Der Wendekreis
von
Jakob Wassermann
Erster Band
Der unbekannte Gast
Adam Urbas
Golowin
Lukardis
Ungnad
Jost
1920
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis zehnte Auflage
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1920 S. Fischer, Verlag
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Der unbekannte Gast
An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst eher als Vorgang und Ereignis.
Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und gegen ein lockendes Ziel trieben.
Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und sie gänzlich leer findet.
Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen; was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.
Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der vor ihm gähnt.«
Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn, was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.«
Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen einander verwundert an.
Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt, so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien.
Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld. Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur, liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt, ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet, und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.«
»Aber was wir davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide Hände.
Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil. Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat miserabel gewirtschaftet.«
Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.
Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, daher das Versagen der Künstler.
Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein. Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen, der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in gewaltigen Gärungen die Tribüne der Comedie humaine errichtete. Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild, wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen, am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«
Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums, zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich.
Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht, wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan haben?«
Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein Selbst geworden.«
Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann, schien er seinen Platz zu verändern.
Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht auf Alleinsein in seinem Hause.
Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.
Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends, mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß, der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen, heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert, heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine Sackgasse!
Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen. Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte leise: »Guten Abend.«
Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen. Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres an sich hatte.
»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?«
Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.
Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.«
Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es, dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine Absicht?
»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd, genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen. Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben. Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant. Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.«
»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner; »ich habe mich also nicht geirrt ...?«
Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen. Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht? Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.«
In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert. »Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf Charlatanerie und Mystifikation hinaus.«
»Ich habe ja auch Ihre Worte gehört,« antwortete der Fremde einfach. »Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu verschieben.«
Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus, die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich geworden ist, – aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später, falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter: Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist selber Auge.«
Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.
Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung.
Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare Erstmaligkeit.
Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt, umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte: Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen, die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben.
Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten verwischt.
Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen, wohin man kam.
Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei, bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.
So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.
Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings im Lesen und Schreiben.
Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum vorhanden für ihn.
Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling, indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben. Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt; in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura, der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich später.
Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen gewirkten Vielfältigkeit.
Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten, bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land, hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er sah noch kein Ziel.
Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr vermittelnd dazwischen.
»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach. Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes; sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in ihm drin, der ganze Mensch.«
Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte! An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos, und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so weiß.«
Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau, nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen, sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen, die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst, damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden, richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht, obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt, aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen, wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe, muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei, und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt; dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist, glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft, als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung. Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu, wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen, dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts, der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab, und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis, und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen, von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war; jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich; es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen Affen.«
Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,« fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann, geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt; vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr; das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«
Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob, zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder, einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt. Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit gesucht; leider umsonst.«
Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt, und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette; tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme, wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg. Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen. Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«
Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein, daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen, der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«
Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.
Adam Urbas
Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach, befand sich auch die folgende.
An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm, auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige, daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch blutig.
Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte und Mägde.
Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht.
Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute.
Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war, vorzubeugen.
Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange, als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.
Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet, die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden. Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen werden konnte es nicht.
Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte, es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.
Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm vorging, im Zweifel zu lassen.
Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres Gerücht.
Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig, dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu, dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus, die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.
Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß sie auf hemmende Dunkelheiten stieß.
Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt. Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar, dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.
Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald?
Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung.
Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn, ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und lang.
Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an seinen geisternden Schatten richtete.
Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war schuldig, aber das Etwas war in ihr.
Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne. Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.
Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der sich sammelte, nur Schweigen.
Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du nicht? warum liegt dein Acker brach?
Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende. Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos. Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das Gesinde wurde lässiger.
Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie schwanger.
Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell, aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form, in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan, Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.
Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich, andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.
Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel.
Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig und sorgenvoll.
Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings, wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.
Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein. Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung stehen.
Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h. er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.
Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten.
Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war, führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache; erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne, antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette geschaffen hatten.
Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen, so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen; Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.
Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich. Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt; erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken, und sein Gesicht verfinsterte sich.
Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand.
Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel, behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.
Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.
Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen.
Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig von Ihnen.«
Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«
Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube Ihnen.«
Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe unterhalten.«
Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm genug, daß es hat geschehen müssen.«
»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen? müssen?«
Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln, wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.
»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden, weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.«
Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?« murmelte er gleichgiltig.
»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.«
»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«
»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?« entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«
Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«
Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen, listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt: den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers hergenommen hat.«
Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach erwiesen,« sagte ich.
Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten. Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich, es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern zerronnen. Es war keine Hilfe.«
»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht genommen?«
Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien: Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel der Wurm schon nagt.«
»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest überzeugt?«
Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis, das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?«
Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten. Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.
Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen: wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen. Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet. Hätt’ ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind erprobt? Hätt’ ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei; erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen? Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt: wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«
Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle Bande der Familie zerreißen mußten.«
»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben; meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm. Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen, daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem, der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«
Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut: »Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder.
Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie, die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«
Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl, vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf dem Bett.«
Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte, zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige. Verhält es sich so oder nicht?«
Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,« stammelte er verstört.
»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk. Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin, dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt. Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie, beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben, als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein. Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will, arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt. Dort haben Sie es erfahren.«
Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen, das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist; der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende, daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?«
»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen, aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung. Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr. Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an, und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da muß einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott, und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte, wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist. Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig; und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein. Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden, dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich einzubekennen habe.«
Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer, die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule, sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen, schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der höchsten Not: Hilf, Simon, lös’ mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen. Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.«
Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf, der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde, hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor, schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn, undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt.
Golowin
Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.
Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls. Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der Mitteilung versperrt waren.
Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren; hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte sie es.
Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen, und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück, zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine in ihr verborgene Magie.
Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher, menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat, wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den Kinderchen weiter ergangen ist.«
War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?
Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.
Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen, die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen, aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.
Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden. Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte, sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck taugliche Person empfahl.
Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert, Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.
Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen, daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück unbefangener Werbung.
So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist; unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine einfache Güte an sich.
Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge erschossen.
Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm. »Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«
Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz. Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen ihr verloren.
Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief; die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen. Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?«
Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier, mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter. Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria lächelte.
Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt. Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« – »Schade, daß Iwan Dymow nicht mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte.
Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich sind?
Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen. Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir, sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.«
Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte ein klagender Chorgesang.
In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht, sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich nicht zu sagen.
Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben, heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang. Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit, wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.«
»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria; »es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel, die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an. Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir, ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich. Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer, horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose, dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber, Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.«
Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten. Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu kümmern.«
»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung der jungen Fürstin.
»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren. Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine unappetitliche Geschichte!«
»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.
Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen auch innere Gründe, ja innere Gründe, –« sie preßte die Lippen zusammen und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher; »darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?«
»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen. Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging.
Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es geht an den Kragen.«
Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan. Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich, das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen. Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo’s ums Leben geht, hört sich die Billigkeit auf.«
Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und in Gottes Hand stehe man schließlich überall.
Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren, stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.
»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits zu stellen habe.«
Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht, bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute Nacht.«
Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig, kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden. Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart auf Marias Schultern.
Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem Ecktisch ließ den Raum im Dämmer.
Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?«
»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur –«
»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt. Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«
»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht hat.«
»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«
Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück. Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm Sinn, nicht gesellschaftlich.«
Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können. Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte, nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist, äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr orientiert ist. Stimmt das?«
Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden, war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren, das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit; entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann. Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart, er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich, gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war, nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher, dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war; eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste, er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«
»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz, aber, après tout, sind Sie denn nicht vollkommen enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort geben.«
Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«
»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«
»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«
»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«
Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will –«
»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf Maria freundlich ein.
Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«
Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«
Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.
Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«
Maria versprach es.
Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte. Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser kleiner Fisch.
Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen hatte.
In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: »Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«
Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal zugewandt, so begann es von neuem.
Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.
Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die Mauer gelehnt.
»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte sie regungslos.
»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; »niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«
Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: »Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«
Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der Schamlosen?«
»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«
Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; »geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe keins, aber verraten Sie mich nicht.«
Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich schlecht.«
»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.
An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann entfernte er sich.
Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren Kleidern, schliefen schon.
Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.
In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta Petrowna?« fragte sie flüsternd.
Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«
»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.
»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen Sie.«
»O großer Gott!« murmelte die andere.
»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen Sie.«
»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«
»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen hat?« fragte Maria.
»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir getraut.«
»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«
Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«
»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man dadurch etwas Begangenes gutmachen.«
Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«
Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können Sie mich hören?«
»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.
»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand belauscht.«
Maria rückte näher.
»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben? Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie mich?«
»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.
»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn Monate.«
Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«
Maria lauschte mit weiten Augen stumm.
»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen, das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«
Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, »wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«
»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«
»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm gekommen, mit Fürst Grigorji?«
»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will ich aber gehen, es ist Zeit.«
Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, aber dieser Seufzer hatte andern Klang.
Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser zeigen zu können.
»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nicht beschwerlich fallen werde.«
Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«
»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. »Ich denke viel über Sie nach.«
Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. »Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«
Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen, Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann schoß er davon.
Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind eine tüchtige Frau; à la bonne heure, das haben Sie gut gemacht. Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit plombiert; der Zug rollte weiter.
Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.
Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört. Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als gefürchteter Name genannt.
Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom Meer her tönten Schüsse.
Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.
Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: »Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: »Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; aber jedenfalls doch zu einem Mann.«
Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf berufen Sie sich?«
Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die Dachkammer.«
Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor der Treppe unschlüssig stehen.
All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.
Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.
»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige Worte unter vier Augen zu sprechen.«
Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den fragenden Ausdruck.
Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch ans Wirtshausschild hängen lassen.«
»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen hat,« erwiderte Maria kühl.
»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«
Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?
Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand aussieht.«
»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.
Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie werden mich dafür entschädigen.«
»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«
»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«
»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.
Maria lächelte belustigt.
»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«
Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«
Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.
Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig unter Wanjas Kissen.
Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«
»Nur meine Meinung von mir selbst.«
»Sonst nichts?«
»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«
»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die Geschichte von boule de suif mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«
»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen sagen, ob sie annehmbar sind.«