DER SCHWIERIGE
LUSTSPIEL
VON
HUGO VON HOFMANNSTHAL
S. FISCHER / VERLAG
BERLIN
DER SCHWIERIGE
Lustspiel
in drei Akten
von
HUGO VON HOFMANNSTHAL
1921
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste und zweite Auflage
Alle Rechte vorbehalten
Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript
Das Recht der Aufführung ist nur von S. Fischer, Verlag, Berlin W, Bülowstr. 90, zu erwerben
Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin
[Personen]
Hans Karl Bühl
Crescence, seine Schwester
Stani, ihr Sohn
Helene Altenwyl
Altenwyl
Antoinette Hechingen
Hechingen
Neuhoff
Edine }
Nanni } Antoinettes Freundinnen
Huberta }
Agathe, Kammerjungfer
Neugebauer, Sekretär
Lukas, erster Diener bei Hans Karl.
Vinzenz, ein neuer Diener.
Ein berühmter Mann.
Bühlsche und Altenwylsche Diener.
ERSTER AKT
Mittelgroßer Raum eines Wiener älteren Stadtpalais, als Arbeitszimmer des Hausherrn eingerichtet.
Erste Szene
Lukas herein mit Vinzenz.
Lukas. Hier ist das sogenannte Arbeitszimmer. Verwandtschaft und sehr gute Freunde werden hier hereingeführt oder nur wenn speziell gesagt wird, in den grünen Salon.
Vinzenz (tritt ein). Was arbeitet er? Majoratsverwaltung? Oder was? Politische Sachen?
Lukas. Durch diese Spalettür kommt der Sekretär herein.
Vinzenz. Privatsekretär hat er auch? Das sind doch Hungerleider! Verfehlte Existenzen! Hat der bei ihm was zu sagen?
Lukas. Hier geht's durch ins Toilettezimmer. Dort werden wir jetzt hineingehen und Smoking und Frack herrichten zur Auswahl je nachdem, weil nichts Spezielles angeordnet ist.
Vinzenz (schnüffelt an allen Möbeln herum). Also was? Sie wollen mir jetzt den Dienst zeigen? Es hätte Zeit gehabt bis morgen früh, und wir hätten uns jetzt kollegial unterhalten können. Was eine Herrenbedienung ist, das ist mir seit vielen Jahren zum Bewußtsein gekommen, also beschränken Sie sich auf das Nötige; damit meine ich die Besonderheiten. Also was? Fangen Sie schon an!
Lukas (richtet ein Bild, das nicht ganz gerade hängt). Er kann kein Bild und keinen Spiegel schief hängen sehen. Wenn er anfängt, alle Laden aufzusperren oder einen verlegten Schlüssel zu suchen, dann ist er sehr schlechter Laune.
Vinzenz. Lassen Sie jetzt solche Lappalien. Sie haben mir doch gesagt, daß die Schwester und der Neffe, die hier im Hause wohnen, auch jedesmal angemeldet werden müssen.
Lukas (putzt mit dem Taschentuch an einem Spiegel). Genau wie jeder Besuch. Darauf hält er sehr streng.
Vinzenz. Was steckt da dahinter? Da will er sie sich vom Leibe halten. Warum läßt er sie dann hier wohnen? Er wird doch mehrere Häuser haben? Das sind doch seine Erben. Die wünschen doch seinen Tod.
Lukas. Die Frau Gräfin Crescence und der Graf Stani? Ja, da sei Gott vor! Ich weiß nicht, wie Sie mir vorkommen!
Vinzenz. Lassen Sie ihre Ansichten. Was bezweckt er also, wenn er die im Haus hat? Das interessiert mich. Nämlich: es wirft ein Licht auf gewisse Absichten. Die muß ich kennen, bevor ich mich mit ihm einlasse.
Lukas. Auf was für gewisse Absichten?
Vinzenz. Wiederholen Sie nicht meine Worte! Für mich ist das eine ernste Sache. Konvenierendenfalls ist das hier eine Unterbringung für mein Leben. Wenn Sie sich zurückgezogen haben als Verwalter, werde ich hier alles in die Hand nehmen. Das Haus paßt mir eventuell soweit nach allem, was ich höre. Aber ich will wissen, woran ich bin. Wenn er sich die Verwandten da ins Haus setzt, heißt das soviel, als: er will ein neues Leben anfangen. Bei seinem Alter und nach der Kriegszeit ist das ganz erklärlich. Wenn man einmal die geschlagene Vierzig auf dem Rücken hat. —
Lukas. Der Erlaucht vierzigste Geburtstag ist kommendes Jahr.
Vinzenz. Kurz und gut, er will ein Ende machen mit den Weibergeschichten. Er hat genug von den Spanponaden.
Lukas. Ich verstehe Ihr Gewäsch nicht.
Vinzenz. Aber natürlich verstehen Sie mich ganz gut, Sie Herr Schätz. — Es stimmt das insofern mit dem überein, was mir die Portierin erzählt hat. Jetzt kommt alles darauf an: geht er mit der Ansicht um, zu heiraten? In diesem Fall kommt eine legitime Weiberwirtschaft ins Haus, was hab' ich da zu suchen? — Oder er will sein Leben als Junggeselle mit mir beschließen! Äußern Sie mir also darüber Ihre Vermutungen. Das ist der Punkt, der für mich der Hauptpunkt ist, nämlich.
Lukas (räuspert sich).
Vinzenz. Was erschrecken Sie mich.
Lukas. Er steht manchmal im Zimmer, ohne daß man ihn gehen hört.
Vinzenz. Was bezweckt er damit? Will er einen hineinlegen? Ist er überhaupt so heimtückisch?
Lukas. In diesem Fall haben Sie lautlos zu verschwinden.
Vinzenz. Das sind mir ekelhafte Gewohnheiten. Die werde ich ihm zeitig abgewöhnen.
Zweite Szene
Hans Karl (ist leise eingetreten). Bleiben Sie nur, Lukas. Sind Sie's, Neugebauer?
Vinzenz (steht seitwärts im Dunkeln).
Lukas. Erlaucht melde untertänigst, das ist der neue Diener, der vier Jahre beim Durchlaucht Fürst Palm war.
Hans Karl. Machen Sie nur weiter mit ihm. Der Herr Neugebauer soll herüberkommen mit den Akten, betreffend Hohenbühl. Im übrigen bin ich für niemand zu Hause. (Man hört eine Glocke.)
Lukas. Das ist die Glocke vom kleinen Vorzimmer. (Geht.)
Vinzenz (bleibt).
Hans Karl (ist an den Schreibtisch getreten).
Dritte Szene
Lukas (tritt ein und meldet): Frau Gräfin Freudenberg.
Crescence (ist gleich nach ihm eingetreten).
Lukas (tritt ab, Vinzenz ebenfalls).
Crescence. Stört man dich, Kari? Pardon —
Hans Karl. Aber meine gute Crescence.
Crescence. Ich geh' hinauf, mich anziehen — für die Soiree.
Hans Karl. Bei Altenwyls?
Crescence. Du erscheinst doch auch? Oder nicht? Ich möchte nur wissen, mein Lieber.
Hans Karl. Wenn's dir ganz gleich gewesen wäre, hätte ich mich eventuell später entschlossen und vom Kasino aus eventuell abtelephoniert. Du weißt, ich binde mich so ungern.
Crescence. Ah ja.
Hans Karl. Aber wenn du auf mich gezählt hättest —
Crescence. Mein lieber Kari, ich bin alt genug, um allein nach Hause zu fahren — überdies kommt der Stani hin und holt mich ab. Also du kommst nicht?
Hans Karl. Ich hätt' mir's gern noch überlegt.
Crescence. Eine Soiree wird nicht attraktiver, wenn man über sie nachdenkt, mein Lieber. Und dann hab' ich geglaubt, du hast dir draußen das viele Nachdenken ein bißl abgewöhnt. (Setzt sich zu ihm, der beim Schreibtisch steht.) Sei er gut, Kari, hab' er das nicht mehr, dieses Unleidliche, Sprunghafte, Entschlußlose, daß man sich hat aufs Messer streiten müssen mit seinen Freunden, weil der eine ihn einen Hypochonder nennt, der andere einen Spielverderber, der dritte einen Menschen, auf den man sich nicht verlassen kann. — Du bist in einer so ausgezeichneten Verfassung zurückgekommen, jetzt bist du wieder so, wie du mit zweiundzwanzig Jahren warst, wo ich beinah' verliebt war in meinen Bruder.
Hans Karl. Meine gute Crescence, machst du mir Komplimente?
Crescence. Aber nein, ich sag's, wie's ist: da ist der Stani ein unbestechlicher Richter; er findet dich einfach den ersten Herrn in der großen Welt, bei ihm heißt's jetzt, Onkel Kari hin, Onkel Kari her, man kann ihm kein größeres Kompliment machen, als daß er dir ähnlich sieht, und das tut er ja auch — in den Bewegungen ist er ja dein zweites Selbst — er kennt nichts Eleganteres als die Art, wie du die Menschen behandelst, das große air, die distance, die du allen Leuten gibst — dabei die komplette Gleichmäßigkeit und Bonhomie auch gegen den Niedrigsten — aber er hat natürlich, wie ich auch, deine Schwächen heraus; er adoriert den Entschluß, die Kraft, das Definitive, er haßt den Wiegel-Wagel, darin ist er wie ich!
Hans Karl. Ich gratulier dir zu deinem Sohn, Crescence. Ich bin sicher, daß du immer viel Freud' an ihm erleben wirst.
Crescence. Aber — pour revenir à nos moutons, Herr Gott, wenn man durchgemacht hat, was du durchgemacht hast, und sich dabei benommen hat, als wenn es nichts wäre ...
Hans Karl (geniert). Das hat doch jeder getan!
Crescence. Ah, pardon, jeder nicht. Aber da hätte ich doch geglaubt, daß man seine Hypochondrien überwunden haben könnte!
Hans Karl. Die vor den Leuten in einem Salon hab ich halt noch immer. Eine Soiree ist mir ein Graus, ich kann mir halt nicht helfen. Ich begreife noch allenfalls, daß sich Leute finden, die ein Haus machen, aber nicht, daß es welche gibt, die hingehen.
Crescence. Also wovor fürchtest du dich? Das muß sich doch diskutieren lassen. Langweilen dich die alten Leut'?
Hans Karl. Ah, die sind ja scharmant, die sind so artig.
Crescence. Oder gehen dir die Jungen auf die Nerven?
Hans Karl. Gegen die hab' ich gar nichts. Aber die Sache selber ist mir halt so eine Horreur, weißt du, das Ganze — das Ganze ist so ein unentwirrbarer Knäuel von Mißverständnissen. Ah, diese chronischen Mißverständnisse!
Crescence. Nach allem, was du draußen durchgemacht hast, ist mir das eben unbegreiflich, daß man da nicht abgehärtet ist.
Hans Karl. Crescence, das macht einen ja nicht weniger empfindlich, sondern mehr. Wieso verstehst du das nicht? Mir können über eine Dummheit die Tränen in die Augen kommen — oder es wird mir heiß vor Gêne über eine ganze Kleinigkeit, über eine Nuance, die kein Mensch merkt, oder es passiert mir, daß ich ganz laut sag', was ich mir denk' — das sind doch unmögliche Zuständ', um unter Leut' zu gehen. Ich kann dir gar nicht definieren, aber es ist stärker als ich. Aufrichtig gestanden: ich habe vor zwei Stunden Auftrag gegeben, bei Altenwyls abzusagen. Vielleicht eine andere Soiree, nächstens, aber die nicht.
Crescence. Die nicht. Also warum grad die nicht?
Hans Karl. Es ist stärker als ich, so ganz im allgemeinen.
Crescence. Wenn du sagst, im allgemeinen, so meinst du was Spezielles.
Hans Karl. Nicht die Spur, Crescence.
Crescence. Natürlich. Aha. Also, in diesem Punkt kann ich dich beruhigen.
Hans Karl. In welchem Punkt?
Crescence. Was die Helen betrifft.
Hans Karl. Wie kommst du auf die Helen?
Crescence. Mein Lieber, ich bin weder taub, noch blind, und daß die Helen von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an, bis vor kurzem, na, sagen wir, bis ins zweite Kriegsjahr, in dich verliebt war bis über die Ohren, dafür hab' ich meine Indizien, erstens, zweitens und drittens.
Hans Karl. Aber Crescence, da redest du dir etwas ein ...
Crescence. Weißt du, daß ich mir früher, so vor drei, vier Jahren, wie sie eine ganz junge Debütantin war, eingebildet hab', das wär' die eine Person auf der Welt, die dich fixieren könnt', die deine Frau werden könnt'. Aber ich bin zu Tod froh, daß es nicht so gekommen ist. Zwei so komplizierte Menschen, das tut kein gut.
Hans Karl. Du tust mir zuviel Ehre an. Ich bin der unkomplizierteste Mensch von der Welt. (Er hat eine Lade am Schreibtisch herausgezogen.) Aber ich weiß gar nicht, wie du auf die Idee — ich bin der Helen attachiert, sie ist doch eine Art von Cousine, ich hab' sie so klein gekannt — sie könnte meine Tochter sein. (Sucht in der Lade nach etwas.)
Crescence. Meine schon eher. Aber ich möcht sie nicht als Tochter. Und ich möcht erst recht nicht diesen Baron Neuhoff als Schwiegersohn.
Hans Karl. Den Neuhoff? Ist das eine so ernste Geschichte?
Crescence. Sie wird ihn heiraten.
Hans Karl (stößt die Lade zu).
Crescence. Ich betrachte es als vollzogene Tatsache, dem zu Trotz, daß er ein wildfremder Mensch ist, dahergeschneit aus irgendeiner Ostseeprovinz, wo sich die Wölf' gute Nacht sagen ...
Hans Karl. Geographie war nie deine Stärke. Crescence, die Neuhoffs sind eine holsteinische Familie.
Crescence. Aber das ist doch ganz gleich. Kurz, wildfremde Leut'.
Hans Karl. Übrigens eine ganz erste Familie. So gut alliiert, als man überhaupt sein kann.
Crescence. Aber, ich bitt' dich, das steht im Gotha. Wer kann denn das von hier aus kontrollieren?
Hans Karl. Du bist aber sehr acharniert gegen den Menschen.
Crescence. Es ist aber auch danach! Wenn eins der ersten Mädeln, wie die Helen, sich auf einem wildfremden Menschen entêtiert, dem zu Trotz, daß er hier in seinem Leben keine Position haben wird ...
Hans Karl. Glaubst du?
Crescence. In seinem Leben! dem zu Trotz, daß sie sich aus seiner Suada nichts macht, kurz, sich und der Welt zu Trotz ...
(Eine kleine Pause.)
Hans Karl (zieht mit einiger Heftigkeit eine andere Lade heraus).
Crescence. Kann ich dir suchen helfen? Du enervierst dich.
Hans Karl. Ich dank' dir tausendmal, ich such' eigentlich gar nichts, ich hab' den falschen Schlüssel hineingesteckt.
Sekretär (erscheint an der kleinen Tür). Oh, ich bitte untertänigst um Verzeihung.
Hans Karl. Ein bissel später bin ich frei, lieber Neugebauer.
Sekretär (zieht sich zurück).
Crescence (tritt an den Tisch). Kari, wenn dir nur ein ganz kleiner Gefallen damit geschieht, so hintertreib' ich diese Geschichte.
Hans Karl. Was für eine Geschichte?
Crescence. Die, von der wir sprechen: Helen-Neuhoff. Ich hintertreib' sie von heut' auf morgen.
Hans Karl. Was?
Crescence. Ich nehm' Gift darauf, daß sie heute noch genau so verliebt in dich ist wie vor sechs Jahren, und daß es nur ein Wort, nur den Schatten einer Andeutung braucht —
Hans Karl. Die ich dich doch um Gottes willen nicht zu machen bitte —
Crescence. Ah so, bitte sehr. Auch gut.
Hans Karl. Meine Liebe, allen Respekt vor deiner energischen Art, aber so einfach sind doch gottlob die Menschen nicht.
Crescence. Mein Lieber, die Menschen sind gottlob sehr einfach, wenn man sie einfach nimmt. Ich seh' also, daß diese Nachricht kein großer Schlag für dich ist. Um so besser — du hast dich von der Helen desinteressiert, ich nehm' das zur Kenntnis.
Hans Karl (aufstehend). Aber ich weiß nicht, wie du nur auf den Gedanken kommst, daß ich es nötig gehabt hätt', mich zu desinteressieren. Haben denn andere Personen auch diese bizarren Gedanken?
Crescence. Sehr wahrscheinlich.
Hans Karl. Weißt du, daß mir das direkt Lust macht, hinzugehen?
Crescence. Und dem Theophil deinen Segen zu geben? Er wird entzückt sein. Er wird die größten Bassessen machen, um deine Intimität zu erwerben.
Hans Karl. Findest du nicht, daß es sehr richtig gewesen wäre, wenn ich mich unter diesen Umständen schon längst bei Altenwyls gezeigt hätte? Es tut mir außerordentlich leid, daß ich abgesagt habe.
Crescence. Also laß wieder anrufen: es war ein Mißverständnis durch einen neuen Diener und du wirst kommen.
Lukas (tritt ein).
Hans Karl (zu Crescence). Weißt du, ich möchte es doch noch überlegen.
Lukas. Ich hätte für später untertänigst jemanden anzumelden.
Crescence (zu Lukas). Ich geh. Telephonieren Sie schnell zum Grafen Altenwyl, Seine Erlaucht würden heut' abend dort erscheinen. Es war ein Mißverständnis.
Lukas (sieht Hans Karl an).
Hans Karl (ohne Lukas anzusehen). Da müßt er allerdings auch noch vorher ins Kasino telephonieren, ich laß den Grafen Hechingen bitten, zum Diner und auch nachher nicht auf mich zu warten.
Crescence. Natürlich, das macht er gleich. Aber zuerst zum Grafen Altenwyl, damit die Leut' wissen, woran sie sind.
Lukas (ab).
Crescence (steht auf). So, und jetzt laß ich dich deinen Geschäften. (Im Gehen.) Mit welchem Hechingen warst du besprochen? Mit dem Nandi?
Hans Karl. Nein, mit dem Adolf.
Crescence (kommt zurück). Der Antoinette ihrem Mann? Ist er nicht ein kompletter Dummkopf?
Hans Karl. Weißt du, Crescence, darüber hab' ich gar kein Urteil. Mir kommt bei Konversationen auf die Länge alles sogenannte Gescheite dumm und noch eher das Dumme gescheit vor ...
Crescence. Und ich bin von vornherein überzeugt, daß an ihm mehr ist als an ihr.
Hans Karl. Weißt du, ich hab' ihn ja früher gar nicht gekannt, oder (er hat sich gegen die Wand gewendet und richtet an einem Bild, das nicht gerade hängt) — nur als Mann seiner Frau — und dann draußen, da haben wir uns miteinander angefreundet. Weißt du, er ist ein so völlig anständiger Mensch. Wir waren miteinander, im Winter Fünfzehn, zwanzig Wochen in der Stellung in den Waldkarpathen, ich mit meinen Schützen und er mit seinen Pionieren, und wir haben das letzte Stückl Brot miteinander geteilt. Ich hab' sehr viel Respekt vor ihm bekommen. Brave Menschen hat's draußen viele gegeben, aber ich habe nie einen gesehen, der vis-à-vis dem Tod sich eine solche Ruhe bewahrt hätte, beinahe eine Art Behaglichkeit.
Crescence. Wenn dich seine Verwandten reden hören könnten, die würden dich umarmen. So geh hin zu dieser Närrin und versöhn sie mit dem Menschen, du machst zwei Familien glücklich. Diese ewig in der Luft hängende Idee einer Scheidung oder Trennung, g'hupft wie g'sprungen, geht ja allen auf die Nerven. Und außerdem wär es für dich selbst gut, wenn die Geschichte in eine Form käme.
Hans Karl. Inwiefern das?
Crescence. Also, damit ich dir's sage: es gibt Leut', die den ungereimten Gedanken aussprechen, wenn die Ehe annulliert werden könnt', du würdest sie heiraten.
Hans Karl (schweigt).
Crescence. Ich sag' ja nicht, daß es seriöse Leut' sind, die diesen bei den Haaren herbeigezogenen Unsinn zusammenreden.
Hans Karl (schweigt).
Crescence. Hast du sie schon besucht, seit du aus dem Feld zurück bist?
Hans Karl. Nein, ich sollte natürlich.
Crescence (nach der Seite sehend). So besuch' sie doch morgen und red' ihr ins Gewissen.
Hans Karl (bückt sich, wie um etwas aufzuheben). Ich weiß wirklich nicht, ob ich gerade der richtige Mensch dafür wäre.
Crescence. Du tust sogar direkt ein gutes Werk. Dadurch gibst du ihr deutlich zu verstehen, daß sie auf dem Holzweg war, wie sie mit aller Gewalt sich hat vor zwei Jahren mit dir affichieren wollen.
Hans Karl (ohne sie anzusehen). Das ist eine Idee von dir.
Crescence. Ganz genau so, wie sie es heut' auf den Stani abgesehen hat.
Hans Karl (erstaunt). Deinen Stani?
Crescence. Seit dem Frühjahr. (Sie war bis zur Tür gegangen, kehrt wieder um, kommt bis zum Schreibtisch.) Er könnte mir da einen großen Gefallen tun, Kari ...
Hans Karl. Aber ich bitte doch um Gottes willen. So sag sie doch! (Er bietet ihr Platz an, sie bleibt stehen.)
Crescence. Ich schick' ihm den Stani auf einen Moment herunter. Mach' er ihm den Standpunkt klar. Sag' er ihm, daß die Antoinette — eine Frau ist, die einen unnötig kompromittiert. Kurz und gut, verleid' er sie ihm.
Hans Karl. Ja, wie stellst du dir denn das vor? Wenn er verliebt in sie ist?
Crescence. Aber Männer sind doch nie so verliebt, und du bist doch das Orakel für den Stani. Wenn du die Konversation benutzen wolltest — versprichst du mir's?
Hans Karl. Ja, weißt du — wenn sich ein zwangloser Übergang findet —
Crescence (ist wieder bis zur Tür gegangen, spricht von dort aus). Du wirst schon das Richtige finden. Du machst dir keine Idee, was du für eine Autorität für ihn bist. (Im Begriff hinauszugehen, macht sie wiederum kehrt, kommt bis an den Schreibtisch vor.) Sag ihm, daß du sie unelegant findest — und, daß du dich nie mit ihr eingelassen hättest. Dann laßt er sie von morgen an stehen. (Sie geht wieder zur Tür, das gleiche Spiel.) Weißt du, sag's ihm nicht zu scharf, aber auch nicht gar zu leicht. Nicht gar zu sous-entendu. Und daß er ja keinen Verdacht hat, daß es von mir kommt — er hat die fixe Idee, ich will ihn verheiraten, natürlich will ich, aber — er darf's nicht merken: darin ist er ja so ähnlich mit dir: die bloße Idee, daß man ihn beeinflussen möcht' — ! (Noch einmal das gleiche Spiel.) Weißt du, mir liegt sehr viel dran, daß es heute noch gesagt wird, wozu einen Abend verlieren? Auf die Weise hast du auch dein Programm: du machst der Antoinette klar, wie du das Ganze mißbilligst — du bringst sie auf ihre Ehe — du singst dem Adolf sein Lob — so hast du eine Mission, und der ganze Abend hat einen Sinn für dich. (Sie geht.)
Vierte Szene
Vinzenz (ist von rechts hereingekommen, sieht sich zuerst um, ob Crescence fort ist, dann). Ich weiß nicht, ob der erste Diener gemeldet hat, es ist draußen eine jüngere Person, eine Kammerfrau oder so etwas ...
Hans Karl. Um was handelt sich's?
Vinzenz. Sie kommt von der Frau Gräfin Hechingen nämlich. Sie scheint so eine Vertrauensperson zu sein. (Nochmals näher tretend.) Eine verschämte Arme ist es nicht.
Hans Karl. Ich werde das alles selbst sehen, führen Sie sie herein.
Vinzenz (rechts ab).
Fünfte Szene
Lukas (schnell herein durch die Mitte). Ist untertänigst Euer Erlaucht gemeldet worden? Von Frau Gräfin Hechingen die Kammerfrau, die Agathe. Ich habe gesagt: Ich weiß durchaus nicht, ob Erlaucht zu Hause sind.
Hans Karl. Gut. Ich habe sagen lassen, ich bin da. Haben Sie zum Grafen Altenwyl telephoniert?
Lukas. Ich bitte Erlaucht untertänigst um Vergebung. Ich habe bemerkt, Erlaucht wünschen nicht, daß telephoniert wird, wünschen aber auch nicht, der Frau Gräfin zu widersprechen — so habe ich vorläufig nichts telephoniert.
Hans Karl (lächelnd). Gut, Lukas.
Lukas (geht bis an die Tür).
Hans Karl. Lukas, wie finden Sie den neuen Diener?
Lukas (zögernd). Man wird vielleicht sehen, wie er sich macht.
Hans Karl. Unmöglicher Mann. Auszahlen. Wegexpedieren!
Lukas. Sehr wohl, Euer Erlaucht. So hab' ich mir gedacht.
Hans Karl. Heute abend nichts erwähnen.
Sechste Szene
Vinzenz (führt Agathe herein. Beide Diener ab).
Hans Karl. Guten Abend, Agathe.
Agathe. Daß ich Sie sehe, Euer Gnaden Erlaucht! Ich zittre ja.
Hans Karl. Wollen Sie sich nicht setzen?
Agathe (stehend). Oh, Euer Gnaden, seien nur nicht ungehalten darüber, daß ich gekommen bin, statt dem Brandstätter.
Hans Karl. Aber liebe Agathe, wir sind ja doch alte Bekannte. Was bringt Sie denn zu mir?
Agathe. Mein Gott, das wissen doch Erlaucht. Ich komm' wegen der Briefe.
Hans Karl (ist betroffen).
Agathe. Oh Verzeihung, oh Gott, es ist ja nicht zum Ausdenken, wie mir meine Frau Gräfin eingeschärft hat, durch mein Betragen nichts zu verderben.
Hans Karl (zögernd). Die Frau Gräfin hat mir allerdings geschrieben, daß gewisse in meiner Hand befindliche, ihr gehörige Briefe, würden von einem Herrn Brandstätter am Fünfzehnten abgeholt werden. Heute ist der Zwölfte, aber ich kann natürlich die Briefe auch Ihnen übergeben. Sofort, wenn es der Wunsch der Frau Gräfin ist. Ich weiß ja, Sie sind der Frau Gräfin sehr ergeben.
Agathe. Gewisse Briefe — wie Sie das sagen, Erlaucht. Ich weiß ja doch, was das für Briefe sind.
Hans Karl (kühl). Ich werde sofort den Auftrag geben.
Agathe. Wenn sie uns so beisammen sehen könnte, meine Frau Gräfin. Das wäre ihr eine Beruhigung, eine kleine Linderung.
Hans Karl (fängt an, in der Lade zu suchen).
Agathe. Nach diesen entsetzlichen sieben Wochen, seitdem wir wissen, daß unser Herr Graf aus dem Felde zurück ist und wir kein Lebenszeichen von ihm haben ...
Hans Karl (sieht auf). Sie haben vom Grafen Hechingen kein Lebenszeichen?
Agathe. Von dem! Wenn ich sage, »unser Herr Graf«, das heißt in unserer Sprache Sie Erlaucht! Vom Grafen Hechingen sagen wir nicht »unser Herr Graf!«
Hans Karl (sehr geniert). Ah, pardon, das konnte ich nicht wissen.
Agathe (schüchtern). Bis heute nachmittag haben wir ja geglaubt, daß heute bei der gräflich Altenwylschen Soiree das Wiedersehen sein wird. Da telephoniert mir die Jungfrau von der Komtesse Altenwyl: Er hat abgesagt!
Hans Karl (steht auf).
Agathe. Er hat abgesagt, Agathe, ruft die Frau Gräfin, abgesagt, weil er gehört hat, daß ich hinkomme! Dann ist doch alles vorbei und dabei schaut sie mich an mit einem Blick, der einen Stein erweichen könnte.
Hans Karl (sehr höflich, aber mit dem Wunsche, ein Ende zu machen). Ich fürchte, ich habe die gewünschten Briefe nicht hier in meinem Schreibtisch, ich werde gleich meinen Sekretär rufen.
Agathe. Oh Gott, in der Hand eines Sekretärs sind diese Briefe! Das dürfte meine Frau Gräfin nie erfahren!
Hans Karl. Die Briefe sind natürlich eingesiegelt.
Agathe. Eingesiegelt! So weit ist es schon gekommen?
Hans Karl (spricht ins Telephon). Lieber Neugebauer, wenn Sie für einen Augenblick herüberkommen würden! Ja, ich bin jetzt frei — aber ohne die Akten — es handelt sich um etwas anderes. Augenblicklich? Nein, rechnen Sie nur zu Ende. In drei Minuten, das genügt.
Agathe. Er darf mich nicht sehen, er kennt mich von früher!
Hans Karl. Sie können in die Bibliothek treten, ich mach' Ihnen Licht.
Agathe. Wie hätten wir uns denn das denken können, daß alles auf einmal vorbei ist.
Hans Karl (im Begriff, sie hinüberzuführen, bleibt stehen, runzelt die Stirn). Liebe Agathe, da Sie ja von allem informiert sind — ich verstehe nicht ganz, ich habe ja doch der Frau Gräfin aus dem Feldspital einen langen Brief geschrieben, dieses Frühjahr.
Agathe. Ja, den abscheulichen Brief.
Hans Karl. Ich verstehe Sie nicht. Es war ein sehr freundschaftlicher Brief.
Agathe. Das war ein perfider Brief. So gezittert haben wir, als wir ihn gelesen haben, diesen Brief. Erbittert waren wir und gedemütigt!
Hans Karl. Ja, worüber denn, ich bitt' Sie um alles!
Agathe (sieht ihn an). Darüber, daß Sie darin den Grafen Hechingen so herausgestrichen haben — und gesagt haben, auf die Letzt ist ein Mann wie der andere, und ein jeder kann zum Ersatz für einen jeden genommen werden.
Hans Karl. Aber so habe ich mich doch gar nicht ausgedrückt. Das waren doch niemals meine Gedanken!
Agathe. Aber das war der Sinn davon. Ah, wir haben den Brief oft und oft gelesen! Das, hat meine Frau Gräfin ausgerufen, das ist also das Resultat der Sternennächte und des einsamen Nachdenkens, dieser Brief, wo er mir mit dünnen Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere Liebe war nur eine Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen —
Hans Karl. Aber nichts von allen diesen Worten ist in dem Brief gestanden.
Agathe. Auf die Worte kommt's nicht an. Aber den Sinn haben wir gut herausbekommen. Diesen demütigenden Sinn, diese erniedrigenden Folgerungen. Oh, das wissen wir genau. Dieses Sichselbsterniedrigen ist eine perfide Kunst. Wo der Mann sich anklagt in einer Liebschaft, da klagt er die Liebschaft an. Und im Handumdrehen sind wir die Angeklagten.
Hans Karl (schweigt).
Agathe (einen Schritt näher tretend). Ich habe gekämpft für unsern Herrn Grafen, wie meine Frau Gräfin gesagt hat: Agathe, du wirst es sehen, er will die Komtesse Altenwyl heiraten, und nur darum will er meine Ehe wieder zusammenleimen.
Hans Karl. Das hat die Frau Gräfin mir zugemutet?
Agathe. Das waren ihre bösesten Stunden, wenn sie über dem gegrübelt hat. Dann ist wieder ein Hoffnungsstrahl gekommen. Nein, vor der Helen, hat sie dann gerufen, nein, vor der fürcht' ich mich nicht — denn die lauft ihm nach; und wenn dem Kari eine nachlauft, die ist bei ihm schon verloren, und sie verdient ihn auch nicht, denn sie hat kein Herz.
Hans Karl (richtet etwas). Wenn ich Sie überzeugen könnte —
Agathe. Aber dann wieder plötzlich die Angst —
Hans Karl. Wie fern mir das alles liegt —
Agathe. Oh Gott, ruft sie aus, er war noch nirgends! Wenn das bedeutungsvoll sein sollte —
Hans Karl. Wie fern mir das alles liegt!
Agathe. Wenn er vor meinen Augen sich mit ihr verlobt —
Hans Karl. Wie kann nur die Frau Gräfin —
Agathe. Oh, so etwas tun Männer, aber Sie tun's nicht, nicht wahr, Erlaucht?
Hans Karl. Es liegt mir nichts in der Welt ferner, meine liebe Agathe.
Agathe. Oh, küss' die Hände, Erlaucht! (Küßt ihm schnell die Hand.)
Hans Karl (entzieht ihr die Hand). Ich höre meinen Sekretär kommen.
Agathe. Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für die Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören soll, in das können wir uns nicht hineinfinden!
Hans Karl. Sie sehen mich dann. Ich gebe Ihnen selbst die Briefe und — Herein! Kommen Sie nur, Neugebauer.
Agathe (rechts ab).
Siebente Szene
Neugebauer (tritt ein). Euer Erlaucht haben befohlen.
Hans Karl. Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, meinem Gedächtnis etwas zu Hilfe zu kommen. Ich suche ein Paket Briefe — es sind private Briefe, versiegelt — ungefähr zwei Finger dick.
Neugebauer. Mit einem von Euer Erlaucht darauf geschriebenen Datum? Juni 15 bis 22. Oktober 16?
Hans Karl. Ganz richtig. Sie wissen —
Neugebauer. Ich habe dieses Konvolut unter den Händen gehabt, aber ich kann mich im Moment nicht besinnen. Im Drang der Geschäfte unter so verschiedenartigen Agenden, die täglich zunehmen —
Hans Karl (ganz ohne Vorwurf). Es ist mir unbegreiflich, wie diese ganz privaten Briefe unter die Akten geraten sein können —
Neugebauer. Wenn ich befürchten müßte, daß Euer Erlaucht den leisesten Zweifel in meine Diskretion setzen —
Hans Karl. Aber das ist mir ja gar nicht eingefallen.
Neugebauer. Ich bitte, mich sofort nachsuchen zu lassen; ich werde alle meine Kräfte daransetzen, dieses höchst bedauerliche Vorkommnis aufzuklären.
Hans Karl. Mein lieber Neugebauer, Sie legen dem ganzen Vorfall viel zu viel Gewicht bei.
Neugebauer. Ich habe schon seit einiger Zeit die Bemerkung gemacht, daß etwas an mir neuerdings Euer Erlaucht zur Ungeduld reizt. Allerdings war mein Bildungsgang ganz auf das Innere gerichtet, und wenn ich dabei vielleicht keine tadellosen Salonmanieren erworben habe, so wird dieser Mangel vielleicht in den Augen eines wohlwollenden Beurteilers aufgewogen werden können durch Qualitäten, die persönlich hervorheben zu müssen meinem Charakter allerdings nicht leicht fallen würde.
Hans Karl. Ich zweifle keinen Augenblick, lieber Neugebauer. Sie machen mir den Eindruck, überanstrengt zu sein. Ich möchte Sie bitten, sich abends etwas früher freizumachen. Machen Sie doch jeden Abend einen Spaziergang mit ihrer Braut.
Neugebauer (schweigt).
Hans Karl. Falls es private Sorgen sind, die Sie irritieren, vielleicht könnte ich in irgendeiner Beziehung erleichternd eingreifen.
Neugebauer. Euer Erlaucht nehmen an, daß es sich bei unsereinem ausschließlich um das Materielle handeln könnte.
Hans Karl. Ich habe gar nichts solches sagen wollen. Ich weiß, Sie sind Bräutigam, also gewiß glücklich ...
Neugebauer. Ich weiß nicht, ob Euer Erlaucht auf die Beschließerin von Schloß Hohenbühl anspielen?
Hans Karl. Ja, mit der Sie doch seit fünf Jahren verlobt sind.
Neugebauer. Meine gegenwärtige Verlobte ist die Tochter eines höheren Beamten. Sie war die Braut meines besten Freundes, der vor einem halben Jahr gefallen ist. Schon bei Lebzeiten ihres Verlobten bin ich ihrem Herzen nahe gestanden — und ich habe es als ein heiliges Vermächtnis des Gefallenen betrachtet, diesem jungen Mädchen eine Stütze fürs Leben zu bieten.
Hans Karl (zögernd). Und die frühere langjährige Beziehung?
Neugebauer. Die habe ich natürlich gelöst. Selbstverständlich in der vornehmsten und gewissenhaftesten Weise.
Hans Karl. Ah!
Neugebauer. Ich werde natürlich allen nach dieser Seite hin eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und diese Last schon in die junge Ehe mitbringen. Allerdings keine Kleinigkeit.
Hans Karl (schweigt).
Neugebauer. Vielleicht ermessen Euer Erlaucht doch nicht zur Genüge, mit welchem bitteren, sittlichen Ernst das Leben in unsern glanzlosen Sphären behaftet ist, und wie es sich hier nur darum handeln kann, für schwere Aufgaben noch schwerere einzutauschen.
Hans Karl. Ich habe gemeint, wenn man heiratet, so freut man sich darauf.
Neugebauer. Der persönliche Standpunkt kann in unserer bescheidenen Welt nicht maßgebend sein.
Hans Karl. Gewiß, gewiß. Also Sie werden mir die Briefe möglichst finden.
Neugebauer. Ich werde nachforschen, und wenn es sein müßte, bis Mitternacht. (Ab.)
Hans Karl (vor sich). Was ich nur an mir habe, daß alle Menschen so tentiert sind, mir eine Lektion zu erteilen, und daß ich nie ganz bestimmt weiß, ob sie nicht das Recht dazu haben.
Achte Szene
Stani (steht in der Mitteltür, im Frack). Pardon, nur um dir guten Abend zu sagen, Onkel Kari, wenn man dich nicht stört.
Hans Karl (war nach rechts gegangen, bleibt jedoch stehen). Aber gar nicht. (Bietet ihm Platz an und eine Zigarette).
Stani (nimmt die Zigarette). Aber natürlich chipotierts dich, wenn man unangemeldet hereinkommt. Darin bist du ganz wie ich. Ich hass' es auch, wenn man mir die Tür einrennt. Ich will immer zuerst meine Ideen ein bißl ordnen.
Hans Karl. Ich bitte, genier' dich nicht, du bist doch zu Hause.
Stani. Oh pardon, ich bin bei dir ...
Hans Karl. Setz dich doch.