ALBERT H. RAUSCH
SÜDLICHE REISE
1 . 9 . 2 . 0
EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
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DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN
AMERIKANISCHES COPYRIGHT 1914
BY EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
DRITTE AUFLAGE
VON DIESEM WERK WURDEN
15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT
UND VOM VERFASSER GEZEICHNET
INHALT
| WIDMUNG | SEITE | [3] |
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HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI) |
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WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA
Es ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft weht auf den Tisch und bewegt den Strauß von Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir ins Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.
Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. Auch dieses Buch ist eine Heimkehr zu dir. In die größte Entfernung der Seele dringt dein Ruf. Selbst in die schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um einen Inhalt, der dir gehört. Du bist nur da, eindringlich und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.
Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe Seele von Seele scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere Geschichte geworden? Hat es uns nicht von dem fruchtlosesten aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge und Irrtum bewahrt? Welche wirkenden Kräfte unsrer Seele müssen wir eindämmen oder ersticken, um einander die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in den Jahren unsres Wachsens die grenzenlose Verehrung für alles Lebendige gelernt? Das schlichteste Leben eines Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten Dinge gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war in einen unergründlichen Zusammenhang von Beseelung gerückt, der uns die Schönheit der Welt offenbarte.
Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von einem Ziel, wie fern unser Leben von einem Zweck, da wir längst wissen, daß alles Lebendige ununterbrochen in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und daß wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.
· · ·
Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich für dich aufgeschrieben habe. Es ist eine große Leidenschaft des Erlebens, die ich zu dir trage. Es ist meine Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt, übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich vielleicht beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst so sehr aus den vielen Stunden vertraut wäre, wo du Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht erträgt.
Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich frei du bist von den Zeitmaßen einer Frau! Was hat es geändert in den Zeitläuften deiner Seele, Gattin und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die unergründliche See hinfährt und vielleicht die Welle zu einem flüchtigen Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren Wandlungen deines Lebens getroffen, hat das Stundenhafte dieser Dinge das Unbegrenzbare deines inneren Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und nichts gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich um ein kleines vermehrt.
Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt und keusch wie zuvor.
In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über ferne Meere ziehst du die Seele deines Freundes zurück, der ein Abenteurer ist und bleiben muß, solange ihn die Götter lieben.
Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen erfüllt sein, tausend Gesichter trage ich vor mir her und kann von jedem sagen: es ist mein Gesicht und aus mir selbst entsprungen.
Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines Lebens gerichtet, der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die eigne Einheit aus der Tiefe entgegenstrahlt.
RAVENNA
So war die Anfahrt an Ravenna:
Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. Feuchter Dunst lag über der reglosen Fläche. Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das dünne Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Von Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen gleichen Bild, die Augenlider schlossen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.
Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne ein wenig goldner. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange Regenstreifen den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, selten nur stand am Rand eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des Himmels formten sich kleine, runde Wolken, die Luft wurde heiß, der Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die Ahnung eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, unkörperlich, mit schwachen Umrissen. Das Bild eines zweiten Turmes schob sich daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuckloser, unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne Grenze ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit des teilnahmlosen Himmels, der dieses Land nicht liebte.
Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, andere willkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen. Das Wasser leuchtete braun über dem Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß und leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte, hatten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend und gleichgültig in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde Anklage.
Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten Platz, ehe ich mich entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob nicht irgend ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, den Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war nichts als grauer und gelber Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit blinden, leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt ist und jeden Menschen so rasch aus ihren Mauern forttreibt: Fieber .. Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, wenn es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem des Herbstes aus dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an mir haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den Fremden, der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen Winkeln aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen überblüht. Alles ist verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht der Kalk oder das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht klaffte oder sich in unverrosteten Angeln drehte. Was will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen fallen lassen .. wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Luft durchstechen und uralter Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? Vielleicht auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter des versiegten Springbrunnens auf und wirft dir den Frevel seines leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf dem abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem angelehnten Tor und goß einen Eimer voll Spülwasser in die kaum noch erkennbare Rinne: dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller, die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub sie aufgesogen hatte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht, das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da hielt der Wagen vor dem Eingang von San Vitale.
*
O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das Ohr entzückt.
Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle streuten in ihrem weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe, ein paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich der Blick, von der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; und siehe: aus der stillen Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel, wenn die ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den Kuppelwänden das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst und Gegendienst aller Teile hob es in die fließende Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte das Auge die Schau in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen und unteren Umganges floß die Helle zusammen, der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht zu fangen und der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu geben, über dem sich, fast schwebend und wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, die allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie der fiebernde Äther: es war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus dem Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und gereinigt in den Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm abrangen. Auch der Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen der Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fußboden hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es war Gesang geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt war von Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den halbgeöffneten Altarplatz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud. Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- und stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: denn jedes Weitergehen war das Verlassen einer Schönheit, in der sich gerade die Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altare, die Wände und Kuppeln mit allem Übermaß der schillernden Mosaikbilder, mit allen Aus- und Ineinanderströmen undeutbarer Farben in einer Schau zu nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine Füße fiel der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den Clematissternen, den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern wallte und sich in die Mitte ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben ausgießen konnten: wenn sie die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, diesen Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen, daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind, deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort, über der linken Seitenwand, opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates, auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm .. wie liegen ihre kranken Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen, unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein goldnes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern und schamlos, der Heiligenschein um den Kopf der Kaiserin taucht in den schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der Warze brandrot flackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand mit den breiten Goldborten und dem hellen Überwurf der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Überhang, du, mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist es eine Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit hinabgezogen werden .. aber deine unwillkommne Tugend hätte leicht an einer zarten seidnen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.
San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut .. Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht .. O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft.
*
Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten: ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der Kaiserin nach.
Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens. Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern, wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.
Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen. Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung. Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn. Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna, indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte. Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens. Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte, es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung. Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen, und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten. So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte, daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß, war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer Staatskunst, und sie ließ es – als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter Gatte starb – um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen, dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria, die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit Aëtius angeregt hatte. Beide wollten – gegen Placidias Absichten – dem weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut, solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf: Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte.
Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?
Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des bittersten, den eine Seele kämpft.
Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in das leise Branden des lauen Meeres hinunter.
Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre Seele trug.
Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre tiefste Einsamkeit.
Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber, der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens.
*
O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf Sammetflügeln wiegt ..
War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend. Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen: Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.
Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug? War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle: Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes ..
Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der Schönheit, die kein Geist mehr erträgt.
*
Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr. Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte. An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke, der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor, am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert. Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen, blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln. Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch, sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht. In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben, wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des Purpurs zu vertiefen.
Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken, man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..
*
Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten, den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand.
Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt – Tullio Lombardi meißelte den Stein – scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht, daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn? Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine Blumen über seine gefalteten Hände – und schreckst zurück: er lebt noch .. er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen, leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen und nicht sterben wollen ..
| ›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang |
| Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis |
| In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich, |
| Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind, |
| Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras .. |
| Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn .. |
| Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln |
| Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines |
| Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel |
| Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten .. |
| Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal |
| Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹ |
*
Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen Ebene, nach der Ahnung des Meeres.
Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land. Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast, schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig gegenwärtig.
Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit. Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond wirft giftige Dünste auf.
Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend .. sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie, um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen, Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.
FLORENZ
Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz. Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern, ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der kornblumenfarbenen Tage.
Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne, Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im Vorüberfahren ..
Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht war niemand zu Hause. Ich zog die Schelle. Es dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete. Er erkannte mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. Wenige Minuten später saß ich im Gespräch mit dem Hausherrn. Jahre waren vergangen, seit wir uns gesehen hatten. Er war der einzige, der um ein Erleben wußte, das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer nordischen Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der Schein der Liebe auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn das ergriffene Herz damals hingezaubert hatte. Ich ging zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie damals stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, wie frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. Die Mahlzeiten in dem kleinen Speisezimmer, die vielen hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein in schlanken Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten Worte zwischen Menschen, die zusammengehörten, so wie sie waren, gebunden durch die gleichen Gewohnheiten, vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit – und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl innerer Besonderheit, wie es die große Übung des Erlebens entfaltet. Nichts war laut, nichts war ein Übergriff. Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, die zum Schloß gehörten, an kleinen Bächen entlang, die hastig niederstürzen, sich manchmal in uralten Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. Dann ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem Gras, bei Lorbeerbüschen und Gaisblattranken. Wohin das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume, deren wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. Die Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder im Bernsteinglanz der Abendhimmel, die Nachtigallen sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag die Liebe. Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die Sonderheit dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, das wortlose Untertauchen in jeder beseelten Schönheit. Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln der Sinne. Milde war in allem: Toskanas Milde .. und eine reine, scheue Süße, wie Duft von Veilchen oder Teerosen.
Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen. Die Unterhaltung kam auf deutsche Dinge und hielt sich lange dort. An den Namen gemeinsamer Freunde spann sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es einfachen Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises Heimweh einschlich. Denn im Reden über so viele, die vor Jahr und Tag mit uns hier oben zusammengesessen hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend zwischen heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens schob sich über das Spiel der Erinnerung, die fast Gedicht geworden war. Wir verstummten. Wir schauten durch das Gitter des offenen Fensters in die Ebene hinunter, den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. Dann kamen plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich noch jenes Vormittags, als wir zu Gino gingen? Wie hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die Arie der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön Klavier? Was ist an der Geschichte wahr, die man von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage auf Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus umhergingen. Wir stiegen die Treppen in das Obergeschoß empor, wo die Schlafräume lagen. Da war mein altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder, dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. Wie stiegen die Morgende des Erwachens auf, wenn der Diener eintrat und die Läden zurückstieß, wenn plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte Land in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die im frischen Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes Blattwerk spielen ließen, die schweren wiegenden Zypressen über den Dächern von San Miniato, die ganze östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages zu dem Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An der Mauerwand aber schlug der warme Duft der Erde empor, und wehte bis auf die Kissen ..
Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war traurig geworden, und fühlte mich erst leichter, als wir in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn saßen, wo so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die Abende verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken erraten hätte, fragte er, indem er sich in einen hohen, roten Seidensessel setzte:
»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«
Da war mit einem Male das Lachen geboren – und mit ihm jener göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns Octavio Poggiolini die reizende Geschichte erzählte ..
· · ·
Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer brannte auf dem eisernen Rost, denn der helle Mondabend war kühl und etwas feucht. Die Champagnergläser waren aus dem Speisezimmer herübergetragen worden und standen neugefüllt, die Damen zerlegten Orangen auf dünnen Glastellern, einige der Herren rauchten. Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen angezündet, da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und außerdem durch das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht in blaßgrünem Dreieck über den Boden fiel. Octavio Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die Vorfreude des Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi einige Bedenken, denn sie sagte, als er eben beginnen wollte:
»Ist die Geschichte sehr unanständig?«
»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! Im Gegenteil! Sie ist ganz einfach das Loblied auf die Klugheit!«
Aber Marita ließ sich nicht beirren:
»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?«
»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.«
»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen solange ins Musikzimmer.«
»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine Freude mehr am Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte für Frauen, zumal für solche, die leider nur als flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.«
Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss und ihrer noch jugendlicheren Schwester Katarina von Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit dem langen Blick ihrer blauen Augen ermutigte:
»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen wollen?«
»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?«
Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich einen besseren Halt zu geben, während Katarina sich ein wenig bückte und aus dem getriebenen Messingeimer ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so daß einen Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete, das sie ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des Kleides trug.
Octavio begann:
»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte ziemlich unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war eigentlich niemandem klar, warum das schöne, noch sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: er sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel über die Mitte der zwanzig hinaus und hatte reiche und ausgedehnte Besitzungen in der Normandie. Isabella war wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des Vaters habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. Nun ist es ja wahr, daß die Giramonte von jeher leidenschaftliche Spieler mit Geld und Schicksalen waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir zugetragen hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter – Sie wissen doch, daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von Didier aus Rouen war – bei weitem nicht die Höhe erreichte, die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und daß er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug hielt, um es vor den Möglichkeiten des Spieltisches zu schonen. Kurz, wie dem auch sei: den beiden Eltern konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger d'Ys nur angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar wissen, die Verlobung sei ein lange vorbereiteter und gut berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die aus Rache gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen gegen jeden italienischen Bewerber an ihr eignes Vaterland zurückspielen wollte. Daß Isabella in Wahrheit aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und schwarze Mischung hatte noch immer die besten Ehen gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von Ys und Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die Giramonte weit weniger vornehm waren, die Didier aber sogar nur zur napoleonischen Aristokratie zählten. Die Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas Mutter tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen gewesen, wenn nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler besessen hätte (oder vielleicht eine so große Tugend, je nachdem man es nimmt), daß das Glück der Ehe dadurch ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von einer Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich nur der Uradel gestatten darf: und das Schlimme (oder das Gute, je nachdem man es nimmt) war, daß seltsamerweise der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen lag viel feine Güte, und sein Mund war einer der edelsten Frankreichs. Die Nase war wohlgebildet und durchaus nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern ja des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien die feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen Haares als das deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. Nun hätte ja Isabella, die stets in äußeren Vorzügen ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu finden wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das geringe Maß an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: zumal sie ein offenes Haus führte, so daß ihr gar nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen Reich des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere Frage in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne Bedenken aufzurollen wage. Ich werde mich sehr vorsichtig ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären versuchen. Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. Wenn er ohne Nachkommen blieb, fielen Vermögen und Güter an eine Seitenlinie niederer Gattung, die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als Offiziere in das republikanische Heer hatte eintreten lassen. Roger d'Ys gab sich nun ohne Zweifel auch redlich Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen .. und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches Verständnis für die Politik ihres Gatten, obwohl sie kraft eines gesunden Spürsinnes für Dinge, in denen sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen konnte, längst und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten Grafen d'Ys und Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen war. Sie hatte geradezu eine Sünde begangen. Sie hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in dem Wunder ihres eigenen Ebenmaßes lebt und kaum noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, nicht die kühle Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern die zielbewußte Arbeit des l'art pour l'oeuvre verlangt!
Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, ohne daß eine Hoffnung auf Nachkommenschaft bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf das Schloß gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, auch der Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und selbst der uralte Erzbischof, dessen Rufe zu dem Heiligen Geist in der französischen Aristokratie eine nicht unberechtigte Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, daß er Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter aber, weniger gläubig und mit einem stärkeren Sinn für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr zu einigen großen Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen Vollkommenheit zu geben – – und sie war genau so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys zurückgekehrt. Es ging auf den Winter zu, und sie begann zu kränkeln. Wie viele Edelleute aus der Normandie hatte Roger die Gewohnheit, wegen gewisser Jagden, die er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so verlangte, ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die Wohnung in Paris erst im November zu beziehen. Er wäre ja gerade in diesem Jahre gerne geneigt gewesen, seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund nicht ausreichend, zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis außerordentlich durch den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt war.
Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie sich gewiß diesen geheiligten Sitten nicht widersetzen wolle, daß sie aber die Rolle, die sie bei solchen Gelegenheiten zu spielen habe, der wesentlich gewandteren Gräfin-Mutter zurückgeben und ohne jeden Widerspruch Anfang Oktober auf einige Wochen nach Florenz fahren werde. Diese Reise scheine ihr die einzige Möglichkeit zu bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, das sie bei den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. Die Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem Tage an bis zu einem gewissen anderen Tag, der aber in dieser Geschichte erst viel später vorkommt, eine offene Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes die Frage erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen Vater eine Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. Es steht nicht fest, ob sie ihrem Sohne gegenüber einen ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie es aber getan hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über alle Maßen, und es war eigentlich nur die obenerwähnte allzugroße Schlichtheit seines Geistes, die es ihm unmöglich machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit seiner Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er auch – trotz seines wirklichen Schmerzes über Isabellas Vorhaben – in diesen bedeutungsvollen Tagen weder das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte sich nur, daß es das beste sei, Isabella ohne Widerspruch gehen zu lassen und es ganz ihrem eigenen Gefühl anheimzugeben, wann sie sich wieder an der Seite ihres Gatten einfinden würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, die sich in Voraussicht der kommenden Dinge schon von Paris nach Château d'Ys begeben hatte. Aber sie warf nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre weiße, schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, als wolle sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig an einem solchen Sohne fühle, sich aber mit der Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie mehr ahnen ließ als verriet. Am meisten aber litt Isabella. Doch hütete sie sich, dies merken zu lassen, sie schien vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie jedoch scheinbar eifrig und sorgfältig die Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit sich zu Rate und überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde. Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl hegte, war es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie war nun einmal die Gräfin d'Ys und Dieuleveuille, und sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren Empfindungen für den Gatten etwas wie eine Windstille eintreten würde, weil er .. nun ja, einmal weil er sich in seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich blieb, sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder sagen .. weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, das allzustrenge Verharren in seiner Schönheit, das allzugeringe Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine empfindliche Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen würde. Und sie folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches ja eigentlich schon eingetreten sein müsse, da sie so außerordentlich klare Vorstellungen von dieser Verschiebungsmöglichkeit des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, wenn sie ein Kind gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich nach einem Kind, nicht, weil sie damit gewissermaßen ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die auch in der Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen Lebens zu sehen vermögen. Und wie es ja fast immer zu geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem Sinnenleben die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das sichtbar zu Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag und unbestimmten Inhalten abhold ist: so hätte Isabella in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden für manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst an diesen heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand eine Bresche: Wie würde ein Kind von Roger d'Ys geworden sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch der gesunden Art ihres eigenen Blutes Kraft genug zutraute, bei der letzten Entscheidung über äußere und innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames Wort mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht zuweilen eine große Furcht an, sobald sie an die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren ihr zu viele Beispiele bekannt geworden – und ganz besonders seit ihrem Aufenthalt im Schoße derer von Ys und Dieuleveuille – daß das Unbegabte über das Begabte den Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien ihr manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz einzuschließen, daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit als ein Werk der Vorsehung empfand. Aber was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch nicht einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor ihr!
Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde und allein der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden Jagdgesellschaften sie fast trübsinnig machte, beschloß sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete Schwimmer, der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste Weidengerte des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an diesen Namen: Florenz – und an einem der ersten Oktobertage traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein. Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und ihr als Zeichen seiner Liebe einen großen Rosenstrauß mitgegeben, zu dem er selbst jede einzelne späte Blüte im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, die natürlich von den inneren Zusammenhängen keine Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni über den Ponte Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, warum sie aus Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz selbstverständlich, daß sie in ihrer Vaterstadt weilte, ja, sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie weit über zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen hatte, zumal in der Umgebung, in die sie ihre Heirat gestellt hatte. Und noch ehe der Wagen vor der Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie einige Wochen in der Heimat zubrachte. Mochte die Gräfin-Mutter wegen der mißratenen Schwiegertochter jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht mehr an all diese lächerlichen Zustände in Château d'Ys kehren. Sie würde sich durchsetzen, ganz unzweideutig. Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten vollkommen genügen, über die andere Hälfte des Jahres würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge wurden ihr im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur die klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.
Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen Brief an ihren Gemahl, in dem zu lesen stand, daß der Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele, daß aus dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer dringe, und daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen das Wasser des Arno silbern aufleuchte. Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele gelöst, schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des festen Glaubens, daß sie in der Heimat so weit genesen werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm zurückkehren zu können.
Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf Primoli sich unversehens bei ihren Eltern als Gast angesagt hatte und bis gegen Mitternacht geblieben war (was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht mehr tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, daß dieser Primoli gefragt hatte, ob er seine Schwester mit ihr bekannt machen dürfe, die gerade bei ihm zu Besuch sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine geradezu übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen Wesens bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand beim Abschied küßte .. eine Erleuchtung, so gewaltsam und divin, daß sie plötzlich an den alten Erzbischof und die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.
Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten und schönsten Brief, den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen hatte. Der Brief war so schön, daß Roger d'Ys die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs nach Florenz fuhr, wo er in dem kleinen Mauergarten der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine frohe Stunde mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe ihm teurer und wertvoller sei als alles andere auf der Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten einen innerlichen Glanz bekommen. Sein feiner Mund stand ein wenig geöffnet, die weißen, gleichmäßigen Zähne wurden sichtbar – und er sah so schön aus, daß Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, als sie sonst zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen Zweifel mehr, daß an jenem Abend, als Diomede Primoli ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten blauen Adern des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über sie gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln einer Märtyrerin durch die herbstliche Sonne am Arm ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan nicht von ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde ihres Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum Muster, und einmal, als Monsignore Zacconi in der Annunziata eine lange Predigt damit geschlossen hatte, daß es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl er doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten ihn bei einem Abendessen, das die Marchesa Prioressa gab, einige Damen und Herren sehr unverblümt zur Rede über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und verwiesen frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an einer Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie der Graf Primoli von der Einrichtung seines Hauses erzählte. Ich muß hier zufügen, daß er sich geradezu eines Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine schönen Möbel- und Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise war Graf d'Ys noch nicht bei ihm gewesen, was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde des nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. Isabella wurde in demselben Augenblick, als Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der Herzogin von Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen zweifelte nicht eine Minute daran, daß seine Gemahlin einverstanden sei und sagte zu.
Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf, in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte, verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei. Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella, eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter:
»Ist es nicht wundervoll?«
»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.«
»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, genau das gleiche Bett ist noch bei Rondinelli zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen, werde ich Ihnen gerne behilflich sein.«
»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten mich mit Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«
In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen anderen Gedanken mehr fassen, als Möbel zu kaufen, alte, echte Renaissancemöbel für sein normännisches Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den Kopf schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er sich in dem Schaukelstuhl zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug:
»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch nicht tun. Man muß die Dinge der Umgebung anpassen, in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst erzählten, daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten stammt, da außerdem dieses Schloß in der Normandie und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften florentinische Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige sein.«
»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, sagte Roger, und ich kann Ihnen versichern, daß ich selbst schon einen ähnlichen Gedanken gehabt habe. Aber sehen Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier unten in ihrer Heimat ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft dieser Stadt, die man um so lieber gewinnt, je länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie leichter ertragen, wenn sie möglichst viel Dinge um sich sähe, die sie an Florenz erinnern!«
»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die Seele der Frauen schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die Täuschung doch nur oberflächlich bleiben kann, wird ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt werden. Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von dem erreichen, was Sie anstreben. Aber – fügte er hinzu, und er gab diesem Aber einen ganz besonderen Nachdruck, ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede deswegen aufzuheben – wenn Sie der Gräfin eine Freude machen wollen, die einen wirklich tiefen Sinn hat: so kaufen Sie doch eine von den unzähligen kleinen Villen hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur Umgebung paßt.«
Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:
»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die Hände Primolis ergriff, Sie haben doch immer die besten Gedanken ..«
»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich nahe ..«, beschwichtigte jener.
»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich lag er sozusagen auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen oft genug so, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«
· · ·
Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, die schon zu Bett lag, während er selbst noch ein wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die alte Villa Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte nicht recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt hatte, oder ob dies alles Wirklichkeit war. Als aber Roger einen Kaufbrief aus seiner Tasche nahm und auf die weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß ein solches Geschenk sofort das Gegengeschenk erfordere, hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem Grafen, daß sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er rannte im Zimmer umher, bestürmte sie ein über das andre Mal mit Fragen, ob sie sich nicht täusche: aber sie lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen, neigte ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen Kopf und sagte wie im Traum:
»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, milden Luft zu atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..«
So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und sah auf ihren zarten, heiligen Körper nieder, indessen etwas wie ein Dankgebet aus seiner Seele zum Himmel aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll zu versöhnen und den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften verschmerzen zu lassen.
Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag auf dem Tisch liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend zwischen ihre Fingerspitzen und schaute fragend in das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort in seinem Blick.
»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß man in unserem Kirchensprengel für mich betet: vor allem aber möchte ich deiner Mutter noch nicht die Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich möchte ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor Augen treten: das heißt in diesem Falle erst dann, wenn ich mein Kind im Arm halten kann. Mein veränderter Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen mit sich bringen, über die wir am besten sogleich reden. Ich denke, wir halten es so: Vor allem werde ich vor meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich zurückkehren. Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. und Paris würden wir ja ohnehin für diesen Winter aufgeben müssen. Ich glaube, wir bleiben am besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im April hier unser neues Haus solange, bis alles vorüber ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die Geschäfte zurück: so bedeutet das ja weiter nichts ..«
Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich das alles ganz anders gedacht, aber die Entschiedenheit in Isabellas Sprache und die große Klarheit ihrer Pläne ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er hatte ja schon des öfteren sagen hören, daß Frauen in solchen Zuständen manchmal die seltsamsten Launen haben.
Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein pflegte, und die innere Lösung aller Verkettungen schien für sie einzig in der Frage zu gipfeln, ob das Kind ein Sohn oder eine Tochter sein würde.
Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste Hoffnung nicht: sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz einer wundervollen, kleinen, schwarzen Tochter, von der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille nahekam: es ließ sich nur feststellen, daß sie ein äußerst vornehmes und wahrhaft gräfliches Kind sei.
Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer stummen Gebete: denn von nichts war sie nun mehr überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des letzten Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß sie, um Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, nur da fortzufahren brauche, wo sie so glanzvoll begonnen hatte.
Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen Primoli war.
So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt: und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft großen Dame – zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere sittlichen Gleichgewichtes besaß – und man empfand es in Paris wie eine gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher Herkunft im Theater und in den Salons zeige.
Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.«
· · ·
So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina von Pleß seiner:
»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt – obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen, dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.«
»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..«
»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein, wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber – was ich Euch durchaus zutraue – Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche Isabella Giramonte kam.«
Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio auf den schönen, hingehaltenen Mund.
Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln.
»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war.
»Nein, noch nicht.«
»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«
Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel:
»Wenn wir morgen nach Siena führen?«
ROM
Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen.
*
Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind, den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang, die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume, die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen.
Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten, runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden.
Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr.
Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus.
Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker, den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen.
O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes, wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick rührt an das Wesen der Dinge.
Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern, Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen, so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben, was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre den Tonfall der Antwort:
»Sono Romano.«
Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet – und die Brücke, die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:
»Civis Romanus sum.«
Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe, Sklavenaufstände, Huren ..
Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper, hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges.
Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt, muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie gerne helfen möchten.
*
An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten, verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts, so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle .. und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so, vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die Silbertropfen mit dem Munde ..
Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.
O Brunnen der Verwandlung.
O Wasser Roms.
*
Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh. Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus, dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen. Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus, der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.
O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind! Rom sind sie – Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt.
So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue, erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes funkelt.
*
Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin Arnedal – Axels Mutter – gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes:
»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt, obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod. Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«
Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici.
»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.
Axel lächelte unmerklich:
»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten. Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte – und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle Frucht.«
Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre Gesichter – deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht – spiegelten tiefe Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner von uns sprach.
Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg ..
O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat erweisen. – –
Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des Hauses trat.
Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane.
*
Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die andere.
Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt. Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes, die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen, Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen an die kleinen Brüste drücken – Kamelien und Azaleen – und die Stufen hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen, silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller Kirchen hier über allen Giebeln thront.
*
Ich ging zum Kapitol hinauf.
Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.
Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch, daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen. Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung. Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich selbst den Hungertod.
Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund.
Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis. Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen. Verloren: da er sich selbst nie besaß.
In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet.
Seele Roms!
Wunderbare Trauer Roms!
»Rom sank und sinkt ..«
*
Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei. Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..
Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht.
*
Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten. Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten .. In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen, dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..«
Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der Villa weiter.
Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst du hinab im Spiel der Sonnenkringel.
Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den alten Kastanienwäldern. –
Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im Wüten des Lichtes zu sehen.
Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns, stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt, haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer, von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer nennt, was er sieht?
Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?
Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner Schönheit.
Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß hinabsteigen.
Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue aus den Wipfeln des Esquilin.
Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt die Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen meine Brunnen rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..
*
In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so oft am Abend in die armen Viertel hinunter wie in Rom. In keiner saß ich stiller, träumender bei Taglöhnern und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten Straßen am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber entlang bis zur Bocca della Verità und weiter über die Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich in mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und warnten. Ich fühlte, daß mir nichts geschehen konnte. Der späte Wanderer, der mich ansprach, mußte fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn ich mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, fragte mich keiner, woher ich komme und was ich hier zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an, nie bettelte eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, sprang einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch ehe er den Mund öffnen konnte, fragte ich nach dem Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge wurden freundlicher:
»Sie wollen rudern?«
»Ich will zu Giuseppe Pangi.«
»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina gegangen. Wenn es Ihnen recht ist, kann ich Sie hinausfahren.«
»Nein. Ich kenne Sie nicht.«
»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau dasselbe, was Pangi ist.«
»Sind Sie Soldat gewesen?«
»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«
»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«
Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch Cichoriensträucher den steilen Abhang hinunter. Die Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen Brettern, die Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger Welle gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen suchten den steilen Anstieg des Aventin. Die Wipfel ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue Watte des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. Auf der anderen Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz des Großen Hafens, hob sich die monotone Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte schwaches Licht.
»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und können nicht schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«
Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander der Stadt zu. An der Bocca della Verità bog ich ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der Fremde begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, liegt dieser Friedhof mit seinen vielen Zypressen. Mein Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores; bleich und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen Mäler durch die Nacht. Dürstend stand das Schwarz der Bäume im Dunst der bleiernen Luft.
Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd in der Asche ihres Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, die süße Kirche, in deren Namen schon der Orient funkelt: Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie müd ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, wie müd der runde Sonnentempel mit seinen korinthischen Säulen, wie müd sind die fleckigen Wände dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag entlang, Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt vom Großen Hafen herüber, Staub weht – des Nachts geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier war der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch der Bogen der Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die feinen Speisen der Tafel. Wie müd vom wesenlosen Hin und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie abgebraucht und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken Mauern! Kein Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen schenkte leise Linderung. In jedem Augenblick konnten die ersten Tropfen fallen.
Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. Meine Stirne war feucht. Die Zunge war kaum vom Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu schmerzen .. Scirocco ..
Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief an der Schulter eines großen Bauernburschen, eine andere malte gedankenlos Figuren in das Verschüttete ihres Weinglases. Viele Schiffer standen am Schanktisch, hinter dem eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß. Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:
»Sie waren auf dem Wasser?«
Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben mir saß.
»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe den andren an.
»Ich wurde nicht darum gebeten!«
Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:
»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. Sie wissen, daß ich es nicht vorherbestimmen kann, wann ich nachts herunterkomme ..«
Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. Einige traten heran. Plötzlich fragte ein Kerl, aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang Giuseppe auf: »Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du dich unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch kein Wort zu dir gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? Und ich rudere ihn seit Wochen auf den Fluß hinaus?«
Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der mich prüfend maß:
»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«
»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, dann sollen Sie verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein Deutscher hat mich heute um fünf Lire betrogen ..«
»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.
Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe trat hinter mich:
»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, an denen wir unser Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«
Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und schlug die Hände ein über das andere Mal auf die breiten Hüften .. Die Tür flog auf – man hörte einen Augenblick lang das Aufklatschen des Regens – dann war tiefe Stille.
Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer – und ich erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem, was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam. Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.
Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an. Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.
»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen ausspuckte ..
*
Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden. In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte strahlenden Auges:
»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..«
Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.
Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht, schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren Schmelz. – –
Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an. Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung angespannt:
»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen ..
Ich senkte die Stirn.
Er atmete tiefer.
»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen nichts.« – –
Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer.
Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen Sommernächten zu erzählen ..
Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof. Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang. Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen.
Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni e Paolo.
*
Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes, mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen der Villa d'Este niedersteigt.
Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen. Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle, feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen dem Zuge nach.
Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..
Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau. Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann, schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der Villa Adriana und fragte:
»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe gelebt hat?«
»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«
»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum erträglich machte ..«
Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort:
»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« – –
Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers. Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano, leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun, da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben. Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der Himmel, Quecksilber die Flut.
Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie von bitter Gekautem:
»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« – –
Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. Hinter dem Wagen wogte die rote Wolke des Staubes, die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen dahin, vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, an blutigen Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten Gehöften und Brückenbögen, an ausgeglühten Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten hinein in die lichtgrünen Golfe über den Dächern der Stadt, in den beruhigenden Hafen hinter den langezognen Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.
*
Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.
Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, wo ich ausländische Freunde auf ihrem Landgute besucht hatte.
Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen Ulmenbäumen, in Feld und Garten standen Kastanien, Steineichen und Birken. Ich hatte weiße Wolkenberge über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten längs des Weges hatten Löwenmäuler und Lilien geblüht, Federnelken und Moosrosen. Geruch von Wiesentriften und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der Straße entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, wo über Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte wuchsen, hatten immer wieder daran erinnert, daß dies römisches Land war.
Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, um die berühmten Klöster zu sehen und hatte lange in dem wildblühenden Säulenhof von Santa Scolastica gesessen, während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen erzählte. Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg geruht, bei Glockenblumen und Löwenzahn, und das unersättliche Auge am Wechsel der Wolkenschatten auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, und einmal hatten raschverwehte Glockenklänge den Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu meinem Ohr gefunden. Um mich her weideten braune Füllen, junge Esel waren an einem Olivenbaum festgebunden und fraßen an dem kurzen, harten Gras. Kinder standen im Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich bergab stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an der schattigen Landstraße wartete.
Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, gefüllt vom Zauber des ländlichen Sonntags und tief in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht. Alle Gespräche waren heiter und leicht beim gemeinsamen Mahl. Der Wein des Landes duftete aus flachen Gläsern, Risotto, Maccaroni und Fleisch von Hühnern dampften auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im geflochtenen Bastkorb. Dann kam der starke schwarze Kaffee, der blaue Rauch der schweren Zigarren und die Vertiefung des Gespräches. Und alles löste sich am Ende auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den dünnen, eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. Die Sterne standen im offnen Fenster, die Birkenwipfel fingen an, sich im Nachtwind zu regen, Leuchtkäfer flogen – Tausende von grünen Funken – im Dunkel duftender Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln und Lachen der Alegrettoläufe fiel lautes Schluchzen träumender Nachtigallen. – –
Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke Blätter aus einem Kamelienstrauß entfernte und eine Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte sich auf das Fensterbrett und fragte:
»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«
»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und nehme abends den Dampfer nach Palermo.«
»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel Grausamkeit in der Art Ihrer Beschlüsse ..«
Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der Wagen bereit stehe.
Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen den Epheben von Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf und Hände fehlen – der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft, das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten Ziel. Der Marmor blüht in dunkelgoldner Fülle, die Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres und die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht ergriffenen Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen Bewegung vermengt, die um so tiefer hinreißt, je weniger sie bedingt gedeutet werden kann.
Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.
»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, was ich liebe. Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, was ich besitzen will. Ich bin wie Kinder und Blinde, die erst im Tasten ganz erkennen.«
Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand mit den flammenden Smaragdringen auf dem stummdurchglühten Stein vergessen.
*
Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm uns in seine hohen Mauern auf. Wir gingen langsam in den breiten Windungen empor. Kaum war etwas Grünes zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt und staubig, sonst nichts als brauner Stein und blaue Luft .. später eine Baumpflanzung, ein freier Platz, unsäglich einsam, mit kurzem Gras bewachsen, und zwischen vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen Halbkreise, die dem Raum jugendliche Belebung und das Maß der klaren Mitte schenken, die einfach-freie Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist Frühling. Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste schwanken, durch die offenen Fenster müßte ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die Kerzen der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten im Mittag zwischen den weißen Kelchen schwirren, und Schwalben, die leichten Schwalben des Aventin, sich über dem Abendgesang der Kinder wiegen.
*
Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.
Eine Pförtnerin öffnete das Tor.
Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel stand.
Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden. Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken im Herzen erregt und die große Tat.
Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui, die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter.
Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt. Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt, zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben: die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen, und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!
NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN
Neapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und goldene Bewegung, Wehen von tausend bunten Tüchern im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche Faulheit, Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich, stolz und anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd betrügerisch, maßlos in seiner Freude am Geld, sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen wie. Das ist nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den kleinen Leuten wie in Rom, das Aufsuchen ihrer Stadtviertel und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen. Sie laufen dir nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie bieten tausend verlockende Dinge an, Katzen und Hunde, Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis, Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege .. Wenn du nur ahnen läßt, es könne dich irgendeine dieser Anpreisungen locken, bist du verloren. Du kannst nicht weitergehen, sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht vor deinen Augen, ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd, listig und überzeugend, die Hände helfen der Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen am Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches Ecco begleiten. Erst wenn du die Redenden durch eine unerschütterliche Ruhe fühlen lässet, daß du längst dies alles kennst, wenn du nur lächelst und sie mitlaufen läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens (warum auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück. Aber einer oder zwei werden dir dennoch weiter folgen, vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll neuer Angriffspläne. Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis du wieder herauskommst, sie werden sich auf den Treppen herumtreiben und Würfel spielen. Nimmst du einen Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf dem Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja so schön, in ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter zu schauen, denen kein Schmutz das Leuchten und das knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist das Lied, das deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen sich auf den Boden des Wagens setzen, zünde dir eine Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig sie sich eine Zigarette nehmen, die kleinste, die zerdrückteste .. frage sie dann nach ihren Eltern, nach ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der großen Dampfer (sie wissen genau die Namen und den Fahrplan, denn der Hafen ist seit ihrer frühesten Kindheit ihr Leben) .. frage sie nach ihren Vergnügungen und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie mit deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton deiner Frage antworten, höflich und sicher. Sie werden vergessen, daß sie irgend etwas von dir wollten, sie fahren ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine Unterhaltung mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen Bronzen oder Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes zu tun, so nimm sie mit, wenn sie schön genug sind. Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous betrachten, und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes und die Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit liebkost, wie sie sich in das Leben dieser Statuen hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht erstarrt ist .. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt, was sie sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos und nachsinnen mit dem feinen, gedankenvollen Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß: sie fassen nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke: aber sie spüren an sich die ganze unbewußte Macht der künstlerischen Schöpfung, die ihnen Liebe und Ehrfurcht erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar sind, jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem sie das Göttliche bewundern.
Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du die griechische Seele auf römischer Erde findest. Noch lebt – von keiner Mischung des Blutes erdrückt – das Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen. Es lebt die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche Bewegung von Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich macht, selbst da, wo schon Zerfall und Entartung sichtbar werden.
*
Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen und hatte mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren lassen, um mich noch vor der Dunkelheit einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat, als ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten Straßen durchfuhr. An jeder Ecke winkte Erinnerung, und ich wäre fast umgekehrt, als ich, umringt von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa del Popolo, an der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon ehe ich den Wagen verließ, war ein brauner Kerl auf das Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand gereicht: er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre mein Gepäck auf den Morgendampfer nach Capri gefahren, unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall von Fragen stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über meine Koffer hermachen. Drohend und fluchend wies sie der zuerst Gekommene zurück, indem er die Lüge zu Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine Ankunft gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen zu kümmern, niemand sonst. Und aufgeregt das feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è vero? Signore? Signore! non dico la verità?« Ich nickte nur mit dem Kopf und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. »Verissimo! Andate!« .. Der Streit war geschlichtet, es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde zusammengebunden, aufgestapelt und blieb am Ufer stehen, bis eine kleine Barke frei wurde, die mich zum Dampfer nach Palermo übersetzen konnte. Die Menge war ganz dicht an mich herangetreten. Kinder – irgendein Menschliches in prachtvollen Lumpen – kletterten über die großen Koffer und sprangen von oben in den Staub herunter. Weiber in halboffnen Blusen und schleifenden Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt, versuchten die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern, ein alter Mann befühlte meinen Mantel und fragte nach dem Namen des Stoffes, und wie ein Luchs umschlich ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren die Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes herausschaute. Ein Hauch von Teer und Öl wechselte mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen Hafenpfütze. Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten, daß sie in Dünsten unterging.
Es war schwül, unendlich schwül.
Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter als gewöhnlich, da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken drängte und kaum eine ruhige Anfahrt zu finden war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten, stahlblauen Glanz.
Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit und rein.
Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach einem großen Dampfer, der dicht neben uns lag. Hunderte von Soldaten standen an Backbord und sahen nach dem Land zurück.
»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän. Ich war erstaunt über die Traurigkeit seiner Stimme und sah ihn an.
Er zuckte die Achseln:
»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein, daß dieser Krieg für unser Land notwendig war: ob er sich lohnt, ist eine andere Frage, von der das Volk nichts weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand, Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir kämpfen schon so lange und sehen so wenig großen Erfolg ..«
Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres Schiffes zu uns niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre Gesichter waren ernst, still und unbewegt, angespannt in verborgener Erregung.
Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes, ein dickes, schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer, dichter Wogenschaum schoß weiß um den Bug .. dann abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend .. Schon ward die Drehung fühlbar .. Tücher wehten vom Uferrand, wo das Schreien der Menge verstummte, Tücher wehten vom Schiff zurück .. die Soldaten standen entblößten Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im Hafen war, fühlte, daß noch irgend etwas kommen mußte, das die entsetzliche Spannung löste, ein Aufschreien oder Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik, die die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel riß: Nichts von allem kam. Aber wie von unsichtbaren Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren Lippen aufgenommen und weitergeführt, schwebte mit einem Male dunkler Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied, keine Landeshymne: nur das unaussprechliche:
Addio Napoli ..
Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen schon in leichten Schatten: Da war es über sie gekommen, dies Unbeschreibliche, das selbst der Fremde spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es nur die eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und sie hatten der Stadt gegeben, was jeder Scheidende ihr gibt. –
Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die dämmernde Stadt. Meine Augen suchten aus dem Gewühl der Häuser loszulösen, was sie noch erkennen konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und Höhe verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch einen Schein auffing, war körperhaft und deutlich. Meine Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm von Santa Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde wach. Sein armer, geschändeter Körper liegt dort begraben, unter dem Denkmal, das die Liebe des bayrischen Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist der Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel. An den Bäumen der Villa del Popolo wurden mildere Gedanken wach. Erinnerungen an warme, helle Abendstunden, als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern, Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser lauschte, der das Schicksal des Grafen von Monte-Christo erzählte. O wundervoll zufriedenes und bescheidenes Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so ganz in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine Orange schälend oder an klebenden Datteln kauend und die Kerne weit im Bogen von sich spuckend .. wer ihren Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von einem Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie lieben, muß sie fast beneiden, die ganz am Boden leben, und doch so gern, so leidenschaftlich leben.
Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur Höhe von San Martino hinauf. Gitarren- und Zitherklänge wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter Türen. Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern auf. Ein später Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick an einer nahen Straßenecke sichtbar und verschwand im Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den dünnen Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe zweier Ziegen. Die hellblaue Gestalt einer Frau ward neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich auf einem Schemel nieder und begann zu melken. – Über der nördlichen Stadt schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße, flache Dächer fingen noch einmal an zu leuchten, Palmenwipfel zückten ihre schwarzen Spitzen in die safrangelbe Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen, was eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde eng und deutlich. Hügel kamen aus geöffneten Himmeln, lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der Seewind strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo San Vincenzo. In einer plötzlichen Wendung nahm das Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief zum Abendessen. Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene Verwandlung der weichenden Stadt. Mit jedem Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst zurück .. mit jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter, von Santa Maria del Carmine über das Ufer von Santa Lucia bis an den Fuß des Posilipp. Schwarz-verschwommen tauchten noch einmal die Baumkronen der Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage weckend: Gewühl und Duft von weißen, dünnen Kleidern, lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme, Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von Tassen und Tellern, Aufleuchten der grünen, gelben, roten Getränke in den schlanken und flachen Gläsern, grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und Tupfen von hundert aufgespannten Sonnenschirmen – und nah, zum Greifen nah, das hochansteigende Meer voll wiegender Barken .. das blaue, kristallene Meer, endlos .. endlos ..
*
Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits von der großen Tafel, und schaute durch die offnen Luken auf die bewegte See. Die Wogen überschlugen sich rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben sich lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes Licht in den letzten, rostigen Brand des Horizontes. Man fühlte, daß die Nacht kühl und klar sein würde. Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im Speisesaal. Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern.
Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel ein. Ich konnte die Worte nicht verstehen. Die Melodie hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das Lied verstummte. Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere Stimme nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster, ein dünner Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen. Das Meer warf stärkere Wellen, die Schaumränder verzischten breiter und leuchtender. Das grüne Blitzen der Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund.
Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen saßen. Sie grüßten. Einer stand auf und bot mir seinen Platz an. Ich dankte und setzte mich auf eine kleine Holztreppe mitten unter sie.
»Wir werden rauhes Meer bekommen?«
»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich der Wogengang ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter als draußen.«
»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.«