Was ich geschaut.
Novellen
von
Irma von Troll-Borostyání.
Wien. Pest. Leipzig.
A. Hartleben's Verlag.
Alle Rechte vorbehalten.
—
K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
Inhaltsverzeichniß.
| Seite | |
| Erlöst! | [3] |
| Justus | [16] |
| Fallendes Laub | [30] |
| Franzi's Weihnacht | [44] |
| Der Weg zum Herzen | [55] |
| Weder Glück noch Stern | [65] |
| Der Unwiderstehliche | [75] |
| Schwer geprüft | [107] |
| »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« | [124] |
| Der kleine Geiger | [132] |
| Die Harfenspielerin | [140] |
| Sein Bild | [151] |
Erlöst!
Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter, die sich zwang, es freundlich anzulächeln.
Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust, seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall – eine hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels – ein sehr bedenklicher sei.
Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die Arznei zu verabreichen.
Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.
Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.
Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck, der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.
»Was ist das? – Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine Frau keine Anordnungen getroffen haben?«
»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,« erklärte der Diener.
»Ich glaube – des Kranken wegen.«
»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch alles nöthige. Kaltes Buffet – einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller – hier, nehmen Sie!«
Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später trat er in das Zimmer seines Sohnes.
Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen Schritten näherte.
»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit leichtem Kopfnicken begrüßte.
»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert sich.«
»War der Doctor hier?«
Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im Laufe der Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis eintreten. Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, so möge man ihn unbedingt nochmals holen lassen.«
»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger Junge; es liegt kein Grund zu so großer Sorge vor.«
Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die flüsternden Stimmen gehört, schlug die Augen auf.
Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.
»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich fürchtete schon, Du kämest nicht mehr.«
Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte einen Kuß auf seine brennende Stirn.
»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte er lächelnd. »Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch etwas mitgebracht. Einen wunderschönen Wald und allerlei Gethier darin. Bären, Wölfe, Füchse. Wenn Du wieder gesund bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«
»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der Kleine. »Mama, Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, Du und Mama, Ihr müßt das Wild vor mir zu verstecken suchen.«
»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen Tage werden sie trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie wieder erschießen kannst,« ergänzte Brauneck.
Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine Heiterkeit, und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen sich schmerzhaft.
»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« fuhr Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst Du nicht gesund, und wir können nicht zusammen Wild und Jäger spielen.«
Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und schloß die Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll Medicin zwischen die trockenen, heißen Lippen; dann saßen die beiden Gatten eine Weile schweigend an seinem Lager. Da schlug die Uhr acht, und Brauneck schnellte von seinem Sitze empor.
»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu Gabriele geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem Zimmer abhalten, und ich will den Herren beim Kommen und Gehen die größtmögliche Behutsamkeit anempfehlen, damit Erich nicht beunruhigt werde.«
Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens malte sich in ihren Gesichtszügen.
»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? Du findest ein Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele zu widmen, während Dein Kind hier schwer krank liegt?«
Brauneck zuckte die Achseln.
»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar tragisch aufzufassen.«
Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen.
»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen, es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen. Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in seinem Schlummer nicht gestört werde.«
Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.
»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.«
Brauneck machte eine Bewegung.
»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten, aber einem Manne nicht.«
Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.
Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen. Er aber schüttelte verneinend den Kopf.
»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!«
»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das Haus, noch selbst die Wohnung.«
»Bleibe hier, bei Erich!«
»Das kann ich nicht.«
»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem Vater frägt?«
»Sag' ihm, was Du willst!«
Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.
»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen – Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! So mächtig hat der Dämon des Spieles Deine Seele umstrickt, daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer brachtest, das Du Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst Du Deines Kindes Leben selbst bedroht – doch auch das hält Dich nicht zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; nur die Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«
Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, aber Otto war keines entgangen. Er erbleichte. Einen Augenblick lang begegneten sich die Blicke der beiden Gatten. Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich langsam um und verließ geräuschlos das Zimmer.
Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und starrte auf die Thür, durch welche er sich entfernt hatte. Dann wandte auch sie sich um und kehrte an Erich's Lager zurück.
Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein heißer Tropfen war ihm auf die Stirn gefallen.
»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand, die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh, gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!«
Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene Seele, die uns theuer ist –
Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die – er wußte es wohl – den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.
Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände.
Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt. Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar, schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das Laster – das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah, da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt – und – er erlag. –
Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.
Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht würde endlich das Glück ihm hold, und – wer weiß, vielleicht ließe sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern. Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung. Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche.
Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele.
Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem schlimmeren Tode, erretten möge. –
Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken. Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen, hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig. Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja nicht allein.
Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.
Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle gepackt.
Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«
»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie fühlst Du Dich? besser?«
»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen – Erich deutete mit der Hand auf seine Brust – hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte, gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen kann.«
Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte hemmte. Sie sah Folgendes:
Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies.
»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!«
Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins Angesicht. »Elender Schurke!«
Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine Lippen zuckten.
Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.
»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, gegen Sie so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen würde,« stammelte Brauneck nach einigen Augenblicken. »Nichtsdestoweniger werden Sie« – gegen den Ankläger gewendet – »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung Genugthuung zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«
Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.
»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«
Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.
Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein dunkler Schatten legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie nicht auf; sie brach nicht zusammen. Unbemerkt wandte sie sich zurück und ehe die Gäste sich zum Weggehen gerüstet, erreichte sie das Zimmer ihres Kindes.
Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.
Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Er schien zu schlummern. Die Fieberröthe war von seinen Wangen gewichen. Nur die Athemzüge klangen noch immer so kurz und röchelnd.
Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen im Zimmer umher.
»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über sein Gesichtchen. »Mein wunderschöner Traum – wir waren in einem wunderprächtigen Garten, eine herrliche Musik tönte von fernher und eine Schaar hübscher Kinder tanzte mit mir nach ihren Klängen. Du und Papa –«
Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum.
Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben dahingerafft.
Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht überströmten, flüsterte sie:
»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst – erlöst!«
Justus.
Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb, daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte, niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? – Wer ist doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.
Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen, mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen. Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig, nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe, sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.
Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten, seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus – der Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen!
Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens, der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören. Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte, die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten sich und – was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah – er stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen.
Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen.
Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen, wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen, doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles, schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald Gelegenheit geboten.
Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora, blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.
Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen Bruder Alvyn, der – um zwanzig Jahre jünger als er – zur Zeit, als der Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte.
Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf, welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung erhalten hatte, um – vorläufig, wie Justus sagte – in das Haus ihres Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig blickten. Er liebte Dora – aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende junge Geschöpf erwachsen würde.
Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig, immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten.
Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen. Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute. Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war, das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe sollte eine Ueberraschung für ihn werden.
Und sie gelang glänzend.
Am Vorabend von Justus' Geburtstag – es war sein vierundvierzigster, wie ich erfuhr – nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt.
»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen brachte.
Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.
Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen wollte; aber das Wort versagte ihm.
Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um das andermal:
»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?«
Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand, was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides beschlich mich.
Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe nicht verschlossenes Herz wohnen könne?
Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte – statt des Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen – Alvyn's linke Schulter getroffen. Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau – wo hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu bethätigen? – Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen, wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden. Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging; auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege genügend zu stärken.
Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar! Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen.
Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte.
»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen Papier entfaltete.
»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte – am Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt – da fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form richtig abgefaßt ist.«
Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu tragen.
Justus lächelte.
»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe, glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich will ja nur alles in Ordnung gebracht haben – für alle Fälle. Was Sie aber da von meiner Gesundheit sagen – ich bin ja nicht krank, wirklich nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja. Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben. Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies nicht erlauben.«
Ich unterdrückte einen Seufzer.
»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.
»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr wohl keine Veranlassung dazu.«
»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« – schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.
»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert ist?«
Jetzt fuhr Justus auf.
»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas denken!«
Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches und fing an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich beachtete er gar nicht mehr, so mächtig war die Erregung seines Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen vorübergegangen. Alvyn war völlig hergestellt und der letzte Abend vor seiner Abreise sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte davor, denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser sei, wenn die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald fiele, so wußte ich doch, daß dieselbe einen schweren Streich gegen sein Herz führen würde.
Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. Sie kam aus der im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt auf einem Glasteller einen mächtigen Kuchen in der Hand. Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet und freudige Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.
»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« frug ich, auf den Kuchen weisend.
Sie legte den Finger an den Mund.
»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung für Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst gebacken. Er wird Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe mir dabei gar nicht geholfen hat.«
Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich war ärgerlich gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus verdrossen mich, da ich wußte, daß sie ihn mehr quälen als erfreuen müßten. Ich folgte ihr in das Speisezimmer, wo sie den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über und über mit Zucker bestreute.
»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen will, die sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.
Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.
»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.
Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich aber fuhr ich los:
»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? Warum überhäufen Sie ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn nur peinigen können?«
Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. Dora aber blickte mich mit großen Augen staunend an.
»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«
»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, daß Ihre Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es kann Ihnen doch kein Geheimniß geblieben sein, daß er – Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich meine. Aber besser wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende und erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige Augenblick hiefür.«
Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte ihre Hand, die immer noch die Streubüchse festhielt, und ein dichter Zuckerstaub fiel neben dem Kuchen auf die Tischplatte nieder.
»Sie glauben, daß Justus –,« lispelte sie kaum hörbar.
»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es. Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn nutzlos peinigen.«
Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl that, sie zu kränken.
Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir den Rücken zugewendet. Jetzt klappte sie den Deckel des Schrankes zu und schlüpfte hastig aus dem Zimmer.
Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte mich meiner plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, das unhaltbare Verhältniß einer Krisis entgegengedrängt zu haben. Noch mehr aber freute ich mich dessen, als ich, in Justus' Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die nervöse Unruhe meines wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der Zeit, daß diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.
Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung der Mehrzahl der Theilnehmer verlief das Festmahl in ungestörter Heiterkeit. Alvyn's übersprudelnde Lustigkeit wirkte ansteckend auf die Anderen, und frohes Lachen, muntere Scherzworte flogen von Lippe zu Lippe.
Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits bekannte Kuchen wurde aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene – denn mein auf Dora gerichteter Blick verwirrte sie sichtlich – und stockendem Tone murmelte Dora, wie geistesabwesend, ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen selbst bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten der Küche nicht so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. Weiter kam sie nicht; das spöttische Lächeln, das sie auf meinem Munde bemerkte, schnitt ihr das Wort ab.
Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein mit edlem Wein gefülltes Glas hochhebend, rief er:
»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen Becher auf Dora's Wohl und auf das Wohl – desjenigen, der das Glück haben wird, sie als Hausfrau heimzuführen!«
Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach wenigen Augenblicken erhob auch Justus sich, das Glas mit bebender Hand ergreifend. Er war sehr blaß geworden. Ein seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines Auges.
»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich Alvyn's Wunsche an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den Du liebst. Willst Du mir Bescheid thun?«
Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig vor sich ins Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen und ihre Brust hob und senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch jetzt erhob auch sie sich und griff nach ihrem Becher. Hell klangen die Gläser aneinander und Justus und Dora's Blicke begegneten sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen Seele senken.
»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, den ich liebe! Er lebe hoch! – Justus lebe hoch!«
Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den Teppich ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog Dora ihm an den Hals und küßte ihn wieder lebendig.
Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein Toast folgte dem anderen und die Nacht war weit vorgerückt, als ich in heiterster Stimmung mich auf den Heimweg machte.
Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel gereicht – das Glück.
Fallendes Laub.
Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend, im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich aufzulösen.
Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht. Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte, der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis seien noch in weiter, weiter Ferne.
Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch. Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft. Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre Abreise hatten verzögern müssen.
Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig, trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf, daß alle Federn emporstehen.
Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten Fräuleins.
Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.
Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln, flattert empor – und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.
Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle Behandlung – was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.
Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen, fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt. Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing, deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches, glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug. Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte, daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich bestehen zu lassen.
Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.
»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten Freiheit umkommen müßte.«
Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.
»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung. »Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«
Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.
»Hm – hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz wieder zur Ruhe kam.
Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit.
»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.
Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.
»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?« unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen früh hast Du ja wieder Stunde.«
Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte.
Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.
»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«
Die Befragte blickte erstaunt auf.
»Herr Reichel – wer ist das?«
»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«
»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?«
»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige Lieder vorsingen.«
Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten Fräuleins.
»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!« sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«
Betti blickte beschämt zu Boden.
»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es war ein gar alberner Gedanke von mir.«
»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil für das, was sich schickt und ziemt.«
Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl drückender Beengung auf ihr Gemüth.
Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.
Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte – das von ihrem Vater componirte Liederheft – gefunden und wenige Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.
Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder, die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie verhindert hatte. Sie sang:
Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel –« eine klangvolle Baritonstimme in die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie es je gehört.
Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der Schwelle stehen blieb.
Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:
»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzusuchen.«
Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und trat dem Fremden grüßend entgegen.
»Fräulein Betti? – ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.
Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und, als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte, erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.
Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur Thür hinausgehuscht.
»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd. »Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«
Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den Flügel und begann zu präludiren.
Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon entgegen.
»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.
»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.
»Ja, wer denn?«
»Er, Oswald Reichel!«
Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten. Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich hinzu: »Da er aber nun schon da ist – und weil er ein Schüler meines seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«
Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein Können und – so ihm solche beschieden seien – alle weiteren Erfolge zu danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu dürfen.
Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es, als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen, um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen, glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte, daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun nicht länger belästigen dürfe.
Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals und verließ das Haus.
»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti: »Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«
»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.
Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume; einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem milchweißen Lichte.
Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch schon hatte er sie bemerkt.
»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten sotto voce von seinen Lippen:
| »Im Osten hebt sich der klare Mond, |
| Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen. |
| Und ich bedecke, selig wie er, |
| Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel, |
| Mit feurigen Küssen!« |
Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.
Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es, als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.
Plötzlich klirrte ein Fenster.
»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf vernehmen.
Da riß sie sich los und floh ins Haus.
Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den Händen verhüllte und weinte – bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen Menschen schied.
Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort zu kleinen Hügeln zusammenfegend.
Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter, der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.
Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb. Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde – froh und kraftvoll.
Franzi's Weihnacht.
Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.
Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
Der Andere zuckt die Achseln.
»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«
Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.
Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck« gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau, ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe schaffen.
Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte, welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.
Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln. Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag, daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen Tag satt essen.
Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus den vielen Wilderern und Schmugglern – denn die bayerisch-österreichische Grenze zieht sich über diesen Berg – ein Dorn im Auge und von denselben in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem Mallnitzer Tauern ermordet worden.
Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.
Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter eingebrochen und der erste Schnee gefallen.
Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz versprach.
Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.
Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten, wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen, von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.
»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume – aber ohne Lichter.«
Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen Weg hinan.
So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von Statten.
Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen gehen zu lassen.
Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.
»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.
*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«
Doch der Anfall ging vorüber.
»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«
Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.
Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.
Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.
Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und den Blick trübend.
Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.
Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll – o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.
Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.
Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.
»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. – Lieber Gott, ich danke Dir.«
Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.
Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich erkalten und erstarren – und er erkennt, daß sie todt ist.
Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.
Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.
Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt – wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut« geworden.
»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«
Der Weg zum Herzen.
Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten. Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt, Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig Jahre – und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung – er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen – verletzt fühlte; die Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.
»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau, wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie – mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein – kurzum, wenn sie auch alle Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will. Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine ebenso gute Hausfrau finden.«
Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der edlen Kochkunst – so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien – bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten, sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:
»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution. Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«
Ich lachte laut auf.
»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben entschieden Talent dazu!«
Er aber schüttelte den Kopf.
Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende, allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne. Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen, allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.
Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische Thätigkeit ihm freiließ – und manchmal auch etwas mehr – ihr zu widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem Vergnügen in ihren antihäuslichen Liebhabereien noch zu bestärken. Er unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder – denn mittlerweile war es Herbst geworden – dahinsprengte, war er ganz außer sich vor Entzücken.
»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz, und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen solchen Kameraden zu haben!«
»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre Sportvergnügungen.«
Christian machte eine abwehrende Handbewegung.
»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde, was ich suche!«
Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste, die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt wurde.
Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete – auch eines seiner Lieblingsgerichte – die nicht nach seinem Geschmacke war, eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende Pastete zu bereiten.
Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig rief er Ottilie zu:
»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich warne Dich vor einem erneuten Versuch.«
»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu reichen.
Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein in der Länge der Zeit sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.
Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten Wangen in das Speisezimmer.
»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei Dir nicht vor.«
Ottilie lächelte und gab keine Antwort.
Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung, daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und – o Wunder! ganz nach seinem Geschmacke zubereitet.
Christian strahlte.
»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern glänzend ausgewetzt.«