In demselben Verlage sind von Helene Böhlau weiterhin folgende Werke erschienen:

Herzenswahn. Roman. Ein Band, brosch. 3 Mk. 60 Pf., elegant gebunden 4 Mk. 60 Pf.

Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung: Es ist ein feines psychologisches Gemälde von der zartesten Stimmung.

Schlesische Zeitung: … Wie ein ergreifendes Gedicht liest sich denn auch „Herzenswahn“; keuscher und schöner ist kaum die undeutliche Sehnsucht eines jungen Mädchens nach hingebender, alles umfassender Liebe gemalt worden, wie in diesem Buche …


Reines Herzens schuldig. Roman. Ein Band, brosch. 6 Mk., elegant gebunden 7 Mk.

Illustrierte Frauen-Zeitung: Seit langem hat uns keine Erzählung so angesprochen, wie diese schlichte sich in dem engen Rahmen kleinstädtischen Getriebes abspielende Geschichte. Als echte Dichterin verschmäht H. B. starke Motive und äußerliche Wirkungen; sie wirkt von innen heraus, von Herzen zu Herzen, und immer ist der Eindruck nachhaltig und tief.


Im Trosse der Kunst und andere Novellen. Ein Band, broschiert 3 Mk. 60 Pf., elegant gebunden 4 Mk. 60 Pf.

Münchener Neueste Nachrichten: Der Verfasserin muß zugestanden werden, daß sie die von ihr gewählten Stoffe vortrefflich zu behandeln versteht; auch ist ihre Diktion fließend, so daß niemand bereuen wird, der Lektüre dieser Novellen einige Stunden der Muße gewidmet zu haben.

Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung: Helene Böhlau besitzt in hohem Maße die Gabe der Naturwahrheit. Ihre Geschichten sind so fest umrissen, daß man sich besinnt, ob man nicht den Urbildern schon begegnet sei … Die Verlagsbuchhandlung hat mit diesem Buche eine sehr dankenswerte Bereicherung der modernen Litteratur gebracht.

Helene Böhlau.
Ratsmädelgeschichten.

Die Mutter der Rathsmädel.
Nach einem Miniaturbild, gemalt von Dora Arnd, Freiburg i./B.

Ratsmädelgeschichten

von
Helene Böhlau,
Madame al-Raschid Bey.

Sechste Auflage.

J. C. C. Bruns’ Verlag, Minden i. W.
Herzogl. Sächsische und Fürstl. Schaumb.-Lippische Hof-Verlagsbuchhandlung.

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.

Hofbuchdruckerei von J. C. C. Bruns, Minden i. W.

Meiner Mutter gewidmet.

Inhalts-Verzeichnis.

Erste Geschichte. Seite.
Ein dummer Streich trägt zwei schönen Kindern einen guten Freund fürs ganze Leben ein [1]
Zweite Geschichte.
Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen verwundern würde [37]
Dritte Geschichte.
Handelt von der alten Kummerfelden [107]
Vierte Geschichte.
Die Ratsmädel laufen einem Herzog in die Arme [137]
Fünfte Geschichte.
Das Damengärtchen [155]
Sechste Geschichte.
Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die ersten Liebesbriefe ihrer Töchter dachte [205]
Letzte Geschichte.
Das Gomelchen [227]

Erste Geschichte.
Ein dummer Streich trägt zwei schönen Kindern einen guten Freund fürs ganze Leben ein.

Mitten im großen deutschen Reiche liegt ein weit und breit berühmtes Städtchen, Weimar im Thüringerlande. Da regierte, als meine Großmutter noch ein Kind war, ein sehr kluger und guter Fürst, der durch seine Güte und Weisheit große Dichter, die zu jener Zeit lebten, dazu vermocht hatte, bei ihm in seinem Städtchen zu wohnen. Und da er ein so überaus kluger Herr war, den jedermann liebte und verehrte, so kamen Dichter und Gelehrte gerne von allen Seiten, lebten in der Stadt des Fürsten und schrieben dort so herrliche Dinge, daß alle Welt darüber in Staunen geriet. Und noch jetzt ist das, was diese Männer damals gedacht und gedichtet haben, das Schönste, was wir kennen, und wird noch lange, lange Zeit das Schönste bleiben.

Von diesen Männern ist alles oftmals erzählt und genau beschrieben worden, und die Menschen werden in Jahrhunderten noch von ihnen reden. Aber neben ihnen wohnten in jenen Tagen gar viele Leute in der Stadt, von denen niemand mehr spricht. Die hatten auch ihre Freuden und Leiden, auch ihre guten Stunden, fühlten und empfanden tief, waren froh und litten, hatten auch Herzen wie jene. Sie sind gestorben und vergessen.

Ueber viele gute Leute waren damals schwere Zeiten hereingebrochen, Krieg und Not. Einige wenige leben noch, die von den vergangenen Zeiten zu erzählen wissen.

Von solchen habe ich es erfahren, daß damals in der engen, winkeligen Windischengasse in Weimar, die von jung und alt nur Wünschengasse genannt wurde, in einem hohen, schmalen Hause ein Herr Rat wohnte mit Frau und Kindern. Es waren zwei Buben, die in der Schule schon in den oberen Klassen saßen, und zwei jüngere Mädchen, welche Röse und Marie hießen und von den Nachbarsleuten, von den Gassenbuben und von jedermann die Ratsmädel genannt wurden. Und in der Wünschengasse und darüber hinaus war wohl keiner, der die Ratsmädchen nicht kannte und nicht recht wohl wußte, daß sie ein paar wilde Kreaturen waren, die ihrer Mutter Not machten. Spielten Röse und Marie mit den Schulbuben auf der Gasse, da that sich wohl ein Fensterchen in dem Hause auf, vor dem sie gerade ihr Wesen trieben, und eine Frau in großer Haube oder ein guter, alter Nachbar, der bedächtig das Wochenblatt las, rief hinaus: „Röse, binde deine Zöpfe zusammen! Marie, patsche nicht in den Pfützen! Wollt ihr wohl, Röse und Marie, oder es setzt etwas, wenn’s der Vater hört!“ An dergleichen Zurufe von seiten der Nachbarsleute schienen die Ratsmädchen gewöhnt. Es machte ihnen wenig aus. Im Gegenteil wurden sie desto lustiger, thaten, was sie wollten, machten ihre Sache in der Schule schlecht und waren in jeder freien Stunde auf der Gasse oder irgendwo vor der Stadt zu finden oder auch nicht zu finden. Sie hatten beide absonderlich dicke Zöpfe, die hingen ihnen schwer am Rücken herunter, und wenn sie miteinander in ihren Ginghamkleidern über die Straße schlenderten, und ein Gassenbube wollte mit ihnen Neckereien treiben, oder sie waren mit ihren guten Freunden in Streit geraten, da langten sie ihre Zöpfe vor und fuchtelten damit um sich her, daß so ein Vorwitziger, der mit ihnen angebunden, allen Respekt davor bekam. Denn ein fester, straff geflochtener Zopf hat schon seine Wucht, wenn er einem Bengel über Nase und Wangen fährt.

Die Zöpfe haben den beiden manchen Spaß eingebracht.

Röse und Marie konnten sich in ihr bräunlich blondes Haar, wenn sie es aufflochten, wie in einen Mantel wickeln. Und eine vornehme Dame, die Prinzeß Karoline, die den Herrn Rat und auch die Kinder kannte, ließ die beiden munteren Mädchen manchmal zu sich auf das Schloß kommen und hatte sie eines schönen Tages, um sich mit ihnen zu vergnügen, sich auf zwei Schemelchen setzen lassen, ihnen das Haar aufgeflochten und um sie herumgekämmt, daß es ihnen auch die Gesichter überdeckte, auch die Kleider und Füße und noch ein gut Stück auf der Erde hin lag. Darauf hatte sie allerlei vornehme Leute hereingerufen und sie raten lassen, was für wunderbare, glänzende Geschöpfe da vor ihnen kauerten. Der Anblick mochte ganz eigentümlich gewesen sein, so daß niemand recht wußte, was er davon halten sollte, bis die Ratsmädel verlegen aufstanden und sich das Haar aus den heißen Gesichtern strichen.

Die Ratsmädel, das wissen wir nun schon, waren ein paar lose Vögel. Sie hatten aber auch in der wunderlichen Zeit Dinge erlebt, von denen heutzutage kein noch so wilder Junge sich eine Vorstellung machen kann; von einem Mädchen gar nicht zu reden. — Eine gute Weile lang sah man täglich fremdes Kriegsvolk durch die Straßen ziehen und hörte Kanonen und schwerrollende Pulverwagen über das Pflaster fahren. Mit Herzklopfen lauschten die Leute im Städtchen auf den dumpfen Kanonendonner, der bis nach Weimar dröhnte, als bei Jena die furchtbare Schlacht geschlagen wurde, in der Napoleon den Sieg errang.

Und später, da gab es in der Wünschengasse oftmals russische Soldaten, Kosacken, die hatten dort ihr Lager aufgeschlagen. Die kauerten des Nachts auf Stroh und schnarchten, und ihre Pferde standen neben ihnen und ließen die Köpfe hangen. Damals haben die Ratsmädchen auch Plünderung mit erlebt. Als die Franzosen in Weimar wirtschafteten, haben sie gesehen, wie mir nichts, dir nichts, die Franzosen nahmen, was sie fassen konnten; — wie sie aus des Vaters Hause kamen und die schönen Schinken aus der Vorratskammer forttrugen, und diese Schinken hatten sie gar an rosa und blaue Schärpenbänder gehängt und so über die Schultern geworfen. Die Schärpenbänder aber waren die, welche die Mutter den Mädchen sonst Sonntags um die Kleider geknüpft hatte! Als Röse und Marie das vom Fenster aus gesehen, da kamen sie weinend zu ihrer armen Mutter gelaufen, die bleich im Lehnstuhl am Ofen saß, während der Vater sich draußen mit den Franzosen abplagen mußte.

An demselben Tage, an dem dies geschehen war, hockten die beiden wieder auf dem Fensterbrett. Sie waren allein im Zimmer. Da sahen sie, wie ein paar Franzosen in dem Konditorladen, der Rats gegenüber lag, sich zu schaffen machten. Dieser Konditorladen war den Mädchen von jeher als das Verlockendste erschienen, was es auf der Welt geben konnte. Er gehörte einer alten Frau Ortelli, und die Mädchen schauten mit Spannung durch die Scheiben, was die lärmenden, schwadronierenden Franzosen wohl vorhätten. Da sahen sie, und der Atem stockte ihnen, wie die Soldaten aus einem Kasten die schönsten Figürchen, bunte Männerchen und allerhand farbiges Viehzeug, „hast du nicht gesehen“, mit vollen Fäusten zur Thüre hinauswarfen, dabei lachten und schrieen.

Daß so etwas überhaupt möglich sei, hatten die Mädchen sich nicht träumen lassen. Ohne etwas darüber zu reden, sprangen sie beide wieder von ihrem Fensterbrett; Röse nahm ein blau-getupftes Tragkörbchen, das ihrer beider Eigentum war und hinter dem Ofen stand, und sie liefen stumm und eilig einmütig miteinander die Treppe hinab und sammelten unten die Zuckerfigürchen. Da war schon von den Herrlichkeiten manches von vorüberziehenden Soldaten und Pferden zerstampft und zertreten worden, aber wie Röse und Marie über dem Sammeln waren, half ihnen ein freundlicher Franzose, ein Soldat, dabei.

Sie hatten solche und andere ganz unglaubliche Dinge erlebt. Ein alter Kosack, der bei ihnen im Quartier lag und dem diese Mädchen gut gefielen, wollte ihnen einmal einen Spaß machen und hatte sie in seinem zweirädrigen Wagen, den er „Kibitka“ nannte, mit über Land genommen; und das war eine Fahrt gewesen, die sie ihr Lebtag nicht vergessen konnten. Das ging wie der Wind, wie der Blitz!

Der alte Kosack in seinem Pelzrocke hieb auf die Pferde ein, daß sie nur so rasten und daß die Funken sprühten; — so fahren die Kosacken! — und der zweirädrige Wagen stieß und flog, und die Mädchen klammerten sich an dem schmalen Holzsitze fest, und der Atem verging ihnen, so schnitt ihnen der Wind bei der Schnelligkeit, mit der sie fuhren, an den Gesichtern hin. Der alte Kosack lachte und sagte immer: „Nix, nix!“ und fuhr weiter und weiter, und die Bäume und Felder schwirrten nur so an ihnen vorüber, so schnell ging es, wie noch kein Mensch in Deutschland je gefahren war. Und als der Kosack sie endlich vor ihrem Hause abgesetzt hatte, da zitterten sie noch.

Dann einmal hatten ihre Brüder von einem anderen Kosacken ein Pferd um achtzehn Pfennige gekauft, das hatte der durstige Kerl los werden wollen, da er es wegen Futtermangels doch nicht behalten konnte. Wie die Brüder aber das Pferd mit heimbrachten, da gab es Zank bei Rats, und die armen Buben mußten ihren Gaul mit schwerem Herzen wieder fortschaffen. Aber so darunter und darüber ging es dazumal her, daß die Schuljungen für ein paar Pfennige zu einem Pferde kommen konnten, für soviel, wie sie jetzt wohl für ein Dutzend Schußkugeln anwenden.

Mit dem Essen und Trinken hingegen war es schlimmer bestellt, das nahm ihnen die Einquartierung vor der Nase weg. — Es gab, wenn die Soldaten im Hause lagen und mit am Tische aßen, eine braune Mehlbrühe, in die waren Fleischstücke und Brotstücke hineingeschnitten, die sich einander an Größe gleichkamen, aber es wurde damit wie folgt gehalten: die Fleischstücke für die Soldaten, die Brotstücke für Eltern und Kinder. — Das waren böse Zeiten! Die Mutter hatte den Kopf voller Sorgen und hatte Not und immer Not, das Essen zu schaffen, und wußte nicht, wo sie die Kleider hernehmen sollte; denn mit dem Gelde ging es knapp zu. Sie konnte auch nicht immer nach den Kindern sehen, wie sie es sonst wohl gethan hätte und konnte nicht nachkommen, ob es mit ihnen in der Schule gut stände.

So war es geschehen, daß die Mädchen ein bißchen wild aufwuchsen. Auch als die Zeiten wieder ruhiger wurden, blieben sie noch immer ein paar rechte Rangen, schwänzten die Stunden, so oft es sich thun ließ; wurden von dem Lehrer ihrer Faulheit wegen tüchtig abgestraft, machten sich aber wenig daraus; spielten in einem Wäldchen, das das Schänzchen heißt und nahe bei der Stadt liegt, die lustigsten Spiele mit allerlei Kindervolk; schrieen und lärmten und hatten nichts im Kopf, als wie sie ihre Tage recht munter hinbringen könnten. In dem Wäldchen war es eine Lust, wie sie lebten. Da gab es Gruben und Höhlen, dichtes Buschwerk und tausend Verstecke; dort hatten sie sich eingenistet und spielten Räuber nach Herzenslust, hatten dort ihre Schlösser und Burgen. Da gab es Krieg und Verteidigung, es wurde gefangen genommen und befreit, und Röse und Marie waren immer dabei. Eine Schande aber blieb es, wie wenig sie lernten, und daß sie sich nicht die geringste Sorge um ihre Faulheit machten.

Da wohnte in der Wünschengasse eine Jüdin, welche die Kinder unter dem Namen die dicke Nanni kannten. Sie hieß Nanni Veit und war eine ältliche Person, die sich um alles kümmerte, was die Nachbarn thaten. Sie war im ganzen gutmütig, nur etwas neugierig und schwatzhaft und stand in dem Rufe, reich und geizig zu sein. Die war auf die Ratsmädchen nicht gut zu sprechen; denn sie kannte auch Mariens und Rösens Lehrer. Und als sie wieder einmal eines schönen Tages ganz besonders ihren Aerger über die Mädchen gehabt hatte, da war sie zu der Frau Rat hinübergegangen. Die Frau Rat hatte die Jungfer in die gute Stube geführt, und Röse und Marie, denen es aus guten Gründen gar nicht recht wohl ums Herz war, daß die dicke Nanni bei der Mutter saß, lauschten an der Thüre und stießen sich gegenseitig vom Schlüsselloch weg. Was sie aber erlauschten, das waren schlimme Dinge.

Die dicke Nanni sagte, nachdem sie ihre Meinung über das Wetter ausgesprochen und bemerkt hatte, daß den Fruchtknospen nach heuer wenig Obst zu erwarten sei, „ja, Frau Rat, das ist nun so, und wenn Ihr es nicht übelnehmen wollt, da möchte ich Euch mit meines Herzens Meinung kommen. Da Ihr es nicht zu wissen scheint, daß Röse und Marie die Schule schwänzen, so wäre es gut, dächte ich, wenn Ihr es wüßtet, und deshalb habe ich mich heraufgemacht. — Ihr stellt Euch das nicht so vor, aber der Lehrer weiß sich nicht mehr zu helfen; da ist kein Auskommen. Ich sage Euch, Frau Rat“ — so ging es fort. Die Jungfer redete der guten Nachbarin zu, ein strengeres Regiment zu führen. „Die Mädchens würden nun zu groß.“

Bald mußten Röse und Marie vom Schlüsselloche weghuschen, denn der Vater kam die Treppe herauf und ging ernst und gemessen, wie es seine Art war, an den beiden vorüber, die sich ganz harmlos an das Fenster gestellt hatten, und ging auch in das Zimmer hinein. Nun wagten sie nicht wieder, zum Lauschen an die Thüre zu schleichen.

Sie gingen in ihr Kämmerchen, das eine Treppe höher lag, setzten sich miteinander auf Rösens Bett und kamen überein, daß es die dicke Nanni unten durchaus nichts anginge, wie sie es mit der Schule hielten, und daß es von ihr heimtückisch wäre, sie in eine so dumme Verlegenheit zu bringen. „So eine alte Klatsche!“ sagte Röse. Da hörten sie unten die Thüre gehen, faßten sich ein Herz und schlichen sachte oben die Treppe herab, so weit nur, um zu hören, was es gäbe, ohne daß man sie bemerken könnte. Und sie hörten, wie die Mutter mit ihrer eigentümlich weichen Stimme sagte, und jetzt klang die Stimme leise zitternd: „Ich danke Euch noch einmal, Jungfer Veit. Ihr meint es gut, und ich nehme es auch gut auf. Es sind böse Zeiten gewesen, und man hat noch schwer daran zu tragen. Ihr habt mir einen guten Rat mit der Concordia Loisette gegeben, ich werde es mir überlegen.“

„Was denn?“ sagte Röse zu Marien. „Was wollen sie denn mit der Jungfer Loisette?“ „Gar nichts!“ flüsterte Marie und atmete tief auf. Noch nie war die Stimme der Mutter Rösen und Marien so zu Herzen gedrungen, wie eben jetzt. Sie hatte geweint!

„Daran ist die alte Nanni schuld!“ dachte Marie und bog sich etwas über das Geländer. Da hörte sie, wie die Nanni sagte, etwas schnarrend, wie es ihre Art war: „Da habe ich heute eine Eile, kaum daß ich mir den Weg zu Euch, Frau Rat, absparen konnte; muß ich jetzt noch mit meiner Dorothee das Korn in die Mühle tragen, was denkt Ihr, und habe vorher noch die Wäsche zum Einsprengen zu bringen!“

„Geizdrache!“ rief Marie leise hinunter.

Und die Mutter sagte zu Nanni: „Ja, Jungfer Veiten, das solltet Ihr nicht thun, wozu haben denn die Müller die Ställe voll Esel? Ihr solltet doch das Korn nicht selber tragen.“

„Ja, ja, Frau Rat, wo es einen Groschen zu sparen giebt, da sollte man es wohl thun.“ Das sagte sie so etwas anzüglich, wie es ihre Art war. Und Röse und Marie hatten einen rechten Aerger auf sie; sie setzten sich nebeneinander auf der Treppenstufe zurecht und trauten sich nicht, hinunterzugehen.

In Weimar gab es zu jener Zeit gar viele Mühlen. Da war die Burgmühle, die Federwischmühle, die Lottenmühle, die Gassenmühle und noch manche andere. Damals kauften sich die Leute nicht fertiges Mehl, sondern ungemahlenes Korn, das die Bauern Markttags in die Stadt einfuhren, und jede Familie ließ sich des Jahres ein paarmal ihr Korn in einer jener Mühlen mahlen und bestellte sich den Müllerknappen, daß er das Korn abhole. Der kam dann und lud den Kornsack auf seinen Esel. Das war natürlich für die Kinder jedesmal ein Fest.

„So ein Geizdrache!“ sagte Röse wieder. „Schleppt das Korn selbst! Man sollte ihr doch einmal einen Streich spielen und ihr alle Esel über den Hals schicken.“

„Du bist klug,“ meinte Marie, „das möchte ich sehen, wie das anginge?“

„Wir bestellen sie,“ sagte Röse; „das soll keine Menschenseele verraten, daß wir sie bestellt haben.“

Da rückten die beiden Mädchen eng aneinander und flüsterten und zischelten und kniffen sich vor Freude in die Finger. Eine wurde übermütiger als die andere, und es dauerte nicht lange, da schlichen sie die Treppe hinab bis hinunter in den Hausflur und in dem Hausflur stießen sie sich vor lauter Unternehmungslust ein paarmal gegen die Thürpfosten; das war so ihre Art, sich miteinander zu vergnügen. Darauf liefen sie in bester Laune die Gasse hinunter auf den Markt und hatten alle Not und Sorge vergessen. Dort trafen sie einen Jungen, der ihr guter Freund war, den nahmen sie mit und vertrauten ihm alles. Dann schickten sie ihn in die Federwischmühle und warteten draußen vor der Thüre und ließen ihn dem Müller sagen: „Die Jungfer Veit in der Wünschengasse will um sechs Uhr mahlen lassen, einsäckiges Korn, und der Esel möchte kommen.“ Dann gingen sie in die Lottenmühle, in die Burgmühle, und überall mußte der Junge dieselbe Ausrichtung machen. Als sie aber vor der Gassenmühle standen, da sagte der Junge, er wolle lieber nicht hineingehen, denn es hätte mit Budang neulich etwas gesetzt, und da hätte er es abgekriegt. — Budang war der Sohn des Müllers, und der Müller hieß Loisette; dessen Vater war französischer Mundkoch am Hofe gewesen. Der Sohn hieß Heinrich und wurde von Jungen und Mädchen Budang genannt; weshalb, das war nicht recht bekannt. Wahrscheinlich hatten sie ihm einen französischen Namen geben wollen und kannten nur ein einziges Wort, das ihnen französisch vorkam, das war Pudding, das Gute, Süße, die Seltenheit, die mancher nur dem Namen nach kannte. So mochte wohl aus Pudding „Budang“ unter ihnen entstanden sein, denn sie sprachen alle sehr schlecht miteinander, gerade so, wie es auf den Weimarischen Gassen noch heute Mode ist.

Die Gassenmühle war ein wunderliches Haus, hatte den Giebel nach der Straße zu, die sehr abschüssig ist und der Bornberg heißt. In einen ganz kleinen, dunklen Hof führte ein schmales Pförtchen. Durch den Hof aber floß ein klarer Bach, der ein großes, düsteres Mühlrad trieb.

Die Gassenmühle hatte ein geheimnisvolles Aussehen, und man glaubte, daß es darin spuke.

In der Mühle wohnte der Müller Loisette mit seiner Schwester Concordia und dem Sohne Heinrich, der auf der Gasse Budang genannt wurde. Der war ein hübscher Junge und etwas älter, als die Ratsmädel, sehr zierlich, mit krausem Haar und dunklen Augen. Er hatte sich den Schulbuben und Mädchen gegenüber in Respekt gesetzt; wodurch, wußten sie auch nicht recht, aber sie hatten Respekt vor ihm. Er war ein vorzüglicher Schüler, ließ sich nichts zu Schulden kommen und wußte, wenn es darauf ankam, eine tüchtige Faust zu führen, so daß manche von ihm schon etwas verspürt hatten.

Er gehörte aber nicht zu dem Volke, das in dem Wäldchen sein Wesen trieb.

Jetzt standen also Röse, Marie und der Junge vor der Mühle und keines wagte sich hinein. Da kam der Mühlknappe aus dem feuchten, kühlen Hofe und stellte sich breitspurig vor die Pforte, um eine Pfeife zu rauchen. Röse trieb den Jungen an, seine Ausrichtung zu machen, so daß er wohl oder übel gehen mußte, um seinen Spruch dem Knappen zu sagen.

„Die Jungfer Veit in der Wünschengasse will mahlen lassen, einsäckiges Korn, und Ihr möchtet ihr einen Esel schicken, um sechs.“

„Jawohl,“ sagte der Knappe, „heute um sechs.“

Da schaute aber Budang zum Fenster heraus und guckte ein bißchen in die Luft und sah, ganz ohne etwas zu denken, die Ratsmädel stehen, erkannte den Jungen, dem er etwas aufgeblitzt hatte, und nickte ihm zu, als wollte er sagen: „Wir kennen uns schon.“

„Das war dumm, daß Budang guckte,“ sagte Marie. Und sie gingen nun langsam in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wieder zurück. Als sie die Treppe hinauf stiegen, rief die Mutter gerade nach ihnen, und sie antworteten etwas kleinlaut. „Kommt gleich herauf und geht in die Stube,“ sagte die Mutter. Sie hatte eine Schüssel in der Hand und mochte wohl in der Küche noch zu thun haben. „Geht nur, ich komme gleich,“ sagte sie, als die Mädchen noch standen und unentschlossen auf die Schüssel blickten. Im Zimmer war niemand, und Röse und Marie drückten sich, etwas unbehaglich gestimmt, am Fenster herum. Röse spielte mit dem Fingerhut der Mutter, ließ ihn auf dem Fensterbrett hin und her rollen, bis er hinunterfiel, und Marie schnippte mit der Schere einen festen, schönen Zwirnfaden in kleine Endchen. Es wurde ihnen mit der Zeit beklommen zu Mute. Da kam endlich die Mutter herein und sagte: „Ich bin recht bekümmert Euretwegen. Ihr seid doch schon große Mädchen und solltet verstehen, daß es Eurer Mutter manchmal sauer wird, mit allem fertig zu werden; aber da müssen mir fremde Leute sagen, was für faule, ungeratene Kinder ich habe. Ihr macht mir das Herz recht schwer.“

Röse und Marie, als wären sie bis dahin blind gewesen, sahen mit einem Male, wie ihre Mutter so blaß war, und wie sich schon ein paar graue Fädchen durch ihr dichtes Haar zogen, und das bewegte sie. Sie sahen auch, daß ihre Augen rot geweint waren. Keine wagte etwas zu erwidern, aber beiden klopfte das Herz, und sie wünschten in diesem Augenblicke nichts weiter, als die Mutter möge nicht so traurig aussehen. Lieber hätten sie vom Vater einen gehörigen Sermon bekommen, der würde ihnen das Herz nicht so beschwert haben, wie die wenigen, ruhigen Worte der Mutter, die dieser so ganz aus der Seele kamen.

„Morgen,“ sagte die Frau Rat, „werdet Ihr zu der Jungfer Concordia Loisette gehen, die wird Euch Nähstunden geben und zweimal die Woche einen französischen Unterricht. Ich ermahne Euch zu nichts. Macht, was Ihr wollt! denn wenn Euch Euer Herz nicht sagt, was Ihr von heute ab zu thun habt, ist jede Rede unnütz.“ Damit ging die Mutter wieder an ihre Geschäfte.

„So! Das meinte sie vorhin auf dem Flur, wir sollen zu den Loisettens,“ sagte Röse und sah Marie bedenklich an. „Das hat uns die Veiten gut eingebrockt.“ Da schlug die Wanduhr in der Stube halb sechs, und beide sahen vor sich hin und schwiegen.

„Marie,“ sagte Röse kleinlaut, „in einer halben Stunde sind die Esel da.“ Wie sie Marien anblickte, sah sie, daß diese eine erbärmliche Miene zog, und daß ihr eine Thräne schon bis herunter an das runde Kinn gelaufen war. „Hast Du Angst?“ fragte Röse mit etwas unsicherer Stimme.

„Ja!“ sagte Marie schwer bedrückt, denn es war ein böses Zusammentreffen, der Mutter bedeutungsvolle Mahnung, die Aussicht, schon am nächsten Tage in der Gassenmühle zu Jungfer Loisette gehen zu müssen, und der Unfug, den sie gegen die Jüdin eingeleitet hatten. Wie bald konnten sie nun erwarten, daß die Müller von allen Seiten der Stadt sich in der Gasse vor dem Hause der Jungfer versammeln würden, und daß es da Hallo gäbe, das war vorauszusehen.

Röse, die eine ruhigere Gemütsart als ihre Schwester hatte und sich nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ, sagte: „Ach was! herauskommen wird es schon nicht, und was wird denn Großes dabei sein, einmal einen solchen Drachen zu ärgern. Wir gehen jetzt gleich hinauf zu Corniceliusens,“ das waren Beutlersleute, die der Jüdin gerade gegenüber wohnten, „und wenn es losgeht,“ fuhr die leichtsinnige Röse fort, „dann laufen wir hinunter in die Thorfahrt und gucken durch die Spalte.“ Sie machten sich also schnell auf die Beine, um noch hinüber zu den Nachbarn zu kommen. Diese freuten sich, als die Ratsmädchen bei ihnen eintraten, denn sie standen auf sehr gutem Fuße miteinander, und der Beutlermeister sagte zu seiner Frau: „Geh und hole doch von den Backpflaumen!“

Die Ratsmädchen waren schon oft so regaliert worden; aber heute konnten sie sich auch nicht zu einer einzigen entschließen; denn vor lauter Aufregung und Angst wurde ihnen das Schlucken schwer, und sie betrachteten die guten Pflaumen, als wären es Kieselsteine. Sie wagten nicht, an das Fenster zu treten, und stellten sich beide neben den Meister Cornicelius, der an einer Bauern-Lederhose arbeitete, mit seiner kurzen, festen Nadel und dem blankgewichsten Faden ausholte und in das Leder einstach, stetig und unaufhaltsam, als wäre er durch ein Uhrwerk aufgezogen und könnte erst aufhören, wenn dieses abgelaufen sei.

„Ja, ja, ja!“ sagte der Beutler und schaute während seiner Arbeit mit einem freundlichen Blick zu den Mädchen auf, die neben ihm standen und zusahen. „Für wen wird denn die Lederhose?“ fragte Röse, die es für nötig fand, etwas zu reden.

„Die ist auf Vorrat, Röschen,“ erwiderte der Beutler, ohne innezuhalten.

„Ja, was ist denn das?“ rief mit einem Male die Beutlersfrau und trat ans Fenster. „Kinder, kommt schnell einmal her!“ Den Ratsmädchen aber wurde es angst und bange; da hatten sie die Bescherung. Unten vor der Thüre der dicken Nanni waren die Müller mit samt den Eseln angelangt; die Jungfer war eben auch schon aus dem Hause getreten, und der Lärm ging los. Die Nachbarsleute rissen die Fenster auf, wer auf der Straße war, kam zugelaufen; es sammelte sich von allen Seiten, und Müller und Esel waren bald eingeschlossen von neugierigen Gaffern, mitten unter ihnen die dicke Nanni. Sie hatte ein weißes Linnen über dem Arme hängen, und die große Haube saß ihr schief auf dem Ohre.

Die war in Rage; der Tausend, das ging wie Semmelbacken! Da hatte, wer nur den Mund aufthat, ohne daß er ausgesprochen, seine Antwort und zwar eine doppelt gesalzene und gepfefferte. Die Meisterin öffnete jetzt das Fenster und drängte die Mädchen, damit sie ja alles sehen sollten, ganz vorne hin. Der Meister machte sich auch in die Höhe und stellte sich mit eingestemmten Armen hinter die Frau. So waren die Ratsmädchen gefangen und mußten, sie mochten wollen oder nicht, mit ansehen, was sie angerichtet hatten. Sie hätten es sich noch vor zwei Stunden nicht besser wünschen können. Jetzt aber hätten sie sich am liebsten verkriechen mögen. Die Herzen waren ihnen ganz gehörig schwer; denn so einen Straßenlärm veranlaßt zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Aber so viel hörten sie aus all dem Zank unten heraus, daß die Jüdin sich von den Müllern selbst zum besten gehalten glaubte; sie hatte kein gutes Gewissen gegen die Müller. Diese mochten noch so sehr auf ihrem Rechte bestehen, sie hörte nicht darauf, sondern, nachdem sie ihrem Herzen Luft gemacht, stemmte sie den linken Arm in die Seite, schaffte sich, wie es ihre Art war, tüchtig Platz, verschwand in ihrem Hause und warf die Thüre hinter sich zu. Nun räsonnierten die Müller noch eine Weile untereinander, und erst nach und nach wurde der Menschenknäuel unter dem Fenster lichter; die Müller mit ihren Eseln zogen ab, und alles verlief sich.

„Da geht auch Budang!“ sagte Marie schüchtern zu Röse.

„Ja!“ sagte Röse.

Als die Mädchen miteinander die Treppe hinuntergingen, um nach Hause zu laufen, da stand, als sie aus der Thüre traten, Budang da, trat auf sie zu und sagte: „Das seid Ihr gewesen! Ich habe Euch wohl gesehen! Jetzt hier am Fenster und vorhin. Schämen solltet Ihr Euch!“ Jetzt trat er ihnen noch einen Schritt näher. „Wenn Ihr Jungens wär’t,“ sagte er mit zorniger, leiser Stimme, „da setzte es jetzt etwas; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

Damit ließ Budang sie stehen. Er sah nur noch, daß Marien die Thränen in den Augen standen, und es auch Röse schon um den Mund zuckte, aber was ging ihn das an.

Die Mädchen waren sehr betroffen, es hätte ihnen gar nichts Schlimmeres passieren können, denn Budang stand hoch in ihrer Meinung, und sie hatten nur immer ihren Ärger gehabt, daß er es nicht mit ihnen hielt. Sie waren ganz zerknirscht von Budangs offenbarer Verachtung, wie er sie gegen sie gezeigt hatte.

In einem trostlosen, reuevollen Zustande kamen sie zu Hause an; der wurde ihnen ganz unerträglich, so daß sie am liebsten laut geweint hätten, als bei Tische die Brüder von der Eselgeschichte erzählten und ihren Spaß daran hatten. Die Brüder bekamen aber von dem Vater einen starken Verweis. Er wolle nicht, daß seine Söhne sich an solchen Rüpeleien vergnügten, sagte er, und so etwas von Scham und Ärger, wie die Mädchen jetzt fühlten, war noch nie in ihnen aufgestiegen. So früh es nur anging, schlichen sie sich hinauf in ihre Kammer. Den andern Tag sollten sie zur Jungfer Loisette in die Mühle gehen und würden Budang begegnen; das stand ihnen mit Entsetzen den ganzen Abend vor der Seele. Sie konnten darüber nicht zum Einschlafen kommen, und Marie kroch vor lauter Angst zu Rösen ins Bette, legte den Arm um die Schwester, und so schliefen die beiden Schelme, als sie trotz aller Sorge und Not gar zu müde wurden, ein und schliefen bis in den hellen Morgen.

Das war eine schwere Stunde, als sie am anderen Tage nach der Vesperzeit, von der Mutter jede mit einer Näharbeit ausgerüstet, zu der Jungfer Loisette geschickt wurden. Als sie vor der Gassenmühle standen und sich nicht hineinwagten, hofften sie von Minute zu Minute, daß etwas geschehen würde, um sie zu retten. Röse hatte vor lauter Angst und Scham grausame Ideen, daß es ihr z. B. recht gewesen, wenn die Mühle mitsamt der Jungfer und Budang so vor ihnen in die Erde hineingerutscht wäre. — Aber was half’s; sie mußten sich entschließen. Zaghaft gingen sie durch das kleine Höfchen. Über das mächtige Rad rauschte der kalte, klare Mühlbach, und sie hörten das Mahlwerk klopfen und hämmern. Als sie in die Mühle traten, fühlten sie, wie die Dielen leise zitterten, denn alle Räder waren in Arbeit, und aus dem Mehlraum drang es wie feiner Staub, und das ganze Haus roch kräftig nach frischem, trockenem Mehl. Alles war rein und sauber, die Treppen schneeweiß, und die Mehl- und Kornsäcke lagen rings an den Wänden in Reih und Glied aufgeschichtet. Mit klopfendem Herzen stiegen sie die blanke Treppe zum ersten Stock hinauf, wo die Müllersleute wohnten. Röse faßte Mut und klopfte. „Herein!“ rief es. Röse öffnete, und sie traten beide in eine große, niedere Stube. Da kam ihnen die Mamsell Concordia Loisette entgegen; sie war ein feines Persönchen, sehr klein und schmächtig. Röse war fast schon größer, als sie. Die Mamsell Concordia hatte ein frisches Gesicht und lebhafte graue Augen.

„Nun, da kommt Ihr,“ sagte sie, „da wollen wir einmal sehen, wie es um Eure Näherei steht!“ Die Ratsmädchen aber achteten kaum auf das, was die Mamsell sagte, denn in der großen Stube am Ofen saß Budang an einem Tischchen und drehte ihnen den Rücken zu. Er nahm keinerlei Notiz von ihrem Eintreten.

Die Jungfer Concordia sah sich die beiden Ratsmädchen, die demütig und geduckt nebeneinander standen, lächelnd an und sagte, indem sie sich an Röse wendete: „Nun, wie ist es denn gekommen, daß sie Euch so Hals über Kopf hierher geschickt haben? Ihr habt es wohl ein bißchen arg getrieben?“

Da wurden die beiden rot bis hinter die Ohren und erwiderten nichts. Concordia hatte sie in einem scherzenden, lustigen Tone gefragt, der ihnen gut gefiel, und sie bekamen gleich eine gute Meinung von der Jungfer.

Concordia deckte den Tisch und setzte hübsche, bunte Tassen darauf, die große Kaffeekanne und ein Stück selbstgebackenen Kuchen.

„Das ist zum Schulanfang,“ sagte sie.

Daß es so zugehen könne, hatten die beiden armen Sünderlein sich nicht vorgestellt. Dann nahm Concordia noch ein Glas mit drei frischen Rosen, das im Fenster stand, und setzte es neben den Kuchen auf das weiße Tuch.

Den Mädchen wurde es ganz feierlich zu Mute.

Alle nahmen ihre Stühle, auch Budang, und setzten sich um den Tisch. Als die Jungfer eben eingießen wollte, da fiel eine von den drei Rosen aus. Sie hatte daran gestoßen, und die schönen rosa Blättchen lagen auf dem weißen Linnen. Die Jungfer nahm ein paar davon und streute sie in Rösens und Mariens Tassen, that ein Stückchen Zucker dazu, goß Milch darauf und sagte: „Das ist etwas sehr Gutes, dergleichen bekommt man nicht alle Tage. Nehmt Ihr auch ein Tröpfchen Kaffee dazu?“ Da nickten die beiden, und es gefiel ihnen trotz der Verlegenheit, in der sie sich befanden, außerordentlich.

Als Budang sah, daß seine liebe Tante Concordia so sehr freundlich mit den Mädchen war, stimmte ihn das gegen die Rangen auch milder, und er rückte ihnen die Kuchenschüssel hin. Da sahen sie ihn bedenklich an und wurden rot. Sie trauten ihm nicht recht. Die Jungfer aber, der diese Feier unversehens zu groß geworden war, sagte: „Eure Lehrer sollen ja recht unzufrieden mit Euch sein. Die Jungfer Veit sagte mir, daß ihr die Schule schwänzt und am faulsten von allen seid —? Ist das wahr?“

Da nickte Marie, und der gute Bissen blieb ihr im Munde stecken. „Nun, ich will Euch einmal etwas sagen,“ begann die Jungfer nach einer Weile und hatte eine Stimme, so hell, wie ein Glöckchen, „das geht nicht mehr, daß Ihr so faul seid; denn sehr bald werdet Ihr ganz große Mädchen. Zeigt doch dem Heinrich manchmal Eure Arbeiten; der weiß, ob sie schlecht sind oder gut. — Nicht, Heinrich?“ wendete sie sich an ihn. „Das thätest Du? Du siehst den beiden ihre Sachen manchmal nach?“ Da fühlte Heinrich sich geehrt und sagte: „Ja!“, machte aber eine kühle und gleichgültige Miene dazu.

Nun saßen sie mit der Lehrmeisterin über der Arbeit, und Budang war hinausgegangen, und sie hatten allerlei verfängliche Fragen betreffs des französischen Unterrichts, den sie bei der Jungfer beginnen sollten, zu bestehen. Als die Stunde zu Ende war und sie die Treppe hinuntergingen, da rief ihnen die Jungfer Concordia nach: „Geht nur, und laßt Euch von Heinrich sein Marmottchen zeigen; er wartet unten im Eselstalle.“

Richtig, da stand Budang und sagte ziemlich mürrisch: „Kommt nur herein, da ist etwas!“ Schüchtern folgten ihm die Mädchen. Das war eine Herrlichkeit in dem Eselstalle. Sechs Esel und ein kleines Eselchen mit einem lockigen, dicken Kopf, das ihnen über alle Maßen verrückt und fidel entgegensprang. — Was war doch der Budang für ein glücklicher Junge!

„Da seht die Esel,“ sagte er etwas spitzig und sah die Mädchen leicht spöttisch von der Seite an.

„Budang,“ begann Röse und nahm sich zusammen, „wir waren’s.“

Budang antwortete nichts. Das war den Ratsmädchen eigentlich sehr rätselhaft und etwas unheimlich. Aber er zeigte ihnen einen lebenden Hamster, den er im Eselstall in einer Kiste hatte und den er das „Marmottchen“ nannte und sagte ihnen, das sei ein französischer Name und hieße auf deutsch das „Murmeltier“. Er ließ sich das Hamsterchen in den Ärmel kriechen, aber er erlaubte nicht, daß Marie und Röse das Tier anfaßten, und alle drei machten im Eselstalle miteinander ab, daß Röse und Marie den nächsten Aufsatz mit Budang zusammen arbeiten wollten und bestimmten die Stunde dazu. Und wirklich half ihnen Budang so treulich dabei, daß Röse, die nebenbei gesagt, eine miserable Schrift hatte, vom Lehrer darunter gesetzt bekam: „Gut gedacht, aber schlecht geschrieben.“ Das war ihr nicht ganz angenehm, denn sie mußte Budang die Unterschrift zeigen. Budang lachte aber darüber.

So saßen die dreie, des Müllers Heinrich und die Ratsmädchen, wie es sich gerade traf, oben bei Rats im Dachstübchen, oder in der großen Stube bei der Jungfer Loisette miteinander und arbeiteten. Das ging anders wie früher, wo den Mädchen die Schule und alles, was damit zusammenhing, ein rechtes Ärgernis war. Budang hatte eine außerordentliche Lust zum Arbeiten, es ging ihm leicht von der Hand, und es machte Rösen und Marien den Eindruck, als vergnüge er sich damit. Nie war er schlechter Laune dabei und immer eigentümlich liebenswürdig. Die Ratsmädchen waren über diese Erfahrung erstaunt und sahen in Budang eine Merkwürdigkeit, von der sie nicht recht wußten, was sie davon halten sollten.

Einmal, als die Mädchen mit Budang über dem Arbeiten saßen, betrachtete sich Röse den Freund, der sich mit seinem Lockenkopf über das Buch gebeugt hatte, ernsthaft und kaute an der Feder. Budang saß ihr gegenüber, da fuhr sie mit ihrem Finger leise in sein dickes, blondes Haar, so daß er mitten in seinem Eifer aufblickte. „Budang,“ sagte sie noch immer nachdenklich, „Du willst wohl so ein großes Tier werden, wie wir hier so viele haben?“ Damit meinte Röse, die sich mit Vorliebe schlecht auszudrücken pflegte, die weltberühmten Dichter, von denen ich im Anfang erzählt habe und die zu jener Zeit in der Stadt wohnten. Budang verstand sie, denn er war an derlei Redensarten von ihr gewöhnt und sagte ernsthaft: „Ja, wer das könnte! — So dumm zu fragen. Du fragst doch manchmal wirklich dumm. — Ich werde Arzt!“ fügte er hinzu; und er wurde es später auch. „So?“ sagten die Mädchen, und wieder einmal erschien ihnen der Freund in einem anderen Lichte und außerordentlich verständig, daß er schon mit aller Ernsthaftigkeit vorsorgte und über Dinge bestimmt hatte, die ihn heute und auch morgen noch nichts angingen.

Budang war den Mädchen ein guter Lehrmeister, denn da er kaum älter war, als sie, trat ihnen sein Ernst, seine Güte, sein heitrer Fleiß recht nahe, und es kam ihnen vor, als wenn sich diese Dinge gut mit ihren Jahren vertrügen, denn bis jetzt hatten sie gemeint, mit ernster Arbeit und was damit zusammenhängt, habe es bei ihnen noch völlig Zeit. Von Budang hatten sie, ohne daß sie es recht wußten, mehr gelernt, als ihr lebelang vorher, und sie waren jetzt bald daran, aus zwei wilden, faulen Nichtsnutzen ein paar allerliebste Mädchen zu werden.

So ging der Sommer hin.

Anfang August wurde in Weimar, wie wohl auch anderwärts, ein Volksfest gefeiert, das Schützenfest. Auf einer Wiese vor der Stadt da waren Schaubuden errichtet, und in jeder war etwas Merkwürdiges und Närrisches zu sehen. Schon wochenlang vorher hatten die Herrlichkeiten, die es zu betrachten geben würde, die Gedanken der Ratsmädchen beschäftigt. Als endlich der Tag herankam, da holten sie die frisch gewaschenen weißen Kleider aus dem Schrank, die Mutter half ihnen bei dem Anziehen, und statt ihrer schwarzen Lederschuhe setzte sie ihnen grüne nagelneue Stiefelchen auf den Tisch und flocht ihnen in die langen Zöpfe grüne seidene Bänder.

So aufgeputzt stolzierten sie miteinander über den Markt, zunächst der Gassenmühle zu, mit der sie sich längst ausgesöhnt hatten. Budang guckte schon zum Fenster heraus und rief ihnen entgegen: „Kommt rasch herauf zur Tante Concordia, rasch! — Und Ihr habt ja grüne Bänder und habt auch grüne Schuhe!“ Da lachten die beiden über das ganze Gesicht, denn sie wußten gar wohl, weshalb die gute Mutter sie mit dem schönen Schuhwerk überrascht hatte. Es war ihnen sehr wohl und fröhlich ums Herz, und sie sprangen die Treppe hinauf. Oben stand Concordia und hielt zwei Kränze in die Höhe, die waren prächtig voll gebunden aus schönen rosa Malven.

Da rief Röse auf den ersten Blick: „Die Malven hat der Budang stibitzt! Ich weiß auch, wo er sie her hat. Über Goethes Garten, da stehen welche.“

„Dummes Zeug!“ sagte Jungfer Concordia. — Aber ich glaube beinahe, es war etwas Wahres daran, denn der Budang guckte so schlau. — Die Jungfer führte sie vor den Spiegel und drückte ihnen die Kränze fest in die Stirne und sagte mit ihrer glockenhellen Stimme: „Ihr seid doch prächtige Mädel, Ihr Ratsmädchen, und nun macht, daß Ihr auf das Schützenfest kommt!“

Auf der Vogelwiese war ein Gedränge, es schnurrte, lärmte und schrie von allen Seiten und schon von weitem. Wie sie mit Budang die breite Allee hinaufgingen und noch nicht recht wußten, wo sie ihren Groschen anbringen sollten, da sahen sie zwei Männer kommen: der eine, klein und untersetzt, auf der Brust einen prächtigen Stern, der andere von mächtiger Gestalt, stattlich im langen blauen Gehrock. Und alles machte den Männern ehrerbietig Platz. Budang und die Ratsmädchen wußten gar wohl, wer ihnen da entgegenkam. Der kleine war Karl August, der gute und weise Fürst, Großherzog von Weimar; der andere Goethe, der Dichter. Budang zog die Mütze und sagte: „Da kommen sie!“

Und da waren sie auch schon ganz nahe, und die Mädchen standen und knixten, und Budang wußte nicht, was für ein Gesicht er machen sollte, als Karl August Röse und Marie an die Hand faßte und sagte: „Ei, da seid Ihr ja auch, Ihr Mädchens. Kommt einmal mit! Und Du kannst auch mitkommen!“ wendete er sich an Budang, dem das Blut zu Gesichte stieg. Am Wege unter den Bäumen stand die kleine, grüne Jagddroschke von Karl August, die jedermann kannte. Der Großherzog rief den Kutscher und ließ die Kinder sich hineinsetzen, hob selbst die zierliche Röse in den Wagen und nickte ihr zu. „Nun zu!“ rief er. „Nun fahr Er die Bälge einmal tüchtig in die Runde und schaffe Er sie wieder hierher!“ Ganz so sagte er und nichts anders. Jetzt fuhren die dreie in der berühmten Droschke über die Vogelwiese und waren gar zufrieden mit sich und aller Welt; und die Mädchen freuten sich, daß Budang mit ihnen war; denn sie hatten ihn lieb und wußten, daß er es gut mit ihnen meinte. Und alle dreie hielten sich an den Händen, so halb aus Freude und halb, weil es sie verlegen machte, mitten durch die vielen Leute zu fahren, und sie saßen geputzt nebeneinander, und die Sonne schien, und alle schauten ihnen nach. Das war ein herrlicher Tag.

Die dreie aber blieben in guter Freundschaft ihr lebelang und gedachten der glücklichen Jugend, als sie miteinander alt geworden waren.

Und das alles hat mir meine Großmutter erzählt, und da ist kein Wort hinzugesetzt. Sie hat das alles miterlebt, denn das Ratsmädel, die Röse, ist meine liebe, gute Großmama.

Zweite Geschichte.
Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen verwundern würde.

Das war eine schöne, urwüchsige Zeit, in der man zu Weimar lebte. Von allen vier Windseiten ging Frische, die ganz Deutschland durchwehte, auch über das kleine Nest.

Es war kurze Zeit nach Beendigung des Freiheitskrieges, kurze Zeit nach des großen Napoleons Sturz, und die Befriedigung, etwas erreicht und errungen zu haben, lag wie eine gute, gesunde Luft, die jeder zu seinem Wohl, zur Stärkung seiner Menschenwürde und Kraft einatmen konnte, über den Landen ausgebreitet. Den Gemütern, die jahrelang unter Druck und Not gelitten, die um ihr Hab und Gut und ihre Sicherheit sich geängstigt hatten, war in dieser Zeit, von der ich rede, auch der Rausch des Befreitseins und der Begeisterung geschwunden und hatte sich in das Gefühl einer allgemeinen Genesung umgewandelt. Und welche Frische, welche Hoffnungskraft erhebt sich in einem Menschen, der nach langer Trübsal, nach schwerem Drucke gesundend aufatmet! und ein ganzes Volk, das zu Leben wieder erwacht, welcher Reichtum, welche Überfülle an Freude, an Heiterkeit, an Leichtsinn entfaltet sich da!

Der Ausdruck von Elend, von Aufruhr, der einstimmig aus den Völkern sich erhebt, ist die gewaltige Sprache, die das Menschengeschlecht mit dem Schicksale spricht. Kein Donner der Elemente ist so großartig drohend, wie die einige Stimme des murrenden und in Elend gesunkenen Volkes. Und kein Ausdruck der Freude ist so mächtig, so herzerquickend, wie das Aufleben des zu neuem Behagen erwachenden Volkes.

Kein Sonnentag gleicht der heiteren, lebendigen Ruhe, die nach Angst und Kampf über Dörfern und Städten liegt; das Unbedeutendste ist in solcher Zeit Träger und Verkünder einer großen Errungenschaft.

Jede frohe Scene zeigt uns das Gedeihen von Generationen, zeigt uns, daß die alte, bewährte, auf hohe Ziele deutende Kraft des Menschengeschlechts wieder siegreich durchgedrungen ist.

In der kleinen Stadt Weimar aber hatte diese Kraft gerade in den Jahren der Bedrängnis ihre höchste Offenbarung gegeben; ungestört von den tiefgreifenden Unruhen ihrer Nation lebten in den Mauern des Städtchens die hervorragenden Menschen, die durch ihr Leben und ihr Wirken verkündeten, daß die Sterblichen Schöpfermacht in sich tragen, daß sie dem, was wir göttlich nennen, verwandt sind.

Aber nicht jene Großen sind es, von denen ich erzählen will, sondern denen wende ich mich von neuem zu, die, während die Gewaltigen für Ewigkeit und Ruhm lebten, unscheinbar sich ihres unscheinbaren Daseins freuten; denen neige ich mich zu, die vergessen sind; denen, deren Lieblichkeit, Hoffen und Träumen wie Blütenregen niedersank, im Niederfallen schon vergehend. Die beiden „Ratsmädel“ sind es, die Röse und Marie, mit den dicken Zöpfen, die aus jener vergangenen Zeit wieder auftauchen sollen, die beiden schelmischen Kinder, die in den Kriegsunruhen aufgewachsen sind, die in ihrer Kindheit, in der Wünschengasse, vor ihrem Hause die Franzosen haben kampieren sehen, die mit dem Kosacken, der bei ihnen im Quartier lag, in seiner Kibitka über die guten deutschen Felder in Weimars Umgebung geflogen, gesaust und gerasselt sind, denen die Plünderung des Städtchens zu allerlei merkwürdigen Erlebnissen verhalf — die beiden Mädchen, die in der unruhigen, sorgenvollen Zeit eine überschwänglich lustige, freie Kindheit erlebt hatten, die das Glück genossen, weniger, als es in ruhigeren Jahren der Fall gewesen wäre, erzogen, beobachtet und gebildet worden zu sein.

Zu welch einer fröhlichen, gesegneten Generation gehörten die beiden Ratsmädel, die mit ihren Kameraden und Kameradinnen ein sorgenloses, unbedrücktes Leben führten!

In aller Harmlosigkeit schwänzten sie die Schule und trieben ihren Schabernack, wie wir wissen, mit Nachbarn und Nachbarinnen.

Wie bedrückt und unfrei erscheint die Jugend in unseren Tagen, der das Harmloseste als Vergehen, jeder Freiheitsdrang, der sie einmal von ihrem ehrbaren Wege ablenkt, als schwer strafbar gekennzeichnet wird.

O, du arme heutige Jugend! Ahntest du, welchen Reichtum „Jugend“ im Anfange jenes Jahrhunderts umschloß, welchen Überschwall von Leben! Du könntest dich bitter beklagen, gekränkt und betrogen würdest du dir erscheinen, von Anfang an gealtert, in Pflichten eingezwängt! Welchen trübseligen Eindruck würden deine kärglichen Freiheitsstunden dir geben, die man klug und berechnend wie eine Medizin, nach Überanstrengung dir zugemessen hat, wenn du vergleichen könntest! Wenn du wüßtest, was ich weiß!

Ja, ein unbefangenes, menschenfreundliches Auge findet, trotz aller weisen, sachgemäßen Widerlegung, daß es dir, o Jugend, übel in unseren Tagen ergeht!

Doch auf und nieder bewegen sich die Ereignisse auf Erden, und es kommt eine Zeit, wo die Jugend wieder aufatmen kann.

So ruhig und bedächtig geht es nicht fort, wie jetzt.

Aus Bewegung, aus Kampf, aus Besorgnis der Erwachsenen, der Alten, werden ihr wieder unbeaufsichtigte, berückende Freiheitsstunden erstehen, — aber wann?

Jetzt zu jener vergangenen Zeit, die den jungen Herzen von damals ihre Wünsche, ihre Rechte, ihr Streben nach Wundersamem, Bedeutungsvollem im reichsten Maße erfüllte.

Röse und Marie waren, wie wir aus dem ersten Teil ihrer Abenteuer und Erlebnisse erfahren haben, noch zur rechten Zeit in die Hände der Jungfer Concordia geraten und zu der Freundschaft von deren Neffen, des guten, vortrefflichen Budang, ehe alle Aussicht, daß sie etwas lernten und ein paar tüchtige Mädchen wurden, bei ihnen verloren war. Ihr Budang hatte ihnen treulich geholfen, daß sie mit Ach und Krach bis zu einer höheren Klasse ihrer Schule gekommen waren. Was für ein guter, prächtiger Junge war doch dieser Budang! Seit die beiden Mädchen ihn kennen gelernt hatten, schien für sie gesorgt.

Sie arbeiteten unter seiner Leitung, machten mit ihm und seinen Freunden Streifzüge in die Umgegend. Die Mutter unserer beiden, die Frau Rat, konnte ruhig ihre Rangen dem ihr als ausgezeichnet bekannten Neffen der Jungfer Concordia überlassen.

Sie hatte damals mit Bedacht Concordia als Lehrerin ihrer Kinder ausgewählt und freute sich, wie heimisch Röse und Marie in der Gassenmühle, in der, wie wir wissen, Concordia mit ihrem Bruder, dem Müller, und dessen Sohn Budang hauste, geworden waren.

Ich will jetzt wie folgt beginnen:

Im Winter wurde bei Rats eine einzige Stube geheizt. In der stand der Arbeitstisch des Vaters, in der saßen die Mutter, die Brüder und die beiden Ratsmädel. — Alle Geduld miteinander übend, alle auf den Vater Rücksicht nehmend, alle so still und besonnen wie möglich.

Die Ratskinder waren an diese bedachtsamen Winterstunden gewöhnt, die ihre starken Lebensgeister zu dem außerordentlichsten respektvollen Schweigen herabdrückten.

Die Brüder arbeiteten während dieser Zeit. Man hörte das Kritzeln der Federn von Vater und Söhnen. Die Mutter und die Mädchen waren mit Näharbeiten beschäftigt.

Ein Flüstern, von dem Marie und Röse einen ausgedehnten Gebrauch machten, war gestattet.

Die beiden hatten sich unausgesetzt zu erzählen, trotzdem sie alles und jedes miteinander erlebten, oder gerade deswegen. Sie hatten jede ihre verschiedenen Auffassungen von den mancherlei Dingen, die sie tagsüber aufstöberten; denn, gottlob, die würdigen Stunden im Familienzimmer währten nicht lange, der Vater hatte durch sein Bürgermeisteramt viel außer dem Hause zu thun, und eine feste Regel war, um fünf Uhr etwa wurde Schicht gemacht; da drehte er den Schlüssel an seiner Schreibtischklappe um.

Mit diesem Tone strömten die Lebensgeister zurück in die Gemüter.

Die Augen leuchteten, Röse und Marie legten ihre Näharbeit beiseite, brachten dem Vater übereifrig den Pelz und Hut, denn der Bürgermeister machte jetzt seinen ihm zuträglichen Gang um die Stadt, um dann mit seinem alten Freunde, dem Kupferstecher Müller im „Elephanten“ sein behagliches Stündchen zu verschmauchen.

Kaum aber war er zur Thür hinaus, so langten Röse oder Marie hinter den großen Ofen; da hatten sie einen Stock, an dem ein weißes Tuch wie ein Fähnlein befestigt war, den steckten sie zum Fenster hinaus. Das geschah Abend für Abend und mochte seinen guten Grund haben.

Denn nicht lange währte es, da hörten die lauschenden Mädchen von ferne einen munteren, rhythmischen Pfiff, so energisch, so lustig, so voller Leben.

Es war eine charaktervolle Art zu pfeifen und immer gleichbleibend, nie mit einem Tone von der gewohnten Art abweichend. Mit diesem Pfiffe kündigte sich Budang an, der treue Kamerad.

Vorsichtig und freundlich steckte Budang, wenn das Signal gegeben war, den blonden Ruschelkopf zur Thüre hinein, um sich erst zu überzeugen, ob das Feld auch rein sei, das heißt, ob der Herr Rat auch wirklich nicht mehr an seinem Arbeitstische sitze.

„Nun komm nur,“ rief ihm dann die Mutter entgegen, und die Mädchen standen schon bereit, ihn zu empfangen. Darauf machte Budang, ehe er noch eintrat, ein Zeichen nach der Treppe zu, und zwei seiner Kameraden, die auf einer der oberen Stufen auf seinen Wink lauerten, traten mit ihm ein.

Der eine war Franz Horny, ein bildschöner Junge von siebzehn Jahren. Er wohnte an der Ecke der Wünschengasse und war von jeher ein guter Freund der Ratsmädel gewesen, bei denen er auch in Achtung stand. Sie hielten beide viel von seiner Fertigkeit im Zeichnen, hatten darin auch nicht unrecht und bewiesen Geschmack; denn Franz Horny bildete sich in der Folge zu einem guten Künstler aus, der in Amalfi in bester Jugend starb. Sein Bild hängt sonderbarerweise dort in einer Kapelle und wird als Heiligtum verehrt. Es mag aus Zufall dahin gekommen sein oder durch irgend ein wunderliches Geschick.

Man erzählt sich, daß der schöne, liebenswürdige Künstler in dem Orte, in dem er gestorben, eine abgöttische Verehrung von der Bevölkerung erfahren habe. Er soll ein merkwürdiger und einnehmender Mensch gewesen sein, dessen Schönheit und Talent auffallend waren. Dies habe ich von Friedrich Preller, dem Maler der Odyssee und dem Jugendfreunde Hornys. Zu der Zeit, als er mit seinen Kameraden die Winterabende bei den Ratsmädchen sich vergnügte, war er ein träumerischer, sanfter Junge, der von allen gern gesehen wurde.

Der zweite Gefährte, den Budang mitbrachte, war Schillers jüngster Sohn Ernst, frisch im Aussehen und Wesen, der seine freie Zeit gar zu gern in Rats behaglichem Familienzimmer verbrachte. Das erste, nachdem die Begrüßung vorüber, war, daß Budang sich zu seinen Gefährten wendete, die sogleich mit den Mädchen in ein lustiges Plaudern kommen wollten, und sagte: „Erst müssen sie zeigen, daß sie mit ihren Arbeiten fertig geworden sind.“

Budang war seiner, von Jungfer Concordia erhaltenen Aufgabe, die Mädchen zu überwachen, treu geblieben. Röse und Marie mußten ihm ihre Arbeiten bringen. Sie thaten es auch, wie etwas, was sich von selbst versteht, mit allem Ernste.

Nun setzte er sich, nahm die Hefte vor, und war etwas nach seiner Meinung gar zu unmöglich geraten, so mußten sich die beiden Faulpelze daran machen und unter seiner und Ernst von Schillers Leitung die Sache noch einmal schreiben.

Unangenehm war es für alle Teile, wenn sie ihr Pensum, wie die Arbeiten der Ratsmädel gelehrt benannt wurden, schlecht gelernt hatten. Da gab es ein äußerst langweiliges Überhören ohne Ende, ehe man an die beliebte Abendunterhaltung kam, und die Mädchen wurden von Budang hart angelassen. In einer Ecke mühte sich Ernst von Schiller, abwechselnd mit Budang, an Röse ab, die das Auswendiglernen so schwer zu stande brachte, daß es ein Skandal war, wie Röses Freunde sich über diesen Mangel ausdrückten.

Für Marie, deren Gedächtnis vorteilhafter ausgestattet sein mochte, genügte einfache Hilfe. Sie war ein für allemal Franz Horny zugewiesen, der sich seinem Amte mit Geduld und Bewunderung für das schöne Geschöpf unterzog.

Die Ratsmädel glichen zwei Knospen von lebensvollster Frische und Kraft. An ihnen mochte nichts Angekränkeltes sein, nichts, was nicht ebenmäßig sich entfaltet hatte, und nichts, was nicht auf eine noch viel lieblichere Vollendung hindeutete. Sie schienen mehr, als man gewöhnlich unter jugendfrisch versteht. Sie waren urwüchsig, eigenartig und harmlos, wie es junge, von Menschen unbehelligte Tiere sind.

Und unbehelligt waren sie, von aller Welt gern gesehen, die Freude der Wünschengasse; wer blickte ihnen nicht nach, wenn sie mit ihren langen, schweren Zöpfen, die noch vor kurzem so manchem Gassenbuben um die Ohren gesaust waren, die Straße hinabgingen? Sie bildeten den Stolz der Untergebenen ihres Vaters, „die Ratsmädel“, denen man allen Respekt erzeigen mußte.

Ja, ihr Ruf war bis ins Schloß gedrungen, wie wir wissen. Überall aber fühlten sie sich gleich wohl, gleich sicher, ob auf den Gassen, ob im Schloß, ob unter den würdigen Bekannten ihres Vaters, oder unter ihren guten Freunden und steckten bis über den Kopf in Wohlbehagen. Die urgesunden Geschöpfe! Wer aber hatte auch solche Freunde, wie unsere beiden?

Hatten sie die unumgängliche Überhörungsstunde, den Anfang der schönen Winterabende, hinter sich, und blickten Budangs Augen unter den dicken, blonden Locken nicht mehr so strenge auf Beantwortung seiner Fragen dringend, die den beiden oft sauer genug wurde, dann begannen die behaglichen, unvergeßlichen Stunden. Was aber thaten, was unternahmen sie an solch einem Abend? Sie spielten Lotto. Sie saßen eng aneinander gedrängt, die Mutter, die Brüder, die Mädchen, die Freunde und spielten Lotto um Pfeffernüsse vom Konditor Ortelli, den die Franzosen damals ausgeplündert hatten; aber mit welchem Eifer wurde gespielt, mit welchem Feuer! und wie wurde gelacht! Worüber sie wohl lachten? Über unschuldige Scherze, über eine Anekdote aus dem Leben der drei braven Jungen, über einen Ausspruch Rösens, die groß war in trocknen, vielsagenden Bemerkungen; darüber, daß Budang eine Locke über das Auge gefallen war, und er gerade durch den Ringel blickte. Dergleichen konnte Röse und Marie außer Rand und Band vor Lachen bringen, so daß die Mutter sie manchmal ermahnte, ja, sie aus dem Zimmer steckte, damit sie sich draußen in der Dunkelheit und Kälte einmal erst wieder auf sich selbst besinnen sollten. Sie kamen dann jedesmal in unverminderter Heiterkeit wieder herein und immer mit einer guten Idee, die ihnen wahrscheinlich bei der Abkühlung gekommen war.

Sie schlugen eine Verkleidung vor, einen Tanz. Sie kamen mit der Bitte zurück, die Freunde und Brüder sollten sie im Stuhlschlitten fahren.

Durch solch einen lebensvollen Vorschlag entstanden die schönsten Stunden. Er schien so ganz aus dem Herzen zu kommen, aus dem innersten Verlangen heraus, und wie er von Herzen kam, so ging er zu Herzen, so wurde er ausgeführt, so wurde er auch von der Mutter gestattet, die eine liebevolle Frau war und wohl wissen mochte, wie göttlich, wie unwiederbringlich, wie leichthinschwindend die Jugend ist.

So haben die Ratsmädel herrliche Winterfahrten gemacht, bei Sonnenuntergang, bei Mondschein; jede in einem Stuhlschlitten, Bruder und Freunde hinter sich, die sie in Windeseile durch die Straßen der Stadt fuhren. So zog das leichte, lustige, vergängliche Gesindel auch an dem Hause vorüber, in dem der lebte, der für die Ewigkeit schuf.

Sie fuhren über die hellen Lichtscheine, die aus den Fenstern Goethes auf den Schnee fielen, und dachten sich nichts dabei, wußten wohl kaum, daß sie vorübergefahren.

Was kümmerten sich unsere Ratsmädchen um „die großen Leute“ in Weimar. Mochten die thun und schreiben, was sie wollten, die Ratsmädchen hätten nie und nimmer mit ihnen tauschen mögen! So im Schlitten sitzen, von lieben Freunden geschoben zu werden, daß es ist, als sprühten Funken, und hinaus in den Mondenschein, unter bereiften Bäumen, auf glatter Schneebahn hinzufliegen, das ist Seligkeit, das ist Glück!

Und welche Streiche spielten sie, über die man jetzt Ach und Weh schreien würde, steckten Budang in Mädchenkleider und gingen mit ihm spazieren. Weshalb sie das thaten? Gott weiß es! Sie wußten es jedenfalls selbst nicht, thaten es grundlos, vergnügten sich herrlich, hatten alle dreie das Bewußtsein eines wunderbaren Geheimnisses, wollten sich über jeden, der ihnen begegnete, totlachen, brachten harmlose Spaziergänger durch ihr Gelächter in Verlegenheit, kauften sich bei Ortelli Kuchen, den sie, nachdem Budang zu Hause sich wieder ausgeschält hatte bei einem Täßchen Kaffee, das ihnen warm gestellt worden, verzehrten, im süßen Bewußtsein, eine Heldenthat ausgeführt zu haben.

In einem alten weimarischen Hause hatten sie zu jeder Zeit Zutritt, konnten dahin mitbringen, wen sie mitbringen wollten, und blieben immer willkommen, das war die Apotheke am Markte.

Der Apotheker stand mit Rats in Verwandtschaft. Er war ein gelehrter Herr, mit dem Titel Professor, und zu der weimarischen Apotheke durch seine Heirat gekommen; die Frau war Witwe des früheren Apothekers und hatte ihrem zweiten Manne das blühende Geschäft zugebracht.

Zu diesen Leuten gingen die Mädchen mit Vorliebe. Die Vettern und Basen im Hause paßten zu ihnen, und sie konnten immer sicher sein, dort eine wohlgemute Gesellschaft zu treffen. Die Frau Professor hatte die Genugthuung, wegen ihrer Kochkunst in der ganzen Bekanntschaft berühmt zu sein; so gab es auch für die beiden Schleckermäuler, die zu Gaste kamen, immer etwas Gutes zu schnabulieren, was ihnen zu jeder Zeit gelegen war; denn bei Rats ging es nicht hoch her.

Und was war diese Apotheke für ein sonderbares Haus! Ein alter, reichverzierter Erker schmückte es, den ein steinernes, verzwicktes Weiblein auf seinem Nacken zu tragen schien. Das alte Weib war unsern beiden von jeher rätselhaft und unheimlich erschienen. Ein langgestrecktes Gewölbe diente zum Apothekerladen. Dies Gewölbe war außerordentlich finster. Nur soweit die niedere Glasthür und das einzige Fenster Licht einließen, machte es einen behaglichen, wohlthuenden Eindruck; nur so weit schienen die verschiedentlichen Düfte, die aus ungezählten Büchsen und Büchschen, aus unendlichen Schiebkästen aufstiegen, angenehm und zuträglich zu sein. Die Mädchen hielten es für ausnehmend gesund, in der Apotheke tief Atem zu holen; und wenn einem der Apothekerkinder etwas fehlte, setzte es sich hinunter zu den Gehilfen und atmete fleißig.

Auch Röse und Marie hatten schon öfters solch eine Kur sich vorgeschrieben; aber sie hielten sich nur da auf, soweit das Tageslicht, unverfälscht durch Dämmerung, die sich weiter nach hinten in dem Raume ausbreitete, eindrang.

Das Gewölbe war an seinem letzten Ende fast dunkel. Bei dem Scheine eines Lämpchens hantierte dort ein widerwärtiger Gehilfe, vor dem Röse und Marie ebenso wie ihre Vettern und Basen eine außerordentliche Scheu hegten.

Aus seiner finstern Ecke drangen scharfe Gerüche, die durchaus nicht heilkräftig sein mochten. Der Gehilfe rieb, stieß im Mörser und rührte in mächtigen, weißen Schalen, die aus der Dämmerung gespenstisch herausleuchteten. Um diesen ältlichen Gesellen, der einen gar sonderbaren Blick hatte, spannen sich allerlei Sagen und Gerüchte. Man erzählte sich, daß dieser unheimliche Bursche in seinem kleinen, wackeligen Schreibpult, das im Gewölbe stand, ein Buch bewahre, in dem er den Sterbetag so manchen guten Weimaraners vierzehn Tage, bevor derselbe einträte, sich notiere, wie man sich seine Hemden auf den Wäschezettel aufschreibt.

Dies Verfahren des Gesellen hatte ihn mit einem furchterregenden Nimbus umgeben.

Unter den weimarischen Leuten würde sich ein jeder geweigert haben, das Medizinfläschchen oder Pulver, das er abzuholen kam, aus der Hand des fatalen Gehilfen in Empfang zu nehmen, denn man sagte, daß er es, ehe man hinter seine Schliche gekommen sei, mit einem unheilbringenden Lächeln überreicht habe. Was an dem Treiben des Gehilfen wahr sein mochte, hat wohl schwerlich jemand erfahren; denn ich weiß nicht, ob das Buch der dem Tode geweihten Weimaraner, das in der Apotheke geführt wurde, je zum Vorschein gekommen ist.

Der Gehilfe hatte jedenfalls ein einsames, unbehelligtes Leben. Wohl möglich, daß dies seiner Natur zusagte; es giebt ja sonderbare Käuze genug auf Erden.

Er hatte unbedingt etwas Hämisches, Spöttisches in seinem Wesen, machte den kleineren Apothekerskindern Grimassen, wenn er an ihnen vorüberging, und versteckte der ganzen jungen Gesellschaft den Syrup, nach dem sie allerseits großes Verlangen trugen, in die Giftkammer. Das verhinderte die Apothekerskinder durchaus nicht, mit Gästen und ohne Gäste auch dort ihren Syrup aufzuspüren und sich eine Güte daran zu thun. Sie wurden bei ihrem Treiben in der verhängnisvollen Kammer von dem Gehilfen im stillen beobachtet, und die unartige Bande bemerkte das gar wohl, und jedes dachte bei sich: „Da kann er lange warten, bis wir uns einmal vergreifen, der Esel.“ Sie kannten ihren Syrupstopf, Syrupus simplex!

Bei all und jeder Gelegenheit ging es im Apothekerhause festlich zu. War das Geschäft besonders gut und einträglich, das heißt, war das gute Weimar eine hübsche Zeit lang von irgend einer Krankheit gründlich heimgesucht, so lebten sie bei Apothekers besonders reichlich. Dann saß die Familie mit Kind und Kegel vergnügt und hilfreich bei einander, wenn zur Zeit irgend einer Epidemie mehr Hände im Geschäft gebraucht wurden, als gewöhnlich, um Papier zu Pulverpäckchen und zu den roten Flaschenkäppchen zuzuschneiden und allerlei nach Bedarf zu mörsern und zu reiben. Sie thaten das mit ganz besonderem Behagen, und schwerlich konnte man den braven Leuten nachsagen, sie hätten die guten Bissen mit dem Bewußtsein zu sich genommen, daß sie ihre vorzügliche Nahrung aus dem Verderben ihrer Mitbrüder zögen, wie die Bienen Honig aus den Giftblumen. Sie dachten so wenig über den Grund ihres Wohlstandes nach, wie es Millionen andere auch nicht thun, die sich durch das Elend und den Tod ihrer Mitgeschöpfe nähren. Wohin sollte unsere Ehrbarkeit, Würde und Vortrefflichkeit geraten, wenn wir darüber simulieren wollten! Gott behüte uns davor!

Apothekers verstanden es, festlich zu leben, und wohl den Kindern und Vettern und Basen, denen das Schicksal solch ein Haus zugänglich gemacht hat! Die können einer munteren Jugend gewiß sein.

Eines Nachmittags in der allerschönsten Zeit, in der das Pfund Kirschen zwei Pfennige kostete, war bei den guten Leuten die ganze Gesellschaft versammelt, Röse und Marie mit ihren drei Freunden Budang, Horny und Schiller, ferner die Wirte mit allen Kindern, der alte Kupferstecher Müller mit drei erwachsenen Sprößlingen, Müllersch Lotte, Müllersch Ernst und Müllersch Heinrich.

Die einstige Gouvernante des Prinzen Konstantin, eines Sohnes Karl Augusts, war auch zugegen. Die hielt mit der Apothekerin, die früher bei Prinzeß Karoline Kammerfrau gewesen, gute Freundschaft und war eine muntere, alte Person, die es sich nicht zweimal sagen ließ, wenn es irgendwo eine Feierlichkeit gab, bei der man sie gebrauchen konnte. Die Dame war ein Fräulein von Knebel.

Sie war bei Hofe und in der ganzen Stadt durch eine artige Geschichte, die man allenthalben von ihr erzählte, zu einer gewissen Berühmtheit gelangt.

Eine drollige Geschichte stirbt so leicht nicht aus, und Fräulein von Knebel hatte sich mit guter Manier darin gefunden, die Heldin einer Anekdote zu sein, die man nicht müde wurde, immer wieder bei guter Gelegenheit anzubringen.

Ihr Zögling, Prinz Konstantin, war einst in eine solenne Hofgesellschaft aus irgend einer knabenhaften Laune mit einem Purzelbaum zur Thür hereingekommen und hatte allgemeines Entsetzen erregt. Seine Erzieherin, die ihm folgte, war von dem etikettelosen Benehmen ihres Zöglings bis ins Innerste erstarrt, und die Herzogin Luise, die Mutter des kleinen Übelthäters, ging mit einem äußerst ungnädigen Blick auf Fräulein von Knebel zu, richtete ein paar das Benehmen des Prinzen rügende Worte an sie und erhielt von ihr mit pathetischer, unschuldsreiner Stimme zur Antwort: „Hoheit, von mir hat er das nicht gelernt!“

Man denke sich!

Und wer die tiefempfundene Antwort gehört hatte, dachte sich jedenfalls das ehrbare, würdige Fräulein als Vorbild des unartigen Prinzen, daher eine unbezwingliche Heiterkeit und die Langlebigkeit der kleinen Geschichte. So ist Fräulein von Knebel bei jung und alt, hoch und niedrig bekannt geworden. Sie war überall gern gesehen, konnte einen Spaß vertragen und ging selbst nicht allzu zart und respektvoll mit ihrer eigenen Persönlichkeit um.

An diesem Nachmittage war die Gesellschaft bei Apothekers eigentümlich beschäftigt. Auf dem großen Tisch stand ein Korb mit kleinen, losen Heften, die von den Anwesenden geklebt oder genäht wurden. Die weiblichen Hände befestigten die losen Blätter mit ein paar Stichen ineinander und die männlichen klebten schmale rote, blaue oder grüne Papierstreifen um den Rücken der kleinen Broschüren.

Was aber enthielten diese Bogen, daß man sie in so heiterer Vereinigung bei Wein und Kirschkuchen vergnüglichst miteinander heftete?

Sie enthielten nichts Geringeres, als ein getreues Konterfei in Kupferstich von zwei berüchtigten Spießgesellen, Niklas Sommer und William Becher, nebst deren kurz und bündig gefaßter Lebensbeschreibung, zu Nutz und Frommen für alle, die dieses Heftchen kaufen und lesen würden. Der alte Müller hatte die Porträts selbst in Kupfer gestochen, die Lebensbilder selbst verfaßt, Papier- und Druckkosten selbst getragen, und morgen sollten sie auf dem Markte, während über die genannten Delinquenten der Stab auf einem Gerüst, das jetzt schon stand, gebrochen wurde, zum Verkauf ausgeboten werden.

Der Kupferstecher war mit seiner Arbeit mit knapper Not halbwegs bis zum bestimmten Termin fertig geworden und hatte noch, um das Werk zu vollenden, die Hilfe seiner Nachbarn, der Apothekersleute und deren Freunde und Verwandte in Anspruch nehmen müssen.

So saß die Gesellschaft und heftete unter Lachen und in allerbester Stimmung schmausend die Lebensbeschreibung der beiden armen Tröpfe, die ihrem letzten Stündlein entgegensahen. Damals war die gute Zeit, in der man sich über gar viele Dinge weit weniger Skrupel machte, als in der unsern; das, was in aller Ordnung vor sich ging, wurde harmlos und unkritisch entgegengenommen. Man glaubte z. B. in der Wünschengasse allgemein, daß aus den Brotkrumen, die in den Honigtopf fielen, Ameisen entständen, und hütete sich deshalb natürlich, Brotkrumen hineinfallen zu lassen. Man glaubte tausend solche Dinge und befand sich wohl dabei.

Die beiden schlimmen Kerle waren von dem hochlöblichen Gericht verurteilt und mußten wohl oder übel den Lohn für ihre Thaten, den Tod, erleiden. Dagegen konnte nichts einzuwenden sein, es war eine abgemachte, durchaus erledigte Sache, die einfach und naturgemäß aussah, so daß hierbei nicht angebracht sein mochte, sich andern Gefühlen hinzugeben, als einem angenehmen Gruseln, das über diesen und jenen bei der munteren Arbeit wohl einmal hinlief. Bedenken über Todesstrafe oder sonstige humane Bestrebungen hatten die Apothekersleute und ihre Gäste wohl schwerlich berührt. Auch der Kontrast, der zwischen den beiden machtlosen Schelmen, die der Tod schon am Wickel hatte, und die ihre kurze Galgenfrist in einem von Gott und der Welt verlassenen Raume, von allem Troste und Verkehr abgesperrt verbrachten, und der lebensfrohen Sicherheit und Behaglichkeit, in der man hier beisammen saß, kam wohl keinem recht zu Sinnen.

Ernst von Schiller blätterte in dem Büchelchen und war mit des Kupferstechers Darstellung von William Bechers Gefangennahme nicht einverstanden. „Das soll ja eine tolle Geschichte gewesen sein, er muß sich verzweifelt gewehrt haben! Sie haben das ein bißchen kurz gehalten, und so etwas gefällt gerade.“

„Ja, das schreibe einer,“ sagte der alte Müller; „der Becher war ein Prachtskerl, das läßt sich nicht so leicht berichten, dazu gehört einer!“ Sie sprachen schon in der Zeitform, die das Vergangene beherrscht, von den noch für eine Weile, wahrscheinlich bis zum Übermaß bewußt Lebenden. Aber was gehen eine so allerliebste, unschuldige Gesellschaft die letzten Stunden, die Todesfurcht und alles menschliche Weh zweier armen, so gut wie schon gerichteten Sünder an!

Man lachte über den Eifer des Fräulein von Knebel, die mit einer wahren Vehemenz heftete und einen ganz erklecklichen Haufen der Diebs- und Mordsgeschichte vor sich aufgestapelt hatte, den sie eifersüchtig bewachte, daß nicht etwa eins oder das andere Heft entwendet wurde, um ihr den Ruhm zu nehmen, die größte Zahl gefertigt zu haben.

Fräulein von Knebel war eine Person, die alles und jedes mit ganzer Kraft betrieb.

Also hier sitzt die Familie mit ihren Gästen in Wohlsein beisammen, und man denkt mit Behagen an die beiden armen Sünder; die stecken miteinander in dem gar festen Stübchen, zu dem keine menschliche Hilfe mehr dringt.

Es liegt hoch oben in dem düstern Hause, das zu Strafe und Zucht der frechen, unklugen, unglücklichen und infamen menschlichen Kreatur, die sich nicht erziehen lassen will, erbaut wurde. Jetzt, in unseren Tagen, ist das Haus in ein ehrenwertes Landesgericht umgewandelt, und statt der Spitzbuben sitzen würdige Männer darin, ehrenwerte Landräte und Landrichter, die frei und fröhlich ein und aus gehen können, die mit Behagen die Sonne, ganz wie die seligen Spitzbuben einst, durch die vergitterten Fenster scheinen fühlen, die leben, atmen, ganz wie diese, nur daß sie durch ihre kluge und würdige Lebenswahl freie, angesehene Leute geblieben sind und bewahrt wurden vor straffälligen, verpönten, unklugen Sünden und Thorheiten, wie sie nur ein Unsinniger, ein Verzweifelnder fertig bringt.

Die beiden Spitzbuben aber, Becher und Sommer, saßen im Hause, als es noch seine Leute hinter Schloß und Riegel hielt; die Wolken zogen darüber hin und zogen auch über den Galgen, der auf zwei baumelnde Gestalten in aller Gemütsruhe wartete. Die beiden Spitzbuben kannten Weimars Umgegend, kannten den Galgen, sahen sich zappeln, sahen sich baumeln. Das Haar stand ihnen zu Berge, die Kniee schlotterten ihnen, die Zunge klebte am Gaumen, das Herz stieß und klopfte. Die Hände waren naß von kaltem Schweiß, und die Apothekergesellschaft dachte ihrer in Behagen bei dem Heften der Bogen, die den Tod, die letzte kommende Qual der armen Burschen schon schilderten; und als unsere Gesellschaft gerade im besten Heften und Kleben sich befand, jeder auch schon bei seinem zweiten und dritten Stück Kirschkuchen angelangt war, bei gutem Appetit, den muntere Arbeit förderte, da öffnete sich die Thüre, die von dem Zimmer aus direkt auf die Treppe führte, und herein trat vorsichtig, den Kopf zuerst durch die Thürspalte steckend, der unheimliche Geselle unten aus der Apotheke.

„Diener, meine Herrschaften,“ sagte er mit seiner knarrigen Stimme und grüßte mit der dürren Hand, die aus einem allzu kurzen Ärmel sonderbar hervorstand. „Ich wollte nur oben vermelden, daß es diesmal mit den Büchern nichts ist. Sie haben den einen begnadigt. ’s bleibt nur bei Sommern.“ Wie aus einem tiefen Traum plötzlich erweckt, starrte die Gesellschaft sprachlos den gefürchteten Todesverkünder an, der heute ausnahmsweise seine Rolle geändert und, wenn man recht gehört hatte, der Verkünder eines erfreulichen Ereignisses geworden war. Aber man mochte wohl nicht recht gehört haben, denn es war nach der Botschaft des Gehilfen ein augenscheinlicher, ungemütlicher Druck bei einigen Gliedern der Gesellschaft zu konstatieren, und zwar gehörten diese Glieder durchweg der Familie des Kupferstechers an. Die erste, die sich sammelte, war Fräulein von Knebel; die fragte den Gehilfen, der noch in der Thür stand: „Nun sag’ Er mal, wie ist das denn gekommen, und gerade Bechern?“

Der Gehilfe zuckte, wie es seine Art war, die Achseln und blickte spöttisch auf die Gäste, ohne etwas zu erwidern.

Nach einer Weile sagte er trocken: „Gesegnete Mahlzeit!“ und wendete der Gesellschaft langsam den Rücken, um aus der Thüre zu gehen.

„Das ist aber schrecklich!“ rief Anne Müller, die jüngste der Kupferstecherkinder, in enttäuschtem Ton, „da wird’s nun nichts.“

„Seht mir das blutdürstige Geschöpf an,“ sagte der Apotheker schmunzelnd. „Na, Anne,“ und er klopfte ihr auf die Schulter, da drangen dicke Thränen in Annas Augen und rannen ihr über die roten, runden Wangen.

„Teufel auch, was hat sie denn?“ fragte der Apotheker und blickte die Glieder der Kupferstecherfamilie der Reihe nach an. „Na, was habt Ihr denn?“ fragte er noch einmal; denn auch die andern Müllerskinder und selbst der behagliche, rundliche Freund Kupferstecher konnte eine gewisse Niedergeschlagenheit nicht verbergen. „Was habt Ihr denn mit Bechern gehabt, daß Euch seine Begnadigung so zu Herzen geht; das ist mir ja etwas ganz Neues, erzählt doch! — Kennt Ihr ihn denn?“

„I, bewahre,“ sagte der Kupferstecher, „das ist den Kindern ihre Sache; Anne, wollen wir’s sagen?“ wendete er sich an seine Tochter, deren Thränen noch immer reichlich flossen; „aber das merke Dir: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Erzähle!“

Anne blickte unter Thränen auf ihre Geschwister, die beide übellaunig und verdrossen dasaßen.

„Der Vater hatte mir’s geschenkt,“ begann Anne schluchzend und blieb im Anfange stecken, denn ihre Thränen machten ihr zu schaffen.

„Na,“ ermunterte sie der Vater. Anne war aber jetzt erst recht ins Weinen gekommen und schenkte der Aufforderung fortzufahren kein Gehör, so daß der Kupferstecher selbst das Wort nahm und sagte: „Man muß immer auf das junge Volk bedacht sein, das will sich bald so vergnügen, bald so. Ein armer Vater hat seine liebe Not! Vor ein Wochner sechse verehre ich meiner Anne zu ihrem Geburtstag die beiden kleinen Zeichnungen,“ der Kupferstecher schlug mit der Hand auf eins der Heftchen, „und sagte Anne, was ich damit vorhab, daß sie in Kupfer gestochen werden sollen u. s. w., und daß der Erlös, den ich damals dem armen Tierchen im voraus verehrte, zu einer Partie nach Schwarzburg bestimmt sei. Nun haben wir’s gehabt,“ sagte er und schlug sich auf die runden Kniee. „Jetzt können wir den ganzen Schwindel einpacken, und die armen Kinder sind um ihr Sommervergnügen gekommen.“

„Das weiß der liebe Himmel,“ rief die Apothekerin mitleidig und bewegt. „Wenn von oben etwas gethan wird, Gott sei’s geklagt, daß es immer am unrechten Platze geschieht!“ Anne heulte unaufhaltsam, und die beiden älteren Geschwister versanken in einen unergründlichen Mißmut.

Der Kupferstecher war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder, hatte die Hände in der Erregung über dem Bäuchlein gefaltet und schnippte mit den Daumen. Fräulein von Knebel hatte sich ganz der christlichen Pflicht zu trösten hingegeben und karessierte Annen auf alle Weise, indessen die übrige Gesellschaft nachdenklich auf die Hefte blickte, die mit einem Male wert- und bedeutungslos vor ihnen lagen.

Der Kupferstecher blieb nach längerem Aufundniedergehen stehen und sagte mit einer komischen und bittersauren Miene: „Ich bleibe dabei, es hätte dem Kerl nichts geschadet, wenn sie ihn morgen mitsamt dem andern ins Jenseits spediert hätten.“ Er schnippte mit der Hand in der Luft. „Da haben wir uns hineingerannt, allein das Papier vier Reichsthaler, Druckkosten und dergleichen gar nicht gerechnet.“

„Ja, ja, ja,“ sagte der Apotheker und schüttete ein Glas süßen Weins hinunter.

Die Gesellschaft hatte ein stilles und bedrücktes Aussehen angenommen.

Da klang plötzlich die helle, frische Stimme unseres guten Ratsmädels, der Röse. „Ich wüßte schon, wie man es machen könnte,“ sagte sie ruhig.

„Na?“ fragte der Apotheker.

„Streicht doch den Bechern aus und verkauft nur Sommer, das schadet ja nichts, wenn Becher mit daran hängen bleibt.“

„Teufelsmädchen!“ rief der Kupferstecher überrascht. „Das läßt sich hören! Ja, wenn man Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat!“

„Hoch Röse!“ rief der Apotheker und schwang sein Gläschen. Neues Leben fuhr in die Gesellschaft. Blaustifte wurden geholt, es wurde gestrichen, gestrichen, gestrichen, der Begnadete wurde von dem Verurteilten, dem armen, geschieden, wie das ja überall auf Erden der Fall ist.

Die Geschwister blickten wieder munter ihrer Sommerpartie entgegen, die ihnen der Tod des armen Burschen, aller Berechnung nach, einbringen sollte. Nur Anne sagte als Nachklang ihrer Schwermut mit weinerlicher Stimme: „Wenn sie den andern nur nicht auch begnadigen.“

Röse wurde an diesem Abend außerordentlich gefeiert.

„Ein heller Kopf ist etwas wert,“ sang der Apotheker in allerlei schelmischen Melodieen und Variationen ihr zu. Röse war sein ganz besonderer Liebling.

Als am Abend die Gesellschaft nach Hause ging, mußten sie an dem Gerüste vorüber, auf welchem über dem armen Schelme Sommer der Stab am andern Morgen in aller Frühe gebrochen werden sollte.

Als die lustigen Leute in der unheimlichen Nähe standen, da wurden sie alle still und bedenklich.

Röse, die am Arme Budangs ging, sagte, indem sie sich fester an ihn hing: „Morgen wird Sommer doch auch, wie damals der andere, auf einer Kuhhaut nach dem Galgen geschleift?“

„Ja,“ sagte Budang.

„Ach, Budang,“ fuhr Röse nach einer Weile fort, „ich will wirklich immer recht gut sein!“

„Ja, das denke ich,“ sagte Budang lächelnd; „aber Du bist müde,“ fügte er hinzu, „Du hängst Dich ja ganz schwer an meinen Arm. Paß auf, ich will Dir noch etwas sagen.“

„Na,“ fragte Röse.

„Die Schillers-Mädchen und Ernst, Ihr, Horny und ich, wir sind miteinander zu Sperbers aufs Gut eingeladen. Wir wollen es jetzt noch auf dem Weg bereden.“

„So?“ sagte Röse, „das ist vom alten Sperber vernünftig, daß er endlich sich entschlossen hat.“

„Was hast Du denn zu versäumen?“ fragte Budang.

„Ich, daß ich nicht wüßte! Ich kann nur solch ein Zaudern nicht leiden. Vor vier Wochen läßt er es bei uns durch die Butterfrau sagen, und nichts wird dann wieder von ihm gehört.“

„Ernst,“ rief Budang, „wartet einmal.“ Ernst, Marie und Horny gingen vorauf und blieben auf Budangs Ruf stehen.

„Ihr seid wohl auch gerade im Sprechen?“ fragte Röse. „Wie machen wir es denn mit Sperbers?“

„Wir gehen, natürlich gehen wir,“ sagte Ernst von Schiller. „Wir wollten es nur oben bei Apothekers nicht bereden. Es paßt doch nicht, wenn wir halb Weimar dem alten Sperber auf den Hals bringen, und Müllers wären ruhig mitgegangen, die machen alles mit. Nein, wir wollen unter uns bleiben. Die Schwestern sind natürlich bereit und lassen Euch sagen, Ihr sollt Eure rotpunktierten, hellen Kleider mitnehmen. Sie machen es auch so.“

„Nun, und wann gehen wir?“ fragte Röse.

„Heut’ haben wir Freitag,“ erwiderte Marie, „da dächte ich, wir setzten Montag fest, da kommen wir um die Kirche, denn Sperber würde uns auf alle Fälle hineinstecken, der hält’s nun einmal mit seinem Pfarrer.“

„Und wir müssen so schon bei Pastors schlafen,“ fuhr Röse dazwischen. „Wir wissen es, wie es dort ist, nicht, Du?“ sagte sie lachend zu Marie.

„Ja, schade, daß Ihr nicht bei Sperbers unterkommen könnt,“ meinte Budang.

So waren sie bis vor Röses und Maries Haus gekommen. Großer Abschied, und die Mädchen tappten miteinander die dunklen Treppen hinauf.

Am andern Morgen sah die Mutter mit ihnen die rotpunktierten Kleider durch; beide bestürmten sie auf das innigste, liebenswürdigste und überzeugendste, sie wollten ein neues Band auf ihre großen Hüte, und sie bekamen es und waren glücklich.

Mittlerweile war der unglückliche Sommer auf seiner Kuhhaut dem Tode zugeschleift worden, und der Galgen trug seine Zierde zum letztenmal, denn Sommer war Weimars letzter Gehenkter.

Am Montag, himmelfrüh, brach von der Wünschengasse die Gesellschaft auf, unsere fünf guten Freunde, die beiden Schillerschen Töchter und ein kleines, mageres Pferdchen, das mit Ernst von Schiller in Beziehung stand, da es von ihm schon zu manchem Spazierritt gemietet worden war, wenn er einmal Lust bekam, auf Pferdesrücken sich dem Leben und seinen Gefühlen hinzugeben.

Jetzt war es mit Shawls, mit Päckchen und Körben beladen. Die rotpunktierten Kleider von den Ratsmädchen und den Schillerschen waren sorgsam dem guten Tiere anvertraut worden, und Ernst bekam von den Schwestern und von Röse und Marie wahrhaft begeisterte Erklärungen, die seine Klugheit, seinen ausgezeichneten Verstand betrafen.

Er hatte nämlich die Gesellschaft mit der Idee und deren Ausführung, das Pferdchen zu engagieren, überrascht. So zogen sie durch die morgenstille Stadt, dem langgestreckten Ettersberge zu, nach dem Gute des alten Sperber.

Welch schöne Verbindung von erster Jugend, herrlicher Morgenfrische, Aussicht auf ein paar gute Tage, allseitigem Wohlgefallen aneinander und Sorglosigkeit gab unsere Gesellschaft ab!

Sie hatten einen tüchtigen Marsch bis zum Gute des Herrn Sperber vor sich, und ein gutes Stück mußten sie über Felder, über schattenlose Wege gehen; aber ein frischer Wind wehte den ganzen Tag. Das Korn stand in Blüte und duftete, und die Sonne ließ die Wangen höher glühen; sie ließ die Züge der schönen Mädchen noch weicher, lebensvoller als sonst erscheinen.

Budang, ein großer Botaniker, war bemüht, die Gesellschaft auf allerlei Merkwürdigkeiten aufmerksam zu machen, und es dauerte nicht lange, so hatte das Pferdchen eine kleine Naturaliensammlung auf dem Rücken, und die Mädchen rote Mohnkränze auf den Köpfen.

Die Wege auf dem Ettersberg gaben dem Sammler reiche Ausbeute an allerlei Versteinerungen, und die Mädchen wußten es schon, es gab für alle zu schleppen, wenn sie mit Budang dort lustwandelten.

Gegen Abend erst gelangten sie zu ihrem Ziele, denn der Weg war durch allerliebste Aufenthalte, kleine Mahlzeiten, so viel als möglich verlängert worden.

Vor dem Gutsthore kam ihnen eine wohlbekannte Gestalt entgegen. Das war die Gutsbesitzerin selbst, die lustige, kleine Alte mit der großen, rosa Schürze, dem Schlüsselbunde, den nickenden Bändern an der Haube. Ein Windzug bewegte ihr die weite Schürze und ließ sie, bestrahlt von der Abendsonne, flattern und in unerhört Rosa-Farben-Tönen leuchten.

Die wartende Gestalt mochte auf die ankommenden Gäste einen verheißungsvollen Eindruck machen; denn mit Jubel und Winken und heiteren Lauten, mit noch durch die Entfernung unverständlichen Zurufen näherte man sich ihr.

Und ebenso schien sie erfreut zu sein, als die mit rotem Mohn bekränzten Mädchen, das Pferdchen, die drei Kameraden herankamen, denn sie schlug einmal über das andere Mal die Hände zusammen, man sah sie schon von weitem lachen, und als die Gäste so nahe waren, daß man wagen konnte, die Begrüßungsformeln etwas detaillierter und augenscheinlicher machen zu können, schwenkte die kleine, runde Frau ihr Schlüsselbund in der Luft und ließ es klingen und that dies mit außerordentlicher Geschicklichkeit, bog sich dabei mit dem Oberkörper hin und her, im Takte, je nachdem sie mit dem Schlüsselbunde, das sie wie eine Castagnette handhabte, klirrte und klapperte.

Die Gäste kamen schließlich laufend auf ihre Wirtin zu, und auch das Pferdchen wurde dazu veranlaßt, einen gelinden Trapp anzuschlagen. Nun allerausführlichste Begrüßung, Umarmung, jedes bekam seinen festen Kuß von der Frau Gutsbesitzerin.

„Nun, mein Alter wird Augen machen, wenn er Euch in den Kränzen sieht,“ sagte sie und betrachtete die Mädchen. „Seht nur einer, Klatschrosen! Ja, die Jugend! Die liebe Jugend! Die verdammten Klatschrosen! Und hier machen sie sich, ja, alles hat seinen Zweck auf Erden!“

Sie klopfte Röse auf die Wangen. „Aber habt Ihr denn gesehn,“ sie wies auf Rösens Kranz, „was das Zeugs dies Jahr gediehen ist? Da stecken ja die Felder voll zum Erbarmen. Na, der Alte wird Augen machen,“ schloß sie wieder. „Wo habt Ihr denn den Klepper her?“ begann sie aufs neue und klopfte dem Pferdchen auf die Schenkel, „der soll sich wundern, wie es ihm diese Tage gehen wird. Du alter Häckselsack,“ und wieder bekam das magere Viehchen einen freundlichen Klapps von seiner Wirtin, der gleichbedeutend war mit einer Anweisung auf ein paar tüchtige Metzen Hafer. Jetzt traten sie in den Gutshof ein.

Das war ein Gutshof! Jeder Mensch, dem Gott wohl will, sollte in schönen Jugendtagen einmal auf solch einem Gutshof ein paar Tage, ein paar Wochen gewesen sein, damit er wenigstens weiß, was Behagen, was Fülle, was Sauberkeit, Nützlichkeit, was gesunder, kräftiger Geruch, was schönes Vieh in gut gepflegten Ställen, was Wohlhabenheit und Stattlichkeit ist; damit er erst begreifen lernt, welche Harmonie zwischen dem schön geschichteten Misthaufen und der hohen, breiten Linde auf solch einem Hofe besteht, wie sie beide miteinander ein Ganzes bilden, einen einzigen Eindruck.

„Da kommt er ja, mein Alter,“ rief die muntere Herrin des schönen Hauses, und richtig, aus dem Laubengang, der um das Wohnhaus führte, trat der alte Sperber, der wunderlich gut zu seinem Frauchen paßte.

Auch er war eine kurze, rundliche Gestalt, wie es schien, behende, denn auch er bewillkommnete die Gäste schon von weitem mit den lebhaftesten Bewegungen, und wie die Frau das Schlüsselbund, so schwenkte er die große Tabakspfeife. Sein Gesicht hatte eine stark rötliche Färbung und leuchtete vor Behagen.

„Da kommt ja die Gesellschaft!“ rief der alte Sperber, als er schon unter der Bande stand. „Ihr habt’s gut gemacht, daß Ihr Euch Zeit genommen, unser Jochen Henner hat Euch ja vor so ein sieben Stündchen in Lützendorf getroffen, danach erwarteten wir Euch um eins, zwei herum.“

Der behagliche Alte zog seine dicke Uhr und hielt sie Budang unter die Nase. „Und was zeigt’s jetzt? Jetzt geht’s stark auf achte. Ihr mußtet dem Klepper wohl oft zureden, he? oder was habt Ihr denn eigentlich gemacht? Das ist ein miserables Vieh, wie kommt Ihr denn dazu?“

„Das ist Ernst sein Reitpferd,“ sagte Röse einigermaßen pikiert. Sie fand, daß das Pferdchen gar so übel nicht war, und daß sich Ernst oft sehr stattlich, wenn man nur den rechten Standpunkt hatte, darauf ausnahm.

„I, der Tausend, wohnt bei Euch in der Stadt ein närrisches Volk, wenn man das ein Reitpferd nennt! Meinetwegen!“

Er rief einen Knecht herbei und befahl ihm, „das Reitpferd“ in den Stall zu führen und abzuladen, und ging mit seinen frischen Gästen dem Hause zu.

„Schade, das ganze Gesindel kann nicht bei uns unterkommen, wir haben Euch beide, da — Euch beide“ — er wies auf Röse und Marie. „Ihr müßt eben zum Pfarrer, weil Ihr die Frau kennt; schlimm genug für Euch.“ Das murmelte er in den Bart und paffte blaue Wölkchen aus seinem Pfeifenkopf. „Sapperlotsches Volk, die Pastors,“ brummte er. „Aber jetzt wollen wir erst bei einander sitzen. Übrigens seid Ihr nur für die Nacht dort untergebracht. Am Tage werde ich mich hüten, Euch drüben zu lassen in dem Gewirre. — Teufel auch, es ist kein Spaß, dort unterkriechen zu müssen.“

„Uns macht es nichts aus, und wenn sie dort noch mehr hätten,“ versicherten die Mädchen. Es handelte sich hier um den großen Kindersegen des Pfarrhauses, das durch diesen Umstand für den Gutsbesitzer Sperber, der über alles seine Behaglichkeit und Ruhe liebte, etwas Unheimliches hatte.

Er verehrte den würdigen Pfarrherrn. Er war ihm ein angenehmer Begleiter, um mit ihm über Land zu gehen.

Sie spielten Tarok miteinander; doch bei allem, was er mit dem Pfarrer vornahm, mußte dieser durchaus von den Seinen isoliert sein. Ja, der alte Sperber vermied es sorgfältig — nur in den dringendsten Fällen machte er eine Ausnahme — sich nach des Pfarrers Frau und Kindern zu erkundigen. Er bestritt auch auf das heftigste und wiederholt gegen seine eigene Frau, daß er wisse, ob der Pfarrer zehn, dreizehn oder siebzehn Kinder habe, trotzdem er von der kleinen Gutsbesitzerin mit der Anzahl dieser armen Kinder auf das nachdrücklichste und eindringlichste, so oft er fragte, bekannt gemacht worden war. Er wollte es nicht wissen und damit basta!

Der Pfarrer hatte nach dem Tode seiner ersten Frau zur Lebensgefährtin eine Elementarlehrerin gewählt, die auch unsere Ratsmädel einmal unter der Fuchtel gehabt und die sich jetzt zur Beherbergung ihrer beiden früheren Zöglinge erboten hatte.

Als der Pfarrer dem Gutsbesitzer vor einigen Jahren seine in Aussicht stehende Verbindung mit dieser würdigen Person anzeigte, mit besonderer Hervorhebung eben dieser Eigenschaft, „der Würde“, sah der Gutsbesitzer ihn gleichgültig an, sagte: „Bon“, pfiff ein Stückchen, um vielleicht anzudeuten, daß der gegenwärtige Augenblick ihm von außerordentlicher Gleichgültigkeit sei.

Das Gutsbesitzerpaar hatte den einzigen Sohn in der Kriegszeit verloren.

Er war fürs Vaterland gefallen, und die beiden Alten hatten den Verlust tapfer getragen. Das schöne Gut war ohne Erben; aber sie zeigten sich beide gelassen darüber, hatten ihre Einrichtungen getroffen, Stiftungen bedacht und trugen ihren Kummer nicht zur Schau, hatten sich wohl auch damit auf eine gottergebene Weise abgefunden und lebten in Wohlgefallen aneinander ganz behaglich.

Das Abendessen, das die junge Gesellschaft bei ihren Wirten erwartete, zeugte von ländlichem Überfluß an den Dingen, womit die Leute unten in Weimar sparsam umgehen mußten.

Röse und Marie hatten seit jeher den Eindruck von dem Gute des alten Sperber gehabt, als wäre in Wahrheit hier das Land, in dem Milch und Honig fließt.

Bis in die Baumblüte hinein erhielt die Frau Gutsbesitzerin die besten Äpfelsorten noch so frisch und schmackhaft wie um Weihnachten und konnte ihren Gästen immer Überraschendes, Ausgesuchtes vorsetzen. Die alte Sperber hatte ihre ganz besonderen Geheimnisse, hinter die sie niemanden so leicht kommen ließ. Sie buck berühmte Kuchen, und in welchen scheinbar unvertilgbaren Massen! Rats hatten so manche Kiste, vollgepackt mit verlockenden Dingen, zu allerlei Festen und zur Kirmeß von der Frau Pate, wie die Gutsbesitzerin in der Wünschengasse benannt wurde, geschickt bekommen.

Und das Bild der Frau Pate stand Marie und Röse vor der Seele, stets umgeben von den verlockendsten Produkten ländlicher Koch- und Gartenbaukunst.

Während des Abendessens war man äußerst heiter, der Abendglanz des sonnigen Tages, den die junge Gesellschaft in aller Muße im Freien zugebracht hatte, in sorglosem Behagen, lag noch über den Gesichtern ausgebreitet, und die Stimmung aller schien wie von klarer Sommersonne durchdrungen.

Nachdem sie allen Herrlichkeiten gründlich zugesprochen, spielten sie in der großen Laube vor dem Hause Pfänderspiele; zwei junge Leute, die auf dem Sperberschen Gute ihre Lehrjahre durchmachten, fanden sich noch zu den übrigen, und mitten unter der ausgelassenen Jugend vergnügte sich das Gutsbesitzerpaar auf das beste.

Die beiden Ratsmädel befanden sich in einem Taumel von Vergnügen. Der Gutsbesitzer that mit, als gehörte er zu dem jungen Volke und gewann bei den Pfändern auch wohl einen Kuß von den Mädchen.

Röse, der Schelm, war hellsehend genug, ihre Küßchen keineswegs für etwas Gleichgültiges zu halten.

Bei einer Gelegenheit, wo es zweifelhaft erschien, ob der Wirt solch einen artigen Gewinn gemacht hatte oder nicht, und man sich darüber stritt, sagte Röse, um die es sich handelte, zu Budang und Franz Horny: „Das nehmen wir bei dem guten Sperberchen nicht so genau, Ihr seid mir die Rechten, so zu streiten,“ damit sprang Röse auf und fiel dem alten Gutsbesitzer um den Hals und küßte ihn auf das anmutigste. „Du Prachtmädchen, Du,“ sagte der gute Sperber und drückte das liebe Geschöpf gerührt an sich. „Ja, so ein Töchterchen zu haben!“ murmelte er und strich Röse über das dichte blonde Haar. „Ja, meine Alte!“ und er nickte seiner Frau mit feuchten Augen zu.

Als Röse zu Marie und Budang trat, blickte die Schwester sie unzufrieden an. „Siehst Du, Röse,“ sagte sie, „was mußt Du denn den Leuten die Nase lang machen. Ich glaub’s wohl, daß sie sich für ihr Gut ein paar Mädchen wünschen oder auch ein paar Jungen. Nun hast Du den beiden das Herz schwer gemacht.“

„I, gar. Na, Budang,“ sagte Röse mit schon von Thränen unsicherer Stimme, „nun siehst Du einmal, wie Marie sein kann.“

Damit wendete sich Röse ab und huckte sich neben die Gutsbesitzerin auf ein Fußbänkchen, das dort stand, legte ihren Kopf auf die Kniee der kleinen Frau und ließ sich wie eine Katze streicheln und im blonden Haar krauen und knurrte dabei vor Behagen; vielleicht, um damit zu beweisen, daß sie sich trotz des Ärgers außerordentlich wohl befände.

„So macht sie’s,“ sagte Marie zu den drei Kameraden, „da mag zu Hause geschehen, was da will, und wenn sie eine um die Ohren gekriegt hat. Wir kennen das schon.“

Franz Horny fragte: „Dauert’s lange bei ihr?“

„Bewahre,“ teilte Marie ihm mit, „wenn wir irgend etwas Neues jetzt anfangen, da ist alles vorbei; aber hört nur!“

Wie Marie vorausgesagt hatte, so geschah es; als man mitten in einem neuen Spiele sich vergnügte, war unsere Katze glatt und munter wieder dabei. Nicht gar zu spät trennte man sich, denn die Ratsmädchen durften die Pastorsleute nicht aus dem Bette holen. Die Gutsbesitzerin trieb die beiden an, als es Zeit war, zu gehen, lud ihnen ihr Bündelchen auf und entließ sie mit der Weisung, vernünftig zu sein und dort die Wirtschaft nicht noch zu verschlimmern. Als sie durch den Pfarrgarten gingen, kam ihnen ihre frühere Lehrmeisterin entgegen. Sie schien vor dem Hause etwas zu lustwandeln.

„Da kommt Ihr ja,“ rief sie den Mädchen zu. „Ihr müßt aber mit unten schlafen, hat es Euch die Sperbern schon gesagt?“

„Ja,“ erwiderte Marie.

„Nehmt’s, wie es ist,“ fuhr die Pfarrerin trocken fort. —

Sie traten miteinander in den Hausflur ein; da drang aus einer halb offenen Thür, aus der ein matter Lichtschein in die Dunkelheit fiel, ein merkwürdiges Summen, Poltern, Kreischen, Quieken, Schimpfen, Rücken, Zischen und Huschen.

„Da schlafen die Kinder,“ teilte die Pfarrerin mit und öffnete die Thür vollends. Welcher Anblick! In einem durch eine Öllampe, die mitten im Zimmer von der Decke herabhing, dämmerig erleuchteten Raume bewegte es sich auf eine überraschende Weise. Überall schlüpften rosige, weiße Gestalten. Auf den Betten sprang es, auf der Diele schlüpfte es, und bei dem ersten Schritte in dieses Reich zupfte es schon von allen Seiten den Mädchen an den Röcken.