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Geyer und das Obererzgebirge
Das Obererzgebirge.
Heimatkundliche Geschichtsbilder
für
Haus und Schule
von
Max Grohmann,
Schuldirektor.
Zweite veränderte und erweiterte Auflage.
Annaberg 1900.
Graser'sche Buchhandlung (Richard Liesche).
Verlag.
Geyer
Geyer.
Heimatkundliche Geschichtsbilder
für
Haus und Schule
von
H. Lungwitz,
Oberlehrer.
Geyer.
Buchhandlung von Otto Stopp.
[Inhaltsverzeichnis.]
Geyer:
- [1]. Gründung und Wappen der Stadt Geyer.
- [2]. Die große Glocke in Geyer.
- [3]. Hieronymus Lotter.
- [4]. Geyer während des 30jährigen Krieges.
- [5]. Salzburger Emigranten ziehen durch Geyer.
- [6]. Evan Evans, der erste Baumwollspinner Sachsens.
- [7]. Die Binge auf dem Geyersberge bei Geyer.
- [8]. Das Steinkreuz auf dem Ziegelsberg in Geyer.
- [9]. Sage: Die Geyerschen Stadtpfeifer werden vom Greifenstein beschenkt.
- [10]. Kurzer Abriß der Geschichte des Rittergutes Geyersberg.
Das Obererzgebirge:
- [Erster Abschnitt]: Die Landschaft des Obererzgebirges.
- [Zweiter Abschnitt]: Das Volkstum des Obererzgebirges.
- [Dritter Abschnitt]: Die Besiedelung des Obererzgebirges.
- [Vierter Abschnitt]: Die Kriegszeiten des Obererzgebirges.
- [Fünfter Abschnitt]: Das Wirtschaftsleben des Obererzgebirges.
Ausführliches Inhaltsverzeichnis befindet sich am [Schlusse des Buches].
1. Gründung und Wappen der Stadt Geyer.
Zweifellos ist die alte Bergstadt Geyer nach den Geiern benannt worden, jenen Raubvögeln, die früher in dem waldreichen Erzgebirge häufig nisteten. Die Sage schreibt ihnen die Veranlassung zur Gründung der Stadt zu. Sie berichtet:
»Einst hatten Geier dem Hühnerhofe des Rittergutes Tannenberg argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp der bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen; er band daher sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand den Horst der Geier auf, zerstörte das Nest und erlegte auch die alten Vögel. Als er zu seinem Rosse zurückkam, hatte es mit seinen Hufen Zinnstein entblößt. Der Edelmann steckte einige Erzstücke zu sich, zeigte sie Kundigen, und auf deren Anraten schlug man an dieser Fundstelle ein. So wurde der Geyersberg fündig. Es geschah dies zu Anfang des 14. Jahrhunderts.«
So entstand das Bergwerk im Geyersberge, dessen Größe wir noch erkennen und bewundern, wenn wir am Rande der gewaltigen Binge stehen, welche durch den Einsturz dieses Bergwerkes entstanden ist.
Die Bergleute siedelten sich im Thale des Geyerbaches am Fuße des Berges an, und immer mehr zogen herzu. Es bildete sich nach und nach eine Stadt. Diese wurde Geyer genannt, weil Geier die Entdeckung des Erzes und somit die Gründung der Stadt veranlaßt hatten.
Eine andere Überlieferung sagt, im Neste der Geier seien Zinngraupen gewesen, das habe die Bergleute angeregt, in der Nähe zu schürfen, und so seien die Erzschätze entdeckt worden.
So verdankt die Stadt Geyer der Sage nach Gründung und Namen den Geiern. Der Name der Stadt ließe sich jedoch auch erklären, wenn jene Gründungssagen nicht auf Wahrheit beruhten. Manche Stadt ist nach einem nahen Berge benannt worden, man denke an Scheibenberg oder Schneeberg. Geyer liegt an einem Berge, der früher mit undurchdringlichem Waldgestrüpp und Felsblöcken bedeckt war, sodaß er einen Zufluchtsort für die Geier bot und darum wohl schon in ältester Zeit »der Geyersberg« genannt wurde. Geyer kann demnach den Namen auch von dem nahen Geyersberge erhalten haben.
Da nun die Stadt Geyer ihren Namen, wenn nicht sogar ihre Entstehung, den Geiern verdankt, führt sie diese Vögel auch in ihrem Wappen. Drei Geierköpfe sind darauf zu sehen. Leider wissen wir nicht genau, wie das Stadtwappen von Geyer ursprünglich aussah. In der Handschrift von Tschran (1775 beendet) heißt es:
»Was das Wappen der Stadt anlanget, so ist darüber kein Document ausfindig zu machen. Am Rathause befindet sich das Stadtwappen, nach alter Bildhauer- und Wappenart in Stein gehauen, welches 3 Geyersköpfe in einem besonderen Schilde hat, darüber ein offener Helm mit 3 Spriegeln, und darauf ein Geyer befindlich, unter demselben aber die Jahreszahl 1496 in Mönchsschrift stehet.«
Das hier geschilderte Wappen ist noch erhalten, freilich arg beschädigt. Der Verfasser dieses Abschnittes giebt auf der Bildertafel die Zeichnung davon. Er hat darauf die fehlenden Teile ergänzt, soweit sich ihre einstige Gestalt aus den Resten erkennen ließ. Es fehlten das oberste Stück des Wappens mit dem Kopfe des Geiers auf dem Helme, sowie fast alle Verzierungen um Helm und Schild. Gut erhalten ist der Stein mit der Jahreszahl: Anno dm (= domini) MCCCCXCVI.
Im Jahre 1496, zur Zeit der Gründung Annabergs, hat demnach Geyer schon ein großes Rathaus besessen. Dasselbe ist aber 1844 durch ein neues ersetzt worden, wobei das Wappen entfernt wurde. Es steht zu erwarten, daß dieses nächstens wieder vervollständigt und an einen ihm gebührenden Platz gebracht wird. Noch ist zu erkennen, daß das Wappen vergoldet war und blauen Grund hatte.
Tschran berichtet weiter, daß in der Hauptkirche über dem Ratschore ein hölzernes Wappen in verändertem Aussehen angebracht gewesen sei. Leider konnten wir dieses nicht ausfindig machen. Es wird folgendermaßen beschrieben:
»Im Schilde siehet man einen viereckigten Thurm im blauen Felde, mit offnem Thore, daran ein Schild mit 3 Geyersköpfen hängt. Der Helm darüber ist offen, mit einer goldnen Crone, und oben darauf ein Rittelgeyer befindlich.«
Auch das größere und kleinere Stadtsiegel, sowie das Bergamtsiegel werden geschildert. Aus ersterem hat sich fast ohne Veränderung das heutige Stadtwappen entwickelt. (Siehe die Bildertafel!) Die Farben sind folgendermaßen angegeben: Der Turm im blauen Felde ist rötlich. Auf jeder Seite stehen sieben goldene Sterne. Das Dach ist schieferfarben und trägt zwei goldene Knöpfe mit Fähnlein. Der Schild ist silbern und zeigt drei Geierköpfe in ihrer natürlichen Farbe.
Das Wappen von Geyer ist außerdem noch auf dem sogenannten Dreilagensteine zu finden. Dieser ist ein uralter Grenzstein. Auf ihm sieht man das Wappen von Geyer, das des Abtes von Grünhain und dasjenige der Herren von Schönburg. Das Wappen von Geyer besteht darauf nur aus drei Geierköpfen.
Albert Major.
2. Die große Glocke in Geyer.
Schon in früher Morgenstunde nach der Nacht, in welcher Kunz von Kaufungen die Prinzen geraubt hatte, begann die allgemeine Verfolgung der Räuber. Da erklang auch vom Turm der Niklaskirche zu Geyer die große Glocke, laut das geschehene Unheil kündend. Die Glocke zersprang. Urban, der Neffe von Georg Schmidt, welcher zu dieser Zeit in Geyer anwesend war, teilte bei seiner Rückkehr seinem Oheim das Ereignis mit.
»Im Walde dort wert Cunz ertapt,
Da wollt he Beeren naschen«
berichtet der uralte Berg-Reihen weiter. Der Kurfürst aber ließ später aus Dankbarkeit gegen Gott für die glückliche Errettung seiner Söhne auf seine Kosten die große Glocke in Geyer umgießen. Ungefähr in dieser Weise wird in der landläufigen Art bei der Erzählung des Prinzenraubes der Geyerschen Glocke gedacht.
Zunächst muß festgestellt werden, daß weder die Nikolaikirche, noch die bald nach dem Prinzenraub umgegossene Glocke zur Zeit noch vorhanden sind. Die große Nikolaikirche, welche östlich von der Stadt, links von der Ehrenfriedersdorferstraße – die Pflugschar durchschneidet jetzt das Land – stand, wird bereits 1491 urkundlich als nicht mehr vorhanden bezeichnet, wahrscheinlich war sie durch Brand zerstört worden. Bezüglich des Glockengusses fehlen allerdings gleichzeitige Nachrichten; auch ist in dem bekannten Manifest, welches der Kurfürst am Jakobitage (26. Juli) 1455 erließ, vom Glockenläuten nicht die Rede. Peter Albinus ist der älteste bekannte Chronist, der den Prinzenraub ausführlich erzählt, und er sagt in seiner Neuen Meißnischen Chronik (1580): »Es haben sich die Hofleute nicht gesäumet, sondern von Stund an in alle Gegenden geschickt und sind zum Teil selbst ausgeritten, den Sturmschlag in allen Städten und Dörfern angehen lassen, daß also das ganze Land rege wurde.« Albinus, als geborner Schneeberger, kannte die Gebräuche des Erzgebirges; er wird wohl nicht ohne Grund vom Sturmläuten berichtet haben.
Das wichtigste Zeugnis giebt uns der um die Geschichtsforschung in Geyer so hochverdiente Pastor Blüher, der der Prinzenglocke eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat und der den Umguß der Glocke auf Kosten des Kurfürsten für wahr hält. Nach demselben waren auf der einen Seite der Glocke die Bildnisse der beiden jungen Fürsten angebracht, auf der andern Seite sah man Kunz auf der Erde liegend und das Pferd am Zügel haltend, daneben den Fürsten Albrecht und den Köhler. Oben um die Glocke stand der Vers:
Filios Curt abripiebat Saxonis: Ergo
Redditionem hoc aes Christiparae memorat.
und unten:
Aufugiente Ducum plagiario rupta, sed Almi
Ensiferi sumtu sum reparata Patris.
A. MCCCCLVI.
Blüher hat beide Distichen in folgender Übersetzung wiedergegeben:
Kurt entführte die fürstlichen Prinzen, die himmlische Jungfrau –
Diese Glocke bezeugt's – gab sie uns gnädig zurück.
Ob des fliehenden Räubers der Prinzen laut stürmend zersprang ich,
Doch aus fürstlichem Schatz ward ich wieder verjüngt.
Im Jahre 1580 besichtigte Herzog Albrecht die Prinzenglocke. Sie wurde nach der Zerstörung der St. Niklaskirche im Turme der Lorenzkirche aufgehängt. Die Freude über die schöne Glocke ist nicht von langer Dauer gewesen, schon 1535 ist sie abermals zersprungen. Der Umguß der neuen großen Glocke hat im Jahre 1539 stattgefunden, ob mit Beisteuer Heinrichs des Frommen, wie vermutet wird, ist nicht erwiesen, er geschah jedoch unzweifelhaft in der berühmten Hilligerschen Gießhütte in Freiberg. Die große Glocke ist 1,60 m hoch, ihr Durchmesser beträgt 1,80 m, ihr Ton gilt allgemein als ausgezeichnet. In dem breiten Laubwerkfries, das sie umgiebt, sind kleine Medaillons angebracht, die Karl V., Ferdinand I. nebst Gemahlinnen etc. darstellen. Vorzüglich gelungen ist das Rundbildnis Heinrichs des Frommen, wovon wir auf der Bildertafel eine Abbildung bringen. Außerdem ist noch der Bibelspruch Johannes 3: Also hat Gott die Welt etc. und die Jahreszahl 1539 auf der Glocke angebracht. Die Angaben über die Schwere der Glocke sind schwankend, ein Glockengießer versicherte mir, daß sie über 100 Zentner wiegen müsse. Sei dem, wie ihm wolle, die Geyersche Gemeinde hängt mit großer Liebe an ihrer Glocke. Dies zeigte sich besonders im Jahre 1839, als die dreihundertjährige Geburtstagsfeier derselben feierlich begangen wurde. Und noch heute ruft der eherne Mund der großen Prinzenglocke die Gemeinde zum Gotteshause und begleitet mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolle Stunden!
Hermann Lungwitz.
3. Hieronymus Lotter.
Von den Bildern, welche die Brüstung der Empore der St. Annenkirche in Annaberg zieren, trug das 28. Bild, Kains Brudermord darstellend, die Inschrift der Stifter »Michael Lotter und Barbara, dessen Ehefrau«. Dies waren die Eltern des berühmten kurfürstlichen Baumeisters Hieronymus Lotter. Michael Lotter war mit seiner Familie 1509 von Nürnberg nach dem rasch emporblühenden Annaberg eingewandert und hatte es hier durch seine Rührigkeit zu Ansehen und Wohlstand gebracht, sodaß ihm seine Mitbürger das Amt eines Bürgermeisters übertrugen. Sein Sohn Hieronymus hatte sich dem Baufach gewidmet und Leipzig als Schauplatz seiner Thätigkeit gewählt. Hier baute er das Kornhaus auf dem Brühl, das Badstubenhaus am Ranstädter Thor, erhöhte den Nikolaikirchturm und versah ihn mit einer Wächterwohnung, brach das alte Rathaus ab und vollendete den Neubau bis zur Bewohnbarkeit innerhalb 9 Monaten. Fremde Kaufleute, die zur Ostermesse den Anfang des Neubaues mit angesehen hatten, waren, als sie zur Michaelismesse wiederkehrten, »mit Verwunderung über so unverhofften Fortgang fast erstarret«. Kurfürst Moritz übertrug dem Baumeister Lotter, die Pleißenburg als Schloß und Festungsbau neu herzustellen. Sein Nachfolger, Kurfürst Vater August, ehrte seinen Baumeister auch dadurch, daß er, so oft er in Leipzig allein oder in Begleitung seiner Gemahlin erschien, in Lotters Behausung abstieg. Die Leipziger Bürger wählten den hervorragenden Baumeister zu ihrem Bürgermeister.
Mit dem Jahre 1560 finden wir Hieronymus Lotter in der Bergstadt Geyer. Er kaufte den Preußerhof, einen mit »Gerichten über Hals und Hand« versehenen Freihof. Der Freihof stand an der Stelle, an welcher sich die frühere Bürgerschule, die jetzige Posamentenfabrik des Herrn Hermann Dietzsch, befindet. Später erwarb Lotter das Rittergut Geyersberg mit etlichen nahestehenden Bürgerhäusern, die er zum Teil abtrug, als er sein Wohnhaus von Grund aus neu aufführte. Dieses Wohnhaus steht heute noch und befindet sich im Besitz des Herrn C. M. Schürer. Überhaupt begann mit Lotter in Geyer ein neues Leben. Durch seine Kunstfertigkeit zur Baulust angeregt, ließ der Rat die beiden damals vorhandenen Brauhäuser und den Rathausturm neu herstellen, den Wachtturm mit einer Türmerwohnung und mit Glocken versehen. Letztere waren besonders dazu bestimmt, die Bergleute nach achtstündiger Schicht zum Gebet und zur Arbeit zu rufen. Lotter unterhielt allein 300 Bergleute; denn er besaß den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues nebst 8 Pochwerken, die teils in der Stadt, teils am Greifenbache lagen.
Wie in Leipzig, so war auch auf dem Lotterhofe, so hieß das Rittergut von nun an, der Kurfürst nebst Gemahlin, so oft sie im Gebirge weilten, Lotters Gast. Hier im kleinen Schreibstüblein suchte Kurfürst August seinen Baumeister zu bestimmen, ihm auf dem Schellenberge ein Schloß, die spätere Augustusburg, zu erbauen. Als ob Lotter geahnt hätte, wie viel Beschwerlichkeit, Kümmernis und Undank gerade dieser Bau ihm einbringen werde, ging er anfangs nicht auf den Plan ein, sondern schob sein hohes Alter – er stand damals in seinem 69. Lebensjahre – vor. Erst durch die Kurfürstin ließ Lotter sich bestimmen, ihrem Herrn und Gemahl die Bitte nicht abzuschlagen.
Lotter hat den größten und schwierigsten Bau seines Lebens nicht vollendet. Es wurde ihm die schmerzliche Demütigung, daß man den Bau kurz vor seiner Vollendung dem Grafen Rochus von Linar übertrug. Dem ungeduldigen und äußerst sparsamen Kurfürsten ging der Bau zu langsam und verschlang zu große Summen. Dazu mag noch gekommen sein, daß Neider dem Kurfürsten ins Ohr flüsterten, Lotter bereichere sich an den Baugeldern, während es doch Thatsache ist, daß er von der kurfürstlichen Kasse 15 000 Gulden zu fordern hatte, die ihm nie ausgezahlt worden sind, und ferner Thatsache ist, daß der reiche Leipziger Bürgermeister und Bauherr wenige Jahre nach der Vollendung der Augustusburg ein armer Mann war.
Tiefgekränkt zog sich Lotter auf seinen Geyersbergischen Hof zurück. Aber auch hier erwartete ihn wenig Freude. Die bergmännischen Unternehmungen waren mißglückt, die Seinigen drängten ihn um Herausgabe des Erbes, kurz, der 82jährige Greis sah nur trübe Tage. Am 24. Juli 1580 legte er sein müdes Haupt für immer zur Ruhe. Auf dem Altarplatz der St. Lorenzkirche zu Geyer ist Lotter begraben worden.
Und heute!
Eine der schönsten Straßen Geyers führt nach dem kurfürstlichen Baumeister den Namen: Hieronymus Lotter-Straße. Am 8. Oktober 1893 brachte der Verein der Leipziger Architekten an Lotters Sterbehause, das ist das von ihm erbaute Wohnhaus des Rittergutes, eine Gedenktafel an, welche folgende Inschrift trägt:
In diesem Hause starb
Leipzigs großer Baumeister
Hieronymus Lotter
im 83. Lebensjahre 1580.
Dem alten Meister
zu seinem Gedächtnis
Leipzigs Architekten 1893.
Hermann Lungwitz.
4. Geyer während des dreißigjährigen Krieges.
Mit dem Jahre 1632 begann der dreißigjährige Krieg auch seine Schrecknisse in unser sächsisches Erzgebirge zu verbreiten. Während die kurfürstlichen Truppen in der Lausitz und in Schlesien standen, sandte der kaiserliche Feldherr Wallenstein den General Holk mit seinen raub- und blutgierigen Banden über Eger und Neudeck ab, um das sächsische Land für die Verbindung seines Fürsten mit den Schweden zu strafen. Alles auf das Wildeste verheerend, breiteten sie sich im August des Jahres 1632 von Schneeberg durch den sogenannten Grund kommend auch in der Umgegend von Annaberg aus. Das Geyersche Rittergut wurde in dieser Zeit zweimal ausgeplündert und alles Vieh hinweggetrieben; drei Jahre lang, nämlich bis zum Jahre 1635, mußte es in wüstem Zustande und die Felder unbestellt bleiben. Ludwig Lotter, der damalige Besitzer des Gutes und Enkel des großen kurfürstlichen Baumeisters und Bürgermeisters zu Leipzig, Hieronymus Lotter, ward – wie späterhin seine Erben in ihrem Belehnungsgesuch vom 31. August 1649 dem Kurfürsten klagen – auf seinem Rittergute öfter »mit unerhörten Schlägen traktiert, mit Stricken um Kopf und Hals gelegt gerädelt und so henkermäßig gepeinigt, daß sein Leben mehr als einmal nur an einem Faden hing«.
Fehlen auch leider die genaueren Zeitangaben jener Erlebnisse, so hat man doch besondere Nachrichten über die Schicksale der Stadt in diesen schrecklichen Zeiten, welche zur Aufhellung und Bestätigung des obigen mitgeteilt zu werden verdienen.
Als General Holk im August 1632, um sich den Paß nach Böhmen zu erhalten, Schwarzenberg durch den Hauptmann Ullersdorf mit seinen Kroaten hatte besetzen lassen, schickte sie dieser in der Umgegend weit und breit zu Kriegsforderungen, Brandschatzungen und Plünderungen aus. Die Orte, welche das geforderte Geld nicht brachten oder aus Armut nicht bringen konnten, ließ er pfänden, Vieh und Menschen wegführen, jenes wurde wieder verhandelt oder nach Böhmen getrieben, die gefangenen Personen aber bis zur Erlangung eines stattlichen Lösegeldes behalten. So verfuhr man zu Hermannsdorf, Thum, Ehrenfriedersdorf u. s. w., so auch zu Geyer. Hier fielen die Kroaten am 23. August 1633 ein, brandschatzten und plünderten noch überdies, wobei sie große Grausamkeiten verübten. Ein zweiundachtzigjähriger Greis, der Zehntner Elias Hammann, mußte viel Schläge und Martern erdulden; der Viertelsmeister Puzscher ward vor seiner Hausthüre erschossen. Ein gleicher Überfall erfolgte am 25. November. Bereits war die Stadt bei den Durchmärschen total ausplündert und die Bewohner zu entfliehen genötigt worden, sodaß Geyer fast wüste stand und nichts liefern konnte. Doch hatte Hauptmann Ullersdorf durch seinen Schreiber Samuel Metzler ausgekundschaftet, wenn die Entflohenen in ihre Wohnungen zurückkehrten. So ließ er am 25. November früh 7 Uhr eine Abteilung Kroaten in Geyer einfallen und 3 Personen gefänglich wegführen, den Stadtrichter Georg Klauß, den Pfarrer Johann Andrä (einen Flüchtling aus Kaden) und einen schottischen Bergherrn Paul Northofen, ließ sie nach Schwarzenberg bringen, um für erstere beide 1000 Thaler Lösegeld zu erpressen, letzteren aber, weil er auf einen über Kroaten gesetzten Leutnant geschossen haben sollte, mit einem schmählichen Tod bedrohen. Der Pfarrer löste sich mit Geld und Geschmeide von 400 Thaler an Wert, die beiden anderen wurden gerettet durch sächsische Truppen, die unter Oberst von Taube über Chemnitz anrückten, in Verbindung mit dem in Zwickau liegenden Bosenschen Regimente das Schwarzenberger Schloß eroberten und die Besatzung nebst ihrem Kommandanten Ullersdorf gefangen nahmen. Dies geschah am 4. Dezember 1633.
Die Taubeschen und Bosenschen Regimenter besetzten nun auch die hiesige Umgegend, in Annaberg blieben bis August 1634 4 Kompanien Reiter unter Oberst Bodenhausen. Doch dauerten die feindlichen Streifzüge von Böhmen aus fort, und endlich, nach dem Sieg bei Nördlingen über die Schweden, erhielten die Kaiserlichen völlig die Oberhand in unserm Gebirge, während die sächsischen Truppen sich auf Zschopau zurückziehen mußten. Namentlich wiederholte der kaiserliche Oberstleutnant Schütz von Schützky seinen schon im Mai versuchten Einfall am 28. September, wobei er Annaberg und Umgebung mit unbarmherzigen Brandschatzungen und Plünderungen heimsuchte, bis er, den Hauptmann Kurt Reinicke von Kallenberg mit 30 Reitern zurücklassend, den 14. Oktober nach Zwickau abzog. Dieser Hauptmann ließ Geyer von der angedrohten Plünderung mit 230 Thaler loskaufen und nachher dennoch plündern. Am 27. Oktober erfolgte der Durchmarsch des kaiserlichen Obersten Schönickel, der, mit 5000 Mann auf seinem Rückzuge von Zwickau über Annaberg nach Böhmen begriffen, in Geyer den Stadtrichter wegführen ließ und erst freigab, als die Stadt ihn mit 37 Thaler eingelöst hatte. Diese letztere Nachricht fand sich in einer hiesigen Gemeinderechnung; wie viel Not und Jammer aber dabei verbreitet worden, läßt sich vermuten, wenn man weiß, daß Schönickel, obwohl Chemnitzer von Geburt, doch fern von aller Schonung gegen sein Vaterland war und durch Viehraub, Plünderung, Sengen und Brennen (namentlich bei Zwickau, wo man eines Tages 15 Schadenfeuer zugleich sah) Furcht und Schrecken verbreitete.
Die heißersehnte Ruhe von solchem Ungemach trat für unser Gebirge und das ganze Land erst ein, als der Kurfürst am 24. Juni 1635 Friede mit dem Kaiser schloß und sich somit von den Schweden trennte.
Über die Zeit vom 24. August 1632 bis 25. Juni 1635 bemerkt erwähnte Gemeinderechnung: »An Kontribution, Brandschatzung u. s. w. habe Geyer 2973 Thaler 4 Neugroschen 6 Pfennige aufbringen müssen, außer 200 Stück Rindvieh, das kleine ungerechnet, 24 Pferde, 4 Gebräude Bier, die zunichte gemacht worden.« Zwei Männer und eine Frau seien niedergemacht worden, und wie viele verwundet oder des Ihrigen beraubt worden, sei gar nicht zu ermessen.
Neue Drangsale brachte das Jahr 1639, als die Schweden unter General Baner das Erzgebirge heimsuchten, um mit unmenschlicher Grausamkeit Rache an den Bewohnern für des Kurfürsten Verbindung mit dem Kaiser zu nehmen. Aber auch die kaiserlichen Scharen, die bald als Verfolgende, bald als Verfolgte erschienen, verfuhren nicht viel milder. Damals erlangte Geyer wenigstens bei den schwedischen Truppen Schonung durch den hiesigen Pfarrer Hollenhagen, der denselben, wenn sie einbrechen wollten, entgegen zu reiten pflegte und mit seiner Fürbitte für die Gemeinde um so leichter Gehör fand, da er früher schwedischer Feldprediger gewesen war. Bei Annäherung der Kaiserlichen verbarg er sich mit der Gemeinde im Walde. Nach einer andern Geschichtsquelle wird erzählt, daß dann die Frauen aus Furcht vor dem Feinde auf Bäumen Platz genommen hätten und hier Zäckchen u. s. w. gefertigt hätten. Ein Zeichen, daß auch schon zur Zeit des dreißigjährigen Krieges die Frauen von Geyer durch Handarbeit zum Erlangen des täglichen Brotes beitrugen.
Als die Kaiserlichen von der Saale her durch das Erzgebirge gegen die in Schlesien vordringenden Schweden zogen und die Durchzüge seit Anfang des Februars 4 Monate lang dauerten, waren die Einwohner (wie ein Zeitgenosse, der Scheibenberger Pfarrer Lehmann, in seiner Kriegschronik erzählt) genötigt, von Haus und Hof zu fliehen, wenn sie nicht den übertriebenen Forderungen genügen wollten oder konnten, nämlich sich von Plünderung loskaufen, Salvegarde lösen, Proviant liefern, Wege bessern, Vorspann leisten u. s. w. Bei ihrer Rückkehr fanden die Geflüchteten dann gewöhnlich ihre Häuser niedergebrannt oder ausgeplündert, die Mobilien zerschlagen, die Kirchen erbrochen und für Stallung der Pferde benutzt, die Feldfrüchte teils abgeweidet, teils abgemäht und weggebracht. Menschen und Vieh, wo sich dergleichen treffen ließ, ward mit fortgenommen, ganze Dörfer wurden wüste, so Jahnsbach, Schönfeld, Tannenberg.
Auch Geyer muß damals einen erbarmungswerten Anblick gewährt haben, sagt P. Blüher in seinen Aufzeichnungen, und fährt derselbe in seiner Beschreibung der Stadt, allerdings vor den Bränden in den Jahren 1854, 1862 und 1863 fort:
Wer vom alten Schießhausplatz aus über die Schützenhofgasse herab durch die Badergasse an der Marktschmiede vorüber bis zum Bergamtshaus ging, der sah zur Linken und vom Bergamtshause bis zur Tannenberger Grenze zu seiner Rechten eine fast ununterbrochene Reihe in Asche liegender Häuser und außerdem waren 8 Brandstätten in der Zinngasse, in der Gegend, in welcher sich der große, freie Platz der ersten aufsteigenden Straße gegenüber sich befindet. Noch im Jahre 1661 zählte man 118 Brandstätten und nur 83 bewohnte Häuser.
Der Friedensschluß, welcher den dreißigjährigen, unerhörten Trübsalen ein Ziel setzte, erfolgte am 14. Oktober 1648 zu Osnabrück. Ganz Deutschland erlangte dadurch die heißersehnte Ruhe. Das Friedensfest wurde zwischen Kaiserlichen und Schweden im großen Saale des Rathauses zu Nürnberg gefeiert. Während die Abgesandten in der hochgewölbten, glänzend erleuchteten Halle ein Fest abhielten, waren für die Armen der Stadt zwei Ochsen geschlachtet und viel Brot ausgeteilt worden, und aus einem Löwenrachen lief sechs Stunden lang weißer und roter Wein herab. Aus einem größeren Löwenrachen waren dreißig Jahre lang im ganzen deutschen Reich Blut und Thränen geflossen!
Hermann Lungwitz.
5. Salzburger Emigranten ziehen durch Geyer.
Als im Jahre 1732 der Erzbischof von Salzburg, Leopold Anton, Graf von Firmian, die religiöse Unduldsamkeit bis auf das Äußerste trieb, wanderten 30 000 friedfertige, arbeitsame Protestanten aus und fanden in dem Lande des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen gastliche Aufnahme. Auf verschiedenen Wegen zogen die Emigranten ihrer neuen Heimat zu, und so geschah es auch, daß ein Trupp Emigranten seinen Weg durch Geyer nahm. Anfangs wollte der Kommissar Balzig die Vertriebenen nicht durch unsere Stadt führen, da dieselbe sich zu dieser Zeit infolge des Niederganges des Bergbaues in mißlichen Verhältnissen befand. Doch, berichtet eine im Besitz des königlich sächsischen Altertumsvereins befindliche Handschrift, gab sich der damalige Geyersche Stadtrichter Neubert selbst die Mühe, am 5. August 1732 nach Zwönitz zu schicken, wo die Vertriebenen ihr Nachtlager hätten und sich den Durchzug von ihnen auszubitten. Als die Bürger Geyers dieses hörten, wurden sie ungemein erfreut, daß sie das Glück genießen sollten, den Salzburgern Gutes zu erweisen. Sie machten sich daraufhin für den kommenden Tag bereit, dieselben mit möglicher Liebe aufzunehmen. Die Schule, der Prediger, der ganze Rat und die Bürgerschaft gingen ihnen entgegen und empfingen sie mit einer Rede. Sie führten die Vertriebenen bei vollem Geläute in die Stadt, wobei dieselben bewegliche Lieder sangen und auf dem Markte Betstunde hielten; verlesen wurde Jerem. Kap. 51, welches von Babels Zerstörung handelt. Nach der Beendigung des Gottesdienstes verschwanden gleichsam die Emigranten, denn die Einwohner nahmen sie in der größten Geschwindigkeit mit sich, daß man auch für Geld keinen mehr bekommen konnte. Der Priester der Stadt war ein wenig abgetreten, um einen kranken Salzburger mit Trost aufzurichten. Er hätte gewiß leer ausgehen müssen, wenn sich nicht der Kommissar über ihn erbarmet und ihm zu zwei Personen geholfen hätte. Nach eingenommenem Mittagsmahle fing man wieder an, mit der großen und weitberühmten Glocke zu läuten. Darauf versammelten sich unsere Emigranten und man führte sie ebenso aus der Stadt, wie man sie eingeholet hatte. Die Abschiedsrede gründete sich auf Offenbarung St. Johannis 2, 10. Dies alles schrieb man in die Kirchenmatricul, damit es zum ewigen Andenken beibehalten würde. Sonntags darauf sammelte man auch hier die Kollekte, welche man in Sachsen für die Salzburger zusammengelegt hatte, sie betrug 19 Thaler 7 Groschen; vorher war keine Kollekte so reichlich, so lange Geyer gestanden hat. Die Emigranten zogen von hier aus nach Wolkenstein weiter.
Hermann Lungwitz.
6. Evan Evans, der erste Baumwollspinner Sachsens.
Unter den Prunkgeräten aus den früheren herzoglichen Schlössern, welche im Museum zu Braunschweig aufbewahrt werden, findet sich auch ein schmuckloses Spinnrad, das von Georg Jürgens, einem Braunschweiger, gefertigt sein soll, der zur Zeit Luthers das Spinnrad erfand und damit die seit Jahrtausenden zum Spinnen dienende Spindel außer Gebrauch setzte. Geyer hätte ebenfalls Ursache, eine Maschinenspindel im Rathaus aufzuhängen, denn Evan Evans, ein Geyerscher Bürger, war es, der das Spinnrad durch das Einführen des Maschinenspinnens in Sachsen verdrängte. Die Maschinenspinnerei ist eine englische Erfindung. Man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu; doch haben spätere Nachforschungen ergeben, daß er wohl ein großer Verbesserer, aber nicht der Urerfinder des Maschinenspinnens gewesen ist. In Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kleine Handmaschinen von 10 bis 20 Spulen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen Ende desselben führte Karl Friedrich Bernhard das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da er aber als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte, namentlich, wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen verstand, so wurde ein englischer Spinner, Evan Evans, aus England herübergerufen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann. Der Vater des sächsischen Maschinenspinnens, besonders der Baumwollspinnerei, ist Evan Evans. Er ist 1765 in New-Wales in England geboren und kam im März 1802 auf erhaltene Veranlassung aus Manchester nach Sachsen. Nachdem er sich in Harthau als Spinnmeister bewährt hatte, ging er nach Dittersdorf, um sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen. Mit dem Jahre 1809 siedelte er nach Geyer über und legte drei Jahre später den Grund zu seiner eigenen großen Fabrik im benachbarten Siebenhöfen. Evans zeichnete sich als Erfinder auf dem Gebiete des Maschinenspinnens aus und wurde auch als solcher wiederholt von der sächsischen Regierung ausgezeichnet. Er fertigte die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau etc., auch für viele kleinere Werkstätten im Erzgebirge und im Vogtland, sowie in und um Chemnitz. Evan Evans ist am 9. Dezember 1844 in einem Alter von 79 Jahren gestorben und liegt auf dem Friedhofe bei der Hauptkirche in Geyer begraben. Die Saat aber, die der von groß und klein hochgeachtete Bürger von Geyer gesät hat, grünt und blüht heute noch fort, denn am Geyersbach, der der Zschopau zufließt, hat er seine erste Spinnerei gegründet und längs des Zschopauflusses haben sich die größten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.
Hermann Lungwitz.
7. Die Binge auf dem Geyersberge bei Geyer.
Einst hätten, so erzählt die Sage, Geier dem Hühnerhof des Rittergutes Tannenberg argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp auf der bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen, er band daher sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand den Horst der Rittelgeier auf, er zerstörte denselben, ebenso gelang es ihm, die alten Vögel zu erlegen. Als er zu seinem Roß zurückkam, hatte es mit seinen Hufen Zwitter und Zinngraupen entblößt. Der Edelmann steckte das Erz zu sich, zeigte es Kundigen und auf deren Anraten schlug man auf derselben Stelle ein. So wurde der Geyersberg fündig. Es geschah dies nach Tschrans Vermutung zu Anfange des 14. Jahrhunderts. Die Ansiedelung aber, welche sich wegen der schon früher aufgefundenen reichen Silber- und Kupfererze in dem Thale gebildet hatte, bekam nach den Raubvögeln den Namen Geyer, und noch heute führt diese Stadt drei Geierköpfe im Wappen.
Die Ausbeute des Geyersberges scheint eine sehr reiche gewesen zu sein, sind doch aus den Gruben nach einer vom Bergamt zu Freiberg gemachten Zusammenstellung von der Auffindung bis zum Jahre 1845 (die Ausbeute nach diesem Jahre ist ohne Belang) im ganzen rund 72 600 Zentner Zinn gefördert worden, die einen Wert von 7 bis 8 Millionen Mark darstellen. Das Werk im Geyersberg wurde Zwitterstockwerk genannt. Unter Zwitter verstand der Bergmann den Zinnstein, ein dem Gneise verwandtes oder mit ihm durch Übergänge verknüpftes Gestein, hauptsächlich aus eisenschüssigen Quarzen, mit Chlorit, Arsenkies und Zinnstein gemengt. Der Zinnstein in Gängen wurde zuweilen, wie Charpentier berichtet, so reich befunden, daß drei Zentner Zinnerz zwei Zentner Zinn beim Schmelzen gaben. Mit dem Bergbau im Geyersberg ist die Geschichte der Stadt auf das Innigste verknüpft, kein Wunder, daß auch die Sage die Erwerbsquelle umrankt wie der Epheu das verfallene Bergschloß. Es berichtet eine alte Handschrift, auf dem Geyersberge hätte sich ein Paar Raben aufgehalten, welche durch ihren hohen oder niederen Flug Anzeichen von einer bevorstehenden Veränderung gaben, bestünde dieselbe entweder in der kommenden teuren Zeit oder auch in einem Unfalle, welcher dem Bergmann im Schoße der Erde zustieße. Das Rabenpaar habe nie ein anderes neben sich geduldet, selbst die eigenen Jungen habe es, sobald der Hafer begann, gegen den Schuß hin gelb zu werden, mit Schnabelhieben davongetrieben. Ob sie auch im Herbst 1704 ein Anzeichen gaben, darüber schweigt die erwähnte Handschrift, wohl aber geschah es, »daß eine große Wand oder Tagklippe niederging, durch welchen Bergfall viel Holz verstürzet und die Häuser im Geyer erschüttert worden, wie von einem Erdbeben«. Es mag eine furchtbare Erschütterung gewesen sein, als die möglicherweise mit nicht allzu großer Vorsicht angelegten Höhlen in sich zusammenbrachen, wodurch der große Tagebruch, die Binge, entstand. Schon nach der ersten Senkung muß die entstandene Vertiefung eine mächtige gewesen sein; denn als im Herbste 1773 der Kurfürst und spätere König Friedrich August sein durch die große Hungersnot heimgesuchtes Gebirge besuchte und auch am 7. September nach Geyer kam, zeigte man demselben den Geyersberg »und bezeugte Ihro Churfürstliche Durchlaucht nicht undeutlich Höchstdero Wohlgefallen an dessen grauen Altertume und Seltenheit«. Leider hatte es mit dem einen Zusammenbruch nicht sein Bewenden, denn der Hauptbruch erfolgte am 11. Mai 1803. Während die Grubenarbeiter bei dem Bruch von 1704 durch vorherige Anzeichen in den Gruben gewarnt und daher geflohen waren, wurden 1803 die beiden Bergleute Christian Gottlieb Schramm und Johann Gotthilf Zimmermann, welche nach der Senkung das Werk untersuchen wollten, ob weiterer Broterwerb möglich sei, verschüttet. Ihre Leichen ruhen noch jetzt im Schoße der Binge. In dem am Neujahrstage 1804 ausgetragenen Zettel klagt der Kirchner Hofmann:
Zum neuen Jahr sei neues Glück,
Mein Geyer, dir beschieden;
Vergiß das alte Mißgeschick –
Nur Stückwerk ist's hienieden!
Der Geyersberg erzeugte zwar
Uns bittre Thränen-Tage,
Und Teurung blieb im alten Jahr
Der Armen stete Klage.
Ja Kirche, Schule, Rat und Euch,
Geliebte Bürger, schütze
Der gute Gott, er segne Euch
Und sei der Knappschaft Stütze.
Obwohl der Betrieb des Bergbaues im Stockwerk vorläufig infolge weiterer Brüche eingestellt werden mußte, nahm man ihn später, wenn auch in geringerem Maße, wieder auf, bis mit dem Jahre 1855 das letzte Zinnschmelzen stattfand. Die Förderkosten belaufen sich zu hoch im Vergleich zum Preis des Zinnes, die reichen Gruben des Auslandes gaben zu große Ausbeute.
Etwas Unheimliches über den Geyersberg berichtet M. Metzler in seinen Totennachrichten von 1692. Da heißt es: Den 24. Novembris starb Gregor Schneider, ein Kärner, welchem ein Spectrum am Geyersberge unter die Augen gespeiet, daß ihm das ganze Angesicht verbrannt und das eine Auge durch die Nasen ausgeschworen ist.
Heutzutage fürchtet man kein Gespenst mehr am Geyersberge; die Binge ist vielmehr ein von nah und fern gern besuchter Ausflugspunkt in unserem Erzgebirge. Nachdem der Wanderer sich an der köstlichen Fernsicht geweidet hat, schaut er in die grausige Tiefe; das Werk, welches fleißige Hände im Laufe von Jahrhunderten schufen, ist zusammengestürzt. Da sieht man noch Spuren von früheren Förder- und Abbaugängen, von Strecken etc. Die große Binge ist 70 m tief, gegen 200 m lang und 160 m breit. Aus der Ferne gesehen, gleicht sie einem gewaltigen Krater, das dunkle Gestein ähnelt den Lavablöcken.
8. Das Steinkreuz auf dem Ziegelsberg in Geyer.
An Weichbildsgemarkungen, an Kreuzwegen, an Stadtthoren, vor Kirchthüren, auf Gemeindeplätzen, an Ackerrainen, auf früheren Richtstätten etc. findet man im Sachsenlande hier und da Steinkreuze errichtet, deren Zweck im allgemeinen war, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen und die Erinnerung der Nachkommen festzuhalten. Kreuze stellte man in alten Zeiten auf Märkten, wo sonst Gericht gehalten wurde, auf zum Zeichen, daß ein jeder hier vor Unrecht und Gewalt gesichert sei und in Frieden wandeln könne, und zur Versicherung des königlichen Willens hing man in den Städten, welchen Weich- oder Stadtfriede gegeben war, des Königs Handschuh daran. Doch nicht allein auf der Stelle, wo der Markt oder Gerichtsplatz war, errichtete man derartige Kreuze, man setzte sie auch, soweit der Gerichtsbezirk des Ortes sich erstreckte; daraus entstanden die unter dem Namen Weichbilder bekannten Grenzsteine. Findet man jedoch an solchen Orten Kreuze, die auf nichts, was zum Amte der weltlichen Obrigkeit gehört, Beziehungen haben, jedoch außerhalb der gewöhnlichen Begräbnisstätten stehen, so sind sie zum Andenken oder zur Förderung der Seelenruhe gemordeter Personen von schuldigen, obgleich nicht vorsätzlichen Totschlägern, die ihre That dadurch mit verbüßen mußten, errichtet worden. Wenn ein Totschlag aus Zorn, Trunkenheit oder auf andere unvorsätzliche Weise erfolgt war, so schloß in alter Zeit der Mörder einen gerichtlichen Vergleich mit der Familie des Ermordeten ab, worin er derselben eine Summe Geldes zu entrichten gelobte, wogegen er das Versprechen erhielt, daß er wegen seiner That keine Verfolgung oder Rache zu fürchten haben solle. Oft mußte sich außerdem der Mörder noch zu einer kirchlichen Bußübung oder zur Errichtung eines Kreuzsteines verpflichten.
Nach Blühers Aufzeichnungen ist in Geyer ein solcher Fall vorgekommen. Im Jahre 1530 ward nämlich am Montag nach Michaelis von Balzer Bach in Gemeinschaft von seinen Geschwistern und nächsten Verwandten Bestimmung über 50 Gulden sogenanntes Blutgeld getroffen, welches sie zur Sühne ihres vor 15 Jahren ermordeten Bruders erhalten hatten. Ob von diesem Gelde auch ein Sühnekreuz errichtet oder ob es vollständig dem »Gestifte unserer lieben Frau« zugewendet wurde, läßt sich aus der beregten Quelle nicht ersehen. Ein Steinkreuz stand früher an der alten Zolltafel, wie sich wohl die ältesten Bewohner der Stadt Geyer erinnern können. Die Zolltafel war an der Ehrenfriedersdorfer Straße aufgestellt, da, wo jetzt rechts der Weg nach der Binge abbiegt.
Ein Sühnekreuz mag aber das im Sommer 1890 zufällig aufgefundene Steinkreuz auf der Verlängerung des Ziegelsberges sein. Wie kommt aber das Richtschwert hinzu, dessen Umrisse ganz deutlich auf der einen Seite des granitnen Kreuzes zu sehen sind? Auf der bekannten Dillichschen Federzeichnung der Stadt Geyer findet sich der Galgen zwar an dem Fußsteige, wo das Kreuz aufgefunden wurde, doch etwas weiter hinauf nach dem Schlegelswald zu. Da jedoch von einer Bebauung mit Häusern auf dem Ziegelsberg auf erwähnter Zeichnung noch keine Andeutung vorhanden ist, da ferner das Steinkreuz in einer vom Silberbergbau herrührenden Halde aufgefunden wurde, so schließt dies durchaus nicht aus, daß an der Fundstelle in Geyers frühester Zeit der Richtplatz zu suchen sei, und daß derselbe nur erst infolge des Bergbaues und der Bebauung des Ziegelsberges weiter dem Walde zu angelegt worden ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand vielmehr das Kreuz auf der alten Richtstätte; das darauf gemeißelte Richtschwert deutete an, daß der Mörder eigentlich an dieser Stelle sein Grab habe finden müssen; denn bekanntlich wurden in früheren Zeiten die Gerichteten an Ort und Stelle verscharrt.
Der hiesige Verschönerungsverein hat unter der Leitung des Herrn Kaufmann Max Päßler das alte Steinkreuz wieder aufrichten und im Grunde befestigen lassen. Es ist dies wohl das einzige in unserer Amtshauptmannschaft, wenigstens führt Dr. R. Steche in seiner »Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen«, viertes Heft, keins auf, während in anderen Amtshauptmannschaften verschiedene erwähnt werden und 1885 bei Ausgabe des Heftes noch das Geyersche nicht bloßgelegt war. Der Verschönerungsverein fühlt sich übrigens den beiden Herren Gustav Morgenstern und Karl Einenkel zum Dank verpflichtet, da ersterer das Kreuz, welches auf seinem Grund und Boden gefunden wurde, bereitwilligst dem Verein übergab und letzterer die Aufstellung auf seinem Eigentume gestattete.
Ein ähnliches Kreuz liegt umgestürzt und vergessen am Fußwege, welcher von der Ehrenfriedersdorfer Hauptstraße links von der Großschen Wirtschaft im Grunde des Greifenbaches abzweigt, einige hundert Schritte oberhalb des Röhrgrabens. Der rührige Verschönerungsverein unserer Nachbarstadt wird hoffentlich dieses Denkmal aus vergangenen Tagen vor Überackerung und Einsinken schützen.
Hermann Lungwitz.
9. Sage.
Die Geyerschen Stadtpfeifer werden vom Greifenstein beschenkt.
Einst hatten die Geyerschen Stadtpfeifer den Tanzenden im Thumer Ratssaale bis tief in die Nacht hinein aufgespielt und traten, nachdem der Reigen geendet, den Heimweg über den Greifenstein an. Als sie in die Nähe der alten Felsen kamen, schien es ihnen, als ob dieselben in einem besonderen Lichte erglänzten. Ein Spielmann machte den Vorschlag, zu Ehren des Greifensteins eine muntere Weise zu blasen. Wie gesagt, so gethan. Beim Abstieg nach Geyer sahen die Stadtpfeifer im Scheine des Mondes große Zinnstufen am Wege liegen, sie meinten, der letzte heftige Gewitterregen habe sie ausgewaschen. Ohne Säumen hoben sie die Stufen auf und steckten sie in ihren Rucksack. Als die Frauen und Kinder am andern Morgen die Rucksäcke nach einem Wurstzipfel oder sonst einer Gabe durchsuchten, wurden sie die Stufen gewahr und brachten sie zum Schmelzmeister. Der erkannte sie als reines Silber und lohnte die Frauen reichlich. Nutzen hingegen habe die reiche Spende des Greifensteins den Stadtpfeifern nicht gebracht, es sei alles wieder durch die Musikantenkehle geflossen.
Hermann Lungwitz.
10. Kurzer Abriß der Geschichte des Rittergutes Geyersberg.
Bereits mit dem Jahre 1510 erscheint im Erbbuch der Stadt Geyer das Besitztum Kaspar Thieles als ein ansehnliches Gut aufgeführt. Nachdem das Gut im Jahre 1535 in den Besitz Christoph Schnees übergegangen war, ließ es derselbe mit Genehmigung des Herzogs Heinrich zu einem Ritterlehen oder sogenannten Freihof erheben, um es dadurch der Stadtobrigkeit zu entziehen. Überhaupt scheint Schnee infolge seines hochfahrenden und willkürlichen Wesens zu dem Stadtrat von Geyer in sehr gespanntem Verhältnis gestanden zu haben, was aus den vielen Streitigkeiten hervorgeht. Nach dem im Jahre 1556 erfolgten Tode Schnees gestalteten sich die Verhältnisse des Freihofs »aufm Geyer« insofern ungünstig, als der nunmehrige Besitzer desselben, Heinrich von Etzdorf, als Amtmann von Koburg genötigt war, einen Verwalter, Lorenz von Wolnitz, auf dem Gute einzusetzen, der so wenig Aufsicht führte, daß der Rat in einem Schreiben vom Jahre 1564 über die durch unvorsichtige Gebaren der Gutsinsassen verursachte Feuersgefahr sich beschwerte und zugleich das Gemeindekapital von 247 fl. kündigte. Darauf sahen sich Schnees Erben nach einem Käufer um, den sie im Jahre 1565 in dem kurfürstlichen Landbaumeister Hieronymus Lotter fanden. Unter Lotters Verwaltung erreichte nicht nur das Rittergut seine Blütezeit, sondern es begann überhaupt in Geyer ein neues Leben, da Lotter den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues besaß, den er schwunghaft betrieb. Von ihm erhielt das Gut den Namen »Geyersbergscher Hof« oder »Rittergut Geyersberg«, wie er es auch durch kurfürstlichen Lehnbrief vom Jahre 1569 erlangte, daß dasselbe auch auf die weibliche Linie forterben durfte. Doch trotz aller Erfolge sollte er gegen Ende seines Lebend noch in eine recht traurige Lage geraten, da er bei seinem Landesfürsten in Ungnade fiel und durch unglückliche Unternehmungen sein ganzes Vermögen verlor. Nach vierjährigem Elende starb er 1580 und hinterließ seinen 3 Söhnen ein zerrüttetes Erbe. Sie verkauften das Gut nach achtjährigem Besitze an ihren Hauptgläubiger Philipp Bruck, und dieser überließ es bereits 1590 für 1300 fl. an Paul Tanner und dessen Schwägerin Anna Buchner, die bereits vorher den Zinnhandel und Bergbau um Geyer in ihre Hände gebracht hatten. Da aber seit dem Jahre 1599, in welchem der letzte Sohn Lotters gestorben war, die Enkel des alten Lotter wieder Erbansprüche auf das großväterliche Gut erhoben, so kam es zu einem recht langwierigen Streit zwischen ihnen und den Tannerschen und Buchnerschen Erben, woraus der häufige Wechsel der Besitzer des Geyersberges erklärlich wird. Es folgten nämlich auf die Anna Buchner im Jahre 1615 zunächst deren Erben bis 1617, dann Paul Tanner auf Neunhof, von welchem es im Jahre 1619 der Hauptmann und Bergrat Samson von Hohenwald in Preßnitz kaufte. Letzterer suchte besonders durch Bierbrauerei und Holzverkauf Nutzen aus dem Rittergute zu ziehen, obwohl er die Kaufsumme für das Gut nie erlegte, sondern nur ein Angeld von 600 fl. an Tanner entrichtet hatte. Inzwischen wußten die Enkel des alten Lotter durch kurfürstlichen Bescheid den Kauf des genannten Hohenwald rückgängig zu machen und verglichen sich bald darauf mit den Tannerschen und Buchnerschen Erben, sodaß das Rittergut samt Zinnbergwerk im Jahre 1627 in den Besitz Ludwig Lotters gegen Zahlung von 5000 fl. überging. Alle Bemühungen des neuen Besitzers um Hebung des arg vernachlässigten Gutes waren erfolglos in der Schreckenszeit des 30jährigen Krieges; denn zweimal wurde der Geyersberg geplündert, sodaß er 3 Jahre lang im wüsten Zustande blieb. Lotter selbst wurde öfter von den Feinden mißhandelt und gepeinigt. Als er kurz nach dem Friedensschlusse aus dem Leben schied, hatte der Besitz des Gutes so wenig Verlockendes für seine Erben, daß das Gut bereits 1652 an einen böhmischen Exulanten, Edeslaw von Stampach, verkauft wurde, der bereits das benachbarte Rittergut Tannenberg besaß. Er erlebte ruhigere Zeiten bis zu seinem Tode im Jahre 1666. Seine beiden Töchter verkaufen schon 1669 das väterliche Erbe an den Obersten Heinrich von Bünau für 1000 Mfl., welchem aber nur eine zehnmonatliche Verwaltung desselben beschieden war. Auch seine Erben, 2 Töchter, dachten bald wieder an Veräußerung des Gutes und verkauften es 1678 für 1200 Mfl. an den böhmischen Exulanten und damaligen Besitzer des Rittergutes Tannenberg, Felix Friedrich Hruschka von Briexen. Auch dieser konnte in 26jähriger Bewirtschaftung das Gut nicht heben, sondern hinterließ es bei seinem Tode 1704 in ganz verfallenem und trostlosem Zustande, sodaß seine 4 Töchter das Kaufgebot des Georg Erasmus von Hartitzsch in Lichtenberg bei Freiberg gern annahmen. Da aber das Gut mit großen Schulden belastet und in schwere Händel mit dem Stadtrat verflochten war, wurde von den Gläubigern und vom Rate Einspruch gegen den Kauf erhoben. So geschah es, daß Erasmus von Hartitzsch 1709 starb, ohne überhaupt in den Besitz des Geyersbergs gelangt zu sein. Erst der nächste Kauf des Oberstleutnants von Haß wurde rechtskräftig. Haß, »ein Ordnung und Frieden liebender Mann«, vermochte den Stadtrat zur Ausfertigung einer Urkunde über Gerechtsame und Grenzen des Rittergutes, in welcher als Zubehör desselben genannt werden: ein Brauhaus, ein Malzhaus, die 2 Türme der Kirchhofmauer und ein überbautes Erbbegräbnis mit Kirchenchor. Trotz eines Testamentes entstanden nach dem Tode des alten Haß 1736 Streitigkeiten unter den Erbberechtigten, wobei sich gelegentlich der Erörterungen über die eigentümlichen Verhältnisse des Gutes ergab, daß es seit 1602 auf Bitten der Anna Buchner in ein Erbgut – doch mit Vorbehalt der Lehensfolge – verwandelt, demnach unter dem Namen eines Erblehngutes fortgeführt worden sei. Das Gut ward nunmehr 1744 einem Erben des letzten Besitzers, dem Hauptmann von Reitzenstein, verlehnt. Unter seiner Verwaltung steigerte sich der Wert desselben dergestalt, daß er es im Jahre 1754 für 3700 Thaler an Julius Heinrich von Schütz auf Thum, Hauptmann der Ämter Stollberg, Wolkenstein, Lauterstein und Frauenstein, verkaufen konnte. Bald aber begannen die Leiden und Drangsale des 7jährigen Krieges, während dessen Stadt und Rittergut Geyer durch Einquartierung und Kontributionen stark litten. Amtshauptmann von Schütz starb in der Zeit, da der Notstand seine höchste Stufe erreicht hatte, Anfang des Jahres 1763. Seine Witwe verkaufte das Gut für 3400 Thaler an den Oberstleutnant Friedrich Theodor von Peterkowsky. Der neue Besitzer hatte noch unter den schweren Folgen des Krieges zu leiden, welche durch die Teurung und Hungersnot der Jahre 1771 und 1772 noch verschlimmert wurden. Als er 1781 starb, hinterließ er seinen Erben das Gut mit einer schweren Schuldenlast. Mit Mühe behaupteten sich die Erben 6 Jahre im Besitz, worauf Konkurs ausbrach. Bei der hierauf folgenden öffentlichen Versteigerung wurde es dem Posamentiermeister und Handelsmann Johann Georg Thierfelder aus Thum für 3520 Thaler zugesprochen. Er hätte es am liebsten bald wieder veräußert, wenn sich ein Käufer gefunden hätte. So aber bewirtschaftete er es bis zu seinem im Jahre 1813 erfolgten Tode. Erbin war seine einzige Tochter Frau Schulz, welche wieder schwerere Zeiten erlebte, infolge deren sie Teile ihres Grundstückes an den Tannenberger Rittergutsbesitzer, Kaufmann Hänel in Annaberg, verkaufte. Unter ihrem Sohne und Nachfolger Friedrich August Schulz gingen die mit dem Lehngute von jeher verbundenen Ober- und Niedergerichte auf den Staat über; ebenso machte sich das neue Grundsteuersystem bei dem Geyerschen Rittergute geltend. Schulz verkaufte das Gut 1859 an Karl Heinrich Zimmermann für 6420 Thaler. Derselbe nahm mit größter Energie die Verbesserung des Gutes in Angriff, ließ die Gebäude neu herstellen und errichtete eine Brauerei. Nachdem Herr Zimmermann das Gut eine lange Reihe von Jahren vorzüglich bewirtschaftet hatte, wurde es im Jahre 1891 an Herrn Hugo Diendorf zu einem Preis von 77 000 Mark verkauft. Herr Zimmermann ist am 6. Dezember 1891 gestorben. Herr Diendorf veräußerte die Grundstücke, und die Gebäude gingen am 8. September 1894 an Herrn Karl Wilhelm Moritz Schürer über. Der genannte Herr verwendete die Nebengebäude zur Errichtung einer Holzwarenfabrik, bekannt unter der Firma: Erste Sächsische Waschbretterfabrik C. M. Schürer. Die Brauerei hatte bereits vorher Herr Franz Naumann erworben. Noch schaut das im wesentlichen unverändert gebliebene Wohnhaus des Hieronymus Lotter auf die alte Bergstadt Geyer herab.
Erster Abschnitt.
Die Landschaft des Obererzgebirges.
1. Unera Hamet.
Wenn anr ins Gebörg rauf kimmt
Dort aus n Niedrland,
Do möcht r alles ah su sah,
Wie sinst in Bichrn stahnd.
Do sölln da altn Hammerschmied
In gedn Nast rim stih
Un Klipplmad mit Klipplsöck
När eitl hutzn gih.
A Wammes un da Pudelmitz
Un ah da Ladrhus,
Dos sölln da ganzn Leit noch trong,
Geleich, öb kla, öb gruß.
Do söll, wenn ah schuh Summer is,
Dr Schnee zemstrim noch lieng,
Da Kuhlnbrenner patznweis
In dickn Wald rim krieng.
Na, na, ihr Leit, su is fei net,
Es is viel anrsch wurn,
Es wärd in darer itzing Zeit
Ka setts als Zeig geburn.
Gebliem sei när da altn Barg,
Es Wassr un dr Wind,
Da Menschn sei was Anrsch wurn,
Dos waß gedwedig Kind.
Gebliem is ah da alta Sproch
Noch bun a feins paar Leit,
Sa schnadln odr egal dra
In darer itzing Zeit.
Gebliem is ah dr viela Rehng
Un is halt egal reg,
Is gu wos lus in Annebarg,
Do hot's ah Niederschlög.
Gebliem is odr ah noch wos
In unrn wing Geblit,
Un söll ah bleim wie unra Barg:
A orndlich guts Gemit!
Röder-Johanngeorgenstadt.
2. Das Lied vom Erzgebirge.
Weise: Gott sei mit dir, mein Sachsenland.
Macht uns die Sorge still und matt
Auf harter Lebensbahn,
Sind wir des Kohlendunstes satt,
Dann zieh'n wir flugs bergan:
Hinauf, wo reine Lüfte weh'n,
Im blauen Duft die fernen Gipfel steh'n,
Hinauf, hinauf ins Bergrevier!
O Greifenstein, o Morgenleit',
Ihr locket mit Gewalt!
O Auersberg im grünen Kleid,
Du hoher Spiegelwald,
Des Sonnenwirbels mächt'ger Thron:
Ihr gebt dem Steiger schönsten Lohn;
Seid uns gegrüßt vieltausendmal!
Aus dunklen Forsten, treu gepflegt,
Rinnt froh der reine Quell,
Der Kuckuck ruft, der Finke schlägt,
Die Amsel jubelt hell.
Wie beut dem Aug' ein lieblich Bild
Am steilen Hang das edle Wild.
Wie schön bist du, o Erzgebirg'!
Mit Felsenboden mutig ringt,
Nicht achtend Sturm und Eis,
Bis er zur kargen Frucht ihn zwingt,
Des Erzgebirgers Fleiß.
Dein zahlreich Volk auf magerm Land,
Wie rührt es froh und flink die Hand:
Glückauf, Glückauf, du wackerer Stamm!
Orangen wachsen dir nicht wild,
Auch Myrte schwer gedeiht,
Dafür belebet dein Gefild
Lust und Zufriedenheit.
Und wird auch rar dein glänzend Erz:
Du machst gesund ein jeglich Herz:
Behüt dich Gott, du fröhlich Land!
T. S.
3. Die Bedeutung des Erzgebirges für das Vaterland.
Das Erzgebirge ist seinem Hauptteile nach ein Kammgebirge. Untergegangen sind die Erinnerungen an die Wenden, bis auf einige Ortsnamen in ihrer Sprache. Auch sind im Aberglauben noch schwache Spuren des kleinen, schwarzhaarigen, fremdsprechenden Volkes, das im verschwiegenen Waldthale dem wenig freigebigen Boden mühsam Nahrung abrang, sich in selbstgewebte grobe Leinen kleidete und vielleicht mit dem behaarten Fell des bekämpften und erlegten Waldtieres gegen das rauhfeuchte Klima des Miriquidiwaldes schützte.
Germanen bewohnten das Gebirge erst vom 14. Jahrhundert an. Im 15. Jahrhundert werden Neustädtel, Schlema, Grünhain außer wendisch benannten Orten schon erwähnt. Da nur wenige zum Kamme vordrangen, blieb das wilde Waldgebirge eine Scheidewand zwischen den Wohnplätzen der Slaven in Böhmen und derer in Sachsen. Die Scheidewand erleichterte die Erhaltung und Einführung des Deutschtums und damit einer höheren Entwicklungsstufe.
Diese schützende Rolle spielte das Gebirge auch im Hussitenkriege. Die Gebirgsmauer hinderte die Unternehmungen der Hussiten sehr, indem sie von einem eigentlichen Besitzergreifen des Landes abgehalten wurden.
Als im 30jährigen Kriege Sachsen Kriegsschauplatz wurde, da hinderte das Gebirge den österreichischen Kaiser, das für ihn als Wiege der Reformation wichtige Land zu behaupten und unmittelbar Einfluß zu gewinnen.
Wie in geschichtlicher, so ist auch in natürlicher Beziehung das Gebirge wichtig für Sachsen. Noch heute finden wir stattliche Wälder. Der Wald aber ist der Vermittler zwischen Luft und Erde. Den rasenden Lauf der Stürme weiß der Wald zu besänftigen, die gefahrdrohende Gewitterelektrizität leitet er ab, das Wasser lenkt er in die Tiefe, aus der es in dem Seitenthale als Quelle hervorbricht, die Fluren des Landmanns tränkt er, dem Müller treibt er die Mühle und günstige Gelegenheit zur Ansiedlung bietet er allen denen, die der Wasserkraft bedürfen. Solche Ansiedlungen bergen die Thäler der Mulde, der Zschopau, der Sehma, der Chemnitz. Im Sommer dient das Gebirge als die Sparbüchse, die bei Wassermangel noch die Not lindern kann. Außer dem Wasser spendet das Gebirge auch dem Lande Holz, das als Brenn- und Bauholz verwertet wird. Zu erwähnen sind besonders die auf den Holzreichtum sich stützenden bodenständigen Gewerbe, so früher die Glasfabrikation, jetzt die Holzschleiferei und Spielwarenfabrikation. Auch die Eisenindustrie, die früher im Gebirge blühte, war auf den Holzreichtum zurückzuführen. Das Erlöschen derselben folgte auf die Verteuerung des Holzes. Wichtig sind auch die Torflager.
Aber auch im Innern birgt das Erzgebirge Schätze fürs Land. Im steinernen Gebirgskörper schlummerten Silberadern. Die Reichtümer verhalfen den Landesfürsten zur Hebung der Macht und des Einflusses unseres Landes. Es entstanden neue Bergorte, die vielfach für die Entwicklung des Landes auch in geistiger Beziehung wichtig geworden sind: wie Freiberg, Annaberg und andere Städte.
Mit dem Erzbergbau in Verbindung stehen die Blaufarbenwerke, die von bedeutendem Einfluß auf Handelsbeziehungen zum Auslande wurden. Ihren eigentlichen Ursprung haben die großartigen chemischen Fabriken in den Glashütten gehabt, die der Holzreichtum des Gebirges in Begleitung der Bergwerke entstehen ließ. 1822 erfand in Schneeberg Dr. Geitner die Bereitung des wichtigen Argentans oder Neusilbers. Eine Grube bei Aue lieferte Böttcher den Stoff zu seinen Versuchen, deren Ergebnis die Porzellanerzeugung in Sachsen wurde.
Da die Bergleute Freunde des Bergmannssohnes Luther waren, so steht auch mit dem Bergbau in Verbindung die Einwanderung Vertriebener aus katholischen Ländern. Die Einwanderer brachten Gewerbefleiß und neue Beschäftigungsarten ins Gebirge. Selbst nach dem Erliegen des Bergbaues finden wir noch die Bodenbeschaffenheit wesentlich. Die dichte Bevölkerungszahl im Bergbaugebiete erleichterte das Entstehen der Hausindustrie, wie der Spitzenklöppelei und der Posamentenfabrikation.
Erst in neuerer Zeit sind die Kohlen, die am Fuße des Erzgebirges reichlich vorhanden sind, von so weittragender Bedeutung geworden. Im Zeitalter der Dampfkraft sind Kohle und Eisen Träger und Stützen der Industrie.
Aus alledem geht hervor, daß unser heimisches Gebirge bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung unseres gesamten Vaterlandes geübt hat.
Nach Dr. Jacobi.
4. Das Obererzgebirge.
Das Erzgebirge zerfällt in das westliche, mittlere und östliche Erzgebirge. Das mittlere liegt zwischen Schwarzwasser und Freiberger Mulde. Elster und Gottleuba begrenzen das ganze Gebirge im Westen und Osten.
In der Richtung von Süd nach Nord unterscheidet man das Obere und das Niedere Erzgebirge; jenes reicht von dem zusammenhängenden Kamme, der eine durchschnittliche Höhe von 800 m hat, etwa bis Falkenstein, Schneeberg, Thum, Wolkenstein, Frauenstein und Schmiedeberg; dieses von den genannten Orten bis in die Gegend von Zwickau, Lichtenstein, Chemnitz, Frankenberg, Hainichen, Nossen, Tharandt. Im mittleren Teile des Erzgebirges kommt der jähe Absturz nach Süden und die sanfte Abdachung nach Norden am meisten zur Geltung.
Das Gebirge besteht aus Urgebirgsarten: Thon- und Glimmerschiefer, Gneis und Granit. Gneis herrscht im Osten vor und reicht bis weit ins mittlere Erzgebirge nach Schlettau, Wolkenstein, Schellenberg. Der Gneis ist die wahre Erzmutter. Um Eibenstock herrscht der Granit. Besonders bemerkenswert sind die Basaltberge des Obererzgebirges: Pöhlberg, Bärenstein, Scheibenberg.
Aus Urgebirge bestehen: Keilberg (1238 m), Fichtelberg (1213 m), der Spitzberg bei Gottesgab (1107 m), der Auersberg bei Wildenthal (1021 m), der Kupferhügel bei Kupferberg (906 m), der Schneckenstein bei Gottesgab (874 m), die Morgenleite bei Schwarzenberg (808 m), der Greifenstein bei Geyer (731 m).
Die Basaltberge sind: der Haßberg bei Preßnitz (991 m), der Bärenstein bei Weipert (898 m), der Pöhlberg bei Annaberg (832 m), der Scheibenberg bei gleichnamiger Stadt (805 m), letztere drei in Grabhügelform.
Bei Eibenstock, Schwarzenberg und Crottendorf befinden sich große Staatsforsten. Fichtenwald herrscht vor, doch finden sich bei Marienberg und Steinbach auch zusammenhängende Buchenbestände.
Die wichtigsten Flußthäler des Obererzgebirges sind: das Schwarzwasserthal, das Zschopauthal, das Flöhathal, das Sehmathal. Das wildeste ist das der schwarzen Pockau.
Im Obererzgebirge sind folgende meteorologische Stationen zu merken: Annaberg, Oberwiesenthal, Reitzenhain. Dem Obererzgebirge ist bisher die Cholera fern geblieben. Bei Gottesgab und Oberwiesenthal erntet man nur Hafer und Kartoffeln.
Bei der Urbarmachung des Gebirges verfuhr man nach dem Grundsatze: »Wo der Pflug kann gehn, soll der Wald nicht stehn.« Am Kamme des Gebirges beträgt die Bevölkerungsdichtigkeit 90–95 auf den Quadratkilometer, am Abhange 145–155.
Wie anderwärts, so hat sich auch im Obererzgebirge jede Industrie in bestimmten Bezirken festgesetzt, demgemäß giebt es bestimmte Industriebezirke. Holzschleifereien, Sägemühlen, Baumwoll-, Woll- und Flachsspinnereien, also alles Fabriken, welche Wasserkraft brauchen, finden sich in den Thälern der Sehma, der Pöhla, der Preßnitz, der Zschopau, der Flöha.
Bei Eibenstock und Schwarzenberg finden sich Hohöfen mit Gießereien, Hammer- und Walzwerken verbunden. Zinnhütten bestehen im Marienberger Gebiete, Blaufarbenwerke zu Oberschlema, Niederpfannenstiel und Zschorlau.
Der Posamentierbezirk umfaßt die Ortschaften Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Geyer, Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein.
Der Spitzenklöppelbezirk erstreckt sich von Marienberg über Drehbach und Zwönitz bis Schneeberg und Eibenstock, und von da über Johanngeorgenstadt, Wiesenthal und Kupferberg bis Reitzenhain und Pobershau.
Eibenstock ist obererzgebirgischer Mittelpunkt des Näh- und Stickereibezirkes.
Noch sind einzelne Orte mit besonderen Erzeugnissen zu erwähnen: Annaberg, Buchholz, Scheibenberg fertigen Schnürleiber; Annaberg und Buchholz Sargverzierungen; Buchholz besondere Kartonagen; Johanngeorgenstadt Handschuhe; Karlsfeld Schwarzwälder Uhren. Annaberg liefert auch Leonische Waren, das sind unechte Gold- und Silbertressen. Wiesenthal fertigt Stecknadeln; Schönheide allerlei Bürsten, Pinsel und Kardätschen; Lauter, Beierfeld, Bernsbach, Grünhain stellen Blechwaren, besonders Blechlöffel, her; Zöblitz hat seine Serpentindrechselei; Bernsbach seine Feuerschwamm- und Bockau seine Medizinbereitung.
5. Ehemaliges Landschaftsbild des Obererzgebirges.
Das Obererzgebirge war nach Lehmann ehedem allenthalben mit dicken Wäldern bedeckt, mit Felsen und Bergen angefüllt, nach denen ihre Namen haben: Rauen-, Harten-, Wolken-, Lauter-, Bären-, Katzen-, Frauen-, Greifenstein, Pöhl-, Schwarzen-, Scheiben-, Keil-, Schotten-, Zechenberg u. s. w. Ferner waren unzählige Moräste, Sümpfe, Moosräume, Bruchwerke und Weiher in Räumen und Wäldern um und unter Platten, Gottesgab, Johanngeorgenstadt, um Scheibenberg, Grünhain, Elterlein, Schlettau, Geyer, Buchholz, Zöblitz, Lengefeld, Kühnhaide, bis die Wälder abgetrieben, die Waldpässe gebrückt, die Wildberge nach ihren Flügeln und Rundungen abgezogen, Floß- und andere Teiche angelegt und durch Röschen und Stolln die Wasser abgezapft wurden. An diese Beschaffenheit erinnern die Namen Moosraum, Rote Pfütze, Sauschwemme, Thörichter See, Filzsumpf.
Wilde Katzen, Marder, Wiesel, Fischottern, Iltisse, Bären, Hirsche, Wölfe, Wildschweine und Raubvögel bevölkerten die Gegend. Daher kommen vor im Crottendorfer Revier die Namen: Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, Sau- und Bärenfang, Lachsbach, Tier- und Saugarten; im Grünhainer aber: Bärenacker, Fuchs- und Wolfstein; im Lauterschen: Wolfslager, Dachslöcher, Hirschstein, Habichtsbüchel, Bärenstallung, Wolfsgarten, Rabenberg.
Nach den schauerlichen Wäldern und Gründen sind benannt: Teufelsgrund, Drachenleite, Teufelsstein u. a.
Nach feindlichen Einfällen und Kämpfen sind genannt: Streitknochen, Kriegwald, Hundsmarder, Haderwinkel.
Lehmann berichtet von den erzgebirgischen Wäldern: »Da hörte man nichts als der Raben Rappen, der Bären Brummen, der Wölfe Heulen, der Hirsche Börlen, der Füchse Bellen, der Auerhähne Pfalzen, der Ottern Zischen, der Frösche Quaken und Racken; das machte einen Reisenden so lustig, als hätte er Fliegenschwämme und Krähen gefressen. Das waren damals die Lauten, Zithern, Violen, Posaunen, Trompeten, Zinken, Flöten, Schalmeien, Schuarien, Baßgeigen, Clavicimbeln, Trommeln, Heerpauken, Sackpfeifen, Orgeln, Glocken und musikalische Waldinstrumente, welche unter dem Sausen der Winde, Grollen der Donner, Gebrülle der Bestien, Geschnatter der Enten, Geächze der Hohlkrähe, Uhuhen der Eulen, Schnarren der Schnarrer, Geschrei und Geschwirre der Buchfinken, der Quäker, der Zippen, der Schneppen und anderen Gevögels eine gräßliche Harmonie gegeben.«
Johann Salianus verwundert sich in einem dem Rate 1507 gewidmeten Gedichte, daß die Stadt Annaberg innerhalb 10 Jahren in dieser Wildnis mit Mauern, Wällen und Gräben, mit herrlichen Häusern, mit verständigen Ratsverwandten und bürgerlichen Rechten versehen und von einer so volkreichen Gemeinde bewohnt werde. Diese Stadt sei auf einem wilden, unfruchtbaren Boden, in Bergen und unter rauhem Himmel angelegt, da vormals Herzog Georg unter lauter rohem Wald viel hundert Stück Bären, Hirsche, Wölfe und andere wilde Tiere gejagt und niemand vermeint, daß daselbst eine Stadt sollte angelegt werden.
Unsere Berge sind nach Lehmanns Benennung Warten, Wetterpropheten, Zufluchtsorte, Jagdhausstellen, Grenzscheiden, Bollwerke, Wasserständer, Futterkästen, Schatzkästen, Lustplätze, Denkpfeiler Gottes!
6. Erzgebirgische Jagden.
a. Eine Jagd im Erzgebirge im Jahre 1 nach Christo.
Über die Urzeit unseres Gebirges mag uns folgendes Märchen eines Naturforschers ein Bild entrollen. Das heutige Erzgebirge, etwa in der Gegend von Olbernhau, bildete ehemals einen großen Sumpf und See, in welchem die Bewohner auf Pfählen ihre Wohnungen errichtet hatten. In ihren Pfahlbauten übten die Männer das Töpfergewerbe aus, die Frauen fertigten Webstoffe an. Tauschhandel trieb man mit wandernden Phöniziern, die von dem Erzgebirge Zinn holten, dagegen Bernstein und Feuerstein aus dem Norden, sowie aus Griechenland Bronze, gefertigt aus Zinn und dem von Cypern kommenden Kupfer, brachten. Die Kleidung der Urbewohner war sonderbar genug; so bestanden die Beinlinge oder Hosen aus Birkenrinde. Wichtig waren die Waffen; sie bestanden aus Bogen von Taxus oder Eibenbaumholz und aus Pfeilen mit Spitzen von Knochen, Feuerstein, Bronze oder Eisen. Gewaltige Wurfspieße bildeten im Vereine mit diesen Waffen die Ausrüstung zur Jagd, bei welcher große Brakenhunde die Begleiter waren, während kläffende Nachkommen der Schakale zu Hause Wache hielten. Die Jagdbeute bestand in gewaltigen Tieren des Waldes: Elentieren oder Elch, Urochsen oder Wiesen- und Auerochsen; auch der grimme Schalch oder Riesenhirsch fand sich neben Bären und Wölfen in den ausgedehnten Waldungen vor. Hatte der Ansiedler Beute gemacht, so grub er die Rune, die er selbst auf seinem Körper hatte, in das erlegte Stück Wild und kennzeichnete es als sein Eigentum; dann nahm der kühne Jäger Leber und Herz, sowie den Herzknochen, welcher sich zwischen den Herzkammern befindet, mit nach Hause, wo er von seinen Angehörigen festlich empfangen wurde. Auch die Nachbarn fanden sich ein und es entwickelte sich das Gelage nach der Jagd, bei welchem mächtige Braten und eine Unmenge von Bier, Met oder Birkenschnaps vertilgt und dem alten Laster der Germanen, dem Würfelspiele, gefrönt wurde. Bei dieser Gelegenheit verspielte man oft Haus und Hof, Weib und Kind, sowie die Tiere und andere Habseligkeiten. Aber nicht zu ernst war der Verlust zu nehmen; denn am andern Morgen war alles wieder vergessen.
Nach Prof. Dr. Marshall.
b. Kurfürstliche Jagden im oberen Erzgebirge.
Unser oberes Erzgebirge hat von jeher als ergiebiges Jagdgebiet gegolten. Freilich ist es seit den Jahren 1831 und namentlich seit 1849 anders geworden, denn auch bei uns gehört es nun zu den Seltenheiten, einen Hirsch im Freien beobachten zu können, dieses stattliche Tier, den Stolz der Wälder und die Krone der Jagd. Die Kurfürsten von Sachsen waren seit den Tagen des landwirtlichen August Freunde der Jagd. Namentlich war Kurfürst Johann Georg I., welcher von 1611–1656 regierte, einer der gewaltigsten Jäger seiner Zeit. In der Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden befindet sich ein Verzeichnis in altsächsischer, schöner Schriftart, als ein stattlicher Band in grünem Samt gebunden mit prächtig gravierten goldenen Beschlägen, Ecken und Schließen versehen, es ist dies das Jagdbuch des Kurfürsten Johann Georg I. Nach demselben hat der Kurfürst in der Zeit von 1611–1653 u. a. 15 228 Hirsche, 29 196 Eber, 203 Bären, 1543 Wölfe, 200 Luchse, 11 811 Hasen und 18 957 Füchse erlegt. Der Kurfürst hatte sich in einem der Giebel des Residenzschlosses zu Dresden ein besonderes Zimmer eingerichtet, welches das Paradies genannt wurde. Die Wände waren mit Waldgegenden bemalt, dabei die Felsen der Bastei, auf denen Gemsen zu sehen waren. In der Mitte waren zwei die Decke stützende Säulen als Bäume mit ledernen Blättern geschmückt. Hier trieb der Kurfürst anatomische Studien an dem erlegten Wild. Schon die Vorgänger von Johann Georg hielten sich wegen der Jagd in unserem Gebirge auf, getreulich hat es Christian Lehmann in seinem Historischen Schauplatz berichtet. Herzog Heinrich fing in einer Stallung, also in einem umfriedigten Raum, in Wolkenstein am 14. September 1516 nicht weniger als 43 Stück Wild, was zu jener Zeit als ein wahres Wunder angestaunt wurde. Das Wild kam zum Kindtaufsschmaus, den der glückliche Waidmann seinem Töchterlein, der Prinzessin Sibylle, in Freiberg ausrichtete. 1542 jagte Herzog Moritz im Gebirge und fing in Grumbach drei »schreckliche« Bären. Wegen der Nutzbarkeit an Fleisch, Fett und Haut und wegen der mit seiner Erlegung verbundenen Gefahr gehörte die Bärenjagd zur wichtigsten Jagdart. Übrigens berichtet ein Augenzeuge weiter, daß Herzog Moritz außer den Bären in einer Stunde 7 Hirsche geschossen habe, er sei grün gekleidet gewesen, habe einen englischen Hund bei sich gehabt und seine Gemahlin habe mit 14 Frauenspersonen neben ihm gestanden. Nach der Bärenhetze ließ er den Bauern ein Faß Bier und den Bergleuten zwei Faß geben, weil sie das Beste gethan hatten. Die Lust an der Jagd führte auch den Kurfürsten Vater August in unser Gebirge, er scheint sich hauptsächlich in Crottendorf aufgehalten zu haben, da der Chronist sagt: »Anno 1567 kam er (Kurfürst August) zu Crottendorf an, lag daselbst in Hackebeils Mühle, bejagte die Wälder, schoß auch eine Stallung ab zu Crottendorf auf David Georgens Feld, ließ das Wild da auswirken.« Als Friedrich Wilhelm, Fürst zu Weimar, zehn Jahre lang Administrator in Kursachsen war, ließ er alles Wild im Gebirge, jung und alt, wegschießen, sodaß viele Jahre hindurch die Landleute zum Schutz ihrer Felder keiner Wildzäune mehr bedurften. Das sah der alte Jägermeister von Rabenstein nicht gern, denn er rief seinen Jägern zu: »Treibt fort, wenn gleich etliche Stücke auf die Seite springen, denn die jungen Herren müssen auch etwas behalten.« Herzog Johann Georg jagte im Jahre 1609 im Gebirge und hielt sich auf dem Fichtelberg auf, da kam ein grausam Wetter, daß auch der Donner in eine Tanne schlug, da zog der Herzog den Hut ab und sagte: »Gott ist ein Herr!« Den Tag hernach gastierte ihn Junker Rüdiger auf Sachsenfeld, und da ihn Nikol Klinger, Rüdigers Schwähervater, fußfällig empfing, sagte er mit Darreichung der Hand: »Alter, stehet auf!« Im Jahre 1609 im August lag dieser Herzog nieder auf dem Hirschpfalz in der Hauerwiesen hinter dem Fichtelberg, da mußte der Pfarrer aus Wiesenthal am 19. August eine Wald- und Jagdpredigt thun. Anno 1613 lag der Kurfürst Johann Georg acht Tage lang in Crottendorf, fischte und jagte nur in den Vorbüschen und schoß bei der Richterin Bretmühle ab, obgleich die Pest im Dorfe grassierte. Im Jahre 1625 kam der Kurfürst Johann Georg mit seiner Gemahlin, den jungen Prinzen und Fräulein am 11. Mai in Annaberg an und schoß den 7. Juni den Vogel ab. Der jungen Herrschaft wurde auch eine Vogelstange zur Lust in Wiesenbad aufgerichtet, woselbst sie den Vogel den 12. Juni abschossen. Der Kurfürst hielt auch ein Abschießen bei Annaberg im Hüttengrunde zwischen der Stadt und Frohnau, darunter war ein so großer und starker Hirsch, daß er unter 2300 Tieren, die in unterschiedlichen Stallungen auf dem Gebirge waren abgeschossen worden, das allerschwerste gewesen ist.
Im August desselben Jahres und, wie es scheint, noch auf derselben Jagdreise begriffen, wurde dem Kurfürsten und seiner Gemahlin angesagt, daß der Hammerherr Heinrich von Elterlein auf dem Löwenthal so schöne Fische in seinem Teiche und sonderlich große Forellen hätte, die er lange gemästet habe. Da ließ der Kurfürst mit seiner Familie sich anmelden, daß er dem Fischzug beiwohnen und denselben sehen wolle. Um 10 Uhr früh kam der Kurfürst selbst mit seinem Jägermeister und anderen Hofoffizieren und bestellte die Mahlzeit, mittlerweile wurde der Teich gefischt; von dem Fischzug bekam der Kurfürst 3 Mandel der schönsten Forellen, darunter war eine, die 8 Pfund wog. Es wurden die Fische in Gegenwart des Fürsten von Darmstadt, der um ein Fräulein aus dem kurfürstlichen Hause freite, gesotten und zu Crottendorf auf die Tafel getragen, darüber sich alle verwundert haben. In des Hammerherren Stube wurde auf zwei Tafeln gespeist unter grünen Birken, doch war der Fehler begangen worden, ehe sie sich zu Tische setzten, hatte man zwar Kannen und Gießbecken aufgesetzt, aber kein Wasser drein gethan. Da nun der Jägermeister dem Kurfürsten Wasser aufgießen wollte, war keins drinnen, da gab es ein gutes Gelächter. Der Kurfürst zeigte sich fröhlich, ritt spät von dannen, dankte mit der Hand, auch der Wirtin, die in der Küche geschäftig war. »Ei,« sagte er, »habt Ihr nicht eine räucherige Küche, doch die Küchen sind nicht anders. Gute Nacht!« Den 23. August hielt der Kurfürst ein Abschießen bei Neudorf, und es war kurzweilig dabei, denn die Crottendorfer hatten einen Bauern auf die Wache gestellt, damit er aufmerke, wenn der Kurfürst aufsäße und wieder nach Crottendorf wolle. Der Kurfürst allein und zu Fuß traf den Bauern auf einem Hügel sitzend an; letzterer aß ein Stück Brot und der Kurfürst setzte sich zu ihm. »Hast Du den Kurfürsten schon gesehen?« fragte er ihn. »Nein, ich soll aufsehen, wenn er wird auf sein.« »Wer, denkst denn Du, wer ich bin?« Der Bauer sieht ihn an, ohne den Hut zu ziehen und ohne eine Reverenz zu machen und spricht endlich: »Ich sehe wohl, daß Ihr ein Herr seid, Ihr habt doch Stiefel an.« Während des weiteren Gespräches kommen die Jäger hinzu und verwundern sich. Der Kurfürst aber lacht und spricht: »Einen solchen tölpischen Fichtelberger habe ich im Gebirge noch nicht gesehen«, und läßt ihm venedische Seife geben, d. i. ergänzt der Chronist, die Haare ein wenig zausen. Von Crottendorf schickte der Kurfürst zwei Waldhüter mit drei Wildtauben nach Annaberg und verehrte dem Superintendenten, dem Kapellenprediger und dem Hospitalpfarrer jedem eine. Als er in Steinbach 300 Stück Wild abgeschossen und auch ein Abschießen in Mauersberg gehalten hatte, kam er von Crottendorf nach Schlettau und fischte daselbst zwei Teiche. Hier ereignete sich's, daß der Bäcker Auersbach auf dem Teichdamm einen Fußfall vor dem Kurfürsten that und um Verzeihung seinen Herrn anflehete. Er hatte nämlich an seinem Krautzaun ein Stück Wild am Fuß in einer Schlinge gefangen. Kurfürst: Was wolltest Du damit machen? Bäcker: Ach, gnädigster Kurfürst und Herr, ich wollte dem Stück Wild nichts am Leben thun, sondern nur ein paar Schläge geben, weil es mir das Kraut abgefressen hatte. Kurfürst: Ja, Dir sollte man Schläge geben. Wenn ich Deines grauen Kopfes nicht scheute, wollte ich Dir weisen, wie Du mein Vieh hegen solltest, laß ich doch Dein Vieh auf meinem Grund und Boden gehen und zürne nicht darum, gehe und hüte Dich.
Am 9. August 1628 hielt der Kurfürst ein Abschießen zwischen Steinbach und Grumbach, er erlegte dabei 570 Stück Wild. Er ließ auch den Herrn Peter Versmann, Pfarrer zu Arnsfeld, vor sich predigen, und da ihm seine Gaben wohl gefielen, versorgte er nicht allein sein Haus mit Wildbret, sondern er befahl auch seinen Leibärzten, sie sollten den armen Mann, weil er wassersüchtig war, doch heilen. Die Ärzte versuchten ihr Heil, trieben zwar das Wasser heraus, aber der Pfarrer fiel in die Schwindsucht, woran er starb. »Gesegne euch Gott, ihr Hölzer, ich sehe euch nicht wieder,« waren die Abschiedsworte des Kurfürsten an sein erzgebirgisches Jagdgebiet.
Die Fanfaren der kurfürstlichen Jäger sind in unserem Erzgebirge schon seit langer Zeit verstummt, der Reichtum an Wild ist verschwunden, dennoch ist die Poesie in unseren Wäldern nicht ganz dahin, denn noch hört man, wenn auch vereinzelt, in unseren Staatsforsten auf dem Kamme des Gebirges den Schrei des Hirsches und noch lacht in hoher Krone der Auerhahn!
Nach Lungwitz.
c. Jagdfronden der Obererzgebirger.
Eine große Last waren die Jagddienste, welche die Unterthanen zu leisten hatten. Im Amte Crottendorf hatten von 302 Mann die eine Hälfte die Seile in die Wildhecken einzubinden, wieder aufzuheben und vor den Seilen aufs Wild zu warten; die andere Hälfte hatte die Netze, Tücher und Seile aufzuhängen und zu trocknen, sowie das Jagdzeug auf die Wolfsjagd zu fahren. Zu den Netzfuhren mußten auch die Hammermeister Vorspann leisten und erhielten dann von den dienstpflichtigen Dorfschaften für 4 Pferde 16 Groschen, für 2 Pferde 8 Groschen. Außerdem hatten die Dorfschaften noch die Wildbretfuhren, die Abfuhr des erlegten Wildes, zu leisten, die Hammermeister, zwei Jäger mit Jägerburschen, Hundebuben und Hunden, nach Gelegenheit der angestellten Jagden mit Herberge und Mahl zu versorgen. Zu einer im Jahre 1564 beabsichtigten kurfürstlichen Jagd im Erzgebirge wurden erfordert: im Amte Lauenstein 6 Wagen und 268 Mann, im Amte Altenberg 36 Wagen und 352 Mann, im Amte Dippoldiswalde 17 Geschirre ohne Lohn, 13 für 12 Groschen täglich und 64 Mann, im Amte Stollberg 77 Geschirre und 293 Mann, im ganzen also 155 Geschirre und 1277 Mann zu Fuß. Im Amte Lauterstein waren 700 Mann zu Jagddiensten verpflichtet. Von den Dorfschaften des Amtes Augustusburg mußten im Jahre 1585 Dorfschellenberg, Grünberg und Marbach zu den Netz- und Zeugfuhren jede zwei Wagen stellen. Genügte das nicht, so mußten die 482 Anspanner der anderen Amts-Dorfschaften helfen und erhielten dann für jeden Wagen täglich 1 Gulden. Die Gemeinden zu Krummhennersdorf, Dorfschellenberg, Euba, welche die Wolfsnetze und das im Amte gepirschte Wildbret auf die Augustusburg oder nach Zschopau fuhren, erhielten für jeden Schlitten 5 Groschen, eine Kanne Bier und ein Hofbrot. Die Richter zu Flöha, Gornau, Metzdorf mußten jeder einen Wagen stellen, die Anspanner von Hennersdorf im Winter für das Wild Heu in die Mörbitz und hinter das Schloß fahren und jährlich zweimal hinter dem Schlosse die Hirschlecken schlagen und erneuern, den Lehm dazu schlagen und erneuern. Sie erhielten täglich ein Hofbrot. Alle Einwohner des Amtes mußten zur Wolfsjagd als Läufer dienen, bei jeder dritten Reihe die Häusler, doch waren 100 Mann aus verschiedenen Dorfschaften ganz befreit.
Zur Erleichterung dieser Beschwerden, zur Verschonung der armen Unterthanen und Ersparung großer Kosten errichtete der Kurfürst 1560 in allen Kreisen Jagdzeughäuser, in welchen das für den betreffenden Kreis notwendige Jagdzeug verwahrt und wodurch die Nachführung desselben auf zu große Entfernungen vermieden wurde. Andere Erleichterungen suchten sich manche Gemeinden selbst zu verschaffen. So erboten sich die Untertanen des Amtes Grünhain, wenn ihnen die Fronen bei der Wolfsjagd erlassen würden, 100 Mann jährlich 5 Wochen lang zur Räumung der Wege im Amte Schwarzenberg auf eigene Kosten zu stellen und zu unterhalten. Auch die Erhaltung der Jagdhunde führte Belästigungen mit sich. Während der Zeit, in welcher die Hunde zur Jagd nicht gebraucht wurden, ließ der Kurfürst August sie in die Ämter zur unentgeltlichen Verpflegung verteilen.
Nach Schlegel.
d. Ein Jagdaufzug mit erzgebirgischen wilden Tieren in Dresden.
Im Jahre 1662 hielt Christian Ernst, Markgraf zu Brandenburg, mit Erdmute Sophia, Kurfürstl. Prinzessin zu Sachsen, in Dresden Hochzeit, bei welcher der damalige Kurprinz Johann Georg III. und nachmalige Kurfürst einen Jägeraufzug ausführte.
Vor dem Oberhofjägermeister schritten drei Waidmänner mit Leithunden. Nachher kamen dreißig, je drei und drei, Oberförster, Forstburschen, Wildmeister, Hof- und Landjäger. Zwei Riesen traten in Gestalt wilder Männer auf. Ihnen zunächst folgten auf einem Festwagen, der einen künstlichen Berg darstellte, gleich einem Walde mit Tieren und Vögeln geziert, vier Personen mit Schalmeien. Seine prinzliche Durchlaucht ritt in Dianengestalt auf einem weißen Hirsche. Nymphen schritten an Lakeien statt vorauf, nebenher und hintennach. Dreißig nun folgende Jäger trugen Schweineisen und Birschbüchsen. Drei Personen waren als Löwenwärter in grüner Tracht und zwei Pfeifer wie Wilde gekleidet. Auf ihrem Wagen befanden sich fünf junge Bären. Es folgte ein Kasten mit zwei Tigertieren, je ein Käfig mit einem Löwen, einer Löwin, einem weißen Bären. Jägerburschen führten englische Hunde. Vier Oberförster begleiteten den größten, den brandenburgischen versinnbildlichenden Bären. Hernach führte man Herzog Moritzens Bären. Auch die wilden Schweine fehlten nicht. Luchse, Wölfe und Füchse, Hasen, wilde Kaninchen und Eichhörnchen, Fischottern, Wildkatzen, Marder und Hamster zogen alle an den Augen der Schaulustigen vorüber. Auf Birschwagen waren Hirsche geladen, der Wendewagen mit Hasen und Füchsen behangen. Im ganzen Zuge befanden sich 265 Personen und 139 Pferde.
Nach Chr. Lehmann.
e. Wildschützen.
Die Wildschützen haben nach Lehmann »auf dem Gebirge«, besonders auf den hohen Wäldern um und hinter dem Fichtelberge großen Schaden verübt. Sie haben das Wild haufenweise weggeschossen, die Häute in Böhmen verkauft und sind so sicher gewesen, daß sie des Nachts bei den Köhlern im Kohlkram gelegen, gesotten und gebraten, ihnen ihr Brot mit Gewalt genommen haben und ihnen mit dem Tode drohten, wenn sie Verrat üben würden.
Die Strafen waren hart. Zur Zeit des Herzogs Moritz band man einen Wilderer auf einen lebendigen Hirsch und jagte das Tier in die Wildnis, sodaß er jämmerlich ausstehen mußte. Das geschah, weil vorherige Strafdrohungen nichts genützt hatten.
Als 1559 die Wälder mit der Herrschaft Crottendorf an Kursachsen kamen, wurde Wolf Windreuter zum Oberförster nach Crottendorf gesetzt, der 1566 einen Wildzaun um die Grenzen bauen ließ, worüber man ein Jahr brauchte und außer der Fron 1000 Thaler aufwendete. 1570 bis 1578 mußten kurfürstliche Trabanten die Wäldner bei ihren Umgängen um den Grenzzaun begleiten, um den Wildschützen gewachsen zu sein. Für jeden erschossenen Wilddieb erhielten sie 30, 40 bis 80 Thaler. Erschossene hing man an den ersten besten Baum auf und nagelte über das Haupt ein Hirschgeweih.
7. Eishöhlen im Erzgebirge.
Als Eishöhlen im Erzgebirge sind bekannt: der Garische Stollen, die Ritterhöhle und die Stülpnerhöhle bei Ehrenfriedersdorf, die Binge bei Geyer und die »Alte Thiele« bei Buchholz im sächsischen, die Schneebinge bei Platten im böhmischen Erzgebirge. Diese Eishöhlen sind natürliche oder künstliche Hohlräume im Felsgestein, welche das ganze Jahr hindurch oder wenigstens während eines größeren Teiles desselben Eis enthalten, das sich in ihnen selbst gebildet hat. Die Stülpnerhöhle und die Ritterhöhle sind statische oder eigentliche Eishöhlen, auch Sackhöhlen genannt, indem sie, nach hinten zu sich senkend, am unteren Ende abgeschlossen sind, so daß die von außen eindringende kalte Luft nach der Tiefe sinkt und dort die Eisbildung bewirkt; beim Eintritt der wärmeren Jahreszeit aber hält sich durch das Schmelzen des Eises die Temperatur lange Zeit in der Nähe des Nullpunktes, der Eisvorrat geht daher nur ganz langsam seinem Ende entgegen. Der Garische Stollen gehört zu den dynamischen Eishöhlen oder den Windröhren, bei denen ein Spaltensystem, das vom Hintergrunde aus den Berg durchzieht, eine unterirdische Verbindung mit höher gelegenen Stollen ermöglicht, was zur Folge hat, daß sofort eine Luftströmung entsteht, wenn die Temperatur innerhalb und außerhalb der Höhle verschieden ist, und dadurch das Innere im Winter abgekühlt, im Sommer nur allmählich erwärmt wird, das Eis also lange erhalten bleibt. In den Windröhren herrscht meist ein starker Luftzug, während es in den Sackhöhlen im Sommer vollkommen windstill ist. Die »Alte Thiele« stellt sich als Übergang von den Sackhöhlen zu den Windröhren dar, indem sie nach ihrer ganzen Anlage zu den ersteren gerechnet werden muß, aber durch ihre hintere Kammer, welche die Verbindung mit anderen Gängen herstellt, sich dem Charakter der letzteren nähert. Alle die genannten Eishöhlen des Erzgebirges verdanken ihren Ursprung dem Bergbau; denn sie befinden sich in Einsenkungen, welche durch den Zusammenbruch vom Bergbau geschaffener unterirdischer Hohlräume entstanden sind. Bis in den Mai und Juni hinein findet sich in ihnen Eis vor, in der Schneebinge bei Platten, der eisreichsten dieser Höhlen, noch länger. Dort wurde am 21. Juli 1894 die Tiefe des den Boden bedeckenden Firns auf 1,5 bis 3,00 Meter bestimmt. Schon lange ist die Schneebinge wegen ihres Eisreichtums im Sommer bekannt. In eisarmen Zeiten wird von ihr Eis nach Karlsbad geführt; im Jahre 1863 soll sogar nach Leipzig zum Turnfest Eis aus der Binge versendet worden sein. Gegenwärtig ist sie an eine Bierbrauerei in Platten verpachtet.
Nach Fitzner.
8. Die obererzgebirgischen Mineralquellen und Bäder.
Im Zusammenhange mit den reichen Erzgängen des Obererzgebirges, welche Quarz, Hornstein, Jaspis, Chalcedon, Amethyst, Eisen- und Manganerze enthalten, stehen eine Anzahl von Mineralquellen. Solche Gänge, die als Quellengänge bezeichnet werden, sind die Wege, auf denen die verschiedenen mineralischen Wässer unserer Gegend aus der Tiefe hervorquellen.
1.
Im freundlichen Zschopauthale bricht in einer Meereshöhe von 434 Meter aus dem Gneisgebiete auf dem Ausstriche eines fast eine Meile verfolgbaren Quarz- und Hornsteinganges, der häufig Amethyst führt, eine Mineralquelle hervor, die zur Gründung des gutbesuchten Ortes Wiesenbad bei Annaberg führte. Das Wasser befindet sich in einem großen, einige Meter tiefen, überbauten Behälter und zeichnet sich durch außerordentliche Klarheit aus. Die fast fortwährend aufsteigenden Kohlensäureblasen vermögen beinahe den Eindruck hervorzurufen, als ob das Wasser siede. Es ist vollständig geruchlos. Die Quelle gehört zu den warmen alkalischerdigen Säuerlingen und hat eine Wärme von 21,75° C. Sie hat einen angenehmen, frischen Geschmack. In ihrer Wirkung entspricht die Quelle dem Warmbade bei Wolkenstein und Warmbrunnen in Schlesien. Überraschend sind die Wirkungen dieses Wassers bei skrophulösen Krankheiten, besonders wenn mit dem Baden eine Milchkur verbunden wird. Die Quelle wird besonders gegen Nervenschwäche, Gicht, Rheumatismus, Lähmungen und Hautkrankheiten empfohlen. Der alte berühmte Scheibenberger Geschichtsschreiber Christian Lehmann erzählt in seinem 1699 erschienenen »Schauplatz des Obererzgebirges« 70 Krankheiten auf, gegen die das Wasser helfen sollte. Die Entdeckung des Heilbrunnens soll sich von einem armen Manne herschreiben, der seine ungesunden Schenkel in dem Wasser in der sogenannten Rosenaue gewaschen hat und dann heil geworden ist.
Hans Friedrich, ein reicher Fundgrübner und Bergherr aus Geyer, der das Dorf Wiesa besaß, faßte 1501 das Wasser in einem Kasten, ließ ein Badehaus erbauen und dasselbe durch ein Röhrwerk mit dem Quell verbinden. Er soll auch neben dem Bade ein Kirchlein zu Ehren des heiligen Jobs oder Hiobs, des Helfers der Kranken und Schwachen, errichtet haben, das vom Meißner Bischofe 1505 geweiht und vom Fürsten Georg reich begabt wurde. Ein Meßpriester mußte den Badegästen, ehe sie ins Bad gingen, eine Messe lesen. Im Jahre 1602 ließ sich die Kurfürstin Sophie ein eignes Haus bauen, wahrscheinlich an Stelle der Kapelle, und man nannte darauf das Bad Sophienbad. Im Jahre 1699 aber finden wir auch die Bezeichnung Wiesenbad oder St. Jobsbad.
2.
In einem Nebenthale des Zschopauthales, eine halbe Stunde von der Stadt Wolkenstein entfernt, 458 Meter über dem Meeresspiegel liegt ebenfalls in den Gneisformationen sehr geschützt Warmbad Wolkenstein. Die Quelle ist die wärmste Sachsens mit einer Wärme von 31 °C. Man nimmt an, daß sie auf dem im zweiglimmerigen Gneise aufsetzenden Eisensteingange »Neugeboren Kindlein« ihren Ursprung habe und bei dessen Abbau zufällig entdeckt worden sei. Sie bricht aus Drusen eines Erzganges hervor. Nach einer älteren Zeichnung soll sich daselbst ein Silbergang mit zwei Eisensteingängen kreuzen. Die ziemlich tief liegende Quelle ist in neuerer Zeit frisch gefaßt und dadurch gegen Zufluß von »wilden Wässern« geschützt worden. Mittels eines Hebewerkes wird das Wasser nach dem Badehause geleitet, von wo es nach weiterer Erwärmung in die einzelnen Zellen abfließt. Die Quelle spendet in jeder Minute 150 Liter warmen Wassers. Das Wasser ist ebenfalls den Säuerlingen zuzuzählen und hat große Ähnlichkeit mit dem Wiesenbader, wie mit den berühmten Warmquellen von Wildbad in Württemberg, Gastein und Pfeffers. Seine Wirkungen entsprechen dem Wiesenbader. Die Quelle war schon im 14. Jahrhundert als heilkräftig bekannt. Es fanden starke Wallfahrten nach dem Bade statt.
3.
Das Bad Ottenstein bei Schwarzenberg liegt in einer Meereshöhe von 424 Meter im Glimmerschieferthale des Schwarzwassers. Die Anstalt ist nach Nordosten und Nordwesten durch hohe Felsmassen gegen kalte Winde geschützt. Die Quelle ist ein kaltes, an Kohlensäure nicht sehr reiches Eisenwasser mit mittlerem Eisengehalte, das in Form von Trink- und Badekuren Anwendung findet. Erfolgreich wurde das Bad bei Blutarmut, Reißen, Nervenkrankheiten, Lähmungen, Magen- und Lungenkrankheiten gebraucht.
4.
Außer diesen genannten Bädern gedenken wir noch derjenigen Mineralquellen unserer Gegend, die ehemals zu Bädern benutzt wurden. Manche erfreute sich sogar eines gewissen Rufes.
In Niederzwönitz entspringen 580 Meter über dem Meere auf einer von Fichten- und Kiefernwald umschlossenen Wiese nebeneinander 3 Quellen, denen der Volksmund die Namen der »Gute Brunnen«, der »Krätzbrunnen« und der »Augenbrunnen« gegeben hat. Die Wirkungen des Guten Brunnen wurden bereits 1498 oder 1501 erkannt. 1608 wurde dieser Quell, nachdem er in Vergessenheit gekommen, wieder gereinigt. Den Krätzbrunnen entdeckte man 1646 und die Wirkungen des Augenbrunnens kamen 1717 zur Anerkennung. In der Nähe des »Guten Brunnens« soll ehemals eine der heiligen Anna geweihte Kapelle gestanden haben, weshalb man ihn auch »Annenbrunnen«, später aber »Tannenbrunnen« oder »Zu den drei Tannen« nannte. Man sagt, Kenner hätten versichert, daß die Kanne dieses Wassers einen Dukaten wert sei, wenn man das wilde Wasser davon scheiden könnte.
Das Marienberger Bad hatte die Quelle »Frischer Brunnen«, die 1553 bekannt wurde. In der Nähe des Zschopauer Thores in Marienberg giebt es heute noch einen »Frischen Quell«, dessen Wasser jedoch nur als Trinkwasser benutzt wird.
Das Bad Raschau wurde 1808 eingerichtet. Nach ihm führt noch ein Gasthaus in Raschau seinen Namen. Auch in der Nähe von Ehrenfriedersdorf giebt es einen Mineralquell, der bald als Stahl-, bald als Sauerbrunnen bezeichnet wird. Im Jahre 1646 wurde in Grumbach bei Jöhstadt am Walde nahe dem »Thumshirn-Brunnen« ein Heilbrunnen entdeckt, dessen Wasser zu warmen Bädern gebraucht ward. Nach ihm war eine Zeit lang großer Zulauf aus Meißen und Böhmen. Es wurden bei ihm selbst Betstunden abgehalten. Auch in Neudorf und Crottendorf hat man aus einer nicht mehr vorhandenen Quelle zur Kur getrunken. Zwei eisenhaltige Quellen sollen vom Fichtelberge in den Zechengrund abfließen.
Mathesius sagt über die Gesundbrunnen und warmen Bäder des Erzgebirges: »Unser Herr Gott ist ein weiser Hausvater. Weil er denn weiß, daß arme Bergleute in Gruben und Hütten viel böses Wetter, koblichten Stank, kalte Dämpfe, feuchten Brodel und giftigen Rauch in sich ziehen, pflegt er neben die Bergwerke gemeiniglich eine eigene Apotheke anzurichten, damit die Bergleute eine Bergarznei hätten wider die Lähme und verschleimte Lunge, erkältete Mägen und verlähmte Glieder und was der Bergsucht und Beschwerungen mehr sind.«
Nach Köhler u. a.
9. Fischreichtum erzgebirgischer Flüsse.
Die Flüsse und Bäche Sachsens enthielten zu der Zeit, wo Petrus Albinus aus Schneeberg seine 1590 erschienene »Meißnische Land- und Bergchronik« schrieb, noch einen Fischreichtum, wie derselbe trotz unserer künstlichen Fischzucht und Fischereigesetze bei den durch Fabrikanlagen verunreinigten Gewässern, ihren Uferbauten und Regulierungen, den Entwaldungen unserer Berge und anderen schädigenden Einflüssen mehr, wohl kaum wieder erzielt werden dürfte.
Man fing in der Elbe bis zu 2 Zentner schwere Störe, und zwar galt als die beste Fangzeit die Zeit der Rosenblüte; ebenso fehlten auch die Welse nicht, die um Johannis am besten waren, »darnach,« so meldet Albinus, »verbargen sie sich in die Felsen, darinnen verhielten sie sich, bis sie die »Eglen«, d. h. wahrscheinlich die gemeinen Fischegel, stachen, hernach machten sie sich wieder heraus«. Brassen und selbst die noch jetzt aus der Ostsee in die Oder kommenden Zährten, ferner Barben, Hechte, Aale, Aalraupen, Lampreten und Neunaugen, sowie Lachse bevölkerten damals unsere Gewässer; in der Mulde fing man Barben bis zu 10 bis 15 Pfund, Lachse bis zu 18 Pfund, und zuweilen wurden 18pfündige Hechte gefangen. Erwähnt wird dabei, daß man 1544 in der Ill bei Straßburg einen Hecht von 26 Pfund und in dem Filzteiche bei Schneeberg einen so großen fing, daß derselbe nicht Raum in einem Bierfasse hatte. Dazu kamen noch in den Bächen zahlreiche Forellen, Steinbeißer und Schmerlen, Gründlinge und Kaulbarsche vor, so daß die Fische vor 300 Jahren einen nicht unwesentlichen Teil der Ernährung, selbst des ärmeren Volkes bilden konnten. Mit besonderer Vorliebe verweilt daher auch Albinus bei diesem Kapitel seiner Landeschronik, und er begnügt sich nicht, dabei nur die Namen der einzelnen Fische zu nennen, sondern durch verschiedene beigefügte Bemerkungen über Laichzeit, Nahrungswert, Schmackhaftigkeit und anderes mehr weiß er für seinen Gegenstand ein noch größeres Interesse zu erregen. So meint er, daß der Hecht von etlichen für den besten Fisch gehalten werde, doch scheint er der Forelle, von welcher eine schwarzgefleckte Art aus dem Schwarzwasser bei Schwarzenberg und aus Bächen um Crottendorf und Annaberg angeführt wird, den Vorzug zu geben, indem er sie den gesündesten und nahrhaftesten Fisch nennt, den man sogar in Wasserkästen groß ziehen könne, so daß er darin 4- und 5pfündig werde. Von dem Salm oder Lachs wird die Meinung damaliger Ärzte mitgeteilt, nach welcher dieser Fisch »stärkerer und gröberer Nahrung sei und gesalzen dem Magen schädlich sein solle«.
Im 16. Jahrhundert »sind die Bäche im Gebirge so fischreich gewesen, daß die Köhler und Holzhauer, wenn sie sich bei Sommerzeit in Bächen gebadet, sie die Waldforellen mit Händen gefangen haben. Nachdem aber das Seifen aufgekommen war und Erze gewaschen wurden, sind die Bäche verdorben, daß die Fische nicht mehr drinnen aufkommen mochten.«
10. Die Kartoffeln im Erzgebirge.
Bereits zu Anfange des 18. Jahrhunderts finden wir die Erdäpfel auch im Erzgebirge. In unserer Gegend sind dieselben zuerst in Crottendorf angepflanzt worden. Bewohner dieses Dorfes brachten in den Jahren 1712 oder 1713 von Stützengrün und Bärenwalde Samenkartoffeln dahin. Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde eine gewaltige Menge dieses Gewächses daselbst erbaut. In dem benachbarten Schlettau hat dann der Anbau der Kartoffeln zunächst Anklang gefunden, da dieses Städtchen bereits in jener Zeit einen nicht unbedeutenden Feldbau betrieb. Besondere Verdienste um die dortige Heimischwerdung derselben erwarb sich der Amtshauptmann Alexander Christian von Beulwitz, der daselbst 1715 bis 1725 wohnte und von dem ihm gehörigen Erlbach im Vogtlande den erforderlichen Samen einführte. Von Schlettau ging der Anbau über nach Elterlein, Grünhain, Zwönitz und deren Nachbarschaft. Eine Teuerung, die im Jahre 1719 das Obergebirge drückte, wurde die Veranlassung zu immer ausgedehnterem Anbau. Der damalige Superintendent zu Annaberg, Dr. Andreas Kunad, forderte sogar in dem genannten Jahre in einer Predigt auf, die Kartoffeln häufig zu bauen, »welches auch soviel ausgerichtet, daß man sich allhier mit mehrerem Ernste der Sache beflissen«. Namentlich im zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurden die Kartoffelfelder immer zahlreicher auch um Annaberg. Der Ertrag war ein sehr reichlicher, indem man zehn- bis fünfzehnfältig erntete.
So war bereits vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Anbau der Erdäpfel im Obergebirge ein verbreiteter, und die gebirgischen Kartoffeln galten schon damals als durch Geschmack und Größe ausgezeichnet. Sie verdrängten von den Fluren und aus dem Haushalte mehr und mehr die Erbsen, Linsen und andere trockene Gemüse. Der Preis war nach dem damaligen Geldwerte ein mittlerer. Der Scheffel kostete von den geringeren Sorten 8, 9 und 10, von den besseren 16, 18 und 20 gute Groschen.
Schon damals, um 1740, baute man verschiedene Sorten, von denen namentlich drei angeführt und beschrieben werden. Die sogenannten Jobsäpfel, die ihren Namen davon hatten, daß sie bereits zu Jakobi, 25. Juli, reif wurden; sie galten für die beste Sorte. Sie haben ziemlich große Knollen, eine dünne, gelbe Schale und in der Mitte eine kleine Höhlung mit ein wenig Feuchtigkeit. Die andere Sorte ist kleiner, gleichfalls mit gelber Schale versehen, worüber sich noch ein dünnes Häutchen befindet. Auch diese werden als mild und schmackhaft bezeichnet. Die dritte Sorte hat eine rötliche Haut und eine etwas eckige Form, von Geschmack sind sie streng und unangenehm, sodaß sie lediglich als Viehfutter benutzt werden.
Ebenso allmählich wie die Verbreitung der Kartoffeln geschah, ebenso brach sich nur nach und nach der mannigfache Nutzen und Gebrauch derselben Bahn. Man baute sie zunächst mehr zur Mästung und zur Mehlbereitung. Das daraus gewonnene Mehl mischte man unter das Brotmehl und erlangte dadurch ein billigeres Gebäck. Man verwendete es als Stärke oder zu dem damals vielgebrauchten Puder. Das grün abgeschnittene Kraut gab man den Kühen zu fressen, und die Butter bekam dadurch, wie gesagt wird, einen guten Geschmack; getrocknet wurde es im Winter in die Schafe gefüttert. Zeitig benutzte man natürlich auch die besseren Sorten als Nahrungsmittel für die Menschen; aber es ging ziemlich langsam, ehe man entweder durch eigenen Scharfsinn oder durch Nachahmung fremder, namentlich bei den Engländern und Holländern angewendeter Zubereitungsarten anfing, die Kartoffel zu braten und zu rösten, mit Eiern zu vermischen und Klöße, Kuchen und »Strützel« daraus zu backen, sowie Branntwein daraus zu brennen.
Nach Dr. Spieß.
11. Reihenfolge der Städte Sachsens bezüglich ihrer Lage über der Ostsee.
Es sind gelegen: Riesa 108 m, Meißen 110 m, Leipzig 111 m, Dresden 113,4 m, Pirna 116 m, Strehla 118 m, Wurzen 120 m, Großenhain und Wehlen 123 m, Markranstädt und Schandau 125 m, Königstein 127 m, Oschatz 129 m, Grimma und Taucha 130 m, Zwenkau und Trebsen 131 m, Rötha 132 m, Pegau 133 m, Naunhof 134 m, Groitzsch 137 m, Nerchau 138 m, Borna 142 m, Regis 144 m, Mügeln 147 m, Brandis, Dahlen und Radeburg 150 m, Colditz 155 m, Frohburg 162 m, Rochlitz 166 m, Döbeln 170 m, Königsbrück 171 m, Lommatzsch 173 m, Lausigk 175 m, Dohna 177 m, Lunzenau 179 m, Waldheim 186 m, Mutzschen 189 m, Weißenberg 198 m, Roßwein 205 m, Kamenz 206 m, Ostritz 207 m, Tharandt 215 m, Leisnig und Elster 218 m, Bautzen 220 m, Geithain 229 m, Penig und Kohren 231 m, Bernstadt 234 m, Crimmitschau 236 m, Radeberg 242 m, Zittau und Meerane 246 m, Nossen 256 m, Waldenburg 257 m, Geringswalde 259 m, Mittweida und Hartha 260 m, Frankenberg 262 m, Glauchau 264 m, Wilsdruff 265 m, Zwickau und Schirgiswalde 267 m, Löbau 268 m, Pulsnitz 270 m, Sebnitz 274 m, Elsterberg 277 m, Werdau 280 m, Bischofswerda 290 m, Berggießhübel 292 m, Burgstädt 298 m, Mylau 302 m, Chemnitz und Hainichen 304 m, Hohnstein 308 m, Rabenau 311 m, Lichtenstein 315 m, Callnberg 318 m, Siebenlehn und Neusalza 326 m, Glashütte 330 m, Neustadt und Liebstadt 333 m, Zschopau und Gottleuba 338 m, Aue 348 m, Dippoldiswalde, Ernstthal und Hartenstein 350 m, Plauen und Wildenfels 352 m, Stolpen 360 m, Kirchberg 363 m, Limbach 371 m, Hohenstein 374 m, Oederan und Netzschkau 380 m, Reichenbach 390 m, Freiberg 401 m, Oelsnitz und Lengenfeld 404 m, Lößnitz 422 m, Stollberg 423 m, Pausa 446 m, Auerbach 450 m, Neustädtel 468 m, Brand, Schneeberg und Wolkenstein 470 m, Treuen und Schwarzenberg 471 m, Lengefeld 481 m, Adorf 482 m, Mühltroff 483 m, Bärenstein 490 m, Markneukirchen 500 m, Thum und Schellenberg 505 m, Zwönitz 520 m, Lauenstein 526 m, Ehrenfriedersdorf 533 m, Buchholz 557 m, Schlettau 564 m, Falkenstein 567 m, Geising 590 m, Geyer 592 m, Zöblitz 600 m, Annaberg 602 m, Marienberg und Elterlein 610 m, Grünhain 630 m, Eibenstock 643 m, Frauenstein 650 m, Scheibenberg 669 m, Sayda 677 m, Schöneck 735 m, Johanngeorgenstadt 750 m, Altenberg 751 m, Jöhstadt 789 m, Unterwiesenthal 868 m, Oberwiesenthal 913 m. Daraus geht hervor, daß 40 Städte zwischen 100 und 200 m, 33 zwischen 200 und 300, 27 zwischen 300 und 400, 17 zwischen 400 und 500, 11 zwischen 500 und 600, 9 zwischen 600 und 700, 4 zwischen 700 und 800, 1 zwischen 800 und 900 und 1 zwischen 900 und 1000 m gelegen sind. Chemnitz liegt z. B. 196 m höher als die am tiefsten gelegene Stadt (Riesa) und 609 m tiefer als die am höchsten gelegene Stadt (Oberwiesenthal). Bautzen ist zweimal, Glashütte dagegen dreimal so hoch als Meißen gelegen. Neustadt und Liebstadt sind dreimal so hoch als Leipzig gelegen. Aue ist dreimal so hoch als Pirna gelegen. Stolpen ist dreimal so hoch als Wurzen gelegen. Zittau und Meerane sind zweimal so hoch als Großenhain und Wehlen gelegen. Markneukirchen ist viermal so hoch als Markranstädt und Schandau gelegen. Crimmitschau ist zweimal und Geising fünfmal so hoch als Strehla gelegen. Mittweida und Hartha sind zweimal, Reichenbach ist dreimal, Zwönitz viermal und Frauenstein fünfmal so hoch als Grimma und Taucha gelegen. Frankenberg ist zweimal so hoch als Zwenkau und Trebsen gelegen. Glauchau ist zweimal so hoch als Röda gelegen. Löbau ist zweimal so hoch als Naunhof gelegen. Sebnitz ist zweimal so hoch als Groitzsch gelegen. Zöblitz ist viermal und Johanngeorgenstadt ist fünfmal so hoch als Brandis, Dahlen und Radeburg gelegen. Dippoldiswalde, Ernstthal und Hartenstein sind zweimal so hoch als Lausigk gelegen. Falkenstein ist dreimal so hoch als Mutzschen gelegen. Neustädtel ist zweimal so hoch als Bernstadt und Zwönitz zweimal so hoch als Mittweida und Hartha gelegen. Von den höchstgelegenen Städten nimmt Oberwiesenthal die 1., Unterwiesenthal die 2., Jöhstadt die 3., Scheibenberg die 8., Elterlein die 12., Annaberg die 13., Geyer die 15., Schlettau die 18. und Buchholz die 19. Stelle ein.
12. De Stähd in'n Öber-Ärzgebärg.
Weise: Kimmt ä Bugerl u. s. w.
In'n Gebärg hot's viel Stähdeln,
Gruß' un kleene, gor fei.
Ich will dir'sche auffädeln;
Guck när sälberst ä nei!
Aus der Zwick' thun se regieren
Us un's Vugtland derzu;
In der Ah' giehn se spazieren,
Wenn se nischt hamm ze thu?
Ach Herr, Jehstadt is gruslig,
Thum un Geyer wuhl meh;
Wiesenthal macht een'n duslig,
Wenn mer stieht uf der Heh'.
In Eimstock, do gibbt's Läben,
In Kanngorngstadt härt's auf;
Aber Neistähdl thut sich heben,
Schniebärg is net neidsch drauf.
Annebärg leit huch uben,
Buchhuls glei nebenbei;
Besser luhnt, als sinst Gruben,
Pusementiererei.
Schwarzenbärg is rumanisch,
Wulkensteen is es ooch;
Schlett' un Grienhahn is kumpanisch,
Elterlein hot e Loch.
Scheibenbärg hot en Hiegel,
Där'n nischt eibringe thut;
In Marienbärg kriegste Schniegel;
Säller Zehbels hot's gut.
Altenbärg häßt siwirisch,
Doch 's is gor net su toll;
Schmiedebärg wärd nu riehrisch;
Sayd' un Frauensteen – pascholl.
Kumm när 'rauf, 's is net iebel;
Alleng wird hie geärbt't;
Freilich hot's ville Hiedel;
Doch kah mer lähm, bis mer stärbt.
H. in F.
Zweiter Abschnitt.
Das Volkstum des Obererzgebirgers.
13. Die Mundart des Obererzgebirgers.
Die erzgebirgische Mundart, die als ein ostfränkisch-obersächsischer Mischdialekt bezeichnet wird, kann als eine einheitliche Mundart aufgefaßt werden, da sie gewisse gemeinsame Züge hat, die nur ihr eigen sind und durch die sie sich von allen Nachbarmundarten wesentlich und bemerkbar unterscheidet. Aber innerhalb der Mundart sind die Verschiedenheiten und Abweichungen, die besondern Eigentümlichkeiten und unterscheidenden Merkmale so zahlreich und augenfällig, daß man gut und gerne eine ziemliche Anzahl von Untermundarten unterscheiden könnte. Ein tiefgreifender Unterschied macht sich zunächst geltend zwischen der Sprechweise des östlichen Gebirges, wo die ostfränkischen Bestandteile noch vorherrschen, und dem Westen, wo sie seltener und meist verschliffen sind; fast ebenso bedeutend ist der Unterschied zwischen dem oberen Gebirge und dem mittleren Höhenlande, wo ein allmähliches Verblassen und Verwischen der weiter oben schärfer hervortretenden Züge der Eigenart stattfindet. Aber auch sonst sind die Unterschiede, die Besonderheiten häufig. Jede Gegend, jedes Thal, ja jede Stadt hat ihre Eigentümlichkeiten, die als solche empfunden werden und die Quelle gegenseitiger Hänseleien zu sein pflegen.
Wir wollen betrachten, »wies Vulk redt«, und das redet anders in Kamms (Chemnitz), als in Edern (Oederan), anders in Griehah (Grünhain), als in Zwehnz (Zwönitz).
Der Erzgebirger, besonders der Obererzgebirger, hat eine Vorliebe für dumpfe Vokale und harte Konsonanten. So werden au, ä, eu und ei zu aa (a), z. B. Fraa, Baar, Fraad, Staan; – ei, eu und ö zu ä, z. B. lächt, lächt'n, schännsta; – e zu a, z. B. har; – a zu oo, z. B. Soog'; – o zu uu (u), z. B. Luus. So wird aus j: g, z. B. gän'r (jener), Gahr, Gung, Gag'r (Jäger); – aus g: k, z. B. genunk, Bark (Berg), Kelick (Glück): – aus h: k, z. B. Fluk (Floh).
Fälle von Lauterzeugungen, insbesondere Vokalerzeugungen zwischen gewissen Konsonanten, sind nicht selten, so beispielsweise: Gelut = Glut, geleich = gleich, Gelanz = Glanz, Gelaaben = Glauben, Galied'r = Glieder, ferner: d'rkannt = erkannt, ahamm = heim, noochert = nachher, weiter: Rumpes = Rumpf, Kupes = Kopf, ähnlich: Millich = Milch, Lärig = Lerche, endlich: Taafet = Taufe, Garmerich = Jahrmarkt (vergl. in Thüringen Almerich = Altenburg).
Weit häufiger aber sind die Ausstoßungen von Vokalen, die Verschleifungen von Silben und Wörtern. Gewöhnlich ist der Vokal in den unbetonten Vorsilben ge, ver u. s. w. kaum hörbar, z. B. g'triem = getrieben. Manche Vorsilben verschwinden ganz, wie: 'rei = herein, 'ro = heran, 'nunger = hinunter. Die unbetonten Endsilben werden entweder ganz abgestoßen oder verschmelzen mit der Stammsilbe, z. B. bleim = bleiben, proom = proben, uhm = oben, Laam = Leben, Oomd = Abend, gaehmt = geebnet, wink = wenig, Kuhng = Kuchen, gebung = gebogen, Seng = Segen, Kerng = Kirchen, aang = eigen, fluung = fluchen, werng = würgen, v'rlaang = verleugnen, d'rwang = deswegen, Toong = Tagen, hiesing = hiesigen, Kann'r = Kantor, Rutkaat = Rotkehlchen, geha = gehauen, laen = legen, wer = würde, wurn = geworden. Die Verkleinerungsendung lein erscheint in der Form: la (le). Für die Adjektiv-Endung ig wird manchmal et gebraucht, z. B. schaaket = scheckig, baanet = beinig. – Aber nicht allein unbetonte Silben werden abgestoßen und verschliffen, sondern auch solche mit einem Nebentone, z. B. Nupr = Nachbar, schawern = scharwerken, Handschch = Handschuh, Echerla = Eichhörnchen, Gahlich'n und Gahl'chen = gelbe Hühnchen, arb'n = arbeiten, nong = nachher. Auch kurze Wörter werden mit einander verschmolzen, z. B. wemmer = wenn wir, gimm'r = geh'n wir, vunna = von ihm, hottene = hat er ihn, nu'ch = nun sich, ing = ich ihnen, Bornkinnel = gebornes Kindlein, gippt'r = giebt ihrer, allezamm = alle zusammen, immadim = um und um, ka'sn = kann es ihnen, guttegor = ganz und gar, epps'n = ob sie ihn, würrerch = würde er sich.
Aus der Wortbeugung mögen nur die besondern Steigerungen serner von sehr (= mehr) und ehnder von ehe, die eigentümlichen Zeitformen: huhl für hielt, fuhl für fiel, fuhng für fing, gehatten für gehabt und maanet für meinte erwähnt werden.
Die Sprache des Erzgebirgers weist noch manche Eigentümlichkeit auf. So mischt er seiner Rede gern selbstgeschmiedete Wörter bei und verunstaltet fremde aufs grausamste. Aus Larifari macht er »Larefar«, das Korsett wird zu einem »Kartschetl«, das Porzellan zu »Porzelih«, eine Guirlande zur »Gorlande«. Etwas ganz Neues ist »nieglnoglnei«, wem man den Standpunkt klar machen will, den »laxenirt« man, und ein ungezogener Junge wird nicht bei den Haaren, sondern »bun (beim) Wisch« genommen. Während der Bauer des Niederlandes den ganzen Tag im Hofe und Felde »scharwerkt«, »schabrt« der erzgebirgische; er heimst nicht ein so viel als möglich, sondern er »schobert«, geht auch nicht zum Nachbar auf Besuch, sondern »hutzn«. Ein lediger »Puß« (Bursche) macht im Erzgebirge zwar keinen Lärm, aber großen »Teebes« oder »Teebs«. Als Verkleinerungssilbe braucht der Erzgebirger statt chen und lein »la« (»Kihla« = Kühchen, »Seila« = Schweinchen); außerdem ist er ein Freund der Flickwörter »fei« und »eppr«. Auch die Namen pflegt er zu verunstalten. Aus einem Ludwig macht er einen »Lud« oder »Wig« und Gottlob, -fried, -lieb verkürzt er zu »Lub«, »Fried« und »Lieb«. Ebenso sind im Erzgebirge die Spitznamen mehr denn anderswo daheim. Jeder im Dorfe weiß z. B., wo der »Mahlhenner« wohnt, während ihm der mit Mehl handelnde Heinrich so und so unbekannt ist. Auch fügt man den Taufnamen gern dem Familiennamen bei. Man macht aus dem Gottlob Schulze einen »Schulzenlob«, und sein Sohn Eduard wird zum »Schulzenlobward«, ja selbst ein »Hansenfritzenkarlfried« ist keine so seltene Erscheinung. Es bedingt schon einiges Nachdenken, um z. B. aus »Mahlhennerwigs Puß« den Sohn von Mehlheinrichs Sohn Ludwig und aus »Fuchsdavidkordel« die Tochter Konkordia des Gutsbesitzers David so und so, der zufällig fuchsfarbige Pferde liebt, herauszufinden.
Nach Dr. Oertel u. a.
14. Arzgebergsche Sprichwörtr.
('n Baur Hansgörg sei Lieblingsredn.)
's hot jedr, sei ar, wos ar sei, es hot a jedr Stand,
Ob im Gebörg, im Vugtland uhm, un ob im Niedrland,
Sei eigne Red, sei eigne Sproch, sei eigne Lieblingssprich. –
Wos Hansgörg denkt un wie ar schpricht, dos mächt derzahln heit iech. –
Dr Hansgörg is net arm, net reich, 's is a gemachtr Maa,
Ar guckt siech's 's Laam (wär jedr su!) su racht gemietlich a:
Drim labt ar gut un reichlich a. »Dä wos mer spart am Mund,«
(Dos is sei Red, schpricht mer dervu,) »dos kimmt ner für de Hund!«
Kimmt mittigs vun dar Arb't ar rei zer Arntezeit vum Fald,
Do warn de Pfahre ausgeschärrt un's Futtr hiegestallt.
»Karline,« schpricht ar zu sei Fraa, »heit wor de Arbet schwer;
Schaff's Assen rei, miech hungerts heit, su daß iech's haußen här!«
Ja, 's Assen, dos is su sei Sach! Do ka ar wos vertrag'n.
»Ach hätt« (su schpricht ar, wenn's 'ne schmeckt) »dr Buckel a en Mag'n!«
Doch gibbts net viel und a nischt guts, denkt ar: »De bist betrug'n,
Hansgörg, se ham dr wiedr mol a Halmel dorch's Maul gezug'n.«
Im Abziehlich[1] do gieht ar noch, wie sist de Leit sei gang:
In Laderhus'n, Bliemelwest, im Ruck miet Schößeln lang.
»Miet setten neimodschen Gekrahm, do bleibt mer ner hibsch farn;
Zög iech dos ah, iech säß dodrin, wie dr Fluk[2] in der Lotarn.«
Dos Stodtvulk (na dos wißt'r schu!) dos ka ar net dersahn:
»Weil dos de Fliegn niesen härt un a de Mickn gahn!«[3]
Wenn su a Harrchen aus dr Stodt im Dorfe rimstulziert,
Do denkt ar: »Du host ah noch nich en Maikafer bolwiert!«
Nischt ka 'n mehr in de Wulle breng, als wenn zer Summrszeit
De Stodtleit miet ihrn Rimgelaaf tutschlahn[4] de schiene Zeit;
Un frögt su aner nach'n Wag, – ar sogts, – dä die sei schlimm!
Doch denkt ar: »Su a Faullenzer, dar laaft meitog nischt im!«
Noch en Maa kenn'ch, miet dan dr Görg nischt mehr mag ham za thu;
Dos is dr neie Harr Schandarm! ('s is wagn dr Sunntigsruh!)
Wenn ieber dan ward hargezug'n, do hilft ar orndlich miet;
's is aner (dos is seine Red) »su vun dr siemten Bitt«.
Ze Mittig sitzen Gung un Maad am Tisch in langer Reih;
Un zählt sei Fraa de Orgelpfeif'n, mächt angst ihr warn derbei;
Doch Hansgörg schpricht: »Ner net verzogt, ner fruh sein im Gemiet, –
Wenn unser Harrgott 's Hasl gibbt, gibbt ar ah 's Grasl miet!«
De Liesel, wos sei ältste is (se ward nu achtzah Gahr),
Die is derpicht (mer sullt's net glaam) uffs Hochzichmachen gar;
Dr Hansgörg schpricht: Do gibbts noch nischt; kriegst Manner noch wieviel, –
A jedes Tippel kriegt sei Starz, a jede Barn[5] ihrn Stiel! –
Su kännt iech viel noch niedrschreim aus Hansgörgs Lexikun,
Doch mark iech schuh, 's ward eich zeviel, ihr habt schu sott dervun!
's is lauter ungehubelts Zeig, – ja, ja, 's is doch racht schlimm,
Wenn aner net is gut beschlohn su unn'r de Nose[6] rim!
Th. Krausch.
[1] In der Kleidung.
[2] Floh.
[3] gähnen.
[4] totschlagen.
[5] Birnen.
[6] Nase.
15. Der Volkscharakter der Erzgebirger.
Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und äußerst genügsam. Gern steht er dem Fremden Rede, und im Zwiegespräche sucht er unaufgefordert das Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von seiner Genügsamkeit zeugen die einfache Wohnung und die noch einfachere Kost. Dazu kommt Frohsinn, eine ungemeine Verträglichkeit und große Liebe zur Reinlichkeit. Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch eifriger musiziert. Klostergrab und Breitenbrunn, Kupferberg und Gottesgab, vor allem aber Preßnitz senden Scharen von Musikern hinaus in die Welt. Während es anderwärts oft nicht gut thut, wenn zwei Familien in demselben Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge oft drei bis vier Familien in einer Stube, ohne daß man viel von unfriedfertigen Auftritten hört; sicherlich ein Beweis, daß die Bewohner sanft und schmiegsam sind. Der Sinn für Reinlichkeit tritt dem Fremden ungesucht entgegen. Die Gebäude gefallen meist schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und Anstrich, und das Innere der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch die daselbst herrschende Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich getüncht, die Dielen weiß gescheuert, die Haus- und Küchengeräte blank geputzt! Und wenn der Maßstab Liebigs richtig ist, daß man die Kultur von Volksgruppen nach dem von ihnen verbrauchten Quantum Seife beurteilen könne, so wird den Erzgebirgern eine bevorzugte Stellung einzuräumen sein; denn nirgends wird wohl mehr als bei ihnen gewaschen und gescheuert. In der That macht auch der geringe Mann im Erzgebirge eher den Eindruck eines verarmten Gebildeten, denn eines armen Natursohnes. Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die wesentlichste Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher zur Antwort bekommen: »Die Gemütlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort, worunter man aber im allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam beachtet, nicht nur was man sagt und was man thut. Gewandte Personen gelten als »manierlich« und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet. Durch die genannte »Gemütlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch auch die Thatkraft und der Trieb zur Selbsterhaltung abgeschwächt.
Ganz besonders vor dem Niederländer zeichnet sich der Erzgebirger durch seine Vorliebe für Tanzvergnügen aus; selbst in den kleinsten Dörfern trifft man oft mehrere, ziemlich groß angelegte Tanzsäle an. Diese Tanzlust ist vielleicht die Folge sowohl der zum Sitzen zwingenden Hausindustrie, als auch der Grundlosigkeit der im Winter verschneiten, im Frühjahr und Herbst aber aufgeweichten Wege; der Tanz bietet dann oft allein Gelegenheit zu der nötigen Bewegung.
An den alten Resten verschwindenden Volkstums und Volksglaubens hängt der Erzgebirger mit wunderbarer Festigkeit; Sagen und Mären, die sonst verschwunden sind, haben sich hier erhalten.
In den erzgebirgischen Familien ist die Überlieferung noch lebendig. Die alte Ahne im Lehnstuhle, die nicht mehr klöppeln kann, weil ihre Finger zittern, erzählt den Kleinen die Wundersagen und die besonderen Geschichten des Thals und des Dorfs, und die bleiben lebendig in den Herzen und Köpfen und werden von den altgewordenen Hörern weiter vererbt.
Hier oben ist noch manches lebendig, das anderwärts schon lange tot ist und mit Moder bedeckt. Hier leben in den langen Winterabenden die Gestalten der altdeutschen Sagen wieder auf, und leuchtenden Auges lauschen die Kleinen den Mären von dem reichen Silberherrn, den der Satan geholt, von dem Bergmann, der die Silberstufen gefunden hat, von dem grauen Männchen in Schneeberg und dem Schwarzkünstler zu Geyer. Die erzgebirgische Tracht ist zwar fast ganz verschwunden, – nur vereinzelt sieht man noch den roten Brustlatz mit blanken Knöpfen, öfter noch die schwarzledernen Hosen und den Sammetbartel, – aber mit ihr nicht die eigenartige Sitte des Gebirges. Besonders mächtig ist noch die christliche Sitte. Was im Niederlande schon als überlebt beiseite geworfen ist, ist in den Bergen noch lebendig. Die christliche Sitte ist aber nicht nur Äußerlichkeit, sie ist auch ein Ausdruck des christlichen Sinns des Erzgebirges, der sich nicht nur in seinem Thun und Treiben, nicht nur in seinem Verhältnisse zur Kirche, sondern auch in seinen Sprichwörtern und seinen sprichwörtlichen Redensarten kundgiebt. Gemeinsam mit dem Vogtländer ist ihm die sinnige Feier des Weihnachtsfestes. Was bei jenem die Krippe, ist bei ihm das Bethlehem, eine Darstellung des Weihnachtswunders, oft vom Vater geschnitzt, oft auch in den Familien forterbend, um das sich die Familie zum Feste sammelt. Die Stelle des Lichterbaumes wird, besonders in den Bergwerksgegenden, durch einen Bergmann vertreten, der ein Licht hält, oder auch durch einen großen Leuchter.
Nach Prof. Berlet und Prof. Dr. Oertel.
16. Die obererzgebirgische Kirmes.
Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest des Landmanns, die Kirmes. Es setzt schon lange voraus Herzen und Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann, und die Botenfrau muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie schon den Rahm gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben, und bereitet nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker, um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. – Aber noch andere Opfer sind nötig. Ein Schwein soll geschlachtet, Sauleed oder Krumbeh, Schlachtfest gehalten werden. Der Fleischer ist bestellt, der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennholz sind schon am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch gemandelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht das tote Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird geteilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich ertönt der Ruf: »Das Wurstfleisch ist fertig« und alles eilt herbei, um an dem leckern Genuß sich zu laben. Das Schwertelfleisch wird an die Hausgenossen und Nachbarn verschickt. Nun folgt das Bereiten und Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein tüchtiges Bratstück ist zur Kirmes ausgesucht und der Abend schließt mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Die ärmeren Nachbarn holen sich die Wurstbrühe. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmessonntag ist da. Beim Aufgange der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. Die gute Kaffeekanne dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Türmen von Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre an, und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag, ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche, deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge, jeder seiner Wohnung zu. – Welche Freude giebt es bei der Heimkunft. Der Vetter aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen. Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbsterbautem Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten Kartoffelklöße und Sauerkraut, weißes Brot und Bier, vielleicht auch eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im silberweißen Haar rückt seinen altertümlichen Lehnstuhl heran und von seinem wirtlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet. Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige Kuchenteller bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen ihre Lust, wo auf Wegen und Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neuesten Geschichten. Die rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch und Genuß vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen Skat, auch Schafkopf oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich zugerüstet ist. Alt und jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und bald ist alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, oder Schinken mit Sauerkraut, dann Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein, selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo nun auch die Verheirateten am Tanz sich beteiligen, bald einen Walzer, bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die Kirmeslust beschlossen und mit Kuchenpäckchen beladen ziehen die Gäste dankend heim. – Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich an der Mittwoch Haus und Arbeit allmählich wieder in das ruhigere Gleis einlenken. – Am nächsten Sonntag verhallen in der Klein-Kirmes die letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch und die Hoffnung, daß nächstes Jahr wieder Kirmes ist.
Nach Spieß.
17. Weihnachten im Obererzgebirge.
Unter allen Festen des Jahres nimmt im Gebirge unstreitig das Weihnachtsfest die erste Stelle ein. Bereits einige Tage vor dem heiligen Abend reinigt die Hausfrau mit ihren Töchtern das ganze Haus, putzt Fenster und Gefäße und fegt die Stube. Auf die Dielen der Wohnstube streut sie Stroh, welches auch, so lange die Zwölfnächte dauern, liegen bleibt. Der heilige Abend gilt schon als halber Feiertag. Erwachsene und Kinder haben ihr Sonntagskleid angelegt. Aus der Kammer oder aus dem Keller werden die am Andreasabend gebrochenen Reiser geholt, sie haben in der kurzen Zeit Schößlinge getrieben. Kaum ist die Sonne zur Rüste gegangen, so vereinigen sich die Familienglieder zum frohen Mahl, denn heute giebt es »Neunerlei«. Die sonst so sparsame Hausfrau hat den Ihrigen Klöße, Bratwurst und Linsen, Sauerkraut, Heidelbeeren und sonstige erzgebirgische Feiertagsspeisen, sodaß sie neun Gerichte bilden, aufgetischt. Nach dem Essen bestreut der Hausvater einige Brotschnitten mit Salz und Nußkernen und giebt sie dem Vieh im Stalle, auch dieses soll wissen, daß heute Weihnachten ist. Auch die Obstbäume im Garten beschenkt er am Christabend, indem er sie mit einem Strohseile umwindet, aus Dankbarkeit tragen sie im kommenden Jahre besser. Brot und Salz bleibt im Tischtuche eingeschlagen auf dem Speisetisch während der Nacht liegen, denn nur dann geht das ganze Jahr hindurch der Segen nicht aus. Viele verbringen die Christnacht wachend, um, wie sie sagen, die Metten nicht zu verschlafen. Das junge Volk vertreibt sich die Zeit durch allerhand Kurzweil. In ein mit Wasser gefülltes Gefäß gießen die Mädchen durch einen Erbschlüssel flüssiges Blei, aus der Form des plötzlich erstarrten Tropfens suchen sie die Beschäftigung des zukünftigen Bräutigams zu erraten. Drei Silberpfennige läßt man in einer mit Wasser gefüllten Schüssel schwimmen, nähern sie sich, so findet noch im Laufe des Jahres Hochzeit statt, wozu der Pfarrer, welchen der dritte Pfennig darstellt, seinen Segen giebt. Ein Auseinanderschwimmen bedeutet die Lösung der angeknüpften Liebschaft. Die Zwölfzahl, nach den zwölf Monaten, ist bedeutungsvoll bei all diesen abergläubischen Gebräuchen. Zwölf Schüsseln stellt man auf den Tisch, worin in der einen ein Brautkranz, in der andern ein Totenkranz, in der dritten ein Gevattersträußchen u. s. w. liegt, in die vorletzte aber hat man helles und in die letzte trübes Wasser gegossen. Mit verbundenen Augen nahet sich die fragende Person; je nach dem Wasser, wonach dieselbe greift, wird das Jahr trüb oder heiter für sie sein, wehe, wenn sie nach der Schüssel mit dem Totenkranze die Hand ausstreckte! Zwölf Häufchen Salz formt der Landmann in der Christnacht und stellt sie in Zwiebelschalen; nach der Feuchtigkeit, welche sie in der Nacht angezogen haben, läßt sich bestimmen, welcher Monat trocken oder feucht sein wird. Sind mehrere Töchter im Hause, so nimmt eine nach der andern einen Schuh und wirft ihn nach der Thür; zeigt er mit der Spitze nach dem Ausgange, so verläßt das Mädchen im Laufe des kommenden Jahres das väterliche Haus.
Man achte auf die durch das Kochen des Wassers im Ofentopf entstandene Musik, sie prophezeit das kommende Jahr. Um Mitternacht aber, so lange die Turmuhr die zwölfte Stunde verkündet, spendet das Brunnenrohr draußen im Hofe lautren Wein! Verschiedene Mitglieder der Kantoreibrüderschaft steigen nach Mitternacht die steilen Stufen im alten Wachtturme bis zur Türmerwohnung empor und singen da Weihnachtslieder. Durch die offenen Fenster schallt der Choral: »Vom Himmel hoch, da komm' ich her etc.« in die schweigende Winternacht hinaus. Noch ist das Licht der Sterne nicht erblichen, da rufen die Kirchenglocken zur Christmette. Reich und arm, groß und klein geht zum Gotteshaus, wohl das ganze Jahr hindurch sieht dasselbe selten eine so zahlreiche Menge Andächtiger, als an diesem Morgen. Vom Chore herab ertönt das alte lateinische Weihnachtslied, das in der Übersetzung lautet:
Den die Hirten lobten sehre,
und die Engel noch viel mehre,
fürcht euch fürbaß nimmermehre,
euch ist geboren der König der Ehre.
Zu dem Kön'ge kam'n geritten,
Gold, Weihrauch, Myrrhen brachten sie mite,
sie fielen nieder auf ihre Knie,
gelobt seist du, Herr, allhie!
Freut euch alle mit Maria
in des Himmels Hierarchia,
da die Engel singen alle,
In dem höchsten Thron mit Schalle.
Lobet alle Leut' zugleiche
Gottes Sohn vom Himmelreiche,
uns zu Trost ist er geboren,
Lob und Ehr' sei Gott dem Herrn!
Auch die Weissagung aus dem Propheten Jesaias, welche im 9. Kapitel steht und mit den Worten anhebt: »Das Volk, so im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht etc.« wird gesungen. Ein jeder Kirchgänger hat sein eigenes Mettenlicht mitgebracht, der Lichtstumpf wird später daheim heilig aufbewahrt, denn zündet man denselben während eines Gewitters an, so schlägt der Blitz nicht ein, so behauptet wenigstens der Aberglaube. Die letzten Klänge der Orgel sind kaum verklungen, so eilt schon die frohe Kinderschar den elterlichen Wohnungen zu, in ihrer Abwesenheit hat ja das Christkind seine Gaben ausgebreitet. Der Leuchter, welcher auch in der ärmsten Hütte nicht fehlt, ist angezündet, die Pyramide dreht sich, der »Berg« strahlt im hellsten Kerzenlicht. Der Berg ist ein in der Stubenecke terrassenförmig aufgebauter Paradiesgarten mit Hirsch und Jäger, mit Stall und Krippe, mit Engel und Stern, kurz mit allem, was der Vater in den langen Winterabenden für seine Lieblinge zusammenbaute. Heller jedoch als die Lichtlein strahlen die Augen der beglückten Kleinen.