Anmerkungen zur Transkription

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Berels Berta

Eine Bauerngeschichte
aus dem Luxemburgischen.

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Novelle

von

J. vun der Hardt.

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Preis 30 Sous.

Verlag von Charles Beffort, Luxemburg, Heiliggeiststraße 14.

Copyright 1915 by Charles Beffort, Verlag, Luxemburg.


Begleitwort.

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Ich bin stolz auf meinen Bauernbetrieb.

Weil ich als freier Mann ein freies Leben führe. Weil mein Hof rentabel und neuzeitlich und bequem ist. Und weil meine Wirtschaftsweise bei allen Landwirten Anklang und Nachahmung findet.

Das war nicht immer so.

Es gab eine Zeit, wo ich anders dachte.

Kaum zwei Jahre sind es her. Damals hatte ich meine fortschrittlichen Bestrebungen verflucht und zu allen Teufeln gewünscht.

Wegen einer Freierei. Wegen eines bildschönen Mädchens. Und wegen der Borniertheit seines Vaters.

Das waren schwere Tage.

Beinahe hätte ich alles im Stiche gelassen. Vater und Mutter und Hof. Und ich wäre nach Amerika geflüchtet, um die Unglücksgeschichte zu vergessen.

Nun ist alles anders gekommen. Eine tüchtige Frau waltet an meiner Seite im lieben Elternhause.

Wir leben im reinsten Glücke.

Und wo glückliche Menschen übereinstimmend nach einem Ziele streben, da ist das Leben schön und leicht. Und da auch mehrt sich der Gewinn.

Wie das alles gekommen ist, Freund, will ich dir erzählen.

Ich hatte schon über 25 Jahre. Meine Mutter war alt und schwach. Und es war auch wirklich zu viel Arbeit im Haushalt. Seitdem meine beiden Schwestern geheiratet hatten, war sie öfters unwohl.

„Der mußt èng Schnauer an d’Haus kréen,“ meinte jedesmal mein Oheim von der Meß, wenn er auf Besuch kam.

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Ich war ja auch im richtigen Alter.

Länger als 30 Jahre soll man nicht warten. Sonst wird man zu alt, ehe man die Kinder groß hat.

Dann ist keiner da, der die Wirtschaft weiterführt. Und dann geht es bergab mit dem Hofe.

So sagten Vater und Mutter. So auch meinte der Oheim. „An,“ fügte er hinzu, „wann’s du nach mé lâng warts, da gêt et dîr wé mîr. Da kris du net mé, wâts du wölls; an da wölls du net, wâts du nach kanns kréen...“

Ich wollte nicht so durchs Leben gehen wie der Oheim. Nicht als Junggeselle.

Vor zwei Jahren, Ende November, einige Wochen nach unserer Kirmes, schrieb der Oheim, er hätte das Richtige gefunden. Ein tüchtiges Mädchen aus einem guten Bauernhause an der Syr. Vermögen wäre auch genug da. Nur zwei Kinder. Das Mädchen hätte erst 24 Jahre, die andere wäre seit einem Jahr ins Haus verheiratet. Am folgenden Sonntag würde ich die Joffer Berta Berels kennen lernen.

Natürlich war ich ganz einverstanden.

Wir wurden freundlich empfangen.

Das Mädchen gefiel mir auf den ersten Blick. Es war kein gewöhnliches Landmädchen. Geweckt, offen, mit großen, treuen, schwarzen Augen. So war auch die Mutter.

Die Berelsleute schienen eher für zwanzig gekocht zu haben als für fünf.

Der alte Berelsvater schnitt vor, aß tüchtig, sah selten vom Teller auf und sprach wenig. Das besorgten hauptsächlich der Oheim und die Berelsfrau.

Es war ein Essen ohne Ende. Vier Gänge hatten wir schon hinter uns. Da brachte Berta den Quetscheflûot. Ich atmete erleichtert auf. Auch der Oheim reckte sich im Stuhle.

„Nu, Joffer Berta,“ seine Stimme hatte einen vollen, breiten Klang, „nun hâlt emol èng Kéer opp mat dem Erânbrèngen! Kommt, setzt êch emol bei eìs.“

„Meija, Berta, komm, fliéw hinnen emol. Sie wöllen neischt mé éssen. Ech mèngen, d’schmâcht hinnen net.“

Berta setzte sich mir gegenüber.

Wir waren bald in eifrigem Geplauder von diesem und jenem, von der Gegend und vom Wetter der letzten Tage.

Es wurde so recht gemütlich. Das Gespräch verlief ungezwungen. Und wenn ich Berta in die schönen, schwarzen Augen blickte, las ich darin, daß wir uns verstehen würden.

Auch der alte Berelsvater ging allmählich aus seiner steifen Schwerfälligkeit heraus.

Er zog d’Tubaksblos aus der Tasche und reichte sie dem Oheim herüber. „Hei, lôsse mer emol èng umâchen.“

Das Gespräch ging weiter, wurde lebhafter, zog größere Kreise. Vom Wetter kamen wir auf landwirtschaftliche Fragen, auf Vieh- und Butterpreise und auf den Pferdehandel.

Mein Oheim schwärmte immer für schöne, belgische Pferde. Auch der Eidam interessierte sich sehr dafür. Er schien ein tüchtiger Landwirt zu sein.

Die Uhr schlug zwei. Da nahm der Eidam seinen Hut und ging hinaus. „Der mußt mech entschölligen, ech muß nach kuken go’en, ob de Kniécht mat Fidderen fèrdig aß.“

„Ma, da losse mer mat go’en,“ meinte der Berelsvater, „da gesit der eise Perdsstall an èngems!“

„An och eise Késtall,“ ergänzte die Berelsfrau.

Im Stalle standen 4 kräftige Arbeitspferde und 3 Fohlen.

Der Eidam war stolz auf seinen Bestand. Er hatte die Ställe sauber in Ordnung. Die Pferde waren gut besorgt und ordentlich im Futter.

Wir standen einen Augenblick allein, etwas abseits. Ich lobte seine Pferde.

„Et sin nach Pèrd vum âle Schlâg,“ sagte er, fast als wollte er eine Entschuldigung vorbringen. „Sie könnten eppes mé schwéer sin. An am Késtall könnte mer och Hollänner hun. Awer mei Schwéerpapp aß nach vun der âler Èrd. Dèn héert net mat dèm Oûer.“

Der Kuhstall war wirklich nicht zeitgemäß. Der Bestand war allerdings hoch, 10 Milchkühe und 7 Stück Jungvieh. Aber alles Landrasse, an der sich die Veredlungen des staatlichen Importes kaum abzeichneten.

Auch über die veralteten Stallungen klagte der Eidam. Der Berelsvater trat zu uns. Wir mußten das Gespräch abbrechen.

Der Eidam hatte richtiges Verständnis für die Wirtschaft. Er war fleißig, strebsam. Die Ueberzeugung hatte ich gewonnen. Schade, jammerschade, daß er seine Kräfte nicht ganz entfalten konnte. Der hätte den Hof in Schwung bringen können. Er mußte am alten Tau den alten Karren im alten Geleise weiter ziehen. Jahre lang, viele Jahre hindurch. Und so verzehrten sich seine besten Kräfte, unnütz, fruchtlos.

Wir setzten den Rundgang fort.

So will es eine alte Bauernsitte. D’kêft ên kèng Kâtz am Sâk, sagt ein Sprichwort.

Darum ist es auch ein schöner, alter Brauch, das ganze Haus zu schauen, wann ên d’Gelèenhêt kuken gêt. Das ist alte, ererbte, treuherzige Bauernehrlichkeit.

Ich hielt mich meistens in der Nähe des Eidams auf. Der Mann war mir auf einmal sympathisch geworden.

In dem einen Jahre hatte er zwar ganz nach dem alten Schema gewirtschaftet. Und doch war er ein schlauer Kopf. Er wirtschaftete so, weil er seinen Schwiegervater kannte. Der war in seinen jungen Jahren auf die alte Wirtschaftsweise eingepflügt worden.

Der konnte nicht mehr anders.

Und was der nicht konnte, durfte auch der Eidam nicht wollen.

So sind viele unserer alten Bauern.

Mit eisernem Hebel hemmen sie den Fortschritt. Und dann zwingen sie noch die Jüngeren, mitzubremsen. Die darben in harter Fron. Und doch müssen sie aushalten, weil der Friede des Hauses höher steht als der Fortschritt.

So wird die junge, tüchtige Kraft in Ketten gelegt.

Und so bleibt der Rückstand in manchem Bauernhause.

Das ist ärgerlich, aufreibend, nervenzerstörend. Und das frißt das Feuer der Begeisterung.

Auch hier war für den Eidam der goldene Ehering zur eisenfesten Kette geworden.

Die lastete schwer auf ihm.

Er arbeitete, er schuftete wie eine Ameise. Das sah man auf Schritt und Tritt. In den Stallungen, in der Scheune, im Hofe, überall herrschte die beste Ordnung.

Aber nirgends war eine Spur von neuzeitlicher Landwirtschaft, nirgends ein Zeichen von Aufschwung.

„Geseîste Jämpi, an der âler Zeit hun d’Leit vill mé solid gebaut wé haut. Wé âl aß èrt Haûs schon?“

Der alte Berelsvater, der als Führer voranschritt, drehte sich um. In dem wettergebräunten, runzlichen Gesichte leuchtete der alte, ererbte Bauernstolz.

„Meî Groûßpapp huôt et schon fierun der Revoluziôun gebaut. An dèm Gebei leît gutt êche Gehölz.“

„Jô, jô,“ setzte der Oheim hinzu, „geseit ê baußen a bannen, daß et dât bèscht aus dem ganzen Duôrf aß.“

So klang die Melodie weiter.

Mein Oheim lobte alles, fortwährend in einem Atemzuge. Bei kleinlichen Neuerungen, die gar keine Beachtung verdienten, blieb er stehen, schaute und staunte. Dabei machte er ein Gesicht, als würde ihn die Sache sehr interessieren. Er nahm Maße, erkundigte sich nach den Herstellungskosten, schritt zwei-, dreimal auf und ab, drehte den Kopf etwas zur Seite und musterte.

Dann trat er an den alten Berelsvater heran: „Wât sed dîr emol e schlaue Kapp!“ Dabei klopfte er ihm ganz zutraulich auf die Schulter. „Esoû en Haus, dât muß Geschäfte mâchen.“

Mir war das Gerede sehr zuwider. Auch der Eidam empfand es peinlich. Darum schritten wir beide etwas voraus. Und als wir wieder außer Hörweite waren, redete der Eidam offen und machte mich auf vieles aufmerksam, das er neuzeitlicher einrichten möchte. „Awer esoûlâng, ewé mei Schwéerpapp Mèschter aß, aß neîscht ze wöllen,“ fügte er jedesmal kleinlaut, als Entschuldigung, hinzu.

Der Eidam hatte gesunde Ansichten.

Beim Schweinestall wurden wir von Berta und ihrer Mutter erwartet.

„Da kommt och nach e wénig hei erân kuken. Hei aß, woû mîr Frâleit Mèschter sin.“

Die Türe war breit aufgestoßen. Wir schritten durch den sauber geputzten Gang.

Wieder altmodische Ställe. Ich schaute sofort über die Wände in die einzelnen Abteilungen.

„Jesses, wât hutt dîr e schéne Schweîstall,“ fiel gleich der Oheim ein. Er stand noch nicht einmal mit beiden Füßen im Gang. „A wât schén Zûchtsei! A wievill sen et der? — Eng, zwoû, dreî, véer, fönef!“ Er zählte mit lauter, erhobener Stimme.

„Alt e bösse loûs!“ fiel die Berelsfrau ein. „Et sen awer nömmen dreî Zûchtsei! An fönef Brillicken! An siewen Fetter!“

„Mä, èr Zûchtschweîn sin gutt am Flèsch,“ griff ich ins Gespräch ein. Was ich sagte, war wirklich meine Ueberzeugung. Keine Aufschneiderei.

„Jô, jô,“ meinte der Oheim, und seine Stimme klang noch einen Ton höher, „geseît ên, dat dichtèg Frâleit an desem Haus sin!“

Die alte Berelsfrau hatte sich neben mich gestellt.

„D’sin âl Ställ,“ sagte sie ein wenig bedrückt. „Mer mussen ömbauen. Hei eisen Émchen wöllt nach net. Mä, am Fréjohr gin mer eis awer drun. Elo hu mîr den Hâri op eiser Seît. Da se mîr mé stârk!“

Das gefiel mir von der alten Frau.

Wir gingen ins Haus zurück. Die Berelsfrau sprach noch immer von dem Umbau des Schweinestalles. Sie hatte Sinn für das Praktische — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

In der Küche hantierte die junge Frau bei der Kochmaschine. Es brodelte in mehreren Töpfen.

„Da gin mer elo nach op de Speîcher,“ bat die alte Berelsfrau. „Der musst jo och nach de Klèderschâf mam Léngend gesin!“

In einem Zimmer stand ein schöner, solider Eichenschrank. Den sollte Berta bekommen. So erklärte die Berelsfrau. Sie öffnete breit die beiden Türen.

Ihre Augen leuchteten. „An hei aß sei Léngend. D’aß nach e lauter Hausmâchenduch. Mer hun et selver gezîllt a gesponnen!“ Der Schrank war angefüllt von unten bis oben.

Wir setzten den Rundgang fort. Der Oheim lenkte immer wieder auf das richtige Gespräch ein und bahnte den Weg weiter. Und er bestimmte die Zeit des nächsten Besuches.

In zwei Wochen sollte ich wiederkommen. So hatten wir es abgemacht.

Dumpf schlug die Hausuhr. Es klang durchs Haus bis herauf zu uns. Viermal rief sie „Tink“, wie eine helle Kinderstimme. Dann setzte sie fünfmal „Bum“, mit dumpfem Tone hintendran.

„Jesses, scho fönef Auer!“ stöhnte der Oheim, „elo musse mer eis tommeln! Em sechs Auer fîrt eisen Zug!“

Die Berelsleute suchten uns zu überreden, doch zu bleiben, wie das so Brauch ist.

Aber der Oheim ließ nicht nach. Wir aßen ein Stück von der alten Hâm und tranken von dem guten Grächen — — — — — — — — — — — — — — —

„Dajé! Iwer véerzeng Dèg, Joffer Berta!“

Ich drückte ihr die Hand zum Abschied, fester als am Morgen. Und ich blickte in die tiefschwarzen, treuen Augen.

Alle waren freundlich.

Wir schritten durch den Hof. Ich schaute noch einmal zurück und grüßte. Im Hîrzel des Scheunentores lugte jemand. Das war der Knecht...

Wir waren schon weit fort. Da reckte der noch immer den Hals heraus, guckte uns nach und witterte................

„Net, Jämpi, dât aß d’Mädche fir dech. An d’wärd dîr och gefall hun.“

Der Oheim sah mich fragend an.

„Jô, jô,“ sagte ich, „d’Mädchen gefällt mer. Mä, den A-a-l-e-n!“....

Der Oheim drehte sich plötzlich auf dem Absatze herum und blickte mich ganz ärgerlich an.

„Mä, du ges jo net mat dem Aalen bestoûd! Wann d’Mädchen der gefällt, dât aß d’Hâptsâch!“....

„Jô, d’Mädchen gefällt mer ausgezèchent, an Vermégen schént jo och genug do ze sen, awer.... awer“....

„Dajé,“ fiel der Oheim ungeduldig ein, „eraus mat der Sprôch!“

„Awer d’Gut könt mé neimoûdesch sin.“

Der Oheim schüttelte den Kopf und lachte.

„Dât aß erem esoû eng fix Idi vun dîr,“ sagte er scharf, mit Betonung. „Du ges jo net bei dem Aalen âgesalzt.“

Ich holte tief Atem.

„A mat dengen neien Idéen, dât aß och esoû eng Sâch. Et mussen der vun allerhand Zorten sin. Esoû hoût den Härgott et gemâcht. An esoû aß et gutt.“

Dann zeigte er mit dem Arm hinüber in das Halbdunkel.

„Kuk, do iwer dè Bichebösch. Wé stêt dèn elo do?“

Der gute Grächen hatte den Oheim redselig gemacht. Und er erzählte von dem Buchenwald.

„Der ruht ja auch im Winter, bis der Frühling kommt. Dann stellt sich wieder neues Leben ein. So will es die Natur. So auch ist es in den Bauernhäusern. Da kommt eine Generation, ein junger Stamm, der schafft, ist fortschrittlich, neuzeitlich und bringt das Gut auf die Höhe. Aber auch für diese kommt der Herbst und der Winter des Lebens. Dann schläft der Fortschritt ein, und auf dem Gute herrscht Stillstand, bis wieder andere kommen. So will es der ewige Wechsel im Kreislauf der Natur- und Menschengeschichte. Auch das Feld will eine Brachzeit. Der alte Berelsvater hat Brachzeit. Auch für mich kommt sie bald,“ meinte der Oheim.

Ich hatte noch nie so recht darüber nachgedacht. Ganz richtig ist es allerdings nicht. Es gibt ja Betriebe, die bleiben immer fortschrittlich, neuzeitlich. Die kennen keine Brachzeit. Aber ganz falsch ist es auch nicht. In den meisten Häusern geht es wirklich von Generation zu Generation bald auf, bald ab. Nach einer Periode des Aufschwunges kommt eine Zeit des Stillstandes.

Aber Berta und ich, wir sind noch im Frühling des Lebens. Vor uns liegt noch ein langer Sommer mit viel Sonnenschein. Und wir denken noch gar nicht an den Winter....

In das Dunkel der Nacht fiel ein trautes, anheimelndes Licht....

Bei dem saßen Vater und Mutter und warteten auf mich, warteten auf meine Erlebnisse.

Darum war ich so rasch durch den kalten, dunklen Abend geeilt.

Noch nie hatte es mich so sehr nach der Heimat gezogen wie an dem Abend.

Ich war ganz eingenommen von einer neuen Sehnsucht, von neuen Gefühlen. Die konnte ich nicht gut allein tragen. Die mußte ich Vater und Mutter anvertrauen...

Rasch schritt ich durch die lange Pappelallee.

„Baß d’erem?“ Es war das erste Wort der Mutter, als ich eintrat.

Die Stube war überheizt. Es war drückend warm.

Ich warf den Ueberzieher ab und sank müde auf den Stuhl.

Der Vater richtete sich hinter dem Ofen auf.

Er blieb scheinbar gleichgültig, ruhig. Aber er schaute mich so sonderbar groß an, so forschend.

Die Mutter hatte sich zu mir an den Tisch gesetzt.

„A fir wât schwèst d’esoû? D’méngt ên, d’wir der net gut gâng op der Rès.“

Unruhe klang aus ihrer Stimme. Die Falten in ihrem Gesicht schienen mir plötzlich viel zahlreicher, viel tiefer.

„Dach, séer gut, Mamm.“ Und ich erzählte von dem guten Erfolg der Reise, von den zuvorkommenden Leuten, von dem schönen Empfang und dem tüchtigen Mädchen.

„A wé hêscht et dann?“

„Berta.“

„Berta,“ wiederholte die Mutter.

„O wat,“ sagte der Vater kurz, fast bissig, „de Noûm aß Niéwesâch; dé mêcht d’Médchen net besser a net schlechter!“

Er blies ein paar dicke Rauchwolken in das Zimmer.

Die Mutter saß andächtig da, die müden Hände wie zum Gebet auf dem Schoße gefaltet.

„Berta,“ lispelte sie nochmals still vor sich hin. Dabei blickte sie mich sorgenvoll an.

„Aß et dann en dichtègt Médchen? A kann ên et och allnenne weisen?“

Das versicherte ich ihr mit überzeugenden Worten.

„A wât fir e Gleîch hoût et dann? Aß et zimlech groûß?“

Ich nannte mehrere Dorfschönen, Schmatz Ketti, Mäsch Sisi a Wônesch Henriette.

„Awer,“ ergänzte ich gleich meine Aufzählung, „d’Berta aß navell mé dichtèg, wé engt vun dènen.“

Bei jedem Namen, den ich anführte, winkte sie bejahend mit dem Kopfe, und ihre Augen leuchteten.

Einen Augenblick war es still im Zimmer.

„An hâten sie sech och ziemlech gerîcht?“ fragte die Mutter weiter. „A wât hâten se gekacht?“

Ich erzählte umständlich von den vielen Gängen.

„A wé aß dann d’Geheiß?“ unterbrach der Vater unser Gespräch.

Ich machte den Rundgang durch das Berelshaus und berichtete bis auf nebensächliche Einzelheiten.

„Awer,“ ergänzte ich, „d’Haus an d’Ställ, alles aß ziemlech âlmoûdesch.“

„O wat,“ meinte der Vater in ganz wegwerfendem Tone, „dât hoût ké Wèrt. Wann d’Médchen nömmen net ze âlmoûdesch aß. Mä,“ setzte er gleich hinzu, und dabei betonte er scharf jedes einzelne Wort, „ze vill neimoûdesch brauch et och net ze sin. Eng Stiédspöppchen, dé passt nu goûr net an e Bauernhaus!“

„Jô, jô,“ seufzte die Mutter, „nömme kèngt, dât de ganzen Dâg firum Spiegel stêht........... An dât d’Arbecht scho fièrt, ir et se geseît.... A wéné hoûst de versprach, erem hannescht ze go’en?“

„Iwer véerzeng Dèch.“

Der Vater hatte die Pfeife ausgeraucht, klopfte sie aus und steckte sie vorsichtig in die Tasche.

„Esoû, iwer véerzeng Dèch gêst dû hannescht. Mä, da kann jo nach fir d’Foûsend eppes d’raus gin.... Dajè, gut Noûcht! Elo gin ech schlôfen. Da könnt dîr nach e wéneg babbelen!“ — — — — — — — — — — —

Die Uhr hatte schon lange elf geschlagen, da plauderte die Mutter und ich noch über Berta und die Hochzeit, die Einladungen und die kommenden Zeiten.

Am nächsten Tage war der Vater neugieriger als am Abend. Wenn wir allein waren, ohne die Knechte, brachte er sofort das Gespräch auf den Verlauf der gestrigen Reise.

Er verstand es, mit kurzen Fragen so manches aus mir herauszuholen.

Die Mutter ließ mich während des Tages ziemlich in Ruhe.

Abends, wenn die andern bereits schlafen waren, war ihre Zeit. Dann besprachen wir so mancherlei.

Die Mutter war stets goldiger Laune. Wenn auch der Tag Aerger gebracht hatte, so ließ sie sich diese Plauderstunde doch nicht verderben.

„A wât werd Wônesch Henriette e Gesîcht mâchen, wann dât eppes heivun héert!“

Ihre Augen strahlten. Es war ihr ein wirklicher Genuß, dieses Mädchen gründlich abblitzen zu können.

„Dât dommt hoûfrigt Dèngen!“ Sie machte eine kleine Pause. „Dât dommt Steck mat dem decken Tuppi.“ Das sagte sie langsam, gezogen. Denn sie war ganz von der Wichtigkeit ihrer Worte überzeugt.

„Hât dèn Èfalt sèch jo net an de Kapp gesât, hat mîsst dèch kréen.“

Die Mutter redete sich nach und nach in einen förmlichen Eifer hinein. „Mä, mat mèngem Wöll wär et nie hei erân kom.“

Meine Mutter konnte Henriette nie leiden. Sie war kein übles Ding, diese Henriette. Drei Jahre hatte sie die Pension besucht. Und war dann noch zwei Jahre in Nancy gewesen.

Henriette war wirklich chic. Immer neumodisch gekleidet. Darum hatte sie es uns allen angetan. Ein richtiger Lockvogel, diese Henriette.

Es ist doch gut, daß man auf Freiersfüßen nicht ganz freien Lauf behält!

Es schadet gar nichts, wenn alte, erfahrene Leute bei Zeiten bremsen.

Derartiges hatte die Mutter mir schon oft vorgehalten.

„An daß nach lang neîscht esoû Dichtiges, dât Henriette,“ schloß sie jedesmal ihre Predigt. „D’aß èng domm Gäns! Schién Plommen mâchen schién Fullen. Wäret zwê Johr an d’Haushaltungsschoûl gângen, an d’hätt geléert kachen a brachen, an plâtz sèch ze fiezen, da wär et vleicht èng Hausfrâ gin.“

Früher, wenn ich dieses alles anhören mußte, ärgerte ich mich jedesmal.

Heute blieb ich ziemlich ruhig. Die Flamme, die einmal hellauf in meinem Herzen für Henriette gebrannt hatte, flackerte wohl noch ein wenig. Aber sie war stark am Erlöschen. Berta schüttete Asche auf dieses alte Feuer und erstickte es. Und es war gut so.

Wenn ich mir das Berelshaus so recht vorstellte, wo alles wie geleckt war, und dann die Küche der Henriette, bekam ich einen Ekel vor diesem Modepüppchen.

Henriette war ein richtiger Firlefanz, mit dem man gerne den Bauernsonntag der Schobermesse in Luxemburg verlebte und den man auch wohl gern auf einer Kirmes traf.

Aber sie war nichts für den langen Weg des Lebens.

Mizi war vom Schoß der Mutter heruntergesprungen und duckte sich näher an den Ofen. Dem war das Schnarchen vergangen. Da schob ich noch zwei Scheite nach; es war erst zehn Uhr.

„D’aß och goûr net nédèg, daß d’Bauereméderchen mat dem allerneiste Moûd fiergin........ Kuck, Mäsch Sisi. Dât aß èngt dichtègt Kand. Dât wêß sèch ze klèden, proper a fein. Mä d’aß kê Klédergeck. A wann dât net dohèm âbestoûd mißt gin, wär dât d’Médchen fir dech gewéscht!“

Mäsch Sisi war nicht übel. Ich war auch einmal in die Sisi verliebt. Sisi ist wirklich ein gutes, nettes Mädchen.

Aber Berta gefällt mir besser.

Ich erzählte der Mutter noch einmal lang und breit, was mir so gut im Berelshause gefallen hatte.

Daß es kein neuzeitlicher Betrieb war, dafür konnte Berta nicht. Sie war tüchtig und fleißig und liebte die Ordnung.

Und sie war schön und jung.

Das alles malte ich der Mutter mit warmen Worten aus — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Die Uhr war rasch auf elf gesprungen.

Wir wollten schon schlafen gehen. Da dachte ich noch an eine süße Pflicht.

„Ech muß awer nach èng Ansichtskârt mat eisem Haus un se schéken!“ Die Mutter lächelte.

Fünf Tage später kam schon die Antwort:

Meinen besten Dank für die schöne Karte. Hoffentlich werden Sie den Besuch nicht zu lange aufschieben.

Es grüßt Sie herzlichst im Namen des ganzen Hauses

Berta Berels.

Rosig fiel ein Sonnenstrahl durch den grauen Winterhimmel.

Und in meinem Herzen war lauter Sonne und Helle und Wärme.

Berta, noch zehn Tage, zehn lange Tage, dann werde ich dich wiedersehen!

An dem Sonntag war ich schon früh auf den Beinen. Ueber Nacht war der Winter ins Merschertal gekommen. Handhoch lag der Schnee auf den jungen Saaten.

Die kalte Luft tat mir wohl, und ich schritt lustig zum Bahnhof hinunter.

In meinem Coupé saß nur eine alte Frau. Die fuhr zu ihrer Tochter nach Luxemburg. Wir plauderten gemütlich mit einander.

Die gute Frau erzählte mir von ihrer Tochter. Vor zwei Jahren hatte sie geheiratet. Einen kleinen Fonktionär hatte sie genommen. Gegen den Willen der Eltern. Die wollten die Tochter auf dem Lande behalten und mit einem braven Jungen aus dem Dorfe verheiraten. Jäng hieß der Junge. Der hatte ziemlich Land, sechs Milchkühe, zwei Pferde, und er war ein fleißiger und tüchtiger Landwirt.

Lisa konnte ihn auch recht leiden, und Jäng kam oft auf Besuch. Die Freierei war flott im Gange. Und die Eltern sahen das gerne.

Da kam eines Tages ein junger Fonktionär ins Dorf. Der war tüchtig herausgefiezt. Er konnte so schön tun, erzählte allerhand Faxen und hatte bald dem Mädchen den Kopf verdreht. So berichtete die alte Frau.

Die Sache interessierte mich sehr.

„A wé aß et dû gângen?“

„Wé et gângen aß! Krâch a Streit hu mir an t’Haus krit. D’Lisa konnt de Jäng net mé leiden. An hat hoût him Frechhèten gemâcht, wo et nömme konnt, an....“

„Jô, an....“, warf ich ein, um die alte Frau, die sich in einen förmlichen Eifer hineingeredet hatte, etwas ausschnaufen zu lassen.

„.... an dât dommt Steck hoût hién missen hun.“

„An dû?“

„An dû hu mir dem Här Fonktionär seng Scholden misse bezoûlen.“

Ich nickte mißfällig.

Es entstand eine Pause. Die alte, energische Frau atmete schwer. Sie hatte sicherlich noch etwas auf dem Herzen, was sie drückte und das sie nicht sagen wollte.

„Wé an engem Prisong sötzt et do,“ spann sie den Faden weiter. „A wann et kê Kand hät, dann dét et sech zu Doûd lângweilen.“

„Kanner brengen Frid an de Stod,“ bemerkte ich, um das Gespräch abzuschließen.

Mein Ausspruch gefiel der Alten. Ihre Augen leuchteten.

„Ganz richteg, jongen Här. Wann dât Kand net wär, dann géng ech och nach haut net no hinnen kucken.“

„.... Dir hud e gut Hiérz, Madam!“

„Dat könnt hinnen elo gut,“ betonte kräftig die alte Frau. „Et get ên hinnen jo och giér, wât ên huôt, Botter, Solperflêsch, a frösch Èer; awer d’Henger léen elo esoû wéneg, an....“

„Letzeburg! Alles aussteigen!“

Da war unser Gespräch abgerissen. Ich reichte der Frau den Korb hinunter. Er war ordentlich schwer — — — — — — —

Lisa!

Ich saß allein im Coupé mit meinen Gedanken. Und immer wieder kam mir die alte, energische Frau in den Sinn. Und die Lisa.

Wie diese Lisa gibt es viele, sehr viele. Die hat das Leben der Stadt geblendet. Anmutig und sorgenlos und genußreich scheint ihnen das Leben.

Aber sie kennen es nicht, weil sie oberflächlich urteilen. Weil sie alles nach Aeußerlichkeiten bewerten.

Arme Lisa! Denk doch etwas weiter!

Was ist Glück?

Das Glück hängt nicht an einem schönen Kleide, an einem neumodischen Hute, an gelben Schuhen, an durchbrochenen Strümpfen.

Warum hatte die Lisa den Jäng nicht gewollt? Weil der zu schwerfällig war, zu ernst und zu alltäglich. Weil er nicht begriff, daß das Weib auch Sonnentage begehrt, an denen es nichts hören will von der rauhen Sprache der Arbeit.

Jäng kannte nur diese Sprache der Arbeit.

Darum schnappte ihm der Fonktionär die Lisa weg.

So darf man nicht ums Weib anhalten. So will ich nicht um Berta freien.

Mit den rauhen Händen der Arbeit und einem Herzen voll Sonne wirbt man um die Braut.

Die rauhen Hände sind für die Alten, das junge, sprudelnde Herz ist für die Braut.

So muß man auftreten können. Nicht immer wie ein sorgender Großvater. Und auch nicht immer streng und grießgrämig wie ein barmherziger Bruder.

Mut, Lebensfreude, Humor, das suchen die Mädchen.

Ein freundliches, lustiges Wort, das dringt zum Herzen. Mit Freundlichkeit kann man die Welt erobern.

So rüstet man sich für die Werbung. So ging auch ich auf Brautschau.

Auf dem Bahnhof erwartete mich der Eidam.

In Heinrich Holmer hatte ich ein unbegrenztes Vertrauen.

Merkwürdig. Es gibt Menschen, die wirken stets abstoßend, entfremdend. Andere wieder ziehen uns an und öffnen uns das Herz und sind unsere Freunde.

Das sind Sonntagskinder. Die dürfen niemals unglücklich werden.

Heinrich Holmer gehörte zu denen.

Wir plauderten zusammen, wie zwei, die sich schon lange, sehr lange kennen und sich gut verstehen.

Wir sprachen vom Wetter, vom ersten Schnee, von den jungen Saaten und von Berta.

Holmer erzählte mir von Berta.

Ich hätte gute Aussichten, viele Chancen, meinte er. Wenn er es sagt, kann ich es glauben.

„D’Mamm aß ganz derfir. An d’Berta natirlech och. Nömmen....“

Ich blickte ihn etwas erschrocken an. Ein kalter Schauer fuhr mir durch die Glieder.

„.... nömmen de Papp wöllt nach e böschen zereckhâlen.“

Stürmisch trieb der Wind den Schnee vor mir her.

„Esoû. A woûfir?“

„Woûfir! Well hién en âle Man aß. E Man vun der âler Èrd.“

Dann schwieg er.

So schritten wir eine Weile weiter.

Vor uns auf der Anhöhe lag das Dorf. Im Schneegestöber erkannte ich schon den hohen Kirchturm.

In der Stille klangen die Mittagsglocken. Manchmal laut, feierlich; dann wieder leise, gebrochen, wimmernd.

„Mä, dât hoût neischt ze bestellen,“ griff Holmer das Gespräch wieder auf. „D’Sâch wärd schon an d’Rei go’n.“

In den Pappeln stöhnte der Wind.

„Hei, do kommen se jo!“ rief er auf einmal und zeigte mit dem Arm auf die Beiden, die unten aus dem Dorfe herkamen.

„Sie kommen aus der Möß,“ fügte er erklärend bei.