Stein unter Steinen
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin
Hermann Sudermann:
| Geheftet | |
| Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 30. Aufl. | M. 2.— |
| Frau Sorge. Roman. 83. bis 87. Auflage | M. 3.50 |
| Geschwister. Zwei Novellen. 27. Auflage | M. 3.50 |
| Der Katzensteg. Roman. 61. bis 65. Auflage | M. 3.50 |
| Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 27. Auflage | M. 2.— |
| Es war. Roman. 38. Auflage | M. 5.— |
| Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten. 32. Auflage | M. 2.— |
| Sodoms Ende. Drama in 5 Akten. 23. Auflage | M. 2.— |
| Heimat. Schauspiel in 4 Akten. 34. Auflage | M. 3.— |
| Die Schmetterlingsschlacht. Komödie in 4 Akten 9. Auflage | M. 2.— |
| Das Glück im Winkel. Schauspiel in 3 Akten 15. und 16. Auflage | M. 2.— |
| Morituri: Teja. Drama in 1 Akt. — Fritzchen. Drama in 1 Akt. — Das Ewig-Männliche. Spiel in 1 Akt. 17. Auflage | M. 2.— |
| Johannes. Tragödie in 5 Akten und 1 Vorspiel. 28. Auflage | M. 3.— |
| Die drei Reiherfedern. Dramatisches Gedicht in 5 Akten. 14. Auflage | M. 3.— |
| Johannisfeuer. Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl. | M. 2.— |
| Es lebe das Leben. Drama in 5 Akten. 20. Aufl. | M. 3.— |
| Der Sturmgeselle Sokrates. Komödie in 4 Akten. 15. Auflage | M. 2.— |
Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen
Preis für den Einband:
in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf.
Stein unter Steinen
Schauspiel in vier Akten
von
Hermann Sudermann
Elfte Auflage
Stuttgart und Berlin 1905
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Copyright, 1905, by Hermann Sudermann
Alle Rechte vorbehalten
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
Personen
| Zarncke, Steinmetzmeister. | ||
| Marie, seine Tochter. | ||
| Frau Homeyer, Wirtschafterin bei Zarncke. | ||
| Jenisch, Buchhalter. | ||
| Eichholz, Nachtwächter auf dem Werkplatz. | ||
| Lore, seine Tochter. | ||
| Lenchen, deren Kind. | ||
| Willig, Polier. | ||
| Göttlingk, Steinmetz. | ||
| Jakob Biegler. | ||
| Reitmaier, Kriminalkommissar. | ||
| Lohmann, | } | |
| Sprengel, | } | Arbeiter. |
| Struve, | } | |
| Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter. | ||
| Mehrere Frauen und Kinder. | ||
| Ort der Handlung: Berlin. | ||
| Zeit der Handlung: die Gegenwart. | ||
Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen, zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag.
Erster Akt
Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tür nach dem Hausflur. Auf der linken Seite Tür nach Wirtschaftsräumen. Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz führend. Davor, um eine Stufe erhöht, ein Podium mit bequemem Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tür ein Tischchen mit Wandkonsole darüber, rechts von der Tür ein Bücherschrank. Altväterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche, Photographien, gestickte Sinnsprüche an den Wänden. Pfeifenständer, Zigarrenschränkchen, Bauer mit Kanarienvogel etc. etc.
Erste Szene
Zarncke. Marie. Jenisch
Zarncke
(Sechziger, mittelgroß, stark ergraut. Bartfunzeln auf den Backen. Gutmütig-vergnügte Äuglein. Sprechweise — mit Anklängen ans Niederdeutsche — weich, bisweilen harmlos polternd, voll stillen Grüblersinnes)
Marie
(Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei schöne Augen voll wehmütig-lachender Güte. Gequetschte Sprache, bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen tastend, unsicher)
Jenisch
(behaglicher, beschränkter Zahlenmensch)
Zarncke (mit Jenisch eintretend)
Na, Miezelchen?
Marie
(die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend)
Vaterchen! (Will aufstehen)
Zarncke
Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und küßt sie auf die Stirn) Läßte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ... Na, Jenisch, was haben Sie da!
Jenisch
Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brüchen, Herr Zarncke. (Reicht ihm die kleinen Blöcke)
Zarncke (kratzt an den Rändern)
Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei vorläufig noch gedeckt.
Jenisch (lacht respektvoll)
Zarncke
Zweite Post?
Jenisch
Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschäftsbriefe)
Zarncke
(setzt sich an den Tisch und läßt die Kuverts durch die Hand gleiten)
Nischt — nischt — nischt. (Ein Kuvert öffnend) Machen wir. (Ein zweites) Machen wir desgleichen. »Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener«. Möchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na, wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die anderen Briefe hin) Zurück zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von der Polizei kommen wegen heute nacht — das sag' ich besser draußen. (Zu Marie) Verzeih mal! (Öffnet das Fenster. Das klingende Geräusch der Meißelschläge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen der Windewagen wird hörbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier!
Stimme des Poliers Willig
Jawohl, Herr Zarncke!
Zarncke
Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor führen. Ich will nicht, daß sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem dummen Gefrage.
Stimme Willigs
Jawohl, Herr Zarncke.
Zarncke (nachahmend)
Jawohl, Herr Zarncke. (Schließt das Fenster, das Geräusch hört auf)
Marie
Mußtest du's denn anzeigen, Vaterchen?
Zarncke
Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlössern rumpulen lassen. Womöglich noch »Schön Dank« sagen ... Hören Sie mal, Jenisch, euch auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie über den alten Eichholz?
Jenisch
Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten lassen. Als Wächter.
Zarncke
Na, als was denn sonst?
Jenisch
Das weiß ich ja nich.
Zarncke
Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze hat sein Geschäft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um.
Marie (lächelnd)
Na, na.
Zarncke
Was ist hier zu na-na-en! (Zärtlich) Du — hä?
Marie (lacht)
Zarncke
Der Alte hat seine dreißig Dienstjahre. Hat 's Geschäft groß werden sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat, setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sägt er los. (Ahmt einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher in den Schlössern rum. Mir schwant so was, min Döchting, diese Instituschon is nich das richtige.
Marie (lacht)
Zarncke
Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurück.
Jenisch (lachend)
Adieu, Fräulein Mariechen.
Marie
Adieu, Herr Jenisch.
Zweite Szene
Zarncke. Marie
Zarncke
Dabei weiß ich genau, wer's gewesen is.
Marie
Am Ende gar der — —?
Zarncke
Na natürlich.
Marie (lachend)
Du weißt ja noch gar nicht, wen ich meine.
Zarncke
Du meinst den Struve. Und ich mein' den Struve. Und draußen auf dem Platze meinen sie auch den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren wollen, tun sie, als hätten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder raushaue, kriegt er zehn Jahre.
Marie
Um Gottes willen!
Zarncke
Fünfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen neulich für den brustkranken Emil sammelten — wo er doch als Arbeiter eigentlich gar nischt mit zu tun hat — Wochenlohn blank auf den Tisch gelegt. Und muß mausen! ... Nämlich die Diamantsplitter in den neuen Zahnsägen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt er schon im Kittchen ... Ach, was hat man für'n Kreuz mit diesen Kerls! Immer wieder saust man rin.
Marie
Na, manchmal auch nicht.
Zarncke
Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet. Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber — nee! — nu Schluß! — Ich nehm' nu nich einen mehr, den mir der Verein zuschanzt.
Marie
Na, na!
Zarncke
Mariechen, ich schwör' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies hier — ein Lämmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das Kuvert aufreißend) Wollen mal gleich sehn!
Marie
Weißt du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein interessanter Fall, und dann —
Zarncke
Kann's auch ungelesen zurückschicken. (Unschlüssig) Aber — — — du, klingel mal, daß die Homeyer mir das Frühstück bringt.
Marie (klingelt)
Zarncke
(die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken)
Da is nu ein ganzes Schicksal drin.
Marie (bittend)
Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich.
Zarncke
Man soll zwar keinen von seiner Türe weisen. Na, wie du meinst. (Legt das Kuvert hin)
Dritte Szene
Die Vorigen. Frau Homeyer
(Frau Homeyer, kraftvolle, hübsche Person, zu Anfang der dreißig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem Stich ins Gemeine)
Frau Homeyer
(die Frühstückstablette mit belegten Brötchen und einer Rotweinflasche hereintragend)
Schönen guten Morgen wünsch' ich.
Zarncke
Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen.
Frau Homeyer
Wenn auch. Ich sag' noch mal »Guten Morgen«. Das ziemt sich für mich. (Auf die Tablette weisend) Is alles gut so?
Zarncke
Hm. Fein.
Frau Homeyer
Fräulein Mariechen, was möchten Sie?
Marie
Danke. Danke.
Frau Homeyer
Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch?
Marie
Doch. Doch.
Frau Homeyer
Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen für Sie. Ich kann mir gar nich genug tun für Sie.
Zarncke
Ja, ja, Sie sind eine Perle.
Frau Homeyer
Herr Zarncke, ich kümmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich — ach ja!
Zarncke
Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hören Sie mal.
Frau Homeyer
Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert.
Zarncke
Und dann so die ehrbare Lebensweise.
Frau Homeyer (seufzend)
Ja, ja.
Zarncke
Hören Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend was gehört, heute nacht?
Frau Homeyer
Ja. Gehört hätt' ich wohl so einiges. — Schritte und so.
Zarncke
Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet?
Frau Homeyer
Hat mich ja keiner gefragt. Außerdem: ich geb' keinen an. Ich misch' mich nich in fremde Sachen.
Zarncke
So — das sind fremde Sachen für Sie?
Frau Homeyer
Gott! Wo hab' ich denn gedacht, daß es gleich Einbrecher sind?
Zarncke
Na, was denn sonst?
Frau Homeyer
Ich hab' gedacht: es is eben Frühling, — da werden die Mannsleute doll —
Zarncke
Und die Weibsleute auch.
Frau Homeyer
Von mir können Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an, daß mein armer sel'ger Mann —
Zarncke
Scht, scht, scht! Wenn, dann würd's auch nichts ausmachen. Na — und?
Frau Homeyer
Und der alte Eichholz schläft natürlich. (Mit Betonung) Und die Tochter schläft eben auch. Nu ja.
Zarncke
Ach so! Das geht gegen die Lore!
Frau Homeyer
Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. Laß das Fräulein Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie ich. Aber schließlich läuft auf dem Werkplatz 'n kleines Mädchen rum. Vater unbekannt.
Zarncke
Der Vater ist nicht unbekannt.
Frau Homeyer
Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. — Warum heiratet er sie denn nich?
Zarncke
Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen?
Marie
(die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurückgesunken ist)
Nichts, Vaterchen. Du weißt ja. Mir wird manchmal so grasgrün.
Frau Homeyer
(die eilig ein Glas Wasser gefüllt hat)
Glas Wasser, Fräulein Mariechen? Glas Wasser?
Marie (trinkt — matt)
Danke schön.
Frau Homeyer
Sonst noch Wünsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab)
Vierte Szene
Zarncke. Marie. Später Lenchen
Zarncke
Miezelchen!
Marie
Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frühling. Der macht einem Kopf und Glieder so schwer.
Zarncke
Ja, ja, es is der Frühling ... Selbst ich alter Knochen spür' ihn. Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du sollst eine sitzende Lebensweise führen, also führe du eine sitzende Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brötchen) Ganz lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich?
Marie
Ach Gott!
Zarncke
Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hübsch anschwindelt. Bißchen Kuddelmuddel muß sein um einen 'rum, sonst weiß man gar nich, daß man lebt ... Jetzt läuft sie auch hinter dem Göttlingk her. Darum der Haß auf die Lore ... Ja, der Frühling! ... Und mit dem Arbeiten gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... Übrigens, du! Zu der Amsel auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden.
Marie (freudig)
Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem Leibe schreien ...
Zarncke
Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe.
Marie (betroffen)
Wie meinst du das?
Zarncke
Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. —
Marie (hinaushorchend, ruft)
Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt herein, wie vorhin) Lenchen!
Die Stimme Lenchens (jubelnd)
Tante Mariechen!
Marie
Komm ans Fenster! Komm!
Zarncke
Tante nennt sie dich?
Marie
Soll sie nicht, Vaterchen?
Zarncke
Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.
Marie
Na, kletter hoch!
Lenchens
(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)
Tag, Tante Mariechen.
Marie
Klettre, Katz! Klettre!
Lenchen
Mußt helfen.
Zarncke
(da Marie eine Bewegung macht, rasch)
Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt es auf den Boden)
Lenchen
(die Arme um Mariens Knie schlingend)
Tante Mariechen! Tante Mariechen!
Marie (sie herzend)
Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?
Lenchen
Butterstulle.
Marie
(gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)
Lenchen
(setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt unbekümmert)
Marie
Und das soll nun 'ne Schande sein — so ein Engelskind!
Zarncke
Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir?
Marie (inbrünstig)
Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!
Zarncke
Tja! Vielleicht gibt sie's dir!
Marie
So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und spricht leise zu ihr)
Zarncke
Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen)
Marie
(sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu schaffen)
Zarncke (murmelnd)
Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher) Was kann man da machen? Was —
Marie (bittend)
Vater!
Zarncke
Was denn?
Marie
Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch auch dem Kinde!
Zarncke
Ja, leicht gesagt! ... Wie?
Marie
Rede mit Göttlingk wegen Lore.
Zarncke
Ich hab' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.
Marie
Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.
Zarncke