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Der Rangierbahnhof


Von Helene Böhlau erschienen folgende Werke:

Im Verlage von Egon Fleischel & Co., Berlin: Der Rangierbahnhof. Roman / Das Recht der Mutter. Roman / Schlimme Flitterwochen. Novellen / Halbtier. Roman / Der schöne Valentin. Novellen / Sommerbuch. Altweimarische Geschichten / Die Kristallkugel. Eine altweimarische Geschichte / Das Haus zur Flamm'. Roman / Im Verlage von J. C. C. Bruns, Minden i. W.: Ratsmädelgeschichten / Herzenswahn. Roman / Im Trosse der Kunst. Novellen / Reines Herzens schuldig. Roman / Im Verlage von J. Engelhorn, Stuttgart: Im frischen Wasser. Roman in zwei Bänden / Verspielte Leute / Altweimarische Liebes- und Ehegeschichten / Neue Ratsmädelgeschichten / Im Verlage von Gebr. Pätel, Berlin: Salin Kaliske Maleen. Novellen.


Der
Rangierbahnhof

Roman

von

Helene Böhlau

Neunte Auflage

Egon Fleischel & Co.
Berlin
1908


Alle Rechte
vorbehalten


I.

Im letzten Winkel des Reichs – dort, wo aus dem bayrischen Algäu die niedrigen Pässe nach Vorarlberg führen, liegt lautlose Dämmerung. Gewaltige Schneemassen bedecken das Hochthal und mitten drin liegt in einer erstarrten Welt, von Schnee halb begraben, ein warmes Nest, das einsame Gehöft Rohrmoos.

Über der weitausgedehnten Felsenmasse, die das Hochthal östlich begrenzt, schimmert der erste Tagesschein, der verkündet, daß hier über die Herrgottswände, die wie ein leichter, grauer Schatten aus dem Dämmerlicht sich abheben, die Sonne, wenn ihre Stunde gekommen ist, schauen wird. Erde und Himmel weiß, die ganze Atmosphäre wie aus zarten Eiskristallen gewoben.

Die unabsehbaren Schneemassen, die festgewurzelte Kälte, die eisige Dämmerung, all' diese kalten lebensfeindlichen Mächte umgeben das warme Nest mit solch unheimlicher Gewalt, als gelte es, diesen Unterschlupf von allerlei pulsierendem Leben aufzusaugen, jeden Tropfen, der sich dort birgt, zu erstarren. Alles aber, was sich auf dem dämmerigen Hof regt, atmet einen Überfluß von Wärme und Leben.

Aus den eisüberzogenen Stallfenstern fällt der rotgelbe Schein der Laternen, bei deren Licht schon seit Stunden in den Ställen und draußen auf dem zertretenen, strohuntermischten Schnee hantiert wird.

Wird eine Thür geöffnet, so quillt warmer Dampf in die Kälte hinaus und mit ihm die Brummchöre des Viehs.

Auf der Miststatt dampft es. Die Pfosten, welche das Erzeugnis des ansehnlichen Rohrmooser Viehstandes umgeben, sind durch diese warmen Dämpfe, die die großen Schneehauben auf ihnen tauen ließen, mit fußdicken bräunlichen Eiskrusten überzogen, die in sonderbaren Zapfen herunterhängen. Aus der großen Futterscheune duftet es nach gut eingebrachtem Heu und der Geruch kräftiger Sommertage strömt in den starren Wintermorgen hinaus. Die Mägde und Knechte laufen über den Hof, blasen in die Hände und strömen auch warmen Dunst und Dampf aus, der sich ihnen als weißer Reif an Haar und Mütze festsetzt.

Alles was lebt, dampft auf Rohrmoos; die Pferde, die ein Knecht anschirrt, blasen ganze Wolken aus ihren Nüstern, hüllen sich damit gegenseitig ein, so daß ihnen Mähnen, Köpfe und Leiber wie in wogendem Nebel stecken.

An den großen, verdeckten Milchgefäßen, die aus den Ställen in die Molkerei geschafft werden, dampft das feuchtwarme Holz; jeder feuchte Strohhalm, der von den Knechten und Mägden aus den Ställen hinaus in den Schnee verschleppt wird, läßt ein Weilchen eine zierlich sich ringelnde Dunstsäule wie ein kleines Opfer emporsteigen.

Alles lebt der großen meilenweiten Schneewucht zum Trotz doppelt mächtig.

In der einfachen Stube des Wohnhauses sitzen vier Personen bei der Lampe, deren Schein jetzt schon von der Tagesdämmerung geschwächt wird, die weißbläulich zu den breiten Fenstern des Zimmers eindringt.

Schinken, Eier, frische Butter, Schwarzbrot und eine summende, brodelnde Kaffeemaschine stehen auf dem weißgedeckten Frühstückstisch und vier Personen sitzen daran. Ludwig Gastelmeier, einst Pächter, jetzt Besitzer von Rohrmoos, schaut nachdenklich vor sich hin, während er mit einem Fidibus die Pfeife anzündet.

Er ist ein gedrungener Mann, der in einer mächtigen braungehäckelten Weste steckt. Man denkt unwillkürlich bei seinem Anblick an allerlei Strapazen und Hantierungen, wie sie zu landwirtschaftlichem Betriebe gehören.

Sein Sohn Friedrich, der neben der Mutter und einem jungen, blonden Frauenzimmer sitzt, gleicht ihm. Er ist einen guten Kopf kleiner als der Vater, doch auch breit, gedrungen gebaut. Die Augen sind die Augen des Alten, nur hat sich eine fleischigere Nase zwischen dieselben geschoben, so daß sie nicht so nah zu einander haben rücken können, wie die des Vaters.

Der Mund hat dieselbe feuchte Frische, die auf den Lippen des Alten liegt, und die dem Gesicht ein merkwürdig lebensvolles Ansehen giebt.

Niemand spricht etwas Zusammenhängendes. Ein Räuspern, eine kurze Frage, eine kurze Antwort, das Einschenken des Kaffees in die großen, weiten Tassen unterbricht die Stille.

Der Sohn ist offenbar im Reiseanzug.

Sein Pelz hängt an der Wand zwischen einer Auswahl stark angerauchter Pfeifen, zwischen Bastbündeln, Hirschgeweihen, Leinwandsäckchen mit Sämereien, was alles im behaglichen Durcheinander sich darstellt.

»Da wären wir denn so weit,« brummt der Alte, die Pfeife zwischen den Zähnen – »werden auch gleich die Sonne haben. Allons! mit der Lampe fort!«

»Siehst du,« fährt er nach einer Pause fort und bläst aus der Pfeife ein hellblaues, besonders kräftiges Gewölk, »siehst du, – da ist sie!«

Der Sohn steht jetzt neben ihm.

Die weißen, eisigen Nebel wogen mächtig an der langen Herrgottswand hin; ein goldpurpurner Funken glüht zwischen der Wand und dem leuchtenden weißen Himmel, der Schnee verliert das tote Weiß und schimmert rosig golden. Da war sie hervorgesprungen, die Sonne. Mit ihr zugleich hüpfen tiefblaue Riesenschatten ins Land hinein.

Die große beschneite Tanne, die ihre Zweige von dem Schnee beschwert an sich gedrückt hatte, wie ein Soldat die Arme, wenn der Vorgesetzte an ihm vorübergeht, wirft einen hellblauen spitzen Schatten dem Hause zu, und dieser Schatten sieht aus wie der Geist der weißeingehüllten und beschwerten Tanne, der von ihr abgesprungen ist und sich aus irgend einem Grunde in den Schnee gelegt hat.

»So, da ist sie schon wieder in den Nebel gekrochen,« sagt der alte Gastelmeier, »der gefällt's auf Rohrmoos nicht – kann's ihr nicht verdenken. Da hat sie gesehen, wie das bißchen Altstall da drüben stand und eine Käserei, daß Gott erbarm! – da machten wir's eine zeitlang damit, es blieb beim alten – dann wurde gebaut. Sie bekam einen Viehstand zu sehen im Lauf von zwanzig Jahren, wie hier herum keinen zweiten.«

Sie kennt den alten Gastelmeier, hat ihn hier dreißig Jahre jeden Morgen gesehen, hat gesehen, wie er es sich sauer werden ließ, hat dann später die Frau gesehen, wie sie sich plagen mußte.

Sie hat auch gesehen, daß die beiden Leute einen Sohn hatten, und wird gedacht haben: »Der kann lachen, die beiden Alten arbeiten für ihn wie die Pferde, der sitzt einmal warm hier. Aber prost Mahlzeit! Der läßt den Alten jetzt wieder einmal im Stich.«

Der Sohn hatte den Vater ruhig zu Ende sprechen lassen. Das war die Rede, die kam so oder so in allerlei Form jedesmal vor dem Abschied, gerade als wenn der Vater sie sich ausgedacht und einstudiert hätte. Immer fing er an, daß man meinen konnte, diesmal kommt er auf etwas anderes; – aber zuletzt da kam das »Prost Mahlzeit« – das Ende – die Unzufriedenheit, der Stachel, der im Herzen saß.

Auf des Sohnes treuherzigem Gesicht lag ein Ausdruck der Niedergeschlagenheit.

»'s ist auch so gut, Onkel,« sagte das junge, blonde Frauenzimmer. »Er thut halt, was er mag – und daß er's thun kann, das habt doch Ihr gemacht!« Dabei legte sie die Hand auf die Schulter der Mutter, die, über ihren Strickstrumpf gebeugt, während der Rede des Vaters Thränen vergossen hatte.

»Du thust dir jetzt leicht, Onkel, wenn du glaubst, der Friedel könnte ebensogut hier bleiben wie dort, als wenn ein Mensch thun könnte, was er nicht will. – Dich hätten's seiner Zeit in München in die Akademie stecken sollen – Jesus!«

»O, du!« sagte der stramme Alte, – »Nickel, was weißt denn du!«

»Daß man seine Leut' in Ruh lassen soll – was kannst denn du jetzt machen? – Schimpfen? – Das wär net übel und die Frau zum Weinen bringen. – Und alles ist so weit gut. – Er macht sein' Sach' brav und was er wollte, hat er erreicht – gerad' wie du.«

»So?« – der Alte schwieg und erwiderte nichts; er war aber nicht mehr schlecht gelaunt. Sie verstand es mit ihm. Er schaute auch mit einem Blick auf sie, als wollte er sagen: Laß nur, wann du so red'st laßt man sich's schon gefallen. – »Du Almkuh,« sagte er.

»Die Weibsleut' in der Stadt, die könnten mir passen,« fuhr er fort. »O du grundgütiger Esel!« Mit diesen Worten faßte er seinen Sohn an beiden Schultern und schaute ihn mit den scharfen kristallhellen Augen an. »Ein junges Weib, das im Juni und Juli beim Kuß nicht nach Erdbeeren und Erdgeruch duftet, nach frischem Laub und Heu – und Winters nicht nach Schnee und Luft und Kälte – – pfui Teufel – so ein, so ein muffiges, ungelüftetes Weib, das bring du mir einmal nicht! – Das wenigstens nicht! – Da, schau sie dir an – du Narr – so auf die Art!«

Er zeigte auf das Mädchen. Sie stand jetzt aufgerichtet vor dem Kaffeetisch, groß und kräftig, rosig, blond und ruhig.

»Keinen Stadtschmutzfink – keinen Stubenrauch, keinen solchen parfümierten Scharwenzel, wenn ich bitten darf.«

»Du bist ein schöner Bursch und die Mädel laufen dir nach, Junge – das thun sie einmal nicht anders. Denk daran: ein Kuß der nach Erdbeeren schmeckt, nach Erdgeruch und Sonne und frischer Luft – das ist was der Alte von Liebessachen versteht.« –

Der Sohn schaute lächelnd auf das Mädchen, das so gleichmütig dastand und die Hand der Frau gefaßt hielt.

»Ja, sieh sie dir nur an,« meinte der Alte.

Da lachte das Mädchen. »Friedel, nu schau, der möcht' mich dir anpreisen! – Ja, du,« wendete sie sich zu ihrem Onkel, »so eine Almkuh, wie du sagst, die ist nicht jedermanns Geschmack. Laß ihn nur – der geht seinen Weg auch ohne dich und ohne uns.«

Die Mutter war, während ihr Mann mit dem Jungen sprach, den eigenen Gedanken gefolgt. Sie hatte gedacht, daß er in diesem Zimmer geboren war, an die Jahre, während denen sein Bett neben dem ihren gestanden hatte. Sie empfand in der Erinnerung den weichen frischen Körper und wie er zu ihr jeden Morgen ins Bett gekrochen war, wie sie ganz eins sich mit ihm gefühlt hatte, wie er sie geliebt hatte, wie sie sein alles gewesen, – wie alles dahingeht.

Sie dachte daran, wie so nach und nach und doch fast mit einemmal seine Schultern mager, seine Beine lang und dünn wurden, nur das Hälschen blieb weich wie ein Maulwurfsfellchen, noch lange Zeit. Wie er ihr fremd wurde, auch nach und nach, und doch in der Erinnerung wie mit einemmal; wie sie den geliebkosten Körper gar nicht mehr kannte, gar keinen Teil mehr an ihm hatte, wie seine Augen ihr fremd wurden und auch sein Herz.

Und wie er ganz aus dem Hause kam, nur hin und wieder heimkehrte, immer ein andrer mit neuen Erlebnissen – immer derselbe, ihr Friedel, ihr lieber kleiner Friedel, den sie zaghaft an das Herz drückte. Sie wußte nicht mehr, was an ihm ihr eigen war und wußte nur das eine: sie liebte ihn und hätte ihn mit Freuden überschütten mögen. Sie war stolz auf ihn; aber was ihn so recht freute, so recht glücklich machte, das wußte sie nicht und konnte es sich nicht vorstellen.

»Friedel,« sagte die Frau mit einer eigentümlich befangenen, fast schüchternen Stimme, die mit ihrer kräftigen starken Erscheinung nicht in Einklang stand, »du gehst deine eigenen Wege, Gott giebt ja manchen Menschen eine Gabe, von der man nicht weiß, woher sie gekommen ist und wohin sie geht. Die schönen Arbeiten, die du mir in München gemacht, und all die Blättchen, die du früher zusammengekritzelt hast, hab' ich immer gut aufgehoben und meine Freud' dran g'habt; aber wenn es auch seine Richtigkeit hat«, fuhr sie bewegt fort, »wie weit so einem Talent zu trauen ist, weiß man doch nicht.

Siehst du, wenn du einmal fühlen solltest, daß du dich trotz allem getäuscht hast, komm zurück – ohne Scham. Erinnerst du dich, wie du als kleiner Bub' dich auf der Tanne vor unsrem Hause verstiegen hattest und nicht weiter konntest und wie du nicht um Hilfe rufen wolltest und uns nach dir suchen ließest, bis der Vater dich endlich entdeckte und dich ganz armselig wie du warst, herunterholte?« –

So etwas Ähnliches sagte auch sie jedesmal beim Abschied.

»Mutter, bis jetzt, so Gott will, hab' ich mich nicht verstiegen,« sagte er, und er gab ihr die kräftige Hand und küßte sie auf den Mund, und die Frau schlang die Arme ihm um die Schultern.

Der Vater trat an ihn heran und klopfte ihn auf den Rücken. »Laß ihn nun, Alte, 's ist Zeit. Wir müssen jetzt wieder allein miteinander auskommen.«

Anna war in ihren Pelz gekrochen und hatte den Kopf knapp mit einem weißen Tuch umhüllt. In ihrem Gesicht allein war keine Unruhe und Erregung zu bemerken. »Nun, Friedel, wären wir so weit, der Schlitten ist vor der Thür und dein Koffer ist auch schon aufgebunden,« sagte sie.

»Dann geh. – Mach's gut,« sagte der Alte. Anna öffnete die Thüre und ging voraus. Es lag in dem Wesen des Mädchens etwas Beruhigendes und Wohlthuendes.

Sie trug ein altes Pelzchen mit dunkelviolettem Wollstoff überzogen. Es sah aus wie ein Erbstück, das man ihr gegeben hatte, als sie groß genug gewesen war, und in das sie unbedenklich Winter für Winter schlüpfte, ohne irgendwelche andere Anforderungen an das Pelzchen zu stellen, als daß es seine Pflicht, sie warm zu halten, erfüllte. Sie stieg in den Schlitten, während Friedel noch den letzten Händedruck mit den Eltern tauschte.

Der alte Gastelmeier hielt seine Pfeife fest zwischen den Zähnen, schüttelte den Kopf kaum merklich und schaute dem Sohn scheinbar teilnahmlos nach.

Die Leute vom Hof standen ebenfalls ruhig und schweigend.

Abschied ist immer eine böse Sache.

In einem großen Bogen fuhr der Schlitten jetzt um die Dungstatt und an dem mit mächtigen Eiszapfen behangenen strohumbundenen Brunnen vorüber, auf dessen Knauf mitten im Schnee ein Tannenbäumchen mit bunten Netzen, Rosen und Bändern behangen, gesteckt war, der einzige bunte Fleck rundum.

»Sieh, der Weihnachtsbaum,« sagte das Mädchen und berührte die Schulter des Gefährten. Er sollte noch einen Blick darauf werfen.

Der alte Sepp vorn auf einem Heubund machte jetzt einen gewaltigen Buckel, schnalzte mit der Zunge, und wie ein Vogel fuhr der Schlitten die im Sonnenlicht leuchtende Schneebahn hinaus über die Hochebene hin.

In Rohrmoos ging ein jedes wieder an sein Tagewerk.

Der Schlitten aber fuhr jetzt thalab unter einzelnstehenden schneegebeugten Edeltannen hin, zwischen den hohen weißen Dämmen, die der mächtige Schneebrecher von Rohrmoos aufgeschichtet hatte.

Die knorrigen Latschkiefern, das Unterholz, das Eichengestrüppe, die niedern Nadelbäumchen, waren so vergraben unter der schimmernden Last, daß man nicht ahnen konnte, was unter dem Schnee für sonderbare Gestalten steckten. Es war, als hockten überschneite Bärenfamilien in den tollsten Sprüngen erfroren unter dem Schnee, oder närrische Kerle, die miteinander schwatzten, zu einander gebeugt, oder tanzende Hexen, springende Schweine, zusammengekauerte Gestalten aller Art. Eine ganze Rätselwelt, von den weißen leuchtenden Massen überdeckt.

Die Luft war still, kein Windchen regte sich. Wenn der alte Sepp durch die heilige Stille die Peitsche schwang, rieselte der Kristallstaub von den Bäumen.

Der junge Mann saß schweigend und ruhig um sich schauend in den Schlitten zurückgelehnt. Der Druck des Abschiednehmens war von ihm gewichen und er ließ es sich wohl sein.

Das Stück Heimat, das da neben ihm saß, schien weder hindernd noch quälend auf sein Gemüt zu wirken.

Des Mädchens Blicke waren hin und wieder auf ihn gerichtet, aber nicht dringlich, nicht mit der Aufforderung, irgend etwas zu thun oder zu lassen.

»Sieh, daß du deine Strümpf' ein bisserl in Ordnung hältst,« sagte sie nach langem Schweigen.

»Wie denn in Ordnung?«

»Wirst schon wissen, was ich meine.« Sie lächelte gut und heiter. »Das stellt sich so ein Mensch nicht vor, was für Not man mit ihm hat.«

»Große Not!« sagte er behaglich lachend. »Was du Not nennst!«

Sie lächelte ein wenig traurig – wie in Gedanken.

Dann waren sie wieder still miteinander und der Schlitten flog immer weiter, weiter wie ein Vogel.

Sie war eine gute Begleiterin, sie störte ihn wirklich nicht, und er hatte nicht das Gefühl, sie unterhalten zu müssen.

Es giebt Leute, die das Leben ihres Nebenmenschen als den Hauptstrom betrachten und sich selbst nur als Bächlein, das dem Strome nichts entzieht, sondern ihm seine eigenen Wellen leise, unmerklich zuträgt. Und so ein Strom bemerkt es kaum, verfolgt seinen Lauf gedankenlos weiter. Möglich, daß er, wenn die stillen Wellen, die ihn stärken, einmal ausbleiben, den Verlust bemerken wird.

»Sag' einmal, Anne, du könntest doch bald einmal wieder in die Stadt kommen?«

»Ja, wie soll ich denn abkommen?« Und nach einer Pause fragte sie weiter: »Aber du, mit deiner Wohnung, wie ist denn das – gehst du denn doch wieder in die alte?«

»Ich denk' schon.«

»Nein, du mußt dir eine andere nehmen, sei nicht so faul, Friedel. In der Salzstraße stecken zu bleiben – wie kannst du nur! Wie wir bei dir waren, verging mir Hören und Sehen!«

»Da solltest du einmal nachts dasein. Das ist, wenn man nicht wie ein Bär schläft, zum aus der Haut fahren. Mir, gottlob, macht's nichts – nur ein paarmal – da wurde ich aber wütend. – Wie du gelacht haben würdest, wenn du mich hättest sehen können! Stell dir vor, ich konnte nicht einschlafen und hörte die ganze Geschichte, alles, was sie da treiben – was man sonst so verschläft. – Ein solcher Bahnhof in der Nacht ist die Hölle! – Stockdunkel – und aus der Dunkelheit Töne und ein Würgen und Arbeiten, ein Rasseln und Wüten, Schreien und Pfeifen. Und in einem fort – in einem fort. Nie fängt's an und nie hört's auf. Sie werden nie fertig. Es hat so etwas Verzweifeltes – und immer wie in höchster Not – die Rufe klingen wie Unglücksschreie, das Rasseln, als wenn etwas Entsetzliches geschehen wäre. Das Puffen und Stoßen, als wenn etwas Lebendiges zerquetscht würde. – Man stellt sich die gräßlichsten Dinge vor und alles klingt wie ewige Aufregung, ewiges Überangestrengtsein – erbarmungslos und sinnlos. Als wenn Wahnsinnige toben und schieben und poltern und puffen und heulen und schreien und brausen und pfeifen. – Man kommt in eine Spannung, in eine Wut! Es ist, als wenn man das fürchterlichste Fieber hätte – und die draußen wüten fort – wüten fort ohne Ende. Jetzt hat's geklappt, gerollt, gepufft, sich eingehängt, gerade als wenn's fertig und zufrieden wär – Gott bewahre – es geht von neuem los! – Da kommt wieder etwas Neues angewütet, angebraust, angeheult. Große Geschichte, dachte ich das erste Mal – das werden wir gleich haben – verstopfte mir die Ohren. Prost Mahlzeit! Und dann wie ein Narr wickelte ich mir die Hosen um den Kopf, so fest und so dick wie's ging. Wie ein Warenballen! Und heiß! Aber durch jede Ritze drang das Gewüte – scheußlich! Das war die erste Nacht – damals wollte ich natürlich gleich ausziehen; aber da lachte meine Hauswirtin und ihre Tochter, und beide sagten: ›Ja, die erste Nacht! Das hat aber gar nichts auf sich. Wir haben uns ganz daran gewöhnt. Es ist noch besser als manches andre. – Und schließlich hört man's gar nicht mehr, da kömmt's einem vor wie die größte Stille‹.«

»Das war das lange Mädel, die das gesagt hat – die wir bei dir sahen?« fragte Anna.

»Jawohl, die Fanny.«

»Und du bist geblieben?«

»Du weißt's ja.«

»Und hast dann geschlafen?«

»Für gewöhnlich, ja. Manchmal nicht, dann hab' ich gehörig geflucht.«

»Aber bist geblieben?«

»Weshalb fragst du denn?«

»Ja, weil ich nicht begreife, wie man in einem solchen Höllenlärm bleiben kann, ohne Grund.«

»Der Grund war, daß ich faul bin. Außerdem thaten die Leute mir leid. – So fortgehen! – Und sie versorgten mich auch gut.«

»So! Du, sei nicht bös auf mich,« sagte das Mädchen langsam und bedächtig und sah ihm gerade in die Augen. »Ist das lange Mädel dein Schatz?«

»Du bist einzig!«

»Weshalb nicht,« sagte sie einfach. »Gefallen thät' sie mir nicht; aber Geheimnisse haben wir doch nie vor einander gehabt.«

»Übrigens ist sie nicht mein Schatz. Sie möchte wohl. – Weißt du, die Frauenzimmer. – Wenn ich dich und die Mutter nicht kennen würde … was man so von Frauenzimmern zu sehen bekommt – Gott weiß – wie soll ich sagen …« Er schwieg und sie blickte mit Aufmerksamkeit auf ihn. »Weißt du, man sagt doch so: das Weib soll rein sein.«

»Ja, sie sollen alle gut sein, die Weiber und die Männer – sie sollten – sie sind aber beide gute oder böse Menschen, oder reine oder schmutzige Menschen – so.«

»Ja – na. – Was sagst du dazu, wenn ein junges Frauenzimmer einen anredet, wie soll ich sagen … als wenn sie verliebt wäre – so – weißt du?«

»Wie denn, da wispert sie dich auf der Straße an – oder wie?«

»Jawohl. Nennst du das rein?«

»Wenn du so irgend etwas herausgreifst – wie soll ich's da wissen. Da müßt' ich erst das Mädel kennen und genau erfahren, wie es gekommen ist, daß sie dich so anspricht. Sie thut es doch nicht so aus heiler Haut, wenn es auch so aussieht, da ist eine lange Geschichte – vielleicht eine traurige Geschichte. Aber zieh weg aus der Salzstraße. Gar, wenn du weißt, daß das lange Mädel dein Schatz sein möchte. Da blieb' ich doch nicht, wenn ich wüßte, ein Mann will mein Schatz sein, und ich mag nicht. Schau, Ihr thut Euch leicht.«

Sie sprach ruhig und gerade heraus.

»Ja, ja, 's ist schon recht, ich zieh' aus,« antwortete er und lachte gutmütig. »Wenn ich aber wirklich einmal einen Schatz habe, muß ich's dir doch sagen.«

»Abgemacht.«

Er reichte ihr die breite feste Hand hin.

»Und umgekehrt?« fragte er.

Da schüttelte sie den Kopf. »Beicht' du nur, von mir erfährst du doch nichts.«

So fuhren sie hin durch die schneeglitzernde Pracht.

»Höre, Anna, fühlst du dich nicht verdammt einsam da oben?«

»Einsam kann man sich überall fühlen. Weißt du, wenn man zufrieden ist, fühlt man sich nicht einsam.«

»Stimmt,« sagte er.

»Das aber könntest du thun, schreiben, wenn es dir gerade paßt – alles – auch das Kleinste. Wir leben immer mit dir fort da oben, und die langen Abende – weißt du – die Mutter sagt dann: Wo er wohl jetzt ist, was er wohl thut? So etwas. Du mußt halt so ein bissel deutlicher schreiben und dabei an uns oben denken und an die stillen Abende auf Rohrmoos.«

Er versprach es.

»Du,« sagte sie nach einer Weile. »Damals, wie wir bei dir in München waren, hat mir's nicht besonders gefallen, wie die Männer mit den Frauen und Mädchen sprechen.«

»Wieso denn?«

»Unnatürlich.«

»So.«

»Jawohl.«

»Es ist so etwas dabei, als wenn sie einen nicht für voll ansähen.«

»Thun sie auch nicht.«

»Und das sagst du so –«

»Kann ich was dafür?«

»Und dann wieder diese Höflichkeit und das Gethu – man kommt sich ganz albern dabei vor. Ich hätt' ihnen ins Gesicht lachen können und ich hätte es ihnen auch sagen mögen.«

»Hättest du's doch gethan.«

»Ja wie denn? Ich dachte immer, daß sich die Mädchen nicht dagegen wehren! aber wie sollten sie denn? Eine allein? die hätten sie doch nur ausgelacht. – Du, lern's nur nicht etwa so.«

»Sie wollen's ja aber.«

»Ah, geh. Die dummsten Gäns' vielleicht. Wegen denen müssen wir andern doch net …«

»Das ist nun einmal so,« antwortete er wieder ruhig und behaglich.

»Du läßt dir auch ein bisserl viel gefallen, dünkt mich,« begann sie nach einer Weile wieder.

»Oho,« sagte er.

»Ja, du bist eben bequem.«

»Du meinst, ich hab' gern meine Ruh'? Stimmt – aber mit dem ›Gefallenlassen‹, – nein, da irrst du dich!«

»Mit deinem Namen das Gethu, das läßt du dir doch ruhig gefallen … ›Bastelmeier‹, weshalb nennen sie dich denn so? und dann ›Wastelmeier‹ und ›Büchselmeier‹ und was alles hängen sie dir an – und ›Comme il faut-Meier‹ – ›Speckmeier‹!«

»So – na, große Geschichte – das hat alles seine Bedeutung – was ist da weiter – man muß Spaß verstehen. Büchselmeier, das kommt davon, du weißt ja – ich lieb' mein' Sach' bei einander. Das Herumfahrenlassen, das kann ich nicht leiden. Ordnung muß sein. Ich geb' zu, es giebt reichlich Büchsen und Büchsel bei mir und allerlei Dinge, die meines Dafürhaltens ein ordentlicher Mensch besitzen muß. Auch die übrigen Namen haben alle ihre Geschichte; aber weshalb denn nicht? – Speckmeier, zum Beispiel. Der Schlankeste bin ich nicht – und wenn sie's aussprechen, was 'mal ist, da kann ich nicht Lärm schlagen.«

»Du bist aber nicht fett,« sagte sie.

»Weißt du, die Rasse ist gut, die beiden Alten machen mir nicht gerade Furcht, einmal auseinander zu fließen; aber man merkt mir's schon an, daß ich net stürmisch bin.«

»Das bist du nicht,« bestätigte sie.

»Na, vielleicht 'mal in der Liebe – Herrgott noch einmal, bis jetzt bin ich soweit verschont geblieben. Unberufen! Greulich, daß ein jeder es ausprobieren muß – also – abwarten.«

Sie lächelte.

»Du kommst mir oft jünger vor, als ich bin,« sagte sie.

»Das ist viel gesagt. Dümmer meinst du wohl – danke.«

»Du weißt's schon, wie ich's meine.«

So fuhren die beiden jungen Leute plaudernd miteinander hin, dem Ziele zu.

»Gottlob,« sagte er, »daß es außer meiner Mutter für mich noch ein Weib giebt und dazu ein junges Weib, mit dem man reden kann, ohne Furcht vor den verdammten Liebesgeschichten. Daß das euch Weibern so in den Gliedern steckt! Es ist wirklich greulich.«

Sie errötete bis unter die Haarwurzeln.

»Also abgemacht,« sagte er, als er nach kurzem Auf- und Niedergehen auf dem Perron der kleinen Station in ein leeres Coupé zweiter Klasse stieg. »Wenn ich einen Schatz hab', bist du die erste, die's erfährt, und gefällt er dir nicht, verabschieden wir ihn.«

»Die Abmachung möcht' ihr nicht gefallen, wenn sie's wüßte,« sagte das junge Mädchen.

»I was? Übrigens sei ruhig, du sagtest vorhin mit den Strümpfen – ich paß schon auf.«

»Du hast diesmal zwei einzelne mitgebracht.«

»Teufel auch. Da sind die Waschweiber schuld daran. Ich werd' ihnen schon auf die Finger sehen. Verlaß dich drauf.«

Da lachte sie über ihn. Der Zug kam in Bewegung; es keuchte, dampfte, brauste, pfiff, dröhnte, läutete.

Die Beschreibung vom Rangierbahnhof kam ihr in den Sinn und sie rief: »Du, mit der Salzstraßen, daß du mir das nicht versäumst!«

»Gleich wird's gemacht!« rief er ihr noch von weitem zu – und dann »Grüße, Grüße an die Alten oben« – und fort war er.

Das junge Mädchen sah dem Zuge nach, die Augen wurden ihr trüb. – Zwei Thränen rollten die frischen, von der Kälte geröteten Wangen herab.

»Der thut sich leicht,« seufzte sie erregt. »Das hätt' er jetzt sehen sollen! Herr du mein Gott!«

Sie wischte sich die Thränen weg und ging festen Schrittes zum Schlitten.

»Sepp,« sagte sie. »Besorg, was du zu besorgen hast und komm mir nach.«

Der Alte nickte und das Mädchen ging vorwärts, leichtfüßig, als wög' das Herz ihr nach dem Abschied kein Quentchen, und sie trug doch schwer daran – Abschiedsschmerz ist keine leichte Sache. Das hätte ihr aber einer jetzt ansehen sollen!

»Mit dir, du dummer Bub, werd' ich wohl fertig werden!« sagte sie im schnellen Gehen vor sich hin. »Wär' nicht übel.« Und da klang ein Jodler durch die frische Kälte in die Einsamkeit hinaus – so ein Jodler, der alles, was das eingeengte Menschenherz beschwert, wie auf großen Flügeln über die stillen Berge und Thäler trägt.


II.

Wir treffen den Friedel Gastelmeier in München wieder. Seinen Handkoffer hat er dem Portier auf dem Zentralbahnhof übergeben und jetzt schlendert er in die Stadt hinein. Es ist bei ihm abgemachte Sache. Das alte Quartier in der Salzstraße nimmt er nicht wieder – kehrt überhaupt gar nicht mehr dahin zurück. Weshalb soll er sich der peinlichen Geschichte aussetzen, von den beiden Frauenzimmern sich zu verabschieden? Und fort muß er, da ist nichts zu machen. Er hat's ihr versprochen. Und wahrhaftig, sie hat recht. Er hat sich dort verhätscheln lassen, es ist ihm vortrefflich ergangen – sie haben ihm alles an den Augen abgesehen. Er hat für die Bequemlichkeit den verfluchten Lärm in Kauf genommen – und noch etwas. Er war so ein schlauer Vogel gewesen, der es verstanden hatte, die Lockspeise zu fressen, ohne sich in der Schlinge zu fangen.

»Na ja! Was soll man machen bei diesem Menschenhandel? Übers Ohr hauen, wie das bei jedem Handel üblich ist. Scheußlich, wie man in so etwas hineinkommt,« philosophierte er und schlenderte weiter. »Na ja, entweder man läßt sich ausnützen oder man nützt aus. Es ist da gar nichts zu machen. – Und diesmal soll mich der Teufel holen, wenn ich irgendwohin gehe, wo eine Tochter im Haus ist. Aber wie sie das alles durchschaut hat, sie, die nie von da oben herabkommt. In Liebessachen haben die Weiber Eingebungen.«

So kam er im Café Luitpold an, hatte vorher noch einen Dienstmann in die Salzstraße geschickt, um die übrigen Sachen holen zu lassen, die er als vorsichtiger Mann wohlverpackt hinterlassen hatte. Im Café Luitpold wurde er an seinem Stammtisch von einigen Kollegen begrüßt.

»Speckmeier! Comme il faut-Meier! Büchselmeier, grüß Gott!«

»Da wären wir wieder.« Damit rückte er seinen Stuhl und faßte wohlgemut Posto.

Er stand trotz »Speck- und Büchselmeier« in gutem Ansehen bei seinen Kameraden, die ihn für einen tüchtigen Kerl in jeder Beziehung hielten, und seine kleinen Eigenheiten waren auch ein Vorzug, besonders weil er durchaus Spaß verstand. Er war ein prächtiger Kerl, darin stimmten sie alle überein. Für einen Künstler etwas pedantisch, daher »Büchselmeier«, aber gegen seine Künstlerschaft war eigentlich nichts einzuwenden. Er arbeitete simpel vor sich hin, ohne viel Aufhebens. – Und was er fertig brachte, hatte auch so etwas Simples, Gutes. Er war Landschafter, malte fleißig und verkaufte sogar, und das will viel sagen.

Nur in einem, da verstand er keinen Spaß. Friedrich Gastelmeier, der brave Bursche, hatte mit seinen achtundzwanzig Jahren es zu einer behaglichen Körperfülle gebracht – das war Thatsache, damit hatte er sich abgefunden. Er fand auch, daß diese Fülle ihn nicht übel kleidete, und hatte recht; aber eine andre Thatsache die nahm er nicht so kühl und einfach hin, es hatte sich bei ihm frühzeitig ein ganz ansehnliches Glätzchen eingestellt. Davon wollte er nichts wissen. Er gebrauchte allerhand Haarmittel. Man erzählte sich, daß er auch schon bei einem Haardoktor gewesen sei – alles vergeblich; die Fläschchen, die seine Haarmittel enthielten, standen jedoch nicht mit den übrigen auf seinem Waschtisch aufgepflanzt. Er hielt sie verschlossen, denn er schämte sich ihrer. Was mit dem Glätzchen zusammenhing, war sein wunder Punkt. Das hatten die Kollegen längst weg, denn sie hatten einst auch begonnen, das Glätzchen spaßhaft zu nehmen, waren aber bei Freund Gastelmeier übel angekommen, der sein Glätzchen verteidigte wie eine Löwin ihr Junges. Es war in dieser Beziehung die größte Vorsicht geboten.

Und sie waren vorsichtig, nachdem sie in seinen Seelenzustand Einblick genommen hatten. Diesen guten Menschen zu kränken, kam ihnen nicht bei, und sie machten unter der Hand Fremde, die in ihrem Kreise auftauchten, auf Gastelmeiers Eigentümlichkeit aufmerksam, um seine empfindliche Herzensstelle vor unberufenen Fingern zu behüten. Dem kleinen Gastelmeier erging es allenthalben gut, denn er war gern gesehen.

Heute teilte er seinen Kollegen mit, daß er nicht in sein altes Quartier zurückkehren werde, bat zu gleicher Zeit die Kellnerin um die »Neuesten Nachrichten« und war bald in die Inserate vertieft.

»Büchselmeier, aber nun suche dir die Bude einmal möglichst nahe bei deinem Atelier, sei so gut. Das ist ja ein Unsinn, wie du dir die Sache eingerichtet hast,« sagte einer. »Also Schelling- – Barer- – Blütenstraße – so etwas.«

»Gieb einmal her.« Gastelmeiers Gegenüber streckte die Hand nach der Zeitung aus und nahm sie an sich. »So, jetzt paß auf. Werden wir gleich haben.«

Inzwischen nahm Gastelmeier die Einladung eines seiner Kollegen, bis sich etwas Passendes gefunden, bei ihm auf der Stube zu wohnen, dankend an.

Sie suchten jetzt in den Inseraten und es fand sich etwas.

»Da gehst du hin – zuallererst. – Hör' mal: ›Zu vermieten!‹ – also: ›Es wird vermietet‹ – noch einmal! Unpraktische Leute! – Also: ›Es wird vermietet – ein Zimmer. Südseite, auf längere oder auch kürzere Zeit, nach Belieben. Schaut ganz ins Grüne‹ – in dieser Jahreszeit nicht übel – ›ist originell möbliert‹. – Weiter: ›Preis nach den Verhältnissen des Mieters‹. Was sagst du dazu? Sollte man es nicht mit dieser komischen Heiligen versuchen – riesig unpraktisch!«

»Das hat eine alte poetische Jungfer geschrieben,« sagte Büchselmeier. »Da wäre man ja auch vor einer Tochter sicher.«

»Möglich,« sagte einer.

»Na, wollen sehen,« meinte Gastelmeier. Und so ging er noch diesen Tag in der letzten hellen Nachmittagsstunde in die Blütenstraße, um besagtes Zimmer in Augenschein zu nehmen.

Drei Treppen hoch stieg er im Rückgebäude, das frei und luftig in einem Garten lag.

»Drei Treppen – Rückgebäude – na« – brummte er zweifelhaft. Das war nicht so ganz, was er wollte, aber still, ja das schien es zu sein. Etwas steile Stufen. – In der Stadt liebte er seine Bequemlichkeit. Es waren im Haus meist Ateliers, nur im dritten Stock schien eine Familienwohnung zu sein. Da ließ sich vielleicht mit der Zeit etwas machen. Er könnte auch sein Atelier hierher verlegen. »Wollen sehen.« So stieg er Stufe für Stufe gemächlich hinan und schellte endlich. Es war eine Klingel, die kaum einen Laut von sich gab, als wäre sie heiser oder als hätte man ihr etwas umgewickelt, um ihren Klang zu dämpfen.

Dieser Umstand fiel Gastelmeier auf, besonders da er dreimal sich bemerklich zu machen suchte – ohne Erfolg.

»Schließlich liegt da wer krank. Prost Mahlzeit! Mach, daß du fortkommst, Alter. Sonderbares Volk – erst ein Inserat, darauf umwickeln sie das Läutwerk. Dös is nix.«

Mit dieser tiefsinnigen Bemerkung wollte er eben sich anschicken, die Treppe unverrichteter Sache wieder hinabzusteigen, da that sich ganz unvermutet die Thüre auf und eine schmächtige Person in mittleren Jahren, mit unruhigen Augen, in einem schwarzen engen Gewand, stand vor ihm.

»Was wünschen Sie, mein Herr,« sagte sie auf eine Weise, der er im stillen die Bezeichnung »madamig« gab. Trotzdem sie eng und schmächtig gekleidet war, sah er sie im Geiste vor sich in weiter Krinoline mit einem Kleide, das aus lauter Garnierungen bestand, einem hohen Federhut mit Fächer und einem türkischen Shawl.

Eine so gekleidete gezierte Dame hatte er als Kind in einem Bilderbuche kennen gelernt, und die Stallmagd hatte ihm gesagt, daß das eine »Madame« sei. Seitdem wußte er, was eine »Madame« war – und die da vor ihm stand, war eine »Madame«. Das stand fest.

Sie hatte übrigens ein eigentümlich vergeistertes, wenn nicht gar vergeistigtes Gesicht und sah gescheit und aufgeregt aus.

›Diese Person kocht schlecht,‹ dachte Speckmeier, ›und nährt sich schlecht. Das werden die alten Fräulein wohl so an sich haben.‹

»Mein Fräulein, Sie haben ein Inserat …«

»Jawohl, mein Herr,« unterbrach sie ihn mit Grandezza. »Bitte, treten Sie ein.«

»Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihr Läutwerk nicht in Ordnung ist. Da Sie Mieter erwarten, scheint mir das nicht ganz praktisch zu sein,« sagte er, während er der Dame durch einen dunkeln Korridor folgte, und bekam zur Antwort, daß es allerdings in Ordnung sei.

»Wir dämpfen die Glocke etwas ab,« sagte die Dame. »Das Leben bringt genug Lärm und Unruhe mit sich.«

»So,« sagte Gastelmeier und dachte bei sich: ›Was hat denn so ein altes Fräulein unter Lärm und Unruhe zu leiden, wenn es im Garten, dritten Stock im Hinterhaus, wohnt, und nicht einen Rangierbahnhof gegenüber hat.‹

Die unruhigen großen Augen der Dame aber sprachen auch nicht von Ruhe und Behagen.

›So ältliche Fräulein, die machen immer Geschichten und geben keine Ruhe und könnten es so gut haben,‹ philosophierte er weiter in dem Thema, über das er nicht viel Erfahrung besaß. Bisher hatte er sich um ältliche Fräulein herzlich wenig Sorge gemacht.

»Bitte treten Sie ein, das ist das Zimmer.«

Er war bereit, einzutreten; aber die Thüre zeigte sich verschlossen.

»Herrgott, wer wird nun den Schlüssel haben!« sagte die Dame ziemlich fassungslos, als wenn dieser Schlüssel unwiederbringlich in einen Abgrund gestürzt wäre.

»Emil,« rief sie laut und so, als hätte sie schon hunderttausendmal auf die gleiche Art »Emil« gerufen.

›Sie hat einen Emil,‹ dachte Gastelmeier ohne weitere Kritik.

Aber Emil kam nicht.

»Bitte,« sagte die Dame wieder sehr fein, und diesmal sollte es bedeuten, daß er etwas zu warten habe.

Sie verschwand in der gegenüberliegenden Thüre und kam eine geraume Weile nicht wieder. Endlich öffnete sich dieselbe Thüre, der vergeistigte Kopf kam zum Vorschein – und: »Bitte,« sagte die Dame so ausdrucksvoll, daß Gastelmeier nicht in Zweifel war, daß er in die eben geöffnete Thüre einzutreten habe.

In dem Zimmer saß Emil, ein dicker Bursche von sechzehn bis siebzehn Jahren; nachlässig hockte er auf einem alten Lehnstuhl und hielt die Zeitung in der Hand.

»Emil, besinn dich doch!« sagte die Dame ganz verängstigt und erregt.

Emil hatte sich bei dem Eintreten des Fremden erhoben.

»Mama,« sagte er, »den hast du – da weiß ich nix.«

›Mama‹ – das verwunderte Gastelmeier doch einigermaßen. Diese Unbefangenheit des alten Fräuleins!

Der dicke blonde Knabe ließ sich, nachdem er seiner Meinung nach genug gestanden hatte, seufzend wieder nieder und sagte: »Erwin oder Olly könnten ihn auch etwa haben.«

›Auch noch einen Erwin und eine Olly!‹

Schließlich kam es Gastelmeier vor, als wenn es mit dem alten Fräulein eine noch nicht völlig ausgemachte Sache sei. Weshalb sollten es nicht auch ganz geordnete Verhältnisse sein, in die er da geraten war; was man so geordnete Verhältnisse in einem gewissen Sinne nennt.

Die Dame aber bekam deshalb nichts Frauenhafteres für ihn. Sie fuhr immer noch herum und suchte nach dem Schlüssel, zog Schubfächer auf, in denen es nicht besonders einladend aussah.

Aus einer Kommode hingen einige Bänder heraus und ein wirrer Klumpen, den allerhand Fäden und Schnürchen und Läppchen und Schnitzel gebildet hatten. Gewiß ein sehr nützlicher Klumpen, denn es war so ziemlich alles darin zu finden, was ein Frauenzimmer zu Flickereien brauchen konnte. Gastelmeier vertiefte sich in diesen Anblick und dachte dabei an das Heiligtum, das seiner Mutter Nähwerkzeuge und Materialien miteinander darstellten, und es wurde ihm klar, daß das bewußte Inserat in den »Neuesten Nachrichten« nicht das rechte für ihn sei.

Doch als er sagen wollte, daß sich die gnädige Frau nicht weiter bemühen solle, er käme ein andermal wieder, da fand sich der Schlüssel. Sie hatte ihn in der Tasche. »Siehst du,« sagte Emil, der in aller Gemütlichkeit sitzen geblieben war, weise, während seine Mutter zum größten Ärger Gastelmeiers der Schlüsseljagd oblag.

›Schöne Zucht das,‹ dachte er.

»Das ist das Leben!« sagte sie. »Sie werden es auch noch kennen lernen, Herr …«

»Gastelmeier, mein Name ist Gastelmeier. Verzeihen gnädige Frau, daß ich versäumte …«

»Sie sind Geschäftsmann?« fragte die Dame.

»Kunstmaler, wie wir hier in München so schön sagen.«

Ein »Bravo!« war ihre Antwort.

›Das scheint ihr besondere Freude zu machen,‹ dachte er.

»Nun kommen Sie – bitte.«

Jetzt wurde das Zimmer wirklich gezeigt und es war, mit seinem Blick in einen Garten, nicht übel. Südseite allerdings nicht. Es lag nach Westen. Originell eingerichtet, wie es im Inserat hieß: das stimmte. Es war etwas Angenehmes in dem Raum zu spüren, etwas, das auf verfeinerten Lebensgenuß hindeutete. Da hing allerhand und lag allerhand, was in gewöhnlichen »möblierten Zimmern« nicht hängt und liegt. Die Möbel standen so gewissermaßen unternehmend da, meist an Stellen, die wahrhaft kühn gewählt waren. Das Zimmer hatte das, was Gastelmeier in seinem Atelier gern zu stande gebracht hätte, was ihm aber nie geglückt war und was er als vernünftiger Mann längst aufgegeben hatte.

Aber er war sich seiner Sache ganz sicher. Hier blieb er nicht. Die Leute waren ihm nicht behaglich. Eine Frau darf nicht wie ein altes Fräulein aussehen, war seine Ansicht. Eine Frau muß gemütlich aussehen. Man muß sich bei ihrem Anblick allerlei Angenehmes, Seelenberuhigendes vorstellen können, gut zubereitete Lieblingsspeisen, einen appetitlichen Wäscheschrank, liebevoll sauber gehaltene Betten, ungezählte Gutenachtküsse, die sie ihren Kindern gegeben und von ihnen bekommen hat, so viel Pflege und Liebe, die sie ihr Lebtag ausgeteilt hat: das muß alles so von ihr ausstrahlen, wie das Licht vom Monde. Er dachte an seine Mutter, an die einfache Frau.

In seiner Kindheit hatte er das Gefühl gehabt, als hätten die Mütter und der brennende Christbaum etwas gemein miteinander. Und das hatte er nicht vergessen. Von einer Frau verlangte er – was er selbst nicht in Worte fassen konnte, was ihm aber im Gefühl fest und klar lag. Er, der simple Mensch, war ein Schwärmer in Bezug auf die Frauen und war darum immer enttäuscht von ihnen.

Er hatte sich länger im Zimmer verweilt, als es unbedingt nötig gewesen wäre, entschuldigte sich, machte einige nichtssagende, unbestimmte Redensarten und empfahl sich. Ehe er die Thüre hinter sich schloß, fragte er noch nach dem Preis der Wohnung und wußte selbst nicht, weshalb er das that, denn er war fest entschlossen, nicht zurückzukommen.

»Den Preis?« Die unruhigen Augen sahen ihn fragend an, als wollten sie diesen Preis von ihm selbst erfahren. »Da hab' ich wirklich noch nicht nachgedacht. Ja, ich weiß nicht, die Stube ist hübsch, – was giebt man denn so?«

Sie sprach wie von etwas, was sie gar nichts anging und unter ihrer Würde lag. Er lächelte und sagte: »Na, ich denke, das wird sich schon finden.«

Die Thür schloß sich und er hörte noch, wie die seltsame Vermieterin nach »Emil« rief.

›Der wird hören!‹ dachte Gastelmeier – ›diesen dicken bequemen Frosch haben Sie sich nett gezogen, verehrte Dame.‹ Er stieg die Treppe weiter hinab. Jede Etage hatte eine Thüre, von der aus drei schmale Stufen direkt auf die Haupttreppe mündeten. In der ersten Etage ging es hinter dieser Thüre sehr munter zu. Lachende Mädchenstimmen.

›Auch ein Atelier,‹ denkt Gastelmeier und steht gerade vor der Thüre.

Die thut sich auf – und Gastelmeier weiß nicht wie ihm geschieht.

›Auch ein Atelier,‹ war für eine Weile sein letzter klarer Gedanke gewesen. Etwas ist aus der Thüre gestürzt, die Stufen herabgestolpert, über ihn hingefallen. Er hat sich kaum auf den Beinen halten können, ist gegen das Geländer gepreßt, ein paar Stufen hinabgewankt mitsamt seiner Last, die auf ihn gefallen ist.

»Tante Rebella, Tante Rebella, ums Himmels willen!« ruft es aus verschiedenen Kehlen. Köpfe zeigen sich an der Thüre. Jetzt kann Gastelmeier auch wieder um sich schauen. Er ist nicht mehr beschwert. Neben ihm steht ein Mädchen, das aus dunkeln Augen ihn entsetzt anstarrt. Sie steht noch nicht wieder fest auf den Füßen – der eine hat sich ihr im Kleide verwickelt und sie hat ihn noch nicht wieder freibekommen. Aber in ihrer Rechten hoch erhoben hält sie eine große Palette voller Farben, von der im Fall ein Stück abgebrochen ist mitsamt den Farben – und das Stück liegt oder klebt vielmehr auf Gastelmeiers Schulter. Auch hat die Palette seine Wange gestreift.

»Mein Gott,« sagt das Mädchen. Thränen stehen ihr in den Augen. Sie ist dunkelrot vor Schreck.

Eins der Mädel kommt jetzt aus der Thüre und nimmt ihr die Palette aus der Hand.

»Tante Rebella hat sich doch nichts gethan!« rufen die andern.

»I bewahre,« sagt das Mädel, die ihr die Palette abgenommen und die Kameradin auf die Füße gebracht hat.

Gastelmeier hat seine fünf Sinne noch nicht wieder recht beisammen – auch er fühlt sich, gottlob, trotz aller Verwirrung unzerbrochen.

»Das war nun so ein Eisenbahnzusammenstoß, mein Fräulein. Aber mir scheint wir sind mit heiler Haut davongekommen.«

»Ja, wir,« meinte das junge Mädchen zaghaft, »aber Ihr Rock. Sehen Sie nur,« – dabei zeigte sie mit bedenklichem Ausdruck auf das abgebrochene Stück Palette, das noch auf Gastelmeiers Schulter klebte, und entfernte es vorsichtig mit spitzen Fingern.

»Ich glaube,« sagte sie, »Sie müssen zu uns mit hinaufkommen, die Flecken werden Ihnen dann ganz gut abgewaschen.«

»Das Gescheiteste wär' es,« sagte eine von den Malerinnen, die da herumstanden.

Und so stiegen sie miteinander die steilen Stufen hinauf, die Gastelmeier eben fest entschlossen gewesen war, nicht wieder zu ersteigen.

Sie schwiegen beide.

›Rebella heißt sie,‹ dachte er, ›also die Olly ist's nicht – die Schwester von Emil. Also auch eine Rebella giebt's da oben!‹ Denn daß sie zu der Inseratenfamilie gehörte, war ihm eine ausgemachte Sache. Sie standen jetzt vor der Thüre, die sich vor kurzem hinter Gastelmeier geschlossen hatte, und Rebella bearbeitete diese Thüre energisch mit einer zarten, aber festen kleinen Faust. »Mama liebt die Klingelei nicht,« sagte sie zur Erklärung.

Das wußte er bereits.

Jetzt hatte er aber Muße, die kleine Hexe zu betrachten; weder Mama noch Emil erschienen, und die Trommelversuche wurden eine geraume Zeit lang fortgesetzt.

Rebella war eine liebliche und zugleich eigentümliche Erscheinung. Blütenjung – zierlich – fast schmächtig – ein feines blasses Gesicht, dunkles lockiges Haar, das nachlässig in einen Knoten geschlungen war, und dunkle, heiße lebhafte Augen, sie erinnerten ihn ein wenig an die der Mutter – deren Augen aber waren blau und nicht warm, nur unruhig. Ihre Gesichtsform fiel ihm besonders auf. Breite Stirn und dazu ein zierliches ausgeprägtes Kinn, – so daß die Konturen sich von der Stirn gegen das Kinn hin schnell rundeten.

Ein Goethescher Vers fiel ihm ein:

Voll Locken kraus ein Haupt so rund.

›Der alte Goethe hat für alles gesorgt, auch für diesen kleinen Balg.‹

Er kannte auch die Fortsetzung des Verses, denn er stand mit seinem Goethe auf einem guten Fuß; aber hier wendete er seine Kenntnis nicht weiter an. Sie war ihm zu unfrisiert, und außerdem hatten ihre Löckchen mit der Palette nähere Bekanntschaft gemacht. Oben auf dem Scheitel waren sie ihr farbig zusammengeklebt, zwar nur ein paar Flöckchen – und an der zierlichen Nasenspitze saß ihr ein gelber Fleck, als hätte sie unvorsichtig an einer Lilie gerochen. Er fühlte sich gewissermaßen gezwungen, die kleine Schweigsame aufmerksam zu betrachten, nicht nur weil er müßig dastand. Sie hatte etwas nicht Alltägliches, etwas Überraschendes, gehörte zu den Rassemenschen mit den beweglichen Nasenflügeln, den elastischen Muskeln, dem zarten festen Knochenbau.

Die Thüre wurde geöffnet, natürlich von Madame, nicht von Emil, der saß jedenfalls über seiner Zeitung.

»Mein Gott, laßt ihr mich lange klopfen,« sagte das Mädchen mit etwas erregter Stimme.

»Und Sie, mein Herr?« fragte die Öffnende.

»Ich hatte das Glück, von Ihrer Fräulein Tochter die Treppe hinabgeworfen zu werden.«

Ein unruhiger, vollkommen fassungsloser Blick heftete sich auf die Tochter.

»Olly!«

Also war es doch Olly!

»Ja,« sagte sie, »ich bin auf dem Treppenabsatz vor der Thüre hinuntergestolpert und habe ihn mit hinabgerissen.«

»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, es ist ihr nichts geschehen. Sie hat den Moment sehr klug gewählt.«

»Ja, aber der Herr ist mit Farbe vollgeschmiert und die Palette ist mir zerbrochen.«

Diese beiden Unglücksfälle berichtete das Mädchen auf eine trockene sachgemäße Weise, so daß Gastelmeier, der einigermaßen empfindlicher Natur war, sich nicht besonders geschmeichelt fühlte.

Der Herr ist vollgeschmiert, die Palette zerbrochen. Das ärgerte ihn wirklich.

Jetzt sagte die Dame, daß dieser Vorfall kein gutes Zeichen sei für die Mieter eines Zimmers.

»Oho,« meinte Gastelmeier.

»Sie haben das Zimmer gemietet?« sagte das junge Mädchen wieder trocken. »So, dann wundert mich nichts, bei uns gehts immer schief.«

»Emil!« rief sie jetzt – und o Wunder, Emil kam auf den ersten Ruf.

»Führe den Herrn in sein Zimmer und bringe dann alles, um die Ölflecken auszuwaschen.« Auf Emils verwunderte Augen hin berichtete das junge Mädchen mit Gleichgültigkeit den Vorfall noch einmal in aller Kürze.

›In sein Zimmer‹ – hatte sie gesagt. Sie hielt ihn also schon für den rechtmäßigen Eigentümer. Höchst unangenehm. Emil, der dicke Bursche, flüsterte ihr etwas zu und kicherte dabei wie ein Schulbube, der heimlich einen Streich erzählt.

»So«, sagte das Mädchen und wendete sich an Gastelmeier. »Das war also ein Mißverständnis; ich glaubte, Sie wären der Mieter unsres Zimmers. Verzeihung.«

Sie sah ihn mit den dunkeln großen Augen einfach und vornehm an, daß es ihm nicht recht geheuer zu Mute wurde und er nicht wußte, was er des Zimmers wegen sagen sollte. Und es war ihm, als wenn der Teufel seine Zunge einstweilen in Beschlag genommen hätte, als wenn sie ganz ohne sein eigenes Dazuthun die bedenkliche Unterhaltung führte.