Johann Gottlieb Fichte’s
sämmtliche Werke.
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Herausgegeben
von
I. H. FICHTE.
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Achter Band.
Berlin, 1846.
Verlag von Veit und Comp.
Johann Gottlieb Fichte’s
sämmtliche Werke.
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Herausgegeben
von
I. H. FICHTE.
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Dritte Abtheilung.
Populärphilosophische Schriften.
Dritter Band:
Vermischte Schriften und Aufsätze.
Berlin, 1846.
Verlag von Veit und Comp.
Inhaltsanzeige
des achten Bandes.
| Seite | ||
| 1) | Nicolai’s Leben und sonderbare Meinungen, 1801 | [3]-[93] |
| 2) | Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt, 1807 | [97]-[204] |
| Beilagen zum Universitätsplane (ungedruckt): | ||
| a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an einer deutschen Universität, 1805 | [207]-[216] | |
| b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu Berlin, am 16. April 1811 | [216]-[219] | |
| 3) | Vermischte Aufsätze: | |
| A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks, ein Räsonnement und eine Parabel, 1791 | [223]-[244] | |
| B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt) | [245]-[269] | |
| C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794 | [270]-[300] | |
| D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache, 1795 | [301]-[341] | |
| E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an Wahrheit, 1795 | [342]-[352] | |
| F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (ungedruckt) | [353]-[360] | |
| G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt) | [361]-[407] | |
| 4) | Recensionen: | |
| A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen über die Freiheit des Willens, 1793 | [411]-[417] | |
| B. Von Gebhard über sittliche Güte, 1793 | [418]-[426] | |
| C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796 | [427]-[436] | |
| 5) | Poesien und metrische Uebersetzungen: | |
| A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt) | [439]-[459] | |
| B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt) | [460]-[471] | |
| C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und Italiänischen (meist ungedruckt) | [472]-[479] |
Vorrede des Herausgebers.
Der vorliegende achte Band der Werke enthält Alles, was von gedruckten und von ungedruckten Aufsätzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der „Nachgelassenen Werke“ noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bände stehen daher in nächster ergänzender Beziehung zueinander.
Die Schrift, welche hier die Reihe eröffnet: „Nicolai’s Leben und sonderbare Meinungen“ (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden Interesse entrückt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen werden, als sie ursprünglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm Feindlichen am Sichersten versöhnt habe, indem er es zum Gegenstande poetischer Darstellung machte: so ist es die ächte, überwindende und abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem Principe begreift und in der unwillkürlichen Consequenz seiner Verkehrtheit erschöpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der Gründlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthümliche Stelle behaupten neben den wenigen polemischen Musterstücken unserer Literatur. Das dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: „Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden,“ (Bd. VIII. S. 89 ff.) welches der ursprüngliche Abdruck nur bruchstückweise enthält (S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollständig vorhanden; doch bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum mitzutheilen.
Der „Universitätsplan“ gehört in jene Reihe von Entwürfen zur Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben „sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte“ und bei dem Entwurfe selbst ihn davon lossprach, „an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden“ (Worte aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).
So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur „Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches“ sich zu erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei, wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.
Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen, das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten Regierungsgewalten ihr verlieh.
Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!
Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte’s Universitätsplane vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. —
Von den nun folgenden „vermischten Aufsätzen“ schien uns jeder beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den Interessen, welchen sich Fichte’s Geist zu verschiedenen Zeiten zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten Bande der „Nachgelassenen Werke“ (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.
Von den weiteren Abhandlungen müssen wir „die Briefe über Geist und Buchstab in der Philosophie“ (1794, ursprünglich für Schillers Horen bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der Unmittelbarkeit des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen, — eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden ist, wiewohl sie auch in Fichte’s Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das Princip derselben dort also bezeichnet: „dass die schöne Kunst den transscendentalen Gesichtspunct“ (den der Vernunft) „zum gemeinen“ (unmittelbaren) „mache.“ Wir finden in dieser Bestimmung keinen wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der Idee, die Natur, fortwährend blosse Sinnenwelt, ein schematisches, der Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein Naturschönes anerkennen, und deshalb musste er auf die Frage, wo die Welt des schönen Geistes sey, antworten: „Innerlich in der Menschheit, und sonst nirgends“ (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1] Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich harmonische Schönheit darzustellen. —
Die Abhandlung: „über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache“ wird auf den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt, wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im Einzelsubjecte, in keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt hat.
Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen, die sie vielmehr — (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) — nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.
Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend: — was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt; aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte’s Abhandlung geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.
Die erstere macht er zur Ursprache, und fügt hinzu, dass sich diese vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl zu beachtendes Moment.
Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide ursprünglich mit einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit), kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer reicher in sie sich einbildet.
Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste, was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht (Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; — was nicht minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit giebt. Die Sprache ist ebenso „eingeboren,“ — Ursprache, äusserlich bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die Immanenz der Vernunft im Menschengeiste — als sie zu ihrer Ausbildung und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf. Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene „Ursprache“ ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles Sprechens. —
Das philosophische Fragment endlich, „Bericht über den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben“ (1806), dessen erster Abschnitt bereits in den „Nachgelassenen Werken“ erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes, in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen es leicht sich aneignen kann.
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Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles Wissens zu bezeichnen. — Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift „zum ewigen Frieden“ (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren Staatslehre zeigen.
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In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre. Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, — ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, — sondern um das Bild von Fichte’s Charakter nach einer Seite hin zu vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte; — wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer „Novelle“ aus dem Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.
Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine „natürliche Tochter,“ könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik, namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks „heilige Genoveva“ erregte bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: „der Tod des heiligen Bonifacius“ vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart untergeht, zu schildern gedachte. — In späteren Jahren endlich, als ihn das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem Purgatorio ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: „Vesta, Königsberg 1807“ abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.
[1] Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte’s ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen Abhandlung: „über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst“ (in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165 ff.). Das Obenangedeutete und Fichte’s hier wiederabgedruckte Abhandlung mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.
Friedrich Nicolai’s
Leben und sonderbare Meinungen.
Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.
Von
Johann Gottlieb Fichte.
Herausgegeben
von
A. W. Schlegel.
Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung. 1801.
Vorrede des Herausgebers.
Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung, welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte’s wäre es vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden, so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben. Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das bisherige vergeben und vergessen.
Einleitung.
Ich habe zu Friedrich Nicolai’s zahllosen Schmähungen und Verdrehungen meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine persönliche Ehre angegriffen; — denn dass er der Verfasser sey von der in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises. Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. — Ich bin es zwar nicht dem Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, — wohl aber dem Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig, mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. —
Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist, als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei Facta und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen werden. — Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter war mir, seitdem ich ihn gekannt habe — ich lernte ihn in dem Streite zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen — Friedrich Nicolai. Sein Bild wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde, welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum warnenden Beispiele hinstellen.
Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt, dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen anstellt.
Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen, welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung, wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne, dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.
Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben. Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft, oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn, oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden, als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.
Wir gehen an unser Vorhaben.
Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch, sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben zum Grunde gelegen habe.
Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je bekannt geworden.
Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.
Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund, warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, — weil nemlich die Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist, dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde — fällt bei Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter. Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will, wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und Handelsweisen abänderte.
Erstes Capitel.
Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind.
Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey, und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte, dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey, gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht gedacht hätte, oder nicht denken würde.
Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel, alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten, sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung; daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt; dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich schämten und in sich gingen.
In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch — er sey ein geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.
Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete von ihr aus, als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals über sie. Er starb daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich selbst zu Ende gekommen zu seyn.
Zweites Capitel.
Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze gekommen seyn möge.
Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es, so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst — denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte — er selbst hat, nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet, und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner erinnern kann — und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren erinnern — durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.
Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde, und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde eben nicht gesagt; — und da man nur um sagen zu können lernte, auch nicht weiter gelernt, — späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer, deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der Einsicht und des Zwecks. — Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und herzlicher meinte, als unser Held? — Der zweite dieser Männer, in deren Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger, rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held, der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte, mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb, hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes Geistes gleichen.
Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.
Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan; entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.
Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.
Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern: Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in ihren Fächern sind.
Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit. Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen. Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit ihm zusammenwachsen musste.
Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?
Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war, versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge, liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation. Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt, zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen glaubte?
Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht — diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.
Anmerkungen.
[2] Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so: Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt, dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden verspottet. In dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, — in der Schrift gegen die Xenien, wo ich nicht irre, — es solle nunmehr mit Fichte nicht einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs Gewissen; er fand nun doch, „dass andere Gelehrte wohl etwa glauben möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w. stecke etwas, dass er aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.“ Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte, so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan werden.
[3] Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst, in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: „ihm sey von jeher sehr geschmeichelt worden.“
Drittes Capitel.
Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers Helden sich geäussert habe.
Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden, theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster, wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich; und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.
Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen, und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir verbietet, sie zu nennen: — hat er nicht Schriftsteller allein, sondern durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig ausgegeben wird — hat er dadurch auch junge bildende Künstler herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus, als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.
Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was hätte an ihnen daran seyn können? — Hatten sie sich denn erst in der A. D. B. unter Nicolai’s Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.
Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde, unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer, dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch alles entstand.
Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg einschlagen möchten. Man sah es ihm — sein Geschichtsschreiber sagt dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung — man sah es ihm an, dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu benehmen.
Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er vermuthlich auch Nicolai’s Rath eingezogen; — denn den pflegte dieser keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs, die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen deutschen Bibliothek unter Nicolai’s eigener Redaction bringen könnte.
Anmerkungen.
[4] M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai’schen Reisen. S. 337 ff.
[5] M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz vor derselben die Recension des Krugschen Buches.
Viertes Capitel.
Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen angekommen sey.
So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an, zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit, die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis, indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.
So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf, dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben, lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben, so sollten sie jetzt aus Nicolai’s Versicherung, dass er ihnen die wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht hätten.
So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen. Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht, darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der Wahrheit zu verläugnen.
Fünftes Capitel.
Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten Grundsatze.
Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten, dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.
So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand, nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher hinzu, dass dies nicht zu läugnen wäre. Freilich hatte jene Zeitung gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.
So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804 alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B. dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, — ausser er, Fichte, wie sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert er, es seyen dies wirklich Fichte’s eigne Worte, und citirt allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen, findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.
Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was von ihm zum Drucke befördert sey.
Anmerkung.
[6] Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel, Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich — gegen die Jenaische Literaturzeitung.
Nicht von den anzuzeigenden Schriften — eigentlich den zwischen Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften — nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass auch die Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt. S. 150 aber sind bei ihr gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, „welche der Stifter der A. D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen Ländern und Provinzen — vom Anfange an — so vorsichtig zu vermeiden wusste.“ Es bekamen nemlich nun — wie denn nun? folgten denn nun die Redactoren der A. L. Z. nicht mehr der Idee des unsterblichen Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz — „es bekamen nun durch die individuelle Lage der Redactoren der A. L. Z. gegen Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten, und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war, und — bei unparteiischen Lesern das Vertrauen zu demselben sicher verminderte.“ — In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie eben durch jene Streitschriften der A. L. Z. und ihrer Gegner, „die freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind“ und deren deswegen, „gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und fortzuführen,“ allerdings erwähnt werden musste — wie, sage ich, durch jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und Schelling in die L. Z. Einfluss gehabt, dass diese von ihnen abgehangen. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch’ ein erbärmlicher Wicht die L. Z. seyn möge, da sie von so erbärmlichen Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten, abgehangen; — diese L. Z., von der sich ohnedies nicht läugnen lässt, dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.
Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B. eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur A. L. Z. durch den Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit ihrem Vertrauen zu wenden haben.
Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.
Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst — möchten wir nicht an Herrn Nicolai’s Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen Instituts nicht zum Besten bekommen.
Sechstes Capitel.
Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.
Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz, es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung, und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem Materiale aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von dem Formalen der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung, die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte, lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.
Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne; denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, — nur nicht möchten. — Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern Speculation sich bescheiden?
Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab späterhin seine Theilnahme an demselben auf?
Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst? War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben, zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu widmen.
Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich, Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen, ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens einige jener Aussprüche anzuführen.
Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi’s musste — so wollten es die Freunde und — Ehrenretter des Verstorbenen — nicht wahr seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an? — Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass — Er selbst mit Lessing über jene Materie disserirt hätte[7]. Freilich war Jacobi nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch vorbringen können, ohne vor sich selbst bis in die innerste Seele zu erröthen? — Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten Acte, dass freilich wohl andere Gelehrte glauben möchten, hinter den spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges verborgen. Er aber, Er Nicolai wusste sehr wohl und verkündigte laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].
Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein darauf. Er hatte, seiner Bildung zufolge, einst gleichfalls Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, — war freilich nie so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal nicht hatte — mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte, bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai nicht mit ermessen war, — Jacobi’s, Kants, der transscendentalen Idealisten Philosopheme — welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie konnten sie anders? — indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon ehedem, eh’ von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste, seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des Lächerlichen dagegen vorschreiten.
Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens (inwiefern er Nicolai’s Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft werden.
Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte, der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.
Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise, dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun, und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir, dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.
Anmerkungen.
[7] M. s. Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc. (Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S. 630. citirt. — Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen, dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s. w.
[8] M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.
[9] In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings Charakteristik nicht herausgegeben, — woran bekanntermaassen diesen Freunden Lessings zufolge Jacobi’s Notiz über Lessings wahres speculatives System ihn verhindert haben sollte: „dies ist nicht der erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei“ — oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) „angerichtet hat, da jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, — oder halb hört, gleich drucken lässt — um (Nicolai’s bekannte pragmatische Methode) sich ein Ansehen zu geben.“ Jacobi eben sollte nur halb gehört haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den mittelmässigen Köpfen.
Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels, als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund, der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde, als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?
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Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung. Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen werde — vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen Denkerei, vorauszusetzen; — ferner, wie Jacobi über mich und meine Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte, diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte, keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.
Siebentes Capitel.
Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.
Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies, dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte, einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben müssten.
Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen, und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines Themas nicht verstatteten.
Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet, den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, — das der Gundiberte und der witzigen Theile von den Reisen — seine Spässe eine gewisse dicke Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. — Da man in Nicolai’s Witze den grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.
Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der repetirende Witz; wenn am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet und schreit: „Ich bin eine Diebin; sagt er:“ Absolute Thesis des Witzes. Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. — Die zweite Art des Witzes ist die der einfachen Retorsion; wenn jener sein Wort: „du bist eine Diebin“ wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet: „nein du, du bist ein Dieb:“ Antithesis des Witzes. Auch diese Art wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die der spöttischen Retorsion; wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm antwortet: „ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest, du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:“ Synthesis des Witzes. Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit, und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht gefunden.
So war es mit Nicolai’s Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit beschaffen.
Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? — Lasset uns auch hier billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht, auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu verstattenden Eigenliebe überschreiten.
Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen, wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann, der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten überhaupt hatte.
Anmerkung.
[10] In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.
Achtes Capitel.
Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.
Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen, derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.
So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen, Parteilichkeit für und Parteilichkeit wider sey doch immer beides Parteilichkeit, und eine der andern werth. — Ja, aber die neue und neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig, der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.
In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel, Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe. Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten, versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch einen Mann, — „der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht an den Tag gebracht hätte?“ — Aber, war es denn jenen Männern noch nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?
Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu Gemüthe geführt[11]. „Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt“ (man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als unverständlich übergehen); „er habe gewusst, diesen so ungemein verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in Vergessenheit zu bringen.“ Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein Vergehen? — Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte’s Vergehen nicht seyn. — Lesen wir weiter. „Nun“ (hier mildert der grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt angekündigt.) — „nun habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen, auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ersten Philosophen Deutschlands gesetzt worden, herunterzustossen.“ Unser Held sprach nie und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen, als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also weiter — „und sich selbst darauf zu setzen.“ Ja so, dies wollte Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen der Bibliothekare.
In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an, zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.
Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein alter Narr ist. — War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf, die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend, statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination! Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum musste man es ihm allein überlassen.
Anmerkung.
[11] M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.
Neuntes Capitel.
Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.
So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht, welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.
Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld. Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke, dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht; und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.
Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. — Wir haben dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher über unsern Helden gedacht.
Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen Geschichte einiger Esel fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers Helden zu liefern.
Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen, Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte, dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen suchen müsse u. s. w. — Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts, das Unglück — die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt Katholiken, die da katholisch sind — und damit man es ihm doch ja glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.
Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek. Sie sollte — welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr, offenbar und klar ist — sie sollte ein der Religion gefährliches Werk seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus, nur der katholischen Religion konnte es gefährlich seyn. Beide Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte, sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen, und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter über unsern Helden beschliessen.
Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen gegen diese Philosophie, — etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, — diese Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.
Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre 1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.
Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte? Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt gezeigt.
War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die seufzende Creatur charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal einen alten Californier, und ein andermal einen alten Geck gescholten; Niethammer hatte gar die — zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, — etwa den Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt, dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt, in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.
War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten, wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen. „Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie vermöchten.“ Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten, ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm hatten[13].
So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe, ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers Helden, wirklich und in der That nicht zu achten — diese Verkehrtheit konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.
So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals hinzu: „Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.“ — Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben, dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.
Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte — mit dem armen Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey. Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben hineinbringen, der nicht darein passte. — Hierzu kommt, dass besonders diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind, eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs. Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es, und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und vernichtet wäre.
Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.
Anmerkungen.
[12] M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen Bibliothek.
[13] M. s. Nicolai’s Schrift gegen die Xenien.
[14] M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.
[15] Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.
Zehntes Capitel.
Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.
Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren, keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee; denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen und dürfte nichts gegen sie sagen.
Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft, ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag, und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte, als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen, damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.
Darum waren Protestantismus, Denkfreiheit, Freiheit des Urtheils seine beständigen Stichworte. Sein Protestantismus nemlich war die Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber Sache des Herzens und des Wandels. Seine Denkfreiheit war die Befreiung von allem Gedachten; die Ungezähmtheit des leeren Denkens, ohne Inhalt und Ziel. Freiheit des Urtheils war ihm die Berechtigung für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte Zeitung beschwerte: „ob denn der Mann gar keinen Begriff von der Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?“ Wohl mochte Schelling und alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.
Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte er aus demselben Grunde, — als gegen eine fremde Autorität, die sich den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip, über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität. Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.
Eilftes Capitel.
Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.
Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden, ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell, nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit seinem Selbst das Phänomen der absoluten Oberflächlichkeit und totalen Seichtigkeit. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.
Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches. Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb, der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.
Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich: durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und Haartouren, den leichtesten Angelhaken; — und wer möchte die Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist nährte. — Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im Ganzen gebraucht werden könnte; — dass dieser Anekdotengeist sich je auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.
Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte; und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft. Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder, dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.
Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die materiale nennen könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit in der Form nennen wollen.
Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens der Andere seine Meinung vortrage, woraus er sie beweise, und was er hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach eigentlich zu verstehen sey, — dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen, weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum eilfertigen Widerspruche.
So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine chaise percée in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde, um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.
Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich Schiefheit für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote, oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. —
Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen, dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen, in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will; sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt, dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche: dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen. Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft selbst seinem Zwecke entgegen. — Es gereicht vielleicht zur Ergötzung des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände fällt.
Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am deutlichsten vorzutragen behauptet, — etwa die ersten §§. der Grundlage der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? — Falsch gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. — Nun so wird er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? — Wiederum falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. — Oder hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers herausgerissen? — Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften, aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt; und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte’s eigene Worte, und die Seitenzahl angiebt.
Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? — Wir wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen; indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt, und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: — „Das Ich ist Subject und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute Beschreibung des Bewusstseyns.“ — So? wenn dies richtig ist, so richtig ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.
Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den eigentlichen Inhalt dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem Beweise eben jenes System bestand, für eine der Prämissen dieses Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:
„der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch der ganze transscendentale Idealismus sich gründe“ —
schreibe: sich gründe. — Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: man (nemlich Nicolai) wende gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu, schreibe: gehört dazu.
Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende, durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz: Ich, oder Intelligenz, oder Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft sind durchaus identisch. — Diesem Satze stellt Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: Mein Ich ist freilich unter anderen auch Intelligenz (denn indem er sagt, dass es nicht blosse Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch mit sey); aber es gehören noch ausser der Intelligenz mit dazu, Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft. — Durch diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn cessante fundamento cessat fundatum.
Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten. Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und neben der Intelligenz, auch noch Vernunft, Denkkraft, Sinnlichkeit (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen) aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und Pfeifer.
Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai gar keinen philosophischen Freund — er selbst freilich konnte dies nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie aufwarf — der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke, empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, als Kraft, für Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?
Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems, dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen, und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen, indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging; aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich nehme, in Gestank, — oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle. Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur. Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch seine Bestimmung getrieben.
Zwölftes Capitel.
Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.
Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm gewesen, ausser der Sprache.
Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er, der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.
Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird, wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].
Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen können?
Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache, dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.
Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen der Sprache und Schrift beibringen könnte, und die Nicolaische Unverschämtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren könnte, mit demselben Erfolge arbeiten würde, als unser Held. Möchte man sich immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und schüchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermüdet schrie und schriebe, er habe doch recht, und alle Andern hätten unrecht; wenn er sich wohl gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brüstete, dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einsähe, wie Nicolai sich auch immer damit gebrüstet, dass er als ein unstudirter Bürgersmann alles dies wisse: so wäre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien würden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass sie von unserem Hunde herkämen; es würde eine Aesthetik entstehen, nach welcher jeder Spitz die Schönheit einer Emilia Galotti kunstmässig zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen könnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel würde endlich von allem noch übrigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt werden, wie ein aufgeklärter Pudel sie verständig finden, und wie er selbst sie geschrieben haben könnte.
Anmerkung.
[16] Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich für eine solche Nachweisung nehmen.
Erste Beilage.
(Zur Einleitung.)
Angriffe Nicolai’s auf die persönliche Ehre und den Charakter des Verfassers enthalten die folgenden Stellen:
1.
Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische Literaturzeitung zu bringen gesucht, fährt er (S. 159. der oben angeführten Anzeige) so fort: „Es ist der Schule der Ich-Philosophen schon länger“ (dem Zusammenhange nach früher, ehe die obengenannten gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu rechnen gewesen) „eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu beschaffen war“ (welch ekelhaftes Geschäft, dergleichen Schreiberei abschreiben zu müssen!), „für ihren transscendentalen Idealismus Anpreisung zu erschleichen suchte. Sie affectirten zwar bei aller Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, aber arbeiteten nicht wenig unter der Hand, sie sich geneigt zu machen (1). Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte’s Schule verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im philosophischen Fache arbeitete, unverlangt solche Recensionen einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wäre, aus Jena kamen. Die damalige Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen unartigen Schleifweg nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine solche heimlich eingeschwärzte Recension von Fichte’s Grundriss der gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt“ u. s. w.
Wer sind denn diese Sie aus der ichphilosophischen Schule (der verständige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im folgenden, um der Kürze willen, die Ausdrücke dieses Schulmeisters beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir diese Ausdrücke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die früher noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens öffentlich Theil nahm, früher, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses eingeschwärzt wurde, — der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen gelang, — offenbar um ein beträchtliches früher, denn durch die vorhergegangenen vereitelten Machinationen müssen sie doch auch Zeit verloren haben — welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese Sie von der Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten affectirten, — ohne Zweifel öffentlich, da ihre entgegengesetzten Bestrebungen unter der Hand geschahen, in öffentlichen Schriften also (wie könnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?), diese Sie also, die schon damals in öffentlichen Schriften sich als Ichphilosophen zeigten? Wer können sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich für das System der Wissenschaftslehre erklärt hätte, ausser mir selbst? Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen, ausser mir und meinen Zuhörern, deren keiner Schriftsteller war, und die wohl nur durch mich literarische Connexionen hätten erhalten können?
Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den früher genannten und angegriffenen Männern treffen sollen, und da sie die anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck nicht treffen soll, indem das Factum in eine frühere Zeit gesetzt wird, — sie muss den einzigen, welcher noch übrig bleibt, sie muss mich treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen; und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er beabsichtigen, dass es geschehen möchte. Oder, wollte er nicht, dass jene Beschuldigung auf mich bezogen würde, wollte er nur überhaupt in das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen würde, beschuldigen, so musste er ausdrücklich erklären, dass er mich nicht meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich für meine Person an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und dergleichen.
Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die Beschuldigung auf mich bezogen werde.
Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai’s eigenem guten Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet von Erschleichungen, unartigen Schleifwegen, heimlichem Einschwärzen, von Versuchen, unter der Hand sich geneigt zu machen, was man öffentlich zu verachten affectirt.
Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger, verächtlicher — und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene Urtheile etwas geben.
Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob sie in Bohns oder in Nicolai’s Verlage herauskomme, so affectire ich nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der Philosophie.[17]
Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu machen gesucht.
Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.
Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig, verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. — Da ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. —
Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.
Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben, Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.
Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine, wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden? Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische Thatsachen hinzustellen.
Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist, alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?
Wäre denn nicht auch etwa der Fall möglich, dass jene Anzeige von einem Gelehrten herkäme, der nicht zu Jena lebte, der mich nie persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt, der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst — Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht — an die N. D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai, sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; — der als möglich vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben, hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen. Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können, wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, — hätte er doch auch hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen, dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen abgewiesen hatte?
2.
Ich komme zu Nicolai’s zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, „der mir gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge,“ von Schurkerei und Büberei gesprochen.
Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere so ohngefähr gleich?
Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes erstere nicht gleich.
Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen Wahrheitsfeindes und Bösewichts.
Hätte der Gegner nur wirklich aus meinen Sätzen gefolgert, gesetzt auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken, aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er ehrlicherweise selbst glaube, was er behauptet.
Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798, Heft 8, S. 386.[19] —) Hier ist sie im Zusammenhange.
Ich sage S. 385 oben im Texte: „ich habe die lügenhaften Verdrehungen, die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch veranlasst;“ und setze in einer Note hinzu: „Ich sage (S. 10 meines Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; — habe diesen Satz zu analysiren, wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite verkürzt mit Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, heisst: u. s. w. — Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden Katheten. In einem Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse etc. heisst: u. s. w. — Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten Ausdruck des Satzes, als den directen, erklärt meine ganze Theorie aus diesem unbedingt gesetzten Muss, um mich eines Fatalismus zu bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die moralische Ordnung sich selbst mache, und wie ich mit meinem guten Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. — Im gemeinen Leben nennt jeder Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man es in der Literatur nennen?“ — Dies ists, was ich geschrieben hatte. Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen zu beantworten:
1) Heisst das, aus meinen Sätzen folgern, wie Nicolai es nennt, wenn man mir einen bedingten Satz in einen unbedingten verwandelt, um mir eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie erklärt habe? Es ist also nicht von Folgerungen, es ist von Verdrehungen und Erdichtungen die Rede.
2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum, sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus) als gegründet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn dieser Zweck nur durch dieses Mittel zu erreichen ist?
3) Wie würde man ein ähnliches Benehmen im bürgerlichen Leben nennen? Wenn ich z. B. im Gespräche gesagt hätte: wenn Nicolai nicht ein grundschiefer und zerrütteter Kopf ist, so ist er ein hämischer Bösewicht: und Nicolai hätte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge einer zu ihm, und erzählte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai, sey ein hämischer Bösewicht; und dieser Erzähler thäte es in der laut zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslöschliches Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die öffentliche Beistimmung zu verschaffen: würde man dieses Benehmen anders bezeichnen können, ausser durch die Benennung der Lüge, der Schurkerei und Büberei?
4) Ist die Anfrage: im bürgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei, Büberei, Lüge, wie soll man es in der Literatur nennen? — gleich dem Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand glaube, dass ich mich zurückziehen wolle, ich bin allerdings der Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es nur über literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und verbreitete allgemeine Meinung gäbe, wie über bürgerliche Ehre. Ich bin allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklären, dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswürdig gehandelt hat.
5) Nicolai’s Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedächtnisse ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen Journals gegenwärtig hat, die oben angeführte Stelle, welche er richtig citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fähig war niederzuschreiben: ich habe darüber, dass ein Gegner mir gezeigt, was aus meinen Sätzen folge, von Schurkerei und Büberei gesprochen, — dieses Betragen Nicolai’s zu beurtheilen und zu benennen, überlasse ich ganz allein dem ehrliebenden Leser.
Soviel über diese ehrenrührigen Angriffe Nicolai’s, die auf erdichtete Thatsachen sich gründen. Was er (S. 154 u. S. 177) über mein Benehmen bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universität Jena urtheilt, übergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verächtlich, als dass ich mich dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen Achtung mir liegen könnte, dieses Urtheil theilte. Es dürfte vielleicht, ausser dem, was über jene Sache bekannt worden, noch andere Umstände geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein anderes Licht stellen würden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai zweckmässig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai gerade ist der letzte, der über diese Dinge mich zur Rede bringen soll.
[17] Und wie könnte ich anders, als sie verachten, von der Seite ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe, der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen könnten; dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich seyn sollten, dass sie von Philosophen (sie sind wohl auch welche, diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich, von Philosophen verstanden werden könnten; die denn doch bei alle dem ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht bergen können, und zuletzt mit dem Troste für ihren Redacteur, ihre Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde; diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher über den sonderbaren Ausdruck verwundern. So lässt neulich einer aus Heydenreichs Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: „Das eheliche Verhältniss ist die von der Natur geforderte Masse (Weise steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174]) des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.“ Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrücken, ruft der Recensent in einer Parenthese aus.
Jeder, der in den neuesten Stücken der N. D. B. unter den philosophischen Recensionen herumblättern will, wird auf die oben angeführten Aeusserungen stossen.
Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederübernehmung der Herausgabe jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht (auch nimmermehr andere bekommen würde), versichern, dass jene Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehörten, wie er dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmüthig seyn, sich in meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schämen, dass ich von diesen Männern spreche, wie von einfältigen Schulknaben; wie ich denn auch allerdings thue.
[18] S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.
[19] Sämmtliche Werke Bd. V. S. 394. — Die im Folgenden erwähnte Note ist dort weggelassen worden, als längst vergessenen polemischen Beziehungen angehörig. (Anmerk. des Herausgebers.)
[20] In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische System des Herrn Prof. Fichte.
Zweite Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)
Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; — wenn nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die Zeit verlieren.
Dass Lessing — wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, — dass, sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist, ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht verbergende Verachtung gegen Nicolai’s Person, und ganzes Werk und Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd mit schonendem Stillschweigen trug.
Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit, Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S. 109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse unter den Freunden (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B. verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln (S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255), und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai’s) Volkslieder zu senden, „indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit dem Volke hinauslaufe“ (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid (29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die Augen hämisch (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai’s Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B. getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S. 286): „was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?“ Und auf der folgenden Seite: „Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaasst.“
Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig (29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, — ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung sich gründet, — um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an, zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich gefunden: „zu Verbreitung — solcher Ideen, die für ein gewisses Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter kommen solle, ihren Werth hätten, durch — so einen Roman.“
Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er — kein so seichter Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben? Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und Disputirsucht erklärt.
Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter deiner Nation!
Dritte Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)
Ich nenne die deutsche Bibliothek ein an sich widersinniges Unternehmen. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel hat, und viel liest, der Strenge nach jedes allgemeine Recensionswerk.
Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu überlegen.
Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne. Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?
Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache — denn es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde wachsen — etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? — Der Lebenslauf jedes wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht seinen Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.
Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt, dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen schreiben?
Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine Recension, und für die Recensionen bleiben in der Regel nur diejenigen übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter zurückgebliebene Invaliden, deren Bücher keinen Absatz, und also keinen Verleger finden, und Schüler, die zwar ein Aufsätzchen in Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden, die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. — In der Regel ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen, und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, da das leidige Vorurtheil für Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht auszurotten seyn dürfte, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft. Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.
Ein Invalid also, oder ein Schüler wird in den 8 oder 14 Tagen, da er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor erheben, der Jahre lang, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, sein ganzes Leben an diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.
Der Invalid — mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt — der Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es neu ist. Der Schüler wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]
Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen, welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten, was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse, woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen; und er hält Wort. — Welches Schauspiel würde das Publicum auch in dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!
Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn kennt, in Respect zu erhalten. „Ei, die verstehns; die wissen recht einem jeden eins zu versetzen,“ soll der Lesepöbel denken.
Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer Kritik, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der Begriff von einer Urtheilsfreiheit der Gelehrten: d. h. dass es jedem, der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse, über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein corpus delicti sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse; dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die — Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig unterwerfen und sich bessern. — Armes Publicum, dass du dir dergleichen Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein corpus delicti. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch ungeschrieben hätte bleiben können.
So mit den allgemeinen Recensionsanstalten, die auf Universalität der Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe, die ein Wort mitsprechen können. Unseres Erachtens ein sehr mislicher Beweis; es wäre dem Orte mehr Ehre, er hätte viele Gelehrte, die etwas besseres zu thun hätten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die gelehrten Mitbürger, denen durch alle Mühe, die man sich darum giebt, doch das Lesen auswärtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkümmern lässt, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden, als es in dieser eingeführten literarischen Contrebande geschieht; auch kräftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren. Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: „Rec. trug dies immer so vor;“ oder: „was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist;“ oder: „wie kann der Mann nur das rühmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es nichts tauge; so er etwas rühmen will, so rühme er unsere Apodiktik.“ Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen der Göttingischen Universität bleiben, deren Lehrer sehr oft mit auswärtigen Schriftstellern in Collision kommen mögen. Sie sind lediglich auf die gelehrten Mitbürger berechnet; und wer sie für mehr hält, auf dessen Kopf falle der Schade!
Aber es ist doch so bequem für das grössere Publicum, und selbst für die wirklichen Gelehrten, beim Durchblättern einer einzigen Zeitschrift zu erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren können. —
Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.
Wie man Petersilie, Pilze und Bücklinge auf den Strassen ausruft, ebenso sollen auch die Bücher ausgerufen werden; nicht durch die ersten Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkäufer, die Buchhändler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen Buchhändler, und übertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs überliessen, die Herausgabe eines ausführlichen Messkatalogs; — oder sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen verhältnissmässigen Auszug des Inhalts, — wo es hingehört, Proben der Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur einiger Commis, die da lesen können und schreiben, höchstens auf einer lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja überdies in einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er urtheilen könne, ob der Auszug richtig und zweckmässig ist. Es mag ihm auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu nennen. —
Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich gänzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben sie alle Bücher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie schreiben im Namen der sämmtlichen Verleger, und es ist sehr natürlich und sehr unschuldig, dass ein Verkäufer seine Waare lobt. Wer dadurch getäuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit zu. Mehrere Buchhändler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es könnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges an Mustern fehlen.
Zweitens habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey verderblich geworden — durch die Art ihrer Ausführung. Jene Bibliothek wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehört, zu finden anmuthen — sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der Popularität, des leeren Geschwätzes. Eine Philosophie, die hinüber und herüberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren Hauptzweck war, die Bibel so vernünftig zu machen, als diese seichten philosophischen Schwätzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener Raritäten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich geschadet; er lebt noch und fährt noch fort zu schaden. — Man irrt sich sehr über den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und Popularität möchten sie durch den Geist wahrer Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit verdrängen; — durch den Geist, der durch die Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herüber gerettet worden. Sodann mag auch über Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas ausgemacht werden.
Dass, wie ich drittens gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser Schrift zur Genüge erwiesen.
[21] Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher Redacteur kommen kann, und wie kläglich sich dieselben oftmals behelfen müssen!
Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genöthiget, noch ein Ergänzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark besetzten ordinären Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrücklich und namentlich angekündigt, dass dieses Ergänzungsblatt unter anderen auch einen Bericht über die durch die Fichteschen Religionslehren entstandenen Bewegungen enthalten würde. Jeder Leser musste glauben, dass dieser Bericht ein vorzügliches Meisterwerk, und ein wahres Bravourstück des Recensionswesens seyn würde, von dessen Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen könnte, da es ihm schon im voraus so bedeutend angekündigt wurde; und höchstwahrscheinlich hatte der Herr Hofrath Schütz wirklich auf ein solches Meisterstück Bestellung gemacht und erwartete täglich die Ankunft desselben. Und was hat er erhalten!
Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist, zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine Eigenthümlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz: was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch Fichte’s Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an seine Wissenschaftslehre anzuknüpfen suche. Nun thue ihm einer etwas! Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufsätzen, so ist die Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.
Dagegen aber fällt ihn sein Unglück da an, wo er keine Gefahr weiter ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen bestimmten Begriff aufgestellt. — Welcher Philosoph weiss nicht, dass seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklärung der Substanz vorhanden ist: die, dass sie sey der Träger der Accidenzen? Auch würde der Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknüpfen suche, eine, wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklärung der Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey die (allein im Denken geschiedenen) Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und als Eins aufgefasst, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals durchblättert hätte: und er hätte sodann den Lesern der A. L. Z. berichten können, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht vorkomme, das Prädicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem Ruhme gereicht haben würde. Von diesem allen hat er nichts gethan und nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach nicht.
Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?
Er fürchtet, Fichte möge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt ist, exercitia stili zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.
Und was für ein Sprachmeister! — Fichte hat gesagt, dass man Gott das Prädicat der Substanz nicht beilegen könne, und fährt darauf fort: „es ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwätz niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns sich erhebe.“ Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des Schreibens eines Vaters etc., welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst öffentlich des Atheismus bezüchtigt, — so ungefähr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister hat zugleich ein sehr gutes Gemüth gegen Fichte, und zeigt es in diesem einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat, durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres der Irreligiosität beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden müsse, ehe die wahre Religion stattfinde. Ihm sind sonach sich erheben (über Hindernisse und Zweifel) und entstehen Synonyme.
Forbergs Benehmen, das er höher oben als petulant, und der Wichtigkeit der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch auch seine Kenntniss des Französischen zu zeigen, niaiserie. Er mag wohl dieses Wort in seinem Dictionnäre durch läppisches Wesen übersetzt finden, und es seinen Schülern immer so übersetzt haben, ohne einen Unterschied zu bemerken zwischen einem unschicklichen Betragen aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und einem ungeschickten und täppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch durch das Wort niaiserie bezeichnet wird. (Niais, höchst wahrscheinlich von nidus, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher unbeholfen bleibt.)
Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich seinen Unterhalt zu erwerben sucht.
Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein so berühmter Philolog, als der Herr Hofrath Schütz, diese argen Verstösse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des Beiwagens war angekündigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.
[22] Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen, aber doch in einer ähnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen. Nachdem er ein — von ihm selbst schon damals dafür erkanntes — schlechtes Buch geschrieben hatte, dafür in einer berühmten Zeitung mächtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung eingeladen wurde — ei, dachte er, gehört dazu nichts weiter? und hatte einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst. Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu können glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht dafür stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwäche herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will für diesen Fall jener berühmten Zeitung, und ihrem berühmten Redacteur, welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im voraus zu gutem Andenken und zu brüderlicher Schonung empfohlen haben. —
Vierte Beilage.
(Zum neunten Capitel.)
Das im Texte erwähnte Geschwätz über Katholicismus und Kryptokatholicismus ist ein trauriger Beweis, was dem guten deutschen Volke jeder Schwätzer anmuthen kann, wenn er nur kräftig schreit. Möchte es doch auch ein abschreckender Beweis für die Zukunft seyn!
Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner Badaud, so sehr er sich auch für einen Weltkenner hält. Es gehört eben mit zum Charakter eines Badaud, dass er sich für einen Weltkenner halte. Ein Berliner Badaud, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und Kohlgartenscher Badaud seyn könnte, oder als ob die Berliner mehr Hang hätten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Städte, sondern weil der Badaud, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist. Ein Badaud ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populär davon zu sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich einbildet, es müsse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnäre übersetzt dieses Wort durch Maulaffe. Nicolai’s ganze Reise ist die Reise eines solchen Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen Zöpfen der Tübinger Mädchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner Badaud entstand das Geschrei über Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek angefochten wurde, über Kryptokatholicismus.
Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde gesprochen, schon vorher auch gewusst hätte? „Es sey mit der Aufklärung (es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklärung, der Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmüthige Protestanten glauben dürften.“ Ei, wer waren denn diese gutmüthigen Protestanten? Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ihr Licht in jene Länder verbreitet zu haben hofften. „Es werde in den katholischen Ländern durch die Mönche noch immer der alte Aberglauben aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht.“ Wer hatte es denn je anders gewusst oder gesagt? „Der Papst nehme seine Behauptungen in der Regel nie zurück; er rechne auch die protestantischen Länder gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie besonders durch Bekehrungen in den deutschen fürstlichen Familien in den Schooss der Kirche zurückzuführen.“ Wer hat denn die Geschichte gelesen und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun jetzt auf einmal der Lärm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging? War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich könnte nicht sagen; ausser etwa für Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa jetzt jene Bemühungen kräftiger und glücklicher? Keinesweges, vielmehr geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.
Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in denselben, das Räuchern, Salben, Händeauflegen! Sind dies nicht offenbar katholische Ceremonien? Sieht man da nicht — so nemlich connectirt Nicolai — offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre kirchlichen Gebräuche zu gewöhnen, und dadurch u. s. w.? — Jedes Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend Gründen begreiflich, dass höhere Grade entstanden, und dass diese durch besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jüdisch und heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. — Hätte Nicolai diesen Lärm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch geworden, sein Tempelherrnsystem einführte, als Stark mit seinem allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so hätte die Sache einigen Anschein für sich gehabt. Aber zu der Zeit ihn zu erheben, da er ihn erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden zur katholischen Religion gebracht worden!
Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so etwas nicht, und durch Schlüsse a priori lasse es sich nicht herausbringen: das erführen nur Weltleute seiner Art; denn für einen solchen hält er sich, weil er über Wien und München nach Zürich gereist, und mit dem Minister von Wöllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses hat über acht Jahre in Ländern, wo Protestanten und Katholiken vermischt sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im südlichen Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese Länder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu lassen, was man gern sehen und hören will; er hat in ihnen gelebt, Geschäfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlüsse zu bauen, die Nicolai aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er würde nie darauf gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die Nicolai ihnen zuschreibt.
Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf über den Abt Barruel! Die Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten war.
Fünfte Beilage.
(Zum neunten Capitel.)
Die A. d. B. war allerdings ein der Religiosität der Nation höchst schädliches Unternehmen. Religiosität ist Tiefe des Sinns, und geht aus ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf Oberflächlichkeit; Religion deutet auf das übersinnliche höhere Leben; der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und Nützlichkeit für das Gröbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben die Religionsaufklärung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie erzählt haben, dass die Bauern weniger Processe führen, sich seltener betrinken, und die Stallfütterung eingeführt haben.
Doch was soll ich hier noch viel Worte über diesen Gegenstand machen? Jene Appellation an das Publicum etc., die Nicolai auch so zuwider ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn könne (der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gottesläugnern, Götzendienern, Dienern eines bösen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat, was hier zu beweisen wäre, für den ist jeder andere Beweis verloren.
Noch eine Beilage
oder
Dreizehntes Capitel.
Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unsers Helden.
Die Betriebsamkeit gewisser Buchhändler ging in jenen Tagen so weit, dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch bei Nicolai’s Lebzeiten ein unrechtmässiger Vordruck der gegenwärtigen Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig rechtmässigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern mitgetheilt haben.
Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und an der Erziehung Fichte’s und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher, fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel, erklärte öffentlich, dass der Spass so übel nicht sey, und dass er selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; — nur hätte, fügte er hinzu, der Autor sich kürzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das Gründliche und Ausführliche hinein; erzählte, zur Widerlegung des Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen, die er von Jugend auf erhalten, vollständig, legte zum Beweise seiner Wahrhaftigkeit seine Schreibebücher, in einem saubern Holzschnitte nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine exercitia stili bei. Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhältniss mit Lessing durch ausführlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten Briefwechsel, und durch die Erzählung aller „Discurse,“ die er in seinem Leben mit jenem geführt, auseinander; ebenso bewies er durch die vollständige und ausführliche Aufführung aller Discurse, die er mit Moses Mendelssohn geführt, dass derselbe keinesweges ein Mann von eingeschränkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4 Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzählte ferner alle die Gedanken, die er so bei sich geführt, als er mit der Stiftung der allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzählte die pragmatische Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen geschätzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei; bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die für den Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zählte, um zu zeigen, dass er kein Badaud und Tölpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey, alle königliche und fürstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u. s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen, erzählte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken, welche witzige Einfälle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: — und wir müssten die Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks nachdrucken lassen, um vollständig zu verzeichnen, was er alles beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format und Druck, und war um einen äusserst civilen Preis in seiner Handlung zu haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.
Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald ein, wo der Fehler läge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst, sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich, ausführlich, kräftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16 aufmerksam zu machen; erläuterte, ergänzte, verstärkte, und brachte noch weit mehr Spässe an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.
„Noch nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die fatalen Geschäfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich endlich frei machen.“ So übergab er seine Handlung und die Redaction seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das Land, schloss sich ein, und dictirte unablässig Tag und Nacht fort einem Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und Vollständigkeit genügte ihm nicht, und sein Stündlein überfiel ihn, ehe er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]
Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft übernommen. Gern hätte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen einiger Tausende von starken Bänden die Kräfte des Zeitalters übersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen kostbaren Nachlass aufzulösen, den Geist desselben zu entbinden und in das Universum hineinströmen zu lassen.
Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines ruhenden Kolossen, dessen äussere Gestalt und Bildung dem Seligen so nahe kam, als möglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen Literaturzeitung unterstützt. Der alte Freund hatte von allen Parteien einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der Beschattung desselben sich brüderlich vereinigen möchten. Da standen, durch das gemeinschaftliche Leid endlich verträglich gemacht, und insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zöllner, Gedike, die beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schütz, Reinhold, die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.
Durch eine wunderbare Fügung hatten Fichte und Schelling, die unter den Eingeladenen sich befanden, und mit den Rücken an das papierne Denkmal sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] „jener mit Hasenbraten, dieser mit einer wilden Schweinskeule allzuvoll gestopft, — wie denn dies dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann — und der eine konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen.“ — — — —
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O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen, dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen können, und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden für eine Bewandtniss gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne papierne gewesen, in welchen die Seele zurückgekehrt. So viel wird uns aus einigen übriggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift noch folgendes heraus:
— „vordere Mund, den der Freund so inbrünstig küsste. — Indessen dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus über das ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst, und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dämmernde Aufklärung übrig. Alle Umste“ — —
Von da an ist das Manuscript wieder völlig zerfressen und unleserlich.
Es wäre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen, und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser Untersuchung ihre Kräfte zu üben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter, dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwähnen, dass diese Handschrift von den berühmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine höchst scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.
Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafür den Weg der Pränumeration ein. Liebhaber haben die Güte sich im Comptoir der Allgemeinen Literaturzeitung zu melden.
Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung
im Jahre 1840.
[23] Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber. Einige sagen, dass auch das gegenwärtige dreizehnte Capitel in dem erwähnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher unmöglich habe thun können, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zukünftige Verfasser dieser vorgedruckten Schrift müsse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschüre sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas übergehe ein Ehrenmann, wie er sey, mit stillschweigender Verachtung. — Die 48 Alphabete, das unablässige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwärtige dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch gethan, was er nicht lassen können, unerachtet man es ihm vorausgesagt, und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben erzählen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen, das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nächsten Recension, die wir verfertigen, übel ergehen soll.
Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung
im Jahre 1840 — zugleich Recensent an der
weltberühmten allgemeinen Literaturzeitung.
[24] Das Folgende sind Herrn Nicolai’s eigne Worte, S. 174. f. der angeführten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in Nicolai’s eignen Worten.
Inhalt
| Seite | |
| Einleitung | [4] |
| Erstes Capitel. Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind | [10] |
| Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze gekommen seyn möge | [11] |
| Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers Helden sich geäussert habe | [18] |
| Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen angekommen sey | [21] |
| Fünftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten Grundsatze | [23] |
| Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes | [26] |
| Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes | [32] |
| Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze | [36] |
| Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden | [40] |
| Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte | [49] |
| Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unsers Helden erfolgt sind | [51] |
| Zwölftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt | [59] |
| Beilagen | [61] |
Deducirter Plan
einer
zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt.
Geschrieben im Jahre 1807
von
Johann Gottlieb Fichte.