einher,

Wo rings die Tücke lauernd Netze stellt. —

Was sollt’ auch Argwohn in der Heldenseele?

Des Argwohns bleiche Mutter ist die Furcht. —

Wie gerne täuscht der große Mann sich selbst!

Um einsam nicht zu stehen, hebt er rings

Den Menschen auf zu sich; doch der — bleibt klein.

Jeronimo.

(vom Nachdenken erwachend.)

Ich muß Marien sprechen, Linares.

Linares.

So wartet hier. Ich eile sie zu holen.

Zweiter Auftritt.

Jeronimo.

Wer wohl vermag die Räthsel mir zu lösen? —

Ich weiß ja doch, daß dieser Pedrarias,

Zum Sturze Balboa’s, in Spanien

Nun jede Mine sprengt. — O Gott im Himmel!

Reicht er darum die falsche Hand dem Eidam,

Daß er ihn sichrer nur und ganz verderbe?

Wenn vor dem Throne die gehäss’ge Klage

Sich mit dem Scheine abgedrung’ner Pflicht

Die Wangen schminkt; Vertrauen sich gewinnt?

Es ist zu gräßlich! Nein, es kann der Haß

Zu solcher Wuth nicht steigen, daß ein Vater

Ihm blind die einz’ge Tochter opfern könnte!

O meine Ahnung werde nicht erfüllt! —

Seit ich dies Land betrat, das heißersehnte,

Wird enger stets, und enger, meine Brust;

Als käm’ ich hier zu einem Unglück an. —

Nun, Alter, fasse dich! — Sie ist’s — Sie kommt!

Dritter Auftritt.

Maria. Jeronimo.

Maria.

Ach, wär’ es möglich? Ja fürwahr, er ist’s!

Jeronimo, mein Freund, mein Lehrer, Vater!

Jeronimo.

Verehrte Donna!

Maria.

Nennt mich eure Tochter!

Ich bin’s von jenen Stunden noch gewohnt,

Als ich an euerm Munde horchend hing.

Seyd nicht so fremd, so kalt, Jeronimo!

Setzt euch zu mir, mein hochwillkommner Gast.

O theurer Mann! Wie nun schon heil’ges Silber

Hellglänzend euch die fromme Stirn umflattert.

Laßt mich sie küssen. Viel ja dank’ ich euch.

Jeronimo.

Das seh’ ich wohl — Ihr habt mich nicht vergessen.

Maria.

Vergessen? euch? und hier? und jetzt? — O Gott!

In meinem Herzen hab’ ich euch getragen,

Und meinen Engel täglich angefleht,

Daß er euch schütze mit dem Flammenschilde!

Jeronimo.

Nehmt meinen Segen, gutes, theures Kind!

— Man sagt, ich dürf’ euch nun als Braut begrüßen,

In einer Stunde würdet ihr vermählt?

Maria.

Jeronimo, o mein Jeronimo!

Daß ihr zu uns gekommen, heute, jetzt;

Laut laßt mich diese Himmelsfügung preisen!

Der Mann, dem ich mein tiefstes Weh vertraute,

Er durfte nicht bei meinem Glücke fehlen. —

Oft denk’ ich wohl nach Spanien zurück. —

Wie düster floß dort meine Jugend hin!

Die Menschen quälten mich, ich war nur froh

Verhallt’ ich bei der Laute Klang mein Leid,

Im kühlen Dunkel meines Silberbachs.

Nur, wenn ich weinte, ward mir herzlich wohl.

Jeronimo.

Dann sagt’ ich stets: Das macht euch krank und schwach.

Maria.

Wie alles, alles lebhaft mir erscheint!

Ich seh’ euch noch zu meiner Rosenlaube

Mit Eile nah’n, jetzt freundlich vor mir stehen,

Mit sanft gebeugtem Haupt, mit mildem Blicke; —

Ich hör’ euch fragen: Kind, was fehlt dir nun?

Was weinest Du? — Stets ging das Herz mir auf,

Wenn ihr mich fragtet: Kind, was weinest du? —

Jeronimo.

Vom Herzen kam’s, und traf daher das Herz.

Maria.

Ich klagt’ euch dann mit kindlich offnem Sinne,

Wie rauh, wie ungerecht man mich behandle;

Wie jedes edle, heilige Gefühl,

Als Schwärmerei mir hart verwiesen werde;

Wie selbst mein Vater — — stille! nichts davon. —

Hinweg, so rief ich, fort von dieser Welt!

Ach, gönnet mir ein stilles Heiligthum,

Eh’ Menschenhaß mein junges Herz ergreife!

Da zürntet ihr, wie eine Mutter zürnt,

Wohlwollend, liebevoll! Der sündiget,

So spracht ihr warnend, sündiget an Gott,

Wer frech der Schöpfung Meisterwerk verachtet. —

Viel sind der Edlen, fuhrt ihr sanfter fort,

Nur leben sie zerstreuet. — Gott erzieht

Oft weitentfernt die gleichgestimmten Seelen,

Und führet sie dann wunderbar zusammen,

Wenn sie zur Harmonie vollendet sind. —

War das nicht euer Wort, Jeronimo?

Jeronimo.

Ja wohl.

Maria.

An mir hat sich das Wort erfüllt.

Hier, wo ein Grauen mich vor Menschen faßte,

Wo Mord auf Mord den scheuen Blick entsetzte,

Wo ringend im Gebet vor Gott ich lag,

Daß er durch Tod mich vor Verzweiflung rette:

Hier — fand ich Balboa!

Jeronimo.

O großer Gott!

Maria.

Hier lernt’ ich erst die hohe Menschheit ehren. —

Und was ihr einst von ihrer Herrlichkeit,

In schönen Stunden, lehrend, mir vertrautet:

In ihm hab’ ich lebendig es erkannt. —

Wie angestrahlt vom hehren Himmelsglanze,

Beseligt, hocherhoben, und entzückt,

Rief ich nun endlich aus: Der Mensch ist gut!

Jeronimo.

Vergöttert nicht, was ihr zuvor verachtet!

Maria.

Die Tugend lieb’ ich ja, da ich ihn liebe.

Gibt’s wohl ein Maaß der Liebe für die Tugend? —

Ihr selbst, Jeronimo, habt einst in Spanien

Mir Balboa, mit trunkner Rednerlippe,

Als schönsten Stolz des hohen Vaterlands,

Als frohe Hoffnung unsrer Christenheit,

Als einen Helden, mild und groß, gerühmt;

Und so gerühmt, daß dann mein irrer Blick,

Auf ihn gewendet, sich gefesselt fand. —

Macht euch das Alter nun so ernst und kalt,

Daß ihr, berührt von seines Namens Zauber,

Zum Psalter nicht den frohen Geist erhebt?

Jeronimo.

Die Sorge drücket meinen Geist darnieder. —

Habt ihr in Liebeswonne schon vergessen,

Wie euer Vater Balboa gehaßt?

Maria.