Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so ausgezeichnet.

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Hermann Löns / Dahinten in der Haide


Dieses Werk ist in der Auswahlreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde erschienen und wir nur an dessen Mitglieder abgegeben. Der Druck erfolgte in der Jaeckerfraktur durch die Buchdruckerei Bär & Hermann in Leipzig.


Dahinten in der Haide

Roman

von

Hermann Löns

Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
Berlin


Nachdruck verboten
Copyright 1912 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H.
Hannover


Der Ortolan.

Der Südwind strich warm über den Kopf des hohen Haidbrinkes und bewegte die Zweige der Hängebirke, die voll von Blütenkätzchen und jungen Blättern waren, hin und her.

Lüder Volkmann lag längelangs auf dem Rücken, lehnte sich gegen den großen Findelstein und hörte zu, wie der Ortolan in der Birke sang.

Er hielt seine Pfeife abseits und atmete den Geruch der blühenden Postbüsche, den der Wind aus dem Bruche mitbrachte, und den Juchtenduft, der aus dem Birkenlaube kam, tief ein, und ihm war, als sei er noch in den Wäldern von Kanada, wo es im April auch nach Post- und Birkenlaub roch; aber der Ortolan sang da nicht; dort, wo Volkmann getrappt und gefischt hatte, gab es keine Landstraßen.

Er stopfte sich eine neue Pfeife aus dem ledernen Tabaksbeutel, auf dem mit Glasperlen ein Kranz von braunen Bibern und schwarzen Raben gestickt war.

Eine rote Mordwespe, die über seine Hose kroch, zog seine Blicke auf seine Kleidung. »Noch vier Wochen Landstraße und die Tippelkundenkluft ist fertig,« dachte er und lächelte, denn ihm fiel ein lustiger Abend in Berlin ein. Er hatte mit einer großen Gesellschaft in der vornehmen Weinwirtschaft zusammengesessen, die Männer im Frack, die Frauen und Mädchen in ausgeschnittenen Kleidern, und mitten zwischen ihnen war jener sonderbare Mann in dem alten Gehrock, Peter Hille, der Dichter, und der hatte, indem er seine Austern aß, im Gange der Unterhaltung zu seiner Nachbarin gesagt: »Ganz wohl fühlt man sich erst, Exzellenz, wenn man gesellschaftlich nichts mehr zu verlieren hat, sagt Böcklin.«

Lüder Volkmann sah sein Zeug an; er hatte es in Omaha gekauft und die Stiefel in Chikago, und zwar an dem Tage, als er in einer Singspielhalle dem französischen Pferdehändler, der über Deutschland einen schlechten Witz machte, die Champagnerflasche in die Zähne warf, daß der Mann für tot fortgetragen wurde, und als drei andere Franzosen ihm an den Balg wollten, boxte er ihnen das Mittagessen aus dem Leibe. Dann hatte er der Musik zehn Dollar hingelegt, einen Freitrunk für jeden Mann, der eine Gurgel im Leibe hat, bestellt, und die Wacht am Rhein, Heil dir im Siegerkranz und Deutschland, Deutschland über alles spielen lassen, und alle mußten mitsingen, ganz gleich unter welcher Flagge sie geboren waren.

Er mußte hell auflachen, als er daran dachte, welche dummen Gesichter die beiden Engländer gemacht hatten, als er mit ihnen anstieß und rief: »Trinkt, Jungs, auf die deutsche Flott'!« Dann hatte er fünf Dollar hingelegt und gerufen: »Das Flottenlied!« Aber in derselben Nacht hatte sich zuerst das Heimweh an seinen Arm gehängt und ihn nicht eher wieder losgelassen, als bis er an Bord der Anna Rickmers war. Als Kohlenzieher hatte er die Fahrt gemacht; seine tausend Dollar, die er sich in zwei Jahren zusammengetrappt und beieinandergefischt hatte, waren auf dem Asphalt der großen Stadt kleben geblieben.

Er sah auf seine große Hand. Arbeiten, ja, das konnte die, aber sparen, nein! »Herr Doktor, Sie haben eine Ritterhand,« hatte auf dem Hofballe die Herzoginmutter gesagt, »und ich verstehe nicht, daß Sie mit der Feder fechten, statt mit dem Säbel.« Ihre guten alten Augen hatten ihn lange angesehen und dann meinte sie: »Daß Sie nicht von Adel sind!« Er hatte gelächelt. »Bin ich, Euer Hoheit, tausche mit keinem von den Prominenzen hier in dieser Richtung, die fürstlichen Herrschaften ausgenommen; die Volkmanns saßen wohl schon auf ihrem Haidhofe, als Exzellenz Drusus über die mangelhaften Chausseen in Germanien bei Seiner Majestät Augustus submissest Klage führte.« Da hatte sie so herzlich aufgelacht, daß der Leibarzt dem Herzoge sagte: »Hoheit müßten veranlassen, daß der Doktor Volkmann öfter mit Ihrer Hoheit zusammen ist; sie liebt ihn und lachen ist die beste Medizin für ein müdes Herz.«

Lüder Volkmann sah auf das silbergraue Renntiermoos. So hatte das Haar der alten Herzogin ausgesehen. Sie war aus jenen Kreisen der einzige Mensch gewesen, der ihm nach seinem Falle geschrieben hatte. Er wußte den Brief halb auswendig; die eine Stelle lautete: »Sie kennen mich, lieber Herr Doktor; wenn ich später noch lebe, vergessen Sie nicht, daß Sie an mir immer eine Freundin haben.«

Er drehte einen blanken Mistkäfer, der hilflos im Sande auf dem Rücken lag, um, sah, daß es die dreihörnige Art war, aber ein Weibchen, denn die Hörner fehlten ihm, und dann fiel ihm das Indianermädchen ein, das ein und ein halbes Jahr in seinem Blockhause gewohnt hatte, und das jeden Schmetterling aus dem Spinnennetze nahm. Ihre Seele war klein, aber ihr Herz war groß, in ihrem letzten Hauche flüsterte sie: »Lhütär« und dann nahm der Schneesturm ihre weiße Seele mit und wirbelte sie zum großen Geiste hin.

Acht Wochen lang hatte ihr Leib, in glänzende Bärenfelle gehüllt, im Windfange gelegen; dann erweichte der Tauwind den Boden, Lüder begrub die Gefährtin seiner Einsamkeit, und die indianischen Holzarbeiter kamen alle, sangen gurgelnd ein verschollenes Lied und errichteten einen hohen Steinhaufen über dem Grabe, der Wölfe wegen und weil Margerit aus edlem Blute war.

»Adel bleibt Adel, wenn es wirklich welcher ist,« dachte Lüder Volkmann, der Landstreicher, und vor ihm stand die Frau, an der er gescheitert war. Warum hatte er geglaubt, daß er sie liebte? In den Brombeerbüschen am Fuße des Brinkes sang der Goldammer; es war fast dasselbe Lied, das der Ortolan sang, aber des Goldammers Lied war klarer Frieden und in des Ortolans Sang war unstete Unklarheit.

Er schüttelte den Kopf über sich selber. Also darum, darum hatte er sein Leben auf die Landstraße geworfen, darum! Er hatte die Frau gar nicht geliebt. Als er noch die bunte Mütze trug und jede Woche frische Schmisse hatte, da hatte er die Frau seines liebsten Lehrers lieb gewonnen und hatte sofort die Exmatrikel genommen. Ein Jahr später war die totgetretene Liebe aus ihrem Grabe auferstanden, hatte vor ihm gestanden und die Hände gerungen. Und jene andere Frau, an der sein Leben strandete, eine Volksausgabe der Frau des Professors war es gewesen, die neben jener in seiner Erinnerung stand, wie der dunkle, krankhaft süße Gesang des Ortolans neben dem lieben starken Liede des Goldammers.

Früher hatte er sich oft gefragt, warum grade ihm das Schicksal die Schlinge über den Weg gelegt hatte. Er lachte nun darüber; warum lähmte die rote Wespe grade diese lustige Spinne mit ihrem Giftstachel und schleppte sie in ihre Höhle, wo sie sich so lange hinquälen mußte, bis die Wespenbrut sie bei lebendigem Leibe auffraß? Und er war groß, stark und gesund; also konnte ihm das Schicksal etwas mehr zumuten, als den Skrälingern mit dem dünnen Blute und dem weichen Fleische. Außerdem: was war, und war es auch hart und bitter, es sah von weitem eigentlich nur noch interessant aus. Er hatte sich daran gewöhnt, sein Unglück mit dem umgedrehten Pürschglase zu betrachten, und klein und lustig sah dann aus, was anfangs riesig und schrecklich erschien. Und nun wollte er Post- und Maibaumduft riechen und sich sattsehen an der braunen Haide und den gelben Wegen und den weißen Wolken, die über den schwarzen Wäldern standen, und wo irgendwo der Bauernhof lag, der Hilgenhof, der heilige Hof, dem sein Geschlecht entstammte.

Wie schön es sich in dem Haidkraute lag! Er ließ den weißen Sand durch seine braunen Finger fließen und freute sich an den dichten Polstern der Krähenbeere, die den roten Stein umspannen. Vor ihm trippelte eine Haidlerche umher, ein grüner Sandkäfer blitzte auf, hoch oben kreiste der Bussard, bald wie Silber, bald wie Gold leuchtend, und nun rief sogar Wodes heiliger Vogel über ihm ein lautes Wort, das wie eine alte Rune war, und machte einen Bogen, als er den Mann äugte.

Und dann der rotlodernde Post in der Grund, und die goldgrünen Machangeln auf dem Anberge, und die weißen Birkenstämme in der braunen Haide, und der silberne Bach und das goldene Risch, ein Tag war es, an dem die Gefühle des Menschen, der gut erhaltene Sinne hat, leicht und lustig tanzen müssen, wie helle Schmetterlinge, auch wenn er zum heimlosen Straßenläufer ward.

»Aber nun wäre es Zeit,« dachte er, »daß Ruloff Ramaker käme; vom Sehen wird kein Mensch satt.« Volkmann legte sich auf die rechte Seite und deckte sein linkes Ohr mit dem Lodenhute zu, wie er es schon als ganz kleiner Junge mit der Bettdecke gemacht hatte, und wohlig schnurrte er, als die Besinnung ihn verließ, wie er es stets zu tun pflegte, wenn er sein Bewußtsein zu Bett brachte.

Über ihm in der Hängebirke aber sang der Ortolan immer und immer wieder: »Ich bin müde.«


Der Goldammer.

Schwer und tief war der Schlaf des Mannes, und doch sprang er klaräugig auf die Füße, als Tritte im Haidkraute knisterten. Der Gendarm stand vor ihm und musterte ihn vom Hute bis zu den Stiefeln.

Er sah gut aus, der Beamte; er war einen knappen Zoll kleiner als Volkmann: er hatte ein offenes Gesicht, einen prachtvollen blonden Bart und helle blaue Augen. Und da er inwendig so war wie außen, so stellte er sich erst recht barsch an und fragte mit rauher Stimme: »Zeig mal Deine Papiere!« Er zog die Augenbrauen hoch, als der Stromer antwortete: »Erstens habe ich keine und zweitens möchte ich Sie höflichst ersuchen, mich nicht zu duzen. Sie sind wohl noch nicht lange von der Front fort?«

Der Gendarm bekam einen roten Kopf; er sah ein, daß er eine Dummheit gemacht hatte. Der Mann trug schäbige, aber gutsitzende Kleidung, und das Schuhzeug, das waren hochfeine Jagdschuhe von braunem genarbten Leder mit ausgenähtem Rand und Schnellschnürung, und, Donnerja, er hatte das ganze Gesicht voller Schmisse, und ein Benehmen, wie der Herr Amtsrichter. Köllner lenkte ein: »Entschuldigen Sie, es war nicht so schlimm gemeint. Und ich sehe, daß ich mich irrte; eine Steckbriefbeschreibung paßte ungefähr auf Sie, bis auf die Schmisse. Und einen krummen Zeigefinger haben Sie rechts auch nicht. Aber Sie werden doch Papiere haben?« Der andere schüttelte den Kopf: »Nein, sie sind mir vor vierzehn Tagen in Hamburg gestohlen.« Der Beamte wiegte den Kopf hin und her: »Ja, dann müssen Sie mich schon begleiten.«

Er brach seine Rede mitten im Worte ab und sah in die Haide hinunter. Auf dem weißen Pattwege kam ein barhäuptiger Mann angelaufen; er schrie und winkte zu dem Hügel hinauf und zeigte nach einem Wachholderbusche hinter sich, wo ein weißer Frauenhut leuchtete. Es war Ruloff Ramaker; er war in Schweiß gebadet und keuchte: »Komm schnell, schnell, das Fräulein ist von einer Adder gebissen.«

Mit großen Sätzen sprang Volkmann den Hügel hinab und war eher bei dem Machangel, als Ramaker und Köllner, denn jener war außer Atem und dieser mußte erst sein Pferd abbinden.

Einen Blick warf Volkmann auf das junge Mädchen, als er tief den Hut zog. Er sah Erstaunen in ihrem Gesicht und das Blut schoß ihm in den Kopf; aber schon kniete er nieder, nahm den schmalen, kräftigen Fuß in die Hand und fragte: »Wo?« Eine Stimme, die ihm süßer klang als das Lied des Goldammers, trotz der Angst, die darin klirrte, oder vielleicht um so mehr noch, antwortete: »Hier!« und die schmale, leicht gebräunte Hand zeigte nach der großen Zehe. »Das ist gut,« meinte der Mann. »Wie lange ist es her?« fragte er dann, indem er einen Bindfaden hervorholte: »Eben.« Er nickte. »Keine Angst; Sie sind gesund und der Biß sitzt gut. Aber nun muß ich Ihnen weh tun.«

Er schlang den Bindfaden um die Zehe, schnürte ihn fest, steckte einen Haidstengel darunter, wirbelte ihn zweimal herum, und tat einen schnellen Schnitt in die Zehe. »Hat es sehr weh getan?« fragte er dann. Das Mädchen schüttelte den Kopf und lächelte aus ihrer Blässe heraus.

»Soll ich etwas Alkohol besorgen?« fragte der Gendarm, »in zehn Minuten bin ich bei der Wirtschaft.« Volkmann nickte: »Besser ist besser. Reiten Sie los; ich und er, wir wollen das Fräulein Ihnen entgegentragen. Gehen ist nicht gut; die Hauptsache ist Ruhe und kaltes Blut. So, mein Fräulein, nun ziehen Sie bitte den Strumpf über und legen Sie Ihre Hände auf unsere Schultern. Sie brauchen keine Angst zu haben; von hundert Otterbissen geht kaum einer schlimm aus und auch meist nur bei Kindern.«

Mit schnellen Schritten gingen die beiden Männer die Landstraße entlang, auf ihren verschränkten Händen das Mädchen tragend, das ihre Arme um die Schultern der Männer gelegt hatte. Ruloff Ramakers Gesicht glühte vor Verlegenheit; Lüder Volkmann aber sah düster aus.

»Es ist doch nicht gleich,« dachte er, »ob man noch ein anständiger Kerl vor der Welt ist, oder nicht.« Er wünschte, er wäre alt und häßlich gewesen, aber ohne den Sprung in seinem Rufe; dann hätte er mit dem Mädchen sprechen dürfen, mit ihr, die an Wuchs und Angesicht und Stimme ganz so war wie jene Frau in Göttingen, vor der er floh, weil er sie so lieb gehabt hatte.

Viel schöner war diese hier noch, viel adliger von Gestalt, und noch süßer hatte ihre Stimme geklungen, viel, viel süßer. Und der Duft ihrer goldenen Flechten war köstlich. Wie gern hätte er zu ihr gesprochen; aber sollte er, der Strolch, den jeder Gendarm stellen durfte, dieses Weib hier anreden? Zu Fürstinnen spricht man nicht ungefragt. Rot schlug ihm die Scham in das Gesicht, und tief seufzte er auf.

»Ich bin Ihnen wohl sehr schwer?« fragte die klare Stimme an seiner Schulter. Er schüttelte den Kopf; er wollte weiter schweigen, aber die Stimme öffnete seine Lippen. »Wie ist das gekommen, mein Fräulein?« Sie lächelte: »Ich laufe so gern barfuß in dem reinen Sande und auf der trockenen Haide; an die Schlangen hatte ich nicht gedacht.« Sie schwieg und wartete auf eine Gegenrede.

Mit scheuen Blicken streifte sie sein Gesicht. Daß es noch solche Männer gab! Das war ja eine Gestalt aus dem Nibelungensang, trotz des schäbigen Rockes, trotz des Halbwochenbartes.

Was er wohl sein mochte? Wie er wohl auf die Landstraße gekommen war? Auf der linken Backe hatte er drei lange Schmisse und einen rechts unter der Lippe. Wie schön der Mund dieses Mannes war, ein stolzer Knabenmund. Mitleid stieg in ihr auf und feuchtete ihre blauen Augen.

»Da kommt der Gendarm«, sagte der Mann und sah sie an, und dann wurde er rot wie ein Weib, denn er sah in ihren Augen, daß sie Anteil an ihm nahm, und sie wandte den Kopf ab, denn auch ihr war das Blut in das Gesicht geschossen.

»Es ist guter Portwein,« sagte der Beamte, als er die Flasche hervorzog, »das gnädige Fräulein können ihn ruhig trinken. An den Doktor ist schon telephoniert; er ist unterwegs.« Er sah die Männer an. »Soll ich einen von Ihnen ablösen?« Volkmann und Ramaker schüttelten die Köpfe und setzten sich in Bewegung.

Als sie nach einer Weile bei der Wirtschaft waren, stand Doktor Hellweger schon da. Er sah Volkmann erstaunt an, untersuchte den Fuß, nickte mit dem Kopfe und sagte, als er die Wunde ausgewaschen und statt des Bindfadens einen Gummiring um die Zehe gelegt hatte: »Wie lange nach dem Biß ist der Schnitt gemacht?« und als das Mädchen sagte: »Nach höchstens fünf Minuten«, fuhr er fort: »Dann ist keine Gefahr da; es ist nur eine ganz kleine örtliche Schwellung vorhanden. Noch ein Gläschen Portwein, ehe der Wagen kommt! Das hält das Herz frisch.«

Volkmann sah den Arzt an: »Das ist eine veraltete Theorie, Herr Doktor; das Schlangengift geht durch die Blutbahn in den Verdauungstraktus. Alkohol ist gutes Gegengift, doch nur, weil er das Gift im Magen bindet. Versuche an Hunden, bei denen ich zugegen war, haben das ergeben.« Der Arzt machte runde Augen und fragte: »Sind Sie Mediziner?« Der Strolch schüttelte den Kopf und ging in das Haus; Ramaker folgte ihm.

»Da kommt mein Wagen, liebes Fräulein,« rief Hellweger. »Wo ist der Herr, der mir geholfen hat?« fragte das Mädchen; »ich muß ihm danken.« Der Arzt trat auf die Deele und sah sich um. »Sie haben sich nur ein Glas Milch geben lassen und sind schon weiter«, antwortete die Frau. Der Doktor schüttelte den Kopf: »Merkwürdig!« Holde Rotermund wurde blaß, als er ihr sagte, daß die Fremden schon fort wären.

Als der Arzt sie nach dem Pfarrhause von Hülsingen fuhr, dachte er darüber nach, wo er den Mann schon gesehen hatte, denn daß er ihn kannte, das wußte er. Diesen Prachtkopf und den zackigen Schmiß auf der rechten Backe vergaß man nicht. Der Arzt blätterte in seiner Erinnerung hin und her, fand aber die richtige Stelle nicht.

Der Wagen hielt vor der Pfarre. Ein Jägeroffizier trat an den Schlag, küßte Holde beide Hände, grüßte den Arzt, machte sich bekannt, und sagte: »Urlaub bekommen; der Alte brummte zwar, ging aber nicht anders. Zu große Sehnsucht!«

Er lachte, daß die weißen Zähne in seinem hübschen Gesicht blitzten; aber als seine Braut aus dem Wagen stieg, zog er die Stirne kraus, denn er sah, daß sie nur einen Schuh anhatte. »Ja,« erklärte sie lächelnd, »mich hat eine Schlange gebissen. Ich war ein bißchen barfuß im Sande herumgelaufen.«

Der Leutnant sagte nichts, aber seine Lippen schlossen sich fest zusammen und seine Stimme klang kalt, als er der Magd zurief, sie solle Hausschuhe bringen.

Bevor er Holde in das Haus geleitete, dankte er in verbindlicher, gemessener Weise dem Arzte. Als dieser sagte, daß ein fremder Mann, allem Anscheine nach ein verbummeltes Genie, die erste Hilfe geleistet und die Bißstelle ausgesaugt hatte, fuhr Leutnant von Zollin zurück und machte ein Gesicht, als hätte er ein Haar in der Zigarre gefunden. Er lud den Arzt ein, am Frühstück teilzunehmen, der aber dankte kühl und fuhr los.

Das Frühstück verlief laut, aber es war keine Laune dabei. Holde Rotermund lag auf dem Sofa, aß fast nichts und hatte ein nachdenkliches Gesicht, so daß ihre Vatersschwester solange ihrer Angst Ausdruck gab, bis das Mädchen sagte: »Aber, Tantchen liebes, Gefahr ist gar nicht; mir ist der Portwein in die Glieder gefahren.«

Zerstreut hörte sie zu, wie ihr Verlobter vom Dienst, von der Jagd und von den Rennen sprach und daß die Prinzessin Mathilde sich nach ihr erkundigt und gesagt hatte: »Frau Leutnant von Zollin schlägt uns noch einmal alle tot mit ihrem Gesicht;« er lachte seiner Braut zu und hob das Glas gegen sie.

Die aber sagte: »Ich glaube, ich muß erst ein bißchen schlafen« und hielt dem Bräutigam die Backe hin. »Nicht mehr?« fragte der und küßte sie fest auf den Mund und mit purpurrotem Gesicht machte sie sich los.

In ihrem Schlafzimmer stand sie vor dem Waschtische und sah in den Spiegel. Dann fuhr sie sich mit dem Schwamm über das heiße Gesicht und dreimal über ihre brennenden Lippen.

Sie lag auf dem Bette und sah gegen die weißen Deckenbalken; Dienst, Jagd, Rennen, der Hof, das war alles, wovon Wladslaw sprach, heute und morgen und übermorgen.

Wovon der fremde Mann wohl sprach? Wer mochte er sein und wo mochte er jetzt sein? Ihr war es, als hörte sie seine Stimme immer noch, diese warme, gute, reine, volle Stimme. Draußen lachte ihr Bräutigam. Ach ja, er war ja ein netter Kerl, und hübsch war er und schnittig gewachsen und artig und aufmerksam; aber, aber, an dem, was sie rührte, ging er gleichgültig vorbei; wenn am Himmelsrande das rote Licht und das schwarze Gewölk Hochzeit machten, sah er nur die Rehe in den Wiesen, und in der Haide erblickte er nichts als Ödland. Was sie schon bald gedacht hatte, jetzt wurde es ihr klar: sie paßten nicht zusammen.

Im Garten sang der Goldammer; heute früh hatte er gesungen: »Wie, wie hab ich dich lieb!« Aber nun sang er: »Mein Nest ist weit, weit, weit!«


Der Täuber.

Wenn Lüder Volkmann geahnt hätte, daß Holde Rotermunds geheimste Gedanken hinter ihm herflatterten, so hätte er sein Haupt wohl noch tiefer auf die Brust hängen lassen.

Ruloff Ramaker wußte nicht, was in den anderen gefahren war; Lüders Augen hafteten auf dem Boden und seine Lippen waren nicht zu sehen. Ramaker war nur ein Bauernknecht, aber er liebte seinen Genossen und es betrübte ihn, daß der im Schatten ging.

Es war so wundervoll da in der wilden Wohld; das Sonnenlicht fiel durch die Zweige der Fuhren, das Farrenkraut reckte sich aus dem Boden, die gelben Kohmolken blühten im Graben und unter dem Buschwerk die weißen Windröschen; viele Vögel sangen und der Täuber rief.

In der Nacht hatten die beiden Männer in der Ochsenhütte vor dem Bruche geschlafen; Volkmann hatte bis gegen Mitternacht vor der Türe gesessen und dem Brummen der Rohrdommel und dem Meckern der Himmelsziege zugehört. Er schlief noch, als der Vormorgen kam, und als Ramaker wach wurde, hörte er, wie der andere stöhnte und murmelte, und er sah, wie er sich hin und her warf.

Nun lag er mit dunklem Gesicht da und lächelte kein bißchen, als zwei verliebte Eichkatzen auf dem Knüppeldamm hin und her sprangen, fauchten und schnalzten und auf alberne Art mit den Schwänzen wippten.

Sein Blick bekam noch nicht einmal Leben, als aus dem Unterholze der Schwarzstorch heraustrat; wie Flammen leuchtete der Schnabel und wie Edelerz funkelte das Gefieder, als er in die Sonne kam.

Volkmanns Stirn wurde noch krauser, als er den Waldstorch sah. Er erblickte ein Gleichnis in ihm. Ein adelig Tier war es, stolz und schön, alter deutscher Urwaldheimlichkeit letztes Vermächtnis, und in Acht und Aberacht erklärt von einer herzlosen, seelenarmen Zeit, die es ihm, dem Adewar, dem Otternwehrer, nicht vergab, daß er die Forelle und den Junghasen nicht verschmähte.

Kerle, die sich Jäger nannten, aber zu der Schinderzunft gehören müßten, knallen das vornehme Geflügel nieder, wann und wo sie es antreffen, Leute, die statt des Herzens eine Geldbörse im Leibe haben.

Ruloff machte eine hastige Bewegung, als der Waldstorch aus dem Gebüsch trat; drei Sprünge tat der Vogel, schwang sein Gefieder und verschwand. »Was war das?« fragte Ruloff seinen Genossen; »solch ein Tier habe ich meinen Tag noch nicht gesehen!«

Dumpf klang Volkmanns Antwort: »Der schwarze Storch«, denn er dachte grade daran, daß er selber auch in Acht und Aberacht war, wie jener Vogel, und nur, weil er das Gesetz in seiner Brust über das papierne Recht gestellt hatte.

»Das Leben ist eine traurige Posse für ernste Menschen«, dachte er; das Weib, das er schützte, indem er seinen ehrlichen Namen auf den Richtblock legte, war nicht wert gewesen, daß er ihretwegen ein Fingerglied opferte; aber damals hatte er sie geliebt, weil sie das matte Spiegelbild jener schönen Frau war, der sein junges Herz entgegengeblüht hatte.

Und die war wieder nur ein Vorspuk der Tausendschönen gewesen, deren Stimme gestern sein Herz gerührt hatte. Wie sie wohl gerufen wurde? Ein Name mußte es sein, wie die hellichte Morgensonne, warm und voller Kraft.

Mit Freuden würde er sein Leben unter ihre Füße legen, und seinen ehrlichen Namen, hätte er noch einen, und kein Dankeswort würde er dafür begehren. Seine Liebe schwang sich über den Wald und über das Moor und flog zu dem Hause, in dem ihre Stimme klang.

Ernst klang sie und Pfarrer Behrmann machte ein ganz unglückliches Gesicht und rauchte, wie unklug vor Aufregung seine lange Pfeife. »Nein, lieber Ohm,« sprach seine Nichte, »nein, ich liebe ihn nicht. Ich war ein Kind, als ich mich mit ihm verlobte. Ein Leutnant, ein hübscher Leutnant, du lieber Himmel, ich war so selig, wie damals, als ich die Schreipuppe zum Weihnachtsfeste bekam, als ich zum ersten Male mit ihm über die Straße ging.

Aber weißt du, liebes Öhmchen, ich mochte eigentlich nie, daß er mich küßte. Jaja, ich weiß, was du sagen willst, aber du gehst irre, wenn du glaubst, die Ehe würde die Liebe vertiefen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Bedenke: ich bin nicht adelig, habe nur ein kleines Vermögen; ich kann dir sagen, die Sammetaugen der schönen Panna Zollin, geborene von Mielczewska, waren kalt wie Eis, als ich ihr die Hand küßte.

Und Wladslaw? Er liebt das an mir, was am wenigsten Wert ist; mein Inneres versteht er nicht. Sein Gott ist die Gesellschaft, seine Moral das Herkommen. Er ist klug, aber ich glaube, er hat ein unterernährtes Herz. Es wird ihm wohl nicht abwelken, wenn er morgen meinen Brief liest, und seiner Laufbahn wird die Aufhebung des Verlöbnisses auch nicht schaden, eher nützt sie ihm bei Hofe.«

Sie gab dem alten Herrn einen Kuß auf die faltenreiche Backe und ging in den Garten.

In dem Wirrwarr des Bocksdornbusches in der Mauerecke saß der Goldammer und sang seine Weise, die man auf Lust und auf Leid deuten konnte.

Holdes helle Augen beschatteten sich; sie dachte an den fremden Mann im schäbigen Rock, an das stolze Gesicht unter dem abgetragenen Lodenhut, an die Stimme, so rund und so voll, wie ferner Täuberruf, an die großen, schönen, braunen, langfingrigen Hände, die so sicher und so zart zufaßten.

Ihr ganzes Leben lang würde sie an diesen Mann denken müssen, und niemals würde sie es sich verzeihen, daß er gegangen war, ohne daß sie ihm dankend die Hand gedrückt hatte.

Sie fühlte, wie ihr Gesicht aufflammte; von diesem Manne würde sie sich gern auf den Mund küssen lassen, ohne zu fragen: wer bist du und was geschah dir, daß auf deinen Schuhen der Staub der Landstraße liegt?

Sie hatte ihm mehr zu danken, als die Hilfe, die er ihr brachte; er hatte ihre Seele gerettet. Wäre er ihr nicht entgegengetreten, so hätte sie wohl nicht den Mut gefunden, den goldenen Reif von ihrer Linken zu streifen, der sie dem Manne eignete, vor dem ihre Seele sich verkrochen hatte, wenn sie seine Stimme hörte.

Mit klingendem Schwingenschlage schwang sich ein Ringeltäuber in die Eiche und sang sein dunkles Lied: »Du, du, du, du, du,« hörte Holde Rotermund heraus, und dasselbe dachte ihr Herz.

Es dachten noch mehr Leute an den Fremdling, vor allem Doktor Hellweger. Er kegelte mit dem Amtsrichter, dem Lehrer, dem Pastor aus Deipenwohle und dem Oberförster. Was er tat, der dicke Doktor, das tat er ganz; aber heute war er nicht bei der Sache. Noch nie hatte er so viele Pudel geschoben.

Gedankenlos sah er der Kugel nach, sah alle Kegel außer dem ersten fallen, und anstatt, wie er sonst tat, wenn er gut warf, das Lied vom gerechten Heuschreck zu pfeifen, sah er in die Luft, als die Kegeljungen sangen: »Acht und acht ums Vordereck, ist so rar wie Ziegenspeck.« Er mußte immer daran denken, wo er den Landstreicher schon einmal gesehen hatte.

In diesem Augenblicke ging der Gendarm vorüber. Der Amtsrichter, dem der Arzt seine Begegnung mit dem fremden Manne erzählt hatte, rief den Beamten heran: »Schenken Sie sich ein Glas Bier ein, Herr Wachtmeister. Sagen Sie, wie hießen denn die beiden Leute, die Fräulein Rotermund zum Kruge trugen; oder haben Sie sich die Namen nicht angemerkt?«

Köllner zog sein Taschenbuch hervor: »Doch, Herr Amtsrichter, hinterher fiel es mir ein, daß ich das über der Aufregung ganz vergessen hatte, und ich ritt ihnen nach. Der eine, der ohne Schmisse, ist ein ehemaliger Knecht namens Ruloff Ramaker; der andere heißt Lüder Volkmann und sagte, er wäre früher Schriftsteller gewesen und sei kürzlich von Amerika zurückgekommen. Ich mochte ihn nicht dem Amtsgerichte zuführen; er sah nicht so aus, als ob er irgendwie verdächtig wäre, und der andere auch nicht; der hatte übrigens Papiere.«

»Volkmann, Volkmann?« murmelte der Amtsrichter; »das ist ja ein hiesiger Name; und Lüder? wenn die Angabe stimmt, dann ist der Mann ja der Erbe von dem Hilgenhofe. Vielleicht weiß er das noch gar nicht. Wissen Sie was, Herr Wachtmeister? Stecken Sie sich das Amtsblatt mit dem Aufrufe ein, in dem Lüder Volkmann aufgefordert wird, sich zu melden. Vielleicht treffen Sie ihn noch einmal bei Ihren Dienstritten und können dem Mann zu seinem Eigentum verhelfen. Wie der Herr Doktor sagt, hat er ja einen sehr guten Eindruck gemacht trotz der abgerissenen Kleidung und auf Sie auch. Lüder Volkmann! Es ist mir, als ob ich den Namen sonst schon gehört hätte.«

Wie gewöhnlich, setzten sich die Kegelfreunde noch eine Weile in das Vereinszimmer. »Wie sah der Fremde aus?« fragte Pastor Meyer den Arzt, und als der die Beschreibung gegeben hatte, sagte der Pastor: »Dann stimmt das. Meine Frau kam gestern nach Hause und erzählte: denke dir nur, Karl, bei der neuen Mühle begegnen mir zwei arme Reisende; der eine hatte Schmisse und sah aus, wie Armin der Cherusker in Zivil. Das ist augenscheinlich dieser Mann gewesen. Wie mag der auf die Walze gekommen sein?«

Sonst ging es nach dem Kegeln immer lustig her; der Arzt hatte einen trockenen Humor und der Amtsrichter lachte gern; dieses Mal kam aber so recht keine Stimmung auf. Sie dachten alle an Lüder Volkmann, den Landstreicher.

Am meisten beschäftigte sich Doktor Hellweger mit ihm. »Wo habe ich das Gesicht doch schon gesehen?« dachte er in einem fort, als er in seinem Wagen durch die Abendhaide fuhr, in der die Himmelsziegen meckerten und die Mooreulen riefen.

Plötzlich wußte er es. Richtig! Göttingen, das Paukzimmer, die gemeine Korpshatz zwischen den Kölnern und den Longobarden. In einem fort hatten die Kölner angefragt: »Herr Unparteiischer, drüben mit Kopf zurückgegangen?« Da hatte schließlich auch der Sekundant der Longobarden angefragt, und immer hieß es: »Nichts bemerkt!« Endlich hatte er gesagt: »Bitte darauf zu achten.« Und wieder hieß es auf seine Anfrage: »Nichts bemerkt!« Da hatte er sich umgedreht, gewinkt, und hinter ihn trat der Ersatzsekundant, und da fragte er lächelnd: »Herr Unparteiischer, zu was sind Se eigentlich bloß da?«

Das gab einen gewaltigen Krach; hier Wutgezisch, da Hohngelächter, und der Sekundant mußte abtreten. Ein ganzes Semester lang war er eine Berühmtheit, der lange schöne Fechtwart der Longobarden, der cand. rer. nat. Lüder Volkmann.


Das Käuzchen.

Der Wachtmeister ritt am nächsten Tage nach Quelingen. Als er so dahinritt, hörte er die Kiebitze rufen; er stellte sich in die Bügel, denn er dachte, daß da ein Fuchs wäre, und sah die beiden Landstreicher über die Wiesen kommen. Er wartete, bis sie an der Straße waren, schwang sich aus dem Sattel und rief: »Guten Tag, Herr Volkmann!«

Lüder Volkmann grüßte wieder. »Ich habe immer noch keine Papiere.« Der Wachtmeister lachte und griff in die Tasche: »Aber ich habe eins für Sie; das hier soll ich Ihnen im Auftrage des Herrn Amtsrichters zeigen.«

Volkmann las, aber seine Züge veränderten sich kaum, als er Ramaker die Anzeige wies. »Merkwürdig!« sagte er, »wir wollten grade dahin; ich bin als Kind dort oft bei meinem Oheim gewesen.«

Ramaker schüttelte Volkmann die Hand: »Wie mich das freut, wie mich das freut!« Aber dann setzte er hinzu: »Jetzt hat unsere Freundschaft wohl ein Ende?«

Der andere schüttelte den Kopf: »Da kennst du mich schlecht, Ruloff. Aber nun müssen wir wohl auf Reethagen zu. Wie weit ist das?«

Der Wachtmeister überlegte: »So Stücker drei bis vier Stunden.« Volkmann reichte ihm das Blatt zurück und zog den Hut: »Sie sollen auch bedankt sein, Herr Wachtmeister, und Ihr Herr Amtsrichter auch.«

Er wollte sich zum Gehen wenden, aber Köllner gab ihm die Hand: »Ich wünsche Ihnen viel Glück, Herr Volkmann,« und als er sah, daß der andere errötete, warf er noch hinterher, indem er in den Steigbügel trat: »In Reethagen kehren Sie im Weißen Roß ein; grüßen Sie den Wirt Nordhoff von mir.« Er legte die Hand an den Helm und ritt weiter.

»Mensch, Mensch,« schrie Ramaker und schlug sich auf den Schenkel, »das Glück, das Glück!«

Der andere sah ihn ernst an: »Ob es eins ist? Wer weiß? Theodor Volkmann, der mir den Hof verschrieb, oder Ohm Töde, wie ich ihn nannte, war Naturforscher; es hieß von ihm, er sei überspönig, weil er ein gelehrter Mann war, sich aber wie ein Bauer trug. Er hatte damals schön geschimpft, als ich studieren wollte. ›Bauer mußt du werden, dann hat dir kein Mensch was zu sagen‹, knurrte er.«

Es war um die Ulenflucht, als die beiden Männer in Reethagen ankamen und sich nach dem Weißen Rosse hinfragten. Das war eine Wirtschaft nach alter Art mit einem Strohdache, aus dessen Giebelloch der Herdrauch herauskam.

Als sie über die Deele gingen, sah der Wirt sie erst von der Seite an. Er war ein mittelgroßer Mann mit ernstem Gesicht und ruhigen Augen; wenn er sprach, sah es aus, als täte es ihm leid, daß er den Mund aufmachen müsse; darum sprach er durch die Zähne.

Er setzte Volkmann und Ramaker Brot, Wurst, Butter und Bier hin und sagte: »Laßt es Euch schmecken!«

Als sie gegessen hatten, fragte Volkmann, ob sie über Nacht bleiben könnten. Der Wirt nickte: »Ja, wenn ihr beide in einem Bette liegen gehen wollt? Die andere Kammer hat der Jagdpächter.« Volkmann nickte und brannte sich seine Pfeife an. Dann fragte er: »Ist der Vorsteher wohl heute noch zu sprechen?« »Ja,« sagte Nordhoff, »der kömmt gleich; er hat mit dem Jäger allerlei zu besprechen.«

Draußen gingen Schritte, die Tür klinkte auf und der Jäger trat herein. Er bot die Tageszeit und sagte: »Nordhoff, gebt mir schnell eine Flasche Bier; ich bin ganz dröge im Halse. Es ist doch ein Ende hin vom Donnermoore bis hierher. Und heute will ich durchschlafen; habe jetzt drei Nächte wegen der Birkhähne um die Ohren geschlagen. Sieh, da ist ja auch der Vorsteher! Guten Abend, Garberding! Freimut läßt grüßen; er schimpfte Mord und Brand, daß er nicht mitkonnte, aber er hat viel zu tun und morgen eine Verteidigung in einer schweren Sache. Na, die Sache mit Engelkens Apfelbäumen können wir beide ja auch abmachen.«

Während er aß, besprach er mit dem Vorsteher, wieviel der Anbauer Engelke wohl für den Schaden haben müsse, den die Hasen ihm im Nachwinter gemacht hatten, und dann ging er in seine Schlafkammer.

Da trat Volkmann an den Vorsteher heran: »Ich würde Sie gern in einer Sache sprechen, wenn Sie Zeit haben.« Vollmeier Garberding sah ihn an und nickte.

»Dann geh du man in die Kammer, Ruloff«, sagte Volkmann, »und wenn Sie es nicht übelnehmen, Herr Wirt, am liebsten wäre es mir, wenn ich dem Herrn Vorsteher meine Angelegenheit unter vier Augen vortragen könnte.«

Als er allein mit Garberding war, nannte er seinen Namen. Der Vorsteher sah ihn groß an: »Dann gehört Ihnen ja der Hilgenhof.« Der andere nickte und erzählte, wie es ihm gegangen war, denn der Vorsteher, das sah er dem langen hageren Mann am Gesichte an, war ein Mensch, der das nicht weiter herumbrachte. So schlug er denn die Hauptstellen aus seinem Lebensbuch vor ihm auf.

Der Vorsteher verzog keine Miene, aber als Volkmann das Buch zuschlug, gab er ihm die Hand und sagte: »Daß Sie kein schlechter Mann sind, weiß ich von Ihrem Oheim, der mir Ihre Sache seinerzeit verklarte, als in den Zeitungen darüber geschrieben wurde. Nun Ihnen der Hof auf dem Hilgenberge zu eigen ist, gehören Sie zu uns, denn der Hof gehört noch zu Reethagen. Das meiste Land hatte der alte Volkmann verpachtet; es ist in guten Händen; für sich hatte er bloß so viel zurückbehalten, als er Bedarf dafür hatte. Nach alle dem, was Sie mir erzählten, glaube ich, daß Sie mit der Zeit selber den Bauern spielen können. Ich glaube auch, daß Sie dadurch am besten von Ihren Gedanken abkommen.«

Er sah Volkmann an und fuhr fort: »Die anderen brauchen von Ihrem Vorleben nichts zu wissen; kommt es später rund und haben Sie Verdruß davon, dann wenden Sie sich nur an mich. Klatschen und Neidböcke wachsen auf jedem Boden, aber die mehrsten Leute hier sind anständiger Art. Wenn Sie sich in die hiesige Art schicken und sich zu den Leuten zu stellen wissen, fragt kein einer danach, was Ihnen draußen zugestoßen ist.

So, eins noch: Das meiste Bargeld hat der alte Volkmann für Stiftungen hingegeben; der Rest, der Ihnen zugeschrieben ist, liegt auf dem Amte. Sie werden doch noch jemanden haben, der Sie als Erbberechtigten ausweisen kann? Da Sie ja keine Papiere haben, ist das das nächste, was Sie tun müssen. Morgen früh bei Klocke achte will ich mit Ihnen nach dem Hilgenhofe gehen. Und nun: Gute Nacht; lassen Sie sich was Schönes träumen.«

Er stand auf und gab Volkmann die Hand. In der Türe drehte er sich noch um: »Unter uns: Das halbe Haus ist vermietet, aber da ist doch noch Platz genug für Sie. Die eine Hälfte hat der Pächter und die, wo Ihr Ohm lebte, hat seine Haushältersche, eine Frau Grimpe, ein ganz tüchtiges Frauenzimmer, die auf Hochzeiten und so als Köksche ihren Mann steht.«

Er biß an seiner Zigarre herum: »Ob es das Richtige ist, daß Sie mit ihr zusammenleben, das ist eine andere Sache. Die Frau ist nicht von hier; sie soll alles mögliche gewesen sein, wird erzählt. Hier hält sie sich ganz anständig, aber immerhin, für ganz voll wird sie nicht genommen. Dem alten Volkmann hat sie zwei Jahre die Wirtschaft geführt, aber das war ein alter Mann. Na, es ist ja Ihre Sache, wie Sie sich zu ihr stellen. Also: bis morgen.«

Als Ramaker und Volkmann in dem breiten Bette in der Fremdendönze lagen, sagte Ramaker: »So ein Bett, das ist doch etwas Gutes!« und Volkmann erwiderte: »Na, du kannst ja nun immer in einem richtigen Bette schlafen.«

Er hatte es sich vorgenommen, den Mann zu behalten. Er war ein Bauernknecht aus der Grafschaft Bentheim; Lüder hatte ihn wintertags im Emsemoore angetroffen, als der Mann, der halb verhungert und ganz ausgefroren war, sich grade aufhängen wollte, hatte ihm zu essen gegeben und ihm die dummen Gedanken aus dem Kopfe geredet, denn Ramaker war das Leben leid geworden, weil er nirgends in Arbeit behalten wurde.

Er hatte nämlich in der Trunkenheit einen Totschlag begangen, mehr aus Zufall, denn aus Absicht, aber durch die Zeugenaussagen wurde der Fall so gedreht, daß er mehrere Jahre bekam. Das hing ihm überall nach.

Nun aber hatte die Not ein Ende: »Bauer,« sagte er zu Volkmann, »du sollst sehen, wie ich arbeiten kann; ich sage dir, wenn ich erst den Pflugsterz in der Hand habe, kennst du mich nicht wieder. Nein, so ein Glück, so ein Glück!« hatte er noch im Halbschlafe gemurmelt.

Lüder Volkmann lag noch lange wach. Er hatte erst keine große Lust, den Hof zu behalten; er dachte, er wollte ihn verkaufen und mit Ramaker zusammen in Südafrika anfangen, denn er wußte, selbst hier hinten in der Haide würde er doch ab und an gegen seine Vergangenheit anlaufen.

Anderseits: der Haidhunger, der ihn aus Kanada forttrieb, der würde sich auch in Afrika neben ihn stellen; er stammte aus der Haide, wenn auch sein Vater und sein Ahne Stadtleute gewesen waren. Was man ein Leben nennen konnte, gab es für ihn nur in der Haide; nur, wenn er früher in seiner Haidjagd waidwerkte und Pürschstiege schlug und Kanzeln baute, hatte er sich wohl gefühlt; in der Stadt war er sich eigentlich immer albern vorgekommen zwischen dem lauten, unruhigen Volk, das sich wie die Spatzen benahm: immer in hellen Haufen und ständig den Schnabel offen.

Draußen rief das Käuzchen; Lüder schien es im Anschlafe, als riefe es: »Bliw hier, bliw hier!«


Die Rabenkrähe.

Das erste, was er hörte, als er aufwachte, war wieder das Käuzchen, und es rief immer noch: »Bliw hier, bliw hier!«

Er ging in den Hof und wusch sich am Sood; als der Morgenwind ihm das Gesicht abtrocknete, machte ihm die Eule vom Speicherdache einen Diener, rief noch einmal: »Bliw hier!« und verschwand im Uhlenloche.

Ein gelbbunter Schäferhund kam aus dem Hause, sah den Fremden erst mißtrauisch an und umging ihn, aber so wie er unter Wind kam, wedelte er, kam heran und ließ sich abliebeln.

Nordhoff, der grade aus der großen Türe trat, machte runde Augen, als er das sah, denn Strom ging sonst ganz selten zu fremden Leuten, und es war dem Wirte immer ein Zeichen, wie er einen Menschen einschätzen sollte, je nachdem der Hund sich dazu stellte.

Darum machte er die Lippen auf und sagte: »Na, gut geschlafen?« Volkmann nickte und der Krüger fuhr fort: »Denn haben Sie wohl auch Hunger; wollen Sie Kaffee oder Grütze? Wir sind hier nämlich noch von der altväterischen Art.« Sein Gast lachte: »Ich auch; ich habe früher gar nichts anderes zur Morgenzeit gegessen,« antwortete er im Haidjerplatt. »Na, dann essen Sie mit uns,« kam es zurück.

»Er spricht platt, also gehört er zu unserer Art«, dachte Nordhoff, und als nachher Lieschen, seine jüngste Tochter, ein scheues Kind, ohne sich zu zieren dem Fremden das Händchen gab und sich auf den Schoß nehmen ließ, sah er seinen Gast mit ganz anderen Augen an, als am Abend vorher.

Schlag acht war Volkmann auf Tormanns Hof. Er hatte sich den Bart abgenommen, sich gründlich abgebürstet, seine Schuhe geputzt und sah wieder ganz anständig aus. Als er auf die Deele trat, kam ihm eine riesenhafte Frau von gewaltigem Leibesumfang entgegen, die aber ein Gesicht hatte, wie die liebe Güte selber.

»Herzlich willkommen,« rief sie mit einer so dünnen Stimme, daß Volkmann erst dachte, jemand anders hätte das gerufen: »Garberding kommt gleich; setzen Sie sich so lange.«

Gleich darauf kam der Vorsteher, begrüßte seinen Gast und ging mit ihm in die Dönze; »Schade, daß Sie nicht etwas besser im Zeuge sind; der Hut ist ziemlich alle.« Er langte in den Schrank. »Der paßt wohl; er ist noch ganz neu. Und hier ist ein reines Halstuch; das sieht gleich ordentlicher aus, und da ist ein Handstock. Übrigens: meiner Frau habe ich so ungefähr Bescheid gesagt; aus der kommt nichts wieder heraus. Ein bißchen frühstücken wollen wir aber erst einmal. Hier ist Feder und Tinte; da können Sie an den schreiben, der vor Gericht aussagen kann, daß Sie der richtige Erbe sind.«

Volkmann setzte sich an den Schreibtisch und überlegte. Der Rechtsanwalt Freimut fiel ihm ein. Als er am Abend vorher den Namen hörte, hatte er sich bei dem Vorsteher danach erkundigt. Er hatte mit dem Baumeister Schönewolf die Reethagener Jagd.

Volkmann kannte ihn aus einem Verein; näher war er ihm aber nicht gekommen. Das geschah erst an dem Tage, als das Urteil gesprochen wurde. Volkmann sah es noch, als wenn es erst drei Tage her gewesen wäre, wie der lange Mann quer durch den Schwurgerichtssaal storchte, daß sein blonder Bart nur so flog, und ihm mit Tränen in den Augen die Hand schüttelte.

Er wußte, wenn einer, so würde der ihm in jeder Weise beistehen, und so schrieb er ihm in diesem Sinne.

»Du lieber Himmel,« sagte Frau Garberding draußen zu ihrem Manne; »es geht doch nirgendswo toller her, als auf der Welt! Was für Takelzeug läuft auf freiem Fuße herum, und diesem Manne da mußte es so gehen.«

Sie stellte das Frühstück hin, und obzwar es erst zwei Stunden her war, daß Volkmann gegessen hatte, so konnte die Bäuerin so gutherzig bitten, zuzulangen, daß ihr Gast herzhaft einhieb.

Der Bauer stellte ihm Zigarren und Streichhölzer hin, zog sich die bessere Jacke an, langte seinen Stock her und sagte: »So, von mir aus kann es losgehen!«

Es war ein schöner Vormittag; die Luft war rein und der Himmel blau und weiß, die Vögel sangen und die Hähne krähten vor Wähligkeit. Der Weg führte zwischen den Wiesen und der Haide hin, so daß Feldlerchen und Dullerchen durcheinander sangen.

Eine Viertelstunde waren sie gegangen, da machte der Vorsteher halt, zeigte auf den Graben vor ihnen und sagte: »Hier hört mein Besitz auf und da fängt Ihrer an, und das ist der Hilgenhof.« Dabei wies er auf einen Busch, der auf dem Berge lag, und aus dessen Bäumen ein weißes Fachwerkhaus mit schwarzen Balken hervorsah, und auf das der Weg zulief.

»Es sind alles zusammen vierhundert Morgen ohne den Anteil am Moore; früher waren es noch mehr, aber es ist allerlei davon in andere Hände gekommen, als Ihr Urgroßvater gestorben war. Es ist aber noch mehr als genug und der drittgrößte Hof in der Gemeinde.«

Volkmann wurde die Brust eng; daß er einen so großen Besitz antreten sollte, daran hatte er nicht gedacht, denn er hatte ganz vergessen zu fragen, wie viel Morgen der Hof habe.

War es auch ein Glück zu nennen, daß er ihn erbte, er konnte dessen so recht nicht froh werden; immer und immer wieder klang ihm die Stimme des schönen Mädchens durch den Sinn, und wo er ging und stand, sah er ihr gutes Gesicht und ihr goldenes Haar.

Nicht einmal hatte er daran gedacht, daß er ihr etwas sein könnte, zumal sie ja mit einem anderen versprochen war, denn sie trug einen Ring an der Hand; sein Wunsch ging nicht weiter, als daß er mit Ehren vor ihr stehen könnte.

Immer, wenn sie ihm in den Sinn kam, in ihrem hellen Leinenkleide, frisch und rein und rosig, dann sah er sich mit kahl geschorenem Kopf und bartlosem, blassem Gesichte, angetan mit dem grauen Linnen des Zuchthäuslers und ihm war, er müsse sich schämen, daß er an sie dachte, er, der Mann mit dem hingerichteten Namen.

Und nun waren sie vor dem Hilgenhofe. Da lag sein Haus und lachte ihm in der hellen Sonne durch die rauhen Stämme der Hofeichen zu. Ein Hahn krähte zum Willkommen, die Finken schlugen, die Hülsenbüsche hinter der klobigen Findlingsmauer, aus der die Farne heraushingen, blitzten in der Sonne, gleich als wollten sie den angrünenden Machangeln, die sich zwischen sie quälten, und den blühenden Schlehbüschen, die sich über die Mauer rekelten, den Platz streitig machen und den Efeu von den moosigen Steinen fortdrängen und es nicht zugeben, daß die Wildrosen und die Brummelbeeren ihr Recht behielten und die Hundsveilchen, die Grasnelken, die Windröschen und die Goldnesseln, die da überall blühten. Eine Elster schnatterte in der Pappel, Dohlen lärmten hin und her und über dem Hausbusche riefen ein paar Turmfalken. Lüder Volkmann tat einen tiefen Atemzug.

»Ja,« sagte sein Begleiter, »der Hof liegt man einmal schön. Nun wollen wir Frau Grimpe Bescheid sagen. Na, die wird Augen machen! Und passen Sie auf, die redet einem ein Loch in den Strumpf und wenn man Kniestiefel anhat. Da ist sie ja schon!«

Eine untersetzte Frau von rundlicher Gestalt mit dicken weißen Armen kam aus der Türe; sie mochte so in den dreißiger Jahren sein, sah freundlich und sauber aus, hatte aber einen unsteten Blick.

Sie schoß auf Garberding zu: »Guten Morgen, Herr Vorsteher; wo komme ich zu die Ehre? Wollen Sie nicht ein büschen näher treten? Sie haben doch noch nicht gefrühstückt? Doch! Schade! He, Pollo! Der Hund kann sich immer noch nicht an die Katze gewöhnen, so viele Schläge er darum auch schon gekriegt hat. Ein Glück, daß Sie erst jetzt kommen; bis Uhre sechse haben wir gewuracht; die eine Sau hat Junge gekriegt, acht Stück. Wollen Sie sie mal sehen? Das eine hat, mit Respekt zu sagen, keine Leibesöffnung. Was macht man bloßig damit? Die Ferkel haben ja jetzt gute Preise; vielleicht kann der Tierarzt da was an machen. Oder was meinen Sie, ob 'ne Opratschon Sweck hat? Das arme Tierchen! Es säuft aber trotz alledem. Ja, wer kann vor Malheur!«

»Das ist der Besitzer vom Hilgenhofe, Herr Volkmann«, mit diesen Worten hackte der Vorsteher ihr das Wort vor dem Munde ab.

»Aurelie Grimpe,« stellte sich die Frau mit einem Knixe vor, der Volkmann an den erinnerte, den seine Wirtin, die dicke Hofbäckermeisterfrau, zu machen pflegte, wenn die Herzoginmutter ihr vom Wagen aus zunickte. Einen Augenblick war Frau Grimpe verdutzt, dann aber zog sie die Schleuse wieder auf.

»Meinen ergebensten Glückwunsch, geehrter Herr! Das ist man gut, daß hier wieder ein Mann hinkommt. So weit es ging, habe ich ja alles in Stande gehalten, aber eine schwache Frau kann nicht das, was ein Mann kann, und so'n Pächter, na, man weiß ja!«

Der Vorsteher machte lustige Augen und sah ihre Schultern und ihre Arme an, sie aber polterte weiter durch dick und dünn: »Ihrem seligen Herrn Onkel habe ich zwei Jahre die Wirtschaft geführt; eine Seele von Mann war das. Natürlich hatte er seine Grappen; sehen Sie mal da!« sie zeigte nach der Miststatt, »da wachsen an die zweihundert Königskerzen, daß man fast nicht mehr heran kann. Glauben Sie, daß die wegdurften? Ordentlich verniensch ist er geworden, als ich darauf zuschlug und er sagte: ›Das ist das Schönste am ganzen Hofe.‹ Na ja, es sieht ja ganz ramantisch aus, wenn sie ihre Blüten entfalten, aber die Propertät leidet darunter.

Das Schlimmste war, er machte sich aus dem Essen gar nichts. Wenn ich ihn fragte: ›Herr Volkmann‹, fragte ich, ›was soll ich kochen?‹ Dann sagte er: ›Das ist meine Sache nicht.‹ So war er. Ach, du meine Güte, sind doch wahrhaftig wieder die Hühner im Garten! Hscht! Wollt ihr wohl! Ja, und wenn ein Swein geslachtet werden sollte, dann machte er, daß er wege kam, so'n Herz hatte der Mann! Und keinmal habe ich ein Huhn vor ihm braten dürfen und eine Taube schon gar nicht.

In anderer Weise konnte er dagegen wie ein Stein sein; keinem armen Reisenden gab er auch man zwei Pfennige. ›Bleibt auf dem Lande und arbeitet bei den Bauern!‹ sagte er einen jeden, wo hier fechten kam. Und wenn auf die Franzosen die Rede kam, denn, wenn der Herr Paster und der Herr Dokter kam, dann wurde sehr politisch geredet, dann sagte er: ›Kaput getrammpt muß die Bande werden!‹ Ja, so war er.

Aber nun sehen Sie sich bitte das Haus an; es ist meist allens wie es war. Die Sammlungen sind an das Museum in Bremen gekommen, Käfer und Bienen und Steine und andere Wissenschaftlichkeiten, denn darin war er groß. Denken Sie bloßig, der pflanzte allerhand wilde Blumens an, bloßig damit die wilden Bienen danach kamen. Den ganzen Tag konnte er bei seinen Büchern und Kästen sitzen, und wenn ich ihm sagte, daß das Essen da ist, dann wurde er falsch. Hscht! Ist mir das Viehzeug von Spatzen bei die jungen Erbsen. Ja, man hat seine liebe Not!«

So ging es in einem Strange fort. Volkmann hörte nur mit einem halben Ohre hin; er sah sich das alte Haus an, den Garten mit den gut gepflegten Obstbäumen und Beerensträuchern, die große Alpenanlage, die zwischen dem Hause und dem Grasgarten lag, in der zwischen und auf den Tuffsteinen viele hundert Blumen und Kräuter wuchsen und sich in den kleinen und großen Wasserkübeln spiegelten, die in den Boden eingelassen waren und in denen allerlei Wasserpflanzen gediehen, die Hainbuchenlaube mit dem Steintische und der grünen Bank, von der man einen Blick über die Haide bis zu dem blauen Walde hatte, die sechs Fischteiche, die hinter dem Grasgarten lagen, die Stallungen und den Rest von dem Vieh, das noch geblieben war; er hörte auf die verständigen Worte, die Garberding an ihn richtete, und dachte, daß es vielleicht doch ein Glück wäre, daß der Hof nun sein Eigentum sei.

Vor ihm, neben ihm und hinter ihm, je nachdem, was sie zu zeigen hatte, witschte Aurelie Grimpe hin und redete Korn und Kaff durcheinander.

Er aber hörte nicht mehr darauf, als auf das, was die schwarze Krähe quarrte, die über den Hof wegflog.


Die Schwalbe.

Es kamen nun zwei graue Regentage, legten sich auf das Land und drückten des Hilgenhoferben Stimmung zu Boden.

Mit ernstem Gesichte half er Nordhoff bei der Arbeit auf dem Hofe, denn der Krüger hatte die Wirtschaft und den Kramladen nur so nebenbei, und Ramaker arbeitete auf dem Felde mit, weil der Knecht eine schlimme Hand hatte. Den beiden Männern kam das sehr zu Passe, denn Volkmanns letzter Taler war verzehrt und so konnten sie Kost und Nachtlager mit ihrer Hände Arbeit bezahlen.

Als am Sonnabend Nachmittag Feierabend gemacht wurde, kam die Sonne durch. Lüder setzte sich in den Garten und machte dem kleinen Lieschen eine Puppe, und Strom, der immer bei ihm war, sah zu. Im blühenden Kirschbaume sang die Schwarzdrossel. Die Grauartschen schwatzten auf der Hecke und von dem Windbrette zwitscherten die Schwalben.

»So,« sagte Volkmann, »nun ist sie fertig, die Puppe. Und jetzt geh nach Deiner Mutter; es ist Abendbrotzeit für Dich.« Das Kind nahm ihn in den Arm und gab ihm einen Kuß auf die Backe, bei dem es dem Manne warm um das Herz wurde; dann lief es mit glänzenden Augen in das Haus und Strom schwänzelte hinterher.

Volkmann steckte sich eine Zigarre an und sah nach den gelben Osterblumen hin, die in dicken Horsten aus dem Rasen kamen und um die ein Ackermännchen herumsprang und nach Fliegen schnappte. Über ihm zwitscherte die Schwalbe in einem fort.

Seine Stirn hellte sich auf: ja, er wollte es wagen, wollte den Hof auf dem Hilgenberge antreten, wollte da hinten in der Haide ein Bauer werden, von dessen Giebel die Schwalbe lustig zwitscherte, und nicht wieder staubige Straßen fahren, an denen der Ortolan sein müdes Lied sang.

Die Welt der Stadtleute lag abseits von seinem Wege; das Schicksal hatte ihn nach harter Buße dahin gestellt, wo er hingehörte, in die Haide; es hatte ihm den Pflugsterz in die Hand gegeben und er wollte ihn festhalten. Und das Geschick hatte ihm einen Gehilfen gegeben in dem heimatlosen Knecht, so daß er nicht ganz alleine mit sich und seiner Erinnerung war.

Ein Wagen hielt vor der Wirtschaft und eine tiefe Männerstimme, die Lüder bekannt vorkam, rief die Tageszeit. Dann kamen Schritte über den Gang, ein Schatten fiel über das Gras, und als Volkmann aufsah, stand der lange Freimut vor ihm. Bis auf einige graue Haare war er noch derselbe Mann wie vordem; seine Augen hatten noch denselben Kinderblick und der blonde Bart bedeckte die ganze Oberbrust. Er war in Jagdkittel und Manchesterhosen und trug Schmierstiefel.

Er stand vor Volkmann, lächelte und schüttelte den Kopf: »Da schlag doch Gott den Deubel dot! Sagt bloß, wo kommt Ihr eigentlich her? Wir lauern und lauern, aber kein Volkmann läßt sich sehen. Einen Preis haben wir auf Euer edles Haupt gesetzt, bestehend in zwölf Pullen Forster Kirchenstück Auslese; aber selbst das half nicht. Schließlich hieß es, Wodan habe eine seiner Schwertjungfern losgeschickt und Euch zu einem längeren Abendschoppen gebeten.

Doch Spaß beiseite. Jetzt wollen wir einmal ernsthaft reden: was trinkt Ihr lieber, weiß oder rot? denn ich habe meinen eigenen Wein hier. Die Sache ist nämlich die: Baumeister Schönewolf, auch einer von uns Niefelheimern, und ich, wir haben die Jagd hier, fünfzehntausend Morgen zusammenhängend, uneingerechnet das große Moor, denn da weiß kein Deubel die Grenze, und der Hilgenhof gehört mit dazu.

Eine Frage noch: wer kennt Eure Verhältnisse hier? Der Vorsteher! Bonus, wie der Küchenlateiner sagt; dann sind wir unser vier: tres faciunt collegium, alleine vier ist auch nicht dumm.«

Er rief in das Haus hinein: »Deern, lauf mal nach dem Vorsteher, er möchte sofort kommen; eine wichtige Angelegenheit harret seiner. Kriegst auch nachher 'n Söten!«

Das Mädchen quiekte und lief los. »Und nun an die Gewehre! Ich habe einen Schmacht, daß ich Mazzes fressen könnte.«

In der besseren Stube saß der Baumeister und streckte Volkmann die Hand hin. Freimut sagte: »Unser Freund weiß Bescheid; er hat Euretwegen einen Lümmel einmal backgepfiffen und ihm nachher eine tadellose Terz in die Rippen gesetzt. So, nun wollen wir der selbstgeschlachteten Wurst die gebührende Ehre antun. Da ist ja auch der Vorsteher! Guten Abend, Vatter Garberding, comment vous portemonnez-vous? Und nun, ihr deutschen Männer,« er füllte vier Gläschen mit altem Korn, »erhebet euch und die Stimmen zum uralten germanischen Weihegesang: Wenn alle eenen hebbt, will eck ook eenen hebben! denn so ist es der Brauch bei den Mannen, so im Rheinischen Hof in Niefelheim, der Stätte der Gräuel, nächtlicherweile tagen.

Und ich soll euch grüßen von der ganzen Schwefelbande, vor allem vom kleinen Doktor, der mitgekommen wäre, wenn er nicht zufällig grade heute freite, und von Knüppel, dem Kunstmaler aus Deutschland, der ein Weib genommen hat und sich nur noch Sonnabends betrinken darf, aber nur ein ganz bißchen. Und hallo, das Wichtigste; als ich grade in die Bahn stieg, sah ich Herrn Mehls; er hat sein ganzes Geld in Kuxen verjuxt und ich führe fünf Prozesse gegen ihn, und an dem Tage, wo er so weit ist, daß er sich sein Mittag aus dem Mülleimer sucht, da will ich dem heiligen Hubertus eine Kerze stiften für hundert Reichsmark.«

Lüder schwoll die Brust, als er den Namen Mehls hörte. Das war der Mann, der ihn zu Tode gehetzt hatte, einst sein Freund, und dann sein Todfeind, den seine politischen Gegner auf seine Wundfährte gelegt hatten, um ihn zur Strecke zu bringen.

»Ja,« sprach der Rechtsanwalt und warf seinem Hunde eine Hand voll Wursthäute hin, »auf dem Bauche soll er kriechen und Staub fressen, der Schweinehund. Ich habe jetzt ein paar Wechsel von ihm in der Hand, damit bringe ich ihn an den Galgen. Seine zweite Frau, wenn es nicht schon die dritte ist, ist ihm ausgerückt, sein Haus ist ihm verkauft, keinen Kredit hat er ooch nicht mehr. Kinder, das Leben ist doch schön! Es lebe das edle Waidwerk und die Jagd auf das Raubzeug! Horüdhoh, do, do, do, do!«

Es wurde ein gemütlicher Abend; der Vorsteher, der sich sonst sehr zurückhielt, taute auf, denn er mochte den langen Rechtsanwalt gern und den Baumeister auch.

Als der Tisch abgeräumt war, wurden Volkmanns Angelegenheiten besprochen. Garberding und Schönewolf waren der Meinung, daß Volkmann den Hof selbst bewirtschaften sollte; Freimut sagte nichts dazu. Nachdem Garberding sich verabschiedet hatte und Schönewolf, der vor Tau und Tag zur Birkhahnbalz in das Moor wollte, zu Bett gegangen war, sagte er:

»Das mit dem Hofe halte ich für Duffsin. Zum ersten, weil Ihr von der dicken Kartoffelzucht nichts versteht, zum zweiten, weil es ein bethlehemitischer Kindesmord wäre, wenn Ihr Euch hier verkriechen wolltet. Freunde habt Ihr genug; ich würde kaltlächelnd wieder die Feder in die Faust nehmen und darauf loshauen. Wir haben damals bei der ganzen befreundeten Presse angefragt, ob sie ferner von Euch Leitartikel und Kunstbesprechungen nehmen würde, und überall hieß es: ›Nun grade!‹ Verpachtet den Hof gut, behaltet Euch eine Stube vor, damit Ihr mit uns jagen könnt, oder noch besser zwei, dann sind wir gleich mitten drin in der Jagd, denn dem guten Nordhoff liegt an Bett- und Mittagsgästen scheußlich wenig und er ist froh, wenn wir ihm sein Bitterbier austrinken und ihn sonst in Frieden lassen. Ihr gehört vorne an, Mann, und nicht hinten in die Haide. Das ist meine Meinung.«

Volkmann schüttelte den Kopf: »Nein, lieber Freimut, ich bleibe hier. Erstens ekelt mich die Parteipolitik an; denn ob schwarz, blau oder rot, mit Wasser wird überall gekocht, mit sehr trübem Wasser oft. Selbst bei meiner Niedersächsischen Bauernzeitung, bei der ich doch alle Parteiklüngelei ausließ, habe ich mich oft drehen und wenden müssen. Und meine anderen Schreibereien? Du lieber Himmel, das, was ich als Kunstkritiker und im Feuilleton leistete, das können hundert andere auch und manche viel besser. Überhaupt ist mir alles, was nach Luxus und Asphalt riecht, in die Seele verhaßt; am wohlsten habe ich mich gefühlt, als ich im Blockhause lebte und keine andere Gesellschaft hatte als meine Margerit, meinen Schweißhund und den Homer.

Unsere Parteipolitik, unsere Kunst, unser Feuilleton, lieber Mann, es ist wie der Asphalt; es sieht glatt und sauber aus, und besieht man es in der Sonne, dann klebt es und stinkt. Ich danke ergebenst! Ich will das werden, was meine Ahnen waren: ein Bauer und von dem ganzen Stadtkrempel mit seiner Talmikultur keinen Schwanzzipfel mehr sehen. Habe ich mich in Kanada, wo doch das Wort gilt: Trapping for sport very well, for Life damned, bequem durchgebracht und noch einen Rucksack voll Dollarnoten dabei übrig gehabt, so werde ich hier auch schon durchkommen. Und ich habe ja Ruloff Ramaker bei mir. Ich weiß, Ihr meint das gut mit mir, aber ich habe mit allem abgeschlossen, was außerhalb meines Ichs liegt.«

Gellendes Hasenquäken weckte ihn am anderen Morgen. Er fuhr im Bette in die Höhe, das er jetzt allein hatte, da Ramaker bei dem Knechte schlief, und sah Freimut vor sich stehen.

»Auf! sprach der Fuchs zum Hasen; hörst du nicht den Jäger blasen?« schrie der und warf ihm einen Jagdanzug auf das Bett: »Host Euch damit an, Hochedler, denn Eure Kluft ist mehr interessant, als sonntagsgemäß. Wir wollen dem Amtsrichter auf die Bude rücken; ich bin gestern bei ihm vorgefahren und er erwartet uns. Wir duzen uns beide; er war mit mir in Berlin im V. d. St. und mit seiner Frau bin ich so auf Umwegen auch noch verwandt, denn sie ist eine Hasselmann, Schwester von unserem Hasselmann, der jetzt in Deutschsüdwest herumtobt.

Donnerhagel, sitzt Euch das Zeug fein, besser als mir! Hier ist ein Hut, und hier ein Wanderstab, wie es sich für den deutschen Mann gehört. Der Vorsteher schickt ihn; Ihr sollt ihn behalten. Seht, da hat er die Volkmannsche Hausmarke hineingeschnitten.«

Hell leuchtete aus dem dunklen Schlehenstocke die alte Eigenrune der Hilgenbauern heraus, und Volkmann wurde seltsam zumute, als er den Stock in die Hand nahm; ihm war es, als träte er damit das Erbe an.

Sie frühstückten und fuhren los. Die Birkenstämme an der Straße blitzten in der Sonne und wehten mit ihrem grünen Gezweige, die Wiesen waren weiß vom Schaumkraut, die Grabenufer leuchteten von den gelben Kohmolken, überall stelzten die Störche umher, und die Luft war voll von Lerchengesang und Krähengequarre.

Das ganze Land sah aus, als wenn es frisch aus der Wäsche gekommen wäre, alle Leute, die ihnen begegneten, hatten blanke Augen, und vor jedem Hause war Hundegekläff und hinter allen Hahnengekrähe.

Der Anwalt schlug Volkmann auf den Schenkel: »Mann, ich glaube, Ihr habt recht; ist das hier schön! Ich wollte verdammt auch lieber hinter dem Pfluge gehen, als Akten durchwurzeln und Verteidigungsreden herausrasseln. Hol's der Deuwel!«

Amtsrichter Ketel Frerksen winkte mit der langen Pfeife, als der Wagen herankam. Er war lang und schlank und man sah ihm den Reserveleutnant an, aber sein Benehmen war das des frohen Burschen, der auf der hohen Schule gewesen war.

»Freut mich von Herzen, Sie kennen zu lernen,« rief er und drückte Volkmann die Hand; »kommen Sie, erst will ich Sie meiner Familie vorstellen.« Er schob seine Gäste in den Garten, wo ein zierliches Frauchen, einen anderthalbjährigen Blondkopf an der linken Hand, mit dem Spargelstecher zwischen den Beeten herumspähte.

»Hier, Lottchen, das ist Herr Volkmann, genannt der Hilgenbur, und das ist mein ältester Sohn, Ubbe Ketelsen; wir sind nämlich Friesen. Und da ist das Frühstück: selbstgeschlachtete Radieschen, selbstgesäte Würste und Spargelsalat gibt es auch, und der Handkäse läuft weg, wenn wir ihn nicht schlachten. Aber was hat denn der Junge? Du willst zu dem fremden Onkel auf den Arm? Das ist doch sonst deine Art nicht? Komm, Väterchen will dich nehmen! Nicht? Na, das ist die Höhe!«

Volkmann nahm das Kind hin, das ihm die Backen strich, ihn fest in den Arm nahm und ihm einen Kuß auf das Haar gab. Die hübsche Frau des Amtsrichters schlug die Hände zusammen: »Das hat er noch nie bei einem Fremden getan, noch nicht einmal bei seiner Minna. Bitte, Minna, nehmen Sie das Kind.«

Das Mädchen kam, aber der Junge fing gefährlich an zu brüllen, als er von Volkmann fort sollte, er klammerte sich fest an ihn an und jubelte auf, als Lüder der Magd abwinkte, und er jauchzte vor Wonne, als er aus der braunen Hand ein Butterbrötchen bekam.

Das Ehepaar saß ganz verwundert da. Dem Hilgenbauer aber war zumute, als streichelte die kleine weiche Hand, die ihm über die Backen fuhr, jede Erinnerung an die graue Zeit fort.

In der Linde vor der Laube zwitscherte die Schwalbe.


Der Wendehals.

Lüder Volkmann hatte die Erbschaft angetreten; es gereute ihn keineswegs.

Zuerst wußte er nicht, was er so recht anfangen sollte, da Lembke, der das Ackerland und einen Teil der Wiesen in Pacht hatte, vorderhand allein mit der Arbeit fertig wurde, zumal Ramaker ihm von früh bis spät half, ohne mehr zu verlangen als Essen und Trinken und freien Tabak.

Freimut und Schönewolf hatten Volkmann gebeten, die Aufsicht über die Jagd zu übernehmen und ihm freie Flinte dafür gewährt, und so lag er die meiste Zeit draußen, weniger, um zu waidwerken, als um die Zeit totzuschlagen.

Auf die Dauer wurde ihm das aber langweilig und er suchte sich Arbeit. In Reethagen hatte er einen ganzen Vormittag dem Strohdecker zugesehen, und da das Hausdach auf der Wetterseite schadhaft geworden war, so lieh er sich von ihm die Dachstühle, das Dachmesser, die Dachnadel und das Dachholz, ließ sich Bindedraht besorgen und machte sich mit Ramaker daran, das Dach zu flicken.

Anfangs hatte er vor, nur eine kleine Ecke auszubessern, aber dann fand er, daß die ganze Dachkante undicht war, und da Stroh genug da war für die Schoofe, so ließ er nicht eher nach, als bis keine Fehlstelle mehr an dem ganzen Dache war.

Sodann sah er sich nach anderem Tagewerk um. Der Zaun zwischen dem Hofe und dem Grasgarten war morsch; er sägte Ständer und Latten zurecht und setzte einen Zaun hin, daß Frau Grimpe die Hände zusammenschlug und rief: »Nein, Herr Volkmann, aber über Ihnen aber auch! an Sie ist ja ein Tischlermeister verloren gegangen.«

Die Fischteiche waren arg verschlammt, denn davon hatte Lembke keinen Verstand; so ließ der Bauer einen nach dem anderen ab, reinigte und vertiefte ihn, düngte ihn und ließ ihn sich begrünen und besetzte ihn.

Je mehr er sich umsah, um so mehr fand er, was nicht in der Reihe war; hier fehlte ein Brett, da stockte ein Graben, dort sackte ein Weg weg; Lüder hatte allmählich so viel zu tischlern, zu graben und zu dämmen, daß ihm kein Tag mehr lang wurde.

Der alte Immenschauer fiel fast um; er baute an einer besseren Stelle einen neuen, der doppelt so viel Stöcke aufnahm, und acht Tage lang quälte er sich damit ab, die Bohlen auf dem Heuboden, von denen mehrere recht schlecht waren, auszuflicken oder zu ersetzen, und Frau Grimpe sah bewundernd zu und rief: »Nein, Herr Volkmann, als wenn Sie auf Zimmermann studiert hätten!«

Aurelie Grimpes Herz hatte allerlei Liebe aushalten müssen, aber sie fühlte sich frisch genug, es noch einmal damit zu versuchen.

Je länger der Bauer auf dem Hofe war, um so heißer wurde es ihr unter dem Schürzenlatze, der jetzt immer schlohweiß war, wie sie denn auch seitdem am Kopfe und an den Füßen stets herumging, wie aus der Beilade genommen.

Das Haus hielt sie so sauber, daß es eine Freude war, und obzwar sie wieder angefangen hatte, im stillen Kämmerlein mit Feile, Rosawachs und Wildleder ihre Hände so zu pflegen wie damals, als sie noch Dreimarkchampagner für vier Taler an ihre Gäste verkaufte, wenn die Mädchen ihnen die Köpfe heiß gemacht hatten, den Garten hielt sie so schnicker wie vordem.

Dumm war sie nicht; sie hatte es sofort herausbekommen, daß der Bauer keiner von den Männern war, die man leicht einfängt; so sparte sie ihre runden Armbewegungen und ihre einladenden Blicke, legte in ihr Lächeln so viel Mütterlichkeit, wie sie auftreiben konnte, und ließ ihre Zunge Schritt laufen, so schwer ihr das auch wurde.

Sie wollte den großen schönen Mann langsam an sich herangewöhnen, ihn leinenführig machen und ihn soweit bringen, daß er sich sagen mußte: »Aurelie Grimpe oder keine!«

Vorläufig schien es damit allerdings noch gute Weile zu haben, denn der Bauer sah weder die krausen Nackenlocken und die weißen Arme, noch den innigen Augenaufschlag und das mütterliche Lächeln; er ging und kam mit kurzem Gruße, und wenn er mit der Frau sprach, dann war es um alltägliche Dinge und geschah in derselben trockenen Art, mit der er zu dem Pächter sprach.

Aurelie Grimpe stellte sich oft genug in ihrer Dönze vor den Spiegel, knetete sich die Krähenfüße von den Schläfen weg, zupfte die Stirnlöckchen zurecht und fragte ihr Widerbild ganz erstaunt, wie es wohl möglich wäre, daß ein so strammer Kerl, der rein nichts an der Hand habe, an einer so schieren und molligen Frau, wie sie war, Aurelie Grimpe, geborene und so weiter, vorbeisehen könne, als wenn sie die Altmutter Lembke mit dem kahlen Scheitel und dem leeren Mund wäre.

Alles mögliche hatte sie angestellt, um dem Bauern zu beweisen, daß sie Verständnis für höhere Bildung habe; sie hatte ihn gefragt, ob sie sich aus dem Rest der Bücher, die der alte Volkmann zurückgelassen hatte, Leselektüre holen dürfe, aber der Bauer hatte nur »Bitte schön« gesagt, und als sie ihn fragte, was dies oder jenes in dem Buche bedeute, da hatte er, ohne eine Miene zu verziehen, gesagt: »Das verstehen Sie doch nicht!« und war an seine Arbeit gegangen.

Dann hatte sie eine Zeitung, in der das Allerneueste zu finden war, bestellt, und nun ging es ab und zu: »Herr Volkmann, haben Sie schon gehört?« oder »Herr Volkmann, denken Sie sich bloßig?« Er aber sagte: »Tun Sie mir den einzigen Gefallen und lassen Sie mich mit solchen Geschichten in Frieden!« Er sagte das ganz freundlich, aber es betrübte sie doch sehr, daß es ihr nicht gelingen wollte, einen Weg von ihrem zu seinem Herzen zu finden.

Obzwar sie anfangs nur an die gute Versorgung gedacht hatte, mit der Zeit fing sie an zu brennen wie eine alte Scheune und stellte mit Besorgnis fest, daß sie, wenn sie nicht ihren Zweck erreichte, auf dem besten Wege wäre, den Glanz ihrer Augen und die Frische ihrer Farbe loszuwerden, und so beugte sie dem mit Antimon und Karmin vor, das der geheimnisvolle Kasten enthielt, den sie in den Tiefen ihres großmächtigen Reisekorbes verborgen hielt.

Das Allerbetrüblichste aber war, daß der alte Spruch, der da sagt, daß die Liebe durch den Magen gehe, auf Volkmann durchaus nicht zutraf. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, um herauszubringen, was wohl seine Leibgerichte wären, aber immer und immer wieder hatte sie in die Brennessel gefaßt, wenn sie danach fragte.

Er aß Morgen für Morgen seinen steifen Buchweizenbrei mit einer dreizolldicken Hausbrotschnitte, er war zufrieden, wenn es zum Frühstück acht Tage dieselbe langweilige Wurst oder ein und denselben gemeinen Käse gab, er fragte nicht danach, ob die Kartoffeln kroß mit Speck oder mit Butter weich gebraten waren, ob die dicke Milch alt oder jung, ob das Rauchfleisch herzlich schmeckte oder streng.

»Die reine Dranktonne,« dachte Aurelie Grimpe mit Wehmut und verzweifelte immer mehr, wenn sie sah, daß er den einen Tag die halbkalten Pellkartoffeln mit dem alten Speck ebenso gleichgültig hinunteraß wie Tags zuvor die schöne Gemüsesuppe mit dem zarten Schinkenende darin. Das gefiel ihr nicht an dem Manne.

Eines Sonntagnachmittags, als Lembkes in das Dorf gegangen waren, beschloß sie, drei Pferde vor den Wagen zu spannen, um durch den Sand zu kommen.

Der Bauer schlief, denn er war um zwei Uhr in der Nacht aufgestanden und mit dem Drilling und Söllmann, dem Schweißhunde Freimuts, losgegangen, weil er vermutete, daß hinten im Moor gewildert wurde. Er war erst gegen Mittag nach Hause gekommen und hatte sich dann lang gemacht.

Aurelie sagte sich, daß die Gelegenheit günstig wäre, die dicken Trümpfe auszuspielen.

Sie zog ihre süßesten Strümpfe und ihre zuckrigsten Schuhe an, ein Spitzenhemd und ein Korsett, wie es das weit und breit nicht gab, und einen Unterrock, der gerade so lang war, wie er sein sollte, machte sich ihr Haar so hübsch wie möglich, gab ihren Augen durch ein wenig Antimon noch mehr Feuer, sah sich lange im Spiegel an, machte sich einen Knix, langte ihren Handspiegel her, besah sich von hinterwärts, und dann setzte sie sich auf den Bettrand und wartete.

Sie mußte sehr lange warten, so lange, daß ihr allerlei dumme Gedanken kamen, Gedanken, die nicht gerade geeignet waren, ihren Augen helleren Glanz und ihren Backen mehr Farbe zu geben. Sie wurde müde, aber sie wagte nicht zu schlafen, einmal der wunderbaren Haaraufmachung wegen, und dann überhaupt und so.

Sie sah ihr Photographiealbum durch, in dem meistens aufgedonnerte Mädchen mit weit aufgerissenen Augen zu sehen waren, und Männer unterschiedlicher Art, ordnete den Inhalt ihres Reisekorbes, in den sie niemals einen Menschen hineinsehen ließ, und las schließlich zum soundsovielten Male in den gelben Heften, auf deren Vorderblatt ein Männerkopf mit rabenschwarzen Locken zu sehen war, worunter die Worte standen: Memoiren eines Scharfrichters oder das Geheimnis der Gräfin Olga.

Auf einmal sprang sie auf; sie hatte gehört, daß im Fleet Schritte gingen. Sie trällerte ein Liedchen vor sich hin, warf einen Blick in den Spiegel, rumpelte einen Stuhl hin und her, zupfte sich eine Locke zurecht, rieb sich unter den Augen umher, die vom langen Warten Fensterladen bekommen hatten, warf noch einen Blick in den Spiegel, übte schnell einen züchtigen Augenaufschlag ein, ergriff die Blechkanne und schoß in demselben Augenblick, als die Schritte des Mannes ihrer Tür gegenüber waren, heraus und Volkmann mitten vor den Leib.

Die Kanne fallen lassen, einen gellenden Jungfernschrei ausstoßen und gleich hinterher den Atem anhalten, so daß etwas ähnliches wie Schamröte ihr Gesicht färbte, die runde Hand an das Korsett pressen, doch so, daß die schöne Hemdenspitze nicht verdeckt wurde, und dann mit wildem Busengewoge nach Atem ringen und schmachtend jappend: »O, Herr Volkmann, wie hab' ich mir doch verschrocken; daß Sie mir auch so sehen müssen!« das war alles eins.

Der Bauer aber änderte sein Gesicht kein bißchen und liebelte nur den Hund ab, der vor Schreck zurückgefahren war, als ihm die Kanne vor der Nase hinknallte; gleichgültig sah der Mann auf die sorgfältig hergestellte Pracht, und während Aurelie Grimpe in ihre Kammer zurückschoß, schnitt er für sich und den Hund Brot und Speck ab, wickelte es ein, steckte es in die Tasche, langte den Drilling von dem Rehgehörn am Türrahmen und ging über den Hof.

Als er im Grasgarten war, blieb er stehen, denn im Apfelbaum saß der Wendehals, schrie nach der Schwierigkeit und drehte den Hals wie albern. Und da mußte der Bauer im Halse lachen, denn es fiel ihm ein, welche Mühe die gute Aurelie sich seit Wochen um ihn mit Augenverdrehen und Halsverrenken gegeben hatte, just so wie der Wendehals, der in dem Apfelbaume saß.

Aber dann ging das Lächeln aus seinem Gesichte fort. Das Weibsstück war ihm längst zuwider, einmal wegen ihrer schwarzen Kraushaare, dann wegen ihrer Anschummelei, und außerdem wußte er, was mit ihr los war, denn als Freimut sie das erstemal sah, hatte er hinterher in der Haide gesagt: »Mann, wie kommt dieses Besteck hierher? Ich dachte, die hätte der Satan längst lotweise geholt. Aurelie Grimpe, geborene Sziembowska aus Filehne, eheverlassene Juckenack und eheentlaufene Grimpe, unter dem Übelnamen die Gräwin weit bekannt an den Stätten, wo die Orchideen der Nacht wachsen, mehrfach wegen Begünstigung der Kuppelei hineingerasselt und wegen schweren Kuppelpelzhandels leider freigesprochen. Backt ihr eine Zehnpfennigmarke auf und schickt sie als Muster ohne jeglichen Wert dahin, wo der spanische Pfeffer wächst, denn das Weibsbild taugt in dem Grund nichts!«

Volkmann hatte derartiges schon immer geahnt, aber nicht recht gewußt, wie er es anstellen sollte, um die Person loszuwerden; jetzt, nach dem Bajonettangriff, den sie auf ihn verübt hatte, wollte er ihr aber aufsagen.

Während er das bei seinem Gange über die Haide mit sich abmachte, lag Aurelie auf ihrem Bette, biß in die Kissen, strampelte mit den Beinen, daß die Lackspitzen an ihren Schuhen Sprünge kriegten, sauste dann auf die Deele, schmiß einen Teller auseinander, gab der Katze, die entsetzt unter dem Brennholze hervorschoß, einen Tritt, warf sich in den Spinnstuhl, heulte ihre feine Hemdenspitze naß, und dann ermannte sie sich, ging an den Schrank und trank drei Schnäpse.

Als Lembkes zurückkehrten, saß sie in einem ehrbaren Kleide und in biederen Strümpfen vor der Tür und strickte, wie es sich für eine gute Haushälterin gehört.

Neben sich hatte sie das Gesangbuch liegen.


Der Kuckuck.

Es war außer Aurelie Grimpe noch jemand auf dem Hofe, oder vielmehr, es waren zwei, die mit Lüder Volkmann nicht zufrieden waren, nämlich der Pächter Lembke und seine Ehefrau.

Lembke stammte aus der Lüchower Gegend; er war ein Mann mit zerknittertem Gesicht und einem Benehmen wie eine Birke bei Sturmwind; seine Frau blühte wie eine Pfingstrose, und wo sie ging, da stand das Gras so bald nicht wieder auf.

Es war dem Pächter schlecht zu Passe gekommen, als Volkmann plötzlich da war wie der Habicht zwischen den Hühnern, aber als er ihn reden hörte, die Schmisse sah und bemerkte, wie der Rechtsanwalt und der Baumeister sich zu ihm stellten, da meinte Lembke zu seiner Frau:

»Kaline, ich glaube, wir brauchen keine Bange nicht zu haben, brauchen wir nicht, daß es anders werden tut; das ist ein studierter Herr, ist er, wenn er jetzt auch man wie ein Pracher aussehen tut. Der wird sich die Hände nicht schwarz machen, wird er nicht. Wenn er das Pachtgeld hat, wird er in die Stadt fahren und es verwichsen, wird er, und wenn er keins hat, wird er hier bleiben und auf die Jagd gehen, wird er. Und so wird er mit der Zeit mehr Geld brauchen, wird er, als der Hof abwirft, glaube ich, und wir werden ihm etwas vorschießen, werden wir, oder Land abkaufen, und so bei kleinem wird der Hof unser werden, wird er.«

Karoline hatte genickt und von der krummbeinigen Gestalt ihres Mannes zu dem Bauern hingesehen, der lang und schlank über den Hof ging.

Lembkes merkten aber bald, daß Volkmann nicht daran dachte, sich selber das Wasser abzugraben; zwar ging er anfangs viel mit dem Gewehre los, aber als das Geld vom Gerichte kam, fuhr er damit nicht in die Stadt, sondern gab das meiste dem Vorsteher, der es auf die Kreissparkasse brachte.

Auch feine Kleider kaufte er sich nicht und weder gute Zigarren noch dergleichen; er trug sich wie die Bauern und Knechte, rauchte seine Pfeife und Sonntags wohl einmal eine Zigarre von Nordhoff, der ein ganz gutes Kraut führte, das ihm der Baumeister besorgt hatte; im Essen und Trinken war er nicht anders als der gemeine Mann, obzwar er dreist mehr dafür anlegen konnte, wenn er gewollt hätte.

Nach vier Wochen sagte Lembke zu seiner Frau: »Wenn das so beibleibt, Kaline, dann wird der Hof nicht unser, wird er nicht!«

Als der Bauer dann anfing, das Strohdach zu flicken und den neuen Zaun hinstellte und das Immenschauer baute und den Heuboden zurecht machte, da ließ Lembke die Ohren immer mehr hängen, und als Volkmann hier den Graben und dort den Weg ausbesserte, die Fischteiche austiefte und alles in die Reihe brachte, was nicht ganz eben war, da sah Lembke immer scheeläugiger, achtete auf alles, was nicht ganz in der Ordnung war, und machte es schnell selber zurecht, damit der Bauer sich das Arbeiten nicht noch mehr angewöhnen solle.

Die Folge davon war, daß der Hof wie abgeleckt aussah, so daß der Vorsteher, der ab und zu kam, die Augenbrauen hochnahm und sagte: »Bei mir sieht es doch auch ordentlich aus, Hilgenbur, aber bei dir, das ist ja, als wenn jedweden Tag Wochenabend ist.«

»Kaline,« sagte eines Abends Jochen Lembke, als er im Bette lag, »Kaline, was ich dir sagen will, sage ich dir, wie fangen wir es an? Gestern hat er mir beis Torfriegeln geholfen, hat er, und dann sagte er, beis Heumachen will er auch helfen, will er. Und ich sage dir, Kaline, sage ich, er hat das Kleemähen raus, hat er, und wenn die Ernte hin ist, dann kann er mähen als wie ich, kann er. Wo er das man gelernt hat, das Umgehen mit die Axt und die Säge, als wie ein gelernter Zimmermann kann er es, Kaline, kann er.«

Aber Frau Lembke sagte: »Drähn nicht so viel, ich will schlafen!« und damit drehte sie sich um und dachte daran, wie glatt es ausgesehen hatte, als der Bauer den Vormittag in Hemd und Hose Holz klein gemacht hatte und sein Haar in der Sonne aussah wie eitel Gold. Jochens Haar sah aus wie altes Dachstroh.

Aber wenn sie ihren Jochen auch nur genommen hatte, weil es klapperte und klingelte, wenn er sich auf die Tasche schlug, deswegen blieb er doch ihr Mann, und wenn sie ihm auch nicht so nachsah wie dem Bauern, so gehörte sie dennoch zu ihm.

Sie hatte es längst gemerkt, daß Aurelie Grimpe dem Bauern Blumen und Buntpapier auf den Weg warf, daß ihm aber so wenig daran lag, als wenn es Häcksel gewesen wäre, und daß er der Haushälterin nicht mehr, als nötig war, Rede und Antwort stand und dabei meistens anderswohin sah.

Dagegen, wenn er mit ihr selber sprach, sah er ihr voll in die Augen, stand auch gern bei ihr, wenn sie beim Melken war oder das Federvieh fütterte, und es kam ihr manchesmal so vor, als wenn er hinter ihr hersah, vorzüglich, wenn sie in bloßen Armen war oder die Röcke aufgesteckt hatte. Und so machte sie sich einen Plan zurecht, bei dem sowohl sie selber wie Jochen auf seine Kosten kommen sollte.

Den ganzen nächsten Tag dachte sie darüber nach, und da es sich gerade traf, daß der Bauer die Türe vor ihr aufmachte, als sie in jeder Hand eine Satte Dickmilch hatte und der Zug die Türe zuschmiß, so erblickte sie darin eine Liebeserklärung deutlichster Art; als er ihr zudem hinterher beim Futteraufschütten half und ihr das Wasserholen abnahm, da stand es bei ihr fest, daß ihr Plan nicht uneben war.

»Jochen,« sagte sie, als sie abends im Bette lag, »Jochen, hör' zu; ich glaube, ich weiß, wie wir ihn herumkriegen. Es ist doch gegen die Natur, daß so ein Kerl, wie er, keine Frau und auch sonst nichts hat, denn was die Grimpesche ist, und wenn sie ihm auch noch so viel mit ihren Locken und weißen Schürzen unter die Augen geht, so macht er sich noch nicht einmal so viel aus ihr wie aus unserer Mutter.

Nun hör' zu, Jochen, und versteh' mich auch recht: auf mich hat er ein Auge, an mir sieht er nicht vorbei, wenn er zu mir redet, und ich kann es ohne Hoffärtigkeit sagen, er sieht manches liebe Mal hinter mir her, wenn ich bei ihm vorbei muß. Und denn: alle Augenblicke geht er mir zur Hand, im Garten oder beim Vieh; gestern hat er die Türe vor mir aufgemacht und mir Wasser getragen.«