Aus der Schweiz.
Von
Ida von Düringsfeld,
Verfasserin von »Schloß Goczyn«.
Bremen,
Verlag von Franz Schlodtmann.
1850.
An Otto.
| Es schäumen und es rauschen |
| Die grünen Wellen des Rheins, |
| Wir horchen, und wir lauschen |
| Dem Steigen des Mondenscheins. |
| Der Mondschein wiegt im Rheine |
| Glühend, wie feurig Gold, |
| Ueber die schwarzen Steine |
| Das duftige Silber rollt. |
| Wir blicken ernstlich nieder, |
| Es dünkt uns so bekannt, |
| Als wären wir schon wieder |
| Im theuren Vaterland. |
| Am Rheinfall, den 28. September 1849. |
Zwei Worte voraus
vor diesem meinem ersten Wort »Aus der Schweiz« in die Heimath, um Täuschungen nicht erst entstehen zu lassen. Man möchte erwarten, ich hätte »die Schweiz« geschildert – dem aber ist nicht so, – ich schrieb nur »Aus der Schweiz«. Darum frage man mich nicht: wo ist Interlaken, wo Bern, wo Vevey? Ich habe gewählt aus dem Gesehenen. Und wenn das Gewählte ungleich erscheint, hier ganz modern, dort barock veraltet, so ist es eben wieder »aus der Schweiz«, und diese nicht nur eine Eidgenossenschaft von Cantonen, sondern auch von Contrasten. Meine persönlich-politische Empfindung mag denn auch mit gefärbt haben, Andere würden vielleicht anders sehen als ich. Ich habe mich zwar ernsthaft bemüht, so unparteiisch wie möglich zu sehen, aber Sympathie und Antipathie sind unsichtbare Brillen – wer weiß, sind sie mir nicht zwischen das Auge und meine Gegenstände geschoben worden? Wie dem nun sei, möge mein kleines Buch von meinen Schweizer Freunden freundlich und arglos aufgenommen, in der Heimath aber gern gelesen werden, wenn man sich nämlich nach der langen Zeit eines Jahres einer armen Verschlagenen dort noch erinnert.
Inhalt.
| Seite | |
| Mauricy W***. | [1] |
| Von Genf nach Baden. | [25] |
| Die beiden Wittwen. | [43] |
| Waadtländerin und Pariser. | [56] |
| Tagebuch in Schwyz. | [111] |
| Im Mätteli. | [126] |
| Mys lieb Beat. | [132] |
| Die Urschweiz. | [178] |
| Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. | [186] |
| Im Hotel Weber. | [191] |
| Die Heimathlosen. | [201] |
Mauricy W***.
Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der Schweiz wohnten wir einen Monat lang in Horgen am Zürchersee.
Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer uns hielt sich nur noch ein Pole dort auf, derselbe, dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten jedoch damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß er an der Brust leide, den Sommer über in Interlaken zur Molkenkur gewesen sei und jetzt in Horgen die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem Zwecke nicht lieber in die französische Schweiz ging? Eine polnische Familie, welche in der Nähe von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in Interlaken bekannt geworden und hatte solches Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte mit jener Herzlichkeit, welche die Polen unter sich verbindet und sie gleichsam zu Gliedern einer Familie macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, aber er wollte weder geniren, noch genirt sein, und so kam es, daß wir ihn in Horgen kennen lernten. Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, welche den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur ein, sondern mehrere Male hinüber.
Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein Aeußeres war sonderbar, doch für uns wenigstens gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen ihn zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, welche zu seinen und unsern Zimmern führte. Groß und schlank ging er langsam, gebückt und nachlässig, die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein glattes Haar war dunkel und tief auf die Stirn gekämmt, welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen Gesichte, eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war grau, aber auch vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig grau, daß wir Mauricy später nie anders nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser wunderlich schlotternden Umhüllung und trotz seines völligen Sichfallenlassens sah man in ihm den ächten Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, den schlichten, blassen, grauen Menschen für einen commis voyageur zu halten. Sein Alter schätzte ich damals auf sechs- bis achtunddreißig Jahre, später sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.
Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee im Salon servirt, wo ein vortrefflicher Flügel stand. Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, welche von Arth kommen, oder dorthin fahren – wir waren allein mit Mauricy. Er war anfangs ein stummer Gesellschafter; ich bemühe mich sonst gewöhnlich auch nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, einen Versuch zum Gespräche mit dem bleichen Polen zu machen und mich durch seine Einsilbigkeit nicht zurückschrecken zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?
Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen bringen. Ohne gut französisch zu können, verstand er es genug, um sich hinreichend über Alles auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik hinein, eine damals, wie noch jetzt, gefährliche Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem Glücke entworfen, wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter schönem Himmel, einen Garten voll Schatten und Stille, mit mir mein Mann und mein Kind, das Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und Frieden. – Unser Pole lächelte ein Wenig, schüttelte das Haupt – »das würde mir nicht genügen. Wenn ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe –« Hier war die Gefahr zum Streit da. Polen und Preußen haßten sich eben wie vielleicht noch nie. Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen gemacht und nicht erfüllt zu haben – die Preußen beschuldigten die Polen, daß sie gewährtes Vertrauen gemißbraucht. Bald versicherte Mauricy mir, daß er die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. Ich erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon vorausgesetzt, übrigens schätze ich jetzt die Polen so gering wie möglich.« Genug, wir stritten und sagten uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den lebhaftesten Geberden. Ich hatte über den Armen den Vortheil einer gesunden Brust und brachte ihn glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« seufzte er, »Sie machen mich ganz schwach.« – »Warum haben Sie denn angefangen?« entgegnete ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, denn ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein Licht, schlich davon, drehte sich jedoch in der Thür noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte er komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann dort todt.« – »Ehe Sie das können, schieße ich Sie nieder,« war meine unumwundene Antwort. – »Oder ich Sie.« – »So, Sie würden also auch meiner nicht schonen?« – »Nein, aber vorher würde ich sehr höflich meinen Hut abnehmen und um Erlaubniß bitten.« – »O, bis Sie das gethan hätten!«
So war unsere erste Berührung mit Mauricy. Wunderlich, wird man sagen. Vielleicht, doch nicht ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's denn viel besser, mit Zank anfangen, als damit aufhören.
Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten zärtlichen Erklärungen störten nicht im Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie schienen durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, es im Gegentheil recht befördern zu wollen. Die gegenseitigen Fragen, wann wir uns todtschießen würden, ob wir einander dann beklagen würden und dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten uns lachen, und wenn man erst über- und miteinander lacht, ist man auf gutem Wege zur Vertraulichkeit.
Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst erboßt an einander geärgert hätten –, alle Tage! Wir alle Drei, und insbesondere noch Mauricy und ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen begleiten zu müssen. Und aus diesen Anmerkungen wurden Kämpfe zwischen Demokratismus und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch politische Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche erbitterter und hitziger durchgefochten worden sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft hatte, war für Mauricy ein Held, für uns – es ging Mauricy's Helden schlecht von uns! Dagegen schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines Hasses gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu sein. Alle Könige und Fürsten müßten ermordet werden, das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz. Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und nahm sein Messer in die Hand, so würde er selbst immer Einen nach dem Andern niederstoßen. Wir, wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die Radikalen errichten, kurz, es war schrecklich, was wir Alle wüthend und blutdürstig waren!
Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale Liebenswürdigkeit begünstigt, das hat man oft geäußert, und ich kann es nur bestätigen. Je mehr ich verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. Wäre ich ein Mann, ich würde mich gewiß nur in eine Italienerin oder eine Polin verlieben. Wenn Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, so durfte er mir nur seine kalte Hand bieten und mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung bitten, und ich war versöhnt.
Der arme Mauricy, – er hatte immer so kalte Hände! Und so blasse, – noch nie hatte ich solche farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen zu drängen, über die es täglich kam. Mauricy war krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. Auch ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, bei welcher das Leben lange währen kann, aber eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir sahen uns gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt frömmer, geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen welche ich mich noch sträubte, als müßte ich mit ihr das Leiden unwiderruflich annehmen, er hatte sie schon – hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten einander eines Tages: wie lange wir schon krank wären. Vier Jahre, sagte er, ich sechzehn. »Dann,« sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund – ich kann warten.«
Dieses Wort war keine Phrase – Mauricy kannte die Phrase nicht. Die Geselligkeit war ihm deswegen zuwider, weil in ihr so viel – Schicklichkeiten – stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er, und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich habe mich oft gefragt: was soll ich, wenn ich mich den Menschen so ganz überflüssig sah, und die Menschen mir.
Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander nicht überflüssig. Wir suchten uns. Wir hatten uns oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen und waren still. Während des Stillschweigens gewannen wir uns noch lieber, als während des Zankens. Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm Herzen gute Nacht.
Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy zu uns führe, und uns bewege, für ihn Raum zu machen in unserm sonst so verschlossenen Zweileben, so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; – was er auf den Universitäten von Kiew und Moskau gelernt – ich hatte ihn stark in Verdacht, Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen zu seinem Proforma im russischen Staatsdienst gemacht, will mir noch jetzt nicht recht einleuchten. Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem, er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte richtig, nur glänzende Gaben hatte er nicht, und suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus meinem Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich müsse eine geniale Frau sein, und wenn ich es ihm ausreden wollte, sagte er doch: ich denke mir das so, aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. Ich ließ im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig Geist sein – ihn kümmerte auf der ganzen Welt Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.
Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, was bei Vielgereisten bisweilen so lebhaft ist, daß sie es selbst um den Preis befriedigen müssen, andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. Mauricy war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und in Italien gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen – Eindrücke aufgenommen, Beobachtungen gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. Aus Rom erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, von Belgien äußerte er, es wären schöne Kirchen da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr bequemen Lehnstuhl gesessen habe, von Schlesien bemerkte er, es gäbe in Reinerz so schrecklich häßliche alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er – Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch nicht die Welt: Polen war das Paradies.
Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er auch nicht. Die Natur war ihm gleichgültig. Wenn ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, kam er wohl langsam zu mir und fragte: »Aber wie können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht minder kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte ihm die »Reise um meine Stube« gefallen, mit sich führte er außer der Bibel und Thomas a Kempis nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein Buch in der Art, wie Oxenstierna es geschrieben, sonst habe ich ihn nie weder etwas lesen sehen, noch erwähnen hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte er angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie mir gleich – »ich schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. Was endlich die Musik betraf, so hörte er mich gern, besonders in dem böhmischen Liedchen: ach neni, neni! aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. Was führte uns denn also zusammen bei getrennten politischen Gesinnungen, ganz verschiedenen Neigungen, Anlagen und Charakteren?
Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des Herzens – das Gemüth.
Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, keine moralisch erkämpfte, nein, eine einfache, naturgemäße, unbewußte Güte. Er war nicht schwächlich-nachgiebig, tadelte was zu tadeln war, mochte recht wild werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit dazu fand, hatte ganz unbefangen seine Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch Gehässigkeit, noch Rache, noch Parteilichkeit – er hatte eben zur Natur die Güte.
Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz so leicht hin, wie von gut sein, und wie oft findet man denn Güte?
Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und verlernt sich nicht – wer sie hat ist Gottes Liebling, denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der Seele und das Genie des Gemüthes – als Grazie liebkos't und schmeichelt sie, erfreut und erquickt, erhellet und entzückt; als Genie hat sie den Drang, das gebeugte Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die Wildniß, sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und Verfolger zu werfen, wider Ungerechte zu zürnen, Sinkende gewaltig zu erfassen, über Verlorene schmerzlich zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch nicht irdisch – von der Erde aufgestiegen als Hauch, fällt sie wieder herab als Thau; so schwebt sie immerfort zwischen Himmel und Erde und ist dadurch menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur und das Irisblau in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, so athmet aus ihr als Wohlwollen das Süßeste der Innigkeit und das Feinste der Milde.
Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche Erscheinung sich in voller Glorie offenbarte – zu einem so auserwählten Gefäß war er nicht stark genug – aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete aus seinem weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht wirft man mir hier spottend ein: »und die umzubringenden Könige alle – fiel auf die der Strahl auch?« da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein verfolgter König Schutz und Stärkung bei Mauricy gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an ihn abgetreten haben.«
Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn er seine Philippiken herausseufzte, denn um sie kräftig hören zu lassen, war seine Brust zu müde. Wie er zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, als er uns sein Album brachte. »Man findet überall brave Leute, die man achten kann,« sprach er in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. »Und darum bitt' ich Sie, sich Beide einzuschreiben.«
Das Album war noch fast leer, obgleich bereits im vorigen Winter zu Rom gekauft. Mauricy war nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab – er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf zählen. Auch das machte ihn mir werth; ich schätze solche Mäßigkeit in Freundschaften: viele intime Freunde sind in meinen Augen ein wahrer embarras de richesse, und was am schlimmsten ist, de richesse factice.
Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel fällt, hatten wir einige Tage später noch Nichts eingeschrieben, als Mauricy das Buch auf wenige Stunden zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern jener Familie bringen, die so gut wie seine eigene war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. Ich hatte ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen geneckt, die er als sehr liebe, zugleich natürliche und ausgebildete Wesen schilderte. Jetzt reichte ich ihm das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte langsam den Kopf. Noch aus keinem Antlitz hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es war ganz, als strömte plötzlich ein schimmernder Sonnenblick auf ein dunkles Gemälde. Für gewöhnlich war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine Oberlippe ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen Bart zwei glänzende Zähne sehen, so mußte man ihn mindestens so gut wie schön finden.
Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie haben sich nicht verlobt?« fragte ich. Abermals machte ein stummes und langsames Kopfschütteln die Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See mit seiner lieblichen Heiterkeit, das weiße Zürich links, die weißbläulichen Alpen rechts, rings herum die weißen Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der Mond im reinen Himmel – es war ein Bild voll Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum gelehnt. Er ruhte sich gern so aus und glich dann einem kranken Kinde. Auf Otto's Arm gestützt, stand ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn allein bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz müßte noch sechs Monate lang, bis Sie heimkehren könnten, wie gestorben liegen – warum soll es das? Gönnen Sie ihm Leben – die Liebe kann Sie noch gesund machen.« – »Sollte ich ein junges Mädchen an mich ketten?« erwiederte er. – »O, Sie wissen nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert und darin Glück findet.« – »Wenn sie dafür geliebt wird,« sprach er. – »Nun –« sagte ich ermuthigend. Er blickte melancholisch zu mir auf und zeigte mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist das Andenken meiner letzten Liebe.« Er küßte das weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie gestorben?« fragte ich leise. – »Für mich,« antwortete er ruhig. »Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, wie von ihr – nie nach ihr noch lieben.«
Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann eine – ich will das so oft verspottete Wort muthig nennen – eine unglückliche Liebe unbefangen ausspricht. Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. In Versen ist es ebenso Styl, es zu thun, wie es im Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein solches Gefühl oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider den Stolz begeht, im besten Falle für eine beschämende Weichlichkeit. Mauricy aber fürchtete nicht sich bloßzugeben, denn er war nicht eitel, und auch als weichlich meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und tief empfand. Und er hatte Recht. Was beweist mehr für unsere innere Macht, als die Fähigkeit zu einer großen Liebe?
Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit dem Tod, mit dem Gram um sein Vaterland, mit der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, ihren Mann nach Sibirien führen sehen und war nur so lange noch in der Heimath geblieben, um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, übergab sie es ihrer Schwester und folgte dem Gatten nach Sibirien. Das erzählte uns Mauricy an demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, um die Thränen zurückzudrängen. Mauricy sah mich still an und war dann still fort; sein Mund dankte mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich weiß ja, wie ich der einzigen Freundin, die mir einst schrieb, sie habe um mich geweint, wie ich ihr ernst und gerührt gedankt habe!
Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da finden ihn leicht mehrere. Oefter, wenn gleich nicht oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl einsahen, ihn so gleichgültig dagegen machte. Leise, wie durch halbe Striche gelegentlich hingeworfen, gestaltete sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es gewesen, an deren Theetisch Mauricy jeden Abend in Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In Rom hatten sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, dennoch hatte Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm geschenkt. Warum nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können gelöst werden – in Rom ist der Pabst. Sie hatte es gewollt, antwortete er. Aber sie hatte dann wieder anders gethan. Sie war zurück nach Polen, zum Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu erfüllen, statt ihr Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. »Gottes Gebot!« rief ich erregt. »Glauben Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich Ihnen gegeben, der Sie ihrer so ganz bedurften? Denn sagen Sie mir – als Sie Hoffnung hatten, durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich halten?« Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt sind, fühlen Sie sich nicht wieder um Vieles kränker?« – »Das ist wohl natürlich,« sagte er sanft. – »Nun denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil selbst wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich wahrlich Gott nicht gezürnt hätte?« Ich war unwillig. Beschwichtigend sprach er: »Ich denke vielleicht wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, wie Sie sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu Etwas zu verleiten, was sie für Sünde hielt? Nein; obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat gut gethan.«
Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, besonders als ich vernahm, daß sie noch im Briefwechsel mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman mit ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit er ihr ja nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen wie an einem Faden. Das mag für sie recht hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen Menschen ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die Frau könne es doch ernstlich meinen; er halte die Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung ganz für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie Gott bringt,« setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie es fühlt, und je größer es ist, um so heiliger handelt sie.«
Mochte das sein – ich hätte Mauricy gar zu gern durch eine der drei jungen Polinnen getröstet gesehen. Was ich thun konnte, um ihn zu zerstreuen, das that ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. Halb gelang mir, was ich wollte – Mauricy ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal sogar ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich mich eines Abends, wo eine niedliche junge Bernerin zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. Wir trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem armen verlegenen Kinde äußerst dringend zum Manne an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich bittend vor ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich, daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern Rath wußte, als ihm feierlich zu sagen: Monsieur, mon père n'a pas l'honneur de vous connaître. Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, ging ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig aus dem Wege und war seelenfroh, als sie wieder abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »Maintenant monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.«
Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der höchsten Ernsthaftigkeit, da er ein Demokrat sei, wolle ich seinen Tod – er werde mir daher das Vergnügen machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu hängen, und biete mir nur vorher noch die Hand zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar nicht, ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu finden, hielt es aber doch für möglich, daß der barocke Abschied eine nächtliche Abreise bedeuten könne. Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener grauer Person am gewohnten Platze und lachte mich vergnügt aus.
So weit hatte ich es gebracht, – vergaß er darum? Als ich ihn einmal danach fragte, küßte er statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf dem schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, weinte er.
Und fort wollt' er auch – nach Rom. Umsonst suchte ihn sein Arzt zu bewegen, die lange, anstrengende Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der Familie an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht mehr in Rom, aber sie war dort gewesen. Er sagte das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt' er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete in ihr eine Heilige an.
Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir nicht erst, ihn zu erschüttern. Am Ende – was lag ihm am Leben?
Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still und gut. Ich wünschte das Bild seiner Freundin zu sehen – er brachte mir's. Es war kein schönes, aber ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck aus sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' es ernstlich und prüfend – nein, es gehörte keiner Kokette – ich hatte der Frau Unrecht gethan – wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's gewesen.
Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, himmlischgut, dieser Lobspruch ging immer wieder über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau ward also ein lieblich Loos, und Mauricy – wenigstens ging er nicht in der Anbetung eines Götzenbildes unter.
In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen wir erst jetzt. Nachdem er die Freundin in Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich einen Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die Reise nach Rom gemacht. Noch erinnerte er sich, mit welcher Sorgfalt sie über ihn gewacht. Sie war fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu heirathen. Ihr Gatte war alt, ruinirt, ein früherer Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter mit achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, als diese ihn zu fesseln gewußt, eifersüchtig und die Störerin der Ehe geworden war. Als die Tochter nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen Aufhebung dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen sich ihrer die Priester, drohen mit Sünde und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der Verlassenheit, sich selbst abermals dem Gatten. Doch um den Abschied noch recht zu genießen, läßt sie sich von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, dann bringt er sie bis Zürich und bleibt allein. Acht Tage später lernten wir ihn kennen.
Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er plötzlich zu mir: »Sie haben mich manchmal wegen der jungen Mädchen da drüben geneckt – nun, als ich heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, und da« – sein schönes Lächeln zeigte sich – »da sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte aus dieser Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber er sagte wieder ernst: »Mon mariage sera avec la mort, madame.« Dann stand er auf, bot mir die kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott geleite Sie,« sprach ich. Otto begleitete ihn noch in sein Zimmer.
Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem offen, es wurde gefegt, gescheuert. Als wär's das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, peinlicher Eindruck.
Was uns anfänglich auch etwas verstörte – wir waren so gewöhnt, die graue Gestalt zu sehen, die müden, langsamen Schritte zu hören, daß wir sie noch immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen war mir's gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend hereinkommen, mich ernsthaft grüßen und mir mit seiner schwachen Stimme sagen: Madame, je viens vous dire, que je suis mort.
Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen Briefe? Wir hörten einige Male durch die polnische Familie, daß er in Rom kränker und kränker werde. Schwerlich lebt er noch.
Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an ihn eine Romanze, die heißt:
Von Genf nach Baden.
Den 2. August 1849.
Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die halbe Familie ist gerade heute auf dem Lande. Ich lasse Empfehlungen zurück – das genügt meinem Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt – sie allein hat mich liebgewonnen. Ich gebe ihr den einzigen Kuß, welchen ich bisher in der Schweiz gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder zu besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft sie. Ich glaub' es auch – entweder sie, oder ich. Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, ächte Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht durch meine Gegenwart einem freundschaftlichen Stockschlage. Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn dich ein Esel anrennt u. s. w. Ein wärmerer Abschied findet zwischen uns und François statt. Er ist unser Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden Campagne du Port. Wenn wir wieder nach Genf kommen, miethen wir den Pavillon unter den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche Leidenschaft – aber wir kommen nicht wieder nach Genf. Die Bise leidet das Zelt nicht. Der Leman langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles sitzt voll Engländer und Engländerinnen, diese sind wieder unglaublich garstig. Ich weiß nicht, wie sie's anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt auf Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern fast immer Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, Geistlosigkeit. Das Reisen muß häßlich machen. Von Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. In Ouchy drängt so gut wie Alles sich in die Kähne – wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« die glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus werden wir unaufhörlich aufgefordert: »Messieurs et mesdames, serrez-vous, serrez-vous, messieurs et mesdames; encore un peu, un tout petit peu encore!« Wir rücken zusammen und rücken zusammen, bis es endlich nicht mehr geht. Dabei fange ich an zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen ein Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die Kathedrale von Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren an und beschwichtige mein Gewissen mit der Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel de France essen wir mit tragischer Freude – denn sie offenbart, wie sehr wir in Genf gehungert haben – ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich über die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, und bekomme gleich in Lausanne eine wirkliche Brühsuppe, die erste seit drei Monaten – ich schäme mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun essen mit uns; sie sind freundlich, fragen, ob man sich in Genf sehr vor den Preußen fürchte. Ich bejahe, setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den Preußen ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« sagt der jüngere Herr. Der Kellner nimmt das Wort und ruft: »Les Génevois ont beaucoup de paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont montré dans la guerre du Sonderbund.« Die brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend. Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten durch Neufchatel lassen?« Die Antwort ist: »Tous les honnêtes gens sont pour la Prusse.« Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber fruchtbar Land. Man begreift, woran man im Canton Genf irre wird, wie die Schweizer Brod essen können. Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und einer englischen Mutter, erzogen in England, zum Besuch bei Verwandten in Genf, fährt mit uns und erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer durch und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen hält den ganzen Weg über vor. Sie versichert, die Genfer seien den letzten Tag einer Bekanntschaft noch ebenso eisig, wie den ersten – »you can't make any impression upon them.« In Yverdun gehen wir spazieren, zuerst unter den Pappeln und Kastanien der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo die Zill einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen Sande, junge Pappeln stehen im Mondlicht, Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist feucht, warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den Strom herauf, der Jura liegt dunkel umher, der See ist ein neuer, ein preußischer.
Den 3. August.
Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus, daß auf den Tapeten Tankred und Clotilde, Rinald und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen, l'Industriel, kommt pünktlich an; wir fahren heute unter einem Zelte. Mit uns sind ein Engländer mit zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas verblichene Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer. Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare sind unverkennbar. Schweizer. Einer von diesen, klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem Hut, giebt uns Erläuterungen. Links ist Granson mit seinem erhaltenen Schlosse, rechts im Freiburgischen Estavayer – Otto von Granson und die schöne Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in der ganzen Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne scheinen silbern die Alpen des Tessins. Schlösser des Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber beide Cantone haben verboten, ihm noch welche zu verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und werden da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn sie nicht länger die schönsten Schlösser bewohnen können?« So mein Gewährsmann in der blauen Blouse. Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im Sonderbundskriege, der vorletzten großen Begebenheit der Schweiz, auf Handelswege durch den »Industriel« den Freiburgern Schießbedarf zukommen lassen – Waadt legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und zwingt ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen Staatsdiensten zu fahren. Auf waadtländisch heißen die Neufchateller Aristokraten und Jesuitenfreunde. Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen Wein aus Neufchatel. Die Stadt gekrönt mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und geräumig das Gymnasium. Vorher haben wir noch in das Val-de-Travers und in den Tunnel gesehen, durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders als bisher in den See zu fließen. Am Lande fallen Kutscher über uns her. Wir sollen nach Basel, und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin wir wollen – nach Biel. Aber nicht im Coupé – darauf hat bereits die verblichene Familie Beschlag gelegt. Im Innern mögen wir nicht – wir nehmen für zehn Franken einen char-à-côté. Der Omnibusführer findet das unerhört; er zeigt auf uns: »die Leute da nehmen einen eigenen Wagen, weil sie nicht im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne seine Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem Oertchen St. Blaise und dem Sanct Blasisee hindurch an den Bieler See. Da ist links auf malerischer Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine – rechts unter malerischer Felshöhe am See Neuville. Ich laufe durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer; Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein Kahn wiegt sich im Rohre; das Städtchen hat sechs Thürme, einen immer spitzer als den andern; der See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin im Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von St. Jean. Rousseau hat guten Geschmack gezeigt, als er auf St. Pierre saß, obgleich man seinen Schilderungen nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich gucke auch in ein Sommerhäuschen; da überrasch' ich einen Herrn, der sich gebadet hat und wie eine Leiche in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht, ich erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen und komme zum Kaffee zurück in das Gasthaus. Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in Bern gefahren und »die Fru« gleich wiedererkannt hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht aus einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben in Genf eine leere Kiste stehen lassen, die nach Bern gehört – wir fragen den Mann, ob er sie mitnehmen wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans Bezahlen geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann verlangt drei Franken – die ganze Kiste ist nur zwei werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist ganz kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl. Vor uns her fährt mit einem Kutscher und einem Passagier ein anderer char-à-côté. Als wir aus Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende Kutscher sich um, ruft unserm Etwas zu, beide Chars halten, beide Kutscher springen ab, der vordere Kutscher wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern Char, macht auf: »Vite, faites-moi place pour ce jeune homme« – seinen Passagier. Wir starren ihn an – »Mais, monsieur –« – »Eh, parbleu! faites; il faut qu'il soit à Bienne avant le départ de la diligence.« – »Eh bien, qu'il aille à Bienne, mais pas dans notre voiture.« – »Mais si, dans votre voiture, il-y-a trois places.« – »Nous les avons prises.« – »Eh non, vous n'avez payé que deux – je veux la troisième. Rangez-vous.« – »Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à vous?« – »Parbleu, si elle est à moi! Je veux conduire ce jeune homme à Bienne. Vous rangerez vous?« – »Pas du tout. Nous avons pris la voiture et nous la garderons.« – »Eh, ne faites donc pas tant de façons – en quoi ce jeune homme peut-il vous gêner?« – »Mais assurément il nous gênerait et même beaucoup. Enfin nous ne voulons pas.« – »Oh, quels gens! quels gens!« Er schwingt sich auf den Kutschersitz, nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in seinen Arm, und fort geht's, während unser bisheriger Kutscher dasteht und uns nachschaut. Sein Trinkgeld ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner zu kutschiren, den zu befördernden Burschen zwischen uns einzuschieben und so von Neuville aus einen Char zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir nach Mornex fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen, hielt, fragte zu uns herein: »Wollen Sie zwei Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus – da standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern – die wollten zwei Personen vorstellen. Nun, jetzt kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der Herr-Kutscher ist ganz geschmeidig geworden, seit wir beharrlich waren – erklärt uns die Eile des jungen Menschen – zum Begräbniß der Schwester soll er. Das thut uns sehr leid, aber darum können wir doch nicht – der Kutscher sagt zustimmend: »N'en parlons plus.« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände vor uns hatten. Es ist ein beliebtes On-dit in der Schweiz, daß ein Engländer einst in einem char-à-côté um den ganzen Genfer See gefahren sei, ohne den See einmal gesehen zu haben. In Biel empfängt uns ein Omnibuskutscher und verspricht uns für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem wir ganz allein fahren sollen. Wir treten an das glückselige Fuhrwerk hinan – da steht unser junges Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser Kutscher es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn fahre. Der Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt: »Ja, ich habe Sie allein fahren wollen, denn ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen würden; nun diese zwei Personen gekommen sind, können Sie nicht allein fahren – nein, das geht nicht – ich bin ein Omnibus – ich fahre Alles.« Der junge Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen Verdienst nicht schmälern; es ist mir nur des Prinzips wegen.« – »Eben des Prinzips wegen würd' ich uns nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher wiederholt: »Ich bin ein Omnibus – ich fahre Alles.« Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip, aber erst müssen wir essen – wir sterben Hungers. Im Speisesaale sitzt die verblichene Familie. Der Vater kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz im Coupé sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu theuer?« – »Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer nur einen Frank mehr, als der im Innern und für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier Franken abverlangt.« – »Entschuldigen Sie, hier hat die Person fünf und einen halben zahlen müssen.« Es ist klar – die Gesellschaft hat für uns Beide mitbezahlt – die Kutscher in Neufchatel und Biel scheinen sich das Wort gegeben zu haben, an diesem dritten August zu prellen. Wir verschlucken ein Beefsteak und eilen hinab – da sitzt das junge Ehepaar auf den beiden Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren, nachdem ich so lange seitwärts gefahren – dazu ist mein Kopf zu müde – wir wollen wieder abladen lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler dringend, das junge Ehepaar in Biel zu lassen – »am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!« Das will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler Kutscher aber macht am Wagenschlage so eindringliche Vorstellungen über die Rücksichten gegen das Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf heraussteckt und frägt: »Madame, können Sie nicht gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist Nein. »Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber wir wollen's versuchen.« Wir versuchen's, es geht, und wir schwatzen recht angenehm bis Solothurn. Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen ich es aufrichtig beneide – den allernachgiebigsten Magen. Des Morgens braucht es kaum zu frühstücken, des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und nie ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch einen Spaziergang machen, um Eßlust zu finden! Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben immer Hunger, Morgens, Mittags und Abends auch noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern Despoten zu befriedigen, können immer erst nach dem Beefsteak an den Mondschein denken. Glückseliges junges Ehepaar, in deiner poetischen Bedürfnißlosigkeit! Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu Abend zu speisen, kommt unser einzelner Engländer vom Morgen. Er setzt sich langsam neben mich, unterhält und amüsirt sich langsam, spricht aber beileibe kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem er sich lange genug so amüsirt hat, steht er langsam auf, sagt uns langsam, er werde morgen nach Schinznach fahren, bietet uns langsam guten Abend und schreitet langsam aus dem Saale.
Den 4. August.
Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, war's winterkalt und der große Ofen wurde erst am andern Morgen warm, während das Kamin unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der Röhrbrunnen an der Kathedrale rauscht so lebendig, daß er uns wach erhält und uns nöthigt, noch um Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein anderes Zimmer aufzusuchen. Am Morgen giebt es einen Retoureinspänner nach Aarau. Der Einspänner ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer will nicht recht darauf gehen – ich benutze den Augenblick und gehe still in die Kathedrale. Das Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. Auf den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten – Petrus nach der Verleugnung eine von ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern und knieenden Betern zu wandern. Man betet besser unter einem Gewölbe, welches ausschließlich bestimmt ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, als in der Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der Häuslichkeit gethan werden. Ein Oratorium allein kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. Als ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir – das junge Ehepaar fährt nach Basel. Wie malerisch ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt, wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen den langen, einförmigen und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil er sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene Linien hat, vielleicht auch, weil ich so oft auf ihm die ersten und letzten Lichter der Sonne und in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. Die Luft von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. Wir wenden uns endlich an der Stelle von ihm ab, wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch die frischesten Hügellandschaften, welche für mich mit den Alpengegenden der Schweiz wetteifern. Aarau liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir gehen vom Ochsen hinunter an die Aar, über ein Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. Jenseits liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber und kommen herüber; der Abend ist kühl, aber nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie wohl thut das, wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer Brücke, die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir in die Stadt zurück; ein zahm Starmätzchen sitzt auf dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns herum, dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt endlich in einen Gasthof neben der Brücke. In unserm Ochsen schiebt mich der lange, trockne, regungslose Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist das seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht gehen. Der Ochse ist etwas ältlich, aber der Wirth einer der artigen Wirthe, wie man sie eben in den älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner Granatenbaum, und es gefällt mir in Aarau.
Den 5. August.
Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange Kellner weckt uns nicht, der Kutscher thut's, der natürlich wieder ein Retoureinspänner ist und zwar aus Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher Mensch, in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen Troddelhut, mit krausem röthlich-blondem Bart und geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man ihn sich nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, daß er den schweren Koffer mit einem Ruck aus allen Fugen reißt. Er sieht bei dieser Heldenthat sehr gelassen darein – wir sind weniger zufrieden damit, indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum Frühstück und sehen die Begrüßung zweier eidgenössischen Lieutenants, die einander genannt werden. Sie bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln sich verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen und setzen sich endlich stillschweigend gleich uns zum Frühstück. Wir fahren mit Xaver – der Wagen ist gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat es verzogen, wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. Jeder seiner Neigungen wird nachgegeben, und es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, in jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein Grashalm steht am Wege, ohne daß es den Braunen danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da, so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt er vor jedem Nichts; ein Karren, ein Haufen Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich ungeheuerliche Dinge, vor denen der Braune ebenfalls rechts oder links will. Xaver blickt bei jeder dieser gentilesses sich freundlich lächelnd nach einem um, als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist! Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; Xaver hat ein Hölzchen geschnitzt, es in die Lücke geschoben und spricht nun von Zeit zu Zeit: »Wenn das Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, aber das Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller dieser kleinen Hemmnisse kommen wir nur gemessen weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts auf Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und Ruine; links im Thale Wildenstein, Schloß, auf ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich. Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von seinem Bruder, dem Bischof von Constanz. Wie's fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. »Für so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten Mauern!« Der Besitzer zeigt hinunter vor das Schloß. Da stehen einige tausend Mann in Waffen. »Das sind meine Mauern; für die hab' ich euer Geld verwandt.« Schinznach, moderner Halbmond in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei Brugg wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen Gebäude in einem fensterlosen Viereck, über das ein Thurm ragt. »Was ist denn das?« – »Kloster Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß es doch sehen. Militair im Hofe. Hindurch. Ein Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die Mönchs-, links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen im Kreuzgange. Agnesens Zimmer voll von römischen Töpfen und Schüsseln – Alles zerbrochen, nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. In der Zelle alte Malerei und neben dem Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche Holzschuppen. Zwischen Balken und Brettern das Denkmal der Kaiserfamilie. Ueber Grabsteine von Berner Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster. Ueber den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. Alle knieen; einer sieht genau wie der andere aus. Von der Reuß an die Limmath, von der Limmath nach Baden.
Die beiden Wittwen.
In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das letzte, älteste und stillste der Hotels, wirklich wie sein Name andeutet, ein Hof hinter allen andern Höfen, hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, hinter dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja sogar hinter der »Sonne«. Ein großer Hof, eingefaßt von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. Eine Gallerie. Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien. Dazwischen in großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. Grüne Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines so groß wie das andere ist, kaum zwei in gleicher Reihe und gleicher Entfernung von einander ausgebrochen sind. Hineinschauend, als gehörte er auch zum Hause, der Thurm einer kleinen Kirche, welche sich von Außen vertraulich an die Scheune legt. Das ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden kamen, während Otto die Stuben musterte. Da näherte sich eine alte Frau mit freundlicher Miene, rothen Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen Knix und fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich antwortete der Wahrheit gemäß, und wir waren gegenseitig bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, als Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen wir italienisch; die alte Frau machte ein noch freundlicher Gesicht und fragte auch auf italienisch: ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu Ehren meines Italienisch muß ich bemerken, daß diese beiden Städte die einzigen italienischen waren, welche die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie es komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten – »O, ich war auch in Italien,« sagte sie mit Stolz, »fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen, ja, meine Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. Und wenn ich Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«
So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch in den »großen König« eingezogen. Diesen erhabenen Namen führte nämlich die älteste und häßlichste Stube in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel hatte sie nur ein vernünftiges Fenster, das andere war eine Art Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben in Blei. Eine fehlte – wir klebten Papier vor das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, ebenso auf der hohen Schwelle. An der Thür fehlte Nichts als die Klinke, und unser Doctor pflegte zu sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, den alten Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte Alkoven daneben hatte ebenfalls eine Hügelschwelle und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen Kleiderschrank, an dessen Thür angeschrieben stand: Herr so und so aus Bern habe den und den Tag hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, ja verfallener hätten wir gar keinen Raum finden können, und er gefiel uns natürlich ungemein.
Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr wie die Stube und das ganze Haus. Mir wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen, als läse ich Goethe über den Elsaß. Da war ein Herr Wölflin, jetziger Tabacksfabrikant aus Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant auch von Etwas, Herr Wangern, der an Regentagen als Liebhaber drosch und durch die That bewies, »was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da war der Herr Steiger aus Bregenz, jung, glatt gekämmt, Sonntags im Frack, Wochentags im grauen Rock mit grünem Sammtkragen. Da war Herr Kyslin, Lithograph aus Basel, dem die Thränen in die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang der Welt dachte, ein armes Opfer frommer Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser, Eisenhändler in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, krank an einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth auf Erden, und, wie Herr Wölflin meinte, »halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag über immer gewetteifert wurde, wer den armen Mann am besten schrauben könne. Man sprach z. B. von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der pommes de terre. Herr Kaiser sah schlau aus und meinte, das sei wohl dasselbe, nur auf französisch und auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet, »pommes de terre sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, völlig verschieden von den Kartoffeln. Es wäre eine gute Speculation, wenn man pommes de terre auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und wächst wie ein Strauch, manchmal ungeheuer hoch.« Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen wachse die Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit dem Hopfen zusammengezogen. Der Ertrag beider wunderbarer Pflanzen werde meistens über Neuenburg im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in Preußen bezögen auch fast alle Waaren über dieses Neuenburg. Folgte nun die Unterhaltung über die Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen, kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr Kaiser hörte Alles an und – glaubte Alles.
Ganz offen – diese Gesellschaft machte mir die eine Stunde immer außerordentliches Vergnügen. Sie war so vollkommen neu für mich. Am oberen Ende des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit äußerster Sorgfalt entfernt – ich hatte noch genug von Genf. Meine Elsässer und Schwarzwälder mit ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen zu ihnen fast gänzlich auf, nur mit meiner ersten Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen Austausch von Höflichkeit und Italienisch.
Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, blos der Kopf zitterte ihr etwas. Seit acht Jahren lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der Familie, Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier im Bade gestorben – sie liebte, seinem Grabe nahe zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als sie uns das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals zu Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen und ihr so theuer! Er war Seckelmeister in Einsiedeln gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, hatte dort Brüder als Conventualen und ich glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt – o, sie war von Familie und so aristokratisch, wie man es nur in der Schweiz noch ist. Mir, der fast 30 Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines Sträubens immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie verstand das. Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, sonst hätte sie, obwohl bereits 50 Jahre zählend, da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch nicht wohnen, wenn es nicht eine gute Familie wäre, aber die Dorers waren eine der ältesten Familien in Baden – ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen verwandt. Freilich schätzten sie den Vorzug ihres Geschlechtes nicht genug – sie verständen es nicht besser – flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht – Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte weit mehr an das Rindfleisch, welches er immer eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn, den Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so tapfer vertheidigt. Sein Erbe schlachtete ihm nach – weder der jetzige, noch der »Fideicommissair«, – denn der Hinterhof im Canton Aargau ist ein Fideicommiß – sah im Geringsten patricisch aus. Aber die Seckelmeisterin wußte, aus welchem Blute Beide stammten, und dieses Wissen tröstete sie über das plebejische Aussehen und machte es ihr angenehm im Hinterhofe. Sie selbst war allgemein beliebt; besonders schrie die kleine Amalie, das Schwesterchen des jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« Scheckelmei kam dann herbei und hieß Amalie vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen. Scheckelmei war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß wegen Gouvernante bei den Fräulein Töchtern des Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was Lebensart heißt. Sie redete immer wohl und immer mit Feierlichkeit, ganz wie in Goldoni's Komödien geredet wird. Damit konnte sie uns inmitten des Hofes ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich durchaus entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind einen Kuß; darüber war sie so erfreut, daß sie uns fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch auf, als er essen wollte. Sie war gar gut die Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich auch. Dann freute sie sich immer über meinen »dulce signore,« pries die Süßigkeit der Freundschaft, die Süßigkeit der Keuschheit und das Paradies der Liebesfreuden, sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich die Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, wenn gleich vielleicht ohne sie besonders zu wünschen.
Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines der treuesten Bilder des Lebens – täglich verschwinden bekannte Gesichter, um fremden Platz zu machen. Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn Wangern und selbst unsern guten Herrn Kaiser, dafür hatten wir eine »enorme« Jungfer aus Stäfa, die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide erschien, eine Madame aus Chur mit einem vierjährigen Knaben, welcher durch seine grenzenlose Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung brachte. Schweizer Officiere mit ihren Frauen, Professoren, Räthe und endlich ein Paar, das uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. Auch trug sie Trauer und der Mann nicht. Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah Beide nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir machten eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem Spaziergange, wo wir von verschiedenen Seiten zusammentrafen. Sie waren Beide in St. Gallen und Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, er sei irgend ein Rath oder dergleichen aus St. Gallen, der in Heidelberg studirt habe. Am Abend suchten wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus Heidelberg, noch aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken und wunderten uns. Doch nur wie man sich über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich gar nicht interessiren. Den nächsten Tag war der Mann abgereist; ich fragte natürlich die Frau, ob er ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen. »Sie haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« fragte sie. »Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und in Trauer um meinen Mann, und Karl ist nur mein Bräutigam.«
Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig eine Wittwe – wir hatten zwei Wittwen im Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine Wittwe zur Warnung. Eine Figur aus Goldoni, und eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal um das andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten Verwunderungen darüber, daß die Mannheimerin mir eine jener frischen, verliebten Frauen so lebenswahr vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht Jahren in St. Gallen äußerst glücklich verheirathet gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint hatte – es ließ sich nicht sagen! Ganz St. Gallen war auch, als sie ihn verloren – es war zu Neujahr gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben Monat – ja, ganz St. Gallen war lauter Mitleid gewesen; obgleich eine Fremde, hatte sie sich völlig wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! Die guten St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, einen St. Gallener zu verlieren, müßte für eine Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust sein! Einer der angesehensten Männer war zu ihrem Schutzvogt ernannt worden – die Interessen der armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der Welt war, hatte den Winter über einsam ihrer Trauer gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin aus Heidelberg nur darum aufgenommen, weil die unglückliche Frau sich vor den Wirren aus Baden geflüchtet und nicht gewußt hatte, wohin. Diese unglückliche Frau war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, und Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als er mit seinem Bruder nicht in den Aufstand gewollt hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich gesehen, und so – o, sonst hätte sie's gewiß nimmer gethan, versicherte die Wittwe-Braut. Natürlich, wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte, würde sie sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich, ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam hat, kann's nicht ärger sein. Karl kam immer zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. Diese Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der Trauer um ihren Seligen machte sie ungemein belustigend. Man wußte immer nicht, wen man hörte – ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß dieser lebendige Widerspruch alle seine Empfindungen mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir erfuhren alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken könnten, wie es mit ihrer Wittwenschaft aussähe, alle ihre Entschlüsse, so lange sie dieses Kleid trage, nicht wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von Ehre schien, unnütz, sehr unnütz, endlich die Noth, welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar so soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, aber schrecklich neugierig gewesen; immer hatten sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle Mienen gemacht; selbst der Joseph war anzüglich geworden. Joseph war der Badewärter des Hinterhofes und eine der gelassensten Individualitäten, welche mich je um die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und dieser selbige Joseph hatte doch mit zweideutiger Miene gefragt: ob der Herr denn nicht mit in's Bad gehe. Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, muß man wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte des gemeinschaftlichen Badens herrscht, aber freilich nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht. Der heillose Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht blos für Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre Erwiederung: der Herr sei nicht krank, hatte er trocken gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe doch zu arg geworden und sie hatte den Bräutigam beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches sie hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und sie in St. Gallen zu erwarten. Karl war ein vernünftiger junger Mann gewesen und resolut abgereist, aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, daß sie nicht lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen machen lassen, ohne den Bräutigam fortzuschicken! Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß sie nicht aus dem Fieber herauskomme. Endlich hielt sie's nicht mehr aus – der Doctor mußte ihr die Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, sie war wie elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger Geschöpf gesehen. Sie wollte einen Antheil an dieser Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für Karl.
Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, wie eine graue, moosige Epheuranke, welche sich auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein leichtsinniger Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume zerstört wird, sich zwitschernd einen andern sucht, um sich ein neues zu bauen.
Waadtländerin und Pariser.
Ein Nervenzufall.
Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha und hatte einen heftigen Nervenzufall. Ihr Mann ging verdrießlich und unruhig hin und her und begriff nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger Zufall möglich sei. Herr Picard war an Nervenzufälle bei seiner Frau gewöhnt, aber so einer! Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall haben?
Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften Genfer nicht lange darüber in Ungewißheit. Sie schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht mehr liebe.
»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.
»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich weiß es seit lange. Glauben Sie, daß solche Veränderungen dem Herzen einer Frau nicht fühlbar werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich empfinde nicht, Grausamer, daß Du kalt geworden bist, trostlos, ganz und gar kalt?«
»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«
»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu lieben? Nun wohl, wie Sie wollen, Monsieur, wie Sie wollen.«
Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen Forderungen, so vernünftig, wie ein Genfer Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber geberdete sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer krankhaft unverständiger, so daß dem Manne zuletzt Nichts übrig blieb, als der Bonne zu schellen und nach dem Doctor zu schicken.
Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem solchen Zustande sah, die Augen gen Himmel, zuckte tragisch die Achseln und verkündete, indem sie durch die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, das sei ganz klar.
Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen umarmten den kleinen dreijährigen Emil, der ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war, schüttelten traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil begehrte noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren Seufzern empfing er sie von den bewegten Dienerinnen. Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung hinaus auf die Gallerie, ohne im mindesten zu wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand des tiefsten Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des Grabes lag.
Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte über ihre armen Kinder und beschwor ihren Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: das verstehe sich ja von selbst.
Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die Mutter nicht mehr liebte, wie leicht konnte der auch der Kinder vergessen.
Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern langsam in das Haar. Es war ihm dies seit zehn Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch noch nie so aufgeführt.
Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. Herr Picard fand diese Sprachlosigkeit recht gut – der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, so erhoben sie einstimmig ein Geschrei von solcher Stärke, daß Herr Picard fürchtete, die ganzen Eaux-vives könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt von Genf stand nämlich das Häuschen, welches einen kleinen Hof, einen kleinen Garten und zwei kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst Frau und Kindern bewohnt wurde.
Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen gerieben worden war, bekam sie die Sprache wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden – sie fischten irgendwo, wahrscheinlich in nicht kleiner Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen. Der kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt – die Mutter küßte ihn und verzog den Mund, weil sie mit dem Kusse Butter auf die Lippen bekommen hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige Sorgfalt für den Kleinen angelassen, rümpfte die Nase und versicherte dann draußen in der Küche: man könne es Madame nie recht machen; Monsieur möge es manchmal schwerer mit ihr haben, als man glaube. Die Köchin und das Nähtermädchen stimmten der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein, ohne länger bedauert zu werden.
Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten Ehemanne Moral. Eine so reizbare Frau müsse geschont werden, oder man könne der übelsten Folgen gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter Erbitterung: »Wenn ich nur erst wüßte, wie ich sie schonen soll!« – »Wissen Sie's nicht?« fragte der Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der verdrossene Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« schloß der Doctor phlegmatisch.
Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich er ein Genfer war. »Sie können gut reden – Sie haben auch eine Frau –« – »Aber die hat keine Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.
»Das war's, was ich sagen wollte. So haben Sie leicht predigen, was Sie nicht zu thun brauchen.«
»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole Ihnen – schonen Sie Ihre Frau, oder – Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«
»Was für eine Frage!«
»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen Auftritte sich öfter wiederholen. Widersprechen Sie ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«
»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See von Joux in Paris geboren worden.«
»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen, die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau ist eine von den ersteren.«
Madame Picard.
Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie, jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der Genfer Gesellschaft – vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können; man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach, war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen, doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben, wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge, welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen kann – zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet. Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.
Die Frau des Compagnons.
Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty – denn diesen Dichternamen führte der Mann – in ganz Genf der Compagnon des Herrn Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau.
Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich: »Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise, das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »s'il vous plait.« Madame wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche, aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände. Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.
Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty, Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau, weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß.
Vertrauliche Unterredung.
Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam – Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang – also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld haben.«
Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften Ehemanne.
»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, bleibt er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, ist Ihr Mann denn unsichtbar?«
»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht guter Mann.«
»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«
Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr Leon – aber das ist auch etwas Anderes – er ist ein junger Mann und in Paris erzogen worden – wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, er hätte sich geändert – er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und gediegener.«
Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das ernstlich gemeint habe – kennen Sie denn die Franzosen nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge – es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«
Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«
»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.«
»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief Pauline boshaft.
Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der Krone, drei Treppen hoch.«
»Und Herr Leon auch?«
»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten – werden Sie mir da das Vergnügen machen, auch zu kommen?«
»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«
»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«
»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?«
»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.«
»Und sie lieben sich noch immer so?«
»Wo möglich noch mehr.«
»Ach, welches Glück! Und die Engländer – sind sie eben so zärtlich?«
»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller legt.«
»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und –«
»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.«
Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty. Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«
»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber, Madame Picard, der häusliche Frieden – was thut man nicht, um den zu erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause. Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag – ich war es wirklich müde, ihn zu erwarten – die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme – mich aber würde er zu Bette finden.«
»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was antwortete Herr Hölty?«
»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge gehen.«
»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«
»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.
»Was, es ist ja kaum halb neun!«
»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht – man muß nicht immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard, – pflegen Sie sich recht – ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe – nochmals guten Abend.«
»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät gekommen sind.«
Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so toller, je später und – belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges – es war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie auch noch hören – das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und – weniger schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette singen möge.
Herr Leon.
Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und – füllte ihn nicht mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen – unsere kleine Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich. Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben – Madame Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« – »Das muß ein gutes Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche, Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt mitangehört – Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal – sie war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den Familien hervor.« – »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,« meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des Vaters bekommen – die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon – wie die jungen Leute sind – hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen – auch nimmt er sich ungemein in Acht – widerspricht ihr nie.« – »Das wird auf Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. – »Was wollen Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine schwere Zeit bei seiner Mutter – da ist's billig, daß er belohnt werde.« »Sehr wahr – ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.«
Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß, einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall, Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete Persienne blickend – zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich, sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken. Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt bewegen – er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden ging der junge Mann weiter.
Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen soll, ein Geck, wie es nur je einen gab. In Paris konnte er keine große Rolle spielen – er war eben nur Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe Liebe gehabt mit der Tochter eines Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. Als er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, kam er so wenig in die gute Genfer Gesellschaft wie Madame Hölty hineinkam, und – die Wahrheit zu sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße der Familie,« wie Bulwer sagen würde. Da lernte er eines Abends bei dem Scheine des Mondes und der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war gerade nicht ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht besonders unterhaltend, aber neben Madame Hölty und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie eine Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, als habe er eine neue Sonne entdeckt. Madame Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, und der Preis der bessern Haltung nicht allein, auch des hübschen Aeußern wäre ihm geworden. An Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls der Ueberlegene – Leon wußte so gut wie gar Nichts und war an Charakter so gut wie Null. Aber – er war Pariser, sprach von der Oper und seinem Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, von Toiletten und der Liebenswürdigkeit Paulinens. Der kleine Roman war angefangen, und wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an Leon, sondern an der Gelegenheit. Pauline hatte keinen Salon, Leon durfte selbst nicht wagen, ihr sogleich einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines Bruders, bezüglich auf die Plane ihrer Partei, rief ihn unvermuthet zurück; er reis'te ab, ohne Pauline öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris vergaß er ihrer bald ganz – Pauline dachte seiner um so eifriger – es war der erste Mann, welcher sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt es keine Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen unberechenbaren Werth. So oft Herr Picard als Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und sagte sich: »er würde nicht so sprechen.« Es ist der beste Beweis für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese erste kleine Koketterie so ungemein ernsthaft nahm, doch konnte auch eben darum Gefahr in einem Wiedersehen Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte sich der hübschen Waadtländerin erst wieder, als er sich drei Abende nach einander mit seiner Mutter und ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser gelangweilt hatte.
Die Abendgesellschaft.
Der große Tag kam. Madame Hölty machte im Salon ein mächtiges Geräusch. Der Sopha wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, welche unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, welche in ihrem Stübchen oben das Gerassel der Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr Wort dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie ließ sie von der Wand an den runden Tisch vor den Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar in der Art, daß die Bücher gleich Radien eines Kreises liegen. Auch hier war es der Fall; alle Bücher Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, das passe nicht zu einer Soirée. Madame Hölty sah kläglich aus; im ganzen Hause gab es keine andere Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus der Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren und Wörterbücher und garnirte damit den Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt neben einem schadhaften Damenspiel und einem ehemals eleganten Kästchen, und der Salon hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein gewisses »capables Ansehen« angenommen.
Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags vorüber – die Genfer lobten Gott, indem sie in Paquis knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst Rindfleisch und einem Kuchen das Diner ausmachten. Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als diesen lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam Nichts – es war, wie es schon sechs oder sieben Mal gewesen war. Aber am Abend sollte es anders sein.
»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, um den Abend im Garten genießen zu können,« sagte Madame Hölty.
»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte die Deutsche. Die Engländerin konnte kein Wort Französisch, folglich auch keine Frage thun. »Kommt Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.
Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen außer Madame Pellet und Herrn Leon nur noch ein Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty, »die ein Stück spielen solle«.
Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende Versammlung.
Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, so lächerlich klein sie auch war. Pauline aß kaum Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten, die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft erregt, hatte Kopfweh. Ob sie nicht lieber absagen sollte? Am Ende – eine Soirée bei Madame Hölty – Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, heute waren Fremde da. Von der Deutschen hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann sollte noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute Sängerin sein. Dann die Engländer – Pauline mochte Engländer leiden, sie waren meistens originell, »und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit zu Zeit Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden wegen wollte sie gehen. Und so – mußte sie sich anziehen.
Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht gut, aber elegant mußte man doch auch aussehen. Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes Kleid, eine elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. Ein schwarzes Tuch um den Kopf wurde nicht vergessen, ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs gut hervorhob, dann der Hut aufgesetzt – Pauline wußte nicht, wie sehr er sie entstellte, und hätte sie es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den Zwillingen, welche Georges die Freunde Picard nannte, übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin, sie werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm in die Hand und das gleichgültige Gesicht an und begab sich comme il faut zu Madame Hölty.
Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in Empfang; Louise, im weißen Kleide mit blauer Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit der Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre Freundin« vor. Madame Picard erschrak – die Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf eine sehr faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft Paulinens zu machen, versicherte dann, sie könne unmöglich den schönen Abend vorbeigehen lassen, ohne sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo ihr Mann bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame Hölty führte Pauline an die Gartenmauer, und sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See und in die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle Abend ihr Vergnügen,« sagte Madame Hölty, »wird sie müde, so rudert er allein – nie fast fahren sie mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, der fährt seine Frau auch.« Pauline folgte den leichten Barken, deren jede ein allem Anschein nach vollkommen glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines stillen Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, gerudert von einem Manne, der sie anbetete, gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? Eine Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie sie noch nie empfunden – »an ihm rächen möcht' ich mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. Erröthet wandte sie sich um. Leon Pellet stand da und begrüßte sie mit ausdrucksvollem Blicke. Er hatte kein schönes Organ, aber er sprach in reinem Französisch, und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem Tone zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, – es war stechend und bisweilen selbst zweideutig im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf Pauline, und sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd angesehen zu werden. So dünkten denn Auge und Stimme ihr liebenswürdig, ja, sogar bestechend.
Leon war mit seiner Mutter gekommen – er war jetzt ein so guter Sohn, daß er seine Mutter nie ohne die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die alte Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung auf und ab, und Pauline fand sich nicht veranlaßt, die ersten Schritte ihr entgegenzuthun. Sie setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen Rosen stand. Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline athmete laut auf – sie hatte jetzt auch einen Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr redete. Allerdings war es nicht der ihrige, aber – man kann nicht immer Alles haben.
Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit ihr führte – es bedurfte keiner Genferin, um sie zu führen, wenn nämlich die Genferinnen sich wirklich durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen sollten. Der See war das Thema, das uralte und alltägliche Thema, welches zum tausendsten Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt wurde. Der See war schön, wer wollte es läugnen? Das Gartengestade drüben lag in prächtiger Dunkelheit auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links, beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war kraftvoll in die gelbliche Glorie des Himmels gemalt. Rechts hin – wie lieblich verliefen nicht die Linien des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral in den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, welche auf der spiegelhellen Glätte in die Abendröthe schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig, bald mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden Wimpeln, gerudert von zwei, vier, sechs, acht Rudern. Ja, der Abend auf dem See war schön, aber um das zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es zu sehen, nur zwei gesunde Augen.
Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen Peniche folgen, worin eine Frau saß, während zwei Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ sie fallen und hielt inne. –
»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit lockt an – man möchte sich hineinmischen. Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit Vergnügen fahren.«
»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte Pauline. »Für mich ist es eine Erinnerung an meinen heimathlichen See.«
»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.
»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit den Augen des Herzens sehen.«
»Das beste Sehen, das richtigste.«
»Nicht immer.«
»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art sehen, werden Sie ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Ein Blick gab dieser Redensart ihre Anwendung.
Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung. Sie spielte so gut wie Leon, nur eifriger als er. Er that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte – sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In ihrer Rolle lag es jetzt, verstanden zu haben und auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt hier am See. –
Leon lächelte – es war ein unverschämtes Lächeln. Pauline nahm es nur für bedeutungsvoll. Er bot ihr den Arm. Der große Salève sah aus seiner blauen Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort hinauf will ich einmal,« sagte der junge Mann. »Waren Sie schon oben?«
Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen einigen Tagen Verwandte – mit denen wolle sie abermals hinauf. »O dann –« sagte Leon. Er erwartete eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte als Genferin, d. h. mit genauer Beobachtung einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich ihr Entgegenneigen nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen. Daß er sie interessirte, daß sie jede Bewegung in der Absicht machte, ihm zu gefallen – er sah es – warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf den Berg zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen – die Verwandten!
»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.
»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte leise ihren Arm.
Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte mit beredtem Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht Sitte, einsame Spaziergänge am Ufer des Sees zu machen.«
Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte ziemlich kühl: »sprechen wir von Politik, da wird es unschuldig. Sind Sie noch immer so entsetzlich streng gegen alle arme Demagogen?«
Die junge Frau kam beinah aus der Fassung. »Antworten Sie mir doch,« flüsterte er ihr zu, »man beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den Augen Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete, dabei aber nicht wenig scharf nach der Seite schielte, von welcher das verspätete Paar kam. Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden, Madame?«
»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend, mit natürlicher Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine Canaille.«
»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,« sprach Leon, etwas betroffen. »Nur so läßt es sich erklären, daß die Conservativen, welche in der Mehrheit sind, ihn dulden.«
»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline wieder.
»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte Leon. »Aber, Madame, um Himmelswillen, wie leidenschaftlich sind Sie in der Politik!« Es ärgerte ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt wie in der Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. Umsonst setzte Pauline, nachdem sie die Lyonneser begrüßt, den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt – Leon blieb fremd. Pauline wurde dagegen lebhafter, sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben gewesen war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam sie endlich in den Salon und wies ihm einen Stuhl neben dem ihrigen an. Leon setzte sich und betrachtete den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline leise. »Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt modulirten Tone. Pauline hörte Empfindlichkeit über ihre Zurückhaltung, dabei Trauer, unterdrückte Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons Herz erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft oder freudig erschüttern zu können. Gerührt ließ sie ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der Milde und Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die Fremden ein, die Deutsche zuerst, dann die Engländer. Madame Hölty verstand nicht, die Wirthin zu machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber nicht diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich bequem hin und ließ sich von ihrem Manne unterhalten; die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, sagte sie: »Ich glaube, das ist das Ehepaar aus Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann wie der Pariser aus,« wandte der Deutsche ein. – »Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein, nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie heißen, aus Lyon, und Herr Pellet ist der junge Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches Gesicht – ihr Mann scheint sie sehr zu lieben.« Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine nicht lange verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das stille Wesen eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes – man konnte nicht anders als Beide für verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame Hölty, die eben vorbeikam, wie lange sie es wären. Madame Hölty lächelte. »Das – aber das sind ja –« und die Erklärungen. Die Deutsche lachte. »Dann ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« – »Ja wohl – wir haben es schon voriges Jahr bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« Die Deutsche blickte Madame Hölty einen Augenblick scharf an.
Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und hoffte, sie möchte und würde sich doch hören lassen. »Nach Ihnen, Madame,« antwortete die Deutsche. »O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen erfolgten, dann setzte Pauline sich an den Flügel, ließ ihr Tuch flattern, ihre Schultern arbeiten, ihre Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal zu begeben und mit Herrn Hölty einige Gläser Wein zu nehmen; als er darin befriedigt war, kam er geräuschlos wieder und setzte sich auf den Sopha. Pauline ließ, da sie ihn nicht erreichen konnte, einige Augenblitze zu dem Deutschen und dem Engländer fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und machte sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, denn beide Männer schienen mit Kaltblütigkeit wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, aber beide Frauen gaben sich keine Mühe, und Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, da sie nicht seine, er nicht ihre Sprache verstand; blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt, Melodien in vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, die Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den Gesang wenden, bewegte sich mit ihrer hübschen Gestalt unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, sie setzte sich neben ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit verloren und that alles Mögliche, um sich »zu affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben und gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit eine Zeit lang ertragen, stand er auf und nahm einen Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit der Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und belustigte sich über Paulinens sichtliche Unruhe. Die hübsche Waadtländerin wußte erst gar nicht, was sie machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den Flügel und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten Compositionen zu spielen, wobei die Gesellschaft sich über alle Maßen langweilte. Leon saß immer geduldig da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig zu zeigen. Endlich war die gute Musik aus, Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den Deutschen ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin und flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine Bewunderung über ihren Gesang zu. Pauline flatterte wie ein Vogel über Kohlen – die Deutsche sah es und ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon ein. Pauline überredete den Deutschen, eines ihrer Walzerhefte dazubehalten – es knüpfte sich so eine Bekanntschaft an, – die Deutsche erhob sich, um auf Leons Bitte ein venetianisches Gondellied zu singen. Die arme Pauline – sie allein war bei diesem Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, der Deutschen zu gefallen – diese lachte innerlich herzlich, ebenso ihr Mann. Die Koketterie ist wie das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit spielen will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; ihr war, als gehöre Leon ihr, als müsse sie alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten. Mehr und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der ganzen Gesellschaft ein ergötzliches Schauspiel. Erst als der Aufbruch da war, beruhigte ihre aufgescheuchte Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den Punkt, auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer half ihr den Ueberwurf anziehen, der Deutsche dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr den Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt trat sie hinaus in die schöne Nacht.
Beim Nachhauseführen.
Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete.
Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas, beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an und sprach kein Wort.
Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder? Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?«
»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er sah Pauline ankommen.
»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger fort.
»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck.
»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.
Leon schwieg.
»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie dringender.
»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte Leon.
»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty dazu.
Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig sind wir nicht, nicht sentimental, wie – die Deutschen?«
»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, sondern sehr vergnügt,« schaltete Herr Hölty wieder ein. »Das Schießen kann sie nicht leiden, sonst ist's eine gute Person.«
Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens Ohr: »Wenn Sie wollten –«
Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als zittere sie.
Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge Frau berückt zu haben, ihrer endlich sicher zu sein. Leise brachte er seine Finger an ihre Hand, berührte diese mit einem Drucke, in den er Willen und unwillkührliche Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit war befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte schneller. Sie war in diesem Augenblicke noch härter und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte ihn. Sein Athem streifte glühend Paulinens Wange. »Wenn ich mich nicht getäuscht,« flüsterte er, »wenn Sie für mich –« Pauline lauschte, mit ihren Augen an seinem Munde hängend – der gute Hölty wußte gar nicht, warum die beiden Leute auf einmal so stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach einer Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon fuhr fort: »Seit vorigem Jahre denke ich nur an Sie, und Sie, Madame –« Pauline blickte nieder wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn Sie nur einen Gedanken an mich gehabt hätten – wenn ich – wäre es zu dreist, Ihr Schweigen so zu deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. »Sprechen Sie nicht, ich bitte Sie – Sie wissen, was das Schweigen mir sagen soll – ein Gedanke, wie wenig, – für mich die Welt, für Sie – ein Augenblick, welchen Sie der Toilette abgewendet haben, – bin ich nicht bescheiden?«
Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu – Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau und der – war es jetzt ganz erwünscht, – sie fürchtete sich beinah etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause – da wird er sich ausnehmend freuen.« – »Sie sind ausnehmend gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.
Ungewißheit.
»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen hatte.
»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie befördern.«
»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« – »Ist es möglich? Wer, wer denn?« – »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?« – »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor Freude.
»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen – denken Sie, wenn Herr Picard –«
»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen – ich weiß nicht, was ihn zu mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier – man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon sagen wollte – er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet –« und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte sie.
Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. »Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.« – »Meinen Sie, Madame?« – »Allerdings.«
»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.
»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.
Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele in einem fort die Namen – die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.«
»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.
»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder unsere liebenswürdige Wirthin?«
»Das ist wohl kein Zweifel.«
»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die Erlaubniß zu kokettiren?«
»Alles kein Zweifel.«
»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen – wollen? Warten wir's ab – es ist eine völlige Novelle – Nichts fehlt, nicht einmal die heuchlerische Vertraute – Madame Hölty spielt sie mit möglichster Natürlichkeit.«
»Und wie wird das Ende sein?«
»Ueberall wo anders würde es zu einem – komischen oder höchstens dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben kein Ende giebt.«
»In der That?«
»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.
Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen Garten.
»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«
»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir eine Erklärung zu schreiben – überdies würde ich sie auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich hinzu.
Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.
Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt – es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden – die kommen sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.
Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.
Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.
Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch nicht wieder gesungen habe.
Unvermuthet.
Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen« sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn Leon.
»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so früh! Was bringen Sie?«
»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit.
»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?«
»O, das allerbeste.«
Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame Hölty war voller Erwartung.
»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an.
Verliebt – Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe – wollte er sie zur Vertrauten machen – das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.
Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und will heirathen.«
»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus.
»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.«
Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn als Rothen schilderte – er war der conservativste Mensch. Auch sah sie ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie denn auf diesen Gedanken gekommen?«
»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen, damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden – meine Mutter willigt ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, – wünschen Sie mir Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.«
Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und fragte: »Aber Madame Picard?«
»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«
Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten, konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist allerliebst – die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.
»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet oder nicht.«
»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß – es traf sie unvermuthet. Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das Ideal unserer guten Madame Hölty – nun, der Geschmack ist frei, aber hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann unwiderruflich verurtheilt.
Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch: »Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner Braut hören.«
Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.
Tagebuch in Schwyz.
Den 9. September 1849.
Wie kommen wir hierher? Vorgestern und gestern waren in Einsiedeln zum Geburtstag der Jungfrau achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis acht Uhr Abends. Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich das Hinundwiederströmen, wie ein buntes Schattenspiel, auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern Füßen. In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, auf dem Rücken ihr armes Gepäck, auf der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder Reue, tranken an jeder der Röhren, aus denen der heilige Brunnen strömt, und gingen dann noch erst in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige und Beladene« dachte ich immerfort, und mir war's, als legte das ganze Leben erdrückend sich auf meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter den Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in Glarus, das graue ausgedehnte Kloster ward von grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der Nacht glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen Thurmarmen mich umschließen und zu Tode pressen. Fort wollt' ich, fort, fort, gleichviel wohin. Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben als die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, fuhren wir dem Vierwaldstädter See zu. Mir war's gleich, ich sah Nichts um mich her, ich weinte. Nach dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für meinen gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in Schwyz zu bleiben begehrte, weil wir eher dorthin kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher meinte: es sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, »do isch Goldau.« Die Stätte einer Verwüstung und einer solchen – das weckte mich aus meinem Stumpfsinne – ich ließ den Wagen zurückschlagen, da lagen am Lowerzer See die Rigi und der Roßberg und zwischen beiden in der Tiefe die röthlichen Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die Straße dieses Unheils sichtbar – mir gefiel's – es war ein herb Gefallen.
Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach ihm getauften Hotels, sehr freundlich. Das Haus war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht Tagen hatte er noch einen Gast gehabt – Herrn Fritzsche aus Berlin. Der war schon im vorigen Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden Herrn Fritzsche's Erben, d. h. wir bezogen die von ihm verlassenen Zimmer, und können nun von seinem Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und gleichsam studiren.
Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das grüne Thal, von Schwyz bis Brunnen. Rechts in der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher zu uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, gegenüber jenseits der Urner Rothstock und das Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme gesättigte Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische Abrundung, eine unübertreffliche Verschmelzung des idyllischen Vorgrundes mit dem großen, reichen Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal – derselbe reine, sonnige Glanz, nur dort krystallener, hier schwingender.
Den 10. September.
Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer steht einen ganzen Ton zu tief. Ich begehre nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute durch Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen jungen Menschen, der sich als halber Stimmer gehabt, schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der hiesigen Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine schönfrisirte Mensch wieder. Ich empfange ihn als Organisten, aber er ist es nicht, er ist »nur so für sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein Elegant von Schwyz, Musiker, – wird bei der nächsten Kirchweihe den Richard in der Schweizerfamilie singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine Jungfer aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« neulich in einem Concert auf dem Rathhause die Arie: »Wer hörte« mit allgemeiner Zufriedenheit gesungen. Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater Placidus, vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, lehrt hier den Gesang und läßt seine Schüler die Oper einstudiren, die erste Oper, an welche die hiesige Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch nicht recht schnell streichen und blasen, eine große Probe ist noch nicht gewesen, die Mitspielenden können noch nicht ihre Nummern alle, die Gertrud hat eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles Nichts – die Oper wird gehen. Dramen sind schon mehrere aufgeführt worden, und Richard kann sagen: »bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. Nun, wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als Milch und Käse. Im Hause sogar ein Lesecabinet mit deutschen, italienischen und französischen Blättern, eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, einem Flüchtling aus dem Aargau. Die damals im Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind jetzt noch proscribirt – die Badener, welche ihre Fahne verlassen haben, sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten Artigkeit aufgenommen werden, verlangen die freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei Bürgerkriegen in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei er wolle – sollte man meinen. Behüte, die freien Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war ein Aufruhr gegen die jetzige Regierung – welche noch nicht eingesetzt war. Die Fürsten, welche sich etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der Unverstand es so haben will. Otto hat mit dem Redacteur gesprochen. Der junge Mann prophezeit einen Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen blutigen. Ich glaube ihm, ich habe schon im vorigen Winter im Waadtlande und diesen Frühling in Genf mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt Acht, nach oder vor der Heimkehr von der Alp giebt's ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen Familienkrieg, eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« So wird's auch kommen – im Sommer nicht, im Winter eben so wenig: im Winter ist's gefährlich in den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß gealpt, geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer sind viel zu praktisch und zu vernünftig, um einer Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen. Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, wenn Vieh und Ernte unter Dach und Fach sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten das Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, und dann – so gelassen, überlegt und gutmüthig im Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind möchte ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten Grade die allen phlegmatischen Organisationen inwohnende Fähigkeit zur Rache.
Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem Zeitungscabinet. Vor acht Tagen hat auch »bereits wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt, »ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch und Italienisch gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja Alles hier im Hause.« Richard antwortete mit schweizerischer Gründlichkeit: »O nein, eben nicht Alles.« Der Flügel steht noch, wie er stand.
Den 11. September.
Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die Gegend, die ich noch gleich bildschön finde. Aus lauter großen Verhältnissen ergiebt sich hier die anmuthigste Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend Fuß – wir blicken an ihm hinauf wie an einer mäßigen Felsenwand, deren Farben deutlich erscheinen. Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß hoch – wir sehen den Schnee auf ihnen so nahe liegen, als dürften wir, um eine Schale voll zu nehmen, eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, kleines Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht viel größer, als das Kähnchen mit der eidgenössischen Fahne, welches wir in Baden für Marco kauften.
Nachmittag.
Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp, schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.
Den 12. September.
Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel, daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie in einem zu niedrigen Raum, daß – o Süden und Schönheit!
Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah – drei Jahre sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt! Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum weint denn die Frau so?« – »Weil sie aus Italien zurück soll,« antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag. »Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder – in den Himmel.«
Ein Haus wird gebaut – nicht für uns! Und warum wird's denn hier in Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein – ich will dir ein Wiegenlied singen.
Abends.
Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?
Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie – der Tyroler ginge, als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft unabhängig. In einem Wort es auszudrücken – die Tyroler sind ein poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.
Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche, gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen; sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.
Den 13. September.
Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine, der wie durch Schleier schräg darauf fällt. Wir sehen es von hier, wie die Wellen anschlagen, als wollten sie empor auf die brennenden Matten in Uri.
Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses gab uns heute Frühlingsduft im Herbste. Es hat hier Landhäuser, aber sie nehmen sich auch eben nicht anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme Schlafwohnungen.
Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind her in die schönste Alpenlandschaft und in das schläfrigste Städtchen. Drei Apotheken sind hier und nicht ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache Weißbrod ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein Eden ohne Versuchung.
Den 14. September.
Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit glänzender Erleuchtung des Klosters. Wir wollten hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch zu matt.
Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel glücklich auf den Kammerton gebracht, was dem guten Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht begegnet sein soll.
Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner Vorgrund, dunkelblaue Alpen, große, weiße Wolken darauf.
Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's heillos gewesen in der Welt diesen Sommer. Sind dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer. Deutschland, – werde nur Deutschland eins mit Preußen, Preußen durch Deutschland groß, mächtig und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust: Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser zwei Jahre.
In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Was für unreine Elemente in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich vorbereitet!
Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth vom Rigi ist ebenfalls europamüde. Sind die Schweizerwirthe närrisch?
Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch Charakter.
Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer gegen Oesterreich schworen. Ich möchte hier auch ein antiösterreichisch Gelübde thun, wenn – ein Gelübde von mir Etwas hülfe.
An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was wirst du einst für meinen Knaben sein?
Sieben Uhr.
Wir gingen träumend durch den Herbstabend im Schwyzerländchen. Es ist voll von Sägemühlen und Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die Weihkessel waren fast leer; inwendig über der Thür stand zu lesen:
| Heiliger Antony, bitte für uns Alle, |
| Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle. |
Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach und an die Muotta, dann zurück am Bächlein, wo Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte, die Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die Nebel webten um den Mythen und allenthalben, – ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer an und wunderte der grünen und weißen Dämmerung gegenüber mich immerfort, wie ich eigentlich nach Schwyz gekommen sei.
Da bringen Aloys und Franzl den Thee. Es sind die beiden Knaben des Hauses, Franzl ist im Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit »oui, monsieur«; Aloys soll nach Italien, um zu einem Herrn »si, signora« sagen zu lernen – ich kann einen nie vom andern unterscheiden.
Den 16. September.
Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser langes Bleiben, unser schönes Stillsitzen, mein Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich so gut geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen ein Concert; der Flügel wurde gestern Abend zu meinem größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch stieg vermittelst eines Wandschrankes als kühler Geruch in unsere Schlafstube hinauf; heute, morgen wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um Schweizer, den Blinden, her, wie Fliegen um eine Honigwabe. Außerdem versammelt sich morgen auf acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen im Hause – wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche Niederlassungsgedanken fassen, geht's so – wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird reisen. Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' ich's aufschreiben. Die Schwyzer Gesellschaft sahen wir gestern noch bei der Probe zum Concert – die hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. Pater Placidus ließ singen oder vielmehr brüllen: »Morgen marschiren wir«, und wettete mit Richard um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen werde. Der Tenor nahm die Pfeife aus dem Munde und setzte das Glas Wein weg, um dünn und feierlich zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. Richard versprach mir einmal Abends: »'s Herz ist ein spaßig Ding« als eine prächtige Arie hören zu lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, wurde stürmisch beklatscht; wahrscheinlich hielt man es für etwas »Apartes«, weil wir's begehrt hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits wirklich bei sich?«
Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen was die Engländer quaint nennen, dennoch gefiel sie mir gut – die Schwyzer sind schmucke Leute, wie wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel Taback – nun, man muß eben im Sommer herkommen, wenn man die Fenster offen haben kann. Ich scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz – es ist uns schon viel schlechter gegangen als hier, und man ist gar freundlich gegen uns gewesen. Den sechs Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten Nonnen in Kloster Fahr den Descendenten der alten Regensberge verehrt haben. Die Gegend ruht im Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.
Im Mätteli.
Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg, beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand, Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben, der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam, aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.
Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt. Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck, der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken, welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli. Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen – sie zog sich verdrießlich zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen.
Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den Winterbergen die goldene Wand – man konnte gern hier sitzen und der Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei – eine Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und sagte: »Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?«
Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr, um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war.
Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten Besitz der Bank.
Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen – die Frau war in Italien gewesen.
Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?« fragten wir uns – so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar abermals von Reisen – Jaques war in Constantinopel gewesen.
Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten – sie hat's aber nicht gethan, und ich habe sie nicht gesehen.
Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß de l'auteur à madame Jaques.
Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.
Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich versuchen will.
Mys lieb Beat.
Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer, hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung. Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen gemäß leben zu können.
Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung wurde gerechtfertigt – er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche Summen Geldes.
In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich, eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber, um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese. Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen, fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je länger mußte sie in Fahr bleiben.
Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung von ihr – sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft, welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es war.
Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen, selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen. Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat, charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch warm und redlich geneigt war.