Jakob Wassermann
Der Wendekreis
Zweite Folge
Oberlins
drei Stufen
und
Sturreganz
1922
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis fünfzehnte Auflage
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin
| [Oberlins drei Stufen] | [7] | |
| [Die erste Stufe] | [9] | |
| [Die zweite Stufe] | [51] | |
| [Die dritte Stufe] | [121] | |
| [Sturreganz] | [225] | |
Oberlins
drei Stufen
Marta der Gefährtin
gewidmet
Die erste Stufe
Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der Nation.
Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug, die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung, die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln, Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.
In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen, japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.
War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge Frau.
Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war. Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten.
Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte; geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da. Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen. Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst verschloß.
Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten. Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte.
Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war, erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen begann.
Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen als gefährlicher Fortschrittler galt.
Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen, lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß, hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern.
Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt war.
Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein, der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.
Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer, sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr, wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.
Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten.
Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser. Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im Ungewissen.
Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz.
An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend, seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem, der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist, Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.«
Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug, einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren, als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen?
Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.
Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte, sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen, der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange. Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher Gier empfängt wie edlen.
Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig. Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer. Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher trug er den Kopf.
Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.
Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und Funken Ur-Finsternis.
Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt. Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch kühnen Versuch.
Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten, Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.
An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm. Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab, erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete, Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte, wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein; dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.
Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen. Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig, händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel, das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«
Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich Grinsen.
»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen begleitete.
»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?« fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.
»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.
Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener, voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen läutete, erhoben sie sich.
Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.
Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das ergraute Haar, das faltige Gesicht.
Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln, das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie verdeckten ihn nicht.
Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.
Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.
Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu dem man bewundernd emporsehen konnte.
Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst, nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete. Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte, seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit.
Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte beten mögen darum.
Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen, Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem Einverständnis, Seiner Billigung.
War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf. Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien; stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das; Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem Blut.
Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein, bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.«
Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten. Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut; einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod, Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines gefundenen Herzens: ein Freund.
Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm ein Ziel, er sah eine Aufgabe.
Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben.
So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung zwangen.
Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden, Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt.
Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,« sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.«
Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.
Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit schenkte.
Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem! So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus der Tiefe, glockenklar.
Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung, Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter, elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich.
Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft, ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht.
Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte, es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins. Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht entschließen konnte, ihn brotlos zu machen.
»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?«
Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns. Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.«
Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er. »Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm erwidert?«
»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?«
Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften, aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder; draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit, durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme.
Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.
Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-, neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten, hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine Ausgelassenheit war ansteckend.
Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das Gelächter darüber die Luft erschütterte.
Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen. Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys, der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann, behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt, innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen. Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten Sekunden.
Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken, lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun! Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus, stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in seinen Armen aufgefangen hätte.
Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er den Jüngling auf den Mund.
Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.
Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu: »Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden Blicken himmelan.
Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein, Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten habe.
Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen, sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn; solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an. Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen, das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und entfernte sich.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die Achseln und sah verlegen aus.
Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm. Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen. Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.
Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen. Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie, zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen, Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen blaß.
Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen, als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke auf.
Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben, was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen.
Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag, nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen, alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt; er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte, ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das ewig Lebendige vom Verwesten scheide.
Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich, mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß: Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.
»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung. Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«
»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus Überzeugung.«
»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.
Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.
Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht. Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen. Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles außer Rand und Band.
Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich eben furchtlos, und so behagst du mir. Quo res cunque cadunt semper stat linea recta. Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm.
Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.
Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor, hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg. Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser, Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.
Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert, wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken, der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen, er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen, da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort. Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied singen.
Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen. Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren, in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.
Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte, begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte, für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.
Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung. Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde, mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.
Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen; jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl. Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf, Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden fesselten.
Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären. Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität, hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze; nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt; erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.
Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.
Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet, geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt; der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf; die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich: »Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben. Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten, gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus zu machen. Exempla docent. Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel, Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
Und er fuhr fort:
»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt. Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand. Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja, wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen, eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern? Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen, das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich, sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt, es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen. Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,« rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende, »da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich. Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär es ein Einziger.«
Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam, indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich. Dann mußt du mich zu finden wissen.«
Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt, die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.
Die zweite Stufe
Rottmanns Brief
Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat, von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen, der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg, Domgasse 8.
Dorine
Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.
Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel ein Wort zu verlieren brauchen.
Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes. Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.
Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.
In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine, in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.
Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen, nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln eines dauerhaften Gewebes geglichen.
Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben.
Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau; sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.
Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine Flora.
Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern, ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln, hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.
Banger Traum
Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.
Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.
Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das von den eigenen Leidenschaften diktierte.
Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes, Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende, verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen, Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt, in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.
Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe, daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten solle?
Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn.
»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.
Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.
Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war, der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? – Und wie ihm Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher, Beschöniger?
Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch, eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging; schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber geschwebt hatte, schlummernd.
Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau! Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte, von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh.
In einem Tropfen Blut
Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen.
Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln, was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von seiner Ankunft benachrichtigt.
Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm Sicherheit.
Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar, unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus, teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir, hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.
Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der nämlichen Würde und Ferne.
Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt, jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener. Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn?
Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren, sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend, und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines Gesprächs.
Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen, bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte, durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.
Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab ein anderes Bild als die Vermutung.
Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!«
Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es? Erzähle.«
Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige Würde und vertraulichsten Umgang.
Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.
Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln, Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer, williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm verfahren.
Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder haben, ehrlich vor allem.«
Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich, um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.
Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich. Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es ist spät, ich bin müde.«
Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide. Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt; es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud, und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.
Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück, drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte.
Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.
Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl.
Nymphe und Faun
Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das aufgenommene Bild zerfloß gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwül waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem Gelächter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder. Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mädchen, die er kannte, erzürnten ihn. Spaziergänge langweilten; durch die Straßen schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit über die Landstraße, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut er trinken zu können glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach Folianten in der Bibliothek, blätterte zerstreut, durchsuchte Schubladen und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke, heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden Menschen in der Gassenschlucht, warf sich bäuchlings in einen Winkel, wo Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den Gesang mit einem Gelächter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen, das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle würgte wie der Laut eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hörte er mit demselben Schrecken, daß seine Stimme fragte: »Wenn mir nur einer sagen könnte, wer ich bin.« Sich aufreckend, antwortete er flüsternd: »Oberlin bin ich, Oberlin bin ich.« Und er faßte seine Arme und seine Stirn an.
Da war die Mutter schon zurückgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er wachte über sein äußeres Gehaben, das schmiegsame, gefällige, art- und standesbewußte, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus Furcht, sich zu verraten. Ihn dünkte zuweilen, er habe einen Aussatz am Leibe, der dem spähenden Blick über ihm um jeden Preis verhehlt werden mußte.
Sie kamen überein, daß er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das ärztliche Verbot nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu. Herbst, Winter, nächstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeiträume; schien es doch jeden Abend, als stieße man auf einem Nachen vom Ufer ab, ins Grenzenlose.
Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden, noch sechs Wochen mit den Ferienzöglingen in der Schulgemeinde zu bleiben, dann müsse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und erst in der zweiten Septemberhälfte sei er frei. Für diesen Termin habe er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben Sinn.
So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, näher als je, zumal der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die gleichmäßigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu füllen, wenn sie erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen nicht, ihr Geist beschäftigte sich kaum mit ihnen, der Abschluß gegen die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, daß sie dem Jüngling Tür und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie zurückzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fühlen zu lassen, ihn an sich zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurückzuerobern, was sie verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemütskräfte völlig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und Überhörigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und muß gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.
Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemüht, ihm ihr lebendiges Interesse einzuflößen. Er schien empfänglich, durch ihre Kenntnisse und die Liebe für das kleine Einzelne überrascht. Unter dem mitgenommenen Gepäck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwürfe, Aufsätze, in denen er sich über politische und soziale wie über Lebensprobleme in seiner profunden und großen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prüfen und was bewahrt zu werden verdiente, vom Flüchtigen und Gelegentlichen zu sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich, in Eifer, Teilnahme und aufgeschürter Wissenslust, brach nur widerstrebend ab.
Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem Zweck wurden die Stücke aus den Schränken genommen, katalogisiert und mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schöne Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwärmte und erhellte sich dabei so, daß ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem hübschen Lächeln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war sehr befriedigt von ihrer Fähigkeit, sich zu entzücken und hatte sie ihr offenbar nicht zugetraut.
Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewißheit nie ledig. Er fügt sich nur, er gibt sich Mühe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur nicht; wenn er die Tür hinter sich schließt, hat er ein anderes Gesicht. Ihr dünkte, als führe jede ihrer Anstrengungen bloß dazu, daß er Schale um Schale über sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag unzugänglicher wurde.
Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war förmlich wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck jetzt, mit dem er die Blumen und Kräuter aus den Pressen nahm und sie zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten über der Stirn, die Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden größer, nun zuckte er zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen Röte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab, alles war Zurückweichen und Flucht.
Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschränken auf sie wartete. Er hielt eine Meißener Gruppe zwischen den Händen, eines der kostbarsten und edelsten Stücke der Sammlung. Eine hingelagerte Nymphe; der üppige Körper wollüstig gedehnt; in jeder Linie Ruf, Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem Strunk der lauernde Faun; die Gebärde: frech beschlossener Überfall; das Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lüsternheit und Stärke. Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bäumte sich in ihr vor Haß und Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins Verständlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend für sie, Auflösung, früher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne, besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender, nicht Schauender; Dieb und Jäger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom Trieb Entseelter und von Glut Entschämter. Sie sah es in seinen Mienen; er hatte sie nicht eintreten gehört und betrachtete die Figuren mit sorgenvollem, fast schwermütigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier. Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht veränderte sich mit einer Raschheit ins Gleichgültige, die ein Meisterzug an einem Schauspieler gewesen wäre. Auch das erfaßte Dorine, und es verletzte sie und stieß sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie über sich, daß ihr Lächeln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Händen. Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, währenddem geschah ein Fall und gläsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem Boden.
Dietrich eilte bestürzt herzu. Dorine bückte sich nach den Scherben, ließ sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze, bittere Genugtuung hätte sehen können.
»Wie ungeschickt man sein kann,« murmelte sie; »schade um das herrliche Ding.«
Sommertag und -abend
Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch Dickicht schlug.
Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben, Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die Zeichen des Alterns.
Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen, seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten, Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen, Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens, vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe ihn sich errungen.
In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen, Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert, schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß, der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend. Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen, der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung, sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen, oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu often Malen irre.
Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage, Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen, daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben, ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich, so doch dafür sehr egoistisch.
Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln, Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß.
Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten, durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz. Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den Kopf getötet.
Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete, dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages. Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.
Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug, zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu machen.
Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.
Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer, Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte, über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.
Sie las: Lieber einziger Freund.
Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl, stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten, wurde bleich und bleicher, las und las:
An Lucian
Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde. Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern Menschen als Empfänger und Leser denken.
Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.
Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig. Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen, was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu halten.
Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein noch aus weiß.
Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird.
Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen, denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.
Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen, flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die Träume.
Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen? frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt. Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst, Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.
Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift, das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist, da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.
Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd, Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian, die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung, leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen, der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte?
Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte, keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig, als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt schwer, wie du begreifen wirst ...
An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu beschwichtigen waren.
Der Haß
Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«
Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er mit seinen Eltern da?«
»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.«
»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.«
»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er erwartet nämlich seine Braut.«
»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit dir?«
»Nein; zwanzig denk ich.«
»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge Dame, und wer ist sie?«
»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.«
»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß Dorine das Gespräch.
Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.
Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.
»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren, »famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.«
»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich trocken.
Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz. Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.«
»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten.
»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.«
Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein bei dir?«
»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz unsere private Angelegenheit.«
»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.«
»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen Tatbestand auseinandersetzen?«
»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr zugetragen. Wir sind Provinzleute.«
»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson. Vogue la galère steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite. Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du, Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern, und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir aus der Faulheit helfen.«
Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.
Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte, sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag verdächtiges Zwielicht.
Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht, um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«
Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst, beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei. »Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand, »ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«, murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.
Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.
Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug. Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten. Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des Unbehagens erweckte.
Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde schweigsamer und schweigsamer.
Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe, ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich, daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das junge Mädchen.
Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt, die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten.
Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden, überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären? Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.
Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder; sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz. Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm selbst.
Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa, verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink, wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten. Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.
Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.
Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen, wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten.
So war es mit Fink bestellt.
Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum Gartentor.
»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem Achselzucken und folgte ihr.
In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert: wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag.
Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.
Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.
Die Lüge
Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und Verlust nie schwieg.
»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.«
Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt. Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.
Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück: die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor und verlangte Führung und Trost.
Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns, und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen, in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.
Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz. Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.
Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem, den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann.
Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute, sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf. Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«
Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn, Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.
Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet, Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm, vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten. »Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein Gewitter hängt am Himmel.«
Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit. Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.
Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre Schulter.
Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul. Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte, ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner der Dinge, einen liebenden Rater.
Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte.
In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor, wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen. Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche, schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte, eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen. Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte, erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.
Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot, der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen, das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine.
Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um, sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.
Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte, fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.
In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich langsam krochen die Stunden.
Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.
Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt, der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich mit einem Sohn, der lügt!
Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte, schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.
Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er trat ein. Er verharrte neben der Tür.
»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen.
Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und blickte vor sich hin.
»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.«
Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig, als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.«
»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«
Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der jetzt vor mir steht, das bist du nicht.«
Dietrich flüsterte: »Mutter, du tust mir Unrecht.«
Sie zuckte geringschätzig die Achseln.
Plötzlich brach er aus: »Du glaubst doch nicht am Ende, daß ich mir aus der Person etwas mache?«
»Aus welcher Person?« fragte sie fremd und mit Hoheit.
Die Hände bittend hingestreckt, wie außer sich, mit einem Mund, der wie zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: »Daß ich mir aus der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch nicht glauben?«
Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher Hoheit: »Ich weiß nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, daß sie die Verlobte deines Freundes ist? Wie wäre das denn auch möglich? Dann würdest du dich ja noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint.« Sie maß ihn von oben bis unten. »Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber bilde dir nicht ein, daß ich schon verzichte,« fügte sie mit rätselhaft finsterem Lächeln hinzu; »ich will und muß dich wieder haben.«
Damit verließ sie das Zimmer.
Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich förmlich in ihrem einsamen Hause, fünf Tage lang.
Pygmalion
Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt.
Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten, das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen. »Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin. Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum verhehlter Pfiffigkeit an.
»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit abgesehen.
Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über deine Idee mit dem Pfauenhof.«
Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und wie geistlos du bist?«
Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir: was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur damit man sich danach richten kann.«
»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären, aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich tun soll.«