Engelhart Ratgeber
Roman
von
Jakob Wassermann
Erstes Kapitel
Engelharts erste Kindheitserinnerung knüpfte sich an eine Feuersbrunst. Die Mutter saß am offenen Fenster, und der Knabe spielte zu ihren Füßen in der Nähe eines Kochtopfes, in dessen Innern sich Überreste von Pflaumenmus befanden. Da wurde Frau Ratgeber durch einen Aufschrei von der Gasse veranlaßt, zum Fenster hinauszuschauen. Neugierig kletterte Engelhart auf einen Stuhl, beugte sich über das Sims und sah, von der Mutter beim Ärmel festgehalten, eine ragende Feuersäule, die fern aus der Tiefe der Straße emporschoß. Nachdem er das Schauspiel mit erstaunten Blicken betrachtet, kehrte er wieder zum Fußboden zurück und benutzte die anderswo hingelenkte Aufmerksamkeit der Mutter, um aus dem Pflaumentopf ein paar Fingerspitzen voll zu naschen.
Am folgenden Tag um die Dämmerungszeit nahm er ein kleines Spielhäuschen, begab sich damit und mit Zündhölzern versehen in den abgelegensten Winkel des Hofes, scharrte einen Sandhügel zusammen, trug Späne herbei und machte im Innern seines Gebäudes Feuer an. Die Flammen schlugen jäh aus dem kleinen Tor heraus, die durch rote Farbenflecke angedeuteten Fensterchen begannen zu zerfließen, der ganze Hof lag in lichterlohem Schein. Bald kamen Leute gelaufen, die den Miniaturbrand löschten und den Knaben verprügelten.
Im Erdgeschoß des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft. Jede Nacht drang der Zecher Lärm herauf, nicht selten kam es zu einer Schlägerei, und ein Gestochener brüllte die schlafenden Bewohner wach. Schlimmer war für Engelhart das allwöchentliche Schweineschlachten. Das Todesgeschrei schnitt ihm furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das Tier unter dem letzten Messerstich ersterbend wimmerte, schlich Engelhart totenbleich in die Kleiderkammer, riß eine Schranktür auf und steckte den Kopf zwischen die hängenden Gewänder. Es war ein Glück, daß seine Eltern, kurz nachdem er fünf Jahre alt geworden war, in die nahegelegene Theatergasse verzogen.
In jenem Sommer heiratete die jüngste von Frau Ratgebers Schwestern. Da die Hochzeit in Karlstadt stattfand, einem uralten Örtchen am Main, reisten Herr und Frau Ratgeber dorthin und nahmen Engelhart mit, während die beiden kleineren Geschwister, die dreijährige Gerda und der kaum ein Jahr alte Abel, unter der Obhut einer treuen Magd zu Hause blieben. Es war ein düster bewölkter Tag. Der Knabe blickte mit dankbarem Gefühl auf den Vater, der, kaum daß die Fahrt begonnen hatte, ein gebratenes Huhn aus der Reisetasche nahm und mit dem ihm eignen seltsam verlegenen Schmunzeln verzehrte. Frau Agathe saß versonnen da, bisweilen warf sie einen flüchtigen Blick auf die Landschaft hinaus.
Das Hotel, in dem sie zu später Nacht ankamen, war ein früheres Kloster und hatte weitgewölbte Räume. Engelhart wurde in ein entlegenes Gemach geführt, wo vier Betten standen. Im blassen Kerzenlicht sah er mit verschlafenen Augen drei Mädchengestalten, und man erklärte ihm, daß es seine Cousinen aus Gunzenhausen seien. Die Mädchen flüsterten und lachten, endlich trat die jüngste, die schon im Hemde war, vor ihn hin und sagte, es schicke sich nicht, daß Knaben bei den Mädchen schliefen. Er kroch in einen Mauerwinkel, um sich in Eile zu entkleiden, dann setzte sich Frau Ratgeber zu ihm an den Bettrand, es wurde noch eine Weile hin und her gesprochen, Engelhart sah einen haarumwallten Mädchenkopf, der sich über die Schulter seiner Mutter beugte, und, schon auf der Schwelle des Schlummers taumelnd, starrte er noch einmal in das übermütige Gesicht seiner jüngsten Vetterin.
Am andern Tag war die Hochzeit. Während der Trauung hörte man die Braut weinen, es schien, als ahne sie ihr trauriges Schicksal voraus, während der Bräutigam, Herr Peter Salomon Curius, selbstbewußt und höhnisch lächelnd um sich blickte. Die Sache war die, daß es kein Geschöpf auf Gottes Erdboden gab, dem er sich nicht überlegen gefühlt hätte.
Als das Hochzeitsmahl zu Ende war, wurde Engelhart mit den andern Kindern ins Freie geschickt. Es war ein lieblicher Garten hinter dem Haus, voll Apfel- und Kirschenbäumen. In dem dumpfen Trieb aufzufallen, sonderte sich Engelhart von der Gesellschaft ab und schritt in einer den Erwachsenen abgelauschten Gangart in der Tiefe des Gartens hin und her. Was ihm unbewußt dabei vorgeschwebt hatte, geschah; die jüngste Cousine folgte ihm, stellte sich ihm gegenüber und blitzte ihn mit dunkeln Augen schweigend an. Nach einer Weile fragte Engelhart um ihren Namen, den er wohl schon einige Male gehört, aber nicht eigentlich begriffen hatte. Sie hieß Esmeralda, nach der Frau des Onkels Michael in Wien, und man rief sie Esmee. Dieser Umstand erweckte von neuem Engelharts prickelnde Eifersucht, und er fing an, prahlerische Reden zu führen. Der Lügengeist kam über ihn, zum Schluß stand er seinem wahnvollen Gerede machtlos gegenüber, und Esmee, die ihn verwundert angestarrt hatte, lief spöttisch lachend davon.
Um diese Zeit faßten seine Eltern den Beschluß, ihn, obwohl er zum pflichtmäßigen Schulbesuch noch ein Jahr Zeit hatte, in eine Vorbereitungsklasse zu schicken, die ein alter Lehrer namens Herschkamm leitete. Herr Ratgeber, der große Stücke auf Engelharts Begabung hielt und große Erwartungen von seiner Zukunft hegte, war ungeduldig, ihn in den Kreis des Lebens eintreten, von der Quelle des Wissens trinken zu sehen. Er dachte an seine eigne entbehrungs- und mühevolle Jugend. Noch in den ersten Jahren seiner Ehe liebte er gehaltvolle Gespräche und gute Bücher und bewahrte eine schwärmerische Achtung für alles, was ihm geistig versagt und durch äußerliche Umstände vorenthalten blieb.
Nun war der alte Herschkamm ein seltsam gewählter Pförtner an den Toren der Bildung, ein dicker kleiner Greis mit dem Wesen eines betrunkenen Kobolds. Er hielt sich beständig für überlistet und tanzte in Anfällen grenzenloser Wut von einem Ende der winzigen Schulstube zum andern; dabei hielt er einen langen Flederwisch in der Hand, mit dem er ein geisterhaftes Geräusch machte, er spie und gurgelte, stampfte, klopfte, brüllte, und alles etwa um ein harmloses Wort. Das Schauspiel füllte Engelharts Herz mit Bangigkeit, doch bald war er daran gewöhnt und heckte mit den andern freche Streiche aus. Ein beliebtes Vergnügen war es, daß während des Unterrichts und während der kurzsichtige Herschkamm seine Figuren an die Tafel malte, einer um den andern seinen Platz verließ und sich zur Türe hinausstahl, so daß schließlich nur noch zwei oder drei lautlos grinsend dasaßen. Dann begann das Tanzen und Fauchen, der Flederwisch wurde hervorgezogen, der Alte sauste hinaus und trieb die Schar vor sich her wie ein bellender Hund das gackernde Geflügel. Das Wunderbare war, daß dieses wütigtolle Männchen sonst in jeder Beziehung ein sanftes, ja demütiges Benehmen zeigte. Er lebte mit einer uralten Schwester, und oftmals, an Sonntagen und schönen Sommerabenden, sah man die beiden Arm in Arm friedlich und den Bekannten zulächelnd durch die Alleen am Bahnhof trippeln.
Der Weg nach Herschkamms Schule führte Engelhart am städtischen Waisenhaus vorüber, und täglich sah er die Waisenknaben, schwarz gekleidet, mit schwarzen Mützen und bleichen Gesichtern in Hof und Garten wandeln, ein auffallendes Gegenbild zu der Ungebundenheit und dem rohen Übermut seiner Kameraden. Bisweilen begegnete er ihnen, wenn sie in langem Zug durch die Straßen gingen; ihr leiser Gang, ihr murmelndes Sprechen, ihr scheues Auge bedrückten und erschreckten ihn, oft sah er im Traum den langen Zug vorüberziehen, schwarz und bleich wie Kadetten des Todes.
Zu solchen Bildern gesellten sich Erzählungen und Märchen. Ratgebers hatten seit Jahren eine Magd namens Ketti, und von dieser wurde Engelhart sehr geliebt. Sie stammte aus Heilbronn und hatte neben fränkischer Herbheit auch das Gemüthafte und Phantasievolle, das dem schwäbischen Wesen eignet. Um die Dämmerungsstunde, am liebsten im Winter und späten Herbst, wenn die Arbeit getan war und die Küche vom Glanz der geputzten Geschirre strahlte, nahm sie den Knaben bei der Hand, kauerte mit ihm zum Ofen, und während sie aus Holzscheiten Spreißel riß und die Stücke behutsam vor sich hinlegte, erzählte sie ihre Geschichten. Es war gut, daß in der Person der Magd das Volk zu ihm redete und seine vielfache, zu Sage und Gedicht verwebte Not und Lust, aber es war schlimm, daß ihm auf andre Weise die Wirklichkeit entrückt ward und daß er sich selber zum Gegenstand phantastischer Vorstellungen machte. Er schuf sich den Wahn, daß er ein Kind von königlicher Abkunft sei, daß ihm der Thron vorenthalten werden solle und daß Abenteuer gefährlicher Art ihn einst auf dem Weg seiner Sendung erwarteten. Es kam so weit, daß er der Eltern in mitleidiger Herablassung gedachte und den Geschwistern durch einen beziehungsvollen Hochmut unleidlich wurde. Jedes Geringfügige gewann einen besonderen Glanz, schon allein das bloße Hinrollen von Tag und Nacht, und Sinnloses erhielt tiefen Sinn. Frau Ratgeber hatte einen Verwandten in der Stadt, einen alten Sonderling namens Zederholz, man nannte ihn kurzweg Vetter Zederholz. Er kam oft an Sonntagen zu Besuch, wobei er sich der Mutter gegenüber mit veralteter Galanterie gebärdete; Engelhart aber reichte er jedesmal mit einer leichten Verbeugung die Hand und sagte mit dem Ausdruck feierlicher Hochachtung, wobei er den Zeigefinger hob: »Engelhart ist eine Kapazität.« Obwohl der Knabe nicht wußte, was das Wort zu bedeuten habe, legte er es in der für seine Einbildung günstigsten Weise aus und schmückte sich damit.
Seine Mutter konnte den Hirngespinsten wenig entgegensetzen, denn ihre zurückhaltende und geschehenlassende Natur war überhaupt nicht geeignet, gegen so bestimmte und absurde Neigungen anzukämpfen. Frau Agathe verkehrte selten mit andern Frauen, sie war viel allein und wurde von schlimmen Ahnungen geplagt. Sie hatte etwas Fernhaltendes für Menschen, sei es durch ihre Schönheit – man nannte sie die schönste Frau von Franken –, sei es durch eine angeborene Traurigkeit des Herzens. Herr Ratgeber konnte sich nur in seinen Ausruhestunden lebhafter des Sohnes annehmen. Er war über den größten Teil des Jahres auf Reisen, die Mühseligkeit der Geschäfte stumpfte ihn ab. Er war noch immer von ungeheuern Hoffnungen für die Zukunft erfüllt, obwohl ihm nichts Rechtes gelingen wollte. Er war immer voll von Plänen, Pläne und Entwürfe besaßen eine außerordentliche Macht über sein Gemüt, aber etwas verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen stecken und kam nicht vom Pfennig los. Der beständig sich erneuernde Kummer darüber trug dazu bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe zu verdunkeln, der Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit völliger Offenheit zu geben, und jenes edlere, der gröbsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie beide vielleicht geträumt, blieb eben ein Traum. Frau Agathe ließ sich nichts merken, alles Leiden preßte sie in ihr dämmerndes Innere zurück, nur bisweilen, etwa in einem Brief an ihre Geschwister, brach es wie ein fahler Blitz hervor, gegen ihren Willen und sie selbst erschreckend.
Zweites Kapitel
Noch war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf des Unbewußtseins, und höchstens ein Traum ließ ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles, Spieltrieb erfüllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im Bette war, die Mutter saß bei der Lampe und nähte, spielte er mit Stahlfedern, gebrauchten Zündhölzern und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er hielt die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, daß dieses allerlei Erhöhungen, Falten und Mulden bildete, und darin sah er ein unheimlich zerklüftetes Gebirge mit finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die Söldnerscharen begingen die Höhen und Tiefen und kämpften mit Zwergen und wilden Tieren; vom gespensterhaften Schein der Lampe bestrahlt, schwebten Feen über das Bettgebirge, und den Schluß bildete ein gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten flehten um Gnade, aber Engelhart war gesonnen, die Rolle des Weltenschöpfers folgerichtig zu vollenden, mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische Felsenland ward zur öden Ebene, Weltennacht brach ein. Oft ermahnte die Mutter zum Schlaf, oder Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung hin, während sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. Bevor Frau Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte sie eine Weile zu ruhen und zu denken, ihr Kopf mit der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein Seufzer war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie denken? An ihre Einsamkeit? An den frühen Tod?
Bald wurde an Engelhart eine übergroße Begehrlichkeit bemerkbar, und er glaubte nur in die Welt gesetzt zu sein, um ihre Schätze an seine Brust zu drücken, liebend oder hassend. Wo hätte er auch Grenzen finden sollen? Das Auge ist unersättlich. Einmal hing er seine Lust an eine Orange. Orangen waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben, aber Engelhart wußte Rat. Er ging um jene Zeit schon in die öffentliche Schule und erhielt jeden Morgen von der Mutter drei Pfennige zum Vesperbrot. Er berechnete, daß er siebenmal kein Brot kaufen dürfe, um in den Besitz der Orange zu gelangen. Das Geld versteckte er in einem heimlichen Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches Geklapper, als er seine Kupfermünzen auf den Steintisch legte. Nun geschah es, daß plötzlich sein Vater vor ihm stand, als er den Laden verließ. Herr Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder merkte an des andern Schweigen, wie die Sache stand. Herr Ratgeber löste die mühsam erworbene Frucht aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause gegenüber sah der Major Friedlein zu, der Tag für Tag von morgens bis abends aus dem Fenster lehnte, eine lange Pfeife rauchte und in seinem pechschwarzen Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen Stadt. Zuhause gab es ein scharfes Verhör und Vorwürfe, auch von der Mutter. Das wäre in Ordnung gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts mehr zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger Stachel das Gefühl erlittener Ungerechtigkeit.
Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart begab sich mit Bruder und Schwester auf die Christbaumbesuche. Da sie Juden waren, hatten sie keinen Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen Christen lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre öden Zimmer, und Sehnsucht trieb sie fort. Wie Bettelkinder gingen sie von Tür zu Tür, wurden überall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und Nüssen beschenkt. Am liebsten verweilte Engelhart dann bei Webers unten im Haus. Da waren zwei Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen und wohnten allein bei der Großmutter. Die Mutter hatte sie unehelichen Standes geboren und hatte ein abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die alte Frau Weber war wunderlich; sie war sehr dick und haßte die Menschen. Daß sie Engelhart und seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud, geschah aus einer Vorliebe, die sie für Frau Ratgeber hegte. Aber sie ließ nicht alle drei zu gleicher Zeit ein; eins mußte nach dem andern kommen und durfte nicht länger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die Schwestern spielten still vor sich hin, die Großmutter saß auf einem erhöhten Tritt beim Fenster und las in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum strahlten die Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.
Thekla war ein robustes Geschöpf, das den ganzen Tag arbeitete, kochte, Wasser schleppte und die Böden fegte. Die sechsjährige Selma war dagegen zart und fein. Stirn, Wangen und Hände waren weiß an ihr, auch die Haare waren beinahe weiß. Ihr Anblick erschreckte Engelhart. Ähnliches spürte er in der Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis ins Herz empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit sich nie zurechtzufinden fürchtete. Einmal kam er an einem Winternachmittag von der Schule zurück und fand niemand daheim. Er läutete mehrmals, die Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, schließlich schritt er langsam besinnend die Treppe hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute seien. Er hatte Hunger. Er öffnete die Türe der fremden Wohnung und sah nun Selma nackt vor einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und Schmutz bedeckt, lagen daneben. Engelhart war erstaunt und ergriffen; das Menschenbild gefiel ihm, Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten träg und mißmutig, plötzlich lief sie unhörbar ins Nebenzimmer. Die alte Frau Weber drehte sich auf ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das demütig bestürzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte sie mit tiefen männlichen Tönen.
Als es Frühling wurde, durfte Engelhart an Sonntagnachmittagen mit seinem Vater nach Altenberg gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nürnberg und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. Der alte Ratgeber war Seiler, und oft schaute Engelhart zu, wenn der Greis im steingepflasterten Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke drehte. Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er war gewöhnlich still und müde, aber ein höherer Glanz ging von ihm aus, wenn er von seiner Gesellen- und Wanderzeit erzählte. Er hatte die Welt gesehen und sprach mit scheuer Verehrung davon. »Als ich im Jahr dreißig nach Wien kam,« sagte er und berichtete, bei welchem Tor er eingezogen und durch welche Straßen er gegangen war. Er meinte, damals sei das Leben noch lebenswert gewesen. ›Im Jahre dreißig,‹ dachte Engelhart; er wußte nicht, daß achtzehnhundertdreißig gemeint sei, und er sah im Großvater eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.
Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber anwesend. Die beiden Brüder hatten gemeinschaftlich das Geschäft in der Stadt, aber sie waren feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers Bruder Hermann war ein Mann, der nichts in der Welt liebte außer seine eigne Person, die aber gründlich. Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von seiner Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von seiner trockenen Geschäftspraxis; für die geistig überschauende Art des älteren Bruders hatte er kein Verständnis, er bezeichnete diese Art als phantastisch und ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz an sich zu bringen. Er hatte den siebziger Krieg als Trompeter mitgemacht; es war auch in seiner Stimme etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er schlau und schläfrig aus.
Einmal erzählte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen Eltern. Es war an einem schönen Tag im Mai, und Engelhart ging mit der Mutter über die Wiesen jenseits der Maxbrücke gegen die Wolfschlucht. Dort setzten sie sich unter einem Kastanienbaum nieder, Frau Ratgeber nahm ihre Handarbeit, und dann begann sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu sprechen; seine Fragen führten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.
Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter Mann von lebhaftem Geist gewesen. Er hatte an der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in Zürich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen in seine unterfränkische Heimat zurückkehrte, kaufte er vier Webstühle, nahm vier Gesellen ins Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger solider Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald dachte er daran, sich zu verheiraten. Auf der Heimreise hatte er in Uhlfeld bei Fürth ein überaus schönes Mädchen aus vornehmer Judenfamilie kennen gelernt, und er hielt um ihre Hand an. Nun war es üblich, nicht nur daß der Mann im Haus der Braut einen Besuch abstattete, sondern daß auch das Mädchen ins Haus des Bräutigams kam, und zwar allein. Daher machte sich die schöne Uhlfelderin auf und marschierte drei Tage lang zu Fuß, da eine Postfahrt zu viel Geld gekostet hätte, nach Sommerhausen am Main. Wenn ihr das Gehen in den Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und stopfte sie in das Bündel auf ihrem Rücken. Der Bräutigam kam ihr bis Ochsenfurt entgegen.
Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die Familie geriet in Wohlstand und konnte einen Weinberg, ein Stück Ackerland und einen Gemüsegarten erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige Verbesserungen an den Webstühlen an. Aber mit einem Male kamen die Maschinenwebstühle auf und Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. David Herz wartete nicht das letzte Ende ab; er schickte die Gesellen fort, ließ die Stühle auf den Speicher bringen und eröffnete einen Tuchladen. Weil aber keine Käufer kamen, mußte man mit den Waren über Land gehen, doch war es nach damaligem Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das Gesetz mußte umgangen werden, wenn anders die Familie vor Hunger bewahrt werden sollte. Nach und nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen, die ältesten halfen schon, sie mußten bei Nacht und Nebel mit dem Warenbündel auf Schleichwegen in die Dörfer wandern, und die Gendarmen mußten mit kostbarem Geld bestochen werden. Aber es wurde noch schlechter, Mißernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit des Landes und der Gewerbe in Fesseln, Emilie, die älteste, sollte vorteilhaft heiraten, aber das sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf die grausamste Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben innerhalb dreier Jahre hinweg, darauf folgte die Mutter, erschöpft an Leib und Seele, und der Vater war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn hatte das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, er verlor den Glauben an Gott und Menschheit und starb, noch nicht fünfzig Jahre alt.
Engelhart ward betrübt von der Erzählung. Das Ereignisvolle daran, Tod, Krankheit, Armut, prägte sich ihm unvergeßlich ein. Als er mit der Mutter nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die silberne Abenddämmerung zu blicken. Frau Agathe nahm den Knaben an der Hand und sie schritten schweigsam dahin. Engelhart begriff plötzlich, daß seine Mutter nicht glücklich war.
In einer der folgenden Nächte erwachte Engelhart und merkte, daß fremde Leute in den Zimmern waren, Leute mit einem ängstlichen und geschäftigen Wesen. In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht brennen; bald kam einer und schraubte es höher, bald ein andrer und drehte es tiefer, sie flüsterten, sie lächelten, und da sich der Knabe schlafend stellte, achteten sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hörte er aus dem Zimmer der Mutter ein Stöhnen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich auf, sah sich allein und lauschte. Die erschütternden Töne wiederholten sich. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte mit Eile in die Kleider und wollte zur Mutter. Aber eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurück, Ahnung nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Küche. Ketti saß am Herd; ihr rannen Tränen über die Backen, doch trank sie mit ziemlicher Seelenruhe eine Schale aufgewärmten Kaffees. Sie begehrte auf, als sie des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und begab sich in den Hof, setzte sich, in der Nachtkühle schauernd, auf die Hühnersteige und schlief dort unversehens ein. Er schlief über eine Stunde, das Krähen des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus zurück und begegnete auf der Treppe der Tante Iduna Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie war groß und hager, ein riesenhafter grüner Schal hing um ihre Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete sie den Knaben und sagte endlich mit zweideutigem Lächeln und unehrlicher Kameraderie in ihrer hellen Stimme: »Nun, Engelhart, der Storch ist zu euch gekommen und hat ein Brüderchen gebracht. Hast du ihn nicht klappern gehört?«
Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: »Nein, ich habe die Mutter weinen gehört.«
Es malte sich in seinem Bewußtsein dies: nicht, daß ein Kind gebracht, sondern daß es geboren worden sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung wurde in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag ging er zu Fräulein Frühwald, die mit Ratgebers auf demselben Flur wohnte. Fräulein Frühwald war eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. Das einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von Sägespänen, denn sie verdiente ihren Unterhalt damit, daß sie Blechkapseln glänzend machte. Während sie Engelhart in ein Gespräch zu verwickeln versuchte, schlug dieser ein umfängliches Buch auf, das auf dem Tische lag. Es war die Bibel, Altes und Neues Testament. Er blätterte unschlüssig umher, da fiel sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig Söhne, die alle aus seiner Lende entsprossen waren, denn er hatte viele Weiber. »Was ist das, eine Lende?« fragte er das unablässig redende Fräulein. Sie antwortete, eine Lende sei ein Stück Fleisch. »Auch beim Menschen ein Stück Fleisch?« fragte er.
»Gewiß,« rief sie lachend und schlug sich auf die Hüfte, »hier.«
Er kam nun öfter zu Fräulein Frühwald, die für jede Gesellschaft dankbar war, setzte sich an den Tisch und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm wenig Verstand daraus, obwohl er das Fabelmäßige leicht begriff. Die erwachten Zweifel über Geburt und Geborenwerden fanden Nahrung, doch keine Lösung; Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, die er auch in seinem Innern beben und wachsen fühlte. Eines aber riß sein Gemüt hin, vielleicht weil es mit Worten nicht ausgedrückt war, nämlich das Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das Paradies mit seinem Frieden, die Wasserflut und die um den Berg Ararat neu sich hebende Welt, der Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sündhaften Städte und das Meer über ihnen. Mit andern Augen als bisher trat er unter den freien Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Länder und Zeiten überwölbt hatte, und wie eine Stirn die Erinnerung des Gelebten aufbewahrt, glaubte er im Firmament das Andenken jener gewaltigen Ereignisse vergraben.
Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen durfte, vermochte er kein Wort über die Lippen zu bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen stellte. Zuerst wunderte sich Frau Agathe, dann schalt sie, noch halb gutmütig, dann wandte sie sich unwillig, ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach Hause kam, berichtete sie über die Verstocktheit des Knaben. Herr Ratgeber glaubte, daß Engelhart irgendetwas auf dem Gewissen habe, er nahm ihn bei der Hand, führte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche Stillehalten des Knaben bestärkten seinen Verdacht, er wurde zornig und schlug Engelhart mit Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpreßte dem Gezüchtigten Tränen, es schien ihm, als ob die Unbill alles Maß übersteige, es erfaßte ihn auf einmal ein Gefühl von Liebe für etwas Unsichtbares, Unnennbares, das außerhalb der Welt lag, in der er sich bewegte.
Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am dritten entschloß er sich, ohne Erlaubnis an ihr Bett zu kommen, um sie zu versöhnen. Doch sie hatte Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da und außerdem dessen Vater, der also Engelharts Urahn war, ein Mann von sechsundneunzig Jahren. Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nürnberg. Ein zottiger Bart von rötlichweißer Farbe schloß das ungemein große, rote, zerwühlte, volle Gesicht wie in einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte, hielt er die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen und stierte mit den scheu versteckten Augen auf ihn wie auf etwas Weitentferntes, Winziges, gleich als ob er zeigen wolle, daß achtundachtzig Jahre zwischen ihm und diesem Kinde lägen. Er griff in die Manteltasche und reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart zwei halbverschimmelte Schokoladestückchen. Seit dreißig Jahren war er nicht in der Stadt gewesen, und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte ihn angetrieben, sondern die bloße Neugierde zu sehen, was die Zeiten gebracht hätten. Der andre Alte verhielt sich gleichmütig, der Besuch des Vaters war ihm, dem Siebzigjährigen, eine Last. Frau Agathe blickte mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von denen keiner um die Nähe des Grabes zu wissen schien.
Drittes Kapitel
Mitte Juli mußte Herr Ratgeber eine Reise antreten, die ihn für einige Monate von seiner Familie trennte. Frau Agathe beschloß, diese Zeit auf dem Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester Emilie Wahrmann in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die Tage vor der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in der letzten Stunde war sie beschäftigt, die Polstermöbel zu überziehen, die Läden herabzulassen, Kampfer zu streuen; dann stand sie ermüdet auf der Schwelle, ihre Gestalt hob sich schmal aus dem Dämmer des verdunkelten Raumes, sie war blaß von dem überstandenen Wochenbett, die Stirn, für eine Frauenstirn ungewöhnlich hoch, war an den Schläfen wie Marmor von blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen doppelten Blick, den nach außen für die Gegenstände, und den ruhigen, warmen süßen Blick nach innen für das Unbekannte.
Die Familie Wahrmann bewohnte ein einstöckiges Haus an der Straße, die vom Tor des Blasturms aus gegen den Wald führte und wenige hundert Meter weiter schon Landstraße wurde. Auf jeder Seite standen etwa ein Dutzend solcher Häuser von ganz gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der Schwester, was sie vom Leben innig wünschte: Sorglosigkeit. Die Erinnerung an ihre Mädchentage erwachte; hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben war, bis zu ihrer Verheiratung gelebt; hier hatte sie manche Nacht durchtanzt, hier hatte sie Herr Ratgeber zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder mit ihr als Zeugen der verflossenen Jahre. Ihre gehobene Stimmung wirkte wie ein seelenvolles Leuchten auf die Gemüter der andern Hausbewohner.
Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen. Helene, die älteste, liebte es, ihn zu necken. Nicht seine Gedanken waren vor ihrem Spott sicher. Sie war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick an jedem Menschen die komische Seite und jeder bot ihr daher unerschöpflichen Stoff zum Lachen. Sie hatte aber auch Respekt für geistige Dinge, für gute Bücher, es war nichts Kleinstädtisches in ihr. Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine trübe Träumerin, stets von Unzufriedenheit und zielloser Eifersucht erfüllt. Sie neigte schon als Kind zu einer halb schwärmerischen, halb gottmeisternden Frömmigkeit, und da sie nicht hübsch war, sprach sie gern mit Verachtung von dem eiteln Wesen schöner Mädchen. Die jüngste nun, Esmee, hatte etwas Teuflisches für Engelhart; er fürchtete sie, wenn sie an den Sommerabenden auf der Straße wandelten und sich das Mädchen lächelnd an ihn drängte, ihren Arm in den seinen schob und beim Sprechen ihr Gesicht so nahe wie möglich an das seine brachte. Sie war immer von einem einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von Wildheit oder Angst, Müdigkeit oder Begierde. An Regentagen gebärdete sie sich oft, als wolle sie vor Ungeduld die Mauern niederreißen, und im Wald pflegte sie mit schmetternder Stimme zu singen:
»In den Garten wollen wir gehn,
Wo die schönen Rosen stehn,
Stehn der Rosen gar zu viel,
Brech’ ich mir eine, wo ich will.«
Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus, kurzweg die »Höhe« genannt, und an Sonntagen pilgerte das halbe Städtchen hinauf. Engelhart fand sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er schlich davon. Er hatte einen Lieblingsplatz im Wald unter einer alten Eiche; nahebei war ein Ruinenstein der römischen Mauer. So saß er einmal und lauschte auf die Tanzmusik, die von der »Höhe« herüberklang. Da legten sich zwei kleine Hände über seine Augen und eine zarte Stimme wisperte: »Wer bin ich?« Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee schmollend an seine Seite setzte, herrschte er sie an: »Warum bist du mir denn nachgelaufen?« Sie antwortete nichts, sondern schüttelte heftig ihr lose hängendes Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes Schweigen. Es flogen Glühwürmer auf, hinter dem Weg schimmerte es goldgelb vom Mond, aus dem Westen brummte dumpf der Donner. Plötzlich sprang Esmee auf, packte blitzschnell mit beiden Händen Engelharts Kopf und biß ihn ins Ohr. Er schrie, sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als er in den Wirtsgarten kam, hatten sich die Gäste schon in den Saal geflüchtet, da es zu tröpfeln anfing. Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse. Sie hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen den Zähnen und riß daran, während sie in den Saal blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit funkelnd.
Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende Ohr bedeckend, in den Saal und gewahrte unter den ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten, seine Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte über ihr Aussehen, über ihre roten Wangen und glänzenden Augen. Ihre Bewegungen hatten etwas Fräuleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur Schulter neigte, den Fuß zum Tanz vorsetzte.
Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn Jahren mit einer Halbkompagnie im Ort, man sagte, daß es eine ewige Strafversetzung sei. Er wohnte bei Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem Plan um, ihm zu kündigen, da er in der letzten Zeit oft betrunken war. Das gewöhnliche Volk nannte ihn wegen seiner außergewöhnlichen Länge und Magerkeit den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand, hatte weder Kameraden noch Freunde und empfing oder schrieb nie einen Brief. Jeden Abend um acht Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte dort sein kärgliches Nachtessen. Wenn er fertig war und neben seinem Tisch bekam etwa ein andrer Gast zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller herüber und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und überrascht: »Ah, das ist aber ein schöner Braten, so einen Braten bekomme ich nie,« oder: »Das ist aber ein kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie.« Hierauf rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit trauriger Stimme: »Warum bekomme ich nie eine so große Portion wie der Herr Expeditor?«
»Aber ich bitte, Herr Premier,« sagte der Wirt, »es ist ganz genau dasselbe Stück.«
Beim nächtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf der Straße sehr zusammen, kaum hatte er jedoch die Haustüre bei Wahrmanns aufgesperrt, so stimmte er einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte geräuschvoll die Stiege empor.
Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er sich nicht mehr und verwendete größere Sorgfalt als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach dem kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem Strauß von Rosen und einer Visitenkarte, auf deren Rückseite in sorgfältig gemalten Buchstaben zu lesen stand:
Schönheit besiegt ein jedes Herz
Und sei es auch so hart wie Erz.
Bald danach hörte man ihn mit klirrendem Wehrgehänge die Stiege herabpoltern, er machte im Frühstückszimmer seine Aufwartung, aber seine Haltung verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein wunderliches Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen.
Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den Bäumen wurde schwer. Täglich wanderten die Kinder in die Beeren. Spät nachmittags zog die belebte Schar heimwärts, die Mütter kamen ihnen auf der Landstraße entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute. An einem schönen Septembertag brachen beide Familien morgens um fünf Uhr auf und fuhren nach Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen waren. Engelhart, sich von den Seinen mit Absicht entfernend, schritt durch den riesengroßen Garten, der über mehrere Hügel hingebreitet war, und sah ein Schloß, das den Gipfel eines Berges krönte. Es wurde ihm feurig zu Sinn, als er wieder zu den andern zurückkehrte, stieß er ein Jubelgeschrei aus. Doch diese waren ebenfalls in Glückseligkeit gefangen, Frau Agathe schritt mit stillem Lächeln umher und deutete manchmal auf den Himmel, der so strahlend war, als ob ein blaues Feuer ihn erfüllte. Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes Gefühl von Schmerz, es tönte eine Stimme: jetzt ist es genug der Freuden.
Wenige Tage später mußten sie nach Hause reisen, Herr Ratgeber war früher, als er gedacht, zurückgekehrt. Kisten und Koffer wurden gepackt, und gegen Abend setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, daß es sich um Scheiden und Trennung handle. Wie im Schlaf küßte er die Mädchen, später durchzuckte es ihn, daß er Esmees Mund feucht auf dem seinen gefühlt. Der Zug rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute saßen im Coupé, Ketti hielt den Säugling im Arm, Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt. Auch Frau Agathe schien müde, ihr Blick war in die Dunkelheit hinaus gerichtet, die Hände lagen still im Schoß. Engelhart schaute sie an und seine Lippen murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten sie mit dem Takt der Eisenbahnräder:
»In den Garten wollen wir gehn,
Wo die schönen Rosen stehn,
Stehn der Rosen gar zu viel,
Brech’ ich mir eine, wo ich will.«
Er träumte, daß ein ungeheurer Mensch käme und ihn wie ein Stück Holz unter den Arm schiebe. Der Mensch schritt durch eine eiserne Tür, die er hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach. Er eilte weiter zur nächsten Tür, die er ebenfalls zuschlug, und so weiter, von Tür zu Tür, bis sie in einen grauenvoll finstern Raum kamen.
Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen langen Brief an ihre Schwester in Gunzenhausen. Sie meldete die glückliche Ankunft, und daß weder den Kleinen noch den Großen ein Unfall zugestoßen sei. Dann beschrieb sie ausführlich, in welchem Zustand sie die Wohnung angetroffen habe; in den Fugen des Flurgatters sei der Staub fingersdick gelegen, das Türschloß im Wohnzimmer sei vollständig eingerostet; im grünen Zimmer hätten die Motten trotz aller Schutzmaßregeln die Rücklehne des Plüschsofas angefressen; in der Küche sei vom Hagelwetter im August ein Fenster zertrümmert worden. Nachdem alles das ausführlich geschildert war, dankte Frau Ratgeber ihrer Schwester und deren Gatten für die lange Gastfreundschaft. Sie drückte ihre Dankbarkeit in den leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in mündlicher Rede nie den Mut gefunden hätte, und erklärte sich unvermögend, solche Opfer nur annähernd in gleicher Münze zu bezahlen. Sie gestand, daß sie sich seit der Abreise grenzenlos unglücklich fühle und daß sie wisse, eine geheime Stimme habe es ihr zugeflüstert, sie werde die Schwester und die Nichten nicht mehr wiedersehen. Sie erzählte, wie trostlos Engelhart sich benehme und fügte hinzu, daß sie seines versteckten und träumerischen Charakters wegen recht besorgt sei.
Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er mußte. Schon tönte das Wort Pflicht als ein Fanfarenstoß an seine Ohren. Ihm war es das liebste, zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein Inneres ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar das Sehen seiner Augen wurde zum Spiel; auf der Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch mit dem Mund sehen könne. Er dachte klüger zu sein als Gott oder ihn wenigstens zu kontrollieren. Er schloß die Augendeckel, schob die Lippen vor, und da er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben, während er ihn nur beschummelt hatte, denn ein ganz klein wenig hatte er doch durch den Spalt zwischen den Lidern gespäht.
Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen heftig. »Hände aus den Taschen! Frisch, frisch! Munter!« rief er, wenn der Knabe sinnend einhertrottete. Aber Engelhart fand sich nur eingeschüchtert, und er verbarg eifersüchtig sein Herz. Tausend Fragen waren in ihm erwacht, Bedeutendes und Nichtiges lag gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte niemand, um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen nicht entgegenkommend, dem Vater war nichts lästiger, als wenn man ihn viel und um vielerlei befragte. Von den Lehrern erwartete er nichts und sie gaben auch nichts.
Im Spätherbst verbreitete sich das Gerücht von einem Weltuntergang. Der furchtbare Termin war für Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte sich über das gefaßte Wesen der Leute, er wunderte sich, daß sie noch aßen und tranken, daß sie schwatzend unter den Haustoren standen und den hellen Himmel betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken und ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam. Er spazierte in der Mitte der Straße auf und ab, um beim Zusammensturz der Häuser verschont zu bleiben. Allmählich sammelten sich vor der Pfistergasse, wo man den Ausblick auf das freie Feld hatte, viele Erwartungsvolle an und starrten in den aufgehenden Mond. Die Abergläubischen hatten wenig Zuspruch, wer Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen, denn man lebte in einer aufgeklärten Protestantenstadt. Dennoch war die Enttäuschung allgemein, als es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches Aussehen nicht veränderten. Engelharts Unzufriedenheit wurde gemildert durch das gebundene und sehnsüchtige Gefühl, das ihm der Mond einflößte; die unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit. Auf dem Heimweg traf er Selma Weber, sie gingen zusammen und plauderten; doch da unterbrach Selma das Gespräch und fragte ängstlich: »Ist es wahr, daß du ein Jud bist?« Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht aus dem Kopf. Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer Schnee lag, vergnügte er sich damit, in die Fußstapfen eines vor ihm her gehenden Knaben zu treten. Da dieser aber viel größere Schritte machte, mußte er seine Beine übermäßig spreizen, was einen komischen Anblick bot. Er hörte denn auch ein schallendes Gelächter und sah Fräulein Holländer, die am Fenster ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein Treiben belustigt mitansah. Dieses Fräulein war eine Jüdin, eine ältliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen gegen den Spitalgarten bewohnte. Engelhart kam oft dorthin, weil das Hoftor mit bunten Glasscheiben versehen war, und er liebte es, durch die farbigen Gläser auf die fernen Hügel des Vestnerwaldes und auf die Wiesen des Flußtals hinunterzublicken.
Als der größere Knabe das Lachen vernahm, blieb er stehen und sah sich um, und Engelhart, mit beiden Füßen in einer einzigen seiner Fußstapfen, blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend an und sagte haßerfüllt: »Du Jud.« Darauf kamen noch ein paar Burschen, stellten sich um Engelhart herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. Er wußte sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch. Er grübelte noch in sich hinein, als jene schon verschwunden waren; da winkte ihm Fräulein Holländer zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schloß sie das Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus der Ofenröhre, und während er aß, holte sie ein dickes Buch herbei, schlug es auf und las ihm folgende Stelle vor: »Da wohnten die Nachkommen der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten noch ihre Stammbäume und konnten ihre Geschlechter auf die Fürsten und Propheten Judas zurückführen. Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und führte den Titel: Fürst der Gefangenschaft. Er stammte in gerader Linie vom König David; Christen und Heiden anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich über die Länder des Ostens bis Tibet und Hindostan. Es wurden ihm die größten Ehren erwiesen, und wenn er öffentlich erschien, trug er Kleider von gestickter Seide und einen weißen Turban mit goldenem Diademe.«
Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. »Ist es ein Märchenbuch?« fragte er.
»Nein, kein Märchenbuch!« erwiderte sie. Sie zeigte das Titelblatt, und er las: Benjamin von Tudelas Reisen. Da lächelte Engelhart aufatmend vor sich hin und war dessen gewiss, daß er ein Mensch unter Menschen bleiben durfte. Nachmittags kam Fräulein Holländer zu Frau Agathe. Sie trug gelbe Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen waren, einen außerordentlich großen Hut mit Federn und ein kupferglänzendes Seidenkleid. Sie sprach mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit über den Knaben, über seine Begabung, sein schönes, belebtes Gesicht und schloß ihre Rede mit den Worten aus der Geschichte Bileams: »Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob.« Frau Ratgeber ward es angst und schwül, und sie war froh, als die Person wieder fort war.
An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt wurde, erhielt Engelhart die Erlaubnis, sich Spielwaren aus dem Geschäft des Vaters zu holen. Am Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren niedrige, lichtlose Räume dort. Hinter einem Holzgitter saßen Herr Ratgeber und sein Bruder, ein jeder wachsam im dumpfen Haß. Nebenan befanden sich die jungen Leute und Peter Salomon Curius, den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt hatte. Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster hinaus, wenn die Dienstmädchen der Nachbarschaft vorübergingen, rauchte, trank Bier, erzählte Geschichten, die alle einen Anhauch von Größenwahn hatten. Er glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste verrichtet, oder einem Millionär, der zur Belustigung seiner Gäste selber den Koch macht. Er wußte alles besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden, hätte Herr Peter Salomon mit geringschätzigem Lachen gesagt: »Ach was, das hab’ ich schon vor zehn Jahren gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei, jeder windige Sperling macht dasselbe, ich habe es längst aufgegeben, denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.«
In den verliesartigen Zimmern roch es nach Tinte, Staub und Spinnweben. Lange suchte Engelhart, um etwas zu finden, was nicht bloß der augenblicklichen Lust, sondern auch zukünftigen Wünschen Genüge tun konnte, und er wählte schließlich eine Trommel und einen Spiegel. Zu Hause fingen Gerda und Abel zu weinen an und wollten auch etwas haben; er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand vielleicht dunkel, daß da keine Unschuld mehr sei, wo mißgünstiges Behagen an fremdem Neid sich sättigt. Sie warf ihm vor, er habe kein Herz für seine Geschwister, doch konnte sie nicht ermessen, wie es sich damit in Wirklichkeit verhielt.
Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so auch dies. Zudem erfuhr sie von einer ungewöhnlich hinterlistigen Handlung, die er bald hernach beging, und ihr Urteil über den Knaben verwirrte sich noch mehr. Er hatte mit den Kindern des Pedells von der nahegelegenen Bürgerschule Bekanntschaft geschlossen und jagte mit ihnen oft in dem großen, mit Bäumen bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte sich Selma Weber, ferner das Töchterchen des Direktors, ein liebliches, ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut, das Kind eines Arztes. Vor den drei Mädchen suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenmäßiges Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch ein gekränktes und sauertöpfisches Beiseitestehen, das ganz grundlos war, wodurch er aber doch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wähnte. Den tiefsten Eindruck machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war so schwermütig wie eine Nacht, die von Stürmen in der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig vorübergleiten läßt, weil sie hofft, daß es Morgen wird.
Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft, ein rothaariger, häßlicher Knabe, der sich scharwenzelnd und prahlend um Sophie zu schaffen machte und gegen den Engelhart bösen Groll hegte. Einmal fing es an zu regnen, und alle flüchteten in eines der leeren Schulzimmer. Sie schrien und lärmten, bis die Dämmerung einbrach, da kam Rindsblatt dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, ließ die Beine baumeln und spuckte mit einem Ausdruck zur Seite, als wolle er sämtliche Lehrer der Welt totspucken. Die Mädchen wurden von unten zum Nachtessen gerufen und schossen tobend hinaus, Engelhart folgte verdrossen, nur Rindsblatt blieb sitzen, um zu zeigen, daß er keinem Ruf gehorchen müsse, und begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch einmal zur Tür zurück und hörte, wie die Stiefelhacken des Knaben hohl gegen das Brett schlugen, er sah den Schlüssel im Schloß stecken und drehte ihn um, so daß der Verhaßte gefangen war. Dann rannte er die Treppe hinab und setzte sich auf die Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen, hohe Mauern blickten durch den rieselnden Regen. Lang blieb es still, endlich wurde oben ein Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand hörte, er wiederholte sein Geschrei, schon saß ihm die Furcht in der Kehle. Engelhart verspürte eine trotzige Genugtuung, den trockenen Prahler so bang zu wissen, gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da sah er den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten, denn oben hämmerte es so fürchterlich an die Türe, daß das Treppenhaus dröhnte. Rindsblatt wußte, wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch ließ er sich Engelhart gegenüber nichts merken, er rächte sich nicht, obschon er stärker und älter war. Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne das unheimlichste Gefühl an dem Burschen vorüber, und er ahnte, daß in jener Brust ein gefährlich-giftiger Haß brüte und sich mit Vorsicht der rechten Stunde gewärtig hielt.
Es wurde Frühling. Am zweiten Sonntag im April während eines Spazierganges sagte Frau Ratgeber, es sei ihr heute besonders wohl zumut. Aber als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang mit der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber war im Hohlwegsgarten zu einem Glas Bier eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius, Ketti ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der Straße, da sah Frau Ratgeber den Knaben eigentümlich an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen und zu ruhen. Sie klagte über Schmerzen im Ohr.
Am nächsten Tag begannen die Osterferien. Festlich gestimmt trat Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer, wo Frau Agathe lag. Die grünen Rolläden waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche mit brauner Flüssigkeit. Die Mutter fragte ihn nach diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen allgemeiner Art. Sie meinte, das beste im Leben sei Gehorsam und Sichfügen. Aber Engelhart suchte den Sinn ihrer Worte als etwas Unbehagliches beiseite zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang, dem seine Schwäche unterlag. Er wollte frei sein, er hatte die eigensinnige Überzeugung von einer im Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich frech über alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte. Er erwiderte nichts, und da Frau Agathe den Zustand des verstockten Schweigens bei ihm kannte und fürchtete, hieß sie ihn gehen. Als er die Schwelle des Zimmers überschritt, hörte er sie seufzen.
Viertes Kapitel
Eine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem Nebel. Die Landstraße mit den hohen Pappeln kriecht weiß und leer in den Nebel hinaus, und so absonderlich wie der blühenden Frühlingslandschaft in dem herbstlichen Dunst ist es Engelhart zumut. Eine trügerisch-schwermütige Stille liegt über der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen taucht aus dem Nebel, es ist Benjamin auf Kettis Arm. Man schickt ihn zu den Großeltern nach Altenberg, im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau Agathe muß Ruhe haben. Das kleine Bübchen jauchzt, da Engelhart possenhaft vor ihm hertanzt, es weiß nicht, daß es bald sterben wird. Drüben im Dorf wartet der Tod auf Benjamin, der Tod hat die Nebelschwaden aufs grüne Land gebreitet.
Auch Engelhart, Gerda und Abel mußten das elterliche Haus verlassen und wurden bei der Familie Dessauer in einem vornehmen Haus an der Bahnhofstraße untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte Verwandte der Mutter und lebte mit ihrem Sohn und seiner Frau in der Abgeschlossenheit reicher Leute. Dort mußte man leise gehen und leise sprechen, man mußte die Klinke in der Hand halten, bis die Türe geschlossen war, man mußte artig sein. Artig, artig! hallte es aus jedem Winkel.
Die Kinder wagten schließlich vor lauter Artigkeit nicht zu gestehen, wann sie Hunger hatten, Engelhart schlich bedrückt durch die langen Korridore und betrachtete stumm die hohen Türen. Er vernahm die Klänge eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme fiel ein. Das Lied zog ihn unwiderstehlich an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau saß am Instrument, die junge stand daneben und sang. Als sie den Knaben gewahrten, unterbrachen sie Spiel und Gesang, zwei Augenpaare blickten ihn dürr und strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne anzuklopfen, hieß es, er solle wieder hinaus und sich melden. Er schaute starr zu Boden, dann lief er davon und auf die Straße. Die beiden Frauen kamen überein, daß der Knabe von einem bösartigen Geist erfüllt sei und daß man vor ihm auf der Hut sein müsse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm hinüber und spazierte an den schimmernden Geleisen entlang, die gleichsam eigenbeweglich in die Ferne liefen. Sehnsucht packte ihn, er spürte unter den Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte das Ohr auf die Schiene. Das Unglück brachte gerade in dieser Minute den jungen Dessauer des Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und führte ihn wortlos in das stille Haus zurück. Dort wurde ein Verhör angestellt, und der Beschluß war, daß Engelhart fortgeschafft wurde, da man für einen Knaben von so verbrecherischen Anlagen nicht die Verantwortung übernehmen wollte.
Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine neue Welt; ein uraltes Haus am Helmplatz, im finstern Flur der Backofen eines Bäckers, morsche Treppen, die bei jedem Schritt jämmerlich ächzten, und oben die winzigen Stübchen. Im Wohnzimmer war ein Bücherschrank mit einer Glastüre, davor stand Engelhart, betrachtete die enggepreßten Reihen der Bücher und las die Titel auf den Rücken der Einbände. Iduna Hopf behauptete, es seien die tiefsinnigsten Werke der Welt, außer ihrem Immanuel würden alle Leute wahnsinnig, die darin läsen. Später einmal, wenn Engelhart zu Jahren und Verstand gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum zu erschließen.
Er vertraute diesem »Später« ohne weiteres. Er ahnte, was ihm im dunkeln Spiel der Zufälle und Schicksale für ein Los fallen könne, und daß er, an ödem Strande kauernd, sich begnügen würde, wenn ihm die Woge aus einem Schiffbruch ein armseliges Buch vor die Füße spülte. Nach Wissen und Belehrung stand ihm der Sinn nicht vor dem Bücherkasten, er verlangte nach anderm, nach Seelenspeise, Wärme des Herzens.
Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht halten, die Sonne steigt und sinkt, die Sterne scheinen und verschwinden, der Tag des Schicksals ist seiner Sache sicher und kann warten. Auf einmal berührte Engelhart aus dem Ungefähr heraus ein Gedanke: es geschieht etwas zu Hause; da hielt es ihn nicht länger. Als er vor der elterlichen Wohnung läutete, gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur einen dünnen, gedämpften Ton. Der Klöppel war mit Leinwand umwickelt. Er war verwundert, als er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien, den einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau traf. Auch ein paar andre Leute waren zugegen. Kein Lächeln begrüßte ihn, alle schienen wie in die Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber lehnte regungslos im Sessel, der sonst so glänzende und martialische Schnurrbart hing kraftlos über die Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer und lispelte: »Ach, du bist da, Engelhart – deine Mutter hat heute nach dir verlangt.«
Er ging in das dunkle Zimmer, und allmählich lösten seine Blicke die weiße Gestalt mit der weißen Binde um die Stirn aus der Dämmerung. An das Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, böses Gefühl, wie wenn der Sturmwind Sand in die Augen treibt. Er fand die Mutter so verändert, daß er furchtsam den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte seine Hand, und er, rätselhafte Verstocktheit, machte es ihr nicht leichter, sondern stellte sich, als sähe er es nicht.
Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. Der Professor hatte schon wenige Stunden später gesehen, daß die Sache eine schlimme Wendung nahm. Der Tod, winzig wie ein Elf, wühlte in den geheimnisvollen Gängen des Ohres.
In der Nacht wurde Engelhart plötzlich vom Schlaf verlassen. Es umschauerte ihn; sein Herz wußte, was es verlieren sollte, es sträubte sich und fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger. Es spürte, was für Wetter nun heranziehen würde, und daß die Paradieseszeiten, paradiesisch Schmerz und Lust, vorüber seien. So kam ihm das Gefühl des Versäumnisses, zum erstenmal das Gefühl der Unwiederbringlichkeit, das wie ein schwarzer Schatten aus der Finsternis trat und ihm das Wort und den Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Träumen mehr, sondern ein doppeltes Erwachen des Leibes und der Seele, kein Spiel mehr, sondern der wilde, unbewegliche Ernst.
Er nächtigte in dem Bretterverschlag, den sonst die Magd innehatte, verließ das Bett und schlich barfüßig in den Flur. Aber Nachtkälte und Nachtfurcht hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu schlafen, bis der Morgen graute. Dann kleidete er sich an und ging hinüber. Auf der Schwelle ihrer Wohnung stand kreidebleich das Fräulein Frühwald, den Kopf an den Türpfosten gelehnt. Es wurde dem Knaben kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, den Kopf zwischen den Armen, und gab Töne von sich, die wie Gelächter klangen. Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes Plätzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den Rand eines eisernen Öfchens und sah seine Tränen vor sich auf den Boden fallen.
Später erschienen viele Leute, gegen Abend wurde der Sarg gebracht. Als es am dritten Tag zum Begräbnis ging, standen die Hausbewohner und die Nachbarn vorm Tor. Die Goldschläger hörten auf zu hämmern und traten in respektvoller Haltung auf die Straße. Der Major Friedlein schaute wie immer aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife. Bis der Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unzählig viele Menschen angeschlossen, aus manchem Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte eine weinende Frau.
Engelhart mußte die Schaufel nehmen und Erde ins Grab werfen. Als alles aus war, kam der Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum zweitenmal.« Er blickte freundlich und traurig zugleich auf den Knaben, und zwischen den Fettfalten seiner Wangen glänzte es feucht.
So war die schöne Seele hinunter. Es war, als ob sie nie gelebt, als ob ihr Lächeln nie gelebt hätte, ihr volles, wahres Auge, ihr karges und wohlgemeintes Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Straße und das Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, von dem sie gegessen.
Schlimm, daß Engelhart durch einen äußerlichen Trauerdienst der Trauer seines Gemüts entführt wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mußte er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das Totengebet dort laut zu beten. Jeden Morgen allzu früh riß ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf, und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen. Gott wolle es und das Seelenheil der Mutter, sagte man ihm. Er glaubte nicht an einen Gott, der dieses wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott, der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerreißen. Das war schlimm, denn dadurch wurde sein Himmel plötzlich leer. Innerliche Güter statt in Kämpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, heißt ohne Würde und Gewinn verlieren. Freilich war Engelhart darin von je ungeleitet geblieben, der Vater stand diesen Dingen scheu gegenüber, es war ihm unbequem, daran zu rühren, und er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben wie in ihrem Wesen, hatte gemeint, das wüchse von selber in der Brust wie der Baum in guter Erde. Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schmächtiges Reis, das vor dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem lebte das werdende Geschlecht damals in einer Luft nüchterner Praktiken, und der höhere Sinn fand in kränklicher Sehnsucht sein Heil.
Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti den Dienst auf. Es blieb unbekannt, was sie vertrieb. Zu einigen Leuten äußerte sie, sie wolle nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte ein, daß sie nun erst recht nötig und am Platze wäre, aber sie sagte, es täte ihr zu weh; sie möge auch keinen andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat. Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber ließ sie ungern ziehen. Er war den ganzen Tag im Geschäft, zu Mittag schlang er hastig seine Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die Kinder, zündete die Zigarre an und ging wieder. Die Verwandten sagten ihm, daß die Kinder auf diese Weise verwildern müßten, auch kostete der kleine Haushalt mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschloß er sich, eine Wirtschafterin zu nehmen, und er hielt Nachfrage nach einer entsprechenden Person, die zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen sollte. Es dauerte nicht lange, da erschien ein großes blasses, blondes Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber glaubte gut gewählt zu haben. Wenige Tage, nachdem das Fräulein, dessen Name Adele Spanheim war, seine Stellung angetreten hatte, übergab er ihr das Wirtschaftsgeld für drei Monate und reiste fort. Mehr als je träumte er jetzt von Reichtum oder doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte alle Kräfte an, um sich auf jene Höhe des Lebens zu schwingen, auf der man von den Menschen geachtet werden muß; es war, als ob das nun erstarrte Herz ihm keinerlei Rücksichten des Gefühls auferlegte, er mußte nicht und nirgends mehr verweilen, konnte sich völlig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm auch nicht vergönnt war, ins Weite hinaus zu wirken, das wußte er, so wollte er doch in seinem Kreis etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er beklagte nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschließen, entfremdete ihn aber auch der Teilnahme der denk- und gemütfaulen Leute, die rings um ihn gemächlich ihre Existenz bauten.
Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von den Kindern. Die beiden Kleinen bequemten sich dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen. Engelhart widerstrebte trotzig. Das Blut schoß ihm in die Stirn, wenn sie lachend einen Befehl gab, nicht aus Einsicht, sondern aus bloßer Lust am Kommandieren. In einem ihrer wöchentlichen Berichte über die Ausgaben und die Vorfälle im Haus, die sie Herrn Ratgeber zu senden hatte, klagte sie, daß Engelhart ihr ohne den gebührenden Respekt begegne und daß es ihr schwer falle, gegen seine freche Selbstherrlichkeit aufzukommen. Darauf schrieb Herr Ratgeber zurück, wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er ihr jede Form der Züchtigung. Diese Briefstelle las ihm das Fräulein vor. Engelhart vernahm mit Unglauben und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem Papier standen. Er forderte Fräulein Spanheim auf, ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es wurde ihm leicht, die schönen klaren Schriftzüge zu lesen. Niedergedrückt schlich der Knabe im Haus umher und stellte sich, des schlechten Wetters nicht achtend, unter das Haustor. Die anbrechende Nacht verscheuchte ihn, und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken und wurde besorgt. Sie entkleidete ihn und strich ihm kosend über das Haar, aber ihr verändertes ängstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz.
Er bekam den Scharlach in der gefährlichsten Form, lag vier Tage bewußtlos, bäumte sich aus der pflegenden Hand und schrie vor sich hin. Danach, als er genas, füllte sich seine Brust mit Süßigkeit, es wurde ihm offenbar, daß er durch ein dunkles Tor neuerdings ins Leben trat, etwas von Lebensschönheit wurde ihm bewußt, über einem langhinlaufenden Weg strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden Seiten hingen Rosengirlanden und über smaragdenen Wiesen flogen Vögel, wie er sie nie zuvor erblickt, sie hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam sichere Kreise um denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig hörte er die vertrauten Geräusche von der Straße, das Hämmern der Goldschläger, dies meisterhafte Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der spielenden Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und vieles andre. Der Tod hörte auf, ein Wort für ihn zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des Lebens, nur daß alles umschattet und erstarrt war. Die Frage entstand: Wären die Stadt und ihre Häuser noch vorhanden, wenn ich tot wäre? Würden die Bälle der Kinder draußen noch ebenso in die Luft fliegen, die Leute im Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff oder fühlte dunkel das Einzige des Lebens, die wunderbare unermeßliche unbegreifliche Macht, die den Menschen atmen läßt und die ihn zugleich die Finsternis ahnen läßt – dort, jenseits des Rosenwegs, über welchen die sanftäugigen Vögel fliegen, die er im Halbtraum gewahrt.
Täglich kam Doktor Federlein, flüsterte eine Weile mit Fräulein Adele, dann trat er ans Lager, von Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von Weihrauch, nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, befühlte seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, schüttelte vor dem Spiegel seine dunkeln, bereits angegrauten Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war von der Reise zurückgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des Abends. Neues Unglück hatte ihn getroffen, der kleine Benjamin war draußen in Altenberg gestorben. Wie ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt, als ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen noch verlangt hätte, das in unergründlicher Trauer sein Leben kränkelnd hinschleppte.
Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen durfte, fuhr Adele Spanheim mit ihm und den beiden Geschwistern nach Nürnberg zu ihren Eltern. Es war prächtiges Wetter, kristallen wölbte sich der Himmel, die Blätter begannen schon gelb zu werden und hingen glühend an den Bäumen des Stadtgrabens, vieleckig, vieltürmig, mit strahlend roten Dächern erhob sich die Burg und zur Rechten die säulenschlanken Türme von Sankt Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem Weinmarkt traten sie in das düstre Tor eines altertümlichen Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe mit flachen Stufen hinan und schritten oben über eine Holzgalerie mit schön geschnitztem Geländer. Unten war der Hof, es plätscherte Wasser aus dem Brunnen in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden sich zwei alte Leute und fünf erwachsene junge Männer, Adeles Brüder. Die Kinder wurden in die Ecke des Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und erhielten Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander, bisweilen flog ein musternder Blick zu den Kindern herüber. An den Wänden des großen Raums standen hochbeinige Stühle und zwischen den Fenstern hing ein Bild, ein Mädchenkopf mit schwarzen, zur Schulter fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts erinnerte Engelhart an Sophie Hellmut, der Blick hatte etwas Zärtliches und Fragendes, und er konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf, um das schöne Gesicht näher zu haben, da ertönte vom Kaffeetisch aus, das Wispern durchbrechend, Adele Spanheims Stimme: »Engelhart, sitzen bleiben!« Die Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll, auch die fünf Brüder sahen ihn an. Mit verzerrtem Gesicht starrte der Knabe zu Boden, und es wäre vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn nicht die Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit des Fräuleins abgelenkt hätte. Diesen Umstand benutzte Engelhart und stahl sich aus dem Zimmer. Draußen lehnte er sich einige Minuten lang über die Galerie und blickte entzückt in das blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte er durch eine geöffnete Türe in ein halbdunkles Zimmer sehen, in dessen Mitte ein Aquarium stand; Goldfische blitzten an der Glaswand vorbei, und ein schmaler Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im grünen Wasser.
Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb ihn weiter, auf die Straße, über den Platz zur Sebalderkirche. Zaudernd stand er dort vor einer offenen Seitentüre. Es zog ihn hinein, und doch lähmte ein Unbekanntes seinen Fuß. Frömmigkeit, der Genuß des Wunderglaubens, die Seligkeit des Gebets, alles das war ihm fremd geblieben, aber die Furcht, Gottesfurcht, nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen wie die Kälte der Winternacht, die durch die Fensterfugen in das erwärmte Zimmer streicht. Und nun der gewaltige Bau, die schwere Dämmerung drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den Christen und das Christentum in seinen Augen umgab.
Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen Bogen und Gewölbe, wie schräg gefaltete ungeheure Hände nach oben geneigt, das Halblicht, verstärkt und bemalt durch die bunten Glasfenster, die Stille des Ortes und seine ungeheure Raumfülle, dies Emporstrebende, Emporweisende, es machte ihn schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im Turm zu läuten anfing und ihn die Klänge umschwirrten wie das Flügelschlagen mystischer Wesen, trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen Winkel, um sich zu verkriechen, und taumelte vorwärts, bis ein schwarzes Gitter ihn aufhielt. Es war das Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen Augen, er gewahrte zahllose kleine Figürchen, lieblich gestaltet, in stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein Erstaunen war groß. Das Zittern, das Grauen wich, auf einmal fand er sich heimisch, als hätte er Spiel und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich nicht trennen.
Zu spät erinnerte er sich der verflossenen Zeit. Alle Spanheims waren auf der Suche nach ihm. Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten ihn hochmütig, denn sie waren durch seinen Fehltritt in Gnade gekommen. Nach und nach kamen die Brüder Adelens zurück, lachten spöttisch, und einer zwickte den Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle Zurückhaltung, und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm sie einen Stock, stellte sich an das Bett und genoß seine stumme Angst, seinen flehenden Blick. »Wo warst du, während wir dich gesucht haben?« fragte sie durch die geschlossenen Zähne. Da er nichts antwortete, geriet sie vor Zorn außer sich, packte ihn beim Hemd, und wie er zurückwich, riß das Hemd entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster und, den Leib gegen die Mauer gepreßt, den Arm abwehrend zurückgestreckt, rief er wild: »Schlagen Sie mich nicht!«
In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche Veränderung vor. Sie errötete, nahm die Kerze vom Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer Stimme, ohne die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden: »Geh nur schlafen, du ... Bub.« Bei diesem zögernd ausgesprochenen Wort lächelte sie. Im Bette liegend, dachte Engelhart an ihr sonderbares Lächeln und schlief in Scham und Traurigkeit ein.
Fünftes Kapitel
Adele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende. Eines Nachmittags betrat Herr Ratgeber wider seine Gewohnheit die Küche und sah, daß Fräulein Adele mit träumerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf mit eingemachten Preiselbeeren saß und von Zeit zu Zeit einen Kaffeelöffel voll in den Mund steckte. Gerda und Abel kauerten lüstern dabei, man spürte, wie ihnen der Mund wässerte. Da Herr Ratgeber auch sonst unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts, sagte er: jetzt ist es genug, und gab der naschhaften Dame den Laufpaß. Damit gewann die Sorge um die führerlosen Kinder neue Macht.
Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem Bruder Hermann endgültig entzweit. Er war im Begriff, aus dem gemeinsamen Geschäft zu scheiden und eine Fabrik zu gründen; Produzent sein, die Ware gleichsam aus dem Nichts erschaffen, die Hände des Arbeiters unmittelbar in seinen Dienst nehmen, Maschinen in Betrieb setzen und im großen Stil wirtschaften, das war sein Traum. Er hatte es satt, Bänder und Pfeifenspitzen zu verkaufen, wie er sich verächtlich ausdrückte, und um jeden Groschen Verdienst mühevoll schwatzen zu müssen. Nach langen Erwägungen entschloß er sich für die Holzwarenbranche, und da er vorerst nicht viel von der Sache verstand, suchte er sich durch nächtelanges Studieren zu helfen. Aber so stolz seine Pläne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an Kapital. Er wandte sich an den reichen Bruder seiner verstorbenen Frau, und da er eine wunderbar überzeugende Art zu schreiben hatte, ließ sich Michael Herz bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit hatte Herr Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich bemüht, seiner Idee unter den bisherigen Geschäftsfreunden geldkräftige Anhänger zu gewinnen, und phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach er einem jeden goldne Berge. Mit weithinaus gerichtetem Blick ging er in dieser Zeit umher, beständig ein Lächeln zwischen den Lippen verhüllend, welches sagen sollte: Laßt mich nur gewähren, laßt mich nur ans Ruder kommen. Er glaubte, die Stunde sei reif, wo er die nacheilenden Schatten seiner bedrückten Jugend in die Flucht schlagen könne, und sagte sich mit stürmischer Entschlossenheit: Es muß sein, muß gelingen. Dieses Muß trieb ihn zeit seines Lebens von Mühsal zu Mühsal und von Mißlingen zu Mißlingen.
Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das Treiben des Herrn Ratgeber mit der größten Neugierde verfolgte. Er hieß Teilheimer, hatte brandrote Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, und sein Beruf war, über die Angelegenheiten seiner Mitbürger aufs genaueste unterrichtet zu sein. Er saß zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar achtlos vor sich hin. Da ging der Weinhändler Strunz am Fenster vorüber. Teilheimer zwinkerte listig mit den Augen und sagte: »Schau, schau, da geht der Strunz zum Bezirksarzt, um seinen fälligen Wechsel einzukassieren; wird ihm aber nichts nutzen, der Mann hat selbst kein Geld und der Schwiegervater gibt nichts mehr her; böse Geschichte.« Oder man redete in einer Gesellschaft über das gesunde Aussehen und die Frische einer schönen Frau, was den roten Teilheimer zu der beiläufigen Bemerkung veranlaßte, daß diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und daß ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben vergönnt sei.
Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn Ratgeber beizustehen. Eines Tages kam Engelhart von der Schule und stürmte ins Zimmer. Da sah er den Vater am Ofen stehen, den Kopf gebückt, in unbewegliches Nachdenken versunken. Am Tisch ihm gegenüber saß der rote Teilheimer, ein Bein übers andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergnüglicher Miene über die Lippen wälzend und einen Bleistift auf ein mit Zahlen beschriebenes Blatt bohrend, als ob er den Speer in die Brust eines Besiegten tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem Knaben mit einer Handbewegung das Zimmer verwies. Am darauffolgenden Nachmittag war es wieder so, nur daß noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber stand wieder vor dem Ofen und schien qualvoll unentschieden, der rote Teilheimer spießte wieder den Bleistift kühn in die Zahlenleiber. Iduna Hopf machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es nicht verstehen und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da sagte Iduna Hopf, gegen Herrn Ratgeber gewendet: »Da sieh mal, Joseph, wie vernachlässigt der Junge herumgeht.« Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig in des Knaben Gesicht.
Eine Woche später kam Herr Ratgeber zu früherer Stunde als sonst nach Haus, schritt erregt im Zimmer auf und ab, befahl der Magd, sogleich sein Essen zu bereiten, er fahre über den Abend nach Nürnberg. Dann kleidete er sich sonntäglich an, kam wieder zu den Kindern heraus, pfiff leise vor sich hin, öffnete, als sei ihm zu heiß, das Fenster und beugte sich eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen worden, er setzte sich zu Tisch, und da ihn die Kinder andächtig umstanden und jedem Bissen nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt er drei gleich große Stücke Brotes ab, legte auf jedes eine Scheibe Fleisch und teilte aus. Während sie alle drei schmausten, gab er sich einen Ruck und sagte: »Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit wieder Ordnung unter euch ist. Seid anständig und macht mir Ehre.« Er vermied es bei diesen Worten, seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er aufstand, richtete er den Blick mit plötzlicher Strenge auf Engelhart, der den Vater atemlos anstarrte.
Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei fremde Frauen ins Zimmer. Die eine von ihnen sagte: »Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich bin eure neue Mutter.« Sie hatte ein süßliches Wesen. »Sehr schöne Kinder,« sagte die andre Frau, die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben sich beide an die Besichtigung der Wohnung und unterwarfen jedes Möbelstück und jedes Porzellanfigürchen einer eingehenden Beurteilung.
Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen aber kam es über ihn und trieb ihn umher wie einen Ball, der von unsichtbaren Händen von einem Eck ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider zu eng, das Haus zu klein, den Himmel zu niedrig, und er lief ohne Sinn und Ziel durch die Gassen, bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen von dem der auszog, das Gruseln zu lernen, und diese Geschichte machte Eindruck auf ihn durch etwas, das hinter den erzählten Vorgängen steckte, wie in einem Nebel des Grauens hin und her wogend. Er spürte die Kluft, die ihn von jenem trennte, der das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen, Unsichtbaren, Unnennbaren, Furcht mitten in der Freude und im Spiel. Zagend stand er einem dämonenhaften Wesen gegenüber, dessen Wille es ist, zu zerstören und irrezuführen, den freifliegenden Wunsch aufzufangen und an die Erde zu fesseln.
Im sogenannten Feldschlößchen, eine halbe Stunde von Nürnberg entfernt, feierte Herr Ratgeber seine zweite Hochzeit. Die Kinder saßen an diesem Tag in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend brachte jemand von der Hochzeitsgesellschaft eine Torte und Grüße vom Vater, der mit seiner neuen Frau schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum gehört, alle machten sie sich über die Torte her, auch die Magd erhielt ein Stück, und um sich erkenntlich zu zeigen, verschwand sie dann und überließ die Kinder für den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich im großen Wohnzimmer, und Engelhart beschäftigte sich, die Aufsichtslosigkeit nutzend, mit der großen Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er suchte eine Seele in ihr. Zu diesem Zweck stellte er einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte hinauf, öffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen Rädergesurr; bisweilen gab es ein Geräusch, das einem Seufzer glich. Nach einer Weile begann er an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine Schraube zu lockern, und auf einmal hatte er beide Zeiger in der Hand. Er erschrak, ihm war zumute, als seien einem lebenden Wesen die Arme abgefallen; umsonst probierte er, das Übel wieder gut zu machen, plötzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut auf die Kommode. Es war ein ziemlich stürmischer Abend, das Feuer im Ofen war erloschen, die Kinder froren. Zudem ging auch das Öl in der Lampe auf die Neige. Auf der Straße und im Haus war es totenstill, Abel war am Tische sitzend über seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich eine Weile in dem düster werdenden Zimmer hin und her, dann drückte sie sich in die Ofenecke und fing an, leise vor sich hinzuweinen. Engelhart verbarg seine Gefühle, so gut es möglich war, er stellte sich gegen die Tür und horchte und wagte endlich zu öffnen. Draußen war’s finster. Er überredete sich zur Tapferkeit und schritt hinaus, um nach der Magd zu rufen. Doch war die Finsternis so groß, daß ihm das Geräusch des eignen Herzens Angst einflößte. Nie hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht geahnt, er machte eine betende Bewegung mit den Armen, sein Auge fand aber keinen Aufblick. Dies machte die Finsternis doppelt schwer und öde, und da Gerda ängstlich seinen Namen rief, kehrte er zurück. Er schaute zur Uhr, um zu sehen, wie spät es sei, und das Grauen überlief seine Haut, als er ihr zeigerloses Blatt gewahrte und darunter den Perpendikel, ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wäre. Es schien, als ob die Zeit ihr Maß verloren habe und die Nacht kein Ende nehmen würde.
Acht Tage später spielten die Kinder im Flur neben der Stiege, Engelhart hatte aus Stühlen eine Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in einem unermeßlich langen, weit über die Dielen schweifenden Mantel der Mutter und einen großen Federhut auf dem Kopf, machte die vornehme Passagierin, und Engelhart war der Räuber, der die Kutsche im Wald zu überfallen hatte. Mitten im größten Getöse tauchten Herr Ratgeber und die fremde Frau, die neue Mutter, auf und blieben auf der halben Höhe der Treppe stehen. Herr Ratgeber, das Reiseköfferchen tragend, winkte den Kindern lachend zu, innezuhalten, die Frau schüttelte verdrossen lächelnd den Kopf, und ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die vergeblich bemüht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien.
Von Stund an ging alles einen andern Gang im Hause. Früh, mit dem Glockenschlag sieben hieß es aufstehen; es war keine Minute der Besinnung erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zurückdenken an die Träume, ein Rütteln an der Schulter und: heraus. Besonders für den kleinen krummbeinigen Abel war es hart, oft, wenn er schon gewaschen und angekleidet war, fielen ihm am Frühstückstisch die Augen wieder zu. Es gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot, und damit war eine der schönsten Vergnügungen zerstört: den Schulhof verlassen, über die Straße zum Bäcker laufen und so mit einigen andern, welche die gleiche Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze Freiheit erobern. Nach der Schule mußte man in gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber haßte das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen, hieß es wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand galt, alles war Befehl und Regel geworden. Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit den Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und zu tun, auch wenn sie das Brot, bis auf den Millimeter berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den winzigsten Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee abschaffte, so daß das wasserdünne graubraune Getränk kaum hinunterzubringen war. Engelhart wußte natürlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter dem sie stand, und daß sie nur durch die scharfsinnigste Strategie in den Ausgaben mit dem zugewiesenen Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte. Er spürte nur die haßartige Lieblosigkeit, die ihm vorenthielt, was er bis jetzt genossen hatte; er bäumte sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde hinterlistig, wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder rasend den aufgebauschten Beschuldigungen gegenüber, die stets vor das Tribunal des Vaters gebracht wurden, und er blieb bei großen Versehungen reuelos, weil auch die kleinsten ungroßmütig verdammt wurden. Bald griff er zur Lüge aus Furcht, aus Diplomatie, zur gedankenlosen Lüge, ja zur Lüge, die er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an der Frau zu rächen. Nicht selten gebrauchte er langwierige Ausreden, um sich eines erbärmlichen Vorteils zu versichern, und war einmal ein auskömmlicher Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen sie, als ihm zumute war, schmeichelte ihrem Bedürfnis nach Klatsch durch allerhand Geschichten und suchte sie möglichst lang bei guter Laune zu erhalten. Zweimal in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da begleitete er sie, schleppte den schweren Korb nach Hause, saß am Tisch bei ihr, wenn sie Linsen klaubte oder Äpfel schälte, und wenn er im Plaudern war und sie bisweilen zum Lachen brachte, dann übersah sie es, daß er die Butzen der Äpfel aß oder das in den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit den Zähnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine halbe Stunde in seinem geliebten Don Quichotte lesen oder aus Zwirn, Gläsern und allerlei Schachteln sonderbare Paläste bauen. Wies sie ihn aber zu Bett, so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie, arglose Wort fand kein Echo in ihr, die rückhaltlose Heiterkeit erweckte ihr Verdruß und Mißtrauen, der offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war nichts als tartüffisches Ducken gegen gesellschaftlich Höherstehende, auch wenn sie nachgewiesenermaßen nur hundert Mark mehr Einkommen besaßen. In den engsten und dunkelsten Verhältnissen eines fränkischen Judendorfs aufgewachsen, war sie von einer dämonischen Liebe zum Geld besessen. Im Geld suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs genaueste mit den Verhältnissen aller Familien der Stadt bekannt und richtete auf der Straße ihren Gruß nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher Mann starb, war sie immer ein wenig erstaunt darüber, daß Gott seine Hand auch nach einem solchen Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes Tun und Lassen war von rätselhaftem Neid durchflutet. Ihre Züge waren zerrissen von Unruhe, Unmut, Ungenügsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war stechend, ihr Mund bitter und ärgerlich zusammengepreßt. Sie war eine Natur, alles Wohlwollens bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne frauenhaftes Träumen. Wenn andre Tausende auf Tausende häuften, wollte sie wenigstens Pfennig um Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah und alle Geister des Behagens auf immer von der Schwelle verscheucht wurden, an der sie begehrlich lechzend stand, so entsprang Fried- und Lichtlosigkeit aus allem, woran sie die Hände rührte. Ihr war es nicht gegeben, Zutrauen zu erwecken, die früheren Freunde der Familie blieben fern. Kein gemütliches Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die Räume, wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenwärtig hielt. Einsam sparte und haderte die Frau und füllte ihre Tage mit erschöpfender Arbeit.
Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule, und als er durch die Küche ging, wo sich gerade niemand aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner Äpfel auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei Äpfel, verzehrte sie im Zimmer, entledigte sich des Schulgeräts und schickte sich an, möglichst schnell zu entkommen, denn es war der erste schöne Tag nach regnerischen Wochen. Plötzlich stand die Stiefmutter vor ihm und fragte atemlos: »Wer hat von den Äpfeln gestohlen?«
Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff, es ruhig zu bekennen, doch das Wort »gestohlen« machte ihn stutzig. »Ich habe nichts gestohlen,« antwortete er. Das Zittern seiner Stimme und besonders das Erröten strafte ihn Lügen.
»Leugne nicht,« sagte die Frau, »ich habe die Äpfel gezählt; du wirst ja feuerrot, du schlechter Mensch.« Damit schlug sie ihn vor den Kopf, daß er zurücktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm, Engelhart fing ihn auf und hielt ihn krampfhaft fest, darauf wurde sie von Wut und Bosheit übermannt und schlug aus aller Kraft mit beiden Fäusten los. Der Knabe schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde die Frau; die Leute vom Haus liefen zusammen, die Magd rannte von der Waschküche herauf. Endlich gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in den Flur, tastete sich am Gitter entlang und verkroch sich im finsteren Ende des Korridors zwischen zwei Schränken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten, bis der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen hastigen Schritte und atmete auf. Es verfloß geraume Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer wieder verließ. Schon bedrückte den Knaben die Einsamkeit und Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen zu müssen, bis er mit Güte ins Licht zurückgeführt würde. Da rief die Stimme des Vaters seinen Namen, doch mit so hartem Klang, daß er erschrak und sich nicht rührte. Noch einmal tönte der Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger.
»Dort hinten steckt er,« sagte Abel, der herangeschlichen war und den Bruder verlegen zwinkernd betrachtete.
Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und zerrte ihn hinein. »Zum Lügner bist du geworden, zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich weiß es schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich nicht mehr sehen!« Damit wandte sich Herr Ratgeber ab, ging in das nächste Zimmer und schlug die Tür zu. Die Sprache, die er geführt, raubte Engelhart beinahe das Gefühl des Lebens. Besonders der Umstand, daß er gar nicht gefragt worden, daß kein Fünkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, daß der Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben schenkte, das umkrampfte seine Brust, und er hatte eine solche Verzweiflung bisher noch nicht kennen gelernt.
Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verließ er das Haus und ging über den Bahndamm bis auf den Dambacher Weg. Der schöne Tag, die vollkommene Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos dahinfließende Rednitzfluß mit seinen Wasserrädern, die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog ihn empor aus dem Abgrund seines Schmerzes. Er setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am Ufer und verfolgte das Treiben der Krähen, die sich in seiner Nachbarschaft furchtlos niederließen. Das Flußbett war vom langen Regen hoch angeschwollen, das Wasser trug auf seinem Rücken Hunderte von Baumzweigen dahin. Hätte ihn nicht der Hunger gequält, so wäre Engelhart bis in die Nacht hier geblieben; er umfaßte Land, Wald, Wasser und Himmel mit einer neuen, ernsten Empfindung, er fühlte mit dunkler Genugtuung, was ihm beschieden sein könnte, wenn er in sich wirken lassen würde, was so groß, so feierlich sich als Welt, als Natur vor ihm hinbreitete. Als er heimwärts wanderte, sank die Sonne hinter den Waldrändern, der Himmel sah aus, wie wenn aus verborgenen Quellen rotglühendes Eisen über ihn hingeströmt wäre. Darüber streckten sich, aus einem Mittelpunkt hervorlaufend, grüne Strahlenbüschel, einzelne Wolken hingen gleich ruhig brennenden Schiffen im Zenit und die Ebene zitterte im rötlichen Dunst.
Fremd und fremder fand sich Engelhart dem Vater gegenüber, und auch dieser vergaß seinen Groll diesmal lange nicht, vielleicht um die Ahnung von eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend holte Herr Ratgeber die Gitarre von der Wand. In früheren Zeiten hatte er oft und gern darauf gespielt und Lieder gesungen, die er noch aus seiner Knabenzeit kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch glücklich vor sich hin zu lächeln, und seine Augen füllten sich mit einem Ausdruck schamhafter Schwärmerei. Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde an; Engelhart bat, er möge doch singen, aber Herr Ratgeber zog die Stirn in Falten, legte das Instrument beiseite, machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte rauh: »Du kannst schlafen gehen.« Die Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer. Herr Ratgeber zeigte nie mehr Verlangen nach ihr.
Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter waren an den Hobelbänken, an der Kreissäge, am Gasmotor tätig. Herr Ratgeber war tagelang beschäftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern zu bekleben und diese dann zu lackieren. Er hatte aus Sparsamkeitsrücksichten nur einen einzigen Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der an Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr Ratgeber mit Befriedigung auf das furchtbar jauchzende Kreischen der Säge, das von den Fabrikräumen hereindrang, lauter und wilder, wenn eine Tür geöffnet wurde; meist aber war er traurig und verstimmt. An den Zahltagen kamen die Arbeiter zur Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber dann wieder allein war, rechnete er stundenlang, stellte den Umsatz fest, überschlug die Herstellungskosten eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkführer über Löhne und Holzsorten. Spät am Abend schrieb er Briefe und Fakturen, zeichnete Muster und Pläne oder lackierte abermals die einfältigen Bilder auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte den Vater an das Nachtessen, dann löschte Herr Ratgeber mit einem letzten Blick und Seufzen die Lichter, versperrte Laden, Geldschrank und Türen und ging schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewußt schnitt es Engelhart ins Herz, wenn der Vater einmal wieder vergnügt war, etwa wenn Fremde da waren – wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen Gesprächen teilnahm, wenn er sich selbst wieder spürte und die Zeitläufte vergaß. Es wohnten ungelenkte Kräfte in seiner Brust, aber Kräfte waren es; mit beiden Fäusten hielt er sich grimmig an der Lebensleiter fest und konnte nicht empor, vielleicht weil ein brutaler Vorgänger die Sprossen zerbrochen hatte.
Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt in ihm, er schien nicht mehr Teilnahme für sie zu hegen als der Drahtziehende im Puppentheater an den gehorchenmüssenden Marionetten. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden, anständige Kinder sprechen nicht bei Tisch, hieß es. Ein Verbot wurde ausgesprochen, die Kinder wollten den Grund wissen, dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Erörterung wurde mit dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind fragt nicht warum. Der Vater verlor das Licht in Engelharts Augen, es kam vor, daß er beim Schall seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und zwischen den Lippen der Menschen lesen, erfüllt von Mißtrauen und allgemeiner Angst. Gerade in dieser Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war Philipp Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe von graziösem Wesen; er hatte etwas Beschwingtes, Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art, den Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung war durchsichtig wie Glas, alles an ihm war hell, seine Äußerungen hatten eine famose angeborene Kräftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten sie zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis sie an eine tiefeinsame Stelle kamen. Dort rasteten sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart, sie sprachen über die Schule, dann über ihre Eltern, und Raimund fragte beiläufig, ob es Engelhart nicht gut zu Hause habe.
»Wir haben jetzt eine Stiefmutter,« entgegnete dieser in einem Ton, als ob es sich um eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit handle.
»Autsch!« rief Raimund teilnehmend und patschte sich auf die Schenkel. Von da an wurde sein Benehmen noch zarter und freundlicher; er berührte diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm die Philosophie von ihren Unterhaltungen Besitz, und sie stritten mit Eifer über die Existenz Gottes. Engelhart leugnete Gott; das bekümmerte Raimund, und er hatte viele Gründe dagegen. »Können denn die Blumen und die Bäume von selbst entstehen?« fragte er eindringlich, »und die Sonne, sie ist doch da, folglich muß sie geschaffen worden sein.«
»Sie ist ewig,« antwortete Engelhart.
»Ewig? Was heißt das?« warf Raimund nachdenklich entgegen. »Ewig ist nichts, das ist doch nur ein Wort.«
Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er hätte nichts zu sagen gewußt, wenn Raimund nicht hinzugefügt hätte: »Und der Mensch, so schön und lebendig, glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?«
»Die Menschen entstehen aus sich selbst,« sagte Engelhart.
»Wie, aus sich selbst?« fragte der andre erstaunt.
»Ich weiß es,« behauptete Engelhart finster, dennoch sank in diesem Augenblick seine Wissenschaft in Nichts zusammen, und aus Groll darüber ward er störrisch. »Wie ist denn Gott?« warf er dem Freunde grimmig ein. »Was ist denn Gott? wie denkst du ihn? wie sieht er aus?«
Raimund lächelte sonderbar liebenswürdig und sagte ruhig: »Er ist ein Wesen.« Dazu machte er eine getragene Handbewegung und sein Gesicht hatte den Ausdruck der Verehrung.
Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im kindischen Wortgefecht, dies warme Emporsehnen und Hinausfühlen war genug des Glücks, was konnte ein Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben? Ihre Worte glichen leerem Fliegengesurr in sommerlicher Luft, was Engelhart dachte, teilte er dem Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie einander sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich an unterirdischen Quellen. Raimund zuerst fand Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete es zu für die Freundschaft, er machte ihm das Gespräch mit einem vertrauten Genossen unentbehrlich.
Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang der Freunde teilnehmen, und das kam so: Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen an dem Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da sahen sie Gerda auf der Steintreppe des Spenglerladens sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie aus, und sie erzählte, sie habe ein Glas zerbrochen und sei geschlagen worden. Der mitleidige Raimund lud sie ein, mitzukommen, und sie besann sich nicht lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas blasses Gesicht färbte sich in der belebenden Luft, und ihre Augen, deren Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit und Träumerei wechselte, blickten freier. Sie gab nur Angst vor neuer Züchtigung zu erkennen, weil sie so weit vom Hause war, aber Raimund lachte und meinte, das wolle er schon richten. In der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schwäche für den Knaben, weil er angesehener Leute Kind war und ihr sein Verkehr mit Engelhart schmeichelhaft vorkam; er war der Sohn eines Landgerichtsrats.
Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten kaum, daß die Dämmerung einbrach. Bisweilen blieb Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen Umschau. Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell dunkel, gerade daß sie noch den Waldrand und die Landstraße erreichten, ohne in die Irre gegangen zu sein. Gerda war plötzlich todmüde, sie war nicht gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte Gras und schüttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag, daß er und Engelhart sie tragen könnten, matt lächelnd den Kopf. Gleich darauf war sie eingeschlafen.
»Lassen wir sie ein wenig schlafen,« murmelte Engelhart, »jetzt ist alles eins, Prügel gibt’s sowieso.« Vor ihnen im Osten stieg der Vollmond auf; zur Mulde vertieft, lagen die Äcker, und auf dem Kamm des langgestreckten Hügels standen drei Pappelbäume, scharf in den Himmel gezeichnet. Raimund machte sich lustig über Engelharts Schweigsamkeit, auch später, als sie schon auf dem Heimweg waren, das verschlafene Mädchen in ihrer Mitte führend. Aber er konnte nicht anders, es war ihm bang ums Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben warum, er fand kein Wort, keinen Gedanken dafür. Es war, als verursache die Schönheit der Nacht ihm Schmerz, er spürte eine Kraft in sich, die er nicht anzuwenden wußte, es beunruhigte ihn eine Fülle, welche die Brust zu sprengen drohte.
Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause und machte einen so geschickten Fürsprecher, daß man Gnade walten ließ. Das war der letzte schöne Tag mit Raimund, bald darauf verließen seine Eltern die Stadt, sein Vater war nach Bamberg versetzt worden.
Sechstes Kapitel
Im darauffolgenden Herbst zogen Ratgebers in jenes Haus, in dessen Hoftrakt sich die Fabrik des Vaters befand. Engelhart hatte jetzt ernsthaft für die Schule zu arbeiten, wenn er vorwärts kommen wollte, doch er genügte keineswegs allen Ansprüchen und brachte vielfach schlechte Zensuren.
»Du bist nicht bei der Sache,« sagte Herr Ratgeber streng, »du träumst.«
»Er ist ein Duckmäuser,« fügte die Stiefmutter hinzu, »sieh ihn nur an, er hat keinen freien Blick.« Dieser Vorwurf traf den Knaben empfindlich; er wußte sein Auge nach innen beschäftigt, wenn ihn jemand anrief, riß er sich erst los von einem inneren Bild, aber dann fühlte er seinen Blick ohne Scheu, er fürchtete die Augen der Menschen nicht, höchstens die der fremden Frau, die er Mutter nennen sollte. Er konnte sich freilich nicht geben, sondern wollte genommen werden, doch liebte er die Menschen, und das mit jedem Tage mehr; selbst vom Gleichgültigsten zurückgestoßen zu werden, war ihm ärgerlich. Er suchte Zuneigung, Zustimmung, Einverständnis und gewahrte, wohin er auch sah, die Spuren halbverwischter, mühsam verdeckter Leiden und die Schatten des Hasses, alle quälten sich aneinander, einer schürfte sich am andern wund, auch im eignen kleinen Kreis war niemals Frieden. Die Sparwut der Stiefmutter überschritt jedes Maß, bei den Bekannten in der Stadt sprach man offen davon, daß die Ratgeberschen Kinder hungern müßten, Frau Karoline Curius schrieb es an Michael Herz nach Wien. Dieser gab nun seiner Schwester eine Summe in Verwahrung, sie solle sich der Kinder annehmen, und Engelhart solle wöchentlich eine Mark Taschengeld erhalten. Ferner beschloß er, Gerda aus dem elterlichen Haus zu nehmen; er verständigte sich mit dem Vater, und ehe Weihnachten kam, reiste das glückliche Mädchen, jetzt erst seiner Kindheit wiedergegeben, nach dem oberfränkischen Städtchen Neustadt, wo sie in einem rühmlich bekannten Pensionat Aufnahme fand.
Engelhart erschien sich mit seiner wöchentlichen Rente als reicher Mann, doch erwuchs ihm keine Freude daraus. Wenn er den Besitz genießen wollte, mußte er ihn ängstlich geheimhalten, und diese Heimlichkeit bedrückte ihn: das lichtscheue Gebaren beim Kauf jedes Stückchen Brotes, das Verstecken seiner Pfennige am Abend vor dem Schlafengehen; was eine Erleichterung hätte sein sollen, beschwerte ihn, er haßte sich, wenn er seinen Hunger stillte, und inbrünstig suchte sich sein Geist aus der trüben Täglichkeit zu lösen. Durch Zufall kam ihm ein populäres Buch über die Sternenwelt in die Hand, und entzückt sog er das fabelhafte Neue in sich auf. Welch ein Himmel, welch eine Welt! Die Gestirne ein feuerflüssiges Chaos, alles Werden ein Spiel von Jahrmillionen, die unscheinbare Milchstraße in zahl- und namenlose Sonnen geteilt, jede sich regend in grauenhafter Gesetzmäßigkeit, das ganze Universum ein Bild zielloser Eile, ein Hinrasen durch unendliche Finsternis. Des Knaben Gedanken tasteten sich schauernd von Erscheinung zu Erscheinung, wie Schneegestöber in einen Garten mit jungen Blättern wirbelte und stürzte dies alles in seinen Kopf, Andacht mischte sich mit Traurigkeit, und es schien ihm vergeblich, ein Glück für das eigne schwanke Herz zu suchen, das wie ein Atom im Staubmeer unter einem kurzen Lichtstrahl leuchtend zuckt, um dann still in die Dunkelheit zu gleiten. Oft drohte ihm die Brust zu zerspringen, und wenn er lange in einer entlegenen Ecke vor sich hingegrübelt, lief er hinaus durch die Straßen ins freie Feld, redete laut vor sich hin, berauschte sich in unsinnigen Gesängen, um an einem einsamen Punkt der Landschaft plötzlich stehen zu bleiben und sehnsüchtig auf Stimmen zu horchen, die seine entbrannte Phantasie in die Fernen und Tiefen zauberte.
War all das nur ein buntes, böses Träumen der ums Wachsein sich quälenden Seele? An Nebeltagen verschwimmen Himmel und Erde, und der Schatten an einer Mauer scheint sich in die Wolken zu recken.
In dieser Zeit kam Engelhart fast täglich ins Haus der Tante Curius. Herr Peter Salomon hatte seinen Posten im Ratgeberschen Geschäft längst aufgegeben und betrieb eine Kohlenhandlung, aber seine Einkünfte hätten ihm nicht gestattet, das Feinschmeckerleben zu führen, zu dem er sich ausersehen glaubte, wenn nicht Michael Herz in Wien regelmäßige und bedeutende Zuschüsse gewährt hätte. Peter Salomon betrachtete das als einen selbstverständlichen Tribut, und wenn kein Geld mehr da war, sagte er mit einer gravitätischen Handbewegung: »Karoline, du mußt nach Wien schreiben; dein Michael muß bluten, da hilft kein Herrgott.« Dann tänzelte er lächelnd von einem Fuß auf den andern, trällerte ein Lied und ging ins Wirtshaus. Der Kohlenhandel ging natürlich schlecht, da Herr Curius nicht zu arbeiten liebte; er begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß in ihm das Talent zu einem Millionär stecke. Eines Tages kaufte er für zwölftausend Mark, es war alles, was er überhaupt besaß, einen Bauplatz, der am äußersten Rande der Stadt gegen Muggenhof zu lag, und obwohl ihm alle vernünftigen Leute die Aussichtslosigkeit des Projektes lebhaft vor Augen stellten, führte er seinen Willen durch, und seine Hauptbeschäftigung bestand von nun an darin, erstens so oft als tunlich auf seinem eignen Grund und Boden spazieren zu gehen, zweitens zu warten, bis irgendein wunderbares Ereignis die Landpreise so in die Höhe treibe, daß er zum reichen Manne würde. »In zehn Jahren,« behauptete er mit jener Sicherheit, die ihn in den Augen seiner Frau zu einem Genie machte, »wird man mir zweimalhunderttausend Mark anbieten, aber ich werde noch weitere zehn Jahre zusehen. Ihr sollt den Curius kennen lernen.«
Nun war beinahe seit dem ersten Tag der Ehe eine Person namens Barbara Kroner im Hause, die zuerst als Köchin, dann als Wirtschafterin galt, die aber in Wirklichkeit die Geliebte Peter Salomons war. Man erzählte sich, daß alle drei, Mann, Frau und Magd, in demselben Zimmer schliefen und daß die Frau gezwungen sei, die Zärtlichkeit ihres Mannes mit der Fremden zu sehen, man entrüstete sich darüber und gab der Frau schuld, da sie etwas beschränkten Geistes war. Aber sie liebte ihren Peter Salomon so abgöttisch, daß sie in seiner Gegenwart nicht den Blick von ihm wandte, und ihre Selbstverleugnung war so groß, daß sie die andre mitliebte, daß die andre die Herrin spielen und mit demselben Allerweltshohn wie Curius jede Billigkeit vergessen durfte. Barbara Kroner weigerte sich schließlich, die gemeine Hausarbeit zu verrichten, und drang darauf, daß ein Dienstmädchen angestellt werde. Peter Salomon benutzte die Gelegenheit und wählte unter denen, die sich dazu anboten, ein höchst scharmuzierliches Frauenzimmer, wie er sich ausdrückte, eine gewisse Anna Wild aus der Gegend von Baireuth. Sie gefiel Peter Salomon so über die Maßen, daß er Frau samt Kebsweib vergaß und sich emsig hinter die Neue machte. Anna Wild war in der Tat ein schönes Weib; sie ging meist mit kokett gesenkten Augen, und wenn sie lächelte, flammten hinter den feuchten Lippen die weißesten Zähne. Die Kroner wurde von Eifersucht erfaßt, es gab fortwährend Zänkereien, einmal wollte die Wild Phosphorkappen von Zündhölzern in ihrer Suppe gefunden haben. Alledem sah Frau Curius still zu. Nicht nur, daß sie die Unbequemlichkeiten ertrug, sondern sie warb auch noch bei Anna Wild für ihren Gatten und begünstigte sie, als sie in ihr die Mehrgeliebte sah.
An einem Abend kam Engelhart hinüber und sah Anna Wild hinter der Kellertür sitzen, ein Öllämpchen neben sich, und in die Tiefe starren. Der Knabe fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn flüchtig an, schüttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile gegen die Wohnung hinauf: »Herr Curius! Herr Curius!« Es kam keine Antwort, das Mädchen wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie in den Keller zu begleiten, sie fürchte sich allein. Er ging mit, sie rollte ein kleines Bierfaß aus dem Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das Lämpchen stand, nahm den Hammer und hieb mit starken Schlägen den Keil in den Spund. Dann nahm sie den Abzugsschlauch, steckte ihn in die Öffnung und trank am andern Ende mit langen, durstigen Schlücken. Plötzlich hielt sie inne und sagte: »Du könntest mir gleich einen Kuß geben, du Kleiner.« Da er nicht antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hieß ihn aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan. »Ordentlich!« befahl sie. »Du wirst kein Mann, wenn du nicht trinken kannst.« Und ehe er sich dessen versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, drückte seine Schulter an ihre Brust, packte mit der Hand sein Kinn und küßte ihn mitten auf den Mund. Engelhart packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren Kopf zurückzustemmen, ihm war, als berühre ein zuckender, kühler Fisch seine Lippen, endlich riß er sich mit aller Kraft los und stolperte die finstere Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein und rief: »Wirst kein Mann, wenn du nicht küssen kannst.«
Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen, und wenn ihn jemand anredete, erschrak er. Bisweilen rieb er mit den Fingern seine Lippen ab, als suche er das Gedächtnis an jenen fischhaften Druck fortzuwischen. Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte er unruhig in die Finsternis, der Wind rüttelte am Fenster, und es war ihm, als laure draußen, den Raum zwischen Himmel und Erde füllend, ein ungeheures Raubtier. Vielleicht hätte er das ganze Erlebnis wieder vergessen, wenn nicht andre Dinge sich ereignet hätten, die seinem Nachdenken und seiner dumpfen Verstörtheit neue Nahrung gaben. Die Magd bei Ratgebers hatte einen Liebhaber aus der Fabrik, und es kam heraus, daß dieser sich allnächtlich in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart von wildem Schreien und Schimpfen auf. Er erhob sich und lugte durch die Türspalte. Die Magd und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr Ratgeber brüllten. Oben und unten öffneten sich Türen, verschlafene Leute erschienen, und endlich mußte das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte, schimpflich das Haus verlassen. Darauf folgte eine angstvolle Zeit, in jeder Nacht vor Torschluß läutete die Flurglocke stürmisch, der Liebhaber und seine Kumpane standen draußen und verlangten unter unheimlichen Reden den Lohn der Magd für die nichteingehaltene Kündigungsfrist. Da nicht aufgemacht wurde, stießen sie das Glas an der Türe ein und einer warf sein Messer in den Korridor. Das ging so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende machte.
Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte für Engelhart ein Warum nach dem andern aus der Tiefe des Nichtwissens empor. Er dürstete nach Wahrheit und Aufklärung und mußte unerlöst hangen zwischen Lüge und Feigheit, mußte zitternd weilen wie der Blinde, der an einen Stein stößt und sich nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein andres Hindernis ist. Ja, er mußte in der Luft der Heuchelei zum Heuchler werden, so daß ihm bangte, wenn von den mysteriösen Dingen zu Hause oder unter Freunden geflüstert wurde und er sich anschickte, mit Befangenheit den Unbefangenen zu spielen. Was er auch von den Menschen und ihren Einrichtungen beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig und grausam.
Es war im Karneval, da ereignete es sich, daß unter Engelharts Mitschülern das Gerücht umlief, ein gewisser Bachmann, der dieselbe Klasse besuchte, aber zwei Jahre älter und wegen seines gewalttätigen Wesens von allen gefürchtet und gemieden war, habe seinem Vater eine große Summe Geldes entwendet und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem öffentlichen Haus verpraßt. Die Sage kam zu den Ohren der Lehrer und des Rektors, es fand eine große Untersuchung statt, in die auch einige Schüler der oberen Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des Faschingdienstags kehrte Engelhart mit einer Schar von Kameraden von der Turnstunde zurück. Die Turnhalle war etwas außerhalb der Stadt gelegen, und ohne daß Engelhart wußte, was im Werk war, bemerkte er plötzlich ein heimliches Raunen und aufgeregtes Tuscheln unter den Knaben, und sie zogen in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare Häuser standen, deren Fenster mit grünen Läden verschlossen waren. Die Schar, es waren zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben, wurde immer stiller, einige sahen sich mit furchtsamen, fast irr glänzenden Augen um, andre lächelten scheu. Sie standen eine Weile unschlüssig, zwei oder drei rieten umzukehren, da öffnete sich im oberen Stock eines Häuschens ein Fenster, und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname lautete, lehnte sich über das Sims. Er hatte eine Harlekinmütze auf dem Kopf und sah wüst und verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder drei Mädchen, bis zur Brust entblößt; sie lachten und klapperten zugleich vor Kälte mit den Zähnen, die eine hielt eine Weinflasche in die Höhe, die andre stieß Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt. Auch sie hatten bunte Papiermützen, mit klingenden Schellen behangen.
Unten standen die Knaben vollständig lautlos. Von denen, die rückwärts standen, schlichen einige ängstlich davon. Bachmann forderte sie auf, ins Haus zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete. Es dunkelte schon, und nach und nach machten sich alle aus dem Staub. Engelhart trieb sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten im Packraum neben dem Schreibzimmer des Vaters den Kommis Lechner. Es drängte ihn, mit irgend jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade dieses Menschen bis jetzt gemieden, er war einmal dabei gewesen, als Lechner im epileptischen Krampf niedergestürzt war, Tisch und Bank mit sich reißend, in grauenhaftem Gebrüll mit allen Gliedern zuckend; seitdem war ihm seine Nähe unerträglich, und doch konnte er heute nicht anders, er gesellte sich zu ihm, begann scheinbar harmlos zu plaudern und erzählte ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umständlich. Gewiß merkte Lechner das Bedrückte und Fragende in Engelharts Gebaren, und er benutzte den Anlaß, um als Wissender den Unwissenden zu sticheln. Engelhart setzte sich auf eine Kiste und hörte zu wie einer, der Vorwürfe verdient. Da nahm Lechner einen mitleidig-lehrhaften und vertraulichen Ton an, lehnte sich flüsternd über den Tisch und seine Augen flackerten glimmerig. Von namenloser Scham wie gerädert, lauschte Engelhart den unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster stechender Gedanke war: ›Und meine Mutter?‹ Es erleichterte ihn, daß er ihr nicht begegnen mußte, daß ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll solcher Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor Lechner, der keines Wortes fähig war, erhob er sich und ging. Der andre, der Dankbarkeit und begieriges Eingehen erwartet hatte, war erzürnt; er haßte den Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit mit hämischen Anspielungen. Ja, seine Tücke scheute nicht davor zurück, Herrn Ratgeber mit dem wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts frühe und gefährliche Reife zu beunruhigen.
Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der jetzt neun Jahre alt war, in einem Bette. Abel war ein ganz und gar verprügeltes Kind; die steten Gefahren, von denen er umlauert war, hatten ihn tückisch und verschlagen gemacht, und da ihm jede wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen dar. Engelhart hatte ihn wegen kleiner Verrätereien, durch die sich Abel bei der Stiefmutter ein Stück Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu fürchten, doch hatte er schließlich ein Mittel gefunden, durch das er den Bruder im Zaum halten und an sich fesseln konnte: er erzählte ihm allabendlich vor dem Einschlafen Geschichten, Märchen und Abenteuer, die er gelesen hatte, und als ihm der Vorrat ausging, fing er an, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, und zwar solche, die er nicht zu Ende führte, sondern in schlauer Manier stets im spannendsten Moment mit der Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt morgen. So entstanden nicht selten sonderbare und raffinierte Verwicklungen, deren Lösung immer weiter hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Gedächtnis große Anforderungen stellten. Abel war ein atemloser Zuhörer, es kam vor, daß er den Bruder auch bei Tag bedrängte, weil ihm die Neugier keine Ruhe ließ.
Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in der Dunkelheit, und so sehr ihn dieser auch um die Weitererzählung der Geschichte bestürmte, er konnte kein Wort über die Lippen bringen; das Reden schien ihm häßlich, im unverfänglichsten Worte spürte er plötzlich einen Stachel, der die Seele ritzte. Als Abel sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief, erhob sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd ans Fenster. Weite dunkle Höfe lagen vor ihm, und schwarze Dächer klebten am Gewölke, hinter dem umrißlos der gelbe Mond zerfloß. Engelhart stützte den Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert in der wunderbaren Nachtstille, und Tränen stürzten ihm aus den Augen.
Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter eingeladen, die Osterzeit bei ihr zu verbringen; Herr Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch, besorgt über des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er das Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach Gunzenhausen zu schicken, wenn er in die höhere Klasse aufsteigen dürfe. Engelhart gehörte nicht zu den Naturen, für die eine Belohnung zum inneren Ansporn wird, im Gegenteil, er fand sich durch Erwartungen, die er erregte, entschieden gelähmt; nichts ward bei ihm durch Entschluß und klar bewußtes Handeln, alles wuchs aus einem ungeheuern Druck und Trieb hervor, und das seinem Wesen Widrige nahm oft nur durch die Fügung eines guten Sterns keinen übeln Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen für einen Sommer, wie ihn seine Sehnsucht wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war und sein tiefbetrübter Geist, der Unschuld des Betrachtens entrissen, lichtscheu an den Wurzeln des Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und er ertrug ungeduldiger als jemals die gleichmäßige Fesselung durch ehern eingeteilte Stunden, oft wurde seine Ruhelosigkeit so groß, daß ihn kein noch so geliebtes Buch zu halten vermochte, und er spürte es: wenn er diesen Sommer die Freiheit nicht bekam, und das, was er, geheimnisvoll vorauserlebend, in ihm ahnte, dann mußte er den feindseligen Gewalten erliegen, denen er keinen Namen geben konnte. Einmal, auf dem Weg zur Schule, hörte er bei einem Neubau einige Leute aufschreien und ihm zuwinken; in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches Klirren und Knattern, rings um ihn schwirrte es, da sah er sich mitten in dem Flügel eines großen Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage herabgestürzt war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten Zufall gleichsam rings um ihn herumgefallen, die Scheiben waren nach außen geflogen und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt mitten im Rahmen, als hätte er sich hineingestellt. Wie trunken blieb er eine Weile stehen und wurde von den Zuschauern kopfschüttelnd betrachtet. Er nahm es als ein gutes Vorzeichen, er faßte wieder Vertrauen, und süße Lebenssicherheit ergriff Besitz von ihm.
Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel günstig aus. Anfangs August durfte er reisen. Des Abends langte er an, herzlich begrüßt, und lag bald darauf wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, hörte die dröhnenden, langsamen Stundenschläge der Blasturmglocke, den mahnenden Gesang des Nachtwächters, die Eisenbahnzüge im Tal draußen, wie auf einer Brücke durch den Weltraum rollend. In der Frühe fragte ihn Frau Wahrmann über die Verhältnisse daheim aus; sie war eine gute und gerechte Frau und geriet beinahe außer sich über seine Erzählungen, in denen er zudem alles ihn selbst Demütigende verschwieg.
Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig geändert. Helene war nun ein heiratsfähiges Mädchen, aber sie machte sich wenig Gedanken darüber, und ihre Hauptsorge war auf ein harmloses Amüsement gerichtet; die zweite, die Gottsucherin, ergrübelte sich ein Leben voll eingelernter Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die beständig seufzende Trauer darüber, daß das Lebendig-Seiende mit dem sehnsüchtig Erdachten so wenig übereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit einer kräftig auf Form und Erscheinung gerichteten Natur, und sie war immer wieder die Versöhnerin zwischen der spöttisch-überlegenen Helene und der hadernd-unzufriedenen Jette; sie ließ alles Unangenehme an sich herankommen und wurde dann spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind war, so hatte ihr Herz schon für immer gewählt, einen jungen Studenten, Spiel- und Schulkameraden. Dies zu wissen war für Engelhart schmerzlich, nicht als ob seine Gedanken jemals wünschevoll um Esmees Bild gewebt hätten, aber sie schon in Besitz genommen zu wissen, das erregte seinen Unwillen. Es war etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick, wenn er ihre naiv koketten Künste beobachtete, er suchte Streit mit dem Mädchen wie mit dem hübschen Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es nicht, als ob Lechners Enthüllungen das Liebestreiben der Menschen für ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht hätten? Oft geschah es, daß er sich absonderte, wenn die Mädchen und Knaben hinaus in die Wiesen wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege, sondern folgte jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter Gebüsch, wenn sie rasteten, beobachtete argwöhnisch und erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht von Esmee und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt erschien er sich dabei, ausgestoßen von dem Kreis fröhlicher Beziehungen, untötbaren Neid in der Brust.
Es kam auch ein junger Mensch namens Benedikt Knoll ins Wahrmannsche Haus, gleichfalls ein Student, siebzehn Jahre alt, also drei Jahre älter als Engelhart, und dieser gewann durch Scharfsinn und vielfaches Wissen dort eine geistige Oberherrschaft, ja eine Art Tyrannei. Er war ein sehr kleiner, häßlicher Mensch von früh entwickeltem sarkastischen Witz, ein Jude und eine echte Judennatur, den frommen und gedrückten Geschlechtern entsprossen und unbewußt bemüht, diese Abkunft durch ausschweifende Freigeisterei und ein brünstiges Streben nach Unabhängigkeit zu verleugnen. Ihm näherte sich Engelhart schüchtern, bereit, eine Überlegenheit anzuerkennen, die sich so selbstherrlich gab und die keinen Widerspruch, sondern nur Bewunderung erfuhr. Benedikt Knoll ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, seine erzieherischen Ideen zu verwirklichen, und am lebhaftesten experimentierte er dann an Engelhart, wenn er an den Mädchen willige und andächtige Zuhörerinnen hatte. Er hatte sehr viel Heine gelesen und verachtete, wie es damals unter jungen Leuten Brauch war, Schiller und Schillersche Begeisterung; mit einem Heineschen Witz ließ sich jede ins Traumhafte und Fantastische schweifende Wendung des Gesprächs mühelos und unter dem Dank des Publikums ersticken. An Sommerabenden, wo man unter dem klaren Sternenhimmel zwischen den Häusern und duftenden Gärten auf und ab wandelte, wurde mit wenigen ironischen Seitenhieben Gott aus der Welt gejagt und Wissenschaft, das heißt blöder Augenschein trat an seine Stelle. Nun hatte ja Engelhart freilich auf seine Weise schon Gott verloren, nur nicht so leicht, so überhebend, so hausbacken, und immerhin lag im verlassenen, noch nicht entheiligten Tempel der schutzlose Mensch ehrfürchtig auf den Knien. Dies aber verwirrte sein Gemüt schwer, und bei all der unwiderstehlichen, prickelnden Gewalt, die Benedikt über ihn gewonnen hatte, fing er doch an, ihn im Innersten zu hassen und zu fürchten. Dann bestach ihn wieder die freiere Anschauung von den Dingen des Lebens und das kühnere Urteil des kleinen Studenten, und sie verabredeten, in Korrespondenz zu bleiben. Engelhart trat jetzt in ein Alter, wo Geist oder die Maske des Geistes, das scheinhafte Wort, schon als Triumph über die lastenden Schicksalsmächte gilt. Diese Andacht des Alleshinnehmens und Alleseinsaugens kam dem kritischen Knoll verdächtig vor, er ärgerte sich über die zage Verschleierung des Ausdrucks, wenn Engelhart von der Zukunft und seinem künftigen Beruf sprach. »Da dich dein Vater zum Kaufmann machen will, so tu nicht, als ob du zu was Besserem geboren wärst,« schalt er grob; »du gehabst dich, als ob’s eine Schande wäre, aber es sitzen noch ganz andre Leute wie du auf dem Drehsessel.«
Engelhart schwieg, und eine dunkle Verstimmung bemächtigte sich seiner. Was konnte es helfen, er hatte keine Lust dazu. Aber wozu sonst? Die Zukunft war ihm eine finstre Nacht, aus deren Tiefe wie ein scharlachner Brand irgendetwas Unbekanntes strahlte. Auch wenn er in sein Inneres schaute, sah er dieses Feuer, dessen er sich vor den Menschen schämte und das ihn beunruhigte, wenn er allein war. Es schwebte ihm etwas vor, ähnlich wie atemloses Graben und Schaufeln im Innern der Erde und daß junge Frauen aus einer jäh geöffneten Pforte traten, um ihm schweigend und ergriffen zuzuhören, wenn er von der Finsternis und seiner Einsamkeit erzählte. Oder er dachte sich in einem seit Jahrhunderten verlassenen und verfallenen Haus von Gemach zu Gemach wandernd; nur die letzte Tür war verriegelt, und als er weitergehen wollte, vernahm er aus dem Innern eine Stimme, die voll unerhörten Schmerzes ein unerhörtes Leiden berichtete. Er sah auch das Bild zahlloser, über eine Heide hinstürmender wilder Pferde, und er selbst kam des Wegs, die ungestüme Schar blieb versteinert stehen und er schritt ruhig durch die willigen Reihen. Er sehnte sich nach den Menschen im allgemeinen und fürchtete sie wieder im besonderen. Er liebte es, mit halbgeschlossenen Augen dazuliegen und über etwas zu lächeln, was ungreifbar, ein süßer Hauch, über seine Seele flog. Das war es ungefähr, und es erschien ihm verwerflich und unfruchtbar, so zu sein, aber er konnte nicht anders.
An einem Regentag zeigte sich ein fremdes Gesicht im vertrauten Kreis, ein Mädchen namens Hedwig Andergast, eine Offizierstochter aus Nürnberg, die bei ihren Verwandten, den Notarsleuten, zu Besuch weilte. Sie war ein wenig älter als Engelhart; da er sie sah, hatte er ein höchst wunderliches Gefühl: ihm war, als träume er und sie tanze luftig leicht auf seiner ausgestreckten Hand. Er wurde später gefragt, ob er sie hübsch fände, und er konnte nicht antworten, weil er, kaum daß sie aus dem Zimmer gegangen, sich an keinen Zug ihres Gesichts erinnern konnte. Die Mädchen bedrängten ihn, besonders Helene hätte gern gewußt, ob die Fremde den Vorrang vor ihr verdiente, da tat er eine feindselige Äußerung gegen Hedwig Andergast, ganz ohne Ursache, in unklarer Wallung des Gemüts. Natürlich kam Hedwig oft, sie hatte Gefallen an den Wahrmannschen Mädchen gefunden, und da hatte Esmee, boshaft gelaunt, den Einfall, Hedwig die Worte Engelharts in seinem Beisein zu wiederholen. Das Mädchen sagte nichts, sie zuckte nur die Achseln, aber der ruhige, verwunderte Blick ihrer grauen Augen traf ihn tief.
An einem Nachmittag, wo es regnete und gewitterte, wurde beschlossen, auf den großen Dachboden zu gehen und dort zu spielen. Die meisten Spiele erwiesen sich für längere Dauer als unzulänglich; Helene und Jettchen brachten Blumen herauf, steckten sie mit den Stengeln der Reihe nach in die Fugen zwischen die Dielen, und der öde Dachboden stellte einen Garten vor. Man dachte sich einen hohen Zaun ringsum, Helene war Pförtnerin und ließ nur diejenigen hinein, die einen selbstgereimten Vers aufzusagen wußten. Alle zogen sich mehr oder weniger geschickt aus der Schlinge, nur Engelhart brachte in der kritischen Lage nicht ein Wort über die Lippen. Dies schmerzte ihn selbst, denn er wußte etwas und konnte es nur nicht sagen, hätte es nicht sagen können um keinen Preis der Welt. Als sie ihn verspotteten, nahm er eine Holzlatte, hieb den Blumen die Köpfe ab und fuchtelte derart um sich, daß die Cousinen schreiend in eine Ecke flüchteten, während Hedwig Andergast sich in den großen Schlitten setzte, der hier oben seine Sommersiesta hielt, und gleichgültig, ja etwas müde vor sich hin blickte. Schließlich, sein Gebaren wurde ihm selber unbehaglich, sprang Engelhart auf eine Kiste und schleuderte die Latte wie einen Speer von sich. Sie traf Hedwig seitwärts an der Stirn, ein Aufschrei folgte, Engelhart sah Blut, die Mädchen kamen bleich aus ihren Verstecken, Esmee lief, um Wasser zu holen, Helene wusch die unbedeutende Wunde und band ein Tuch um Hedwigs Stirne. Nachher gingen sie alle ins Klavierzimmer hinunter, räumten Tische und Stühle beiseite, um zu tanzen, denn Hedwig wollte zeigen, daß sie sich aus dem Unfall nichts mache. Aber Engelhart war verschwunden. Er hatte sich eine Weile im Hof herumgetrieben und war dann in die Scheune gegangen, wo er sich oben zwischen den Holzstößen verbarg. Das Gewitter hatte aufgehört, die Sonne schien in das kleine Fenster an der Mauer; er sah hinaus, über ein schmales Gäßchen hinweg bot sich der Blick auf den Garten des Kasinos und auf die leuchtenden tropfenden Bäume. Unten ging Premierleutnant Siderlich vorbei und wie gewöhnlich folgten ihm einige Knaben mit höhnenden Zurufen. Premierleutnant Siderlich wohnte längst nicht mehr bei Wahrmanns, auch war er aus dem Heeresdienst entlassen, lief in Zivilkleidung herum und war zur öffentlichen Spottgestalt geworden. Die Knaben machten sich über seine Trunkenheit lustig, vielleicht schien er auch nur betrunken und war in Wirklichkeit krank, jedenfalls torkelte er haltlos am Zaun entlang. Währenddem kam Hedwig Andergast aus dem Wahrmannschen Hause und betrat das Gäßchen. Sie hatte noch das weiße Tuch um die Schläfe gebunden. Der Premierleutnant Siderlich blieb vor ihr stehen und legte, als ob er noch Soldat wäre, die Hand salutierend an den Hut. Die Knaben johlten, Siderlich lächelte verzerrt. Hedwig sagte zu dem vordersten der Knaben: »Schämt euch doch, ihr Buben, seht ihr denn nicht, daß sich der Mann nicht wehren kann?« Einer aus der Schar entgegnete frech: »Er wirft immer in der Nacht Steine nach den Fenstern.« Der Premierleutnant machte eine protestierende Geste, aber die andern lachten und schrien: »Ja, ja!« Hedwig sah noch eine Weile zu, bis sie alle fort waren, dann ging sie weiter. Engelhart hörte sie etwas murmeln und sie schüttelte den Kopf. Ein unwillkürlicher Ausruf oder ein Räuspern von ihm ließ sie emporschauen; sie hemmte ihren Schritt und lachte, wobei sich ein goldiger Glanz über ihre Lider breitete; Engelhart war es, als ob er durch den lachenden Mund bis in ihr Herz hinabsehen könnte.
Am Abend trat eine Gestalt an sein Bett und hieß ihn aufstehen. Er gehorchte und kleidete sich an. Die Gestalt führte ihn hinaus. Am Himmel zuckten beständige Blitze; es sah aus, als ob unter den Rändern der Erde ein großes Spiritusfeuer kochte und die Flammen schlugen beständig über. Er wurde von der Gestalt bis zum Altmühlfluß geführt. Dort lag ein Boot, und sie stiegen ein, fuhren ohne Stange noch Ruder stromaufwärts, und da erwies es sich plötzlich, daß die Gestalt Hedwig Andergast war; ihr Gesicht war wie mit einem Silberschleier behangen, und als er sie schüchtern fragte, warum sie nicht spreche, legte sie stumm die Hand auf die Brust und seufzte.
Es war ein Wunschbild natürlich, aber Wahrheit steckte darin. So sah er sie und sich selbst, ringsum von Wundern umgeben. Es war nicht mehr die alte Erde, auf der er wandelte, es erschien ihm ein wenig lächerlich, zu gehen, zu sprechen und zu schlafen. Er mied Hedwig Andergasts Nähe, nichts enttäuschte ihn so sehr, als ihre Stimme zu hören, und nichts beglückte ihn so, als einen Raum zu betreten und zu wissen, daß sie dagewesen war. Es stimmte ihn böse, wenn sie in seiner Gegenwart von ihrem Elternhaus erzählte, von ihren Kleidern oder von Vergnügungen und Gesellschaften, er sah sie dann so wild an, daß das Mädchen erstaunte und erschrak; dagegen suchte er am Abend den Garten und die dunkle Laube auf und saß regungslos, bis es zehn Uhr schlug und die Tante zum Schlafengehen rief. Dort wurde ihm der Tag erst Wirklichkeit und holdes Schauen, er fühlte den Leib der Bäume von sommerlichen Säften strotzen, in den Mondstreifen leuchtete das Blut der Blumen, alle Dinge waren doppelt entblößt und doppelt verhüllt. Es erschien ihm wichtig, daß man gütig und anerkennend gegen ihn sei, und Hedwig Andergast wählte er vor allen andern aus, daß sie es sei. Wenn er im Freien ging, im Wald, warf er sich bisweilen zur Erde und horchte; der Wind sang, im Innern der Erde sang es mit, die ganze Natur hatte Atem, Stimme, Bewegung, Antlitz, Mark und Sehnsucht. Wenn er an Hedwigs Gestalt und Namen dachte, erzitterte sein Herz, aber wenn sie kam und ging und ihm wie allen die Hand reichte, schaute er finster zur Seite. Er empfand es als eine Demütigung, von ihr gekannt zu sein. Schließlich wußten doch bald alle, was mit ihm vorging, er gehörte nicht zu denen, die ihre inneren Zustände verbergen können, da wurde jedes Zusammensein eine Qual, und es genügte, wenn Hedwig bei einer Anspielung errötete, daß er aufsprang, forteilte und sich den ganzen Tag über nicht mehr sehen ließ. Von allem am meisten haßte er das Wort Liebe; er wurde blaß und seine Fäuste ballten sich, wenn er es hörte; das epileptisch verkrampfte Gesicht Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien sich besudelt und unwert seiner Träume. Damit hing es auch zusammen, daß ihm der Anblick seines nackten Körpers schmerzlich und peinvoll war und daß er nach dem Bad mit größter Hast wieder in die Kleider schlüpfte; am liebsten hätte er im Finstern gebadet. Wenn er körperlich an Hedwig Andergast dachte, geschah es mit demselben Schauder, den er damals gespürt, als bei Lechners hündischen Erklärungen der Gedanke an die Mutter sein Gemüt aufgewühlt hatte.
Die Tage wurden merklich kürzer, ein herbstlicher Hauch ging durch die Landschaft. Die Kirchweih kam, die gewöhnlich das Ende des Sommers bedeutete; auf dem Rasen vor den Ruinen der alten Stadtmauer wurden die Buden errichtet, saßen die Bauern auf Bretterbänken im Freien und tranken Bier aus steinernen Krügen. Die Cousinen schauten vor den Fenstern der Wirtshäuser dem Tanze zu und Engelhart, abgestoßen von dem Lärm und Gewühl, spazierte am Schilf des Ufers hin, und wenn er sich umkehrte, sah er die Figur eines Seiltänzermädchens im himbeerroten Trikot auf hohem Seil voltigieren; es war, als ob sie durch den blaßblauen Äther des Himmels schwebte.
Bevor die schönen Tage verstrichen, wollte man noch einen Ausflug auf den Hesselberg unternehmen, und an einem Abend, wo der Barometer und die Prophezeiungen der Bauern günstig waren, wurde eine frühe Morgenstunde zum Abmarsch festgesetzt. Es war herrliches Wetter. Bei dem Dorf Wurmbach verließ man die Landstraße und wanderte über die Wiesen. Knoll und Esmees Student machten die Führer, Frau Wahrmann und Helene schlossen den Zug. Die Mädchen sangen Lieder und pflückten Blumen, an den Ufern eines Waldbachs war Mittagsrast. Durch Dörfer ging’s, die unberührt von der großen Welt am Bergeshang versteckt lagen wie die Perle in der Muschel. Engelhart sammelte Steine, oben im Schloß verfolgte er eine Eidechse bis ins Innere eines verfallenen Turms. Nicht mehr so belebt war der Heimmarsch, die Mädchen wurden müde, Esmee klagte über ihre wunden Füße, Engelhart gab sich, wie oft in der Dämmerungsstunde, einer selbstsüchtigen Traurigkeit hin. Der Himmel war mit Purpur begossen, die Blätter der Bäume glichen Blutstropfen, dann kam die Dunkelheit, feuchte Dünste entstiegen dem Boden, Frösche quakten, das Grillengezirp erfüllte die Luft wie ein Sausen; aus der verblassenden Glut hinter den Hügeln wanderten die Sterne herauf. Wie zufällig hatten sich Engelhart und Hedwig Andergast einander gesellt. »Sieh mal die Sterne,« sagte Engelhart und deutete hinauf. Sie sah die Sterne an, aber sie hatte sie schon zu oft gesehen, es machte ihr wenig Eindruck. Sie fragte ihn, ob er wisse, daß sie übermorgen wieder nach Hause reise; er wußte es nicht; ob er wisse, wo ihre Eltern in Nürnberg wohnten; er wußte es nicht, sie erklärte es ihm. Dann schwiegen sie lange Zeit.
Dem Mädchen wurde sonderbar zumute. Vielleicht fühlte sie das zum Springen volle Herz ihres Gefährten und daß ihm von allen Menschenworten keins zu Gebote stand, um sich zu erleichtern. Irgend etwas Namenloses riß sie plötzlich hin, sie schwankte zwischen Ungeduld und Bangigkeit, der bunte Jahrmarkt ihrer Gedanken und Wünsche bedeckte sich mit dem Mantel sanfter Schwermut. Ihr war, als müsse sie ihm helfen, aber sie wußte nicht wie, sie war genau so hilflos wie er. Die Dunkelheit, die Stille, die Einsamkeit, die Müdigkeit, die sie empfand, der weite Weg, der noch vor ihnen lag, all das machte sie zaghaft, einem unbestimmten Mitleid zugänglich, und aus dem Kind wurde plötzlich ein Weib, wenigstens für diese eine Stunde. Ihre Blicke suchten einander, konnten sich aber nicht treffen und flohen dann wieder erschreckt in die Ferne. Das mattere und vollere Schlagen der Herzen wechselte wie im Takt, das Gras bog sich williger unter ihren Füßen und sie versanken so in ihr gegenseitiges Schweigen, daß sie wie aus dem Schlaf emporschreckten, als dicht hinter ihnen die Baßstimme des kleinen Knoll ertönte, der sich mit Helene über das Leben in der großen Stadt unterhielt. Es war spät, als sie heimkamen; vor der Tür des Wahrmannschen Hauses fand ein höchst geräuschvolles Gutenachtsagen statt. Esmee setzte sich auf die Steintreppe und nahm einen Vorschuß auf den Schlaf ihrer Nacht. Hedwig stand eine Weile bei den andern, dann kam sie wieder zu Engelhart, dann entfernte sie sich wieder und kam abermals, schlang den Arm um den Laternenpfahl und schaute mit erregt glänzenden Augen die leere Straße hinunter. Es war ein unbewußtes Nichtvoneinanderkönnen. Wenn ein weiser Geist zwischen ihnen schwebte, so hat er vielleicht gelächelt über das kindlich bittersüße Spiel.
Am übernächsten Tag reiste Hedwig, und nun war doch die Welt verödet für Engelhart. Auch seine Frist war um. Die Trennung von dem liebreichen Haus fiel ihm schwer aufs Herz. Am Ende der dritten Septemberwoche traf er im elterlichen Hause ein. Dort hatte sich nichts verändert. Der Vater webte in seiner Arbeit und in seinen Sorgen wie in Qualm, Abel war verprügelter als vordem, ein von schlechten Einflüssen durchaus in die Enge getriebener Knabe. Er war häßlich geworden, auf seinem fahlen Gesicht kündigten sich die Laster an, nur in den Augen schimmerte noch, tief und immer tiefer schlummernd, das Weh um eine ertötete Kindheit. Engelhart wurde freudlos empfangen; Frau Ratgeber, gleichwie aufgereizt durch den Widerschein der verlebten Tage auf seiner Stirn, verfolgte ihn mit unverstelltem Haß. Er nahm es hin. Seine Fähigkeit, Widerwärtiges zu tragen, war größer geworden.
An einem Nachmittag in jeder Woche entriß er sich allen Pflichten und marschierte heimlich nach Nürnberg und vor das Haus an der Rosenau, wo Hedwig Andergast wohnte. Er langte gewöhnlich an, wenn es schon dunkel wurde, stellte sich an die gegenüberliegende Straßenseite und blickte zu den erleuchteten Fenstern hinauf. Wenn sich ein Schatten an den Gardinen zeigte, krampfte sich ihm die Brust zusammen, wenn jemand aus dem Tor trat, hielt er den Atem an. Der Winter kam, er fürchtete kein Wetter, scheute nicht den langen Weg hin und zurück, in Schnee, in Stürmen stand er dort und verließ den Warteposten erst wieder, wenn die Zeit drängte und er bis in die Adern durchfroren war. Er bekam Hedwig Andergast nicht ein einziges Mal zu Gesicht, er sah sie überhaupt niemals wieder und die Trübnis des alltäglichen Lebens schwemmte die frohen Farben der Erinnerung aus seinem Geiste hinweg.
Siebentes Kapitel
Von Woche zu Woche nahm in Engelhart der Abscheu gegen die Schule zu. Er verachtete die Auszeichnungen, die dem stumpfen Fleiß, dem tierischen Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil wurden, angewidert von dieser ungeschmückten Welt, der aufreibenden Wiederholung mechanischer Geschäftigkeiten, versank sein Geist in die Sphäre des Traums so tief, daß es ihn oft Mühe kostete, die Stimme eines Menschen zu vernehmen, der vor ihm stand und mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei zerstreut, und er zog sich das Mißtrauen und die Geringschätzung fast aller Lehrer zu, die seiner Begabung das beste und seinem guten Willen das schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte, daß jede seiner Handlungen als Ausgeburt einer böswilligen Gesinnung aufgenommen und durch züchtlerische Maßregeln bestraft wurde.
Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat ihm unter seinen Lehrern entgegen. Es waren Männer, die nicht einen Beruf erfüllten, sondern ein Amt innehatten. Sie kümmerten sich nicht um die Seele, sondern nur um die Kenntnis der Knaben. Sie hatten der höheren Stelle, der sie untergeordnet waren, nur den Beweis zu erbringen, daß sie ein vorgeschriebenes Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie nährten den Wissensdurst mit Regeln und belohnten den Fleiß durch Zensuren, das unterweisende Wort war nur eine Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie, vertrocknet durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens. Ihre Belebtheit war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit voll falscher Töne, ihre Strenge lieblos und zynisch. Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske vor dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest und schäumten vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer unerwarteten Gelegenheit entfiel. Wenn er einem Lehrer auf der Straße begegnete, war es Engelhart oft, als schäme sich der Mann seines Straßengesichts, der antwortende Gruß war dann widerwillig oder von übertriebener Gefälligkeit. Auch in den Lehrstunden spürte er mit unsicherem Staunen, wie in manchem eine Art Angst oder Scheu nicht bloß vor der Meinung und dem Urteil, sondern vor dem Menschlichen, Fleischlichen der Schüler zutage trat; da wurde ein gefürchteter Tyrann unversehens kindisch und es sah aus, als wolle er durch eine tölpische Zärtlichkeit seinen Mangel an Herzensbeteiligung vergessen machen. Um den Mund des einen zuckte beständig ein unbegreiflicher Hohn; ein andrer fürchtete, lächerlich zu werden, und war wortkarg wie ein Einsiedler; der dritte, puppenhaft geziert und seine ganze Natur verhüllend unter einer starren Sachlichkeit, wählte sich einige Lieblinge, die er verhätschelte, während er allen andern kalt und hart begegnete; der vierte benahm sich wie ein Sklavenhalter; der fünfte liebte es, eine erheuchelte Gutmütigkeit und Umgänglichkeit als Falle zu benutzen, der sechste war ein unfähiger Schwächling, der siebente ein Narr. Kein echter und ganzer Mensch; was sie lehrten, blieb tot: Regeln, Formeln, Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung und Strafe waren ihre Büttel. Sie wußten nichts vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet; ihr Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem Parade- und Uniforminstinkt, der die Glieder des jugendlichen Reichs für immer verkrüppelt hat.
Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch wachsen nicht Rosen. Engelharts Mitschüler waren in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit der gemeinsten Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen Eigenschaften, Roheit, Tücke, Heuchelei, feiges Kriechen, von dem dünnen Schimmer unechter Bildung übertüncht zu sehen. Sie waren mit den Rätseln des Daseins fertig, ehe noch das Leben die erste Silbe zu ihnen gesprochen hatte; sie waren nur füreinander geschaffen, nicht für sich selbst; wenn so ein Knabe allein auf der Straße ging, hatte sein Gesicht den Ausdruck des Schlafs. In ihrer Brust war keine Musik, und Respekt hatten sie nur vor dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen, nämlich daß sie nicht sprechen konnten, daß sie nicht ruhig sitzen oder gehen konnten, um gut und natürlich zu sprechen; entweder schrien sie oder sie tuschelten. Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad, denn er ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren Gedanken beschmutzten, wenn sie zu dreien oder vieren beisammenstanden und erregt grinsend einander das Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er sich hinzu, um sich zu schützen, denn aus Absonderung erwuchs ihm Haß, aber sie nahmen sich in acht vor ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne daß er darum wußte, ward seine Haltung feindselig. Die meisten hatten Reiz und Anmut der Jugend schon eingebüßt, ihre Gesichter waren hohl und fahl von Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten Schlünde hinabgestoßen war der edle Kindergenius und schon thronte auf den Stirnen der brutale Zweck.
Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden, die manche seiner Neigungen teilten. Mit ihnen verabredete er sich zu weiten Spaziergängen, und daraus wurde schließlich etwas wie ein Kultus mit wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten. Sie versammelten sich an einem möglichst abgelegenen Punkt der Stadt, und bevor der Marsch begann, erhielt jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte Rolle in sich schloß. Die Mitglieder der Gesellschaft leisteten das Gelübde des Schweigens, und die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht durch Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch eine künstliche Rangordnung geregelt, suchten auf die Haltung und den Geist der Truppe zu wirken. Mit Anbruch des Frühlings wurden die Märsche bis gegen den Moritzberg und die Wälder an den Ufern der Zenn ausgedehnt. Wenn das einsame Schloß des befreundeten Königs erreicht war, nämlich ein Forsthaus oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart von den Genossen ab und stellte in der tiefen Wildnis dem Auerochsen und dem Bären nach oder er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille und die Augen zu Boden geheftet wie der traurige Prinz, dessen Herz vor Sehnsucht krank ist. Er besaß das Land, das sie durchzogen, es war in Wahrheit sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn sie alle schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart dahineilten und der Wind schüttelte die Baumkronen und die Krähen schwirrten vor ihnen auf. Er brachte etwas Stürmisches und Atemloses in diese Wanderzüge, nicht so sehr durch die Begierde nach immer neuen Eroberungen als durch die unbeschreibliche Unruhe und das Drängende, Gärende, Wollende seines ganzen Wesens. Am liebsten hätte er nirgends Rast gemacht, nur immer ziehen, ziehen, ziehen, die Welt war so groß, der Himmel so weit.
An Tagen, wo es unmöglich war, die Stadt oder gar das Haus zu verlassen, schloß er sich in die Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und sang dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester begleitet wähnte. Dann war sein Schlaf schwer und oft unterbrochen, auch war ihm das Zubettgehen mehr als je verhaßt und er meinte durch den Schlummer eine Einbuße an Leben zu erleiden. Es geschah immer häufiger, daß er sich zur vorgerückten Abendzeit heimlich aus dem Hause stahl, und er wußte die Magd zu bereden, daß sie ihn heimlich wieder einließ. Am Pegnitzufer, dicht neben der Mauer des protestantischen Kirchhofs, stand ein altes und wegen einer Senkung des feuchten Erdreichs unlängst verlassenes Haus. Der Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern einstweilen Stützbalken angebracht, und um die Wände im Innern vor weiterer Fäulnis zu bewahren, standen Trockenöfen in den Räumen und die rote Glut strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht. Das Tor war verriegelt, doch Engelhart stieg durch eines der erdgeschössigen Fenster ein, kauerte sich in einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze hin. Es war ihm recht, wenn es in den Dielen über ihm geisterhaft knackte oder im Keller die Ratten rumorten. Die Nähe des Kirchhofs war es besonders, die ihn ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er die Trauerweiden und Grabsteinkreuze ungeachtet der Dunkelheit gewahren. Es steckt ein doppelgängerisches Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den Willen bindet es und wie die Spinne das Insekt, umklammert es die Seele und entsaugt ihm die Kräfte einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht es seinen Bezirk, bemächtigt sich auch des wachen Geistes, prägt die Marke der Hörigkeit selbst auf die jugendliche Stirn, will vernommen sein, und wenn es nicht gegenwärtig ist, will es beständig erharrt werden, es macht den Stetigen flüchtig und den freundlichen Charakter einsam, mit holden Versprechungen umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der Ungeduld in jede freudig ruhende Stunde und trägt das Bewußtsein des Lebens mit bedächtiger Grausamkeit frühzeitig auf die Wege des Todes, läßt um das Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht des Daseins reif geworden ist.
Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt in dem leeren Hause geweilt haben, da sah er einst, während er sich erhob und zum Fenster schritt, ein verzerrt-grinsendes Gesicht von draußen hereinblicken. Er erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden war, erkannte er seinen alten Feind, den rothaarigen Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den übeln Streich gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt. Engelhart begriff, daß ihm der Bursche aufgelauert haben müsse, vielleicht war er selbst auf der Straße an ihm vorbeigegangen, ohne ihn zu sehen. Er verbarg sich wieder, wartete geraume Weile, dann öffnete er vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er nichts Verdächtiges wahrnahm, verließ er seinen Zufluchtsort. Kaum war er draußen, so kam von der Uferböschung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm drohend erhob. Es war Rindsblatt. Engelhart begann zu laufen, der andre lief hinterdrein. Engelhart lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der Pfützen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand war mit Kot bedeckt, die Schritte hallten von den Häusermauern zurück, das anfängliche Lustgefühl der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst, die Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings, ohne zu wissen wohin, der andre ihm nach, endlich kamen sie in die abschüssigen Straßen der Altstadt, Wasser und Wassergeplätscher machten ein Ende, dort unten war alles überschwemmt, weit über den Schießanger und das neue Schlachthaus hinaus, und wo sie standen, bespülte die Flut schon die Torstufen der Häuser. Mondschein lag auf dem weiten Spiegel des Sees, drüben beim Wehr sprühte silbern die Gischt. Engelhart stierte hinab, keuchend vom Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er sagte durch die verpreßten Zähne: »Ich will dich jetzt ins Wasser werfen und ersäufen. Dann sind wir quitt.« Engelhart keuchte verächtlich: »Ein schlechter Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt.« Mit grünlich glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu, da kam aus einer Seitengasse ein ungeheurer schwarzer Fleischerhund, stellte sich bösartig knurrend zwischen die beiden Knaben und fixierte einen um den andern mit offenem Maul und hängender Zunge. Sie wagten nicht, sich zu rühren, und als das Tier durch einen schrillen Pfiff zurückgerufen wurde, schien sich Rindsblatt eines andern besonnen zu haben, er machte kehrt und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam gegen den Lilienplatz.
Am nächsten Tag wurde Engelhart zum Rektor berufen, Rindsblatt hatte die nächtlichen Ausflüge und das Einsteigen in das fremde Haus denunziert. Engelharts Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche Verhöre zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und jedes Selbstgefühl, seine äußere Haltung wurde durchaus von der Haltung der andern hervorgebracht. Da der Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte und da das, was Engelhart berichtete, ziemlich verhalten und konfus klang, glaubte er an einen verstockten Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius hegte den Verdacht, daß hier eine geheime Verbindung oder Verschwörung im Werk war, doch keine der üblichen Pressionen und moralischen Folterungen führte zu einem Aufschluß, der unbekannten Übeltat war nicht beizukommen, und so wurde Engelhart schließlich zu mehrstündiger Einsperrung verurteilt und sein Vater erhielt über das Vorgefallene ausführlichen Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen Weg, jeder, der ein bißchen Macht hatte, spielte auf seine Weise Polizei, auf Subordination war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches Lächeln an. Auch Herr Ratgeber faßte das Geschehnis völlig als Staatshandlung auf und verbarg nicht seinen Kummer und seine Enttäuschung um den Sohn. Engelhart mußte sich zu Hause abermals einer Reihe von Verhören unterwerfen, und Frau Ratgeber strafte ihn, wie sie eben zu strafen pflegte, durch Demütigungen berechnetster Art und dadurch, daß sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt.
In dieser Zeit wuchs für Engelhart nicht viel Trost. Er ging mit gesenktem Kopf herum, auch sein inneres Schauen war verschleiert. Oft beobachtete er Männer auf der Straße mit dem furchtbaren Hintergedanken, welcher von diesen wildfremden Leuten ihm wohl besser hätte Vater sein können als der eigne Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von den anstrengenden und sinnlos weitläufigen Schularbeiten aus und blickte an der Lampe vorbei in das auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines Vaters. Er faßte die Möglichkeit ins Auge, mit ihm zu sprechen, etwa wie mit einem Freund, und schon der Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen Büchern war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater und Kind, er spürte es nicht, er spürte nur das Joch unliebsamer Strenge und schablonenhafter Zucht. Die Worte, die sie hie und da wechselten, waren aus der kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten niemals einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu reden. Er wußte sich’s nicht zu gestehen und fühlte doch, daß ein solches Beieinanderleben, selbst wenn es dem natürlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas Unwahres, ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte außerdem dessen gewiß zu sein, daß er dem Vater zur Last war und daß das unaufhörliche Hindrängen gegen die Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld, sich seiner zu entledigen. Er sah, wie rücksichtsvoll sich der Vater gegen seine zweite Frau benahm und wie er alles geschehen ließ, was sie gegen ihn und den Bruder unternahm, und wie er geflissentlich schwieg oder nur schüchtern zu widerstreben wagte, wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam; Engelhart hörte auf zu hadern, er wähnte, irgendeine bindende Verpflichtung des Vaters läge dem zugrunde, der Vater müsse sich irgendwie an dieser Frau vergangen haben, sei in Schuld und Sühne verstrickt und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erwägungen wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten Gestalt und den Vater gab er für sein Herz, einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren.
Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo auf einem mäßig großen Regal die Bücher des Vaters aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner Lieblingsgewohnheit unter den alten Scharteken, die sämtlich aus Herrn Ratgebers Jugend und Jünglingsalter waren. Beim Aufschlagen eines grauen, mehr von der Zeit als vom Lesen zerstörten Bandes, einer Abhandlung über das Prinzip der Elektrizität, gewahrte er auf dem Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines Vaters. Die Verse waren überschrieben: An Agathe Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit aufgestützten Armen, vor sich hin:
Ist es bestimmt in Gottes Walten,
Daß ich Agathe soll erhalten,
Die mir des Lebens Inhalt gibt,
Dann will ich keine Mühe scheuen,
Mich selbst durch Tugend zu erneuen,
Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.
Ach, dieses holde Blühn auf Erden!
So schön war noch kein Lenzeswerden
Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.
Doch süßer, als wenn Zephyr fächelt,
Ist’s, wenn Agathes Auge lächelt,
Davor wird jeder Schmerz zur Lust.
Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es zu wagen, sich einer sanften Regung völlig zu ergeben. Die gelesenen Worte veränderten unerwartet das Bild des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein Geschöpf, das er für stumm gehalten, plötzlich zu reden begonnen hätte. Ob wohl die Mutter um dies Gedicht gewußt? Wenn nicht, so mußte sie zeitlebens über die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben sein, denn daß der Vater je mit ihr davon gesprochen haben könne, schien ihm undenkbar. Jedenfalls verbarg er seine Entdeckung sorgfältig und ließ sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater so gedankenverloren an, daß dieser, unangenehm berührt, sich das freche Anstarren, wie er es nannte, verbat.
Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. Sein Unglück erfüllte sich nicht auf einen Schlag, es nippte langsam, Schluck für Schluck von den Kräften seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings brach während einer Mittagsstunde ein Brand in der Fabrik aus. Herr Ratgeber saß gerade beim Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, da gellte von drunten der durchdringende Schrei: Feuer! Mit den Worten: »um Gottes Himmels willen« sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter. Weißer, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des Erdgeschosses, das Holz und die Sägespäne waren eine gar zu leichte Beute für die Flammen. Nach wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die großen Leiter- und Spritzenwagen konnten nicht durch den Toreingang des Vorderhauses fahren, die Leitern mußten abgeladen und die Schläuche bis auf die Straße gelegt werden, wodurch eine verhängnisvolle Verzögerung entstand. Herr Ratgeber war indessen von seinem Bureau aus in das Innere der brennenden Werkstätten gedrungen; später wurde er gefragt, warum er dies getan, da er doch als einzelner auf keinen Fall etwas hätte ausrichten können; er wußte nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaßen in Qualm gehüllt, daß er weder vor- noch rückwärts konnte, die Sinne schwanden ihm und er fiel um. Zum Glück durchbrachen die Feuerwehrmänner in demselben Augenblick eine hier befindliche, mit Brettern verschlagene Tür, sie sahen Herrn Ratgeber liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart schaute vom Fenster oben zu; er rührte sich nicht, Frau Ratgeber weinte und schrie, räumte die Schränke aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er stand am Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebäudes war eine Gipsgießerei; auf den Simsen lagen gewöhnlich allerlei Masken und Reliefs, und Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst sich entringenden Spannung, wie die Figuren vom Rauch geschwärzt wurden und die Gesichter der Masken sich langsam verzerrten.
Die Folge des Brandes war, daß die Polizei den ferneren Betrieb der Fabrik nicht mehr gestattete, da die Lage des zwischen Hinterhäusern eingezwängten Traktes als zu gefährlich befunden wurde. Herr Ratgeber mußte so schnell als möglich eine andre Lokalität haben, auch sann er auf Vergrößerung der ganzen Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn keineswegs dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine Pläne begegneten dem Mißtrauen der Geldleute, und wie um ihn zu demütigen, wies man darauf hin, daß sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in Händen habe, trefflich gedeihe. »Gewiß,« entgegnete Herr Ratgeber, »ich bin eben kein Krämertalent, ich bin Fabrikant.« Schließlich gewann er durch seine geduldige und überzeugende Beredsamkeit doch noch einen Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, er mietete ein leerstehendes Haus am äußersten Rande der Schwabacher Landstraße, unweit davon stand, gleichfalls in großer Einsamkeit und Stadtferne, ein neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit seiner Familie bezog. Nach der Rückseite breiteten sich die Wiesen aus, und ein mageres Waldstück schloß den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, lag das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die sich bis gegen Kadolzburg und Erlangen dehnten. Das auf der Höhe der Chaussee gelegene Gebäude war den herbstlichen Stürmen von allen Seiten schutzlos preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall bis in seine Grundmauern; wenn die Sonne unterging, waren die Wände und Fensterscheiben wie mit Blut bestrichen, alle Gegenstände im Zimmer glühten von innen heraus und im Spiegel über dem Sofa malte sich noch einmal das flammende Himmelsmeer über der auf ihre stärksten und einfachsten Linien zurückgeführten Landschaft. Die Verlassenheit hier draußen wirkte nicht wohltätig auf Engelhart; Besuche kamen höchst selten, auch für die Kameraden wohnte er zu weit, und innerhalb der Familie war doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des andern Verfehlungen und Sünden auf, nur Furcht vereinte sie hie und da einmal, zum Beispiel als in einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit der darauffolgenden Nächte allen zehnfach fühlbar wurde. So wühlte sich Engelhart immer mehr in gefährliches Abgeschlossensein, dunkler färbten sich seine Träume, von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was alle Menschen rings um ihn herum an ihr Dasein knüpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nämlich ein schwaches, ein süßes und ein diabolisches. Das erste fügte sich jedem Druck des Windes und der Trauer jedes Augenblicks, fügte sich und unterlag, es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und machte ihn zum Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; das zweite verlieh ihm tiefen Atem, tiefes Weilen bei sich selbst und die Liebe für die kleinen Dinge, an denen andre gleichgültig vorübergehen, es schuf Dämmerung um seine Augen und breitete eine gewisse Andacht über seine zügellosen Phantasien; das dritte war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es erzeugte aus jeder Bewegung des Gemüts einen leidenschaftlichen Rausch, erweckte Ansprüche an das Leben, die sich niemals erfüllen konnten, vertauschte im Nu Freude und Angst, Ungeduld und Apathie, Überheblichkeit und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In einem alten Buche las er einmal Worte, die ihm lange Zeit rätselhaft erschienen und später plötzlich eine furchtbare Bedeutung enthüllten: Da stehst du am Abgrund des Bösen, armseliger Mensch, und scheuest dich, hinunterzublicken, aber wenn du auch deinen Pfad abkehrst, so werden dich dennoch die Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges Mal freiwillig das Ohr geliehen hast.
Er war der Stadt und ihrer Menschen müde, er sehnte sich nach Freiheit und nach der Welt; ganze Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte Ferne denkend. Aber die Zeit erfüllte sich. Als der Sommer kam, der letzte Sommer der Knechtschaft, wie er meinte, teilte ihm der Vater mit, daß Michael Herz in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu sich ins Geschäft zu nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten gekostet, meinte Herr Ratgeber, den Mann so weit zu bringen, er selbst habe sich für den guten Willen und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam verbürgen müssen; Engelhart beruhigte seinen Vater, er versprach alles, was man wollte, er dachte gar nicht an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und daß er dem Vater wie dem Onkel gegenüber eine ernsthafte Verantwortung auf sich nahm, es drängte ihn hinaus, etwas andres überlegte er nicht. Aus den Briefen des Oheims spürte er heraus, daß dieser große Hoffnungen auf ihn setze, doch daß er nichts so sehr fürchte als enttäuscht zu werden. Michael Herz wollte Sicherheit und sichere Gewähr. Er war ein kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus dem Nichts zu Wohlhabenheit und einer angesehenen Stellung emporgearbeitet und gefiel sich in dem Gedanken, daß der Sohn seiner geliebtesten Schwester berufen sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. Aber vielleicht sagte ihm eine Ahnung, wie viel Schmerz und Kränkung ihm aus diesem Vorhaben erwachsen könne, deshalb konnte er lange Zeit keinen Entschluß fassen. Von alldem wandte Engelhart seine Gedanken ab; den guten Willen, den spürte er, aber es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der für ein Stück Brot alle möglichen Dinge zu leisten verspricht; er weiß, daß sein Sinn sich wenden wird, wenn er das Stück Brot gegessen hat, aber daran will er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprüfung; Engelhart war stets ein mittelmäßiger Schüler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um den Erfolg, auch sie waren es müde, einen sechzehnjährigen Burschen, der Geld verdienen konnte, noch länger auf dem Hals sitzen zu haben, aber Engelhart war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er schrieb und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und es gelang, das Widerwärtige ergab sich, es war irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm, man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als sonst und durchstrich das Konto seiner Schuld. Es war ein Aufwachen unbekannter Kräfte, und hätte sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel ihnen wissender, frömmer, forschender hingegeben, so wären sie vielleicht in seinem Dienst verblieben und hätten ihm Wege gebahnt.
Als alles glücklich abgelaufen war, wurde seine Ausrüstung notdürftig instand gesetzt und Frau Ratgeber entdeckte auf einmal ein besorgliches Herz für den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute Zeit. An einem Septembertag wanderte Engelhart mit dem Vater nach Altenberg, um vom Großvater Abschied zu nehmen. Dort war es auch längst nicht mehr, wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da seine zweite Frau gestorben, um seiner Einsamkeit abzuhelfen, den Schwiegersohn mit seiner Familie von einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen Dorf zu sich ins Haus gerufen. Es waren sechs Kinder da, die Frau, Herrn Ratgebers Schwester, war unheilbar krank, der Mann war ein Frömmler und verstand nicht zu arbeiten, der älteste Sohn war ein Taugenichts, zwei Kinder lagen noch in der Wiege, das ganze Wesen verwandelte sich in Elend und Sorge. Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurück und betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den sehr verfallenen Mann, er saß in einem schmutzigen Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand. Engelhart fühlte drückend und fast beschämt seine prahlerische Jugend, die mit dem Glanz ihrer herausfordernden Hoffnungen vor diesem Ende eines Lebens stand. Nachdem beide lange geschwiegen und einander bloß angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade ein kleines schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte es dem Enkel. Dieser zögerte, es zu nehmen, denn es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt: »Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, eine feine Frau, hat mir arg leid getan um die Frau. Dein Vater hat kein Glück mehr, seit sie tot ist.«
Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand Engelhart eines Abends mit seinem Vater im Regen vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den Zug. Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: »Sei ein braver Mensch, werde ein braver Mann.« Er ließ sich keine Rührung anmerken, und als Engelhart schon im Coupé saß und aus dem erleuchteten Fenster blickte, lächelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, zuckendes Lächeln. Dann rollte der Zug davon, Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und die Ferne das Licht verschlungen hatten, darauf seufzte er, spannte seinen Regenschirm auf und ging in tiefem Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte Auszüge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr nachts, und als er fertig war, sah er, daß es aus war mit seinen stolzen Plänen und Hoffnungen. Der Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr alles mit. Sie lag stumm da, Bitterkeit und Wut verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von einem schwarzen Seidenkleid geträumt, ferner von einem Hut mit echten Straußfedern. Damit war es nichts; sie knirschte mit den Zähnen, legte sich auf die andre Seite und schlief mit bösem Gesicht wieder ein.
Achtes Kapitel
Mit seinem kleinen Köfferchen stand Engelhart vor der hohen Tür im weißen, erleuchteten Treppenhaus und suchte ziemlich lange nach dem Glockenzug; den elektrischen Knopf übersah er. Schließlich klopfte er mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmädchen öffnete, sah ihn lächelnd stehen und meldete seine Ankunft der Herrschaft. Herr und Frau Herz kamen heraus, begrüßten ihn und musterten ebenfalls lächelnd seinen Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor unter ihren Blicken die vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.
Der erste Gang durch die Straßen; was er sah, schien ihm begehrenswert, alles war Erscheinung. Mit Gier starrte er in die Gesichter fremder Menschen, glaubte ihre Gefühle und Wünsche zu erraten; der Lärm der Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glück, das Glockenläuten von den Kirchen versetzte ihn in eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den Häusern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der großen Stadt knüpfte er stärkere Beziehungen, als zu den beiden Menschen, mit denen er lebte und auf die er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte Befremden. Nur bei den Mahlzeiten war er verständlich, weil er Portionen vertilgte wie ein ausgehungerter Sträfling. Mit dem Zustand seines Gemüts beschäftigte man sich nicht, es war nicht üblich; daß er sich glücklich fühlen müsse, wurde vorausgesetzt. Herr Ratgeber richtete einen Brief an Michael Herz, worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit unerbittlicher Strenge zu ahnden. Solche Worte waren nicht im Sinne von Michael Herz; leider bemerkte er bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur Sache, er schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen, wohin das vielartige Treiben ziele, es war nichts Eigentätiges an ihm.
Der Packraum der Fabrik befand sich in einer Art von überdecktem Schacht, dort mußten den ganzen Tag die Gasflammen brennen. Eine gewundene Holztreppe führte zu den Werkstätten empor. Der Oberpacker glossierte den Inhalt eines Theaterstücks, das er gestern gesehen; als er fertig war, kramte ein andrer seine Erinnerungen an den Ringtheaterbrand aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von Schauspielern. Engelhart saß träge auf den Sprossen einer Leiter. Als dem Verwandten des Chefs wurden ihm gewisse Rücksichten entgegengebracht, und die bezahlten Leute, von denen niemand eine wirkliche Pflicht erfüllte, sahen seine Versäumnisse nicht ungern. Sie wußten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und blieb ein Fremdling.
Auf der Holztreppe erschien jetzt ein großes schlankes Fabrikmädchen und richtete den lauernden Blick auf Engelhart. Er erblaßte. Das Mädchen ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorüber und ihr Rock streifte seine Knie. Er stand auf, schlich in den halbdunkeln Nebenraum und warf sich seufzend auf eine schmale Kiste. Plötzlich sah er empor, Michael Herz stand vor ihm und schaute ihn mit einem tiefen Blick des Vorwurfs schweigend an. Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine unüberwindliche Scheu vor dem Oheim, er sah in ihm das Ideal eines Mannes und Menschen, auch äußerlich; Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren die eines Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war kein Geschäftsmann in gewöhnlichem Sinn; er arbeitete mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten Ernst eines Künstlers. Zu Hause war er aufgeräumt, ja übermütig und am glücklichsten dann, wenn er Gäste hatte, die sich bei ihm wohl fühlten.
Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, wo er mehr unter Aufsicht und Arbeitszwang stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor einem hohen Pult am Fenster. Neben ihm saß Herr Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem Pult hatte und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am Abend, wenn andre anfingen, sich zu betrinken, war er schon so voll, daß er den Hut nicht mehr auf den Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent, behandelte Engelhart mit spöttischem Hochmut. Er sagte: »In Franken muß es recht merkwürdige Charaktere geben,« wenn Engelhart einen Tintenklecks auf einen Brief machte.
»Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben anstatt auf Haben, wie ich Ihnen ausdrücklich gesagt habe, Herr Ratgeber,« rief der Buchhalter mit schmerzlichem Augenaufschlag. Er war ein würdiger, gelassener Mann, ein treuer Diener der Firma. Herr Patkul knurrte bedeutungsvoll; es hieß so viel als: mich hätte man längst hinausgeworfen bei solcher Unfähigkeit.
Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten Blätter des Buches vor Engelhart. Er erzitterte wie bei einer elektrischen Berührung. »Woran denken Sie denn?« fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; »an das selige Franken? Dort scheint man freilich von Soll und Haben wenig zu wissen.« Herr Patkul rief Bravo und klatschte in die Hände, der Buchhalter ließ ein vorsichtiges Lachen hören.
Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum der letzten Nacht. Die Träume waren es, die ihn so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es, sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzählen, sah jedoch, daß von ihrem Duft und Grauen nichts an den Worten haften blieb. Die Tintenluft lastete bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er addieren sollte, glichen einem Haufen dünnfüßiger Käfer, sie krabbelten davon, während er sie mit der Bleistiftspitze verfolgte; unmöglich, die bewegliche, dünnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann klang ein Leierkasten von einem nachbarlichen Hof herüber und sein Herz krampfte sich zusammen vor Sehnsucht nach der Freiheit.
»Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage nicht dies Dasein,« schrieb er abends, als die Verwandten im Theater waren, an den Studenten Benedikt Knoll in München. Vor ihm auf dem Tisch stand die gefüllte Teekanne, und das heiße Getränk erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb und schrieb, zwölf, fünfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte die Überschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. Nach langer Pause war der Briefwechsel von beiden wieder aufgenommen worden; Knoll übernahm die Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen über Engelhart hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart merkte es kaum. Die Person Benedikts war ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an ihn schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.
Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins Zimmer. »Ich habe dir doch verboten, bis in die Nacht hinein zu schreiben,« rief sie aus. Ihr Gesicht war weiß vor Ärger. Sie drehte ihm das Licht vor der Nase ab. Sie haßte ihn, seit sie wußte, daß ihr Mann sich des Knaben wegen sorgte und kümmerte. Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung und Widerwillen getränkt. Seine Neigung, von Dingen außerhalb des praktischen Lebens zu reden, fertigte sie mit höhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende, heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie die meisten kinderlosen Frauen des Gleichgewichts. Sie liebte abgöttisch ihren Gatten, war zugleich seine Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war sie verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, der Langeweile zu entgehen, die sie folterte.
Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im Bett und seine Sinne waren so erregt, daß ihm die Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der sich zu Gestalten ballte.
Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt, sie gingen im Prater spazieren, und wenn sie nach Hause kamen, tranken sie Tee und spielten Schach. Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mißfiel Engelhart, daß er vor Michael Herz ein kriechendes Benehmen zur Schau trug. Er sollte Engelharts Interesse an kaufmännischen Gegenständen wecken und französische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart sah ihn dann so spöttisch an, daß er verstummte. Sie waren schon ziemlich vertraut und duzten einander; an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart den Gefährten von seiner Wohnung ab. Beiläufig fragte Oesterle, ob Engelhart des Morgens im Bureau gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden Tag erfuhr Oesterle jedoch, daß Engelhart keineswegs in der Fabrik gewesen sei, sondern sich in den Straßen herumgetrieben habe; blaß und aufgeregt kam er und stellte Engelhart, der nun als Lügner dastand, zur Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wußte es kaum, ein Nein, ein Ja, es entflog oft den Lippen, ehe er nur dachte, und manchmal wünschte er geradezu zu lügen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die Lüge mit Entrüstung kund und sagte: »Wenn du mich noch ein einziges Mal belügst, Engelhart, werde ich aufhören, dein Freund zu sein.«
Tückische Fäden spinnt das Schicksal; wenige Jahre später endete Oesterle im Zuchthaus, weil er in dem Geschäft, wo er angestellt war, große Geldunterschlagungen begangen hatte.
Als der Winter um war, wurde es klar, daß es auf diese Weise mit Engelhart nicht weiterging. Er hielt es keine Stunde hintereinander in dem Schreibzimmer aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte er mit leiser Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter zuckte die Achseln, Herr Hallwachs lächelte vielsagend, Herr Patkul knurrte. Eines Tages fühlte sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle Wahrheit über den jungen Ratgeber zu sagen.
Um zwölf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael zusammen nach Hause. Es herrschte ein beklommenes Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische schwieg Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, daß er einen starken Kummer in sich hineindränge. Plötzlich schien es, als ob eine Gebärde, ein Blick Engelharts seinen offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er schleuderte Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot und er stieß maßlose Drohungen und Vorwürfe gegen Engelhart aus, der wie gelähmt dasaß. Frau Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm Ruhe und Fassung zurückzuschmeicheln, zugleich winkte sie Engelhart gebieterisch zu, er solle das Zimmer verlassen.
Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene mit ihm zu besprechen. Aber der furchtsame Mensch hütete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz hätte mißbilligen können. Den größten Teil des Nachmittags verwandte Engelhart dazu, um einen dringlichen Brief an Benedikt Knoll zu schreiben. Es war sein verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen Billigung, Verständnis, Hilfe zu erwarten.
Er spürte irgendeine unfaßbare Kraft in sich, sein Blut wirbelte in den Adern, Beglücktheit und tiefste Trauer wechselten von einer Minute zur andern. Lauer Frühlingswind strich durch den Park, in dem er ging, durch die hohen Fenster des Konzertsaals fiel das Licht auf die schwarzen Bäume. Es war, als würde der Walzer drinnen von Geistern gespielt, die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der Lebende, für ihn allein war die Welt entstanden.
Benedikt Knoll schrieb: »Wenn Du ernsten Willen hast und Notabene Geld, so komm. Ich werde Dich bald so weit haben, daß Du Vorlesungen besuchen kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die sich am Busen der Alma mater mästen. Schließlich vermag Minerva ihre Mannen so gut zu ernähren wie Merkur die seinen.«
»Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir vor?« fragte Michael Herz. »Bist du zur Besinnung gekommen?« – Zögernd offenbarte Engelhart seinen glühenden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg. Seine geröteten, hochgewölbten Lider senkten sich über die unruhig irrenden Augen. »Gut, studiere,« entgegnete er endlich schroff. »Ich gebe keinen Kreuzer dafür her. Wer so wie du sein Glück mit Füßen tritt, ist nicht mehr wert, als zu verhungern. Das merke dir: und wenn ich dich an einer Straßenecke liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich höre nichts, ich kenne dich nicht.« – »Du hast mich gefragt, was ich will, ich habe ehrlich geantwortet, Onkel,« sagte Engelhart. »Natürlich, ich bin arm und kann ohne deine Zustimmung nichts tun.« Frau Esmee kam dazu, und die ungemessene Verachtung, die sie Engelhart bezeugte, machte ihn völlig verstockt. Jedes unbefangene Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin beurteilt zu sehen, das erbittert.
Michael Herz sprach mit seinen Freunden über den Fall. Sie sagten zumeist das, was er oder vielmehr was Frau Esmee hören wollte. Nur ein einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er große Stücke hielt – es war der Hausarzt –, machte sich anheischig, mit Engelhart zu reden, und stellte ihm das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor. Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann, der menschlich mit ihm redete und nicht wie von einem Turm herunter allgemein tönende Worte von sich gab. »Ich kann nicht,« war alles, was Engelhart zu antworten vermochte, doch hatte seine Stimme einen flehentlichen Klang.
Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz für einige Tage aufs Land. Engelhart blickte von seinem Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose Rückenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden Steinabsatz saß ein Sperling. »Bleibt er sitzen, bis ich zwanzig zähle, so tue ich’s noch heute,« sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing er an zu zählen. Sein Herz klopfte bang. Als er bei zwölf war, legte der Vogel das Köpfchen schräg ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo Engelhart stand. Er konnte bis dreiundzwanzig zählen, da flog das Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht hinein.
Engelhart überrechnete seine Barschaft; er hatte sich ungefähr fünfzig Gulden erspart und meinte, es sei viel Geld. Dann ging er ins Museum, sah aber keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls, der sich um eine Marmorsäule wand. Eine schöne Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt vorüber, ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in der Hand, und er hörte sie mit gedankenvoll lächelndem Mund etwas flüstern.
Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten kümmerten sich nicht um ihn. Als es dunkel wurde, verließ er das Haus. Es war ein göttlich milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen Wolken wie in einer dunkelblauen Schüssel. Jetzt war es ihm doch gar eigen ums Herz, weder traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll. Auf dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach München. Er mußte über eine Stunde bis zur Abfahrt warten, dann wurde er in einem unabgeteilten Wagen mit mehr als dreißig Personen zusammengepfercht. Nach den ersten Stationen wurde es erträglicher, aber die Luft war schlecht und die Beleuchtung trübe. Engelhart drückte die Stirn an die Fensterscheibe und schaute in die mondbeschienene Wald- und Hügellandschaft.
Ihm gegenüber saß eine Bauernmagd; sie hatte ein rotes Tuch über die Holzlehne gebreitet, darauf hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein sonderbarer Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die Nachbarn sahen zu und lachten. Der Beifall ermunterte ihn und er wiederholte es, jetzt rutschte das Haupt der Schläferin ein Stück herunter. Die Zuschauer waren höchst belustigt, die ganze Gesellschaft wurde munter, und als die Bäuerin schließlich ein unwilliges Gebrumm hören ließ, brachen alle in dröhnendes Gelächter aus. Engelhart nahm einen Zigarettenstummel und steckte ihn der immer noch Schlummernden in den Mund. Die Leute fühlten sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen einen Hustenanfall. Die Schläferin schlug die Augen auf, ihr verschämtes und bestürztes Gesicht vermehrte den Jubel. Engelhart ließ es damit nicht genug sein, es kam wie eine Wut der Tollheit über ihn, er bellte, krähte, wieherte, nannte einen dicken, triefäugigen Menschen beständig »Herr Professor«, stieg auf die Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand er im Innern ein finsteres Staunen über sich. Der Raum war von Tabaksqualm erfüllt, die lachenden Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu unheimlichen Gebilden. Am andern Ende des Wagens saß ein Prälat; dieser wandte sich an die Zunächstsitzenden und sagte: »Der junge Mensch kommt mir verdächtig vor.« Darauf erhob sich ein andrer, offenbar ein Handlungsreisender, und rief Engelhart zu: »Sie, sagen Sie mal, sind Sie vielleicht Ihrem Herrn Vater mit dem Geld davongelaufen?« Engelhart stutzte, dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: »Mein Vater hat gar kein Geld.« Da sah Engelhart ein strenges Augenpaar auf sich gerichtet. Es war ein blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe auf der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn geheftete Blick. Allmählich wich das berauschte Wesen einer tiefen Niedergeschlagenheit. ›Warum starrt er mich so düster an?‹ grübelte Engelhart. Er wünschte mit dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran, jenem mitzuteilen, daß er nichts Böses im Schilde führe, daß es überflüssig sei, ihm unfreundlich entgegenzutreten, und daß er Menschen suche, von denen er geliebt sein wollte. Aber es gab keinen Weg von ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur drei Schritte voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den Unversöhnlichen milder zu stimmen.
Als der Zug sich der Grenze näherte, wurde es Tag. Zur Rechten lagen die rosig umhauchten Gipfel der Berge in der gläsernen Frühluft. Eine dumpfe Stimme rief: »Engelhart! Engelhart!« War es nicht der Mann mit der Narbe? Nein, jener war fort, der Platz, auf dem er gesessen, war leer. –
»Wieviel Geld hast du mitgebracht?« fragte Benedikt Knoll. Engelhart nannte die Summe, die er noch besaß. »Und für wie lange soll das reichen?« fragte Knoll weiter. Darauf wußte Engelhart keine Antwort. Knoll war erschrocken. »Kommst du denn ohne die Einwilligung deines Onkels?« fragte er und erfuhr, daß Engelhart als Flüchtling kam. Nun hatte der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen an der Ankunft des Freundes. Indessen schmiedeten sie noch am selben Tag einen diplomatischen Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von ihm verehrten Manne mit, wie die Dinge standen und daß er sich für die anständige Führung Engelharts verbürge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem Manne der Wissenschaft habe, dürfe man ihn doch nicht untergehen lassen; Herr Herz möge Gnade walten lassen und den Hilflosen vor Not schützen. Als Antwort kam nach acht Tagen nichts weiter als eine geschäftliche Notiz der Firma, wonach Engelhart bis auf weiteres an jedem Monatsersten fünfzig Mark ausgezahlt erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die Hände. »Fünfzig Mark!« rief er aus, »da mußt du von jedem Fünfzehnten ab einen vierzehntägigen Schlaf tun.« Das Zimmer, das er für Engelhart gemietet, kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber wenn Engelhart fünfzig Mark in der Hand hatte, hielt er es für unmöglich, daß so viel Geld jemals ganz ausgegeben werden könne. Erst wenn die letzten Groschen in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich zumute.
Knoll spürte wenig Lust, den Lehrer zu machen, und Engelhart noch weniger, Schüler zu sein. Er hatte genug gelernt, nun wollte er sehen, atmen, leben. Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem Büchermarkt eine lateinische und eine griechische Grammatik einzuhandeln. Es geschah der Form wegen. Dann kamen auch Stunden, wo Engelhart sich aufraffte und seinem Gedächtnis eine Reihe von Vokabeln einprägte, die er am nächsten Tag wieder vergaß. Es ist aussichtslos, dachte Benedikt Knoll und sann darauf, wie er sich der lästigen Verantwortung entledigen könne. Inzwischen lebten sie als gute Kameraden, und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach Menschen litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen bekannt. Engelhart kam jedem einzelnen mit kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie damit in Verlegenheit; sie wunderten sich über ihn, was er sagte, erschien sonderbar einfältig oder unverständlich. Knoll hingegen war beliebt, und wenn er Engelhart zur Zielscheibe seines Witzes machte, sahen sie auch diesen mit günstigeren Augen an, weil sie über ihn lachen konnten.
Sie standen fest auf ihren Füßen, die Studenten und Studentlein. Jeder verübte mit dem, was er besaß, und war es noch so wenig, greulich viel Lärm und Geklapper, so daß seiner Armseligkeit nicht beizukommen war. Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von deutschem Männerstolz und echtem Germanentum waren sie die Knechte eines jämmerlichen Formelwesens, und der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn sie eine Straßenlaterne zerschlagen und einen Nachtwächter beschimpft hatten. Sie waren überzeugt, als Schirmherren für die idealen Güter der Nation bestellt zu sein, doch im Grunde betrachteten sie all das wissenschaftliche oder patriotische Getue als ein Geschäft wie jedes andre. Kräfte der Ahnung, Kräfte des Herzens wurden im Bier ersäuft.
Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart spazierten mit fünf andern Studenten über die Ludwigstraße, Knolls Intimus, ein gewisser Schustermann, führte seinen Hund an der Leine, eine schöne dänische Dogge. Plötzlich riß sich das Tier los, verfolgte einen andern Hund, kam aber, als sein Herr pfiff, sogleich zurück. Nun war jedoch Schustermann, auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft trunkener Laune. Er fing an, den Hund aufs grausamste zu schlagen, und schließlich blutete das Tier aus mehreren Wunden. Je mehr es mißhandelt wurde, je erbärmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns Freunde standen lachend herum, und einer sagte: »Der Hund ist wie ein Jud.« Engelhart fuhr zusammen und erwiderte mit stockender Stimme: »Wenn man die Juden auch blutig schlägt, um Gnade pflegen sie nicht zu betteln.« Die Studenten fanden den Auftritt peinlich, und der älteste bemerkte naserümpfend: »Mir scheint, er bildet sich was darauf ein, daß er ein Jude ist.« Knoll war wütend und zischte Engelhart zu: »Nur nicht pathetisch sein, das gibt es hier nicht.«
Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer und machte ihm förmliche Vorhaltungen. »Was kümmert es die Leute, daß du Jude bist,« eiferte er. »Schlimm genug, daß wir es sind, wir haben nicht nötig, viel Aufhebens davon zu machen. Wir wollen endlich Ruhe haben und alles vergessen, und jene sollen gleichfalls vergessen.«
Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte ihn nicht mehr nach ihrer Gesellschaft.
»Wie willst du überhaupt vorwärts kommen mit deiner beispiellosen Anmaßung?« fuhr Knoll fort.
»Ich – anmaßend?« flüsterte Engelhart erstaunt und bestürzt. »Ebensogut könntest du sagen, Schustermanns Hund sei gestern abend mutig gewesen.«
Knoll beachtete die Einrede nicht. »Du arbeitest nichts, du hast kein Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, was ich für dich getan habe,« sagte er.
Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in die Abendröte. Fern zwischen Häusern schwebte noch ein schmales Sonnensegment. Herz der Welt, du sollst erglühen, dachte er mit jähem Entzücken – Worte, die er nie früher gehört. Von einem gegenüberliegenden Wirtshaus drangen Harfen- und Geigenklänge herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, sein ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer Musik, das Dämmern und Weben der Zeit, ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen unfaßbarer Akkorde.
»Komm, Benedikt,« sagte er versöhnend, »laß uns eine Partie Schach spielen.« Knoll war es zufrieden, und da er gewann, kehrte seine gute Laune zurück. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem Brief an Frau Wahrmann Engelharts Treiben höchst abfällig. Das machte böses Blut, auch Herr Ratgeber, der jetzt in Würzburg wohnte und dort als Versicherungsinspektor tätig war, erhielt Nachricht, wie die Sache stand. Er schrieb sogleich an Engelhart und beschwor ihn, umzukehren, solange es noch Zeit sei. »Willst du denn das geistige Proletariat um eine hoffnungslose Existenz vermehren?« schrieb Herr Ratgeber. »Ist es denn kein Beruf, der deiner würdig ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du denn eigentlich? O, alles Unglück kommt über mich, auch diese Erwartungen nun zuschanden, und wie steh’ ich vor meinem Schwager Herz da! Wenn deine Mutter noch lebte, das würde sie töten. Kann dich nichts andres bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an die Leiden und Entbehrungen, die dir bevorstehen.«
So von allen Seiten in die Enge getrieben, verlor Engelhart selbst das Vertrauen zu dem gegenwärtigen Zustand. Das Schlimmste war, daß er mit dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des Monats nicht wußte, wovon er leben sollte. Er konnte nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu essen pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er träumte sich hinweg über die Mißlichkeiten, sein Inneres befand sich in einer beständigen Glut.
Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach Hause, auch die geringe Zahl der übrigen Bekannten verließ die Stadt. Engelhart wanderte unter den Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende war. Das Gewimmel geputzter Menschen stimmte ihn traurig. Vor der kleinen Rotunde begegnete ihm eine auffallend schöne Frau, er blieb stehen und sah ihr mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den Englischen Garten. Bei der Mühle lagen riesige Felsen im Wasser, er kletterte von Stein zu Stein und ruhte endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren nicht Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein mystisches Weben in seinem Innern, das einen Zustand von Dämmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat hinein und ließ sich von der kühlen Stille wollüstig umschauern.
Es war ihm zumute wie einem Seiltänzer, dem die Balancierstange entfallen und der nun die Augen schließt und bebend in die Luft greift, um nicht zu stürzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. Er merkte nicht, daß es im Zimmer dunkel wurde. Um neun Uhr pochte die Hausfrau und brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jäh und glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit engelhaften Zügen und einer sanften Gewalt der Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame, die ein Seifen- und Kerzengeschäft führte.
Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat verlassen und weilte bei den Eltern in Würzburg, von wo sie ihm einen ihrer kindlichen und unbedeutenden Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung schlaff waren. War es doch ein weibliches Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehörte. Stundenlang saß er in der Nacht und betrachtete immer wieder das Bildnis der Schwester.
Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, daß Engelhart der Müßiggängerei ein Ende mache und einstweilen nach Würzburg reise. Engelhart war der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit floß fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, mußte aber seine Uhrkette verkaufen, da sonst das Geld zur Fahrt nicht gereicht hätte. Er wurde nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet aus. Trotzdem schien Herr Ratgeber nie verdrossen, eher bekümmert, und auch dies nur, wenn er sich unbeobachtet wußte. Er litt unter seinem neuen Beruf, denn es war der jämmerlichste von allen Berufen der Welt und zwang den zurückhaltenden Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz unverschämt war, durfte kein Mittel verschmäht werden, und wer am meisten schwatzen konnte, trug den Sieg davon.
Abel war Lehrling in einem Tuchgeschäft; in der Schule hatte er nicht länger bleiben wollen, aber in seiner Stellung tat er auch nicht gut, er machte schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft war beschlossen worden, ihn nach Amerika zu expedieren; Herr Ratgeber hatte sich an einen Jugendfreund gewandt, der drüben reich geworden war. Am zehnten September ging das Schiff von Bremen ab, bis dahin mußte Abel reisefertig sein.
»Du mußt nach Wien schreiben und Abbitte leisten,« war das erste Wort morgens und das letzte abends für Engelhart. Er sträubte sich aus allen Kräften, der bloße Gedanke machte ihn sich selber zum Abscheu. Aber die Tage sind lang und das Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die Demütigungen und Vorwürfe von seiten der Stiefmutter wirkte der stille Kummer des Vaters. Herr Ratgeber vermochte dem Sohn gegenüber nicht beredt zu werden, wie er sich’s vorgenommen hatte. Er nahm in Engelharts Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken im Auge, einen Tonfall der Sprache, was ihn an die eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein Herz milder als sein Urteil. Es war öde um ihn, unwillkürlich suchte er im Gefühl zu den Kindern einen Halt.
Es war ein wunderbar verblühender Sommer, ein stetiges Abflammen in den Herbst hinein. Engelhart trieb sich in den Weinbergen herum und schaute von oben auf die türmereiche Stadt nieder. Im Hause war er gern, wenn Gerda zugegen war. Sie war schön zu nennen, zart von Gestalt, blaß von Gesicht; ihr schüchternes Auge, ihr sanftes Hinträumen machten einen innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; sie lachte; vom Bruder beschenkt zu werden, erschien ihr komisch.
Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. Engelhart stand auf, klopfte an Gerdas Schlafzimmertüre und fragte, ob sie sich fürchte. Sie schlief und hörte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das Donnern in die Ferne zog. Er dachte darüber nach, ob Gerda einst glücklich sein würde. Auf der Straße bemerkte er sie von weitem und blieb in unbesieglicher Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und ihre Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen tadelnswert überschwenglich, und er erinnerte sich mißbilligend an die seltsame Gewohnheit, die sie hatte, Kalk von den Wänden zu schaben und zu essen.
Gefährten hatte er hier keinen. Es gab viele Studenten in der Stadt, doch er fühlte sich nicht zu ihnen gehörig; es gab auch viele Kaufleute, und zu den Kaufleuten gehörte er gleichfalls nicht.
Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz geschrieben und abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen und Selbstanklagen. Vor der Stadtmauer beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr lief. Dorthin eilte Engelhart, wühlte das Gesicht ins Moos, und nachdem er eine Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte sich auf den Rücken und studierte die Wolken. Oben auf der Mauer war eine einsame, von Birken- und Ahornbäumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der dumpfe Abel hatte keinen Begriff von Reise und Ferne, er freute sich nur, der unerträglichen Tyrannei der Stiefmutter entrinnen zu können. Widerwillig war er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen und Ratschläge lästig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, und Abel sagte gelangweilt: »Du könntest mir wenigstens eine Geschichte erzählen, Engelhart, wie früher, weißt du noch?« – »Schön, ich will dir etwas erzählen,« antwortete Engelhart, »die Geschichte vom ewigen Bräutigam.« Er schaute eine Weile besinnend in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da fing er an:
Es lebte einmal ein ganz gewöhnlicher Hirtenjunge, dessen größtes Vergnügen war es, auf der Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je nachdem die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, daß sie ihm nicht ins Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: »Nichts zu tun, Jackele?« so antwortete er: »Alles schon getan,« und sie nannten ihn daher Jackele Katzenpelz. Einmal wurde Jackele mit den Gänsen auf eine Waldwiese geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich auf den Rücken und dachte darüber nach, was wohl hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen sein möchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, erhob er sich und wollte die Gänse zusammenrufen. Da sah er einen großen rosigen Flamingo, der vom Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die Flügel ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die Luft flog. Kaum hatten die Gänse den zauberhaften Ruf vernommen, so flatterte eine nach der andern hinauf, und sie zogen in langer weißer Linie zuerst um die Baumkronen und dann in den abendlichen Äther. Als Jackele ohne die Gänse heimkam, fielen die Dorfbewohner über ihn her, prügelten ihn erbärmlich, und sein Vater wies ihn von der Tür und sagte, er solle ihm nicht mehr vor Augen kommen ohne die Gänseherde. Mitten in der Nacht mußte er aus dem Dorf wandern und sann darüber nach, wie er wieder zu den albernen Gänsen kommen könnte. Die Frösche hockten aufgeblasen in der Wiese und quackten:
»Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gäns’?
Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwänz’.«
Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den Gänsen und wurde traurig. Da tauchte ein silberner Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser empor, tanzte eine Weile umher und flüsterte endlich:
»Jackele, nicht weinen,
Sternlein soll scheinen,
Sturmwind soll wehn,
Mußt durch die sieben finstern Länder gehn.«
›Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern Länder finden?‹ dachte Jackele. Aber die Sterne schienen so hell vor ihm her, daß er nicht in die Irre geraten konnte, und als er anfing, müde zu werden, kam der Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug ihn bis dorthin, wo wieder die Sonne am Himmel stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern der königlichen Burg in einem Garten mit lauter dunkelroten Blumen. Und wie er aufhorchte, hörte er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter und wußte, daß seine Gänse im Schloß des Königs seien. Er pochte schüchtern an das eiserne Tor, doch niemand hörte ihn, und es ward nicht geöffnet. Schon fing sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein Bienenschwarm heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er mit den Händen Gesicht und Augen verdeckte, um sich vor ihren Stichen zu schützen, hörte er, wie sie summten:
»Mußt das feige Blut bezwingen,
Nicht nur warten, nicht nur hoffen,
Wolle nur, so wird’s gelingen,
Riegel fällt und Tor ist offen.«
Als er dies vernommen, nahm er seine ganze Kraft und alle Gedanken zusammen und schritt auf das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der Soldat, der vor der Tür des Königs Wache hielt, ließ vor Schrecken das Gewehr fallen und eilte, den Vorgang zu melden. Auch der König geriet in Angst, und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu vernichten. Er warf den Purpurmantel über die Schulter, ging dem Fremdling entgegen, lud ihn ins Schloß und bot ihm eine Stelle als Reichsminister an. Der alberne Hirtenjunge schüttelte den Kopf und forderte nichts weiter als seine Gänse. Da lächelte der König, ließ den Stall öffnen, die Gänse marschierten freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus dem Tor und sie wanderten allesamt gegen die Heimat. Nun befand sich jedoch unter den Höflingen des Königs ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles mitangesehen und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit den Gänsen müsse es eine eigne Bewandtnis haben; kurzum, er glaubte nicht an die Einfalt des Hirten und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch, der über geheimnisvolle Kräfte der Geisterwelt verfüge. Er setzte sich deshalb in den Kopf, ihm die Gänse abzulisten, eilte ihm nach, verwandelte sich in einen Zwerg und stand plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor Jackele da. »Gib mir deine Gänse,« sagte er, »und ich will dir geben, was noch kein Mensch besaß.«
»Was willst du mir geben?« fragte der Hirt.
Der Zwerg hielt ihm eine goldne Schüssel entgegen, und darauf lagen drei Dinge: ein weißer Edelstein, ein gläsernes Auge und ein frisch blutendes Herz, so klein wie eines Vogels Herz. »Wähle,« sagte der Zwerg.
»Was ist es mit dem Edelstein?« fragte Jackele.
»Er gibt Reichtum,« antwortete der Zwerg.
»Und mit dem Auge?« fragte der Hirt.
»Es gibt Wissen,« sagte der Zwerg.
»Und das Herz?«
Da schüttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete, darüber könne er keine Auskunft geben.
Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und kaum hielt er es in der Hand, so war der Zwerg samt allen Gänsen verschwunden. Jackele spürte aber auf einmal eine mächtige Unruhe in seinem Innern. Als er in das Dorf zurückkam, fand er in allen Gesichtern Spott und Haß. Die Kunde, daß er um der elenden Gänse willen des Königs Gnade ausgeschlagen hatte, war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht einmal die Gänse zurückbrachte, verwünschten sie ihn wegen seiner Dummheit, jagten ihn davon und schrien:
»Katzenpelz-Jackele,
Kein Geld im Sackele,
Im Kopf kein Verstand,
Der ärgste Tropf im Land.«
Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der armen Brust des Hirten. Es zog ihn die kreuz und die quer durch das Land, es zog ihn zu den Menschen, er fand auch da und dort Aufnahme, aber er konnte nirgends bleiben, immer trieb es ihn weiter und schließlich fingen die Leute an, ihm zu mißtrauen und sagten: Man muß sich hüten vor ihm, er hat einen bösen Blick. Da er auch kein Geld besaß, so gaben sie ihm nichts mehr zu essen, und er mußte hungern. Nach überlangem Wandern begegnete er auf der Landstraße einem dürren alten Weiblein und fragte, ob sie nicht wisse, wie man Schätze erwerben könne, denn er bereute jetzt aufs heftigste, daß er damals nicht den Edelstein von der goldenen Schüssel genommen.
»Zieh nur weiter bis gegen Mittag,« sagte das Weiblein, »da kommt ein Berg und da wohnt ein Schmied, der weiß, wie man Schätze erwerben kann.«
Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den Schmied, der nackt, mit rußgeschwärztem Leibe vor der Esse stand, er möge ihm helfen, Schätze zu erwerben. Der Schmied führte ihn in die Werkstatt und hieß ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte auf und Jackele sah glühendes Gold in den Flammen liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu überlegen griff er mitten in die Glut und wollte das Gold nehmen. Aber das Feuer verbrannte seine beiden Arme bis an die Ellbogen hinauf, und er warf sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der Schmied lachte, ergriff den großen Hammer, ließ ihn viele Male auf den Amboß heruntersausen und bei jedem Schlag rief er lachend aus: »Schaff dir das Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe!« Jackele verließ die Schmiede und kam alsbald in den dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es wurde ihm so einsam, daß er zu sterben fürchtete, außerdem schmerzten ihn die verbrannten Arme. Als es Abend wurde, machte er am Rande eines verfallenen Brunnens Rast, und da ungeachtet aller Müdigkeit doch wieder die treibende Unruhe über ihn kam, dachte er an die Worte des Schmieds, nahm das blutende Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und sagte: »Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele vergiftet, hast mir die Ruhe genommen, so fahr in die Tiefe, ich will deiner los sein.« Damit schleuderte er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen hinab.
Auf einmal hörte er wieder jenes vertraute Geschnatter in der Luft wie vor dem Königsschloß, und als er emporschaute, sah er drei Gänse aus seiner Herde, und jede saß auf der Krone eines Baumes. Jetzt flatterte die erste herab, setzte sich an den Rand des schwarzen Loches und rief:
»Herz der Welt, du sollst erglühen,
Ich bring’ dir einen Bräutigam,
Laß ihm deine Schätze blühen.«
Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des Brunnens, wie wenn alle Finsternis des Erdenschoßes sich in eitel Feuer verwandelt hätte. Die Bäume fingen an zu rauschen wie Orgeln, die Vögel zwitscherten, daß es wie der Gesang von Elfen ertönte, und Jackele starrte hinab, sah der Welten Herz erglühen und seine Sehnsucht und Reue wurden so groß, daß er meinte, es werde ihm die Brust auseinanderreißen. Die zweite von den Gänsen rief indessen immerfort: »Du bist der Bräutigam, du bist der Bräutigam;« und die dritte, die schwarzflüglige, flog auf, ließ sich, als sie über der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur Tiefe sinken, und da sie unten war, fing sie an zu brennen, ward aber plötzlich verzaubert und kam als herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie ließ ein paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles Wunden fallen, daß sie sogleich heilten, und sagte: »Das Herz der Welt läßt dich grüßen, du sollst hinuntersteigen und dich ihm anvermählen.« Inzwischen war Jackele von einem Holzknecht bemerkt worden, der es den Leuten im Dorf verraten hatte. Diese eilten nun mit Dreschflegeln herbei, um den unnützen Gesellen totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit einem silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens sitzen sahen, den fremden Vogel auf der Schulter. Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen schließlich beängstigt und kopfschüttelnd wieder nach Hause. Nun sollte Jackele in den Brunnen steigen, doch das war ein so schweres Unternehmen, daß Tag um Tag verging und er nicht einen Schritt weiterkam. Es gab kein Seil, das lang genug gewesen wäre; er mochte graben und schaufeln und Leitern bauen, es half alles nichts, und wäre nicht der Gesang des Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick des glühenden Herzens in der Tiefe, so wäre er verzweifelt und hätte von seinem Vorhaben abgelassen. Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich nicht sagen, weil ich’s nicht weiß. Vielleicht ist es ihm am letzten Tag vor seinem Tode doch gelungen.
Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er sagte, an Zaubereien glaube er nicht, und daß Gänse und Frösche sprechen könnten, sei nicht wahr. Sie schritten währenddem beide über die gewundenen Terrassen herab in die Lauben- und Efeugänge des Gartens und sahen die vielfach verzierte Fassade des Schlosses vom bleichen Abendlicht übergossen. Engelhart war tief in Gedanken und durch die Luft wie durch die Blumengerüche gleicherweise erregt.
In der Frühe um halb fünf nahm Abel Abschied. Engelhart und der Vater begleiteten ihn zum Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch hatten ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht, es sei doch gefährlich, einen Knaben von dreizehn Jahren bis ans andre Ende der Welt zu schicken. Als sie wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart, daß es um den Mund des Vaters verräterisch zuckte. Gleich darauf trafen sie am Glacis einen Rimparer Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam, Herr Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den Säcken enthalten sei, und verhandelte dann eifrig wegen eines Zentners Kartoffeln mit ihm.
Wenige Tage später kam der Antwortbrief von Michael Herz. Er wolle den Gelöbnissen trauen und es noch ein einziges und letztes Mal probieren. In sein eignes Geschäft könne er Engelhart schon aus Gründen der Disziplin nicht zurücknehmen, er habe einen Freund, den Chef des angesehenen Exporthauses Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als Lehrling aufzunehmen. Es hänge alles andre davon ab, ob er dort ernsten Willen und dauernde Besserung zeige. Durch seinen Wahnsinn habe er ein ganzes Jahr vergeudet, hoffentlich hätten ihn seine Erfahrungen für immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen über die Reise; er solle nach der Ankunft in einem billigen Vorstadthotel übernachten und sich am Morgen gleich seinem künftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem eignen Hause wohnen zu lassen, halte er nicht für angemessen, einer solchen Vergünstigung müsse sich Engelhart erst würdig zeigen. Er habe einen seiner Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer zu mieten. »Zu Mittag kannst du bei uns sein,« schloß das polizeimäßig sachliche Schreiben, an dessen Inhalt Engelhart schluckte und würgte, »das Abendbrot bekommst du bei der Familie Kapeller.«
Herr Ratgeber war glücklich über den Verlauf. Er nahm den Sohn mit ins Kaffeehaus, zahlte die Zeche für ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die aufrichtig gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an Engelharts Ohr vorüber.
Neuntes Kapitel
Die trübselige Reise, das Übernachten in einem schmutzigen Hotel, das peinliche Wiedersehen mit dem Oheim, es glich einem Traum von nicht unerwarteter Häßlichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und Sohn mußte Engelhart stundenlang warten. Junge Leute mit bleichen und hochmütigen Gesichtern saßen an den Pulten im Kontor, in das er durch eine Glastür blicken konnte. Ein schwarzbärtiger finsterer Herr führte ihn schließlich ins Privatgemach des Chefs. Dieser Raum zeigte einen weibischen Luxus und glich mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer eines Geschäftsmannes. Herr Freitag, ein kleines grauhaariges Männchen, lag in einem ungeheuern Ledersessel und hielt, nach Art der Weitsichtigen lesend, in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem Engelhart den schüchternen Gruß wiederholt hatte, wendete Herr Freitag den Kopf und starrte, scheinbar höchst überrascht, den jungen Menschen mit herausquellenden Augen von oben bis unten an. »Bevor Sie das nächste Mal in ein anständiges Zimmer treten, lassen Sie Ihre Stiefel säubern, Verehrtester,« zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen. »Sie sind also der Ausreißer, wie? Schön, schön, wir werden ja sehen, wenn Sie nicht parieren, werf’ ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.«
Ein enges düstres Loch im Erdgeschoß eines engen düstern Hauses war das Zimmer, das Engelhart bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang und war nur durch die Küche und das Wohnzimmer der Partei zu erreichen. Nebenan war die Straße, wenn ein Fuhrwerk über das Pflaster donnerte, begannen die Fensterscheiben und das Geschirr auf dem Waschtisch zu klappern. Engelhart dachte, es sei nicht möglich, hier zu schlafen, es sei nicht möglich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl mit zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer Stunde regungslosen Hinbrütens ging er daran, seinen Koffer auszupacken. Er hatte das Gefühl, als ob sein Blut bitter geworden sei.
Kapellers wohnten ein Stockwerk höher. Es waren vier Brüder, die bei der Mutter lebten, lauter junge Männer, denen das bloße Aufderweltsein schon gewaltigen Spaß machte; wenn sie außerdem noch tanzen und ins Theater gehen konnten, waren ihre Ansprüche an das Leben erfüllt. Die Frau besaß ein kleines Geschäft auf der Hauptstraße und brachte sich knapp durch, aber sie ließ sich nichts abgehen und war die lustigste von allen. Zuerst begegneten sie Engelhart mit der Achtung, die sie dem Neffen eines reichen Mannes schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie sein insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. Es kam auch vor, daß er aus sich herausging und zu plaudern begann; es durfte nur ein sympathischer Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten seine Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig klangen, sie wurden von Mißtrauen gegen diese Worte erfaßt, waren überhaupt beunruhigt, sträubten sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, wenn er endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, so brach der Streit aus. Die jüngeren schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei Michael Herz angestellt war und Engelhart schon von früher kannte, nahm sich seiner an, suchte die Natur des Knaben nach irgendeiner geläufigen Schablone zu erläutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, den Fremden in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn aber doch nur wie einen Schauspieler, der einem für bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt; endlich fand der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Erörterungen abschnitt, und sagte: »Er ist halt ein Jud.« Am nächsten Tag gab ihnen Engelhart wieder neuen Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich der jüngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder Manier und mit wahren Bärentatzen ein paar Märsche und Walzer herunter. Während er eine Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: »Ich kann auch Klavier spielen,« und unter dem neugierigen Schweigen der Familie setzte er sich vor das Instrument, schaute eine Weile in die Luft und viele Monate lang vergaß er die drangvolle Sehnsucht nicht, die ihn in diesen Augenblicken erfüllte. Es war wie ein Wahn, er hatte gedacht, er müsse spielen können, die Tasten und die Saiten könnten nicht anders, als seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mußte er unter dem hämischen Gelächter der am Tische Sitzenden abziehen, und obwohl tief beschämt, lachte er mit ihnen.
Im Freitagschen Geschäft kümmerte man sich weniger um ihn, als er erwartet hatte. Im Anfang hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand von seiner Bemühung Notiz nahm und es gleichgültig schien, ob er viel oder wenig tat, erlahmte er schnell. Was soll ich denn hier? war die Frage, die ihm beständig durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft nützen? Nach Gelderwerb stand ihm nicht der Sinn, und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn er sie nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und dorthin geschoben, keiner scherte sich um den andern, es wurde nur gerade das Notwendige geleistet und das mit viel Lärm und Wichtigtuerei. Herr Freitag selbst war Spekulant und hatte an der Börse ein großes Vermögen gewonnen. Er betrachtete das Warengeschäft als eine Spielerei und hielt es nur mit Rücksicht auf seine Söhne in Gang, von denen sich aber niemals einer blicken ließ. Wenn sich Herr Freitag vorn in den Schreibstuben befand, wurden in der sogenannten Auslieferung, wo Engelhart beschäftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten aufgestellt, damit er seine Leute nicht überrumple. Schon von weitem hörte man ihn fauchen, spucken und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit Flügeln um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Säle zappelte, steckte seine Nase in jedes Stück Papier und behauptete unablässig, er sehe alles, er höre alles, ihm entgehe nichts. Gefürchtet wurde bloß Herr Gallus, der finstere Schwarzbärtige, der Prokurist der Firma, und dessen Vertrauensperson war die Expedientin, Fräulein Ernestine Kirchner. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, vielleicht achtundzwanzig Jahre alt, hatte eine hübsche Gestalt, einen langsamen und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie wurde von allen, auch von Herrn Freitag, mit Respekt behandelt, nur der finstere Gallus nannte sie kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmäßig heiteres Naturell wirkte sie besänftigend auf die verschiedenartigen Elemente, und sie beobachtete Engelharts unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme. Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit auferlegt und sie war am Nachmittag noch ungetan, so ließ sie keinen Vorwurf hören, sondern ging in aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor der Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und nahm sich das nächste Mal zusammen.
»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn einmal und sah ihn mit ihren dunkelblauen Augen erstaunt an; »wie kann man unaufhörlich denken!«
»Ich denke gar nichts,« erwiderte er, »ich bin nur traurig.«
»Ach du himmlische Güte!« rief sie aus und schlug gutmütig spottend die Hände zusammen. Sie fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick war ein Aufglänzen, es schien ihr, als habe sie diesen dunkeln Kopf mit den gesammelten Zügen vor vielen Jahren schon gesehen, es überrieselte sie eine freudige Erinnerung.
In demselben Raum arbeitete ein häßlicher, einäugiger und fast zahnloser Mensch namens Zeis; er war tüchtig und der einzige, der kaufmännischen Ehrgeiz besaß, aber aus Furcht vor der Aufsässigkeit der lediglich taglöhnernden Genossen versteckte er sich hinter einem schlappen und schläfrigen Wesen. Mit Mißvergnügen war er Zeuge des guten Einvernehmens zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit Franz Kapeller bekannt war, erfuhr er einiges über Engelharts früheres Schicksal und benutzte dann seine Wissenschaft zu bösartigen Entstellungen. Außerdem hetzte er die andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles in der Stille und mit einer wirkungsvollen Gleichgültigkeit. Einmal mußte Engelhart mit dem ältesten Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank tragen, es war Abend, als sie zurückkehrten, Porkowsky blieb auf der belebten Straße bei einer Dirne stehen und führte ein freches Gespräch, um sich vor Engelhart als Lebemann aufzuspielen. Engelhart hörte eine Weile wie versteinert zu, dann machte er sich davon und kam lange vor dem andern ins Geschäft. Dies mußte auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht wurde, war es streng untersagt, daß die Boten sich trennten, selbst auf dem Heimweg. Engelhart trug Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky machte sich diesen Umstand zunutze und brachte bei Herrn Gallus eine Lüge vor, durch die Engelhart schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut zu sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu war er zu vornehm, er begnügte sich mit einem geringschätzigen Lächeln, das sich müde durch seinen kohlschwarzen Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam jeder zwei oder drei Dukaten, Engelhart allein ging leer aus. Es hieß, der Chef sei unzufrieden mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld gerechnet, weil er einige Bücher davon hatte kaufen wollen, nach denen er längst Begierde empfand, und er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn, wieviel er bekommen habe, und er erzählte, er habe zwanzig Gulden bekommen. Sie erfuhren bald die Wahrheit, es war auch eine gar zu unvorsichtige Lüge, doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern suchten ihn durch tägliche versteckte Bosheiten zu beschämen. Sie glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut zu haben.
Vor dem Oheim ließ sich natürlich nichts verheimlichen. Aber er nahm es nicht so schwer, wie Engelhart gefürchtet, es war, als ob er sich zur Nachsicht entschlossen hätte. Es ging Michael Herz eigen mit Engelhart. Etwas widerstrebte ihm an dem jungen Menschen aufs äußerste, die ganze Art der Lebensführung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit des Auftretens, etwas feige Beklommenes, worunter es seltsam zuckte und wühlte wie bei jemand, der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem Ausbruch eines Feuers fürchtet. Anderseits sprach das Blut mit deutlicher Stimme für den Neffen; wenn er mit Engelhart allein war, bestach ihn oft ein Wort, das so lebendig und neu klang, wie er es sonst von keinem Mund noch gehört, und er konnte sich dem flehentlichen Werben eines Blickes so wenig entziehen, daß er ihn aufs gütigste und doch so scheu, als beginge er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch befragte. Dies rührte Engelhart stets, und er hätte sich der Käuflichkeit des Gefühls schuldig gefunden, wenn er bei solchem Anlaß ein Verlangen geäußert hätte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mißtrauen und hier ein unfruchtbares Sichverschließen. Michael Herz vergaß rasch; er vergaß das Üble, was man ihm zugefügt, und er vergaß den günstigen Eindruck, den er erhalten; alle Kräfte des Willens und der Energie verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte er nur dämmernd hin und war jeder fremden Einflüsterung zugänglich, insonderheit von seiten der Frau, die er in seiner stillen Weise unendlich vergötterte. Es machte Engelhart Kummer, daß er die Abneigung dieser Frau nicht zu besiegen vermochte. Als er eines Mittags bei Schneegestöber das Geschäft verließ, bot eine Blumenhändlerin ihm wie allen Vorübergehenden Veilchen zum Kauf an. Er überlegte im Weitergehen, kehrte um und nahm drei Sträußchen, die er zusammenband. In allem Ernst dachte er, daß er Frau Esmee durch die Blumen milder stimmen könne. Es kam Farbe in seine Wangen, er verdoppelte seine Schritte und beglückwünschte sich zu dem Einfall. Frau Esmee nahm den Strauß mit unbewegter Miene entgegen, nicht gerade verdrossen, aber doch gelangweilt oder als ob er einen Gegenstand vom Teppich aufgehoben hätte, den sie fallen gelassen. Während des Essens war sein Gesicht weiß wie der Teller und der Oheim äußerte sich besorgt über seinen Mangel an Appetit. Später mußte er bei einigen Handwerkern in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er sah da immer viel Elend, kranke Weiber, betrunkene Männer, rhachitische Kinder, armselige Stuben, in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. In tiefer Betrübnis kam er gegen Anbruch der Dämmerung ins Geschäft zurück. Von den Herren im Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge waren fort, Ernestine Kirchner saß allein an ihrem Schreibpult, und als er eintrat, schob sie einen angefangenen Brief beiseite, stützte den Kopf in die Hand und schaute in den immer dichter fallenden Schnee hinaus, der die Gasse mit bläulichem Licht füllte. Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwürfe darüber hören müssen, daß sie seine Lässigkeit nicht nur dulde, sondern geradeswegs unterstütze. Er seufzte, und ohne sie anzuschauen, griff er zur Feder. Sie lehnte sich mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre Schulter streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die langsam und maschinenmäßig Zahlen und Buchstaben aufs Papier schrieben.
Ernestine dachte, daß vielleicht ein Geheimnis auf ihm laste. Sie wünschte, daß der leidenschaftlich verpreßte Mund sich öffnen solle. Freilich wußte sie schon, daß er die Dinge zu schwer nahm und alles zu nahe an sich herantreten ließ, daß er zu bedürftig um die Herzen der Menschen warb und sich wehrlos der umklammernden Verstimmung preisgab, wenn er sich fortgestoßen fühlte. Plötzlich warf er den Kopf etwas zurück und sagte: »Ich bin nicht dafür geboren, damit Sie es nur wissen.«
Sie lächelte, und ihr verwunderter Blick schien fragen zu wollen: und wofür bist du denn geboren? »Aber Kind,« sagte sie sanft, nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und drehte ihn wie den einer Puppe, bis sie seine Augen den ihren gegenüber hatte. »Ich weiß alles,« sagte sie mit einem gespannten und heiteren Ausdruck in den Mienen, »alles, alles, alles.« Damit küßte sie ihn dreimal auf die Lippen. Engelhart lehnte die Stirn an ihre Wange; er spürte einen leichten Schrecken, als befinde er sich nun in Schuld. Gleich hernach hörten sie Schritte; Herr Gallus kam und fragte grob, warum noch kein Licht brenne. Er schritt ein paarmal schweigend auf und ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnürtes Paket und ging wieder.
Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur Seite. Zum erstenmal im Leben durfte er sich aussprechen, mit seinen eignen Worten sprechen, ohne Rückhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. Noch nie hatte Ernestine dergleichen gehört; sie war erstaunt. Welcher Trotz, welche Glut! Im Nu entstanden Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht, ein Funkenschwall von großen Worten prasselte, berauscht vom offenbar Unmöglichen, begann er zu tanzen, aber die einfache Frage: was willst du? wohinaus, Jüngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, vermochte er nicht zu beantworten. Ein neugieriger Blick des Mädchens verletzte ihn, und er fiel in dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, durch Worte, durch Blicke, durch das Beargwöhnen fremder Gedanken zu leiden. Sie war zärtlicher als eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine Leidenschaft erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu dämpfen. »Mein Liebling,« sagte sie zu ihm. Immer trug sie sein trunkenes Gesicht im Innern, das geistige Auge, aber das liebste war ihr sein Träumerlächeln, wenn er vor ihr saß mit verschleiertem Blick, still und aufrecht wie eine Pflanze.
Es kam der Frühling, und mit ihm eine bange Zeit für Engelhart. An einem der ersten schönen Tage begleitete er Ernestine vom Geschäft aus in ein entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen wollte. Sie plauderten ruhig, Engelhart erzählte von seinen Eltern; es umfing ihn stets ein tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit Ernestine ging und wenn sie mit einem wunderbaren Ernst ihm zuhörte. Dann trennten sie sich, und er kehrte allein zurück. Die Sonne war schon untergegangen, rosiger Staub erfüllte die Straße, die Luft roch wie Wein. Engelhart spürte eine schreckliche Erregung, er spürte sie wie kleine Kugeln durch die Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und atmete schwer. Menschen und Dinge erschienen ihm wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen und Mädchen, die er sah, fielen plötzlich die Gewänder ab, und sie schritten nackt dahin; er sah, wie ihre Knie sich bogen und die Haut über den Hüften schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern der Häuser hindurch und gewahrte überall das, was ihm Grauen und Lust erregte. In seiner Kammer angekommen, ließ er die Rolläden herab, verstopfte mit Baumwolle die Ohren und brütete vor sich hin. In der Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich wie ein Vergifteter auf dem Lager. Die leichte Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm heiß, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zündete er die Kerze an und versuchte zu lesen. Das Herz schlug so laut, wie wenn man mit dem Knöchel an ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den Kopf gegen die Wand, aber die Stille hatte tausend Zungen und führte Bilder herauf, die vor Scham seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. Da trat sie schon an das Lager, und er küßte sie wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in seinen Armen, er warf sich schluchzend über sie hin und ließ Blut von seinem Blut in ihre Pulse strömen. Doch seltsam, als er am nächsten Tag mit ihr allein war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die Erinnerung an die Wünsche der Nacht ließ ihn vor Scham erbleichen. Und kaum war er allein, so kam es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer auf die Straße und marschierte weit, bis er zu dem Haus kam, wo Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, zu ihren Fenstern emporzublicken, und das tolle Fieber wich vollends, als er müde war vom Stehen.
Wohl bemerkte Ernestine die Veränderung in seinem Wesen, und sie ahnte den Grund. Ihre Unbefangenheit und die seelenvolle Freiheit ihm gegenüber schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. Sie hatte kein leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen lagen hinter ihr; durch gewisse Verpflichtungen war sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und dies kann den Geist mehr umdüstern als unmittelbare Leiden. Demungeachtet war ihr eine süße Heiterkeit des Herzens verblieben, und ihr Gemüt war das jener Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und für alle Bitterkeiten, welche sie erfahren müssen, in ihrer Brust eine ganz besondere, ehern verschlossene Kammer besitzen. Sie hatte nicht beabsichtigt, in Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur so gekommen; jetzt fühlte sie sich auf einmal wunderlich verkettet, und das machte sie schwermütig. Er glaubte, sie wisse nichts von seinen verborgenen Drangsalen, aber sie wußte alles, da sie schon ein erfahrenes Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. Freilich hatte sie gedacht, ihn führen, ihm helfen zu können, etwas in ihm erhob sie über sich selbst; nun fühlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich. In einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es wäre besser, wenn sie nun wieder einander fremd würden. Aber als sie ihn dann ansah, bereute sie ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben viel; selbst die ungern durchlebte Vergangenheit schwindet im Leuchten eines geliebten Auges hin. Sie drückte die Lippen auf seine Haare, während er in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentümliche Schlaffheit an, halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, regungslos wie eine Zielscheibe für die Geschosse des Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen, denn er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das lag in mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und hatte kaum Gestalt; es schwamm hoch im Bereich des Traumes gleich einer Wolke über Schneegipfeln.
Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der beiden nicht unbemerkt geblieben. Der einäugige Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen und konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte es, Ernestine zur Rede zu stellen; sie fertigte ihn nach Gebühr ab. Darauf machte er sich an den Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmütig, um Notiz davon zu nehmen, wenigstens blieb er äußerlich kalt. Doch war er an diesem Tag finsterer denn je, und als der Korrespondent ihm einen Brief zur Unterschrift reichte, riß er das beschriebene Blatt ohne Anlaß mitten durch und knirschte mit den Zähnen. Man sagte allgemein, daß er Ernestine Kirchner heiraten wolle und daß sie sich ihm versprochen habe. Sie verließen auch oft zusammen das Geschäft, und einmal bei Regenwetter waren sie Arm in Arm gegangen. Wenn Engelhart darüber etwas erfahren wollte, schüttelte Ernestine bedächtig den Kopf, und es schien, als ob sie nicht gern davon sprechen höre. Im übrigen zeigte sie sich jenen Umtrieben gegenüber sorglos wie jemand, der seiner Macht sicher ist. Herr Zeis wußte immer mehr die Lehrlinge aufzuhetzen, von denen Porkowsky schon längst Engelharts geschworener Feind war; sie schnüffelten unaufhörlich um ihn herum, kontrollierten seine Arbeit, wußten es anzustellen, daß er möglichst viel in der Stadt herumlaufen mußte, streuten bösartige Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber fassen wollte, zerfloß alles in Luft und Gelächter. Engelhart glaubte es oft kaum ertragen zu können, er atmete wie in Gewitterschwüle, er wurde mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die heißen Tage des Sommers und jenes andre, das ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene Gefühl seines Leibes, so daß ihm zumute war wie einem Menschen, der vor dem Spiegel steht und sein eignes Bild nicht gewahrt.
Eines Nachmittags, es war Ende Juli, ließ der Buchhalter Herrn Zeis eine Faktura abfordern, die er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, erinnerte sich aber, sie auf Fräulein Kirchners Tisch gesehen zu haben. Es wurde gesucht, alle Schubladen aufgerissen, alle Mappen durchstöbert, schließlich wurde die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstück zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling Porkowsky versicherte sogar, Zeuge gewesen zu sein. Engelhart protestierte, es kam Herr Gallus hinzu, öffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes und murmelte etwas Verächtliches über die Unordnung darin. Engelhart bemerkte schüchtern, Porkowsky habe schon in der Lade gesucht. Herr Gallus zuckte die Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte Engelhart mit einem Blick maßloser Geringschätzung. Er hatte die Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen und zwischen zwei Löschblättern ein Bild hervorgezogen, eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit einen ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten sich neugierig hinzugedrängt und kicherten. Herr Gallus faltete das Blatt schweigend zusammen; er stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf den Fußspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, die außerordentlich blaß geworden war, und sagte: »Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jüngling zu sein.«
Engelhart zitterte am ganzen Körper. Er spürte Nadelstiche im Kopf und griff unwillkürlich an seine Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam zwischen die Zähne geschlürft, und seine Züge zeigten einen beängstigenden Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf Porkowsky, und nicht so bald hatte er das höhnisch-feindselige und dumpf-verlegene Lächeln auf dessen vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm alles klar wurde. Ohne Besinnung stürzte er auf den Burschen zu, packte ihn mit der einen Faust an der Kehle, mit der andern bei der Schulter und riß ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, der Prokurist und Herr Zeis fielen dem Rasenden in die Arme und drängten ihn gegen das Fenster, wo er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen blieb. Porkowsky stöhnte und lag dann still da, doch war er nicht verletzt. Herr Gallus ging zu der Glastüre, die von diesem Raum aus auf die Straße führte, öffnete sie, streckte die Hand aus und rief Engelhart zu: »Marsch!« Engelhart nahm seinen Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.
In demselben Schritt und derselben geduckten Haltung, wie er jene verlassen, schlich er weiter und wurde noch in entfernten Straßen von ihren haßerfüllten Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat in ein Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich jedoch nicht lange auf, sondern ging nach Hause, warf sich auf das Bett und schlief ein. Er träumte, daß er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, über der sich jedoch statt des Himmels eine seltsam grüne, moosartige Decke wölbte. Freudig wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er sich durch eine gläserne Wand gehemmt, die er vorher nicht bemerkt. Er versuchte es nach einer andern Seite, und es erging ihm nicht besser, ringsum waren gläserne Wände, und allmählich wurde ihm der Anblick der Schönheit zur Qual, in der er dann aufwachte.
Kapellers ließen ihn wissen, daß sie den Abend auf dem Kahlenberg zubringen wollten, wenn er mitzutun Lust habe, sei er willkommen, wenn nicht, finde er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten aus; um acht Uhr aß er oben alleine, und als er wieder herunterkam, fand er einen Brief von Ernestine, den ein Bote gebracht hatte. »Mein Liebling,« schrieb sie, »ich weiß, daß Du unschuldig bist. Du sollst nicht verzweifeln, ich will alles wieder für Dich richten. Vertraue nur auf mich, mein Liebling, mehr kann ich Dir für heute nicht sagen.« Da beschloß er, in ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde war er dort und läutete. Es wurde erst nach geraumer Weile geöffnet. Ernestine schien befangen, als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf ging sie ins Zimmer zurück, flüsterte dort mit jemand, und als er später eintrat, war sie allein. Doch hinter der verschlossenen Tür des Nebenzimmers hörte er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine erzählte ihm, daß sie die Wohnung mit einer Freundin teile, einer Ladnerin aus der Inneren Stadt, und das Mädchen habe ihren Verlobten bei sich. Allmählich wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gespräch zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken. Er hatte geglaubt, freier mit ihr reden zu können, doch sie war bedrückt und nachdenklich, auch küßte sie ihn nicht. Es war ein schwüler Abend, beide Fenster waren offen, das Zimmer lag hoch, man blickte über Dächer in den purpurnen Abendhimmel, auf der andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner. Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine folgte ihm und legte den Arm um seine Schulter; so starrten sie ziemlich lange gegen die Straße hinunter, hörten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und beides klang fremd und beängstigend. Ernestine wußte nun um das Unabänderliche, das kommen mußte, und hätte es gerne nicht geschehen lassen, aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes Tier müde wird. Beim Lampenlicht beugte sie sich noch einmal über Engelhart und blickte ihm tief in die Augen. »Ach,« seufzte sie und deckte die Hand über seine Lider, »du weißt noch nichts von der Welt.« Er glich einem Kind, als er stundenlang schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte, mehr von der Welt zu wissen sei überflüssig. Dünkte ihm dies schon zu viel.
In den nächsten Tagen trieb er sich müßig umher. Jeden Morgen erhielt er ein Briefchen von Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die Dinge standen. Sie hatte es durchgesetzt, daß Herrn Freitag von dem Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde, doch Herr Zeis hatte den Lehrling Porkowsky, der eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben behauptete, zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt. Porkowsky verlangte fünfzig Gulden und drohte, wenn er diese nicht erhalte, sich an Herrn Freitag und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte ihm vor, daß er den Denkzettel wohl verdient habe und daß Engelhart Ratgeber selbst ein armer Mensch sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen versprach, blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte außerdem seine Unschuld. Engelhart wußte nicht, wie er eine so große Summe auftreiben solle, und doch durfte der Oheim um keinen Preis das Geschehene erfahren, ein unauslöschlicher Schimpf wäre haften geblieben; er vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten nicht zu verteidigen. Nun war aber Michael Herz seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder erwachenden guten Gesinnung zu geben, bis zu einem gewissen Grad freien Kredit an der Kasse der Firma eröffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, daß dies nichts andres bedeutete als eine Probe für sein Anstandsgefühl, selbst wenn es kein berechneter Plan des Oheims war, und er hatte bis jetzt nicht den geringsten Gebrauch von der Vergünstigung gemacht. Porkowskys Verhalten wurde drohender, Ernestine meinte schüchtern, sie wolle Engelhart einen Teil des Geldes leihen, so viel sie eben entbehren könne. Er schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der Firma Herz, ließ sich fünfzig Gulden auszahlen und schickte sie an Ernestine mit der Bitte, den Elenden zu befriedigen.
Der Oheim kam zurück und war erstaunt, daß Engelhart einen verhältnismäßig so bedeutenden Betrag auf einmal erhoben hatte; sein Erstaunen verwandelte sich in Unwillen, als der junge Mensch über die Verwendung des Geldes keine Auskunft geben konnte oder wollte, und er vermutete natürlich das Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz erkundigte sich bei seinem Geschäftsfreund Freitag; dieser, von Herrn Gallus beraten, wußte nichts Gutes über Engelhart zu berichten und litt außerdem zu der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft und menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag ließ Frau Esmee Engelhart zu sich rufen; sie lag im Bette, da sie Migräne hatte, und sah verweint aus. Engelhart mußte bittere Worte schlucken, der ganze Kummer des Oheims sprach aus dem Munde der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr sehen, wurde ihm gesagt, er möge nach Hause reisen und sich auf eigne Faust durchs Leben schlagen. Der Wille des Oheims sei, daß er jetzt sein Militärjahr abdiene, vielleicht könne strenge Zucht ihn noch vor dem moralischen Untergang retten. Da er zweitausend Mark mütterliches Vermögen habe, werde ihm ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner Bedürfnisse ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte Michael Herz bereits an Herrn Ratgeber geschrieben, hatte aber aus Rücksicht für den vielfach enttäuschten Mann Engelharts Vergehungen nur flüchtig und in verschleierter Form erwähnt.
An einem schönen Abend war Engelhart noch einmal mit Ernestine beisammen. Sie waren weit draußen an der Westbahn, und nachdem sie lange über die Wiesen spazieren gegangen waren und nun die lieblichen Hügel von blauer Dunkelheit umsponnen wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten ein, wo eine Musikkapelle spielte. Über ihnen dehnte sich das schwere Laubgewölbe uralter Kastanienbäume, und wenn die Musik schwieg, hörten sie hin und wieder eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte dem Mädchen noch nicht gesagt, daß er reisen müsse und schon morgen reisen müsse, aber sie merkte an seiner bedrückten Schweigsamkeit, was im Werke war. Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der Hornist in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart trank von dem roten Landwein, lehnte den Kopf etwas zurück und blickte mit aufleuchtenden Augen gegen den Sternenhimmel. Er wußte eigentlich nicht, wie ihm geschah, er lebte und lebte doch nicht, er spürte die Erde und liebte die Erde und war ihr wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen ging es hierhin und dorthin, und doch fühlte er sich, wenn er deutlich die Bewegung erkundete, von einer geheimnisvollen Strömung sicher getragen. Mochten sie ihm alles rauben, die vergängliche Lust des Tages, ja auch das Brot zur Stillung des Hungers, so besaß er sich doch selbst, und wenn er ärmer schien als der Ärmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher als die Reichsten, und er dachte: ›mir gehören doch die Sterne‹.
Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine, daß er heute Abschied von ihr nehme. Sie erwiderte nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung, und als er aufbrach, war es spät. Ernestine suchte aus einem Kästchen einen schmalen Goldring mit einem Türkis hervor und steckte ihn an Engelharts Finger. »Leb wohl, Liebling,« sagte sie mit erstickter Stimme, »und Gott segne dich.« Der Duft von ihrem Körper blieb an seinen Kleidern haften und war ihm noch länger in die Erinnerung gegraben als das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt.
Bei Regenwetter war er damals von Würzburg abgefahren, bei Regenwetter kam er dahin zurück.
Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei den Verwandten in Gunzenhausen und sollte mit Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen.
Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael Herz, nämlich daß der Militärdienst auf den undisziplinierten Geist des Jünglings als eine wohltuende Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon einen Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter sagte, er ist ein echter Ratgeber, er liebt nur sich selbst. Für seine Bedürfnisse sorgte sie schlecht und recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch die Außenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah mit Rücksicht auf die Augen der Leute, und wenn einem was vergönnt wurde, hieß es gleichsam: Na, seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! Herr Ratgeber hatte in seinem neuen Beruf Ärger und Zurücksetzung genug erfahren müssen. Beim Antritt seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft versprochen, daß kein zweiter Inspektor neben ihm arbeiten solle; kaum aber hatte er sich bekannt gemacht und durch seinen unermüdlichen Eifer die Anstalt, der er diente, wahrhaft gefördert, als sie alle Abmachungen vergaßen und doch einen zweiten anstellten, einen sehr windigen Herrn namens Dingelfeld, der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die Kunden wegzuschnappen, und durch ein anmaßendes Wesen jeden Einspruch vergeblich machte. Dazu war dieser Dingelfeld für alles, was er war und hatte, Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst vor völligem Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten Namen gerettet hatte. Niedrige Seelen werden durch den Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht gestimmt, und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er würgte seinen Gram in sich hinein, sein lebhaftes und stolzes Auge begann unsicherer zu werden, oft, wenn er mit Engelhart allein war, machte er pessimistische Bemerkungen über die Menschen, und das war bei ihm der Ausdruck einer tiefen Verdüsterung. Mehr als das unsolide Gebaren seines Nebenbuhlers schmerzte ihn die Wortbrüchigkeit der Vorgesetzten. Sein Blut geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die er erfahren, und in jedem Brief wies er auf seine Leistungen hin und forderte Gerechtigkeit. Jene ließen sich jedoch auf persönliche Dinge nicht ein, sie suchten den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und große Versprechungen kirre zu machen oder schnitten jede Erörterung mit einer amtlichen Phrase ab, die das unwillkürliche Eingeständnis enthielt: Wir dürfen Verträge brechen, denn wir sind die Mächtigen, wir sitzen auf dem Geldsack.
Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war untersucht und trotz seiner Jugend angenommen worden. Am ersten Oktober stand er mit vielen andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den verschiedenen Kompagnien zugeteilt, dann führte ein Unteroffizier ihn und sieben oder acht Gefährten in das Bataillonsgebäude, die Monturen wurden ausgeteilt, die Räume angewiesen und man war Soldat. Alles lief schweigend ab, hatte beinahe etwas Drohendes, der Ton absoluten Befehls berührte Engelhart zunächst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs kaum fassen, und als der Feldwebel die Namen der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte nicht viel und er hätte über die Berserkerstimme des Mannes gelacht. Aber das Lachen verging ihm bald.
Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern von sich selbst, etwas seinem Wesen ungeheuer Fremdes vollbringe, und er mußte sich bisweilen besinnen, wo er war und was er davon denken sollte. Die Kaserne durfte er in den nächsten Wochen nur zu den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick der kahlen, langen, weißgetünchten Wände verursachte Frösteln. Wenn er am Fenster stand, sah er die Bauern auf dem Feld und beneidete sie um ihre Freiheit.
Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den Dienst angetreten hatten, behandelten ihn mit Kälte; einerseits war er ihnen zu jung, anderseits erregte er ihr Mißtrauen, ohne daß sie den Grund hätten bezeichnen können; das alte Mißtrauen, das Engelhart nun so oft und in so vielen Augen wahrgenommen. Um neben ihnen, die lauter vollwüchsige und robuste Burschen waren, nicht zurückzustehen, spannte er bei den körperlichen Übungen seine Willenskraft aufs äußerste an, so daß er nach dem stundenlangen Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen konnte, sondern sich am Geländer mühsam emporwinden mußte. Eines Tages befahl der Feldwebel den Einjährigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen Lebens zu verfassen und die Handschrift nach gemessener Zeit in der Kanzlei abzuliefern. Jeder verstand die Sache so, wie sie eben zu verstehen war, nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht allein seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht erforderlicher Breite, sondern auch seine Gefühle zu schildern, seiner Verfehlungen sich anzuklagen, und machte im unglückseligen Drang zu einer Beichte, was nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. Und als er fertig war, setzte er folgende Zeilen an den Schluß, die ihm wie die Erinnerung an ein altes Lied durch den Sinn schossen:
»Die Seele, die berührst du nicht,
Die ist im Leib vergraben,
Sie weiß nicht, was die Lippe spricht,
Will’s auch nicht Kunde haben.
Im stillen träumt und blüht sie hin,
Läßt Leid und Glück verfluten
Und ziehet ewigen Gewinn
Vom Bösen und vom Guten.«
Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann gerufen, einem dicken asthmatischen Herrn, der völlig unter dem Einfluß des Feldwebels stand und außerdem in beständiger Höllenangst vor allen Vorgesetzten lebte. Der Mann stellte sich ganz rabiat wie über eine angetane Schmach, warf Engelhart die beschriebenen Bögen zerrissen vor die Füße und forderte den Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen Menschen zu haben. Die Sache wurde auch weiterhin ruchbar und erregte den Hohn der Mannschaft und die Entrüstung der andern Einjährigen. Gefühle zu äußern war ein schimpflicher Verstoß gegen den allgemeinen Geist der Truppe, jedes andre Vergehen wäre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah es zu spät ein. Er lernte die Zähne zusammenbeißen. Es ging nicht an, sich von jedem Tropf über die Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm an äußerer Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen seines Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich an die Roheit des herrschenden Tons und an die ausgesuchte Perfidie und Lust zu quälen gewöhnt hatte, die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein unstillbarer Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle Kräfte zusammen, um sich nichts merken zu lassen. Immerhin blieb sein Gesicht verdächtig und sein still beobachtender Blick unbequem.
Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der für ein bestimmtes Wochengeld seine Kleider und Ausrüstungsstücke instand zu halten hatte. Es war ein Soldat im dritten Jahr namens Söhnlein, ein unansehnlicher Mensch mit krebsrotem, immer fettglänzendem Gesicht und einem halb blöden, halb furchtsamen Lächeln. War es Zufall oder Übelwollen oder berechnete Bosheit, jedenfalls war dieser Söhnlein der verachtetste Mensch in der Kompagnie, ja im ganzen Regiment. Er konnte nicht unangefochten durch ein Zimmer gehen, er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas schief ging, hieß es: der Söhnlein, wenn die Kompagnie schlecht exerziert hatte, mußte es zumeist der Unglückliche büßen, und er war bisweilen in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und entsetzlich mißhandelt worden. Einmal sah Engelhart den Schrank des Soldaten offen und an der Innenfläche der Türe eine zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was dies bedeuten sollte, und Söhnlein verriet ihm schüchtern und mit aufleuchtendem Blick, daß er noch so viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes Geschäft, wieder einen Kreidestrich auszuwischen. Offenbar hatte mit diesem Burschen noch niemand so geredet, wie man mit einem Menschen spricht, denn er bezeigte Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, eine so leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, daß dieser sich kaum erwehren konnte und, um häßlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug war, auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu werfen, wenn die andern Steine warfen. Und als ob Söhnlein in seinem dumpfen Gemüt solchen äußeren Zwang zu ahnen vermöchte, wurde seine Zuneigung für Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie taub, wenn dieser gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.
Einst im November wurden sämtliche Mannschaften des Regiments um vier Uhr morgens aus dem Schlaf geweckt. Die Strohsäcke wurden in den Hof geschafft, um frische Füllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, aber klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, verschwand seine betäubende Schlafsucht, und er blickte überrascht zum Himmel empor; so hatte er die Sterne noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und dicht gesät. Er wusch beim Brunnen das Gesicht, und wie er zum Tor zurückkehren wollte, sah er einige Leute um einen schon halbgeleerten Sack versammelt, auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war Söhnlein, der versicherte, daß er sich krank fühle. Die Soldaten lachten, und der Zimmerälteste befahl ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder zurück. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an jeder Ecke, hoben ihn samt dem Daraufliegenden empor und schleuderten ihn fünf- oder sechsmal in die Luft, wobei sie das ängstliche Schreien des Mannes nicht achteten.
Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte über den weiten dämmerigen Raum des Hofes, der sich wie eine Sandwüste vor ihm dehnte, bevölkert von schwärzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er mit wilden Tieren zusammengekettet wäre. Alle verzehrten sich in der Sehnsucht nach Freiheit, alle waren von Haß erglüht gegen die Bändiger, aber wenn der Bändiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so hielten sie den Atem an. Es war ein ungeheures Gebäude gegenseitiger Verantwortung, begründet auf Furcht und Heuchelei, und Brüder verleugneten einander, wenn der eine fürchtete, für den andern verantwortlich zu werden. Es ward Engelhart unheimlich in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter den Menschen.
Die Soldaten hatten den Söhnlein inzwischen losgelassen, weil ein Unteroffizier hinzugetreten war. Söhnlein taumelte diesem über die Strohbüschel entgegen und stieß ein paar unartikulierte Laute hervor. »Er stellt sich krank,« sagte einer von der Schneiderwerkstätte. Dem Korporal kam dies sehr ungelegen, denn er war für den Gesundheitsstand seiner Abteilung in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing an, in der unflätigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, und hob schließlich, rasend und berauscht von dem Zustand des Zorns, den er genoß wie jeden andern Rausch, die Arme zum Schlag. Söhnlein muckste nicht, denn er wußte, wenn er nur die Miene der Widersetzlichkeit annahm, würde er so bald keinen Kreidestrich mehr von seiner Schranktür löschen können. So lächelte er eben in seiner albernen und bestürzten Weise vor sich hin.
Beim Anblick all der infamen Willkür drehte sich Engelhart das Herz im Leibe um. Nie hatte er sich so völlig in eines andern Seele versetzt, und als Söhnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen, spürte er dies unmittelbar und empfand die ratlose Verzweiflung, die jenen erfüllen mußte. ›Aber warum hilfst du ihm nicht?‹ rief eine Stimme in seinem Innern, ›warum schweigst du, Feigling? Warum nimmt sogar dein Gesicht einen wohlgefälligen Ausdruck an, wenn der Blick des Bändigers dich trifft?‹
Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst des gemeinen Nutzens, wenn es sich darum handelt, Vorwürfe höherer Art zu ersticken. Aber es kam doch mehr und mehr so, daß Engelhart sich verhärtete und daß er das Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner Seele begehen kann, daß er sich verachten lernte, daß er böse ward wie die andern und gleichgültig wie die andern und daß eine innere Welt des Traumes, der Sehnsucht, der Ideale sich deutlich trennte von der äußeren Welt des Essens, des Schlafens, des Gelderwerbs und der simplen Nüchternheit. Eines ist der Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht von Finsternis geschieden hat, dann waltet die kupplerische Vernunft ihres Trösteramts und meint, nun seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist kein Süßwerden und kein Fruchtbarwerden, davon überzeugte sich Engelhart bald, es ist ein Bitterwerden und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut zwischen der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit ist das Äußere und der Mensch das Innere, und die inneren Wasser stauen sich, bohren Abgründe und unheilvolle Löcher, kein Aus- und Einströmen mehr, kein gesegnetes Gleichmaß; allgemeines Unheil wird zum Spiel, zum bemalten Vorhang, der sich verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart fühlte, daß er sich verstockte, aber die fortwährende Erschöpfung des Körpers, der er ausgesetzt war, ließ ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn das Schicksal zur Ruhe und zum Glück kommen ließ, war er verloren. Die Seele, die berührt man nicht, das ist wahr, und sie braucht auch nicht zu erfahren, was die Lippe spricht, aber sie muß unschuldig bleiben, und sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord begeht, als wenn die Zunge schweigt, wo ein höchstes Gebot sie zu reden auffordert.
Zehntes Kapitel
Kurz vor Weihnachten mußte Engelhart vor der alten Kaserne am Mainufer das erstemal Wache stehen. Es war eigen, in der tiefen Finsternis zwischen zwei festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln. Das Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der Flüssigkeit aus einem Gefäße. Von sieben Uhren der Stadt hörte er die Viertelstundenschläge. Auf dem Strom bis gegen die Steinbrücke hin waren Holzkähne verankert und das Wasser schlickerte unter ihnen. Oben auf der Festung brannte ein rotes Signallicht. Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der Schulter, und die fallenden Schneeflocken erzählten vom Schlaf, sie waren wie sichtbarer Schlaf, sie machten die Glieder trunken von Schlaf.
Mit dem Frühjahr begannen auf dem Galgenberg die Kompagnie- und Bataillonsübungen. Da zuckte jedes Glied des Truppenkörpers von Verantwortlichkeitsangst, jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal, der Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann vor dem Major, der Major vor dem Oberst, der Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf, ein schiefhängendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien von Vorgesetzten die Besinnung, hundert Leute mußten das kleinste Versehen eines einzelnen büßen, ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war es, was man Disziplin nannte. Was bedeutete daneben der eingebildete »Feind«? Der Feind steht da und dort, hieß es, gegen den Feind mußte vorgegangen, auf den Feind gefeuert werden, alle sprachen von ihm mit Respekt und wie von etwas Furchtbarem, er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden Spiel, Gründer und Erhalter des Systems, der unbewegliche Götze, dessen Name jeden Schrecken heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er war Luft, ein Wort, ein Nichts.
Im Innern stak der Feind, aber das wußten sie nicht.
Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die Anstrengungen des Dienstes zu. Zwölf- bis vierzehnhundert lautlose Sklaven, schwer bepackt, noch müde vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter Ruhe, marschierten täglich durch das noch schlummernde Land.
Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der Bewegung den düstern Rhythmus, verleiht ihr etwas von dem Erstaunlichen einer ungeheuern Maschine, ihr tiefes Schweigen rührt ans Herz. Die Sonne kommt, die graublaue Frühluft erglüht. Engelhart liebt den Morgen, es ist die einzige Stunde, wo seine Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht über die Brücke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang, hügelauf, hügelab, die Straße schlägt sich durch den Wald. Hier allein sein dürfen, denkt Engelhart, nur eine Stunde auf dem Moos liegen dürfen. Eine uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer grünen Lichtung; es ist etwas fürstlich Einsames um sie, erst in weitem Abstand wagen andre Bäume zu wachsen. Engelhart gräbt ihr Bild in sein Gedächtnis, hier will er weilen, wenn er frei sein wird.
Der Tag wird heiß, schwer lastet der Tornister auf den Schultern, der Kasten des Gewehrs schneidet ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn und Augen unheimlich zu drücken. Es ist ein Spaßmacher in Engelharts Abteilung, der immerfort Geschichten erzählt und der die Mannschaft oft ihrer Mühsal vergessen läßt; er ist deshalb wohlgelitten bei den Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern ein lügnerisches Gefühl von Freiheit geben.
Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und Versteckenspiel beginnt. Ein Bataillon stürmt zum Angriff vor und stößt ein Geschrei aus, wodurch es seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien klingt durchaus nicht begeistert, sondern qual- und hohnvoll. Die Säumigen werden von zähneknirschenden Unteroffizieren zu größerer Eile angetrieben. Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant rast auf schäumendem Gaul zu dem unseligen Hauptmann, der sich die Haare rauft. Die Trompeter blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr.
Der Anblick der endlosen Landstraße flößt Grauen ein. Die Soldaten können nicht mehr vorwärts blicken, jeder stiert auf die Stiefel des Vordermanns. Wer aus dem Schritt gerät, wird mit Lästerungen überhäuft. Der heiße, weiße, blendende Staub umhüllt den Zug wie Nebel; Wimpern, Lippen und Zähne sind voll Staub. Widerliche Gerüche steigen auf. Engelhart, müde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken mit schlaffer Beharrlichkeit auf das Mittagessen. Manchmal empfindet er den trotzigen Antrieb, stehen zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der Nachfolgenden herauszufordern. Die Gespräche der Leute verstummen, schweißtriefend, mit wunden Füßen und wunden Schenkeln schwanken viele daher, Zerrbilder des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen, niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst die dünne Stimme des Spaßmachers, andre fallen ein, der Rhythmus rüttelt sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit, doch hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen werden von den Sängern der Harmlosigkeit beraubt und klingen wie Stichworte des Aufruhrs. Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund. Und nun sieht man talabwärts die roten Backsteinbaracken der Kaserne, in der prallen Mittagssonne gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen sehnsüchtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. Welche Qual, wenn der Hauptmann sich zuletzt noch zu einer Ansprache bemüßigt findet. Er liebt es, in väterlichem Ton zu reden, er hält auf Popularität. Wüßte er um die Gedanken der tückisch lächelnden Soldaten, er zöge vor zu schweigen. Es ist der Wahn, den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein Hirn in einem Taumel erhält, daß er sich geliebt und bewundert glaubt.
Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag ein altes Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern und ein Ring gleichmäßig gesetzter Pappelbäume umgaben die zahlreichen Gebäude, von denen Frieden über die ganze liebliche Landschaft auszuströmen schien. Engelhart zog es bei Spaziergängen oftmals hierher, auch von der Landstraße aus ließ er sich mit einer Fähre übersetzen und wanderte langsam dem efeubehangenen Tor zu. Seitab vom Fußweg stand ein Christuskreuz, und vor diesem verweilte Engelhart bisweilen in tiefem Nachdenken, wobei uralt feindseliges Mißtrauen und bange Lust der Annäherung sich mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht hätte, mehr noch einen Menschen. Was ihn zu dem Erlöserbildnis trieb, war die Idee des Opfers, der betäubte Wille rang um Erlösung, er suchte für seinen Schmerz das höchste Symbol. Das war es; er war Opfer und suchte die Wollust des Opfers. Es ergriff ihn jener schwärmerische Fatalismus, der eine Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit strebt und alles Bewußtsein im Traum und Wahn auflöst.
Es war in den Hundstagen. An einem Morgen war Bataillonsexerzieren gewesen, zurückgekehrt, mußte die Kompagnie zur Schießstätte, die in einem anderthalb Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb drei Uhr nachmittags waren die Leute, aufs höchste erschöpft, wieder in der Kaserne. Engelhart erbat und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach Hause, nichts wünschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit hinunter und legte sich entkleidet ins Bett. Um sechs Uhr wurde heftig an der Wohnungsglocke geläutet. Es war Söhnlein. Er hob Engelhart beinahe aus den Kissen und trieb ihn zur äußersten Eile. Beim Appell war Nachtübung angesagt worden, um sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein. Engelhart flog in die Kleider, sie stürmten auf die Straße, und da die Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt war, wollten sie einen Wagen auftreiben, fanden aber keinen. So mußten sie im Laufschritt unter dem Aufsehen der Passanten über die Glacis rennen; als sie auf dem Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. Sie kamen an, als die Kompagnien schon im Hof zusammentraten, oben mußten sie sich in rasender Hast feldmarschmäßig rüsten, doch es lief glimpflich ab, die Offiziere begannen eben die Musterung, als Engelhart an seinen leergelassenen Platz trat.
Söhnlein war zufrieden, daß es ihm gelungen war, seinen Herrn vor Strafe zu bewahren, und achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmänner. Er war überhaupt in der letzten Zeit immer heiterer geworden, denn auf seiner Schranktüre befanden sich nur noch vierundvierzig Kreidestriche.
Der Marsch ging über das Dorf Randersacker nach dem Hügelland in der Gegend von Eibelstadt. Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am Abend rein und kühl. Engelharts wie der andern Leute von der Kompagnie bemächtigte sich nach und nach eine solche Müdigkeit, daß sie sich nur noch hinzuschleppen vermochten. Der Hauptmann, besorgt, daß ihm seine Abteilung Schande machen werde, ritt auf seinem alten dicken Gaul unaufhörlich an den Reihen hin und her, wobei er die Leute in seiner halb keifenden, halb gönnerhaften Weise zu ermuntern suchte. Trotzdem traten fünf oder sechs Rekruten aus und blieben am Straßengraben liegen. Bei der ersten Raststelle fielen die meisten um wie die Stöcke. Der Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten Weiler, und die Kompagnie erhielt den Befehl, Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant wählte fünf Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Söhnlein. Sie marschierten über einen langgezogenen Hang bis an den Rand eines tiefen Forstes. Söhnlein wurde als erster Posten ausgestellt, und an dem schwankenden Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine außerordentliche Erschöpfung. Die andern standen schweigend gegen den mattleuchtenden Himmel gekehrt, aus dessen östlicher Tiefe sich langsam schwebend der Mond erhob und eine scharlachne Röte auf das Gelände warf. Der Leutnant schritt im taufeuchten Wiesenrain auf und ab; nach einer Weile dünkte es ihm notwendig, einen zweiten Posten über den ersten hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen Punkt auf dem Kamm des Hügels bei einer einzelnen Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr und marschierte ab. Der Weg führte ihn dort vorüber, wo Söhnlein stehen sollte, doch als er hinkam, gewahrte er jenen nicht, sah sich um und erblickte ihn endlich schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes gelehnt.
Der Anblick überraschte und rührte ihn. Anstatt den Pflichtvergessenen ohne Zögern zu wecken, stellte er sich hin, stützte das Kinn auf die Gewehrmündung und starrte verloren in das Kindergesicht des Schläfers, das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es war eine heilige Stille rings. Gelbliche Lichtflecke zitterten auf dem Boden. Das dürre Blätterwerk, das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie geläutertes Gold. Plötzlich vernahm Engelhart dicht hinter sich Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich nieder, um Söhnlein aufzuwecken, aber es war zu spät, der Reiter, es war der Adjutant des Majors, der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglücklichen schon bemerkt. Söhnlein schaute eine Weile benommen um sich, und als ihm das Bewußtsein wiederkehrte, wurde er weiß wie Kalk. Engelhart war es, als müsse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um Gnade für den Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen Jammer, der in Söhnleins Brust tobte, und fühlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte mit eisiger Sachlichkeit, ob er schon länger hier sei oder soeben dazugekommen sei, und er antwortete, er sei soeben dazugekommen, war daher für seinen Teil in Sicherheit.
Es wurde Meldung an die Kompagnie und das Regiment erstattet. Der Hauptmann wurde zum Oberst befohlen und kam außer sich vor Wut zurück. Söhnleins Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen waren trüb und irr. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem Heimmarsch sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerälteste, wie Söhnlein eine Weile unbeweglich vor seinem Schrank stand, und er sagte:
»Na, Söhnlein, das kostet dich ein paar Monate. Aber mach dir nichts daraus, da brauchst du wenigstens nicht zu schuften.«
Auch die aufreibenden Wochen der großen Herbstübungen gingen vorüber, und dann war Engelhart frei. Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde wieder zu besitzen, den frühen Morgen verschlafen zu dürfen, der eignen Entschlüsse Herr zu sein, Zeit zu haben, viel Zeit ... Am ersten Tag suchte er den Park des Veitshöchheimer Schlosses auf und schlenderte in musikalischer Entzückung durch die beschnittenen Alleen und künstlichen Laubengänge. Vor einer der verwitterten Statuen, die um das große Wasserbassin aufgestellt waren, blieb er lange stehen, und es schien, als ob die Figur zu ihm spreche, ja er hörte deutlich ihre Worte:
»Des Sommers verdorrte Blätter rollen
Um meinen Fuß.
Unaufhörliches Spiel der Jahre!
Laß über meine kühlen Glieder, Zeit,
Den weitgesäumten Mantel streifen,
Und achte nicht, was mir die Brust füllt,
Den bittern Gleichmut.
Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,
Das über stolzen Geschlechtern trauert,
Unlebendig,
Zerrbild alles Gewesenen.
Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,
Wird die Vergangenheit Traum
Und die Gegenwart fühlbarer Tod.«