Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich [am Ende des Buches.]


Hermann Löns

Das zweite Gesicht

Eine Liebesgeschichte

Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend

Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917


Vorspuk

Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.

Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los.

Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen: die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende weiter.

So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her.

Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war.

Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der ein Schießgewehr auf dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte.

»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist aber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich.« Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände um den Mund und rief: »He, du!«, aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück.

So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam.

»Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war.

Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut, den glimmenden Torf, an den knisternden Wachholderbüschen und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war. Einmal blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torfmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.

Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie her allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter den Dampf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend.

Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen Glanz, und ihre Hände waren weiß und sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weißem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die halblangen, weiten Ärmel waren mit einer goldenen Borde besetzt.

Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz vor, dann meinte er, sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und rief: »Swaantje, wie kommst du denn hierher?«

Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf, warf die Büchse über den Rücken, stellte den Springstock in den Busch und sah sich nach seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß der ihm vom Kopfe geflogen war, als er vor der Brennhexe fortlaufen mußte. Er lachte und ging langsam dem Walde zu, in dem der wilde Täuber ihn bedauerte: »O du, du, du!« rief er; aber der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und schmierig im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm her und schrie in einem fort: »Ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der Jäger ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte der bunte Vogel laut auf: »Nein, nein!« schrie er und flog schnell in den tiefen Wald hinein.

»Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder«, rief die Wirtin vom Blauen Himmel und schlug die Hände zusammen; »wie sehen Sie denn aus!« Als der Jäger ein dummes Gesicht machte, drehte sie ihn an der Schulter um, daß er in den Spiegel sehen mußte, und da lachte er, denn er war schwarz und grau gestreift von Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die Hüften gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten.

»Auch noch auslachen!« rief der Jäger, faßte sie um und küßte sie so lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse, halb verliebt ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben Sie nichts mehr vor mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler Waschwasser und drei Handtücher auf mein Zimmer haben, und wenn ich wieder herunterkomme, ordentlich etwas zu essen und zu trinken, denn die Brennhexe hat mich über das ganze Moor gejagt.« Da wurde die Frau ganz blaß und sagte: »Und ich dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen.«

Er stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer, legte sein Zeug ab, wusch sich von oben bis unten und zog einen städtischen Anzug an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde zur Schleife band und die gleichfarbige Schärpe um den Leib knüpfte, mußte er wieder an Swaantje denken. Er hatte sie einmal zu einem Ausfluge abgeholt, und weil es sehr heiß war, kam er in weißer Bluse und mit gegürteten Lenden, die Jacke auf dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold, ganz reizend«, hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die Hände geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie gestimmt: beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht vorher bei Fride erkundigt, was ich anziehen wollte?«

In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber. Es war sehr hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle Augen und schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus den anerkennenden Blicken nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und zu, wenn er aus dem Fenster sah, mußte er mit den Augen über es hingehen, und dann fiel es ihm auf, welchen Gegensatz zu Swaantje es darstellte, mit den zackigen Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag, den rastlosen Händen, der wirbelnden Stimme und dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich eifrig mit einem alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr.

Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches Lachen, sah ihre abgemessenen Bewegungen und dachte an ihre kleinen, fast zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen, sondern still auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel führten, und ab und zu schlug sie langsam die Augen auf und sah ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange nicht mehr gesehen« dachte er.

Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd und kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief: »Schon da? Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen, frisch und fröhlich wie immer; sie hielt ihm den lachenden Mund hin, und er küßte ihn dreimal.

Sodann fragte sie ihn: »Wir haben Besuch; rate einmal, wer es ist?« Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum Glück meine schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer auf und Swaantje Swantenius stand vor ihm, genau so, wie er sie im Traume gesehen hatte, in dem weißen losen Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und unter den Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön, daß du so früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal so gut munden.«

Seine Augen freuten sich, als er sie so dastehen sah, und sein Herz lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von dir, Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür bekommst du auch ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?«

Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine da ist!«

»Kußine«, scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und dann Swaantje einen Kuß auf die Backe.


Die Sektflasche

Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen hatte, kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf dem Fahrdamm, bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast den Laternenpfahl um, der vor Helmold Hagenrieders Hause stand, schob sich an der Mauer entlang, kehrte nach einer Weile um, sah nach den Hausnummern und Namenschildern, fand sich wieder zu dem Hause mit der Laterne vor der Türe hin, tippte sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in die Tasche, suchte mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum Vorschein, besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den richtigen, schloß die Haustür auf und trat ein.

Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, aber wach wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den es aus der Tasche nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. Es trat ein, klinkte die Türe des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang zum Nebenzimmer zurück, schlich sich hinein, wobei es gegen eine Truhe anlief und sich das eine seiner Beinchen so stieß, daß es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem dicken Bäuchlein, das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch stieß, daß es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es zog die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, bis es ein Stück Kreide fand.

Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, holte ein Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken auf, setzte ihn an den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse auf, und buff flog der Kork heraus. Schäumend stieg der heitere Trank aus der Mündung, lief über, floß auf den Fußboden, quoll unter den Türen durch in die Schlafzimmer, in die Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über den Vorplatz, tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang und von da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen Ende lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach Sekt roch, suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf, quälte ihn ächzend in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei Kreidestrichen, die er übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von der Türe weg und stahl sich kichernd wieder aus dem Hause heraus.

Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd trällernd die Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, und die stellten sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen und summte ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Um sieben kam die Hausfrau heiteren Angesichts aus dem oberen Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke Weise durch die Zähne flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein großes Lachen und Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische saß, auf dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne, die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat Swaantje in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und die Kinder und gab ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen Gesichtes, aber mit lustigen Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« bekam er einen auf die Backe, sagte: »Ah!« strich sich den Magen, und alle lachten.

Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als Swaantje hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte, die Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, daß es über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach dich nicht naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und entrüstet ausrief: »Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten von Gelächter, und Swaantje nahm ihre Röcke zusammen und huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß sie das Lachen; sie ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie dann langsam wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte tief auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das ist ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du bisher gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, drückte sie und sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr stolz auf dich!«

Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und lächelte. Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere hünenhafte, unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben mit bunten Tigertieren rangen. Die hell und dunkel gestreiften Körper der Riesenkatzen, die nackten Menschenleiber mit den bis auf das höchste angespannten, durch helle Lichter und dumpfe Schatten betonten Muskeln, das zertretene Gras, die wirbelnden Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen geteilt, das war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife Anschauung durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung zusammengefügt hatte.

Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, stützte ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück der seidenen Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, die als Fußbank diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, die von dem Gemälde ausging. Helmold stand am Fenster und freute sich über den stolzen Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen Glanz, der auf ihrem aschenblonden Haare lag, über die vornehme Sprache ihres Unterarmes und fand, daß ihre Hände zu klein waren, und der unentschlossene Zug, der sich darin ausprägte, paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des Mädchens. Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit Betrübnis entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er dort nicht haben wollte.

Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, was ich mir bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen her, wenn die Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort genau so aus.« Ihr Vetter machte ein ganz ernstes Gesicht. Dann zeigte er auf das Bild und sagte: »Vorgestern war Frau Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch, die berühmte Kunstgewerblerin, um nicht zu sagen, die berüchtigte Eklektikerin, besser wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit ihren gräßlichen seidenen Unterröcken herum; schauderhaft, dies Seidenpapiergeraschel!, tat so, als interessiere sie sich für Kunst, wollte natürlich nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als sie das Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten, Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige Frau,‹ sagte ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, sage ich dir. Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich ja auch wohl, denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit gesagt. Das ist in manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, der verstand sich großartig darauf.«

Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich den Tag erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte ich zu ihr, ›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich falsch wiedergeben will, tut man am besten, sie zu porträtieren, vorausgesetzt, daß sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten ein anderes Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten sogenannten Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster, und darum hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie machte ein Gesicht wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte ich dann, ›wenn man das aber nicht will, dann muß man eben durch ganz etwas anderes sein Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr, man muß warten, bis das von selber kommt, denn mit Überlegung, Verstand und anderen billigen Malmitteln kommt man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir dazwischen: ›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß sie ganz begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn den Eindruck wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da sagte ich zu ihr: ›Gnä' Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn bei windstillem Wetter auf einmal die Luft küsselt und Papier, Stroh, Blätter und Staub umeinander dreht und mit nach Hause nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in der Natur, so flüchtig, so luftig, so entzückend vergänglich. So kommen Sie mir vor.‹«

Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie. »Gar nichts,« antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges Gesicht gemacht und mit einem Male wurde sie wie Margarine; ich konnte sie hinschmieren, wo ich sie hinhaben wollte. Aber ich mache mir aus Kunstbutter nichts; lieber schon Schmalz. Unsere Luise ist mir dreimal so lieb, als diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe, wie andere in Heringen oder Flanell.« Er sah Swaantje an: »Weißt du, was ich malen würde, um den Eindruck wiederzugeben, den du auf mich machst? Weiße Haide, aber Sandhaide!«

Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Haide bedeutet doch Unglück! Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf: »Im Gegenteil! Und warum bedeutet weiße Haide Unglück? Weil sie zu der Zeit, da unser ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen Vergewaltigung noch nicht vermanscht war, eine Glücksblume war, was sie in England heute noch ist und ebenso in der Haide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der Friggetag, der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und unsere Haidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage. Die Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere Ahnen liebten nichts, was aufging, denn damit hörte es auf, ein Problem zu sein. Aber die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte alles das ins Gegenteil; der brave Deutsche fiel darauf hinein und gab sein naturfreudiges Wesen gegen eine asiatische Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes, weites und hohes Unverständnis für alles, was Kunst heißt.«

Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite und sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der Tür!« Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die Hinterwand des Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde wurde sichtbar, doch nur in seinen großen Umrissen, da das Oberlicht abgeblendet war, und auch dem Seitenlichte war durch Vorhänge der Zutritt verwehrt. Das Mädchen richtete sich in dem Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen ganz weit und fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten, Helmold? Du sagtest doch, bloß die Haide könne dir zur visionären Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die Geheimnisse der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe ich es doch nicht.«

Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte fort und machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang Swaantje auf, brach in ein helles Jubellachen aus und rief: »Nein, nein, Helmold, du bist ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das ist ja der Kreuzestod Christi!« Sie schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen, als wenn sie etwas sagen wollte, und dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den Kopf gegen die alte Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den Händen das Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und die Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?«

»Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung lag in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und hinter mir steht wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die Sellagruppe hat damals auf mich den selben blödsinnigen Eindruck gemacht, wie auf dich, aber mein bewußtes Ich sagte mir: du hast doch weiter nichts davon, als daß du durch die Komplementärwirkung zu einem tieferen Verständnis deiner Heimlandschaft kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten zu malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die Rede auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst und auf das Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl der Stoffe, und da sagte der Prinz: ›Der Staat müßte einmal zehn Jahre lang verbieten, daß etwas anderes gemalt würde als Kreuzigungen; dann würde man bald sehen, wer wirklich etwas kann.‹ Dieses Wort juckte mich so lange, bis ich mir eines Tages sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt, damit du endlich Ruhe hast! Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand die schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch! Na, und so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrunde wirkt als tiefe schmale Schlucht, die anderen Figuren und die Längsbalken der Kreuze geben die senkrechten, die Querbalken und die Arme der Gerichteten die wagerechten Linien der Sellaarchitektur wieder, und so hatte ich Dolomiten gemalt und keinen Dunst davon gehabt. Ja, bei uns muß es wohl heißen: suchet nicht, so werdet ihr finden.«

Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst und Glaube sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf. »Nein, Swaantje, sie sind das selbe, und deshalb sind alle wahren Künstler gottlose Menschen in landläufigem Sinne. Sie suchen Gott nicht; sie haben ihn in sich; ihn oder den Ungott.«

Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch weit von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen das andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache auf. Das Mädchen stieß einen Laut aus, halb Seufzer, halb Schrei und sprang auf, die Hand auf dem Herzen und mit weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde starrend, das hinter dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes Erbleichen erschreckt hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen Arm, und er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem hastig über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck hatte er noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da gemalt hatte.

»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das ist es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du hast sofort den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip des Weibes.« Sie ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel gleiten, und fragte, immer das Bild anstarrend: »Wirst du es mir sagen?« Er nickte. »Ja, Kind, gern, soweit es sich um den äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt ja, wie der Prinz ist. Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt mir eine kostbare Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose dreißig unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine Weise anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: ›Bist du auf dem Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte ich solche Satansblumen noch nicht gesehen. Da lachte er und sagte, es wären Stapelien, Kusinen von den Kakteen, und sie wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir eine argentinische Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.«

Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich zu nichts zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese niederträchtigen Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese Antiblumen oder was weiß ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. Erst dachte ich, es wäre die Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich massieren und trank Grog. Dann hielt ich es für einen Darmkatarrh, trank Boonekamp und ließ mir heiße Pottdeckel auf den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder schien es mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, trank abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß und wurde immer elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie ein Brunnendelphin, der abends vorher zu viel Bier getrunken hat. Darauf schlief ich drei Tage, und dann malte ich das Bild aus dem Handgelenk in acht Tagen und war kreuzfidel, als ich es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts; mir hatte nur das scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter vierzig zu eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!«

Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren, klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen, reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten und mit goldenen und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen und dann das unheimliche nackte Weib an, das vor einem unglaublich klaren und grundlosen Wasser, das eine unbekannte Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote Glanzlichter bekam, auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den üppigen Leib gezogen, den stützenden Arm halb überschüttet von einem Sturzbache straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie mit seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter ihrem Rücken hingen, aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin des unblutigen Meuchelmordes, das greuliche Geheimnis des bengalischen Bambusdickichts.

Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen, sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des Tigers, oder vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten sie gerade so tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre Züge den Ausdruck kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung an, denn das Bild war auf Holz gemalt und der Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern ausgespart, so daß überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu sehen war. Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor ihm völlig zurückgingen.

Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: »Ja, ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn man so dumm dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz gemalt und nicht auf Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht gern auf Holz, und wenn schon, so kleine Bilder. Aber dieses mußte ich auf Holz malen, scheinbar, weil das Brett gerade da stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses Weib nicht gemalt, sondern ausgespart werden mußte. Es verkörpert das negative Prinzip des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch eine Negativität wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und siehe, es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, von Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche einen Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung, soweit meine geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber schwierigen Gebiete reichen.«

Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte sie zu dem Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln und eine Dose mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: »Iß, Mädchen, desto eher wirst du elend! Und hier sind auch Nüsse.« Swaantje nahm eine, steckte sie dem wunderlichen Nußknacker in das Maul, zerbrach sie und rief dann: »O, ein Vielliebchen! Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt die Hand auf. »Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich nur Nüsse, wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man nämlich nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« Er steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem er auf seine Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte Kauerei.« Da lernte Swaantje das Lachen wieder und vergaß das unheimliche Bild und den entsetzten Blick, den Helmold darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige Porträts und eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den Schiebladen der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und Rüben durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen her, bis sie vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend bat, aufzuhören: »Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, und das ist schon dreimal gestopft!«

Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen Apfel und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei zeigte, das bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze aus Feuerstein, die er in der Haide gefunden hatte, eine alte Schnapsflasche mit einem himmelblauen Vogel Phönix darauf und der Inschrift: »So wie der Fönix der Flamme entspringt, so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche Seltsamkeiten, die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt hatte. Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen Schranke zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein Kästchen heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es dem Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, »als Dank für diesen schönen Morgen!«

Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So eine fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und wie reizend von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen Kusen darin!«

Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze von Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander und sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: der alte Oberpriester war voller Wut, denn seine Tochter, Loide hieß sie, sah Wuni gern; aber der war ihrem Vater ein Gräuel, weil er die Kunst, Waffen und Geräte aus Metall zu schmieden, aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb der Priesterschaft als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da, der die schöne Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm, dieweil er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber Wuni war stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, Krwo hieß er: ›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, obwohl dieser siebenmal so stark ist.‹ Ulahu merkte sich diese Rede, und als er Loide einmal in das Haus ihres Vaters eintreten sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust mit einer silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, geschlossen war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den Eibenbogen und drei Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, als er in der Frühe auf Jagd ging, und schoß ihm den Pfeil von hinten durch das Herz, daß er sterben mußte. Ulahu aber freite Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag er tot in seiner Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die Nachtschwalbe rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹«

Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es Helmold, der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, sie hätten ein wenig von dem, was die Augen der Chali aufwiesen, und sein Herz kehrte sich um. Doch er jagte die graue Fledermaus, die auf ihn zuflog, mit einer heftigen Bewegung fort, nickte, lächelte und sagte: »Das ist sehr schön, Swaantje, und du wirst das aufschreiben und mir als Gegengeschenk verehren. Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier bringen. Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und wem eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein Leben lang.«

Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den Kopf, denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des Weibes. Er hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde Kinder besaß, einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben sollte, folgendes eingetragen: »Der größte Künstler ist klein gegen eine Mutter; denn er kann keinen Menschen von Fleisch und Blut schaffen.«

Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht genau und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr Geist ist männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das wäre ein Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie kennen lernen. Denn die Liebe ist alles, und das andere ist nichts.«

Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme Swaantje, ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst wird der Braten kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn, den Vater geschossen hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm hergetappelt war, rief: »Und Flammerie! Hast du das auch geschossen?« Da lachte Swaan sie aus und Helmold und Swaantje auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in die Veranda, wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das bloß heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind aus Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht nachspuken?«

Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold lachte, wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. Die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und während der Pinsel bald langsam und vorsichtig, bald schnell und sorglos über die Leinwand ging, sang und pfiff er, daß man es über den ganzen Garten bis in das Haus hören konnte.

Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, so wußte Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem der großen Sessel und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf dem Ruhebett, sah ihrem Vetter zu und freute sich an seinen schnellen und doch so sicheren Bewegungen, an seiner frohen Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn er mitten in der Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr er einmal gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich werfen, und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, ich bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! vergaßen sie zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann lachte sie.

Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir liegt es wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten Witz noch am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß damit gewesen.

Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der Zeit, daß Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.«


Das Stapelienbild

Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag mit dem Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da war, war es aus damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, und so hatte Helmold das Bild in den Nebenraum gestellt, wo es weiter nichts gab als Bilder, Rahmen, Kisten und Kasten, Töpfe und Kruken.

Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt. Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und leuchteten im Dunkeln grün.

Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches Malbrett, was er immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam, und da er an das Bild dachte, das er anfangen wollte, so ließ er in Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles hell von Licht war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die Vorhänge zusammengezogen waren, und drehte der zweiten Tür den Nacken zu.

»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt wohl daher, weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit dem ich Walzer tanzen kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt. Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst, so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens mal fragen.«

Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte, fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem er ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte, daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.

Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. Sie hatte ein bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen, und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll vergnügt.

Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern ein. Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber sie wußte, wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwährend vor und zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Weise vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es nie.« Er war in voller Fahrt.

Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes.

»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh; aber ihr fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast, das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.«

Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!« Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, vollkommen im Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten, gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten.

Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich liebe einen Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?« Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte: »Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte: »Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich ihn doch nicht lieben können!«

Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er die Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine Blätter über mich, sondern behalte noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine Pause machen; mich rauchert.«

Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab.

»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte: »Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!« Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold einfiel, daß er sein Herz irgendwo habe liegen lassen müssen; denn ihm war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre.

Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja, liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht. Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte, als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«

Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« fuhr er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie so gütig und heiraten Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest! Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab, und steckte sich eine Zigarette an.

Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus dessen rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, und als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone: »Entschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das Mädchen sah ihn mit klaren Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. »Doch das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran zugrunde.«

Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du dieses zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich kenne dich ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, sie solle Muhme Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem Käfig läßt. Grete hat das auch getan; den Erfolg kennst du: es stellte sich glücklich der so bequeme Herzkrampf ein, und dann sprach die gute Swaantien: ›Nein, liebstes Tantchen, ich verlasse dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren; wäre sie nicht gewesen, so könntest du dich vielleicht als Gouvernante oder Gesellschafterin piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht wäre das besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? Du willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen mottet Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. Lauter dumme Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da keine davon dein Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose Neigung völlig. Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit einigen Jahren quälen, einen anderen Grund haben, als weil du dir einmal beim Schlittschuhlaufen nasse Beine geholt hast, das ist mir und Grete schon lange klar.«

Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute und begann die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. »Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und dann: »Mensch, weißt du es denn nicht, daß du sie liebst! daß du sie zum Verrücktwerden liebst! von dem Tage an liebst, als du sie zum ersten Male sahst, als sie ein Backfisch und du ein glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte zusammen; das war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen und steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das fühlte er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen Kuß von den Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten.

Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern, die er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen: »Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich unter,« und dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er in den Spiegel blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte. »Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; »hier gibt es nur ein Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude macht. Dieser Kram da zu Hause, wo du nur die Rolle eines unmaßgeblichen Haushaltsreferendars spielst und nie eine freie Stunde für dich hast, das ist Gift für dich. Raus mußt du, auf einen verantwortungsreichen Posten, der dich müde, aber nicht matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist und nicht bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts zu sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann würde sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang in die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die Tante an und siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, als Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige Agittattersche oder Frauenbewegungspropagandame. Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für Niggerblagen stricken, Missionspredigten anhören, Traktätchen verteilen und sonst die Einmacherei überwachen und die Eierproduktion des Federviehs statistisch aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine so hübsche Kusine!«

Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten aus ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung ein. Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, und zwar an einem Tage, an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig waren, denn er war seit drei Wochen Strohwitwer und sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem nach, was Röcke trug und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje dahinradelte und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf, fuhr gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe er bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, faßte ihren Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, daß er in die Höhe flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. Nun konnte er alles vertragen, bloß keine weißen Mädchenhosen; aber das einzige Gefühl, das er damals gehabt hatte, war: »Wenn sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es gesehen habe!«

Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen, ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. Ihm, das wußte er, konnte sie nie gehören, und er wünschte ihr alles Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; aber der Gedanke, daß ein Mann einmal so vertraut mit ihr stehen würde, daß er sie in den verschwiegensten Hüllen sehen durfte, diese Vorstellung flog ihm wie Schwefeldampf in den Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch sobald er das Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und während er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder ein paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer.

Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber am anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte fast die ganze Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine Frau ihn fragte, ob er nicht wohl wäre.

Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor Groenewold, und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: »Das ist eine ganz dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt so lieb zu ihr sein und sie möglichst lange hier behalten.« Sie wunderte sich weiter nicht, daß ihr Mann nicht mehr sang und pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so frisch und fröhlich aussah, außer wenn das Mädchen zugegen war, und dann dachte sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb schickte sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn sie mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte sich weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten bei den Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um den Mund hatte.

Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und scharf beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so toll schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne eine kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens wäre ihr das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen Neigung herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde hatte sie einst seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: »Du, ich glaube, den meisten Männerchen fällt es sehr schwer, ihren Weiberchen treu zu bleiben. Wenn es dir einmal so geht, und du richtest weiter kein Unheil an, tu', was du willst, nur wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er hellauf gelacht und gesagt: »Bist du aber gemein! Damit hast du mir den ganzen Ulk verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist das Beste davon weg.«

In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, und er noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung als Lehrer an der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß gehabt hatte, hatten sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches Menschenkind, das ihnen mit seinem Lächeln ein wahres Labsal gewesen war. Als sie den Dienst verließ, um zu heiraten, seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter ihr her; ihr Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange hier gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: ich hätte sie in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau hatte ganz trocken geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar nicht übel genommen, und ich wundere mich bloß, daß du es nicht getan hast; denn du bist doch sonst nicht so.« Aber Helmold schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt, und zweitens mochte ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung zu bringen. Aber offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz gern behalten.«

Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. Früher hatte er ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. Dieses Mal war er dazu nicht imstande und küßte ihr noch nicht einmal die Hand, als sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher hatte seine Frau nämlich etwas gesagt, das ihm wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war. Er hatte sich alle Mühe gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm auch gar nicht so zumute war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so vergnügter Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer, Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, wenn du immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei Frauen brauchen, und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich. Außerdem habe ich mit dem Haushalte und mit den Kindern so viel zu tun, daß ich mich um den armen Mann so gut wie gar nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal, Swaantje! Ich bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und du das Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von deiner freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete lachend fragte: »Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da ging er nach der Türe und ließ den Hund herein, obgleich der noch gar nicht gekratzt hatte.

In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen grün aus. »Sieh bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns verläßt!« sagte Grete beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn ansehen, aber er sagte, ohne aufzusehen, denn er strich sich gerade ein Brötchen: »Ich freue mich auf das Wiedersehen; Swaantje will uns ja bald wieder besuchen.« Die nickte. »Ja, aber erst, wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du kommst recht bald, lieber Helmold?«

Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein Wort einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, denn er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, seine Pläne hielten ihn an beiden Händen fest. Das schien auch so; denn er arbeitete wie verrückt darauf los, und wenn er kaum über den Anfang bei einem Gemälde hinaus war, dann redete er schon von einer anderen Vorstellung, die er unter dem Herzen trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn er sagte: »Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil ich mich jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen auf den Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich muß das Publikum schmieden, solange es warm ist. Ich werde fünfundvierzig Jahre alt, und diese Jahre sind meine besten. Aber, du hast recht; ich habe zu viel getan. Sobald dieses Bild fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und fahre los.«

Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem Prinzen, der endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild bekommen hatte, das sein Freund ihm früher nicht verkaufen wollte. Als der Prinz ihm den Gutschein gab, lachte Helmold und sagte: »Danke! Übrigens neulich wollte ich es dir beinahe schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir solche Scherze nicht leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem Bild losbrechen konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen, und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, was es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht mehr?« Der Maler sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; bin die Person leid geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig da. Sieh dich übrigens mit ihr etwas vor; sie hat den bösen Blick.«

Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. Der Maler sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir fällt zufällig eins ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das Bild, und da gerade eine alte Muhme ihm eine gehäufte Million und ein Gut hinterlassen hatte, gab er Helmold zwanzig statt der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine.

Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild, und in einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen Rahmen, ein Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom Weibe kommt, ausdrücken. Hier war nur der Leib gemalt und einiges an den Lilien und Rosen, die den Hintergrund bildeten; die Landschaft als solche aber war aus dem Holze herausgespart. Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was er zu Swaantje über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und als er den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe ist alles; das andere ist nichts.«

Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; er sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet, hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine Abendstunde, wenn er mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen hatte er immer gehaßt, und die Jagd reizte ihn augenblicklich nicht. Dazu aß er nicht genug, schlief vor drei Uhr nicht ein, rauchte viel zu viel, konnte keine Flasche Wein mehr vertragen; es war Zeit, daß er Schluß machte.

Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber dazu hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine Frau, »die bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch nicht; denn er sagte, die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er fuhr in die Alpen, kam aber bald zurück: »Die aufgedonnerte Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und ihrer Fastnachtsstaffage macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See und war nach acht Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich denn doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze von dem Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, lasse ich da nicht mehr arbeiten!«

Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut stände; sie schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb aus und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und muntere sie auf!« sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage dauerte, ehe er so weit war, schließlich fuhr er doch los. »Daß du sie mir aber mitbringst, Helmold,« rief ihm seine Frau noch nach, als er auf der Treppe war; »es ist doch niemals schöner bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.«

Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt hatte; er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur Unterhaltung mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend nach einer und der selben Weise seiner Frau die Worte nachsangen: »Wir drei, wir drei, und wir drei und wir drei,« und als er sich besann, fand er heraus, daß es eine Singweise von ihm selber war, die nämliche, die er gefunden hatte, als er Swaantje vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose Marie, zu dem ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede Nacht, jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam dann der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.«

Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie nicht abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann in dem Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die Räder des Wagens in dem Takte des Liedes.

Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste.


Der Vollmond

Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der älteste; ob es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, als er in dem großen Himmelbette lag.

Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme Angewohnheit, immer dann zu kommen, wenn es Helmold am wenigsten paßte. Jetzt zum Beispiel hätte er gern geschlafen, um die Gedanken loszuwerden, die ihn fortwährend bissen; doch es ging nicht. Schon dreimal war er aufgestanden und hatte in den Park gesehen, der taghell vom Mondlichte war, und immer hatte er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht einzuschlafen. Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da. Der Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben war ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und dann war diese aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen Bilderbuche.

»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er sah sie vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme Stimme. Und er hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, der Mond und ich, wir haben eben so prachtvoll zusammen gespielt.« Ja, der Vollmond, der war an vielem schuld gewesen, auch daran, daß Harmtien Hilgenberg auf einmal zu ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte. Harmtien Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum saß mit ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit fing es an. Und dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach ja! Schön war es doch gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! Na, und schließlich kam der alte Hilgenberg dahinter, und es gab einen großen Krach. Beinahe wäre Helmold von der Lateinschule gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt galt er als ganz verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den Töchtern als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig.

Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter darstellte, sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl wachte? Sie hatte den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch sie litt unter der Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch Dinge erzählte, an die man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der Mond oft zu Helmold gesagt, »Kerl, weißt du, wie dein Leben sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot; rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker Rappe zwischen den Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an der Seite, und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so wie du, Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und dann der Feind! Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes Blut auf einer mit Gold ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl, wenn die Wölfe sich um Männerköpfe anknurren, Kerl, und du dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl, das Haus am Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir geben, was du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und kühle, so viel du willst. Was hältst du davon, Kerl?«

Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön wäre es doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei Küsse bekommen, laute und leise, heiße und kühle. Wie Swaantje wohl küßte? Sicher leise und kühl. Er schüttelte den Kopf und wischte sich die Lippen ab. Würde sie ihn wohl küssen mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte Schneiderin, was war sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke heftige Tresl! Er wäre verhungert, hätte er die damals nicht gehabt. Sie hatte sich ihm aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse und ihre heißen Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm den ehrenvollen Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr viel ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! Kalte Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er gewollt hätte, konnte er damals Selchermeister werden, denn das Tresl hätte ihren Vater dazu herumgekriegt. Beinahe war er schon so mürbe, aber da traf ihn der Mond im englischen Garten: »Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl verrückt, Kerl! Würstemachen? Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier, das hältst du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die Haide!«

Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie wieder über sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante gehäkelt. Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich hin. »Du hast dich eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, lieber Vetter!«, hatte sie ihm gesagt; »du mußt hier nicht an deine Bilder denken!« Verächtlich verzog er den Mund. Seine Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend hatte er im Kopfe fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen, seitdem er auf Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma Schulze und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger danach lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt, ob er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders; da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen knurrte, und nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« Jetzt konnte er Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es ihm nicht übel. »Ich habe Zeit, verehrter Meister!« grinste er. Und Hennig Hennecke sagte ganz ernst: »Malermeister, Herr Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte schlagsahnig: »Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!«

Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch wieder dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. Auf der großen Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich ein Bild von ihm angenommen und in die Ecke gehängt, wo das Tageslicht seine blendendste Negativität entwickelte. Hennecke hatte sein Verzeichnis dort liegen lassen und es abends geholt, und dabei hatte ihm der Vollmond Hagenrieders Bild gezeigt. »Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond hatte Leberwürste aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem Berichte also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke auf eine Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese lief und sich vor lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die ihre Mostricharme nach ihm ausstreckten, und die hatte er ihm geschickt.

Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich heiße Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer Stunde waren sie ebenso angeheitert wie angefreundet.

Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so bäurisch, so zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig hatte gelacht, ein Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle aufgeschlagen und gelesen: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Dann hatte er gesagt: »Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel, und sei froh, daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung hast, wie ich. Konjak oder Schartrös?«

Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer hatte er Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. Jedesmal, wenn er nicht hatte Maß halten können, war es bei Vollmond gewesen. Auch damals, als ihm das Leben auf der Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der Direktor, dieser Professor Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine Schwungfeder nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend. »Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann bin ich so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter Sekt gesetzt, daß er drei Tage schwänzen mußte.

Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen, als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war, und die Antwort bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!« Na ja, und dann gab es Krach, und es war Schluß. Grete hatte erst ein langes Gesicht gemacht, sich aber bald sehr tapfer benommen. Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß sie ihn so gar nicht verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich gestellt war. Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib.

Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das Käuzchen. Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie an einem anderen Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hülflos wirken; körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich.

Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die Brust. Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und er nahm sie und küßte sie auf die Hände und den Mund und langte nach den Spitzen unter ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. Er lachte bitter. So ging es ihm immer; Hände und Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken nicht, und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein Mensch einen anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte Swaantje neulich gesagt. Professor Groenewold merkte es nicht, und Swaantje auch nicht.

»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib liebe«, dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« Er seufzte tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging nun Nacht für Nacht so; die eine Nacht las er, die andere dachte er. Wenn Grete da wäre? Aber nein! Liebte er sie noch? Düster sah er in die Falten der Vorhänge. Was ist Liebe? Zusammenklang, aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du hattest recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und wir rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, als er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe besteht, so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller erlischt, je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven nicht lange in derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte Eindruck wird geringer und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle zum ersten Male las, vor sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit gezweifelt; aber es stimmte schon.

Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir drei«, summte sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr klopfte: »Wir drei, wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr schlug: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schlug sie. Wieder rief das Käuzchen: »Wir drei, wir drei, wir drei«, rief es. Die Wildenten schnatterten auf dem Burggraben: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete oder Swaantje? Grete und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht und Schatten! Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz, wenn es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete! »Wir drei, wir drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein Herz, hauchte sein Atem.

Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die Lieder, die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der eine schwarz, der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des Triptychons die Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus und Wode sahen sich über das Bild an; Christus lächelte verlegen, Wode überlegen. Und das Bild sang: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund!«

Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere kam angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von Avalun, gelb war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild: schneeweiße Sandhügel mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; davor tote Männer, Kabylen, lang, mit edlen Gesichtern; der eine mit rotem Bart und blauen Augen, der andere schwarz, Beni Benjamin, der Doktor. Und daneben mit Zuhältergesichtern, grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere, Dirnen am Arm. Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«. Und noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, der brannte, und in den Flammen Frigges, der Süßen süßes Gesicht. Und eine weinende Stimme sang: »Dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.«

Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes Augen, traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren es, bitterböse Augen. Am Morgen war ihnen in der Stadt eine junge Frau begegnet; böse hatte sie nach Swaantje hingesehen, und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst du die?« Swaantje nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube.« »Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern. »Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man. Gesprochen habe ich nie mit ihr.«

Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß mit dem Tode die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue Verbindungen eingehen, glückliche und unglückliche; daher kommt alle Wonne in die Welt und alles Weh, alle Liebe, aller Haß, jede Guttat, jede Bluttat. Ein schöner Gedanke und ein schrecklicher! Swaantje, gib mir das Stück meiner Seele, das du bekamst, als du geboren wurdest, und wenn du das nicht kannst, gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum Teil Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas Mann wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn ein Mann nicht etwas vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie wäre es ihm wohl möglich, ein Mädchen zu zeugen? Es gibt keine Grenzen zwischen den Dingen; sie werden gemacht! Es gibt keine Arten und Gattungen bei Pflanzen und Tieren; wir denken das System in die Natur hinein! Eine dumme Eselsbrücke ist das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse malen, aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze, sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, wohl ihm; jeder kann es nicht.

Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was sein Freund sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm zu: »Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst ja doch nicht schlafen.« Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft auch nicht.« »Was geht dich das an, alter Esel?« schnauzte der Maler, aber dann lachte er, stand auf, holte sich seine Zigarettendose und setzte sich in den einen Sessel, der in der tiefen Fensternische stand, und der Mond plumpste in den anderen.

»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er; er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas.

Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die Stubbsnase zog; der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterbörde lag.

Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte, sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu betonen wußtest, das ist einfach Goethe!«

Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos, daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Epheustrophe; erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle, vielsagende, andeutende Dunkelheit.«

Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist überflüssig, und das Überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.«

Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen, atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach: »Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden, daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.«

Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte. »Handweiser pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.

Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell? Halbakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?«

Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich selber keusch.«

Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich sah noch wenige, die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanke an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich selber. Das ist jetzt manchmal anders.«

Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift, kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an dich.«

Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.« Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist. Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit, und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat, braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück Künstler, leider! Künstlertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit; das Erzeugen ist euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun, vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein Notbehelf für das Leben.«

Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fort. Und dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«

Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie angelacht: »Ich wünsche nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu spät war.«

Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wüßte, ob er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine Finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich. Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er in den Büchersaal ging, um sich den Angelus Silesius zu suchen, und sie plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von dem Willen überhört worden.

Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie ihres Leibes zu besinnen versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut.

Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.

Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewande schoben sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.

Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger, kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen, ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft.

Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die Höhe, sah wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand von sich und stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen vor dem Spiegel stand, gelang es ihm, den Zug von Pein fortzuwischen, der um seinen Mund lag.

Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in Eisen gehüllt, der ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen ansah, und als er sich die Augen näher anschaute, erkannte er, daß es seine eigenen waren, und er wunderte sich darüber.

Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden. »Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer.


Der eiserne Ritter

Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch das Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame Flecke an den Wänden hängen blieben.

Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß seine Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich um, denn er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er den Kopf wandte und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah er den eisernen Ritter darin stehen und zu ihm herübernicken. »Kaltwasserheilanstalt!«, dachte er.

Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer trat; sie hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und ihm die Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer Geschmack war in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm in ihrer lautlosen Art die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte, ihm den Tee eingoß und freundlich sagte: »Nun iß, lieber Helmold, und erzähle mir, was dir geträumt hat!« Er sah sie so entsetzt an, daß sie erst auflachen wollte, aber dann neigte sie sich über den Tisch, griff seine Hand und fragte: »Was hast du für einen traurigen Mund? Wieder schlecht geschlafen? Du sollst hier nicht an deine Bilder denken; das hast du mir doch versprochen.«

Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold auf. Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses Gesicht, und Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse wieder gefallen, liebster Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, denn wir haben nun einmal kein rechtes Glück; mein Los hat auch wieder eine Niete gehabt. Und denke dir, Pinke hat sagen lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die Eier nicht mehr! Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon gefragt, wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete durch ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu sagen, daß sie nicht wieder von der besten Butter für die Leuteküche nimmt, und Janna soll keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen nehmen, sondern Reisig. Das Mädchen bringt mich noch um mit ihrer Verschwendungssucht!«

Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns erst recht nicht!«

Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold sah erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran daß sie neben uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber, lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne Ritter nickte; seine Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte. »Bist du der selben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, »so füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«

Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na, sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens drei Tagen muß ich fort; ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte! Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.

Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte: »Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir noch einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als die der kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt' Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehn!«

Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.« Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt; Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm, das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalisches Geschöpf. Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt: ›Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹ Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«

Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt, und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für dich. Der Deuwel soll darein schlagen!«

Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des Blumenkohls ab.«

Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf geht es besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt und zwanzig Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: ich schlage Muhme Gese tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen die vorschriftsmäßigen drei Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und ich wette: in vier Wochen bist du nicht mehr Swaantien, die arme, verwaiste, hülflos betantete Nichte, sondern Swaantje Swantenius, meine schöne, kluge und stolze Base. Bei der Sonnenrune und dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich bin ja nur ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich werde, bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle ihre Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und wenn sie mir nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich auf zwei Jahre aus dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es überall, ich hätte abreisen müssen, weil Frau Gesina Stieghölter geborene Swanteniussen mir andauernd schmutzige Anträge gemacht hätte.«

Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort, indem er dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle Pflichten gegen sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, wozu dich das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im Grundrisse zu verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du mußt heraus aus deiner Watteverpackung, mußt etwas erleben, Gutes und Schlimmes, aber nicht dasitzen, bis du jenseits von Gut und Böse bist, dein Herz an einen Mops hängst und drei Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer seinen Lehnstuhl neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner Bibel nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches vernünftige Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man wuchern soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? Nun bin ich bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe ich keine Nacht mehr als drei Stunden geschlafen, und manche gar nicht. Heute war es halb sechse, als ich einschlief! Du meinst, weil ich an meine Bilder denke? Ich pfeife darauf! An dich habe ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht; denn ich kann es nicht ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege hinrichtet, und das tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat alles Reden keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und das macht mich so mutlos.«

Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne Mann sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte er der Muhme die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, verpfefferte ihr den Braten mit funkelnden Vergleichen und übersüßte ihr den Schokoladenpudding mit irrlichternden Witzen, bewies ihr auf das höflichste, daß sie eine Gans in Großfolio sei, und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß sie am besten täte, nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie die drei anderen zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht spöttisch an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse, Kniehosen und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam, und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: »Wollt ihr denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im Gegenteil; einmal ist das kleinbürgerlich, und dann wollen die Wirte auch leben.«

Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, die Sonne lachte über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen und Georginen hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. Und Helmold auch. Er hatte den unbarmherzigen Zug um die Lippen verloren, und hinter dem frohen Leuchten seiner Augen schimmerte eine geheime Zärtlichkeit, wenn er Swaantje ansah, die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid, wie er sagte, anhatte, und den weißen, weichen, mit einem rosenroten Bande umwundenen Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor ihm über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer oder brauner dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der eiserne Ritter; das Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes hellem Lachen, mit dem sie Helmold für sein fröhliches Geplauder dankte.

Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen die Tageszeit. Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung kaum mit den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger Bewunderung an. »Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen sie an, und jeder Mann blickt an ihr vorbei! Woher das wohl kommt? Sie ist ihnen zu geistig, zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes Gitter von Reinheit ist vor ihr.«

Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold hinter ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie sie vor ihm herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose Formen ihren hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der Ritter flüsterte ihm über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die Allerschönste: wer sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen und keine Hölle mehr schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln.

Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken ihres Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, ohne daß sie sich umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem er in den Nacken blickte, drehte sich nach ihm um. Er sah sich nach dem Ritter um; der lächelte und flüsterte: »Das Windröschen blüht in einer Stunde auf; die Rose braucht mehr Zeit dazu.«

Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den Swaantje liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in den Falten ihres Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte wie Morgenröte über einem Flusse.

Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände vor den Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe. Die hübsche Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab ihm die Hand und rief: »Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht, Herr Hagenrieder!« und dann war sie fertig mit ihm und machte zu Swaantje die selben andächtigen Augen wie vorhin die beiden Bauermädchen.

Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte sie in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen war, einen mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen auf den Tisch, so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf und rief: »Großartig, Frau Trui; nun haben wir alles, was wir brauchen.«

Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als Swaantje ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, und er aß in einem fort, nur um sich an den leisen Bewegungen ihrer Arme zu erfreuen, wenn sie ihm vorlegte. Aber dann sah er ihre Hände an, und ein mütterliches Mitleid stieg in ihm auf: »Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!« dachte er, und ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren Seele nur gedacht und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber von keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!«

Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt prallte er zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den eisernen Mann ansah und merkte, daß der keinen häßlichen Spott mit ihm trieb, da nickte er ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich die Hand und war wieder der lustige Kamerad. Fortwährend erklang Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte Witze und farbige Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der Entsagung zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen.

Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen den kühlen Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene Haide und durch Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander gingen, blieb der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde aber der Weg schmal oder morastig, so daß das Mädchen vorangehen mußte, sofort war der Ritter wieder neben Helmold und flüsterte ihm durch die Visierspalte zu: »Vergiß nicht, was ich dir geraten habe!« und Helmold sah ihn an und schüttelte den Kopf.

Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte! Eine übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme begann er ein schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber legte er jedesmal alle Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von Hott zu Hüh und kam immer wieder geschickt darauf zurück, daß Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie nichts seien gegen ein bißchen erlebtes Leben; aber das beste an ihm sei und bleibe die Liebe zwischen Mann und Weib. Das Mädchen hörte aufmerksam zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller auf, und ihr Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den wundersamen Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- und Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen und auf das beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann schenkten ihm ihre Augen zärtliche Blicke.

Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten Worte ihr innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit barschem Griffe faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, als sie von der Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust den Selbstmord, liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn Glauben anders als Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben kein Problem. Er kann sich getrost begraben lassen; für ihn gibt es keinen Kampf mehr. Ich aber will kämpfen; sonst danke ich für das Leben. Wir Germanen sind niemals gläubig gewesen. Religion hatten wir immer, aber eine Diesseitsreligion; das Jenseits versparten wir uns für später. Mit beiden Beinen standen wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben in Zucht und Sitte, berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit und brauchten daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und Buße. Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, und damit holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht hineinreden. Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; aber niemals ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß ich vorher erst ein reines Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß ich plötzlich vor jemand stehen würde, der erst meine Wäsche ansähe, ehe er mir die Tür aufmachen ließ. Wir sagen: wir sind Christen, aber wir sind es nicht; wir können es auch nicht sein. Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich ebensowenig, wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir Christen; aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und dergleichen, dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer, die dort schlafen gelegt wurden.«

Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß die gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; aber die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem Bachgrunde lag der Nebel wie der Atem eines Hünen.

Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, um hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich um und nickte seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! Sie sollte etwas erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und das Weib in ihr wecken; der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis von ihrer Seele schmelzen und der Platzregen seiner Küsse den Staub von ihrem Herzen waschen.

Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume zu Boden glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr fällen, wollte Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube Gekräut totbrennen, um Platz für die junge Saat zu schaffen.

Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich hergehen. Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden.

Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre Wangen gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle hin. Als er zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um und lächelte ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. Er sang leise und mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme legen konnte, ein verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte, und in dem das Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt wird, aber als er endete: »Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid«, da blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen an und sagte: »Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie gehört!« Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das Kunstwerk in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den Kopf hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er sie schlagen.

Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; wer sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, wirst sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, damit sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, aus diesem unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen Unleben. Das willst du, das mußt du, und das wirst du!«

Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke, das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje nahm aus dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben hatte, eine schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen und vier von den grellen Ringelblumen, band sie mit einem blonden Halme zusammen und legte sie vor die Tür der Urahnenkapelle hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke nieder, die Helmold für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und er setzte sich zu ihrer Linken.

Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. Ein dumpfer Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war wie eingeschnürt. Aber kein heißer Schauer lief ihm über die Brust, und keine süße Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur eine bleiche Furcht hockte hinter ihm, und vor ihm kauerte die Hoffnungslosigkeit, von oben bis unten in Spinneweben gekleidet.

Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß atmenden Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn zärtlich an und sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch zu verdanken; ich hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel bringen würde.« Ihre Augen schimmerten feucht, als sie ihm die Hand gab; kühl lag sie in seinen heißen Fingern, so kühl, daß er sie nicht festzuhalten vermochte.

Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen so zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen, wie du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre Seele in der deinigen ertrinkt.«

Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach der Sonne hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume näherte, dessen schwarze Krone wie eine böse Rune über dem Milchsee stand.

»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme klang ganz blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah Swaantje unverwandt in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann er von neuem, und er spottete in sich selber über die Farblosigkeit seiner Stimme; »du hast mir kürzlich etwas gesagt; nun will ich dir auch etwas sagen: ich liebe dich.«

Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit dem Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das Visier: »Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!«

Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, und Helmold fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich habe dich vom ersten Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, ehe daß ich dich kannte, ehe daß du lebtest.«

Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als Grete sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich dächte mir das reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. Ich wäre dann deine Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre dein Mondweiberchen‹.«

Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft hob es sich von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen hingen fest an der Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume stand.

Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken lag; dann sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen Morgen fragte: ›Ist dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein Auge zugetan. Ich habe seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. Es ist seither keine Stunde gewesen, daß ich nicht an dich gedacht habe. Und deswegen kam ich nicht zu euch. Aber schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging, wenn ich dich nicht wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet; sonst wäre ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als andere in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am Tage lebte ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des Morgens aussehe, und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, wenn ich eine Viertelstunde bei dir bin. Ich habe mich ganz genau daraufhin untersucht, wie ich dich liebe, ob als Bruder, ob als Vater; aber ich liebe dich als Mann; ich will dich. Und deshalb muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich bin meiner nicht mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann müßte ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in den Arm zu nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der Ritter schüttelte den Kopf und ging langsam von dannen.

Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen unheimliche Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach das Mädchen: »Helmold, das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich wollte, ich könnte dir helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn das nicht wäre, wovon ich dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin sehr unglücklich darüber, denn du tust mir so unsäglich leid. Und doch bin ich stolz darauf, sehr stolz, und ich danke dir; du hast mir ein großes Leid geschenkt, und eine große Freude. Wenn ich dir nur helfen könnte, liebster Helmold! Aber du weißt es selbst, daß ich das nicht kann. Nicht wahr?«

Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem Gesichte zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar zusammen, denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer Helmold!« flüsterte sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune stumpf und tot vor dem rosenroten Himmel stand, während darüber ein Stern aufgehen wollte.

Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, noch ist es nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine Stunde wie diese kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort darauf, sie ist dein.«

Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. »Steht hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich ganz dicht an ihn heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter lag und ihre Lende seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« zischte der Mann im Harnische ihm zu, und Helmold näherte von hinten seine Hand, mit der er sich in das Moos gestützt hatte, der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm ängstlich in die Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte mich!« Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« rief ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen Adlerfarn, daß es rauschte.

Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen Krautes um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. »Schrecklich, wie das Farnkraut riecht! Hast du keine Angst davor?« Er lächelte: »Nein, ich habe vor nichts Angst!« Er legte ihr das Spitzentuch um die Schultern, zog die Jacke an und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte sie ihre Hand hinein und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als er sich umdrehte, stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte ihm höhnisch nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus.

Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen zweiten Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da.

Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst doch, Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie nickte ernsthaft. »Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte abermals. »Und obzwar ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe in dieser Weise offenbarte, alle und jede Hoffnung genommen habe, ich bin doch froh darüber, daß ich es tat. Und ich bin froh, daß es so gekommen ist. Ich hatte immer die Angst, daß ich alt und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht alt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet, und das danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir haben uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene Persönlichkeit, um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt sich gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer, Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen wenigstens nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau aber soll der beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das nicht sein; mein Wesen und ihres stammen aus verschiedenen Ländern, meines aus Nord, ihres aus Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung. Ihr Wollen drängt von sich zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem, was ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich schaffe. Wir haben aneinander keinen Teil.«

Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, daß das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft über die Backen, gab ihm den Arm und sprach im Weitergehen: »Trotzdem gehören Grete und ich zusammen, denn sie liebt mich, und ich liebe sie; und dann haben wir Kinder. Ich weiß, was du denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich von ihr, und liebtest du mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest dann erst recht nicht zu mir, und solange Grete meine Frau ist, habe ich auch keine Hoffnung, daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz klar. Zudem: du liebst einen anderen.«

Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte, wie sie sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, dich liebte, und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder ein froher Mann sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und lehnte sich noch fester an ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; »willst du meine Jacke haben? Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte ab und flüsterte, und süßer als je zuvor, erschien ihm der Tonfall ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber sehr lieb haben, Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach er mit ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.«

Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß du sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!« Doch Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das Mädchen schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: »So; kleine Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er nicht, was der Mann im Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, die mit niedergeschlagenen Augen dastand und beklommen atmete, in die Jacke, und dann sagte er: »Nun wollen wir etwas schneller gehen«, und eine lustige Weise flötend, schritt er, das Mädchen am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und gespenstig auf der Haide zurückblieb.

Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom Flusse her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der Mond kam hinter den Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange Schatten über den weißen Weg.

Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich liebt, das neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den Dampfer an! Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine Dampferchen, die auf die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die nach Steinkohlen piepen. Und nun reden wir nicht mehr davon!« Er schwenkte ihren Arm auf und ab und pfiff die Kasatschka.

»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht! Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt: Ballschleppe und Tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb. Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt, muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!«

So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er in der Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, schlesischer und bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, eine immer toller als die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in der guten Weise des Marktfleckens.

Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise dann laut, bis seine Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.

Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte, daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte, süße Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park, holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbeikam, prallte er zurück: der Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen Hallunken, und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.

Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.


Das Seelenhaus

Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat; zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn mit toten Augen an.

Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus, aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.

Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber Helmold?« Er nötigte sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig: »Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. »Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«

Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam. Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt, denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus in Tödeloh.

»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es, als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?«

Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand: »Lieber Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war nicht hübsch von dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du solltest einmal in ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, als du so herunter warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst du, daß mir heute noch ein Flirt hilft? Das glaubst du doch selber nicht.« Das Mädchen sah einem weißen Falter nach, der an ihr vorüber in die Wiese flog, die Weidenröschen am Grabenrand umflatterte und ziellos weitertaumelte. Dann sah sie die Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag; gestern war sie noch männlich und straff gewesen, nun sah sie weiberhaft aus und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand; beide Hände waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze gewesen. Die braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten, harten Nägeln endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen so sehr viel unausgesprochener Kummer lebte.

»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach einem hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern unbändig prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die Bauern das Kraut, jeder freut sich darüber, wie er so knietschrot dasteht; aber er ist welk, ist tot. Ein Meister der Farbe ist er; aber sein grünes Herz ist gestorben.« Er unterbrach sich, denn ihm war, als stände eine bleiche Gestalt in dem Seelenhause und winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte er über sich; erstens war das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für die Hütejungen, und die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der da hing.

Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben, Swaantien!« Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform ihres Namens gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise vor sich hin. »Ich bin überarbeitet, habe mich dazu um dich zu viel gesorgt. Nun verschieße ich mich noch dazu; das zieht in keinen hohlen Weidenbaum.« Er summte: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er machte ein säuerliches Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird schwer halten, aber als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen Eintagsliebe. Man weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins Gewissen läuft. Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange getröstet, und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter Seele herum.«

Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache ist, daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub gut vergnügst. Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde rot: »Ich glaube,« flüsterte sie, aber es lag keine Freude in ihrer Stimme.

»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise den Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe aufbrennt; denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt kein rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm auf die Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. Aber die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern, und so wie ich mich kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge ich mit. So will ich lieber zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede bekomme.«

Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die Büchse über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das Pferd bei den Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber er spähte nicht nach dem alten Bocke, der dort umging, er träumte mit kalten Augen über das Land hin, das in der Sonne glitzerte. Schließlich setzte er sich bei dem Seelenhause an, rauchte und brütete vor sich hin. Immer wieder gingen seine Augen nach der Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß in die Brombeerranken wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage, der ihm den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord verüben könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und er konnte endlich einmal wieder ausschlafen.

Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt niemals tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn es ist keine organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da, seine lieben Kinder Swaan und Sweenechien, und Grete und Swaantje. Schon derentwegen durfte er nicht Hand an sich legen; sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem: er hatte den Auftrag vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu bringen. »Nein,« sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er stand auf, entlud die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk und ging nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem Wiesenfleck; gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone gehabt hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts mehr daran. Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war alles gleichgültig. Ihn langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz dünkte ihm das Glitzern des Stechpalmenbusches, zu frech seine roten Beeren, und albern kam ihm des wilden Täubers Ruf vor. Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der er tags zuvor gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die Wiesen hin.

Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor würde es aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen: Moorkorn, Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte mehr. Mit Hand und Kopf würde er große Werke schaffen, derweil sein Herz unter Ruß und Asche lag. »Alles müssen wir bar bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So war es; alles gab ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das eine nicht gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte, wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus.

Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, schenkte den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße entlang. In Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und lachte ihn einladend an. Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl ihn hungerte; aber er mochte mit niemandem sprechen, der ihn kannte.

Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg beim Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war eine schmierige Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen, kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; sein Blut blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.

»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten und klangen in ihm durcheinander; er sah ein Bild in Moll vor sich und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschenbuch heraus und schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie, die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein, schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden, und ritt fort.

Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. Sie saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und ließ seine Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter Mann raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause lagen Blumen, weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich betten, so sanft.«

Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts. Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! Und ein jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand, hellrote Küsse auf einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen der lauten und der leisen Geliebten, schnurstracks nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's der Teufel!

Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang flog zur Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete vor herzlicher Freude. »Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien,« sagte er mit seinem dunklen Basse, »und daß Sie allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser.«

Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte. Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!« Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an. Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten. Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond, ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.« Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich auch glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich mich nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo anders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine für die Seele,« flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen Blick.

Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie mit?« fragte er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«

Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf der Haide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden. Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Haide gehen; ein kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. »Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, um den ich mich so ängstige wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen hat die Alte einen Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich Bettschwere haben.«

Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin: »Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn der hatte seine leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte sie zur selben Stunde verloren.

Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er ihm vorhin sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.«

Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »daß zwei Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, wie meine Seele und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.

Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje. Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere hungrig, unbewußt hungrig.

Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.«

Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Schampagner am besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er stieß mit allen an. »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre an einem dunklen Winterabend.

»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber erst die Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah.

Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Schampagner hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es klang.«

Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr: »Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches Lied der Vogel sang von mir und dir.«

Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich zu.

Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell war zu beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem Bette graute es ihn. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. »Die Melodieen auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen, weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen den Hügel emporschlich, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein weißes, tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.

»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können Sie getrost alles sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen: »Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das Herz schwoll.

Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!« dachte der Arzt.

Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die Augen fielen ihm über dem Buche zu.

Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck war unberührt; die anderen hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es hat Krach gegeben, deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln. Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«

Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,« sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, »sehr früh sogar, denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben auf: »die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise. Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier. Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken. Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe, die bei Gott verderben möge!«

Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung. So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, verstehst du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht hier, sonst komme ich hierher, und dann sollst du mich einmal richtig kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meinetwegen nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, um das Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei kaput machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung; nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tage lang Hammelbraten vorsetzest.«

Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit? Swaantien, du hast doch nicht vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank, nervenkrank!‹ Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder bei dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, das habe ich gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt, sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen, heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, was sie wollte, und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre komme ich hierher, und wen finde ich? Swaantien«, er sprach es wieder so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, an dem die gute, die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag herumzockt.«

Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben. Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher, »eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das alles jetzt sage, daran ist er schuld.«

Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstückstisch, goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen, was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen Mund, und seine Hände zitterten.

Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein, daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die Tante ging hinaus und kam nach einer Weile wieder. »Sie ist aufgewacht und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei jeder Aufregung wiederkommen.«

Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst. Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin, wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr, ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen, was sie will. Sie redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: Gehabet euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«

Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte, Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan; ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!« Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme dann sofort. Hier, das ist für etwaige Auslagen. Und bringen Sie mir Ihre Herrin gesund wieder, dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu und ging die Treppe hinauf.

Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette. Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit den sieben Schwertern« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus, wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!« Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir doch sehr; du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er.

»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen; und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn sie erst wieder gesund ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann geht sie nach Wiesbaden, und nach München, und im Sommer geht sie mit uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach der anderen zwischen die Lippen schieben.

Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte, stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner seiner Blicke sprach von mehr als von Brüderlichkeit.

Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. Aber du mußt gehen, es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag halbgelöst um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.

»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme; »werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine Stirn streiften, und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er ihr zu und verließ das Zimmer.

Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann lächelte.

Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!« dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch eine Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie nickte: »Meine Olga.«

Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren. Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er zog eine Karte heraus und gab sie ihr.

Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine Gnädigste,« sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch einmal; Frau Bergedorf dankte gütig.

In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern; er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold blieb am Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als es verschwand, setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Haide immer näher kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der Wahrbaum.

Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr, als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedes Mal, wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als das rote Polster vor sich und den langen Offizier.

Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend Jahren dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, weil er ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.

Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in sein Grab.


Der Mohnblumenkranz

Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederfand und singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufstieg.