Die Prinzessin Girnara

Weltspiel und Legende

von

Jakob Wassermann

1919
Ed. Strache Verlag
Wien — Prag — Leipzig

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, sind dem Autor vorbehalten. Das Werk, in vorliegender Fassung, ist nicht als Bühnendichtung gedacht und daher auch nicht aufführbar.

Gedruckt bei Ed. Strache, Warnsdorf.


PERSONEN:

DER KÖNIG
DIE PRINZESSIN GIRNARA
PRINZ SIHO
DER ERSTE RITTER
DER ZWEITE RITTER
DER WÜRDENTRÄGER
DER HÖFLING
SCHÖNE DAME
FRÄULEIN
DER PILGER
HAUSMEIER
DER MAGIER
ERSTER DIENER
ZWEITER DIENER
STIMME DES SÄNGERS
STIMME DES TORWARTS
DIE ALTE DIENERIN
DIE JUNGE DIENERIN
DIE SCHWARZE SKLAVIN
DER FREUND
DER DÄMON ALS HUND
DER DÄMON ALS FLEDERMAUS
DER DÄMON MIT DEM SPIEGEL
GEISTERSTIMME
DER SIEGREICH-VOLLENDETE


WELTSPIEL

Saal. Hinten Säulenhalle. Vorn, nicht sichtbar, Galerie. Gedeckte Tafel.

STIMME DES PILGERS:

Gib Kunde von dir, Lebendige in der Finsternis!

HAUSMEIER:

Ihr könnt die Lichter jetzt anzünden!

ERSTER DIENER:

Schon kommen die Spielleute: Fiedel, Flöte, Trommel und der Sänger.

ZWEITER DIENER:

Der Wein ist in die Krüge gegossen.

ERSTER DIENER:

Der Koch läßt melden, er tue die Fische in die Pfanne.

HAUSMEIER:

Daß ihr leise auftretet und die Augen niederschlagt.

DER ERSTE RITTER:

Niemand hat die Prinzessin Girnara je gesehen.

DER ZWEITE RITTER:

Man weiß nicht mehr von ihr als ihren Namen.

HAUSMEIER:

Daß ihr behutsam die Schüsseln haltet und die Brühe nicht verschüttet!

HÖFLING:

Im Schloß der sieben Türme, am Gestade des Geiersees hat sie geweilt von Geburt an.

WÜRDENTRÄGER:

Der König in seiner Weisheit hat sie der Welt entzogen.

EIN FRÄULEIN:

Sprecht, warum ist es geschehen?

WÜRDENTRÄGER:

Die Weisheit des Königs hat es beschlossen.

DER ERSTE RITTER:

Niemand kennt den Grund.

SCHÖNE DAME:

Hat sie die Sonne je erblickt, hat sie Blumen gepflückt im Garten?

DER ZWEITE RITTER:

Sie hat nie die Sonne geschaut, nie Blumen im Garten gepflückt.

SCHÖNE DAME:

Und die heimliche Hochzeit mit dem fremden Edelmann, warum dies?

FRÄULEIN:

Warum die heimliche, hastige Hochzeit mit dem Unbekannten, der kein Land beherrscht?

WÜRDENTRÄGER:

Die Weisheit des Königs hat es beschlossen.

SCHÖNE DAME:

Er hatte kein Feierkleid, kein Pferd und keine Diener.

HÖFLING:

Er war arm wie einer der Geringsten, doch mutig in der Schlacht.

HAUSMEIER:

Daß die Spielleute nicht lärmend ihre Instrumente stimmen!

ERSTER DIENER:

Sie harren auf das Zeichen zum Beginn.

DER ERSTE RITTER:

Wo ist der Eidam des Königs? Empfängt er die Geladenen nicht?

SCHÖNE DAME:

Empfängt er nicht seine Gäste, wie es der Brauch?

HAUSMEIER:

Daß sich die Trommel bescheiden aufführt!

FRÄULEIN:

Wird die Prinzessin an seiner Seite erscheinen?

HÖFLING:

Er geht traurig umher und meidet die Blicke der Menschen.

HAUSMEIER:

Daß die Pastetchen warm auf die Tafel kommen!

STIMME DES PILGERS:

Gib Kunde von dir, Lebendige in der Finsternis!

WÜRDENTRÄGER:

Wer ist es, der so schreit?

HAUSMEIER:

Schafft ihn fort, den Schreier!

ERSTER DIENER:

Ein frommer Pilger, hat Speise begehrt.

STIMME DES PILGERS:

Nimm an die Lehre, Wahnbeladene, in deiner Brunnentiefe!

HAUSMEIER:

Schafft ihn fort, den Schreier, sag’ ich!

DER ZWEITE RITTER:

Noch immer ist der Eidam des Königs nicht unter seinen Gästen.

DER ERSTE RITTER:

Dort naht er, sieht aus wie einer, der schuldbewußt ist.

DER ZWEITE RITTER:

Wie einer, den Verhängnis bedrückt.

HÖFLING:

Wie einer, der nichts von Freude weiß.

SCHÖNE DAME:

Ohne die Prinzessin ist er gekommen.

FRÄULEIN:

Sieht aus wie einer, der unrechtes Gut verbirgt.

HAUSMEIER:

Die Spielleute sollen anfangen zu spielen!

SCHÖNE DAME:

Er führt die Gattin nicht zum Feste.

FRÄULEIN:

Die Herrin wohnt im Hause und tritt nicht hervor?

HÖFLING:

Niemand darf ihren Gemächern nahen.

ERSTER RITTER:

Es ist verboten, dem obersten Gewölbe zu nahen.

WÜRDENTRÄGER:

Wir grüßen den Eidam des Königs!

ERSTER UND ZWEITER RITTER:

Prinz Siho, wir grüßen dich!

DER SÄNGER:

Willkommen, Fremdling, der unser geworden ist!

HAUSMEIER:

Der Vollendete segne deine Schritte!

SIHO:

Euch alle grüß’ ich von Herzen!

WÜRDENTRÄGER:

Das frohe Mahl wartet deiner.

HAUSMEIER:

Leckerbissen aller vier Jahreszeiten.

SCHÖNE DAME:

Traulich spielen die Spielleute.

FRÄULEIN:

Die Fiedel schluchzt wie die Nachtigall im Mangohag.

SIHO:

Laßt uns zu Tische gehen.

DER FREUND:

Hör’ mich an, bevor du dich zu ihnen setzest.

DER ERSTE RITTER:

Schwermut verdunkelt seine Stirn.

SIHO:

Sag’ es in wenigen Worten.

DER ERSTE RITTER:

Er hat die Prinzessin nicht zum Feste geführt.

DER ZWEITE RITTER:

Er hält uns ihres Anblicks für unwert.

DER FREUND:

Sie murren, weil du die Prinzessin nicht zum Feste geführt.

SCHÖNE DAME:

Vielleicht ist sie so schön, daß er sie aus Eifersucht verbirgt.

SIHO:

Darüber sprich nicht, und jene laß murren und fragen.

FRÄULEIN:

Vielleicht schämt er sich ihrer, vielleicht ist sie mißgestaltet und von roher Sitte.

DER MAGIER:

Im schlimmen Kreise steht ihr, im Bogen des Unheils!

DER FREUND:

Sie flüstern böse, die Neugier macht sie gemein.

DER ERSTE RITTER:

Man sollte es ergründen; fragt ihn, warum er allein zum Feste kommt.

SIHO:

Bitter ist es, vor dir schweigen zu müssen.

DER FREUND:

Hüte dich; ein Widersacher ist unter ihnen.

DER ZWEITE RITTER:

Er lädt Gäste zum Mahl und beleidigt sie.

SCHÖNE DAME:

Wo mag die Prinzessin weilen?

FRÄULEIN:

Mich quält die Begierde zu wissen, wie sie aussieht.

SIHO:

Bleib’ an meiner Seite und schütze mich vor ihren Blicken; sie sind neugierig, sie sind böse.

DER MAGIER:

Einen Spruch will ich sprechen von zwingender Macht, der den Wein entflammt und die Seele verrät.

HAUSMEIER:

Euer Gnaden wird zur Tafel gebeten.

DER FREUND:

Ich bleibe dir zur Seite, fürchte dich nicht!

DER MAGIER:

Aufgedeckt wird das Geheimnis sein, er selbst wird das Verschwiegene künden.

SIHO:

Schön geschmückt ist die Tafel, wir wollen uns niederlassen, Freunde!

DER ERSTE RITTER:

Bist du des Spruches gewiß, so erprobe die Wirkung!

WÜRDENTRÄGER:

Köstlich ist diese Schüssel und lobt ihren Meister, den Koch.

HÖFLING:

Angenehme Gerüche kitzeln den Gaumen.

DER SÄNGER:

Frieden über euch, die ihr genießt die Frucht der Felder und Gaben der Gärten!

SCHÖNE DAME:

Die Stimme des Sängers klingt lieblich und fein.

HAUSMEIER:

Daß der Braten nicht abkühlt! Brote zu reichen vergeßt nicht!

DER ERSTE RITTER:

Den verheißenen Zauberspruch, Magier! Braust du das Wort schon im Hirn?

STIMME DES PILGERS:

Dein Herz schwillt auf in der Finsternis, Leidbegnadete, und sprengt die Mauern des Kerkers!

HÖFLING:

Wer ist dieser, der uns die Süßigkeit des Mahles vergällt?

HAUSMEIER:

Gebot ich euch nicht, ihr solltet ihn von der Treppe jagen?

ERSTER DIENER:

Stumm vernahm er deinen Befehl und ging nicht vom Tor.

ZWEITER DIENER:

Ein frommer Pilger, erfüllt von heiliger Wut.

SIHO:

Prophetenworte, Worte heiliger Wut.

DER FREUND:

Bleich bist du, mein Lieber, bleich ist dein Antlitz.

SIHO:

Prophetenworte, Worte heiligen Grams.

DER FREUND:

Den Spielleuten gib dein Ohr, hör’, wie die Flöte vogelhaft singt!

DER ERSTE RITTER:

Sprich deinen Spruch, Magier, ehe wir zweifeln an dir!

DER ZWEITE RITTER:

Liegt es in deiner Gewalt, das Geheimnis uns zu entschleiern, so tu es!

DER MAGIER:

An seinem Gurt, seht ihr den Schlüssel? Wo Männer das Schwert sonst tragen, hängt ihm ein Schlüssel.

ERSTER UND ZWEITER RITTER:

Wir sehen den Schlüssel; erkläre doch, was er soll, was er schließt!

DER MAGIER:

Die eherne Pforte schließt er, hinter der die Prinzessin Girnara einsam vergeht.

HÖFLING:

Was kündest du, Magier? Ich hörte dich nicht.

DER ERSTE RITTER:

Er wird ihn wahren, den Schlüssel, kostbares Gut ist er ihm.

DER MAGIER:

Wenn das Wort der Beschwörung gewirkt hat, gibt er den Schlüssel von selbst.

HÖFLING:

Versprachst du den Schlüssel, Magier, der die eherne Pforte aufschließt?

DER ZWEITE RITTER:

Den Spruch, Magier, den Spruch!

HAUSMEIER:

Sorgsam tragt die Krüge, sorgsam gießt in die Pokale den Wein!

DER SÄNGER:

Freude erblüh’ diesem Haus, ein Rasthaus des Glückes sei es!

DER ZWEITE RITTER:

Den Spruch endlich, den Spruch!

DER MAGIER:

Schweigen wird die festliche Runde und jener wird sagen, was ihn beschwert und quält.

STIMME DES PILGERS:

In der Üppigkeit und im Übermut der Genüsse lügen deine Sänger, Volk!

SCHÖNE DAME:

Warum erhebt sich der Fremdling von seinem Sitz, der Magier?

DER FREUND:

Du zitterst vor ihm, dein Auge ist voller Schrecken!

DER ERSTE RITTER:

Still, die Lippen des Magiers formen den bannenden Spruch!

DER MAGIER:

In seine Brust eindringend, bin ich Frage und Antwort zugleich.

FRÄULEIN:

Eine Wolke ist um den Magier, dunkel wird seine Gestalt.

SCHÖNE DAME:

Ich gewahr’ ihn nicht mehr, seht, er zerrinnt in der Luft!

HÖFLING:

Seht, der Platz, wo der Magier gewesen ist, ist leer!

FRÄULEIN:

Die Lichter scheinen nicht mehr, im Saale dämmert’s.

STIMME DES PILGERS:

Klage, lieblos Unliebender, um dich und die Gattin!

DER WÜRDENTRÄGER:

Warum ist es dunkel im Saale? Zündet noch Lichter an!

SIHO:

Die Lichter wollen nicht brennen, Mauern und Säulen wanken.

DER FREUND:

Halte dich, Lieber, gib mir die Hand!

SIHO:

Siehst du den Magier nicht mehr?

SCHÖNE DAME:

Warum haben die Spielleute aufgehört zu spielen?

FRÄULEIN:

Mir ist Angst, nehmt mir die Angst von der Brust!

DER WÜRDENTRÄGER:

Was bedeutet die Stille? Die Spielleute sollen spielen!

HAUSMEIER:

Warum schweigen die Spielleute? Warum ist der Sänger verstummt?

STIMME DES MAGIERS:

Sprich, der verraten hat, sprich, der verraten ward!

SIHO:

Da ich denn sprechen muß, so hört mich.

DER ERSTE RITTER:

Still, ihr alle, vernehmt, was Prinz Siho kündet!

STIMME DES PILGERS:

Gib Kunde von ihr, der Lebendigen in der Finsternis!

STIMME DES MAGIERS:

Gib Kunde der Welt, Kunde den Freunden, Kunde dir selbst!

DER ZWEITE RITTER:

Seid still und lauscht, was der Eidam des Königs euch kündet!

SIHO:

Uneins mit dem Vater, verstoßen aus meinem Land, kam ich über die Gebirge in dieses. Ich leistete dem König Heeresgefolgschaft, ihr wißt es, und schwor ihm den Treueid.

DER FREUND:

Du hast ihm gedient wie ein Sohn und ein Knecht, sie wissen es.

DER ERSTE UND DER ZWEITE RITTER:

Wir wissen es.

STIMME DES MAGIERS:

Vergissest du, daß dich der Ehrgeiz anfraß und Sorge um ungenügenden Lohn in deinen Nächten brannte?

SIHO:

Der Ehrgeiz fraß mich an und Sorge um ungenügenden Lohn brannte in meinen Nächten.

DER FREUND:

Sie biegen sich über die Tafel; hüte dein Wort, sie essen und trinken nicht mehr vor Begierde, zu hören.

SIHO: