Der
goldene Spiegel
Erzählungen in einem Rahmen
von
Jakob Wassermann
Achte Auflage
S. Fischer ∗ Verlag ∗ Berlin
1912
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Ich widme dieses Buch meiner Frau.
O thou whose face hath felt the Winter’s wind
Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,
And the black elm-tops ’mong the freezing stars,
To thee the Spring will be a harvest time.
O thou, whose only book has been the light
Of supreme darkness which thou feddest on
Night after night when Phoebus was away,
To thee the Spring shall be a triple morn,
O fret not after knowledge, I have none,
And yet my song comes native with the warmth.
O fret not after knowledge, I have none
And yet the evening listens.
He who saddens
At thought of idleness cannot be idle,
And he’s awake who thinks himself asleep.
Keats.
Franziska und die Freunde
Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte. Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung, in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.
Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur, ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter, passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl, deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls bemerkenswert war.
Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter, als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug, und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen Träume zu folgen.
An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati, daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen.
Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe lachte.
Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte, blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm, führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an, doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen. Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern; was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm, daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein dicht an den Fenstern lohte.
So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr, weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen, schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit.
Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern. Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska. Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg, Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe. Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran, ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die Spitze bieten zu können.
Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,« sagte Franziska; »vielleicht wollt’ ich mich nur überzeugen, ob ein wirkliches Menschenherz in dir steckt.« – »Kann man davon Gewißheit erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art. Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so stark wie du dich stellst.«
Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen, denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser, Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.
Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land. Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt, daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg, eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz, begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« – »Wir haben es immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.«
Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, – also übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir’s wie die Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«
»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.
»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.
Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging. Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin, mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und lebte einsam.
Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem, keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl, vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure Schwester, eure ewig getreue Franziska.«
Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben.
Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel bedeutenden Pein.
Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden. Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.
So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.
In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim.
Was über den Spiegel beschlossen wurde
Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war.
Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati, Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so gleichmütig waren, – denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte, um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er; ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht?
Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit.
Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch.
Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.«
»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie vor allem die Idee eines Postaments.«
»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«, versetzte Cajetan.
»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses abhebt.«
Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von einem imaginären Mond bestrahlt seien?«
Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?« fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. – »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. – »Und Sie empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. – »Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. – »Warum sind Sie dann gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. – »Erstens, weil ich mit Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. – »Und Sie auch, Rudolf?« – »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte Borsati.
Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts. Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen können.
»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus.
»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.«
Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und, da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses, öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert, Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus. »Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei. »Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am Bahnhof erwartet.«
Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand, die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus, und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag’ mich nicht! Nur nicht fragen!«
Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint; nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers veranlaßt.
Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.
Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht ist.
Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein, Franzi, sie werden nicht fragen.«
Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile, die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend, und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen beiden.
Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem Takt jedes Einzelnen überlassen.
Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden. Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter Anbeter.«
Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt, ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille, von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.
Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah, bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro.
»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.«
»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort, das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden andern anheimfiel.
»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn.
»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.«
»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich Borsati lächelnd.
»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte Cajetan.
»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt, soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati.
»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt, meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß, vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt –« Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.
Alle schwiegen. »Ich denk’ es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander, überbietet einander, – laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!«
Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen, von dem Unmögliches gefordert wird.
»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein; »wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«
»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«, antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß darf man niemals an den Spiegel denken.«
»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten. Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.«
Die Pest im Vintschgau
Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue, fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.«
»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke stellt.«
»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr, wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.«
»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska und nahm eine Miene des Bereitseins an.
»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg.
»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas, das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den Geschmack verdirbt.«
»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.«
»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte. Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.«
»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben, um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.«
»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube ihm nicht eine Silbe.«
»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer Leidenschaft hingab.«
Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er’s getan hätte«, sagte er, »was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet, um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein finsteres und brutales Gegenspiel.«
Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte.
»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier; leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig, war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen. Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum, wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag, unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht, entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere, wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten, ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern, seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne; mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein. Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht, vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte, das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach, erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme, und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier Worte: Du bist’s? Ich bin’s! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz darauf fiel der tötende Schuß.«
Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan: »Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt’ ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug –«
»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei oder vier Jahren so tief sinken kann.«
»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.«
»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska kopfschüttelnd.
»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff.
»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt –«
»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es. Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.«
»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.«
Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen. Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.
Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber, jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes, rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck. »Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. – »Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. – »Da ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so verwöhnen«, war die Entgegnung. »’s ist ein falscher, treuloser Geselle, das ist er, ich verstehe mich auf –« Schon wollte er sagen: auf Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte melancholisch auf seinen Besen.
Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab, als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes Gelächter ausbrachen.
»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide, und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe zur Verkörperung des Fatums wurde.«
»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann:
Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock. Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen kaum verwandelt.
Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten, vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht.
Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht, weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den Untergang der Liebenden begleitete.
Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten.
Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu.
Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen. Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung. Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um, trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden.
Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt, die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander waren.
Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben, und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam, glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben, weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie, ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft, leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt, habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte, »und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.«
Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes seinen Weg.
Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe. Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin.
In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis, segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier! Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte, zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.
So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen. Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war.
Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz, und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines unerforschlichen Schicksals bleibt.
Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.
Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten, während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen Fluten erfaßt wurde und elend ersoff.
Der Stationschef
»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb, »der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser Philister wie gewisse Quäcolas.«
»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild, daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze blickte.«
»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht; oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen. So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht, freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse; seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.«
»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich würde sie ›der junge Hirt‹ nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung werden.«
Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«, erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht, können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«
»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan. »Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen armseligen Sinn sie nicht spüren.«
»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.
»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln, wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch. Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines bürgerlichen Nero zurückgeführt.«
Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen.
Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan; nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe, die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit.
Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung, breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen Schätzen und Wertpapieren sitzt.
Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde. Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden, der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden, wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und Brotstelle gejagt wurde.
Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt, daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen, so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken; er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich, gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut, die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war, entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein.
»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres Frauentum darin liegt.«
»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den Engel erlöst.«
»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen derer, die eingreifen und zermalmt werden.«
»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor, daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste ungehemmt sich betätigen dürften, – das Land würde rauchen von den Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein Fanatismus fordern würden.«
»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d’Herbois war ein mittelmäßiger Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten, die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot d’Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging d’Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten, der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«
»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend.
»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska traurig.
»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine Begabung, lasterhaft werden muß.«
»Dieser Collot d’Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter, der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden, denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen, als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.«
Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema, noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen, ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben, allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd.
Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, – Verzeihung, auch an die Frau.«
Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es verdient.«
In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen, welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne. Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten, der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man wagen und wie weit man gehen dürfe.
Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen, woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte den Ausdruck ungeheuchelten Kummers.
Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit, daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder Wille könne da nur zerstörend eingreifen.
Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden, die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den unfreundlichen Elementen zu überliefern.
Geronimo de Aguilar
Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine versprochene Erzählung wie folgt.
Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer. Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen.
»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen, daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden, will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück, daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die Zeit ist trächtig.«
Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext, aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren. Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren Übermut und Dünkel zu bestrafen.«
Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See, begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es, und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen, hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art.
Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann, das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat, Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?
Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die leibhafte Erscheinung gebunden war.
Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft vom Meer verschlungen.
Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf. Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte, die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm, gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte.
Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum, unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl, auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd, die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten, jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem, was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen, versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte, die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.
Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen; ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren, erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte.
Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung, derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte. Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt werde.
Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber, denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt, was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns wohnen.«
Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.
»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten. – »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. – »Ein solches Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge Herrscher. – »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor Erregung, zu verstehen. – »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«, entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich erneut.«
Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war, denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst, Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben. Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form.
Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor, die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in Prozessionen durch die Landschaft zogen.
Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an, als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte.
In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten, waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme.
Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen, Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin, niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus, Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde, kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach, starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf, Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung.
In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts. Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt. Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht, das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten, eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme, rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden, und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten, auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er denn.
Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende, ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne, die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne, schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren, durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen riefen: »O Malinche! O Malinche!«
Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen den Brand der Sinne auslöschte.
In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan, und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz.
Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend, den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm, zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den Europäern Kunde von diesem Land geben konnte.
Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte, Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet, die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich.
Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu. Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner. Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst, »aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit denen sie verwachsen scheinen.«
Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren, diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden, sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung mehr.
Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte, den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war.
Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt. Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?«
In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam, war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo, von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt.
Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden, die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten, um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«
Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge. Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war, löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig mit den Rudern und fuhr hinaus.
Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er steuern?«
Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß niemand.
Von Helden und ihrem Widerspiel
Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den Erzähler.
»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«
Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«, antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen, sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«
»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt, satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen. In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker und in Ketten schmachtete.«
»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati. »Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es Auffassung, scheint mir.«
»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«, versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir nicht ausreden, daß die meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«
»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf Hadwiger hin.
»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«, sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit! Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde hingerichtet.«
»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt, während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.
»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«
»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte, griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört, lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten, und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein gebrochenes Versprechen des Glücks.«
»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für eine große Sache erfüllen.«
»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«
»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ. Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt, die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten Georg nach England gebracht wurde.«
»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele und wir verzichten auf alle Argumente.«
»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin, willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle, der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach. Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke, Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend; eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte: dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus, lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll, und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts, wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«
»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«
»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«, antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«
»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«
»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man treffen kann.«
»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte Lamberg.
»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.
Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel, und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde, sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein. Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war, zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate. Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte, Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war. Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß, der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein. Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling, und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer, in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter! oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden. So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«
»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir atmen eine unheroische Luft, Freunde.«
Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster, Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.
»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann, ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu überzeugen.«
»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und Schwarz gewinnt.«
»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der Bankhalter diktiert die Einsätze.«
Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war. Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen körperlichen Schmerz.
Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.
Der Tempel von Apamea
»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«
»Ich wußt’ es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.
»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.
»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust, und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu beichten.«
»Zu beichten? Wie meinst du das?«
»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«
Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.
»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man sich und andern unbequem.«
»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab, und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«
»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt’ ich nichts dagegen, und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«
»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.
»Vielleicht. Oder wenn du reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor, unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann wollte ich –« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf; ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.
Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar alte Münzen.« – »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« – »Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät sich selber.«
In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, – vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen Inselstrand, – dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne. Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.
»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte heran.
»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.
Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.
»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.
»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.«
Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er Sie nicht versteht.«
»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.« Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska, »und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«
Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer. Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie, als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«
Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«
»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«
»Angenehm«, murmelte Borsati.
»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr das junge Weib fort.
»Nun, – süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf schüttelte.
Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler, erdig-keuscher Geruch.«
»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.
Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns, starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor Erstaunen aufgewacht.«
»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.
»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird. Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der mich mit verderbten Blicken anstarrt.«
»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein? Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«
»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«, sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld; Ungeduld ist Wollust.«
»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften, sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann, ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt, stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«
»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte, war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel herabnahm, um mich zu betrachten.«
»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz, »eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn grenzt.«
»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis. Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann, dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder, jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet, auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn, daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«
»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«
»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze, schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«
»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«, versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum. Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug’ in Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm, bis sie beide sterben.«
»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«
»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief Franziska.
»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar, und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon Geschichte oder Gedicht.«
Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«
»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen. Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus, um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig, sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten, von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg, und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen, damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann, dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war, erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen Juden versprach.«
»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte. Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien, als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«
Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten, so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn; plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich, ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand, und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt, wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau, bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«
»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«, sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge macht es stutzig.«
»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«, antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas ärgerlich hinzu.
»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender Heiterkeit.
»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«
»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst. Stimmt die Gleichung?«
»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« rief Franziska.
Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«, entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«
Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater, seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung, an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd, entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war, den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben, und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt, während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten. Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert. Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten, und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen zerfleischt worden wäre.
»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen, die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten konnte, still zu stehn.«
»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.
»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«
»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan. »Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele. Nennt ihr die Erfahrung, so nenn’ ich die Halluzination und das Leben in Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die Natur gesetzt hat.«
Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche, die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg, und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben versuchen will.«
»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil Feuer machen; Franziska friert.«
Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.
Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine Erzählung an.
Die Gefangenen auf der Plassenburg
Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche, nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute, arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe, Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt, geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der Seufzer und eine Stätte des Schweigens.
Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung: es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden. Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam.