Gertrud

Roman
von
Hermann Hesse

München, bei Albert Langen
1910

Elfte Auflage

Copyright 1910 by
Albert Langen, Munich

Wenn ich, von außen her, über mein Leben weg schaue, sieht es nicht besonders glücklich aus. Doch darf ich es noch weniger unglücklich heißen, trotz aller Irrtümer. Es ist am Ende auch ganz töricht, so nach Glück und Unglück zu fragen, denn mir scheint, die unglücklichsten Tage meines Lebens gäbe ich schwerer hin als alle heiteren. Wenn es in einem Menschenleben darauf ankommt, das Unabwendbare mit Bewußtsein hinzunehmen, das Gute und Üble recht auszukosten und sich neben dem äußeren ein inneres, eigentlicheres, nicht zufälliges Schicksal zu erobern, so war mein Leben nicht arm und nicht schlecht. Ist das äußere Schicksal über mich hingegangen wie über alle, unabwendbar und von Göttern verhängt, so ist mein inneres Geschick doch mein eigenes Werk gewesen, dessen Süße oder Bitterkeit mir zukommt und für das ich die Verantwortung allein auf mich zu nehmen denke.

Manchmal in früheren Jahren habe ich gewünscht, ein Dichter zu sein. Wäre ich einer, so widerstünde ich der Lockung nicht, meinem Leben bis in die zarten Schatten der Kinderzeit und bis zu den lieben, zärtlich gehüteten Quellen meiner frühesten Erinnerungen nachzugehen. So aber ist mir dieser Besitz allzu lieb und heilig, als daß ich ihn mir etwa selber verderben möchte. Von meiner Kindheit ist nur zu sagen, daß sie schön und heiter war; man ließ mir die Freiheit, meine Neigungen und Gaben selber zu entdecken, mir meine innigsten Freuden und Schmerzen selber zu schaffen und die Zukunft nicht als eine fremde Macht von oben, sondern als die Hoffnung und den Erwerb meiner eigenen Kräfte anzusehen. So ging ich unberührt durch die Schulen, als ein unbeliebter und wenig begabter, doch ruhiger Schüler, den man am Ende gewähren ließ, da er keine starken Einflüsse zu dulden schien.

Etwa von meinem sechsten oder siebenten Jahr an begriff ich, daß von allen unsichtbaren Mächten die Musik mich am stärksten zu fassen und zu regieren bestimmt sei. Von da an hatte ich meine eigene Welt, meine Zuflucht und meinen Himmel, den mir niemand nehmen oder schmälern konnte und den ich mit niemand zu teilen begehrte. Ich war Musiker, obwohl ich vor meinem zwölften Jahre kein Instrument spielen lernte und nicht daran dachte, später mein Brot mit Musikmachen verdienen zu wollen.

Dabei ist es seither geblieben, ohne daß etwas Wesentliches sich geändert hat, und darum erscheint mir beim Rückblick mein Leben nicht bunt und vielgestaltig, sondern von Anfang an auf einen Grundton gestimmt und auf einen einzigen Stern gestellt. Mochte es sonst wohl oder übel gehen, mein innerstes Leben blieb unverändert. Ich mochte lange Zeiten auf fremden Wassern treiben, kein Notenheft und kein Instrument anrühren, eine Melodie lag mir doch zu jeder Stunde im Blut und auf den Lippen, ein Takt und Rhythmus im Atemholen und Leben. So begierig ich auf manchen anderen Wegen nach Erlösung, nach Vergessen und Befreiung suchte, so sehr ich nach Gott, nach Erkenntnis und Frieden dürstete, gefunden habe ich das alles immer nur in der Musik. Es brauchte nicht Beethoven oder Bach zu sein: – daß überhaupt Musik in der Welt ist, daß ein Mensch zuzeiten bis ins Herz von Takten bewegt und von Harmonien durchflutet werden kann, das hat für mich immer wieder einen tiefen Trost und eine Rechtfertigung alles Lebens bedeutet. O Musik! Eine Melodie fällt dir ein, du singst sie ohne Stimme, nur innerlich, durchtränkst dein Wesen mit ihr, sie nimmt von allen deinen Kräften und Bewegungen Besitz – und für die Augenblicke, die sie in dir lebt, löscht sie alles Zufällige, Böse, Rohe, Traurige in dir aus, läßt die Welt mitklingen, macht das Schwere leicht und das Starre beflügelt! Das alles kann die Melodie eines Volksliedes tun! Und erst die Harmonie! Schon jeder wohllautende Zusammenklang rein gestimmter Töne, etwa in einem Geläut, sättigt das Gemüt mit Anmut und Genuß, und steigert sich mit jedem hinzuklingenden Ton, und kann zuweilen das Herz entzünden und vor Wonne zittern machen, wie keine andere Wollust es vermag.

Von allen Vorstellungen reiner Seligkeit, die sich Völker und Dichter erträumt haben, schien mir immer die höchste und innigste jene vom Erlauschen der Sphärenharmonie. Daran haben meine tiefsten und goldensten Träume gestreift – einen Herzschlag lang den Bau des Weltalls und die Gesamtheit alles Lebens in ihrer geheimen, eingeborenen Harmonie tönen zu hören. Ach, und wie kann denn das Leben so wirr und verstimmt und verlogen sein, wie kann nur Lüge, Bosheit, Neid und Haß unter Menschen sein, da doch jedes kleinste Lied und jede bescheidenste Musik so deutlich predigt, daß Reinheit, Harmonie und brüderliches Spiel klargestimmter Töne den Himmel öffnet! Und wie mag ich selber schelten und zürnen, da ich selber, mit allem guten Willen, aus meinem Leben kein Lied und keine reine Musik habe machen können! Im Innersten spüre ich wohl den unabweislichen Mahner, das dürstende Verlangen nach einem reinen, wohlgefälligen, in sich seligen Tönen und Verklingen; meine Tage aber sind voll Zufall und Mißklang, und wohin ich mich wende und wo ich poche, es tönt mir nirgends lauter und klar zurück.

Nichts mehr davon, ich will erzählen. Wenn ich mich nun besinne, für wen ich diese Blätter beschreibe, wer eigentlich so viel Macht über mich hat, daß er Bekenntnisse von mir fordern und meine Einsamkeit durchbrechen kann, so muß ich einen lieben Frauennamen sagen, der mir nicht nur ein großes Stück Erleben und Schicksal umfaßt, sondern wohl auch als Stern und hohes Sinnbild über allem stehen mag.


Erst während der letzten Schuljahre, als alle meine Kameraden von ihren künftigen Berufen zu reden begannen, fing auch ich an hierüber nachzudenken. Die Musik zu meinem Beruf und Erwerb zu machen, lag mir eigentlich fern; doch konnte ich mir keinen andern Beruf denken, der mir Freude gemacht hätte. Ich hatte gegen den Handel oder andre Gewerbe, die mein Vater mir vorschlug, keinen Widerwillen, sie waren mir nur gleichgültig. Aber da meine Kameraden so stolz auf die von ihnen gewählten Berufe taten, vielleicht auch eine Stimme in mir dafür eintrat, schien es mir doch gut und richtig, das zu meinem Beruf zu machen, was ohnehin meine Gedanken ausfüllte und mir allein rechte Freude machte. Es kam mir zustatten, daß ich seit meinem zwölften Jahr das Violinspielen begonnen und unter einem guten Lehrer etwas Rechtes gelernt hatte. So sehr nun mein Vater sich wehrte und davor bangte, seinen einzigen Sohn die ungewisse Laufbahn eines Künstlers einschlagen zu sehen, gerade an seinem Widerstand wuchs mein Wille, und der Lehrer, der mich gern hatte, trat für meinen Wunsch nach Kräften ein. Am Ende gab mein Vater nach, es wurde mir nur zur Prüfung meiner Ausdauer und in der Hoffnung auf eine Sinnesänderung noch ein Schuljahr zudiktiert, das ich mit leidlicher Geduld absaß und währenddessen ich meines Begehrens nur sicherer wurde.

Während dieses letzten Schuljahres verliebte ich mich zum erstenmal, in ein hübsches junges Fräulein unsrer Bekanntschaft. Ohne sie viel zu sehen und auch ohne dies stark zu begehren, genoß und durchlitt ich die süßen Bewegungen der ersten Liebe wie in einem Traume. Und in dieser Zeit, da ich den ganzen Tag ebensosehr an meine Musik wie an meine Liebe dachte und nachts vor herrlicher Erregung nicht schlafen konnte, hielt ich zum erstenmal mit Bewußtsein Melodien fest, die mir einfielen, zwei kleine Lieder, und versuchte sie aufzuschreiben. Das erfüllte mich mit einem schamhaften, doch durchdringenden Vergnügen, über dem ich meine spielerische Liebesnot fast ganz vergaß. Inzwischen hörte ich, daß meine Geliebte Singstunden nehme, und war sehr begierig, sie einmal singen zu hören. Nach Monaten ward mein Wunsch erfüllt, bei einer Abendgesellschaft im Haus meiner Eltern. Das hübsche Mädchen ward aufgefordert zu singen, wehrte sich heftig und mußte am Ende doch, und ich wartete darauf mit einer ungeheuren Spannung. Ein Herr begleitete an unsrem kleinen schmalen Klavierchen, er spielte ein paar Takte und sie begann. Ach, sie sang schlecht, traurig schlecht, und noch während sie sang, verwandelte sich meine Bestürzung und Qual zu Mitleid und dann zu Humor, und künftig war ich dieser Verliebtheit ledig.

Ich war ein geduldiger und nicht gerade unfleißiger, aber kein guter Schüler, und im letzten Jahr gab ich mir vollends wenig Mühe mehr. Daran war nicht Trägheit und auch nicht meine Verliebtheit schuld, sondern ein Zustand jünglinghafter Träumerei und Gleichgültigkeit, eine Dumpfheit der Sinne und des Kopfes, die nur zuweilen plötzlich und heftig unterbrochen ward, wenn eine von den wunderbaren Stunden verfrühter schöpferischer Lust mich wie in Äther hüllte. Dann fühlte ich mich von einer überklaren, kristallnen Luft umgeben, in der kein Träumen und Vegetieren möglich war, wo alle Sinne sich geschärft und wachsam auf die Lauer legten. Was in diesen Stunden entstand, war wenig, vielleicht zehn Melodien und einige Anfänge harmonischer Gestaltungen; aber die Luft dieser Stunden vergaß ich nimmer, diese überklare fast kalte Luft und diese gespannte Zusammenfassung der Gedanken, um einer Melodie die rechte, einzige, nicht mehr zufällige Bewegung und Lösung zu geben. Zufrieden war ich mit diesen kleinen Leistungen nicht und hielt sie nie für etwas Gültiges und Gutes, aber das wurde mir klar, daß in meinem Leben nichts so begehrenswert und wichtig sein werde wie die Wiederkehr solcher Stunden der Klarheit und des Schaffens.

Daneben kannte ich auch Tage des Schwärmens, wo ich auf der Geige phantasierte und den Rausch flüchtiger Einfälle und farbiger Stimmungen genoß. Nur wußte ich bald, daß das kein Schaffen war, sondern ein Spielen und Schwelgen, vor dem ich mich zu hüten habe. Ich merkte, daß es ein andres Ding ist seinen Träumen nachzugehen und berauschte Stunden auszukosten, als unerbittlich und klar mit den Geheimnissen der Form wie mit Feinden zu ringen. Und ich merkte schon damals etwas davon, daß ein rechtes Schaffen einsam macht und etwas von uns verlangt, was wir dem Behagen des Lebens abbrechen müssen.

Endlich war ich frei, hatte die Schule hinter mir, den Eltern Lebewohl gesagt und ein neues Leben als Schüler des Konservatoriums in der Hauptstadt begonnen. Ich tat dies mit großen Erwartungen und war überzeugt gewesen, ich würde in der Musikschule ein guter Schüler sein. Zu meinem peinlichen Erstaunen kam es aber anders. Ich hatte Mühe dem Unterricht überall zu folgen, fand in Klavierunterricht, den ich jetzt nehmen mußte, nur eine große Plage und sah bald mein ganzes Studium wie einen unersteiglichen Berg vor mir liegen. Wohl war ich nicht gesonnen nachzugeben, doch war ich enttäuscht und befangen. Ich sah jetzt, daß ich bei aller Bescheidenheit mich doch für eine Art von Genie gehalten und die Mühen und Schwierigkeiten des Weges zur Kunst bedenklich unterschätzt hatte. Dazu ward mir das Komponieren gründlich entleidet, da ich jetzt bei der geringsten Aufgabe nur Berge von Schwierigkeiten und Regeln sah, meinem Gefühl durchaus mißtrauen lernte und nicht mehr wußte, ob überhaupt ein Funke von eigener Kraft in mir sei. So beschied ich mich, wurde klein und traurig, ich tat meine Arbeit wenig anders als ich die in einem Kontor oder in einer andern Schule getan hätte, fleißig und freudlos. Klagen durfte ich nicht, am wenigsten in meinen Briefen nach Hause, sondern ging den begonnenen Weg in stiller Enttäuschung weiter und nahm mir vor, wenigstens ein ordentlicher Geiger zu werden. Ich übte und übte, steckte Grobheiten und Spott der Lehrer ein, sah manche andere, denen ich es nicht zugetraut hätte, leicht vorwärtskommen und Lob ernten, und steckte meine Ziele immer niedriger. Denn auch mit dem Geigen stand und ging es nicht so, daß ich darauf hätte stolz sein können und etwa an ein Virtuosentum denken dürfen. Es sah ganz so aus, als könne aus mir bei gutem Fleiß zur Not ein brauchbarer Handwerker werden, der in irgendeinem kleinen Orchester seine bescheidene Geige ohne Schande und ohne Ehre spielt und dafür sein Brot bekommt.

So war diese Zeit, die ich so sehr ersehnt und von der ich mir alles versprochen hatte, die einzige in meinem Leben, in der ich vom Geist der Musik verlassen freudlose Wege ging und Tage ohne Klang und Takt dahinlebte. Wo ich Genuß, Erhebung, Glanz und Schönheit gesucht hatte, fand ich nur Forderungen, Regeln, Pflichten, Schwierigkeiten und Gefahren. Fiel mir etwas Musikalisches ein, so war es entweder banal und hundertmal dagewesen, oder es stand sichtlich mit allen Gesetzen der Kunst in Widerspruch und konnte also nichts wert sein. Da packte ich alle großen Gedanken und Hoffnungen ein. Ich war einer von den Tausenden, die mit jugendlicher Frechheit zur Kunst gekommen sind und deren Kraft versagt, wenn es Ernst werden soll.

Dieser Zustand dauerte wohl etwa drei Jahre. Ich war nun über zwanzig Jahre alt, hatte offenbar meinen Beruf verfehlt und ging den begonnenen Weg nur aus Scham und Pflichtgefühl weiter. Ich wußte nichts mehr von Musik, nur noch von Fingerübungen, schweren Aufgaben, Widersprüchen in der Harmonielehre, drückenden Klavierlektionen bei einem spöttischen Lehrer, der in allen meinen Bemühungen nur eine Zeitvergeudung sah.

Wäre das alte Ideal nicht doch noch heimlich in mir lebendig gewesen, so hätte ich es in diesen Jahren recht gut haben können. Ich war frei und hatte Freunde, war ein hübscher und blühender junger Mensch, ein Sohn wohlhabender Eltern. Für Augenblicke genoß ich alles das, es gab vergnügte Tage, Liebeleien, Zechereien, Ferienfahrten. Aber es war mir nicht möglich mich dabei zu trösten, meine Pflicht in Kürze abzutun und vor allem meiner jungen Tage froh zu werden. Ohne daß ich davon wußte, blickte mein Heimweh doch noch in allen unbewachten Stunden nach dem untergegangenen Stern der Künstlerschaft aus, es war mir unmöglich die Enttäuschung zu vergessen und zu betäuben. Nur einmal gelang es mir gründlich.

Es war der törichtste Tag meiner törichten Jugend. Ich lief damals einer Schülerin des berühmten Gesanglehrers H. nach. Ihr schien es ähnlich zu gehen wie mir, sie war mit großen Hoffnungen gekommen, hatte strenge Lehrer gefunden, war die Arbeit nicht gewohnt und glaubte schließlich sogar ihre Stimme zu verlieren. Sie legte sich auf die leichte Seite, flirtete mit uns Kollegen und wußte uns alle toll zu machen, wozu freilich nicht gar viel gehörte. Sie hatte die feurige, lebhaft farbige Schönheit, die bald verblüht.

Diese schöne Liddy nahm mich mit ihrer naiven Koketterie immer wieder gefangen, wenn ich sie sah. Ich war nie lange Zeit in sie verliebt, ich vergaß sie oft völlig, aber wenn ich bei ihr war, schlug jedesmal die Verliebtheit wieder über mir zusammen. Sie spielte mit mir wie mit andern, reizte uns, genoß ihre Macht und war selber dabei nur mit der neugierigen Sinnlichkeit ihrer Jugend beteiligt. Sie war sehr schön, aber nur wenn sie sprach und in Bewegung war, wenn sie mit ihrer warmen tiefen Stimme lachte, wenn sie tanzte oder sich an der Eifersucht ihrer Liebhaber ergötzte. So oft ich von einer Gesellschaft heimkam, in der ich sie gesehen hatte, lachte ich mich selber aus und bewies mir, daß ein Mensch von meiner Art unmöglich diese gefällige Lebenskünstlerin im Ernst lieben könne. Manchmal aber gelang es ihr wieder, mich durch eine Geste, durch ein geflüstertes warmes Wort so zu erregen, daß ich die halbe Nacht heiß und wild in der Nähe ihrer Wohnung unterwegs blieb.

Ich hatte damals eine kurze Periode der Wildheit und eines halb erzwungenen Übermutes. Nach Tagen der Niedergeschlagenheit und dumpfen Stille forderte meine Jugend stürmisch Bewegung und Rausch, und ich ging dann mit einigen gleichaltrigen Kameraden Lustbarkeiten und Streichen nach. Wir galten für lebenslustige, ausgelassene, ja gefährliche Tumultuanten, was bei mir nicht zutraf, und genossen bei Liddy und ihrem kleinen Kreise einen zweifelhaften, doch süßen Heldenruhm. Wie viel von diesem Treiben echte Jugendlust und wieviel gewollte Betäubung war, kann ich heute nimmer entscheiden, da ich jenen Zuständen und aller äußerlichen Jugendlichkeit längst völlig entwachsen bin. Wenn ein Zuviel dabei war, so habe ich es gebüßt.

An einem Wintertage, da kein Unterricht war, zogen wir miteinander vor die Stadt hinaus, acht oder zehn junge Leute, darunter Liddy mit drei Freundinnen. Wir hatten Rodelschlitten mit, deren Benützung damals noch für ein Kindervergnügen galt, und suchten in der bergigen Umgebung der Stadt die Straßen und Wiesenhänge nach guten Schlittenbahnen ab. Ich erinnere mich des Tages genau, es war mäßig kalt, zuweilen kam die Sonne für Viertelstunden hervor, die kräftige Luft roch herrlich nach Schnee. Die Mädchen standen mit ihren farbigen Kleidern und Tüchern prächtig im weißen Grunde, die herbe Luft war berauschend und die heftige Bewegung in dieser Frische eine Lust. Unsre kleine Gesellschaft war in fröhlichster Laune, Ulknamen und Hänseleien flogen hin und wider, wurden durch Schneeballen beantwortet und führten zu kleinen Kriegen, bis wir alle heiß und voll Schnee dastanden und eine Weile veratmen mußten, ehe wir von neuem begannen. Es wurde eine große Schneeburg gebaut, belagert und erstürmt, dazwischen fuhren wir da und dort einmal einen kleinen Wiesenabhang auf unseren Schlitten hinunter.

Um Mittag, als wir alle von dem Gestürme grimmig hungrig geworden waren, suchten und fanden wir ein Dorf und ein gutes Wirtshaus, ließen sieden und braten, bemächtigten uns des Klavieres, sangen, schrien, bestellten Wein und Grog. Das Essen kam und wurde festlich begangen, der gute Wein floß reichlich, danach begehrten die Mädchen Kaffee, während wir die Liköre versuchten. Es war ein Geschrei und Festlärm in der kleinen Stube, daß uns allen die Köpfe rauchten. Ich war immer in Liddys Nähe, die mich heute in gnädiger Laune durch besondre Gunst auszeichnete. Sie blühte in dieser Luft voll Lustbarkeit und Rausch gar prächtig auf, ließ ihre hübschen Augen blitzen und duldete manche halb kühn, halb ängstlich gewagte Zärtlichkeit. Ein Pfänderspiel wurde begonnen, wobei die Pfänder am Klavier durch Nachahmung irgendeines unsrer Lehrer eingelöst werden mußten, manche aber auch durch Küsse, deren Zahl und Beschaffenheit genau beobachtet wurde.

Als wir glühend und lärmend das Haus verließen und den Heimweg antraten, war es noch früh am Nachmittag, doch begann es schon ein wenig zu dämmern. Wieder tollten wir wie ausgelassene Kinder durch den Schnee, ohne Eile durch den leis herankommenden Abend nach der Stadt zurückkehrend. Es gelang mir, an Liddys Seite zu bleiben, zu deren Ritter ich mich nun aufwarf, nicht ohne Widerspruch der andern. Ich zog sie streckenweise auf meinem Schlitten und schützte sie nach Kräften vor den immer wieder versuchten Angriffen mit Schneeballen. Schließlich ließ man uns gewähren, jedes der Mädchen fand seinen Genossen, und nur zwei ledig gebliebene Herrlein zogen neckend und kriegslustig nebenher. Ich war nie so erregt und toll verliebt gewesen wie in jenen Stunden, Liddy hatte meinen Arm genommen und duldete es, daß ich sie im Gehen leise an mich zog. Dabei plauderte sie bald geschwätzig in den Abend hinein, bald schwieg sie glücklich und, wie mir schien, verheißungsvoll an meiner Seite. Ich brannte und war entschlossen, diese Gelegenheit nach Kräften zu benützen, zumindest aber diesen traulich zärtlichen Zustand so lange als möglich festzuhalten. Es hatte auch niemand etwas dagegen, als ich kurz vor der Stadt noch einen Umweg vorschlug und in einen schönen Höhenweg einbog, der steil über dem Tale im Halbkreis hinlief, reich an weiten Aussichten auf das Flußtal und die Stadt, die schon mit blitzenden Laternenreihen und tausend roten Lichtern aus der Tiefe glänzte.

Liddy hing noch immer an meinem Arm und ließ mich reden, nahm meine glühenden Überschwänglichkeiten lachend hin und schien doch selber tief erregt zu sein. Als ich sie aber mit leiser Gewalt an mich zog und küssen wollte, machte sie sich los und sprang beiseite.

»Schauen Sie«, rief sie aufatmend, »die Wiese da hinunter müssen wir schlitteln! Oder haben Sie Angst, Sie Held?«

Ich schaute hinunter und war erstaunt, denn der Abhang war so jäh, daß mir wirklich einen Augenblick vor dieser frechen Fahrt graute.

»Das geht nicht«, sagte ich leichthin, »es ist schon viel zu dunkel.«

Sofort fiel sie mit Spott und Entrüstung über mich her, nannte mich einen Hasenfuß und verschwor sich, den Hang allein hinab zu fahren, wenn ich zu feig sei mitzukommen.

»Umwerfen werden wir natürlich«, meinte sie lachend, »aber das ist ja doch das Lustigste bei der ganzen Fahrerei.«

Da sie mich so reizte, kam mir ein Einfall.

»Liddy«, sagte ich leise, »wir fahren. Wenn wir umwerfen, dürfen Sie mich mit Schnee einreiben, aber wenn wir glatt hinunterkommen, will ich auch meinen Lohn haben.«

Sie lachte nur und setzte sich auf den Schlitten. Ich sah ihr in die Augen, die glühten warm und lustig, da nahm ich ganz vorn Platz, hieß sie sich an mich klammern und fuhr ab. Ich spürte wie sie mich umfaßte, ihre Hände auf meiner Brust kreuzend, und ich wollte ihr noch etwas zurufen, konnte aber nicht mehr. Die Steile war so jäh, daß ich das Gefühl hatte in die leere Luft zu stürzen. Sofort suchte ich mit beiden Sohlen den Boden, um anzuhalten oder doch umzuwerfen, denn plötzlich war mir eine Todesangst um Liddy ins Herz gefahren. Es war jedoch zu spät. Der Schlitten sauste unaufhaltsam bergab, ich fühlte nur einen kalten beißenden Schwall aufgewühlten Schneestaubes im Gesicht, dann hörte ich Liddy angstvoll schreien, dann nichts mehr. Ein ungeheurer Hieb wie von einem Schmiedehammer traf meinen Kopf, irgendwo tat es mir schneidend weh. Das letzte Gefühl, das ich hatte, war das der Kälte.

Mit dieser kurzen flotten Schlittenfahrt habe ich meine Jugendlust und Torheit gebüßt. Nachher war mit vielem andrem auch meine Liebe zu Liddy ganz verflogen.

Dem Tumult und ängstlichen Getriebe, das auf den Unfall folgte, war ich enthoben. Für die andern war es eine peinliche Stunde. Sie hörten Liddy schreien, lachten und neckten von oben herab in die Dunkelheit hinein, erkannten endlich, daß etwas Böses geschehen sei, stiegen mühsam herab und brauchten eine Weile, bis sie aus dem Rausch und Übermut heraus zur Überlegung kamen. Liddy war bleich und halb ohnmächtig, jedoch durchaus unverletzt, nur ihre Handschuhe waren zerrissen und ihre feinen weißen Hände etwas zerschunden und blutig. Mich trugen sie für tot hinweg. Den Apfel- oder Birnbaum, an dem der Schlitten und meine Knochen zerschellt waren, habe ich später vergeblich wieder zu finden versucht.

Man dachte, ich sei einer Gehirnerschütterung erlegen, doch stand es nicht so schlimm. Kopf und Gehirn waren zwar mitgenommen und es dauerte sehr lange, bis ich im Spital wieder zur Besinnung kam, aber die Wunde heilte und das Gehirn ruhte sich aus. Dagegen wollte das mehrfach gebrochene linke Bein nicht wieder ganz in Ordnung kommen. Ich bin seither ein Krüppel, der nur hinken, nicht mehr schreiten oder gar laufen und tanzen kann. Damit war meiner Jugend unversehens ein Weg in stillere Lande gewiesen, den ich nicht ohne Scham und Widerstreben einschlug. Aber ich schlug ihn doch ein, und manchmal scheint es mir, als möchte ich jene abendliche Schlittenfahrt und ihre Folgen keineswegs in meinem Leben missen.

Freilich denke ich dabei weniger an das zerbrochene Bein als an die andern Folgen jenes Unfalls, die weit freundlicher und freudiger waren. War es das Unglück selbst mit seinem Schrecken und Blick in das Dunkel oder war es das lange Liegen und monatelange Stillsein und Besinnen, die Kur tat mir gut.

Der Beginn jener langen Liegezeit, etwa die erste Woche, ist ganz aus meiner Erinnerung verschwunden. Ich war viel bewußtlos und auch nach dem endgültigen Erwachen geschwächt und gleichgültig. Meine Mutter war gekommen und saß alle Tage getreulich im Spital an meinem Bett. Wenn ich sie ansah und ein paar Worte mit ihr sprach, schien sie freundlich und fast heiter, obwohl sie, wie ich später erfuhr, Angst um mich hatte, und zwar nicht um mein Leben, sondern um meinen Verstand. Zuweilen plauderten wir in dem stillen, hellen Krankenzimmerchen lange miteinander. Doch war unser Verhältnis nie sehr innig gewesen; ich hatte stets mehr zum Vater gehalten. Nun war sie vom Mitleid und ich von Dankbarkeit erweicht und zur Versöhnung gestimmt, wir waren aber beide allzulange an ein gegenseitiges Zuwarten und lässiges Geltenlassen gewöhnt, als daß nun die erwachende Herzlichkeit den Weg in unsre Worte hätte finden mögen. Wir sahen einander zufrieden an und ließen die Dinge unbesprochen. Sie war wieder meine Mutter, da sie mich krank liegen hatte und pflegen konnte; und ich sah sie wieder mit Knabengefühlen an und vergaß einstweilen alles andere. Später freilich kehrte das alte Verhältnis wieder und wir vermieden es von diesem Krankenlager viel zu reden, da es uns beide verlegen machte.

Allmählich begann ich meine Lage zu übersehen, und da ich die Fieberzeit überwunden hatte und ruhig schien, machte der Arzt nicht länger ein Geheimnis daraus, daß mir wohl für immer ein Andenken an diesen Sturz bleiben werde. Ich sah meine Jugend, die ich noch kaum mit einigem Bewußtsein genossen hatte, empfindlich beschnitten und verarmt und hatte alle Zeit, mich mit dieser Sache abzufinden, denn das Liegen dauerte noch wohl ein Vierteljahr.

Ich suchte denn auch eifrig in Gedanken meine Lage zu fassen und mir ein Bild der Zukunft zu machen, doch kam ich damit nicht weit. Viel Denken war noch nichts für mich, ich ermüdete immer bald und sank in ein ausruhendes Hinträumen, womit mich die Natur vor Angst und Verzweiflung bewahrte und mir die Ruhe zur Heilung erzwang. Immerhin plagte mich mein Unglück manche Stunde und halbe Nacht, ohne daß ich einen nennenswerten Trost hätte erdenken können.

Da war es in einer Nacht, daß ich nach wenigen Stunden leichten Schlummers erwachte. Mir schien, ich habe etwas Gutes geträumt, und ich strebte mich dessen wieder zu erinnern, doch vergebens. Es war mir merkwürdig wohl und frei zumute, als habe ich alles Unangenehme überwunden und hinter mir. Und wie ich lag und sann und leise Ströme der Genesung und Erlösung um mich fühlte, trat mir eine Melodie auf die Lippen, fast lautlos, die summte ich weiter und hörte nimmer auf, und unversehens schaute mich wie ein enthüllter Stern die Musik wieder an, der ich so lange fremd gewesen war, und mein Herz schlug ihren Takt, und mein ganzes Wesen blühte auf und atmete neue reine Lüfte. Es kam mir nicht zum Bewußtsein, es war nur da und durchdrang mich still, als sängen leise Chöre von fern zu mir herein.

In diesem innig frischen Gefühl schlief ich wieder ein. Am Morgen war ich froh und unbedrückt wie lang nicht mehr. Die Mutter merkte es und fragte, was mich freue. Da besann ich mich, und nach einer Weile sagte ich ihr, ich habe so lang nimmer an meine Geige gedacht, die sei mir nun wieder eingefallen und ich freue mich auf sie.

»Du wirst aber noch lang nicht wieder spielen dürfen«, sagte sie etwas ängstlich.

»Das schadet nichts, und wenn ich auch gar nimmer spielen könnte.«

Sie verstand mich nicht und ich konnte es ihr nicht erklären. Aber sie merkte, daß es mir besser gehe und daß kein Feind hinter dieser grundlosen Fröhlichkeit laure. Nach einigen Tagen fing sie vorsichtig wieder davon an.

»Du, wie ist das nun eigentlich mit deiner Musik? Wir haben fast geglaubt, sie sei dir verleidet, und der Vater hat mit deinen Lehrern gesprochen. Wir wollen dir ja nicht dreinreden, am wenigsten jetzt – – aber wir meinen, wenn du dich getäuscht hättest und es lieber aufgeben möchtest, so solltest du es tun und nicht aus Trotz oder Scham dabeibleiben. Was meinst du?«

Da fiel mir diese ganze Zeit der Entfremdung und Enttäuschung wieder ein. Ich versuchte der Mutter zu erzählen, wie es mir gegangen war, und sie schien es zu begreifen. Nun aber, meinte ich, sei ich meiner Sache wieder sicherer geworden und jedenfalls wolle ich nicht so davonlaufen, sondern erst zu Ende studieren. Dabei blieb es einstweilen. Im Grunde meiner Seele, wohin die Frau nicht blicken konnte, war lauter Musik. Ob es nun mit dem Geigen glückte oder nicht, ich hörte wieder die Welt wie ein gutes Kunstwerk klingen und wußte, es sei außerhalb der Musik kein Heil für mich. Erlaubte mein Zustand das Geigen nimmer, so mußte ich darauf verzichten, vielleicht mußte ich einen andern Beruf suchen und etwa Kaufmann werden; aber das alles war nicht allzu wichtig, ich würde als Kaufmann oder was sonst nicht weniger Musik empfinden und in Musik leben und atmen. Ich würde wieder komponieren! Es war nicht, wie ich meiner Mutter gesagt hatte, das Geigen, worauf ich mich freute, sondern es war das Musikmachen, das Schaffen, nach dem mir die Hände zitterten. Schon fühlte ich zu manchen Zeiten wieder die lauteren Schwingungen klarer Lüfte, die gespannte Kühle der Gedanken, wie früher in meinen besten Stunden, und fühlte auch, daß daneben ein lahmes Bein und andre Übel von geringer Bedeutung seien.

Von da an war ich Sieger, und so oft auch seither meine Wünsche ins Land der Gesundheit und Jugendlust hinüberliefen, und so oft ich mit Bitterkeit und zorniger Scham mein Krüppeltum haßte und verfluchte, es ging mir dieses Leid doch nimmer so leicht über die Kraft; es war etwas da, zu trösten und zu verklären.

Ab und zu kam mein Vater hergereist, die Mutter und mich zu besuchen, und eines Tages, da es mir längst erträglich ging, nahm er sie wieder mit sich nach Hause. Die ersten Tage fühlte ich mich etwas vereinsamt, schämte mich auch, daß ich mit der Mutter zu wenig herzlich gesprochen hatte und zu wenig auf ihre Gedanken und Sorgen eingegangen war. Doch füllte mich jenes andere Gefühl zu sehr aus, als daß diese Gedanken über wohlgemeinte Spielereien und Rührungen hinaus geraten wären.

Nun kam unerwartet jemand mich zu besuchen, der sich während der Anwesenheit meiner Mutter nicht herbeigewagt hatte. Das war Liddy. Ich war sehr erstaunt sie zu sehen. Es fiel mir im ersten Augenblick gar nicht ein, wie nah ich ihr vor kurzem gestanden und wie sehr ich in sie verliebt gewesen war. Sie kam in großer Verlegenheit, die sie schlecht verbarg, hatte sich vor meiner Mutter und sogar vor dem Gericht gefürchtet, da sie sich an meinem Unglück schuldig wußte, und begriff nur langsam, daß die Sache nicht so schlimm war und sie im Grunde gar nichts angehe. Nun atmete sie auf, doch war eine leise Enttäuschung nicht zu verkennen. Das Mädchen hatte, bei allem bösen Gewissen, doch im Grund ihres guten Weiberherzens sich an der ganzen Geschichte, an so viel ergreifendem und rührendem Unglück, innigst erlabt. Sie brauchte sogar mehrmals das Wort »tragisch«, worüber ich kaum das Lachen verhalten konnte. Überhaupt war sie nicht darauf gefaßt gewesen, mich so munter und so wenig in Respekt vor meinem Unglück zu finden. Sie hatte im Sinn gehabt, mich um Verzeihung zu bitten, deren Gewährung mir als Verliebtem eine gewaltige Genugtuung schaffen müsse, und sich auf Grund dieser rührenden Szene meines Herzens von neuem siegreich zu bemächtigen.

Nun war es dem törichten Kinde zwar keine kleine Erleichterung, mich so vergnügt und sich selbst aller Schuld und Anklage ledig zu finden. Sie wurde aber dieser Erleichterung nicht froh, sondern je mehr ihr Gewissen sich beruhigte und ihre mitgebrachte Angst verflog, desto stiller und kühler sah ich sie werden. Es beleidigte sie nachträglich doch nicht wenig, daß ich ihren Anteil an der Sache so gering anschlug, ja vergessen zu haben schien, daß ich die Rührung und Abbitte im Keim unterdrückt und sie um die ganze schöne Szene gebracht hatte. Daß ich vollends gar nicht mehr in sie verliebt war, merkte sie trotz meiner großen Höflichkeit sehr wohl, und das war das Schlimmste. Mochte ich Arme und Beine verloren haben, ich war doch immer ein Anbeter gewesen, den sie zwar nicht geliebt und nie beglückt, an dessen Schmachten sie aber, je elender er war, desto größere Genugtuung gefunden hätte. Nun war es damit nichts, wie sie sehr deutlich merkte, und ich sah auf ihrem hübschen Gesicht die Wärme und Teilnahme der mitleidigen Krankenbesucherin mehr und mehr erlöschen und erkühlen. Schließlich ging sie nach einem phrasenhaften Abschied und kam nie wieder, obwohl sie es heilig versprochen hatte.

So peinlich es mir war und so sehr es mir wider das Selbstgefühl ging, meine frühere Verliebtheit so ins Kleine und Lächerliche gefallen zu sehen, so tat der Besuch mir doch wohl. Ich war sehr verwundert, das schöne begehrte Fräulein zum erstenmal ohne Leidenschaft und Brille zu sehen und wahrzunehmen, daß ich sie gar nicht gekannt habe. Hätte man mir die Puppe gezeigt, die ich als Dreijähriger umarmt und geliebt hatte, so hätte mich die Entfremdung und Änderung des Gefühls nicht mehr verwundern können als hier, wo ich ein vor Wochen noch heiß begehrtes Mädchen als eine völlig Fremde vor mir sah.

Von den Kameraden, die auf jenem Sonntagsausflug im Winter dabei gewesen waren, besuchten zwei mich einigemal, doch fanden wir wenig miteinander zu reden und ich bemerkte ihr Aufatmen wohl, als es mir besser ging und ich sie bat, mir keine Opfer mehr zu bringen. Später trafen wir einander nicht mehr. Es war merkwürdig und machte mir einen wehmütig sonderbaren Eindruck: alles fiel von mir ab, ward fremd und ging mir verloren, was in diesen Jünglingsjahren zu meinem Leben gehört hatte. Ich sah plötzlich, wie falsch und traurig ich diese ganze Zeit gelebt hatte, da nun Liebe, Freunde, Gewohnheiten und Freuden dieser Jahre von mir abfielen wie schlechte Kleider, sich ohne Schmerz von mir trennten, so daß es nur zu verwundern blieb, wie ich es bei ihnen so lang habe aushalten können oder sie bei mir.

Dagegen überraschte mich ein andrer Besuch, an den ich nie gedacht hätte. Es kam eines Tages mein Klavierlehrer, der strenge und spöttische Herr. Er behielt den Stock in der Hand und die Handschuhe an den Händen, sprach in seinem gewohnten herben, fast bissigen Ton, nannte jene böse Schlittenfahrt eine »Weiberkutschiererei« und schien mir, dem Ton seiner Worte nach, das erlebte Pech durchaus zu gönnen. Trotzdem war es merkwürdig, daß er sich eingefunden hatte, und es zeigte sich denn auch, obwohl er den Ton nicht änderte, daß er nicht in böser Absicht gekommen war, sondern um mir zu sagen, er halte mich trotz meiner Schwerfälligkeit für einen leidlichen Schüler, sein Kollege, der Violinlehrer, sei derselben Meinung, und sie hofften also, ich komme bald gesund wieder und mache ihnen Freude. Obwohl diese Rede, die fast wie eine Abbitte für frühere rüde Behandlung aussah, durchaus im selben bitter scharfen Tone wie alles Frühere vorgetragen ward, klang sie mir doch wie eine Liebeserklärung. Ich streckte dem unbeliebten Lehrer dankbar die Hand hin, und um ihm Vertrauen zu zeigen, versuchte ich ihm klarzumachen, wie es mir diese Jahre her gegangen sei und wie jetzt mein altes Herzensverhältnis zur Musik wieder aufzuleben beginne.

Der Professor schüttelte den Kopf und pfiff vor Hohn, als er fragte: »Aha, Sie wollen Komponist werden?«

»Womöglich«, sagte ich bedrückt.

»Ja, da wünsche ich Glück. Ich hatte gedacht, Sie würden jetzt vielleicht mit neuem Eifer ans Üben gehen, aber als Komponist haben Sie das freilich nicht nötig.«

»O, so ist es nicht gemeint.«

»Ja wie denn? Wissen Sie, wenn ein Musikschüler faul ist und nicht recht arbeiten mag, dann legt er sich immer aufs Komponieren. Das kann jeder, und ein Genie ist ja bekanntlich auch jeder.«

»So meine ich's wirklich nicht. Soll ich denn Klavierspieler werden?«

»Nein, lieber Herr, dazu würde es Ihnen doch nicht reichen. Aber anständig geigen lernen könnten Sie schon noch.«

»Nun, das will ich auch.«

»Hoffentlich ist's Ihnen Ernst. Möchte mich nicht länger aufhalten. Gute Besserung, Herr, und auf Wiedersehen!«

Damit ging er davon und ließ mich erstaunt zurück. Ich hatte an die Rückkehr zu den Studien noch wenig gedacht. Nun fürchtete ich doch, es möchte wieder schwer und mißlich gehen und am Ende alles wieder werden wie es vorher gewesen war. Doch hielten solche Gedanken nicht lange Stand, und es zeigte sich auch, daß der Besuch des mürrischen Professors wirklich gut gemeint und ein Zeichen redlichen Wohlwollens war.

Nach meiner Genesung sollte ich eine Erholungsreise machen, doch zog ich vor, damit bis zu den großen Ferien zu warten und lieber jetzt gleich wieder ins Zeug zu gehen. Da empfand ich zum erstenmal, wie erstaunlich eine Ruhezeit, namentlich eine unfreiwillige, wirken kann. Ich begann meine Stunden und Übungen mit Mißtrauen, aber alles ging besser als zuvor. Allerdings sah ich jetzt auch deutlich, daß nie ein Virtuose aus mir werden würde; doch tat diese Erkenntnis mir bei meinem jetzigen Zustande nicht weh. Im übrigen ging es gut, und namentlich hatte sich in der langen Pause das unheimliche Gestrüpp der Musiktheorie, der Harmonie- und Kompositionslehre in einen durchaus zugänglichen, heiteren Garten verwandelt. Ich fühlte, daß die Einfälle und Versuche meiner guten Stunden nicht mehr außerhalb aller Regeln und Gesetze lagen, daß innerhalb des strengen Schülergehorsams ein schmaler, doch deutlich erkennbarer Weg zur Freiheit führe. Wohl gab es noch Stunden und Tage und Nächte, da alles wie ein Stachelzaun vor mir lag und ich mit wundem Gehirn mich an Widersprüchen und Lücken abquälte; aber die Verzweiflung kam nicht wieder, und der schmale Pfad wurde deutlicher und gangbarer vor meinen Augen.

Am Schlusse des Semesters sagte mir zu meiner Überraschung unser Theorielehrer bei der Verabschiedung vor den Ferien: »Sie sind der einzige Schüler dies Jahr, der wirklich etwas von Musik zu verstehen scheint. Wenn Sie einmal etwas komponiert haben, würde ich's gerne ansehen.«

Mit diesem tröstlichen Wort im Ohr reiste ich in die Ferien ab. Ich war längere Zeit nicht mehr zu Hause gewesen, nun trat während der Bahnfahrt die Heimat wieder vor mein Herz, verlangte meine Liebe und rief die Flut halbverlorener Erinnerungen an Kinderzeiten und erste Jünglingsjahre herauf. Am Bahnhof der Heimatstadt empfing mich der Vater und wir fuhren in einer Droschke nach Hause. Doch trieb es mich gleich am andern Morgen hinaus, einen Gang durch die alten Straßen zu tun. Da umfing mich zum erstenmal die Trauer um meine verlorene aufrechte Jugend. Es war mir eine Qual, mit meinem gekrümmten und steifen Bein am Stock durch diese Gassen zu hinken, wo jede Ecke an Knabenspiele und untergegangene Freuden erinnerte. Ich kam schwermütig nach Hause zurück, und wen ich sah und wessen Stimme ich hörte und woran ich dachte, alles mahnte mich bitter an früher und an mein Krüppeltum. Dabei litt ich darunter, daß meine Mutter offenbar mit meiner Berufswahl weniger als je einverstanden war, obgleich sie das nicht deutlich sagte. Einen Musiker, der schlankbeinig als Virtuos oder schneidiger Dirigent sich zeigen konnte, hätte sie etwa noch gelten lassen; wie aber ein Halblahmer mit mäßigen Zeugnissen und scheuem Wesen als Geiger sich weiterbringen wolle, war ihr unverständlich. In diesen Gedanken wurde sie von einer alten Freundin und entfernten Verwandten unterstützt, der mein Vater einmal das Haus verboten hatte, was sie ihm mit bitterem Haß vergalt, ohne freilich wegzubleiben, denn sie kam während der Kontorstunden des Vaters häufig zu meiner Mutter. Sie mochte mich, mit dem sie seit meinen Knabenjahren kaum ein Wort gewechselt hatte, nicht leiden und sah in meiner Berufswahl ein bedauerliches Zeichen von Entartung, in meinem Unglück aber eine offensichtliche Strafe und Mahnung der Vorsehung.

Um mir eine Freude zu machen, hatte mein Vater es vorbereitet, daß ich zum Solospielen in einem Konzert des städtischen Musikvereins aufgefordert wurde. Aber ich konnte nicht, ich lehnte ab und zog mich tagelang in meine kleine Stube zurück, in der ich schon als Knabe gewohnt hatte. Besonders quälte mich das ewige Gefragtwerden und Redestehenmüssen, so daß ich gar nimmer ausging. Dabei ertappte ich mich dabei, daß ich aus dem Fenster dem Leben der Straße, den Schulkindern und vor allem den jungen Mädchen mit unglücklichem Neide nachsah.

Wie durfte ich denn hoffen, dachte ich, je wieder einem Mädchen Liebe zeigen zu können! Ich würde immer nebendraußen stehen, wie beim Tanzen, und zusehen müssen und den Mädchen nicht für voll gelten, und wenn je eine freundlich mit mir wäre, so würde es Mitleid sein! Ach, das Bemitleidetwerden hatte ich schon satt bis zum Ekel.

Unter diesen Umständen konnte meines Bleibens daheim nicht sein. Auch die Eltern litten unter meiner reizbaren Schwermut nicht wenig und redeten kaum dagegen, als ich mir die Erlaubnis erbat, gleich jetzt die längst geplante Reise anzutreten, die der Vater mir versprochen hatte. Es hat auch später noch mein Gebrechen mir zu schaffen gemacht und mir Wünsche und Hoffnungen zerstört, an denen mein Herz hing; aber so heiß und quälend habe ich meine Schwäche und Verunstaltung wohl nie mehr empfunden wie damals, wo der Anblick jedes gesunden jungen Mannes und jeder hübschen Frauengestalt mich demütigte und mir wehtat. Wie ich mich langsam an den Stock und das Hinken gewöhnt hatte, bis es mich kaum mehr störte, so mußte ich mich mit den Jahren daran gewöhnen, meines Schadens ohne Bitterkeit bewußt zu bleiben und ihn mit Ergebung oder Humor zu tragen.

Zum Glück konnte ich allein reisen und bedurfte keiner besonderen Wartung mehr; jede Begleitung wäre mir zuwider gewesen und hätte meine innere Heilung gestört. Mir ward schon leichter, als ich im Zuge saß und niemand mehr mich auffällig und mitleidig betrachtete. Ich fuhr ohne Pausen Tag und Nacht, in einem wahren Fluchtgefühl, und atmete tief auf, als ich am zweiten Abend durch trübe Fenster spitze hohe Berge erblickte. Mit dem Dunkelwerden erreichte ich die letzte Station, ging müde und froh durch dunkle Gassen eines Graubündner Städtchens dem ersten Gasthause zu und schlief nach einem Becher tiefroten Weines mir in zehn Stunden die Reisemüdigkeit und schon auch einen guten Teil der mitgebrachten Bedrängnis vom Halse.

Am Morgen stieg ich in die kleine Bergbahn, die durch enge Täler an weißen schäumenden Bächen hin bergeinwärts führte, und dann an einem kleinen einsamen Bahnhöflein in einen Wagen, und um Mittag war ich droben in einem der höchstgelegenen Dörfer des Landes.

Im einzigen kleinen Gasthaus des stillen armen Dorfes wohnte ich nun, zeitweise als einziger Gast, bis in den Herbst hinein. Ich hatte im Sinn gehabt, hier eine kleine Weile auszuruhen und dann weiter durch die Schweiz zu reisen, ein Stück Welt und Fremde zu sehen. Es ging aber in jener Höhe ein Wind und wehte eine Luft voll herber Klarheit und Größe, die ich nimmer verlassen mochte. Die eine Seite des Hochtales war mit Tannenwald bewachsen, fast bis zur Höhe, die andere Lehne war felsig kahl. Hier brachte ich meine Tage zu, im sonnenbraunen Gestein oder an einem der kraftvollen wilden Bäche, deren Lied bei Nacht durchs ganze Dorf tönte. In den ersten Tagen genoß ich die Einsamkeit wie einen kühlen Heiltrank, niemand sah mir nach, niemand zeigte mir Neugierde oder Mitleid, ich war frei und allein wie ein Vogel in der Höhe und vergaß bald meinen Schmerz und mein kränkliches Neidgefühl. Zuweilen tat es mir leid, daß ich nicht weit in die Berge gehen, unbekannte Täler und Alpen besuchen, gefährliche Wege steigen konnte. Doch war mir im Grunde herrlich wohl, nach den Erlebnissen und Erregungen der vergangenen Monate umfing mich die Stille der Einsamkeit wie eine sichere Burg, ich fand die gestörte Seelenruhe wieder und lernte mich in meine körperliche Schwäche wenn nicht mit Heiterkeit, so doch mit Resignation finden.

Die Wochen dort oben sind beinahe die schönsten in meinem Leben gewesen. Ich atmete die reine helle Luft, trank das eisige Wasser der Bäche, sah an den steilen Hängen die Ziegenherden grasen, von schwarzhaarigen, träumerisch stillen Hirten bewacht, hörte zuweilen Stürme durchs Tal gehen, sah Nebeln und Gewölk aus ungewohnter Nähe ins Gesicht. In Steinspalten beobachtete ich die kleine, zarte, farbenkräftige Blumenwelt und die vielen herrlichen Moose, und an klaren Tagen stieg ich gern eine Stunde bergan, bis ich über die jenseitige Höhe hinweg die fernen rein gezeichneten Spitzen hoher Berge mit blauen Schatten und selig leuchtenden, silbernen Schneefeldern sehen konnte. An einer Stelle des Fußpfades, wo von einer armen kleinen Quelle her ihn ein dünnes Wassergerinsel feucht erhielt, fand ich an jedem hellen Tag einen Schwarm von Hunderten kleiner blauer Schmetterlinge trinkend sitzen, die kaum vor meinen Schritten auswichen und mich, wenn ich sie aufstörte, mit einem winzigen, seidenzarten Flügelgesumme umtaumelten. Seit ich sie kannte, ging ich diesen Weg nur an sonnigen Tagen, und jedesmal war die dichte blaue Schar da, und jedesmal war es ein Feiertag.

Besinne ich mich genauer, so war allerdings jene Zeit nicht ganz so vollkommen blau und sonnig und feiertäglich, wie sie mir im Gedächtnis steht. Es gab nicht nur Nebeltage und Regentage, sogar Schnee und Kälte, es gab auch in mir Unwetter und böse Tage. Ich war das Alleinsein nicht gewohnt, und als das erste Ausruhen und Schwelgen vorüber war, sah mich zuweilen das Leid, dem ich entronnen, plötzlich wieder aus schrecklicher Nähe an. Manchen kalten Abend saß ich in meiner winzigen Stube, die Reisedecke auf den Knien, müde und wehrlos törichten Gedanken hingegeben. Alles was das junge Blut begehrt und hofft, Feste und tanzende Fröhlichkeit, Frauenliebe und Abenteuer, Triumph der Kraft und der Liebe, das lag drüben am andern Ufer, für immer von mir abgetrennt und für immer unerreichbar. Sogar jene trotzig ausgelassene Zeit einer halb erzwungenen Lustigkeit, deren Ende mein Sturz im Schlitten gewesen war, erschien in meiner Erinnerung dann schön und paradiesisch gefärbt als ein verlorenes Land der Freude, deren Nachhall mir nur noch von ferne her mit verklingendem bacchischem Taumel herüberklang. Und wenn zuweilen nachts die Stürme gingen, wenn das kalte stetige Geräusch der stürzenden Gewässer vom leidenschaftlich wehklagenden Rauschen des zerwühlten Tannenwaldes übertönt wurde oder im Dachgebälk des gebrechlichen Hauses die tausend unerklärten Geräusche der schlaflosen Sommernacht laut wurden, dann lag ich in hoffnungslosen heißen Träumen von Leben und Liebessturm, wütend und Gott lästernd, und kam mir als ein ärmlicher Dichter und Träumer vor, dessen schönster Traum doch nur ein dünnes Seifenblasenschillern ist, während tausend andere rings in der Welt, ihrer Jugendkräfte froh, jubelnde Hände nach allen Kronen des Lebens ausstreckten.

Wie ich jedoch die heilige Schönheit der Berge und alles, was meine Sinne täglich genossen, nur durch einen Schleier zu mir herblicken und nur aus einer seltsamen Ferne zu mir reden fühlte, so trat auch zwischen mich und jenes oft so wild ausbrechende Leid ein Schleier und eine leise Fremdheit, und bald war es so weit, daß ich beides, den Glanz der Tage und den Jammer der Nächte, wie Stimmen von außen vernahm, denen ich mit unverletztem Herzen zuhören konnte. Ich sah und fühlte mich selbst als einen Himmel mit ziehendem Gewölk, als ein Feld voll kämpfender Scharen, und ob es Lust und Genuß oder Leid und Schwermut war, es tönte beides klarer und verständlicher, löste sich aus meiner Seele und trat mich von außen an, in Harmonien und Tonreihen, die ich wie im Schlafe vernahm und die ohne mein Wollen von mir Besitz ergriffen.

Es war in einer Abendstille bei der Heimkehr aus den Felsen, als ich das alles zum erstenmal deutlich empfand, und als ich daran grübelte und mir selber ein Rätsel war, fiel es mir unversehens ein, was das alles bedeute, und daß es die Wiederkehr jener fremden, entrückten Stunden sei, die ich in frühern Jahren ahnungsweise vorgekostet hatte. Und mit dieser Erinnerung kam jene herrliche Klarheit wieder, die fast gläserne Helligkeit und Durchsichtigkeit der Gefühle, deren jedes ohne Maske dastand und deren keines mehr Schmerz oder Glück hieß, sondern nur Kraft und Klang und Strom bedeutete. Aus dem Treiben, Schillern und Kämpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.

Nun sah ich an meinen hellen Tagen die Sonne und den Wald, die braunen Felsen und die fernen silbernen Berge mit doppeltem Gefühl von Glück und Schönheit und Empfängnis, und ich fühlte in den dunklen Stunden mein krankes Herz mit doppelter Glut sich dehnen und empören, und ich unterschied nicht mehr Genuß und Weh, sondern eines war dem andern gleich, und beides tat weh, und beides war köstlich. Und während es mir innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik.

Ich konnte diese Musik nicht aufschreiben, sie war mir selber noch fremd und ihre Grenzen mir unbekannt. Aber ich konnte sie hören, ich konnte die Welt in mir als Vollkommenheit empfinden. Und etwas konnte ich auch festhalten, einen kleinen Teil und Widerklang, verkleinert und übersetzt. Daran dachte ich und sog ich nun tagelang und fand, daß es mit zwei Geigen auszudrücken war, und fing, wie ein junger Vogel das Fliegen wagt, in aller Unschuld an meine erste Sonate aufzuschreiben.

Als ich den ersten Satz eines Morgens in meiner Kammer auf der Geige spielte, fühlte ich wohl die Schwäche und Unfertigkeit und Unsicherheit, aber es lief mir doch jeder Takt wie ein Schauer übers Herz. Ich wußte nicht, ob diese Musik gut war; ich wußte aber, daß es meine eigene Musik war, in mir erlebt und geboren und nirgends vorher gehört.

Unten in der Gaststube saß, unbeweglich und weiß wie ein Eiszapfen, jahraus, jahrein der Vater des Wirts, ein Mann von mehr als achtzig Jahren, der nie ein Wort sprach und nur aus ruhigen Augen sorgsam um sich blickte. Es war ein Geheimnis, ob der feierlich Schweigende im Besitz übermenschlicher Weisheit und Seelenstille sei oder ob die Geisteskräfte ihn verlassen hatten. Zu diesem Greise stieg ich an jenem Morgen hinab, meine Geige unter dem Arm, denn ich hatte bemerkt, daß er meinem Spiel und jeder Musik immer mit Aufmerksamkeit zuhörte. Da ich ihn allein fand, stellte ich mich vor ihm auf, stimmte die Violine und spielte ihm meinen ersten Satz vor. Der uralte Mann hielt seine stillen Augen, deren Weißes gelblich und deren Lidränder rot waren, auf mich gerichtet und hörte zu, und wenn ich an jene Musik denke, so sehe ich auch den Alten wieder und sein regungslos steinernes Gesicht, aus dem die ruhigen Augen mich betrachten. Als ich fertig war, nickte ich ihm zu, er blinzelte listig und schien alles zu begreifen, seine gelblichen Augen erwiderten meinen Blick, dann wandte er sie ab, ließ den Kopf ein wenig sinken und erlosch wieder zu seiner alten Starre.

Früh begann der Herbst in jener Höhe und als ich eines Morgens abreiste, lag dicker Nebel und fiel in staubzarten Tropfen sprühend ein kalter Regen. Ich nahm aber die Sonne der guten Tage und außer der dankbaren Erinnerung auch einen frohen Mut für meine nächsten Wege mit.

Während meines letzten Semesters am Konservatorium lernte ich den Sänger Muoth kennen, der in der Stadt einen gewissen ehrenvollen Ruf besaß. Er war vor vier Jahren mit seinen Studien fertig und sogleich an der Hofoper angestellt worden, wo er zwar einstweilen noch mit mittleren Rollen auftrat und neben beliebten älteren Kollegen nicht recht zu Glanze kam, aber bei vielen für einen zukünftigen Stern galt, den der nächste Schritt zum Ruhm führen müsse. Mir war er von der Bühne her aus einigen Rollen bekannt und hatte mir immer einen starken Eindruck gemacht, wennschon keinen reinen.

Unsere Bekanntschaft entstand so. Ich hatte nach meiner Rückkehr zur Schule jenem Lehrer, der mir so freundliche Teilnahme gezeigt hatte, meine Violinsonate und zwei von mir komponierte Lieder gebracht. Er versprach, die Arbeiten durchzusehen und mir seine Meinung darüber zu sagen. Nun dauerte es lange, bis er es tat, und ich konnte ihm eine gewisse Verlegenheit anmerken, so oft ich ihm inzwischen begegnete. Endlich rief er mich eines Tages zu sich und gab mir meine Noten zurück.

»Da sind Ihre Arbeiten wieder«, sagte er etwas befangen. »Hoffentlich haben Sie sich nicht gar zu große Hoffnungen gemacht! Es ist etwas daran, ohne Zweifel, und es kann etwas aus Ihnen werden. Aber offen gesagt, ich hatte Sie schon für reifer und ruhiger gehalten, überhaupt Ihrer Natur nicht so viel Leidenschaft zugetraut. Ich hatte etwas Stilleres und Gefälligeres erwartet, was technisch sicherer wäre und was sich technisch beurteilen ließe. Nun ist aber Ihre Arbeit technisch mißglückt, so daß ich wenig dazu sagen kann, und ist dafür ein kecker Versuch, den ich nicht bewerten kann, aber als Ihr Lehrer nicht loben möchte. Sie haben weniger und mehr gegeben, als ich erwartet hatte, und mich damit in Verlegenheit gebracht. Ich bin zu sehr Schulmeister, um die Stilsünden übersehen zu können, und ob sie durch die Originalität aufgewogen werden, mag ich erst recht nicht entscheiden. Ich will also warten, bis ich wieder etwas von Ihnen sehe, und wünsche Glück dazu. Weiterkomponieren werden Sie ja doch, soviel habe ich gemerkt.«

Damit war ich abgezogen und hatte nicht gewußt, was mit dem Bescheid anfangen, der keiner war. Mir hatte es geschienen, man müsse einer Arbeit ohne weiteres ansehen, ob sie aus Spielerei und zum Zeitvertreib oder ob sie aus Bedürfnis und aus dem Herzen entstanden sei. Ich legte die Noten weg und nahm mir vor, das alles einstweilen zu vergessen, um in diesen letzten Lernmonaten recht fleißig zu sein.

Da war ich einmal von einer Familie eingeladen, wo viel Musik getrieben wurde und wo ich, als bei Bekannten meiner Eltern, ein- oder zweimal im Jahr meinen Besuch zu machen pflegte. Es war ein Gesellschaftsabend wie alle, nur daß ein paar Berühmtheiten von der Oper dabei waren, die ich vom Sehen alle kannte. Auch der Sänger Muoth war da, der mich von allen am meisten interessierte, und ich sah ihn zum erstenmal so nahe. Er war groß und schön, ein imponierender dunkler Mann mit sichern und vielleicht schon etwas verwöhnten Manieren, man sah ihm an, daß er den Frauen gefiel. Doch sah er, von den Gebärden abgesehen, weder stolz noch vergnügt aus, sondern hatte in Blick und Mienen viel Suchendes und Unbefriedigtes. Als ich ihm vorgestellt wurde, grüßte er mit einem kurzen steifen Kompliment, ohne mit mir zu sprechen. Nach einer Weile kam er aber plötzlich zu mir her und sagte: »Heißen Sie nicht Kuhn? – Dann kenne ich Sie schon ein wenig. Der Professor S. hat mir Ihre Arbeiten gezeigt. Sie dürfen es ihm nicht übel nehmen, er ist nicht indiskret. Aber ich kam gerade dazu, und weil ein Lied dabei war, sah ich mirs mit seiner Erlaubnis an.«

Ich war erstaunt und verlegen. »Warum sprechen Sie davon?« fragte ich. »Es hat dem Professor nicht gefallen, glaube ich.«

»Tut Ihnen das weh? Nun, mir hat das Lied sehr gefallen; ich könnte es singen, wenn ich nur die Begleitung hätte. Die möchte ich mir von Ihnen erbitten.«

»Es hat Ihnen gefallen? Ja, kann man es denn singen?«

»Das kann man schon, freilich nicht in jedem Konzert. Ich möchte es aber gern für mich haben, für den Hausbrauch.«

»Ich will es Ihnen abschreiben. Aber warum wollen Sie es haben?«

»Weil es mich interessiert. Es ist ja wirklich Musik, das Lied, das wissen Sie doch selber!«

Er sah mich an und mich plagte seine Art, Leute anzusehen. Er blickte mir ganz gerade ins Gesicht, völlig unbekümmert studierend, und seine Augen waren voll Neugierde.

»Sie sind jünger als ich gedacht hätte. Sie müssen doch schon viel Schmerz erfahren haben.«

»Ja,« sagte ich, »aber ich kann nicht davon sprechen.«

»Das sollen Sie auch nicht, ich will Sie doch nicht ausfragen.«

Sein Blick verwirrte mich, auch war er eine Art von Berühmtheit und ich noch ein Schüler, so daß ich mich nur schwach und schüchtern zur Wehr setzen konnte, obgleich mir seine Art zu fragen gar nicht gefiel. Hochmütig war er nicht, aber irgendwie verletzte er mir das Schamgefühl, ohne daß ich mehr als leise abwehren konnte, denn es kam doch auch kein rechter Widerwille in mir auf. Ich hatte das Gefühl, er sei unglücklich und habe eine ungewollt gewaltsame Art die Menschen anzufassen, als wolle er ihnen etwas entreißen, was ihn trösten könne. Sein dunkel forschendes Auge war so frech wie traurig, und sein Gesicht viel älter als er sein konnte.

Bald darauf, während mir seine Anrede noch die Gedanken beschäftigte, sah ich ihn höflich und lustig mit einer Tochter des Hauses plaudern, die ihm entzückt zuhörte und ihn wie ein Meerwunder anschaute.

Ich lebte seit meinem Ungeschick so einsam, daß diese Begegnung mir noch tagelang nachklang und mich störte. Ich war meiner selbst nicht sicher genug, um den überlegenen Mann nicht zu fürchten, und doch zu einsam und bedürftig, um nicht von seiner Annäherung geschmeichelt zu sein. Schließlich dachte ich, er habe mich und seine Laune von jenem Abend vergessen. Da erschien er zu meiner Verwirrung in meiner Wohnung.

Das war an einem Dezemberabend, schon bei voller Dunkelheit. Der Sänger klopfte an und trat herein, als sei nichts Merkwürdiges an seinem Besuch, und sprang sogleich, ohne alle Einleitungen und Höflichkeiten, mitten in das Gespräch. Ich mußte ihm das Lied geben, und da er mein Mietklavier im Zimmer sah, wollte er es sogleich singen. Ich mußte hinsitzen und begleiten, und so hörte ich zum erstenmal mein Lied richtig gesungen. Es war traurig und ergriff mich wider meinen Willen, denn er sang es nicht sängermäßig, sondern leise und wie für sich allein. Der Text, den ich im vorigen Jahr in einer Zeitschrift gelesen und mir abgeschrieben hatte, hieß so:

Daß bei jedem Föhn

Vom Berg die Lawine rollt

Mit Sausen und Todesgetön,

Hat das Gott gewollt?

Daß ich ohne Gruß

Durch der Menschen Land

Fremd wandern muß,

Kommt das von Gottes Hand?

Sieht Er in Herzensnot

Und Qual mich schweben?

Ach, Gott ist tot!

– Und ich soll leben?

Wie ich's ihn singen hörte, begriff ich, daß das Lied ihm gefallen hatte.

Wir waren eine kleine Weile still, dann fragte ich ihn, ob er mir nicht Fehler sagen und Korrekturen vorschlagen könne.

Muoth sah mich mit seinem dunklen, starren Blick an und schüttelte den Kopf.

»Da ist nichts zu korrigieren,« sagte er. »Ich weiß nicht, ob die Komposition gut ist, ich verstehe davon gar nichts. Es ist Erlebnis und Herz in dem Lied, und weil ich selber nicht dichte und nicht komponiere, freut es mich, wenn ich einmal etwas finde, das mir wie eigen vorkommt und das ich mir selber vorsingen mag.«

»Der Text ist aber nicht von mir,« warf ich ein.

»Nicht? Nun, einerlei, der Text ist auch Nebensache. Sie müssen ihn doch erlebt haben, sonst hätten Sie das nicht komponiert.«

Ich bot ihm nun die Abschrift an, die ich schon seit Tagen bereit hatte. Er nahm die Blätter an sich, rollte sie ein und zwängte sie in die Manteltasche.

»Kommen Sie auch einmal zu mir, wenn Sie mögen,« sagte er und gab mir die Hand. »Sie leben einsam, das will ich Ihnen nicht verderben. Aber hie und da sieht man doch gern einem anständigen Menschen ins Gesicht.«

Da er fortging, blieb sein letztes Wort und Lächeln bei mir zurück, es klang mit dem Lied zusammen, das er gesungen hatte, und mit allem was ich bis jetzt von dem Mann wußte. Und je länger ich das alles bei mir trug und betrachtete, desto deutlicher wurde es, und am Ende verstand ich diesen Menschen. Ich verstand warum er zu mir gekommen war, warum mein Lied ihm gefiel, warum er so fast unbescheiden in mich drang und mir halb scheu, halb frech erschienen war. Er litt, er trug einen schweren Schmerz, und er war von Einsamkeit ausgehungert wie ein Wolf. Dieser Leidende hatte es mit dem Stolz und dem Alleinsein versucht und es nicht ausgehalten, er lag auf der Lauer nach Menschen, nach einem guten Blick und einem Hauch von Verständnis, und war bereit sich wegzuwerfen dafür. So dachte ich es mir damals.

Mein Gefühl gegen Heinrich Muoth war nicht klar. Ich spürte wohl sein Verlangen und seine Not, doch hatte ich Furcht vor ihm als einem überlegenen und grausamen Menschen, der mich verbrauchen und liegen lassen könnte. Ich war zu jung und hatte zu wenig Menschliches erlebt, um das zu verstehen und zu billigen, wie er sich gleichsam nackt hingab und kaum die Scham des Schmerzes zu kennen schien. Doch sah ich auch, daß hier ein glühender und inniger Mensch litt und verlassen war. Es fielen mir ungesucht die Gerüchte ein, die ich über Muoth gehört hatte, undeutliches ängstliches Schülergerede, dessen eigentlicher Inhalt mir verloren gegangen war, dessen Farbe und Ton aber mein Gedächtnis wohl bewahrt hatte. Man erzählte von ihm tolle Frauengeschichten und Abenteuer, und ohne daß mir das einzelne erinnerlich gewesen wäre, glaubte ich doch noch irgend etwas Blutiges zu wissen, als sei er in die Geschichte eines Mordes oder Selbstmordes verwickelt gewesen.

Als ich bald darauf meine Scheu bezwang und einen Kameraden darüber fragte, zeigte sich die Sache harmloser als sie mir erschienen war. Muoth hatte, wie es hieß, ein Liebesverhältnis mit einer jungen Dame aus der guten Gesellschaft unterhalten, und diese hatte sich allerdings vor zwei Jahren das Leben genommen, doch ohne daß man von einer Verwicklung des Sängers in diese Geschichte mehr als in vorsichtigen Andeutungen zu reden wagen durfte. Vermutlich hatte meine eigene Phantasie, durch die Begegnung mit dem eigenartigen und mir leise unheimlichen Menschen erregt, jenen Duft von Schrecken um ihn geschaffen. Doch mußte er immerhin mit jener Liebe Böses erlebt haben.

Ich hatte nicht den Mut, zu ihm zu gehen. Wohl konnte ich mir nicht verbergen, daß Heinrich Muoth ein leidender und vielleicht verzweifelnder Mensch sei, der nach mir griffe und begehre, und manchmal schien mir, ich müsse dem Ruf folgen und wäre ein Schelm, wenn ich es nicht täte. Dennoch ging ich nicht hin, ein anderes Gefühl hinderte mich. Was Muoth bei mir suchte, konnte ich ihm nicht geben, ich war ein ganz anderer Mensch als er, und wenn ich auch in mancher Hinsicht einsam und nicht recht verstanden unter den Leuten stand, wenn ich auch vielleicht anders war als jedermann, durch Schicksal und durch Veranlagung von den meisten getrennt, so wollte ich doch davon kein Aufhebens machen. Mochte der Sänger ein dämonischer Mensch sein, ich war keiner, und mich hielt ein inneres Bedürfnis vom Auffallenden und Besonderen ab. Ich hatte eine Abneigung und einen Widerwillen gegen Muoths heftige Gebärde, er war ein Mann der Bühne und der Abenteuer, schien mir, und vielleicht dazu bestimmt, ein tragisches und weithin sichtbares Schicksal zu leben. Ich hingegen wollte in der Stille bleiben, mir standen Gebärden und kühne Worte nicht an, ich war zur Resignation bestimmt. So rätselte ich hin und wieder, im Bedürfnis nach Beruhigung. Es hatte ein Mensch an meine Türe geklopft, der mir leid tat und den ich vielleicht gerechterweise über mich stellen mußte, aber ich wollte Ruhe haben und ihn nicht einlassen. Eifrig warf ich mich auf die Arbeit und ward die plagende Vorstellung nicht los, es stehe hinter mir einer, der nach mir greife.

Da ich nicht kam, nahm Muoth die Sache wieder selber in die Hand. Ich erhielt ein Brieflein von ihm, das war in großen stolzen Zügen geschrieben und lautete:

»Lieber Herr! Am elften Januar pflege ich mit einigen Freunden meinen Geburtstag zu feiern. Darf ich Sie dazu einladen? Schön wäre es, wenn wir bei diesem Anlaß Ihre Violinsonate hören könnten. Was meinen Sie dazu? Haben Sie einen Kollegen, mit dem Sie sie spielen können, oder soll ich Ihnen jemand schicken? Stefan Kranzl wäre bereit. Sie würden eine Freude machen Ihrem

Heinrich Muoth.«

Das hatte ich nicht erwartet. Ich sollte meine Musik, um die noch niemand wußte, vor Kennern spielen, und ich sollte mit Kranzl zusammen geigen! Beschämt und dankbar sagte ich zu und wurde schon nach zwei Tagen von Kranzl aufgefordert, ihm die Noten zu schicken. Und wieder nach ein paar Tagen lud er mich ein. Der beliebte Geiger war noch jung, ein Mann vom Virtuosenzuschnitt, sehr schmal und schlank und blaß.

»So,« sagte er gleich bei meinem Eintreten, »Sie sind also der Freund von Muoth. Ja, da wollen wir gleich anfangen. Wenn wir aufpassen, wird's nach zwei-, dreimal schon gehen.«

Damit setzte er mir einen Stuhl hin, legte mir die zweite Geigenstimme vor, markierte den Takt und fing an, mit seinem leichten empfindlichen Strich, daß ich daneben ganz zusammensank.

»Nur nit so schüchtern!« rief er mir zu, ohne das Spiel zu unterbrechen, und wir spielten das Ganze durch.

»So, es geht ja?« sagte er. »Schad, daß Sie keine bessere Geigen haben. Tut aber nichts. Das Allegro nehmen wir dann aber ein bissel schneller, daß man's nit für einen Trauermarsch anschaut. Los!«

Und da spielte ich nun neben dem Virtuosen ganz zutraulich meine Noten herunter, meine einfache Geige klang mit seiner kostbaren zusammen als müsse es so sein, und ich war erstaunt, den apart aussehenden Herrn so zwanglos, ja naiv zu finden. Als ich warm geworden und etwas zu Mut gekommen war, fragte ich ihn zögernd nach seinem Urteil über meine Komposition.

»Da müssen's ein' andern fragen, lieber Herr, ich versteh' nit viel davon. Ein bissel sonderbar ist's schon, aber des haben die Leut ja gern. Wann's dem Muoth gefallt, können's sich schon was einbilden, der frißt nit alles.«

Er gab mir Ratschläge wegen des Spiels und zeigte mir einige Stellen, denen Änderungen nottaten. Dann wurde auf morgen eine weitere Probe verabredet und ich konnte gehen.

Es war mir ein Trost, diesen Geigenmann so einfach und bieder zu finden. Wenn der zu Muoths Freunden gehörte, konnte ich dort zur Not auch bestehen. Freilich war er ein fertiger Künstler und ich ein Anfänger ohne große Aussichten. Leid tat mir nur, daß niemand sich offen über meine Arbeit äußern wollte. Das härteste Urteil wäre mir lieber gewesen als diese gutmütigen Sprüche, die nichts sagten.

Es war in jenen Tagen bitter kalt, man konnte es kaum erheizen. Meine Kameraden liefen eifrig Schlittschuh, es jährte sich seit unserem Ausflug mit Liddy. Für mich war das keine gute Zeit und ich freute mich auf den Abend bei Muoth, ohne mir sonst viel davon zu versprechen, nur weil ich so lang keine Freunde und keine Fröhlichkeit mehr gesehen hatte. In der Nacht vor dem elften Januar erwachte ich an einem ungewohnten Geräusch und einer fast erschreckenden Wärme der Luft. Ich stand auf und ging ans Fenster, verwundert, daß es nimmer kalt war. Da war plötzlich der Südwind gekommen, es wehte gewaltig feucht und lau, in der Höhe schob der Sturm große schwerfällige Wolkenzüge vor sich über den Himmel, an dem in schmalen Lücken einzelne Sterne sonderbar groß und blendend strahlten. Die Dächer hatten schon schwarze Flecken, und am Morgen, als ich ausging, war aller Schnee vergangen. Die Straßen und Gesichter sahen seltsam verändert aus und über allem schwamm ein verfrühter Hauch von Frühling.

Ich ging an jenem Tage in einem leisen fieberhaften Rausch umher, teils wegen des Südwindes und der gärenden Luft, teils in großer Erregung und Erwartung des Abends. Oftmals nahm ich meine Sonate vor und spielte Stücke daraus, und warf sie wieder weg. Bald fand ich sie wahrhaft schön und hatte meine stolze Freude an ihr, bald kam sie mir plötzlich kleinlich, zerrissen und unklar vor. Ich hätte diese Aufregung und Bangigkeit nicht lange ertragen. Schließlich wußte ich nimmer, ob ich mich auf den herankommenden Abend freue oder fürchte.

Er kam dennoch, ich zog den Gehrock an, nahm meinen Geigenkasten mit und suchte Muoths Wohnung auf. Weit in der Vorstadt in einer unbekannten und unbegangenen Straße fand ich in der Dunkelheit mit Mühe das Haus, es lag allein in einem großen Garten, der verfallen und ungepflegt erschien, hinter der unverschlossenen Gartentür fiel ein großer Hund mich an, der von einem Fenster her zurückgepfiffen wurde und murrend mich zum Eingang begleitete. Hier empfing mich eine alte kleine Frau mit ängstlichen Augen, nahm mir den Mantel ab und führte mich durch einen hell erleuchteten Korridor hinein.

Der Geigenspieler Kranzl wohnte sehr nobel, und ich hatte erwartet, es auch bei Muoth, der für reich galt, ziemlich glänzend zu finden. Nun sah ich zwar große weite Räume, viel zu groß für einen Junggesellen, der wenig zu Hause ist, sonst aber alles sehr einfach, oder eigentlich nicht einfach, sondern zufällig und ungeordnet. Die Möbel waren zum Teil alt und schienen zum Hause zu gehören, dazwischen standen neue Sachen, wahllos gekauft und ohne Sorgfalt aufgestellt. Glänzend war nur die Beleuchtung. Es brannte kein Gas, statt dessen eine große Menge weißer Kerzen in einfachen, schönen Zinnleuchtern, im Hauptraume auch eine Art Kronleuchter, ein schlichter Messingring mit vielen Kerzen besteckt. Hier stand als Hauptstück ein sehr schöner Flügel.

In dem Zimmer, in das ich geführt wurde, standen einige Herren im Gespräch beisammen. Ich stellte meinen Kasten ab und grüßte, einige nickten und wandten sich wieder zueinander, ich stand fremd da. Nun kam Kranzl, der bei ihnen war und mich nicht gleich beachtet hatte, zu mir, gab mir die Hand, stellte mich seinen Bekannten vor und sagte: »Das ist unser neuer Geiger. Haben's auch die Geigen mitbracht?« Dann rief er ins Nebenzimmer hinüber: »Du, Muoth, der mit der Sonaten ist da.«

Jetzt kam Heinrich Muoth herein, begrüßte mich sehr freundlich und nahm mich mit ins Flügelzimmer, wo es festlich und warm aussah und eine schöne Frau im weißen Kleid mir ein Glas Sherry einschenkte. Es war eine Schauspielerin vom Hoftheater, übrigens sah ich zu meinem Erstaunen sonst keinen Kollegen des Hausherrn eingeladen, auch war sie die einzige Dame.

Als ich mein Gläschen halb in Verlegenheit, halb in unwillkürlichem Wärmebedürfnis nach dem feuchten Nachtgang rasch ausgetrunken hatte, schenkte sie mir wieder ein und ließ meine Abwehr nicht gelten. »Nehmen Sie nur, es kann nichts schaden. Wir kriegen nämlich erst nach der Musik etwas zu essen. Sie haben doch die Geige mitgebracht, und die Sonate?«

Ich gab spröde Antwort und war befangen, wußte auch nicht, in welchem Verhältnis sie zu Muoth stehe. Sie schien die Hausfrau zu machen und war übrigens eine Augenweide, wie ich denn auch in der Folge meinen neuen Freund stets nur mit exemplarisch schönen Frauen Umgang pflegen sah.

Indessen sammelten sich alle im Musikzimmer, Muoth stellte ein Notenpult auf, man setzte sich, und bald war ich mit Kranzl mitten in der Musik. Ich spielte, ohne es zu fühlen, es kam mir miserabel vor, und nur wie jagendes Wetterleuchten überflog mich zwischenein je und je für Sekunden das Bewußtsein, daß ich hier mit Kranzl spiele, und daß das der zag erwartete große Abend sei, und daß da eine kleine Gesellschaft von Kennern und verwöhnten Musikern sitze, denen wir meine Sonate vorspielten. Erst während des Rondo begann ich zu hören, daß Kranzl herrlich spielte, doch war ich immer noch so befangen und außerhalb der Musik, daß ich ununterbrochen an anderes dachte und mir plötzlich einfiel, daß ich Muoth noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert habe.

Nun war die Sonate ausgespielt, die schöne Dame erhob sich, gab mir und Kranzl die Hand und öffnete die Tür zu einem kleineren Zimmer, wo uns ein gedeckter Tisch mit Blumen und Weinflaschen erwartete.

»Endlich!« rief einer von den Herren, »ich bin schier verhungert.«

Die Dame meinte: »Sie sind doch ein Scheusal. Was soll der Komponist denken?«

»Welcher Komponist, ist er denn da?«

Sie zeigte auf mich. »Da sitzt er.«

Er sah mich an und lachte. »Das hättet ihr mir auch vorher sagen können. Übrigens, die Musik war recht schön. Nur, wenn man Hunger hat –.«

Wir begannen zu essen, und kaum war die Suppe weg und der weiße Wein eingeschenkt, da tat Kranzl einen Trinkspruch auf den Hausherrn und dessen Geburtstag. Muoth erhob sich gleich nach dem Anstoßen: »Lieber Kranzl, wenn du gedacht hast, ich würde jetzt eine Rede auf dich halten, hast du dich getäuscht. Wir wollen überhaupt keine Reden mehr halten, ich bitte drum. Die einzige, die vielleicht nötig ist, nehme ich hiermit auf mich. Ich danke unserem jungen Freund für seine Sonate, die ich famos finde. Vielleicht wird unser Kranzl einmal froh sein, wenn er Sachen von ihm zu spielen kriegt, was er übrigens nur tun soll, denn er hat die Sonate wirklich kapiert. Ich trinke auf den Komponisten und auf gute Freundschaft mit ihm.«

Man stieß an, lachte, zog mich ein wenig auf, und bald kam eine von gutem Wein erhöhte Tafelfröhlichkeit zustande, der ich mich erlöst hingab. Ich war lange nimmer auf diese Weise vergnügt und entlastet gewesen, eigentlich seit einem Jahre nicht mehr. Jetzt tat mir Gelächter und Wein, Gläsergeläut, Stimmenwirrnis und der Anblick einer schönen fröhlichen Frau verschüttete Tore zur Freude auf und ich glitt weich hinüber in die losgebundene Heiterkeit leichter und lebhafter Gespräche und lachender Mienen.

Früh stand man von der Tafel auf und kehrte ins Musikzimmer zurück, wo sich das Gelage mit Wein und Zigarren in alle Ecken verteilte. Ein stiller Herr, der wenig geredet hatte und dessen Namen ich nicht wußte, kam zu mir und sagte mir freundliche Worte über die Sonate, die ich ganz vergessen hatte. Dann zog mich die Schauspielerin ins Gespräch, und zu uns setzte sich Muoth. Wir tranken abermals auf gute Freundschaft, und plötzlich sagte er, funkelnd mit seinen düster lachenden Augen: »Ich weiß jetzt Ihre Geschichte.« Und zu der Schönen: »Er hat sich beim Rodeln die Knochen gebrochen, einem hübschen Mädel zulieb.« Und wieder zu mir: »Das ist schön. Im Augenblick, wo die Liebe am schönsten ist und noch keinen Fleck hat, kopfüber den Berg hinunter. Das ist schon ein gesundes Bein wert.« Lachend leerte er sein Glas und sah alsofort wieder dunkel und grübelnd aus, als er sagte: »Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?«

Ich erzählte, von den Knabenzeiten her, wie es mir mit der Musik gegangen war, und erzählte vom vergangenen Sommer, von meiner Flucht in die Berge und von dem Lied und der Sonate.

»Ja,« sagte er langsam. »Aber warum macht Ihnen das nun Freude? Man kann einen Schmerz doch nicht aufs Papier schreiben und damit los sein.«

»Das will ich auch nicht,« meinte ich. »Ich möchte gar nichts hergeben und los sein als die Schwäche und Unfreiheit. Ich möchte empfinden, daß der Schmerz und die Freude aus der gleichen Quelle kommen und Bewegungen derselben Kraft und Takte derselben Musik sind, jedes schön und notwendig.«

»Mann,« rief er heftig, »Sie haben doch ein Bein verloren! Können Sie denn das über der Musik vergessen?«

»Nein, warum? Anders machen kann ich es doch nimmer.«

»Und macht Sie das nicht verzweifelt?«

»Es freut mich nicht, das können Sie glauben, aber ich hoffe, zum Verzweifeln bringt es mich nimmer.«

»Dann sind Sie glücklich. Ich gäbe zwar kein Bein her um so ein Glück. Also so ist das mit Ihrer Musik? Sieh, Marion, das ist der Zauber der Kunst, von dem so viel in Büchern steht.«

Zornig rief ich ihn an: »Reden Sie doch nicht so! Sie selber singen doch auch nicht bloß um Ihre Gage, sondern haben eine Freude und einen Trost daran! Warum verspotten Sie mich und sich selber? Ich finde das roh.«

»Still, still!« machte Marion, »sonst wird er bös.«

Muoth sah mich an. »Ich werde nicht böse. Er hat ja ganz recht. Aber das mit dem Bein kann nicht so schlimm sein, sonst würde Sie das Musikmachen nicht drüber trösten. Sie sind ein zufriedener Mensch, denen kann passieren was will und sie bleiben doch zufrieden. Aber ich habe nicht daran geglaubt.«

Und er sprang auf, ganz zornig. »Und es ist auch nicht wahr! Sie haben ja das Lawinenlied komponiert, das ist kein Trost und keine Zufriedenheit, sondern Verzweiflung. Hören Sie!«

Er war plötzlich am Flügel, es wurde stiller im Zimmer. Er fing zu spielen an, verwirrte sich, ließ dann die Einleitung weg und sang das Lied. Er sang es jetzt anders als damals bei mir und ich konnte sehen, daß er es seither manchmal vorgehabt habe. Auch sang er diesmal mit voller Stimme, mit seinem hohen Bariton, den ich von der Bühne kannte und dessen Kraft und strömende Leidenschaft die ungeklärte Härte seines Gesangs vergessen machte.

»Das hat dieser Mann, wie er sagt, rein zum Vergnügen geschrieben, er weiß nichts von Verzweiflung und ist mit seinem Los unendlich zufrieden!« rief er und zeigte auf mich, und ich hatte Tränen der Scham und des Zorns in den Augen, sah alles in Schleiern wanken und stand auf, um ein Ende zu machen und fortzugehen.

Da hielt mich eine feine, doch kräftige Hand, und drückte mich in den Sessel zurück, und strich mir leise und zärtlich über das Haar, daß mich feine heiße Wellen bespülten, daß ich die Augen schloß und die Tränen verbiß. Aufschauend sah ich alsdann Heinrich Muoth vor mir stehen, die andern schienen meine Bewegung und die ganze Szene nicht beachtet zu haben, sie tranken Wein und lachten durcheinander.

»Sie Kind!« sagte Muoth leise. »Wenn man solche Lieder geschrieben hat, ist man doch über so etwas hinaus. Aber es tut mir leid. Da hat man einen Menschen gern, und kaum ist man mit ihm zusammen, so fängt man Händel mit ihm an.«

»Es ist gut,« sagte ich befangen. »Aber ich möchte jetzt heimgehen, das Schönste von heute haben wir doch gehabt.«

»Gut, ich will Sie nicht nötigen. Wir andern betrinken uns jetzt noch, denke ich. Dann seien Sie so gut und nehmen Sie die Marion mit heim, gelt? Sie wohnt am innern Graben, das ist für Sie kein Umweg.«

Die schöne Frau sah ihn einen Augenblick prüfend an. »Ja, wollen Sie?« sagte sie dann zu mir, und ich stand auf. Wir nahmen nur von Muoth Abschied, im Vorzimmer half uns ein Lohndiener in die Mäntel, dann erschien verschlafen auch die kleine Alte und leuchtete mit einer großen Laterne durch den Garten zur Pforte. Der Wind ging immer noch weich und laulich, trieb lange schwarze Wolkenzüge dahin und wühlte in kahlen Baumkronen.

Ich wagte nicht, der Marion den Arm zu geben, sie aber hängte ungefragt bei mir ein, sog die Nachtluft mit zurückgeworfenem Kopfe ein und sah dann aus solcher Höhe fragend und vertraulich auf mich herab. Mir war, ich fühle immer noch ihre leichte Hand auf meinen Haaren, sie ging langsam und schien mich führen zu wollen.

»Dort stehen Droschken,« sagte ich, denn es war mir peinlich, daß sie sich meinem lahmen Schritt anbequemen sollte, und ich litt darunter, neben der warmen, kraftvoll schlanken Frau einher zu hinken.

»Nein,« meinte sie, »wir wollen noch eine Straße weit gehen.« Und sie gab sich Mühe, recht langsam zu gehen, und wenn es nur auf mein Verlangen angekommen wäre, ich hätte sie noch enger an mich gezogen. So aber zerriß mich Qual und Zorn, ich machte ihren Arm aus meinem los, und als sie mich erstaunt ansah, sagte ich: »Es geht nicht gut so, ich muß allein gehen, verzeihen Sie.« Und sie ging sorgsam und mitleidig neben mir, und mir fehlte nichts als ein aufrechter Gang und das Bewußtsein der körperlichen Sicherheit, so hätte ich von allem, was ich tat und sagte, das Gegenteil gesagt und getan. Ich wurde still und schroff, es war nicht anders zu machen, sonst hätte ich wieder Tränen in die Augen bekommen und mich danach gesehnt, ihre Hand auf meinem Kopf zu fühlen. Am liebsten wäre ich in die nächste Seitengasse entflohen. Ich wollte nicht, daß sie langsam ging, daß sie mich schonte, daß sie Mitleid mit mir hatte.

»Sind Sie ihm böse?« fing sie schließlich an.

»Nein. Es war dumm von mir. Ich kannte ihn ja noch kaum.«

»Er tut mir leid, wenn er so ist. Er hat Tage, wo man ihn fürchten muß.«

»Sie auch?«

»Ich am meisten. Dabei tut er niemand weher als sich selber. Er haßt sich manchmal.«

»Ach, er macht sich interessant!«

»Was sagen Sie?« rief sie erschrocken.

»Daß er ein Komödiant ist. Was braucht er sich und andere zu verhöhnen? Was braucht er die Erlebnisse und Geheimnisse eines Fremden hervorzuziehen und lächerlich zu machen, das Lästermaul!«

Mein Zorn von vorher kehrte mir im Reden wieder, ich war gewillt den Mann zu beschimpfen und herabzuziehen, der mir weh getan hatte und den ich leider beneidete. Auch war meine Achtung vor der Dame gesunken, da sie ihn in Schutz nahm und sich offen vor mir zu ihm bekannte. War es nicht schon schlimm, daß sie es auf sich genommen hatte, bei diesem weinfrohen Junggesellenabend die einzige Frau zu sein? In diesen Dingen war ich wenig Freiheit gewöhnt, und da ich mich schämte, nach dieser schönen Frau trotzdem Sehnsucht zu haben, fing ich in meiner Hitze lieber Streit an als daß ich länger ihr Mitleid spürte. Mochte sie mich roh finden und mir davonlaufen, es war mir besser als daß sie bei mir blieb und freundlich war.

Sie legte mir aber die Hand auf den Arm. »Halt,« rief sie warm, daß ihre Stimme mir trotz allem ins Herz ging, »reden Sie nicht weiter! Was tun Sie denn? Sie sind durch zwei Worte von Muoth verletzt, weil Sie nicht geschickt oder mutig genug waren sie zu parieren, und jetzt, wo Sie fort sind, fallen Sie vor mir mit häßlichen Worten über ihn her! Ich sollte gehen und Sie allein lassen.«

»Bitte. Ich habe nur gesagt, was ich meine.«

»Lügen Sie doch nicht! Sie sind seiner Einladung gefolgt, Sie haben bei ihm musiziert, Sie haben gesehen wie er Ihre Musik liebt, und haben sich darüber gefreut und daran aufgerichtet, und jetzt, wo Sie ärgerlich sind und ein Wort von ihm nicht ertragen können, fangen Sie zu schimpfen an. Das dürfen Sie nicht, und ich will es dem Wein zu gut halten.«

Mir schien, sie merkte plötzlich wie es mit mir stand und daß nicht der Wein mich plagte; sie änderte ihren Ton, ohne daß ich den mindesten Versuch einer Rechtfertigung gemacht hatte. Ich war wehrlos.

»Sie kennen Muoth noch nicht,« fuhr sie fort. »Haben Sie ihn denn nicht singen hören? So ist er, gewalttätig und grausam, aber am meisten gegen sich selber. Er ist ein armer, stürmender Mensch, der lauter Kräfte und keine Ziele hat. In jedem Augenblick möchte er die ganze Welt austrinken und was er hat und was er tut, ist immer nur ein Tropfen. Er trinkt und ist nie betrunken, er hat Frauen und ist nie glücklich, er singt so herrlich und will doch kein Künstler sein. Er hat jemand lieb und tut ihm weh, er stellt sich als verachte er alle Zufriedenen, aber es ist Haß gegen ihn selber, weil er nicht zufrieden sein kann. So ist er. Und Ihnen hat er Freundlichkeit gezeigt, so gut er es eben kann.«

Ich schwieg hartnäckig.

»Sie brauchen ihn vielleicht nicht,« fing sie nochmals an, »Sie haben andere Freunde. Aber wenn wir jemand sehen, der leidet und im Leiden ungebärdig ist, so sollen wir ihn schonen und ihm etwas zu gut halten.«

Ja, dachte ich, das sollte man, und allmählich, wie das Gehen in der Nacht mich kühlte, lag zwar die eigene Wunde noch offen und rief nach Hilfe, aber mehr und mehr mußte ich den Worten der Marion und meinen Dummheiten von heut abend nachdenken, mich als einen traurigen Hund erkennen und in der Stille Abbitte tun. Es ergriff mich, da der Weinmut verflogen war, eine unangenehme Rührung, mit der ich abwehrend kämpfte, ohne mehr viel zu der schönen Frau zu sagen, die nun selber erregt und ungewissen Herzens neben mir durch die halbdunkeln Straßen lief, wo da und dort in der toten, schwarzen Fläche plötzlich ein Laternenspiegel aus dem nassen Boden aufblickte. Ich dachte daran, daß ich meine Geige bei Muoth hatte liegen lassen; und zwischenein erwachte ich wieder zum Erstaunen und Schrecken über alles. Da war diesen Abend so vieles anders geworden. Dieser Heinrich Muoth, und der Violinist Kranzl, und wieder die herrliche Marion, die Königinnen spielte, die waren alle von ihren Sockeln herabgestiegen. An ihrem olympischen Tische saßen nicht Götter und Selige, sondern arme Menschen, der eine klein und komisch, der andere bedrückt und eitel, Muoth elend und fieberhaft in törichter Selbstquälerei, die hohe Frau klein und arm als Geliebte eines stürmenden Genießers ohne Heiterkeit, dabei still und gütig und des Leidens kundig. Ich selber schien mir verändert, war nicht mehr ein einfacher Mensch, sondern war allen verwandt, hatte an jedem brüderliche und an jedem feindliche Züge gesehen, konnte hier nicht lieben und dort nicht verabscheuen, sondern schämte mich meines wenigen Verstehens und spürte zum erstenmal in meiner leichten Jugend so deutlich, daß man durchs Leben und durch die Menschen nicht so einfach gehen könne, da mit Haß und da mit Liebe, da mit Verehrung und dort mit Verachtung, sondern daß alles durcheinander und beieinander wohne, kaum getrennt und in Augenblicken kaum unterscheidbar. Ich sah die Frau an, die an meiner Seite ging und nun auch ganz still geworden war, als fände sie im Herzen nun doch auch manches anders beschaffen, als sie es gemeint und gesagt hatte.

Am Ende kamen wir vor ihr Haus, sie streckte mir die Hand her, die ich leise nahm und küßte. »Schlafen Sie gut!« sagte sie freundlich, aber ohne Lächeln.

Das tat ich auch, ich kam nach Hause und ins Bett, ich weiß nicht wie, und schlief sofort und schlief noch ein ungewohntes Stück in den Morgen hinein. Dann stand ich auf wie das Männlein aus der Schachtel, machte meine Turnübung, wusch mich und griff nach den Kleidern; und erst wie ich am Stuhl den Gehrock hängen sah und meinen Geigenkasten vermißte, fiel mir gestern wieder ein. Ich war indes ausgeschlafen und anderen Sinnes als in der Nacht, und konnte an die Gedanken der Nacht nicht anknüpfen; es blieb mir nur die Erinnerung an sonderbar kleine, nur nach innen wirksame Erlebnisse, und ein Erstaunen darüber, daß ich nun doch unverwandelt und derselbe wie immer dastand.

Ich wollte arbeiten, aber meine Geige war nicht da. So ging ich aus, anfangs noch unentschlossen, dann entschieden in der gestrigen Richtung, und kam an Muoths Wohnung. Schon vom Gartentor aus hörte ich ihn singen, der Hund fiel mich an und ward von der alten Frau, die schnell herauskam, mit Mühe zurückgeführt. Mich ließ sie eintreten, ich sagte ihr, ich wolle nur meine Geige holen und den Herrn nicht stören. Im Vorzimmer stand mein Geigenkasten und die Geige lag darin, auch die Noten waren dazugelegt. Das mußte Muoth getan haben, er hatte an mich gedacht. Nebenan sang er laut, ich hörte ihn weich wie auf Filzsohlen hin und wieder gehen, zuweilen Töne am Flügel anschlagend. Seine Stimme klang frisch und hell, beherrschter als ich sie oft auf der Bühne gehört hatte, er sang eine mir unbekannte Rolle, wiederholte häufig und ging rasch im Zimmer auf und ab.

Ich hatte meine Sachen an mich genommen und wollte gehen. Ich war ruhig und fühlte mich von der Erinnerung an gestern kaum berührt. Doch war ich neugierig, ihn zu sehen, ob auch er sich verändert habe, und trat näher, und ohne es ganz zu wollen, hatte ich auf einmal den Türgriff in der Hand, und hatte darauf gedrückt, und stand in der offenen Türe.

Muoth drehte sich im Singen um. Er war im Hemde, in einem sehr langen weißen feinen Hemd, und sah frisch aus, als habe er eben gebadet. Ich erschrak nun, zu spät, daß ich ihn so überrascht habe. Er schien jedoch weder verwundert, daß ich ohne Klopfen eingetreten war, noch schien er zu wissen, daß er keine Kleider anhatte. Als wäre alles wie es sein müsse, bot er mir die Hand und fragte: »Haben Sie schon gefrühstückt?« Dann, da ich ja gesagt hatte, nahm er am Flügel Platz.

»Die Rolle soll ich singen! Da hören Sie die Arie! Das ist ein Gemüse! Wird in der königlichen Hofoper aufgeführt, mit Büttner und der Duelli! Aber das interessiert Sie nicht, und mich eigentlich auch nicht. Wie geht's denn? Haben Sie ausgeruht? Sie haben kaput ausgesehen, als Sie gestern gingen. Und bös waren Sie mir auch. Nun ja. Wir wollen die Dummheiten nicht gleich wieder anfangen.«

Und gleich darauf, ohne daß ich etwas dazwischen sagen konnte: »Wissen Sie, der Kranzl ist ein Langweiler. Er will Ihre Sonate nicht spielen.«

»Er hat sie doch gestern gespielt.«

»Im Konzert, meine ich. Ich wollte sie ihm aufhängen, aber er mag nicht. Es wäre gut gewesen, wenn sie nächsten Winter in so eine Matinee gekommen wäre. Der Kranzl ist nicht so dumm, wissen Sie, aber faul. Er spielt immerzu diese polakischen Musiken von insky und owsky, was Neues lernt er nicht gern.«

»Ich glaube nicht,« fing ich nun an, »daß die Sonate in ein Konzert paßt, das habe ich mir auch nie eingebildet. Sie ist technisch noch gar nicht sauber.«

»Das ist doch Wurst! Ihr mit Eurem Künstlergewissen! Wir sind doch keine Schulmeister, und es werden ohne Zweifel schlechtere Sachen gespielt, gerade von Kranzl. Aber ich weiß was anderes. Das Lied müssen Sie mir geben, und machen Sie doch bald noch mehr! Ich gehe im Frühjahr hier weg, ich habe gekündigt, und mache lange Ferien. In der Zeit möchte ich ein paar Konzerte geben, aber was Neues, nicht mit Schubert und Wolf und Löwe und dem, was man alle Abend hört, sondern neue und unbekannte Sachen, ein paar wenigstens, solche wie das Lawinenlied. Was meinen Sie?«

Für mich war die Aussicht, meine Lieder von Muoth öffentlich gesungen zu sehen, ein Tor in die Zukunft, durch dessen Spalt ich lauter Herrlichkeiten sah. Eben deswegen wollte ich vorsichtig sein und weder Muoths Freundlichkeit mißbrauchen noch mich ihm allzusehr verpflichten. Es schien mir, er wolle mich gar zu gewaltsam an sich ziehen, blenden und vielleicht irgendwie vergewaltigen. Darum ging ich kaum darauf ein.

»Ich will sehen,« sagte ich. »Sie sind sehr gütig mit mir, das sehe ich, aber ich kann nichts versprechen. Ich bin am Ende meiner Studien und muß jetzt an gute Zeugnisse denken. Ob ich einmal als Komponist auftreten kann, ist ungewiß, einstweilen bin ich Geiger und muß sehen, wie ich beizeiten zu einer Stellung komme.«

»Ach ja, das alles können Sie ja tun. Darum kann Ihnen doch einmal wieder ein solches Lied einfallen, das Sie mir dann geben, nicht?«

»Ja, das wohl. Ich weiß freilich nicht, warum Sie sich meiner so annehmen.«

»Haben Sie Angst vor mir? Mir gefällt einfach Ihre Musik, ich möchte Sachen von Ihnen singen und verspreche mir davon etwas, es ist reiner Eigennutz.«

»Wohl, aber warum reden Sie so mit mir, so wie gestern meine ich?«

»Ach, sind Sie noch beleidigt? Was habe ich denn eigentlich gesagt? Ich weiß es rein nimmer. Jedenfalls wollte ich Sie nicht schlecht behandeln, wie ich es scheints getan habe. Sie können sich ja wehren! Es redet und ist jeder, wie er ist und sein muß, und man muß einander gelten lassen.«

»Das meine ich auch, aber Sie tun das Gegenteil, Sie reizen mich und lassen nichts gelten, was ich sage. Sie ziehen das, woran ich selber ungern denke und was mein Geheimnis ist, hervor und werfen es mir hin, wie einen Vorwurf. Sie spotten sogar über mein steifes Bein!«

Heinrich Muoth sagte langsam: »Ja, ja, ja. Die Leute sind eben verschieden. Den einen macht es wild, wenn man Wahrheiten sagt, und der andere kann keine Phrasen vertragen. Sie hat es geärgert, daß ich Sie nicht wie einen Intendanten behandle, und mich hat es geärgert, daß Sie sich vor mir versteckten und mir die Sprüche über den Trost der Kunst anhängen wollten.«

»Das war gemeint wie ich es sagte; ich bin nur nicht gewohnt über diese Sachen zu reden. Und über das andere will ich eben nicht reden. Wie es in mir aussieht und ob ich traurig bin oder verzweifelt, und wie mein Bein mir vorkommt und meine Krüppelschaft, das will ich für mich behalten und mir von niemand herausdrohen und herausspotten lassen.«

Er stand auf.

»Ich habe ja noch gar nichts an, ich will das schnell besorgen. Sie sind ein anständiger Mensch, das bin ich leider nicht. Wir wollen darüber nimmer so viel reden. Haben Sie denn gar nichts davon gemerkt, daß ich Sie gern habe? Warten Sie ein wenig, setzen Sie sich ans Klavier, bis ich angezogen bin. Singen Sie nicht? – Nicht? Nun, es dauert nur sechs Minuten.«

Wirklich kam er sehr bald angekleidet aus dem Nebenzimmer zurück.

»Jetzt gehen wir in die Stadt und essen miteinander,« sagte er behaglich. Er fragte nicht, ob es mir auch passe, er sagte: »Wir gehen,« und wir gingen. Denn so empfindlich seine Art mich ärgerte, sie imponierte mir doch, er war der Stärkere. Daneben zeigte er im Gespräch und Benehmen eine launenhafte Kindlichkeit, die oft entzückend war und ganz mit ihm versöhnte.

Von da an sah ich Muoth oft, er sandte mir häufig Billette für die Oper, bat mich manchmal bei ihm zu geigen, und wenn mir nicht alles an ihm gefiel, so ließ er sich doch auch von mir nicht wenig gefallen. Es entstand eine Freundschaft, damals meine einzige, und ich begann mich beinahe auf die Zeit zu fürchten, wo er nicht mehr da sein würde. Er hatte wirklich gekündigt und ließ sich, trotz einiger Bemühungen und Zugeständnisse, nicht halten. Zuweilen deutete er an, er werde im Herbst vielleicht einen Ruf an eine große Bühne haben, doch blieb das vorläufig unbesprochen. Inzwischen kam der Frühling heran.

Eines Tages fand ich mich zum letzten Herrenabend bei Muoth ein, wir stießen auf Wiedersehen und Zukunft an, es war diesmal keine Frau dabei. Muoth begleitete uns in der Morgenfrühe an die Gartenpforte, winkte uns nach und kehrte fröstelnd im Morgennebel in seine schon halb ausgeräumte Wohnung zurück, von dem springenden und bellenden Hunde begleitet. Mir aber schien ein Stück Leben und Erfahrung nun abgetan; ich glaubte Muoth genug zu kennen, um sicher zu sein, daß er uns alle bald vergessen werde, und erst jetzt fühlte ich ganz klar und unbeirrt, daß ich den dunklen, launischen, herrischen Mann doch richtig lieb hatte.

Indessen kam auch für mich der Abschied. Ich tat meine letzten Gänge nach Orten und Menschen, die ich in gutem Gedächtnis zu behalten gesonnen war, ich ging auch noch einmal auf den Höhenweg hinauf und schaute den Hang hinunter, den ich ohnehin nicht vergessen hätte.

Und ich reiste ab, nach Hause, einer unbekannten und wahrscheinlich langweiligen Zukunft entgegen. Eine Stellung hatte ich nicht, selbständig Konzerte geben konnte ich nicht, in der Heimat erwarteten mich nur, zu meinem Schrecken, einige Schüler, denen ich Violinstunden geben sollte. Wohl erwarteten mich auch die Eltern, und sie waren reich genug, daß ich ohne Sorgen sein konnte, auch fein und gütig genug, daß sie mich nicht drängten und fragten, was nun aus mir werden solle. Aber daß ich es hier nicht lange aushalten würde, wußte ich von Anfang an.

Von den zehn Monaten, in denen ich nun zu Hause saß, drei Schülern Stunden gab und trotz allem gar nicht unglücklich war, weiß ich nichts zu erzählen. Es lebten auch hier Menschen, es geschah auch hier täglich irgend etwas, aber mein Verhältnis zu alle dem bestand nur in einer freundlich höflichen Gleichgültigkeit. Nichts ging mir ans Herz, nichts nahm mich mit. Dagegen lebte ich in aller Stille, entrückte seltsame Stunden der Musik, wo mein ganzes Leben erstarrt und mir entfremdet schien und nur ein Hunger nach Musik übrig blieb, der mich während der Violinstunden oft unerträglich peinigte und gewiß zu einem bösen Lehrer machte. Nachher aber, wenn meine Pflicht getan war, oder ich mit List und Lüge mich um meine Stunden gedrückt hatte, sank ich tief in herrlich unwirkliche Träume, baute nachtwandlerisch an kühnen Tongebäuden, trieb freche Türme in die Lüfte, wölbte tiefschattende Kuppeln und ließ spielende Ornamente leicht und genußvoll wie Seifenblasen steigen.

Während ich in einer Betäubung und Fremdheit herumging, die meine früheren Bekannten vertrieb und meinen Eltern Sorge machte, ging noch weit heftiger und reicher als vor einem Jahr in den Bergen der verschüttete Born in mir wieder auf; die Früchte verträumter, verarbeiteter, scheinbar verlorener Jahre, unsichtbar gereift, fielen still und sachte, eine um die andere, und hatten Duft und Glanz und umgaben mich mit einem fast schmerzlichen Reichtum, den ich nur zögernd und mit Mißtrauen an mich nahm. Es begann mit einem Liede, dem folgte eine Geigenphantasie, der folgte ein Streichquartett, und als in wenigen Monaten noch einige Lieder und manche Entwürfe zu symphonischen Sachen dazugekommen waren, empfand ich das alles nur als einen Anfang und Versuch, und im Herzen dachte ich an eine große Symphonie, in den frechsten Stunden auch schon an eine Oper! Zwischenein schrieb ich von Zeit zu Zeit demütige Briefe an Kapellmeister und Theater, legte die Empfehlungen meiner Lehrer bei und brachte mich bescheiden für die nächste bessere Geigerstelle in Erinnerung, die frei werde. Es kamen dann kurze höfliche Antworten, die mit »sehr geehrter Herr« begannen, manchmal auch keine, aber eine Anstellung kam nicht. Dann war ich einen Tag oder zwei klein und kroch zusammen, gab sorgfältigen Unterricht und schrieb neue demütige Briefe. Allein gleich darauf fiel mir wieder ein, daß ich noch einen Kopf voll Musik aufzuschreiben habe, und kaum hatte ich wieder begonnen, so sanken die Briefe und die Theater und Orchester, die Kapellmeister und sehr geehrten Herren auf Nichtmehrsehen hinab und ich fand mich allein, vollauf beschäftigt und begnügt.

Nun, das sind Erinnerungen, die man nicht erzählen kann, wie die meisten. Was ein Mensch für sich ist und erlebt, wie er wird und wächst und krankt und stirbt, das alles ist unerzählbar. Das Leben arbeitender Menschen ist langweilig, interessant sind die Lebensführungen und Schicksale der Taugenichtse. So reich mir jene Zeit im Gedächtnis liegt, ich kann nichts über sie sagen, denn ich stand außerhalb des menschlichen und geselligen Lebens. Nur einmal kam ich für Augenblicke wieder einem Menschen nahe, den ich nicht vergessen darf. Das war der Präzeptor Lohe.

Ich ging einmal, schon im Spätherbst, spazieren. Es war im Süden der Stadt ein bescheidenes Villenviertel entstanden, wo keine reichen Leute wohnten, sondern kleine Sparer und Rentenverzehrer kleine wohlfeile Häuslein mit einfachen Gärten bewohnten. Ein geschickter junger Baumeister hatte hier viel Hübsches gebaut, was ich mir nun auch einmal ansehen wollte.

Es war ein warmer Nachmittag, da und dort wurden späte Nußbäume geleert, die Gärten und kleinen neuen Häuser lagen fröhlich in der Sonne. Die hübschen einfachen Bauten gefielen mir, ich beschaute sie mit dem oberflächlich behaglichen Interesse, das junge Leute für so etwas haben, welchen der Gedanke an Haus und Heim und Familie, Rast und Feierabend noch im Weiten liegt. Die friedliche Gartenstraße machte einen lieben, behaglichen Eindruck, ich spazierte langsam dahin, und im Gehen verfiel ich darauf, die Namen der Hausbesitzer auf den kleinen blanken Messingschildchen an den Gartentoren zu lesen.

Auf einem dieser Schildchen stand »Konrad Lohe«, und im Lesen wollte der Name mir bekannt vorkommen. Ich blieb stehen und besann mich, und es fiel mir ein, daß einer meiner Lehrer in der Lateinschule so geheißen hatte. Und für Sekunden stieg die alte Zeit herauf, sah mich verwundert an und wälzte auf flüchtiger Welle einen Schwarm von Gesichtern herauf, von Lehrern und Kameraden, Spitznamen und Geschichten. Und während ich stand und auf das Messingtäfelein sah und lächelte, erhob sich hinterm nächsten Johannisbeerstrauch, wo er gebückt gearbeitet hatte, ein Mann, trat dicht heran und sah mir ins Gesicht.

»Wollen Sie zu mir?« fragte er, und es war Lohe, der Präzeptor Lohe, den wir Lohengrin geheißen hatten.

»Eigentlich nicht,« sagte ich und zog den Hut. »Ich wußte nicht, daß Sie hier wohnen. Ich bin einmal Ihr Schüler gewesen.«

Er blickte schärfer, sah an mir hinab bis zum Stock, besann sich und nannte dann meinen Namen. Er hatte mich nicht am Gesicht erkannt, sondern am steifen Bein, da er natürlich von meinem Unfall wußte. Nun ließ er mich eintreten.

Er war in Hemdärmeln und hatte eine grüne Gartenschürze vorgebunden, er schien gar nicht älter geworden und sah prächtig blühend aus. Wir schritten in dem kleinen sauberen Garten hin und her, dann führte er mich an eine offene Veranda, wo wir uns setzten.

»Ja, ich hätte Sie nimmer gekannt,« sagte er aufrichtig. »Hoffentlich haben Sie mich in guter Erinnerung von früher her.«

»Nicht ganz,« sagte ich lächelnd. »Sie haben mich einmal für etwas bestraft, was ich nicht getan hatte, und haben meine Beteuerungen für Lügen erklärt. Es war in der vierten Klasse.«

Bekümmert schaute er auf. »Das dürfen Sie mir nimmer übel nehmen, es tut mir auch leid. Lehrern passiert es beim besten Willen immer wieder, daß etwas nicht stimmt, und eine Ungerechtigkeit ist bald angerichtet. Ich weiß schlimmere Fälle. Zum Teil deswegen bin ich denn auch gegangen.«

»So, sind Sie nimmer im Amt?«

»Schon lang nicht mehr. Ich wurde krank, und als ich wieder geheilt war, hatten sich meine Ansichten so sehr geändert, daß ich den Abschied nahm. Ich hatte mir Mühe gegeben, ein guter Lehrer zu sein, aber ich war keiner, dazu muß man geboren sein. So gab ich es auf, und seither ist mir wohl.«

Das konnte man ihm ansehen. Ich fragte weiter, doch wollte er nun meine Geschichte hören, die bald erzählt war. Daß ich Musiker geworden sei, gefiel ihm nicht ganz, dagegen hatte er für mein Pech ein freundliches und zartes Mitleid, das mir nicht wehtat. Vorsichtig suchte er zu erforschen, wie es mir gelinge mich zu trösten und war von meinen halb ausweichenden Antworten nicht befriedigt. Unter geheimnisvollen Gebärden gab er zögernd und doch ungeduldig mit schüchternen Umschweifen kund, er wisse einen Trost, eine vollkommene Weisheit, die jedem ernstlich Suchenden offen stehe.

»Ich weiß schon,« sagte ich, »Sie meinen die Bibel.«

Herr Lohe lächelte schlau. »Die Bibel ist gut, sie ist ein Weg zum Wissen. Aber sie ist nicht das Wissen selbst.«

»Und wo ist das, das Wissen selbst?«

»Das werden Sie leicht finden, wenn Sie wollen. Ich gebe Ihnen etwas zum Lesen mit, das gibt Ihnen die Elemente. Haben Sie schon von der Lehre vom Karma gehört?«

»Vom Karma? Nein, was ist das?«

»Das werden Sie sehen, warten Sie!« Er lief weg und blieb eine Weile aus, während ich erstaunt in ungewisser Erwartung saß und in den Garten hinunter sah, wo Zwergobstbäume in tadellosen Reihen standen. Bald kam Lohe wieder gelaufen. Strahlend sah er mich an und streckte mir ein Büchlein entgegen, das trug inmitten einer geheimnisvollen Linienkunst die Aufschrift: »Theosophischer Katechismus für Anfänger«.

»Nehmen Sie das mit!« bat er. »Sie können es behalten, und wenn Sie weiter studieren wollen, kann ich Ihnen noch mehr leihen. Das hier ist nur zur Einführung. Ich verdanke dieser Lehre alles. Ich bin durch sie gesund geworden an Leib und Seele, und hoffe es wird auch Ihnen so gehen.«

Ich nahm das kleine Buch hin und steckte es ein. Der Mann begleitete mich durch den Garten zur Straße hinab, nahm freundlich Abschied und bat mich bald wieder zu kommen. Ich sah ihm ins Gesicht, das war gut und froh, und mir schien, es könne nicht schaden den Weg zu solchem Glück einmal zu versuchen. So ging ich heim, das Büchlein in der Tasche, neugierig auf die ersten Schritte dieses Pfades zur Glückseligkeit.

Doch beschritt ich ihn erst nach einigen Tagen. Bei der Heimkehr zogen die Noten mich wieder heftig an sich, ich stürzte mich darein und schwamm in Musik, schrieb und spielte, bis der Sturm für diesmal verrauscht war und ich ernüchtert ins Tagesleben zurückkehrte. Da empfand ich alsbald das Bedürfnis, die neue Lehre zu studieren, und setzte mich hinter das kleine Buch, das ich bald erschöpfen zu können glaubte.

Es ging aber nicht so leicht. Das kleine Büchlein schwoll mir unter den Händen und zeigte sich am Ende unüberwindlich. Es begann mit einer hübschen und anziehenden Einleitung über die vielen Wege zur Weisheit, deren jeder seine Geltung habe, und über die theosophische Brüderschaft derer, die in Freiheit nach Wissen und innerer Vollkommenheit streben wollen, denen jeder Glaube heilig und jeder Pfad zum Lichte willkommen ist. Alsdann kam eine Kosmogonie, die ich nicht verstand, eine Einteilung der Welt in verschiedene »Ebenen« und der Geschichte in merkwürdige, mir unbekannte Zeitalter, wobei auch das versunkene Land Atlantis eine Rolle spielte. Ich ließ dieses einstweilen auf sich beruhen und machte mich an die anderen Kapitel, wo die Lehre von der Wiedergeburt dargestellt war, die ich besser verstand. Doch wurde mir nicht recht klar, ob das alles eine Mythologie und poetische Fabel, oder wörtliche Wahrheit zu sein begehre. Es schien das letztere der Fall zu sein, was mir nicht eingehen wollte. Nun kam die Lehre vom Karma. Sie zeigte sich mir als eine religiöse Verehrung des Kausalitätsgesetzes, die mir nicht übel gefiel. Und so ging es weiter. Ich sah bald gar wohl ein, daß diese ganze Lehre nur für den ein Trost und ein Schatz sein könne, der sie möglichst wörtlich und tatsächlich hinnehme und innig glaube. Wem sie, wie mir, ein zum Teil schönes, zum Teil krauses Sinnbild, der Versuch einer mythologischen Welterklärung war, der konnte zwar von ihr lernen und ihr Achtung gönnen, nicht aber Leben und Kraft von ihr haben. Man konnte vielleicht Theosoph sein mit Geist und Würde, aber jener endgültige Trost winkte nur denen, die es ohne viel Geist in einfältigem Glauben waren. Das war einstweilen nichts für mich.

Doch ging ich noch mehrmals zu dem Präzeptor hin, der vor zwölf Jahren mich und sich mit dem Griechischen geplagt hatte und nun auf so andere Weise, und doch ebenso erfolglos, mein Lehrer und Führer zu sein strebte. Freunde wurden wir nicht, aber ich kam gerne zu ihm, er war einige Zeit hindurch der einzige Mensch, mit dem ich über wichtige Fragen meines Lebens redete. Dabei machte ich zwar die Erfahrung, daß dieses Reden keinen Wert hat und im besten Fall zu gescheiten Sprüchen führt; doch war mir dieser gläubige Mann, den Kirche und Wissenschaft kühl gelassen hatten und der nun in der späteren Hälfte des Lebens im naiven Glauben an eine merkwürdig ausgeklügelte Lehre den Frieden und die Herrlichkeit der Religion erlebte, rührend und beinahe ehrwürdig.

Mir ist, bei allem Bemühen, dieser Weg bis heute unzugänglich geblieben, und ich habe zu frommen und in irgend einem Glauben befestigten und befriedigten Menschen eine bewundernde Hinneigung, die sie mir nicht erwidern können.

Während der kurzen Zeit meiner Besuche bei dem frommen Theosophen und Obstzüchter erhielt ich eines Tags eine kleine Geldanweisung, deren Herkunft mir dunkel war. Abgesandt war sie von einem bekannten norddeutschen Konzertagenten, mit dem ich jedoch niemals zu tun gehabt hatte. Auf meine Frage ward mir die Antwort, der Betrag sei im Auftrag des Herrn Heinrich Muoth angewiesen und stelle mein Honorar dafür vor, daß Muoth in sechs Konzerten ein von mir komponiertes Lied gesungen habe.

Nun schrieb ich an Muoth, dankte ihm und bat um Bericht. Vor allem hätte ich gern gewußt, wie mein Lied in den Konzerten aufgenommen worden war. Von Muoths Konzertreise hatte ich wohl gehört und ein- oder zweimal Zeitungsnotizen gelesen, von meinem Lied war aber da nicht die Rede gewesen. Ich berichtete in meinem Brief mit der Ausführlichkeit des Einsamen von meinem Leben und von meiner Arbeit, legte auch eines der neuen Lieder bei. Dann wartete ich zwei, drei, vier Wochen auf Antwort, und dann, da sie ausblieb, vergaß ich die ganze Sache wieder. Immer noch schrieb ich fast alle Tage an meiner Musik, die mir wie im Traume quoll. In den Pausen aber war ich schlaff und unzufrieden, das Stundengeben fiel mir furchtbar schwer, ich fühlte, daß ich es nimmer lang aushalten werde.

Es war mir daher wie die Erlösung aus einem Bann, als endlich doch ein Brief von Muoth kam. Er schrieb:

Lieber Herr Kuhn! Ich bin kein Briefschreiber, darum ließ ich Ihren Brief liegen, auf den ich nichts Rechtes zu antworten wußte. Jetzt aber kann ich mit wirklichen Vorschlägen kommen. Ich bin jetzt am Opernhaus hier in R. angestellt und es wäre schön, wenn Sie auch kämen. Sie könnten fürs erste als zweiter Geiger bei uns unterkommen, der Kapellmeister ist ein vernünftiger und freier Mann, wenn auch ein Grobian. Wahrscheinlich findet sich auch Gelegenheit, bald etwas von Ihnen hier zu spielen, wir haben gute Kammermusik. Wegen der Lieder wäre auch einiges zu sagen, unter anderem ist ein Verleger da, der sie haben will. Aber das Schreiben ist so langweilig, kommen Sie selber! Aber schnell, und telegraphieren Sie wegen der Stelle, es hat Eile.

Ihr Muoth.

Da war ich plötzlich aus meiner Einsiedelei und Nutzlosigkeit gerissen und trieb wieder im Strom des Lebens, hatte Hoffnungen und Sorgen, bangte und freute mich. Es gab nichts, was mich hielt, und meine Eltern waren froh, mich auf die Bahn kommen und einen ersten entschiedenen Schritt ins Leben tun zu sehen. Ich telegraphierte unverweilt, und drei Tage später war ich schon in R. und bei Muoth.

Ich war in einem Hotel abgestiegen, hatte ihn besuchen wollen und nicht gefunden. Nun kam er in den Gasthof und stand unvermutet vor mir. Er gab mir die Hand, fragte nach nichts und erzählte nichts und teilte meine Erregung nicht im mindesten. Er war gewohnt, sich treiben zu lassen und immer nur den gegenwärtigen Augenblick ernst zu nehmen und auszuleben. Er ließ mir kaum Zeit, mich umzukleiden, und brachte mich zum Kapellmeister Rößler.

»Das ist Herr Kuhn,« sagte er.

Rößler nickte kurz. »Freut mich. Was wünschen Sie?«

»Nun,« rief Muoth, »das ist der Geiger.«

Der Kapellmeister sah mich erstaunt an, wandte sich wieder zu dem Sänger und meinte grob: »Davon haben Sie mir nichts gesagt, daß der Herr lahm ist. Ich muß Leute mit geraden Gliedern haben.«

Mir stieg das Blut ins Gesicht, aber Muoth blieb ruhig. Er lachte nur. »Soll er denn tanzen, Rößler? Ich meinte, er solle geigen. Wenn er das nicht kann, so müssen wir ihn wieder schicken. Aber das wollen wir doch zuerst probieren.«

»Also meinetwegen, Leute. Herr Kuhn, kommen Sie morgen früh zu mir, so nach neune! Hier in die Wohnung. Sind Sie bös, wegen dem Fuß? Ja, das hätt' mir der Muoth auch vorher sagen können. Na, wir werden sehen. Auf Wiederschauen.«

Im Weggehen machte ich Muoth Vorwürfe deswegen. Er zuckte die Achseln und meinte, wenn er gleich anfangs von meinem Gebrechen gesprochen hätte, würde der Kapellmeister schwerlich zugestimmt haben; nun aber sei ich einmal da und, wenn Rößler halbwegs mit mir zufrieden sei, werde ich ihn bald von besseren Seiten kennen lernen.

»Aber wie haben Sie mich überhaupt empfehlen können,« fragte ich, »Sie wissen ja gar nicht, ob ich was kann.«

»Ja, das ist Ihre Sache. Ich dachte mir, es werde schon gehen, und es wird auch. Sie sind ein so bescheidenes Kaninchen, daß Sie es nie zu etwas bringen würden, wenn man Ihnen nicht zuzeiten einen Stoß gäbe. Das war einer, nun taumeln Sie weiter! Angst brauchen Sie nicht zu haben. Ihr Vorgänger hat nicht viel getaugt.«

Wir brachten den Abend in seiner Wohnung zu. Auch hier hatte er einige Zimmer weit draußen gemietet, in Gärten und Stille, und sein gewaltiger Hund sprang ihm entgegen, und kaum saßen wir und wurden warm, so ging die Glocke und es kam eine sehr schöne, hoch gewachsene Dame und leistete uns Gesellschaft. Es war dieselbe Atmosphäre wie damals, und seine Geliebte war wieder eine tadelfreie, fürstliche Figur. Er schien die schönen Frauen mit großer Selbstverständlichkeit zu verbrauchen, und ich sah diese neue mit Teilnahme und mit der Befangenheit an, die ich in der Nähe von liebefähigen Frauen stets empfand und die wohl nicht ohne Neid war, da ich mit meinem lahmen Beine immer noch hoffnungslos und ungeliebt einherging.

Wie früher ward auch diesmal bei Muoth gut und viel getrunken, er tyrannisierte uns mit seiner gewalttätigen, heimlich schwülen Lustigkeit, und riß uns doch hin. Er sang wundervoll, und er sang auch ein Lied von mir, und wir drei befreundeten uns, wurden warm und kamen uns nahe, sahen einander in unverhüllte Augen und blieben beisammen, solange die Wärme in uns brannte. Die große Frau, die Lotte hieß, zog mich mit sanfter Freundlichkeit an. Es war nun nicht mehr das erstemal, daß eine schöne und liebende Frau mir mit Mitleid und merkwürdigem Vertrauen entgegenkam, und es tat mir auch diesmal so wohl wie weh, doch kannte ich diese Melodie nun schon ein wenig und nahm sie nicht zu ernsthaft. Es ist mir noch manchmal begegnet, daß eine verliebte Frau mich besonderer Freundschaft würdigte. Sie hielten mich alle wie der Liebe so der Eifersucht für unfähig, dazu kam das leidige Mitleid, und so vertrauten sie mir in halb mütterlicher Freundschaft.

Leider hatte ich in solchen Verhältnissen noch keine Übung und konnte einem Liebesglück noch nicht aus der Nähe zusehen, ohne ein wenig an mich selber zu denken, und daß ich eigentlich auch gerne einmal so etwas erlebt hätte. Das beschnitt mir die Freude einigermaßen, doch war es ein guter Abend bei der hingegebenen schönen Frau und dem dunkelglühenden, kraftvollen und schroffen Manne, der mich lieb hatte und für mich sorgte und mir doch seine Liebe nicht anders zeigen konnte als er sie den Frauen zeigte, gewalttätig und launisch.

Als wir mit dem letzten Becher vor dem Abschied anstießen, nickte er mir zu und sagte: »Eigentlich sollte ich Ihnen jetzt Brüderschaft anbieten, gelt? Ich täte es auch gern. Aber wir wollen es lassen, es geht auch so. Früher, wissen Sie, hab ich jedem, der mir gefiel, gleich du gesagt, aber das tut nicht gut, am wenigsten unter Kollegen. Ich habe noch mit allen Händel gekriegt.«

Diesmal hatte ich nicht das bittersüße Glück, die Geliebte meines Freundes nach Hause begleiten zu dürfen, sie blieb da, und es war mir lieber so. Die Reise, der Besuch beim Kapellmeister, die Spannung auf morgen, der neue Verkehr mit Muoth, alles hatte mir gut getan. Ich sah erst jetzt, wie vergessen und verblödet und menschenfremd ich während des langen, einsam verwarteten Jahres geworden war, und fühlte mich mit Behagen und wohliger Spannung endlich wieder erregt und tätig unter Menschen, der Welt wieder angehörig.

Zeitig am nächsten Morgen fand ich mich beim Kapellmeister Rößler ein. Ich fand ihn im Schlafrock und unfrisiert, doch hieß er mich willkommen und forderte mich, freundlicher als gestern, zum Spielen auf, indem er mir geschriebene Noten vorlegte und sich ans Klavier setzte. Ich spielte möglichst tapfer, doch machte mir das Lesen der schlecht geschriebenen Noten einige Mühe. Als wir fertig waren, legte er schweigend ein anderes Blatt auf, das ich ohne Begleitung spielen sollte, und dann ein drittes.

»Es ist gut«, sagte er. »An das Notenlesen müssen Sie sich noch mehr gewöhnen, sie sind nicht immer wie gestochen. Kommen Sie heut abend ins Theater, ich mache Platz, dann können Sie ihre Stimme neben dem anderen spielen, der den Platz einstweilen zur Not versah. Es wird ein wenig eng hergehen. Sehen Sie sich die Noten vorher gut an, Probe ist heut keine. Ich gebe Ihnen einen Zettel mit, damit gehen Sie nach elf Uhr ins Theater und holen sich die Noten.«

Ich wußte noch nicht recht, wo ich dran sei, sah aber, daß dieser Mann das Fragen nicht liebe, und ging. Im Theater wollte niemand von den Noten wissen und mich hören, ich war an das Getriebe dort noch nicht gewöhnt und kam aus der Fassung. Dann sandte ich einen Eilboten an Muoth, er kam, und sogleich ging alles prächtig. Und am Abend spielte ich zum erstenmal im Theater, wo ich mich vom Kapellmeister scharf beobachtet sah. Andern Tages erhielt ich die Anstellung.

So wunderlich ist der Mensch, daß ich mitten im neuen Leben und erfüllten Wünschen manchmal merkwürdig von einem flüchtigen, nur leise und unter Schleiern empfundenen Heimweh nach Einsamkeit, ja Langeweile und Leere der Tage befallen wurde. Dann erschien mir die vergangene Zeit in der Heimatstadt, deren trister Ereignislosigkeit ich so dankbar entronnen war, wie etwas Ersehnenswertes, namentlich aber dachte ich an die Wochen im Gebirge vor zwei Jahren mit wahrem Heimweh. Ich glaubte zu fühlen, daß ich nicht zu Wohlergehen und Glück bestimmt sei, sondern zu Schwäche und Unterliegen im Leben, und daß ohne diese Schatten und Opfer mir der Quell des Schaffens trüber und ärmer fließen müsse. Wirklich war zunächst von stillen Stunden und von schöpferischer Arbeit keine Rede. Und während es mir wohl ging und ich ein reiches Leben führte, meinte ich in der Tiefe immer den verschütteten Born leise rauschen und klagen zu hören.

Das Geigen im Orchester machte mir Freude, ich saß viel über Partituren und tastete mit Verlangen vorwärts in diese Welt hinein. Langsam lernte ich, was ich nur theoretisch und aus der Ferne gekannt hatte, die Art und Farbe und Bedeutung der einzelnen Instrumente von unten herauf verstehen, sah und studierte daneben die Bühnenmusik und hoffte immer ernsthafter auf die Zeit, wo ich mich an eine eigene Oper würde wagen dürfen.

Mein vertrauter Umgang mit Muoth, der eine der ersten und ehrenvollsten Stellen an der Oper einnahm, brachte mir das Ganze rasch näher und nützte mir viel. Bei meinesgleichen aber, bei den Kollegen vom Orchester, schadete mir das sehr, es kam nicht zu dem freundschaftlich offenen Verhältnis, zu dem ich gewillt war. Nur unser erster Geiger, ein Steiermärker namens Teiser, kam mir entgegen und wurde mein Freund. Er war wohl zehn Jahre älter als ich, ein schlichter offener Mann mit einem feinen, zarten, leicht errötenden Gesicht und erstaunlich musikalisch, namentlich von einem unglaublich zarten und scharfen Gehör. Er war einer von denen, die in ihrer Kunst Genüge finden, ohne selber eine Rolle spielen zu wollen. Er war kein Virtuos und hat auch nie komponiert, er spielte zufrieden seine Geige und hatte seine Herzensfreude daran, das Handwerk im Grunde zu kennen. Jede Ouvertüre kannte er wie kaum ein Dirigent durch und durch, und wo eine Finesse und Glanzstelle kam, wo der Einsatz eines Instrumentes schön und originell hervorleuchtete, da strahlte er und genoß es wie niemand im ganzen Hause. Er spielte fast alle Instrumente, so daß ich täglich von ihm lernen und ihn fragen konnte.

Monatelang sprachen wir kein Wort miteinander als vom Handwerk, aber ich hatte ihn lieb und er sah, daß ich mit Ernst dabei war, etwas zu lernen, so entstand ein unberedetes Einvernehmen, dem nicht viel mehr zur Freundschaft fehlte. Da erzählte ich ihm schließlich von meiner Violinsonate und bat ihn, sie einmal mit mir zu spielen. Er sagte freundlich zu und kam am bestimmten Tag in meine Wohnung. Da hatte ich, um ihm eine Freude zu machen, einen Wein aus seiner Heimat besorgt, von dem tranken wir ein Glas, dann legte ich die Noten auf und wir fingen an. Er spielte vorzüglich vom Blatt, aber plötzlich hörte er auf und ließ den Bogen sinken.

»Sie, Kuhn,« sagte er, »das ist ja eine verdammt schöne Musik. Die spiel' ich nicht so herunter, die wird zuerst studiert. Ich nehme sie mit heim. Darf ich?«

Ja, und als er wiederkam, spielten wir die Sonate durch, zweimal, und als das fertig war, schlug er mir auf die Schulter und rief: »Sie Duckmäuser, Sie! Da tun Sie immer wie ein kleiner Bub, und heimlich machen Sie solche Sachen! Ich will ja nicht viel sagen, ich bin kein Professor, aber sakrisch schön ist's!«

Das war das erstemal, daß jemand meine Arbeit lobte, zu dem ich wirklich Vertrauen hatte. Ich zeigte ihm alles, auch die Lieder, die gerade im Druck waren und bald darauf erschienen. Aber daß ich so kühn war, an eine Oper zu denken, wagte ich ihm doch nicht zu sagen.

In dieser guten Zeit erschreckte mich ein kleines Erlebnis, das ich nimmer vergessen konnte. Bei Muoth, zu dem ich häufig kam, hatte ich die schöne Lotte seit einiger Zeit nicht mehr angetroffen, mir aber keine Gedanken darüber gemacht, denn in seine Liebesgeschichten mochte ich mich nicht mischen, sie am liebsten gar nicht kennen. Darum hatte ich nie nach ihr gefragt, und er sprach mit mir ohnehin nie von diesen Sachen.

Nun saß ich eines Nachmittags in meiner Stube und studierte eine Partitur. Am Fenster lag meine schwarze Katze im Sonnenschein und schlief, es war im ganzen Hause still. Da ging draußen die Türe, jemand kam herein, ward von der Wirtin begrüßt und aufgehalten, machte sich los und kam auf meine Türe zu, an der auch sofort gepocht wurde. Ich ging hin und machte auf, da kam eine große, elegante Frauensperson mit verschleiertem Gesicht herein und schloß die Türe hinter sich. Sie tat ein paar Schritte ins Zimmer, holte tief Atem und nahm endlich den Schleier ab. Ich erkannte Lotte. Sie sah erregt aus und ich ahnte gleich, warum sie gekommen sei. Auf meine Bitte setzte sie sich, sie hatte mir die Hand gegeben, aber noch kein Wort gesagt. Da sie meine Befangenheit merkte, schien sie erleichtert, als habe sie gefürchtet, ich möchte sie gleich wieder fortschicken.

»Ist es wegen Heinrich Muoth?« fragte ich endlich.

Sie nickte. »Haben Sie etwas gewußt?«

»Ich weiß nichts, ich dachte es mir nur.«

Sie sah mir ins Gesicht, wie ein Kranker dem Arzt, schwieg und zog langsam die Handschuhe aus. Plötzlich stand sie auf, legte mir beide Hände auf die Schultern und starrte mich aus großen Augen an.

»Was soll ich tun? Er ist nie zu Haus, er schreibt mir nimmer, er macht nicht einmal meine Briefe auf! Seit drei Wochen hab ich ihn nimmer sprechen können. Gestern war ich dort, ich weiß, daß er daheim war, aber er hat nicht aufgemacht. Nicht einmal dem Hund hat er gepfiffen, er hat mir das Kleid zerrissen, der will mich auch schon nimmer kennen.«

»Haben Sie denn Streit mit ihm gehabt?« fragte ich, um nicht gar so stumm dabei zu sitzen.

Sie lachte. »Streit? Ach, Streit haben wir genug gehabt, von Anfang an! An das war ich schon gewöhnt. Nein, in der letzten Zeit ist er sogar höflich gewesen, es wollte mir gleich nicht gefallen. Einmal war er nicht da, wenn er mich bestellt hatte; einmal meldete er sich an und kam nicht. Schließlich sagte er auf einmal Sie zu mir! Ach, wenn er mich lieber wieder geschlagen hätte!«

Ich erschrak heftig. »Geschlagen...?«

Wieder lachte sie. »Wissen Sie das nicht? O, er hat mich oft geschlagen, aber jetzt schon lang nicht mehr. Er ist höflich geworden, er hat Sie zu mir gesagt, und jetzt kennt er mich nimmer. Er hat eine andere, glaube ich. Darum bin ich gekommen. Sagen Sie mirs, ich bitte! Hat er eine andere? Sie wissen es! Sie müssen es wissen!«

Ehe ich abwehren konnte, hatte sie meine beiden Hände gefaßt. Ich war wie erstarrt, und so sehr ich abzulehnen und die ganze Szene zu kürzen wünschte, war ich doch fast froh, daß sie mich gar nicht zu Worte kommen ließ, denn ich hätte nicht gewußt, was sagen.