Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt.
Im Original gesperrter Text ist hier so dargestellt.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich [am Ende des Buches].
Stahlstich v. Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg.
William Wilberforce.
Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden.
William Wilberforce,
der Sklavenfreund.
Ein Lebensbild,
für die deutsche Jugend und das deutsche Volk
gezeichnet
von
Hugo Oertel.
Mit vier Abbildungen.
Wiesbaden.
Julius Niedner, Verlagshandlung.
1885.
Philadelphia
bei Schäfer & Koradi.
Alle Rechte vorbehalten.
I.
Wir haben für den Mann, dessen Lebensbild wir auf den nachfolgenden Blättern zeichnen wollen, da vorne auf dem Titelblatte die nähere Bezeichnung »Der Sklavenfreund« gewählt, und gewiß mit gutem Grunde, wie jeder, der den Mann erst aus diesem Büchlein kennen lernt, nach Durchlesung desselben wird zugestehen müssen.
Aber ob auch jeder unserer lieben Leser weiß, was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, und wie sehr dieselbe berechtigt, denjenigen, welchem sie mit voller Wahrheit zukommt, unter die bedeutenden Menschen zu zählen, denen in diesem Büchlein ein ehrendes Gedächtnis gestiftet werden soll?
Was man unter Sklaven versteht, brauchen wir ja wohl niemandem erst weitläufig zu erklären. Jedermann hat ohne Zweifel von jenen unglückseligen Menschen gehört, die von anderen Menschen, ihren Brüdern, in der entsetzlichsten Knechtschaft gehalten werden; über die von diesen, ihren sogenannten Herren, das vollste unbeschränkteste Eigentumsrecht in Anspruch genommen wird; die wie das Vieh oder eine tote Ware gekauft oder verkauft werden und meistenteils auch kaum eine bessere Behandlung wie das Vieh erfahren.
Und wer etwa schon solch ein Buch gelesen hat, wie das wohlbekannte auch ins Deutsche übersetzte der Amerikanerin H. Beecher-Stowe, welches den Titel führt: »Onkel Toms Hütte«, der hat auch schon einen Einblick bekommen in das herzzerreißende Elend, welches die Sklaverei im Gefolge hat. Und wenn er nur ein menschlich fühlendes Herz in der Brust trägt, das sich von Jammer und Elend, wo und wie sie ihm begegnen, rühren läßt, geschweige denn, wenn sein Herz ein christliches ist, in welchem das Gebot lebt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! so kann er nicht anders, als seine höchste Achtung Solchen zollen, die ihre ganze Kraft einsetzen, um das Elend der Sklaverei lindern zu helfen, ja die auf die gänzliche Abschaffung der Sklaverei hinwirken, welche ohne Zweifel der größte Schandfleck für die Menschheit ist, der nur gedacht werden kann.
Aber, so fragt man unwillkürlich, wie war es überhaupt möglich, daß etwas so Entsetzliches und Schändliches wie die Sklaverei in der Welt aufkam? Wie war es möglich, daß sich Menschen dazu herbeilassen konnten, andere Menschen in eine Lage zu setzen, in welcher die Menschenwürde geradezu mit Füßen getreten ist?
Auf diese Frage kann man denn aber nur die rechte Antwort finden, wenn man erwägt, daß von Uranfang her das Psalmwort (Psalm 10, 10) seine Wahrheit hatte: »Der Gottlose zerschlägt und drückt nieder und stößt zu Boden den Armen mit Gewalt«; daß von jeher der Stärkere, weil er dazu befähigt war, sich auch berechtigt hielt, den Schwächeren zu unterdrücken und sich dienstbar zu machen. So war es ja, wie gesagt, von Uranfang her, seitdem durch das Eindringen der Sünde in die Welt und durch den dadurch hervorgerufenen Abfall der Menschenherzen von Gott, in diesen an die Stelle der Liebe, dieses Abglanzes des göttlichen Wesens, die Selbstsucht getreten ist; so ist es noch heute, wo das Recht des Stärkeren ohne Scheu als ein natürliches, unangreifbares Menschenrecht hingestellt, und auch in den Schranken, die das Gesetz nur irgendwie zuläßt, mit der furchtbarsten Rücksichtslosigkeit geübt wird; so wird es auch bleiben, solange nicht das Grundgesetz des Christentums, das Gesetz der selbstverleugnenden Liebe allenthalben zur vollen Geltung gekommen ist, wonach der Starke seine Stärke nicht zur Unterdrückung, sondern zum Schutze des Schwachen verwenden soll.
Die Sklaverei an und für sich ist deshalb auch fast so alt wie das Menschengeschlecht, und jedenfalls so alt als die Kriege in der Welt sind. Denn die ersten Sklaven waren ohne Zweifel Kriegsgefangene, die man zum Knechtsdienste zwang und gegen die man, weil sie Volks- oder Stammesfeinde waren, an deren Hände das Blut der eigenen Landsleute und Stammesgenossen klebte, ungescheut jede Grausamkeit und Gewaltthat glaubte üben zu dürfen. Erst allmählig mag sich dann die Sklaverei als ein dauernder, sogar gesetzlicher Zustand herausgebildet haben, bei welchem die Sklaven als lebende Ware betrachtet und mit voller Rechtsgiltigkeit gekauft und verkauft wurden.
Die alten Denkmäler Ägyptens mit ihren Inschriften und Bildwerken erheben es zur unbestreitbaren Gewißheit, daß dort im Nillande schon etwa 1600 Jahre vor Christo die Sklaverei bestand, daß vollständige Sklavenmärkte abgehalten wurden, ja daß schon damals Negersklaven vorkamen, jedoch wohl nur als Kriegsgefangene, nicht aber als Glieder der Menschenrasse, die vorzugsweise zur Sklaverei bestimmt sei und bei der schon ihre Hautfarbe den Bann und den Fluch der Sklaverei bedingte. Der traurige Ruhm, diese letztere Anschauung von der Bestimmung der schwarzen Menschenrasse zur Sklaverei aufgebracht und diese Rasse als eine niedrige Menschenart hingestellt zu haben, die sich vom Tiere kaum anders als durch die äußere Gestalt unterscheide, fällt leider auf die christlichen Nationen der Neuzeit. Und, um dies hier schon einzufügen, leider wurde sogar aus dem Worte Gottes zu beweisen gesucht, daß die Sklaverei der Schwarzen ein gottgewollter Zustand sei. Man mißbrauchte nämlich jenen schweren Fluch, den Noah über die Nachkommen seines Sohnes Ham, den man als den Stammvater der schwarzen Rasse ansieht, aussprach, wie 1 Mos. 9, 25. 27 zu lesen steht, als Beweisstelle dafür; man nahm also einen menschlichen Vaterfluch, der durch eine schwere Sünde des Sohnes hervorgerufen war, als Ausdruck eines göttlichen Willens und begründete dadurch jene heillose Verwirrung der Gewissen, aus der, als aus einer trüben Quelle, all das entsetzliche Elend der Negersklaverei, all die grauenhaften Grausamkeiten des Handels mit Schwarzen hervorfloß.
Auch unter den Juden findet sich schon in frühester Zeit Sklaverei und Sklavenhandel. Abraham besaß eine Menge von »Knechten«, die wohl nichts anderes, als leibeigene Sklaven gewesen sind. Denn 1 Mos. 17, 23 werden ausdrücklich unter diesen Knechten solche unterschieden, die daheim im Hause geboren, und solche, die erkauft waren. Wir haben also da schon eine durch Geburt vererbte und ebensowohl eine durch Kauf zu stande gekommenene Knechtschaft, und zwar in sehr ausgedehntem Maße. Denn 1 Mos. 14, 9 werden allein 318 waffenfähige Knechte erwähnt, die im Besitze des Erzvaters waren.
Und weist nicht der Umstand, daß Jakobs Söhne ihren Bruder Joseph an israelitische Händler verkauften, ebenfalls darauf hin, daß der Sklavenhandel damals schon etwas ganz Gewöhnliches und Herkömmliches war?
Allerdings scheinen die Knechte oder Sklaven damals völlig zur Familie gehört zu haben und keineswegs als völlig rechtlos geachtet worden zu sein. Denn sie wurden ebenso wie die eignen Kinder und Hausgenossen durch die Beschneidung in den Bund aufgenommen, den Gott der Herr mit Abraham gemacht hatte (1 Mos. 14, 9) und bei Elieser, dem treuen Knechte Abrahams, wurde sogar das Knechtsverhältnis ein so verschwindendes, daß Abraham, als ihm noch der eigene Sohn mangelte, Eliesers Sohn zu seinem Erben zu machen gedachte. (1 Mos. 15, 4.)
Als Israel Gottes Volk geworden war und jedes Glied ein Knecht Gottes, durfte kein Israelit »auf leibeigene Weise« (3 Mos. 25, 42) verkauft werden, während die Leibeigenschaft von Nichtjuden nach wie vor bestehen blieb.
Allerdings konnte ein Israelit nach dem Gesetze in die Dienste eines anderen kommen, entweder wenn er selbst sich und die Seinigen freiwillig demselben in die Dienstbarkeit verkaufte, weil er wegen Armut seine Familie nicht mehr durchbringen konnte, oder wenn er durch gerichtlichen Zwangsverkauf ihm zufiel, weil er z. B. für einen begangenen Diebstahl nicht den genügenden Ersatz leisten konnte. Aber es waren im Gesetze Anordnungen getroffen, welche dem in solcher Weise unfrei gewordenen die Rückkehr in die Freiheit und Selbstständigkeit ermöglichten; und vor allem durfte ein solcher Unfreier an Auswärtige nicht wieder verkauft werden.
Jedoch auch die heidnischen Sklaven hatten sich nach dem mosaischen Gesetze einer im Ganzen menschlichen Behandlung zu erfreuen. Wer einen seiner heidnischen Sklaven bei etwaiger Züchtigung oder im Zorne tötete, wurde bestraft, wenn der Tod unmittelbar erfolgte; überlebte dagegen der Sklave die Mißhandlung um einige Tage, sodaß sein Tod nicht als unmittelbare Folge derselben angesehen werden konnte, so wurde angenommen, daß der Tod nicht absichtlich herbeigeführt worden sei, und der Herr wurde als durch den Verlust des Sklaven genug bestraft angesehen.
Auch bei den alten Griechen stand die Sklaverei in voller Blüte trotz des starken Freiheitssinnes, der in diesem Volke lebte; ja die ganze gesellschaftliche Ordnung der Griechen forderte gewissermaßen die Unfreiheit anderer, die Sklaverei, als notwendige Unterlage. Damit sich die freien Staatsbürger ganz und ausschließlich dem öffentlichen Leben und den Staatsgeschäften widmen könnten, wie es in einer Republik nötig erschien, durfte es nicht an Solchen fehlen, die sich lediglich den kleinlichen Geschäften des täglichen Lebens und der Besorgung des Hauswesens widmeten. Zu den schwereren und gröberen Arbeiten verwendete man die Kriegsgefangenen, während die auf den Märkten gekauften Sklaven vorzugsweise zu Hausdienern genommen wurden. Berühmte Sklavenmärkte wurden auf den Inseln Delos und Chios abgehalten, wohin aus Ägypten auch Negersklaven geschickt wurden, die als Luxus-Sklaven sehr beliebt waren und von besonderem Reichtum des Besitzers Zeugnis gaben.
Ehe der berühmte Solon seine Gesetze gab, durfte der Gläubiger auch zahlungsunfähige Schuldner in die Sklaverei verkaufen, und selbst Eltern war dies mit ihren Kindern gestattet.
Jedoch war bei den Griechen die Behandlung der Sklaven im Großen und Ganzen nichts weniger als unmenschlich. Der Herr konnte genötigt werden, einen Sklaven, den er aus Bosheit grausam behandelte, zu verkaufen, ja er konnte selbst alle seine Rechte auf ihn verlieren. In Athen wurde der Herr, welcher einen seiner Sklaven getötet hatte, in die Verbannung geschickt, und die Tötung eines fremden Sklaven wurde ebenso bestraft wie die eines freien Mannes. Überhaupt war der Sklave bei den Griechen nicht völlig rechtlos, konnte sogar bis zu einem gewissen Grade eigenes Vermögen erwerben.
Anders war es bei den alten Römern, deren ganzes Staatswesen auf Gewaltsamkeit aufgebaut war und denen die beständig geführten Kriege zahllose Gefangene als Sklaven zuführten. Bei ihnen galt der kriegsgefangene Sklave nicht mehr als jede andere tote Kriegsbeute; er war nur eine Sache, über die dem Herrn das unbeschränkteste Eigentumsrecht zustand. Er konnte und durfte seine Sklaven ganz willkürlich verheiraten und dann wieder von Weib und Kind weg verkaufen, sie wegen Krankheit aussetzen, zum Kampfe mit wilden Tieren bestimmen oder auch selbst ungestraft töten.
Rom wurde bald der bedeutendste Sklavenmarkt der Welt, und reiche Römer hatten die Sklaven zu vielen Hunderten. Allein dieselben wurden keineswegs blos zu den niedersten Knechtsdiensten verwendet, sondern es gab unter ihnen Ärzte, Schreiber, Dichter, Schriftsteller, Lehrer und Erzieher.
Erst unter den Kaisern wurde die völlige Rechtlosigkeit der Sklaven einigermaßen beschränkt. Sie konnten jetzt Testamentserben werden und Verträge selbständig und rechtskräftig schließen; sie standen unter den Gesetzen des natürlichen Rechtes, durften z. B. nicht in bestimmten Verwandtschaftsgraden heiraten; sie konnten, wenn sie ihre Freilassung erlangt hatten, ihre früheren Herren wegen erlittener Mißhandlungen gesetzlich belangen. Gegen das Ende der Kaiserzeit war es für die vornehmen Römer ein Ehrenpunkt, recht viele Freigelassene zu haben, die zu dem Hause des Befreiers in einer gewissen Beziehung blieben.
So blühte in der ganzen alten Welt die Sklaverei, allerdings zum größten Nachteile der Sklavenbesitzer selbst, die sich durch die Sklaverei der freien Arbeit entwöhnten und diese als eine Schande für den Freigeborenen ansehen lernten, ja der Staaten selber. Man kann wohl sagen, die alte Welt ging an der Sklaverei zu Grunde, weil sie durch dieselbe den arbeitenden Mittelstand verlor, ohne den kein Staatswesen auf die Dauer bestehen kann.
Im Mittelalter nahm die Sklaverei die mildere Form der »Hörigkeit« an, welche die Freiheit und das Recht der Selbstbestimmung für die Hörigen keineswegs ganz aufhob. Nur wo das römische Recht volle Geltung erlangte, fand sich noch wirkliche Sklaverei der Kriegsgefangenen. Sonst wurden die Bewohner eines eroberten Landes nur gezwungen, den Grund und Boden zu bearbeiten und dann an die Sieger neben persönlichen Dienstleistungen, die bestimmt festgesetzt waren, gewisse Natural-Abgaben von dem Ertrag des ihnen überlassenen Landes zu entrichten.
Wir haben schon oben erwähnt, daß erst die neuere Zeit sich den traurigen Ruhm erwarb, die Negersklaverei eingeführt und die Ansicht in Gang gebracht zu haben, daß die Neger eigentlich gar keine rechte Menschen seien, und daß es für die Weißen nichts Unmenschliches, sondern etwas völlig Berechtigtes sei, sie in die Sklaverei zu schleppen und sich ihre rohe Kraft dienstbar zu machen.
Schon um's Jahr 1440 brachten die Portugiesen Negersklaven in den Handel und im Jahre 1460 bestand in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein öffentlicher Markt, auf welchem Neger zum Kaufe gestellt wurden.
Wie man dieselben erhielt? – Durch Raubzüge, die man auf den Küsten Afrikas veranstaltete und auf denen man alle Neger, deren man habhaft werden konnte, einfing und sie in möglichst großer Zahl enge zusammengepfercht in kleine, schnellsegelnde Schiffe packte. Ging dabei auch ein großer Teil der Eingefangenen und vielleicht schwer Verwundeten zu Grunde, so wurde doch noch immer an den Überlebenden ein so großer Gewinn gemacht, daß die Habsucht reiche Befriedigung fand und die auf solche Raubzüge verwendeten Kosten hohe Zinsen trugen. Als diese Raubzüge sich nicht mehr lohnten, weil die Neger, durch Schaden klug gemacht, auf ihrer Hut waren und sich in das Innere des Landes und seine unzugänglichen Schlupfwinkel zurückgezogen, sobald sich ein Schiff an der Küste blicken ließ, auch den räuberischen Weißen blutigen Widerstand leisteten und den Tod der Gefangenschaft vorzogen, da suchte man mit den Negerhäuptlingen Verträge abzuschließen, welche diese verpflichteten, gegen nichtigen Tand und geringwertige Zeuge und Geräte ihre Untergebenen an die Weißen zu verkaufen. Wo die Überredung dabei nicht zum Ziele führte, mußte der Branntwein helfen, den halb oder ganz Trunkenen die Einwilligung abzupressen.
Einen besonderen Aufschwung nahm die Negersklaverei und der grausame Handel mit den armen Schwarzen nach der Entdeckung Amerikas zu Ende des 15. Jahrhunderts, denn die Spanier und Portugiesen erkannten bald, daß die eingeborenen Indianer der neuentdeckten Länder viel zu schwächlich seien, um die reichen Schätze, welche dort der üppige Boden und der Reichtum des Erdinnern an edlen Metallen in Aussicht stellten, in dem Maße zu heben, wie es die Habsucht und die entflammte Geldgierde begehrten. Für Europäer aber erwies sich das Klima als ein zu mörderisches, als daß man hätte daran denken dürfen, solche zu schwerer Arbeit zu verwenden. Überdies wollten diejenigen Europäer, welche nach dem neuentdeckten Weltteile hinüberzogen, nichts weniger als schwer arbeiten, sondern waren nur von der Sucht getrieben, drüben, wo man das Gold auf der Straße zu finden hoffte, recht schnell reich zu werden und dann mit Gold beladen wieder heimzukehren.
So schien es als das beste, ja als das allein mögliche, um die kostbaren Entdeckungen recht auszubeuten, daß man die kräftigen, an das heißeste Klima gewöhnten Neger nach Amerika verpflanzte. Und je mehr es sich bewährte, daß dieselben das für die Europäer so verderbliche Klima auch bei der schwersten Arbeit prächtig ertrugen, desto mehr befestigte sich die Meinung und gestaltete sich allmählig zu einem unbestreitbaren Grundsatze, an dem niemand zu rütteln wagen durfte, daß die Neger für die westindischen Pflanzer ganz und gar unentbehrlich seien.
Über die Frage, ob es recht sei, sie gewaltsam zu rauben und in die Ferne zu schleppen, setzte sich die gewissenlose Habsucht und Goldgierde leicht hinweg, oder, wo noch ein Gewissen sich regte, sie zu erheben, da mußte jene Stelle der heiligen Schrift (1. Mos. 9, 25, 27) über alle Bedenken hinweghelfen, durch die man den Beweis erbracht sah, daß die Nachkommen Kanaans, als die man die Schwarzen betrachtete, nach göttlicher Ordnung für alle Zeiten bestimmt seien, den Fluch der Knechtschaft zu tragen.
Die Wildheit der eingeführten Neger, die nur mit Zähneknirschen das aufgelegte Joch trugen, ihre für die Bewohner gebildeter Länder abschreckende Rohheit, ihre von derjenigen der Weißen so sehr abweichende Gesichtsbildung, alles dies brachte nun weiter leicht die Behauptung zur allgemeinen Geltung, die Schwarzen seien eigentlich nur Halbmenschen, welche nicht viel über dem Tiere ständen, und in bezug auf welche deshalb auch die wirklichen Menschen, die Weißen, das Gottesgebot für sich in Anspruch nehmen dürften, daß sie sich die Erde unterthan machen und über alle ihre Geschöpfe herrschen sollten. Das allein reichte freilich schon hin, für die Negersklaven von seiten ihrer Herren eine Behandlung herbeizuführen, die bei ihnen durchaus keine Menschenwürde mehr gelten ließ. Aber diese üble Behandlung mußte sich notwendigerweise noch steigern, wenn es galt, die Neger zur Arbeit anzuhalten, und das Kapital, welches man auf ihren Ankauf verwandt hatte, und welches noch fort und fort ihre Unterhaltung erforderte, mit möglichst hohem Gewinn aus ihrer Arbeit herauszupressen. Denn da konnte nur der härteste Zwang die angeborene Trägheit der Neger überwinden, und nur der furchtbaren Peitsche aus Nashornhaut, die schonungslos die nackten Schultern zerfleischte, konnte es gelingen, jede leiseste Regung der Wut und des Widerstandes gegen die unbarmherzigen Peiniger im Keime schon zu ersticken.
Daß solche Wut dennoch bei den leidenschaftlichen, heißblütigen Schwarzen gelegentlich zum Ausbruche kam und sich dann in Grausamkeiten gegen die verhaßten Peiniger entlud, welche jeder Beschreibung spotten, konnte natürlich die Behandlung der Neger nicht besser machen und wurde nur als Beweis dafür geltend gemacht, daß ihnen gegenüber nur die furchtbarste Härte am Platze und im stande sei, die Weißen davor zu schützen, daß sie nicht von der überlegenen Körperkraft der Neger zermalmt würden, zumal da, wo, wie auf einsam gelegenen Pflanzungen, die Weißen in einer ganz verschwindenden Minderzahl ständen.
Wie allgemein verbreitet und wie fest gegründet die Ansicht von der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Negersklaverei und des Negerhandels im Anfange des 16. Jahrhunderts war, beweist wohl nichts besser als der Umstand, daß selbst der edle Las Casas, der treue Freund und unermüdliche Schützer der amerikanischen Indianer, die Negersklaverei nicht für unchristlich ansah, wenn es auch durchaus falsch ist, daß er seinen Indianern zu Liebe selbst die Negersklaverei eingeführt oder doch wesentlich gefördert habe. Erst gegen Ende seines Lebens ging ihm in betreff der Negersklaverei eine richtigere Erkenntnis auf und eine tiefe Reue darüber, daß er die Negereinfuhr gebilligt habe.
Wir haben schon erwähnt, daß bereits ums Jahr 1460 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein förmlicher Markt für Negersklaven bestand. Die Portugiesen blieben auch fortan die Hauptsklavenhändler, während die Spanier für sich selbst bald den Sklavenhandel einstellten und sich durch Verträge mit anderen Nationen die für ihre westindischen Besitzungen nötigen Sklaven verschafften. So übernahm es im Jahre 1715 England vertragsmäßig, den Spaniern ihre Sklaven zu liefern und bedingte sich sogar das Recht aus, ihnen 144000 Neger in die Sklaverei zu verkaufen.
Denn nachdem im Jahre 1525 die ersten Negersklaven in England gelandet und verkauft waren, blühte dort der Sklavenhandel, an dem die öffentliche Meinung nicht den geringsten Anstoß nahm, rasch auf, begünstigt selbst von den Königen, die von den Sklavenhändlern hohe Abgaben erhoben.
Von 1750 bis 1783 wurden etwa 30000 Neger jährlich unter englischer Flagge in die Sklaverei geführt, besonders von Liverpool aus, das zum Hauptstapelplatze des Negerhandels wurde. Im Jahre 1771 hatte diese Stadt 105 Schiffe, die sich lediglich mit dem Sklavenhandel befaßten und eigens dafür eingerichtet waren, während London nur 85, Bristol nur 25 solcher Schiffe hatte. Während man den Menschenverlust, den Afrika durch den Negerhandel erlitt, auf 40 Millionen Menschen schätzt, berechnet man den Gewinn, welchen England aus diesem Handel zog, auf 400 Millionen Dollars, also über 1600 Millionen Mark!
Indessen gaben sich auch noch andere Nationen, wenn auch in geringerem Maße, mit dem Negerhandel ab. Denn es war ein holländisches Schiff, welches im Jahre 1620 die ersten Sklaven in Nordamerika landete, und zwar zu Jamestown in Virginien und so den Grund legte zu der bedeutenden Negereinfuhr, die nun auch dort, besonders in den südlichen Staaten, in den Gang kam und nachweisbar von 1620 bis 1740 etwa 130000, von da bis 1776 etwa 300000 Neger in die nordamerikanischen Staaten brachte.
Die Ansichten über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des Sklavenhandels, die sich in Europa gebildet hatten, verpflanzten sich, von Eigennutz und Gewinnsucht getragen, rasch dorthin und gewannen so festen Grund in der öffentlichen Meinung, daß selbst die strenge Sekte der Quäker in Pennsylvanien die Sklaverei an sich nicht, sondern nur die dabei vorkommenden Gräuel mißbilligte. Allein die in diesen Staat eingewanderten Deutschen protestierten von vornherein gegen die Sklaverei als gegen etwas unsittliches und besonders unchristliches und verlangten schon im Jahre 1688 bei der Volksvertretung die unbedingte Abschaffung derselben. Sie verschafften dadurch dem deutschen Namen den unvergänglichen Ruhm, zuerst gegen die grauenhaften Zustände der Negersklaverei öffentlich aufgetreten zu sein. Ehre jenen unerschrockenen Männern, die es wagten, gegen die gegenteilige öffentliche Meinung ihre bessere Überzeugung tapfer zu vertreten!
Allerdings fehlte es auch schon früher nicht an Einzelnen, welche sich wider die Sklaverei erhoben; aber es handelte sich dann stets um weiße Sklaven. So kaufte schon im 6. Jahrhundert der Bischof von Rom, Gregor der Große, britannische Jünglinge, welche in römische Kriegsgefangenschaft geraten und in Rom zum Verkaufe gestellt waren, los, unterwies sie sorgfältig im Christentum und ließ sie dann als Freie in ihre ferne Heimat zurückbringen, daß sie dort das Christentum ausbreiteten.
Im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich einen heiligen Bund, der zum Zwecke hatte, die Raubstaaten an der nordafrikanischen Küste, die sogenannten Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis, zu züchtigen, welche die durch Seeraub erlangten Schiffer oder Küstenbewohner des mittelländischen Meeres als Sklaven zu verkaufen pflegten, und setzten ihre Bemühungen auch später noch fort, ohne jedoch den Sklavenhandel dieser Raubstaaten ganz unterdrücken zu können. Erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde diesem schmählichen Handel durch die Eroberung und Kolonisation Algiers von seiten der Franzosen ein Ende gemacht.
Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche Meinung erst zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar besonders infolge der eifrigen Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer Führer G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war, durch Wort und Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann in England der Kampf gegen die Sklaverei und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang an, wie sehr auch die westindischen Sklavenhalter und die englischen Sklavenhändler alles aufboten, denselben lahm zu legen. Und man muß es den Engländern lassen, daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen getriebenen und geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen bemüht gewesen sind und noch immer sich bemühen. Denn sie sind es, die mit schweren Kosten für den Staat an den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen, und wenn der Kommandant des englischen Geschwaders, welches diesen edlen Zweck zur Ausführung bringen soll, noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60 Sklavenschiffe weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit verholfen hat, so beweist das ebensowohl, daß der Sklavenhandel noch heute keineswegs völlig unterdrückt ist, wie auch das, daß England nach wie vor beharrlich und redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den der Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.
Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern einen englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein Hauptförderer dieser Bemühungen gewesen ist, und der deshalb nicht blos den Namen des »Sklavenfreundes« mit vollem Fug und Rechte verdient, sondern ebensosehr es verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen Ehren gehalten wird.
II.
William Wilberforce – so heißt der Ehrenmann, um den es sich handelt – wurde geboren am 24. August des Jahres 1759 zu Hull in der Grafschaft York, und zwar als der einzige Sohn unter vier Kindern, von denen zwei Schwestern schon in früher Kindheit wieder verstarben. Sein Vater Robert Wilberforce leitete seine Abkunft von einer alten, vornehmen Familie her, die lange Zeit hindurch im östlichen Teile der Grafschaft York ein ausgedehntes Stammgut besessen habe, war aber jedenfalls ein nach unseren Begriffen reicher, nach englischen Begriffen wohlhabender Mann. In Gemeinschaft mit seinem Vater, der bis in sein Alter hinein das entscheidende Familienhaupt geblieben zu sein scheint, betrieb er ein ausgedehntes Handelsgeschäft und verwaltete den großen Landbesitz, den die Familie hatte.
Der kleine William kam als feines, krausgliedriges Kind zur Welt und hat die Körperschwachheit, mit welcher er ins Leben eintrat, bis zu seinem Lebensende nicht völlig zu überwinden vermocht. Aber wer ihm in die hellen, geistvollen Augen sah, konnte ihm schon an der Wiege prophezeien, daß einmal etwas Rechtes aus ihm werden würde. Zum Knabenalter herangewachsen, entwickelte er trotz seines schwächlichen Körpers eine ungemeine Lebhaftigkeit und ein reiches, tiefes Gemütsleben, das ihn schnell zum Liebling aller machte. Außergewöhnlich frühe entfaltete er eine große Redefertigkeit, wie sie Kindern seines Alters in der Regel nicht eigen ist und erinnert damit an das allbekannte Sprüchlein: Was ein Dörnchen werden will, spitzt sich bei Zeiten.
Noch ehe er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, verlor er seinen Vater, und da die Mutter sich wohl selbst nicht für fähig hielt, den lebhaften Knaben richtig zu erziehen, wurde er zu einem Oheim von väterlicher Seite gebracht, der mit ihm denselben Namen hatte, vielleicht also sein Pate war.
Hier im Hause des Oheims fand er denn, was ihm weder die Schule zu Hull, die er bis jetzt besucht hatte, noch auch das Elternhaus gegeben: einen echt christlichen, frommen Geist. Die Tante gehörte der Sekte der Methodisten an, und wie sie selbst eine warme, aufrichtige Liebe zu Gottes Wort und eine tiefe Erkenntnis seiner heiligen Wahrheiten besaß, so suchte sie beides auch dem jungen Neffen einzupflanzen. Schien doch dessen reiches, tiefes Gemüt so recht dazu geeignet, die göttliche Wahrheit freudig in sich aufzunehmen und nachhaltig in sich wirken zu lassen. Was die eigne Mutter, die erst spät zum lebendigen Christentum kam, an dem sinnigen Knaben versäumt hatte, suchte die Tante desto eifriger nachzuholen und gewann durch die liebreiche Art ihrer erziehlichen Einwirkung einen nachhaltigen Einfluß auf Williams Gemüt.
Allein das still ernste, fromme Wesen, welches dadurch bei dem Knaben einkehrte und sich bei seinen gelegentlichen Besuchen im Elternhause deutlich genug kundgab, war keineswegs weder nach dem Sinn der Mutter noch des Großvaters, der ebensowenig wie diese für ein ernstes Christentum viel übrig hatte. Man befürchtete, die fromme Tante werde den Jungen ganz zu ihrem Methodismus und zu dessen Weltflüchtigkeit herüberziehen, und ihn dadurch zu der hohen, glänzenden Lebensstellung untüchtig machen, zu der ihn seine reichen Geistesgaben einmal führen zu müssen schienen.
William wurde deshalb schon wieder 1771 nach Hull ins Elternhaus zurückgerufen und sowohl die Mutter wie der Großvater boten alles auf, die frommen Eindrücke wieder zu verwischen, die er bei der Tante empfangen hatte. Der Großvater drohte ihm sogar damit, ihn enterben zu wollen, wenn er das häßliche methodistische Wesen nicht ablege. Da die Mutter ein reiches geselliges Leben liebte und das Haus selten von Gästen leer war, so konnte es kaum ausbleiben, daß der lebhafte zwölfjährige Knabe seine bisherigen Lebensgewohnheiten bald vergaß und mehr und mehr an den Zerstreuungen und Genüssen eines weltlichen geselligen Lebens Geschmack gewann. Die eifrige Beschäftigung mit dem Worte Gottes, die ihm die Tante beim Abschied noch besonders auf das Gewissen gebunden hatte, nahm von Tag zu Tag mehr bei ihm ab, und bald ergötzten ihn die weltlichen Dichter Englands, die man ihm geflissentlich in die Hände spielte, mehr als die einfachen kunstlosen Worte des heiligen Buches.
Aber trotzdem konnte der gute Same, den die fromme Tante in das kindliche Herz ausgestreut hatte, nicht ganz erstickt werden. Ein ernster Sinn, der durch das zerstreuende gesellschaftliche Leben wohl für Tage und Wochen in den Hintergrund geschoben werden konnte, aber dennoch sich immer wieder geltend machte, wenn in der häuslichen Geselligkeit größere Ruhepausen eintraten, blieb der unverlierbare Gewinn des Aufenthalts im Hause des Oheims. Und wenn derselbe auch an der Beschäftigung mit den weltlichen Dichtern, die für den Knaben einen hohen Reiz besaß, einen gefährlichen Feind hatte, so gewann doch William durch diese Beschäftigung die außergewöhnlich große Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdrucke, welche ihm in seinem späteren Leben so sehr zu statten kam. Durfte er es doch wagen, schon als 15jähriger Knabe einen Aufsatz gegen den Sklavenhandel, dessen Gräuel schon jetzt sein mitleidiges Herz schaudern machten, an den Herausgeber einer öffentlichen Zeitschrift einzusenden, ohne daß derselbe als ein knabenhaftes Machwerk eine Zurückweisung erfahren hätte!
Schon mit 17 Jahren war der reichbegabte William in seinen Kenntnissen so weit gefördert, daß er für den Besuch des St. Johns College auf der Universität Cambridge für reif erachtet werden konnte und dasselbe auch wirklich bezog, um den Kreis seiner Kenntnisse noch mehr zu erweitern und sich jene allgemeine Geistesbildung zu erwerben, die zur Erlangung einer geachteten Lebensstellung unerläßlich war. Denn von einem besonderen Lebensberuf, zu dem er sich hätte vorbereiten müssen, war einstweilen keine Rede bei ihm.
Allein es sollte mit seinem Studieren vorläufig nicht viel werden. Denn kaum hatte er die Universität bezogen, so starben rasch hinter einander sowohl sein Großvater als auch sein Oheim. Als der einzige männliche Sproß der Familie erbte William nach dem englischen Gesetze das ganze väterliche und großväterliche Vermögen, und da der Oheim keine Kinder hatte, so fiel ihm auch dessen bedeutendes Vermögen zu. So saß denn der Jüngling plötzlich dem Überflusse im Schoß und sah sich all den mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, welche derselbe im Gefolge hat.
Bald sammelten sich um den reichen Erben eine Schar leichtfertiger Gesellen, die ihm helfen wollten, seine Schätze in einem ausschweifenden Leben zu vergeuden und die sich so diese Schätze selbst zu nutze zu machen suchten. Allein wie sie sich auch an ihn drängten, es gelang ihnen nicht, ihn in den Kot ihrer gemeinen niedrigen Genüsse hineinzuziehen; der gute Geist, den ihm die fromme Tante eingeprägt hatte, verleugnete sich nicht, sondern wurde ihm Schirm und Schild, sodaß er sich schon nach kurzer Zeit mit Ekel von der schlechten Gesellschaft abwandte.
Er suchte besseren Umgang und fand ihn auch. Denn seine vortreffliche Unterhaltungsgabe, sein schlagfertiger, treffender Witz, sein schöner Gesang, seine allerdings nicht unbedenkliche Kunst, andere Menschen in ihrem Gebahren täuschend nachzuahmen, vor allen Dingen aber sein liebenswürdiges, gemütvolles Wesen: das waren lauter Vorzüge, die schnell einen weiten Kreis von Freunden um ihn sammelten und ihn zum geschätzten und geliebten Mittelpunkte desselben machten. Mit ernstem Studieren wurde es da freilich nicht viel, da William bei allen Vergnügungen seiner jugendlichen Freunde zugegen sein mußte und von ihnen, wenn er sich auch einmal zurückhalten wollte, mit freundlicher Gewaltsamkeit zur Teilnahme genötigt wurde.
Wenn er auch in seinem späteren Leben es oft bedauern mußte, seine Lernzeit mehr den Vergnügungen als den Studien gewidmet zu haben, und den eifrigsten Fleiß aufzuwenden genötigt war, um das in der Jugend Versäumte wieder nachzuholen, so fand er doch auch in dem Strudel der Geselligkeit, dem er sich überließ, manche wertvolle Bekanntschaft, die ihm sonst vielleicht entgangen wäre. So schloß er mit dem nachmals so berühmt gewordene Staatsmann Pitt schon hier auf der Universität einen Freundschaftsbund, der nachher für das ganze Leben vorhielt und ihm nicht blos für das studentische Leben einen gewissen Halt gab und ihn den Ernst des Lebens nicht ganz vergessen ließ, sondern ihm auch für die Folgezeit von großem Vorteile war.
Wie wenig das freie lustige Studentenleben vermocht hatte, ihn völlig um den Lebensernst zu bringen, zu welchem durch den Einfluß der Tante ein so guter Grund gelegt worden war, zeigte sich auch bei seinem Abgange von der Universität. Da sollte er, um den Grad und Titel zu erlangen, der in der Regel den Abgehenden beigelegt wurde, die Glaubensartikel der englischen Staatskirche unterschreiben und sich durch seine Unterschrift zur Annahme derselben verpflichten. Aber weil es um seine genaue Bekanntschaft mit diesen Artikeln etwas bedenklich aussehen mochte, verbot es ihm seine Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit, dieselben so leichtfertig und gedankenlos zu unterschreiben. Er verweigerte deshalb seine Unterschrift und mußte sichs gefallen lassen, ohne einen Grad und Titel die Universität zu verlassen.
Am nächsten hätte es wohl jetzt für unsren Wilberforce gelegen, in das von seinem Vater und Großvater geführte Handelsgeschäft einzutreten, welches nach deren Tode ein Verwandter für seine Rechnung weiter geführt hatte. Nicht blos, daß ihm dadurch eine ruhige, bequeme Lebensaufgabe zu teil geworden wäre, nein es winkte ihm auch dabei eine behagliche und doch ehrenvolle Lebensstellung.
Aber sein lebhafter, strebsamer Geist konnte sich an einer solchen Aufgabe und Stellung nicht genügen lassen; es lockte ihn vielmehr, statt in die ruhige Stille des Privatlebens in die geräuschvolle Unruhe des öffentlichen Lebens einzutreten. An diesem Entschlusse war ohne Zweifel der nahe Umgang mit seinem Universitätsfreund Pitt wesentlich schuld, der schon von Haus aus für den Staatsdienst und die Geschäfte des öffentlichen Lebens bestimmt gewesen war und dem es dann auch offenbar gelungen war, dafür dem Freunde Geschmack beizubringen.
Wilberforce löste das großväterliche Handelsgeschäft, das er nicht in seinem Namen fortführen lassen mochte, ganz auf und bewarb sich in seiner Vaterstadt Hull um die Ehre, deren Vertreter in dem Hause der Abgeordneten des Volkes, in dem sogenannten Parlamente zu werden. Um sich dazu tüchtig zu machen, nahm er, nachdem er sich zur Wahl angemeldet hatte, seinen Wohnsitz in London, und wohnte regelmäßig den Sitzungen des Parlaments bei, dessen Verhandlungen er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte. Daß er durch seinen Freund Pitt, mit welchem er dort wieder zusammentraf, nur noch in seinem Vorsatze befestigt wurde, die öffentliche Laufbahn eines Parlamentsmitgliedes zu betreten, ist leicht zu denken.
Aber hieß es nicht zuviel erwarten, wenn Wilberforce annahm, seine Mitbürger würden ihn, der jetzt erst 21 Jahre zählte, wirklich zu ihrem Vertreter im Parlament wählen? Das mochte er sich wohl manchmal selber fragen und konnte dann gewiß diese Frage im Blicke auf seine Jugend und Unerfahrenheit nicht anders als bejahen. Allein gleichwohl ging sein sehnlicher Wunsch in Erfüllung und im Jahre 1780 wurde er wirklich zum Parlamentsmitgliede für Hull erwählt.
Zeugt dies laut für die großen Hoffnungen, die seine Landsleute auf den jungen Mann setzten, so zeugt es hinwiederum auch dafür, wie wenig er sich der hohen, kaum erwarteten Ehre, die ihm durch seine Wahl zu teil geworden war, überhob und sich dadurch stolz und hochmütig machen ließ, daß er trotz seiner großen Redefertigkeit in der ersten Parlamentssitzung, die er mitmachte, seinen Mund nicht aufthat, sondern nur in aller Demut und Bescheidenheit auf die Reden anderer lauschte und außer den Sitzungen den größten Fleiß aufwandte, sich über jede Sache, die zur Verhandlung kam, vorher auf das genaueste und sorgfältigste zu unterrichten. Dabei kam ihm denn sein heller, klarer Geist trefflich zu statten und befähigte ihn, über jede vorkommende Sache eine feste durch keinen fremden Einfluß bestimmte Meinung zu gewinnen, und sich so die Selbstständigkeit in seinen Urteilen zu retten, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verließ und die ihn, wenn sie ihn auch oft genug mit seinen besten Freunden in Widerspruch brachte, doch in keinen Widerstreit mit seinem eigenen Gewissen kommen ließ.
Und nur von seinem Gewissen sich leiten zu lassen, wurde jetzt, wo er unter dem Ernste des Lebens den leichten Jugendsinn mehr und mehr ablegen lernte, sein fester, unumstößlicher Grundsatz, von dem er sich gelobte, niemals auch nur einen Fingerbreit abzuweichen.
So war es denn auch vorzugsweise die Stimme seines Gewissens, welche ihn trieb, sofort, nachdem die Parlamentssitzung geendigt war, London zu verlassen und sich in die ländliche Stille zurückzuziehen. Denn je sorgfältiger er auf diese Stimme achtete, desto lauter rief ihm dieselbe zu, daß das geräuschvolle öffentliche Leben in der großen Stadt tausendfältige Versuchungen bereite, das innere geistliche Leben zu vernachlässigen und unter den unaufhörlichen Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens einer unwürdigen, verderblichen inneren Zerfahrenheit zu verfallen. Und doch fing er jetzt, wie ein Brief an seine Schwester deutlich zeigt, an, einzusehen, daß das innere Leben nicht vernachlässigt werden dürfe, wenn man an wahrem Werte täglich zunehmen wolle, daß dasselbe aber nicht wachsen und gedeihen könne ohne ernste Sammlung des Herzens zu gewissenhafter Selbstbetrachtung.
So lockend es auch für Wilberforce sein mochte, mit seinem Freunde Pitt und den vielen anderen Männern des Parlaments, deren Wohlwollen er sich bereits durch seine liebenswürdige Persönlichkeit gewonnen hatte, zusammenzubleiben und in ihrem Kreise die Parlamentsferien angenehm zu verleben, er folgte doch der mahnenden Stimme seines Gewissens und entfloh den Zerstreuungen und Genüssen des Londoner Lebens.
An den Ufern des Winandersees in der Grafschaft Westmoreland mietete er sich einen schönen Landsitz und brachte dort in ungestörter Stille den Sommer zu, sich nur an den harmlosen Genüssen des Landlebens genügen lassend, für deren erfrischende Wirkung er einen starken Sinn und eine besondere Vorliebe hatte.
Äußerlich und innerlich gestärkt kehrte er zu Anfang des Winters nach London zurück, wohin ihn die beginnende Parlamentssitzung rief. In dieser seiner zweiten Sitzung überwand er aber die jugendliche Scheu, die ihn während der ersten hatte schweigen lassen, und trat zum erstenmale als öffentlicher Redner auf. Aber wie staunte alles den jungen Mann an, der so glänzend und schlagfertig zu reden wußte! Von allen Seiten wurde er nach seiner ersten Rede beglückwünscht und es fehlte nicht an solchen, die es als ganz zweifellos hinstellten, daß ein solcher Redner mit der Zeit zu der Würde eines Mitgliedes des Oberhauses erhoben werden müsse.
Allein der bescheidene Wilberforce geizte durchaus nicht nach solcher Ehre und Würde und wies lachend die Propheten zurück, die ihm eine so glänzende Zukunft verhießen. Er begehrte nichts weiter, als ein tüchtiger Vertreter seiner Wähler im Parlamente zu werden und verband sich sogar mit mehreren seiner Freunde im Unterhause dazu, niemals die Würde eines Mitglieds des Oberhauses, niemals auch eine Stelle oder ein Gehalt anzunehmen, um nicht die edle Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die sie jetzt besaßen, zu verlieren. Er ist auch zeitlebens diesem Entschlusse treu geblieben.
Als sein Freund Pitt im Jahre 1782 ins Ministerium kam, wahrte er selbst diesem gegenüber seine volle Unabhängigkeit, die sich durch keine Rücksichten beirren ließ. Er unterstützte ihn mit seinen Reden nur insoweit, als dessen Ansichten mit seinen eigenen völlig übereinstimmten; wo dies nicht der Fall war, wurde er ihm ein entschiedener Gegner trotz aller Freundschaft, die ihn mit ihm verband. Und für Pitt war dies kein Grund, den Freund fallen zu lassen. Im Gegenteile, er achtete Wilberforce deshalb um so höher und schloß sich ihm immer enger an. Fast täglich sahen sich die beiden Freunde und wurden sich nachgerade fast unentbehrlich, da sie beide in der von Witz und Laune gewürzten Unterhaltung, die sie mit einander führten, nach den anstrengenden Berufsarbeiten des Tages die beste Erfrischung fanden.
Auch wenn die Sitzungen des Parlaments zu Ende waren, trennten sie sich nicht immer, sondern vereinigten sich zu gemeinschaftlichen Reisen, oder Pitt überraschte den Freund auf seinem stillen Landsitz am Winandersee und blieb dort längere oder kürzere Zeit, einmal sogar ganze 4 Monate lang.
Da kamen denn auch wohl ernstere Unterhaltungen auf die Bahn, zu denen besonders Wilberforce jetzt mehr und mehr hinzuneigen begann, und infolge deren sich dann Pitt, der dem Christentum und der Religion überhaupt sehr kühl gegenüberstand, wohl überreden ließ, mit dem Freunde die Kirche zu besuchen.
Im Herbste des Jahres 1783 machten die beiden Freunde eine gemeinsame Reise nach Frankreich und suchten und fanden dort nicht blos Gelegenheit, mit den bedeutendsten Männern Frankreichs bekannt zu werden, sondern fanden auch Zutritt an den königlichen Hof. Ihr Aufenthalt dauerte jedoch nur 6 Wochen, weil sich für Pitt die Aussicht eröffnete, daheim das Haupt eines neuen Ministeriums zu werden, und er deshalb seine Rückkehr beschleunigen mußte. Wirklich wurde er auch gegen Ende des Jahres von dem Könige zu diesem hohen Posten berufen und hatte es seinem Freunde Wilberforce zu danken, daß die zahlreichen Gegner, die seine Wahl zu hintertreiben suchten, nichts ausrichten konnten.
Die meisten dieser Gegner gehörten nämlich der Grafschaft York an und waren Wilberforce zum größten Teile bekannt, sodaß er hoffen konnte, eine Einwirkung auf sie ausüben zu können. Er eilte deshalb sogleich in seine heimische Grafschaft und kam gerade zurecht, um einer Versammlung beiwohnen zu können, worin eine Bittschrift an den König gegen Pitt beschlossen werden sollte. Er ergriff darin das Wort und trat so feurig und kräftig für seinen Freund ein, daß alles dem gewaltigen Redner zujauchzte und selbst die erbittertsten Gegner Pitts nicht mehr wagten, gegen diesen den Mund aufzuthun.
Und was war der weitere Erfolg dieser Rede? Der einmütige Beschluß der Versammlung, den Redner als Vertreter der ganzen Grafschaft ins Parlament zu schicken, ein Beschluß, der denn auch trotz aller Anstrengungen einer Gegenpartei bei den nächsten Wahlen zur Ausführung gebracht wurde.
Damit hatte Wilberforce, der ja, um selbständig zu zu bleiben, weder ein Amt noch einen Sitz im Oberhause jemals annehmen wollte, die höchste Ehrenstufe erreicht, die bei solchem Vorsatze für ihn zugänglich war und war nun als Vertreter der größten Grafschaft Englands noch weit mehr als bisher im stande, seinem Freunde Pitt eine kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, wo er derselben benötigt war und wo es Wilberforce mit seiner gewissenhaften Überzeugung vereinigen konnte.
Im Herbste des Jahres 1784 machte Wilberforce in Gemeinschaft mit seiner Mutter und seiner Schwester eine Reise nach Nizza und Italien, die nach Gottes Rat für die Gestaltung seines inneren Lebens eine sehr bedeutungsvolle Wendung herbeiführen sollte.
Bisher hatte es nämlich Wilberforce trotz der Mahnungen seines Gewissens, trotz des je und dann mit Macht bei ihm hervorbrechenden Gefühles, daß es um sein inneres Leben nicht so stehe, wie es sollte, noch nicht über sich gewinnen können, mit seinem Christentum rechten vollen Ernst zu machen und ungescheut den Weg zu betreten, den ihn seine fromme Tante als den alleinigen Weg des Heils hatte kennen lehren. Das öffentliche Leben mit den großen Anforderungen, die es an sein Sinnen und Denken stellte, die Zerstreuungen des geselligen Lebens, denen er sich in London nicht entziehen konnte und mochte, hatten immer wieder die ernsten Vorsätze zu Schanden gemacht, die er wohl in seiner ländlichen Einsamkeit gefaßt hatte. Damit sollte es jetzt anders werden.
Mutter und Schwester brachten zwar in dieser Hinsicht keine Änderung zuwege, da beide selber noch nicht weit mit ihrem Christentum vorangekommen waren und deshalb keinen anregenden Einfluß auf ihn ausüben konnten. Wohl aber geschah dies durch den Begleiter, den sich Wilberforce auf die italienische Reise mitnahm. Das war der nachmalige Professor an der Universität zu Cambridge Isaak Milner, ein wahrhaft frommer Mann, der freilich sein von jeder Einseitigkeit und Engherzigkeit freies Christentum nicht äußerlich zur Schau trug, sondern im Äußeren eher das Gepräge eines Weltmannes an sich hatte, aber doch von der Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums nicht allein auf das Innigste überzeugt war, sondern auch schon etwas an seinem Herzen erfahren hatte. Ihn, der ein alter Freund seines Hauses war, hatte Wilberforce gebeten, die Reise nach Italien mitzumachen, und sollte nun die Gewährung dieser Bitte zu einer Quelle reichen Segens für sich werden sehen.
Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und Milner zu einer sehr ernsten Unterredung gekommen, die für Wilberforce einen kräftigen Stachel in seinem Herzen zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann, von dem Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft und Wärme verteidigt und dadurch bewiesen, daß er dieselben Anforderungen an einen rechten Christen stelle. Da war denn in Wilberforce das Gewissen mit aller Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu genügen, und daß deshalb sein Christentum noch kein rechtes sei. Den Stachel, den dieses Zeugnis seines Gewissens bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder los werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch während des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in allen Gesprächen mit Milner die christlichen Wahrheiten und die christlichen Pflichten immer wieder zur Besprechung. Was die Belehrungen des frommen Milner dann bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem Christentum endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu machen, das wurde noch durch ein gutes Buch bestärkt, welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel und welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit« zum Gegenstande hatte.
Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen solchen Eindruck, daß er es fast nicht aus den Händen legte und als er anfangs des Jahres 1785 mit Milner nach England zurückreiste, während seine Mutter und seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während der Reise darin studierte und mit Milner das Gelesene besprach. Wie dieser ihm ernstlich anriet, machte er es sich nun zum heiligen Vorsatze, die Wahrheit des Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen Schrift und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu sehr vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch nicht hinaus, denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte, sowie das zerstreuende Londoner Leben sein ganzes Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so in Anspruch genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im Worte Gottes nicht viel wurde.
Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach Beendigung der Parlamentssitzungen mit Milner antrat, um Mutter und Schwester von Genua abzuholen, wohin dieselben inzwischen übergesiedelt waren, kam es wirklich zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der Schrift. Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs gemeinschaftlich mit seinem Begleiter. Und diesem wurde es nun gegeben, die Tiefen des Schriftwortes für Wilberforce so zu erschließen, daß die göttliche Wahrheit diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.
Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz gemacht, und Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte in Zürich den frommen Lavater kennen, dessen tief und fest gegründeter Schriftglaube, dessen durch die innigste Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen unverwischbaren mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht lebendig unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu einem rechten Christen fehle.
Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch nicht sogleich zu einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde nachzueifern. Vielmehr ließ der sechswöchentliche Aufenthalt in dem Badeorte Spaa, welcher auf der Heimreise den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke, den weltlichen Genüssen und Vergnügungen zu entsagen und den Weg eines ernsten, im Lichte des Wortes Gottes geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl begann hier aber in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und immer lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen seines natürlichen Menschen.
Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen werden könne, ohne in rechter Weise für das Heil seiner Seele gesorgt zu haben, ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein, bisher von seinen Gaben und von seiner Zeit nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu haben, legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen, welch einen festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn man die Verheißungen des Evangelii so recht voll und ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das trieb ihn denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete um den wahren Glauben.
Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch ganz den schweren Kampf, der in seinem Herzen begonnen hatte; er wollte ihn in der Kraft seines Gottes und Heilandes allein durchkämpfen, und sein demütiger, keuscher Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas merken zu lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig zu führen anfing und das für uns die reichste und klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis und das volle Verständnis seiner inneren, geistlichen Entwickelung daraus zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem Gotte niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch eifriges Ringen seiner Seele er sichs kosten ließ, in Christo, dem Heilande, Friede zu finden, und wie er auch allmählich durch Gottes Gnade fand, was er suchte.
Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche er nach seiner Heimkehr im November noch hatte, bis die neue Parlamentssitzung begann, die in den Februar des nächsten Jahres fiel und ihn natürlich wieder nötigte, in das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren. Er brachte diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu, wo er sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich machte, ohne allzugroße Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen zu fahren, und doch auch die Stille der Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig fühlte. Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte Gottes und anderen religiösen Büchern.
Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit dem, was sein Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten; er wurde ein eifriger Besucher der Kirche und richtete in seinem eigenen Hause einen regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst ein, dem alle seine Diener anwohnten und den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte er noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig zu sein glaubte, und es noch nicht gelernt hatte, sich ganz und ohne Rückhalt der Gnade des Heilandes zu übergeben. Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte ihn nun, wo er für sich selbst die Quelle des Heils und des Friedens gefunden hatte, zu derselben auch diejenigen hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.
Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch, auch seinen bisherigen Freunden kund werden zu lassen, welche innerliche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Denn von den wenigsten derselben konnte er ein rechtes Verständnis für das, was sein Herz bewegte, erwarten, wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken. Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen nach würde leben können, wenn er dieselben frei und rückhaltlos habe kund werden lassen, öffnete ihm den widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen Bekenntnisse. Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus, weil Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung seiner Freunde erworben hatte, als daß man ihn hätte verspotten können; aber niemand begriff die mit dem Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am wenigsten bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit gegolten hatte, die demütigen Selbstanklagen wegen seiner Sünden; man schüttelte wohl im stillen den Kopf über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm am wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich einmal auf den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.
Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der natürlich zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß. Stand auch der große Staatsmann dem wahren Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sondern schätzte es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges, lebenskräftiges entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich durch die inständigen Bitten, womit ihn Wilberforce bestürmte, hätte bewegen lassen, auch für die Sorge um sein Seelenheil Zeit und Kraft zu erübrigen.
Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber Wilberforce bei seinen bisherigen Parlamentsfreunden fand, desto mehr neigten sich ihm die Herzen aller derer zu, die selber schon ernste Christen geworden waren, oder es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten, schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden als einen der ihrigen begrüßten. Sie nahmen sich seiner in Liebe an, teilten ihm mit, was sie selbst schon an inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten, und bewahrten ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung und Handreichung mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter Geistlicher Namens Newton und ein alter Verwandter, John Thornton, deren herzlicher Teilnahme und liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die ihm vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu sein im Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften und sich nicht zu leicht von den alten Freunden abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre mit ihnen der sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.
Das Letztere wurde Wilberforce nun freilich schwer genug, und er mußte sich oft von seinem Gewissen anklagen lassen; aber er kannte ja nun die Quelle, aus welcher er immer wieder Beruhigung und Trost schöpfen konnte, sowie auch immer neue und wachsende Kraft zum Wachen und Beten, und die immer reichlicher für ihn zu fließen begann, als er erst gelernt hatte, das Vertrauen auf eigenes Verdienst und eigene Würdigkeit aufzugeben, das ihn bisher von dem Genusse des heiligen Abendmahls ferne gehalten hatte.
Wir glaubten, ehe wir zur Schilderung der eigentlichen Lebensarbeit unseres Helden übergingen, zuerst, wie es im Vorstehenden versucht ist, seiner inneren Entwickelung etwas genauer nachgehen zu müssen. Denn wenn er nicht durch Gottes Gnade das geworden wäre, was wir bisher ihn haben werden sehen, ein entschiedener, glaubensfester und liebeseifriger Christ, so würde er sicher nicht der edle, mutige, aufopfernde Menschenfreund geworden sein, dessen Name nie vergessen werden wird und darf, wo diejenigen aufgezählt werden, die sich in besonderem Maße um die Menschheit verdient gemacht haben.
III.
Das wahre, lebendige Christentum, dem sich Wilberforce zugewandt hatte, hinderte ihn nicht, die Pflichten eines Parlamentsmitgliedes mit voller Treue und Hingebung zu erfüllen. Das wäre ja auch gewiß kein wahres Christentum, welches zur Erfüllung des irdischen Lebensberufs, darein man von Gott gesetzt ist, untüchtig machte. Und Wilberforce sah seine Wirksamkeit im Parlamente in der That als den Beruf an, den ihm Gott der Herr angewiesen habe, und hat sich dabei auch sicherlich nicht getäuscht.
An den Sitzungen des Parlamentes im Jahre 1786 konnte er allerdings nur wenig Anteil nehmen wegen eines bösen Augenleidens, das ihn befiel. Er hatte sich durch eifriges Studieren, womit er die Lücken in seiner Universitätsbildung auszufüllen suchte, welche er jetzt oft empfindlich fühlte, die ohnehin schwachen Augen gründlich verdorben und mußte es sich auf den Rat eines ihm befreundeten Arztes zu Leeds gefallen lassen, den Spätherbst und einen Teil des Winters in dem Badeorte Bath zuzubringen.
Ehe er sich dorthin begab, brachte er 14 Tage bei seiner Mutter und Schwester in Hull zu, welche er beide seit der italienischen Reise nicht mehr gesehen hatte. Hier gelang es ihm denn, die Besorgnisse der Mutter völlig zu beschwichtigen, denen sie sich hingegeben hatte, als das Gerücht zu ihr drang, ihr Sohn habe sich der Sekte der Methodisten angeschlossen. Wilberforce hatte sie freilich schon brieflich einigermaßen beruhigt und ihr versichert, daß er nach keiner menschlichen Lehre frage, sondern nur die heilige Schrift zur Richtschnur seiner Gedanken und Handlungen nehmen und sich nur von deren Vorschriften bei der Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten auf dem Platze, den ihm die Vorsehung angewiesen habe, leiten lassen wolle. Allein die mütterliche Befürchtung, der Sohn möge gleichwohl auf allerlei Thorheiten und Ueberspanntheiten verfallen sein, schwand erst gänzlich, als sie ihn persönlich wieder sah. Denn nun erkannte die Mutter, daß die ganze Veränderung, die mit dem Sohne vorgegangen war, nur in einer größeren Freundlichkeit und inneren Ruhe bestand, als er früher gehabt hatte, und in einem noch viel liebevolleren, bescheideneren und achtungsreicheren Benehmen gegen sie selbst, als er es schon früher bewiesen.
Solch eine Veränderung konnte ihr natürlich nur wohlgefallen und sie veranlassen, das eigene Herz mehr aufzuschließen für eine Religion, welche im stande war, wenn es ernst mit ihr genommen wurde, solch gesegnete Veränderung hervorzubringen. Die ernsten religiösen Gespräche, welche der Sohn jetzt mit besonderer Vorliebe in Gang zu bringen suchte, ließ sie sich willig gefallen und gewann dadurch allmählig selbst einen tieferen Einblick in die tröstlichen Wahrheiten des Christentums, als sie ihn bisher gehabt hatte. Sie stimmte jetzt völlig in das Wort einer Freundin ein, der sie ihre Besorgnisse wegen der mit William vorgegangenen Sinnesänderung vertraut haben mochte, und die, nachdem sie diesen persönlich kennen gelernt und in bezug auf die ihm schuld gegebene Thorheit beobachtet hatte, voll Begeisterung ausrief: »Wenn das Thorheit ist, so möchte ich wünschen, daß wir alle so thöricht würden!«
Das gesellige Leben, welches Wilberforce in dem Badeorte Bath in vollen Strömen umrauschte, konnte ihn jetzt in seinem ernsten Sinnen und Streben nicht mehr beirren; er schrieb vielmehr als Regel und Richtschnur für seinen Verkehr mit den Badegästen die schönen Worte in sein Tagebuch: »Wandle in Liebe! wo du auch bist, sei auf deiner Hut, eingedenk daß dein Handeln und Reden Einfluß haben kann auf das Gemüt derer, mit denen du zusammenkommst, indem sie mehr oder weniger geneigt werden, christliche Grundsätze aufzunehmen und ein christliches Leben zu führen!«
An den Parlamentssitzungen des Jahres 1787 konnte Wilberforce wieder vollen Anteil nehmen und war mit Eröffnung der Sitzungen wieder pünktlich auf seinem Platze, nach wie vor ein treuer Unterstützer seines Freundes Pitt, mit dessen staatsmännischem Handeln er sich nur selten im Widerspruche fand.
Was ihn aber jetzt, wo ihm die Augen für einen rechten Christenwandel geöffnet waren, besonders bewegte, war die vollendete Gleichgültigkeit gegen alles Heilige und Göttliche, die ihm sonst bei seiner Umgebung begegnete und vor allem die traurige Sittenlosigkeit, die er überall bei Hoch und Niedrig wahrnahm. Es war ihm unmöglich, dabei gleichgültig zu bleiben und es drängte ihn, seinerseits etwas zu thun, daß es besser werde.
Mit ein paar gleichgesinnten Freunden faßte er den Plan, einen »Verein zur Schwächung und Entmutigung des Lasters« zu gründen und ging mit Feuereifer an die Ausführung desselben. Er ließ sich dabei von der gewiß richtigen Ansicht leiten, daß es der wirksamste Weg sei größere Verbrechen zu verhindern, wenn man die kleineren mit allem Ernste strafe und den allgemeinen Geist der Zügellosigkeit, die Quelle aller Laster, zu unterdrücken suche; denn wenn auch durch die Einwirkung auf die äußere Handlungsweise die Herzen der Menschen nicht geändert werden könnten, so würden sie doch dadurch geweckt und aufgeregt.
Zunächst erwirkte er einen Königlichen Aufruf an die Statthalter der englischen Grafschaften, worin dieselben angewiesen wurden, die bestehenden Gesetze gegen Entheiligung des Sonntags, gegen Trunksucht und gegen die Verbreitung unsittlicher Schriften genau und strenge zu handhaben. Er mußte sich dabei freilich sagen, daß damit nicht viel gewonnen würde, wenn nicht überall die einflußreichsten Männer sich dazu verständen, persönlich gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzugehen und selbst mit ihrem eigenen guten Vorbilde den niederen Ständen voranzugehen.
Er machte sich deshalb, sobald die Parlamentssitzungen geschlossen waren, auf die Reise, um in erster Linie alle Bischöfe, dann aber auch andere angesehene Männer für die heilige Sache, die ihm auf dem Herzen lag, zu gewinnen, und seinem heiligen Ernste, seiner liebenswürdigen Persönlichkeit gelang es auch, nicht nur sämtliche Bischöfe, sondern auch einen großen Teil der Mitglieder des Ober- wie des Unterhauses zum Eintritt in seinen Verein zu bewegen, welcher dann während einer ganzen Reihe von Jahren eine reich gesegnete Thätigkeit entfaltete.
Aber diese Reise und die rastlose Arbeit, die er sich auf derselben zumutete, hatte einen überaus ungünstigen Einfluß auf seine Gesundheit gehabt, und sollte er für die nächste Parlamentssitzung wieder recht bei Kräften sein, so mußte er wieder die Bäder von Bath gebrauchen, die ihm schon einmal so sehr wohl gethan hatten. Er gewann denn dort auch wirklich die gesuchte Kräftigung und überdies eine ihm sehr wichtige und wertvolle Bekanntschaft, die mit der bekannten Schriftstellerin und frommen Freundin der Jugend Hannah More, mit welcher er von da ab zeitlebens in naher Verbindung und noch näherer Geistesgemeinschaft blieb.
Um diese Zeit fing aber auch Wilberforce an, die Arbeit ernstlich und nachhaltig in Angriff zu nehmen, die fortan für ihn die wichtigste, ja so recht eigentlich seine Lebensarbeit werden sollte, und die ihm in ganz besonderem Maße die Hochachtung jedes edlen Menschen und einen unvergänglichen Platz in den Büchern der Geschichte erwarb, die Arbeit zu der Aufhebung des Sklavenhandels und zu der völligen Sklavenbefreiung.
Wir haben bereits gehört, wie Wilberforce schon in seinem 15. Lebensjahre dem Sklavenhandel seine herzlichste Teilnahme zugewandt und sogar einen kleinen Aufsatz über denselben geschrieben hatte, ohne Zweifel dadurch veranlaßt, daß er in seiner Vaterstadt Hull mit eigenen Augen ein Sklavenschiff gesehen hatte, und durch die grausame Behandlung der armen Sklaven im tiefsten Herzensgrunde ergriffen worden war. Was damals seine ungeübte Feder in Bewegung gesetzt hatte, konnte wohl für eine Zeitlang in den Hintergrund seines Herzens gedrängt, aber nicht ganz aus demselben verwischt werden. Das beweisen seine uns aufbewahrt gebliebenen Briefe, aus denen hervorgeht, daß er im Jahre 1781 einem Freunde welcher die westindische Insel Antigua besuchte, den Auftrag gab, sich über den Zustand der dortigen Sklaven genaue Kunde zu verschaffen, weil er, Wilberforce, beabsichtige, zu gelegener Zeit auf die Linderung der Leiden der unglücklichen Schwarzen hinzuarbeiten.
Diese edle Absicht wurde bei Wilberforce wieder bestärkt und gefördert, vielleicht auch erst wieder neu angeregt durch eine Preisschrift über die Sklaverei, die im Jahre 1785 erschien und die einen jungen Mann, Thomas Clarkson, zum Verfasser hatte, welcher in dem nun beginnenden Kampfe gegen die Sklaverei ebenfalls einen bedeutenden Namen gewann. Aber was jetzt Wilberforce seine frühere Absicht wieder aufnehmen und nicht wieder aufgeben ließ, das war sein durch die christliche Erkenntnis, welche er gewonnen hatte, geschärftes Gewissen. Der Kampf gegen die Sklaverei wurde ihm nun in der That Gewissenssache.
Aber es galt, in diesem Kampfe mit großer Vorsicht vorzugehen, wenn nicht von vorne herein alles verdorben werden sollte. Denn noch war die öffentliche Meinung so ziemlich ganz auf seiten des Sklavenhandels, und die Besitzer der 105 Schiffe, die schon im Jahre 1771 allein von Liverpool aus diesen schändlichen Handel betrieben hatten, und deren Zahl bei der Einträglichkeit dieses Handels wohl nicht gefallen, sondern eher gestiegen war, unterließen gewiß nichts, die ersten Spuren eines Gegensatzes und eines feindlichen Auftretens gegen ihr Geschäft sofort mit aller Macht zu unterdrücken. Man mußte jedenfalls gesicherte und nicht abzuleugnende thatsächliche Beweise für die bei dem Sklavenhandel vorkommenden Grausamkeiten haben, wenn man mit einiger Aussicht auf Erfolg es auch nur unternehmen wollte, die öffentliche Meinung umzustimmen und gegen den Sklavenhandel ins Feld zu führen. Denn nur gegen diesen, nicht aber gegen die Sklaverei überhaupt durfte man vorläufig den Kampf eröffnen.
Nachdem sich Wilberforce der Teilnahme und Unterstützung seines Freundes Pitt bei dem zu eröffnenden Kampfe versichert hatte, trat er in eine Gesellschaft ein, welche sich unter dem Vorsitze des Rechtsgelehrten Granville Sharpe gebildet hatte, zu dem Zwecke, sichere Erkundigungen einzuziehen, durch welche es möglich wäre, den öffentlichen Unwillen gegen den Sklavenhandel wachzurufen, und zu diesem Zwecke die nötigen Kosten aufzubringen. Denn diese Erkundigungen sollten nicht blos diesseits des Ozeans in England selbst gesammelt werden, wo sich ja Gelegenheit genug dazu bot, nein auch wie es drüben in Westindien um die eingeführten Neger stand, sollte in sichere Erfahrung gebracht werden.
Wilberforce arbeitete Tag und Nacht an der Sammlung und Sichtung der bereits eingegangenen Nachrichten und kam dabei zu der Überzeugung, daß schon diese allein Grund genug gäben, einen Antrag auf Abstellung des Sklavenhandels im Parlamente zu stellen. Er kündigte in seinem heiligen Eifer auch wirklich schon für den 2. Februar 1788 einen solchen an.
Aber die aufreibende, Körper und Geist gleicherweise angreifende Thätigkeit, die er sich zugemutet hatte, blieb nicht ohne Rückwirkung. Gegen Ende des Januar verfiel er in eine schwere Krankheit, die sich rasch so sehr verschlimmerte, daß er nicht mehr im stande war, zu der ihm verordneten Badekur in Bath abzureisen, und daß die Ärzte ihm nur noch höchstens 14 Tage zu leben gaben. Aber im Rate des Herrn war es anders beschlossen. Der bedenkliche Zustand der Krankheit hob sich wieder so weit, daß er nach Bath geschafft werden konnte, und die dortigen Heilquellen thaten auch diesmal wieder ihre gute Wirkung in Verbindung mit reichlichen Gaben von Opium, dessen Gebrauch von nun an für Wilberforce während seines ganzen ferneren Lebens eine Notwendigkeit wurde, so oft er eine Unordnung in seinem Körper verspürte.
Die Sklavensache war aber inzwischen nicht liegen geblieben. Pitt selbst hatte sie zu der seinigen gemacht und am 9. Mai 1788 einen Antrag im Parlamente gestellt, wonach dieses sich verpflichten sollte, im Beginn der nächsten Sitzung jedenfalls sogleich die Verhältnisse des Sklavenhandels in Erwägung zu ziehen. Weiter wollte Pitt nicht gehen, weil der fehlte, welcher das nötige Material von Beweisen in Händen hatte, auf die ein weitergehender Antrag hätte gegründet werden müssen.
Aber es geschah doch auch etwas Thatsächliches von Bedeutung. Auf den Antrag eines Sklavenfreundes, der sich mit eigenen Augen von der Einrichtung eines neu erbauten Sklavenschiffes überzeugt hatte und über die Anzahl der Sklaven erschrocken war, die in den engen Räumen desselben untergebracht werden sollten, wurde trotz des heftigsten Widerstandes der Vertreter von Liverpool durch einen Parlamentsbeschluß, dem auch das Oberhaus zustimmte, und der ebensowohl die königliche Bestätigung erlangt, festgesetzt, in welchem Verhältnisse zu dem vorhandenen Schiffsraum die Anzahl der einzuladenden Sklaven stehen müsse, und welche Maßregeln zu treffen seien, damit Leben und Gesundheit der noch immer enge genug zusammengepferchten Schwarzen möglichst geschont werde.
Die herzliche Freude über diesen ersten, wenn auch nur sehr kleinen Erfolg trug gewiß nicht wenig dazu bei, die Besserung zu beschleunigen, die im Befinden des Kranken zu Bath wider alles Erwarten eingetreten war. Bald konnten die Ärzte Wilberforce gestatten, den Gebrauch des Bades einzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte in Cambridge, wo er mit Milner zusammensein und von demselben wieder manche Anregung für sein geistliches Leben empfangen konnte, begab er sich nach Rayrigg, seinem stillen Landsitze in Westmoreland, um dort seine völlige Genesung abzuwarten, auf die jetzt mit voller Sicherheit gehofft werden konnte.
Und diese völlige Genesung kam mit Gottes Hülfe trotz der beständigen Aufregung, welche die ununterbrochen kommenden und gehenden Gäste bereiteten, die sich nach der Gesundheit des verehrten Mannes erkundigen und ihm seine Einsamkeit zu erleichtern suchen wollten. Allerdings war und blieb seine Gesundheit eine schwache, welche ihm die größte Mäßigkeit und die strengste Enthaltsamkeit in seiner Lebensweise zur Notwendigkeit machte; allein er fand doch wieder die Kraft, nicht nur an den Parlamentssitzungen teilzunehmen, sondern auch noch nebenher für seine Sklavensache thätig zu sein.
Selbst von Rayrigg aus machte er, sobald er es wagen durfte, da und dort Besuche, bei denen er durch seinen persönlichen Einfluß die Teilnahme für seine Bestrebungen zu gunsten der Sklaven zu wecken und zu verbreiten suchte und unterstützte dadurch wesentlich Clarkson, der beauftragt worden war, zu dem nämlichen Zwecke das Land zu bereisen.
Für die Parlamentssitzung von 1789 bereitete er sich wieder auf das Eifrigste vor, um alle schon gesammelten und noch täglich eingehenden Beweise für die Grausamkeit und Schändlichkeit des Sklavenhandels recht bei der Hand zu haben und damit alle Einwendungen der Gegner, gründlich beseitigen zu können. Er ging wieder einen ganzen Monat auf's Land, um ganz ungestört zu bleiben und arbeitete wohl 8 bis 9 Stunden am Tage. Selbst die Nachricht von der Erkrankung seines Freundes Milner konnte ihn nicht bewegen, sich zu einem Besuche desselben von seiner Arbeit loszureißen, während er doch noch kurz vorher am Kranken- und Todesbette seiner Tante erfahren hatte, wie gesegnet das Krankenlager eines frommen Menschen für die Besucher desselben werden könne.
Was ihn nicht ruhen ließ, war eine Mitteilung Pitts über die gewaltigen Anstrengungen, welche die Gegner machten, um die öffentliche Meinung zu ihren gunsten zu stimmen und in Zeitungen und Flugschriften dem Lande zu beweisen, daß durch eine Aufhebung oder auch nur Beschränkung des Sklavenhandels nicht allein das Wohl der westindischen Kolonien aufs Spiel gesetzt würde, die der Sklaven notwendig bedürften, sondern auch der ganze Handel der englischen Nation Gefahr liefe, geschädigt zu werden.
Da galt es denn in der That auch, schlagende und unwiderlegliche thatsächliche Gegenbeweise in genügender Zahl bei der Hand zu haben.
Wohlgerüstet mit denselben und voll festen Vertrauens auf die siegende Macht der Wahrheit trat Wilberforce am 12. Mai 1789 vor das Parlament und entwickelte mit der vollen Kraft seiner ausgezeichneten Beredsamkeit alle Gründe, die nur gegen den Sklavenhandel geltend zu machen waren. Vier ganze Stunden redete er fast bis zur völligen Erschöpfung seiner Kraft, und ein hochstehender Mann äußerte nachher über diese Rede: »Das Haus, die Nation, ja Europa sind Wilberforce auf das Äußerste verpflichtet, daß er diesen Gegenstand in der meisterhaftesten, eindringlichsten und beredtesten Weise vorgebracht hat.«
Von allen Seiten beglückwünschte man Wilberforce, als er von der Rednerbühne herunterstieg. Und doch was war der thatsächliche Erfolg seiner Rede? Nur eine kleine Verbesserung des vorjährigen Beschlusses, daß jedes Sklavenschiff nur eine seinen Räumen entsprechende Anzahl von Sklaven aufnehmen dürfe.
Die Sklavenhalter und Sklavenhändler, die »Westindier« wie wir sie fortan mit einem gemeinschaftlichen Namen nennen wollen, hatten nämlich aus Furcht vor der offenbar gewaltigen Wirkung der Rede, die Wilberforce gehalten, eine sofortige Abstimmung und Beschlußfassung des Parlamentes dadurch zu hintertreiben gewußt, daß sie den Antrag stellten, der nicht wohl abgelehnt werden konnte, das Parlament möge selbst ein Zeugenverhör anstellen, um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der von Wilberforce aufgeführten Beweise zu untersuchen. Damit war die Entscheidung wieder für ein Jahr verschoben; denn es war unmöglich, vor Schluß der gegenwärtigen Sitzung noch eine genügende Anzahl von Zeugen zu vernehmen, wenn auch sofort damit begonnen wurde.
Schmerzlich bewegt, aber doch nicht entmutigt, eilte Wilberforce nach Beendigung der Sitzung wieder zu den Heilquellen von Bath, um dort Ruhe und Stärkung zu suchen, und hatte die Freude, nicht nur seine Mutter und seine Schwester daselbst vorzufinden, sondern auch den Sohn seines schon genannten Verwandten John Thornton, Henry Thornton, mit dem er eine innige und feste Freundschaft schloß.
Von Bath aus besuchte er auch seine alte Freundin Hannah More, die sich aus den gelehrten Kreisen Londons, mit welchen sie sonst verkehrte, völlig zurückgezogen hatte, um ihre reichen Geistesgaben im Dienste des armen, völlig unwissenden Landvolkes zu verwenden und für dessen Unterricht zu sorgen.
Auf einen schönen Punkt in der Nähe aufmerksam gemacht, unternahm der für Naturschönheiten äußerst empfängliche Wilberforce einen Ausflug dorthin, vergaß aber bald alle Naturschönheiten, als er die armen, leiblich und geistig verkommenen Bewohner der schönen Gegend kennen lernte.
»Miß Hannah, es muß etwas für Chidder (so hieß die Gegend) geschehen!« das war der Ausruf, mit dem er bei seiner Rückkehr die Freundin begrüßte und auf den er immer wieder zurückkam, wenn er erzählen sollte, wie ihm die besuchte Gegend gefallen habe.
Die Not des armen Volkes, welche er durch eigene Anschauung kennen gelernt hatte, bewegte sein mitleidiges Herz so sehr, daß er mit der Freundin sogleich beschloß, dort in Chidder Schulen anzulegen und sich bereit erklärte, alle Kosten auf seine Tasche zu übernehmen, wenn Miß Hannah sich der damit verbundenen Mühewaltung unterziehen wolle.
»Wozu könnte ich besser meinen Überfluß anwenden?« antwortete er ablehnend, als ihm die Freundin für sein hochherziges Anerbieten danken wollte, und freute sich in der Folge jedesmal herzlich, wenn er hörte, daß das Unternehmen guten Fortgang habe.
Auch die Parlamentssitzung von 1790 brachte für die Sklavensache keine wesentliche Förderung. Man fuhr nur fort, Zeugen zu verhören, und zwar Zeugen für und wider den Sklavenhandel, wenn auch die »Westindier« das Zeugenverhör ihrerseits gerne geschlossen gesehen hätten, nachdem die für sie günstigen Zeugen vernommen waren. Das Ende der Sitzung war da, ehe die Vernehmungen beendigt waren.
Mit dem Ende dieser Sitzung waren die 7 Jahre abgelaufen, für deren Dauer die Mitglieder des Parlaments in England gewählt wurden, und Wilberforce mußte sich deshalb einer Neuwahl unterwerfen. Allein sein Name war schon so berühmt geworden, daß er sich seinen Wählern in Yorkshire nur vorzustellen brauchte, um ohne Weiteres eine Erneuerung seiner Wahl auf weitere 7 Jahre zu erlangen.
Und doch hatte er etwas gethan, was bei jedem Anderen Anstoß und Widerwilligkeit erregt haben würde: er hatte die Wahl ausgeschlagen zu einem Vorsteher bei den großen Pferderennen, die in York abgehalten wurden, und die bekanntlich noch heute, wo sie auch gehalten werden, bei den Engländern in hohem Ansehen stehen. Er hatte jedoch den jährlichen Beitrag, den er für die Beteiligung an den Rennen hätte entrichten müssen, dem Hospitale der Grafschaft überwiesen, um zu zeigen, daß ihn nicht der Geiz abhalte, an einer Sache teil zu nehmen, für die er nach seiner ganzen Anschauungsweise kein besonderes Interesse haben konnte.
Daß sich seine Schwester um diese Zeit mit einem frommen Manne, dem Geistlichen Clarke zu Hull, vermählte, war für Wilberforce eine große Freude. Denn nun durfte er hoffen – und diese Hoffnung erfüllte sich auch – daß die Bemühungen, die er selbst bisher gebraucht hatte, seine Schwester auf den Weg eines ernsten, lebendigen Christentums zu ziehen, und die auch keineswegs ganz vergeblich geblieben waren, von berufenen und geschickten Händen weiter geführt werden und gewiß zu einem gesegneten Ziele kommen würden. Auch für das geistliche Leben der geliebten Mutter durfte er von der Einwirkung des neuen Schwagers die gedeihliche Förderung erwarten, die sein treues, frommes Sohnesherz so sehnlich wünschte.
Nach einer stärkenden Kur in den Bädern von Buxton gab sich Wilberforce daran, die von dem Unterhause vorgenommenen Zeugenverhöre zu prüfen und durchzuarbeiten, welche bis jetzt schon 1400 große Bogenseiten füllten. Galt es doch, die Scheingründe, welche für den Sklavenhandel geltend gemacht worden waren, zu entkräften und so den Gegnern die Waffen zu entreißen, mit denen sie ihre schändliche Sache verteidigten.
Auf dem stillen Landsitze eines Jugendfreundes, wo er vor störenden Besuchen sicherer war als in seinem eigenen Heim, bewältigte Wilberforce diese ungeheure Arbeit, ohne danach zu fragen, ob es seine Gesundheit aushielte. Und Gott der Herr, in dessen Dienste und zu dessen Ehre zu arbeiten er sich bewußt war, verlieh ihm die dazu nötige Kraft. Wohl mag es eine Stärkung gewesen sein, die aus derselben Quelle ihren Ursprung nahm, daß ihm in diesen arbeitsvollen Tagen John Wesley, der Stifter der Methodistengemeinde, folgenden Brief schrieb:
»Mein teurer Herr! Wenn es nicht die göttliche Allmacht ist, welche Sie berufen hat, ein Athanasius im Kampfe mit der Welt zu sein, so sehe ich nicht ab, wie Sie das glorreiche Unternehmen zu Ende bringen wollen, gegen eine Schändlichkeit aufzutreten, welche eine Schmach der Religion Englands und der menschlichen Natur ist. Wenn es nicht Gott ist, der Sie zu dieser Sache berufen hat, so werden Sie durch den Widerstand der Menschen und Teufel besiegt werden. Aber ist Gott für Sie, wer mag dann wider Sie sein? Sind alle Feinde zusammen stärker als Gott? O ermüden Sie nicht, gutes zu thun! Schreiten Sie fort im Namen Gottes und in der Kraft seiner Stärke, bis die amerikanische Sklaverei für immer von derselben verschwindet! Sie ist das Schimpflichste, was je unter der Sonne bestand. Daß Er, der Sie von Ihrer Jugend an geführt hat, fortfahren möge, Sie hierbei und in allen Stücken zu stärken, das ist das Gebet Ihres
John Wesley.«
Wie erhebend mußten für Wilberforce diese Worte sein aus dem Munde eines Mannes, der so eifrig war, rechtes Christentum zu fördern, und dessen Name überall in England einen hellen guten Klang hatte, selbst bei denjenigen, welche die Wege, die er einschlagen zu müssen glaubte, nicht billigten! Und doch wie demütig und bescheiden schreibt Wilberforce in seinem Tagebuch bei dieser Gelegenheit: »Möge Gott mir verleihen, daß ich fortan mehr zu seiner Ehre lebe und möge er mich in dem großen Werke segnen, das ich unter den Händen habe. Möchte ich zu ihm aufblicken nach Weisheit und Kraft und der Gabe, andere zu überzeugen! Möchte ich mich für den Ausgang ihm mit vollkommener Ergebung unterwerfen! Möchte ich Ihm ganz die Ehre geben, wenn ich das Ziel erreiche, und, wo nicht, von Herzen sprechen können: Dein Wille geschehe!«
Was den ersten Seufzer angeht, daß ihm gegeben werden möge, mehr zu Ehren Gottes zu leben, so hat Wilberforce denselben nicht blos hier, sondern auch an anderen Stellen seines Tagebuches wiederholt ausgedrückt, ohne Zweifel deshalb, weil er sich innerlich Vorwürfe darüber machen zu müssen glaubte, daß er dem gesellschaftlichen Leben zuviel Zeit und Kraft widme. Aber was wollte er machen, wenn sich, wo er auch sein mochte, die verschiedenartigsten Leute um ihn drängten, und ihn selbst in die entferntesten Gegenden verfolgten, um Rat und Beistand bei ihm zu suchen oder sich auch nur seines Umganges zu erfreuen.
»Ihr Haus ist ja gerade wie die Arche Noahs,« schrieb ihm einmal seine mütterliche Freundin Hannah More, »voll reiner und unreiner Tiere.«
Und das Gleichnis traf in der That zu. Denn außer Missionsfreunden und befreundeten Parlamentsgenossen, die mit ihm in betreff der gemeinschaftlichen guten Sache Rat pflegen wollten, sah er sich auch von solchen angelaufen, die in ganz gewöhnlichen, weltlichen Dingen Rat und Unterstützung von ihm begehrten und denen er sich, weil sie zu seinen Wählern gehörten, nicht entziehen konnte.
Wir verstehen es darum wohl, wenn er in seinem Tagebuche wiederholt schreibt: »Was für Gründe mich auch bestimmten, ein offenes Haus zu haben, so ist es doch gewiß, daß Einsamkeit und Ruhe der Betrachtung und dem Wachen günstiger sind. Ich will streben, mir öfters Zeiten des ununterbrochenen Umgangs mit Gott zu sichern.«
Wir verstehen es ebensowohl, daß es ihn nach jeder der arbeitsvollen und aufregenden Parlamentssitzungen, innerlich drängte, sich irgendwo solch stille Zeiten zu verschaffen, die er an den Badeorten, die er seiner Gesundheit wegen besuchen mußte, unmöglich finden konnte.
Was aber den letzten Seufzer in den oben angeführten Worten seines Tagebuches angeht, daß es ihm, wenn er in der Sklavensache sein vorgestecktes Ziel nicht erreichen sollte, gegeben werden möge, von Herzen zu sprechen: »Dein Wille ist geschehen!«, so scheint ihm diesen eine Vorahnung dessen, was nun kommen sollte, in das Herz und in die Feder gedrängt zu haben.
IV.
Am 18. April 1791 kam die Sklavensache im Parlament wieder vor und Wilberforce ergriff sogleich das Wort, um vorzutragen, was er durch sein eifriges Studium der Zeugenverhöre gewonnen hatte. Sorgfältig vermied er jede Bemerkung oder Anspielung, welche die Gegner persönlich hätte verletzen können, nur die unzweifelhaft bewiesenen Thatsachen ließ er reden. Aber wie auch nach ihm sein Freund Pitt, ja selbst dessen entschiedener politischer Gegner Fox für die Abschaffung des Sklavenhandels die Stimmen zu gewinnen suchten, es half nichts. Mit 163 gegen 88 Stimmen wurde der dahin zielende Antrag verworfen.
Denn die »Westindier« hatten große Summen aufgewendet, sich Stimmen zu ihren Gunsten zu erkaufen und leider auch charakterlose Menschen genug im Parlamente gefunden, die sich erkaufen ließen. Wo aber Eigennutz und Geldgierde das große Wort führten, mußten die mächtigsten Gründe ihre Wirkung versagen, mußten selbst solche gewaltige Worte vergeblich bleiben, wie die folgenden, mit denen Wilberforce seine Rede geschlossen hatte:
»Von welchem Gesichtspunkte aus«, so rief er von Eifer glühend in die Versammlung hinein, »man auch die Sache betrachten mag, England hat die Pflicht, dieselbe zu fördern. Die Hälfte des verbrecherischen Handels wird von seinen Unterthanen geführt, und da demnach unsere Schuld so groß ist, so laßt uns auch bald anfangen, Buße zu thun. Es kommt einst ein Tag der Vergeltung, da wir von den Talenten, Fähigkeiten und Gelegenheiten, die uns gegeben waren, Rechenschaft thun müssen! Möge es uns dann nicht offenbar werden, daß wir unsere größere Macht zur Knechtung unserer Nebenmenschen, unsere größere Erkenntnis zur Schändung der Schöpfung Gottes angewendet haben!!«
Mit der oben erwähnten Abstimmung war denn für diese Parlamentssitzung wieder die heilige Sache der Sklavenfreunde beseitigt, aber auch ihr Mut gebrochen? auch der Eifer eines Wilberforce gelähmt? – Keineswegs. Man schlug nur jetzt einen andern Weg ein.
Von den Vertretern des Volks war, wie sichs eben gezeigt hatte, nichts zu hoffen und zu erwarten, so beschloß man denn, sich an das Volk selbst zu wenden und dessen Gerechtigkeit und Menschlichkeit geradezu anzurufen. Es wurde ein Auszug aus den Parlamentsverhandlungen angefertigt, worin besonders die von Wilberforce als Waffen gebrauchten thatsächlichen Beweise für die Schändlichkeit des Sklavenhandels hervorgehoben waren, und dann dieser Auszug in zahllosen Abdrücken überallhin und in jeder möglichen Weise unter dem Volke zu verbreiten gesucht. Die Sklavenfreunde, an ihrer Spitze Wilberforce, ließen sich dabei weder Mühe noch Kosten verdrießen.
Aber man kam auch weiter auf den Gedanken, zu versuchen, ob man nicht in thatsächlicher Weise den Hauptgrund, welchen die Gegner stets für die Sklaverei vorbrachten, entkräften und in seiner Nichtigkeit blosstellen könnte. Das war nämlich der Grund: die Neger seien eigentlich gar keine Menschen, sondern nur menschenähnliche Tiere. Man berief sich dann dabei stets auf die Zeugnisse der Sklavenbesitzer, welche durch eigene, reiche Erfahrung hätten zu der Überzeugung kommen müssen, daß die Neger zu jeder geistigen Bildung völlig unfähig seien.
Da beschlossen denn die Sklavenfreunde, eine Ansiedelung für freie Neger zu gründen, worin diese unter der Leitung von wohlwollenden Menschen gesammelt und sorgfältig unterrichtet werden sollten, um selbst zu zeigen, daß sie in der That vernunftbegabte, bildungsfähige Wesen seien. Es bildete sich eine Gesellschaft, welche die nötigen Mittel für diesen Zweck zusammenschoß, und auf der Westküste Afrikas von den dortigen Negerfürsten eine Strecke Landes erkaufte, die sich besonders zum Anbaue zu eignen schien und den Namen »Sierra Leone« führte. Wilberforce war einer von den ersten Leitern dieses Unternehmens.
Und dasselbe schien unter Gottes Segen glücken zu wollen. Es fehlte nicht an Negern, die den gebotenen Zufluchtsort gern annahmen. Denn in dem nordamerikanischen Befreiungskriege hatten sich eine ganze Anzahl entsprungener Sklaven aus den Südstaaten auf die Seite der englischen Regierung geschlagen und wacker gegen ihre früheren Herren kämpfen helfen. Sie waren natürlich von den Engländern für frei erklärt und nach Beendigung des Krieges auf der Halbinsel Neuschottland angesiedelt worden, um sie der Verfolgung ihrer ehemaligen Herren zu entziehen. Dort aber war ihnen das Klima zu rauh, und als sie deshalb von der afrikanischen Ansiedelung in Sierra Leone Kunde erhielten, sandten sie nach London und ließen die englische Regierung bitten, sie dorthin zu versetzen. Ihrem Wunsche wurde willfahrt, und in einer Stärke von 700 Köpfen siedelten sie nach der neuen Kolonie über.
Allerdings hatte die wohlgemeinte Ansiedelung anfangs nur schlechten Erfolg, da die Rohheit und geistige wie körperliche Trägheit der Neger fast aller Versuche spotteten, sie an ein geordnetes, thätiges Leben zu gewähren. Besser wurde es erst, als man mit Ernst daran ging, ihnen das Evangelium zu predigen und sie zum Christentume zu bekehren, und als unter christlichen Einflüssen ein neues Geschlecht herangewachsen war. Dann aber wurde auch die Kolonie in der That ein leuchtendes Zeugnis dafür, wie völlig haltlos und ungerechtfertigt die Ansicht sei, daß die Neger zum wenigsten eine untergeordnete Menschenrasse und zu jeder Bildung unfähig seien, und ist es bis heute, wo ja Gottlob, diese Ansicht kaum mehr einen ernsthaften Vertreter findet.
Die vorhin erwähnte Maßregel, den Auszug aus den Parlamentsverhandlungen über die Sklaverei und den Sklavenhandel in Massen unter das Volk zu werfen, trug gute Früchte. Der Gerechtigkeitssinn und das Menschlichkeitsgefühl fingen unter dem Volke an sich zu regen und sich gegen die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels zu empören, nachdem dieselben einmal so recht nackt und klar auf Grund amtlicher Beweise aufgedeckt waren. Durch das ganze Land hin und her wurden Versammlungen gehalten und von denselben Bittschriften an das Parlament gerichtet, welche die Abschaffung des Sklavenhandels verlangten. Viele verbanden sich sogar im heiligen Eifer dazu, sich aller Erzeugnisse Westindiens zu enthalten, die der Sklavenarbeit ihren Ursprung verdankten.
Alles schien im besten Zuge und ließ hoffen, daß in der Parlamentssitzung von 1792 die Abschaffung des Sklavenhandels beschlossen werden würde, obwohl die Sklavenhändler von Liverpool 10000 Pfund Sterling (nach heutigem Gelde etwa 200000 Mark) aufwendeten, um wieder eine genügende Gegnerschaft im Parlamente zu schaffen.
Da kamen unglücklicherweise mit einem Male die Nachrichten von dem furchtbaren Sklavenaufstande auf der westindischen Insel St. Domingo oder Haïti, die völlig dazu angethan waren, alle wohlwollende Teilnahme für die Sklaven in unbefestigten Herzen zu ersticken.
Auf jener Insel, die im Ryswyker Frieden 1697 von Spanien, das sie seit der Entdeckung durch Kolumbus besessen hatte, an die Franzosen abgetreten worden war, lebten nämlich außer einer großen Masse eingeführter Negersklaven, die die Zahl der Weißen weit überwog, viele sogenannte »Mulatten«, welche Weiße zu Vätern hatten, und zum großen Teile freigelassen worden waren, oder doch den Negern gegenüber große Vorzüge genossen. Unter diesen »Farbigen«, wie sie hießen, hatten schnell die durch die französische Revolution in Gang gebrachten freiheitlichen Grundsätze Eingang gefunden und »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« war auch bei ihnen die feurig verfochtene Losung geworden. Aber es ist ja nur zu wohl bekannt, wie die Männer der Revolution die »Brüderlichkeit« nur für Diejenigen wollten gelten lassen, die in allen Stücken mit ihnen in das nämliche Horn bliesen, und ebensowohl die »Freiheit und Gleichheit« nur soweit gelten ließen, als es ihnen paßte. So war man denn auch in der Nationalversammlung zu Paris durchaus nicht gewillt, den Farbigen ganz gleiche Rechte mit den Weißen einzuräumen und brachte dadurch bei dieser Mischlings-Rasse, die durch ihr schnell aufloderndes, feuriges Wesen bekannt ist, eine furchtbare Gährung hervor. Es kam zu einer Vereinigung der Farbigen mit den sonst von ihnen tief verachteten und gehaßten Negern, und am 23. August 1791 brach ein furchtbarer Aufstand beider gegen die Weißen los, der zur schonungslosen Niedermetzelung dieser fast auf der ganzen Insel führte.
Diese bösen Nachrichten aus Westindien waren natürlich den Sklavenfeinden Wasser auf ihre Mühle und gaben ihnen willkommenen Grund, die Befürchtung auszustreuen, nach solchem Vorgange würden es auch die Neger auf den englischen Besitzungen in Westindien ihren Brüdern auf St. Domingo nachmachen und am Ende die ganze englische Herrschaft dort vernichten, wenn man sie nicht mit aller Strenge im Zaume halte und einen noch stärkeren Druck auf sie übe als bisher. – Dazu kam, daß auch unter den englischen Sklavenfreunden nicht wenige waren, die den Grundsätzen der französischen Revolution huldigten und denselben auch in England Eingang zu verschaffen suchten.
Wilberforce, dessen heller, klarer Blick die Hohlheit der französischen Redensarten von den allgemeinen Menschenrechten von vorne herein durchschaute, bemühte sich vergebens, den unvorsichtigen Reden und Handlungen dieser seiner Kampfesgenossen zu wehren und mußte es erleben, daß man sein auf die Abschaffung des Sklavenhandels gerichtetes Streben mit den revolutionären Grundsätzen aus Frankreich in Verbindung brachte und ihn auf das schmählichste verleumdete. Er mußte es sogar erleben, daß König Georg III. wurde, was die Prinzen des königlichen Hauses zum Teil schon längst waren, ein entschiedener Gegner der Abschaffung des Sklavenhandels, während er sonst wohl, wenn er an Hoftagen mit Wilberforce zusammen traf, sich bei diesem freundlich nach seinen schwarzen Schützlingen erkundigt hatte. Wie weit dabei die Abneigung gegen die revolutionären Grundsätze mitspielte, oder aber die Rücksicht auf die königlichen Interessen, die geschädigt wurden, wenn die vom Sklavenhandel erhobenen Abgaben ausfielen, muß dahingestellt bleiben.
Nichts destoweniger trat Wilberforce am 2. April 1792 mit dem Antrage auf sofortige Abschaffung des Sklavenhandels vor das Parlament, ermutigt durch sein gutes Gewissen, welches ihn von einer Hinneigung zu den Grundsätzen der Revolution völlig freisprach und angefeuert durch seinen heiligen Eifer, der die gute Sache auch jetzt nicht ruhen lassen konnte.
Wiederum sprach er mit dem ganzen Feuer seiner hinreißenden Beredsamkeit; wiederum unterstützten ihn die beiden sonstigen Gegner, Pitt und Fox mit gleicher Kraft und Entschiedenheit, aber sein Antrag fiel dennoch durch. Doch hatten die gehaltenen Reden wenigstens den bei den gegenwärtigen Zeitläufen immerhin nicht unbedeutenden Erfolg, daß man sich mit 238 gegen 45 Stimmen für den Vorschlag erklärte, auf allmähliche Abschaffung des Sklavenhandels Bedacht zu nehmen. Es mußte jedoch dafür erst in einer neuen Parlamentssitzung ein besonderer Antrag eingebracht werden.
Wilberforce konnte sich zu solch einem Antrage nicht entschließen, weil dadurch das einstweilige Fortbestehen des Sklavenhandels als gesetzmäßig hingestellt worden wäre. An seiner statt übernahm es einer der Minister ihn zu stellen und wollte den 1. Januar 1795 als den Tag angenommen haben, von welchem ab der Sklavenhandel aufhören müsse. Das war aber den meisten ein zu naher Termin und nach langen, heißen Verhandlungen wurde endlich auf den Antrag von Wilberforce mit 151 gegen 132 Stimmen der 1. Januar 1796 als Endtermin für den Sklavenhandel angenommen.
Hätte nur auch das Oberhaus, das diesen Beschluß ebenfalls annehmen mußte, wenn er Gesetzeskraft erlangen sollte, in denselben eingestimmt! Allein dies war nicht der Fall, sondern es verschob seine Entscheidung bis zur nächsten Sitzung.
Obwohl so noch durchaus nichts Festes und Bestimmtes erreicht war, ergossen doch die »Westindier« die ganze Schale ihres Zornes über Wilberforce, als den Mann, der im Kampfe gegen sie sich nicht zur Ruhe bringen ließ. Nicht blos, daß die schändlichsten Verleumdungen wider ihn ausgestreut wurden, nein selbst mörderische Pläne wurden gegen ihn geschmiedet, sodaß ihn seine Freunde nicht ohne bewaffnete Begleitung wollten auf die Reise gehen lassen. Möglich, daß auch seine Ernennung zum französischen Bürger, welche ihm in dieser Zeit zukam, nur eine böswillige Anzettelung seiner Feinde war, die ihn dadurch als einen unzweifelhaften Anhänger der französischen Revolution verdächtigen wollten. Freilich wurde ihm diese zweifelhafte Ehre sogleich wieder entzogen und sein Name aus den Listen der französischen Bürger gestrichen, als er in den Vorstand einer Gesellschaft trat, die sich die Unterstützung der durch die Revolution aus Frankreich vertriebenen Geistlichen zum Zwecke gesetzt hatte.
Der Krieg mit Frankreich, welcher ausbrach, nachdem die Franzosen ihre gerühmte »Brüderlichkeit« soweit getrieben hatten, daß sie am 21. Januar 1793 ihren König hinrichteten, brachte notwendig einen Stillstand in die Verhandlungen über die Sklavensache. Nun, wo man gesehen hatte, wie die Grundsätze der Revolution in Frankreich zum Umsturz aller bestehenden Ordnung führen konnten, schrack man vor allem zurück, was nur den mindesten Zusammenhang mit diesen Grundsätzen zu haben schien, wie man das ja bereits den Bemühungen der Sklavenfreunde und unseres Wilberforce insonderheit zum Vorwurfe gemacht hatte. Das Parlament weigerte sich in seiner großen Mehrzahl, auch nur die Entscheidung vom vorigen Jahre zu erneuern.
Dem Kriege mit Frankreich war Wilberforce entgegen gewesen. Als derselbe unvermeidlich wurde, weil die französische Nationalversammlung auf die Rückberufung des englischen Gesandten nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. damit antwortete, daß sie an England den Krieg erklärte, drang Wilberforce bei seinem Freunde Pitt darauf, daß England sich nur verteidigen solle, wenn es von Frankreich wirklich angegriffen würde. Allein da Pitt ein erbitterter Gegner des revolutionären Nachbars war, so ging er darauf nicht ein, und zum erstenmale fanden sich die beiden Freunde in entschiedenem Gegensatze.
Wenn er aber auch so für den äußeren Frieden nichts durchsetzen konnte, so beteiligte sich Wilberforce desto eifriger an einem anderen Friedenswerke, zu dem sich jetzt Gelegenheit bot, und das ihm schon längere Zeit am Herzen gelegen hatte.
Es lag nämlich die Notwendigkeit vor, die Karte der englischen Kolonien in Asien zu erneuern, und es kam im Parlament zu Verhandlungen über die sittlichen und religiösen Zustände der Eingeborenen in jenen Kolonien, bei denen der Regierung zum Vorwurfe gemacht werden mußte, daß sie diesen Zuständen bisher gar keine Aufmerksamkeit zugewendet habe. Da verlangte denn Wilberforce, daß Geistliche und Lehrer nach Ostindien geschickt würden, welche den Eingeborenen das Christentum brächten, wie dies von seiten der Sekten der Methodisten und Baptisten bereits geschehen sei. Er bekämpfte dabei mit aller Entschiedenheit den Grundsatz, dem die englische Regierung bisher gefolgt war, und der dahin ging, daß es am besten sei, die Eingeborenen bei ihrem Heidentum zu lassen. Es war ein tiefer Schmerz für ihn, zu sehen, wie sein Vorschlag mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen wurde und sogar nur bei einzelnen der Bischöfe Unterstützung fand. Vergebens machte er geltend, daß eine Ablehnung seiner Forderung gleichbedeutend sei mit der öffentlichen amtlichen Erklärung, man achte das Christentum nur deshalb, weil es die im Lande bestehende Religion sei, nicht aber deshalb, weil es allein den rechten Heilsweg zeige und eine göttliche Offenbarung sei. – Seine Anträge wurden nicht angenommen.
Als mit der Hinrichtung Robespierres am 27. Juli 1794 die Schreckensherrschaft in Frankreich ihr Ende erreicht hatte, hielt Wilberforce die Zeit für gekommen, den Frieden mit Frankreich wieder herzustellen und England wieder die Segnungen des Friedens zuzuwenden. Trotz der entgegenstehenden Ansicht der meisten seiner Freunde, trotzdem, daß er dadurch wieder mit Pitt in offenen Widerspruch treten mußte, brachte er, lediglich den Mahnungen seines Gewissens folgend, im Dezember 1794 seine Friedensanträge im Parlamente ein. Er zog sich dadurch nicht blos die Unzufriedenheit des Königs, sondern auch seiner Wähler zu, achtete aber dessen nicht, sondern unterstützte nach Ablehnung seiner eigenen Anträge schon im Februar des folgenden Jahres wieder den Antrag auf Wiederherstellung des Friedens, welchen ein anderes Parlamentsglied eingebracht hatte, sowie jeden anderen dahin zielenden Antrag, der im Laufe dieser Parlamentssitzung gestellt wurde. – So heilig war ihm eine einmal gewonnene gewissenhafte Überzeugung.
Zu einer inneren Entfremdung zwischen Wilberforce und Pitt kam es indessen durch diese Gegnerschaft in Sachen des Krieges keineswegs. Pitt wußte zu gut, daß der Freund lediglich aus der Gewissenhaftigkeit seiner Überzeugung heraus diese Gegnerschaft aufrecht erhielt und alles war zwischen beiden vergessen, als sich auch die Minister dem Frieden mit Frankreich glaubten zuneigen zu müssen.
Sie gingen wieder einträchtig zusammen, als die Regierung vom Parlamente die Berechtigung zu außerordentlichen Maßregeln forderte, um den Revolutionsgeist unterdrücken zu können, der sich immer weiter im Lande auszubreiten schien und immer kecker und unverhohlener hervortrat. Schon predigte man offen in eigens dazu berufenen Versammlungen den Aufruhr gegen die Regierung, verbreitete ungescheut Bilder, durch welche der König auf dem Gange zum Schaffot dargestellt wurde, ja wagte es sogar, den König persönlich zu beunruhigen und zu beschimpfen, als er zur Eröffnung des Parlamentes fuhr. – Da unterstützte denn Wilberforce furchtlos und kräftig, wenn auch ungern, die Forderung der Regierung und half dazu, daß sie, wenn schon auch erst nach langem und heißem Redekampfe bewilligt wurde.
Er hatte aber damit nicht allein die Feindschaft der Freiheitspartei auf sich geladen, die sich auch im Parlamente gebildet hatte, sondern auch die ganze Masse seiner Wähler in der Grafschaft York wider sich erbittert, die sich von dem Revolutionsgeiste hatten bestricken lassen. Als er nun hörte, daß diese eine große öffentliche Versammlung abhalten wollten, um ihrem Unwillen gegen das Ministerium und seine Absichten Ausdruck zu geben, beeilte er sich, zu dieser Versammlung noch zurecht zu kommen und benutzte dazu sogar, ohne irgend welches Bedenken, weil sein eigener Wagen für eine so weite eilige Reise nicht gehörig in Ordnung war, den Wagen, den ihm der so verhaßte Minister zur Verfügung stellte.
Allein als Wilberforce am Orte der Versammlung ankam, stellte es sich heraus, daß die sogenannte Freiheitspartei doch noch nicht so groß war, als man befürchtet hatte, und bei Eröffnung der Versammlung waren die Freunde und Anhänger des Ministeriums entschieden in der Überzahl. Ohne Furcht vor etwaigen Feindseligkeiten gegen seine Person trat Wilberforce in die stürmisch tobende Versammlung hinein, verschaffte sich Gehör und hielt eine glänzende Rede, die den Erfolg hatte, daß eine ganz gegenteilige Kundgebung als die beabsichtigte zu stande kam, nämlich eine Schrift, die bald mit zahlreichen Unterschriften bedeckt war, und worin man die entschiedenen und kräftigen Maßregeln des Ministeriums gegen die revolutionäre Partei vollständig billigte, und dieser Vorgang fand bald auch in anderen Grafschaften Nachahmung.
So hatte Wilberforce den deutlichsten Beweis geliefert, wie falsch die ihm gemachten Vorwürfe wegen Hinneigung zu den Grundsätzen der Revolution gewesen seien, und glaubte denn nun, ohne aufs neue solche Vorwürfe erleiden zu müssen, seine Sklavensache wieder in Angriff nehmen zu können. Denn entmutigt war er durch die bisher nur errungenen geringen Erfolge keineswegs, und es lag gerade jetzt wieder ein besonderer Grund vor, in seiner Sache ernstlich vorzugehen.
Frankreich hatte nämlich, um den verhaßten englischen Nachbarn einen empfindlichen Schaden zuzufügen und wo möglich die ganze Negerbevölkerung auf seinen westindischen Besitzungen in Aufruhr zu bringen, auf seinen eigenen Besitzungen drüben alle Neger für frei erklärt, und es dadurch auch wirklich dahin gebracht, daß auf den englischen Inseln Granada, St. Vincent und Dominica Empörungen der Neger stattfanden. Da hatten denn die Freunde des Sklavenhandels wieder Oberwasser und wußten den Mund nicht voll genug zu nehmen, um auszuschreien, daß man hier sehen könne, wozu die Freundschaft gegen die Neger führe.
Sofort war Wilberforce auf dem Kampfplatze und brachte am 18. Februar 1796 wieder seine alten Anträge auf Aufhebung des Sklavenhandels und wo möglich der Sklaverei selbst das Parlament, entwickelte auch wieder die alte, feurige Beredsamkeit für seine Herzenssache und wußte das thörichte Geschrei der Gegner mit der Wucht seiner Gründe zu übertäuben. Allein wiewohl er auch jetzt wieder von Pitt kräftig unterstützt wurde, konnte er doch seine Anträge nicht durchbringen, weil seine Freunde bei der schließlichen Abstimmung nicht in der nötigen Zahl auf dem Platze waren, und selbst der von ihm gestellte Antrag fiel durch, daß durch das Gesetz eine bessere Behandlung der Sklaven auf den Sklavenschiffen erzwungen werden möchte.
Tiefbetrübt über diesen neuen Mißerfolg würde Wilberforce wohl nicht daran gedacht haben, sich um seine Wiederwahl ins Parlament zu bewerben, wie es jetzt nötig wurde, wenn er nicht zweifellos an den endlichen Sieg seiner guten Sache geglaubt und es deshalb für eine heilige Pflicht angesehen hätte, seine Wirksamkeit im Parlamente unbeirrt und mit aller Kraft fortzusetzen. Seine Wiederwahl hatte denn auch nicht die geringste Schwierigkeit.
Bei einem Besuche seiner Mutter in Hull, den er bei Gelegenheit dieser Wiederwahl machte, durfte er mit inniger Freude wahrnehmen, wie die betagte Frau, die er so sehr liebte, jetzt durch Gottes Gnade innerlich eine ganz andere geworden und auf dem besten Wege war, sich mit ganzem, vollem Ernste dem wahren Christentum zuzuwenden. Ihre Bitte beim Abschiede, daß der Sohn ihrer fleißig in seinem Gebete gedenken möge, hat dieser gewiß von nun an mit doppelter Freudigkeit erfüllt.
Wer nach dem bisher Erzählten denken wollte, Wilberforce habe für nichts anderes Interesse gehabt, als für seine Sklavensache und höchstens für das, was derselben irgendwie dienen konnte, der würde ihn durchaus falsch beurteilen. Sein Herz, das von der Liebe Christi durchdrungen war, trieb ihn vielmehr, wo und wie er nur konnte, das leibliche und geistliche Wohl aller seiner Mitmenschen zu fördern.
Nicht blos, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die heilige Sache der Mission eintrat und für ihre Ausbreitung und Förderung kämpfte, auch das leibliche Elend seiner Mitmenschen fand in ihm einen stets willigen und bereiten Helfer. So besuchte er, wenn er in London war, häufig die dortigen Krankenhäuser und brachte den Elenden neben geistlichem Zuspruche auch leibliche Erquickungen, ja hielt es nicht unter seiner Würde, ihnen auch selbst hülfreiche Handreichung zu thun. Auch unterstützte er nach wie vor seine Freundin Hannah More bei ihren Bemühungen, dem unwissenden Volke die Segnungen eines regelmäßigen Schulunterrichtes zuzuwenden und hatte dafür eine allezeit offene Hand.
Besonders aber beschäftigte ihn schon seit Jahren eine Schrift, an der er ununterbrochen während seiner Mußezeiten arbeitete und welche den Titel führen sollte: »Eine praktische Übersicht des vorherrschenden religiösen Lehrbegriffs der Bekenner des Christentums in den höheren und mittleren Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren Christentum«, also eine Schrift, die mit der Sklavensache zunächst gar nichts zu thun hatte.
Es war nämlich für Wilberforce ein fortgesetzter tiefer Schmerz, zu sehen, wie wenig wahres, aufrichtiges und thatkräftiges Christentum in den Gesellschaftskreisen herrschte, darin er sich bewegte. Entweder trat ihm da eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Christentum entgegen, die von diesem nicht einmal reden hören mochte, oder jene unerträgliche Schwatzhaftigkeit über das Christentum, der man es doch sofort abmerkte, daß sie ebensowenig aus aufrichtiger Hochachtung und Liebe für dasselbe hervorging, als ihr eine rechte christliche Erkenntnis oder gar eine wahrhaftige christliche Erfahrung zu Grunde lag. Diese betrübende Wahrnehmung ließ dem für das Christentum, dessen segensreiche Wirkung er täglich mehr an sich selbst erfuhr, begeisterten Manne keine Ruhe. Er betrachtete es als eine heilige Pflicht, mit der Gabe, die er empfangen hatte, auch anderen zu dienen, die derselben noch ermangelten, und möglichst viele von ihren falschen, verkehrten Wegen zu dem einzigen Wege zu rufen, der zum Frieden auf Erden und zur Seligkeit im Himmel führt.
Bei denjenigen, welche ihm persönlich näher standen, that er dies mündlich mit rückhaltsloser Offenheit, aber auch mit so liebenswürdiger Milde und mit so teilnahmvoller Eindringlichkeit, daß ihm niemand zürnen konnte, auch wenn er sich vielleicht durch ein ernstes, strafendes Wort verletzt gefühlt hätte.
Um aber auch auf weitere Kreise zu wirken, mit denen er keine persönliche Berührung hatte, schrieb er das erwähnte Buch. In der Einleitung zu demselben hob er besonders hervor, daß er, obgleich ein Nichtgeistlicher, sich doch verpflichtet gefühlt habe, solch ein Buch zu schreiben, weil er dafür halte, daß jeder Christ dazu berufen sei, das Heil seiner Nächsten nach Kräften zu fördern, und weil er denke, daß man einen Nichtgeistlichen für unparteiischer halten werde; er habe nicht für entschiedene Gegner des Christentums geschrieben, sondern für solche, die sich wohl Christen nennten, aber deren Leben durchaus nicht mit ihren Bekenntnissen übereinstimme.
Nachdem er nun zuerst die Haupt- und Grundlehren des Evangeliums: von der Sünde, von der Erlösung durch den Herrn Jesum Christum, von der Heiligung durch den heiligen Geist in tiefer, schriftgemäßer Weise besprochen und mit hoher Glaubensfreudigkeit als die rechte seligmachende Weisheit und Wahrheit bezeugt hatte, welche niemand ungestraft und ohne Schaden verachten könne, ging er besonders darauf aus, zu beweisen, wie eine Sittlichkeit ohne Glauben nur hohles, kraftloses, hinfälliges Wesen sei, wie aber der Glaube nicht etwa blos in dem Fürwahrhalten der christlichen Lehre bestehe, sondern vielmehr ein Sauerteig sei, der das ganze Wesen durchdringen und zu einer vollen, rückhaltlosen Hingabe des Herzens und Lebens an Gott und den Heiland treiben müsse. An dieser Beweisführung, bei welcher er besonders die Redensarten näher beleuchtete, mit denen die Weltmenschen in der Regel jede Zumutung mit ihrem Christentum Ernst zu machen, von sich abwiesen, schloß sich dann der Nachweis, wie wahres Christentum mit allen Lebensverhältnissen und mit jeder Lebensstellung wohl verträglich sei und durchaus nichts Unmögliches von seinen Jüngern fordere.
Sieben Jahre lang schon hatte Wilberforce an diesem Buche gearbeitet und, was er darin niederlegen wollte, nicht nur aufs Reiflichste erwogen, sondern auch an seinem eigenen Herzen und an seiner eigenen Lebenserfahrung soviel als möglich erprobt. Jetzt erst entschloß er sich, das Buch in Druck zu geben. Der Buchhändler, an welchen er sich deshalb wandte, hielt, nachdem er einen Blick in dasselbe gethan hatte, den Verfasser für einen liebenswürdigen Schwärmer, der aber mit dem Geschriebenen keinen großen Erfolg erzielen, sondern nur viel Spott und Hohn einernten werde. Dem Namen »Wilberforce« zu liebe, meinte er lächelnd, wolle er es wagen, 500 Exemplare zu drucken, aber es sei sehr fraglich, ob auch nur diese Absatz finden würden.
Wie hatte sich aber der gute Mann verrechnet! Kaum war im April 1797 der Druck vollendet, und das Buch ausgegeben, als auch bereits nach wenigen Tagen die 500 Exemplare vollständig vergriffen waren. Und damit war es nicht am Ende, nein, die Nachfrage nach dem Buche wurde so stark, daß im Laufe des nächsten halben Jahres 5 Auflagen in einer Stärke von im ganzen 7500 Exemplaren nachgedruckt werden mußten. Ja bis zum Jahre 1826 erlebte das Buch noch weitere 10 Auflagen und wurde ins Deutsche, Holländische, Französische, Italienische und Spanische übersetzt: jedenfalls ein unwiderlegliches Zeugnis von der Vortrefflichkeit und durchschlagenden Wirkung des Buches!
»Ich preise Gott,« so schrieb der fromme Bischof von London über dasselbe, »daß in diesen schrecklichen Zeiten solch ein Werk erschienen ist, und ich will ihn inbrünstig bitten, daß es weiterhin einen mächtigen Einfluß gewinnen möge, vor allem aber auf mein eigenes Herz, welches dadurch zur Demut und hoffentlich bald auch zur Wirksamkeit angeregt wird.«
Von allen Seiten kamen Wilberforce die ehrenvollsten Dankbezeugungen wegen seines Buches zu. Ja es zeigte ihm sogar jemand in einem namenlosen Schreiben an, er habe sich ein kleines Gut in der Grafschaft York gekauft, eigens zu dem Zwecke, bei der nächsten Wahl ins Parlament Wilberforce seine Stimme geben und ihm dadurch einen geringen Teil seiner Dankesschuld abtragen zu können.
Aber eitel konnte Wilberforce nicht werden, wenn er auch die Anlage dazu in eben dem Maße besessen hätte, als er sie nicht besaß. Seine Feinde und Gegner sorgten dafür, daß es neben den vielen Anerkennungen auch nicht an den härtesten, lieblosesten Beurteilungen des Buches fehlte. War es ihnen doch ein Dorn im Auge, daß der Name des von ihnen so bitter Gehaßten durch das Buch noch größere Berühmtheit erlangte, als er sie schon hatte.
V.
Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre alt, allein durchs Leben gegangen, ohne sich noch eine eigene Familie gegründet zu haben. Seine Besitzungen in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde und Bekannten verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert zu sein. Obschon es ihm seine Mittel erlaubt hätten, erwarb er sich nicht einmal eine eigene Wohnung in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner Zeit zubrachte.
»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand ich ein Vergnügen an dem Gedanken, allein in einem gemieteten Hause zu leben. Denn so ward ich beständig daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine wahre Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe, nach einer besseren Heimat auszusehen und zu streben.«
Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als einen Mangel in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen seiner Freunde deren glückliches Familienleben sah, und die reinen erquickenden Freuden eines solchen schmecken und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung seiner Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in Hull wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte, wenn er dieselbe gelegentlich besuchte, kein eigentliches Familienleben mehr, wie es sein gefühlvolles Herz begehrte.
Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen sein, sich einen eigenen Herd zu gründen, er hatte denselben bisher immer wieder von sich abweisen zu sollen geglaubt, weil er befürchtete, die Pflichten eines Familienhauptes würden ihn zu sehr in Anspruch nehmen, als daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr und mehr Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und Kraft zuzuwenden. Auch die eigene schwache Gesundheit mochte bei seiner Abneigung, sich zu vermählen, ein bedeutsames Wort mitsprechen.
Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade jetzt an die Gründung einer eigenen Familie denken zu dürfen, wo er es hatte erfahren müssen, daß seine Gegner selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein Leben nicht zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der in immer höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung und des Aufruhrs alle Verhältnisse im Lande unsicher machten.
Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten Ehen »im Himmel geschlossen werden,« und daß Gottes Gedanken über seine Kinder oft ganz andere sind als die eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf dem Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind und durchaus nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit stehen.
Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien 1797 zubrachte, führte ihm des Herrn Hand Diejenige zu, welche bestimmt war, ihm ein reiches häusliches Glück zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen, den er sich bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte auferlegen zu müssen.
Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen Herrn aus der Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak Spooner zu Elmdon Hall. Schon die erste Begegnung dieser Dame hatte auf Wilberforce einen tiefen Eindruck gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine Lebensgefährtin, die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere Vorzüge waren, die diesen Eindruck auf ihn machten und ihm solche Gedanken erweckten, sondern vielmehr die inneren Eigenschaften, die er bei der neuen Bekannten wahrnahm und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft immer deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche, welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.
»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube, sie eignet sich ganz besonders für mich, und manche Umstände schienen mir diesen Schritt anzuraten. Ich hoffe, Gott wird mich dabei segnen; ich will darum zu ihm beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll, gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in ihren Wünschen und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück zu ertragen, ohne davon beherrscht zu werden. Wenn ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o Gott! Aber wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du uns segnen nach dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«
Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich mit der Erwählten, und je näher er dieselbe kennen lernte, desto inniger wurde sein Dank gegen Gott, der sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und hoffnungsreicher sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer glücklichen und gesegneten gestalten zu müssen schien.
Die glücklichen Stunden jedoch, welche Wilberforce jetzt hier in Bath verleben durfte, konnten sein ernstes Pflichtgefühl auch nicht um einen Finger breit abschwächen und ihn zurückhalten, wenn die Pflicht zur Arbeit rief. Und das sollte schon wenige Tage nach der Verlobung der Fall werden.
Es waren nämlich dadurch, daß Österreich, Englands bisheriger Bundesgenosse gegen Frankreich, mit diesem einen besonderen Frieden geschlossen hatte, ernste Verwickelungen für England entstanden, die auf den inneren Zustand des Landes einen höchst nachteiligen Einfluß äußerten. Deshalb lud der Minister Pitt seinen Freund, dessen Scharfsinn und staatsmännische Klugheit er in hohem Maße schätzte, auf das dringendste ein, sofort nach London zu kommen. Und Wilberforce zögerte keinen Augenblick, diesem Rufe zu folgen, so schwer es ihm auch werden mochte, sich jetzt sogleich wieder von seiner Braut zu trennen.
Ja, als sich ihm in London die Überzeugung aufdrängte, daß sich die Verhältnisse des Landes in einem noch viel schlimmeren und gefährlicheren Zustande befänden, als er bei seiner Abreise befürchtet hatte, in einem Zustande, der für ihn selber Gefahren herbeiführen konnte, wenn er sich wieder voll und ganz an dem öffentlichen Leben beteiligte, entschloß er sich sogar dazu, wenn auch erst nach schwerem innerem Kampfe, seine Braut ihres Wortes zu entbinden, um sie nicht in die ihm drohenden Gefahren und Schicksale mit hineinzuziehen. Indessen nahm er schon nach zwei Tagen diesen ihm durch die erste augenblickliche Bestürzung eingegebenen Vorschlag wieder zurück im festen Vertrauen auf die Güte und Fürsorge Gottes, die ihn bisher in gefährlichen Lagen stets so treu und gnädig bewahrt habe und auch fernerhin bewahren werde.
Die ernsten Zeitumstände, welche zu Zornesgerichten Gottes über das Land zu werden drohten, gaben Wilberforce den Mut, am 15. Mai wiederum die Sklavensache im Parlamente vorzubringen, weil er hoffen durfte, die ernste Hinweisung auf die drohenden Gottesgerichte würde auch die verstocktesten Gegner herumbringen, daß sie nicht länger gegen etwas widerstrebten, was diese Gerichte geradezu herausfordere. Aber er erntete nur Spott und Hohn wegen seiner unaufhörlichen Belästigungen des Parlaments, und mußte den Schmerz erleben, daß man sich mit 82 gegen 74 Stimmen für die Beibehaltung des Sklavenhandels entschied, also nicht einmal die früheren Beschlüsse beachtete, worin doch die Abschaffung dieses Handels als etwas, das kommen werde und müsse, hingestellt worden war.
Schmerzlich bewegt kehrte er, als seine Anwesenheit in London nicht mehr so dringend nötig erschien, nach Bath zurück und feierte erst am 30. Mai in aller Stille seine Hochzeit. Nach einem kurzen Besuche bei seiner Freundin Hannah More, welcher er seine erwählte Lebensgefährtin glaubte vorstellen zu müssen, weil sie an seinem Wohl und Wehe so warmen Anteil nahm, kehrte er dann wieder nach London zurück, um den Sitzungen des Parlamentes bis zu ihrem Schlusse beizuwohnen, und es wo möglich durchzusetzen, daß bei den in Aussicht stehenden Friedensverhandlungen mit Frankreich für die Abschaffung des Sklavenhandels etwas gewonnen würde.
Er nahm jedoch seine Frau mit sich und mietete für sie ein Landgut in der Nähe von London, wo er dann, nachdem die Tagesarbeit im Parlamente gethan war, im Glücke und Frieden des eigenen Hauses sich erholen konnte. Was ihm diesen Aufenthalt besonders lieb machte, war das, daß er ganz nahe bei dem Landsitze seines Freundes Eliot lag, des Schwagers von Minister Pitt, mit dem er schon seit Jahren auf das Engste verbunden war.
Welch köstliche Tage er hier im Genusse der innigsten Freundschaft und des jungen, ehelichen Glückes verleben durfte, beweisen eine Reihe von Briefen, die er an auswärtige Freunde schrieb, und worin er die Gnade Gottes pries, die ihm alles gegeben habe, was der Mensch auf Erden zum Glücke bedürfe. Allein es sollte auch bei ihm so gehen, wie es ja der Herr bei den Seinigen so oft fügt, daß auf die Tage des sonnigen Glückes bald wieder trübe und dunkele Schmerzenstage folgen, und das prophetische Wort, womit einer seiner Freunde ihm geantwortet hatte: »ich fürchte, daß es kaum zur menschlichen Natur stimmt, lange so glücklich zu sein,« sollte nur zu schnell Wahrheit werden.
Denn nicht allein, daß der von ihm hochgeschätzte Gatte seiner Schwester, der Prediger Clarke in Hull plötzlich und unerwartet vom Tode weggerafft wurde; auch sein innig geliebter Freund Eliot mußte denselben Weg gehen. Und wenn es für Wilberforce ein großer Trost gewesen war, daß seine alte Mutter und seine verwittwete Schwester an dem Nachfolger Clarkes, dem Bruder seines langjährigen Freundes Milner eine kräftige Stütze gefunden hatten, so wurde ihm auch dieser Trost bald wieder geraubt, da Joseph Milner schon nach ganz kurzer Zeit starb.
Diese drei rasch aufeinander folgenden Todesfälle beugten Wilberforce tief nieder. Aber er verstand es auch, dieselben sich zum innerlichen Segen werden zu lassen. Wie eindringlich schrieb er in sein Tagebuch, »lehren auch diese Ereignisse, daß die uns zugemessene Zeit kurz ist! O möchte ich lernen und weise sein!«
Und siehe, kaum hatte er diese Verluste einigermaßen überwunden, da traf ihn ein neuer Schlag, der sein gefühlvolles Herz tief verwundete. Nach kurzer Krankheit starb nämlich in Hull auch seine eigene Mutter, die ihm von Jahr zu Jahr lieber geworden war, je mehr sie sich, durch das Vorbild des frommen Sohnes angeregt, dem wahren Christentum zugewandt hatte und je mehr dadurch der innere Einklang zwischen Mutter und Sohn gewachsen war, der früher gefehlt hatte. Welch ein Trost war es für Wilberforce, sich an ihrem Sarge der festen Zuversicht überlassen zu können, daß ihr Ende ein seliges gewesen sei!
Von ihrem Begräbnisse zurückgekehrt, durfte er es aber auch erfahren, daß Gottes Liebe in die Schmerzenstage des Lebens immer auch Freudenstunden einflicht, die das gebeugte Herz stärken und aufrichten sollen. Seine Gattin schenkte ihm nämlich jetzt im Sommer 1798 den ersten Sohn. Wie freudig jubelte er dafür in seinem Tagebuche Gott dem Herrn seinen Dank aus und wie inbrünstig betete er um Kraft und Beistand von oben, daß es ihm gelingen möge, das Kind zu einem rechten Christenmenschen zu erziehen!
Mit der Sklavensache gab es auch in der Parlamentssitzung von 1798 keinen Fortgang. Wilberforce brachte zwar seinen Antrag auf Verbot des Sklavenhandels getreulich wieder ein trotz des ärgerlichen Kopfschüttelns vieler Parlamentsmitglieder, die dieses ewig wiederkehrenden Antrags überdrüssig waren; aber wiederum fiel derselbe durch, wenn er auch nur mit der kleinen Mehrheit von 4 Stimmen abgelehnt wurde. Zwar gelang es den Gegnern nicht, irgend etwas vorzubringen, was die Beweise entkräften konnte, die Wilberforce für die beim Sklavenhandel vorkommenden entsetzlichen Grausamkeiten beibrachte, aber sie warfen ein und fanden für diesen Einwurf viele gläubige Abnehmer, daß der Sklavenhandel, wenn er gesetzlich verboten würde, dennoch nicht ganz aufhören, sondern in ungesetzlicher Weise fortgetrieben werden würde, und daß dann voraussichtlich unter dem Schleier des Geheimnisses noch viel größere Grausamkeiten vorkommen würden.
Wollte es mit der Sklavensache noch immer keinen Fortgang gewinnen, so suchte Wilberforce dem Drange seiner thätigen Menschenliebe in allerlei anderer Weise zu genügen und suchte überall die Not auf, um sie nach Kräften zu lindern. Wir wissen, daß er im Jahre 1789 über 2000 Pfund Sterling, also über 40,000 Mark zu wohlthätigen Zwecken verwandte, eine Summe, bei welcher er gewiß nicht ängstlich berechnet hatte, ob sie nicht seine Vermögensverhältnisse überstiege. Dabei gab Wilberforce nie blindlings sein Geld weg, sondern prüfte immer erst sorgfältig, ob seine Unterstützungen auch nicht an Unwürdige weggeworfen seien. Es war also seine Wohlthätigkeit etwas mehr, als das blos äußerliche Sichloskaufen von einer Verpflichtung, die er sich durch seinen Reichtum auferlegt fühlte, sie war ein wirkliches Üben brüderlicher Liebe mit der Vorsicht und Weisheit, ohne welche die Wohlthätigkeit zur nutzlosen Verschwendung werden kann, ja zu einem verderblichen Förderungsmittel der Trägheit und des Lasters.
Die günstige Aufnahme, welche sein Buch überall gefunden hatte und die ihm noch fortwährend zukommenden Zeugnisse von den segensreichen Wirkungen, die dasselbe übte, ließen ihn erkennen, daß ihm auch ein geistiges Pfund anvertraut sei, welches er ebensowohl wie das äußere seines Reichtums zum Wohle seiner Nebenmenschen zu verwenden habe. Da ihm nun zum Schreiben eines weiteren größeren Buches immer mehr die nötige Ruhe und freie Zeit gebrach, so beschloß er, in Verbindung mit mehreren gleichgesinnten Freunden eine religiöse Zeitschrift herauszugeben, welche dem überhandnehmenden Unglauben besonders in den mittleren Ständen einen Damm entgegensetzen sollte. Die erste Nummer dieser Zeitschrift, welche den Titel: »Der christliche Beobachter« führen sollte, erschien jedoch erst im Januar 1801.
Auch die Ansiedelung auf Sierra Leone machte ihm in dieser Zeit viel zu schaffen, da dieselbe gerade damals mit besonders großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und doch bestehen bleiben und sich im Segen entwickeln mußte, wenn die Behauptung, daß die Neger keine bildungsfähigen Menschen seien, auf welche die Freunde des Sklavenhandels sich besonders stützten, in ihrer völligen Grundlosigkeit hingestellt, und diesen ihre beste, wirksamste Waffe entrissen werden sollte.
Der glorreiche Sieg zur See, in welchem der englische Admiral Nelson am 1. August 1798 bei Abukir fast die ganze französische Flotte vernichtet hatte und der in ganz England mit unsäglichem Jubel begrüßt worden war, gab Wilberforce neuen Mut, trotz aller erlittenen Niederlagen, auch in der Parlamentssitzung von 1799 wieder gegen den Sklavenhandel aufzutreten. Hatte doch der fromme Seeheld Nelson zur herzlichen Freude unseres Wilberforce in seinem Berichte ausdrücklich darauf hingewiesen, wieviel Dank das englische Volk für diesen Sieg seinem Gotte schuldig sei! Mußte es da nicht von durchschlagender Wirkung sein, wenn nun Wilberforce seinerseits mit seiner feurigen Beredsamkeit mahnte, diesen Dank durch Abstellung des Sklavenhandels thatsächlich darzubringen und nicht durch Verhärtung in einem anerkannten und zweifellosen Unrecht den Zorn Gottes über das Land zu reizen? – Aber siehe, auch diesmal wieder fielen die warmen, begeisterten Worte, womit er seinen Antrag verfocht, auf unfruchtbaren Boden, sein Antrag fiel durch.
Die tiefe Niedergeschlagenheit, in welche er wegen dieses neuen unerwarteten Mißerfolgs verfiel, brachte ihn auch körperlich sehr herunter. Ein heftiges Fieber befiel ihn und hinderte ihn, die Parlamentssitzung zu besuchen, welche auf den 24. September ausgeschrieben war, um die Entsendung eines Heeres nach den Niederlanden zu beraten, wo dasselbe gemeinschaftlich mit den Russen die Franzosen bekämpfen sollte.
Da auch seine Gattin, die am 21. Juni von einem Töchterlein entbunden worden war, der Ruhe bedurfte, so mietete sich Wilberforce in der Nähe von Bath, dessen unruhiges Badeleben ihm nicht zusagte, eine Wohnung auf dem Lande und brachte dort vier Monate im Genusse eines ruhigen, ungestörten Familienlebens zu. Aber Arbeit machte er sich auch hier, weil er ohne solche nicht leben konnte. Die stillen Sonntage auf dem Lande, deren Köstlichkeit und Segen niemand besser zu würdigen wußte, als er, mahnten ihn, für die Förderung einer rechten Sonntagsheiligung thätig zu sein. Das war zwar nicht erst eine neue Thätigkeit. Denn er hatte schon das Parlament aufgefordert, gesetzlich gegen jede Entheiligung des Sonntages einzuschreiten, und als er das nicht durchsetzen konnte, wenigstens auf eigene Hand eine ganze Anzahl von Parlamentsgliedern zusammengebracht, die sich freiwillig verbanden, für eine rechte Sonntagsheiligung zu wirken und dabei selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Er hatte auch durch Verwendung seines Einflusses bei den Ministern eine Verfügung erwirkt, wonach niemand mehr gegen sein Gewissen durch Geld- und Freiheitsstrafen gezwungen werden durfte, sich an militärischen Übungen zu beteiligen, welche am Sonntage stattfanden, wie dies an vielen Orten geschah.
Aber mußten nicht die stillen gesegneten Sonntage hier auf dem Lande ihm ein unwiderstehlicher Antrieb werden, in der Nähe und in der Ferne, durch Wort und Schrift darauf hinzuwirken, daß solch eine gesegnete Sonntagsfeier allenthalben möglich werde und auch allenthalben zu stande käme?
Im Januar 1800 kehrte Wilberforce neu gestärkt nach London zurück und trat sofort wieder mit frischer Kraft in die parlamentarische Thätigkeit ein. Es handelte sich jetzt in der That um den Frieden mit Frankreich, über welchen von seiten Napoleons Unterhandlungen eingeleitet worden waren. Allein die von demselben vorgeschlagenen Friedensbedingungen waren der Art, daß selbst der friedliebende Wilberforce dazu raten mußte, sie zu verwerfen, und das Ministerium, welches gleicher Ansicht mit ihm war, kräftig unterstützte. »Wer heute meine Rede hörte,« sagte er selbst, »mußte mich für einen größeren Freund des Krieges halten, als ich es in Wahrheit bin.«
Ein sehr erfreuliches Ereignis war es für Wilberforce, daß sein Freund Stephen, sein treuer Gefährte im Kampfe gegen den Sklavenhandel, dessen Scheußlichkeiten er bei einem langen Aufenthalte in Westindien durch eigenen Augenschein kennen gelernt hatte, seiner verwittweten Schwester die Hand reichte und dadurch eine noch nähere Verbindung mit ihm schloß, als sie bisher schon durch ihre Kampfgenossenschaft bestanden hatte.
Aber bald fiel auch wieder ein düsterer Schatten in sein Leben, der um ein Haar zu einer völligen Trübsalsfinsternis geworden wäre. Denn bald nach der Rückkehr aus dem Seebade Bognor, wo er sich eine Zeit lang nach dem Parlamentsschlusse mit seiner Familie aufgehalten hatte, verfiel seine geliebte Gattin in eine schwere Krankheit, welche das Schlimmste befürchten ließ. Wie es dabei in seinem Inneren aussah, mag ein Brief beweisen, den er am 27. September an Hannah More schrieb.
»Mein teure Freundin,« heißt es darin, »Sie sollen nicht durch eine andere Feder erfahren, daß es Gott gefallen, meine teuerste Frau mit einem gefährlichen Fieber heimzusuchen. Man sagt mir, daß der endliche Ausgang der Krankheit wahrscheinlich nicht bald entschieden sein werde, daß ich aber nach der Heftigkeit des Beginnens Ursache habe, alles zu fürchten, wenn auch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Aber ach, meine teuere Freundin, was für ein unaussprechlicher Segen ist es für mich, daß ich in Demut hoffen kann, der Tod werde für meine arme Gattin die Versetzung sein aus einer Welt der Sünde und der Sorge in das Land vollkommener Heiligkeit und nie endender Seligkeit! Wie tröstend ist der Gedanke, daß ihre Leiden ihr nicht allein zugeteilt, sondern auch zugemessen sind durch ein Wesen voll unendlicher Weisheit und Güte, welches sie liebt, wie ich hoffe, mehr als ein teures Kind von einem irdischen Vater geliebt ist! Ich weiß, Sie alle werden für mich fühlen, für mich und meine arme Leidende beten. Ich bin noch nicht genug an das Krankenbett gewöhnt; es ist äußerst angreifend für mich, ihre Heftigkeit und wirre Unruhe zu bemerken, ja bisweilen ihr Phantasieren zu hören, während damit ihr gewöhnlicher freundlicher Blick und ihre sanfte Ruhe verbunden ist. Möchten wir alle bereit sein und endlich alle in der Herrlichkeit zusammentreffen, jetzt aber wachen und beten und nüchtern sein und danach trachten, einzugehen; dann werden wir gewiß einst nicht ausgeschlossen werden. Ich pflege auch sonst solche Worte zu reden wie diese, und, wie ich hoffe, aus dem Herzen. Aber wieviel kräftiger prägen sie sich dem Geiste ein bei dem Anblick des Todes, wie ich ihn habe! Gott segne Sie alle! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns Allen! Für immer Ihr W. Wilberforce.«
Und weiter schreibt er in dieser Zeit: »Welch unaussprechliche Tröstung und Erleichterung ist es, in solch einem Augenblick die volle Zuversicht zu hegen, daß meine teuerste Gattin ihren Frieden mit Gott gemacht hat und für die furchtbare Vorladung nicht unvorbereitet ist! Ich danke Gott, daß ich im stande bin, mich seiner Züchtigung (welche leider nur zu sehr verdient ist) ohne Murren zu unterwerfen, und, wie ich demütig hoffe, mit Ergebung, ich möchte sagen: mit frohem, dankbarem Sinne gegen seinen heiligen Willen. Er weiß am besten, was uns gut ist, und wenn unsere Leiden hier, indem sie uns aus der Trägheit erwecken und uns näher zum Himmel drängen, in irgend einem Grade dazu dienen, das Glück der Ewigkeit zu erhöhen, so mögen wir wohl in der triumphierenden Sprache des Apostels ausrufen: »Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige über alle Maßen wichtige Herrlichkeit!« – Mein teures Weib hat stets phantasiert, seit wir wußten, daß ihre Krankheit gefährlich sei. Wie wenig hätten wir für ihren Seelenzustand thun können, wenn er früher vernachlässigt worden wäre und wir nun erst gewünscht hätten, sie zum Tode vorzubereiten! Welch praktische Lehre für uns alle!«
Welch tiefen Blick eröffnen uns diese Worte, die doch gewiß der unmittelbarste Erguß der Gedanken und Gefühle waren, in ein Herz voll des lautersten, aufrichtigsten Christentums, in ein Herz, das gelernt hatte, sich ganz im Glauben dem Herrn anzuvertrauen, in ein Herz, das für den Menschen nichts Höheres kannte, als den Gewinn des ewigen Lebens!
Die züchtigende Hand des Herrn ließ es indessen bei Wilberforce nicht zum Äußersten kommen. Sein Flehen wurde erhört, die Krankheit wendete sich zum Besseren. Am 20. Oktober konnte er frohlockend und dankend melden, daß ihm sein geliebtes Weib erhalten sei und allmählich die Gesundheit und frühere Kraft wiedererlange. Wenn er sich aber dabei gleichsam in demselben Atem selbst anklagt, daß die ernsten Gefühle in den Augenblicken des Leidens hernach, wenn dasselbe durch Gottes Gnade vorüber sei, so bald wieder sich abschwächten und dahinschwänden, so beweist dies, wie sehr er gewohnt war, auch auf die leisesten Regungen seines Herzens zu achten und wie ihm äußere Erlebnisse in Freude und Leid niemals den heilsamen Blick in das eigene Herz trüben konnten.
Die Hoffnung, welche Wilberforce gehegt hatte, daß er, wenn der Friede mit Frankreich, nach welchem jetzt ganz England seufzte, geschlossen werden würde, es werde durchsetzen können, daß die Abschaffung des Sklavenhandels unter die Friedensbedingungen aufgenommen würde, erwies sich als eine trügerische. Wiewohl sich Pitt mit ihm vereinigte, schlug dieser Plan fehl. Da wegen der wichtigen Arbeiten, die dem Parlamente vorlagen, auch ein neuer Antrag wegen des Sklavenhandels keine Aussicht hatte, nur zur Beratung zu kommen, mußte sich Wilberforce darauf beschränken, durch seinen Schwager Stephen kleinere Flugschriften gegen den Sklavenhandel abfassen zu lassen, die dann in Massen unter das Volk geworfen wurden, um bei diesem das Interesse für die Sklavensache, welches unter den kriegerischen Unruhen und dem Drucke einer großen Teuerung fast erloschen sein mußte, wieder neu zu beleben.
Am 25. April 1802 war denn endlich zu Amiens der Friede mit Frankreich zu stande gekommen, und da Wilberforce wieder aufs neue als Vertreter für die Grafschaft York ins Parlament gewählt worden war, sprach er sich voll heiligen Eifers dafür aus, es sei nötig, die goldene Zeit des Friedens dazu zu verwenden, daß der sittliche Zustand des Landes gebessert werde, daß die Kinder der geringeren Stände in tugendhafter Sitte und zur Anhänglichkeit an die bürgerlichen und religiösen Einrichtungen des Landes erzogen würden, daß für die niedrigen Klassen der Steuerdruck ermäßigt und an Stelle der aufrührerischen Ansichten und Neigungen ein rechter Gemeingeist bei dem Volke geweckt und gepflegt würde.
Man erklärte freilich solche Reden im Parlamente kurzweg für baren Unsinn, aber Wilberforce ließ sich durch solche beleidigende Urteile den Mund nicht zubinden und kam immer wieder von neuem in seinen Reden auf diese Forderungen zurück.
Leider schien der Friede, den Wilberforce in solch heilsamer Weise benutzt haben wollte, nicht von langer Dauer sein zu sollen. Gegenseitige Beschwerden über Nichterfüllung der Bedingungen des Friedens von Amiens flogen über den Kanal hinüber, und es wurde bald klar, daß es zu einem Bruche mit dem französischen Gewalthaber, mit Napoleon kommen müsse, der auch England gerne unter sein Scepter gebeugt gesehen hätte.
Bei dieser unsicheren Lage der äußeren Verhältnisse, welche die ganze Aufmerksamkeit und Sorge des Parlaments in Anspruch nahmen, hielt es Wilberforce für völlig aussichtslos, und nur dazu geeignet, den Unmut der Volksvertreter zu erregen, wenn er auch jetzt wieder seine alten Anträge erneuert hätte.
Um aber nicht ganz unthätig in seiner großen Sache zu bleiben, entschloß er sich, wie es sein Schwager Stephen schon früher gethan hatte, eine Flugschrift zu schreiben, worin der ganze bisherige Gang der Verhandlungen über die Sklavensache klar und übersichtlich dargelegt wäre. Hatte doch seit dem Jahre 1792 eine sorgfältige und gründliche Verhandlung über diese Sache kaum mehr stattgefunden, und da fast die Hälfte der Volksvertreter, die damals im Parlamente gesessen hatten, durch neue ersetzt waren, so gab es unter diesen gewiß viele, denen jede nähere Bekanntschaft mit den bereits gepflogenen Verhandlungen und besonders mit den für die Schändlichkeit des Sklavenhandels beigebrachten Beweisen und Zeugnissen mangelte.
Wilberforce begab sich nun sogleich an diese Schrift und arbeitete den ganzen Januar 1803 so angestrengt und anhaltend, daß er sich eine Krankheit zuzog, die ihn längere Zeit an das Lager fesselte.
Kaum genesen beteiligte er sich mit feurigem Eifer im April 1803 an der Gründung der englischen Bibelgesellschaft, die noch heute in reichem Segen wirkt und schon viele Millionen Bibeln in hunderten von Sprachen nach allen Weltenden verbreitet hat.
Nichts desto weniger ließ er über solchen Friedensarbeiten die äußere Lage des Vaterlandes nicht aus den Augen und half mit aller Macht darauf dringen, daß das Land in den gehörigen Verteidigungszustand gesetzt werde. Denn, wenn der Krieg mit Frankreich wirklich wieder ausbrach, so lag die Befürchtung nahe, Napoleon würde wenigstens den Versuch machen, mit einem Heere in England zu landen. Indessen, so lange der Krieg nicht wirklich erklärt sei, riet Wilberforce zum Frieden, wenn auch für denselben Opfer sollten gebracht werden müssen. Er glaubte fürchten zu müssen, daß Gott in einem neuen, leichtsinnig begonnenen Kriege seine Zornesgerichte über England werde kommen lassen.
Als aber am 15. Mai 1803 der englische Gesandte Paris verlassen hatte und ihm am 18. die Kriegserklärung Napoleons auf dem Fuße folgte, forderte Wilberforce zu festen, kräftigen Schritten auf und sprach dafür trotz seines kränklichen Zustandes mit aller Wärme und Entschiedenheit, welche ihm die Vaterlandsliebe eingab.
VI.
Ein neues Ministerium, welches Pitt auf Befehl des Königs bildete, weil das bisherige sich für die bestehenden Verhältnisse zu schwach gezeigt hatte, zählte zu seinen Mitgliedern mehrere warme Freunde der Sklavensache, und Wilberforce konnte es deshalb nicht lassen, diesen günstigen Umstand zu benutzen und seinen Antrag auf Abschaffung des Sklavenhandels im Parlamente einzubringen, so unruhig auch die Zeiten waren.
Er hatte auch die Freude, daß derselbe im Unterhause bei jeder der drei Beratungen oder »Lesungen« angenommen wurde; allein das Oberhaus, dem der Antrag jetzt vorgelegt werden mußte, entschied sich dafür, ihn in Anbetracht der jetzigen Zeitverhältnisse für die nächste Sitzung zurückzulegen. Es sollte aber ein Erlaß des Ministeriums erscheinen, durch welchen einstweilen dem Sklavenhandel Einhalt gethan würde.
Indessen dieser Erlaß ließ ein ganzes Jahr auf sich warten, und als das Parlament sich wieder versammelte, wurde nicht etwa die günstige Entscheidung vom vorigen Jahre wiederholt und bestätigt, sondern wider alles Erwarten umgestoßen. Wilberforce blieb mit seinem Antrage in der Minderheit.
So nahe am Ziele gewesen zu sein nach 17jähriger Thätigkeit, und nun doch wieder eine völlige Vereitelung seiner so gegründeten Hoffnung erleben zu müssen, war für Wilberforce ein tiefer, brennender Schmerz. Er schrieb in sein Tagebuch die klagenden Worte: »Nie habe ich bei irgend einer Gelegenheit im Parlamente soviel empfunden. Als ich in der Nacht aufgewacht war, konnte ich nicht wieder einschlafen. Die armen Schwarzen kamen mir nicht aus dem Sinne und die Schuld unseres sündigen Vaterlandes.«
Aber nun die Hoffnung auf ein schließliches Gelingen seiner Arbeit ganz aufzugeben, war nicht die Sache eines Wilberforce. Dazu war seine Überzeugung, daß sein Werk aus Gott sei und dasselbe durch Menschen nicht gedämpft werden könne, viel zu tief und fest gegründet.
»Herr Wilberforce,« sagte ihm jemand, »Sie sollten nicht erwarten, eine derartige Maßregel durchzusetzen. Sie haben wohl Geschick, eine Sache zu betreiben, und dies ist eine sehr achtbare Beschäftigung für Sie; aber wir beide haben genug vom Leben gesehen, um zu wissen, daß Menschen sich nicht dazu bringen lassen, nach allgemeinen Grundsätzen zu handeln, wo ihre Interessen im Spiele sind.«
Und was antwortete Wilberforce?
»Ich hoffe es dennoch durchzusetzen, und was noch mehr ist: ich hege die Zuversicht, daß ich es bald durchsetze. Ich habe die allmähliche Veränderung bemerkt, welche seit einiger Zeit in den Gesinnungen der Menschen vorgegangen ist, und wenn auch die Maßregel noch ein oder zwei Jahre hingezogen werden mag, so bin ich doch überzeugt, daß sie binnen kurzem zu stande kommt.«
Pitt erließ jetzt endlich die versprochenen Befehle zur Hemmung des Sklavenhandels, aber sie erwiesen sich als zu unbestimmt abgefaßt, um irgend welchen Erfolg haben zu können, und Pitt wurde deshalb angegangen, sie zu ändern. Er that dies auch nach starkem Drängen und am 13.September 1805 wurde der geänderte Erlaß denn endlich veröffentlicht.
Es war einer der letzten, welcher von Pitt ausging. Denn derselbe wurde bald darauf ernstlich krank, und wenn ihn auch die Freude über den Seesieg Nelsons bei Trafalgar (21. Oktober 1805), wobei dieser große Seeheld zwar selber das Leben verlor, aber auch die französische Seemacht so gut wie völlig vernichtet wurde, wieder ein wenig stärkte und ausrichtete, so beugte ihn doch die traurige Nachricht von der Niederlage der englischen Bundesgenossen, der Russen und Österreicher, bei Austerlitz (2. Dezember) aufs tiefste nieder und übte einen so nachteiligen Einfluß auf seinen durch heftige Gichtschmerzen und Verdauungsstörungen geschwächten Körper, daß er am 23. Januar 1806 starb, wie Wilberforce sagte: »an gebrochenem Herzen, vom Feinde ebensowohl getötet wie Admiral Nelson.«
Tief bewegt folgte Wilberforce dem Sarge des Mannes, der 25 Jahre lang die Angelegenheiten seines Vaterlandes geleitet hatte und ihm, wenn auch vielleicht wegen des großen Standesunterschiedes nicht gerade im vollsten und schönsten Sinne des Wortes Freund geworden war, wozu überdies die volle innere Übereinstimmung fehlte in den höchsten und wichtigsten Lebensfragen, so doch die vollste Hochachtung und Anhänglichkeit abgewonnen hatte.
Dem neuen Ministerium, welches jetzt gebildet wurde, gehörten zum größten Teile Männer an, die zu den eifrigsten und lebendigsten Gegnern des Sklavenhandels zählen. Wie hob das wieder den Mut und die Freudigkeit des edlen Sklavenfreundes, und wie beeilte er sich nun sogleich wieder, die günstige Wendung der Dinge auszunutzen!
Ein Vorschlag, den Sklavenhandel nach fremden Kolonieen zu verbieten, wurde zum Vorläufer des weitergehenden auf völlige Abschaffung und Unterdrückung dieses Handels gemacht und erhielt im Mai 1806 die Zustimmung sowohl des Unter- wie des Oberhauses. Auch der weitere Vorschlag, daß sich das Parlament zu baldiger gänzlicher Abschaffung des Sklavenhandels verpflichten sollte, wurde im Unterhause mit großer Mehrheit von 100 gegen 14, im Oberhause mit 42 gegen 21 Stimmen angenommen. Ebenso wurde eine von Wilberforce beantragte Adresse an den König beschlossen, worin dieser gebeten wurde dahin zu wirken, daß auch die übrigen Mächte Europas den Sklavenhandel aufheben möchten.
Aber würde nicht, so mußte Wilberforce nun rechnen, die Sklavenhalter und Sklavenhändler jetzt, wo an der völligen Aufhebung des Sklavenhandels kaum mehr zu zweifeln schien, die ihnen noch gelassene Frist benutzen, um gerade jetzt diesen Handel in verstärktem Maße zu betreiben?
Von diesem Gedanken geleitet, brachte er noch einmal vor Schluß der Sitzung einen Gesetzesvorschlag ein, welcher verbot, daß Schiffe, die bis jetzt nicht zum Sklavenhandel gebraucht worden seien, nunmehr dazu verwendet würden, und siehe auch dieser Vorschlag fand zu seiner unsäglichen Freude die Zustimmung beider Häuser.
Allein es war für Wilberforce auf Grund der bisher gemachten Erfahrungen doch noch keine volle Sicherheit vorhanden, daß der lange und heiß ersehnte Sieg in seiner heiligen Sache nun endlich errungen sei, und er bot deshalb gerade jetzt seine ganze Kraft auf, ihr, soviel an ihm lag, zum völligen Siege zu verhelfen. Mit seinen Freunden bereitete er sich sorgfältig darauf vor, ein günstiges Zeugenverhör herbeiführen zu können, wenn allenfalls das Oberhaus noch einmal ein solches verlangen sollte. Er ging auch mit allem Eifer daran, seine vorhin erwähnte Flugschrift fertig zu machen, um dieselbe vor dem Zusammentreten des Oberhauses allen Mitgliedern desselben zusenden zu können und vollendete dieselbe durch rastloses Arbeiten so frühe, daß sie am letzten Januar 1807 ausgegeben werden konnte.
Um ihn zu solchem Eifer aufzustacheln, hätte es indessen so ehrender Zeugnisse keineswegs bedurft, wie ihm ein solches bereits im Juni 1806 durch eine Edinburger Zeitung ausgestellt worden war. Dort war nämlich zu lesen gewesen: »Wir wollen unsere Dankbarkeit dem Manne bezeugen, der diesen glorreichen Kampf begonnen und durchgeführt hat. Er hat dem Ausgange desselben alle seine Tage und alle seine Talente geweiht. Er hat sich jeglicher Belohnung für seine Anstrengungen entzogen, außer dem zufriedenstellenden Bewußtsein, seinen Mitgeschöpfen gutes erwiesen zu haben. Er hat der Menschheit gewidmet, was andere den Parteirücksichten geopfert haben, und den Ruhm, im Gedächtnisse einer dankbaren Welt fortzuleben den glänzenden Belohnungen des Ehrgeizes vorgezogen. Wir betrachten mit inniger Freude diesen ausgezeichneten Mann, wie er nahe vor seinem endlichen Triumphe sich befindet in der größten Schlacht, in der je menschliche Wesen fochten und in einer Sache, welche wir für einen Gegenstand des gerechten Neides der Ehrgeizigsten unter den Sterblichen halten.«
Der Stachel, den Wilberforce im eigenen Herzen trug, der Stachel der Liebe zu den armen Schwarzen und die Überzeugung, von Gott zur Linderung ihrer Leiden berufen zu sein, war mächtiger als alle solche ehrenden Worte.
Am 3. Februar 1807 kam die Sklavensache zur Verhandlung im Oberhause und beschäftigte dasselbe die ganze Nacht hindurch bis Morgens 5 Uhr. Aber obwohl zwei Minister, ja selbst Prinzen des Königlichen Hauses dagegen auftraten, erklärten sich doch schließlich 100 Stimmen für die Abschaffung des Sklavenhandels, und nur 34 dagegen.
Nun fehlte nur noch eine günstige Entscheidung des Unterhauses, in welchem die Sache am 23. Februar vorgebracht werden sollte.
Aber wie bangte nun unserem Wilberforce vor dieser entscheidenden Sitzung! Hatte er es doch schon einmal erleben müssen, daß es trotz der günstigsten, fast zweifellosen Aussichten zuletzt doch noch übel gegangen war! Wie eifrig betete er, daß Gott alles zum Besten wenden möge und stellte ihm in Demut alles anheim!
Am 15. Februar schrieb er in sein Tagebuch: »Was für eine schreckliche Zeit ist das! Die Entscheidung der großen Frage nähert sich. Möge Gott, der die Herzen aller in seiner Gewalt hat, sie wenden wie im Oberhause! Möge er mich mit einem einfältigen Auge und Herzen ausrüsten, daß ich nur wünsche, Ihm zu gefallen, meinen Mitmenschen gutes zu erweisen und meinem angebeteten Erlöser meine Dankbarkeit zu bezeugen!«
Und am 22. Februar, am Vorabende des Tages, der die Entscheidung bringen sollte, schrieb er ebenso demütig: »Gewiß nie hatte ich mehr Ursache zur Dankbarkeit als jetzt, da ich den großen Gegenstand meines Lebens zu Ende führe, auf welchen eine gnädige Vorsehung meine Gedanken vor 26 oder 27 Jahren und meine Thätigkeit seit 1787 oder 1788 gerichtet hat. O Herr, laß mich dich preisen von ganzem Herzen; denn nie war jemand so sehr in der Schuld gegen dich. Wohin ich auch blicke, sehe ich mich mit Segnungen überhäuft. O möge meine Dankbarkeit nur einigermaßen im Verhältnisse zu denselben stehen!«
Bei den Verhandlungen des folgenden Tages war es nur ein einziger westindischer Pflanzer und Sklavenhalter, der gegen das Gesetz sprach, aber durch eine glänzende Rede, die Wilberforce hielt und in der er noch einmal die ganze Fülle seiner Beweise für die Schändlichkeit des Sklavenhandels entwickelte, sofort zum Schweigen gebracht wurde. Von dieser Rede begeistert rief der Generalprokurator Romilly aus: »Was ist das Gefühl der Größe, das ein Kaiser der Franzosen, ein Napoleon, hat gegen das Hochgefühl dieses Privatmannes, der heute sein Haupt aufs Kissen legen darf mit dem Gedanken: der Sklavenhandel ist nicht mehr!«
Ein Sturm des Beifalls brach los, wie ihn die Parlamentsräume noch nie gehört haben mochten. Alle die ernste würdevolle Zurückhaltung, die sonst in diesen Räumen üblich war und jede laute Beifallsäußerung verbot, war völlig vergessen, und als es zur Abstimmung kam, erklärten sich 283 Stimmen für, und nur 16 gegen die Abschaffung des Sklavenhandels.
Wie in einem Triumphzuge wurde Wilberforce von seinen Freunden nach Hause geleitet, und von allen Seiten regnete es gleichsam Beglückwünschungen für ihn. Er aber ging in sein Kämmerlein und schrieb mit betendem Aufblicke nach oben in sein Tagebuch: »O wieviel Dank bin ich dem Geber alles Guten dafür schuldig, daß er mich in seiner gnädigen Fürsorge zu der großen Sache geführt hat, welche endlich nach fast 19jähriger Anstrengung Erfolg gehabt hat!«
Nachdem das Gesetz wegen einiger Veränderungen, die daran gemacht worden waren, noch einmal durch das Oberhaus gegangen war und auch in der geänderten Fassung dessen Zustimmung erhalten hatte, erhielt es am 25. März 1807 auch die Königliche Bestätigung und damit volle Gesetzeskraft.
Das Ministerium, welchem es Wilberforce zu verdanken hatte, daß er endlich mit seinen unaufhörlichen Anträgen durchgedrungen war, wurde bald darauf zu seinem großen Leidwesen von dem Könige entlassen; dadurch wurde aber auch eine Auflösung des Parlaments herbeigeführt, und es mußte zu neuen Wahlen geschritten werden.
Hier zeigte es sich nun so recht handgreiflich, mit welcher Liebe seine Wähler in der Grafschaft York an ihrem bisherigen Vertreter Wilberforce hingen. Es war nämlich ein angesehener Mann, Lord Milton, als Mitbewerber um die Vertretung der Grafschaft aufgetreten, dem es ein Geringes war, die großen Kosten zu bestreiten, welche eine Wahl ins Parlament für den Gewählten mit sich führte. Es galt nämlich für ihn, allen Wählern, welche ihm seine Stimme geben sollten, die Kosten der Reise nach dem Wahlorte zu vergüten und das verursachte besonders in einer so weitausgedehnten Grafschaft, wie die Grafschaft York, höchst bedeutende Ausgaben. Traten mehrere Bewerber um die Stimmen der Wähler auf, so hatte in der Regel, wenn es sich nicht gerade um besondere Parteiinteressen handelte, derjenige die meiste Aussicht, gewählt zu werden, welcher sich bei Vergütung der Reisekosten am freigebigsten zeigte und den Ersatz so bemaß, daß auch wohl nach gemachter Reise noch etwas Erkleckliches in der Tasche blieb.
Wilberforce hatte jetzt, wo er für eine Familie zu sorgen hatte, nicht Lust einen großen Teil seines Vermögens für einen Sitz im Unterhause zu opfern und ließ dies einmal in einer Versammlung seiner Freunde zu York so nebenher fallen. Da rief aber sofort jemand: »Wir dürfen unseren Wilberforce nicht verlassen, daher unterzeichne ich 500 Pfund zu den Wahlkosten.« – Und siehe im Handumdrehen gleichsam war die bedeutende Summe von 18000 Pfund (360000 Mark) durch die Anwesenden gezeichnet und stieg nachher noch durch weitere Zeichnungen auf 64455 Pfund, über eine Million Mark. Es wurde als eine Ehrensache für die Grafschaft angesehen, ihrem langjährigen hochgeschätzten Vertreter jedes persönliche Opfer an Geld zu ersparen, wo derselbe so treu und mit so hingebender Selbstverleugnung der Grafschaft seine Kraft und Zeit widmete.