Die
schwarzen Brüder.
Eine abentheuerliche Geschichte
von
M. J. R.
Zweites Bändchen.
1793.
An
Herrn und Madame
Beneke
zu Landsberg an der Warte.
Meine Lieben,
Sagt’ ichs nicht gleich voraus, daß man mich misverstehen würde? — Da deutelt der eine über den Zwek meines Büchleins hierhin, der andre dahin, und keiner hat mich recht verstanden und verstehen wollen. Was in diesen Blättern mit deutschen, jedermann verständlichen Worten gesagt worden ist, sehn die sonderbaren Leute für Hieroglyphen an, worunter ein verborgner Sinn liegen müsse, der nun seyn mag, wer und wie er wolle.
Sie fragen mich: woher daß dieses komme? — Ich antworte: daher, weil viele der Herrn Märchendichter das mysteriensüchtige Publikum mit ihren Plaudereien verwöhnt haben. Da spricht der eine von einer Gans, und will darunter einen Fürsten verstanden — der andre von einem Tyger, und will darunter einen Kriminalrichter gedacht wissen. Das appliziren nun die Leute allenthalben; und Gott weis es, was sie sich nicht alles schon unter meinem Herzog Adolf, meinem Florentin, Holder, Hello u. s. f. geträumt haben.
Viele denken sich unter den schwarzen Brüdern nichts geringers, als die Herrn Freimäurer, andre wieder einen Orden aus Kagliostros Fabrik; und beide Theile habens doch nicht getroffen! — —
Aber wissen Sie, was mich am meisten von verschiednen Lesern gefreut hat? — daß sie dies Buch nicht ohne Theilnahme gelesen, wohl gar zuweilen die Richtigkeit meiner Empfindungen mit eignen Thränen bestätigt haben. O, der Lohn ist mir süsser, als jeder andre; denn die oben erwähnten Kannegiessereien sind nur eine ärgerliche Belustigung! —
Ich wünsche, daß Ihnen dies Bändchen viel Vergnügen in einsamen Stunden erwekke, und beherzigen Sie zulezt mit mir und Florentin von Duur die fürchterliche Wahrheit: „Selten ist der Mensch in der Gegenwart glüklich, am meisten in der Vergangenheit und Zukunft, in der Rükerinnerung und Erwartung!“ —
Ja in der Rükerinnrung bin auch ich jezt glüklich! — Wie gern vertauscht ich jezt meine Feder mit der bunten Mahlerschürze, um Burgheims originellen Pinselstrich zu belachen — oder säß ich neben meiner Freundin H**, um in ihrer Gesellschaft eine Dachspizze zu betrachten, — Behalten Sie mich lieb und vergessen Sie nicht den
Verfasser.
Inhalt
des zweiten Bändchens.
| Erster Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Seelengröße. | [1] |
| Zweites Kapitel. Monolog eines guten Fürsten, Glossen darüber. — Abreise. | [7] |
| Drittes Kapitel. O, die glükliche Nachwelt! | [13] |
| Viertes Kapitel. Abschied von der Sorbenburg. | [26] |
| Fünftes Kapitel. Eine schöne Erscheinung. | [29] |
| Sechstes Kapitel. Aufklärungen. | [36] |
| Siebentes Kapitel. Ein Nachtstük. | [44] |
| Achtes Kapitel, Freude — Verdrus — und Schauder. | [54] |
| Zweiter Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Kanella. | [61] |
| Zweites Kapitel. Der Landesvater mit seinen Landeskindern. | [67] |
| Drittes Kapitel. Gewitterwollen, die sich zerstreun. | [74] |
| Viertes Kapitel. Das Haus im rothen Walde. | [81] |
| Fünftes Kapitel. Etwas für Republikaner. | [95] |
| Sechstes Kapitel. Die Eremitage. | [101] |
| Siebentes Kapitel. Florentin in Kanella | [112] |
| Dritter Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren. | [153] |
| Zweites Kapitel. Die Dachspizze. | [157] |
| Drittes Kapitel. Florentins Verwandlung. | [169] |
| Viertes Kapitel. Neue Verwirrungen. | [185] |
| Fünftes Kapitel. Sturm und Liebesfreuden. | [197] |
| Sechstes Kapitel. Die schwarzen Brüder. | [214] |
| Siebentes Kapitel. Der Garten von Dosa. | [221] |
| Achtes Kapitel. Fortsezzung des vorigen. | [229] |
| Neuntes Kapitel. Sturm in Kanella. | [244] |
| Vierter Abschnitt. | |
| Erstes Kapitel. Ruhe? — für Florentin? | [257] |
| Zweites Kapitel. Mühvolle Jahre. | [270] |
| Drittes Kapitel. Dulli und Ladda. | [276] |
| Viertes Kapitel. Der große Florentin im Vaterlande. | [284] |
| Fünftes Kapitel. Der Kirchhof. | [289] |
| Sechstes Kapitel. Die Alpen. — Epilog an den Leser. | [299] |
Die
schwarzen Brüder.
Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Seelengröße.
Ich riß den Faden meiner Erzählung im vorigen Bande da ab, wo unser Delinquent entgeistert in des Herzogs Arme stürzte; ich knüpfe ihn wieder an, die Geschichte weiter zu spinnen.
Florentins Selbstbewustsein erwachte, aber es war ein fürchterliches Erwachen — das Erwachen zum Tode. Der Anblik der schwarzen Tapeten des Zimmers, der matte Schimmer der Wachskerze, welcher zum Theil von den düstern Wänden eingetrunken wurde, die schrekliche Stille dieser Mitternacht, die Rükerinnerung an dasjenige Verbrechen, welches ihn hieher gebracht — alles das wirkte so sehr auf ihn, daß ihm wenig fehlte, um in eine neue Entgeisterung zurük zu sinken.
Er fand sich von den Armen eines Mannes gehalten, drehte sich um und der Herzog lies ihn los.
„O, gnädigster Herr!“ rief, er, und wollte sich auf die Kniee niederwerfen, aber der Fürst verhinderte es.
„Mensch, was haben Sie begangen?“ fragte Herzog Adolf nach einer Weile mit fürchterlichen, majestätischen Ernst im Ton und Mienen.
„„Ich weis es,““ entgegnete der unglükselige Graf, der bleichen Antlizzes, zur Erde gebeugten Blikkes, mit gefaltenen vor sich niedergestrekten Händen da stand, als einer, über welchem das verdammende Urtheil des Richters herniederdonnert: — „„ich weis es gnädigster Herr, ich läugne mein Verbrechen nicht.““
Herzog. Sonderbar, wie würden Sie das auch im Stande sein? Aber fühlen Sie das ganze, schrekliche Gewicht desselben, Leichtsinniger?
Graf. Ich fühle es. — Sie, der Sie mich zu den glänzenden Ehrenstufen, die nur nur je die ausschweifendste Einbildungskraft vorzeichnen konnte, empor halfen, Sie sind durch mich — entehrt worden.
Herzog. Warum fühlten Sie das nicht früher, schlechter Mensch?
Graf. O, Durchlauchtigster Herr, es sind Stunden wo — doch nein, ich kann mich nicht entschuldigen.
Herzog. Nicht genug, daß Sie einen Fürstenstamm entehrten, welcher nur gewohnt ist Königskronen auf seinen Nebenzweigen zu tragen; nicht genug, daß sie jede Pflicht des Unterthanen vergessen; nicht genug, daß Sie die Wohlthaten Ihres Gönners mit Niederträchtigkeiten bezahlten — so haben Sie auch auf ewig die so seltne häusliche Glükseeligkeit einer fürstlichen Familie zerstört — haben mich auf meine Lebenszeit misvergnügt, elend gemacht, und meine Schwester, die ich sonst so sehr liebte, gleichfalls.
Graf. Ich bin strafwürdig — ach, nicht so sehr Ihre Durchlauchte Schwester. Lassen Sie mich unser beider Vergehen allein abbüßen, sammeln Sie alle Strafen für mich allein!
Herzog. Elender, die Zeit ist vorüber, wo Ihre Bitten bei mir galten. Jetzt bereiten Sie sich zu ihrem Urtheil. — Ich werde Sie verlassen; haben Sie noch in diesem Leben Ihrer Familie etwas zu vertrauen: so schreiben Sie. In jenem Winkel liegen Papier, Dinte und Federn auf dem Tische. In zwanzig Minuten müssen Sie fertig sein.
Der Fürst verlies ihn wieder.
Florentin rang die Hände; Schauer des Todes wehten ihn an.
„Ach, so ist denn das Ziel meiner Hoffnungen, meiner Arbeiten, meiner schlaflosen Nächte? — Ein unnatürlicher, früher, schändlicher Tod! — Gott, und dahin konnte ein wollüstiger Rausch führen? — O mein guter Oheim, meine Schwester und du mein Holder wüßtet ihr! — wüßtet ihr! — wo Florentin stände! —“
Er gieng zum Winkeltischchen, zog die Taschenuhr hervor, legte sie neben die Papiere, ohne in der Angst nach ihren Minuten hinzusehn, und schrieb mit kalter bebender Hand:
Freunde,
Ich bin ein Verbrecher. — Diese Nacht ist die letzte meines Lebens, ich leide in ihr die wohlverdiente Strafe. — Verzeiht mir, wie Gott mir verzeihen wird, zu dem ich hoffe. — Ich danke Euch für Eure Liebe. Erinnert Euch noch zuweilen des unglükseeligen Florentins, wenn er lange schon im Grabe vermodert ist. — Bittet dem beleidigten, ehmals so liebevollen, Herzog, nach meinem Tode noch, in meinem Namen um Verzeihung. — Nun lebt wohl, ich getröste mich der süssen Hoffnung, in einer bessern Welt Euch wieder zu sehn. Lebt wohl.
Florentin.
Der Graf schrieb so langsam, legte so oft die Feder nieder, setzte dann wieder an, sprang auf, schwankte jammernd durchs Zimmer, setzte sich wieder hin, um zu schreiben, daß er kaum das Billet beendiget hatte, als die bestimmten 20 Minuten schon vorüber waren und der Herzog ins Zimmer trat.
Florentin stand auf, ergriff den Zettel, überreichte ihn dem Fürsten, ohne eine Sylbe zu sprechen.
Adolf wikkelte das Papier ungelesen zusammen, trat Florentinen um einen Schritt näher, nahm dessen Hand in die seine, und betrachtete so den Unglüklichen lange Zeit mit wehmüthigen Blikken.
„Noch hab ich,“ sagte er „keinen Freund gehabt, wie dich, das heißt, ich, habe noch keinen Mann so sehr geliebt, wie dich — o Florentin, daß du mich doch nicht so wieder lieben konntest! Der Herzog spricht jetzt nicht mit dir, sondern dein ehemaliger vertrauter Freund!“
Florentin. (mit stets niedergeschlagenen Blikken) Mein Fürst — — —
Herzog. Nicht dein Fürst, sondern dein Freund spricht jezt mit dir, und zwar in diesem Leben zum leztenmahle. Der Herzog hat dich gerichtet, und der Freund nimmt von dir Abschied; — kömmt, dir das lezte Lebewohl zu sagen. — Fühlst du gar nichts mehr für Adolfen?
Florentin. (bestürzt) Ich verstumme, wie ich —
Herzog. O lieber Florentin, es thut weh, sich trennen zu müssen von dem, den unser Herz lieb gewonnen.
Die Stimme des guten Fürsten zitterte bei den lezten Worten. Florentin verwirrt durch die jähe Verwandlung des zürnenden Fürsten in den mitleidenden Freund, schlug die Augen auf, und gewahrte Thränen auf der Wange desselben. Der Herzog drehte sich von ihm ab, gieng an ein Fenster und rief: „ich bin noch zu jung, bin noch nicht eiskalt genug — meine Gefühle schweigend zu machen! Aber sag mir, sonderbarer Mensch, wie ist dir? hast du deine Empfindung ganz verloren?“
Florentin. Ganz; nur das Gefühl meines Elendes meiner Reue ist mir geblieben, und die Hoffnung, Gott werde sich meiner Seelen in der lezten Erdenstunde erbarmen, — und droben — droben wirds besser sein.
Herzog. Du willst sterben?
Florentin. Ich bin bereit.
Herzog. Nein, dein Leben soll dir der Herzog nicht nehmen, aber — —
Florentin. (erschüttert) Mein Fürst! (zu seinen Füssen stürzend) Mein Fürst!
Herzog. Was machst du? steh auf.
Florentin. Ich kann nicht. Ich habe keine Gnade verdiene, und auch nie Anspruch darauf gemacht.
Herzog. Bist nicht begnadigt. Du hattest das Leben verwirkt, aber theils deiner Verdienste um Herzog und Land, theils der Geheimhaltung von der Schwangerschaft der Prinzeßin Louise willen, wird dir das Leben geschenkt. Noch weis niemand am Hofe und in der Stadt von der unglüklichen Begebenheit. Die Prinzeßin heißt es, ist wegen ihrer Kränklichkeit auf eines ihrer Landgüter gereiset, und du bist wichtiger geheimer Geschäfte willen zu mir berufen. — Deine Strafe ist — — Landesverweisung. Mehr konnte die Freundschaft bei der Gerechtigkeit nicht auswirken. So lange Herzog Adolf lebt und regiert, sollst du nie wieder die vaterländischen Fluren erblikken, im Auslande sollst du umherwandeln, von mir vergessen, keine andere Strafe zu fürchten haben, als die, welche dir das zarte Gewissen eines gefühlvollen Biedermanns auflegen wird.
Florentin umarmte weinend, mit sprachlosen Danke, die Knieen des gütigen Fürsten.
„Noch vier Wochen,“ fuhr lezterer in seiner Rede fort: „noch 4 Wochen hältst du dich in meiner Residenz auf, erscheinst du öffentlich am Hofe, um dem Volke jeden Verdacht zu rauben, und damit du dich zur Abreise aus deinem Vaterlande vorbereiten, wie auch die angefangenen Staatsgeschäfte beenden kannst, — so dann gehst du unter dem Vorwande, daß ich dich auf Reisen schikke, fremde Länder, Einrichtungen, Sitten, und Verhältnisse zu studieren, auf ewig aus deinem Vaterlande. Ließest du dich irgend einmahl wieder in demselben gewahr werden: so stehe ich nicht für dein Leben. Und nun, mein lieber ehemaliger Freund, leb wohl! So wie wir uns jezt sahen und sprachen, sehn und sprechen wir uns nie wieder in dieser Welt!“
Florentin stand auf, der bewegte Herzog sank dem Grafen um den Hals und weinte. Florentin von zu vielen Empfindungen bestürmt, empfand gar nicht. Der grosmächtige Fürst verzieh ihm diese scheinbare Kälte sehr gern, denn er wußte, daß Florentin mehr denn zu gefühlvoll war.
„Komm, es ist schon spät in der Nacht. Mein Wagen wartet unten auf dich, er soll dich zu deinem Hause bringen!“ sprach Adolf nach einer Weile, küßte ihn noch einmal heftig, führte ihn selber die Treppen hinab, ließ ihn in die Kutsche steigen und heimfahren.
Zweites Kapitel.
Monolog eines Fürsten, Glossen
darüber — Abreise.
Adolf hörte das dumpfe Donnern des Wagens über die Schloßbrükke; wehmüthig flog er in sein Schlafkabinet, vermummte er sein Gesicht in das Schnupftuch, um keinem lauschenden Ohre seine Seufzer, sein lautes Schluchzen wahrnehmen zu lassen.
Die tiefste Stille wohnte im ganzen Schlosse — der Mond schwebte gebrochen hinter Wolkenstreifen, alles athmete Schwermuth, alles war von dem Pinsel der Melancholie mit traurigen Farben überkleidet. Kein Wunder, wenn der gefühlreiche Fürst die Mitternacht im Arme des seelnagenden Grames überwachte.
„O wie ich so elend bin!“ rief er: „ich habe alles verloren, denn ich habe einen Freund verloren! — da fuhr er bin, der unglükseelige Verbrecher, von mir verdammt, der ich ihn doch liebe! — Noch hab ich keinen gehabt, welchen ich so liebte, und nun werde ich nie einen wieder erhalten! — O verdammt sei das schönlarvigte Gespenst, Weiberliebe, das sich in den Zirkel unsrer Freuden schleicht, und jede derselben erwürgt! — Florentin, warum mußt ich dich verlieren? —“
So klagte ein Herzog, und er hatte Recht zu klagen; denn Freundschaft ist das schönste Blümchen, welches der Sterbliche am Lebenswege pflükken kann. — Man klage nie über die Seltenheit wahrer Freunde. Gotteswelt ist schön, und faßt manches schöne Herz in sich; schwarze Seelen sind nur da, den Glanz von jenem zu erhöhn. Wer die Seltenheit ächter Freunde beklagt, der nährt entweder ein überspanntes Ideal von der Freundschaft, oder ihm mangelt selber das Wesentliche ein Freund sein zu können; ist eher vielleicht im Stande Freundschaften zu knüpfen, als zu erhalten. Freundschaft, die bei ihrem Entstehen heftig aufbraußet, tändelt, mit Küssen spielt, und Umarmungen sich als das höchste Gut derselben vorschwärmt, ist eben so bald verdünstet, als die, welche beim Weinglase entspringt, und sich mit dem Rausche verliert.
Der Fürst trauerte lange noch um Florentinen, da dieser schon Jahr und Tag von ihm geschieden war; ein Beweis, daß seine Liebe gewis aus lautern Quellen floß.
„Wenn denn Adolf Florentinen so sehr liebte, warum vergab er ihm sein Verbrechen nicht ganz und behielt ihn nicht an seinem Hofe?“ So mögten einige meiner Leser fragen, denen ich zur Antwort gebe, der Fürst mußte, als Fürst, so handeln, er darf mit den Gesezzen keinen Schleichhandel treiben — der Freund mußte als Freund, so handeln, wenn er seinem Geliebten nicht eine noch schreklichere Zukunft bereiten wollte, weil Florentins Verbrechen doch gewis einmal offenbart werden konnte, und die herzoglichen Verwandten dann nicht geschwiegen haben würden. Der Bruder mußte als Bruder, gegen seine Schwester so handeln, um eine Leidenschaft in ihren Busen zu unterdrükken, die sie nie nähren dürfte. — Landesverweisung war Florentins Strafe, hart für ihn, aber doch milde!
Unser Graf war einige Tage hindurch unpäslich — die lezten Begebenheiten des Lebens hatten gleich mächtig auf Seel und Körper gewirkt, beiden stand eine auffallende Veränderung bevor. Kaum hatte er sich erholt, so erschien er wieder am Hofe; der Herzog lächelte wiederum gnädig auf ihn hin, die Damen kokettirten von neuem, die Hofschranzen schmeichelten wieder öffentlich und verfluchten insgeheim. Alles gieng den ehmaligen Gang, keiner von allen ahndete etwas von dem Vorgefallenen und Zukünftigen, keiner wußte, daß Florentins Versendung auf Reisen eine Landesverweisung sei.
Ein Tag vergieng nach dem andern, eine Woche nach der andern und ehe es Herzog und Florentin vermutheten, rükte die lezte Woche heran.
Gram im Herzen, Gram im Blik nahm der Graf von seinen Freunden Abschied; er beurlaubte sich von der herzoglichen Familie — jeder wünschte ihm mit beklemmter Brust glükliche Reisen, jeder sich selber sein baldigen Wiedersehn. Nur der Herzog that Angesichts aller kalt, und keiner litte mehr, als er, in seinem Herzen um Florentins Verlust.
O wie schöne Thränen sah man izt an den seidnen Wimpern manches Mädchens beben, deren schüchterne Liebe nie um Florentins Gegenliebe buhlte! wie viel niedliche Lippen küßten hier den heftigsten Abschiedskuß, die sich sonst spröde dem Munde liebender Jünglinge entzogen! — der Neid selber trauerte um Florentins Verlust, denn nun blieb ihm nichts mehr zu beneiden übrig.
Der Graf hatte seine Geschäfte in Ordnung gebracht, alles Ueberflüßige in Geld umgewandelt, die Bedienten sammt und sonders abgedankt, ausser dem alten, stummen Badner und seinen Reitknecht, dem frohgelaunten Gotthold.
Der Graf hatte vom Herzoge noch die Erlaubnis genommen, den Rest der lezten, vierten Woche bei seiner Familie zu genießen. Der Morgen graute für ihn zum leztenmale in der Residenz; die Pferde waren gesattelt, die Pilger in ihr Reisegewand gehüllt.
Man wollte aufbrechen; eine große Menge Volks stand um den ehmaligen Duurschen Pallast versammelt, den Besizzer desselben noch einmal zu sehen.
Und als Florentin eben heraustrat, sank ein Greis vor ihm nieder, seine Kniee umfassend. Ein Haufen Kinder drängte sich hinzu, seine Hände zu küssen; einige Männer und Frauen schlossen sich näher an dieselben — keiner sprach, aber in den Zügen ihrer Gesichter las man die unter allen Zonen der Erde bekannte Sprache der Empfindung.
Bestürzt fragte der Graf: „was wollt ihr, lieben Leute?“
„Nichts, nichts!“ stammelte der Greis: „Sie haben uns schon so viel gegeben, wir wollen nichts mehr! — aber — sehn Sie nur, lieber Herr, ich bin noch in meinen alten Tagen durch Sie recht froh, recht glüklich geworden, und meine Kinder auch. Da kommen wir nun und wollen danken, und Sie noch einmal recht ansehn, um Ihr Bildnis sobald nicht zu vergessen. Auch, wir haben Sie so lieb, so lieb!“
„„Ja, so lieb! so lieb!““ lallten einige von den Kindern, die an seinen Händen hiengen. „Ich bin nunmehro alt und schwach,“ fuhr der Greis mit gebrochner Stimme fort: „der liebe Gott wird mich bald heimfodern zu sich und da will ich an seinem Throne für Sie beten, und der liebe Gott wird mich gewis erhören. — Ach, sehn Sie doch um sich, sehn Sie diese Familien, das sind da meine Kinder, die dort meine Enkel, und ich, ich bin ihr Grosvater — und wir alle freuen uns des Lebens, denn Sie habens ja so herzlich gut mit uns gemeint. Und nun — und nun ach! — —“
Der Alte schluchzte; die jungen Männer und Weiber verhüllten ihre Augen in Tücher und Schürzen, die kleinen lärmten lustig an Florentins Seite, und Florentin — fühlte alles und nichts, stand da mit düstrer Stirn, sah umher durch die Menge der Zuschauer, als suchte er einen Mittelsmann, welcher ihn mit guter Art von diesem schönen Auftritte ablösen möchte.
Die erste traurige Spur von den Wirkungen seiner Schiksale auf sein Herz! Er war nicht mehr der herrliche, blühende Jüngling, voll Hochgefühl für der Natur erhabne Szenen; nicht mehr dürstend nach den Thränen des Dankes; nicht mehr ringend nach Unsterblichkeit seines Namens. Misgestimmt stand er da unter lieblich gestimmten Seelen, als verständ’ er die Sprache der Herzen nicht mehr. Das ehrerbietige Schweigen der Menge begeisterte ihn nicht; das schwimmende Nas in Männer- und Weiberaugen belohnte ihn nicht, das Lallen der Unmündigen war ihm keine Harmonie mehr. Er, ehmals mit dem lieblich schwankenden Karakter, der nach allem sich hinewigte, von einem Gefühl zum andern, von einer Leidenschaft zur andern überflog, hatte jezt eine melancholische Festigkeit gewonnen.
„Lebt wohl!“ rief er, ris sich los, schwang sich aufs Roß, sprengte die noch schlummernden Straßen hinunter, Gotthold und Badner ihm nach, und so zum Thor hinaus.
„Lebt wohl! lebt wohl!“ riefen ihm einige hundert Stimmen nach: „lebt wohl! Gott vergelts! glükliche Reise! Habt Dank! in der Ewigkeit wieder!“ — — —
Drittes Kapitel.
O, die glükliche Nachwelt!
„Was soll denn der Küster, Onkelchen?“ fragte Rikchen den alten Herrn von Duur, der sich voll heimlicher Freude, die Hände rieb.
„„Du wirsts ja sehn, du neugieriges Ding!““ antwortete der Onkel, und schob sich die weiße Mütze tief über die schmunzelnden Augen herunter, indem er gegen das Fenster gieng.
„Aber Sie haben ja heute schon dreimahl zu ihm geschikt?“
„„Ja, ja, das läßts vermuthen, daß ich jezt eine Sache von Wichtigkeit, die auch dich interessiren, muß!““
„Auch mich, Onkelchen?“
„„Auch dich, gnädige Frau von Sorbenburg!““
Man klopfte an. Der Küster des Dorfes Sorbenburg trat herein, mit drei respektvollen Verbeugungen. Er war heut ungewöhnlich gepuzt; in seiner Hand hielt er ein halbes Duzzend zusammengelegter Briefe.
„Habe die unterthänige Gnade, Ew. Hochgräflichen Gnaden, hier — habe — war — ich machte — Gnaden — die Gevatterbriefe. —“
Der gute Custos loci, welcher sein erlerntes Kompliment so schmälig vergessen hatte, stotterte, wurde blas, wurde roth, hielt die Papiere hin, zog sie wieder zurück und kam darüber so ausser aller Fassung, daß wenig fehlte und er wäre wieder zurück gelaufen, um das Kompliment besser durchzustudiren.
„Gevatterbriefe?“ fragte Rickchen, indem sie von der Seite sah und roth wurde.
Onkel. (lächelnd) Freilich, Gevatterbriefe, freilich! — es hätte mit ihnen wohl noch ein paar Monate Zeit gehabt, aber das ist nun so einmahl mein Fehler, daß ich die Zeit nie abwarten kann. Ich mußte sehn, wie sich dein Name auf einem Gevatterbriefe präsentirt. — Nun und du wirst ja wissen, ob wir bald Gebrauch davon machen können. He, he, he, he!
Küster. (der sich inzwischen zu sammeln suchte) Verzeihen unterthänigst Ew. Hochgräfl. Gnaden, daß wenn — aber — ich wollte — hatte — hier sind die Gevatterbriefe.
Onkel. Was fehlt ihm denn, Herr Küster; Er bringt ja kein vernünftiges Wort heraus? hat Er etwa schon auf baldige Kindtaufe seiner gnädigen Frau ein Schnäpschen getrunken? bravo! geb Er die Briefe her.
Küster. (reicht sie dem Grafen) Ew. Hochgräflichen Gnaden unterthänigstermaaßen aufwarten zu thun.
Onkel. (die Aufschriften lesend) „Sr. Wohl- und Hochgeboren dem Herrn, Herrn von Bastholm“ — ha, ha, ha, der soll sich wundern! — „Sr. Gräflichen Hochgebornen Gnaden dem Herrn, Herrn von Duur, herzoglichen“ — — allerliebst! nun geh Er, Küster, und laß Er sich vor der Hand ein Glas guten Landwein geben.
Der Küster gieng. Onkelchen öffnete einen der Briefe und las: „Nachdem es nun dem grundgütigen Gott gefallen, was maaßen er meine liebe Frau —“ Hier hielt ihm Rikchen die Hand vor den Mund und stellte sich lächelnd böse. Der frohe Alte wollte lesen, Rikchen hinderte es, erwischte die Briefe und lief zum Zimmer hinaus.
„Wart! warte!“ rief der Onkel, indem er aufstand, und sie so eilfertig, als es seine Wohlbeleibtheit verstattete, verfolgte: „warte, das soll dir durchgehen!“
Er schlenderte eben die Hausflur hinunter, als er zu seinem größten Erstaunen die Briefe zerstreut auf dem Erdboden liegen sah. Er machte Anstalten sie aufzulesen, als er Florentins Namen unzählige mahle von Rikchens Lippen hörte. Frohe Ahndung durchzukte ihn — rasch lief er der Stimme nach, und sah — o Wunder! — sah den lieben Florentin in den Armen seiner holden Schwester liegen.
Ihn umarmen, ihn küssen, ihm Vorwürfe machen, war Eins.
„Ei du Blizkammerherr, mußt du denn immer das Spiel der Ueberraschung mit uns treiben?“ rief der frohe Greis: „unvermuthet, verschwandst du vor etlichen Wochen, und unverhoft stehst du wieder hier.“
Man begab sich in ein Zimmer. Florentin erzählte die vorgeblichen Ursachen seiner plözlichen Ankunft.
„Ein paar Tage nur willst du bei uns sein?“ fragte der Onkel und sah ziemlich misvergnügt aus.
„Ein paar Tage nur,“ sagte Rikchen, und es war ihr, als sollte sie weinen.
„Doch nein!“ hub der Onkel wieder an, da er Rikchens Stimmung gewahrte: „Das ist recht! das ist brav, daß dich Sr. Durchlaucht auf Reisen schikt — Donner, aus dir kann einmal ein ganzer Mann werden. Höre, Florentin, höre, und hast du denn die lezte Ehrenstufe erklettert, gafft dich verwundrungsvoll das ganze Herzogthum an, hast du recht viel braves gethan und bist müde: dann nimm deinen Abschied und ein Weibchen, komm zu uns und ruhe im Arme deiner guten Freunde von guten Thaten aus. Hörst du? — o, wenn ich doch nur die Seeligkeit noch erlebte, dann wollt’ ich meinen Kopf herzlich gern zur ewigen Ruhe niederlegen! —“
„Alter, guter Mann, wirst sie nicht erleben; wohl dir, daß du nicht allwissend bist!“ dachte Florentin bei sich selber.
Man konnte sich nicht sobald müde schwazzen, aber weil Holder noch fehlte, so wollte man Boten ausschikken, ihn herbei zu rufen, denn er war aufs Feld hinausgegangen. Allein Florentin brachte in Vorschlag, daß er sich die Freude des Ueberraschens nicht rauben lassen, sondern ihn selber aufsuchen wolle. Wer konnte ihm widerstehn? Er gieng.
Florentin, wie war dir, als du jezt vor dir hinwandertest, du zum Dorfe hinaustratest, und in nachbarlicher Ferne das Duursche Schloß erbliktest, die fröhliche Wohnstatt deiner Jugend? — In schwermüthige Gedanken verloren, gieng er unwillkührlich den Weg, welcher dorthin führte, und er wäre vielleicht, ohne zu wissen wie, dort angekommen, hätte ihn nicht eine bekannte Stimme aus seinen melancholischen Träumen erwekt. Er blieb stehn, sah sich um und ward Holdern gewahr, der seitwärts über eine Wiese zu ihm herangelaufen kam.
Florentin erschrak, ohne sich angeben zu können, warum?
„Nun, irrender, in Bann und Acht erklärter, vogelfreier Ritter, wie gehts?“ fragte Holder mit einem traurenden Lächeln, und schloß den Grafen in seine Arme.
Florentin. (mit einem Seufzer) Wie du siehst, es geht alles nach Wunsche.
Holder. Es freut mich, armer Landesverwiesner, dich noch einmahl im Vaterlande zu sehn.
Florentin. (bestürzt) Wie?
Holder. Warum so befremdend, da ich doch um dein Schiksal weis? Sei zufrieden mit deinem Loose, es ist noch nicht das fürchterlichste.
Florentin. Fürchterlich genug!
Holder. Der Erdenball ist unser Vaterland; ein Weiser ist an allen Orten zu Hause, denn allenthalben bietet ihm die Gelegenheit Stoff dar, wodurch er sich um das Wohl seiner Brüder verewigen kann.
Florentin. Und allenthalben Stoff zu neuen Leiden.
Holder. Mensch, wer bist du geworden? Bist du noch Florentin von Duur, er der ehmals versprach, jeder Gefahr lachend ins Auge zu sehn? Bist du der Thatensüchtige Jüngling, der für das Wohl der Menschen sein Wohl opfern wollte?
Florentin. (verdrüslich) Was willst du?
Holder. Was ich will? — Erforschen will ich, wer du jezt bist? — erforschen, ob ich mich schändlich in dir betrog? — erforschen, ob du auch der erhabne Mann im Unglükke bist der du im Glükke warst?
Florentin. (wie oben) Wozu das?
Holder. Um danach meine Freundschaft abzumessen? Große Menschen bedürfen unsrer größten Freundschaft, kleine Seelen mögen sich mit einem Lächeln, einem Händedruk, einem Kus begnügen.
Florentin. (ihn um den Hals fallend) O Bruder!
Holder. Laß uns nach Sorbenburg zurükkehren.
Florentin. Nein, noch nicht. Bleib noch! — ein Viertelstündchen muß ich mit dir allein sein!
Holder. Man wird sehnsuchtsvoll auf uns warten.
Florentins. Ich bitte dich, bleib. Ich habe vorher viel mit dir zu besprechen.
Holder. Das ich nicht wüßte.
Florentin. Uebermorgen muß ich schon über die Gränze gehn.
Holder. Ich weis es.
Florentin. Du weißt es? — ist dir alles bekannt, was zwischen mir und dem Herzog — —
Holder. Alles.
Florentin. (verwunderungsvoll die Hände faltend) Ist es möglich? — Holder, ich kenne dich noch nicht ganz. Räthsel löse dich mir endlich!
Holder. Laß uns weiter gehn, der Himmel bezieht sich mit Regenwolken.
Florentin. (ungeduldig) Bleib, wenn du mein Freund bist.
Holder. Rede, was willst du von mir?
Florentin. Aufschlus, und Rath!
Holder. Sprich deutlich.
Florentin. Holder, du der du mir sonst in allem zuvor kamst, Holder, du, verstehst mich nicht?
Holder. Wie sollt’ ich?
Florentin. (ihm näher tretend und ins Auge fassend) Julius, Regent Julius, sprich, hat mich ein Traum belogen?
Holder. Ja, Vinzenz, und nein!
Florentin. (froh auffahrend) Nun, Gott seis gedankt, nein! — nein, es war kein Hirngespinnst, Wahrheit ists — die schwarzen Brüder sind vorhanden! du bist nicht allwissend, wie wolltest du sonst wissen, was ich nur träumte und noch keinem Sterblichen verrieth? — du bist der Regent der Brüder, ich bin dein Genosse! —
Holder. (lächelnd) Bist du’s?
Florentin. Spotte nicht, um Gotteswillen nicht! ich stehe izt von allen Verhältnissen und Verbindungen abgerissen, werde aus meinem Vaterlande verstoßen, habe keinen Freund, keinen Bruder. Mein Traum — nein, Traum wars nicht! — hat mich noch gefesselt an diese Welt und an die Lust großer Thaten. Nimm mir den Traum, und ich bin nichts! gieb mir ihn noch einmal zurük und ich bin alles was du willst.
Holder. (mit sich aufklärender Miene) Ich spottete dein nicht. — Bruder, sei ruhig.
Florentin. Ich ruhe nicht; laß mich noch einmal den schreklichen, geliebten Traum zurükträumen, ich fühl es, er würde mich wieder erquikken; würde meinem Geiste den alten Schwung wiedergeben, und Kraft und Gefühl für das Große. —
(beide schweigen lange.)
Florentin. Warum verstößest du mich? — Bruder, es ist wahr, ich bin ein Verbrecher, aber die Unbekannten wußten darum, und fanden mich doch würdig einer ihrer geringsten Diener zu sein. Und warum verstössest du mich?
Holder. Laß uns davon abbrechen. Doch zum Troste sage ich dir dies: Du bist des Landes verwiesen, und dies ist der erste Schritt für dich auf einer gefährlichen Laufbahn zu einem glorvollen Ziele. Jeder andre, als du, würde nun in die weite Welt hineingehn, und der Gelegenheit in Osten und Westen nachlaufen, sich durch schöne Thaten zu vergrössern, aber sie nicht sobald erhaschen. Für dich ist sie schon bestimmt. — Das Gebiet großer Handlungen liegt offen vor dir da, den nächsten Weg dahin zu gelangen findest du folgendermaaßen. Ohnweit dem Städtchen Mungenwall liegt ein kleines Gehölz, der rothe Wald genannt, dahin begieb dich am Tage des heiligen Urbanus von Mungenwall aus. In der Mitternachtsstunde mußt du an der Landstraße links, ohnweit einem steinernen daselbst aufgerichteten Kreutze sizzen; Es wird ein Mensch die Landstraße gen Mungenwall herauf kommen, welcher einen Bündel Reiser auf dem Rükken trägt, und eine Axt unter dem linken Arm hält. Grüßt er dich, so antworte: „Gott dank euch, Hugo!“ fragt er, warum du da sizzest? so entgegne: „Ich sizze zum Feste der Schwarzen.“ Nimmt er sodann die Axt und schlägt dreimal wider das steinerne Krucifix: so folge ihm.
Florentin. Sonderbar.
Holder. Und von nun an, Florentin, falle kein Wort davon weiter, während deines Aufenthalts in Sorbenburg, zwischen uns vor; komm zurük nun, es regnet schon stark!
Schweigend eilten sie nach Sorbenburg, wo der Onkel und Rikchen indessen mit ängstlicher Ungedult beider Zurükkunft entgegen sahn.
Ach, wie seelig flog das schöne Paar dieser Tage vorüber! Florentin selber glaubte sich heitrer zu fühlen, von seiner Schwermuth zu genesen — als der lezte Abend über diese Glüklichen verdämmerte, und der Traum seiner Freuden zugleich.
Nur Träume sind des Lebens Gold,
Nur Träume, die die Brust des Sterblichen beleben,
Und feuchte Wimpern heben,
Von welchen noch des Harmes Zähre rollt;
Nur Träume, die uns hold,
Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.
Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genießen, und genos ihn nicht. Man wollte fröhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die Aufmunterungen zur Freude; wehmüthige Blikke vertraten die Stelle des Lächelns; die Weingläser standen gefüllt da, winkten zum Genus — und wurden nicht geleert.
In einer rührenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr mit Blikken, Seufzern, Händedrükken und Empfindungen über Florentins Scheiden, als durch Wortgespräche unterhielt. Selbst der sonst so wohlgemuthe Onkel konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In einem Lehnsessel ruhend, die Füsse übereinander geworfen, sas er da, düsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen unterweilen mit seinen gewöhnlichen frohen Einfällen brechen, und doch wagte ers nicht. Oft zerpreßt’ er mit den Wimpern eine Thräne, die ihm unwillkührlich die Augenwinkel füllte. Sorgenvoll stüzte sich sein graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand auf seinem Schoose fest. Florentin sas in einer ähnlichen Attitüde, den Kopf zurükgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen starr vor sich aufblikkend, als säh er träumend in die umnebelten Stunden der Zukunft. Rikchen drükte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit der andern umschlang sie Holders Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz verbarg. — Holder mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als überblikte er Pläne des Schiksals. Zuweilen biß er mit den Zähnen zusammen, wenn Empfindung ihn übermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thränenflor sein Auge bewölkte.
So verfloß eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Veränderung. So hätte die Nacht sie überfallen können, wenn Florentin nicht aufgestanden wäre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.
„Wahr ists, und wahr bleibts,“ rief der Onkel, und erhob sich: „’s ist doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das so überdacht in der Stille, und habe gefunden, daß doch viele Leiden aus der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder, die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Hätten wir unsre Hütte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt’ ich doch den Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken dürfte!“
„„Das würde freilich keiner!““ antwortete Holder, dem die Philosophie des gutherzigen Onkels ein Lächeln abzwang.
„Drum glaub ich auch,“ kontinuirte jener: „daß unsre Nachkommen gewiß noch alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.“
„„Despotien in Republiken!““ sagte Holder mit einem bedeutenden Tone zu Florentinen hinblikkend.
„Ja, Despotien in Republiken umgemünzt, wirds eine gangbare Waare für die freigeborne Menschheit!“ rief Florentin, und ihm wars, als träumte er den Traum von den schwarzen Brüdern, wo sich in seiner Seele das erste lebhafte Gefühl für Freiheit, und schwarzer Groll wider Fürsten entwikkelte. — Er that einen freiern Athemzug — ihm wars ungewöhnlich wohl. „Despotien in Republiken!“ schallte es immer noch in seinen Ohren: „und da würdest du Louisen ungestört lieben dürfen, würdest du nicht über die Gränze wandern müssen, um einer frohen Nacht willen!“ setzte er bei sich stillschweigend hinzu, und ihn wandelte ein sonderbarer Schauer an; er fühlte sich in seiner ganzen Größe, sein Odem flog schneller, seine Hände krallten sich zusammen, sein Auge blikte funkelnd empor — sein Geist schwebte auf stürmendem Gefieder der ahndenden Fantasie.
„Ich sehe nur nicht ein, warum nicht jezt schon, das alles so ist, wie’s sein soll? warum sich erst künftige Jahrhunderte dieses Glüks erfreuen sollen? — O, die glükliche Nachwelt!“ sagte der alte Graf mit einer Mine der bittersten Unzufriedenheit. Der Onkel, der seine Lieblingsgrille, welche wir schon an ihm kennen[1)], zum Stoff der Unterhaltung machte, als die übrigen, schwazten und schwärmten so den Rest des Tages hinweg, umarmten sich dann noch einmahl und eilten halb traurig und halb getröstet ihren Betten zu.
Man freute sich Florentinen am folgenden Tage noch einige Stunden sehn zu können, und schlief ruhig mit diesem Gedanken ein. Aber, — Gott! wer schildert den Jammer dieser liebenden, treuen Seelen, als sie Florentinen am künftigen Morgen nicht mehr erblikten, der sich wahrscheinlich schon in der Nacht mit seinen beiden Dienern aufgemacht hatte!
Viertes Kapitel.
Abschied von der Sorbenburg.
„Mein Bruder hat uns verlassen, ohne uns das Lebewohl zu sagen!“ rief Rikchen ihrem Onkel weinend entgegen, der ungewöhnlich früh aus den Federn gestiegen war, um sich noch desto länger mit seinem Neffen unterhalten zu können.
Dem Alten fuhrs wie ein Donnerschlag durch die Ohren. „Uns schon verlassen?“ stammelte er, und sein Unwille sprach aus Blikken und Gebehrden: „das war dumm!“
Holder, welcher noch die meiste Fassung hatte, suchte beide zu beruhigen. Es gelang ihm nur schwer.
„Dumm ists!“ rief der alte Graf: „und dumm bleibts. Ich sehe im Grunde nicht ein, warum der Kammerherr so sehr mit seiner Reise eilt. Ich weis, der Herzog würde gewis nicht böse sein, wenn Florentin noch einige Monate, wenigstens einige Wochen, bei seinen Verwandten geblieben, wäre.“
Holder. Aber es war ja des Herzogs ausdrüklichster Befehl, daß Florentin seine Reise je bälder je lieber antreten sollte. Serenissimus bedient sich ihres Neffen höchst wahrscheinlich in ausserordentlich wichtigen Angelegenheiten, welches daraus erhellt, daß der Zwek dieser Reise so sehr geheim gehalten wird und der Termin der Abreise sobald angesezt ist.
Onkel. Die vermaledeiete Dependenz!
Holder. Und weil es denn einmahl geschieden sein sollte: so wollte sich und Ihnen der gute Florentin die Trennung dadurch erleichtern, daß er plözlich verschwand. Sie kennen ja seine Art in diesen Fällen!
Onkel. Jedes andre macht verzeihlich, nur heute nicht. O, mir ahndets, ich soll ihn nicht wiedersehn auf Erden — seine Heimkunft nicht erleben.
Rikchen. O doch, Onkelchen! und geben Sie acht, er holt sich gewis die schöne Marinerin aus Italien[2)] und feiert hier in Sorbenburg die Hochzeit. Das ahndet mir!
Onkel. Gott weis es, wessen Ahndung trügen wird!
Der Onkel schien so unrecht nicht zu haben, aber Rikchen gewis auch nicht. Und wenn unser fahrender Ritter auch das schöne Mädchen aus St. Marino nicht mitbrachte, könnte er nicht irgendwo für sich ein andres holdes Weibchen auffinden!
Inzwischen verstrichen nach diesem traurigen Morgen Monate nach Monaten, es wurde ein Jahr daraus; Florentin kam nicht wieder heim in die vaterländische Wohnung, und man verschmerzte endlich seinen Verlust. Zwei, drei, vier Jahre folgten dem ersten, doch man vergas ihn nicht!
Graf Florentin von Duur, den wir jezt auf seiner Abentheuerjagd begleiten müssen, denn die Sorbenburgsche Familie werden wir nicht so bald wieder besuchen können, war am Abend seines Abreisetags über die Gränze des Vaterlandes mit seinen Gefährten Badner und Gotthold. Es war ihm wehe und wohl, wenn er hinter sich in die Vergangenheit, oder vor sich in die Zukunft hinausblikte, sahe was er dort überstanden, und hier noch zu erwarten hatte! —
Der Winter war vorüber, der Frühling begonnen, und die schönen Tage des Maies erwachten; aber über seine Seele streute die liebliche Jahrszeit keine Freuden. Ungewis und unbestimmt, mehr ernst, als froh, kreuzte er etliche Wochen in den benachbarten Gegenden seines Vaterlandes umher; ohne sich dessen klar bewußt zu sein, wurde er immer noch magnetisch dahingezogen. Und so rükte der Tag des heiligen Urbanus unvermerkt näher, an welchem er sich in dem Städtlein Mungenwall befinden sollte.
Fünftes Kapitel.
Eine schöne Erscheinung.
Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen, als unser Graf mit seinen Kumpanen ein niedliches Dorf unten im Thale vor sich erblikten. In angenehmer Verwirrung lagen die braunen Strohhütten da zerstreut, jede von krausem Gebüsche überwachsen und beschattet. Zur rechten und zur linken sahe man Gärten in todte und blühende Hekken eingefaßt, und zur rechten und zur linken tönte der süsse Gesang der Vögel fröhlich daher. In der Mitte des Dörfchens ragte über alles in prachtloser Einfalt die spizze Kuppel des Kirchenthurmes hervor, dessen hellschlagende Glokke mit silbernen Ton die frommen Christen zur Andacht in Tempel rief.
Florentin von dieser Gegend überrascht, hielt sein Pferd an, sein Auge länger noch an dem Reiz der vollkommenen Natur zu laben. Seine Seele klärte sich auf; die Stirn entfaltete sich und er wurde zum erstenmahle mit seinen Gefährten gesprächig, denn bisher hatte man aus seinem Munde nur kaum ein andres Wort, als das trockne: „Ja“ oder „Nein“ gehört.
„Wie heißt das Dörfchen da unten?“ fragte er ein vorübergehendes junges Bauermädchen und lächelte einmahl wieder seit langer Zeit freundlich.
„Gott grüß’ euch, meine Herrn,“ erwiederte die junge Bäuerin, ohne stehn zu bleiben: „Riedelsheim!“ —
„Wir wollen in die Kirche gehn, und Gott danken für den schönen Frühling!“ sagte der Graf und trottete den Bergweg hinab ins Thal; Gotthold und Badner ihm nach.
Leztere bestaunten den Einfall ihres Herrn, eine Dorfkirche zu besuchen; aber man hatte kaum im Wirthshause gefrühstükt, so sahe man, daß es dem Grafen Ernst sei.
Der Pfarrer zu Riedelsheim bestieg in eben dem Augenblik die Kanzel, als unser Graf in die Kirche trat. Er sezte sich in einen Winkel auf ein Bänkchen, um kein Aufsehn zu erregen; hörte andächtig dem lehrenden Greise zu, fühlte sich durch den herzlichen Vortrag desselben bis zum Weinen gerührt, und würde sehr erbaut von hinnen gegangen sein, wären seine Sinne und Gedanken nicht mit einem mahle von aller Andacht hinweg und auf einen andern Gegenstand — eine weibliche Gestalt gezogen worden.
Er sah hinter einem Gitter, dreißig Schritt ohngefähr von sich entfernt, ein Frauenzimmer sizzen, dessen Kleidung und Anstand dasselbe auffallend von Dorfbewohnerinnen unterschied. Der Anzug dieser Schönen war einförmig, aber doch mit Geschmack angeordnet; und so viel der obere Theil ihres Körpers verrieth, denn mehr konnte man nicht von ihr erblikken, mußte sie noch jung sein. Ihr Gesicht war leider verschleiert.
Ich weis selbst nicht, welcher Dämon Florentins Augen auf die Dame hinlenkte, da er doch seit der unglüklichen Liebe Louisens beinahe einer der ärgsten Misopyne geworden war, die nur je die Menschheit des weiblichen Geschlechts bezweifelten.[3)]
Unverwandt starrten seine Augen nach dem Gitterstuhle. Er zitterte, wenn die Dame sich bewegte, und rükte ungeduldig hin und her, wenn sie stille sas. — Er selber wußte sich seine Empfindungen nicht zu erklären; er wollte seinem Geiste die verlorne Andacht wiedergeben — umsonst, seine Augen glitschten immer von der Kanzel auf den Gitterstuhl zurük, von dem Munde des Predigers auf den Schleier der Dame.
Eine sonderbare Ahndung überflog ihn. Er glaubte in der Gestalt, in den Bewegungen der Dame im Gitterstuhle auffallende Gleichheiten mit Louisen zu entdekken. Seine Fantasie wurde lebhafter; die Möglichkeit stieg in ihm zur Gewisheit empor.
Plözlich schlug die Unbekannte mit ihrer schönen Hand den Flor vom Gesichte zurük — — o Himmel! und Florentin sah Louisen. Ihm wurd’ es dunkel vor den Augen; eine Ohnmacht schien sein ganzes Wesen aufzulösen — Noch einmahl sah er hin, und — ach! der Gitterstuhl war ledig, Louisens Bild verschwunden.
In einer süssen Betäubung sas er da. „Sie ists! sie ists!“ rief sein Geist in ihm; „dem Unglüklichen wird noch einmal das Glük die Geliebte zu sehn!“ —
Der Prediger prieß die Schönheiten der göttlichen Schöpfung; Duur zergliederte sich Louisens Reizze. — Amen scholl es von der Kanzel, und der Liebetrunkne stürzte zur Kirche hinaus. Er durchreiste das Dörfchen, suchte das verschleierte Gesicht und — fand es nirgends.
Hinter einer dichten Reihe hoher, breitlaubigter, finsterer Kastanienbäume entdekte er am Ende den Dorfes ein im neusten Geschmack errichtetes, zweistokhohes Gebäude, welches das ansehnlichste in Riedelsheim war. Er blieb stehn, und maaß das Haus mit neugierigen Blicken. Gern wär er hineingegangen, um auch da der geliebten Schwester des Herzogs nachzuspüren, wenn es ihm nicht die Etikette verboten hätte.
Was sollt er thun? — umkehren und Riedelsheim verlassen, ohne Sie zu sehn die geliebte Stifterin seines Unglüks? — sie jezt nicht wiedersehn, die er vielleicht dann nie, weder in diesem, oder jenem Leben wieder zu erblikken glüklich genug sein könnte! — Unmöglich, kein Liebender hätte dies an Florentins Stelle gethan, und Florentin thats auch nicht.
Als er noch unentschlossen da stand, mit einem Stökchen im Staube malend, zeigte sich seinen Augen ein junger, wohlgekleideter Mann, dessen Aeusseres viel gutes ahnden lies. Florentin machte sich sogleich an ihn und fragte nach dem Besizzer des weißen Hauses.
„Sie sehen ihn vor sich!“ antwortete jener und Florentinen ward seltsam zu Muthe durch diese Antwort, denn Mann und Stimme desselben waren ihm sehr wohl bekannt. Kurz gesagt, die Gestalt und der Ton gehörten in den Traum von den schwarzen Brüdern hin, und zwar dem Puppenspieler, der im Wirthshause die grausamliche Zerstörung Magdeburgs aufgeführt, und dessen Kasten unser Graf zertrümmert hatte. Daß Florentin durch die frappante Aehnlichkeit zweier so heterogener Personen etwas bestürzt gemacht wurde, läßt sich denken.
„Wen hab’ ich dass Glük zu sprechen?“ fragte er.
„„Ich hin der *** Prinzenerzieher Aellmar, lebe hier durch die Gnade meines Fürsten ein angenehmes Privatleben, und werde mich freuen, wenn Sie in meiner Wohnung mit einer ländlichen Bewirthung vorlieb nehmen wollen. Sie sind — —?““
„Der Graf von Duur.“
„„Ich kenne Sie schon näher, wie mich däucht.““
„Und mir ists, als hätte ich ebenfalls schon das Glük gehabt Ihre Person einmahl, aber Gott weis, wo und in welcher Verkappung, zu sehn. Ihre Gesichtszüge — ihre Stimme —“
„„Vielleicht haben Sie sich nicht geirrt.““
„Wär es möglich!“
„„Wie befindet sich Herr Holder von Sorbenburg? Wahrscheinlich haben Sie ihn noch — —?““
„So wahr ich lebe, Herr Aellmar, Sie und ein gewisser, schwarzer Puppenspieler“ — —
„„Ganz recht, Vinzenz!““
„Gott, ich bin glüklich.“
„„Still, wir plaudern nachher mehr. Haben Sie die Güte mein Gast zu sein.““
„Haben Sie Fremde?“
„„Sie werden niemanden ausser dem Prediger Leedri, meinen Schwiegervater, und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.““
Wie gern folgte Florentin der willkommenen Einladung des metamorphosirten Puppenspielers! Hier hofte er gewis Aufschluß über das verschleierte Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beiläufig zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.
„Wahrscheinlich meine Frau!“ antwortete Aellmar und führte den halb unzufriednen Duur in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor Leedri allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und jenem; Aellmar entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und Florentin exegisirte über das „Wahrscheinlich“ des Aellmar.
„Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es läßt noch immer der Vermuthung Raum, daß der Schleier eben so gut der Prinzeßin, als der Madame Aellmar angehören konnte!“ dachte er bei sich.
Die Thür eröffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schöne, in ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. Florentin der anfangs in heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der liebenswürdigsten, sanftesten Weiber — aber nicht das Idol seiner Seele sah.
So gut es sich thun lies, verbarg Florentin seinen Mismuth; er mußte es nun einmahl geschehn sein lassen, daß er sich getäuscht hatte. Eine freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Würze der Speisen. Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in Mungenwall einzutreffen, den gastfreundlichen Aellmar unter vier Augen zu sprechen.
Es gelang ihm.
Sechstes Kapitel.
Aufklärungen.
Der Graf und sein Wirth entfernten sich von dem alten Leedri und seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier die sandigten Gänge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprächen versenkt, einige Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu sein, in ein nettes, bequemes Gartenhäuschen, lagerten sich da auf ein Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.
„Ich bedaure,“ sagte Aellmar lächelnd: „Ich bedaure, daß Sie sich durch den Schleier so verführen ließen, meine Frau für Ihre Durchlaucht die Prinzeßin Louise zu halten. Zudem, wie sollt ich zu der Ehre gelangen, eine fürstliche“ — —
Florentin. Aber wissen Sie gar nicht, wo sich die Prinzeßin befindet?
Aellmar. Wie sollt’ ich? so viel ist gewis, und das wird Ihnen ja besser, als mir bekannt sein, daß die Prinzeßin Louise, wegen ihrer Kränklichkeit, auf einem ihrer Landgüter lebte. Die Aerzte haben es ihr gerathen; Veränderung der Luft und des Aufenhalts soll sie bald wieder herstellen. Die Prinzeßin, um sich zu gleicher Zeit ein seltneres Vergnügen zu gewähren, macht inkognito, von wenigen Bedienten nur begleitet, kleine Reisen durchs Herzogthum, so daß niemand eigentlich weis, wo sie sich befindet.
Florentin. (rieb sich die Stirn.)
Aellmar. Dies ist alle Auskunft, die ich Ihnen geben kann, das heißt, ich sage, was man allenthalben spricht. — Doch lassen Sie uns davon abbrechen. Sie wollen nach Mungenwall reisen.
Florentin. Wie ich Ihnen gesagt habe.
Aellmar. Und wohin zielt von da Ihre Reise?
Florentin. Wohin mirs gelüstet. Des Herzogs Befehl bindet mich an keinen Ort und keine besondern Geschäfte.
Aellmar. So würd ich mich in Ihrer Stelle um Menschen, Länder, Politik und Volkskraft zu studieren, ohne Anstand nach Kanella begeben, wo jezt Volk und Fürst im Prozeß liegen, Komplote geschmiedet, Pläne entworfen und zerrissen, Kabalen gespielt und Gährungen erregt und gedämpft werden.
Florentin. (zerstreut) Ich fänd’ es selber nicht unangenehm.
Aellmar. Ich witterte diese Unruhen schon vor einigen Jahren, als ich mit Holdern nach Italien reisen mußte, und wir zwei Monate in Kanella hinbrachten.
Florentin. (aufmerksam) Mußte Holder nach Italien reisen.
Aellmar. Er mußte, und zwar in Geschäften der schwarzen Brüder.
Florentin. Und Sie begleiteten ihn?
Aellmar. In einer ähnlichen Angelegenheit.
Florentin. Darf ich um Holders Geschäfte in Italien wissen? Es intereßirt mich zu sehr, um so seltsamer mir damahls seine Entschwindung vorkam, als er — —
Aellmar. Ich erinnere es mich noch sehr gut. — Der Zwek der schwarzen Brüder ist Verbreitung des Guten, Unterdrükkung des menschlichen Elends. Wir waren es, welche die Jesuiten aus Italien vertrieben hatten, ohne daß diese eben so wenig, als die übrige ungeweihte Welt davon ahndeten. Unser Triumpf war groß. Die Zerstörung der jesuitischen Hierarchie war eine herrliche That unsers Bundes, lange schon beschlossen in unserm Rathe, und so meisterhaft ausgeführt, daß niemand dabei unsern Einfluß ahndete — Diese in Heiligenmasken verkappten Teufel aber schlichen sich bald wieder an einigen italiänischen Höfen ein; ihre Fortschritte machten uns besorgen zu frühzeitig triumfirt zu haben; sie hatten ihre Nezze so fein und so stark gewebt, daß es eben so leicht möglich war, sich in ihnen zu vergarnen, als unmöglich sich denselben wieder zu entwinden. Wir bekamen Wind davon. Der Plan, die Gespinnste des Jesuitismus ganz zu zerreißen, ward entworfen, ihn auszuführen bedurfte es einen Mannes mit dem schärfsten, alles umfassenden Blik, mit der feinsten Politik, mit einer ausserordentlichen Geistesgegenwart begabt. Alles beruhte auf diesen Mann allein und — Holder wurde erwählt.
Florentin. Sie sezzen mich in Erstaunen.
Aellmar. Holder lebte zu der Zeit auf dem Landgute ihres Oheims, wo er von allem, was geschah, schriftlich und mündlich Notiz erhielt. An 6 verschiedne Herrschaften Italiens wurden einige schwarze Brüder verschikt, die Jesuiten in der Nähe zu beobachten, Holder selber sollte sich dahin begeben, um die mannigfachen Pläne des Ordens der schwarzen Brüder, die an den verschiedenen Höfen realisirt werden sollten, harmonisch zu erhalten, Maasregeln, die aus der Uebersicht des Ganzen entspringen mußten, zu ertheilen, mit einem Worte alles zu dirigiren. Seine Abreise hing noch von der Einwilligung eines deutschen Fürsten in einen gewissen Vorschlag in Rüksicht der jesuitischgesinnten Italiäner ab. Alle hofften wir auf Entscheidung. Auch ich wurde bestimmt mit Holdern zu reisen, um seinen Befehlen zu gehorchen. Damahls lernt ich ihn kennen; ich sprach ihn zuweilen in der Nacht in der Nähe des Duurschen Landgutes, wann er mir und andern das Signal durch einen Büchsenschuß gab. Ich bewunderte schon in diesen seltnen nächtlichen Konversazionen den schlauen, weisen, ehrwürdigen Mann. Der deutsche Fürst lies uns lange hoffen, Holder wurde beinah ungeduldig, er liebte Ihre Fräulein Schwester und hätte sich gern mit ihr genauer verbunden, wenn nicht die Macht des Ordens auf eine Zeitlang dawider gestanden. Plözlich erhielten wir Befehl aufzubrechen, ohne Zeitverlust, ohne Schonung der Geldkosten, so schleunig, als möglich, weil von unsrer baldigen Ankunft in Italien alles dependirte. Wir gaben Holdern das Signal. Er erschien; unsre Nachricht dekontenanzirte ihn anfangs — allein, weil wir schon seit eingen Monaten Befehl hatten, uns in jeder Stunde zum schleunigsten Aufbruch bereit zu halten, so mußte er noch in eben der Nacht mit uns. Rastlos gieng die Reise durch Deutschland. Wir kamen nach Italien; zerstreuten uns, jeder an dem ihm vorbestimmten Posten. Holder zeigte sich hier, als Meister. Er kam zurük zu den Brüdern in Deutschland, die seine bewundernswürdige Thaten, seinen Eifer mit dem Stuhl des Regenten belohnten. Glauben Sie mir, Herr Graf, es leben eben so viel große Männer unbekannt, als bekannt! —
Florentin. Wahrlich ich bin stolz der schwarzen Brüder einer zu sein.
Der Graf sprach dies in der That, nicht als ein Compliment, sondern als Aeusserung derjenigen höhern Empfindung, welche aus dem süssen Bewußtsein quoll, du bist auch einer derselben, die, wie die Gottheit, ungesehn sichtbare herrliche Thaten üben. Wahr ists, das Schiksal hat mich eben so sehr über gewöhnliche Menschen emporgehoben, als es mich sinken lies unter denselben! —
„Und auch Sie, lieber Aellmar,“ fuhr der Graf nach einer Pause fort: „auch Sie haben schon an der allgemeinen Glükseligkeit des Menschengeschlechts gearbeitet — und ich — — —“
Aellmar. Graf, Sie thaten schon ein Gleiches in ihrem Vaterlande. Schon damahls waren Sie ein Werkzeug der schwarzen Brüder, schon damahls zur Aufnahme bestimmt. Erinnern Sie’s sich nicht mehr, wie sich die Unbekannten Ihnen schon lange bekannt machten? — Haben Sie die Ihnen zugesandten Briefe vergessen, welche — —
Florentin. Wie sollt’ ich!
Aellmar. So darf ich Ihnen nichts mehr erklären.
Florentin. Demungeachtet ist mir noch manche Aufklärung nöthig. Zum Beispiel, woher es kam, daß man um meine Geheimnisse wußte, wußte, was in meinem Herzen, und in meinen vest verwahrten Koffern und Schränken vorgieng!
Aellmar. Ein Räthsel welches leicht aufzulösen ist, wenn Sie wissen, wie ausgebreitet unser Orden ist, und daß der meisten Ihrer Bedienten und Vertraute, so wie die Aerzte am Hofe u. s. f. zur Zahl der schwarzen Brüder gehören.
Florentin. (bestürzt lächelnd) Ha!
Aellmar. Ich habe Ihnen nun so viel anvertraut, als ich darf, und Sie bedürfen. Jezt erlauben Sie, daß wir hievon schweigen.
Florentin. Werd’ ich nicht auch zu dieser Kenntnis alles dessen was im Orden vorgeht, und wie es geschieht, gelangen?
Aellmar. Nicht früher, als Sie sich dazu würdig gemacht haben; sodann gehört die Kenntnis des was und wie? zu Ihren Belohnungen.
Hier brach Aellmar das Gespräch ab, nöthigte den Grafen sich wieder zu zerstreuen und — heilige Verschwiegenheit zu beobachten.
Sie verließen das Gartenhaus.
Der Graf sonderte sich von seinem neuen Freunde ab, wankte tiefsinnig mit verschränkten Armen durch die Gänge des Gartens, und überdachte da die Worte Aellmars.
Es stiegen sonderbare Empfindungen in ihm auf. Ihm wars, als wäre er zu einer Klasse höherer Wesen gezählt — er fühlte sich in ihrer Mitte zu stehn, unwürdig und kleinlich, und wieder gros, wenn er der Thaten gedachte, zu welchen der Orden ihm Bahn bräche. Seine Fantasie begann lieblicher um ihn zu spielen; er warf sich halbträumend in den Schatten eines Kastanienbaums.
„O, werd’ ich einst ausgerungen haben, nennt mich die künftige Zeit gros, rauschet der kühlende Lorbeer um meine glühnde Schläfe — kehre ich heim aus dem Felde der Thaten und begrüsset mich die vaterländische Flur wieder, wo ich als Kind tändelte, als reifender Jüngling schwärmte, ruhe ich dann aus in den heimischen Thälern in der Stille des väterlichen Hains, o wie seelig wird dann mein Loos sein! — Nein, ich fordre nicht zur Vergeltung fürstliche Palläste, nicht die Freundschaft der Großen, nicht Anbetung vom Volke und Vergötterung, — nein ihr Gewaltigen, die ihr euren Arm in den Mantel der Nacht verberget, gebt mir, wenn ihr es geben könnet, Louisens Liebe in einem entlegnen Winkel der Erde, meinen Tod in Louisens Armen, an Louisens Busen!“
So träumte der gute Graf sich noch manchen angenehmen Traum, von wehmüthiger Sehnsucht nach Ruhe durchwebt; denn Ruhe bedurfte sein diefleidendes Herz, oder eine ungewöhnliche Zerstreuung.
Glüklich war Florentin in der Mitte dieser ihn umwallenden Bilder, welche die Fantasie erschuf; und so ist jeder glüklicher in der Rükerinnrung oder Hoffnung, als im Genuss selber!
Siebentes Kapitel.
Ein Nachtstük.
Es war ein schwüler Nachmittag; die Luft glühte, der Erdboden schmachtete, kein Wind wehte Erfrischung; Florentin entschlos sich also leicht, Aellmars Bitte zu erhören und erst am Abend dieses merkwürdigen Tages seine Reise zu verfolgen.
Unterdes suchte Aellmar seinem Gaste diese wenigen Stunden so sehr, als möglich zu verannehmlichen. Weil der Graf, über dessen Seele ein ewger Gram brütete, der nur selten und auch dann nur erzwungen, lächelte, jede Gesellschaft ennuiant fand, wo Scherz und muntre Laune das Herz für Freude stimmten, so unterhielten sich beide stets allein.
Unter andern führte Aellmar seinen Freund in sein Studierzimmer, welches rings herum mit vortreflichen Gemählden ausgeschmükt war. Florentin heftete gleich beim Eintritte sein Auge auf einen männlichen Kopf. Er gieng näher und erkannte bald, daß Holder zu demselben das Original sei.
„Auffallend ähnlich!“ rief der Graf: „dies hat ein Meister gemacht!“
„„Es ist sehr wohl gerathen.““ Erwiederte Aellmar und stellte sich neben Florentinen.
„Ganz seine freie stolze Stirn, welche der Gefahr trozt — ganz sein feierlich ernster, majestätischer Blik, der das menschliche Herz durchspäht, und über die Entwürfe des Schiksals hinblikt, als lebte er mit demselben in einem höhern Einverständnis. Sein Mund — ganz eben der, welcher sich immer nur zum Wohl des allgemeinen Ganzen zu öffnen scheint, und nur das Orakel der Weisheit sein kann. Dieser matte Zug um die Lippen, diese matte Falten der Stirn, welche die stoische Kälte, den strengen oft furchtbaren Ernst des Mannes so karakteristisch mahlt — Aellmar, ich bin stolz, daß Holder mein Blutsverwandter ist, und hasse mich selber, daß ich der Gelegenheiten so wenig vest hielt mich durch diesen Ausserordentlichen und nach seinem großen Muster zu bilden.“
„„Ich schäzze den höher, welcher sich durch die Natur ausbilden läßt, und nicht die Größe eines andern zu seinem Maasstabe macht. Erstere veredelt den menschlichen Geist, so sehr es ihm seinem innern Gehalte nach möglich ist, lezteres verzerrt denselben und bringt gewöhnlich Karrikaturen zur Welt. Ich zweifle nicht daran, Herr Graf, daß auch Sie ein Holder werden können, wenn sie in Verhältnisse gerathen, wie er; daß Sie in der Gefahr so kalt bleiben, wenn Sie, wie er, zweimal in einem Meersturme scheidern, oder, wie er, sich durch einen Haufen Banditen schlagen, oder unter malthesischen Flaggen an einen türkischen Seefahrer entern —““
„Was sagen Sie mir da? — Sie scheinen mehr von Holders ehemaligen Lebensumständen zu wissen, als ich. Er hat sich in unsrer Familie selten davon etwas verlauten lassen; nur so viel wissen wir, daß er von blutarmen Eltern am Rheine geboren wurde.“
„„Im Orden, lieber Graf, werden Sie mehr darüber erfahren können. Nur so viel ist gewiß, daß Holder ein grösserer Abentheurer, als irgendein Bruder von der Küste[4)] geworden wäre, hätten die schwarzen Brüder ihn nicht in ihre Pläne verstrikt, unter ihre Zahl aufgenommen, und seinem Genie eine edlere Bahn angewiesen.““
Vergebens bemühte sich Florentin Aellmarn mehrere Skizzen von Holders Leben abzulokken, dieser wußte immer unter einem artigen Vorwande den Versuchen des Grafen zu widerstehn.
Schon sank die Sonne mit aller ihrer Pracht hinter den Tannenwipfeln des benachbarten Forstes unter; schon wurden die Lüfte kühler und graue Dämmerung umflog die Landschaft; schon tönte vom Thurme von Riedelsheim die späte Abendglokke, und das Geräusch der Menschen schwieg und die Dorfbewohner suchten das Lager, um früher zur Arbeit aufzubrechen, als Florentin erst von Aellmar, dem alten Pastor Leedri und dessen Tochter Agathe schied, um in der Nacht die versäumte Reise des Tages zu ersezzen.
Der Graf mit seinen beiden Kumpanen trottete langsam zum Dorfe Riedelsheim hinaus, das Thal hindurch, die Hohlwege hinan. Florentin war im Geiste noch immer um Aellmar, hörte ihn noch immer von Holdern, oder der heiligen Bestimmung der schwarzen Brüder plaudern; sah noch immer den verführerischen Gitterstuhl in der Kirche, oder die verschleierte Agathe Leedri, Aellmars Weib, darinnen. So schlenderte sein Gaul ruhig unter ihm den Weg hin, ohne daß es einmal die Spornen seines Ritters in den Seiten fühlte, und Gotthold, nebst dem alten Badner, der, wie ich anzumerken vergas, eben so bald zu seiner, des schwazhaften Gottholds und des Grafen Freude die verlorne Sprache wieder gewann, als er über die herzogliche Landesgränze hinaus war, ich sage Gotthold und Badner trabten, im Mondenscheine vertraulich mit einander plaudernd, bald voran, bald zur Seite, bald hinterher.
„Kopf ab!“ rief Gotthold nach einer halben Stunde dem Grafen zu, der sich rasch niederdukte, um nicht mit den Baumästen über sich in Kollision zu gerathen, und nun erst bemerkte, daß er sich in einem angenehmen Wäldchen befände.
Dies sehn und den Entschluß fassen eine Strekke Weges zu Fuße zu wandern, war eins. Er stieg ab, reichte Gottholden den Zaum seines Rosses und trabte frisch voran.
Die Nacht war angenehm, zum Schwärmen reizend, einladend zum Vollgenus reinerer Empfindungen. Der Graf gieng mit starken Schritten vorwärts, schwärmte, genoß. Er war noch keine Viertelstunde gegangen, als ihn eine weibliche Stimme, welche durch die tiefe Stille der Mitternacht seitwärts ertönte, vom Wege ablokte.
Meine Leser, wenn Sie hier ein gewöhnliches Waldabentheuer erwarten; so täuschen Sie sich. Es geschah etwas sehr natürliches, was nur in Florentins Augen den Anstrich des Wunderbaren trug.
Florentin gehörte eben nicht zu der Gattung neugieriger Lauscher, welche das Sumsen einer Mükke aufmerksam macht. Es hätte vielleicht für ihn in jeder andern Seelenstimmung die Weibesstimme süs oder sauer tönen mögen, sie hätte ihn nicht von seinem Wege abgebannt, — aber jezt. — Doch um die Ursachen recht einzusehn, welche ihn reizten den Fußsteig zu verlassen, müssen wir sein unmittelbar vorhergehendes Gedankenspiel wissen.
Die Nacht, wie man weis, war schön;
Ein wunderbar Gemisch von Licht und Schatten
Verherrlichte den Wald mit unbekannter Pracht.
Auf jedem Zweige sahe man die Nacht
Sich mit des Mondes reinstem Silber gatten.
Verworren schliefen Hain und Hügel in der Tracht
Des alten Chaos — Edens Nächte hatten
Nicht solchen Reiz gesehn, und solcher Augenlust
Sind sich die Heilgen kaum im Paradies bewußt.
Florentin knüpfte an das Bild dieser Nacht das Bild aller ehmals im Vaterlande genossenen schönen Nächte; natürlich spielte in diesen auch Louise eine hervorstrahlende Rolle, und, was noch natürlicher war, die Schönheit der nächtlichen Natur wurde in eben dem Augenblikke über die Schönheit der angebeteten Auserwählten gänzlich vergessen.
Nun schwamm ihm nur das magische Gebild
Louisens vor der Stirne;
Ihm malt der Bach, der von dem Felsen quillt
In Silberringen seine Dirne.