Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Doppelte Anführungszeichen wurden im Original in drei verschiedenen Varianten verwendet: „so“, »so« und “so”; je nach Zusammenhang. Diese Varianten wurden auch in der vorligenden elektronischen Version beibehalten. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels bzw. an das Ende des betreffenden Briefes von Helen Keller verschoben.
Zur Fußnote [11]:
Bei der hier zitierten Übersetzung eines Auszuges aus Goethes ‚Faust‘ handelt es sich sehr wahrscheinlich um die klassische Übertragung von Bayard Taylor (1870/71). Insbesondere bei den letzten beiden Versen scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln (Im vorliegenden Buch: ‘The Woman Soul leads usupwar don, and’; in einem Vers). Diese Passage wurde an Taylors Übersetzung angeglichen:
‘The Woman-Soul leadeth us
Upward and on!’
Die Gegenüberstellungen von Briefen Helen Kellers mit einem Gedicht von Oliver Wendell Holmes[A] bzw. mit einem Märchen von Margaret T. Canby[B] wurden im Original in zwei Spalten gedruckt. Mit Rücksicht auf kleinere Bildschirmgrößen werden diese Vergleiche jeweils nacheinander dargestellt.
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Memoirenbibliothek
Zweite Reihe Band 6
Die Geschichte meines Lebens
Von Helen Keller
Die
Geschichte meines Lebens
Von Helen Keller
Mit einem Geleitwort von Felix Holländer
Autorisierte Übersetzung von Paul Seeliger
Achtundfünfzigste Auflage
Verlag von Robert Lutz in Stuttgart
1921
Druck der Chr. Belserschen Buchdruckerei, Stuttgart.
(Als Studentin)
Widmung
(Verkl. Faksimile)
Eine neue Helen Keller-Stiftung für deutsche Blinde, Taube, Stumme.
Herrn Robert Lutz, Verlagsbuchhandlung,
Stuttgart.
Meinen Ihnen unterm 11. November 1916 gegegebenen Auftrag, alle meine Einkünfte (royalties) aus der deutschen Ausgabe meiner Schriften bis zum Ende des Jahres, in dem der Friedenszustand wiederhergestellt wird, den deutschen Kriegsblinden zuzuwenden, möchte ich erweitern. Ich bestimme daher, daß fortan alle die genannten Einkünfte von Ihnen oder Ihren Rechtsnachfolgern den deutschen Blinden, nächstdem auch den Tauben und Stummen zugewiesen werden sollen, in erster Linie solchen Deutschen, die durch den Krieg das Augenlicht, die Sprache oder das Gehör verloren haben. Ihnen und Ihren Rechtsnachfolgern steht es frei, welchen Einzelpersonen, Gesellschaften oder Organisationen Sie die Gelder überweisen wollen, sofern nur der Zweck meiner Stiftung erreicht wird.
Der Verzicht auf meine Einkünfte in dem ausgeführten Sinne ist zeitlich nicht begrenzt, sondern endgültig.
New York, den 10. Januar 1920.
(Gez.) Helen Keller.
Helen Kellers Bücher:
Die Geschichte meines Lebens. Mit Bildern. 55. Auflage. Optimismus, ein Glaubensbekenntnis. 42. Auflage. Meine Welt. 22. Auflage. Dunkelheit. 13. Auflage. Briefe meiner Werdezeit. 7. Auflage. Wie ich Sozialistin wurde. Neue Auflage in Vorbereitung.
(Verlag von Robert Lutz in Stuttgart).
Geleitwort
Die Lebensgeschichte Helen Kellers ist ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes. Es tut nicht not, ihr Charakterbild neben das Napoleons zu rücken, wie es ihr Landsmann Mark Twain getan hat, um der Bewunderung für ihre einzigartige Leistung Ausdruck zu geben. Sie ist neunzehn Monate alt, als sie infolge einer schweren Krankheit, in der die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten, ihre Sprache, ihr Gehör und ihr Gesicht verliert. Bis zu ihrem siebenten Jahre lebt sie in einem tierähnlichen Zustande. Die ihr gebliebenen Sinne Geruch, Geschmack, Gefühl, geben ihr die Möglichkeit, sich bei ihren nächsten Angehörigen durch dunkle Zeichen und Gesten verständlich zu machen. Sie hängt entweder an dem Kleide der Mutter oder sie sitzt beständig auf dem Schoße der unglücklichen Frau, die den Jammer ihres Kindes gleich dem Gatten durch eine grenzenlose Liebe zu mildern sucht.
Wer kennt nicht jene rührende Angst junger Mütter vor der Geburt ihres ersten Kindes?... Immer wieder taucht im tiefsten Innern die Frage auf, wird das kleine Wesen auch mit heilen Gliedern zur Welt kommen — wird es sehen — wird es hören?
Helen Keller wurde als ein kräftiges Kind geboren, das vor Gesundheit strotzte, bevor das Unglück über sie hereinbrach. Was mag damals in der Seele ihrer Eltern vorgegangen sein, als sie nach dem Ausspruch der Aerzte der ganzen Schicksalsschwere sich bewußt wurden! Wer würde es nicht begreifen, wenn bei dem erschütternden Anblick ihres Kindes unaussprechbare Gebete in ihnen wuchsen, wenn der dunkle Wunsch in ihnen aufstieg, Gott möchte dieses arme Kind, dessen Gegenwart voll Gram war, und in dessen Zukunft nicht ein Schimmer Glücks dringen würde, zu sich nehmen. Und wenn Helen das ganze Haus tyrannisierte, unartikulierte Laute ausstieß und wie eine Wilde sich gebärdete, sobald man nicht ihren Willen tat — wer möchte sich dann wundern, wenn Vater und Mutter in dumpfer Resignation alles über sich ergehen ließen? Helen zählt sieben Jahre drei Monate, als in ihr Leben die große Wendung tritt.
In diesem Alter haben die Menschen mittels des Ohres und des Auges das Meiste von dem errafft, was den Inhalt ihres ganzen Lebens ausmacht. Denn was wir später durch Erziehung, Schule und Selbstbetätigung erreichen, ist im Verhältnis zu den Schätzen, die wir in diesen ersten Jahren unseres Daseins mühelos aufheben, winzig und unbeträchtlich. Die urangeborene Genialität des Menschen kommt in seinen Kinderjahren zu einem großartigen Ausdruck. In dieser unserer Kindheit leben wir in einem Zustand, für den die Bibel den Ausdruck paradiesisch gefunden hat. Selbst das ärmste Kind, dem häusliches Unglück seine Jugend stiehlt, hat noch teil an den Freuden, die ihm seine unbewußte Erkenntnis aufschließt. In der Stunde beginnt erst der Ernst und die Qual des Lebens, wo in unser bisher unbewußtes Lernen System kommt, wo fremde Menschen auf unsere Verstandeskräfte pochen, und wo wir unter ihrem Zwang und ihrer Leitung wissend werden.
Und auch hier erweist sich noch einmal das schier Wunderbare und Unfaßliche unserer geistigen Veranlagung. Wenn wir vorher im wörtlichsten Sinne des Wortes spielend das Sprechen lernten — so ergibt sich als zweites Phänomen unserer Entwicklung, daß wir auf Grund unserer Sprachkenntnis in einer Frist, die zu dem Resultat in gar keinem Verhältnis steht, die Fähigkeit des Lesens erlangen.
Beinahe achtlos und ohne Ehrfurcht geht der Mensch an solchen Wundern vorüber. Nur junge Mütter strahlen vor Glück und Stolz, wenn ihr Kind die ersten Worte hervorbringt, weil die in ihrem Instinkt die Größe des Augenblicks empfinden. Sie ahnen, daß die kleine Seele ihre zarten Schwingen hebt, daß dunkle Hüllen fallen — daß wie mit einem Schlage das geistige Wachstum deutlich erkennbar einsetzt. Von alledem war Helen Keller ausgeschlossen bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wo ihre Lehrerin Anne Mansfield Sullivan ihr väterliches Haus betrat. Die Nacht hatte ihre schwarzen Flügel um sie gebreitet — und es schien, als ob undurchdringliche Finsternis wie ein böser Zauber für immer auf ihrer Seele lasten sollte.
Wen soll man mehr bewundern, — das taubstumme und blinde Geschöpf, das durch eine Energie, die beispiellos ist, sich zu dem höchsten Wissen durchringt, oder ihre Lehrerin, deren Opfermut, Geduld und Güte Licht in das Dunkel dieses ausgestoßenen Menschen bringt? Beide betrachten ihre Begegnung als den unerhörten Glücksfall ihres Lebens. Und beider Existenz könnte den Ungläubigen gläubig machen und mit Gott aussöhnen. Jene Philosophen, die Beweise für das Dasein Gottes suchen, brauchten sich nur auf diese beiden Geschöpfe zu berufen, um ihre Arbeit als getan anzusehen.
Anne Sullivan unterrichtet Helen, als ob sie ein normales Kind wäre. Sie tritt ihr mit unerbittlicher Strenge entgegen, nachdem ihre Versuche, das unbändige Kind durch Güte zu erziehen, kläglich gescheitert sind. Sie nötigt die Eltern, Helen ein paar Wochen mit ihr ganz allein zu lassen, und diese Zeit benutzt sie, um dem verzogenen kleinen Mädchen durch ihre körperliche Ueberlegenheit fühlbar zu machen, daß ihr stärkerer Wille jeden Eigensinn zu brechen vermag. Erst als Helen diese Erkenntnis aufgezwungen und ins Blut gegangen ist, beginnt die geistige Arbeit.
Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen.
Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt? Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin, und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen die Pforten der Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den Geruchssinn ermöglicht wurden.
Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen — und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich, in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die Hand buchstabiert worden waren.
Erinnerung — durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären, das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“
Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die: Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt: So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das Wort »süß« in die Hand, — so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte.
Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja das Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin.
Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als sehen.“
Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis gelingen würde.
Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen. Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.“
Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und außergewöhnlicher Kultur — aber niemals verblüffen sie durch eine besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns — nicht aber ein origineller Geist, der neue Werte prägt.
Trotzdem sind wir hingerissen von diesem Phänomen, das uns zum Glauben und zur Andacht zwingt.
Ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes ist dieses Buch. Und wenn Helen Keller selbst schwerlich den Anspruch erhebt, zu den führenden Geistern gerechnet zu werden — so ist doch ihr Dasein selbst ein Beweis für die Genialität des Menschen überhaupt. Es sollte die nachdenklich und ehrfürchtig stimmen, die das kostbarste Material, das Mutter Natur geschaffen hat, mißachten und mißhandeln.
Felix Holländer.
Zur gefl. Beachtung: Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen Helen Kellers wird es sich empfehlen, zuerst den Anhang einer kurzen Durchsicht zu unterziehen. — Die manchmal etwas ungewöhnliche Ausdrucksweise der Verfasserin wurde in der Uebersetzung beibehalten.
Inhalt.
Seite | |
VorwortvonFelixHolländer | |
[Erster Teil.] | |
Erstes Kapitel. | |
Schwierige Aufgabe. — Familie. — Ivy Green. — Garten. — Geburt. — Taufe. — Erste Sprech- und Gehversuche. — Erkrankung. — Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. — Verworrene Erinnerung an die ersten Gesichtseindrücke | |
Zweites Kapitel. | |
Die ersten Monate nach der Krankheit. — Verständigungsversuche durch Gebärdensprache. — Betätigung im Haushalt. — Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. — Erkenntnis der Unterscheidung von anderen. — Heftigkeit. — Eigenwilligkeit und Herrschsucht. — Früheste Erinnerungen. — Umzug. — Familienleben. — Tod des Vaters im Jahre 1896. — Eifersucht | |
Drittes Kapitel. | |
Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. — Laura Bridgman und Dr. Howe. — Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. — Besuch bei Alex. Graham Bell. — Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin | |
Viertes Kapitel. | |
Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. — Bange Erwartung. — Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. — Szene am Brunnen. — Enthüllung des Geheimnisses der Sprache | |
Fünftes Kapitel. | |
Allmähliches Erwachen der Seele. — Unterricht im Freien. — Freude an der Natur. — Schrecken der Natur. — Gewitter. — Schönheit des Mimosenbaumes | |
Sechstes Kapitel. | |
Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. — Wißbegierde. — Unterredung über Liebe. — Kennenlernen abstrakter Begriffe. — Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde | |
Siebentes Kapitel. | |
Erster Leseunterricht. — Anfangs keine regelmäßigen Unterrichtstunden. — Erziehung zum Naturgenuß. — Wald, Garten. — Kellers Landungsplatz. — Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik. — Fossilien. — Leicht faßliche Unterrichtsmethode. — Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan | |
Achtes Kapitel. | |
Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. — Ratespiel. — Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. — Freude über die Weihnachtsgeschenke | |
Neuntes Kapitel. | |
Reise nach Boston. — Zusammentreffen mit den blinden Kindern. — Bunker Hill. — Plymouth. — Pilgerfelsen. — Herr William Endicott | |
Zehntes Kapitel. | |
Ferienaufenthalt in Brewster. — Die See. — Erstes Seebad. — Eindruck der Brandung. — Der erste Taschenkrebs | |
Elftes Kapitel. | |
Rückkehr nach Tuscumbia. — Fern Quarry. — Jagden. — Pony »Black Beauty«. — In Lebensgefahr | |
Zwölftes Kapitel. | |
Besuch im Norden. — Wintervergnügungen | |
Dreizehntes Kapitel. | |
Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. — Ragnhild Kaata. — Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. — Freude über den Erfolg. — Ablesen von den Lippen mittels der Finger. — Gebrauch des Fingeralphabets | |
Vierzehntes Kapitel. | |
Die Frostkönig-Episode. — Betrachtungen über Schriftstellerei | |
Fünfzehntes Kapitel. | |
Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. — Zweifel und Unruhe. — Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago | |
Sechzehntes Kapitel. | |
Geschichtsstudium. — Studium der französischen Sprache, Lafontaine, Molière, Racine. — Vervollkommnung der Lautsprache. — Latein. — Lektüre von Cäsars »Gallischem Kriege« | |
Siebzehntes Kapitel. | |
Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). — Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. — Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. — Lektüre von »Wilhelm Tell« und »Le médecin malgré lui«. — Zentralpark in New York. — Ausflüge in die Umgebung der Stadt | |
Achtzehntes Kapitel. | |
Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung für das Radcliffe College. — Wunsch, eine Universität zu besuchen. — Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. — Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. Shakespeare, Burke, Macaulay. — Zusammensein mit sehenden und hörenden Altersgenossinnen. — Mildreds Aufnahme in die Schule. — Prüfungen | |
Neunzehntes Kapitel. | |
Beginn des zweiten Schuljahres. — Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch, Latein. — Anfälle von Kleinmut. — Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. — Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). — Schlußprüfung für das Radcliffe College (Juni 1899) | |
Zwanzigstes Kapitel. | |
Eintritt in das Radcliffe College. — Anfängliche Begeisterung und teilweise Enttäuschung. — Uebelstände des Universitätsstudiums. — Erstes Studienjahr. — Französisch, Deutsch, englische Stillehre, englische Literatur. — Besuch der Vorlesungen. — Schreibmaschine. — Stunden des Unmuts. — Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der Philosophie. — Verknöcherung des Universitätswesens. — Pein der Prüfungen. — Enttäuschung | |
Einundzwanzigstes Kapitel. | |
Bücherstudium. — Rückblick. — Bibliothek in Boston. — Heißhunger auf Bücher. — »Little Lord Fauntleroy«. — Lafontaines Fabeln. — Begeisterung für das griechische Altertum. — Ilias. — Aeneis. — Bibel. — Shakespeare. Macbeth, König Lear. — Geschichte. — Deutsche Literatur. — Französische Literatur. — Mark Twain. — Scott | |
Zweiundzwanzigstes Kapitel. | |
Liebe zur Natur. — Körperliche Uebungen. — Rudern. — Segeln. — Halifax. — Regatta. — Sturm. — Aufenthalt in Wrentham. — Weltbegebenheiten. — Krieg mit Spanien. — Soziale Kämpfe. — Unterschied zwischen Stadt und Land. — Soziales Mitgefühl. — Spaziergänge. — Radfahren. — Liebe zu Hunden. — Dame- und Schachspiel. — Liebe zu Kindern. — Museen und Kunstsammlungen. — Theaterbesuch. — Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung | |
Dreiundzwanzigstes Kapitel. | |
Beglückendes Gefühl der Freundschaft. — Bischof Brooks. — Kein Verlangen nach dem Jenseits. — Henry Drummond. — Dr. Oliver Wendell Holmes. — Whittier. — Dr. Edward Everett Hale. — Dr. Alexander Graham Bell. — Charles Dudley Werner. — Mark Twain u. a. — Schlußwort | |
[Zweiter Teil.] | |
Erste Schreibversuche. — Zwei Briefe an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut. — Brief an Herrn Anagnos mit der Schilderung eines Picknicks im Walde. — Brief an Onkel Morrie über den Ausflug nach Plymouth. — Brief an Herrn Anagnos mit einigen französischen und griechischen Redensarten. — Brief an Tante Eveline Keller mit Uebersetzungen von griechischen, französischen, lateinischen und deutschen Redensarten und Wörtern. — Brief mit astronomischen Angaben. — Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. — Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. — Brief an Fräulein Sullivan. — Brief an Whittier. — Brief an Dr. Holmes. — Brief an Fräulein Sarah Fuller. — Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. — Brief über Tommy Stringer. — Brief über die Reise nach dem Niagarafall. — Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago. — Brief über ein Zusammentreffen mit Mark Twain. — Brief über den Besuch des Bostoner Museums. — Brief über den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat. — Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. — Brief an Dr. Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier | |
Die Abfassung des Buches. | |
Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten Manuskriptes. — Braillekopie. — Revision mit Hilfe Fräulein Sullivans | |
Helen Kellers Persönlichkeit. | |
Körperliche Erscheinung. — Lebhafte Gestikulation. — Personengedächtnis. — Vorliebe für Humor. — Hartnäckigkeit im Verfolgen ihrer Ziele. — Keckheit. — Ungeeignet für psychologische Experimente. — Liebe zur Geselligkeit. — Verständnis für Musik. — Interesse für die Tagesereignisse. — Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. — Gefühlssinn nicht besonders fein entwickelt. — Verständnis für Plastik. — Wenig Orientierungssinn. — Benutzung der Schreibmaschine. — Fingeralpbabet. — Hochdruck und Braillesystem. — Geruchssinn. — »Sechster Sinn«. — Zeitsinn. — Eigenartige Uhren. — Gesunde Auffassung der Dinge. — Sittliche Reinheit. — Abneigung gegen Tragödien. — Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. — Mangel an Eitelkeit. — Beschäftigung mit Politik | |
Helen Kellers Bildungsgang. | |
Dr. Howe und Laura Bridgman. — Helen Keller kein Objekt für psychologische Beobachtungen. — Unwahre und übertragene Berichte über ihre Fortschritte. — Fräulein Sullivans Persönlichkeit. — Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. — Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans Methode | |
Helen Kellers Sprache. | |
Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache. — Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. — Ansprache Helens in Mt. Airy bei Philadelphia | |
Helen Keller als Schriftstellerin. | |
Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. — Gute Lektüre. — Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. — Fräulein Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. — Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens. — Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. — Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. — Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben | |
Verzeichnis der Bilder. | ||
Helen Keller als Studentin | ||
Ivy Green | Seite | |
Helen Keller und Fräulein Sullivan | „ | |
Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor | „ | |
Helen Keller, Fräulein Sullivan und Schauspieler Jefferson | „ | |
Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette | „ | |
Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers | „ | |
Helen Keller bei der Lektüre | „ | |
Erster Teil
Die Geschichte meines Lebens
Erstes Kapitel.
Schwierige Aufgabe. — Familie. — Ivy Green. — Garten. — Geburt. — Taufe. — Erste Sprech- und Gehversuche. — Erkrankung. — Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. — Verworrene Erinnerung an die ersten Gesichtseindrücke.
Nur mit einem gewissen Zagen beginne ich die Geschichte meines Lebens zu schreiben. Ich empfinde eine Art abergläubischer Furcht davor, den Schleier zu lüften, der wie ein goldener Nebel über meiner Kindheit ausgebreitet liegt. Die Aufgabe, eine Selbstbiographie zu verfassen, gehört zu den schwierigsten, die man sich überhaupt stellen kann. Wenn ich versuche, meine ersten Eindrücke zu ordnen, so finde ich, daß Wahrheit und Dichtung, über die Jahre hinweg betrachtet, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Die reife Frau schildert die Erfahrungen des Kindes, wie sich diese in ihrer eigenen Phantasie darstellen. Ein paar Eindrücke aus meinen ersten Lebensjahren stehen lebendig vor meiner Seele, doch „alles andre deckt der Kerkerschatte“. Auch haben viele der Freuden und Leiden der Kindheit ihren Reiz und ihren Stachel verloren, und zahlreiche Ereignisse, die bei Beginn meiner Erziehung von entscheidender Bedeutung gewesen sind, habe ich in der Erregung über meine weiteren Fortschritte vergessen. Um daher den Leser nicht zu ermüden, will ich in einer Reihe von Skizzen nur die Episoden zu schildern versuchen, die mir am interessantesten und wichtigsten erscheinen.
Ich wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im nördlichen Alabama, geboren.
Die Familie meines Vaters stammt von Kaspar Keller ab, einem geborenen Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer meiner Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Taubstumme in Zürich und hat ein Buch über deren Erziehung geschrieben — gewiß ein seltsames Zusammentreffen, obgleich es wahr ist, daß es keinen König gibt, unter dessen Vorfahren sich nicht ein Sklave befunden hat, und keinen Sklaven, in dessen Adern nicht auch Königsblut rollt.
Mein Großvater, Kaspar Kellers Sohn, erhielt große Ländereien in Alabama zugewiesen und siedelte sich schließlich hier an. Ich habe mir erzählen lassen, daß er alljährlich einmal von Tuscumbia nach Philadelphia ritt, um die Bedürfnisse für seinen Grundbesitz einzukaufen, und meine Tante verwahrt noch viele von den Briefen an seine Familie, die anziehende und lebhafte Reiseschilderungen enthalten.
Meine Großmutter Keller war die Tochter Alexander Moores, eines Adjutanten Lafayettes, und Enkelin Alexander Spotswoods, eines früheren Kolonialgouverneurs von Virginia. Auch war sie im zweiten Gliede mit Robert E. Lee verwandt.
Mein Vater, Arthur H. Keller, war Hauptmann in der konföderierten Armee gewesen, und meine Mutter, Kate Adami, war seine zweite Gattin und viele Jahre jünger.
Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich mit meiner Mutter verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt wurde.
Ivy Green
Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit.
Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren, selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der Morgenfrühe fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes glichen.
Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab ihren Namen als Helen Adams an.
Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde, soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben. Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter von sechs Monaten konnte ich How d’ ye[1] piepsen, und eines Tages zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz deutlich Tea, tea, tea! sagte. Selbst nach meiner Krankheit erinnerte ich mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten sechs Monaten gelernt hatte. Es war das Wort water, und ich fuhr fort, einen Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem ich die ganze übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den Laut wah-wah auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren gelernt hatte.
Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße, als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf, gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm nehme.
Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung. Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte.
Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit. Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der entsetzlichen Angst, mit der ich nach einem unruhigen Halbschlummer erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte, bis sie kam — meine Lehrerin —, die meinen Geist befreite. Aber während der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen Schimmer von breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen und Blumen erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz verlöschen konnte. Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und was der Tag gezeigt hat“.
[1] How do you do = wie geht es Ihnen?
Zweites Kapitel.
Die ersten Monate nach der Krankheit. — Verständigungsversuche durch Gebärdensprache. — Betätigung im Haushalt. — Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. — Erkenntnis der Unterscheidung von anderen. — Heftigkeit. — Eigenwilligkeit und Herrschsucht. — Früheste Erinnerungen. — Umzug. — Familienleben. — Tod des Vaters im Jahre 1896. — Eifersucht.
Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm« und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung, die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen, als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte.
Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte regelmäßig, mitgehen zu dürfen.
Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf, ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel, wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten bis auf die Schultern fiel, und band eine riesige Schleife um meine schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.
Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten, und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig — natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war.
Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß, und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich bekam, was ich wünschte.
Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington, die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und folgte stets nur meinem eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns, rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen ist.
Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne fallen und die Eier zerschlagen.
Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen, während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen.
Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir stets großes Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging, aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,[2] weil die anderen es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf.
Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere war blind — ich war es —, das ältere war Martha Washington. Wir waren mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn sie gleiches mit gleichem vergelte, die Schere und schnitt mir eine meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre.
Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht, was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf, dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte.
Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis, vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller hervortreten.
Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug, ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei, das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer. Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden davongetragen.
Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein, in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen; kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen — zu meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum Vorschein.
Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen, weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde, während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des Rätsels Lösung. Dann erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.
Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr. Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus, denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren. Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an allem, was mir Vergnügen machte.
Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte.
Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz — meine erste persönliche Bekanntschaft mit dem Tode. —
In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie sprechen.
Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter einziger Liebling zu sein, und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war, und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen Schimpf gesellte.
Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe, der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien, ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte. Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher, daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen. Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war, schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten, wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte.
[2] In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten ihre Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle.
Drittes Kapitel.
Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. — Laura Bridgman und Dr. Howe. — Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. — Besuch bei Alex. Graham Bell. — Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin.
Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich kämpfte — nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme, zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können. Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen sogar allstündlich erfolgten.
Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’ »Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman gelesen und entsann sich undeutlich, daß diese taubstumm und blind gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß Dr. Howe, der Mittel und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten, seit mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen Nutzen von ihnen haben konnte?
Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu, mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine Augen tun ließe.
Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.
Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase, Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel. Ich suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen, und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.
Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns Dr. Chisholm mit großer Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an Dr. Alexander Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach Washington weiter, um Dr. Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer und Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz hatte und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen fand. In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle, gütige Wesen, mit dem sich Dr. Bell so vieler Herzen gewann, wie er durch seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er hielt mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er für mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß diese Unterredung das Tor sein sollte, durch das ich schließlich aus der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.
Dr. Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem Dr. Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei ihm anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein, mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden März an.
So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.
Viertes Kapitel.
Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. — Bange Erwartung. — Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. — Szene am Brunnen. — Enthüllung des Geheimnisses der Sprache.
Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens entsinnen kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne Mansfield Sullivan, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten Geburtstage.
Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei mir zurückgelassen.
Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine, und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad.
Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr als dies bedeutete, mich zu lieben.
Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan langsam das Wort d–o–l–l in meine Hand. Dieses Fingerspiel interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab; ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine große Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen pin, hat, cup und ein paar Verben wie sit, stand und walk. Aber meine Lehrerin weilte schon mehrere Wochen bei mir, ehe ich begriff, daß jedes Ding seine Bezeichnung habe.
Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir Fräulein Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß, buchstabierte d–o–l–l und suchte mir verständlich zu machen, daß sich d–o–l–l auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir ein Renkontre über die Wörter m–u–g und w–a–t–e–r gehabt. Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß m–u–g mug und daß w–a–t–e–r water sei, aber ich blieb beharrlich dabei, beides zu verwechseln. Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen fallen gelassen, aber nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen. Bei ihren wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig, ergriff die neue Puppe und schleuderte sie zu Boden. Ich empfand eine lebhafte Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe zu meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war. Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich vor Freude springen und hüpfen.
Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des ihn umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und meine Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle Strom über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir in die andere das Wort water, zuerst langsam, dann schnell. Ich stand still, mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer Finger verfolgend. Mit einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft verschwommene Erinnerung an etwas Vergessenes, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens, und einigermaßen offen lag das Geheimnis der Sprache vor mir. Ich wußte jetzt, daß water jenes wundervolle kühle Etwas bedeutete, das über meine Hand hinströmte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren Fesseln! Zwar waren ihr immer noch Schranken gesetzt, aber Schranken, die mit der Zeit hinweggeräumt werden konnten.[3]
Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken. Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte, betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe, die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte, und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.
Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich erinnere mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß mother, father, sister, teacher unter ihnen waren — Wörter, die die Welt für mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit Blumen.“ Es dürfte schwer gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich zu finden, als ich am Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem Bettchen lag und der Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden waren, und zum ersten Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen.
[3] Vgl. Fräulein Sullivans [Brief S. 224 ff.]
Fünftes Kapitel.
Allmähliches Erwachen der Seele. — Unterricht im Freien. — Freude an der Natur. — Schrecken der Natur. — Gewitter. — Schönheit des Mimosenbaumes.
Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und ihre Bezeichnungen und ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.
Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken. Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte Gefährten seien“.
Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen, aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum, daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen. Ich versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es zu holen.
Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen, weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch, der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein, abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche, das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.
Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde, hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen, herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas Neues gelernt — daß die Natur in offenem Kriege mit ihren Kindern liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren heimtückischen Klauen hüten soll.
Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen. Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war, als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine, und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer Zeit hier angelegt hatte, sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll herrlicher Gedanken und glänzender Träume.
Sechstes Kapitel.
Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. — Wißbegierde. — Unterredung über Liebe. — Kennenlernen abstrakter Begriffe. — Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.
Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.
Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach, sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein Bild wieder, das eine frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.
Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies, als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.
Was ist Liebe? fragte ich.
Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.
Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der Blumen?
Nein, erwiderte meine Lehrerin.
Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen. Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam: Ist dies nicht Liebe?
Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen konnte.
Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in regelmäßigen Gruppen auf — zwei große, drei kleine und so weiter. Ich hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit liebevoller Geduld immer und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge, und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und buchstabierte mit großem Nachdruck: Think!
Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war, der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte Vorstellung eines abstrakten Begriffs.
Eine lange Zeit saß ich still da — ich dachte nicht über die Perlen in meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen Glanze hervor.
Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?
Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen, bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.
Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste — ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele und den Seelen anderer hinzogen.
Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan es sich zum Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich die passende Antwort nicht finden konnte.
Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger, ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.
Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste Wesen dessen, was jemand sagt.
Siebentes Kapitel.
Erster Leseunterricht. — Anfangs keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. — Erziehung zum Naturgenuß. — Wald, Garten. — Kellers Landungsplatz. — Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik. — Fossilien. — Leicht faßliche Unterrichtsmethode. — Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan.
Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich lesen lernte.
Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete. Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte, pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die Streifen mit den Wörtern doll, is, on, bed und legte jedes Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte ich meine Puppe ins Bett und neben sie die Wörter is, on, bed, indem ich so einen Satz aus den Wörtern bildete und zu gleicher Zeit den Inhalt des Satzes mit Hilfe der Gegenstände selbst darstellte.
Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später erzählte, das Wort girl an meine Schürze und stellte mich in den Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter is, in, wardrobe an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie dieses Spiel. Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde jeder Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze verwandt.
Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter, die ich kannte; fand ich solche, so war meine Freude der beim Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche ich später.
Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit. Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik, schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine meiner liebsten Erinnerungen.
Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen, um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie gesagt hatte.
Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des Waldes — den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte alles, was da summen, brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung — quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das unwillige Schnauben meines Ponys, — wenn wir ihn auf der Weide einfingen und ihm das Gebiß anlegten — ach, wie genau erinnere ich mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!
Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen. Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.
Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen, tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar, und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!
Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie. Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte, erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären tatsächlich auf den Nordpol klettern.
Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte, und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind, lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld, mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den Rest des Tages beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.
In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.
Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine Fossiliensammlung — kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen. Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge meines kleinen Ponys angefüllt war.
Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen kennen gelernt hatte — wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben —, las mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir, wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu Gedankenperlen.
Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.
Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem Anschein nach mehr tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen, das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin- und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.
So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines, begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie entfaltete und entwickelte. Als sie kam, atmete alles rings um mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.
Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern, wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten, da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum tiefen Flusse erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.
Helen Keller und Fräulein Sullivan
Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen, aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt, sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der Lehrbücher hindurchzubahnen.
Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle, vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk — es gibt keine Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.
Achtes Kapitel.
Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. — Ratespiel. — Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. — Freude über die Weihnachtsgeschenke.
Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen machte, war, daß Fräulein Sullivan und ich Ueberraschungen für alle übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.
Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war, überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte, nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir, die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die, welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig bis morgen zu lassen.
In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte, lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es, die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“ aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe, sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit keine Grenzen.
Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an seinen Schaukelring.
Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht wiedersehen würde.
Neuntes Kapitel.
Reise nach Boston. — Zusammentreffen mit den blinden Kindern. — Bunker Hill. — Plymouth. — Pilgerfelsen. — Herr William Endicott.
Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses, reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles, was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy, in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir einredete, sie schlafe.
Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen gezwungen hatte, obwohl sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll ansahen.
Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“ war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.
Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann. Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten, gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt, daß, da sie hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.
Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende der Schöpfung.
Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier auf den Feind dort unten geschossen hätten.
Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen, weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die Pilger gelandet waren,[4] interessierte mich mehr als alles übrige in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht war dies der Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse, den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren Geschichte der Pilger wußte.
Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.
Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir von den großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.
[4] „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im Jahre 1620 in Plymouth landeten.
Zehntes Kapitel.
Ferienaufenthalt in Brewster. — Die See. — Erstes Seebad. — Eindruck der Brandung. — Der erste Taschenkrebs.
Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.
Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.
Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen einen Felsen, und im nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt. Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich! Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich schien von allem — von Leben, Luft, Wärme, Liebe — durch dieses unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein. Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können, fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?
Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.
Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen, frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen. Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht gelungen, in das Meer zurückzukehren.
Elftes Kapitel.
Rückkehr nach Tuscumbia. — Fern Quarry. — Jagden. — Bony »Black Beauty«. — In Lebensgefahr.
Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein. Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke. Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still; mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da! es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein Rosenstrauch.
Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere, in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch, hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten. Der übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang — ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte. Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der Erde emporstieg.
Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil des Tages zu — hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.
Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden auf Hühner, Fische und allerlei Wild — wie viele wilde Enten und Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung war, daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten. Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.
Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg. Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten, laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und Hallorufen“.
Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.
Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt, die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen — und kein Stück Jagdbeute! Jedermann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten — beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe beinahe ein Kaninchen gesehen — denn er sah dessen Fährte. Die Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.
Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn. Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu. Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.
An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte, die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.
Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse — der großen, süßen Walnüsse.
Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.
Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.
Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den heißen Dampf der Lokomotive in meinem Gesicht, und der Rauch und die Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen. Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise. Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.
Zwölftes Kapitel.
Besuch im Norden. — Wintervergnügungen.
Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten einer Schneelandschaft kennen zu lernen.
Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam, war der Tag
Trüb und kalt,
Als seien ihre Adern saftlos und alt;
Die Sonne erhob sich matt und schwer
Und warf einen müden Blick über Land und Meer.
Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen verwandelt.
Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht, keine einzige Landmarke war mehr sichtbar — ringsum eine Schneewüste mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.
Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum, erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter; dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft hinraste.
Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite, wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.
Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war so scharf, daß meine Wangen wie Feuer brannten. Bald die gebahnten Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.
Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte. Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.
Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren. Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt. Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen, flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer. Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns göttergleich!
Dreizehntes Kapitel.
Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. — Ragnhild Kaata. — Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. — Freude über den Erfolg. — Ablesen von den Lippen mittels der Finger. — Gebrauch des Fingeralphabets.
Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.[5] Ich hatte stets ein starkes Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte, während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen, wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier, wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab jedoch ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte, nämlich water. Ich sprach es wa–wa aus. Selbst dieses wurde immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu gebrauchen, als ich gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.
Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr, daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels, der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen sollte — ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.
Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen, die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata, einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich dazu, mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.
Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht über ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, ihr jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich sechs Elemente der Sprache erlernt: m, p, a, s, t, i. Fräulein Fuller erteilte mir im ganzen elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das Erstaunen und die Freude vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen ersten zusammenhängenden Satz aussprach: It is warm. Es waren ja nur abgerissene und gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache. Meine Seele, die sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von der Knechtschaft erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole den Zugang zu aller Erkenntnis und allem Glauben.
Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte auszusprechen, die es nie gehört hat — um aus dem Kerker des Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang, keine Musik je die Stille unterbricht — kann den Schauer des Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten, als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge, zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können, die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.
Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit wirklich sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt. Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden. Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität, ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte, dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.
Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung. Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner Bemühungen vor Augen.
„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden, wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.
Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen, zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen. Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch, beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine bewußte Handlung als das Schreiben.
Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
[5] Vergl. Helens [Brief S. 161 ff.] und Fräulein Sullivans [Bericht S. 311 ff.]
Vierzehntes Kapitel.
Die Frostkönig-Episode. — Betrachtungen über Schriftstellerei.
Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.
Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen und Ohren anderer zugehen.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.
Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.
Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der ursprünglich »Herbstlaub« (Autumn Leaves) lautete, in »Der Frostkönig« (The Frost King) umzuändern, was ich denn auch tat. Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben würde.
Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (The Frost Fairies) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (Birdie and His Friends) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, und daß das meinige — ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (The Freaks of the Frost), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit benutzt hatte.
Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie möglich zu machen.
Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer machte!
Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den »Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.
Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht, daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.
Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.
Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit Dr. Alexander Grahams Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich unter diesen befunden hätte.
Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am wenigsten ich selbst.
Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den »Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte, daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.
Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das viele aufrichten und erheben wird. — Aber diese Prophezeiung ist nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, aufgegeben haben.
Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist schön genug, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten — ein Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.
Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage. In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen, die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte, Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch. Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten wiederzugeben.
Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte, wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben erst nach jahrelanger Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige Ordnung zu bringen.“
Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin. Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese, das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk bestand aus allerlei Fetzen und Lappen — hübschen Stückchen Seide und Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen, untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen — halb Empfindungen, halb Gedanken — zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung zuzugeben.
„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine Kreise störe.
So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn Anagnos, zur Folge hatte.
Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im Ladies’ Home Journal hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert, er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig« abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht, Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben.
Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben, daß Fräulein Sullivan und ich unschuldig seien. Dann änderte er offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht. Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.
Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt, da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.
[6] Vergl. [S. 323 ff.]