Hermann Hesse
Roßhalde
S. Fischer / Verlag
BERLIN
1914
Erste bis zehnte Auflage.
Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung;
für Rußland auf Grund der deutsch-russischen Übereinkunft.
Copyright 1914 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Roßhalde
Erstes Kapitel
Als vor zehn Jahren Johann Veraguth Roßhalde gekauft und bezogen hatte, war sie ein verwahrloster alter Herrensitz mit zugewachsenen Gartenwegen, vermoosten Bänken, brüchigen Treppenstufen und undurchdringlich verwildertem Park gewesen, und es standen damals auf dem wohl acht Morgen großen Grundstück keine anderen Gebäude als das schöne, etwas verkommene Herrenhaus mit dem Stall und ein kleines tempelartiges Lusthäuschen im Park, dessen Portal schief in verbogenen Angeln hing und an dessen einst mit blauer Seide tapezierten Wänden Moos und Schimmel wuchs.
Sofort nach dem Kauf des Gutes hatte der neue Besitzer das baufällige Tempelchen niedergerissen und nur die zehn alten Steinstufen stehen lassen, die von der Schwelle dieses Liebeswinkels an den Rand des Weihers hinabführten. An Stelle des Parkhäuschens wurde damals Veraguths Atelier erbaut, und sieben Jahre lang hatte er hier gemalt und den größeren Teil seiner Tage zugebracht, seine Wohnung aber drüben im Herrenhaus gehabt, bis die zunehmenden Zerwürfnisse in seiner Familie ihn dazu gebracht hatten, seinen älteren Sohn zu entfernen und auf auswärtige Schulen zu schicken, das Herrenhaus der Frau und Dienerschaft zu überlassen und für seinen eigenen Bedarf zwei Zimmer an das Atelier anzubauen, wo er nun seither wie ein Junggeselle wohnte. Es war schade um das schöne herrschaftliche Haus; Frau Veraguth brauchte mit dem siebenjährigen Pierre nur das obere Geschoß, sie empfing wohl Besuche und Gäste, aber niemals größere Gesellschaft, und so stand eine Reihe von Räumen jahraus jahrein leer.
Der kleine Pierre war nicht nur der Liebling beider Eltern und das einzige Band zwischen Vater und Mutter, das eine Art von Verkehr zwischen Herrenhaus und Atelierhaus aufrechterhielt; er war eigentlich auch der einzige Herr und Besitzer der Roßhalde. Herr Veraguth bewohnte ausschließlich sein Atelier und die Gegend um den Waldsee sowie den ehemaligen Wildpark, seine Frau herrschte drüben im Haus, ihr gehörte der Rasenplan, der Lindengarten und der Kastaniengarten, und jedes sprach im Gebiete des anderen nur selten und gastweise vor, von den Mahlzeiten abgesehen, die der Maler meistens im Herrenhause einnahm. Der kleine Pierre war der einzige, der diese Trennung des Lebens und Teilung der Gebiete nicht anerkannte und kaum von ihr wußte. Er lief im alten wie im neuen Hause gleich sorglos aus und ein, er war im Atelier und in des Vaters Bibliothek ebenso heimisch wie im Korridor und Bildersaal drüben oder in den Zimmern der Mutter, ihm gehörten die Erdbeeren im Kastaniengarten, die Blumen im Lindengarten, die Fische im Waldsee, die Badehütte, die Gondel. Er fühlte sich als Herr und als Schützling bei den Mädchen der Mutter wie bei Papas Diener Robert, er war der Sohn der Hausfrau für die Besuche und Gäste der Mutter, und war der Sohn des Malers für die Herren, die zuweilen in Papas Atelier kamen und französisch sprachen, und Bildnisse des Knaben, Gemälde und Photographien, hingen im Schlafzimmer des Vaters wie im alten Hause in den hellfarbig tapezierten Stuben der Mutter. Pierre hatte es sehr gut, es ging ihm sogar besser als solchen Kindern, deren Eltern in gutem Einvernehmen leben; es herrschte kein Programm über seine Erziehung, und wenn ihm je einmal auf mütterlichem Gebiete der Boden heiß wurde, so bot die Gegend um den Waldsee ihm eine sichere Zuflucht.
Er war längst zu Bette und seit elf Uhr war im Herrenhaus das letzte helle Fenster erloschen. Da kam, spät nach Mitternacht, Johann Veraguth allein zu Fuße aus der Stadt zurück, wo er mit Bekannten den Abend im Wirtshaus zugebracht hatte. Beim Gang durch die laue, wolkige Frühsommernacht war die Atmosphäre von Wein und Rauch, von erhitztem Gelächter und verwegenen Witzen von ihm abgefallen, er atmete bewußt die leicht gespannte, feuchtwarme Nachtluft und schritt aufmerksam auf der Straße zwischen schon hochstehenden, dunkeln Getreidefeldern der Roßhalde entgegen, deren hohe Wipfelmassen groß und still im bleichen nächtlichen Himmel standen.
Er ging am Eingang des Gutes vorbei, ohne einzutreten, sah einen Augenblick nach dem Herrenhaus hinüber, dessen lichte Fassade edel und lockend vor der schwarzen Baumfinsternis schimmerte, und betrachtete das schöne Bild minutenlang mit dem Genuß und mit der Fremdheit eines vorüberkommenden Wanderers; dann ging er noch ein paar hundert Schritte die hohe Hecke entlang bis zu der Stelle, wo er sich einen Durchschlupf und heimlichen Waldweg zum Atelier bereitet hatte. Mit wachen Sinnen schritt der kräftige, kleine Mann durch den finsteren, waldig verwilderten Park seiner Wohnstätte zu, die plötzlich vor ihm lag, da, wo die Wipfelfinsternis über dem See auseinandergezogen erschien und im weiten Rund der matte graue Himmel sichtbar wurde.
Der kleine See stand fast schwarz in vollkommener Stille, nur wie eine unendlich dünne Haut oder ein feiner Staub lag das schwache Licht über dem Wasser. Veraguth sah auf die Uhr, es war bald eins. Er schloß eine Seitentür des kleinen Gebäudes auf, die in seinen Wohnraum führte. Hier zündete er eine Kerze an und legte rasch die Kleider ab, trat nackt ins Freie hinaus und stieg langsam die breiten flachen Steinstufen hinab in das Wasser, das vor seinen Knien in kleinen, weichen Ringen flüchtig aufblinkte. Er tauchte unter, schwamm eine kleine Strecke weit in den See, fühlte plötzlich die Müdigkeit nach einem ungewohnt verbrachten Abend, kehrte um und trat triefend ins Haus. Er warf einen zottigen Bademantel um, strich das Wasser aus seinen kurz geschorenen Haaren und ging barfuß über einige Stufen zum Atelier hinauf, einem ungeheuren fast leeren Raum, wo er alsbald mit einigen ungeduldigen Bewegungen alle elektrischen Lichter andrehte.
Hastig lief er zu einer Staffelei, wo eine kleine Leinwand stand, seine Arbeit der letzten Tage. Mit auf die Knie gestützten Händen stellte er sich gebückt vor dem Bilde auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Fläche, deren frische Farben das grelle Licht spiegelten. So verharrte er zwei, drei Minuten, schweigend und starrend, daß die Arbeit bis zum letzten Pinselstrich ihm wieder lebendig in den Augen stand; es war seit Jahren seine Gewohnheit, vor Arbeitstagen keine andere Vorstellung mit ins Bett und in den Schlaf zu nehmen, als die des Bildes, an dem er malte. Er löschte die Lichter, griff nach der Kerze und ging zum Schlafzimmer, an dessen Türe eine kleine Schreibtafel und Kreide angehängt war. „Sieben Uhr wecken, Kaffee neun Uhr“ schrieb er mit starken römischen Buchstaben darauf; schloß die Türe hinter sich und legte sich ins Bett. Mit offenen Augen lag er noch eine kurze Weile bewegungslos und zwang mit Anstrengung das Bild seiner Arbeit vor seine Sinne. Damit gesättigt schloß er die klaren grauen Augen, seufzte leise auf und fiel rasch in den Schlaf.
Am Morgen weckte ihn Robert zur bestimmten Zeit, er erhob sich sofort, wusch sich in einem kleinen Nebenraum im fließenden kalten Wasser, schlüpfte in einen groben, stark verwaschenen Anzug von grauem Leinen und ging ins Atelier hinüber, dessen mächtige Rolladen der Diener schon aufgezogen hatte. Auf einem kleinen Tischchen stand ein Teller voll Obst, eine Wasserkaraffe und ein Stück Roggenbrot, das er nachdenklich in die Hand nahm und anbiß, während er sich vor die Staffelei stellte und sein Bild betrachtete. Er aß im Auf- und Abschreiten ein paar Bissen Brot, fischte ein paar Kirschen aus dem Glasteller, sah einige Briefe und Zeitungen daliegen, die er nicht beachtete, und saß gleich darauf gebannt im Feldstuhl vor der Arbeit.
Das kleine Bild in Breitformat stellte eine Morgenfrühe dar, wie sie der Maler vor einigen Wochen auf einer Reise gesehen und in mehreren Skizzen notiert hatte. Er war in einem kleinen Landwirtshause am Oberrhein abgestiegen, hatte den Kollegen, den er am Ort besuchen wollte, nicht angetroffen, einen unerfreulichen Regenabend in der qualmigen Wirtsstube und eine schlechte Nacht in einem kalkig-modrig riechenden feuchten Gastzimmerchen verbracht. Noch vor Sonnenaufgang aus seichtem Schlummer heiß und übellaunig erwacht, hatte er die Haustüre noch verschlossen gefunden, war durch ein Fenster der Wirtsstube ins Freie gestiegen, hatte nebenan am Rheinufer einen Kahn losgemacht und war in den schwach strömenden, noch dämmerigen Fluß hinausgerudert. Eben als er umkehren wollte, sah er vom jenseitigen Ufer her einen Ruderer sich entgegenkommen, das schwach zuckende kalte Licht des milchig regnerischen Tagesanbruchs umfloß den dunkeln Umriß und ließ das Fischerboot übermäßig groß erscheinen. Von dem Anblick und dem eigentümlichen Licht plötzlich getroffen und innerlichst gefesselt, hatte er halt gemacht und den Mann näherkommen lassen, der bei einem schwimmenden Netzzeichen anhielt und eine Reuse aus dem kühlen Wasser emporzog. Zwei breite mattsilbrige Fische kamen zum Vorschein, naßglänzend schimmerten sie einen Augenblick über dem grauen Strome und fielen mit einem schnalzenden Klang in des Fischers Boot. Veraguth hatte alsbald den Mann warten heißen, das notdürftigste Malzeug geholt und eine Skizze in Wasserfarben gemacht, war einen Tag am Ort geblieben, zeichnend und lesend, und hatte andern Tages in der Frühe nochmals draußen gemalt, war weiter gereist und hatte sich seither immer wieder in Gedanken von dem Bilde beschäftigt und gequält gesehen, bis es Form gewann, und nun saß er seit Tagen daran und war nahezu fertig geworden.
Ihm, der am liebsten bei voller Sonne oder auch im warmen, gebrochenen Wald- und Parklicht malte, hatte die flutende Silberkühle des Bildes viel zu schaffen gemacht, aber sie hatte ihm einen neuen Klang gegeben, gestern war die Lösung vollends geglückt und nun fühlte er, daß er vor einer guten, ungewöhnlichen Arbeit saß, bei der es nicht im Festhalten und löblichen Abschildern sein Bewenden hatte, sondern wo ein Augenblick aus dem gleichgültigen rätselhaften Sein und Geschehen der Natur die gläserne Oberfläche durchbrach und den wilden großen Atem der Wirklichkeit spüren ließ.
Mit aufmerksamen Augen hing der Maler an dem Bilde und wog die Töne auf der Palette, die seiner gewohnten kaum mehr glich und fast alle roten und gelben Farben verloren hatte. Das Wasser und die Luft war fertig, es rann ein fröstelnd kaltes, unwilliges Licht über die Fläche, schattenhaft schwammen Gebüsche und Pfähle des Ufers in der feuchten, fahlen Dämmerung, unwirklich und aufgelöst stand der grobe Kahn im Wasser, auch das Gesicht des Fischers war ohne Wesen und Sprache, nur seine ruhig nach den Fischen greifende Hand war voll unerbittlicher Wirklichkeit. Das eine von den Tieren sprang glitzernd über den Rand des Bootes, das andere lag flach und still, und sein geöffnetes rundes Maul und erschrocken starres Auge war voll vom Weh der Kreatur. Das Ganze war kalt und beinahe bis zur Grausamkeit traurig, aber still und unangreifbar und ohne eine andere Symbolik als jene einfache, ohne die kein Kunstwerk sein kann und die uns die bedrückende Unbegreiflichkeit der ganzen Natur nicht nur fühlen, sondern mit einem gewissen süßen Erstaunen lieben läßt.
Als der Maler wohl zwei Stunden an der Arbeit gesessen hatte, klopfte der Diener und trat auf den zerstreuten Anruf seines Herrn mit dem Frühstück herein. Er trug leise die Kannen, Tasse und Teller auf, rückte einen Stuhl zurecht, wartete eine Weile schweigend und mahnte dann vorsichtig: „Es ist eingeschenkt, Herr Veraguth.“
„Ich komme,“ rief der Maler und rieb einen Pinselstrich, den er soeben am Schwanz des springenden Fisches gemacht hatte, mit dem Daumen wieder weg. „Ist warmes Wasser da?“
Er wusch seine Hände und setzte sich zum Kaffee.
„Sie könnten mir eine Pfeife stopfen, Robert,“ sagte er munter. „Die kleine ohne Deckel, sie muß im Schlafzimmer liegen.“
Der Diener lief. Veraguth trank mit Inbrunst den starken Kaffee und fühlte die leise Ahnung von Schwindel und Zusammenbruch, die ihn neuerdings nach angestrengter Arbeit zuweilen anflog, zergehen wie Morgennebel.
Er nahm dem Diener die Pfeife ab, ließ sich Feuer geben und sog mit Gier den aromatischen Rauch ein, der die Wirkung des Kaffees verstärkte und verfeinerte. Er deutete auf sein Bild und sagte: „Sie haben als Junge geangelt, Robert, nicht wahr?“
„Wohl, Herr Veraguth.“
„Sehen Sie sich einmal den Fisch dort an, nicht den in der Luft, den andern unten mit dem offenen Maul. Ist das Maul richtig?“
„Es ist schon richtig,“ sagte Robert mißtrauisch. „Aber das wissen Sie besser als ich,“ fügte er mit einem Ton von Vorwurf hinzu, als fühle er einen Spott in der Frage.
„Nein, Verehrter, das stimmt nicht. Der Mensch erlebt das, was ihm zukommt, nur in der ersten Jugend in der ganzen Schärfe und Frische, so bis zum dreizehnten, vierzehnten Jahr, und von dem zehrt er sein Leben lang. Ich habe als Junge nie mit Fischen zu tun gehabt, darum frage ich. Also, ist die Schnauze recht so?“
„Sie ist gut, da fehlt nichts,“ urteilte Robert geschmeichelt.
Veraguth war schon wieder aufgestanden und prüfte seine Palette. Robert sah ihn an. Er kannte diese beginnende Konzentriertheit des Blickes, die ihn beinahe glasig erscheinen ließ, und wußte, daß jetzt er und der Kaffee, die kleine Unterhaltung von vorhin und alles das in dem Manne untersinke, und wenn er in einigen Minuten ihn anriefe, würde er wie aus einem tiefen Schlaf erwachen. Aber das war gefährlich. Robert räumte ab, da sah er die Post unberührt liegen.
„Herr Veraguth!“ rief er halblaut.
Der Maler war noch erreichbar. Feindselig fragend blickte er über die Schulter zurück, genau wie ein Ermüdeter, der dem Einschlummern nahe war und nochmals angerufen wird.
„Es sind Briefe da.“
Damit ging Robert hinaus. Veraguth drückte nervös ein Häufchen Kobaltblau auf die Palette, warf die Tube auf den kleinen blechbeschlagenen Maltisch, begann zu mischen, fühlte sich aber durch die Mahnung des Dieners gestört, so daß er ärgerlich die Palette weglegte und die Briefe an sich nahm.
Es waren die üblichen Geschäftssachen, die Aufforderung, sich an einer Ausstellung zu beteiligen, die Bitte einer Zeitungsredaktion um Mitteilung von Daten aus seinem Leben, eine Rechnung – aber da fuhr der Anblick einer wohlbekannten Handschrift ihm wie ein süßer Schauder in die Seele, er nahm den Brief an sich und las mit Genuß seinen eigenen Namen und jedes Wort der Adresse, wohlig in die Beobachtung der freien, eigenwillig charaktervollen Schriftzüge vertieft. Dann bemühte er sich, den Poststempel zu lesen. Die Briefmarke war italienisch, es konnte nur Neapel oder Genua sein, und dann war also der Freund schon in Europa, schon ganz nahe, und konnte in wenigen Tagen hier sein.
Mit Rührung öffnete er den Brief und sah mit Befriedigung die kleinen schnurgeraden Zeilen in ihrer strengen Ordnung stehen. Wenn er sich recht besann, so waren seit fünf, sechs Jahren diese seltenen Briefe des ausländischen Freundes die einzigen reinen Freuden gewesen, die er gehabt hatte, die einzigen außer der Arbeit und außer den Stunden des Umgangs mit dem kleinen Pierre. Und wie jedesmal, so befiel ihn auch jetzt mitten in der frohen Erwartung ein unklares, peinliches Gefühl von Beschämung, indem die Verarmung und Lieblosigkeit seines Lebens ihm ins Bewußtsein trat. Langsam las er:
Neapel, 2. Juni nachts.
Lieber Johann!
Wie gewöhnlich sind ein Mundvoll Chianti mit fetten Makkaroni und das Gebrüll einiger Hausierer vor der Schenke die ersten Zeichen der europäischen Kultur, der ich mich wieder nähere. Hier in Neapel ist seit fünf Jahren nichts verändert, weit weniger als in Singapore oder Schanghai, und ich nehme es als ein gutes Zeichen dafür, daß ich auch daheim alles in Ordnung finden soll. Übermorgen kommen wir nach Genua, da holt mein Neffe mich ab und ich fahre mit ihm zu den Verwandten, wo mich diesmal keine überwallenden Sympathien erwarten, denn ich habe in den letzten vier Jahren, ehrlich gerechnet, keine zehn Taler verdient. Ich rechne für die ersten Ansprüche der Familie vier, fünf Tage, dann Geschäftliches in Holland, sagen wir wieder fünf, sechs Tage, so daß ich etwa am 16. oder so zu Dir kommen könnte. Das wirst Du telegraphisch erfahren. Ich möchte mindestens zehn oder vierzehn Tage bei Dir bleiben, weißt Du, und Dich in der Arbeit stören. Du bist schauderhaft berühmt geworden und wenn das, was Du vor etwa zwanzig Jahren über Erfolg und Berühmtheiten zu sagen pflegtest, nur halbwegs richtig war, mußt Du inzwischen bedeutend verkalkt und vertrottelt sein. Ich will Dir auch Bilder abkaufen, und meine obige Klage über die schlechten Geschäfte ist ein Versuch, auf Deine Preise zu drücken.
Man wird älter, Johann. Es war meine zwölfte Fahrt durchs Rote Meer, und zum erstenmal habe ich unter der Hitze gelitten. Wir hatten 46 Grad.
Herrgott, Alter, noch vierzehn Tage! Es wird Dich einige Dutzend Flaschen Mosel kosten. Es sind mehr als vier Jahre seit dem letztenmal.
Brieflich bin ich zwischen dem 9. und 14. in Antwerpen, Hotel de l’Europe, zu erreichen. Falls Du irgendwo, wo ich durchreise, Bilder ausgestellt hast, laß mich’s wissen!
Dein Otto.
Vergnügt überlas er den kurzen Brief mit den gesunden, strammen Buchstaben und temperamentvollen Satzzeichen noch einmal, suchte aus der Lade des kleinen Schreibtisches in der Ecke einen Kalender heraus und nickte, darin lesend, mit Befriedigung vor sich hin. Es würden noch bis zur Mitte des Monats über zwanzig Bilder von ihm in Brüssel ausgestellt sein, das traf sich glücklich. So würde der Freund, dessen scharfen Blick er ein wenig fürchtete und dem die Zerrüttung seines Lebens in den letzten Jahren nicht verborgen bleiben konnte, wenigstens einen ersten Eindruck von ihm haben, auf den er stolz sein konnte. Das erleichterte alles. Er stellte sich Otto vor, wie er in seiner ein wenig massiven Überseeereleganz durch den Brüsseler Saal ging und seine Bilder betrachtete, seine besten Bilder, und für einen Augenblick freute er sich herzlich, daß er sie zu jener Ausstellung hergegeben hatte, obwohl nur wenige davon noch verkäuflich waren. Und er schrieb sofort ein Billett nach Antwerpen.
„Er weiß noch alles,“ dachte er dankbar, „es stimmt, wir haben das letztemal fast nur Mosel getrunken, und einen Abend haben wir sogar richtig gezecht.“
Er dachte nach und fand, es sei gewiß kein Moselwein mehr im Keller, den er selbst sehr selten besuchte, und er beschloß, noch heute eine Sendung zu bestellen.
Nun setzte er sich aufs neue vor die Arbeit, fand sich aber zerstreut und innerlich unruhig und kam nicht wieder zur reinen Konzentration, bei welcher die guten Einfälle ungerufen dastehen. So stellte er die Pinsel in einen Becher, steckte den Brief seines Freundes zu sich und schlenderte mit unentschlossenen Schritten ins Freie hinaus. Der See blitzte ihm mit heftiger Spiegelung entgegen, es war ein wolkenloser Sommertag aufgegangen und der durchsonnte Park hallte von vielen Vogelstimmen wider.
Er sah auf die Uhr. Pierres Morgenlektionen mußten vorüber sein. Und er strich ziellos durch den Park, blickte zerstreut die braunen, mit Sonnenflecken bedeckten Wege entlang, horchte nach dem Hause hinüber, ging an Pierres Spielplatz mit der Schaukel und dem Sandhaufen vorbei. Schließlich kam er in die Nähe des Küchengartens und schaute mit flüchtigem Interesse in die hohen Kronen der Roßkastanien hinauf, auf deren schattentiefen Blättermassen die letzten freudig hellen Blütenkerzen standen. Bienen schwärmten mit wellig leisem Geläute um die vielen halboffenen Rosenknospen der Gartenhecke, durch das dunkle Laub der Bäume her tat die frohe kleine Turmuhr des Herrschaftshauses ein paar Schläge. Sie schlug falsch, und Veraguth dachte wieder an Pierre, dessen höchster Wunsch und Ehrgeiz es war, später einmal, wenn er größer wäre, das alte Schlagwerk wieder in Ordnung zu bringen.
Da hörte er jenseits der Hecke Stimmen und Schritte, die in der sonnigen Gartenluft mit Bienensummen und Vogelrufen, mit dem träge hinziehenden Duft der Buschnelkenrabatte und der Bohnenblüten gedämpft und zart zusammenklangen. Es war seine Frau mit Pierre, und er blieb stehen und lauschte aufmerksam hinüber.
„Sie sind noch nicht reif, du mußt noch ein paar Tage warten,“ hörte er die Mutter sagen.
Ein lachendes Gezwitscher der Knabenstimme gab Antwort, und die friedevolle grüne Gartenwelt und das sanft tönende verwehte Kindergespräch in der erwartungsvollen Sommerstille klang dem Manne einen flüchtig zarten Augenblick lang wie aus dem fernen Garten der eigenen Kindheit herüber. Er trat an die Hecke und spähte zwischen den Ranken hindurch in den Garten, wo seine Frau im Morgenkleid auf dem sonnigen Wege stand, eine Blumenschere in der Hand und einen braunen leichten Korb am Arm. Sie war kaum zwanzig Schritte von der Hecke entfernt.
Der Maler betrachtete sie einen Augenblick. Die große Gestalt mit dem ernsthaften und enttäuschten Frauengesicht bückte sich über die Blumen, der große schlaffe Strohhut beschattete das ganze Gesicht.
„Wie heißen die Blumen da?“ fragte Pierre. In seinen braunen Haaren spielte das Licht, die nackten Beine standen mager und sonnenbraun in der Helle, und wenn er sich bückte, sah man im weiten Ausschnitt seiner Bluse unter dem braungebrannten Nacken die weiße Haut des Rückens hervorschimmern.
„Buschnelken,“ sagte die Mutter.
„Ja, das weiß ich,“ fuhr Pierre fort, „aber ich muß wissen, wie die Bienen zu ihnen sagen. In der Bienensprache müssen sie doch auch einen Namen haben.“
„Gewiß, aber den kann man nicht wissen, den wissen nur die Bienen selber. Vielleicht heißen sie sie Honigblumen.“
„Das ist nichts,“ entschied er dann. „Im Klee finden sie gerade soviel Honig, und in den Kapuzinern auch, und sie können doch nicht für alle Blumen den gleichen Namen haben.“
Aufmerksam sah der Knabe einer Biene zu, die einen Nelkenkelch umflog, mit surrenden Flügeln davor in der Luft stillhielt und dann begierig in die rosige Höhlung eindrang.
„Honigblumen!“ dachte er geringschätzig und schwieg. Er hatte es längst erfahren, daß man gerade die hübschesten und interessantesten Dinge nicht wissen und erklären kann.
Veraguth stand hinter der Hecke und hörte zu, er betrachtete das ruhige, ernsthafte Gesicht seiner Frau und das schöne, frühreif zarte seines Lieblings, und sein Herz versteinerte sich bei dem Gedanken an die Sommer, in denen sein erster Sohn noch solch ein Kind gewesen war. Den hatte er verloren, und die Mutter auch. Aber diesen Kleinen wollte er nicht verlieren, ihn nicht. Er wollte ihn als Dieb hinterm Zaun belauschen, er wollte ihn locken und an sich ziehen, und wenn auch dieser Knabe sich von ihm abwenden würde, dann wollte er nicht mehr leben.
Leise zog er sich über den grasigen Weg zurück und ging unter den Bäumen davon.
„Das Bummeln ist nichts für mich,“ dachte er ärgerlich und machte sich hart. Er ging an seine Arbeit zurück und fand denn auch, die Unlust überwindend und einer jahrelang gepflegten Übung gehorchend, die gespannte Arbeitsstimmung wieder, die sich keine Nebenwege erlaubt und alle Kräfte nur auf das augenblicklich Gewollte richtet.
Er war drüben zu Tische erwartet und kleidete sich gegen Mittag sorgfältig um. Rasiert, gebürstet und im blauen Sommeranzug sah er zwar nicht jünger, doch frischer und elastischer aus als im verwahrlosten Atelierkleid. Er griff nach dem Strohhut und wollte eben die Türe öffnen, als sie ihm entgegen sich auftat und Pierre hereinkam.
Veraguth bückte sich zu dem Knabenkopf hinab und küßte ihn auf die Stirn.
„Wie geht’s, Pierre? War der Lehrer brav?“
„O ja, er ist nur so langweilig. Wenn er eine Geschichte erzählt, ist es gar nicht zum Lustigsein, sondern auch bloß eine Lektion, und am Schluß kommt immer, daß gute Kinder sich soundso benehmen müssen. – Hast du gemalt, Papa?“
„Ja, an den Fischen, weißt du. Das ist bald fertig, und morgen darfst du es sehen.“
Er nahm des Knaben Hand und ging mit ihm hinaus. Nichts in der Welt tat ihm so wohl und rührte alle versunkene Güte und hilflose Zartheit so in ihm auf wie das Gefühl, neben dem Jungen zu gehen, den Schritt seinen kleinen Schritten anzupassen und die leichte, zutrauliche Kinderhand in seiner zu fühlen.
Als sie den Park verließen und unter den dünnen Hängebirken hin über die Wiese gingen, blickte der Kleine sich um und fragte: „Papa, haben denn die Schmetterlinge vor dir Angst?“
„Warum? Ich glaube nicht. Neulich ist einer ganz lange auf meinem Finger gesessen.“
„Ja, aber jetzt sind keine da. Wenn ich manchmal ganz allein zu dir hinübergehe und ich komme dann hier vorbei, dann sind immer viele, viele Schmetterlinge auf dem Weg, und sie heißen Bläulinge, das weiß ich, und sie kennen mich und haben mich lieb, sie fliegen immer ganz nah um mich herum. Kann man denn Schmetterlinge nicht füttern?“
„Doch, das kann man, wir wollen es nächstens einmal versuchen. Man tut einen Tropfen Honig auf die Hand und streckt sie ganz ruhig aus, bis die Falter kommen und davon trinken.“
„Fein, Papa, das probieren wir. Nicht wahr, du sagst es der Mama, daß sie mir ein bißchen Honig geben muß? Dann weiß sie, daß ich ihn wirklich brauche und daß es keine Dummheit ist.“
Pierre lief voran durch das offene Haustor und den breiten Korridor, in dessen kühler Dämmerung der von draußen geblendete Vater noch den Hutständer suchte und nach der Speisezimmertüre tastete, als der Knabe längst drinnen war und die Mutter mit seinem Anliegen bestürmte.
Der Maler kam herein und gab seiner Frau die Hand. Sie war etwas größer als er, eine kräftige Gestalt, gesund, aber ohne Jugend, und sie hatte zwar aufgehört, ihren Mann zu lieben, sah aber noch heute den Verlust seiner Zärtlichkeit als ein traurig unbegreifliches, unverschuldetes Unglück an.
„Wir können gleich essen,“ sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme, „Pierre, geh und wasch dir die Hände!“
„Hier ist eine Neuigkeit,“ fing der Maler an und gab ihr den Brief seines Freundes. „Otto kommt schon bald und ich hoffe, er bleibt eine gute Weile da. Es ist dir doch recht?“
„Herr Burkhardt kann die beiden Zimmer unten haben, da ist er ungestört und kann nach Belieben ein und aus gehen.“
„Ja, das ist gut.“
Zögernd sagte sie: „Ich hatte gedacht, er käme viel später.“
„Er ist früher gereist, auch ich wußte bis heute nichts davon. Na, desto besser.“
„Nun trifft er eben mit Albert zusammen.“
Veraguths Gesicht verlor den leisen Schimmer von Vergnügtheit und seine Stimme wurde kalt, als er den Namen seines Sohnes hörte.
„Was ist mit Albert?“ rief er nervös. „Er sollte doch mit seinem Freund ins Tirol gehen.“
„Ich wollte es dir nicht früher als nötig sagen. Der Freund ist von Verwandten eingeladen worden und hat auf die Fußreise verzichtet. Albert kommt mit Beginn seiner Ferien.“
„Und bleibt die ganze Zeit hier?“
„Ich denke, ja. Ich könnte auch ein paar Wochen mit ihm verreisen, aber das würde unbequem für dich werden.“
„Warum? Ich nähme Pierre zu mir herüber.“
Frau Veraguth zuckte die Achseln.
„Bitte, fange doch damit nicht wieder an! Du weißt, ich kann Pierre nicht allein hier lassen.“
Der Maler wurde zornig.
„Allein!“ rief er scharf. „Er ist nicht allein, wenn er bei mir ist.“
„Ich kann ihn nicht hier lassen, und ich will es nicht. Es ist unnütz, nochmals darüber zu streiten.“
„Natürlich, du willst nicht!“
Er schwieg, da Pierre zurückkam, und man ging zu Tische. Zwischen den beiden entfremdeten Menschen saß der Knabe und wurde von beiden bedient und unterhalten, wie er es gewohnt war, und sein Vater suchte die Mahlzeit recht lange hinzuhalten, denn nachher blieb der Kleine bei Mama und es war zweifelhaft, ob er heute nochmals ins Atelier kommen würde.
Zweites Kapitel
Robert war in dem kleinen Nebenraum beim Atelier damit beschäftigt, eine Palette und ein Bündel Pinsel auszuwaschen. Da erschien in der offenen Türe der kleine Pierre. Er blieb stehen und sah zu.
„Das ist eine dreckige Arbeit,“ urteilte er nach einer kleinen Weile. „Überhaupt, malen ist ja ganz schön, aber ich möchte doch nie ein Maler werden.“
„Na, überleg dir das noch einmal,“ meinte Robert. „Wo doch dein Vater so ein berühmter Maler ist.“
„Nein,“ entschied der Knabe, „es wäre nichts für mich. Man ist immerzu schmierig, und die Farben riechen auch so furchtbar stark. Ein bißchen davon rieche ich sehr gern, zum Beispiel an einem frischen Bild, wenn es in einem Zimmer hängt und nur so ganz fein nach Farbe riecht; aber im Atelier, das wäre mir zuviel, da bekäme ich Kopfweh.“
Der Diener sah ihn prüfend an. Eigentlich hätte er dem verwöhnten Kinde schon längst einmal seine Meinung sagen mögen, er hatte viel an ihm zu tadeln. Aber wenn Pierre da war und man ihm ins Gesicht sah, dann ging es doch nicht an. Der Kleine war so frisch und hübsch und ernsthaft, als wäre an ihm und in ihm absolut alles in Ordnung, und gerade der kleine Zug von herrischer Blasiertheit oder Altklugheit stand ihm merkwürdig gut an.
„Was möchtest du denn eigentlich werden, Junge?“ fragte Robert ein wenig streng.
Pierre blickte zu Boden und besann sich.
„Ach, ich möchte eigentlich gar nichts Besonderes werden, weißt du. Ich möchte nur, daß ich mit der Schule fertig wäre. Im Sommer möchte ich bloß ganz weiße Kleider tragen, auch weiße Schuhe, und es dürfte gar nie der kleinste Fleck daran sein.“
„So, so,“ tadelte Robert. „So sagst du jetzt. Aber neulich, als wir dich mit hatten, war auf einmal dein weißes Zeug voller Kirschenflecken und Grasflecken, und den Hut hattest du überhaupt verloren. Weißt du noch?“
Pierre wurde kühl. Er schloß die Augen bis auf einen kleinen Schlitz und starrte durch seine langhaarigen Wimpern.
„Für das hat mich meine Mama damals so gescholten,“ sagte er langsam, „und ich glaube nicht, daß sie dir Auftrag gegeben hat, es mir wieder vorzuhalten und mich damit zu quälen.“
Robert lenkte schon ein.
„Also du möchtest immer weiße Kleider anhaben und sie gar nie schmutzig machen?“
„Doch, manchmal schon. Du verstehst mich gar nicht! Natürlich möchte ich manchmal im Gras herumliegen, oder im Heu, oder über die Pfützen wegspringen oder auf einen Ast klettern. Das ist doch klar. Aber wenn ich einmal wild gewesen bin und ein bißchen getobt habe, dann möchte ich nicht gescholten werden. Ich möchte dann bloß ganz still in mein Zimmer gehen und reine, frische Kleider anlegen, und dann wäre es wieder gut. – Weißt du, Robert, ich glaube wirklich, das Schelten hat gar keinen Wert.“
„Das könnte dir passen, gelt? Warum denn?“
„Ja, sieh: wenn man etwas getan hat, was nicht recht ist, dann weiß man es gleich nachher doch selber und schämt sich. Wenn ich gescholten werde, schäme ich mich viel weniger. Und manchmal wird man doch auch gescholten, wenn man gar nichts Schlimmes getan hat, bloß weil man nicht gleich da war, wenn jemand rief, oder weil Mama gerade ärgerlich ist.“
„Du mußt es ineinander rechnen, mein Junge,“ lachte Robert, „dafür tust du gewiß nicht wenig Schlimmes, was niemand sieht und wofür niemand dich schilt.“
Pierre gab keine Antwort. Es war immer dasselbe. Wenn man sich einmal hinreißen ließ, mit einem Erwachsenen über etwas zu reden, was einem wirklich wichtig war, dann endete es immer mit einer Enttäuschung oder gar mit einer Demütigung.
„Ich möchte das Bild noch einmal sehen,“ sagte er in einem Ton, der ihn plötzlich von dem Diener weit entfernte und den Robert ebensowohl für herrisch wie für bittend halten konnte. „Gelt, laß mich noch einen Augenblick hinein.“
Robert gehorchte. Er schloß die Ateliertüre auf, ließ Pierre eintreten und kam selber mit, denn es war ihm streng verboten, irgend jemand allein hier drinnen zu lassen.
Auf der Staffelei in der Mitte des großen Raumes stand ins Licht gerückt und in einen provisorischen Goldrahmen gepaßt das neue Bild Veraguths. Pierre stellte sich davor auf. Robert blieb hinter ihm stehen.
„Gefällt es dir, Robert?“
„Natürlich gefällt’s mir. Da müßte ich ja ein Narr sein!“
Pierre blinzelte das Bild an.
„Ich glaube,“ sagte er nachdenklich, „man könnte mir viele Bilder zeigen und ich würde es gleich herauskennen, wenn eins vom Papa dabei wäre. Darum habe ich die Bilder gern, ich spüre, daß Papa sie gemacht hat. Aber eigentlich gefallen sie mir nur halb.“
„Red keine dummen Sachen!“ mahnte Robert ganz erschrocken und sah den Knaben vorwurfsvoll an, der jedoch unbewegt mit zwinkernden Augen vor dem Bilde stehen blieb.
„Schau,“ sagte er, „im Hause drüben sind ein paar alte Bilder, die gefallen mir viel besser. Solche Bilder will ich später einmal haben. Zum Beispiel Berge, wenn die Sonne untergeht, und alles ist ganz rot und goldig, und hübsche Kinder und Frauen und Blumen. Das ist doch eigentlich viel netter als so ein alter Fischer, der nicht einmal ein rechtes Gesicht hat, und so ein schwarzes, langweiliges Boot, nicht?“
Robert war in seinem Innern durchaus derselben Meinung und wunderte sich über den Freimut des Knaben, der ihn eigentlich freute. Er gab das aber nicht zu.
„Das verstehst du noch nicht recht,“ sagte er kurz. „Komm jetzt, ich muß wieder abschließen.“
In diesem Augenblick drang ein plötzliches pustendes und knirschendes Geräusch vom Hause herüber.
„O, ein Automobil!“ rief Pierre freudig und lief hinaus, unter den Kastanien durch in lauter verbotenen Abkürzungen quer über die Rasenplätze und mit Sprüngen über die Blumenrabatten hinweg. Atemlos kam er auf dem Kiesplatz vor dem Hause an und eben noch recht, um aus dem Wagen seinen Vater und einen fremden Herrn steigen zu sehen.
„Hallo, Pierre,“ rief Papa und fing ihn in den Armen auf. „Da ist ein Onkel angekommen, den du nimmer kennst. Gib ihm die Hand und frag ihn, wo er herkommt.“
Der Knabe faßte den Fremden fest ins Auge. Er gab dem Manne die Hand und sah in ein rotbraunes Gesicht und in helle, vergnügte, graue Augen.
„Wo kommst du her, Onkel?“ fragte er gehorsam.
Der Fremde nahm ihn auf die Arme.
„Junge, du bist mir zu schwer geworden,“ rief er munter seufzend und ließ ihn wieder los. „Wo ich herkomme? Von Genua, und vorher von Suez, und vorher von Aden, und vorher von – – –“
„O, von Indien, ich weiß, ich weiß! Und du bist der Onkel Otto Burkhardt. Hast du mir einen Tiger mitgebracht, oder Kokosnüsse?“
„Der Tiger ist mir wieder davongelaufen, aber Kokosnüsse kannst du haben, und auch Muscheln und chinesische Bilderbogen.“
Sie gingen durch die Haustüre und Veraguth führte seinen Freund die Treppe hinauf. Er legte ihm, der ein gutes Stück größer war als er, zärtlich eine Hand auf die Schulter. Oben im Korridor kam ihnen die Hausfrau entgegen. Auch sie begrüßte den Gast, dessen frohes, gesundes Gesicht sie an unwiederbringliche freudige Zeiten in vergangenen Jahren erinnerte, mit einer gemessenen, doch aufrichtigen Herzlichkeit. Er behielt ihre Hand einen Augenblick in der seinen und sah ihr ins Gesicht.
„Sie sind nicht älter geworden, Frau Veraguth,“ rief er lobend, „Sie haben sich besser gehalten als Johann.“
„Und Sie sind ganz unverändert,“ sagte sie freundlich.
Er lachte.
„O ja, die Fassade ist immer noch blühend, aber das Tanzen habe ich so allmählich doch aufgegeben. Es hat ohnehin zu nichts geführt, ich bin immer noch Junggeselle.“
„Ich hoffe, Sie sind diesmal zur Brautschau herübergekommen.“
„Nein, gnädige Frau, das ist nun einmal verpaßt. Ich mag mir das hübsche Europa auch nicht verderben. Sie wissen, ich habe Verwandte und entwickle mich allmählich zum Erbonkel. Mit einer Frau dürfte ich mich in der Heimat gar nimmer sehen lassen.“
In Frau Veraguths Zimmer war der Kaffee serviert. Man trank Kaffee und Likör und plauderte eine Stunde, von der Seereise, von Gummipflanzungen, über chinesisches Porzellan. Der Maler war anfangs still und etwas bedrückt, er hatte dies Zimmer seit Monaten nicht mehr betreten. Aber es ging alles gut und mit Ottos Gegenwart schien eine leichte, frohere, kindlichere Atmosphäre in das Haus gekommen zu sein.
„Ich glaube, jetzt möchte meine Frau gerne ein bißchen ruhen,“ sagte der Maler schließlich. „Ich will dir deine Zimmer zeigen, Otto.“
Sie verabschiedeten sich und gingen nach den Gastzimmern. Veraguth hatte zwei Stuben für seinen Freund hergerichtet und ihre ganze Einrichtung selber besorgt, die Möbel gestellt und an alles gedacht, von den Bildern an der Wand bis zur Auswahl der Bücher im Schaft. Überm Bett hing eine alte, bleichgewordene Photographie, ein drollig rührendes Institutsbild aus den siebziger Jahren. Das fiel dem Gast ins Auge und er trat näher, um es zu betrachten.
„Herrgott,“ rief er überrascht, „das sind ja wir, alle sechzehn von damals! Junge, du bist rührend. Ich habe das Ding seit zwanzig Jahren nimmer gesehen.“
Veraguth lächelte.
„Ja, ich dachte, es würde dir Spaß machen. Hoffentlich findest du alles, was du brauchst. Willst du gleich auspacken?“
Burkhardt setzte sich breit auf einen mächtigen, mit Kupferecken beschlagenen Schiffskoffer und blickte zufrieden um sich.
„Fein ist’s hier. Und wo bist du zu Haus? Nebenan? Oder oben?“
Der Maler spielte mit dem Griff einer Ledertasche.
„Nein,“ sagte er leichthin. „Ich wohne jetzt drüben, beim Atelier. Ich habe angebaut.“
„Das mußt du mir nachher zeigen. Aber – – schläfst du auch drüben?“
Veraguth ließ die Tasche stehen und drehte sich um.
„Ja, ich schlafe auch drüben.“
Sein Freund schwieg und besann sich. Dann griff er in die Tasche und zog einen dicken Schlüsselbund hervor, mit dem er zu rasseln anfing.
„Du, wir wollen mal ein bißchen auspacken, nicht? Du könntest gehen und den Jungen holen, es wird ihm Spaß machen.“
Veraguth lief alsbald hinaus und kam bald mit Pierre wieder.
„Du hast schöne Koffer, Onkel Otto, ich habe sie schon angesehen. Und soviel Zettel drauf. Ich habe ein paar davon gelesen. Auf einem steht Penang. Was heißt das: Penang?“
„Das ist eine Stadt in Hinterindien, wo ich manchmal hinkomme. Paß mal auf, jetzt darfst du hier aufmachen.“
Er gab dem Kinde einen flachen, vielzackigen Schlüssel und ließ ihn die Schlösser eines Koffers öffnen. Dann ward der Deckel aufgeklappt, und gleich das erste, was obenauf lag und in die Augen stach, war ein umgekehrter, flacher Korb von bunter, malaiischer Flechtarbeit, der wurde umgedreht und von Papieren befreit, und innen lagen zwischen Papieren und Lappen die schönsten phantastischen Muscheln, wie man sie in exotischen Hafenstädten zu kaufen bekommt.
Pierre bekam die Muscheln geschenkt und wurde ganz still vor Glück, und den Muscheln folgte ein großer ebenhölzerner Elefant und ein chinesisches Spielzeug mit beweglichen grotesken Holzfiguren, und schließlich eine Rolle greller, leuchtender chinesischer Bilderbogen, voll von Göttern, Teufeln, Königen, Kriegern und Drachen.
Während der Maler dem Knaben diese Dinge bestaunen half, packte Burkhardt die Ledertasche aus und verteilte Nachtschuhe, Wäsche, Bürsten und dergleichen Dinge im Schlafzimmer. Dann kehrte er zu den beiden zurück.
„So,“ sagte er ermunternd, „genug gearbeitet für heute. Nun das Vergnügen. Können wir jetzt einmal ins Atelier gehen?“
Pierre blickte empor und wieder, wie bei der Ankunft des Wagens, betrachtete er mit Verwunderung das bewegte und freudig verjüngte Gesicht seines Vaters.
„Du bist so lustig, Papa,“ sagte er anerkennend.
„Jawohl,“ nickte Veraguth.
Aber sein Freund fragte: „Ist er denn sonst nicht so lustig?“
Pierre blickte verlegen von einem zum anderen.
„Ich weiß nicht,“ meinte er zögernd. Dann aber lachte er wieder und sagte bestimmt: „Nein, so vergnügt bist du noch gar nie gewesen.“
Er lief mit dem Muschelkorb davon. Otto Burkhardt nahm seines Freundes Arm und ging mit ihm ins Freie. Er ließ sich durch den Park und schließlich zum Atelierhaus führen.
„Ja, da ist angebaut worden,“ stellte er alsbald fest, „sieht übrigens recht hübsch aus. Wann hast du das machen lassen?“
„Vor drei Jahren etwa, glaube ich. Das Atelier selbst ist auch größer geworden.“
Burkhardt sah sich um.
„Der See ist unbezahlbar! Da wollen wir am Abend ein wenig schwimmen. Du hast es schön hier, Johann. Aber jetzt muß ich das Atelier sehen. Hast du neue Bilder da?“
„Nicht viele. Aber eines, ich bin vorgestern erst damit fertig geworden, das mußt du ansehen. Ich glaube, das ist gut.“
Veraguth schloß die Türen auf. Der hohe Arbeitsraum war festlich sauber, der Boden frisch gescheuert und alles aufgeräumt. In der Mitte stand einsam das neue Bild. Sie blieben schweigend davor stehen. Die feuchtkalte, zähe Atmosphäre der trüben, regnerischen Morgenfrühe stand im Widerspruch mit dem klaren Licht und der heißen durchsonnten Luft, die durch die Türen hereinfloß.
Lange betrachteten sie das Werk.
„Das ist das letzte, was du gemacht hast?“
„Ja. Es muß ein anderer Rahmen darum, sonst ist nichts mehr dran zu tun. Gefällt es dir?“
Die Freunde sahen einander prüfend in die Augen. Der größere und stärkere Burkhardt mit dem gesunden Gesicht und den warmen, lebensfrohen Augen stand wie ein großes Kind vor dem Maler, dessen Blick und Gesicht scharf und streng aus den vorzeitig ergrauenden Haaren sah.
„Das ist vielleicht dein bestes Bild,“ sagte der Gast langsam. „Ich habe auch die in Brüssel gesehen und die zwei in Paris. Ich hätte es nicht gedacht, aber du bist in den paar Jahren noch vorwärts gekommen.“
„Das freut mich. Ich glaube es auch. Ich bin ziemlich fleißig gewesen, und manchmal meine ich, ich sei früher eigentlich nur ein Dilettant gewesen. Ich habe erst spät richtig arbeiten gelernt, aber jetzt bin ich drüber Herr geworden. Weiter geht es nun wohl auch nicht, Besseres als das hier kann ich nicht machen.“
„Ich verstehe. Na, du bist ja auch reichlich berühmt geworden, sogar auf unseren alten Ostasiendampfern habe ich gelegentlich von dir sprechen hören und bin ganz stolz geworden. Wie schmeckt es denn nun, das Berühmtsein? Freut es dich?“
„Freuen, das will ich nicht sagen. Ich finde es in Ordnung. Es leben zwei, drei, vier Maler, die vielleicht mehr sind und mehr geben können als ich. Zu den ganz Großen habe ich mich nie gerechnet, und was die Literaten darüber sagen, ist natürlich Blech. Ich kann verlangen, daß man mich ernst nimmt, und da man das tut, bin ich zufrieden. Alles andere ist Zeitungsruhm oder Geldfrage.“
„Na ja. Aber wie meinst du das mit den ganz Großen?“
„Ja, damit meine ich die Könige und Fürsten. Unsereiner bringt es zum General oder Minister, dann ist er an der Grenze. Siehst du, wir können nichts tun als fleißig sein und die Natur so ernst nehmen, als irgend möglich ist. Die Könige aber, die sind Brüder und Kameraden der Natur, sie spielen mit ihr und können selber erschaffen, wo wir nur nachbilden. Aber freilich, die Könige sind rar, es kommt nicht alle hundert Jahre einer.“
Sie gingen im Atelier auf und ab. Der Maler, nach den Worten suchend, blickte angestrengt zu Boden, der Freund ging nebenher und suchte in dem bräunlich mageren, starkknochigen Gesicht Johanns zu lesen.
Bei der Tür zum Nebenraum blieb Otto stehen.
„Mach doch hier einmal auf,“ bat er, „und laß mich die Zimmer sehen. Und gib mir eine Zigarre, gelt?“
Veraguth öffnete die Tür. Sie gingen durch das Zimmer und blickten in die Nebenräume. Burkhardt zündete sich eine Zigarre an. Er trat in das kleine Schlafzimmer des Freundes, er sah sein Bett und betrachtete aufmerksam die paar bescheidenen Räume, in welchen überall Malergeräte und Rauchzeug umherlag. Das Ganze war fast dürftig anzusehen und sprach von Arbeit und Askese wie etwa die kleine Wohnung eines armen, fleißigen Junggesellen.
„Also da hast du dich eingerichtet!“ sagte er trocken. Aber er sah und fühlte alles, was hier in Jahren vor sich gegangen war. Er bemerkte mit Genugtuung die Gegenstände, die auf Sport, Turnen, Reiten hinwiesen, und er vermißte bekümmert alle Zeichen von Behagen, kleinem Komfort und genießerischer Mußezeit.
Dann kehrten sie zu dem Bilde zurück. Also so entstanden diese Bilder, die überall an den Ehrenplätzen der Ausstellungen und Galerien hingen und die man mit schwerem Gold bezahlte; hier entstanden sie in Räumen, die nur Arbeit und Entsagung kannten, wo nichts Festliches, nichts Unnützes, kein lieber Tand und Kleinkram, kein Duft von Wein und Blumen, keine Erinnerung an Frauen zu finden war.
Über dem schmalen Bett hingen ungerahmt zwei Photographien angenagelt, ein Bild des kleinen Pierre und eines von Otto Burkhardt. Er hatte es wohl bemerkt, es war eine schlechte Liebhaberaufnahme, sie zeigte ihn im Tropenhelm mit der Veranda seines indischen Hauses hinter sich, und unterhalb der Brust floß das Bild ganz in mystische weiße Streifen auseinander, weil Licht auf die Platte gekommen war.
„Das Atelier ist schön geworden. Überhaupt, wie du fleißig geworden bist! Gib deine Hand her, Junge, es ist fein, dich wiederzusehen! Aber jetzt bin ich müd und verschwinde für eine Stunde. Willst du mich später abholen, zum Baden oder Spazierengehen? Gut, danke. Nein, ich brauche gar nichts, in einer Stunde bin ich wieder all right. Auf Wiedersehen!“
Er schlenderte bequem unter den Bäumen hinweg und Veraguth sah ihm nach, wie seine Gestalt und sein Gang und jede Falte seiner Kleidung Sicherheit und ruhige Lebensfreude verkündete.
Indessen ging Burkhardt zwar ins Haus hinüber, schritt aber an seinen Zimmern vorbei zur Treppe, stieg hinauf und klopfte bei Frau Veraguth an.
„Störe ich, oder darf ich ein bißchen Gesellschaft leisten?“
Sie ließ ihn ein und lächelte, und er fand das kurze, ungeübte Lächeln auf dem kräftigen, schweren Gesicht sonderbar hilflos.
„Es ist herrlich hier auf Roßhalde. Ich war schon im Park und am See drüben. Und wie Pierre gediehen ist! Der hübsche Kerl könnte mir beinah mein Junggesellentum verleiden.“
„Nicht wahr, er sieht gut aus? Finden Sie, er gleiche meinem Mann?“
„Ein wenig, ja. Oder eigentlich mehr als nur ein wenig. Ich habe Johann in diesem Alter noch nicht gekannt, aber ich weiß noch ziemlich gut, wie er mit elf, zwölf Jahren ausgesehen hat. – Er scheint übrigens ein wenig überanstrengt. Wie? Nein, ich spreche von Johann. Hat er in der letzten Zeit sehr viel gearbeitet?“
Frau Adele sah ihm ins Gesicht; sie fühlte, daß er sie ausforschen wolle.
„Ich glaube wohl,“ sagte sie ruhig. „Er spricht sehr selten von seiner Arbeit.“
„Was malt er denn jetzt? Landschaften?“
„Er arbeitet oft im Park, meistens mit Modellen. Haben Sie Bilder von ihm gesehen?“
„Ja, die in Brüssel.“
„Hat er in Brüssel ausgestellt?“
„Gewiß, eine ganze Menge Bilder. Ich habe den Katalog mitgebracht. Ich möchte nämlich eines davon kaufen und hätte gerne von Ihnen gehört, was Sie davon halten.“
Er bot ihr ein Heft hin und deutete auf die kleine Reproduktion eines Bildes. Sie betrachtete das Bildchen, blätterte in dem Büchlein und gab es ihm zurück.
„Sie müssen sich selber helfen, Herr Burkhardt, ich kenne das Bild nicht. Ich glaube, er hat es im vergangenen Herbst in den Pyrenäen gemalt und gar nie hier gehabt.“
Sie machte eine Pause und fuhr ablenkend fort: „Sie haben Pierre beschenkt, das war lieb. Ich danke Ihnen.“
„O, es sind Kleinigkeiten. Aber Sie müssen mir erlauben, auch Ihnen etwas Asiatisches als Andenken zu geben. Wollen Sie das? Ich habe ein paar Stoffe mitgebracht, die ich Ihnen zeigen möchte, und Sie müssen sich davon aussuchen, was Ihnen gefällt.“
Es gelang ihm, aus ihrem höflichen Sperren einen kleinen scherzhaft galanten Wortkrieg zu entfachen und die verschlossene Frau in gute Stimmung zu bringen. Er brachte einen Arm voll indischer Gewebe aus seiner Schatzkammer herauf, er breitete malaiische Battickstoffe und handgewobene Stücke aus, legte Spitzen und Seide über die Stuhllehnen, plauderte und erzählte, wo er dies und jenes gesehen und erfeilscht habe, fast für nichts, und entfaltete einen lustigen, bunten kleinen Basar. Er bat um ihr Urteil, hing ihr Spitzen über die Hände, erklärte ihre Machart und nötigte sie, die schönsten Stücke auszubreiten, zu betrachten, zu betasten, zu loben und schließlich zu behalten.
„Nein,“ rief sie am Ende lachend, „ich mache Sie ja zum Bettler. Das kann ich unmöglich alles behalten.“
„Keine Sorge,“ lachte er dagegen. „Ich habe vor kurzem wieder sechstausend Gummibäume gepflanzt und bin im Begriff, ein rechter Nabob zu werden.“
Als Veraguth ihn abzuholen kam, fand er beide plaudernd in voller Fröhlichkeit. Verwundert sah er, wie seine Frau gesprächig geworden war, suchte vergebens mit ins Geplauder zu kommen und ging etwas schwerfällig daran, nun auch die Geschenke zu bewundern.
„Laß nur, das sind Damensachen,“ rief der Freund ihm zu, „wir wollen jetzt baden gehen!“
Er zog ihn hinaus und ins Freie.
„Deine Frau ist wirklich kaum älter geworden, seit ich sie zum letztenmal sah,“ fing Otto unterwegs an. „Eben war sie mächtig vergnügt. Soweit ist ja also bei euch alles in Ordnung. Fehlt noch der große Sohn. Was macht denn der?“
Der Maler zuckte die Achseln und zog die Brauen zusammen.
„Du wirst ihn sehen, er kommt dieser Tage. Ich schrieb dir ja einmal darüber.“
Und plötzlich blieb er stehen, beugte sich gegen den Freund vor, sah ihm scharf in die Augen und sagte leise:
„Du wirst alles sehen, Otto. Ich habe nicht das Bedürfnis, darüber zu reden. Du wirst sehen. – Wir wollen vergnügt sein, solang du da bist, Alter! Und jetzt gehen wir an den Weiher; ich will wieder einmal mit dir wettschwimmen wie in der Knabenzeit.“
„Das wollen wir,“ nickte Burkhardt, der Johanns Nervosität nicht zu bemerken schien. „Und du wirst gewinnen, mein Lieber, was dir früher nicht immer gelang. Es ist ein Jammer, aber ich habe tatsächlich einen Bauch angesetzt.“
Es war Abend geworden. Der See lag ganz im Schatten, oben in den Baumkronen spielte ein schwacher Wind und über die schmale blaue Himmelsinsel, die der Park überm Wasser frei ließ, flogen leichte lilafarbene Wolken, alle von derselben Art und Form, in geschwisterlicher Reihe, dünn und langgestreckt wie Weidenblätter. Die beiden Männer standen vor der im Gebüsch verborgenen Badehütte, deren Schloß nicht aufgehen wollte.
„Lassen wir’s!“ rief Veraguth. „Das Zeug ist verrostet, wir brauchen die Hütte nie.“
Er begann sich zu entkleiden, Burkhardt folgte dem Beispiel. Als sie schwimmbereit am Ufer standen und die Zehen prüfend in das stille, schattige Wasser steckten, kam im selben Augenblick über beide Männer ein verwehter süßer Glückshauch aus den fernen Knabenzeiten her, sie blieben minutenlang im Vorgefühl des leichten, holden Badeschauders stehen und in ihren Seelen tat sich sachte das grüne helle Tal der Jugendsommerzeiten auf, daß sie schwiegen und, der sanften Regung ungewohnt, mit halber Verlegenheit die Füße ins Wasser tauchten und der rasch aufblinkenden Flucht von Halbkreisen auf dem braungrünen Spiegel zusahen.
Nun tat Burkhardt einen raschen Schritt ins Wasser.
„Ah, das ist gut,“ seufzte er wohlig auf. „Übrigens können wir beide uns immer noch sehen lassen, und wenn ich meinen Bauch abrechne, sind wir noch zwei recht stramme Bursche.“
Er ruderte mit flachen Händen, schüttelte sich und tauchte unter.
„Du weißt nicht, wie gut du es hast!“ rief er neidisch. „Durch meine Pflanzung draußen läuft der schönste Fluß, und streckst du das Bein hinein, so siehst du es nicht wieder. Er ist voll von den verfluchten Krokodilen. Vorwärts jetzt, um den großen Becher von Roßhalde! Wir schwimmen bis zur Treppe da unten und wieder zurück. Bist du soweit? Also: eins – zwei – drei!“
Rauschend stießen sie ab, beide mit lachenden Gesichtern und in mäßigem Tempo, aber der Hauch vom Jugendgarten war noch über ihnen, sie begannen alsbald ernstlich zu wetteifern, die Gesichter spannten sich, die Augen blitzten und die geschwungenen Arme glänzten mit weiten Wurfbewegungen aus dem Wasser. Sie waren gleichzeitig bei der Treppe, stießen gleichzeitig wieder ab und strebten denselben Weg zurück, und nun warf sich der Maler in heftigen Schwüngen vorwärts, gewann Vorsprung und war eine kleine Weile vor dem anderen am Ziel.
Stark atmend hielten sie stehend im Wasser, rieben sich die Augen aus und lachten einer den anderen in schweigendem Vergnügen an, und es schien beiden, erst jetzt seien sie wieder die alten Kameraden und erst jetzt beginne die kleine, fatale Kluft von Ungewohntheit und Fremdheit zwischen ihnen zu verschwinden.
Wieder angekleidet saßen sie mit frischen Gesichtern und erleichtertem Gefühl nebeneinander auf den flachen Steinstufen der Seetreppe. Sie blickten über den dunkeln Wasserspiegel, der sich jenseits in der buschüberhangenen ovalen Bucht schon in schwärzlich braune Dämmerung verlor, sie naschten feiste hellrote Kirschen, die sie dem Diener noch in der braunen Papierhülle abgenommen hatten, und sie sahen mit befreiten Herzen dem herankommenden Abend zu, bis die tiefstehende Sonne wagrecht zwischen den Stämmen hindurch hereinschien und auf den gläsernen Flügeln der Libellen goldene Feuer entzündete. Und sie plauderten ohne Pause und ohne Besinnen eine gute Stunde lang von der Institutszeit, von den Lehrern und den damaligen Mitschülern und was aus dem und jenem geworden sei.
„Mein Gott,“ sagte Otto Burkhardt mit seiner friedlich frischen Stimme, „es ist lange her. Weiß man denn nicht, was aus der Meta Heilemann geworden ist?“
„Ja, die Meta Heilemann!“ fiel Veraguth begierig ein. „Sie war wirklich ein schönes Mädel. Alle meine Schreibunterlagen waren voll von ihren Porträts, die ich während der Schulstunden heimlich auf die Fließblätter zeichnete. Das Haar ist mir nie recht geglückt. Weißt du noch, sie trug es in zwei dicken Schnecken über den Ohren.“
„Weißt du nichts von ihr?“
„Nichts. Als ich das erstemal von Paris zurückkam, war sie mit einem Rechtsanwalt verlobt. Ich traf sie mit ihrem Bruder auf der Straße, und ich weiß noch, wie ich über mich selber wütend war, weil ich sofort rot wurde und mir trotz dem Schnurrbart und der Pariser Abgebrühtheit wieder wie ein dummer kleiner Schulbub vorkam. – Nur daß sie Meta hieß! Ich konnte den Namen nicht ausstehen!“
Burkhardt wiegte träumerisch den runden Kopf.
„Du warst nicht verliebt genug, Johann. Für mich war Meta herrlich, meinetwegen hätte sie Eulalia heißen können, ich wäre doch für einen Blick von ihr durchs Feuer gegangen.“
„O, auch ich war verliebt genug. Einmal, als ich von unserem Fünfuhrausgang heimkam – ich hatte mich absichtlich verspätet, ich war allein und dachte an nichts in der Welt als an Meta, und es war mir vollkommen gleichgültig, daß ich beim Zurückkommen bestraft werden würde – da kam sie mir entgegen, dort bei der runden Mauer. Sie hatte eine Freundin am Arm, und da ich so plötzlich mir vorstellen mußte, wie es wäre, wenn statt dem blöden Ding ich ihren Arm in meinem und sie so nahe an mir hätte, da wurde ich so schwindlig und verwirrt, daß ich eine Weile stehen blieb und mich an die Mauer lehnte, und als ich schließlich heimkam, war richtig das Tor schon geschlossen, ich mußte läuten und bekam eine Stunde Arrest.“
Burkhardt lächelte und dachte daran, wie sie beide schon mehrmals bei ihren seltenen Zusammenkünften sich jener Meta erinnert hatten. Damals in der Jünglingszeit hatte einer dem andern seine Liebe mit List und Sorgfalt verschwiegen, und erst nach Jahren, als Männer, hatten sie gelegentlich den Schleier gelüftet und ihre kleinen Erlebnisse ausgetauscht. Und doch gab es heute noch in dieser Sache Geheimnisse. Otto Burkhardt mußte eben jetzt daran denken, daß er damals monatelang einen Handschuh von Meta besessen und verehrt, den er gefunden oder eigentlich gestohlen hatte und von dem sein Freund bis heute nichts wußte. Er überlegte, ob er nun auch diese Geschichte preisgeben solle, und schließlich lächelte er listig und schwieg und fand es hübsch, diese kleine letzte Erinnerung auch weiterhin in sich verschlossen zu halten.
Drittes Kapitel
Burkhardt saß in einem gelben Korbsessel bequem zurückgelehnt, den großen Panamahut auf dem Hinterkopf, eine Zeitschrift in den Händen, rauchend und lesend in der hell von der Sonne durchschienenen Laube an der Westseite des Atelierhauses, und nahe dabei hockte Veraguth auf einem niedrigen Klappstühlchen und hatte die Staffelei vor sich. Die Figur des Lesenden war aufgezeichnet, die großen Farbflecken standen fest, nun malte er am Gesicht und das ganze Bild frohlockte in hellen, leichten, durchsonnten, doch maßvollen Tönen. Es roch würzig nach Ölfarbe und Havannarauch, Vögel taten verborgen im Laub ihre dünnen, mittäglich gedämpften Schreie und sangen schläfrig-träumerische Plaudertöne. Am Boden kauerte Pierre mit einer großen Landkarte, auf der sein dünner Zeigefinger nachdenkliche Reisen betrieb.
„Nicht einschlafen!“ schrie der Maler mahnend.
Burkhardt blinzelte ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.
„Wo bist du jetzt, Pierre?“ fragte er den Knaben.
„Warte, ich muß erst lesen,“ gab Pierre eifrig Antwort, und buchstabierte auf seiner Karte einen Namen heraus. „In Lu – in Luz – Luz – in Luzern. Da ist ein See oder ein Meer. Ist der größer als unser See, Onkel?“
„Viel größer! zwanzigmal größer! Du mußt einmal hingehen.“
„O ja. Wenn ich ein Automobil habe, dann fahre ich nach Wien und nach Luzern und an die Nordsee und nach Indien, da wo dein Haus ist. Bist du dann auch zu Hause?“
„Gewiß, Pierre. Ich bin immer zu Hause, wenn Gäste zu mir kommen. Dann gehen wir zu meinem Affen, der heißt Pendek und hat keinen Schwanz, aber einen schneeweißen Backenbart, und dann nehmen wir Flinten und fahren im Boot auf dem Fluß und schießen ein Krokodil.“
Pierre wiegte voll Vergnügen seinen schlanken Oberkörper hin und her. Der Onkel aber erzählte weiter von seiner Rodung im malaiischen Urwald, und er sprach so hübsch und so lange, daß der Kleine schließlich müde wurde und nimmer folgen konnte. Er studierte zerstreut an seiner Karte weiter, sein Vater aber hörte desto aufmerksamer auf den eifrig plaudernden Freund, der in lässigem Behagen von Arbeit und Jagd, von Ausflügen auf Pferden und in Booten, von hübschen leichten Kulidörfern aus Bambusrohr und von Affen, Reihern, Adlern, Schmetterlingen berichtete und sein stilles, weltfremdes, tropisches Waldleben so verführerisch und heimlich auftat, daß es dem Maler schien, er sähe durch einen Spalt in ein reiches, farbenschönes, seliges Paradiesland hinein. Er hörte von stillen, großen Strömen im Urwald, von baumhohen Farnwildnissen und weiten wehenden Ebenen voll von mannshohem Lalanggras, er hörte von farbigen Abenden am Meeresufer, den Koralleninseln und blauen Vulkanen gegenüber, von wilden, rasenden Regenstürzen und flammenden Gewittern, von träumerisch beschaulichem Hindämmern heißer Tage auf den breiten, schattigen Veranden der weißen Pflanzerhäuser, vom Gewühl chinesischer Stadtstraßen und von abendlichen Ruhestunden der Malaien am flachen, steinernen Teich vor der Moschee.
Wieder, wie früher schon manchesmal, erging sich Veraguths Phantasie in der fernen Heimat seines Freundes, und er wußte nicht, wie sehr die Verlockung und stille Lüsternheit seiner Seele den verborgenen Absichten Burkhardts entgegenkam. Es war nicht allein der Schimmer tropischer Meere und Inselküsten, der Reichtum der Wälder und Ströme, die Farbigkeit halbnackter Naturvölker, die ihm Sehnsucht schuf und ihn mit Bildern berückte. Es war noch mehr die Ferne und Stille einer Welt, in der seine Leiden, Sorgen, Kämpfe und Entbehrungen fremd und fern und blaß werden mußten, wo hundert kleine tägliche Lasten von der Seele fallen und eine neue, noch reine, schuldlose, leidlose Atmosphäre ihn aufnehmen würde.
Der Nachmittag verging, die Schatten wanderten. Pierre war längst weggelaufen, Burkhardt allmählich still geworden und endlich eingenickt, das Bild aber war nahezu fertig und der Maler schloß eine Weile die ermüdeten Augen, ließ die Hände sinken und atmete minutenlang mit beinahe schmerzlicher Inbrunst die tiefe sonnige Stille der Stunde, die Nähe des Freundes, die beruhigte Ermüdung nach einer geglückten Arbeit und die Hingenommenheit der erschlafften Nerven. Das war, neben dem Rausch des Zugreifens und schonungslosen Arbeitens, seit langem wohl sein tiefster und tröstlichster Genuß, diese milden Augenblicke müder Entspannung, ähnlich den ruhevoll vegetativen Dämmerzuständen zwischen Schlaf und Erwachen.
Er stand leise auf, um Burkhardt nicht zu wecken, und trug die Leinwand vorsichtig in das Atelier. Dort legte er den leinenen Malrock ab, wusch die Hände und badete die leicht überanstrengten Augen in kaltem Wasser. Eine Viertelstunde später stand er wieder draußen, blickte dem schlummernden Gast einen Moment prüfend ins Gesicht und weckte ihn dann durch den alten Pfiff, den sie schon vor fünfundzwanzig Jahren untereinander als Geheimsignal und Erkennungszeichen eingeführt hatten.
„Falls du ausgeschlafen hast, Junge,“ bat er ermunternd, „könntest du mir jetzt noch ein bißchen von drüben erzählen, ich konnte während der Arbeit nur halb zuhören. Du sagtest auch etwas von Photographien; hast du die bei dir und können wir sie ansehen?“
„Gewiß können wir das, komm nur mit!“
Auf diese Stunde hatte Otto Burkhardt seit mehreren Tagen gewartet. Es war seit vielen Jahren sein Wunsch, Veraguth einmal mit sich nach Ostasien zu locken und ihn eine Weile drüben bei sich zu haben. Diesmal, da es ihm die letzte Gelegenheit zu sein schien, hatte er sich mit der durchdachtesten Planmäßigkeit darauf vorbereitet. Als die beiden Männer in Burkhardts Zimmer beisammen saßen und im abendlichen Licht über Indien plauderten, zog er immer neue Albume und Mappen mit Photographien aus seinem Koffer. Der Maler war über die Fülle entzückt und erstaunt, Burkhardt blieb ruhig und schien allen den Blättern keinen besonderen Wert beizulegen, und doch wartete er heimlich auf ihre Wirkung mit der heftigsten Spannung.
„Was für schöne Aufnahmen das sind!“ rief Veraguth in hellem Vergnügen. „Hast du die alle selber gemacht?“
„Zum Teil, ja,“ sagte Burkhardt trocken, „manche sind auch von meinen Bekannten draußen. Ich wollte dir nur einmal eine Ahnung davon geben, wie es bei uns etwa aussieht.“
Er sagte es obenhin und legte die Blätter gleichmütig zu Stößen, und Veraguth konnte nicht ahnen, wie sorglich und mühsam er diese Sammlung zustande gebracht hatte. Er hatte viele Wochen lang einen jungen englischen Photographen aus Singapore und später einen Japaner aus Bangkok bei sich gehabt, und sie hatten vom Meer bis in die tiefsten Wälder hinein auf vielen Ausflügen und kleinen Reisen alles aufgesucht und photographiert, was irgend schön und bemerkenswert schien, schließlich waren die Bilder mit der äußersten Sorgfalt entwickelt und kopiert worden. Sie waren Burkhardts Köder, und er sah mit tiefer Erregung zu, wie sein Freund anbiß und sich festsog. Er zeigte Bilder von Häusern, Straßen, Dörfern, Tempeln, Bilder von fabelhaften Batuhöhlen bei Kuala-Lumpur und der wildschönen, brüchigen Kalk- und Marmorberge in der Gegend von Ipoh, und als Veraguth zwischenein fragte, ob nicht auch Aufnahmen von Eingeborenen dabei seien, kramte er Bilder von Malaien, Chinesen, Tamilen, Arabern, Javanern hervor, nackte athletische Hafenkuli, dürre alte Fischer, Jäger, Bauern, Weber, Händler, schöne goldgeschmückte Weiber, dunkle nackte Kindergruppen, Fischer mit Netzen, Sakeys mit Ohrringen, welche die Nasenflöte spielten, und javanische Tänzerinnen in starrendem Silberschmuck. Er hatte Aufnahmen von allen Palmenarten, von großblättrigen saftigen Pisangbäumen, von Urwaldwinkeln mit tausendfältigem Schlinggewächse, von heiligen Tempelhainen und Schildkrötenteichen, von Wasserbüffeln in nassen Reisfeldern, von zahmen Elefanten bei der Arbeit und von wilden, die im Wasser spielten und trompetende Rüssel gen Himmel streckten.
Der Maler nahm Bild für Bild in die Hand. Viele schob er nach einem kurzen Blick beiseite, manche legte er vergleichend nebeneinander, einzelne Figuren und Köpfe betrachtete er scharf durch die hohle Hand. Er fragte bei vielen Aufnahmen, um welche Tageszeit sie gemacht seien, er maß Schatten aus und versank immer tiefer in ein grüblerisches Anschauen.
„Man könnte das alles malen,“ murmelte er einmal abwesend vor sich hin.
„Genug!“ rief er schließlich aufatmend. „Du mußt mir noch eine Menge erzählen. Es ist herrlich, dich hier zu haben! Ich sehe alles wieder ganz anders. Komm, wir gehen noch eine Stunde spazieren, ich will dir etwas Hübsches zeigen.“
Angeregt und von aller Müdigkeit befreit zog er Burkhardt mit sich und spazierte mit ihm eine Strecke auf der Landstraße feldeinwärts, heimkehrenden Heuwagen entgegen. Er atmete den warmen satten Heugeruch mit Wonne ein, dabei flog eine Erinnerung ihn an.
„Erinnerst du dich,“ fragte er lachend, „an den Sommer nach meinem ersten Akademiesemester, wie wir miteinander auf dem Lande waren? Da malte ich Heu, nichts als lauter Heu, weißt du noch? Ich hatte mich zwei Wochen lang abgemüht, ein paar Heuhaufen auf einer Bergwiese zu malen, und es ging und ging nicht, ich brachte die Farbe nicht heraus, das stumpfe matte Heugrau! Und als ich es schließlich doch hatte – es war noch nicht übermäßig delikat, aber ich wußte nun, daß es aus Rot und Grün gemischt sein mußte – da war ich so froh, daß ich nichts mehr sah als lauter Heu. Ach, das ist schön, so ein erstes Probieren und Suchen und Finden!“
„Ich denke, man lernt nie aus,“ meinte Otto.
„Natürlich nicht. Aber die Sachen, die mich jetzt plagen, die haben nichts mit der Technik zu tun. Weißt du, seit ein paar Jahren passiert es mir immer häufiger, daß ich bei irgendeinem Anblick plötzlich an meine Knabenzeit denken muß. Damals sah alles anders aus, und etwas davon möchte ich einmal malen können. Für ein paar Minuten habe ich es manchmal wiedergefunden, daß plötzlich alles den sonderbaren Schimmer wieder hat – aber das reicht noch nicht. Wir haben so viele gute Maler, feine, delikate Leute, die die Welt so malen, wie ein kluger, feiner, bescheidener alter Herr sie sieht. Aber wir haben keinen, der sie malt, wie ein frischer, herrschsüchtiger, rassiger Bub sie sieht, oder die, die es so versuchen, sind meistens schlechte Handwerker.“
Er riß in Gedanken verloren eine rötlich blaue Skabiose am Feldrande ab und starrte sie an.
„Langweilt es dich?“ fragte er plötzlich wie erwachend und blickte mißtrauisch herüber.
Otto lächelte ihm schweigend zu.
„Sieh,“ fuhr der Maler fort, „eins von den Bildern, die ich noch malen möchte, ist ein Strauß von Wiesenblumen. Du mußt wissen, meine Mutter konnte solche Sträuße machen, wie ich keine mehr sah, sie war ein Genie darin. Sie war wie ein Kind und sang fast immer, sie ging ganz leicht und hatte einen großen bräunlichen Strohhut auf, ich sehe sie im Traum nie anders als so. Einen solchen Feldblumenstrauß möchte ich einmal malen, wie sie sie gern hatte: Skabiosen und Schafgarbe und kleine rosa Winden, dazwischen ein paar feine Gräser und eine grüne Haferähre gesteckt. Ich habe hundert solche Sträuße heimgebracht, aber es ist noch nicht der rechte, es muß der ganze Duft drin sein und er muß sein, wie wenn sie ihn selber gemacht hätte. Die weißen Schafgarben gefielen ihr zum Beispiel nicht, sie nahm nur die feinen, seltenen, mit einem Anflug von lila, und sie wählte einen halben Nachmittag zwischen tausend Gräsern, ehe sie sich für eins entschied – – Ach, ich kann es nicht sagen, du verstehst das ja nicht.“
„Ich verstehe schon,“ nickte Burkhardt.
„Ja, an diesen Feldblumenstrauß denke ich manchmal halbe Tage lang. Ich weiß genau, wie das Bild werden müßte. Nicht dieses wohlbekannte Stückchen Natur, gesehen von einem guten Beobachter und vereinfacht von einem guten, schneidigen Maler, aber auch nicht sentimental und holdselig wie von einem sogenannten Heimatkünstler. Es muß ganz naiv sein, so wie begabte Kinder sehen, unstilisiert und voller Einfachheit. Das Nebelbild mit den Fischen, das im Atelier steht, ist gerade das Gegenteil davon – aber man muß beides können ... Ach, ich will noch viel malen, noch viel!“
Er bog in einen schmalen Wiesenweg ein, der leicht bergan auf einen runden, sanften Hügel führte.
„Jetzt paß auf!“ mahnte er eifrig und spähte wie ein Jäger vor sich in die Luft. „Sobald wir oben sind! Das werde ich in diesem Herbst malen.“
Sie erreichten die Anhöhe. Jenseits hielt ein laubiges Gehölz, abendlich schräg durchlichtet, den Blick auf, der, von der klaren Wiesenfreiheit verwöhnt, nur langsam sich durch die Bäume fand. Ein Weg mündete unter hohen Buchen, eine steinerne, bemooste Bank darunter, und dem Wege folgend, fand das Auge einen Durchblick offen, über die Bank hinweg durch eine dunkle Bahn von Baumkronen tat sich frisch und leuchtend eine tiefe Ferne auf, ein Tal voll von Gebüsch und Weidenwuchs, der gekrümmte Fluß blaugrün funkelnd, und ganz ferne verlorene Hügelzüge weit bis in die Unendlichkeit.
Veraguth deutete hinab.
„Das werde ich malen, sobald die Buchen anfangen farbig zu werden. Und auf die Bank setze ich Pierre in den Schatten, so daß man an seinem Kopf vorbei in das Tal dort hinunter sieht.“
Burkhardt schwieg und hörte seinem Freunde zu, im Herzen voll Mitleid. Wie er mich anlügen will! dachte er mit heimlichem Lächeln. Wie er von Plänen und Arbeiten spricht! Früher tat er das nie. Es sah aus, als wolle er sorgfältig alles herzählen, woran er etwa noch Freude hatte und was ihn noch mit dem Leben versöhnte. Der Freund kannte ihn und kam ihm nicht entgegen. Er wußte, es konnte nicht lange mehr dauern, bis Johann das in Jahren Gehäufte von sich werfen und sich von einem unerträglich gewordenen Schweigen erlösen würde. So ging er abwartend mit scheinbarer Gelassenheit nebenher, immerhin traurig verwundert, daß auch ein so überlegener Mensch im Unglück kindlich werde und mit verbundenen Augen und Händen durch die Dornen wandle.
Als sie nach Roßhalde zurückkamen und nach Pierre fragten, hörten sie, er sei mit Frau Veraguth nach der Stadt gefahren, um Herrn Albert abzuholen.
Viertes Kapitel
Albert Veraguth ging heftig im Klavierzimmer seiner Mutter auf und ab. Er schien auf den ersten Blick dem Vater ähnlich, weil er dessen Augen hatte, glich aber weit mehr der Mutter, die an den Flügel gelehnt stand und ihm mit zärtlich aufmerksamen Augen folgte. Als er wieder an ihr vorüberkam, hielt sie ihn an den Schultern fest und wandte sein Gesicht zu sich her. Über seine breite, bleiche Stirn hing ein Büschel blonden Haares herein, die Augen glühten in knabenhafter Erregung und der hübsche volle Mund war zornig verzogen.
„Nein, Mama,“ rief er heftig und machte sich aus ihren Händen los, „du weißt, ich kann nicht zu ihm hinüber gehen. Das wäre eine ganz sinnlose Komödie. Er weiß, daß ich ihn hasse, und er selber haßt mich auch, du magst sagen, was du willst.“
„Hassen!“ rief sie mit leiser Strenge. „Laß doch solche Worte, die alles verzerren! Er ist dein Vater, und es gab eine Zeit, wo er dich sehr lieb gehabt hat. Ich muß es dir verbieten, so zu reden.“
Albert blieb stehen und sah sie funkelnd an.
„Du kannst mir die Worte verbieten, gewiß, aber was wird dadurch anders? Soll ich ihm denn etwa dankbar sein? Er hat dir dein Leben verdorben und mir meine Heimat, er hat aus unserer schönen, frohen, prächtigen Roßhalde einen Ort voll Unbehagen und Widerwärtigkeit gemacht. Ich bin hier aufgewachsen, Mutter, und es gibt Zeiten, da träume ich jede Nacht von den alten Stuben und Gängen hier, vom Garten und Stall und Taubenschlag. Ich habe keine andere Heimat, die ich lieben und von der ich träumen und nach der ich Heimweh haben kann. Und nun muß ich an fremden Orten leben und kann nicht einmal in den Ferien einen Freund hierher mitbringen, damit er nicht sieht, was für ein Leben wir hier führen! Und jeder, der mich kennen lernt und meinen Namen hört, stimmt sogleich ein Loblied auf meinen berühmten Vater an. Ach Mutter, ich wollte wir hätten lieber gar keinen Vater, und keine Roßhalde, und wären arme Leute, und du müßtest nähen oder Stunden geben und ich dir Geld verdienen helfen.“
Die Mutter ging ihm nach und nötigte ihn in einen Sessel, setzte sich auf seine Knie und strich ihm die verschobenen Haare zurecht.
„So,“ sagte sie mit ihrer ruhigen tiefen Stimme, deren Ton ihm Heimat und Hort bedeutete, „so, nun hast du mir ja alles gesagt. Es ist manchmal ganz gut, sich auszusprechen. Man muß die Dinge kennen, die man zu ertragen hat. Aber man muß das, was weh tut, nicht aufwühlen, Kind. Du bist jetzt schon so groß wie ich und bist bald ein Mann, und darauf freue ich mich. Du bist mein Kind und sollst es bleiben, aber sieh, ich bin viel allein und habe allerlei Sorgen, da brauche ich auch einen richtigen, männlichen Freund, und der sollst du sein. Du sollst mit mir vierhändig spielen und mit mir im Garten gehen und nach Pierre sehen, wir wollen schöne Ferien miteinander haben. Aber du sollst nicht Lärm machen und es mir noch schwerer machen, sonst muß ich denken, du seiest eben doch noch ein halber Knabe und es werde noch lange dauern, bis ich endlich einen klugen Freund bekomme, den ich doch so gerne hätte.“
„Ja, Mutter, ja. Aber muß man denn immerzu über alles schweigen, was einen unglücklich macht?“
„Es ist das beste, Albert. Es ist nicht leicht, und von Kindern darf man es nicht verlangen. Aber es ist das beste. – Wollen wir jetzt etwas spielen?“
„Ja, gerne. Beethoven, die zweite Symphonie – magst du?“
Sie hatten kaum zu spielen begonnen, so ging sachte die Türe auf und Pierre glitt herein, setzte sich auf einen Schemel und hörte zu. Nachdenklich sah er dabei seinen Bruder an, seinen Nacken mit dem seidenen Sportskragen, seinen im Rhythmus der Musik bewegten Haarschopf und seine Hände. Jetzt, da er seine Augen nicht sah, fiel ihm Alberts große Ähnlichkeit mit der Mutter auf.
„Gefällt es dir?“ fragte Albert während einer Pause. Pierre nickte nur, ging aber gleich darauf wieder still aus dem Zimmer. In Alberts Frage hatte er etwas von dem Ton gespürt, in welchem nach seiner Erfahrung die meisten Erwachsenen zu Kindern redeten und dessen verlogene Freundlichkeit und unbeholfene Überheblichkeit er nicht leiden mochte. Der große Bruder war ihm willkommen, er hatte ihn sogar mit Spannung erwartet und ihn drunten am Bahnhof mit großer Freude begrüßt. Auf diesen Ton aber gedachte er nicht einzugehen.
Mittlerweile warteten Veraguth und Burkhardt im Atelier auf Albert, Burkhardt mit unverhehlter Neugierde, der Maler in nervöser Verlegenheit. Die flüchtige Fröhlichkeit und Plauderlust war plötzlich von ihm abgefallen, als er Alberts Ankunft erfuhr.
„Kommt er denn unerwartet?“ fragte Otto.
„Nein, ich glaube nicht. Ich wußte, daß er dieser Tage kommen sollte.“
Veraguth kramte aus einer Plunderschachtel ältere Photographien heraus. Er suchte ein Knabenbildnis hervor und hielt es vergleichend neben eine Photographie von Pierre.
„Das war Albert, genau im gleichen Alter wie jetzt der Kleine ist. Erinnerst du dich an ihn?“