Vierzig Jahre
aus dem
Leben eines Toten

Erster Band

Sechste Auflage

Vierzig Jahre
aus dem
Leben eines Toten

Hinterlassene Papiere
eines französisch-preußischen Offiziers

In drei Bänden

Erster Band

Egon Fleischel & Co.
Berlin
1916

Inhalt
des ersten Bandes.

Seite
I.
Eine Taufe. – Frau Rat Goethe. – Voltaire in strengem Arrest zu Frankfurt am Main; seine Perücke. – Der erste Luftschiffer in Deutschland. – Sonderbarer Zwischenfall. – Blanchard werden fürstliche Ehrenbezeigungen zuteil[1]-[16]
II.
Kleinkinderjahre mit großen Episoden. – Die letzte deutsche Kaiserkrönung (Franz II.). – Die französischen Emigranten. – Die Frankfurter Juden. – Der alte Rothschild und sein Vater[17]-[29]
III.
Die Neufranken in Frankfurt. – Cüstine. – Die Kontribution. – Die Mainzer Revolution[29]-[39]
IV.
Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preußen und Hessen. – Franzosen durch den Pöbel niedergemacht. – Schreckliche Lage der Frankfurter Abgeordneten zu Paris, aus der sie mein Oheim befreit. – Eindruck, den die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. macht[39]-[51]
V.
Aufenthalt des Königs von Preußen und seiner Garde in Frankfurt. – Spielwut der Offiziere. – Ein Jude muß einen Wechsel fressen. – Eine Entführung. – Errichtung einer stehenden Bühne in Frankfurt. – Die erste Vorstellung der Zauberflöte erregt ungeheures Aufsehen. – Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). – Die Stadt wird mit glühenden Kugeln beschossen. – Niederbrennen der Hälfte des Judenquartiers. – Frankfurter Zustände jener Zeit. – Meine schöne Cousine. – Eine Scheidung. – Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart[52]-[71]
VI.
Das Institut zu Homburg vor der Höhe. – Die Flegeljahre. – Homburg und seine Umgebungen. – Der Hof. – Eine Schweinsjagd im Schloßgarten und eine Schildwache im Teich. – Eine kaiserliche Stecknadel[72]-[88]
VII.
Das Pensionat zu Offenbach. – Die Gebrüder Bernard. – Eine große Prellerei. – Das Puppenspiel. – Der Konfirmationsunterricht. – Schinderhannes gefangen und hingerichtet. – Allerlei Amoretten. – Ich will mich schlechterdings dem Theater widmen. – Eine Reise nach Weimar. – Goethe und Schiller[89]-[117]
VIII.
Abermaliger Aufenthalt in Homburg vor der Höhe. – Diverse Amoretten. – Ich gebe den Schauspieler auf, um Soldat zu werden. – Glänzende Folgen einer Ohrfeige. – Eine Hanauer Zopfparade. – Ich trete in französische Dienste[118]-[139]
IX.
Mainz; seine Geschichte. – Ich werde zu dem Regiment Y. versetzt. Formation desselben. – Die Familie Jung. – Die Mitternachtsmessen. – Eine tödliche Krankheit. – Das Regiment erhält Ordre, nach Toul zu marschieren. – Ich gehe zu meiner Wiederherstellung auf Urlaub. – Chasttelers Mätresse, und eine Nacht im Bären. – Napoleon hält eine Revue in Mainz. – Ich bekomme einen Transport Rekruten nach Toul zu führen[139]-[154]
X.
Marsch von Mainz nach Toul. – Abscheuliche Zusammensetzung des Transports. – Oppenheim. – Worms. – Desertion und Diebereien. – Die Pfalz. – Dürkheim. – Kaiserslautern. – Die Familie Karcher. – Landsstuhl. – Homburg. – Saarbrücken. – Eine getröstete Strohwitwe. – St. Avold. – Courcelle. – Ein schmutziger Vorfall. – Metz. – Ich werde in das Militärgefängnis gesetzt. – Spitzbübereien des Quartiermachers. – Die Sehenswürdigkeiten von Metz. – Pont à Mousson. – Ankunft in Toul[154]-[172]
XI.
Die Garnison zu Toul. – Ich werde Kadett-Sergeant. – Schlechte Administration und Organisation des Regiments. – Schlimmer Ruf desselben. – Aufstand wegen des Handgeldes. – Deutsches und französisches Liebhabertheater. – Nancy. – Eine Entführung. – Ich werde Vorleser beim Fürsten und erhalte Arrest. – Ein Duell im Mondschein. – Eine Klopffechterei. – Abmarsch nach Avignon[173]-[190]
XII.
Colombey. – Neufchateau. – Ein greulicher Vatermord. – Montigny. – Komisches Mißverständnis. – Langres. – Dijon. – Chalons sur Saone. – Wasserfahrt auf dem Coche d’Eau. – Eine Nacht in Macon. – Lyon. – Ein vereitelter Gaunerstreich und beigelegtes Duell. – Das Regiment wird auf der Rhone eingeschifft. – Vienne. – Condrieux. – Schiffbruch unter der Brücke St. Esprit. – Orange. – Avignon. – Aufenthalt daselbst. – Die Insel Bartelasse. – Villeneuve. – Madame Croizet und die Prozession. – Eine Tour nach Vaucluse. – Ewiger Friede. – Eine gefährliche Überrumpelung. – Abmarsch nach Montpellier. – Tarascon. – Böses Volk. – Eine entwaffnete Wache. – Ein Schäferturnier. – Nimes. – Lünel. – Montpellier[191]-[225]
XIII.
Die Garnison zu Montpellier. – Der Peyron. – Furcht der Soldaten vor der medizinischen Fakultät. – Die Einwohner. – Meine Hausdamen. – Demoiselle Verteuil. – Fürst Y. mein Nebenbuhler. – Ich falle in Ungnade. – Die Fahnenweihe. – Der souveräne Fürst in strengem Arrest. – Folgenschwerer Ritt nach Cette. – Nächtliche Spazierfahrt auf der See. – Auch ich in strengem Arrest und verliere meinen Grad als Sergeant. – Ich werde Unterleutnant. – Abmarsch nach Toulon. – St. Remy. – Orgon. – Aix. – Das Fronleichnamsfest daselbst. – Arles. – Toulon. – Stadt und Hafen. – Das Arsenal. – Die Galeerensklaven. – Wiedereinnahme von Toulon durch die Republikaner (1793). – Bonaparte tut sich zuerst hervor. – Verbrennung der französischen Flotte und des Arsenals. – Verheerung der Stadt. – Rauferei mit einem Marine-Offizier. – Ein Skandal im Theater. – La Seine. – Die Familie Guige. – Eine Hochzeit auf der Insel Porquerolles. – Abmarsch nach Genua[225]-[270]
XIV.
Marsch von Toulon nach Genua. – Lüc. – Frejus. – Cannes. – Die lerinischen Inseln. – Madame Grenet. – Nizza. – Landsleute. – Seefahrt von Nizza nach Genua. – Finale. – Savona. – Der Anblick Genuas vom Golf aus gesehen[271]-[282]
XV.
Beschreibung Genuas. – Besuch bei einem Grafen Fiesco. – Ein sauberer Kanonikus. – Soiree bei Dorias. – Ein italienischer Sprachlehrer. – Die Marchesa P... und ihr Cicisbeo. – Signora Peretti. – Mozarts Don Juan wird zuerst durch mich in Genua bekannt. – Die Militärmessen. – Komisches Mißverständnis. – Ein gefälliger Gitarre-Lehrer. – Ein Mordanfall. – Maskenfest bei Dorias mit einer Episode. – Abmarsch von Genua[283]-[324]
XVI.
Marsch von Genua nach Mola di Gaëta. – Beschwerliche Märsche durch das Gebirge. – Der Anblick von Italiens Ebenen. – Parma. – Reggio. – Modena. – Bologna. – Eine liebenswürdige Advokatenfamilie. – Faenza. – Forli. – Cesena. – Rimini. – San-Marino. – Sinigaglia. – Loretto. – La Casa-Santa und ihre Schätze und Reliquien. – Macerato. – Foligno. – Spoleto. – Terni. – Der Wasserfall. – Narni. – Civita-Castellana. – Roms Umgebung. – Ein Tag in Rom. – Marsch nach Mola di Gaëta. – Besitznahme des Königreichs Neapel durch die Franzosen[324]-[354]
XVII.
Die Belagerung von Gaëta. – Mola di Gaëta. – Abmarsch nach Neapel. – Sessa. – Ein Dominikanermönch verführt zwei Korporale. – Capua. – Aversa. – Neapel. – Vetter Moritz. – Der neue König und seine Regierung. – Das Blut des heiligen Januarius wird zugunsten der Franzosen flüssig. – Scheußliche Exekutionen. – Der Vesuv speit Feuer. – Die Lazzaroni. – Die italienischen Benefizvorstellungen. – Aufstand in Kalabrien. – Abmarsch dahin[354]-[380]
XVIII.
Erster Feldzug in Kalabrien. – Portici. – Salerno. – Eboli. – Cosenza. – Die Schlacht bei Maida. – Scheußliche Behandlung und Martern der den Briganten in die Hände gefallenen Gefangenen. – Die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens. – Gräßlicher Insurgentenkrieg und Verwüstungen. – Fra Diavolo. – Ich nehme seinen Adjutanten gefangen. – Seine Galanterie gegen zwei französische Offiziersdamen. – Rückkehr nach Neapel. – Fra Diavolos Gefangennehmung und Hinrichtung[380]-[418]

Einleitung.

Es gibt heute nichts, was höher im Kurs stände, als die Tatsache. Die knappen Berichte des deutschen Hauptquartiers, die in wenigen, genauen Worten den jeweiligen Stand der größten Erschütterung aufzeichnen, die die Welt je erlebt hat, sind gepreßt voll mit Tatsachen, zwischen denen keine Watte von Gefühl, Betrachtung, Ausmalung liegt. Die genaueste Projizierung vom Geschehnis ist uns heute die liebste, weil sie die reinlichste Aufzeichnung unserer Schicksalslinie darstellt. Was könnte ein anderer hinzutun, das wir selber nicht tiefer und inniger empfänden! Aber als Ergänzung dieser gewaltigen Nüchternheit, die das Gesamtbild haben muß, ist uns die Darstellung des einzelnen Erlebnisses willkommen, in dem wir die Anfänge der großen Dinge spüren und sehen. Die Tatsache ist das Entscheidende; aber ihre Farbe und manchmal ihre Bedeutung erhält sie dadurch, daß sie in Handlung oder im Unterlassen des einzelnen Menschen wurzelt, ein einzelnes Menschenschicksal ist!

Hier ist ein Buch, das solch ein einzelnes Menschenschicksal erzählt, in dem sich aber der Zusammenbruch der alten Welt in den Revolutionsjahren und der Aufstieg der neuen in Napoleon spiegelt, bis auch das Erdbeben und sein Sohn keine Faktoren eines weltpolitischen Lebens mehr sein konnten, sondern ihren Platz nüchternen, aber gewaltigen Erscheinungen abtreten mußten: der allgemeinen Wehrpflicht, dem allgemeinen Stimmrecht, dem neuen Nationalstaat.

Aber dies Buch eines französisch-preußischen Offiziers erzählt eben nicht von hoher Warte, sondern aus dem Gewimmel der vielen heraus, in dem hier und da der Siebenmeilenschritt des kleinen Korporals auftaucht. Ein Mann erzählt ein ungewöhnliches, aber auch unbekanntes Leben, Jahr für Jahr, Woche für Woche, von seiner Kindheit in Frankfurt am Main, über der, landsmännisch respektlos behandelt, der Name Goethe steht, von seinem Eintritt in die glorreiche Armee, seinen Feldzügen in Italien, Spanien, im Balkan und auf Korfu, von der preußischen Dienstzeit mit Drill, Langerweile und letzten Erinnerungen an den Gamaschendienst, und schließlich von einem freien Vagabondieren durch ganz Europa, das Deutschland des Frankfurter Bundestags und das Frankreich Ludwigs XVIII., um dessen zerbrechliche Herrlichkeit immer noch das Gespenst des verbannten Napoleon spukt. Ja, als der Verfasser in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist und langsam in die Glorie des stimmberechtigten Bürgers einrückt, taucht noch einmal die bestimmende Gestalt seines Lebens auf: der Kaiser! Er hat ihn bewundert, aber nie geliebt; noch weniger liebt er seine Kerkermeister, die Engländer. So wird er das tätigste Mitglied einer bonapartistischen Konspiration, die den Gefangenen von Sankt Helena mit einem märchenhaften, unwahrscheinlichen und heut, hundert Jahre später, uns so geläufigen Mittel befreien will: mit einem Unterseeboot. Aber der Kaiser stirbt, eh das Wunder verwirklicht werden kann. Und die Welt geht, des Gigantenkampfs müde, zu neuen, etwas muffigen und saftlosen Spielereien über. Das Leben eines Toten kehrt in die Niederungen zurück.

Fünfundzwanzig Jahre durchstreift der Frankfurter Bürgersohn, der mit seinem wahren Namen Friedrich hieß, Europa, und fünfundzwanzig Jahre lang ist ihm Feldzug und Reise fast nichts anderes als der Flug von einer Frau zu einer anderen Frau. Er wird wohl ein wenig übertreiben; aber selbst nach dem Abzug eines mäßigen Prozentsatzes bleiben noch soviel galante Abenteuer über, wie sich sonst nur bei Casanova finden lassen. Und die erzählt er nun mit heller Freude und dem ausgesprochenen Genuß des Nachkostens. Er erlebt all die Frauen noch einmal, die er in Quartieren und im Salon errungen hat, und vergißt bei keiner, die Beweise seiner Kraft aufzuzählen. Allerdings, mit tiefschürfender Psychologie gibt er sich dabei nicht ab. Er ist auch hier ein unbedingter Anhänger der Tatsache und weiß sich nichts Amüsanteres, als den Weg zu ihr möglichst genau darzulegen. Er kennt hundert Arten der Verführung, und die Frauen, denen er begegnet, kennen, – das muß man zugeben – hundert und eine Art, sich verführen zu lassen. Von der Fürstin bis zum Dienstmädchen kennt er die ganze weibliche Klaviatur des damaligen Europa, und (er ist auch ein großer Musiker) seine Lieblingsoper, die damals noch kaum über Österreich und Deutschland hinausgedrungen war, ist natürlich der unsterbliche Don Juan. Er weiß die Schönheit Mozartscher Musik wohl zu erfassen. Aber ganz uneigennützig ist seine Propaganda für den Meister doch nicht, denn seine größten Liebes-Triumphe erringt er immer wieder durch das Duett Don Juans, das er mit geschickten Impromptus mit der Erkorenen durchnimmt.

Aber die Abenteuer des Toten spielen sich im Rahmen napoleonischer Heerzüge ab! Es sind Feldpostbriefe aus einer Zeit, wo die Kriegsschauplätze so zahlreich waren wie heute. Allerdings muten uns diese Kämpfe, neben dem eisernen, zerfleischenden Ringen von heut, wie Scharmützel an, die mehr jugendlichem Tatendrang als weltgeschichtlicher Notwendigkeit zu entstammen scheinen. Seltsam liest sich die bunte Schilderung des Kleinkriegs am Ende des italienischen Stiefels, Sizilien gegenüber, wo die Engländer in schöner Skrupellosigkeit Tag und Nacht neapolitanische Banditen an Land setzen und mit ihrer Flotte den Franzosen das Leben sauer machen. Die Freunde von heute benutzten damals schon Mittel gegeneinander, die sie heut kräftig miteinander gegen uns ins Werk zu setzen trachten, und gaben einander an Sorglosigkeit in der Wahl der Kampfmethoden nichts nach; das beweist vor allem die ausführliche Schilderung der Land- und Seeschlacht bei Toulon. Aber viel interessanter ist noch der Einblick in das Napoleonische Weltgebäude, das wir in der großen Geschichte sozusagen nur in der Verschalung kennen lernen, während es hier bloßgelegt wird, mit dem Wurm im Gebälk und flüchtig nur aufgenagelten Sparren. Was wissen wir von Napoleons Glück und Ende? Daß er etwa 1805 auf dem Gipfel seiner Macht stand, 1814 Land und Krone verlor, zurückkehrte und am 16. Oktober 1815 als Gefangener auf Sankt Helena landete. Hier aber, aus dem Leben eines Toten, erfahren wir von einem höchstbeteiligten Augenzeugen, wie es um das Weltreich, auch zur Zeit der größten Blüte, bestellt war. Wir erleben mit, wie kaum ein Quadratmeter ruhig und sicher gewesen ist, wie auch in den unterworfensten Städten und Ländern die Empörung züngelte und emporschlug und ständige, blutige Gewaltherrschaft nötig war, um den Schein der Macht nach außen aufrecht zu erhalten. In Neapel, Rom, Venedig, Wien, Madrid, an allen Enden Europas war die Unsicherheit napoleonischer Größe dieselbe. Gewiß, unser Gewährsmann ist ein ganz kleiner Leutnant, aber er kommt überall hin, er ist, wenn auch ein unbedeutendes, so doch ein Glied der Herrscherkaste, er findet seinen Weg immer im Umkreis der Fußstapfen des Titanen, und siehe da: auch dieser Koloß hat tönerne Füße. Nirgends ist seine Herrschaft anerkannt, nirgends an der Peripherie klappen die militärischen Dinge so richtig, nirgends kommt die Verpflegung und der Sold zur rechten Zeit, für nichts hat Napoleon die Zeit sachgemäßer Maßregeln: er dekretiert und sehr oft so, daß seine glühenden Anhänger zu seinen Gegnern werden müssen, weil seine Anordnungen für das betreffende Gebiet tödlich wirken. Tragisch geradezu und in ihrer Komik doch wieder lächerlich wirkt die Liquidation dieses größten Weltreichs. Unser Erzähler sitzt strafversetzt auf Korfu, von der Welt durch die englische Flotte abgesperrt. Und während die Menschheit den Sturz Napoleons tragödienhaft nach der Völkerschlacht bei Leipzig erlebt, nimmt er auf Korfu die Gestalt einer ganz gewöhnlichen Geldklemme an, bis schließlich die Engländer, Wochen nach Napoleons Ende, auch auf der kleinen Insel mit einer längst operettenhaft gewordenen Weltherrschaft Schluß machen. Die kleine preußische Garnison, die unsern Helden später aufnimmt, kann natürlich nach den Abenteuern einer zehnjährigen Kriegszeit nicht gut wegkommen. Der große Schwung der Befreiungskriege ist verflogen, die heilige Allianz lastet auf Preußen, der Garnisondienst ist noch nicht so recht der allgemeinen Wehrpflicht angepaßt, wenn auch die Fuchtel verschwunden ist. Langsam erst konnte aus der Enge von Provinz und Drill das herauswachsen, was damals in den Windeln lag und heut unser aller Rettung und Stolz ist: das deutsche Volksheer!

Die Zeit vor hundert Jahren in einem deutschen Spiegel! Die Zeit, in der die Wurzeln der unseren ruhen! Der Held erlebt sie, wie kaum ein anderer, in fremder Uniform wie so viele, aber mit unverfälschtem Blick für die Not seines Vaterlandes. Was preßt sich alles in die fünfundzwanzig Jahre seiner Wanderfahrt! Er erlebt die erste Aufführung der Zauberflöte in Deutschland und bringt die erste des Don Juan in Italien zustande; er verhaftet den guten Papst Pius VII. und beinahe den nicht minder berühmten Fra Diavolo. Er ist der Liebhaber von Napoleons schönster Schwester Pauline und drauf und dran, der Retter und Erlöser des Gefangenen von Sankt Helena zu werden. Er ist – und das ist das Beste an ihm, dem flotten Erzähler, unermüdlichen Schürzenjäger, mutigen Soldaten – eine der typischen Gestalten, in denen sich deutsche Tatenlust ins Weltgedränge mischte, seit Jahrhunderten fremde Geschäfte besorgte und heut im mächtigen Rahmen deutscher Herrschaft und deutscher Ausdehnung sich im eigenen Haus, am eigenen Werk betätigen muß!

April 1915.
Ulrich Rauscher.

I.
Eine Taufe. – Frau Rat Goethe. – Voltaire in strengem Arrest zu Frankfurt am Main; seine Perücke. – Der erste Luftschiffer in Deutschland. – Sonderbarer Zwischenfall. – Blanchard werden fürstliche Ehrenbezeigungen zuteil.

Denselben Tag und zur selben Stunde, als die Kanonen bei der Erstürmung der Bastille zu Paris donnerten, nämlich den 14. Juli 1789, kam in der ehemaligen freien Reichsstadt des seligen heiligen römischen Reichs, von dem schwer zu ermitteln, was heilig und was römisch an ihm war, zu Frankfurt am Main, in einem in der alten Fahrgasse gelegenen Haus, zum goldnen Schiff genannt, ein Knäblein zur Welt, dessen Vater, Johann Nikolaus Fröhlich, ein wohlhabender Handelsmann und Bürger dieser Stadt war.

Zehn Tage nach dieser Begebenheit gewahrte man in einer langen, grünen, braungetäfelten Stube dieses Hauses einen dreieckigen, mit schneeweißem, mit kostbarer Spitzenarbeit versehenem Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben stand ein sehr kunstreich gearbeitetes silbernes und vergoldetes Taufbecken zwischen zwei wohlduftenden japanischen Blumenvasen und vier schwere silberne Armleuchter von getriebener Arbeit, das Patengeschenk für den Neugeborenen. Um diesen so geschmückten, eine Art Altar repräsentierenden Tisch stand in einem Halbkreis eine hochachtbare Gesellschaft ganz honetter Spießbürger aus den angesehensten Familien der alten Reichsstadt samt ihren Frauen. Alle waren in stattliche Galakleider von Sammet und Seide, im Geschmack jener Zeit gestickt, gekleidet, die Herren trugen prächtige Perücken mit stattlichen Haarbeuteln und die Frauen hochgetürmte, sehr künstliche Haargebäude auf ihren Häuptern und waren trotz der heißen Jahreszeit in steifen, schweren Damast gehüllt. All diese respektablen Personen hatten sich hier eingefunden, um der Taufe des jungen Christen beizuwohnen, der während der ganzen Dauer der heiligen Handlung gleich einem Neuntöter schrie.

Unter denen, welche diesen feierlichen Akt mit ihrer Gegenwart beehrten, befand sich auch ein Herr Weller mit seiner Gattin, ein Achtundvierzigstteil der damaligen Frankfurter Souveränität, das heißt, er war als Schöffe Mitglied des aus achtundvierzig Personen bestehenden und Hochwohlgebornen, Gestrengen, Fest- und Hochgelahrten, Hoch- und Wohlweisen, auch Wohlfürsichtigen, insonders Großgünstigen, Hochgebietenden und Hochzuverehrenden betitelten Magistrats[1]. Dieser gewichtige Mann war der Pate und Großpapa des zu taufenden Kindes.

Außer ihm waren noch zugegen: der Stadtkommandant und Generalissimus des aus vier- bis fünfhundert Mann bestehenden freireichsstädtischen Heeres, nämlich der Herr Oberst Schulter nebst Gattin und Schwägerin, von denen die erste die Tante und die zweite die Mutter Goethes, die Frau Rat Goethe, waren. Letztere war eine etwas stolze und mitunter hochfahrende Dame, welche nicht versäumte, bei Gelegenheit anzubringen, daß der Verfasser Werthers und Götz von Berlichingens ihr leiblicher Sohn sei. Indessen war ihr Herz und Geist nicht abzusprechen, und ihre vertrauteren Freunde behaupteten, daß sie auch Gemüt und Gutmütigkeit besitze. Ferner befand sich noch ein Herr Fahrtrapp, Wellers Schwager, ein reicher, gelehrter Buchhändler und Antiquarius, holländischen Ursprungs, ein geniales Original, in dieser ehrenwerten Gesellschaft. Dieser Mann hatte große Verbindungen und Gelegenheit gehabt, Voltaire kennen zu lernen, als dieser in Frankfurt auf Befehl Friedrichs II. in Gewahrsam gehalten und bei dieser Gelegenheit von einigen Gaunern daselbst mißhandelt und geprellt wurde. Der Antiquar war ein wissenschaftlich gebildeter und geistreicher Mann, wenn auch, gleich allen Sterblichen, mit einigen Schwachheiten begabt. Er hatte die Gnade gehabt, während Karls VII. gezwungenen Aufenthalts zu Frankfurt am Main, als dieser unglückliche Kaiser trotz dem Beistand, den ihm Ludwig XV. von Frankreich leistete, seine Staaten hatte verlassen müssen, denselben unangemeldet durch eine geheime Hintertreppe in seinem Kabinett aufsuchen zu dürfen, was er dem Umstand verdankte, daß er dem Kaiser mehrmals hochwichtige Nachrichten hinterbracht hatte, ehe noch die diplomatischen Spürnasen Sr. Majestät eine Ahnung von denselben gehabt und die der Buchhändler vermittelst seiner weitverbreiteten Verbindungen in Erfahrung gebracht. Auch wollte ihn der Kaiser zum Edelmann und Baron stempeln, was sich Franz Fahrtrapp jedoch verbat und, für die hohe Gnade dankend, Sr. Majestät antwortete: Ich mag ein leidlicher Antiquarius und passabler Buchhändler sein, würde aber allem Anschein nach nur ein mittelmäßiger Baron und ein sehr schlechter Höfling werden, deshalb geruhen Allerhöchstdieselben mich in statu quo zu lassen, – und damit hatte es auch sein Bewenden. Dagegen hatte Herr Fahrtrapp die Schwachheit, daß, eine Meinung oder Tatsache behauptend, er häufig hinzusetzte: „so dachte auch mein Freund Voltaire,“ oder „ich hab’ es vom Kaiser Karl selbst!“

Von den übrigen mehr oder minder bedeutenden Taufgästen führe ich nur noch eine wunderschöne junge Frau an, die sich Madame Scholze nannte, die Schwester des Herrn vom Haus und die Gattin eines Millionärs aus der Hansestadt Bremen war, der in der Nähe von Worms ein schönes Gut, Niedesheim genannt, besaß, wohin ihm die Ankunft des Neugebornen vermittelst einer Stafette und blasendem Postillon gemeldet und die Einladung zur Taufe durch einen Freund der Familie, Herrn Rasor aus Worms, ebenfalls ein Taufgast, zugekommen war.

Als endlich der hochwürdige Pastor Stark in seinem protestantisch-geistlichen Kostüm mit breitem Lutherkragen, wie sie zu jener Zeit die lutherischen Pfarrherrn in Frankfurt trugen, die Taufhandlung beendigt hatte, übergab er den kleinen Schreihals dem Paten, und dieser überreichte ihn der Wartfrau Greifenstein mit den Worten: „Wohlan, junger Weltbürger, suche deinen Weg in dieser Welt voll Eitelkeit zu machen; es scheint, du bist mit einer guten Lunge begabt, dies ist schon etwas, du kannst es einmal bis zum Stadtamtmann, wohl gar zum einjährig wohlregierenden und gestrengen Bürgermeister in unserer guten Republik bringen.“

Nach beendigter Zeremonie empfahl sich der Pastor, nachdem er sich noch durch ein paar Gläser Malaga erquickt hatte. Die übrige Gesellschaft, von seiner etwas genierenden Hochwürden befreit, überließ sich nun ungestört den Genüssen, welche ihr die Freigebigkeit des Herrn vom Hause und Vaters des Getauften, Herrn Fröhlich, bereitet hatte. Perlender Niersteiner und uralter Hochheimer Dompräsenz wurden reichlich kredenzt, sowie flüssige und kompakte Süßigkeiten für die Damen.

Man war eben im Zug, sich so recht en Gevatter zu vergnügen, als die Frau Oberstin und Stadtkommandantin plötzlich ausrief: „Ach, mein Herr Jesus, wir sind ja zu dreizehn!“

„Hast du mich nicht erschreckt,“ sagte Frau Rat Goethe etwas ärgerlich zu ihrer Schwester.

„Und was ist’s denn weiter? Wir haben ja zu essen und zu trinken für mehr als dreißig,“ sagte der Antiquarius, Goethes Tante ein Glas hundertjährigen Hochheimer präsentierend, und setzte hinzu: „Auf Ihre Gesundheit, Frau Gevatterin!“

„Wir wissen schon lange, daß Sie ein arger Freigeist sind, Herr Fahrtrapp,“ erwiderte die Oberstin, das dargebotene Glas ausschlagend, „aber wer weiß, was noch aus Ihnen dereinst werden wird.“

„Was aus uns allen, Frau Gevatterin; die Substanz meines Leibes verspeisen meine Urenkel vielleicht einmal in einem saftigen Hammelbraten oder gar in einem Spanferkel, und meine Seele – je nun, ein großer Bösewicht bin ich nie gewesen, so wird sich wohl auch noch für diese ein Plätzchen im Elysium finden.“

„Aber um Himmelswillen, Herr Bruder,“ fiel nun Schöffe Weller dem Sprecher in die Rede, „laß doch dies bei einem Tauffest so unpassende Gesalbader.“

„Gerade bei einer Taufe möchte es am passendsten sein, denn jeder Neugeborne ist doch nur ein Kandidat des Todes. Doch das beiseite, muß ich selbst gestehen, daß es mir eines Tages bei einem Mahl, bei dem wir zu dreizehn waren, gewaltig unbehaglich wurde.“

„Wieso?“ fragte Herr Scholze.

„Aha, Herr Freigeist, jetzt kömmt’s,“ sagte die Stadtkommandantin.

„Ja, jetzt kömmt’s,“ fuhr der Antiquar fort, „denn es war kaum für sieben zu essen da, und Sie werden mir allerseits eingestehen, daß dies eine große Fatalität ist. Es war bei dem seligen Senator Brenner.“

„Aber wie zum Henker kamen Sie dazu, bei diesem Filz zu speisen?“ fragte der Oberst Schulter, „diesem wahrhaften Hieronymus Knicker, dem größten Geizhals auf hundert Meilen in der Runde. Der hat mir nie ein Glas Wein angeboten, so oft ich auch in Kriegszeugamtsangelegenheiten zu ihm kam und ...“

„Aber mit all dem Gerede sind wir noch immer zu dreizehn,“ unterbrach Frau Schulter ihren Mann halb im Zorn.

„Ja, wenn du uns verlassen wolltest, wären wir gerade noch ein Dutzend, mein Schatz,“ erwiderte der Oberst seiner Ehehälfte.

„Um Himmelswillen nicht, Frau Oberstin,“ rief der Antiquar, „wer zuerst weggeht, stirbt auch zuerst.“

Die Oberstin war indessen von ihrem Stuhl aufgestanden und hatte bis zur Hälfte den Weg zur Zimmertür zurückgelegt, unschlüssig, was sie tun sollte; endlich wandte sie sich an Frau Scholze und bat diese, sich mit ihr zugleich zu entfernen.

„Leiden Sie das nicht, Herr Scholze,“ sagte Herr Fahrtrapp, „sonst verlieren Sie Ihre schöne Frau, die dann in Kompagnie mit der Oberstin stirbt.“

„Herr Rasor, Herr Fahrtrapp, ich hoffe, daß Sie so galant sind, mich zu begleiten.“

„Oh, daß ich ein Narr wäre,“ antwortete der letztere, „die Galanterie gegen die Damen geht nicht bis zum Tod. Wenden Sie sich doch an Ihren Herrn Gemahl, dann haben Sie auch das Vergnügen, als Ehepaar das Himmelreich zusammen zu betreten.“

„Nun, Kaspar, so komm, wir wollen gehen.“

„Mit nichten, liebes Weib, und am allerwenigsten, wenn ich bei altem Hochheimer sitze, möchte ich diesen im Stich lassen, um in den – Tod zu gehen. Sei keine Närrin und setze dich wieder zu uns.“

Frau Schulter suchte noch einige andere Personen zu bewegen, sich mit ihr zu entfernen, aber zu ihrem großen Verdruß spielten alle die Gefühllosen und die Tauben, namentlich auch die Frau Rat Goethe, welche endlich zu ihrer Schwester sagte:

„Schäme dich doch, die Tante meines Wolfgangs, und so abergläubisch; du machst der ganzen Familie Schande.“

Die Oberstin nahm endlich mit einem süßsauern Gesicht ihren Platz wieder ein.

„Dein Wolfgang, geh mir nur mit dem, das ist mir auch der Rechte, der glaubt an keinen Gott und an keinen Teufel mehr, an dem werden wir noch schöne Dinge erleben.“

„Frau Schwester, das verbitte ich mir, sein Werther hat die ganze Welt entzückt und gerührt und mehr Tränen vergießen machen, als ... als ...“

„Als Wein in allen Kellern Frankfurts ist,“ fiel der Oberst ein.

„Das wollte ich gerade nicht sagen,“ fuhr die Frau Rat fort, „aber Werther, Götz von Berlichingen und Clavigo haben ihm in ganz Deutschland einen Namen gemacht, wenn man in Frankfurt auch diese Werke nicht nach Verdienst zu schätzen weiß[2]. Kein Prophet gilt in seinem Vaterland, und am wenigsten in unserer freien Reichsstadt, da kennt man keinen andern Klang als Batzengeklimper und höchstens den der Posthörner, wenn sie Passagiere verkünden. Aber die Nachwelt, die Nachwelt wird noch erkennen, was ich ihr für ein Geschenk mit meinem Wolfgang gemacht, und wenn wir lange nicht mehr sind, wird Frankfurt stolz auf meinen Sohn sein!“

„Mag sein,“ sagte der Antiquar, „wünsche Glück dazu, aber was nützt es mir, daß der Schornstein vom Bratendampf raucht, wenn ich nicht mehr genießen kann.“

„Eigne Schuld, Herr Fahrtrapp, hatte Ihnen mein Sohn den Werther nicht zu Verlag angeboten?“

„Ich befasse mich nicht mit so sentimentalen Produkten.“

„Aufrichtig, lieber Herr Fahrtrapp, wenn Sie gewußt hätten, was diese Sentimentalität einbringt, Sie würden ihr gewiß die Ehre Ihres Verlags erwiesen haben.“

„Um Vergebung, nein, aber wäre es sein Götz gewesen, den mir Ihr Herr Sohn angeboten, dann würde ich sogleich mit beiden Händen zugegriffen haben.“

„Bei seiner letzten Anwesenheit las mir der Wolfgang einige Stellen aus einem Manuskript, Faust betitelt, vor,“ sagte die Frau Rat, „da hätten Sie hören sollen, welcher Gedankenflug des menschlichen Geistes, welche sublimen Ideen ... und diesen Geist habe ich geboren.“

„Halt’s Maul, Schwester, mit Respekt vor der ehrbaren Gesellschaft, da hast du einen saubern Geist geboren! Er hat seinem Oheim, meinem Mann, auch ein Stück von diesem Faust vorgelesen, das ist ein sündhaftes, gottloses Werk, das mich aus der Stube getrieben hat; wenn er das drucken läßt, dann soll er nicht mehr sagen, daß ich seine Tante bin, ich müßte mich zu Tode schämen; unsern lieben Herrgott läßt er darin eine Unterredung mit dem Teufel haben, gerade wie wenn er wie unsereins wäre; ist das nicht himmelschreiend? Ich würde mich zu Tode grämen, wenn ich so einen gottlosen Sohn hätte. Unsern Herrgott mit allerlei Lumpengesindel, Komödianten, Hexen, Dichtern und andern Hanswursten in einer Komödie auftreten zu lassen! bewahre mich unser Heiland. Aber das ist die Folge eurer freigeisterischen Erziehung. Schon als Kind hat der Wolfgang immer mit Puppenspielen und dem gottlosen Komödienwesen zu tun gehabt, da haben sie den Jungen in der Messe in die Marionetten gehen lassen, und da hat er den Faust und all das Unwesen gelernt und abgeguckt; wie oft habe ich dir nicht gesagt, daß du dies nicht dulden solltest, es würde nimmer etwas Gutes daraus entstehen, und nun haben wir die Bescherung.“

„Nimm mir’s nicht übel, liebe Schwester, aber allen Respekt vor der Gesellschaft, du bist eine alberne Gans. Was kann man auch anders von Leuten erwarten, die sich fürchten, zu dreizehn an einem Tische zu sitzen. Übrigens begreife ich gar nicht, wie sich so fromme und gläubige Seelen wie du vor dem Tod fürchten können, da ihnen doch das Himmelreich mit all seinen Freuden gewiß ist; sie sollten sich im Gegenteil freuen, dieses irdische Qualtal je eher je lieber zu verlassen, um baldmöglichst der himmlischen Glückseligkeit teilhaftig zu werden; ihre Todesfurcht und ihr Glaube sind schwer zu erklärende Widersprüche, der letztere muß eben nicht sehr kapitelfest sein.“

„Ja, wenn die geheimen Sünden nicht wären,“ versetzte mit einem boshaften Seitenblick Herr Fahrtrapp. „Doch lassen wir das, die Frau Oberstin muß sich nun schon drein geben, zu dreizehn zu bleiben, wenn sie nicht zuerst sterben will, und wenn es ans Weggehen kömmt, will ich ihr auch den Gefallen tun, zuerst zur Türe hinauszugehen, sollte ich auch zuerst abfahren müssen. Einstweilen wollen wir aber noch wacker auf die Gesundheit des neuen Christen trinken.“

„Sehr verbunden, lieber Oheim,“ erwiderte Herr Fröhlich.

„Und du wirst uns mit einigen Schnurren unterhalten, damit wir die fatalen dreizehn vergessen,“ sprach Schöffe Weller zu seinem Schwager.

„Mit Vergnügen,“ versetzte der Antiquarius.

Unterdessen war die Wartfrau Greifenstein wieder in das Zimmer getreten, und Frau Schulter hatte sie gepackt und ließ sie nicht mehr weg, indem sie sagte, sie wolle selbst von Zeit zu Zeit nach der Wöchnerin und ihrem Kind sehen und diese versorgen. Der guten Frau war ein großer Stein vom Herzen gefallen, denn sie waren ja nun zu vierzehn.

Nachdem Herr Fahrtrapp nochmals den großen silbernen Taufpokal mit Hochheimer gefüllt, auf das Wohl des Hausherrn und seines Erstgebornen getrunken, ihn dann in der Reihe hatte herumgehen lassen, sprach er mit erhobener Stimme: „Damals, als Herr François Arouet von Voltaire in unsern Mauern ...“

„Nichts von Voltaire, Herr Fahrtrapp, nichts von Voltaire,“ riefen mehrere Stimmen zugleich, „diese Geschichte haben wir schon zur Genüge gehört.“

„Tut nichts, Sie können sie immer noch einmal hören,“ erwiderte der Antiquarius etwas unwillig.

„Und ich kenne sie noch gar nicht,“ sagte Herr Scholze, der Bremer Millionär, „was hat es denn für eine Bewandtnis damit?“

„Ach, es ist eben nicht viel daran,“ murmelte Herr Weller.

„Was, nicht viel daran? Ei, dich soll ja ... ja, wärest du nicht mein lieber Schwager, so ... Voltaire, und nicht viel daran! Weißt du, daß alles, was Voltaire berührt, groß ist?“

„Dann mußt du freilich auch ein großer Mann sein,“ erwiderte Herr Weller, „da auch du in Berührung mit ihm gekommen bist.“

„Keinen unzeitigen Spaß, Herr Schöffe, ich weiß recht gut, daß euern hochobrigkeitlichen Ohren die Geschichte nicht allzu wohl klingt, und zwar aus sehr handgreiflichen Ursachen; aber da kehre ich mich nicht daran, darum hören Sie, Herr Scholze, ich will Ihnen mit zwei Worten sagen, was an der Sache ist. Als Herr von Voltaire auf Befehl des großen Friedrich gezwungen ward, wohlbewacht in unserer kaiserlichen freien Reichsstadt unfrei zu verweilen, hatte ich Gelegenheit, diesem damals verfolgten großen Genie einige kleine Dienste zu erweisen. Die hiesigen Behörden hatten sich, mit Gunst, Herr Schwager Schöffe, eben nicht zum ehrenvollsten bei dieser Gelegenheit benommen. Es war im Monat Juni des Jahres 1753, als der selige Buchhändler Van Düren vom Herrn von Voltaire, der wegen einem Manuskript Friedrichs des Großen auf dessen Verlangen in Frankfurt festgehalten und von zwölf Soldaten unserer achtbaren Miliz bewacht wurde, hundert Dukaten in Gold für ein anderes Manuskript von diesem König, das den Titel ‚Antimacchiavell‘ führte und er auf Voltaires Veranlassung gedruckt hatte, forderte. Der in jenem Jahr wohlregierende Bürgermeister Fichard ließ mich rufen, um mein Gutachten in dieser verdrießlichen Sache zu hören. Nachdem ich mich genau von allen Umständen unterrichtet hatte, fiel dasselbe dahin aus, daß Van Düren höchstens zwanzig Dukaten in Anspruch nehmen könne, und Herr von Voltaire hatte es mir zu verdanken, wenn er mit dieser geringen Summe und einigen Plackereien, denen die Fremden häufig bei uns ausgesetzt sind, davon kam[3]. Bei dieser Gelegenheit hatte ich öfters Unterredungen mit diesem großen Manne und wurde dadurch instand gesetzt, ihn gehörig zu würdigen, auch entsinne ich mich noch jedes Wortes, das zwischen uns gewechselt wurde, und besonders, was er über unsere Regierung äußerte, was ich mich aber wohl hüten werde zu wiederholen, um die etwas empfindlichen Ohren unserer hohen Obrigkeit nicht zu beleidigen.“

Bei diesen Worten warf der Sprecher einen Blick auf den Schöffen und fuhr fort:

„Was mich anbetrifft, so zeigte sich der große Mann ungemein erkenntlich für die geringen Dienste, die ich ihm geleistet hatte, und bei der letzten Unterredung, die ich mit ihm gehabt, sagte er, mich vertraulich auf die Schultern klopfend:

‚Mein werter Freund, Sie haben großes Unrecht, in einer Stadt zu bleiben, wo man Ihre Verdienste so wenig zu würdigen versteht; an Ihrer Stelle würde ich dieses Land verlassen und mich in der Hauptstadt der zivilisierten Welt, zu Paris, niederlassen, dort ist das Feld für Männer Ihres Schlages, und wenn ich Ihnen daselbst nützlich sein kann, so dürfen Sie nur über mich gebieten, mit Vergnügen würde ich für Sie tun, was in meiner Macht steht.‘

Ich bemerkte jedoch dem großen Geist, daß meine Geschäfte eine solche Ortsveränderung nicht zuließen, dankte für das gütige Anerbieten und sagte ihm, daß, wenn für den kleinen Dienst, den ich so glücklich war ihm erweisen zu können, er mir eine andere Gunst erzeigen wolle, mich dies überaus glücklich machen würde.

‚Und was wünschen Sie, lieber Fahrtrapp, sprechen Sie, wenn es in meinen Kräften steht, mit Vergnügen ... Was ist’s?‘

‚Mein Begehren wird Ihnen ein wenig sonderbar vorkommen, aber Kaiser Karl VII. hat mich auf gleiche Weise für einige ihm erwiesene Dienste belohnt.‘

‚Nun, so reden Sie.‘

‚Ich mag es kaum.‘

‚Wagen Sie immerhin.‘

‚Sehen Sie, Herr von Voltaire, ich wünschte ein kleines Andenken von Ihnen zu besitzen, das mich zeitlebens daran erinnerte, das Glück gehabt zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen.‘

‚Sehr gerne, Herr Fahrtrapp, ist Ihnen vielleicht mit einer meiner Dosen, einer Uhr, einem Ring gedient, Sie dürfen nur sprechen ...‘

‚Nichts von allen dem, ich bin viel bescheidener, unbescheidener wollte ich sagen.‘

‚Nun, endlich heraus damit, was wünschen Sie?‘

‚Eine – eine Ihrer Perücken, eine von denen, die Sie schon oft getragen.‘

‚Seltsame Grille! Doch es sei Ihnen gewährt,‘ antwortete das Genie mit einem etwas faunartigen Lächeln.

‚Tausend Dank, wertester Herr von Voltaire, ich werde das kostbare Geschenk höchst in Ehren zu halten wissen und mein Haupt nur bei den allerhöchsten Feiertagen, wie bei einer kaiserlichen Krönung oder dem Begräbnis eines wohlregierenden Bürgermeisters oder dem Leichenschmaus eines bürgerlichen Fähnrichs damit schmücken. Außerdem wird das teure Andenken in meinem wohlverwahrten Schrank von Ebenholz auf demselben Perückenstock ruhen, den schon eine kaiserliche Perücke ziert, die ich ebenfalls das Glück habe zu besitzen.‘

‚Wie, Sie sind im Besitz einer kaiserlichen Perücke?‘

‚Freilich, der Monarch verehrte sie mir noch an dem Tage vor seiner Abreise.‘

Um der Sache ein Ende zu machen, meine Herren, ich war so glücklich, das gewünschte Andenken aus Voltaires eigenen Händen zu empfangen, es ist eine der schönsten Perücken, die ich je gesehen, von einem der ersten Pariser Haarkünstler verfertigt. Erst dreimal habe ich mich damit geschmückt, einmal bei der Krönung unsers Kaisers Joseph II. im Jahr 1764, das zweitemal vor vier Jahren, als der weltberühmte Blanchard auf unserer Bornheimer Heide die erste Luftschiffahrt in Deutschland machte, und endlich heute zu Ehren des nun Getauften: sehen Sie, das ist sie.“

Herr Fahrtrapp nahm nun die Perücke von seinem Kopfe und ließ sie der Reihe nach von den Anwesenden bewundern. Als sie alle gehörig und nach allen Seiten betrachtet hatten, nahm sie der Besitzer wieder zu sich und setzte sie sich selbst auf das platt geschorene Haupt, indem er sprach: „Aber bei Blanchards Luftfahrt wäre ich beinahe um diese kostbare Reliquie gekommen.“

„Wieso, Herr Fahrtrapp?“ fragte Herr Scholze.

„Bei diesem noch nie gesehenen Schauspiel, das aber an dem dazu bestimmten Tage aus besonderen Ursachen, die Sie sogleich hören werden, nicht stattfinden konnte ...“

„Höre, Bruder,“ fiel ihm Weller in die Rede, „mache keine so lange Brühe um diese ebenfalls schon hundertmal erzählte Geschichte, oder erlaube mir, daß ich sie den Herren in wenig Worten mitteile.“

„Nach Belieben, mein hochweiser, großgünstiger, auch wohlfürsichtiger et cetera Herr Schöffe.“

„Gut, also hören Sie,“ begann nun Weller. „Den siebenundzwanzigsten September siebzehnhundertfünfundachtzig, an dem Blanchard Deutschland mit dem noch nie gesehenen Schauspiel einer Luftschiffahrt erfreuen wollte, hatte sich eine unzählige Menge Menschen aus allen Winkeln und Enden des deutschen Reiches nebst vielen Standespersonen in und um Frankfurt eingefunden, so daß in der ganzen Stadt in keinem Gasthof und in keinem Privathaus ein Unterkommen mehr zu finden war. Nur mit Mühe hatten wir uns, mein Schwager und ich nebst unsern Frauen, Plätze im ersten Rang des mit Brettern vernagelten Rondels zu einer Karolin in Gold den Platz verschaffen können, der zweite Rang wurde mit einem Dukaten und der dritte mit einem halben Dukaten bezahlt. Trotz dieser hohen Preise waren alle Plätze schon mehrere Stunden vor der zum Aufsteigen bestimmten Zeit besetzt, und außerhalb dieses Raumes harrten wohl über zweihunderttausend Zuschauer des nie gesehenen Schauspiels.

Endlich war alles zur Auffahrt bereit; da wollte der Erbprinz von Hessen-Darmstadt durchaus und trotz allem Widerreden seiner hohen Anverwandten die halsbrechende Fahrt mitmachen. Schon hatte er neben Blanchard nebst noch einem Herrn in dem verhängnisvollen Schiffchen Platz genommen und eben sollte der Ballon abgeschnitten werden, um sich zu erheben, als ein pfeifenartiges Sausen dicht an dem linken Ohr meines erschrockenen Schwagers vorbeistrich, und in demselben Augenblick erhielt der Ballon auch ein Loch, aus welchem das Gas entströmte, er schrumpfte allmählich zusammen und fiel endlich nieder. Blanchard selbst war über diesen Vorfall so erschrocken, daß er die Sprache samt dem Kopf verloren zu haben schien, und die Zuschauer, besonders die nichtzahlenden außerhalb der Rotunde, gerieten in großen Aufruhr und wurden fast wütend, sie glaubten, man habe sie nur foppen wollen und zum besten gehabt. Ich sah den Augenblick kommen, wo man den armen Luftschiffer in Stücke reißen würde. Nur durch die unerhörtesten Anstrengungen einiger angesehenen Personen gelang es, ihn der Wut des Pöbels zu entziehen. Der Fürst von Nassau-Weilburg nahm ihn in seinen Wagen, der durch eine starke militärische Bedeckung geschützt wurde, und brachte ihn so mit heiler Haut in sein Quartier im Gasthof zum goldnen Löwen zurück.

War Blanchard durch diesen Unfall sehr ergriffen, so war es mein werter Schwager nicht minder, denn stellen Sie sich vor, daß, als man, alle Zucht und Ordnung beiseite setzend, die bretternen Schranken niederriß und in das Sanktissimum einstürmte, auch er von einem panischen Schrecken ergriffen, gleich den andern in der allgemeinen Flucht mit fortgerissen, niedergeworfen und mit Füßen getreten wurde, und als es ihm nach vielen vergeblichen Anstrengungen gelang, sich wieder zu erheben, siehe, da war er hut- und perückenlos. Sie können sich nun seinen Schmerz vorstellen, als er den nicht mehr zu ersetzenden Verlust dieses Kleinods wahrnahm. Den kommenden Tag ließ mein Schwager durch Trommelschlag bekannt machen, daß derjenige, der ihm seine Perücke wiederbringen würde, eine Belohnung von fünfzig Dukaten in Gold erhalten solle, und noch ehe sich der Tag neigte, brachte ihm ein ehrlicher Fleischer gegen Empfang der Dukaten, die er diesem unter Freudentränen einhändigte, den unersetzlichen Haarschatz, wenn auch etwas übel zugerichtet. Dies, meine Herren, der Hergang dieser merkwürdigen Begebenheit.“

„Aber wie endigte es mit Blanchard?“ fragte Herr Schulze.

„Dieser kündigte die Luftfahrt für einen andern Tag an, sowie daß er diesmal das Schiffchen allein besteigen würde. Dieselbe ging auch in der Tat Montags den dritten Oktober über alle Erwartung gut von statten. Um zehn Uhr morgens erhob sich der Ballon majestätisch unter dem Jubel- und Freudengeschrei von mehr als hunderttausend Kehlen und dem Beifallklatschen von ein paarmal hunderttausend Händen Blanchard, eine weiße Fahne schwingend, schwebte bald hoch über uns, und in weniger als vierzig Minuten legte er mehr denn fünfzehn Stunden zurück. Als er sich in der Gegend von Weilburg herablassen wollte, nahmen mehrere Hirten und Landleute die Flucht, wähnend, daß irgendein übernatürliches Wesen oder der Gottseibeiuns selbst durch die Lüfte herabfahre. Dies kann nicht auffallen, wenn man bedenkt, daß noch wenige Jahre früher man denjenigen, der nur von der Möglichkeit einer Luftschiffahrt gesprochen, für närrisch, und den, der sie wirklich vollbracht, für einen Zauberer gehalten haben würde und ihm als einem solchen den Prozeß gemacht und ihn wahrscheinlich verbrannt hätte. Ein Schäfer und ein Junge von fünfzehn Jahren schnitten sogar die Stricke entzwei, mit denen Blanchard die Anker geworfen hatte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe einiger vernünftiger Leute, in der Nähe von Weilburg die Erde zu erreichen.

Den folgenden Tag fuhr er in einem fürstlichen Wagen vierspännig nach Frankfurt, wo man so außerordentliche Vorbereitungen gemacht hatte, als gälte es ein gekröntes Haupt zu empfangen. Man führte ihn in das Theater, wo ihm Pauken und Trompeten entgegenschmetterten und die Vivats gar kein Ende nehmen wollten. Als der Vorhang in die Höhe gegangen war, krönten die Schauspieler in phantastischen Feierkleidern seine Büste mit Lorbeeren und deklamierten ihm zu Ehren ein in französischer Sprache abgefaßtes Festgedicht mit echt deutschem Akzent. Nach dem Schauspiel wurde ihm ein herrliches Souper gegeben, das mein werter Herr Schwager hier angeordnet hatte und dem viele hohe Standespersonen und Gesandte beiwohnten. Auf den folgenden Tag wurde ein noch prächtigeres Mittagsmahl im Gasthof zum römischen Kaiser veranstaltet, dessen Anordner ebenfalls Herr Fahrtrapp war, der, wie Sie wissen, jeden Sonn- und Feiertag daselbst zu speisen für gut findet.“

„Herr Bruder, ich verbitte mir dergleichen Anmerkungen, die nicht zur Sache gehören,“ fiel hier der Genannte ein.

„Man unterbreche mich nicht zur Unzeit,“ versetzte Herr Weller und fuhr fort: „Der Gefeierte wurde abermals mit Trompeten empfangen, und um ihn zu belustigen, warf man vom Balkon unter das vor dem Haus versammelte Volk Geld herab. Bis beinahe zur einbrechenden Nacht saß man zu Tisch, von dem man aufstand, um den kühnen Luftschiffer abermals in das Theater zu führen; diesmal waren es jedoch nicht Pferde, sondern Menschen, die, seinen Wagen ziehend, die Viehdienste versahen und dafür reichlich aus unserm Stadtärarium belohnt wurden. Mit noch größerer Feierlichkeit als das erstemal wurde er im Schauspielhaus empfangen. Der Saal war auf das prächtigste ausgeschmückt und erleuchtet, man führte ein Stück auf, das man ihm zu Ehren eigens in der Eile verfaßt hatte, und ein köstliches Nachtmahl, dem mehrere fürstliche Personen und Prinzen beiwohnten und das bis lange nach Mitternacht währte, beschloß endlich das dreitägige Fest.

Den kommenden Tag hatte sich der ganze Großgünstige und Wohlfürsichtige Magistrat samt den beiden einjährig wohlregierenden Bürgermeistern und dem Herrn Stadtschultheiß in dem Kaisersaal des Römers versammelt, um den glücklichen Luftschiffer in feierlicher Audienz zu empfangen. Man hieß ihn sich in einen karmoisinsamtnen Lehnsessel niedersetzen, machte ihm ein Ehrengeschenk von fünfzig doppelten Krönungsdukaten und eröffnete ihm, daß alle Kosten seiner Luftfahrt von der Stadt, die er damit beehrt, getragen würden.

Solange unsere gute Stadt steht, wurde noch keinem Sterblichen solche Ehre zuteil, nicht einmal Voltaire,“ schloß etwas malitiös lächelnd Herr Weller.

„Diesem hat man, zur ewigen Schande eurer Regierung sei es gesagt, abscheulich mitgespielt,“ versetzte Herr Fahrtrapp.

„Lassen wir das jetzt beiseite,“ sagte der Wirt vom Hause, „wir wollen lustig und guter Dinge sein und lieber einen Chor zur Ehre des neugebornen Christen anstimmen.“

„Einverstanden,“ riefen mehrere Gäste, und man sang das Lied ‚Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher‘ aus voller Kehle; Scherz, Jubel und Gesang währten bis spät in die Nacht hinein, und mehrere von den Damen machten Chorus mit, namentlich Frau Rat Goethe und Frau Scholze, wovon die erste durch ihre geistreichen Einfälle und die andere durch ihre Anmut und Schönheit das Fest würzten. Endlich machten sich die Taufgäste größtenteils mit etwas schweren Köpfen und schwachen Beinen, das heißt die Herren, auf und verließen taumelnd und wohlgemut das Goldne Schiff. Einigen von ihnen schienen sogar die freilich nicht sehr breiten Straßen Frankfurts zu enge. Doch gelangten alle glücklich und selig daheim an, wo sie den süßen Rausch bis zum hellen Tag verschliefen.

II.
Kleinkinderjahre mit großen Episoden. – Die letzte deutsche Kaiserkrönung (Franz II.). – Die französischen Emigranten. – Die Frankfurter Juden. – Der alte Rothschild und sein Vater.

Der junge Schreihals, der in so heiterer Gesellschaft getauft worden war und dem man den Namen seines Großvaters mütterlicher Seite, des Schöffen Weller, Karl Ferdinand, gegeben hatte, war kein anderer als der, welcher diese Denkschriften niederschrieb, das heißt, ich selbst, und die im vorhergehenden Kapitel mitgeteilten Begebenheiten hörte ich wohl hundertmal von meinen Verwandten als gewaltige Merkwürdigkeiten erzählen.

In dem verhängnisvollen Jahr siebzehnhundertneunundachtzig geboren, wäre es kein Wunder, wenn ich ein rechter Revolutionsmensch geworden wäre, doch mein guter Stern hat mich vor so heillosen Gedanken bewahrt.

Das erste Ereignis von Wichtigkeit, das mir noch aus meiner frühen Kindheit, wenn auch in etwas verworrenen Bildern, vorschwebt, ist die letzte deutsche Kaiserkrönung. Obgleich ich damals noch nicht vier Jahre zählte, sind mir doch mehrere Einzelheiten jener Begebenheit, die einen besonders lebhaften Eindruck auf mich machten, vollkommen im Gedächtnis geblieben.

Es gehört nicht hierher, eine ausführliche Beschreibung der damaligen Krönungsfeierlichkeiten zu geben, wer eine solche wünscht, findet sie ja ausführlich und langweilig genug in den Krönungs-Diarien, auch hat sie Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ anschaulich beschrieben; hier also nur das Hauptsächlichste und Interessanteste von der letzten deutschen Kaiserkrönung.

Die Unruhen und die trüben Aussichten auf den bereits erklärten Krieg, eine Folge der französischen Revolution (der Landgraf von Hessen-Kassel hatte zum Schutz der Krönung ein Lager von zehntausend Mann bei Bergen aufgeschlagen), waren Ursache, daß die Wahl- und Krönungszeremonien bei weitem nicht mehr mit den bedächtigen und großen Weitläufigkeiten, wie das bei den früheren Krönungen der Fall war, vorgenommen wurden, auch hatten sich zum großen Leidwesen der edlen Bürgerschaft weit weniger Fremde von Rang und Reichtum als sonsten eingefunden. Man beeilte sich, die Sache so schnell als möglich zu beendigen, als fürchtete man, das aufrührerische Frankreich möchte sonst den guten Deutschen den ganzen Spaß verderben. Viele Dutzend der damaligen deutschen Souveränchen blieben aus, und von den Kurfürsten hatten sich nur die geistlichen Herren eingefunden. Das Leben und Treiben in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen war indessen immer noch lebhaft und tumultuarisch genug, das Zusammenströmen der Bewohner der Umgegend außerordentlich, und dazu kamen fortdauernd starke Durchmärsche österreichischer und preußischer Truppen, die sich nach der Grenze von Frankreich begaben. In den Familien, Gasthöfen und Weinstuben sprach man zwar viel von der bevorstehenden Krönung, allein die täglich von Paris kommenden hochwichtigen Nachrichten machten, daß man sie fast nur als eine Nebensache betrachtete. Eine gewisse Ängstlichkeit hatte sich der aristokratischen Gemüter der Reichen der Stadt bemächtigt, welche ihnen die bevorstehenden Feierlichkeiten und Freudenfeste sehr verbitterte. Die Meinungen der Bewohner Frankfurts über die französische Revolution waren zwar sehr verschieden, doch waren im allgemeinen die Patrizier und wohlhabenden Spießbürger der guten Reichsstadt bis zu den geringern Ständen herab gegen dieselbe eingenommen, nur einzelne Familienglieder, unter denen viele Frauen, waren zum Teil enthusiastisch für diese Umwälzung und für die neue Freiheit. So waren in unserer ganzen Familie meine Mutter, deren beide Brüder Franz und Fritz und eine hübsche Cousine, Jakobine Fahrtrapp, die einzigen, welche sich für die Neufranken erklärten und die französischen Revolutionslieder ‚Ça ira‘ und so weiter am Klavier spielten und sangen, was oft zu Neckereien Veranlassung gab, die selten ohne Bitterkeiten abliefen. Obgleich mein Vater die Notwendigkeit einsah, den heillosen Zustand der fast in Sklaverei schmachtenden Völker zu verbessern, und zugab, daß es endlich an der Zeit sei, einmal den Plunder veralteter Schnurrpfeifereien und Vorurteile auf die Seite zu schaffen und die jedem Menschen zustehenden Rechte geltend zu machen, so war er doch durchaus gegen jede gewaltsame blutige Umwälzung, die meistens das Übel nur verschlimmert, und wollte alles nur durch heilsame Reformen bewirkt wissen. In vielen Häusern Frankfurts war es so, das Ansehen des Oberhaupts reichte nicht immer aus, um den Hausfrieden zu erhalten, und häufig fanden unangenehme Auftritte deshalb statt.

Indessen waren die fürtrefflichen Herren Wahlbotschafter samt ihrem zahlreichen Gefolge nach und nach in der alten Wahl- und Krönungsstadt eingetroffen und durch die Deputationen eines hochedlen Magistrats untertänigst und krummrückig genug bekomplimentiert und empfangen worden, ebenso des Reichs Erbmarschall Graf von Pappenheim Exzellenz. Die üblichen feierlichen Auffahrten fanden statt, die Wahlkonferenzen begannen, und nachdem die Staatswagen und Pferde des nolens volens zu wählenden Kaisers angekommen, wurde unter Trompetenschall verkündet, daß die Wahl, bei der man keine Wahl mehr hatte, vor sich gehen würde. Einige Tage vorher legte die ehrsame Bürgerschaft sowie der ganze Magistrat in Gegenwart der fürtrefflichen, höchst ansehnlichen Herren Wahlbotschafter den Schwur und Sicherheitseid mit der gebührenden Demut ab, und die Herren Kurfürsten, von denen nur die von Mainz, Köln und Trier in höchst eigener Person gekommen waren, hielten ihre Einzüge in sechsspännigen Galawagen unter dem Donner der Kanonen, wie dies so gebräuchlich, und der Paradierung der edlen Bürgerschaft. Auch sie wurden von einer Senatsdeputation mit untertänigstem Respekt bewillkommt. Endlich verkündeten den fünften Juli, nachdem die Glocken schon eine Weile die Mittagsstunde angezeigt, dreihundert Kanonenschüsse, daß das schwere Werk der Wahl vollbracht und Seine Majestät der König von Ungarn und Böhmen unter dem Namen Franz II. zum Schutz und Schirm und Vermehrer des Reichs erwählt sei, das er jedoch weder zu schützen noch zu schirmen und am allerwenigsten zu vermehren vermochte. Zwei Tage darauf trafen auch die Reichsinsignien glücklich und wohlbehalten von Aachen und Nürnberg ein, unter denen die Reichskrone, die angeblich noch vom großen Karl herrühren sollte, sowie dessen Schwert, ein Kästchen, in welchem sich Erde, mit dem Blut des heiligen Stephan getränkt, befindet und so weiter. Diese kostbaren Reliquien wurden von einer Magistratsperson an der Spitze der bürgerlichen Reiterei in Empfang genommen. Den elften Juli abends kam der Erwählte selbst nebst seiner Gemahlin und hohem Gefolge in Frankfurt an und wurde vom guten Volk wie herkömmlich mit erstaunlichem Jubel empfangen, ungeachtet er im strengsten Inkognito angekommen sein wollte. Den folgenden Tag verfügte sich ein hochedler Magistrat in corpore zu Seiner Majestät und bezeugte Allershöchstderselben das Entzücken, in welches die getreue Wahlstadt ob seiner glücklichen Ankunft geraten sei. Hierauf beschwor Franz, auch unter dem Akkompagnement von hundert Kanonenschüssen und der Glocken, die Wahlkapitulation in der St. Bartholomäuskirche und schenkte dem Reichserbmarschall, Grafen von Pappenheim, eine kostbare, goldene, reich mit Brillanten besetzte Dose, deren Wert man auf zwanzigtausend Gulden schätzte. Derselbe war Seiner Majestät entgegengeritten, ihr die glücklich vollbrachte Wahl zu verkünden. Diese Dose mußte später Hebräisch lernen und fiel in oder ging vielmehr durch die Hände des Juden Mayer Amschel Rothschild, Vater der jetzigen Häuser Rothschild, der ein ziemliches Profitchen an diesem Kleinod machte und so in den Stand gesetzt wurde, seinen kleinen Negoz mit Umwechseln verschiedener Geldsorten und mit alten Gold- und Silbersorten, die er einhandelte, zu erweitern.

Während nun rasch die Vorbereitungen zur Krönung des neuen Kaisers gemacht wurden, marschierten unaufhörlich preußische Truppen durch die Stadt, in der Absicht, eine Promenade nach Paris zu machen, um den armen Ludwig XVI. aus den Händen der abscheulichen Jakobiner zu befreien, was, wie man die guten Leute versichert hatte, nur ein Kinderspiel sein sollte.

Endlich brach der Morgen des zur Krönung bestimmten und ersehnten Tages, der vierzehnte Juli siebzehnhundertzweiundneunzig, an, der Jahrestag, an dem drei Jahre früher das Pariser Volk die Bastille erstürmt hatte. Mehrere schwachköpfige Aristokraten hatten sich stark gegen die Wahl dieses Tages erklärt und behauptet, daß er von einer schlimmen Vorbedeutung für das heilige römische Reich sein könnte, und diesmal hatten diese Unglückspropheten recht, dagegen hatten aber andere starksinnige Geister eingewendet, man müsse dem Volk gerade zeigen, daß man sich nicht fürchte, und ihm zum Trotz diesen Tag wählen, und diese Meinung drang durch.

Kaum fing der Tag zu grauen an, als in Häusern und Straßen auch alles lebendig wurde, und das Gedränge nahm nun von Minute zu Minute zu. Unter dem unaufhörlichen Geläute aller Glocken versammelte sich die buntgekleidete und bewaffnete Bürgerschaft aller vierzehn Quartiere und verfügte sich gehorsam an die ihr zur Aufrechthaltung der Ordnung angewiesenen Plätze, die meisten von ihren Weibern, Kindern und Schwestern begleitet, die da hofften, durch die Protektion der Väter, Gatten und Brüder ihre Schaulust besser befriedigen zu können.

Das Haus meiner Eltern, unser Schiff, lag glücklicherweise in einer der Hauptstraßen, der alten Fahrgasse, durch welche sich der Krönungszug bewegte. Um zehn Uhr kam er denn auch an unserm Haus vorüber, dessen Fenster mit Bekannten und Verwandten bis in das fünfzehnte Glied garniert waren, denn bei solchen Gelegenheiten entsinnen sich auch die vergeßlichsten Vettern und Muhmen der alten Verwandtschaft, und alle Bekannten werden zu intimen Freunden. Mein Vater hatte außerdem auch, dem Beispiel anderer Hauseigentümer folgend, noch Brettergerüste für die Zuschauer vor seiner Wohnung aufschlagen lassen. Unter beständigem Läuten und Schießen nahte der Zug. Fürsten und Reichsgrafen eröffneten ihn, diesen folgte der Wappenkönig mit den Herolden zu Pferd, sodann kamen die Wahlbotschafter nach ihrem Rang, einer hinter dem andern geritten. Ihnen folgten ebenfalls zu Pferde und in spanischen Mänteln der Reichserbschatzmeister mit der Krone, der Reichskämmerer mit dem Zepter, der Reichserbtruchseß mit dem Reichsapfel auf Kissen von rotem Sammet, sodann der Reichserbschenk und der Reichserbmarschall mit dem Schwert, alle zum letztenmal ihre Funktionen verrichtend. Endlich kam der Kaiser unter einem Baldachin von gelbem Damast, auf dem der österreichische Doppeladler gestickt war, reitend. Zehn hochweise Magistratspersonen eines edlen Rats, sie hatten schön gepuderte Perücken mit Haarbeuteln, trugen die Last des wandernden Baldachins mit entblößtem Haupt. Als der Kaiser in die Nähe unserer Wohnung gekommen war, da insinuierte mir meine schöne Tante Scholze, die ebenfalls von Niedesheim gekommen war, der seltenen Feierlichkeit beizuwohnen, mich im Arm haltend, jetzt müsse ich Vivat schreien, und ich schrie mit den andern aus vollem Hals mein „Vivat Franziskus!“, und zwar so lange, als ich den Gegenstand sah, dem es galt. Dieser Augenblick und eine Szene auf dem Römerberg ist es, was ich mir noch am lebhaftesten von jenem Ereignis vorstellen kann. Indessen hatte trotz allem Vivatrufen die ganze Zeremonie einen etwas sehr düsteren Anstrich, und ein gewaltiger Platzregen, der fiel, ehe der Kaiser noch den Dom erreicht hatte, durchnäßte den ganzen Zug bis auf die Haut. – Es gab Leute, die damals prophezeiten, dies sei der Leichenzug des heiligen römischen Reichs – und auch diese Propheten hatten wahrgesagt. Um ein Uhr war endlich die Krönungsfeierlichkeit vorüber, und der Zug begab sich aus dem Dom in den Römer und schritt über rotes, gelbes und weißes Tuch, womit die Straßen belegt waren, durch die er kam. Der Gekrönte hatte jetzt die schwere Reichskrone auf dem Haupte und war mit dem kaiserlichen Pontifikalium bekleidet, er ging nun zu Fuß und hielt in der einen Hand das Zepter und in der andern den Reichsapfel. Das kurfürstliche Trifolium hielt die Zipfel seines Mantels, und kaiserliche und kurfürstliche Garden machten den Beschluß. Kaum war der letzte Mann derselben vorüber, so fiel das gute Volk über das ihm preisgegebene Tuch her und riß es in Stücke. Der schließende Offizier mußte beständig rückwärts wie ein Krebs marschieren und mit seinem Degen abwehren, wollte er nicht, daß er und vielleicht die ganze Prozession von denen, welche das Tuch abrissen und abschnitten, über den Haufen geworfen würde.

Während die Salbung und die andern Verrichtungen im Dom vorgingen, hatte mich mein Vater mit auf den Römerberg genommen, und ich wurde daselbst durch Vergünstigung eines bürgerlichen Kapitäns, der unser Haus mit gutem Ochsenfleisch versorgte, auf eine von Trommeln errichtete Pyramide gesetzt, von welcher Höhe herab ich das Gewühl der Menge, die bretterne Hütte, in welcher der mit Geflügel, Hasen und Spanferkeln gespickte Ochse gebraten wurde, und den Springbrunnen mit dem doppelten Adler, aus dem sehr christlich getaufter roter und weißer Wein sprang, wohl übersehen konnte. Als sich jedoch der aus der Kirche kommende Zug näherte und die Tambours nach ihren Trommeln griffen, mußte ich meinen hohen Standpunkt verlassen und würde schwerlich die weiteren Zeremonien gesehen haben, wenn sich nicht wieder eine Dame, und zwar die Frau Oberst Schulter, Goethes Tante, die wir schon bei der Taufe kennen lernten, meiner angenommen hätte. Die gute Frau befand sich nämlich in einem auf dem Römerberg gelegenen uralten Haus, welches wegen dem reichen und künstlichen Schnitzwerk, mit dem seine ganze Fassade verziert ist, eine der Merkwürdigkeiten Frankfurts ausmacht, hatte mich bemerkt und ließ mich zu sich in den zweiten Stock dieses Hauses holen, von wo ich nun abermals den ganzen Zug von dem gegenüberliegenden Markt ankommen sah. Dafür mußte ich aber auch meine Lunge wieder gehörig mit Vivats anstrengen, als sich Franz dem Römer näherte. Schon von weitem begrüßte ihn hier die Kaiserin und der Erzherzog von einem Balkon des Hauses Limburg. – Ich sah nun zu meiner Freude recht gemächlich, wie sich das gute Volk um den Hafer balgte, nachdem der Reichserbmarschall dem Kaiser ein silbernes Maß voll davon vorgehalten und wieder ausgeschüttet hatte, wie der Reichstruchseß ein Stück von dem gebratenen Ochsen samt einem Spanferkel in einer vergoldeten Schüssel für die kaiserliche Tafel empfing, worauf der Überrest des Tieres von der kräftigen und ehrsamen Zunft der Fleischer, jedoch nicht ohne harten Kampf erbeutet wurde; wie der Reichserbschatzmeister keinen Platz-, sondern einen etwas dünngesäten Gold- und Silberregen um sich her verbreitete, den zu empfangen tausend Hände sich in die Lüfte erhoben, sodann die als Gold- und Silbermünzen auf den Boden fallenden Tropfen aufsuchten und sich darum ebenso sehr, wie endlich noch um den leeren Beutel rissen. Auch ein Wagen voll weißes Brot wurde unter das wilde Volk geworfen, wonach es jedoch weniger gierig haschte als nach einem Becher Wein von dem einzigen Brunnen, der solchen lieferte. Indessen speisten Seine Majestät Franz II. mit echt österreichischem Appetit in dem Kaisersaal auf dem Römer, was nach den gehabten Fatiguen sehr natürlich war, ebenso die Herren Kurfürsten, die an besondern Tafeln schmausten und von denen der geistliche Herr von Köln, seines stattlichen Bauches wegen, eine wahre Kuriosität war. – Es wurde auch nicht vergessen, auf die Gesundheit des neuen Oberhaupts Deutschlands gehörig zu trinken, und die Vivats und der Kanonendonner erschütterten das glückliche Frankfurt in seinen Grundfesten. Daß bei einbrechender Nacht große Illumination und allerlei Feuerwerk war, versteht sich von selbst. Der Fürst Esterhazy, der in der ganzen Stadt kein Haus gefunden hätte, dessen Fassade würdig gewesen wäre, mit der von ihm projektierten Illumination zu prangen, ließ zu diesem Zweck ein besonderes von Brettern und gemalter Leinwand auf dem Roßmarkt erbauen und setzte die guten Frankfurter dadurch in Erstaunen und Verwunderung.

Den folgenden Tag schwuren Magistrat und Bürgerschaft, dem neuen Herrscher treu, hold und gewärtig zu sein, und leisteten den Huldigungseid, den Seine Majestät auf einem mit rotem Tuch behangenen Balkon und einen mit Imperialfedern geschmückten Hut auf dem Haupt, unter einem Baldachin allergnädigst anzunehmen geruhten.

Trotz dem Verbot hatten sich dennoch mehrere von den in Koblenz ein wüstes Leben führenden französischen Emigranten bei der Krönungsfeierlichkeit in Frankfurt eingeschmuggelt, namentlich auch die Mätressen des Grafen Artois (nachherigem Karl X.), deren er ein halbes Dutzend mit von Paris gebracht hatte. Er selbst fuhr in einer illuminierten Gondel mit Musik bei Nacht auf dem Main und durch die Bogen der Brücke mit diesen Damen. Die sauberen Herren führten in Koblenz ein wahres Luderleben, der Kurfürst von Trier war nicht mehr Herr in seinem Lande, und dabei benahmen sie sich auf das unverschämteste. Der beste Wein aus den kurfürstlichen Kellern war ihnen kaum gut genug, um sich mit ihren Mätressen darinnen – zu baden! und selbst die Kammerjungfern dieser Weiber besudelten die kurfürstlichen Gerätschaften auf das frechste. Dieser französische Adel, der hier ein Frankreich außerhalb Frankreichs bilden wollte, erlaubte sich die größten Ungezogenheiten und sogar Mißhandlungen gegen die Einwohner des Landes, wo er so großmütig und gastfreundlich aufgenommen worden war, und mit Klagen gegen diese Herren war nichts auszurichten. Nichts war ihnen gut genug, nicht selten warfen sie die Schüsseln mit den Speisen den sie darbringenden Dienern an den Kopf, indem sie sagten, dies wäre Kost für deutsche Schweine, aber nicht für französische Seigneurs. Sie mißbrauchten die deutsche Gutmütigkeit auf das schändlichste, sich alles erlaubend, und doch waren es Almosen, die man ihnen reichte, denn man war ihnen nichts schuldig. Sie waren meistens gratis logiert und ebenso genährt. Sie nannten sich nur den Hof, hielten ein paar Dutzend französische Köche und gebrauchten fünftausend Livres täglich, welche ihnen deutsche Dummheit lieferte, ohne das Fleisch, Brot, Wein und Gemüse zu rechnen, das man ihnen schenkte. – Ein gewisser Dominique, damals allmächtiger Minister des sonst eben nicht freigebigen Kurfürsten Clemens von Trier, war es, der ihnen so zu hausen gestattete und die Mittel dazu verschaffte. Aber diese Herren waren auch lauter Dücs, Marquis, Grafen, Vicomtes, Barone und Chevaliers d’Industrie. Besser hatte es der Kurfürst von Köln verstanden, sie sich vom Leibe zu halten, er warf ihnen einen Zehrpfennig hin, den sie auch gütigst anzunehmen geruhten, und schickte sie weiter. Schnell hatte sich aber auch das Mitleid und die Teilnahme, die man anfänglich für sie fühlte, in Abscheu und Verachtung verwandelt. Dazu kamen noch ihre ebenso lächerlichen als nichtigen Großsprechereien und das jämmerliche Aussehen dieser an Leib und Seele gleich ausgemergelten Helden, welche Mühe hatten, die großen Säbel zu schleppen, an die sie sich gebunden. Wenn man sie hörte, so war ihre Rückkehr nach Paris nichts als eine Reihe von Triumphen, die damit endigen würden, daß sie all die bürgerlichen Kanaillen hängen ließen, die sich unterstanden, einer hochadeligen Tyrannei ein Ende zu machen. „Werden wir uns diesen Winter zu Paris sehen?“ fragte einer den andern und erhielt zur Antwort: „das versteht sich,“ oder: „je ne vois point d’inconvenient,“ und begab sich einer von ihnen in eine andere Stadt, so nahm er mit den Worten: „Auf Wiedersehen zu Paris!“ von den übrigen Abschied. – Sie sollten jedoch bald für ihre Missetaten und für ihren Übermut schrecklich gezüchtigt und der Spott der deutschen Bauern werden, und zeigten sich dann sehr dankbar, wenn man ihnen eine Brotrinde zuwarf.

Mehrere dieser Herren, welche zu ihrer Zerstreuung oder Geschäfte halber nach Frankfurt gekommen waren, wußten sich daselbst durch einige Bankiers und namentlich vermittelst gewinnsüchtiger Juden nicht unbedeutende Summen zu verschaffen, indem sie ungeheure Zinsen verschrieben und außerdem noch große Belohnungen versprachen, sobald sie wieder in ihre Güter und Rechte eingesetzt sein würden, woran damals fast niemand in Frankfurt zweifelte, und was man sehr nahe glaubte, da man so viele stattliche Truppen nach der französischen Grenze marschieren sah. Die Wucherer ließen sich dadurch blenden und schossen die verlangten Gelder vor. – Außerdem hatte man in Frankfurt viele falsche Assignaten in Umlauf gesetzt, deren Ursprung, als die Sache entdeckt war, man jedoch nicht erforschen konnte. Dies alles sowie die Gefälligkeit der Wucherer sollte die Stadt teuer bezahlen, wozu noch kam, daß auch die Frankfurter Zeitungen so unklug waren, sich sehr unvorsichtig gegen die neue Ordnung der Dinge in Frankreich und gegen das französische Volk auszusprechen, woran der Magistrat sie nicht nur nicht hinderte, sondern sein Wohlgefallen zu haben schien.

Auch der Judenschaft in Frankfurt wurde die hohe Gnade zuteil, dem kaiserlichen Ehepaar Geschenke zu machen und durch eine Deputation untertänigst huldigen zu dürfen, jedoch nahm ihnen diese Huldigung ein kaiserlicher Hofrat im Namen seines Herrn ab und versprach ihnen in demselben Namen Schutz und Gunst, weshalb die guten Hebräer eine große Freude hatten und ihre Augen von Tränen glänzten.

Dies war kein Wunder, denn die armen Juden waren damals zu Frankfurt wirklich in einer höchst bedrängten Lage und bedurften allerdings eines mächtigen Schutzes; sie wurden fortgesetzt von den intoleranten Christen mißhandelt, gegen die sie sich freilich auch gar manchen Betrug und Spitzbübereien erlaubten. Jeden Augenblick war der Senat genötigt, Verordnungen zu erlassen, in denen er bekannt machte, daß in Zukunft diejenigen, welche sich Mißhandlungen gegen die Juden erlaubten oder sie prügelten, auf das strengste bestraft werden sollten. Aber ungeachtet dieser Drohungen wagte man es nicht, die Schuldigen zu bestrafen, und die Juden wurden nach wie vor auf alle Weise mißhandelt. Sie waren damals gezwungen, ohne Ausnahme ihr jeden Abend geschlossenes Quartier zu bewohnen, das fast nur aus einer einzigen, ziemlich langen, aber sehr engen Straße bestand, in welcher an achttausend Seelen hausten, die jeden Tag bei einbrechender Nacht sowie an allen Sonntagen und sonstigen christlichen Feiertagen eingesperrt wurden. Die Luft in diesem Stadtteil war daher verpestet, und wehe dem armen Juden, den man nach Sonnenuntergang noch in den übrigen Straßen Frankfurts getroffen hätte. Zu keiner Zeit durften sich diese Unglücklichen in den öffentlichen Spaziergängen der Stadt und auf gewissen Plätzen, wie dem Römerberg und so weiter, blicken lassen, der Pöbel würde sie halbtot geschlagen haben. Sah man an Sonn- oder Feiertagen durch die Ritzen der geschlossenen Tore des Judenquartiers, so stellte sich den Blicken ein scheußliches Schauspiel dar. Die Straße wimmelte von unsauberen, ekelhaften Menschen, die kaum Platz genug hatten, sich von der Stelle zu bewegen, und aus jedem Fenster bis zu den Dachluken der ziemlich hohen Häuser ragte Kopf über Kopf heraus und schien nach verdorbener und stinkender Luft zu schnappen. Diese braun und schwarz geräucherten Häuser gewährten einen grausigen Anblick und waren wahre mit Schmutz angefüllte Kloaken. Die Juden waren gezwungen, kleine Mäntel mit einem gelben Läppchen zu tragen, damit man sie schon von weitem als solche erkennen konnte, sie hatten sämtlich ein höchst elendes, kränkliches Aussehen, eine braungelbliche Hautfarbe, und waren fast alle mit ekelhaften Krankheiten und mit der Krätze behaftet, die natürlichen Folgen dieses Einsperrens in ungesunder Luft. Auch während der Krönungsfeierlichkeiten durfte kein Jude sein Quartier verlassen ohne eine besondere Erlaubnis des Magistrats, und selbst mit einer solchen konnten sie sich nicht unter die Masse des Volks wagen, das sie erdrückt haben würde. Der alte Rothschild hatte durch Vermittlung meines Großvaters, da er durch meinen Vater empfohlen war, eine solche Erlaubnis am Krönungstag Franz II. erhalten, und er sah dem Krönungszug aus einem Dachfenster unseres Hauses zu; noch andere Juden mußten sich begnügen, aus den Kellerlöchern wenigstens die Beine der vorüberziehenden Herrschaften betrachten zu können. Rothschild war ziemlich gut in unserm Hause angeschrieben, er kam in der Regel jeden Montag auf das Kontor meines Vaters, wo er kleine Geschäfte, namentlich mit Auswechseln von Münzsorten, besonders Dukaten und anderm Gold machte. Man bot ihm einen Stuhl an und nötigte ihn zum Sitzen, eine Ehre, die ihm nicht leicht in andern Häusern widerfuhr und die er hoch anschlug; auch verehrte er mir eines Tages, als er gerade durch meinen Vater ein gutes Geschäftchen gemacht, ein kleines Goldstückchen, etwa einen Gulden an Wert. Der Vater dieses Amschel war früher ein gewöhnlicher Schacherjude gewesen, der mit dem Zwerchsack auf der Schulter in den Straßen Frankfurts mit dem bekannten Ausruf: „Hahnt er was zu hahnle“ (habt ihr was zu handeln) vom Morgen bis zum Abend herumstrich, während dessen Frau ebenfalls mit einem großen Sack, aber mit einer goldgestickten Haube, wie sie früher die Judenweiber in Frankfurt trugen, in die Häuser der christlichen Bürger ging, mit deren Frauen schacherte und ihnen alte Kleider, Borden und so weiter abhandelte. Ich entsinne mich, diese Frau öfters bei meiner Großmutter ihren Sack voll der seltenartigsten Dinge ausschütteln gesehen zu haben. Dies waren die Großeltern der jetzigen Barone Rothschild.

III.
Die Neufranken in Frankfurt. – Cüstine. – Die Kontribution. – Die Mainzer Revolution.

Bald nach Franzens Krönung erschien jenes berüchtigte Manifest des Herzogs von Braunschweig, der vom Kaiser und König von Preußen den Oberbefehl über die vereinigten Heere erhalten hatte, in dem man der guten Stadt Paris mit einer exemplarischen Rache und gänzlicher Vertilgung von dem Erdboden drohte, wenn sie nicht sofort zur alten Untertänigkeit und unbedingtem Gehorsam gegen den König zurückkehren würde, ihr jedoch in diesem Fall versprach, eine kaiserlich königliche Verwendung bei Ludwig XVI. zugunsten der ungezogenen Pariser eintreten zu lassen. Dieses Manifest war mit Beihilfe einiger französischer Emigranten fabriziert worden, denen die guten Deutschen allen Glauben schenkten, als sie versicherten, das Ganze werde nichts als eine militärische Promenade sein, und Braunschweig riet den Offizieren, sich nicht mit zuviel Pferden und Gepäck zu belasten, denn der Spuk werde nicht lange dauern! – Auch in Frankfurt glaubte man fast allgemein an die nahe Zerstörung von Paris, und daß man bald nur noch von dessen Ruinen sprechen würde, niemand dachte jedoch daran, daß der Ruin des deutschen Reiches so nahe sei, nur wenige klügere Leute schüttelten hie und da die Köpfe beim Lesen dieses komisch heroischen Manifestes.

Indessen liefen vom Heer der Verbündeten und dem Herzog von Braunschweig die allervortrefflichsten Siegesnachrichten ein, die Preußen und Österreicher standen bereits auf französischem Grund und Boden, nach ihren Berichten nahm der Feind Reißaus, sobald er eine preußische oder österreichische Uniform erblickte, und in der Tat schienen die ersten Waffentaten solche Großsprechereien zu rechtfertigen. Das französische Korps, welches unter General Dillon über die Grenze gegangen war, hatte bei der ersten Charge des Feindes unter dem Geschrei: „Wir sind verraten, wir sind verkauft!“ (dieses Geschrei hatten einige königlich gesinnte Offiziere und bestochene Soldaten absichtlich ausgestoßen, um die Reihen zu verwirren und mit Furcht und Schrecken zu erfüllen[4]) die Flucht ergriffen, sodann den General Dillon getötet und zu Lille in Stücke gerissen und bei einem großen Feuer, das sie auf dem Marktplatz anzündeten, verbrannt, indem sie schrieen, dies müsse allen Verrätern widerfahren. Die hintereinander folgenden Eroberungen von Longwy und Verdun durch die Preußen bestätigten die Nachrichten von dem geringen Widerstand der Franzosen, und man machte große Wetten zu Frankfurt, daß binnen sechs Wochen die vereinten Heere in Paris und König Ludwig befreit und wieder in alle seine Rechte eingesetzt sein würde.

Als man nun die vereinigten Heere im besten Zug auf Paris glaubte, da kam mit einmal die ganz unerwartete Nachricht, daß sich eine starke französische Heeresabteilung vor dem nur vierzehn Stunden entfernten Speier gezeigt habe. Man hatte frühere, für die Verbündeten nachteilige Gerüchte vom Anrücken der Franzosen und so weiter als lügenhaft ausgesprengt und böswillig erfunden erklärt. Bald aber kamen zuverlässige Briefe und Berichte von Mannheim, die nicht mehr bezweifeln ließen, daß die Neufranken bereits im Besitz vieler speierischer Dörfer seien, die gebrandschatzt würden, während sie die pfälzischen verschonten und gegen Mainz marschierten. Mit jeder Stunde lauteten die Nachrichten jetzt ängstlicher, wobei, wie gewöhnlich, manches übertrieben wurde. Niemand wußte dies mit der bevorstehenden Einnahme von Paris zusammenzureimen. Die Österreicher und Kurmainzer, die in Speier lagen, waren nach kurzer Gegenwehr geschlagen worden, hatten sich, mehrere tausend Mann, zu Kriegsgefangenen ergeben und waren nach Landau transportiert worden, ebenso die beträchtlichen Vorräte, welche die Sieger in Speier vorgefunden hatten. Es hieß zwar, daß das unter dem Obergeneral Cüstine angekommene Heer nur ein unbedeutendes Streifkorps sei, andere Nachrichten machten es aber zu einer furchtbaren Armee von fünfzig- oder gar hunderttausend Mann und so weiter. Diese Ungewißheiten und sich so oft widersprechenden Nachrichten versetzten die guten Frankfurter in keine kleine Unruhe, indessen erzählte man sich in Frankfurt, daß das in einem Lager bei Reims stehende französische Heer von den Preußen eingeschlossen sei und sich an den König von Preußen habe ergeben wollen, daß dieser aber unbedingte Streckung des Gewehrs verlangt und nur wenige Stunden Bedenkzeit gegeben habe; das Gewehr müsse nun schon gestreckt sein und der Kurier, der die Bestätigung überbringe, jeden Augenblick eintreffen. Statt dessen trafen jedoch vierundzwanzig Stunden später Hiobsposten von Mannheim ein, und auf den Gesichtern der guten Reichsstädter, besonders denen der Reichen und höhern Beamten, las man große Bestürzung. Besonders unheimlich wurde es nun auch denjenigen Häusern, die sich allerlei Handel mit den französischen Assignaten erlaubt und im Verkehr mit französischen Emigranten gestanden hatten.

Den elften Oktober abends neun Uhr rollte eine vierspännige Reisekalesche vor unser Haus. Man klingelte heftig an der Haustür und kündigte meinen Oheim Scholze an, der vor den anrückenden Franzosen die Flucht ergriffen und mit seiner Familie Schloß Niedesheim eiligst verlassen hatte. Er und seine junge Gattin wußten viel von ihrem Abenteuer auf der kurzen Reise und Wunderdinge von den Franzosen bis nach Mitternacht auszukramen.

Speier und Worms hatten große Kontributionen erlegen müssen, und außerdem hatten die Franzosen viele ganz neue Zelte für mehrere tausend Mann in Worms vorgefunden, welche den Emigranten gehörten, die diese gegen bares Geld versetzt hatten. Übrigens hätte Cüstine sehr strenge Mannszucht beobachtet und einige dreißig Soldaten erschießen lassen, unter denen ein Offizier, weil sie sich eigenmächtige Erpressungen erlaubt hatten, einer davon sollte sogar nur eine Traube entwendet haben. Dies klang ziemlich beruhigend für die ängstlichen Frankfurter Gemüter. Andere Leute, die aus jener Gegend kamen, erzählten auch, daß, wer etwas französisch spreche und sich mit den ungebetenen Gästen einigermaßen verständigen könne, nichts von ihnen zu befürchten habe, nur dürfe man ihnen weder das Tanzen um einen Freiheitsbaum, noch den Ruf: „vive la liberté!“ versagen. Sobald sie in einem Ort einrückten, sei ihre erste Sorge, einen solchen Freiheitsbaum aufzupflanzen, diesem eine rote Mütze aufzusetzen und dann Ça ira, die Carmagnole und so weiter singend, um denselben wie besessen herumzuspringen, und daß sie dabei jedermann, der ihnen in den Weg komme, ohne Alter, Geschlecht oder Stand zu berücksichtigen, mit in ihre Ronde zögen. So kam es häufig, daß in den Reihen der Soldaten der Freiheit Kaufleute, Kapuziner, alte Weiber, ehrbare Magistratspersonen, junge Mädchen, Geistliche in ihrem Ornat, Nonnen und Mönche von allen Farben, wie durch Oberons Horn toll gemacht, in bunter Mischung Hand in Hand die komischsten Bockssprünge machend, unter wildem Geschrei um die rote Mütze rasen mußten, was einen recht belustigenden Anblick gewährte. Mein Oheim erzählte, daß er in einem solchen Kreis einen Domherrn, zwei Freudenmädchen, ein Paar Hofräte, eine ehrbare sechzigjährige Matrone, ein halbes Dutzend feiste Franziskaner, ebenso viele Karmeliterinnen samt der Äbtissin und so weiter recht vergnügt mit den Söhnen der neuen Freiheit habe herumspringen sehen. Mancher dieser Dämchen geschah wohl auch ein Gefallen damit, namentlich den jungen Nonnen, so zum Tanzen gezwungen zu werden.

Die Nachricht, daß Verdun schon wieder in französische Hände gefallen sei, machte wegen der weit näheren Vorgänge wenig Eindruck; denn mit der schrecklichen Nachricht, daß die Franzosen vor Mainz ständen, kam fast zu gleicher Zeit die noch weit schrecklichere, daß sich Mainz bereits ergeben und Cüstine sein Hauptquartier daselbst aufgeschlagen habe. Dies war den einundzwanzigsten Oktober abends vorgegangen, und schon den folgenden Morgen, als in Frankfurt noch jedermann mit dieser Schreckensnachricht beschäftigt war, stand plötzlich, wie durch einen Zauber herbeigeführt, schon ein Korps von achthundert Franzosen, von dem General Neuwinger befehligt, vor den Toren der Reichs- und Wahlstadt und begehrte Einlaß. Diese Truppen hatten sich einstweilen vor dem Bockenheimer Tor auf den Rasen gelagert, ihre Toilette machend, während die Einwohner auf die Wälle geeilt waren und ihnen erstaunt zusahen. Einige Damen hatten Türme bestiegen, ihre Neugierde an den Fremdlingen zu befriedigen. Als nach einigem Hin- und Herparlamentieren und nachdem der französische General der aus der Stadt an ihn gesandten Deputation erklärt hatte, er habe einen Brief vom Obergeneral Cüstine an den Magistrat, mit der Order, denselben nur auf dem Rathaus selbst zu übergeben, man noch einige Schwierigkeiten machen wollte, ihn einzulassen, kommandierte derselbe, sich gegen seine Truppen wendend: „Kanonen vor!“, die gegen die noch aufgezogenen Brücken gerichtet wurden. Bei diesen Worten fielen wie durch einen Zauberschlag die Zugbrücken nieder, die Tore öffneten sich, und die Neufranken zogen mit klingendem Spiel und dem Geschrei: „Es lebe die Freiheit!“ in die Stadt und quartierten sich bald darauf selbst zu zwei und zwei in die Häuser ein, die ihnen anstanden oder gerade in den Wurf kamen, denn ein Quartieramt war erst noch zu schaffen.

Mein Vater brachte auch ein Paar dieser Gäste mit heim, die ihn angesprochen hatten, als ihn die Neugierde geplagt, die ersten Freiheitskämpfer zu sehen.

Den ersten Abend lief noch alles so ziemlich gut ab, und die Wirte, die sich ihren Gästen verständlich machen konnten, fanden traktable Leute in ihnen; als aber den folgenden Morgen bekannt wurde, daß Cüstine in seinem Schreiben eine Kontribution von zwei Millionen Gulden von der Stadt verlangt habe, weil, wie er in demselben sagte: „der Vorschub, den dieselbe den französischen Aristokraten geleistet, die Nation berechtige, Frankfurt feindlich zu behandeln. Der König von Preußen und der Kaiser haben viele Gelder in der hiesigen Stadt. Die Nation habe ihren Feinden Rache geschworen, und er fordere zwei Millionen Gulden in deren Namen als Vergütung des ihr zugefügten Schadens,“ – da gab es lange und greuliche Gesichter. – Der Senat sandte nun in seiner Herzensangst eine Deputation an Cüstine ab, mit dem Auftrag, um einen Nachlaß dieser Kontribution zu bitten, der ihnen in der Tat auch eine halbe Million erließ. Hierdurch ermutigt, wurde sogleich noch eine zweite Deputation abgeschickt, die jedoch nichts mehr herunterzuhandeln vermochte, der der Obergeneral sehr unfreundlich begegnete und vorhielt, daß sie Schacherjuden seien, die erst vor ein paar Monaten das Zehnfache bei der Krönung und an den Assignaten gewonnen, und die Brandsteuer, die er ihnen als Strafe auferlegt, nicht nach seinem Willen verteilt hätten. – Cüstine erließ auch sogleich eine Erklärung, in welcher er sagte: „Bürger, als ich mich entschloß, im Namen der fränkischen Nation Frankfurt eine Brandschatzung aufzulegen, um diejenigen zu bestrafen, deren Anschläge die unverjährbaren Rechte der Völker zu vernichten zielten, glaubte ich nicht, daß eure Vorsteher ihre Ungerechtigkeit so weit treiben würden, diese Auflagen von den Dürftigen unter euch zu erpressen. Nach den Grundpfeilern der Gerechtigkeit, die nunmehr die Richtschnur unserer Politik ist, befehle ich dem General, den ich in eure Mauern beorderte, das verlangte Geld nur von den Schuldigen und den Reichen zu erheben, die ihre Gewalt und ihre Reichtümer mißbrauchen, die Armen zu unterdrücken, und die offenbaren Feinde aller Gerechtigkeit sind, und so weiter.

Der Bürger-General, Cüstine.“

Cüstine verlangte auch noch die Kanonen der Stadt Frankfurt und wollte derselben unter dieser Bedingung noch fünfhunderttausend Gulden von der Brandschatzung ablassen. – Einstweilen gab die neue Garnison, die noch verstärkt wurde, den Einwohnern hinlänglichen Stoff zur Unterhaltung; sie betrug sich ziemlich manierlich und bestand teils aus französischen Nationalgarden, teils aus Linientruppen. Die ersteren waren nicht alle uniformiert, trugen Beinkleider nach eigener Wahl und Pistolen in den Gürteln. Die Kavallerie, chasseurs à cheval, war ziemlich gut beritten, auch die Artillerie hatte gute Bespannung. Die Zahl der in Frankfurt liegenden Truppen war nach und nach bis auf viertausend Mann herangewachsen. Die Bürger konnten sich nicht genug über den ungeheuern Unterschied zwischen diesen und den österreichischen und preußischen Soldaten wundern. Sie glaubten, für die stämmigen, steifen, kaiserlichen, wohlgenährten und wie in eine Form gegossenen Grenadiere müßte so ein Haufen unansehnlicher Franzosen allerdings nur ein Frühstück sein, und begriffen nicht, wie es möglich war, sich vor solcher Bagage zurückzuziehen. Die Gemeinen sprachen mit ihren Offizieren, ohne wie gelähmte Stöcke und in hündischer Furcht und Stellung vor ihnen zu stehen, rauchten oder pfiffen wohl auch in ihrer Gegenwart; dies alles galt als ein Beweis von gänzlichem Mangel an Subordination. – Sie zogen auf die Wachen, ihre Lebensmittel auf die Spitze der Bajonette spießend, verteilten ihre Fleischportionen auf offener Straße auf einem Stein oder einer Bank, wenn gerade eine vorhanden war, wuschen ihre schwarzen Hemden und Beinkleider selbst in den gelben Fluten des Mains, das ça ira fröhlichen Mutes dabei singend und „vive la liberté!“ schreiend. Mit Stolz und Selbstgefühl sagten sie: „Nous sommes les soldats de la république française, les soldats de la liberté.“ Dies alles stach freilich gewaltig gegen die Krönungszeremonien ab, die erst vor drei Monaten stattgefunden hatten, und kam den guten Frankfurtern recht spanisch vor. Ein hochweiser Senator schrieb damals in allem Ernste an einen Freund: „Oh, wie tief kann der Mensch doch sinken! Die Franzosen, die alle Völker frei machen wollen, rauchen und singen in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen in Gegenwart ihrer Anführer und sind ihre eigenen Waschweiber!“

Indessen hatten alle Manifeste und Erklärungen Cüstines, auch bei den unteren Klassen der Einwohner Frankfurts, wenig Anklang gefunden und keinen Eindruck gemacht, man hatte dem Volk plausibel zu machen gewußt, daß, wenn die Reichen kein Geld mehr hätten, die Armen nichts mehr verdienen könnten und Hungers sterben müßten, und in Frankfurt war ein guter Verdienst für jede Art Arbeiter. Daher das Geschrei von Freiheit und Gleichheit nur taube Ohren fand; zudem fing Handel und Wandel zu stocken an, und die Lage der Einwohner begann mißlicher zu werden, was man nicht mit Unrecht den Franzosen zuschrieb. Ganz anders war es in Mainz, hier war wenigstens ein großer Teil der Bewohner enthusiastisch für die neue Ordnung der Dinge in Frankreich gestimmt, besonders wissenschaftlich gebildete und tüchtige Männer verteidigten die neuen Grundsätze und Handlungen, schlossen sich denselben an und wurden die Koryphäen der Mainzer Revolution, freilich nicht ahnend, wie schnell die Pariser in ein blutig scheußliches Ungetüm und Morden ausarten würden. In Mainz hatte man, Paris nachäffend, ebenfalls Klubs gebildet, in denen die Freiheit und Gleichheit gepredigt wurde, und die berühmtesten Gelehrten und Professoren, wie ein Forster, Wedekind, Metternich und so weiter hatten sich an die Spitze gestellt. Auch die schönen Mainzerinnen hatte dieser Revolutionstaumel ergriffen, sie übten sich sogar im Pistolenschießen, tanzten nach Herzenslust mit den Soldaten der Freiheit um die rote Kappe, hatten dabei Gürtel, welche vorn und hinten herabhingen; vorn las man das Wort ‚Freiheit‘, hinten ‚Gleichheit‘. Eine ärgere Satire auf diese Revolution hätte wohl schwerlich der eingefleischteste Aristokrat erfinden können. Manche Frauen hatten sogar Säbel umgeschnallt, und man ging bald so weit, eine rheinische Republik gründen zu wollen und so weiter. Alle Fürsten und der Adel wurden ihrer Rechte und Besitzungen verlustig erklärt und durften sich bei Todesstrafe nicht mehr im Gebiete dieser neuen Republik sehen lassen.

Cüstine stattete nun auch in eigener Person der Reichsstadt Frankfurt einen Besuch ab. Den einundzwanzigsten Oktober kam er mit seinem Generalstab und dem Doktor Böhmer in die Stadt geritten und hielt vor der Hauptwache, vor welcher sich eine Menge Volks versammelt hatte, den Wundermann zu sehen, vor dem sich die Tore der ersten deutschen Festungen wie durch einen Zauberschlag öffneten. Der Feldherr fragte den Haufen: „Habt ihr den deutschen Kaiser gesehen?“ und erwiderte auf das Ja, das ihm mehrere Stimmen zuriefen: „Wohlan, ihr werdet keinen mehr sehen!“, und hierin hatte er recht. In Mainz hatte man ähnliche Anreden mit donnerndem Applaus und lautem Jubel begrüßt, hier aber blieb das Volk mäuschenstill. Dies war aus dem so verschiedenartigen Charakter der Bewohner dieser beiden Städte leicht zu erklären. Die Mainzer haben ein leicht aufzuregendes Blut, sind heiter und lebensfroh, während der gewöhnliche Frankfurter ein echter bedächtiger Kalkulationsmensch ist; der Unterschied zwischen den Einwohnern dieser beiden Nachbarstädte ist so groß, als lägen sie mehrere hundert Meilen voneinander entfernt. Außerdem hätten die Frankfurter gerne jedes Jahr so eine goldspendende Kaiserkrönung gesehen, und es war ihnen schlecht damit gedient, daß sie keinen Kaiser mehr, aber statt dessen Millionen fordernde französische Generäle sehen sollten. Ärgerlich über diesen Stumpfsinn des Volkes für seine Reden, wandte er sich gegen seine Begleitung und sagte: „Diese Menschen haben nur Sinn für den Schacher und nur Liebe für Geldsäcke, wohlan, wir müssen sie bei dem, was ihnen am teuersten ist, packen.“ Er ließ die bisherige Garnison durch andere Truppen ablösen, denen er strenge Mannszucht anbefahl, und begab sich sofort auf den Römer, wo er den Behörden tüchtig die Meinung sagte. Dann ließ er sich nun Geiseln ausliefern, unter denen angesehene Kaufleute und zwei reiche Juden waren. Bevor er wieder abreiste, stattete er auch den braven Sachsenhäusern einen Besuch ab und ersuchte sie um einen Baum aus ihrer Waldung, worauf ihm diese Naturkinder erwiderten: „er möge sich nur einen holen,“ was er aber unterließ und die Reichsstadt nicht würdig fand, mit einem solchen zu schmücken. Ein Jude sagte damals, von diesem Wahrzeichen der französischen Freiheit sprechend: „’s is ä Bämche ohne Worzel und ä Käpple ohne Kopp.“

Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte indessen bedeutende Streitkräfte zusammengezogen, in der Hoffnung, vereint mit den preußischen Truppen den Franzosen endlich ernstlichen Widerstand leisten zu können. Diese hatten jedoch mehrere hundert Hessen bei Nauheim gefangen, die sie nach Frankfurt brachten, und Cüstine erließ eine Proklamation gegen den Landgrafen, in welcher er unter anderm sagte: „Denkt er denn nicht, daß der jüngste Tag für alle ungerechten Fürsten erschienen ist! Er hofft seinen wankenden Thron durch das Volk zu befestigen, dessen Blut er verkaufte, um seine Schatzkammer zu füllen. Schon dieser einzige Umstand muß das Schicksal dieses Tyrannen entscheiden. Ungeheuer! über das sich schon längst der Fluch der deutschen Nation, die Tränen der Witwen, die du brotlos, und das Jammergeschrei der Waisen, die du elend gemacht hast, gleich schwarzen Gewitterwolken zusammentürmten[5], dich wird die gerechte Rache der Franken erreichen, die Flucht wird dich derselben nicht entziehen; wie wäre es auch nur möglich, daß ein Volk in der Welt einem Tiger, wie du bist, Zuflucht gewähren könnte!“ und so weiter.

Frankfurt hatte nun eine Million von der Kontribution bezahlt, die Geiseln wurden wieder freigegeben, und Cüstine erlaubte dem Magistrat, um den Erlaß des Restes derselben in Paris nachsuchen zu dürfen, welches derselbe auch benützte und deshalb eine Deputation nach der unruhigen Hauptstadt Frankreichs sandte, der er noch eine zweite, die erste zu unterstützen, nachschickte.

Indessen ergab man sich in sein Schicksal, es war so ziemlich wieder alles in sein gewohntes Gleis gekommen, und man war darauf gefaßt, die unwillkommenen Gäste noch lange beherbergen zu müssen, besonders da die Franzosen infolge der Schlacht von Genappe rasch die österreichischen Niederlande erobert hatten.

IV.
Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preußen und Hessen. – Franzosen durch den Pöbel niedergemacht. – Schreckliche Lage der Frankfurter Abgeordneten zu Paris, aus der sie mein Oheim befreit. – Eindruck, den die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. macht.

Die anscheinende Ruhe Frankfurts war nicht von langer Dauer. Gegen Ende November verbreitete sich die Nachricht, daß die Preußen und Hessen im Anmarsch, schon in der Nähe der Stadt und im Besitz ansehnlicher Streitkräfte seien. Die französische Besatzung Frankfurts war kaum tausend Mann stark und hatte nur zwei Kanonen. Der Kommandant, General Helden, erwartete Truppen und Artillerie, die ihm Cüstine zur Verstärkung versprochen und ihm zugleich befohlen hatte, sich im Fall eines Angriffs des Zeughauses zu bemächtigen und die Frankfurter Stadtsoldaten, die bis jetzt noch ihren Dienst in Gemeinschaft mit den Franzosen versehen hatten, zu entwaffnen und sich auf das äußerste zu verteidigen. Dem Magistrat wurde bekannt gemacht, daß man die Stadt mit Feuer und Schwert verheeren würde, wenn man sich beikommen ließe, etwas gegen die Besatzung zu unternehmen. Da aber die versprochene Verstärkung ausblieb, so hätte Helden wenigstens Moses’ Wunderstab haben müssen, um die erhaltenen Befehle zu vollziehen. Die Frankfurter Heeresmacht, etwa sechshundert Söldner, aus aller Welt zusammengerafftes Gesindel, war freilich nicht sehr zu fürchten, aber man traute der Stimmung der Einwohner nicht, und zwar mit Recht. Den achtundzwanzigsten November erschien der preußische General von Kalkreuth an der Spitze der preußisch-hessischen Avantgarde vor dem Friedberger Tor, stellte seine Truppen in Schlachtordnung auf, sandte sodann einen Stabsoffizier an den französischen Kommandanten, der von dem Volk mit Jubel begrüßt wurde, und ließ den General Helden auffordern, Frankfurt zu übergeben. Dieser wies die Aufforderung mit der Erklärung zurück, er würde sich bis auf den letzten Mann verteidigen, und meldete, was vorgefallen war, sogleich nach Mainz. Cüstine nannte die Aufforderung eine preußische Impertinenz und sagte: „ein freier Republikaner dürfe nicht mit Despotenknechten unterhandeln.“ – Helden hatte unterdessen die den Frankfurtern gehörenden Kanonen aus dem Zeughaus (dem Rahmhof) daselbst wollen wegnehmen lassen, da sich das Volk jedoch schwierig zeigte und zusammenrottete, so gab er das Vorhaben auf und erklärte die Sache für ein Mißverständnis. Cüstine kam noch an demselben Tage nach Frankfurt und versprach dem auf dem Römer versammelten Magistrat, daß er die Stadt im unglücklichsten Fall keiner Belagerung aussetzen wolle; auf diese Versicherung erließ derselbe eine Proklamation, in welcher er die Bürger zur Ruhe und Ordnung ermahnte.

Unterdessen waren die wohlhabenderen Einwohner der Stadt in banger Erwartung und sahen sorgenvoll den Dingen entgegen, die da kommen sollten. Es war der zweite Dezember, ein Sonntag, die meisten Bürger befanden sich gerade bei dem Gottesdienst in den Kirchen, als man mit einem Mal einen starken Kanonendonner ganz in der Nähe vernahm. Jedermann verließ schnell die Kirche und eilte erschrocken nach Haus, wo man erfuhr, daß die Preußen und Hessen die Stadt mit Kanonen und Mörsern beschössen und von zwei Seiten angriffen. Von allem, was in der Stadt vorging, waren die Preußen auf das genaueste unterrichtet, da die Einwohner bis zum letzten Augenblick die Freiheit gehabt hatten, vor den Toren spazieren zu gehen, wo sie sich stundenlang mit den Belagerern unterhielten, ohne daß die Franzosen Notiz davon nahmen.

Das Schießen währte ununterbrochen fort, meine Eltern saßen noch bei Tische und sahen sich nach dem eben beendigten Mittagsmahl mit banger Bekümmernis an, als einer der Handlungsdiener nach Hause kam und erzählte, daß bereits mehrere Bürger verwundet worden und Kugeln und Bomben in verschiedenen Häusern niedergefallen seien. – „Gott bewahre uns vor einem solchen Unglück!“ rief meine Mutter aus, die mich auf ihre Knie genommen hatte. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, als ein furchtbarer Schlag ganz in unserer Nähe fiel, dem ein längeres Geprassel, wie von herabfallenden Schiefersteinen veranlaßt, folgte. In demselben Augenblick stürzte das Gesinde leichenblaß in das Speisezimmer mit dem Ausruf: „Es hat bei uns eingeschlagen!“ Meine arme Mutter war einer Ohnmacht nahe, und ich lag auf dem Boden. Schnell war das Zimmer mit allen Hausbewohnern angefüllt, die verzweiflungsvoll untereinander schrieen, und jeder schien Rat und Hilfe von dem andern zu erwarten, sie fragten sich untereinander, was zu tun sei, aber keiner war imstande, ein vernünftiges Wort hervorzubringen, alle hatten den Kopf verloren. Einige wollten, daß man in die Kellergewölbe, andere, daß man auf die Straße flüchten solle, und Frauen und Mägde weinten. Mein Vater, der hinausgegangen war, um nachzusehen, was eigentlich geschehen, kam nach einigen Minuten mit den tröstenden Worten zurück: „Beruhigt euch, Kinder, ein Stück Bombe hat nur das Dach unsers Regenfasses im Hof eingeschlagen, der Schaden ist nicht groß.“ Nachdem man sich überzeugt hatte, daß es wirklich so war, erholte man sich nach und nach von dem Schreck, und da das Schießen immer schwächer wurde und bald ganz aufhörte, so beruhigte man sich völlig, und das ganze endigte damit, daß man sich gegenseitig foppte, jeder dem andern den größten Teil der gehabten Furcht in die Schuhe schob und sogar Gebärde und Mienen vormachte, die er in dem Schreckensmoment gezeigt haben sollte.

In der Stadt waren indessen ganz andere und sehr ernsthafte Szenen vorgefallen. Die wenigen Franzosen hatten sich auf den Wällen sehr tapfer unter beständigem Feuern verteidigt. Aber die beiden Geschütze, welche der General Helden auf die Wälle beordert hatte, wurden von zusammengelaufenem Pöbel und Handwerksburschen, die dazu von mehreren Bewohnern angereizt worden, angefallen, und da ihre Bedeckung sehr schwach war, so bemächtigten sich die Volkshaufen derselben, schlugen die Räder und Lafetten entzwei, hieben die Stränge der Pferde ab und drohten, den Kommandanten, dem wirklich durch den Hut geschossen wurde, zu ermorden. Das Volk öffnete nun die Stadttore mit Gewalt, die Riegel mit Beilen und Äxten sprengend, während sich die Franzosen auf den Wällen, von diesen Vorgängen nichts ahnend, noch immer tapfer verteidigten. Preußen und Hessen stürzten zu dem geöffneten Friedberger Tor herein, machten ohne Pardon zu geben nieder, was ihnen von Franzosen begegnete, die jedoch, namentlich auch die Nationalgarden, ihr Leben teuer verkauften, auch oft keinen Pardon begehrten. Die Truppen der Verbündeten waren wegen des heftigen Widerstands, den man ihnen geleistet hatte, höchst erbittert. Zweihundert Hessen bedeckten mit ihren Leichen das Schlachtfeld vor den Toren, über siebenhundert Franzosen gerieten samt dem General von Helden in Gefangenschaft. Die Körper der niedergesäbelten Franzosen, die in den Straßen lagen, waren zum Teil schrecklich verstümmelt, einigen war der ganze Hinterkopf abgehauen, anderen war der Schädel gespalten und so weiter. Alle wurden schnell und ganz in der Stille beerdigt, nur ein kleiner Teil der Garnison war entkommen und hatte sich nach Höchst flüchten können. Auch einem Bürgerssohn hatte seine Neugierde das Leben gekostet.

Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm II., gewöhnlich der dicke Wilhelm genannt, hielt nun mit dem Herzog von Braunschweig an der Spitze seiner Generalität und der Truppen seinen Einzug und wurde von den Frankfurter Bürgern, die sich jetzt befreit glaubten, mit großem Vivatgeschrei freudig jubelnd empfangen. Fortwährend blieb die Menge vor dem Roten Haus, damals der erste Gasthof der Stadt, in welchem der König abgestiegen war, versammelt, dem gnädigen König unaufhörlich ein Lebehoch bringend, so oft derselbe geruhte, sich dem guten Volk auf dem Balkon zu zeigen. An selbigem Tage hatte eine halbe Stunde von Frankfurt, zwischen den Flecken Bockenheim und Rödelheim, ein scharfes Gefecht mit einer Abteilung von Cüstines Truppen stattgefunden, bei dem der preußische General von Eben verwundet wurde.

Der König von Preußen besuchte noch den nämlichen Abend das Theater, wo er abermals mit großem Enthusiasmus empfangen wurde. Frankfurt erhielt nun eine preußische und hessische Besatzung zur Einquartierung, unter der sich besonders die preußischen Garden auszeichneten.

Nachdem jedoch der erste Sieges- und Freudenrausch verschwunden war und die Überlegung nach und nach zurückkehrte, fing man doch zu fürchten an, daß die Geschichte wohl noch schlimme Folgen für die gute Stadt Frankfurt und ganz besonders für die sich noch zu Paris befindliche Deputation derselben haben könne. Was man im ersten Augenblick als eine Heldentat sondergleichen, die man denen eines Horatius Cocles und Mutius Scävola zur Seite setzte, angesehen, nämlich das Zertrümmern der Kanonenlafetten und das Zerschlagen der Torschlösser, wollte bald niemand mehr getan oder nichts davon gewußt haben, und mit Grauen und Schaudern dachte man an die Folgen bei einer möglichen Wiederkehr der Franzosen. Dem Freudentaumel folgte schnell eine düstere Stimmung und Grabesstille, und die Besorgnis der ängstlichen Gemüter wurde noch um vieles vermehrt, als man wenige Tage darauf in der ‚Mainzer Nationalzeitung‘ vom sechsten Dezember einen Bericht las, der die Überschrift führte: ‚Frankfurter Adventsfeier, ein Gegenstück zur Bartholomäusnacht und zu der sizilianischen Vesper‘ und dessen Verfasser ein Adjutant Cüstines, Daniel Stamm, war. In demselben wurde unter anderm gesagt:

‚Der zweite Dezember, als der erste Adventssonntag, wurde zum Mordtag ausersehen. Frankfurter! diesen Tag werdet ihr trotz euren feilen Zeitungen nicht aus den Jahrbüchern eurer Geschichte löschen! Buben werden euch auf den Straßen anspeien, der Name Frankfurt wird der Nachwelt ein Abscheu sein, der Franke ist verabscheuungswert, der euch ansehen kann, ohne euch zu würgen! Euch und euern Namen zu vertilgen, sei der Schwur, den jeder freie Mann auf dem Vaterlandsaltar ablegen wird! Ich tue ihn freiwillig, und ich werde ihn halten.‘

Doktor Böhmer in Mainz schrieb in dieselbe Zeitung: ‚Plötzlich wurden sie (die Franzosen) von einem mit Mordgewehren aller Art versehenen Haufen von Frankfurter Banditen überfallen, mit einer Wut, deren nur ein Frankfurter Reichsstädter fähig sein kann, gemißhandelt und in solcher Anzahl getötet, daß von zwei Bataillonen der größte Teil ein Opfer dieser Henkersknechte wurde. Die französischen Krieger setzten sich mutig zur Gegenwehr, waren aber zu schwach, um acht- bis zehntausend bewaffneten Bösewichtern Widerstand leisten zu können. Kaum hörte dies der General Cüstine, als er morgens gegen elf Uhr mit einem großen Teil seines Heeres und einer Menge von Belagerungsgeschütz vor die Stadt rückte. Er hat erklärt, daß er entweder selbst vor ihren Mauern sterben, oder die Stadt in Staub und Asche verwandeln wolle.‘

Die allgemeine Administration zu Mainz, um die Wut der französischen Armee noch zu steigern, befahl, daß für die zu Frankfurt gemordeten Franzosen ein großes feierliches Totenamt gehalten werden solle.

Man kann sich denken, welche Angst bei dem Lesen solcher Zeitungsartikel – die Mainzer hatten dafür gesorgt, daß diese sogleich gehörig in Frankfurt verbreitet wurden – sich der armen Kaufmannsseelen daselbst bemächtigte, die eigentlich an dem Vorgefallenen sehr unschuldig waren, das außerdem ebenso entstellt wie übertrieben wurde. In allen Familien war jede Lebenslust wie weggeblasen, und diejenigen, deren Angehörige bei der fatalen Mission zu Paris waren, gaben sich der Verzweiflung hin. Ein reicher Kaufmann, der uns denselben Abend, als die Preußen in die Stadt eingerückt waren, einen Besuch gemacht und sich dabei gerühmt hatte, aus seinem Haus habe man auf seinen Befehl siedendes Wasser auf fliehende Franzosen gegossen und ‚die Kerls gehörig gebrühet‘, wobei er und seine Frau tätig gewesen seien, kam einem Gespenst gleich ein paar Tage darauf zu meinen Eltern, um sie zu fragen, ob sie seine Fabel weiter erzählt hätten, er habe dies alles nur im Scherz gesagt, es sei nur ein dummer Spaß von ihm gewesen, er selbst könne nicht begreifen, wie er zu einem so elenden Geschwätz gekommen sei, seine alberne Gans von einer Frau sei an dem ganzen Eselsstreich schuld. Mein Vater suchte den reichen armen Teufel möglichst zu beruhigen, er hatte jedoch noch lange an seinem Angstfieber zu laborieren.

Magistrat und Bürgerschaft wetteiferten nun, diese gräßlichen Beschuldigungen von sich zu weisen und sie für abscheuliche Verleumdungen zu erklären, was sie denn zum größten Teil auch waren. Eine Unwahrheit war es, daß ein förmliches Mordkomplott stattgefunden habe, und eine große Lüge, daß man zehntausend Mordmesser zu diesem Zweck habe verfertigen lassen, von denen Cüstine sogar eines an den Konvent nach Paris sandte.

Um diesen furchtbaren Anklagen zu begegnen, machte der Magistrat von Frankfurt bekannt, daß derjenige eine Belohnung von vierundzwanzigtausend Livres erhalten solle, der beweisen könne, daß ein Mordkomplott in Frankfurt stattgefunden und die Bürger Franzosen mit Mordgewehren oder Messern getötet hätten. Aber niemand konnte dergleichen dartun; das Wahre an der Sache war, daß mehrere wohlhabende Bürger, der Hingebung des Augenblicks folgend, verschiedene Individuen aus den niedern Ständen zur Zertrümmerung der Kanonen und zum Eröffnen der Tore aufgemuntert hatten, sowie, daß aus einzelnen Häusern siedendes Wasser auf die Fliehenden gegossen worden war. Aber auch schon das war hinreichend, um unter solchen Verhältnissen und in einem solchen Krieg den Ruin und die Zerstörung einer Stadt herbeizuführen, und dies, fühlte man wohl, wäre auch das unvermeidliche Schicksal Frankfurts gewesen, wenn der Feind damals schnell zurückgekehrt wäre. Aller Enthusiasmus für die Sieger war indessen nach ein paarmal vierundzwanzig Stunden verschwunden, und man hörte keine Vivats mehr.

Zu Paris hatten sich diese Vorfälle, greulich ausgemalt und durch gräßliche Zusätze vermehrt, schon verbreitet, noch ehe ein offizieller Bericht daselbst angekommen war. Als Cüstines Berichte eintrafen, beschloß der vollziehende Staatsrat vorerst, die Frankfurter Deputierten in ihren Wohnungen in strengem Verhaft zu halten und auf das schärfste bewachen zu lassen. Diese sahen sich nun mit einem Mal von all ihren dortigen Bekannten verlassen und befanden sich in der Tat in einer schrecklichen Lage, und dies zu einer Zeit, wo man in Paris Menschenköpfe gleich Mohnköpfen abschlug. Unter ihren Fenstern verkaufte man Extrablätter unter dem Ruf: ‚Getreue Erzählung, wie durch die Frankfurter Banditen tausend Franzosen ermordet wurden, Frankfurter Mordgeschichten‘ und so weiter. Keine französische Zeitung wollte etwas zur Verteidigung der armen Deputierten aufnehmen, welche jeden Augenblick fürchteten, zur Guillotine geschleppt zu werden. Unter den vielen Mitteln, die man anwendete, jene gehässigen Anklagen zu widerlegen und als nichtig darzustellen, wurde eines ergriffen, das guten Erfolg hatte: man ließ nämlich die französischen Gefangenen, Offiziere und Gemeine der Nationalgarde und Linientruppen, Erklärungen und Briefe schreiben, in welchen sie die treffliche Behandlung, welche ihnen von der Frankfurter Bürgerschaft und dem Magistrat zuteil wurde, hochrühmten und auf das dankbarste anpriesen. Sie bekräftigten in denselben, daß sich der Magistrat alle mögliche Mühe gegeben habe, dem Auflauf des Pöbels zu steuern, und daß Bürger selbst vor den eindringenden Hessen Pardon für mehrere ihrer Landsleute erwirkt hätten. Man schob überhaupt die ganze Schuld auf fremde Handwerksburschen, diese armen Teufel mußten jetzt alles auf ihre Schultern nehmen. Dies vermochte indessen nicht, die in Paris gefangenen Frankfurter Deputierten, unter denen auch einer vom Senat war, aus ihrer hochnotpeinlichen Lage zu befreien, was für den Augenblick das Wichtigste war, da sie in augenscheinlicher Lebensgefahr schwebten, denn man spielte ja in Frankreichs Hauptstadt um Köpfe wie um Dreier, und die Familien der Abgeordneten waren in unaufhörlicher Höllenangst, sahen in banger Verzweiflung jeden Tag der ankommenden Post entgegen, schreckliche Nachricht befürchtend, und gingen dem hochedlen Magistrat Tag und Nacht zu Leibe, damit er die baldigste Befreiung ihrer Angehörigen bewirken möge. Dies war eben keine leichte Aufgabe. Mein Großvater Weller hatte den Herren des Rats den Rat gegeben, man müsse schleunigst suchen, jemand ohne allen offiziellen Charakter ganz insgeheim und mit hinlänglichen Mitteln versehen nach Paris zu schicken, um das Terrain daselbst zu rekognoszieren, die Deputierten gehörig von allem zu unterrichten und von dem fatalen Vorfall und der Sachlage in Kenntnis zu setzen, sodann aber deren Befreiung um jeden Preis zu erwirken suchen. So einleuchtend es auch war, daß sich nur einzig von diesem Mittel einiger Erfolg erwarten ließ, so waren doch mehrere Hohlköpfe des hochgelahrten und wohlfürsichtigen Magistrats und selbst einer der wohlregierenden Bürgermeister dagegen und meinten, man müsse sich nicht in neue Fatalitäten verwickeln, sondern, da es doch einmal nicht anders sei, der Sache ihren Lauf lassen, das heißt, die armen Teufel zu Paris ihrem Schicksal überlassen. Glücklicherweise war der bessere Teil der Herren anderer Meinung und drang, jedoch nicht ohne einige derbe Kraftäußerungen und sogar Drohungen ausgestoßen zu haben, durch. So weit war man nun gekommen, aber wen absenden? Von den hochweisen Herren des Magistrats wollte sich keiner zu dieser Mission verstehen, sie liebten alle zu sehr, was unter ihren Perücken und Haarbeuteln vegetierte, es mochte auch noch so unnützes Unkraut sein. Alle hatten ihre triftigen Entschuldigungsgründe, die übrigens auch wohl vollgültig sein mochten. Die einen schützten ihr respektables Alter, fast alle ihre Unkenntnis der französischen Sprache vor, was bei den meisten auch der Wahrheit gemäß war, denn nur wenige der gebildeteren Klasse der Einwohner Frankfurts sprachen damals außer ihrer Muttersprache, dem abscheulichen Frankfurter-Deutsch, noch eine andere; höchstens warfen einige hochgelahrte Herren mit ein paar Brocken Küchenlatein um sich, mit dem freilich in Paris nichts anzufangen war. Mein Großvater, der die Verlegenheit, in der sich die guten Väter des Vaterlands befanden, sowie die traurige Lage, in der es sich selbst befand, erwog und sich zu Herzen nahm, sprach zu ihnen: „Ich bin zwar zu alt, kränklich und schwach“ – er hatte noch nicht lange einen Schlaganfall gehabt – „um die Reise nach Paris unternehmen zu können, sonst würde ich mich der Sache gern unterziehen, aber mein Sohn Fritz, das ist ein gewandter Bursche, spricht geläufig französisch, weiß sich zu drehen und zu wenden, der soll es wagen, nach dem Teufelsnest zu reisen, unsern armen Landsleuten Trost und wo möglich Rettung zu bringen.“

Mein Oheim Fritz zählte kaum einige zwanzig Jahre, bei jeder anderen Gelegenheit würden die hochweisen Herren (sie waren damals alle gepudert, und die meisten trugen Perücken) einen solchen Antrag unwirsch zurückgewiesen haben, aber hier galt es, seine Haut zu Markte zu tragen, und auch die Vorlautesten waren mäuschenstill. Nur einer unter ihnen, ein Schöffe, Wallacher, äußerte: „Da man doch niemand habe, der fähiger sei, so müsse man das Anerbieten des jungen Wellers wohl annehmen.“

Die Sache wurde nun noch in geheimer Sitzung verhandelt und beschlossen, daß mein Oheim ganz insgeheim nach Paris reisen solle. Auf sein Verlangen wurde ihm ein Paß von der Isenburger Regierung, um nicht als Frankfurter bezeichnet zu sein, in der Eigenschaft eines spekulierenden Buchhändlers ausgestellt, der sich in Privatgeschäften nach Paris begebe.

Als alles in gehöriger Ordnung und mein Oheim mit Geld, Wechseln und Empfehlungen reichlich versehen war, denn Gold durfte nicht gespart werden, wollte man die Kerkertüren sprengen, – reiste er ganz in der Stille ab, kam glücklich über die Grenze und ohne besondere Zufälle in der stürmischen Hauptstadt Frankreichs an, wo er vorgab, gekommen zu sein, um die merkwürdigsten Szenen der französischen Revolution an Ort und Stelle zeichnen lassen, die dann später in Kupfer für ein deutsches Werk gestochen werden sollten, das die Heldentaten dieser Revolution dem deutschen Volk recht anschaulich machen und dasselbe zur Nacheiferung aufmuntern werde. Dies war freilich nicht der Wille des Magistrats gewesen, aber mein Oheim fand es der Klugheit gemäß, so zu handeln, um jeden Argwohn zu entfernen. Indessen traf er auf manche große, nicht vorhergesehene Schwierigkeiten, doch bahnten ihm seine Empfehlungen, eigene Geschicklichkeit und vor allem der mitgebrachte goldene Talisman den Weg. Einmal lief er jedoch Gefahr, für einen Spion gehalten, als solcher verhaftet und folglich um einen Kopf kürzer gemacht zu werden, aber durch seine Geistesgegenwart wußte er sich im kritischsten Augenblicke aus der fatalen Lage zu ziehen. Er unterhielt sich nämlich eines Abends mit einem andern Deutschen in seiner Muttersprache über die neuesten Vorfälle der Revolution, wobei sie auch mehrmals die Worte: Monsieur und Graf Artois hatten fallen lassen. Ein Jakobiner aus dem Elsaß, der hinter ihnen drein gegangen war und einen Teil dieser Unterredung gehört hatte, schrie plötzlich: „Voila des espions autrichiens, qu’on les arrête.“ Mein Oheim dreht sich um und sieht, wie der Kerl auf ihn losspringt, um ihn zu packen, er gibt ihm jedoch einen gewaltigen Faustschlag auf die Brust, der Jakobiner prallt ein paar Schritte zurück, stolpert, stürzt, und mein Oheim wirft ihm jetzt schnell seinen Mantel über das Gesicht, aus allen Kräften „au voleur!“ schreiend. In einem Augenblick waren eine Menge Menschen um den Gefallenen versammelt, unter die sich der junge Weller sogleich mit seinem Begleiter mischte, sich gleich den anderen erkundigend, was da vorgehe, und dann, den Mantel im Stiche lassend, unbemerkt wegeilte, sich glücklich preisend, mit dem Verlust dieses Kleidungsstückes davon zu kommen. Aus einiger Entfernung durch die Schatten der Nacht begünstigt, sah er, wie der arme Teufel von Jakobiner, den die Menge festhielt, ihn wirklich für einen Dieb haltend, große Mühe hatte, sich zu rechtfertigen und den Leuten den wahren Hergang der Sache begreiflich zu machen, worauf sich alle nach dem vermeintlichen Aristokraten umsahen, den sie jedoch nicht mehr entdecken konnten.

Ein paar Tage nach seiner Ankunft zu Paris war es meinem Oheim gelungen, sich mit den gefangenen Deputierten, die einen rettenden Gott in ihm sahen, heimlich in Verbindung zu setzen. Man beriet sich gemeinschaftlich über die Art und Weise, wie ihre Befreiung zu bewirken sei, und nachdem der junge Mann das Terrain hinlänglich sondiert, gelang es ihm, einige einflußreiche Mitglieder des Konvents für sich zu gewinnen, das heißt, zu bestechen, indem er hier und da, wo es nötig war, mit aller Vorsicht seine goldenen Minen springen ließ, andere gewann er durch eine der Wahrheit gemäße einfache und einleuchtende Darstellung der Sache. Bei dieser Gelegenheit kam er auch mit Danton, Robespierre Camille Desmoulin, Vergniaud, Brissot und anderen berühmten Konventsmitgliedern in nähere Berührung. Das Unternehmen gelang über alle Erwartung, der Konvent verfügte die Freilassung der Verhafteten, und diese kamen gegen Ende Januar siebzehnhundertdreiundneunzig wieder glücklich und wohlbehalten mit ihren, sich jetzt wieder außer Gefahr befindenden Köpfen in Frankfurt an, während Ludwig XVI. unter der Zeit den seinigen durch das Beil des Henkers verlor. Die Geretteten konnten nicht genug rühmen, was der junge Weller für sie getan, und sie und deren Familien, unter denen auch die G...sche war, gaben ihm bei jeder Gelegenheit Beweise ihrer Erkenntlichkeit. Nachdem der schwierige Auftrag so glücklich vollzogen, hörte man von mehr als einer Seite, wenn des jungen Wellers lobend erwähnt wurde von manchen superklugen, hochweisen Lippen die Worte fallen:

„Mit solchen Mitteln versehen, gehörte eben keine große Kunst dazu!“

Mein Oheim hatte seinen Freunden und Verwandten mehrere hübsche Geschenke von Paris mitgebracht, darunter ein kostbares Porzellanservice, das der unglücklichen Maria Antoinette gehört und das er verstohlen um einen hohen Preis erstanden hatte.

Die Frankfurter Vorfälle hatten für niemand ersprießlichere Erfolge als für die französischen Gefangenen, die von jetzt an, so oft deren nach Frankfurt kamen, von der Stadt und ihren Bewohnern reichlich beschenkt und trefflich verköstigt wurden, was denn jedesmal in den Zeitungen gehörig ausposaunt ward, da man im Geiste schon wieder die französischen Heere und ihre erzürnten Krieger racheschnaubend vor den Stadttoren sah.

Die Nachricht von der Hinrichtung des unglücklichen Königs von Frankreich hatte einen höchst peinlichen Eindruck in Frankfurt sowie in ganz Deutschland gemacht, man wollte lange nicht an die Möglichkeit dieser Greueltat glauben und hatte Mühe, sich von der Wahrheit dieser Tatsache zu überreden, die man sich nur mit dem Ausdruck des Schmerzes und des Kummers mitteilte. Diese Begebenheit wandelte mehr als einen Demokraten zum Aristokraten um, sowie überhaupt der Gang und die Richtung, welche die Dinge in Frankreich nahmen, viele frühere Freunde der französischen Revolution zu deren erbitterten Feinden umschuf; von dem Glück einer Freiheit, die nur Mord, Raub, Brand, die blutigsten Greuel und scheußlichsten Würger hervorrief, konnte sich kein Mensch, der noch einen Funken gesunde Vernunft besaß, einen Begriff machen, dennoch behielt sie auch in Frankfurt manche Anhänger, und sogar in unserer Familie.

V.
Aufenthalt des Königs von Preußen und seiner Garde in Frankfurt. – Spielwut der Offiziere. – Ein Jude muß einen Wechsel fressen. – Eine Entführung. – Errichtung einer stehenden Bühne in Frankfurt. – Die erste Vorstellung der Zauberflöte erregt ungeheures Aufsehen. – Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). – Die Stadt wird mit glühenden Kugeln beschossen. – Niederbrennen der Hälfte des Judenquartiers. – Frankfurter Zustände jener Zeit. – Meine schöne Cousine. – Eine Scheidung. – Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart.

Die fortdauernde Gegenwart des Königs von Preußen, der den ganzen Winter in Frankfurt zubrachte, und seiner Garde machte doch, daß die Furcht der ängstlichen Gemüter der guten Reichsstädter vor den Franzosen und ihren Drohungen sich allmählich verlor, wozu das joviale Leben und galante Benehmen der Preußen nicht wenig beitrug, und bald machten die Besorgnisse dem Vergnügen Platz. Den gefallenen Hessen wurde auf Befehl Friedrich Wilhelms II. ein Denkmal vor dem Friedberger Tor errichtet, zu dem sein Hofbaumeister Langhans das Modell lieferte, und welches trotz der, als alles zerstörende Vandalen verrufenen, Franzosen, die es im Laufe der Revolutionskriege unversehrt ließen und achteten, noch jetzt steht.

Seine preußische Majestät gefiel sich sehr in Frankfurt und war den Einwohnern ein überaus liebreicher Herr, besonders den Damen, von denen ihn manche nur „unsern lieben, dicken Wilhelm“ nannte, denn der König verschwendete viel, sehr viel Geld, war äußerst freigebig und machte allen denen, die sich seiner Aufmerksamkeit und seiner Huld zu erfreuen hatten, reiche Geschenke. Diesem Beispiel folgten auch seine Untergebenen, namentlich zeichnete sich das Offizierkorps der Garden, das seinem Herrn keine Schande machen wollte, durch Großmut, Freigebigkeit und galantes Benehmen aus. So kamen abermals große Summen zur Bereicherung der Einwohner Frankfurts in Umlauf. Besonders aber waren die Herren gewaltige Spielratzen, und in den größeren Gasthöfen wurden die Hazardspiele, namentlich Pharao, welches die Offiziere, meistens vermögende Edelleute, leidenschaftlich liebten, auf eine furchtbare Höhe getrieben. Diese Leidenschaft der preußischen Marssöhne wußten mehrere Spieler von Profession trefflich auszubeuten, unter ihnen waren namentlich ein verabschiedeter hessischer Oberst von Willich, der in Bockenheim wohnte, ein gewisser Kohl, ein Frankfurter Bäckerssohn, der eine sehr hübsche Frau hatte, die bei verschiedenen Spielen pointierte, ein anderer Gauner namens Gimpel und so weiter, die sich alle in kurzer Zeit ein großes Vermögen erspielten, von denen jedoch die meisten später wieder in bittere Armut gerieten, ja wohl in Spitälern Unterkunft suchen mußten. Diese Spielsucht der preußischen Offiziere kam nebst den sauberen Bankhaltern keinem mehr zu statten als den Frankfurter Juden, welche den Herren oft und gerne aus augenblicklichen Geldverlegenheiten halfen und dafür so generös belohnt wurden, daß sie nicht selten Hundert vom Hundert in wenig Wochen erhielten. Ein komischer Vorfall, der sich damals mit einem der berüchtigtsten Gurgelschneider in Frankfurt zutrug, durch ein solches Darlehen hervorgerufen wurde und die ganze Stadt außerordentlich belustigte, verdient, daß ich ihn hier mitteile, um so mehr, da die Sache in dem Hause meines Großvaters vorging. Derselbe hatte nämlich einen Major und einen Leutnant von der Garde im Quartier. Beide waren sehr artige, feine Leute, die man im Hause gerne sah; der Leutnant aber, ein Herr Baron von D..., war ein Wüstling, der selten zu Tische kam, oft ganze Nächte wegblieb, die er größtenteils am Pharaotisch des Herrn von Willich zubrachte. So bedeutende Summen und Wechsel der junge Mann auch jeden Monat von Haus erhielt, er war der Sohn eines sehr reichen pommerschen Edelmannes, so waren seine Taschen doch in der Regel leer, und mit größerer Sehnsucht als er selbst warteten die Frankfurter Juden auf seine Berliner Wechsel, die selten ausreichten, die gemachten Darlehen zu decken; da er auch nicht sehr pünktlich im Bezahlen war, so wurden die Kinder Israels hinsichtlich seiner etwas schwieriger, und er mußte ihnen noch höhere Zinsen bezahlen. Ein gewisser Samuel Rapp war damals als einer der Hauptnothelfer des königlich preußischen Offizierkorps bekannt, an diesen wandte sich nun unser Leutnant, als er einmal wieder ganz im Trockenen saß, und ließ den Juden durch seinen Burschen rufen. Rapp kam, stellte sich jedoch äußerst schwierig, willigte aber endlich ein, fünfzig Friedrichsdor auf vier Wochen vorzuschießen, jedoch unter der Bedingung, daß ihm der Offizier hundert verschreibe und einen Wechsel ausstelle, in welchem Herr von D... sich durch sein Ehrenwort verpflichtete, die hundert dargeliehenen Friedrichsdor an dem bestimmten Tage zurückzuzahlen, da, wie bekannt, gegen das Militär kein Wechselrecht gültig und ebensowenig eine Zivilklage angebracht werden konnte. D... ging die Bedingung ein und erhielt die fünfzig Friedrichsdor bar; der Jude hatte ihm zwar für einen Teil des Geldes mancherlei Ware, unter anderm auch eine Partie Katzenfelle zu einem hohen Preis aufschmusen wollen, worauf sich der Offizier aber nicht einließ, indem er sagte: „Die hält mir kein Bankier.“ Die Verfallzeit des ausgestellten Wechsels rückte heran, und der Leutnant hatte kein Geld; er hatte zwar während der Zeit wieder einen Wechsel von Haus erhalten, aber die Coeur-, Treff- und andere Damen sowie Buben und so weiter hatten es längst verschlungen, auch hatte er ein paar andere Juden, die ihm früher geliehen und ihn gequält, bezahlt. Als nun der unglückliche Zahlungstermin herangekommen war, erschien Samuel schon in aller Frühe und präsentierte seinen Wechsel zum Einkassieren auf des Leutnants Stube, der jedoch zur Antwort gab:

„Schmul, ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt mir Frist geben, meine Wechsel sind ausgeblieben.“

„Gottswunder, Herr Barohn, was tu ich domit, ich brach mei Geld, ich kann net warte, ich hab’ druf gerächent, ich muß doch ach heind zahle.“

„Seid vernünftig, ich habe viel Unglück gehabt und gestern nach Haus geschrieben, in spätestens acht Tagen erhalte ich neue Wechsel.“

„Ich kann net, Herr Barohn, ich kann net warte, ich muß mei Geld hawe, ich muß es heind hawe, ich muß es gleich hawe, ich muß ach bezahle.“

„Wenn ich nun aber keines habe, ich kann doch keines aus der Erde stampfen oder Dukaten aus dem Aermel schütteln, gedulde dich nur acht Tage.“

„Nah, ich kann net, kah acht Stunne, kah acht Minute, ich muß mei Geld hawe, ’s is heind der Zahltag, un ich muß ach zahle.“

„Höre, Jude, wie viel muß ich dir zahlen, wenn du noch acht Tage Frist gibst?“

„Nix, gar nix, denn ich kann kahn Frist gewe, und ich kann ach net warte.“

„So scher dich zum Teufel, denn ich habe nun einmal kein Geld.“

„So, Herr Barohn, deß sin mer saubere Massematte, ich hab doch Ihrn Wechsel mit Ihrm Ehrewort drinn; wenn Se mich net bezahle, so mach ich’s bekannt.“

„Jude!“

„Nu, Herr Barohn, ich kann mer doch net anners helfe, und wann Se mich net zahle, so weis’ ich de Wechsel vor uff der Parad, und dann sin Se de Katze, weil Se kah Ehrewort hawe gehalte, deß wäß ich recht gut.“

„Jude, dich soll ja der Teufel, warte ...“

Der Leutnant ging an die Stubentür und schloß dieselbe ab.

„Nau, Gottswunder, Herr Barohn, was soll mer deß? Mache Se kahn Stuß, was wolln Se mache?“

„Das wirst du sogleich sehen.“

Der Leutnant nahm nun eine ungeladene Pistole, auf der ein hölzerner Stein war, von der Wand herab, stellte sich vor den zitternden Juden hin, spannte den Hahn und sagte mit donnernder Stimme:

„Jude, jetzt friß den Wechsel, oder du bist des Todes.“

„Auweih geschrie, Herr Barohn, was soll mer deß, was mache Se vor än dumme Stuß.“

„Friß, sage ich, oder ...“

Der Leutnant hält ihm die Mündung gegen den Mund.

„Aweih, aweih, wie kann ich fresse, ä Wechsel is doch ka Matzes. Aweih geschrie, Herr Barohn, ich kreisch.“

„Wenn du noch einen Laut von dir gibst, Jude, so drücke ich ab. Friß, sag ich, oder ich schieß.“

Der Jude, todesbleich und schlotternd, würgte nun den Wechsel nicht ohne große Mühe hinab, während der Offizier mit der drohenden Waffe vor ihm stand.

„So,“ sagte er, nachdem der Jude zum letztenmal geschlungen hatte, „jetzt sperre das Maul auf, damit ich auch sehe, ob dir nichts in den Zähnen stecken geblieben ist.“

„Herr Barohn, Se wern mer doch net enei schieße wolle, ich haw en warrlich gefresse.“

„Sei ohne Furcht und sperre das Maul auf, sag ich.“

Der Jude sperrte nun das Maul weit auf.

„Gut, nun kannst du gehen, aber das laß dir gesagt sein, wenn du nur eine Silbe von der ganzen Begebenheit gegen jemand erwähnst, so bist du des Todes, denn ich schieße dich nieder, wo ich dich finde. Übrigens kannst du, wenn du schweigst, in acht Tagen dein Geld bei mir abholen, es ist jetzt eine Ehrensache für mich, dich zu bezahlen.“

„Herr Barohn, is deß wahr, dann will ich so stumm sein aß ä Fisch.“

„Du kannst darauf zählen.“

Der Offizier legte nun die Pistole hin, schloß die Tür auf, und der Jude huschte, einen schweren Seufzer lassend, zur Stube hinaus.

Acht Tage darauf ließ der Leutnant den Rapp wieder holen und zahlte ihm hundert Friedrichsdor in Gold hin und noch obendrein einen doppelten mehr, indem er sagte:

„Hier, das nimm für die ausgestandene Angst und weil du reinen Mund gehalten, gestern erhielt ich meine Wechsel.“

„Gottswunder, Herr Barohn, Se sin doch ä wohrer Ehrenmann, wie’s kahn mehr in ganz Frankfort, in der ganze Welt mehr gibt, wann Se widder was brauche, Se därfe nor befehle, ich mach mer ä Vergnüge draus, Ihne zu diene ...“

„Schon gut, wir werden sehen.“

„Aber ahns mach ich zur Bedingung.“

„Und das wäre?“

„Wann Se mer widder ä Verschreibung mache, schreiwe Se’s uff än Nernberger Lebkuche oder uff än Matzen, wann ich’s dann widder fresse muß, so haw ich doch net so schwer daran zu verdaue. Der anner Wechsel is noch net recht verdaut un hat mer vierunzwanzig Stund schrecklich zu schaffe gemacht.“

Die Anwesenheit der Preußen und ihres Königs hatte auch viel zum Glanz des wenige Monate früher auf Aktien gegründeten Frankfurter Theaters, welches sich, Gott weiß mit welchem Recht, den hochtrabenden Titel ‚Nationaltheater‘ beigelegt hatte, beigetragen. Was an demselben national war, konnte niemand ausfindig machen. Sechzig wohlhabende Bürger, fast lauter Kaufleute, hatten jeder fünfhundertfünfzig Gulden, also eine Totalsumme von dreiunddreißigtausend Gulden zusammengeschossen, um das Unternehmen zustande zu bringen; sie erhielten Aktien für ihren Einschuß. Ein Advokat nannte dies ‚eine wahrhaft nationale Handlung‘, und so meinten die anderen Herren, diesem Institut den Titel eines Nationaltheaters erteilen zu müssen, was manchen Stoff zum Lachen und zur Satire gab. Erst im Jahre siebzehnhundertzweiundachtzig hatte man ein Schauspielhaus in Frankfurt erbaut, das zwei Jahre nach seiner Erbauung beinahe ein Raub der Flammen geworden wäre, da das im Kontor des Direktors mitten in der Nacht ausgekommene Feuer anfänglich niemand löschen wollte und das auf dem Komödienplatz versammelte Volk schrie: „Laßt nur das Teufelshaus brennen, wir brauchen kein Komödienhaus, das nur Unglück über die Stadt bringt. Baut die Barfüßerkirche aus.“ Nur die dringendsten Vorstellungen einiger vernünftiger Personen, daß die ganze Stadt Gefahr laufe niederzubrennen, wenn man nicht lösche und den Flammen Einhalt tue, vermochten endlich die Leute, Hand an die Spritzen zu legen, und in kurzer Zeit war man Meister des Feuers geworden, das noch wenig Schaden angerichtet hatte.

Als der Aktienverein dieser Nationalbühne gegründet war, verschrieb man aus allen Ecken und Enden Deutschlands und den angrenzenden Ländern Künstler, unter denen manche sich durch Talent und nicht gewöhnliche Darstellungsgaben auszeichneten oder doch zu großen Hoffnungen berechtigten. Ein Schauspieler, Büchner, der jedoch seinen Namen umgedreht und sich Rennschüb nannte, ward als Regisseur bei dieser Truppe angestellt, aber unter der Bedingung, daß weder er noch seine Gattin Rollen bei diesem Theater übernehmen dürften, und zwar aus dem hochwichtigen Grunde, weil er ein Frankfurter Bürgersohn und ein Bruder des Senators Büchner, Vaters des später wegen seines großen Scharfsinns und glänzenden Verstands in ganz Frankfurt und eine Meile im Umkreis so berühmt gewordenen Stadtamtmanns Büchner war; denn ein solcher Skandal, daß der Verwandte einer Frankfurter Magistratsperson ein Komödiant geworden, war bis jetzt in der guten Reichsstadt noch nicht erhört worden.

Die neue stehende Bühne wurde mit Ifflands ‚Alte und neue Zeit‘ eröffnet, letztere ist seitdem ebenfalls längst alt geworden. Noch in demselben Theaterjahr kam Mozarts unsterbliches Meisterwerk ‚Die Zauberflöte‘ (den sechzehnten August 1793) zur Aufführung und machte sowohl in Frankfurt als in der ganzen Umgegend, aus der man bis auf zwanzig Stunden Entfernung hinzuströmte, diese Oper zu sehen, ein ungeheures Aufsehen, was jedoch mehr der Szenerie des Stückes, als der herrlichen Musik des großen Meisters zuzuschreiben war. Von der Schlange, dem Erscheinen der Königin der Nacht und ihren Nymphen, dem Vogelmensch Papageno, den Affen, Bären, Elefanten, Sarastros Löwen und Triumphwagen, dem Wasser und Feuer und so weiter erzählte man sich Wunderdinge, während man der trefflichsten Tonstücke kaum erwähnte. Diejenigen, die so glücklich gewesen, Plätze oder eine Loge zu erhalten, konnten nicht genug von den Wundern erzählen, die sie gesehen, wohl auch von den Papagenoliedchen, die sie gehört und die man bald allenthalben nachtrillerte und sang, während die wahrhaft himmlischen Melodien und Harmonien, wie der Chor ‚Isis und Osiris‘, die herrlichen Stellen der Finale, die dem Ohr fast als überirdische Klänge aus andern Sphären ertönen, nur von wenigen Kennern beachtet wurden. Dagegen sah man bald alle Knaben der Reichen in Papagenokleidern und die Mädchen in Sternenkleidchen à la Königin der Nacht auf den Promenaden erscheinen. Nie hat seitdem wieder eine Oper eine ähnliche Sensation hervorgebracht.

Der König von Preußen hatte schon 1795 mit der französischen Republik Frieden geschlossen, gegen das Ende desselben Jahres waren die Österreicher in vollem Rückzug, die Franzosen rückten mit Macht heran, und im Juli 1796 erschien eine französische Heeresabteilung, von dem General Kleber befehligt, vor Frankfurt und forderte den österreichischen Kommandanten der Stadt, einen General Wartensleben, auf, dieselbe zu übergeben, was dieser jedoch verweigerte. Hierauf fingen die Franzosen an, Frankfurt in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Juli bis drei Uhr nach Mitternacht zu beschießen, ohne jedoch einen sonderlichen Schaden anzurichten, indem sie nur gewöhnliche Kugeln warfen. Da indessen die Österreicher mit großer Ostentation alle möglichen Anstalten zu einer hartnäckigen Verteidigung trafen, auch verlauten ließen, sie würden sich bis auf den letzten Mann halten, und man von der anderen Seite erfuhr, daß die Franzosen sich zu einer nachdrücklichen Belagerung vorbereiteten, ja sogar mit Sturm drohten, so trafen die geängstigten Einwohner alle möglichen Vorkehrungen zu ihrem Schutz. Die meisten Dächer wurden mit feuchtem Stroh oder Mist belegt und beständig mit Wasser begossen, um die Wirkung der Kugeln und Bomben zu schwächen, die Feuerspritzen wurden in allen Quartieren aufgeführt; wer konnte, versah sich noch besonders mit großen Hausspritzen, alle Kostbarkeiten und Dinge von Wert wurden in feuerfeste Gewölbe gebracht und so weiter. Ähnliche Vorkehrungen wurden im Hause meiner Eltern getroffen, und die ganze Familie und viele Bekannte flüchteten ihre kostbarsten Habseligkeiten in ein unterirdisches, bombenfestes Gewölbe, das sich in einem zweiten Hof in dem Hause meines Großvaters Weller befand. Mehr denn hundert Kisten, Kasten und Koffer wurden in dasselbe hinabgelassen. In der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Juli erneuerten die Franzosen gegen elf Uhr das Bombardement, und zwar mit gefüllten Haubitzgranaten und glühenden Kugeln. Mehrere Einwohner hatten sich noch beizeiten mit Weib und Kindern aus der Stadt geflüchtet, die meisten aber verkrochen sich in die Keller und Gewölbe. Bald ertönte nun das schreckliche Feuerjo durch die finstern Gassen der Stadt, und ehe eine halbe Stunde verging, brannte es schon an mehreren Orten zugleich.

Im Hause meiner Eltern hatten sich sämtliche Hausbewohner auf das zu ebener Erde befindliche Kontor meines Vaters geflüchtet. Man hatte uns Kinder aus den Betten geholt, in Decken gewickelt, und die Mägde und meine Mutter hielten uns auf ihren zitternden Knieen. Schrecken und Angst malten sich auf jedem Gesicht und mehrten sich bei jedem Kanonen- oder Bombenknall, die jetzt Schlag auf Schlag folgten; der alte Buchhalter kniete neben der zitternden Mutter meines Vaters, beide beteten unaufhörlich. Meine Mutter war noch die beherzteste und schien auf alles gefaßt. Plötzlich wurde es unserer Wohnung gegenüber ganz ungewöhnlich helle, der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen, und bald erfuhren wir, daß der ganze vordere Teil der Judengasse, der nur durch eine Häuserreihe und den kleinen Platz von unserm Haus getrennt war, in vollem Brand stehe. Hinter den uns gegenüberstehenden Häusern sahen wir die Flammensäulen hoch emporwirbeln und sich bald zu einem schrecklichen Feuermeer, einer wahren Flammenwand vereinigen. Das Prasseln dieses Feuers, der ewige Kanonendonner, das Läuten der Glocken, das Blasen der Türmer, das Anrufen der Patrouillen, der Feuerruf durch die hohlschallenden Sprachrohre, welche Feuer an zehn Orten verkündeten, das Rasseln der vorüberfahrenden Spritzen und Wasserwagen, dies alles machte um Mitternacht einen so schrecklich chaotischen Tumult, daß den Bürgern Hören und Sehen verging, und gar manche von ihnen unter Heulen und Zähneklappern der Welt Untergang und das jüngste Gericht erwarteten. Gegen ein Uhr ließ das Schießen jedoch nach; Kleber hatte Mitleid mit der unglücklichen Stadt und schickte sogar drei Feuerspritzen aus den nahen Dörfern und eine Kompagnie Franzosen ohne Waffen, denen jedoch der Eingang verweigert wurde, um löschen zu helfen.

Nicht weniger als hundertundvierzig Häuser waren bereits in der Judengasse niedergebrannt, und sonderbar genug hatte sich das Feuer gerade an dem Haus des alten Rothschild, das unversehrt blieb, und an der Judenschule gebrochen und sich in dieser Gegend nicht aus dem Judenquartier verbreitet, was man hauptsächlich den hohen Mauern und Brandmauern, welche die Wohnungen der Kinder Israels umgaben, zu verdanken hatte, und wir und unsere Nachbarn kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Unser ganzes Haus war mit geflüchteten Habseligkeiten der Juden angefüllt, unter denen auch viele von der Familie Rothschild.

Am frühen Morgen begab sich eine Deputation der Bürgerschaft zum kommandierenden General der Österreicher, diesen zu bitten, doch den völligen Ruin der Stadt durch eine Kapitulation zu verhüten. Wartensleben, dem nichts erwünschter als ein Vorwand zur Übergabe der Stadt war, in der er sich noch Monate lang recht gut hätte halten können, ließ sich schnell erweichen, erhörte das Flehen der guten Leute, kapitulierte noch denselben Morgen, und in zweimal vierundzwanzig Stunden mußte die Festung den Franzosen übergeben werden, welche der Stadt nun eine Kontribution von acht Millionen Franken auferlegten, wovon sechs Millionen bar und zwei Millionen in Lieferungen von Tuch und anderen Gegenständen binnen drei Wochen entrichtet werden mußten.

Diese Züchtigung hatte man hauptsächlich den Unbesonnenheiten, die sich ein Teil der Einwohner Frankfurts früher, und namentlich bei der Belagerung von 1792 hatte zuschulden kommen lassen, zu verdanken, denn so viel war erwiesen, daß man den belagernden Hessen und Preußen, mit denen man im Einverständnis gewesen, versprochen hatte, die Stadttore zu öffnen. Man mußte zufrieden sein, noch so gelinde davonzukommen, und die Einwohner konnten um so eher diesen Verlust verschmerzen, als sie trotz aller Kriegsunruhen und oft gerade durch den Krieg große Summen gewannen, und alles dankte Gott, eine so furchtbar drohende Belagerung glücklich überstanden zu haben.

Die Juden waren bei diesem Ereignis am schlimmsten weggekommen, aber was sie und mit ihnen die ganze Stadt augenblicklich für ein hartes Mißgeschick der Kinder Israel hielten, fiel bald zu ihrem großen Heil aus und war der Wendepunkt zu ihrer erträglicheren und besseren Zukunft. Man mußte ihnen nun gestatten, wenigstens den Abgebrannten, ihre stinkende, schmutzige Gasse zu verlassen, da das Niederbrennen eines großen Teils derselben es unmöglich machte, daß alle Juden in dem ihnen bestimmten Quartier wohnen konnten, und man war gezwungen, ihnen zu erlauben, sich einstweilen in anderen Stadtteilen ein Unterkommen zu suchen, was ihnen jedoch nicht so leicht wurde, da sich viele Christen weigerten, dies ‚unreine Geschmeiß‘, wie man sich ausdrückte, aufzunehmen. Auch waren mehrere Mitglieder des Senats und manche Bürger, welche durchaus wollten, daß die Unglücklichen in den unversehrt gebliebenen Häusern ihrer Glaubensgenossen einquartiert werden sollten, bis ihre eigenen Häuser wieder aufgebaut seien, und sie hätten diese Abscheulichkeit vielleicht durchgesetzt, wenn nicht der französische General erklärt hätte, daß er eine solche Unmenschlichkeit nimmermehr zugeben würde. Von dieser Zeit an wohnten die Juden in verschiedenen Quartieren der Stadt, und man mußte ihnen auch nach der Wiederaufbauung ihrer Gasse, womit man sich eben nicht übereilte, durch die Finger sehen.

Das damalige Frankfurt war ohnehin mit Ausnahme einer einzigen Straße, der Zeil, und einiger Plätze, wie Roßmarkt, Römerberg und Komödienplatz, eine finstere und sehr kotige Stadt, in welcher man mit jedem Schritt an die Ungereimtheiten des Mittelalters erinnert wurde. Fast alle Häuser hatten stockweise Überhänge, wodurch die ohnehin schon sehr engen Straßen in eine ewige Dämmerung gehüllt wurden, und Sonnenschein und reine Luft waren fast unbekannte Dinge. Die hohen bastionierten Wälle und Stadtmauern und die mit faulem und übelriechendem Wasser angefüllten Gräben, die sie umgaben, verhinderten das Eindringen der frischen Luft. Über Brücken und Zugbrücken, durch lange, düstere, von Feuchtigkeit triefende Torgewölbe gelangte man in die alte Festung, in die nie ein wohltätig reinigender Wind dringen konnte und in der Fieberkrankheiten das ganze Jahr heimisch waren; auch hatten die meisten Einwohner ein kränkliches Aussehen. Die meisten Häuser waren übrigens von außen mit den buntesten Freskogemälden verziert, die Begebenheiten und Wunder aus dem alten Testament oder auch Ansichten von Landschaften, Burgen, Städten und so weiter darstellten, so daß die ganze Stadt einer burlesken, mitunter auch recht unterhaltenden Gemäldegalerie glich.

Mit Sonnenuntergang wurden jeden Abend die Stadttore geschlossen und die Schlüssel zu einem der wohlregierenden Bürgermeister in Verwahrung gebracht, ohne deren großgünstige Bewilligung niemand mehr aus- und einpassieren durfte. Aber nicht allein die leblosen Gegenstände waren es, die an barbarische Zeiten erinnerten, sondern die Menschheit entehrende Züchtigungen, an Lebenden verübt, taten dies noch weit mehr. Das Halseisenstehen am Römer, dem Versammlungshaus des Magistrats, besonders von liederlichen Dirnen, war etwas Alltägliches, wobei die liebe Jugend ihr wahres Gaudium hatte; die aus aller Welt zusammengeworbenen Stadtsoldaten wurden vor der Hauptwache täglich geprügelt oder liefen Spießruten, mußten einen vor derselben stehenden hohen Esel besteigen und mehrere Stunden unter dem Hohn der Vorübergehenden und des Pöbels auf dessen scharfem Rücken reiten, und zwar wegen des geringsten Vergehens, wenn sie zum Beispiel vor einem Senator, den sie nicht erkannt, das Gewehr nicht präsentiert hatten! Das Ärgste war indessen, daß, wenn in dem Zuchthaus Verbrecher in den sogenannten spanischen Bock gespannt wurden, eine Art Zwangsstuhl, wodurch den Sträflingen Hals, Arme, Hände und Füße so eingezwängt wurden, daß jede Bewegung unmöglich war, und sie dann in dieser Lage eine schwere Tracht Prügel auf den Podex erhielten, jedesmal die armen Waisenkinder herbeigeholt wurden, um diese Exekution mit anzusehen!!!

Noch einige Zeit nach dem Bombardement blieben wir Kinder in dem großväterlichen Hause in der Buchgasse, wo wir uns wohl befanden, recht artige Nachbarskinder zu Gespielen hatten, und bald hatte ich ein kleines Liebhabertheater organisiert, wobei ein niedliches Mädchen, Evchen, die Tochter eines Faktors, die Hauptrolle spielte. Die Aufführungen selbst fanden auf dem Boden des gegenüberwohnenden Bankiers Wanzel statt, während ich die Privatproben zwischen Eva und mir in der stillen Puderkammer meiner Großmutter hielt. Stundenlang probierten wir die heimliche Zusammenkunft Ludwig des Springers mit Adelheide von Stade. Endlich mußten wir zu meinem großen Bedauern wieder in das elterliche Haus, in das Goldene Schiff zurückkehren, das indessen doch auch nicht ganz freudenleer war und mir bald der Freuden mancherlei bringen sollte. Einstweilen wurde ich der kleine Geliebte eines hübschen Nähmädchens, das mich in besondere Affektion und statt zu nähen gar zu gerne auf seinen Schoß nahm, mich herzte und drückte und dabei meine Hände unter seinem Busentuch wärmte, auch sonst allerlei mit mir vornahm. Die Abende brachte ich meistens allein und ohne alle Furcht in der Gespensterstube, die sehr abgelegen im zweiten Stock unseres Hauses war, mit ihr zu und war ein gelehriger Schüler unter Amors Fahne.

Indessen hieß es nun bald: genug gespielt, man nahm mich aus der Mädchenschule und gab mir einen Kandidaten Jung zum Hauslehrer. Lesen und etwas Schreiben hatte ich schon gelernt, nun aber wurde ich mit den Anfangsgründen der lateinischen Grammatik, der Arithmetik und andern sehr trockenen Studien geplagt, die mir wenig zusagten, dagegen sprachen mich Erdbeschreibung und Geschichte, die mir Jung erzählend beibrachte, weit mehr an, auch das Französische, das mich eine Dame lehrte, fiel mir nicht schwer. Vor allem aber war es die Musik, in der ich die meisten, für mein Alter selbst auffallenden Fortschritte machte und bald spielte ich alle beliebten Opernmelodien, Tänze und Märsche auf dem Klavier nach dem Gehör.

Eines Nachmittags, als ich mich gerade bei meinen Großeltern väterlicherseits, die dasselbe Haus mit uns bewohnten, befand, sagte mir meine Großmutter Fröhlich, einen Brief in der Hand haltend: „Freue dich, lieber Ferdinand, morgen kommen deine Cousinen von Kreuznach,“ und schilderte mir diese beiden älteren Töchter Scholzens, die ich nur als ganz kleines Kind gesehen und deren ich mich durchaus nicht mehr erinnerte, auf eine Art und Weise, die meine Neugierde und Erwartung aufs höchste steigerte. Namentlich war es Henriette, das ältere Mädchen, deren Liebenswürdigkeit und Schönheit sie mir nicht genug preisen konnte. „Sie werden die Messe über bei uns bleiben,“ setzte sie hinzu, „und vielleicht für immer, denn ich werde ihrem Vater raten, sie zu den englischen Fräulein in Pension zu schicken.“ Der von mir so sehnsüchtig erwartete andere Tag kam heran, mit ihm Oheim und Tante Scholze von Homburg, bald darauf fuhr ein zweiter Wagen vor, dem zwei junge Mädchen mit einer schon ältlichen Dame entstiegen, die gleich darauf in das Wohnzimmer traten, wo ein herzliches Bewillkommnen gar kein Ende nehmen wollte. Ich aber konnte mich nicht satt an der schönen schlanken Gestalt des elfjährigen Mädchens sehen, auf die ich meine Augen starr und unverwandt geheftet hatte. Henriette war für ihr Alter sehr groß und ausgebildet, verband mit einem zierlichen Nymphenwuchs eine im hohen Grad einnehmende Gesichtsbildung und hatte eine unaussprechliche Lieblichkeit in ihrem Blick, wodurch jedermann hingerissen und bezaubert wurde; und so war es auch mir, dem kaum achtjährigen Knaben, ergangen. Endlich rief die alte Frau Fröhlich, mein Staunen bemerkend, aus:

„Seht nur den Jungen an, der ist ja ganz wie versteinert in seine Cousine vergafft.“ Ich war in der Tat zur Statue geworden.

Henriette sprang nun auf mich zu, schloß mich in ihre Arme und küßte und drückte mich, daß mir beinahe schwindelte. Ich hatte mich fest an das reizende Mädchen geklammert und wollte sie gar nicht lassen, bis meine Mutter endlich sagte: „Aber nun ist’s genug, du verdirbst Jettchens ganzen Anzug.“

Vorerst wurde zu meiner großen Freude beschlossen, daß die Mädchen bei den Großeltern zum Besuch bleiben sollten, bis das weitere über sie bestimmt sein würde. Während der drei Wochen langen Messe wollten diesmal meine Studien überhaupt nicht viel bedeuten, denn ich flanierte mit den beiden Mädchen und meinem jüngeren Bruder fast täglich unter Jungs Aufsicht in der Budenstadt herum. So eine fröhliche Messe hatte ich noch nie erlebt, sie ist mir in ewigem Angedenken. Gleich darauf, es war die Septembermesse, kamen die Herbstfeierlichkeiten, wo es nicht minder lustig in den verschiedenen Gärten unserer Bekannten zuging, und so kam der Dezember und mit ihm der Nikolaustag, auch das uns Kindern über alles gehende Weihnachtsfest heran, das diesmal ungewöhnlich reich und überraschend ausfiel, da Scholzens eine überaus verschwenderische Bescherung veranstalteten. Meine Mutter erhielt unter anderm einen Zobelpelz von mehreren Tausend Gulden im Wert von ihrem reichen Schwager. Auch diese Zeit gab Veranlassung zu mancherlei extemporierten Freuden, und ich besuchte mit Jettchen an der Hand fast jeden Abend den erleuchteten und aufgeputzten Christmarkt mit seinen vielen kleinen Gärtchen. Doch sollten gleich nach Neujahr diese vergnügten Tage ein nicht sehr glänzendes Ende nehmen. Scholze hatte Gründe, nicht sehr zufrieden mit dem Benehmen seiner schönen Frau zu sein, und die ganze Familie fuhr eines Morgens ohne weiteres nach Homburg ab, das mir so teure Cousinchen mitnehmend. Die Kinder erhielten nun eine französische Gouvernante und andere Lehrer im elterlichen Hause. Diese Abreise ging mir ein paar Tage sehr nahe, um so mehr, da ich für den Umgang mit Henriette keinen Ersatz hatte.

Da wir indessen öfters nach Homburg zum Besuch fuhren, auch während des Sommers uns häufig auf dem Gut in Berkersheim sahen und daselbst recht romantisch ländliche Promenaden machten, uns auf dem Heuboden und den Wiesen herumtummelten, so dauerte das Einverständnis zwischen Henrietten und mir noch ungetrübt fort.

Eines Morgens, als wir noch behaglich beim Frühstück zusammensaßen, rollte plötzlich ein Wagen vor, und einen Augenblick darauf stürzte Tante Scholze mit verstörtem Antlitz und sehr nachlässiger Toilette, von einem Kammermädchen gefolgt, mit den Worten in die Stube: „Ich bin von meinem Mann, dem Wüterich, dem Tyrannen, fortgelaufen.“ Das ganze Haus geriet in Alarm, die Großeltern kamen herab, und Frau Scholze erzählte unter Tränen, daß sie ihr Mann mißhandelt habe, weil er sie mit einem französischen General in einem Gartenhaus gefunden, wo sie ganz zufällig und in aller Unschuld mit diesem zusammengetroffen und wo durchaus nichts Böses, sondern nur Gutes und Liebes vorgefallen sei, wie Annette, das mitgebrachte Kammermädchen, bezeugen könne. Ihre Mutter nahm sogleich ihre Partei gegen den Wüterich von Mann, der so etwas rügen könne, die übrigen waren jedoch stumm oder meinten, man müsse auch den Mann hören. Dieser kam eine Stunde später an, stieg in einem Gasthof ab und ließ seinen Schwiegervater bitten, sich zu ihm bemühen zu wollen; er teilte demselben mit, daß er seine schöne Frau en flagrant délit mit dem General de Rade ertappt habe, daß sie schon länger ein geheimes Verständnis mit diesem gehabt, der sogar zur Nachtzeit durch die Fenster ihres in den Garten gehenden Schlafzimmers gestiegen sei, wie es der Nachtwächter und mehrere Nachbarn gesehen und ihm berichtet hätten. Das Ende von der Geschichte war eine förmliche Scheidung. Madame Scholze gestand selbst ihre Zuneigung zu dem de Rade, und ihr großmütiger Mann bewilligte ihr ein Jahresgehalt von zwölfhundert Talern, so lange sie sich nicht wieder verheiraten würde.

Hier fällt mir eine Episode aus der Hochzeitsreise des Ehepaars Scholze ein, die, da sie den Geist jener Zeiten trefflich charakterisiert, erwähnt zu werden verdient.

Im Herzogtum Württemberg war wie in noch anderen Ländern des seligen deutschen Reichs die Verordnung, daß man vor jeder Schildwache ehrerbietigst den Hut abzuziehen habe, da sie den Souverän selbst repräsentiere, obgleich dieser Stellvertreter der allerhöchsten Person nicht selten, vom Posten abgelöst, wegen eines fehlenden Gamaschenknopfs Fünfundzwanzig oder gar Fünfzig, von zwei Gefreiten oder Korporalen aufgezählt, öffentlich erhielt. Einige Stunden nach ihrer Ankunft in der herzoglichen Residenz wollten sie die Merkwürdigkeiten derselben besehen und gingen an der Schloßwache vorüber, ohne der Schildwache daselbst den gehörigen Respekt zu erweisen. Kaum hatten sie ein paar Schritte weiter getan, als ihnen ein zornentglühtes, kupferrotes Fähnrichsgesicht nacheilte und mit einer fast heiseren Fuselstimme zurief: „Wollt ihr gleich still stehen, ihr Flegel! Wer seid ihr, wo seid ihr her, wißt ihr nicht, daß ihr die Schildwache salutieren sollt? Ich will euch lehren, die Deckel von den Dickköpfen herunterzunehmen, ich werd’ euch arretieren, die Schildwache, die statt dem Herzog hier steht, hätte euch die Kolben in die Rippen stoßen sollen. – Gefreiter, löst gleich den Esel ab und stellt einen andern für den Herzog hin, der Kerl muß fünfzig auf den A... haben.“ Und so ging das Gebrüll des Fähnrichs noch eine halbe Stunde fort, während sein langer Zopf den Takt dazu an seinem breiten Rücken schlug, was sich recht possierlich ausnahm. Bald hatte sich eine Menge Leute um die Wache versammelt, und Scholze und seine arme Frau befanden sich in der peinlichsten Lage, ja letztere war einer Ohnmacht nahe. Vergeblich bemühte sich mein Vater, der das Paar begleitete, dem furchtbaren Stock- und Zopfhelden begreiflich zu machen, daß sie als Fremde und Reichsstädter, wo man dergleichen nicht kenne, von dieser Verordnung nicht unterrichtet sein könnten und folglich in aller Unschuld gesündigt hätten. Der Fähnrich aber schrie und tobte nur um so ärger, er wollte von der Gelegenheit profitieren, seine Autorität einmal zeigen zu können, und als sich einige Umstehende der Fremden annahmen und sie entschuldigten, befahl er dem Korporal, ‚das Gesindel‘ mit Kolbenstößen auseinander zu treiben, was dieser auch sogleich vollzog.

Scholze eilte nun mit seiner zitternden Gattin und seinem Schwager nach dem Gasthof zurück und teilte dem Wirt den Vorfall und zugleich die Erklärung mit, daß er noch heute, sobald sich seine Frau etwas erholt haben würde, weiterreisen und von den Stuttgarter Herrlichkeiten nichts mehr sehen wolle, womit dem ehrlichen Gastgeber jedoch nicht gedient war. Die Reisenden, die mit Extrapost vierspännig angekommen waren und erklärt hatten, einige Tage in der herzoglichen Residenz verweilen zu wollen, hatten ihm eine gute Zeche versprochen, und er bot alle seine Beredtsamkeit auf, sie anderen Sinnes zu machen. Mein Vater hatte sich indessen nach dem Namen des wachthabenden Fähnrichs erkundigt und erfahren, daß sich derselbe Kreischhuhn nenne und ein durch seine Rohheit, aufgeblasene Plumpheit und krasse Unwissenheit berüchtigtes Subjekt sei, das er sich nun zu züchtigen vornahm.

Die Reisenden fuhren indessen noch denselben Abend nach Ulm ab zum großen Verdruß des Wirtes, der verdrießlich seinen Abendgästen diese Begebenheit mitteilte, so daß die Sache sogar zu den allerhöchsten Ohren des Herzogs kam und Kreischhuhn einen Verweis erhielt. Nicht so gelinde aber kam das Bürschchen von seiten der Beleidigten weg. Scholze wollte zwar die Geschichte auf sich beruhen lassen und meinte, mein Vater solle es dabei bewenden lassen; dieser jedoch, einundzwanzig Jahre alt, im vollen Jugendfeuer, war nicht so friedlich gesinnt und schrieb ohne Wissen seines Schwagers einen derben Brief an den Fähnrich Kreischhuhn, in dem er es an Beleidigungen nicht fehlen ließ und der mit einer förmlichen Herausforderung schloß. Die Antwort lautete ganz trocken: ‚Da Herr Fröhlich nicht von Adel sei, so könne man sich auch nicht mit ihm schlagen.‘ Diese dumme Feigheit brachte meinen Vater noch mehr auf, der den ganzen Hergang der Sache an einer öffentlichen Wirtstafel in Ulm erzählte und an den Herzog selbst schreiben wollte. Zufälligerweise befand sich ein französischer Rittmeister, ein geborner Elsässer, bei Tische, den die Sache so empörte und den vielleicht auch die schöne Frau, der man so arg mitgespielt hatte, interessierte, daß er nach beendigtem Mahl zu Scholze ging und zu diesem sagte, er wolle ihm, bevor zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen, eklatante Satisfaktion verschaffen. Scholze wollte durchaus nichts davon hören, sein Schwager und seine Frau unterstützten jedoch die Absichten des Rittmeisters, und nach einigem Hin- und Herreden kam man überein, daß mein Vater in Begleitung dieses Offiziers nach Stuttgart zurückfahren und Scholze deren Rückkehr in Ulm abwarten solle. In Stuttgart suchte der französische Rittmeister, ein Graf Caguenek, den Fähnrich auf der Wachtparade auf, nahm ihn auf die Seite, teilte ihm seinen Namen und Stand sowie die Absicht seines Hierseins mit und lud ihn ein, nach der Parade sogleich einen Gang mit ihm zu machen, um ein paar Kugeln zu wechseln. Held Kreischhuhn wurde bleich, stammelte etwas von Dienstpflicht, worauf der Rittmeister jedoch nicht hörte und ihm ziemlich laut und vernehmbar sagte: „In einer Viertelstunde erwarte ich Sie unfehlbar in dem Bopserwäldchen, verfehlen Sie nicht, sich mit einem Sekundanten einzufinden, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie öffentlich beschimpfen und also dienstunfähig machen soll.“ Kreischhuhn fand sich, jedoch ohne Sekundanten, mit etwas unsicheren Tritten und verstörter Miene wirklich auf dem bezeichneten Platz ein, nur mit seinem Degen bewaffnet, der jedoch noch kein Blut gesehen, sondern nur auf den Rücken armer Soldaten herumgetanzt hatte. Er traf den Rittmeister schon in Gesellschaft meines Vaters nebst einem Wundarzt an. „Wie, Herr Fähnrich, ohne Sekundant?“ rief ihm der erstere entgegen. – „Die Eile hat mich verhindert,“ stotterte der zitternde Held. – „Ohne Sekundant können Sie sich doch nicht schlagen – Sie dauern mich – ich merke wohl, daß Sie ebenso wenig ein Freund von Taten sind, als ich von viel Worten. Hier mein Ultimatum: Bereuen Sie Ihr Benehmen, so geben Sie mir deshalb eine schriftliche Erklärung, in welcher Sie die schwer beleidigten hochachtbaren Personen um Vergebung bitten, wo nicht, so müssen Sie sich mit mir schlagen.“ – Der Fähnrich stammelte nun, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen, die respektabeln Fremden im mindesten zu beleidigen, strenge Order und Mißverständnis hätten diese Unannehmlichkeit veranlaßt, und zeigte sich bereit, die geforderte Erklärung zu geben, die er auch sofort in den demütigsten Ausdrücken, wie sie ihm der Rittmeister diktierte, nieder- und unterschrieb und dabei die ihm eigene Orthographie beobachtete. Man trennte sich nun friedlich, mein Vater und der Rittmeister eilten nach Ulm zurück, wo Scholze und seine Frau ängstlich ihrer harrten und nach Berichterstattung dessen, was vorgefallen, sowie über die schriftliche Erklärung herzlich lachten.

Nachdem Frau Scholze geschieden, lebte sie mit dem General de Rade, der die Ursache der Scheidung war und jetzt einen Gesandtschaftsposten in Hessen-Kassel bekleidete. Unglücklicherweise war der Gesandte verheiratet, und seine rechtmäßige Gattin hielt sich zu Paris auf. Da sie eine kränkliche Frau war, so hatte er seiner Geliebten versprochen, da er nicht geschieden werden konnte, sie gleich nach dem Tode jener zu ehelichen. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, der General starb nach ein paar Jahren, vor seiner Gemahlin, Frau Scholze kehrte nach Frankfurt zurück, wo sie bald darauf einen der berühmtesten Advokaten der Stadt, einen Doktor Feierlein, der ihren Scheidungsprozeß geführt hatte, heiratete.

Mein Hauslehrer Jung hatte durch die Verwendung meines Großvaters Weller eine Pfarrei im Hessischen erhalten, und man schickte mich nun in das damals in Frankfurt blühende Kemmetrische Institut zur weiteren Ausbildung meiner Kenntnisse, die eben noch nicht weit her waren. Aber bald fand man, daß dieses für meine Anlagen von gar mancherlei Art nicht genüge, und auf Anraten meines Oheims Scholze kam man überein, mich zu einem jungen Geistlichen namens Breidenstein, der soeben ein vielversprechendes Erziehungsinstitut in Homburg vor der Höhe errichtete und dem Scholze sehr wohl wollte, in Pension zu geben. – Als mir dies eröffnet wurde, war ich hoch erfreut, denn Cousinchen Henriette war ja zu Homburg, ich hoffte sie täglich zu sehen und sprang wie besessen herum, einmal über das anderemal ausrufend: „Ach, das ist schön, das ist charmant!“ –

VI.
Das Institut zu Homburg vor der Höhe. – Die Flegeljahre. – Homburg und seine Umgebungen. – Der Hof. – Eine Schweinsjagd im Schloßgarten und eine Schildwache im Teich. – Eine kaiserliche Stecknadel.

Als der zur Abreise bestimmte Tag herangekommen war, holte mich mein neuer Lehrer selbst ab; ich folgte ihm willig und gern und verließ das väterliche Haus, in dem ich doch so manche Kinderfreuden genossen, ohne großes Leidwesen, denn Homburg hatte einen Magnet, dessen Anziehungskraft mich alles andere vergessen machte. Pfarrer Breidenstein war ein noch ganz junger und lebhafter Mann, der, noch unverheiratet, bei einem alten Schullehrer wohnte, dessen Frau die Wartung der Zöglinge übernehmen sollte. Als ich zu ihm kam, war ich der erste, der bei ihm wohnte, die übrigen, sieben bis acht an der Zahl, waren Kinder aus Homburger Familien, die nur am Tage teil an dem Unterricht nahmen.

Außer meinem Oheim Scholze, den ich noch den Abend nach meiner Ankunft besuchte, hatte ich noch einen Großoheim zu Homburg, der lutherischer Oberpfarrer daselbst war. Meine Eltern hatten lange geschwankt, ob sie mich nicht diesem braven Mann anvertrauen sollten, doch war man in der Familie dagegen, indem man denselben als zu ernst und zu streng für die Erziehung eines so lebhaften Knaben wie ich schilderte, und entschied sich für Breidenstein, obgleich derselbe der reformierten Religion zugetan, während unsere ganze Familie lutherisch war, weshalb manche unserer Basen einen Anstand nahmen und dies für eine gottlose und sündhafte Handlung hielten. Die beiden Konfessionen standen sich damals, besonders in Frankfurt, noch fast feindlich gegenüber. Ein Reformierter konnte ebenso wenig wie ein Katholik oder ein Jude in den Senat gelangen oder ein Amt zu Frankfurt bekleiden, und die Reformierten mußten in dem hessischen Ort Bockenheim ihren Gottesdienst halten. Später erlaubte man ihnen Bethäuser, aber ohne Türme, in Frankfurt. Bei diesem Lehrer nun hatte ich mich fast unbegrenzter Freiheit zu erfreuen und war außerhalb der Unterrichtsstunden so ziemlich ohne alle Aufsicht, denn des Schulmeisters Frau, die eine solche über mich üben sollte, achtete ich nicht, und sie traute sich auch nicht, mir etwas zu wehren. Ich benutzte nun diese Freiheit in vollem Maß und zum großen Verdruß meines Oheims, des Oberpfarrers, dem ich auf allen seinen Wegen begegnete, der sich aber jedes Verweises enthielt, damit es nicht scheinen möge, als fände er sich zurückgesetzt, daß man mich lieber einem Fremden als ihm anvertraut habe. Obgleich Breidenstein ein Lebemann war, so hoffte man doch, er würde meine überschäumende Lebhaftigkeit und frühzeitige Entwicklung wohl zu zügeln wissen; dies war aber nicht der Fall, und ich lernte bei ihm, was ich eben lernen wollte. Wie wir gesehen, hatten sich bei mir allerlei Eigenschaften und Talenten besonderer Art weit früher entwickelt, als dies bei anderen Menschenkindern gewöhnlich der Fall ist, und so traten denn auch die sogenannten Flegeljahre viel früher als bei anderen Jungen bei mir ein.

Es war im Frühjahr, als meine Versetzung nach Homburg stattfand, die Wiesen prangten mit den buntesten Blumenteppichen, auf den Feldern schossen alle Pflanzen auf das üppigste empor, Bäume und Wälder waren mit dem frischesten Grün bedeckt, und mir war es vergönnt, jeden Abend an Jettchens Hand durch Fluren, Auen und Wälder zu wandeln. Das Scholzesche Haus war meine zweite Heimat, ja ich war fast mehr in diesem als bei Breidenstein. Jeden Abend aß ich da zu Nacht, und an Sonn- und Feiertagen war ich ohnehin ein für allemal auf den ganzen Tag geladen.

Die französische Gouvernante hatte fast zu gleicher Zeit mit ihrer Herrin das Haus verlassen müssen, man hatte sie im Verdacht des Einverständnisses mit den Intrigen ihrer Gebieterin. Eine gewisse Frau Bönig hatte ihre Stelle vertreten und stand der Erziehung der vier Mädchen vor; sie war schon in etwas gesetzteren Jahren, mehrere dreißig, und hatte sich bei Herrn Scholze fest einzunisten gewußt, wurde aber von den Kindern und dem Gesinde nicht mit Unrecht gehaßt.

Bald hatte ich alle Schönheiten, es hat deren wirklich nicht gewöhnliche, und Merkwürdigkeiten Homburgs kennen gelernt, denn ich hatte ja einen gar lieben Führer. Die Lage dieser Stadt ist in der Tat wunderlieblich, und mit vollem Recht sagt der Dichter:

Wie lächelt mir so freundlich und so mild,

Wenn ich hinunter in den Osten sehe,

Mit weißem Turm und lieblichem Gefild

Das Badeörtchen Homburg vor der Höhe.[6]

Die Stadt, die damals ungefähr dreitausend Einwohner zählte, liegt am Fuß des Taunus, drei kleine Stunden von Frankfurt, und ist die Residenz des Landgrafen von Homburg, der hier ein geräumiges Schloß hat. Die Einwohner waren gewerbsame, fleißige, brave und sehr genügsame Leute, die bei aller Dürftigkeit doch eine glückliche Zufriedenheit besaßen und ihrem Landesfürsten, dem damaligen Landgrafen Friedrich V., einem Ehrenmann im vollen Sinne des Worts und trefflichem Fürsten, mit unbegrenzter Liebe und Hochachtung ergeben waren. Die Umgebungen Homburgs sind pittoresk und reizend, namentlich die herrlichen Waldpartien. Der Schloßgarten, halb im altfranzösischen, halb im englischen Geschmack angelegt, die Anlagen jenseits des großen Teiches in demselben, der große und kleine Tannenwald, die hohe Pappelallee, die zu beiden führt, und so weiter bieten die herrlichsten Spaziergänge ganz in der Nähe. Namentlich war der kaum eine Viertelstunde von der Stadt entfernte kleine Tannenwald, ein Park mit mannigfaltigen Anlagen, ein reizender Aufenthalt, in dem sich äußerst geschmackvolle Anlagen mit japanesischen Häusern, Grotten, dunklen Bogengängen und so weiter befanden, nebst einem großen Teich, in dessen Mitte eine kleine Roseninsel lag, aus deren Gebüsch eine Tempelkolonnade malerisch hervorragte. Diese stille, von der ganzen übrigen Welt abgeschieden scheinende Insel machte, als ich sie zum erstenmal betrat, einen unbeschreiblichen Eindruck auf mein junges, wenn auch nicht mehr sehr unschuldiges Gemüt; eine Brücke führte auf dieselbe zu der von einer Kolonnade umgebenen Rotunde; es war schon in der Abenddämmerung, als ich an Jettchens Hand diesen Ort betrat. Die tiefe feierliche Stille, die hier herrschte, nur von dem Gezwitscher einiger Vögel unterbrochen, erfüllte mich mit einem namenlosen, fast heiligen Schauer, noch nie gehabte Empfindungen bemächtigten sich meines sonst eben nicht zur Schwärmerei geneigten Gemütes, und ich glaubte mich in eines jener Feengefilde versetzt, die man mir in lieblichen Märchen so oft geschildert hatte. Lange hielt ich fast atemlos meine liebliche Führerin umschlungen, und nur die sich durch Geschrei verkündende Ankunft ihrer Schwestern weckte uns aus dem seligen Vergessen unserer selbst. Indessen sollten diese Insel und der kleine Tannenwald mit seinen Grotten, Lauben und so weiter noch gar manchmal Zeugen unserer eben nicht mehr ganz kindischen Liebe sein.

Friedrich V., der an der Regierung war, als ich in die Pension nach Homburg kam, war, wie ich schon erwähnt, von seinen Untertanen angebetet und wie ein Vater geliebt, es war ein wahrhaft patriarchalisches Verhältnis zwischen ihm und seinem Volke, und er förderte, so sehr es nur immer die Umstände gestatteten, das Wohl seines Landes. Achtzehn Jahre alt, hatte er die Regierung angetreten und im einundzwanzigsten sich mit einer Tochter Ludwigs IX., Landgrafen von Hessen-Darmstadt, vermählt, einer liebenswürdigen und sehr geistreichen, aber stolzen Prinzessin, die jedoch ihre großen Schwächen hatte und den kleinen Hof auf einen sehr großen Fuß eingerichtet haben wollte. Da gab es alle möglichen Hofchargen, ein Geheimer Rat von Saint-Clair war dirigierender Minister, da gab es einen Oberhofmarschall von Kickebusch, einen Oberstallmeister von Reizenstein, einen Oberforstmeister von Brandenstein; ein französischer Abbé, Herr de Roque, war Oberhofmeister der Prinzen, ein paar alte Hofdamen, von denen die eine schief, die andere buckelig, von Donop und von Ziegler, waren die Schönheiten am Hof. Ein Hauptmann von B... war so eine Art von Oberküchenmeister und zugleich Generalissimus der Homburger Armee, die aus ungefähr siebzig Invaliden bestand, von denen der jüngste hoch in den Fünfzigern war und die der Hoffurier kommandierte und exerzierte, fast alle waren mit Brüchen oder anderen Leibschäden behaftet, zwanzig davon trugen Bärenmützen und stellten Grenadiere vor, die anderen fünfzig waren Musketiere, sie trugen noch eine Uniform wie zur Zeit des siebenjährigen Kriegs. Alle die Regierungs- und Hofchargen wohnten weit ärmlicher als ein Frankfurter Handwerksmann und waren noch viel schlechter bezahlt als der Kommis eines gewöhnlichen Kaufmanns; aber alle diese Chargen sowie die Geistlichen hatten die Ehre, häufig und besonders Sonntags zur landgräflichen Tafel gezogen zu werden.

Da ich alles schnell auffaßte und begriff, ja fast leidenschaftlich betrieb, nur zum Zeichnen fehlte es mir an der nötigen Geduld, so ließ mir Breidenstein weit mehr Freiheit als den übrigen Zöglingen.

Fast alle meine Mußestunden, und ich hatte deren ziemlich viele, brachte ich bei Scholzens zu, die zu jener Zeit auch die einzigen waren, die in Homburg ein Haus machten, und obgleich es nach der Scheidung meiner Tante und unter der repräsentierenden Frau Bönig bei weitem nicht mehr den früheren Glanz hatte, so fanden sich doch alle Honoratioren durch eine Einladung in dasselbe geehrt und freuten sich auf die Leckerbissen, die da gespendet wurden und eine Abwechslung in ihre gewöhnlich sehr magere Hausmannskost brachten.

Leider gab es in dem Scholzeschen Hause einen komisch-unangenehmen Auftritt, in den ich mit verwickelt oder vielmehr zu dem ich die mittelbare Veranlassung war. Seit kurzem hatte sich unser Institut durch zwei junge Engländer, Atkinson und Edwards, vermehrt, von denen der erste siebzehn und der andere achtzehn Jahre alt war; sie sollten die deutsche Sprache erlernen. Diese beiden jungen Leute hatten sich in zwei von meinen Cousinen verliebt, die sie aber nur selten sahen und noch weniger sprechen konnten, da diese kein Englisch und jene noch zu wenig Deutsch verstanden, einstweilen aber suchten sie sich durch allerlei Geschenke bei den Mädchen zu insinuieren und erzeigten mir die Ehre, mich zum Überbringer derselben und so zu ihrem Postillon d’amour zu machen. Die beiden jungen Leute waren immer reichlich mit Taschengeldern versehen, und bald waren es seidene Strümpfe mit roten Zwickeln, die sie dutzendweise kauften, ostindische Foulards, Spitzen, kostbare Bänder und dergleichen, welche ich den Mädchen in ihrem Namen brachte, wozu ich mich in aller Unschuld um so lieber hergab, da diese Engländer auch gegen mich sehr freigebig waren und mir namentlich auf den Homburger Jahrmärkten alle möglichen Spielereien kauften. Ich teilte nun diese Sachen nach Gutdünken heimlich an meine vier Cousinen aus, wobei ich natürlich Jettchen immer am besten bedachte. Die jungen Gänschen nahmen alles, jedoch mit Zittern und Zagen an, denn sie fürchteten, daß Madame Bönig oder ihr Vater dahinter kommen könnten, und versteckten die Geschenke, die manchmal auch mit kleinen englischen Gedichten und Briefchen mit Goldschnitt begleitet waren, in die Strohsäcke ihrer Betten, wo sie sie am sichersten vor den Argusaugen der Gouvernante verwahrt glaubten, denn ihre Kommoden und Schränke wurden von Zeit zu Zeit von derselben inspiziert und visitiert. Schon waren sie im Besitz einer ziemlichen Quantität solcher Schätze, als Frau Bönig eines Tages zufällig beim Bettmachen ein Paar Handschuhe aus einem Strohsack fallen sah, die das Bettmädchen, die in dem Geheimnis war und so wie alles Gesinde die despotische Gouvernante verabscheute, schnell wieder hineinstopfen wollte; aber zu spät, die Dame fiel über den Strohsack her und fand den ganzen darin verborgenen Plunder. Zornentglüht rief sie nun Vater Scholze, welcher sich nicht weniger über den unvermuteten Fund wunderte; man untersuchte nun auch die drei andern Strohsäcke und fand sie mit gleicher Ware angefüllt. Auf der Stelle ward ein peinliches Verhör und strenge Untersuchung angestellt, die erschrockenen Mädchen bekannten und gestanden, daß ich der Überbringer dieser Dinge gewesen. Man ließ mich sogleich holen, und als ich in das Schlafzimmer meiner Cousinen trat und die schönen Sachen, wie in einem Laden, alle auf den Betten ausgebreitet sah, erschrak ich nicht wenig und erblaßte. Frau Bönig schnauzte mich an, mein Oheim zankte, und ich begriff wohl, daß hier kein Leugnen mehr helfen würde, und sagte ebenfalls mein pater peccavi. Man packte nun alle diese schönen Dinge zusammen, es gab einen ziemlich dicken Pack, und schickte sie durch einen Bedienten mit mir zu Breidenstein, wo mich ein neues Donnerwetter erwartete und mir verkündet wurde, daß, wenn ich mich noch einmal unterfinge, der Überbringer solcher Geschenke zu sein, ich das Haus meines Oheims nicht wieder betreten dürfe.

Mein Verhältnis mit Cousine Henriette fing seit einiger Zeit an, in gewisser Hinsicht ernstlicher, wenigstens unserem Aussehen nachteiliger zu werden; wir waren beide um ein paar Jahre älter geworden, und eine auffallende Blässe, hohle Augen, blaue Ringe um dieselben verrieten, daß mir wenigstens etwas fehlen müsse. Hofrat M... behauptete, ich habe Würmer, und verschrieb mir Wurmkuchen aus seiner Apotheke, denn er war Doktor und Apotheker in einer Person; ich nahm sie jedoch nicht, sondern fütterte seine Hühner und Gänse damit. Da nun seine Wurmkuchen nicht halfen und nicht helfen konnten, so sagte er zu Breidenstein, es sei nicht anders möglich, als ich müsse der Onanie ergeben sein, und empfahl diesem, zu suchen, doch ja hinter die Sache zu kommen. Mit einem Sohn des Schullehrers Köhnlein, der noch fort das Institut besuchte, stand ich auf einem intimeren Fuß als mit den anderen Zöglingen. Dieser Junge, der sich Konrad nannte, war so halb und halb in mein Verhältnis mit Henrietten eingeweiht und wußte, daß ich bei den Spielen im Schloßgarten mich häufig mit dem Mädchen in eine dunkle Laube versteckte, in der er uns einmal zufällig überraschte, als wir uns gerade recht innig küßten. Hierdurch sah ich mich genötigt, uns zu entschuldigen, ihn bis zu einem gewissen Punkt in unsere Verhältnisse einzuweihen, und empfahl ihm dabei die größte Verschwiegenheit. Als nun Breidenstein in der Absicht, durch die übrigen Kinder irgend etwas zu entdecken, was M...s Vermutung zur Gewißheit machen könnte, diese ausforschte, so teilte der junge Köhnlein seinem schon erwachsenen Halbbruder Georg, der unser Schreiblehrer war, mit, was er gesehen, und zwar mehr, als er wußte, denn er machte zur Gewißheit, was er nur vermuten konnte. Kaum hatte Breidenstein diese saubere Entdeckung gemacht, so eilte er zu meinem Oheim, diesen von allem zu unterrichtet. Das war nun Wasser auf die Mühle der Madame Bönig, mit der ich ein paar Tage zuvor einen Strauß wegen Henrietten gehabt. Henriette wurde sogleich vorgenommen, leugnete jedoch anfänglich hartnäckig, gestand aber, als man ihr sehr zusetzte, endlich einen kleinen Teil der Wahrheit ein, womit man sich begnügte und für gut fand, nicht weiter zu forschen, um uns nicht auf Dinge aufmerksam zu machen, von denen man hoffte, daß wir noch keine Kenntnis hätten. Ich aber leugnete standhaft alles, und Breidenstein fand für gut, nicht weiter in mich zu dringen; die Sache hatte indessen zur Folge, daß mir der Besuch des Scholzeschen Hauses bis auf weiteres verboten wurde. Unterdessen ward Breidenstein glücklicherweise der Aufenthalt in dem M...schen Hause bald ebenso sehr wie mir zuwider; als eines Tages der ziemlich beleibte Hofrat gerade vor seiner Haustür auf den Allerwertesten, es war Glatteis, am hellen Mittag hingefallen war und ich sowie die anderen Kinder, selbst seine eigenen, aus voller Kehle lachten, als es dem guten Mann, der wie gewöhnlich zuviel geladen hatte, trotz aller Anstrengung nicht möglich war, wieder auf die Beine zu kommen, bis ihm sein Provisor aus der Apotheke zu Hilfe sprang, geriet er darob in einen gewaltigen Zorn, und da er es nun einmal auf mich gepackt hatte, verlangte er von Breidenstein, daß er mich, weil ich ihn ausgelacht, in seiner Gegenwart tüchtig mit einem Farrenschwanz, den er selbst gebracht, abstrafen solle, was aber Breidenstein verweigerte; und nach einem kleinen Wortwechsel kam es zu einer Aufkündigung der Wohnung, worüber ich seelenvergnügt war. Dennoch ließ M... seine Knaben Breidensteins Institut fortbesuchen. Wir bezogen nun ein ganzes Haus am Ende der Neugasse, wobei sich ein hübscher Garten und gegenüber ein großes herrschaftliches Baumstück mit einer geräumigen Scheune befand, wo wir bei gutem und schlechtem Wetter den Tummelplatz unserer Spiele aufschlugen.

Breidensteins Institut war in Homburg berühmt und gefürchtet, denn die Zöglinge desselben verübten alle möglichen Teufelsstreiche, aber ein paar derselben übertrafen alle anderen und verdienen wohl, erzählt zu werden. Eines Tages kam das ganze Institut von einem Spaziergang, von seinem Oberhirten geführt, zurück und begegnete ganz in der Nähe des landgräflichen Schloßgartens einer ebenfalls heimkehrenden Herde zahmer Schweine, die auch ihren Hirten an der Spitze oder vielmehr an der Queue hatten. Kaum hatten die beiden uns schon bekannten Engländer Satans dereinstige Hüllen erblickt, als sie mit einem lauten Hallo und Hussa das ganze Institut in Alarm brachten und zu einer wilden Jagd auf die zahmen Schweine anfeuerten, wozu es eben keiner großen Aufmunterung bedurfte; in weniger als zwei Minuten waren die zweibeinigen Tiere sämtlich hinter den vierbeinigen drein, die auf nichts mehr, selbst auf das Gebell des Schweinshirten-Adjutanten, eines gewaltigen Bullenbeißers, nicht mehr achteten, sondern pêle-mêle mit den geängstigten Sauen durch das offene Tor des Schloßgartens stürmten, welches die daselbst postierte Schildwache zwar verhüten und das Eindringen des wilden Haufens verweigern wollte, dabei aber so unglücklich war, von einem der größten und fettesten Schweine umgerannt zu werden, so daß das ganze wilde Heer über des Unglücklichen Körper wegsetzte, der indessen mit dem bloßen Schreck davonkam, da sämtliche Jäger zu Fuß und von leichtem Gewicht waren, er also nicht zu befürchten hatte, von Rosseshufen zerstampft zu werden. Die Jagd hatte sich unterdessen im ganzen Schloßgarten verbreitet, die schrecklichsten Verwüstungen angerichtet und einen Lärm gleich dem wilden Heer im Freischütz gemacht; der Kommandant der Schloßwache sandte nun auf Ersuchen des Hoffuriers zwei Mann starke Patrouillen nach allen Richtungen, um die Urheber des Skandals zu fahnden. Man war auch so glücklich, einen der beiden Engländer und noch ein paar andere der ungezogenen Zöglinge zu fangen und brachte sie in die Schloßwache, wo man sie à vue bewachte. Auf des Hofmarschalls Befehl mußte der Hofgärtner sogleich einen Bericht über den Schaden aufsetzen, welchen diese extemporierte Schweinsjagd in dem herrschaftlichen Garten verursacht hatte. Aus diesem ersah man erst, welche ungeheuren Verwüstungen dies Treibjagen angerichtet hatte. Da war keine Rabatte, keine Hecke, kein Gebüsch, kaum ein Baum, der nicht beschädigt worden wäre, alle Blumen waren zerknickt, alle Blumentöpfe umgeworfen und zerbrochen, ja sogar durch das Treibhaus und die Orangerie war das wilde Heer gezogen und hatte da die schrecklichsten Spuren seiner Zerstörungswut hinterlassen. Die meisten Fenster waren zertrümmert, die Kübel umgeworfen, und Pisangbaum, Zuckerrohr, Kaffeebaum und so weiter waren gleich Strohhalmen zerknickt, und alle Ananas hatten entweder die Schweine oder die Zöglinge gefressen. Der Verlust war unersetzlich und in Jahren nicht wieder gut zu machen. Es war demnach kein Wunder, daß das Hofmarschallamt die Sache streng untersucht und bestraft wissen wollte und die eingefangenen Arrestanten nicht nur auszuliefern sich weigerte, wie Breidenstein verlangte, sondern auch noch den anderen Engländer und einige der anderen Zöglinge, unter denen auch ich war, auf die Wache zu setzen begehrte. Man mußte ihm willfahren. Wir waren nun sieben, welche die Schloßwache in Verwahrung hatte, und sannen darauf, wie wir durch List unsere Selbstbefreiung erwirken könnten. Wir konversierten dieserhalb in französischer Sprache, von der unsere Wächter kein Wörtchen verstanden, sondern sie hielten es für Latein und uns für sehr gelehrt. Bald waren wir einverstanden, daß wir die ganze Wache betrunken machen müßten. Die Engländer ließen, als es Abend wurde, durch den Tambour ein paar Dutzend Flaschen Wein und mehrere Krüge Branntwein holen und luden die Soldaten zum Mittrinken ein, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, sondern so fleißig zusprachen, daß sie bald alle samt dem Korporal-Wachtkommandanten nicht mehr gerade auf den Füßen stehen konnten und, als es Nacht wurde und die drei Schloßschildwachen abgelöst werden sollten, der Gefreite mit seinen drei Mann kaum mehr die Posten zu erreichen vermochte. Bald lag das ganze Wachtpersonal samt seinem Kommandanten in Morpheus Armen auf den Pritschen, ein greuliches Schnarchkonzert aufführend. Wir hätten uns jetzt ganz gemächlich und unbemerkt entfernen können, aber sich so ruhig auf echt spießbürgerliche Philisterart und ohne allen Spuk davonzuschleichen, wie die Mehrzahl von uns Lust hatte, das paßte weder in meinen noch in der Engländer Kram, sondern wir wünschten die ganze Begebenheit durch einen recht eklatanten Geniestreich zu krönen. Um uns zu überzeugen, ob auch alle gehörig schliefen, zerschlugen wir zuerst mehrere Flaschen und Krüge mit großem Getöse, aber es rührte sich auch nicht eine Seele von den Eingeschlafenen. Wir verließen nun in aller Stille die Wachtstube, fanden, wie wir erwartet hatten, die Schildwache am Schloßtor fest in ihrem Schilderhaus schlafend, und legten dies ganz sachte samt seinem Inhalte um. Mit der zweiten Schildwache, die an dem Tor postiert war, das zu dem Teil des Schlosses führte, den das fürstliche Ehepaar bewohnte, machten wir es ebenso; aber bei der dritten, die an dem Gartentor stand, das in die Neugasse führte, waren wir damit nicht zufrieden, denn dieser Soldat hatte uns bei der Verhaftung am meisten mitgespielt und verdiente deshalb auch eine besondere Gratifikation. Nachdem wir ihn samt dem Schilderhaus ebenfalls recht sanft umgelegt hatten, trugen wir beide nicht ohne gewaltige Kraftanstrengung an den großen Teich und stellten das Häuschen einige Schritte weit in demselben wieder aufrecht, so daß die Fluten des Wassers dem unverdrossenen Schläfer die Waden umspülten. Nach diesem glücklich vollbrachten Streifzug kehrten wir mit schlammigen Füßen, wie Brunnenfeger aussehend, noch einmal in die Wachtstube zurück, schnitten der ganzen Garde in Ermangelung eines anderen Instruments mit dem ziemlich stumpfen Säbel des Korporals sämtliche Zöpfe ab, wobei wir die Köpfe allerlei komische Bewegungen machen lassen mußten, die aber nichtsdestoweniger die Augen festgeschlossen behielten, und verließen sodann unsere bisherige Residenz, die erbeuteten Trophäen mitnehmend, kletterten über das Hoftor in die Wohnung unseres Instituts, wo man uns den kommenden Morgen, als die Sonne schon hoch am Horizont stand, noch in den Federn fand. Aus der über diesen die ganze Stadt in Aufruhr bringenden Vorfall angestellten Untersuchung ging hervor, daß gegen Morgen einer nach dem anderen der berauschten Krieger aus dem Schlummer erwachte, und als sie mit großem Erstaunen unser Verschwinden gewahrten, sich gegenseitig perplex anstierten. Der Gefreite hörte zu seinem Schrecken drei Uhr nach Mitternacht schlagen, hatte also die Schildwachen nicht zur rechten Zeit abgelöst, die schon mehrere Stunden über ihre bestimmte Zeit gestanden, sie wurden nur alle vier Stunden sowie die ganze Wache nur alle drei Tage abgelöst, und eilte, die Mannschaft, an der jetzt die Reihe zum Ablösen war, völlig wach zu rütteln. Aber welche Feder vermöchte es, die Perplexität dieser Helden zu beschreiben, als sie inne wurden, daß sie ihrer größten Zierden, ihrer ellenlangen Zöpfe beraubt waren! Alle brachen in ein lautes Heulen und Wehklagen aus, das sich in eine stumme Verzweiflung auflöste, wobei sie sich mit den geballten Fäusten so gewaltig auf die Stirne schlugen, daß es furchtbar hohl widerhallte, und dabei stießen sie die gräßlichsten Flüche aus. Um acht Uhr kamen der Hofmarschall von Kickebusch mit dem Generalissimus des Homburger Heeres, Hauptmann von B..., auf die Wachtstube und konnten kaum durch das sie umgebende Volk dringen, das die stupende und mit hundert Varianten vermehrte Nachricht von dem Spuk der verwichenen Nacht schon herbeigeführt hatte, um sich von dem Vorgefallenen zu überzeugen. Aber erst nach einer mehrwöchigen Untersuchung stellte sich der Zusammenhang der ganzen Spukgeschichte klar heraus. Man fand die Sache indessen auch höchsten Ortes, wo man sehr aufgeklärt dachte, so belustigend, daß trotz dem Antrag des Generalissimus, der das ganze Institut samt dem Lehrer auf wenigstens drei Monate bei Wasser und Brot in den Turm des alten Rathauses gesetzt wissen wollte, man sämtliche Übeltäter großmütig pardonierte. Nur die beiden reichen Britensöhne wurden verurteilt, die Kosten des im Garten verursachten Schadens zu tragen und mußten für die zopflosen Soldaten englische Patentzöpfe kommen lassen, welche diese so lange hinter den Ohren befestigen sollten, bis die wirklichen wieder gewachsen seien, dies war so ziemlich auf Lebenszeit.

Noch immer aus dem Scholzeschen Haus verbannt, war es mir nicht möglich, lange ohne Mädchenbekanntschaften zu bleiben. In unserer neuen Wohnung war eine ziemlich bejahrte Köchin Breidensteins, welche die Haushaltung führte, das einzige weibliche Wesen, dagegen befanden sich in der Nachbarschaft einige allerliebste Kinder, unter denen ein Julchen Zimmer, die Tochter eines ganz in der Nähe wohnenden Müllers, ein Lisettchen Kräh und ein Kätchen Burkhard, die schon fünfzehnjährige Tochter eines Beamten, zugleich meine Aufmerksamkeit fesselten und mich mein schönes Cousinchen bald, wenn auch nicht ganz vergessen, doch weniger vermissen ließen. Alle drei waren mir gleich teuer, mit Julchen phantasierte ich auf den Wiesen und an der Kunzbach hinter der Untermühle, mit Kätchen warf ich mich im Heu in der Herrnscheune herum, und mit Lisettchen schaukelte ich beim Mondschein auf dem nahen Zimmerplatz.

Unterdessen machte Breidenstein öfters ziemlich große Touren mit seinen Zöglingen in die umliegende Gegend und das Taunusgebirge zu Fuß und mit dem nötigen Gepäck auf dem Rücken, was nicht nur eine sehr gesunde Motion für uns Knaben war, sondern auch unsere Körper gegen Hitze und Frost, Wetter und Wind, Hunger und Durst, Nässe und Kälte außerordentlich abhärtete und für die Eindrücke der wechselnden Witterung unempfindlich machte, da kein Wetter von diesen Partien abhielt. So besuchten wir nacheinander Friedberg, Nauheim, Hanau, Wilhelmsbad, Kroneburg, Königstein, Falkenstein, Selters, Eppstein, Usingen, Wertheim, die Goldgrube und andere im Taunus liegende Ortschaften, wobei es dann fast nie ohne allerlei oft sehr komische Abenteuer abging.

Eine äußerst interessante und angenehme Fußreise war die Tour nach dem durch sein mit Recht weltberühmtes herrliches Sauerwasser bekannten Niederselters, dessen Brunnen man schon im neunten Jahrhundert kannte und von dem man jetzt den Krug zu Paris mit drei Franken, in London mit sechs Schillingen und in Ostindien mit einer Guinee bezahlt, ungefähr soviel, als er nach dem dreißigjährigen Kriege, während welchem er verschüttet war, Pachtzins abwarf. Jetzt trägt dieser Brunnen dem Herzog von Nassau jährlich über hunderttausend Gulden ein. Er entquillt in einer wild-romantischen Gegend.

Mit großem Vergnügen sahen wir den schmucken, flinken Fülldirnen zu, die viele tausend Krüge in einer Stunde unter beständigen possierlichen Bücklingen füllen. Die Krüge tauchen sie auf ein Tempo, wie auf ein militärisches Kommando, zugleich ein, und zwar eine jede zehn Krüge zumal; sind sie ermüdet, so werden sie durch andere Füllmädchen abgelöst und verpichen nun die Krüge. Es sind gewisse Stunden bestimmt, an denen es jedermann erlaubt ist, Wasser zu holen und so viel zu nehmen, als einer tragen kann, aber mit Eseln, Pferden oder gar Fuhren darf niemand kommen. Von Homburg sind es sieben gute Stunden nach Niederselters, ein sehr angenehmer Weg. Der Ort an und für sich ist unbedeutend und hat außer dem Brunnen, der nur von wenig Kurgästen besucht wird, keine besonderen Merkwürdigkeiten aufzuweisen. Das Wasser, an der Quelle getrunken, hat jedoch einen ganz anderen Geschmack und eine ganz andere Kraft, als in Krügen versendet.

Die Sommersonntage aber brachte ich gewöhnlich in Berkersheim zu, wohin ein sehr romantischer Weg über Niedereschbach und Harheim führte, wo ich meine Eltern und immer große Gesellschaft traf; das Weihnachtsfest und einen Teil der Messe verlebte ich jedoch in Frankfurt, was mir wegen des Theaterbesuchs besonders viel wert war.

In Homburg selbst gestaltete sich unterdessen das Leben etwas geselliger. Breidenstein im Verein mit mehreren anderen Honoratioren veranstaltete kleine Konzerte, die in dem Hause eines landgräflichen Dieners namens Zorbuch und später im Saal der herrschaftlichen Meierei, die ein Franzose namens Hanguard gepachtet hatte, gehalten wurden. Bei diesen Gelegenheiten war es, wo ich zum erstenmal wieder mit meinen Cousinen zusammentraf, aber anfänglich wagten wir nur, uns verstohlen einige Blicke zuzuwerfen, bis wir allmählich dreister wurden und uns die Tanztouren, denn nach diesen Konzerten wurden gewöhnlich noch ein paar Anglaisen, von den Engländern angeführt, getanzt, in nähere Berührung brachten, als einige Zeit darauf ein erfreuliches Ereignis die alte Vertraulichkeit wieder ganz herstellte.

Leider sollte es mit meinen Homburger Freuden jedoch bald zu Ende gehen, was ich mir selbst und hauptsächlich durch folgende Veranlassung zuzuschreiben hatte.

Der Konrektor der Homburger Schule namens Zink hatte ein klavierartiges Instrument, von dem Orgelbauer Bürgy daselbst erfunden, das in drei Klaviaturen bestand, eine ziemlich vollständige Harmonie von Blasinstrumenten bildete und ein angenehmes Flötenwerk hatte, an sich gebracht. Mit diesem war der Schulmonarch nach Wien auf Spekulation gereist, um es daselbst bewundern zu lassen und bestmöglich zu verkaufen. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, eine Audienz bei der Kaiserin zu erhalten, welche das Instrument für eine namhafte Summe erstand. Als der Konrektor von seiner Reise nach Wien zurückkam, von wo er sogar eine Equipage mitbrachte, die er jedoch bald wieder veräußern mußte, da die Pferde nicht von Harmonien, und wären es auch himmlische gewesen, leben konnten, erzählte er, daß bei der Unterredung, die er mit Ihrer Majestät gehabt, allerhöchst derselben eine ganz gewöhnliche Stecknadel vom Busentuch gefallen sei, die er sogleich aufgehoben und sich die Gnade erbeten habe, zum ewigen Andenken an diese Stunde und diese Ehre das Kleinod behalten zu dürfen, was ihm auch holdseligst lächelnd und huldreichst auf der Stelle bewilligt worden sei. Der brave Mann hatte die Nadel in einer kleinen Schachtel, an ein Sammetband gesteckt, bestens aufbewahrt und zeigte nun die kaiserliche Reliquie allen Homburgern, die er besuchte, der Kaiserin Worte immer wiederholend. Zufällig befand ich mich gerade bei Silbereisens, als er auch diesen das kostbare Kleinod zeigte, das von Hand zu Hand ging, und während er mit dem gehörigen Pathos die Worte, welche er zu Ihrer Majestät gesprochen, zum drittenmal nachdrucksvoll wiederholte, hatte ich Silbereisens ältester Tochter, Riekchen, die Schachtel ab- und die kaiserliche Stecknadel herausgenommen, an deren Stelle jedoch eine ganz gemeine bürgerliche, die aber gerade so aussah, substituiert, ohne daß es jemand bemerkt hätte. Als der Konrektor weg war, machte auch ich mich mit meinem Raub davon und verehrte die Nadel noch denselben Abend Karolinen von Brandenstein, ihr meinen Diebstahl bekennend, während der Bestohlene fortwährend von Haus zu Haus mit der untergeschobenen Nadel wanderte und diese vorzeigte. Aber weder Karolinchen noch ich hielten reinen Mund, und während sie sich mit dem Besitz der Nadel brüstete, rühmte ich mich der Entwendung derselben. Die Sache kam bald zu des Konrektors Ohren, der nun im größten Zorn zu Brandensteins rannte und auf die Herausgabe der echt kaiserlichen Nadel drang. Karolinchen gab auf Befehl ihres Vaters zwar eine Stecknadel heraus, jedoch nicht die rechte, ließ sich aber bald darauf wieder merken, daß sie noch immer im Besitz der echten sei. Abermaliges Drängen des Konrektors, das echte Kleinod herauszugeben, worauf Karolinchen ganz naiv gestand, daß sie dies wenn auch sehr gerechte Begehren nicht zu erfüllen imstande wäre, indem die Nadel unter die anderen ihres Etuis geraten sei, worauf sie ihre ganze Nadelbüchse ausschüttete und dem Herrn Zink sagte, er möge sich die kaiserliche Nadel nun selbst heraussuchen. Dieser geriet in Zorn und rief aus: „Wie ist es möglich, so wenig Ambition zu haben und eine kaiserliche Stecknadel mit ganz gemeinen zu vermischen!“ – Was wollte aber der gute Mann machen, er konnte um so weniger die echte Nadel herausfinden, als diese gerade nicht unter den vorgeschütteten war. Auf mich aber, als den Urheber dieses Raubes, der ihm nach seiner Aussage für Millionen nicht feil gewesen, ging all sein Zorn über und sogar zum Teil auf meinen Lehrer, dem er vorwarf, einen wahren Teufelsbraten aus mir zu ziehen. –

Unterdessen hatte diese Begebenheit, wie noch so manche andere Dinge, meinen Großoheim Oberpfarrer doch endlich veranlaßt, meinen Eltern sehr ernstliche Vorstellungen wegen meiner Erziehung in Breidensteins Institut zu machen, wo ich durchaus nichts als Teufeleien lerne und unter gar keiner Aufsicht sei, und es wurde beschlossen, mich von da weg und zu einem Hofrat Scherer zu tun, der ein sehr besuchtes Institut zu Offenbach am Main hatte, wo ich, wenigstens während der Sommerszeit, unter elterlicher Aufsicht sei, da meine Eltern jetzt die Sommersaison in Offenbach zubrachten.

Der Abschied von Homburg tat mir in mehr als einer Hinsicht weh, ob ich gleich, außer einer fast ungezügelten Freiheit, in Breidensteins Haus gerade nicht wie der Vogel im Hanfsamen saß, da die Frau Hofpredigerin eine sehr strenge Ökonomie eingeführt, mich und andere auch im Sommer und Winter in Dachkammern logiert hatte, wo Wind, Regen und Schnee durch das Ziegeldach drang, im Winter über meiner Bettdecke oft eine andere von Schnee war und mir vor Frost und Kälte die Zähne klapperten. Da ich indessen schon früher im elterlichen Hause abgehärtet worden war, so schadete mir dies nichts und bereitete mich zu den Strapazen, Fatiguen und Entbehrungen vor, die mir später in reichem Maße werden sollten.

Bald nach meiner Abreise verließ auch mein Oheim Scholze Homburg, um sich mit seinen Kindern nach Bremen zu begeben. Die Ursache dieser beschleunigten Abreise war, daß sich Prinz G... sterblich in meine schöne Cousine Henriette verliebt hatte und ihr bei den Spielen im Schloßgarten und auch auf Spaziergängen hart zusetzte; das nun mehr als fünfzehnjährige Mädchen schien auch für die Aufmerksamkeit des Prinzen eben nicht unempfindlich, weshalb Herr Scholze für gut befand, schneller als er gewollt seinen Wohnsitz zu wechseln und seine Kinder in der alten Hansestadt in Sicherheit gegen die verschiedenen Angriffe zu bringen.

Vor ihrer Abreise sah ich meine Cousinen noch einmal in Frankfurt, wo sie Abschied von uns nahmen; zwei, Sophia und Johanna, sollte ich gar nicht mehr und Henriette und Mina, die letztere in dem beklagenswertesten Zustand, erst nach vielen Jahren wiedersehen.

VII.
Das Pensionat zu Offenbach. – Die Gebrüder Bernard. – Eine große Prellerei. – Das Puppenspiel. – Der Konfirmationsunterricht. – Schinderhannes gefangen und hingerichtet. – Allerlei Amoretten. – Ich will mich schlechterdings dem Theater widmen. – Eine Reise nach Weimar. – Goethe und Schiller.

Hofrat Scherer, der Direktor des Instituts zu Offenbach, war als ein gestrenger und despotischer Schulmonarch bekannt, der nicht selten den Farrenschwanz schwang, aber bei dem die Kinder doch etwas Tüchtiges lernten, soweit seine eigenen Kenntnisse zureichten, die sich aber nicht über das Alltägliche erstreckten. Mich hatte man ihm als einen wilden, ausgelassenen Jungen geschildert, den man unter strengem Regiment halten müsse, und ihm dieses besonders anempfohlen; ich wurde daher sehr ernst und mit gewaltigen Ermahnungen und Warnungen empfangen, wozu noch das Neue und Unbekannte meiner Lage kam, was mich für die ersten Tage ebenfalls ernst und düster stimmte. Bald ward ich es jedoch inne, daß der Herr Hofrat auch seine schwachen Seiten habe, die ich mir vornahm möglichst zu benutzen, und so kamen wir, einige Extrafälle abgerechnet, ziemlich gut miteinander aus. Indessen hieß es hier anhaltend lernen von morgens sieben bis mittag, und von nachmittags zwei Uhr bis abends sieben. Französisch, Englisch, Arithmetik, Erdbeschreibung und was zu dem merkantilen Wissen nötig ist, war die Hauptsache, alte Sprachen wurden nicht gelehrt, der Herr Hofrat kannte sie selbst nur dem Namen nach, Zeichnen und Musik waren extra und deren Erlernung willkürlich, ebenso Tanzen, dagegen wurden wir während der Sommertage jeden Morgen, manchmal auch noch des Abends, zur Schwemme, das heißt zum Baden und Waschen in den Main getrieben, wo wir schwimmen lernten und ich es in dieser Kunst nach drei Wochen so weit brachte, daß ich gemächlich von einem Ufer des Flusses zum anderen und wieder zurückschwimmen konnte, was mir jedoch streng untersagt wurde, nachdem ich es ein paarmal versucht, da das Experiment wegen des starken Stroms in der Mitte des Flusses und der vielen sehr tiefen Stellen allerdings gefährlich war. Dies war eine gesunde und heilsame Bewegung, die uns in Homburg fehlte, wo wir aus Mangel an fließendem Wasser uns nur in großen Pfützen oder kleinen Bächen von Zeit zu Zeit badeten. In dem Institut fand ich einige zwanzig Knaben und ein paar Mädchen, des Hofrats nahe Anverwandte, er war ihr Oheim, aber alle Kinder nannten ihn nur Onkel, was sie von den Mädchen abgehört hatten, es schien dem strengen Herrn nicht zuwider, und so ward der Allerweltsonkel auch mein Onkel.

Damals war Offenbach in einem blühenden Zustand, viele reiche Familien aus Frankfurt hatten hier Landhäuser oder mieteten Sommerwohnungen daselbst, so wie viele andere Fremde. Unter den letzteren war der sogenannte Polackenfürst Frank, der seit mehreren Jahren mit einer zahlreichen Dienerschaft und großem Gefolge aus Wien hierher gekommen war und einen verschwenderischen Haushalt mit großer Pracht und ungeheurem Aufwand entfaltete; er hielt sich anfänglich sogar eine kleine Garde mit Erlaubnis der Isenburgischen Regierung. Dieser Mann, seine Umgebung und sein ganzes Wesen und Treiben waren in ein mysteriöses Dunkel gehüllt; niemand wußte, wer er eigentlich war, noch kannte man seine Herkunft, über seinen Stand schwebte ein tiefes Geheimnis, man nannte ihn nur den Polackenfürsten, alle seine Leute waren in russische und polnische Nationaltrachten, doch sehr reich gekleidet, und hatten lange Bärte. Indessen raunte man sich in die Ohren, daß er in krummer Linie von kaiserlich russischer Abkunft sei, und als einst nach seinem Tode seine Tochter, die man das polnische Fräulein nannte, bei einer gewissen Gelegenheit ihre Unterschrift geben sollte und um ihren Namen gefragt wurde, nannte sie sich Romanowna. Diese geheimnisvolle Familie starb nach und nach aus oder verlor sich spurlos in ziemlich drückenden Verhältnissen.

Unter den Offenbacher Bürgern gab es einige außerordentlich reiche Häuser, unter denen die Schnupftabaksfabrikanten ‚Gebrüder Bernard‘ durch den großen Aufwand, den sie machten, hervorragten. Nicht weniger als vier zum Teil sehr kinderreiche Familien lebten auf großem Fuß von dem Ertrag dieses Marokko genannten Nasenfutters, hatten alle glänzende Equipagen, zahlreiche Dienerschaft, prächtig eingerichtete Wohnungen und gaben große Feste. Einer der Chefs dieses Etablissements, ein gewisser Peter Bernard, tat es aber allen zuvor, hatte einen fast fürstlichen Haushalt und hielt sich sogar eine Kapelle, die fast aus lauter Virtuosen bestand, bei der Fränzel Kapellmeister war, und die ihm eine jährliche Ausgabe von mehr als dreißig- bis vierzigtausend Gulden verursachte. Er gab große Konzerte, zu denen alle angesehenen Einwohner Offenbachs gratis Zutritt hatten, und keine berühmten Tonkünstler, Sänger oder Sängerinnen kamen durch Frankfurt, die nicht bei Bernard gespielt oder gesungen hätten und aufs generöseste dafür honoriert worden wären; die Damen, wenn sie liebenswürdig genug waren, hatten sich noch obendrein der Küsse des Fabrikherrn als Zugabe der metallreichen Belohnung zu erfreuen. Aus dieser Kapelle rekrutierte sich später das treffliche Orchester des Frankfurter Theaters. Aber Peters Associés, die Herren d’Orville, waren eben nicht sehr von dieser wütenden musikalischen Liebhaberei erbaut, die außer großem Zeitverlust auch bedeutende Summen verschlang, namentlich war der alte Georg d’Orville Gift und Galle, wenn das Musikantenvolk, wie er die Virtuosen zu betiteln beliebte, in musikalischen Angelegenheiten oder auch Geld fordernd auf das Kontor zu Herrn Bernard kam, was ihm jedesmal ein konvulsivisches Beintrappeln verursachte. Diese Musikwut hatte fast ganz Offenbach ergriffen, und es war beinahe kein einziges nur einigermaßen ansehnliches Haus, aus dem man im Vorübergehen nicht zu jeder Stunde des Tages irgendein Instrument dudeln oder einen Gesang leiern hörte, wozu auch die berühmte musikalische Anstalt und Verlagshandlung des Herrn Hofrat Andre das ihrige beitrug. Auch ich fand hier die beste Gelegenheit, mein musikalisches Talent völlig auszubilden, erhielt von den besten Meistern Unterricht und hatte es bald so weit gebracht, daß ich so ziemlich alles a prima vista auf dem Klavier abspielen und auch singen konnte.

Der Gründer dieser berühmten Tabakfabrik war ein gewisser Nikolaus Bernard, Vater des Peter, gewesen, der eine pikante Nasenbeize erfand, den damit fabrizierten Tabak Marokko taufte, das Geschäft mit nichts begonnen hatte und als steinreicher Mann starb. Er hatte Hunderte von Arbeitern beschäftigt, denen er jede Frankfurter Messe am dritten Montag derselben einen Feiertag gab, wo er jeden noch außerdem mit einem Taler beschenkte. Die Leute gingen an diesem Tag scharenweise nach Frankfurt, machten sich einen guten Tag, den sie nach ihrem Brotherrn den Nickelchestag nannten, und kehrten beim Heimgehen in den Wirtshäusern zu Oberrad ein, wo sie sich unter Tanzen und Trinken bis zum hellen Morgen vergnügten. Dieser Gebrauch wurde nach und nach in der ganzen Umgegend von Frankfurt nachgeahmt, wodurch der Frankfurter Nickelchestag entstand, an dem das Gedränge in den Straßen fast ebenso groß als auf den Boulevards zu Paris ist.

Bei diesen aufgeblasenen Familien bewährte sich indessen das Sprichwort: Hochmut kommt vor dem Fall, nur allzubald. Nicht zufrieden mit dem reichlichen Gewinn, den ihnen alljährlich der Schnupftabak abwarf, der sich auf achtzig- bis hunderttausend Gulden belief, von dem freilich bei dem gewohnten Aufwand wenig oder nichts übrig bleiben konnte, fiel es den Herren Gebrüdern ein, auch in London ein Haus zu gründen, um in Kolonialwaren ins Große zu spekulieren, ohne zu überlegen, daß ihnen, die sich bisher nur mit der höchst einfachen Fabrikation ihrer Schnupftabaksbeize befaßt hatten, die nötige Sachkenntnis und Einsicht dazu völlig mangelte, wozu noch kam, daß sie ein ganz unfähiges Subjekt an die Spitze des Londoner Hauses stellten, und so mußte das Unternehmen natürlich fehlschlagen. Während dieses Haus in der Tat schon völlig bankrott war, aber vor den Augen der Welt noch florierte, suchten die Herren Gebrüder Bernard, das heißt Herr Peter Bernard und seine Gesellschafter, die Herren George und Jakob d’Orville, um sich möglichst aus der Schlinge zu ziehen, einen wohlhabenden Bürger namens Wailand, der in dem nahen Frankfurter Ort Oberrad wohnte, oder vielmehr dessen Vermögen für das bankrotte englische Haus zu gewinnen, was nichts anderes als ein abgefeimter Beutelschneiderstreich war, der ihnen auch vollkommen gelang, ohne jedoch die gehofften Früchte zu bringen, nämlich das Offenbacher Haus vor allem Verlust zu bewahren. Da dieses indessen noch in der öffentlichen Meinung sehr hoch stand und für sehr reich galt, so war es den Herren nicht schwer, den Wailand zu übertölpeln. Um nun über Wailands Kapitalien verfügen zu können, sandten sie einen ihrer Bekannten, ein zu einem solchen Auftrag ganz geeignetes Subjekt, einen gewissen Ewald, Weinhändler in Offenbach, an den Mann ab, der ihm nur so wie von ungefähr beibringen mußte, daß die Gebrüder Bernard noch einen Teilnehmer für ihr Londoner Haus, das einen unermeßlichen Gewinn verspreche, suchten, der die noch nötigen Fonds einschießen würde, die sie dem Offenbacher Geschäft nicht entziehen könnten, da sie ohnehin schon so große Kapitalien im Londoner hätten. Da der Geldbedarf äußerst dringend war und das Feuer dem Bernard und Konsorten unter den Sohlen brannte, so ließen sich die Herren Peter, George und Jakob so weit herab, dem Herrn Wailand, als ihrem künftigen Gesellschafter, nacheinander in höchsteigener Person ihre Aufwartung zu machen, luden ihn zu sich nach Offenbach ein, wo ihm sogar die Ehre ward, daß ihm Herr Bernard ein Solo auf dem Violoncello vorspielte, das den Geladenen trotz mancherlei Mißgriffen doch so bezauberte, daß er sich noch in derselben Stunde zu einer Einzahlung von einhundertfünfzigtausend Gulden anheischig machte, sowie zu noch hunderttausend Gulden später, was ungefähr das ganze Vermögens des Mannes war. Der arme Teufel, dem der vermeintliche Millionär Bernard noch mehr Solis vorspielte und der einen Ehrenplatz in dessen Konzerten erhielt, überbrachte seinen Herren Associés selbst die Gelder und versprach auch die strengste Geheimhaltung dieser Beutelschneiderei, die um so niederträchtiger war, als sie ein fast blindes Vertrauen hinterging. Die Folgen blieben nicht lange aus, und die Komödie mit dem armen Betrogenen wurde nur noch eine kurze Zeit fortgespielt. Die Gebrüder Bernard hatten zwar ein paar Lücken mit dem erhaltenen Geld gestopft, dadurch neuen Kredit in England erlangt, ließen nun ungeheure Quantitäten Waren auf längere Zahlungstermine aufkaufen, verkauften diese sogleich wieder per comptant in Hamburg und trieben nebenbei eine so arge Wechselreiterei, wie die merkantilische Welt schwerlich eine zweite aufzuweisen vermag, während sich Wailand laut Kontrakt in nichts mischen, ja kaum einmal anfragen durfte, bis plötzlich an einem schönen Morgen ein Sohn des George d’Orville wie toll in sein Zimmer stürzte und hin und her rennend ausrief:

„Lieber Wailand, ich komme gestern per Kurier von London. Gott! Gott! Alles ist verloren; was sind wir für unglückliche Menschen, wenn nicht gleich auf der Stelle drei- bis vierhunderttausend Gulden dahin geschafft werden, um das dortige Obligo zu decken; was ist André (der Geschäftsführer) für ein Spitzbube, es ist alles bei ihm in der größten Unordnung und Konfusion, nichts eingetragen, nichts eingeschrieben; ich habe viele Papiere mitgebracht, kommen Sie doch um Himmelswillen gleich zu Herrn Bernard, er und meines Vaters Bruder sind hier, da werden Sie alles hören.“

Man kann sich die Wirkung denken, welche diese Anrede auf das bisher so sorglose Gemüt des unglücklichen Wailand machte. Der große Bankrott war in London bereits förmlich ausgebrochen und erklärt, und das Offenbacher Haus stand auf dem Punkt, es dem Londoner nachzumachen, als einige noch solvable Verwandte desselben auf den Einfall kamen, bei den reichsten Frankfurter Kaufleuten eine Subskription zugunsten der Gebrüder Bernard zu eröffnen, um vermittelst derselben ein Kapital auf eine bestimmte Zeit zu erhalten, mit welchem man den völligen Sturz des Hauses verhindern könne. – Das Projekt gelang, da man vermittelst Frauengunst den reichsten Bankier Frankfurts, von Bethmann, dafür gewann, der sich sogleich mit einer bedeutenden Summe an die Spitze stellte und unterzeichnete. Indessen konnten sich die Bernard doch nie wieder ganz von diesem Stoß erholen und zu dem früheren Glanz kommen.

Der betrogene Wailand wollte sich freilich an das Offenbacher Haus halten, aber die Bernards wußten dennoch die Sache auf die lange Bank zu schieben, dem durch sie an den Bettelstab gebrachten Wailand fehlte es jetzt an allen Mitteln, etwas Durchgreifendes zu unternehmen, und kummervoll und trostlos mußte er vorerst alles gehen lassen, wie es ging, während das Offenbacher Haus, durch die Subskription aus der Not gezogen, sich um den schändlichen Bankrott in London nicht weiter bekümmerte, einen ärgerlichen Aufwand in Equipagen und so weiter fortsetzte und Bernard sogar einen Teil seiner Kapelle, und zwar den besten, den er zum Schein verabschiedet hatte, wieder mit dem früheren Gehalt anstellte! Dies war um so empörender, als der arme Wailand oft nicht wußte, von was er leben sollte.

Nach langen Jahren nahm sich jedoch einer der renommiertesten Advokaten Frankfurts, der Doktor Klaus, plötzlich des armen Wailand an, machte dessen Sache zu seiner eigenen, griff das Ding auf dem rechten Fleck an, indem er damit begann, die Geschichte dieser Beutelschneiderei, mit allen nötigen Beweisen, Briefen und anderen Dokumenten versehen, im Druck herauszugeben, um hierauf den Prozeß gegen die Gebrüder Bernard einzuleiten. Da vorauszusehen war, daß die Sache auf jeden Fall schlimm für das Haus Bernard ausfallen würde, so suchte dies nun den Rechtsstreit durch einen Vergleich zu beseitigen, den die Gegner auch eingingen, da sie wußten, daß es eben nicht zum Brillantesten mit jenem Haus stand, und Wailand mußte sich ungefähr mit dem sechsten Teil seiner Forderung begnügen, der ihm in Terminen ausbezahlt wurde. Die Haupturheber dieser Prellerei waren schon längst tot, und die Nachkommen waren es, die nun in den für sie sehr sauern Apfel beißen mußten.

In Offenbach war damals das gesellige wie das öffentliche Leben überaus heiter und fröhlich, die Fabriken hatten einen guten Absatz, die Gewerbe blühten, und eine Albernheit der Frankfurter Behörden war dem Städtchen von großem Nutzen. Das Verbot, daß in Frankfurt keine Maskenbälle gegeben werden durften, kam den Offenbachern sehr zustatten, wo während des ganzen Winters jeden Sonnabend bei ziemlich hohen Eintrittspreisen dieses Vergnügen im dortigen Schauspielhaus gestattet wurde, wohin die Frankfurter karawanenweise fuhren, um desselben teilhaftig zu werden, und wodurch viel Geld von Frankfurt nach Offenbach geleitet wurde; denn außer dem Eintrittsgeld und was in solchen Nächten verzehrt und verspielt wurde, bezahlte man auch die brillanten Kostüme und was zu den Maskenanzügen gehörte, in dem damit reichlich versehenen Magazin der Mamsell Niepold zu enormen Preisen. Als Ursache, daß man diese Bälle, ausgenommen in Krönungszeiten, wo man nicht anders konnte, in Frankfurt nicht dulden wollte, gab man an, daß mehrmals den regierenden Bürgermeistern große Unannehmlichkeiten bei solchen Gelegenheiten widerfahren, ja einer sogar einmal beinahe ermordet worden wäre.

In den Sommermonaten wohnte ich, wie gesagt, zu meiner großen Freude bei meinen Eltern, wo ich weit mehr Freiheit als in Scherers Institut hatte. Unser nächster Gartennachbar, ein Kaufmann O... aus Frankfurt, hatte mehrere Kinder, mit denen ich bald eine nähere Bekanntschaft anknüpfte. Der älteste Junge, Adam, war indessen ein stupid-trauriges Subjekt, der zweite, Fritz, ein ausgelassener Wildfang; sie hatten eine Schwester, Lilli geheißen, ein artiges Mädchen, der den Hof zu machen ich schon der Mühe wert fand. In den Erholungsstunden setzte ich mit einem Sprung über die Planken, die unsere Gärten trennten, und befand mich bei diesen Kindern, wo ich indessen bald noch ein anderes sehr hübsches Mädchen, ebenfalls die Tochter eines Kaufmanns aus Frankfurt, kennen lernte, der ein naher Verwandter O.s und d’Orvilles war, die Karoline Th... hieß. Kaum hatte ich dieses liebenswürdige Kind erblickt, so hatte ich auch keine Augen mehr für Lilli, sondern bewarb mich eifrig um die Gunst der ersteren, die mir auch bald in vollem Maße zuteil ward, und wir verstanden es vortrefflich, die gute Lilli und ihren einfältigen Bruder Adam unter allerlei Vorwand zu entfernen, namentlich wenn wir Verstecken spielten. Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht, sondern bei den Abendharmonien in Bernards Boskett machte ich die Bekanntschaft noch mancher anderen liebenswürdigen Kinder, unter denen eine Jeannette, eine Annette und eine Arkade, die letztere die Tochter eines reichen, in Offenbach privatisierenden Holländers namens Amerong, und reservierte mir diese für meine Winterschönheiten, da Lilli und Karoline wieder nach Frankfurt zurückkehrten, sobald der Herbstwind die Blätter gelb färbte und die Schwalben abzogen. – Um mehr Gelegenheit zu haben, mit all diesen Mädchen zusammen und in nähere Berührung zu kommen, und auch aus angeborener Liebhaberei, nahm ich wieder zu meinem erprobten alten Mittel, dem Komödienspielen, meine Zuflucht, und wir spielten in Bernards Garten, wo sich die beste Gelegenheit dazu bot und gar manch heimliches, ‚stillvertrautes Örtchen‘ war, Komödien jeder Art, in denen auch manchmal die Eifersucht schon eine Rolle spielte, namentlich von seiten der Aktricen.

Mit dem Ende des Sommers hatten auch unsere Garten-Komödien aufgehört, und ich glaubte schon, einen recht traurigen Winter in dem Institut zubringen zu müssen, da fügte es sich, daß sich meine Eltern entschlossen, bis Weihnachten in Offenbach zu bleiben, und zu meiner großen Freude fand sich eine Schauspielergesellschaft, deren Direktor ein gewisser Badewitz war, für die Wintersaison ein; meine Mutter nahm ein Abonnement in einer Loge, das meistens mir zugute kam. Die Gesellschaft war so übel nicht; Madame Badewitz, eine hübsche junge Frau, spielte die Liebhaberinnen recht natürlich, eine Demoiselle Sternfeld war leidlich, auch der erste Liebhaber, Herr Stahl, gefiel, nur tobte und schrie er bisweilen gar zu arg.

Gar zu gerne hätte ich im elterlichen Haus jetzt ein Liebhabertheater etabliert, aber da sich diesem Vorhaben nicht zu beseitigende Schwierigkeiten entgegensetzten, so mußte ich mich begnügen, ein Puppentheater bestmöglich einzurichten, auf dem ich mit Hilfe einiger anderen Kinder gewöhnlich Sonntags Vorstellungen gab. Dies Theater stellte ich dann dicht an die Türe, die aus der Stube, in der wir spielten, in ein anderes Zimmer führte, so daß dasselbe samt den Dirigenten völlig von den Zuschauern, welche meistens aus Kindern und dem Gesinde bestanden, getrennt war und niemand hinter das Theater konnte. Die Bühne hatte mir unser Tischler nach meiner Angabe verfertigen müssen, mehrere Dekorationen hatte mir unser Zeichenlehrer Herchenröder gemalt, andere hatte ich selbst nach denen des Frankfurter Theaters, die zum Teil von dem berühmten Quaglio und Fuentes gemalt waren, zusammengepfuscht, und meine Gehilfen bei der Aufführung waren meistens Mädchen, namentlich Jeannette und Arkade. Indessen glaube man nicht, daß wir uns begnügten, kleine Harlekinaden aufzuführen, im Gegenteil, die größten Maschinenstücke, wie eine Nymphe der Donau, der Spiegel von Arkadien, die Teufelsmühle, das Sternenmädchen, die Zauberzitter waren uns nicht zu schwierig, und sogar an große Ritterstücke und Opern, wie Maria von Montalban, Oberon, das unterbrochene Opferfest, die Zauberflöte, den Titus und so weiter wagten wir uns und leierten sie ab, so gut es gehen wollte; freilich sangen wir nur einzelne Lieder und Gesänge aus denselben, und alle Ensemblestücke und die meisten Chöre blieben weg. Ein Klavier, das wir abwechselnd spielten, war das Orchester, aber gar oft waren Orchester und Sänger um zwanzig bis dreißig Takte und mehr auseinander. Wir sangen eben so gut wir konnten und strengten uns dabei ganz gewaltig an. Indessen muß dies Marionettenspiel doch nicht so durchaus langweilig gewesen sein, da es nicht selten auch von erwachsenen Personen beehrt wurde, die den Vorstellungen bis zu Ende beiwohnten. Eine der aufmerksamsten Zuschauerinnen war Bettina Brentano, die damals mit noch zwei anderen Schwestern bei ihrer Großmutter, der Schriftstellerin Sophia von La Roche, zu Offenbach wohnte und unser Haus öfters mit einem Besuch beehrte. Dieses originelle Mädchen war ein ganz eigenes und geniales Geschöpf, welches in ihrem Wesen viel von Goethes Mignon hatte, dabei ein etwas wildes, sehr naives und ungeniertes Naturkind war, unser Puppenspiel mit großer Vorliebe gegen jede hämische Kritik verteidigte und in Schutz nahm. Sie war damals schon eine außerordentliche Verehrerin Goethes, und in Ermangelung des großen Dichters selbst brachte sie ihre Huldigung einstweilen dessen Mutter, der Frau Rat, die sie jedoch so sehr mit ihren Besuchen zu fast jeder Stunde bestürmte, daß sich dieselbe öfters verleugnen ließ. Bettina aber merkte dies und ließ sich dann nicht abweisen, sie klopfte an der Tür des Schlafzimmers, in welchem sie die Dame vermutete, und rief ihr ganz naiv zu: „Machen Sie nur auf, Frau Rat, ich weiß doch, daß Sie zu Hause sind,“ oder öffnete ein Fenster des Vorzimmers und schlug von außen mit einem Stöckchen an das Fenster der Stube, in der sie Goethes Mutter glaubte, dieselben Worte wiederholend, bis endlich die gute Frau, durch diese Beharrlichkeit erweicht, lächelnd öffnete, wo dann das Mädchen in die Hände patschend freudig herumsprang und ausrief: „So muß man es machen, Frau Rat, wenn man Sie sehen will.“ –

Bald darauf kehrten meine Eltern nach Frankfurt zurück, und ich mußte zu meinem Leidwesen wieder ganz in dem Institut wohnen, wo sich indessen eine neue, sehr hübsche, kaum dreizehnjährige Nichte des Hofrats, Helenchen Valentin, eingefunden hatte, mit der ich nun meine Aufgaben in den Abendstunden zusammen in der erwähnten Garderobe machte und auswendig lernte, und man darf es mir aufs Wort glauben, daß auch ohne die Pestalozzische Methode, die wir nicht kannten, wir beide durch gegenseitigen Unterricht erstaunlich schnelle Fortschritte machten. Gegen das Frühjahr verlor ich meinen guten, schon länger kränkelnden Großvater Weller. Der Mann hatte sich übermäßig angestrengt und fast zu Tode gearbeitet, während die meisten Römerherren ihre Stellen als Sinekuren betrachteten und es sich in träger Behaglichkeit wohl sein ließen. Das edle Roß arbeitet unaufgefordert bis zum letzten Atemzug, der Esel aber läßt sich zur Arbeit prügeln und tut sich doch nicht weh.

Der gute Mann hatte noch vor seinem Tode geäußert, daß man mich doch in den Religionsunterricht des Pfarrers Doktor Hufnagel nach Frankfurt schicken solle, der ein berühmter Prediger und sein intimer Freund war, um von diesem konfirmiert zu werden. – Dies war Wasser auf meine Mühle, denn nun mußte mich Hofrat Scherer jede Woche ein-, auch zweimal zu dieser Gebetstunde nach Frankfurt gehen lassen. Hier fesselte sogleich nicht Doktor Hufnagel, sondern ein allerliebstes Mädchen, die Wirtstochter aus dem Englischen Hof, Jungfer L..., wie sie sich nannte, meine Aufmerksamkeit, ich hatte bald nur noch Augen und Ohren für sie und war taub für die Lehren des wackeren Hufnagels. Bald hatten wir erst nur durch Blicke, dann durch Zettelchen korrespondiert, die ich ihr beim Verlassen der Gebetstunde zusteckte, worauf wir aus Mangel an passenderen Orten uns Rendezvous hinter den einsamen Stadtmauern in der Gegend des Eschenheimer Tors gaben; aber dies Einverständnis hatte kaum einige Wochen gedauert, als es durch die Unvorsichtigkeit meiner Teueren plötzlich gestört und mir der fernere Besuch der Religionsstunden in Frankfurt untersagt wurde. Die L. ließ während des Unterrichts ein Zettelchen, das ich ihr beim Eintreten zugesteckt, indem ich sie auf den Wall am Eschenheimer Tor beschied, und das mit einem: ‚einstweilen tausend Küsse, mein lieblicher Engel‘ schloß, aus ihrem Gebetbuch fallen, ohne es sogleich wahrzunehmen, ein anderes neben ihr sitzendes Mädchen hob es auf und übergab es dem Doktor Hufnagel, der es zu unserm beiderseitigen Schrecken las, zu sich steckte und nach der Konfirmandenstunde das arme Kind vornahm, das, heiße Tränen vergießend, beichtete, ich habe sie zu all den gottlosen Dingen verführt. Meine Eltern wurden von der gemachten Entdeckung in Kenntnis gesetzt, teilten sie dem Hofrat Scherer mit, der ohnehin über das Nach-Frankfurt-Laufen als viel zu zeitraubend ärgerlich war, und nun wurde beschlossen, daß ich den Frankfurter Religionsunterricht aufgeben, die Konfirmandenstunden in Offenbach bei dem lutherischen Oberpfarrer Waldeck fortsetzen und daselbst auch konfirmiert werden solle. So unangenehm mir dieser unwiderrufliche Beschluß anfangs war, so wußte ich mich doch bald darein zu finden und fing in der neuen Gebetstunde da an, wo ich es in Frankfurt gelassen hatte, nämlich statt auf die Lehren des guten Herrn Oberpfarrers zu achten, suchte ich mit den hübschesten Mädchen zu liebäugeln, deren es auch hier gab, und eine schmachtende Sophia, ein Kind der Liebe in jedem Sinn, hatte neben Rosettchen, die gleichfalls diese Gebetstunden besuchte, schnell mein so empfängliches Herz zu fesseln gewußt, ich war getröstet, nahm mir aber vor, meine Sache jetzt klüger anzufangen und vor allem keine Zettel mehr zu schreiben, dagegen unterstrich ich die mir gerade dienlichen Worte in meinem Katechismus mit Bleifeder, machte ein kleines Zeichen an den Rand der Zeilen, in denen sich die unterstrichenen Worte befanden, ein Kreuz hinter dem Wort, das eine Phrase schloß, und machte mich so vollkommen verständlich. Beim Herausgehen tauschten wir die gleich gebundenen Bücher gegeneinander aus, ich fand die erbetene Antwort auf dieselbe Weise bezeichnet, denn ich hatte gar gelehrige Schülerinnen für meinen Unterricht, und auf diese Weise wurde gar manche Zusammenkunft verabredet und zustande gebracht.

Damals verbreitete sich in Offenbach und der Umgegend plötzlich die Nachricht, daß der berüchtigte und allgemein gefürchtete Räuberhauptmann Schinderhannes (Johannes Bückler) in Frankfurt im Roten Ochsen, dem österreichischen Werbhaus, gefangen worden sei. Anfänglich wollte niemand daran glauben, bald bestätigte sich jedoch diese große Neuigkeit, sowie, daß man ihn an das französische Gouvernement nach Mainz abgeliefert habe, da er hauptsächlich das linke Rheinufer zum Schauplatz seiner Untaten und Missetaten gemacht hatte, von denen viele höchst originell waren, namentlich die, welche er an Juden, die er besonders haßte, verübte. Seitdem das linke Rheinufer französisch war, hatten ihm die dortigen Gendarmen so gewaltig zugesetzt, daß er sich schon einigemal auf das rechte Ufer geflüchtet und, um sich aus der Klemme zu retten, bei österreichischen oder preußischen Werbern engagiert hatte. Da er noch ein sehr junger und wohlgewachsener Mann war, so wurde ihm jedesmal ein schönes Handgeld ausgezahlt, worauf er sich bei der ersten Gelegenheit wieder aus dem Staube machte und sein Räuberhandwerk von neuem begann. Als ihm einst ein österreichischer Werbeunteroffizier vier Karolin Handgeld ausgezahlt hatte und beide hierauf durch den Frankfurter Wald kamen, zog Schinderhannes plötzlich zwei Terzerole unter dem Wams hervor und sagte zu dem Korporal: „Jetzt geht jeder seinen Weg, ich bin Johannes Bückler,“ und der Unteroffizier mußte ihn gehen lassen. Diesmal war er jedoch im Werbehaus selbst erkannt, festgenommen und wohl geknebelt nach Mainz transportiert worden.

Ich hatte schon so viele und seltsame Dinge von diesem Schinderhannes erzählen hören, daß ich mir ein großes Genie, einen wahren Wundermann unter demselben dachte, den zu sehen ich weiß nicht was gegeben hätte. Zudem war meine Phantasie soeben durch das Lesen des Rinaldo Rinaldini aufgeregt, und obendrein studierte ich die Rolle des Karl Moor aus Schillers Räubern ein. Ich träumte und phantasierte wachend von diesem Helden und dem Schinderhannes, von dem man allgemein glaubte, daß er sich selbst wieder befreien würde, und täglich eine solche Nachricht erwartete; unter dem Volk stand sogar der Glaube fest, daß er sich unsichtbar machen könne. Unterdessen aber wurde sein Prozeß und der seiner Spießgesellen, von denen man die gefährlichstem wie den schwarzen Peter, den tollen Jonas und so weiter nach dem Habhaftwerden ihres Hauptmanns ebenfalls eingefangen hatte, bei den französischen Gerichten zu Mainz eifrigst betrieben, und nach mehreren Monaten kam die Nachricht, daß er samt seinen gefangenen Helfershelfern, dreiundzwanzig an der Zahl, zum Tode verurteilt sei.

Schinderhannes sterben, ohne daß ich dieses Genie gesehen, war mir ein unerträglicher Gedanke. Unter andern Gaben, mit denen mich die gütige Natur beschenkt, war auch eine gute Portion Leichtsinn, die mich gar oft in die allerbedenklichsten Lagen brachte, und mehr als hundertmal setzte ich gleich einem verzweifelten Spieler Existenz, Leben und Vermögen auf einen einzigen Wurf und – gewann meistens; dies ist allerdings das wenn auch desperate Mittel, manches gefährliche Wagnis durchsetzen zu können, indessen muß man dabei auf alles, was kommen kann, gefaßt und resigniert sein.

Als ich mit Bestimmtheit den Tag kannte, der zur Exekution meines Helden festgesetzt war, erklärte ich dem Herrn Hofrat zwei Tage früher, daß ich den kommenden Morgen zur Geburtstagsfeier meines Vaters nach Frankfurt gehen müsse, was er mir nach einigen Einreden, die ich zu widerlegen wußte, zugestand. Ich hatte erfahren, daß den Tag vor der Hinrichtung außer dem jeden Morgen abgehenden Marktschiff noch eine Extrajacht von Frankfurt nach Mainz fahren würde, ich machte mich deshalb in aller Frühe auf die Beine, kam nach sechs Uhr in Frankfurt an, eilte sofort an die Ufer des Mains und schiffte mich auf der Jacht ein, wo ich nicht eher ruhig war, als bis sie die Anker gelichtet, das heißt die Seile, die sie am Ufer hielten, losgebunden, denn ich fürchtete immer noch, eingeholt und zurückgebracht zu werden. Endlich fuhren wir mit Musik und unter dem Jubel der Menge ab. Jetzt erst wurde es mir leichter ums Herz, und ich freute mich innerlich über das Gelingen meines Geniestreichs. Das Schiff war mit Passagieren jeder Gattung bis zum Erdrücken angefüllt. Greise und Jünglinge, alte Weiber und blühende Mädchen, wichtigtuende Beamte und sorglose Bänkelsänger, alles war in buntem Gemisch durcheinander und vertrug sich bestens. Daß fast nur von dem berühmten Räuberhauptmann und seiner Bande die Rede und das dritte Wort Schinderhannes war, von dem man sich die wunderlichsten Abenteuer und Anekdoten, wahr oder erfunden, erzählte, kann man sich denken, sowie daß ich jedes Wort und jede Meinung mit Begierde aufschnappte und das Gesicht verzog, wenn sie mit meinem Ideal nicht übereinstimmten. Indessen war die Fahrt lustig und unterhaltend genug, man sang, spielte, schmauste und zechte, ich naschte Kuchen und Backwerk, was man zum Verkauf ausbot, und verschenkte manch Stückchen an ein hübsches Mädchen. Aber jedermann wunderte sich, daß ich so allein, ohne alle Kopfbedeckung, im bloßen Hals, in dieser Jahreszeit, es war im Winter, und ohne alle Aufsicht zu einer solchen Feierlichkeit nach Mainz reise. Aber unbekümmert stimmte ich in das originelle Lied, das einige lustige Brüder sangen: ‚So geht es in Schnutzel-Putz-Häusel, da tanzen die Katzen und Mäusel‘ mit ein und fuhr heiter den Strom hinab. Erst gegen Abend bekamen wir das alte ehrwürdige, ehemals goldene Mainz mit seinen Türmen, Kirchen und Klöstern zu Gesicht. Nach fünf Uhr wurde gelandet, und während sich alle Passagiere nach Gasthöfen und einem Nachtlager umsahen, war, als ich ausgestiegen, meine erste Frage, ob ein Theater in Mainz sei und ob man diesen Abend spiele, worauf mir eine bejahende Antwort wurde, und zwar, daß man französische Komödie spiele. Ein französisches Stück hatte ich noch nie aufführen sehen, und nichts hätte mich, dessen Neugierde aufs höchste erregt war, abhalten können, demselben beizuwohnen. Ich ließ mir sogleich den Weg zeigen, der nach dem Theater führte, nahm ein Parkettbillett und sah den ‚Kalif von Bagdad‘ und noch ein paar französische Lustspiele aufführen. Als gegen zehn Uhr das Schauspiel beendigt war und ich das Haus verließ, ergoß sich der Regen in Strömen, ich hatte noch an kein Nachtquartier gedacht, befand mich zum erstenmal in einer mir ganz fremden und ziemlich großen Stadt, fragte nun erst nach Gast- und Wirtshäusern, lief, in allen abgewiesen, von einem zum andern, denn niemand wollte sich mit dem seltsamen Gast, der ohne Mantel, Binde und Hut, schon wie ein Pudel durchnäßt, kein großes Vertrauen einflößte, befassen, und zudem waren ja alle Wirtshäuser vom ersten bis zum letzten überfüllt. So rannte ich nun umher, ohne zu wissen wohin, und schon ging es auf Mitternacht zu, als, zähneklappernd und vor Frost zitternd und schaudernd, durch die schon längst menschenleeren Straßen irrend mich der Zufall an das Judenplätzchen führte, wo ich eine vor dem dortigen Wachthaus stehende französische Schildwache anredete und ihr meine Verlegenheit klagte. Sie hieß mich in die Wache eintreten, wo ich mich bei einem guten Feuer trocknen und erwärmen könne, und da ich diesem Rat nicht sogleich Folge leistete, so öffnete mir der Soldat selbst die Tür, rief den wachehabenden Sergeanten, dem er mein Abenteuer mitteilte, der mich nun in das Wachtzimmer nötigte, wo er und seine Leute warmen Anteil an meinem Schicksal nahmen, mich scherzend bedauerten, nach französischer Weise Witze und Bonmots über mein Malheur machten, sonst aber sehr artig waren. Sie halfen mir die nassen, triefenden Kleider ausziehen, mich einstweilen in eine ihrer Kapotten hüllend, und mir, während sie meine Effekten am Feuer trockneten, ein Nachtlager auf der Pritsche mit Soldatenmänteln und einem Tornister, der mir statt Kopfkissen diente, bereitend, auf dem ich auch bald nach Herzenslust schnarchte. Als ich am anderen Morgen erwachte, waren meine Kleidungsstücke getrocknet und sogar gereinigt und ausgebürstet, man war mir beim Ankleiden behilflich, und ich, für die erwiesene Gastfreundschaft erkenntlich, regalierte die ganze Wache avec la goutte und eilte, nachdem ich Teil an dem militärischen Frühstück und Abschied von meinen gefälligen Schlafkameraden genommen, mit fast ganz leerer Tasche, denn ich hatte nur wenige Gulden, nach dem zur Exekution bestimmten Platz, auf dem ehedem die prächtige kurfürstliche Favorite gestanden und den jetzt wieder schöne Gartenanlagen zieren. Die schon von allen Seiten dahin strömenden Volksmassen zeigten mir den Weg.

Daselbst angekommen, fand ich einen großen Kreis durch ein militärisches Spalier gebildet, in dessen Mitte die rot angestrichene Guillotine stand. Gerne wäre ich in den Kreis gegangen, aber das Militär ließ niemand durch, nur Offiziere und höhere Beamte hatten dieses Vorrecht. Schon harrte die unermeßliche Zahl der Neugierigen stundenlang, als man endlich einen dumpfen Trommelschlag und gleich darauf ein: „Sie kommen, sie kommen!“ vernahm. Es fuhren nun mehrere Kutschen mit diensttuenden Beamten in den Zirkus, ich paßte einen günstigen Augenblick ab und stahl mich hinter einer solchen in denselben. Jetzt kamen die armen Sünder auf mehreren Leiterwagen, teils mit roten, teils mit weißen Hemden bekleidet, in Begleitung katholischer und protestantischer Geistlicher angefahren. Noch immer dachte ich, daß irgendein Deus ex machina kommen müsse, um die Räuberhelden zu befreien, aber vergeblich. – Jetzt herrschte eine Totenstille im ganzen Umkreis. Schinderhannes sprang zuerst vom Wagen, stieg beherzt und mit Anstand auf das Schafott, sprach noch einige Worte, die ich nicht verstand, machte eine kurze Verbeugung gegen die Zuschauer, legte das Haupt auf den Block, den das zentnerschwere Messer mit einem ringsum widerhallenden Schlag vom Rumpf trennte, wobei mir ein tiefer Seufzer entfuhr, und ich lispelte: „Rinaldo Rinaldini ist nicht mehr!“ Ich hatte den einst so gefürchteten Schinderhannes ganz in der Nähe gesehen und dessen Züge nicht ohne einen Ausdruck, der einen gewissen Edelmut zu verkünden schien, gefunden. Bis zum letzten Augenblick zeigte er die größte Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Ihm folgten die Mitverurteilten der Reihe nach rasch hintereinander, keiner jedoch zeigte den Mut des Anführers, einige mußten sogar ohnmächtig auf das Schafott getragen werden. Ich hielt es nur bis zum zehnten aus, dann wurde mir die Schlächterei und das viele Blut zuwider; ich eilte in die Stadt zurück, wo ich am Tor hinter einem Tisch, auf dem eine blecherne Büchse war, mehrere Männer stehend fand, von denen einer ein einjähriges Kind auf dem Arm hatte; es war der Sohn des guillotinierten Räuberhauptmanns, dem alle Vorübergehenden reichliche Gaben spendeten; auch ich warf ein Sechskreuzerstück, die Hälfte von dem, was ich noch übrig hatte, in die Büchse, als Beitrag für den Nachkömmling des verunglückten Helden.

Indessen war die Mittagsstunde herangekommen, und mein leerer Magen mahnte mich, daß ich gewohnt war, ihn um diese Zeit zu füllen; als ich so überlegte, daß dies mit sechs Kreuzern eine ziemlich schwere Aufgabe sei, begegnete mir gerade ein guter Freund unserer Familie, der in Mainz wohnte, der Hofrat Jung, und fragte mich verwundert, wie ich nach Mainz gekommen und ob ich allein sei. Ich teilte ihm nun mein Abenteuer mit, ohne ihm zu sagen, daß ich heimlich und ohne Erlaubnis den Abstecher gemacht, worauf er mich zum Mittagessen einlud, mich mit sich nahm und schmälte, daß ich ihn nicht sogleich nach meiner Ankunft zu Mainz aufgesucht und bei ihm logiert habe. Denselben Abend nahm er mich mit seinen Kindern auf einen großen, im Schröderschen Kaffeehaus veranstalteten Ball, und den anderen Morgen trat ich nach eingenommenem Frühstück die Reise zu Fuß nach Frankfurt an, da ich kein Geld hatte, einen Platz in einem Wagen oder Schiff zu bezahlen, und Jung nicht darum ansprechen mochte. Je mehr ich mich aber Frankfurt näherte, wo ich mit großem Hunger und höchst ermüdet ankam, desto mehr klopfte mir das Herz, denn nicht ohne Grund fürchtete ich ein schweres Ungewitter. Ich faßte aber Mut und betrat das Vaterhaus, wo ich über alle Erwartung gnädig von meinen Eltern aufgenommen wurde, die in namenloser Angst, was aus mir geworden, nur froh waren, mich gesund und mit heiler Haut wiederzusehen. Scherer hatte den zweiten Tag nach meiner Abwesenheit fragen lassen, warum ich nicht zurückkäme. – Nachdem ich mich gehörig restauriert hatte, wurde ich noch denselben Abend nach Offenbach spediert, wo es aber nicht so gelinde abging, sondern ich drei Tage lang in die Rauchkammer und zwar bei Wasser und Brot gesperrt und mir verkündet wurde, daß ich in den ersten drei Monaten nicht mehr nach Frankfurt dürfe. Mein Trost in dieser Einsamkeit war: Du leidest dies alles um Schinderhannes willen, hast den unsterblichen Helden des Jahrhunderts sterben, eine Guillotine, ein französisches Theater, einen Ball und Mainz gesehen und eine merkwürdige Reise gemacht.

Ein Trauerfall und dann eine fröhliche Begebenheit waren Ursache, daß ich schon in den ersten vierzehn Tagen wieder das väterliche Haus besuchen sollte. Meine jüngste Schwester Auguste, ein überaus liebliches, fast bei ihrem Leben schon verklärtes Wesen, starb nach einem Krankenlager von kaum drei Tagen. Meine untröstlichen Eltern wollten nun alle ihre Kinder um sich sehen, und auch ich wurde deshalb nach Frankfurt geholt.

Sechs Wochen nach diesem Todesfall heiratete mein Oheim Fritz Weller eine Tochter aus einem der angesehensten und reichsten Häuser Frankfurts, und nun gab es wieder Feste über Feste. Um einen Begriff von der raffinierten Gaumenschwelgerei einiger reicher Frankfurter Kaufleute zu geben, will ich hier nur ein einziges Faktum anführen. Dem Brautpaar zu Ehren gab ein gewisser Fingerling, einer der reichsten Handelsleute der Stadt, der besonders wegen der Erfindung pikanter Saucen und mehrerer Gerichte, die seinen Namen trugen, berühmt war, einen großen Schmaus auf dem Forsthaus, zu dem die ganze Verwandtschaft eingeladen war. Unter der Zahl der endlosen Schüsseln war eine, die er den ‚Kapaun im Schlafrock‘ benannte, deren Erfinder zu sein er sich mit Stolz rühmte und von deren Zubereitung er folgende schauderhafte Beschreibung machte. Zuerst wurde der Kapaun mehrere Monate mit Markklößchen gemästet, sodann, wenn er fett genug war, lebendig gerupft, hierauf mit Butter und Bordeauxwein am ganzen Körper eingerieben und sodann mit einer Peitsche in einem geheizten Zimmer so lange herumgehetzt, bis sich Butter und Wein mit dem Schweiß des armen Tieres vermischten und in dessen Haut gedrungen waren. Diese Operation wurde mehrmals wiederholt, bevor man den Kapaun tötete, worauf er in die Haut eines frisch geschlachteten Spanferkels genäht und so gebraten wurde. Mehreren Gästen wurde es bei dieser, an der Tafel selbst mit wohlgefälliger Prahlerei mitgeteilten Erzählung beinahe übel, und die meisten, unter denen auch das Brautpaar, wollten nichts von dieser gerühmten Schüssel genießen, während es sich mehrere Hoch- und Gutschmecker mit schwabbelnden Bäuchen so trefflich schmecken ließen, daß sie den Braten allein mit Haut und Haar aufzehrten. Auch zur üppigsten Zeit der Römer haben deren größte Schlemmer nichts Abscheulicheres ausgeheckt, ihre Gaumen zu kitzeln.

Gleich nach der Hochzeit wurde eine Rheinreise auf einer von meinem Oheim eigens dazu gemieteten Jacht veranstaltet, an der auch meine Eltern und wir Kinder teilnahmen. Die Fahrt ging nach dem alten Köln; bei dieser Gelegenheit sah ich zum erstenmal die herrlichen Gegenden, die sich längs dem Vater Rhein auf beiden Ufern ausdehnen, und bewunderte die alten, auf steilen Felsen hängenden Burgruinen, die köstlichen Weinberge, die vielen freundlichen Städte und Ortschaften, die so malerisch gelegenen Kirchen, Klöster, Villen und Meiereien, die Gebirge, die in steter Abwechslung von Mainz bis Bonn an dem entzückten Auge vorüberschweben.

Nach diesen Festivitäten kehrte ich wieder nach Offenbach in meine Pension zurück, um bald darauf konfirmiert zu werden, ob ich gleich auch nicht eine Seite vom Katechismus, gar keine Bibelsprüche, ja nicht einmal das Vaterunser, dagegen wenigstens ein Dutzend Theaterrollen bis auf das Tipfelchen auswendig konnte. Der Herr Oberpfarrer war aber sehr nachsichtsvoll und so gütig, mir nur solche Fragen vorzulegen, die ich nicht anders als mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten konnte. Dennoch erhielt ich bei dieser Gelegenheit reiche Geschenke von meinen Verwandten, so wie der Herr Oberpfarrer auch gut bedacht wurde.

Nach der Konfirmation widmete ich mich mehr denn je den dramatischen Studien. Bei dem Hofrat André waren ein paar junge Leute, namens Winter und Reinwald, welche die Harmonie und den Generalbaß studierten, diesen sang ich meine Opernrollen vor, und sie feuerten mich nicht wenig durch ihren unverdienten Beifall an. Sie waren auch im Haus der als Schriftstellerin bekannten Sophia La Roche eingeführt, und durch sie und Bettina Brentano, die ihrer Großmutter von mir gesprochen, ward ich derselben vorgestellt, deklamierte ihr mehrere Gedichte vor, und als sie meinen festen Vorsatz, mich dem Theater zu widmen, erfuhr, sagte sie: „Ich wüßte nicht, was ich tun würde, wenn ich ein Kind hätte, das diese Karriere wählte.“ – Was mich noch mehr in meinem Entschluß befestigte, war, daß ein anderer junger Mensch namens Eduard St..., der mein Vetter und zwei Jahre älter als ich war, durchaus eine gleiche, ja noch größere Neigung als ich zur Schauspielkunst, dabei eine einnehmende Figur, aber wenig Talent hatte. Wir kamen jetzt in der Regel jeden Sonntag in einem Garten des Wasserhofs, einer in der Mitte zwischen Offenbach und Frankfurt am Main liegenden Meierei, zusammen, wo wir uns gegenseitig unsere Pläne und Hoffnungen für die Zukunft bei einer Schale süßer Milch und Weck mitteilten und unsere Rollen überhörten.

Ich suchte nun auch Herrn Schmidt, den Kapellmeister des Frankfurter Theaters, auf, dessen Bekanntschaft ich bei dem Herrn Geheimrat Willemer gemacht, der ein großer Theaterfreund und Aktionär des Frankfurter Theaters war und die Koryphäen desselben häufig auf sein Landgut bei Oberrad einlud. Ich deklamierte und sang den Herren vor, und sie meinten, daß ich allerdings nicht ohne Talent für die Bühne sei; ich sah mich schon im Traum ein Roscius, Garrik oder Iffland, auf dem Theater zu Weimar und Berlin, die damals für die ersten Deutschlands galten. Bei dieser Gelegenheit in Willemers Garten lernte ich ein Fräulein von W... kennen, deren Vater ein Gut in Bockenheim gehabt und in Frankfurt bei einer Spielbank interessiert war; dieses hübsche Mädchen, das auch den Namen Henriette führte, hatte meine Deklamation und mein Gesang angesprochen, sie bezeigte mir viel Teilnahme, und wir waren bald auf dem Fuß, daß sie mir erlaubte, sie abends nach neun Uhr in ihrem Garten in Bockenheim besuchen zu dürfen; ich ließ mir dies nicht zweimal sagen, sondern begab mich unter dem Vorwand, wegen Unpäßlichkeit früh zu Bette zu gehen, gleich nach dem Abendessen in mein Schlafzimmer, das ich von innen verriegelte; sodann stieg ich aus dem Fenster hinab, rannte nach Bockenheim und suchte daselbst, über W.s Gartenmauer kletternd, das Plätzchen auf, an dem mir Fräulein Henriette Rendezvous gegeben hatte. Es war eine kleine, von dickem Gebüsch umgebene Laube. Damit ich aber in Zukunft nicht mehr zu klettern brauchte, händigte sie mir den Schlüssel zu einem Hinterpförtchen ein, den sie durch ihr Kammermädchen, das ihre Vertraute war, hatte machen lassen. Die Mama dieses lieben Kindes, noch eine schöne Frau, hatte ein Einverständnis mit dem Schauspieler Werdy, dem ersten Liebhaber und Helden des Frankfurter Theaters, und dieser befand sich gleichfalls im Besitz eines solchen Schlüssels. Eines Abends, als ich nach zehn Uhr den Garten verließ und eben den Schlüssel in das Schloß des Pförtchens stecken wollte, öffnete sich dieses, und ich stand Werdy gegenüber, – anfänglich waren wir beide ein wenig frappiert, doch bald wieder gefaßt sagte Werdy zu mir: „Ich weiß, welches Wildes Spur Sie hier verfolgen, wir gehen einander nicht in das Gehege; ist mir die Tochter nicht beschieden, so suche ich die Mutter auf, doch reinen Mund.“ – Das Kammermädchen Henriettens, das, wie ich später erfuhr, Werdys Herz mit der gnädigen Frau teilte, hatte diesem geplaudert; da die Zofe indessen auch noch ein Einverständnis mit dem Jäger des Herrn von W... hatte und dieser ihre Intrigue mit dem Schauspieler entdeckte, so gab es bald Lärmen und Hallo, den Herr von W... klug genug war zu vertuschen, mit dem Mantel die Liebe zuzudecken, und dem Jäger Wambold wie dem Kammermädchen gab er den Abschied. Aber auch meine nächtlichen Besuche in W.s Garten hatten ein Ende, da auf Befehl des Obersten derselbe sowie das Fräulein strenge bewacht wurden. – Indessen war damit noch nicht unser Verhältnis abgebrochen. Henriette fand Mittel, mir ein Billett zuzustecken, durch welches sie mich einlud, mich abends nach dem Theater am Weißen Schwanen einzufinden, wo sie oft stundenlang allein im Wagen halten und auf den Papa, der oben spiele, warten müsse. – Diese Gelegenheit paßte ich ab, und so oft ich sah, daß meine Angebetete allein in der Loge war, fand ich mich nach beendigtem Schauspiel am Schwanen ein, wo ich dann Gelegenheit hatte, mich zuerst lange am Kutschenschlag mit ihr zu unterhalten; aber der wartende Bediente mußte mit in das Geheimnis gezogen und also bestochen werden. Dies war eben kein schweres Stück Arbeit, und da ich außer meinem Taschengeld noch viel von meinen Konfirmationsbatzen hatte, so ließ ich es an Trinkgeldern nicht fehlen und zahlte generös, was zur Folge hatte, daß der Bediente bald zu mir sagte: „Aber warum wollen Sie hier am Wagen stehen, steigen Sie doch ein, ich will schon aufpassen, wenn Papa kömmt.“ Ich war mit einem Sprung in dem Wagen, verdoppelte das Trinkgeld, denn er mußte mit dem Kutscher teilen, und während unser Figaro oben auf der Treppe stand und aufpaßte, wenn sich die Tür des Spielzimmers öffnete, in dem Oberst W... die Karten zum Pharao oder Rouge und Noir mischte und die gewonnenen Dukaten einstrich, spielten wir im Wagen à l’amour und auch Rouge und Noir. Wir verabredeten auch einige Morgenzusammenkünfte in Henriettens Garten, in den ich mich dann, beinahe mit Sonnenaufgang, wenn wir noch alles in den Federn vermuteten, wieder über die Mauer kletternd, stahl. – Aber eines Morgens war es Papa W..., der nicht hatte schlafen können, eingefallen, ebenfalls mit Tagesanbruch aufzustehen, um – seine den vorigen Abend mit heimgebrachten Dukaten zu wiegen, ein Geschäft, das er jeden Morgen vornahm, um die zu leicht befundenen den Abend wieder mit ins Spiel zu nehmen; da führte ihn der Zufall gerade an das Fenster, als ich die Retirade über die Mauer antrat; er hatte mich aber nicht erkannt, sondern in der Meinung, es seien Diebe, das ganze Schlößchen aufrührerisch gemacht, das Gesinde aus dem Schlaf klingelnd und herbeirufend. Henriette war eiligst wieder in ihr Bett geschlüpft und fand sich mit Mutter und Schwester ein, ganz erstaunt nach der Ursache des gewaltigen Lärmens fragend. – Von jetzt an unterblieben meine Morgenbesuche.

Obgleich meinen Eltern und Verwandten meine Theaterliebhaberei längst bekannt war, so hielten sie solche doch nicht für so ernsthaft und eingefleischt, als sie es in der Tat war, und dachten noch weniger daran, daß ich mich ganz der Bühne widmen wolle; als sie aber endlich durch Frau von La Roche und Geheimrat Willemers erfuhren, mit welchem Eifer und Enthusiasmus ich für die dramatische Kunst eingenommen sei, ja daß ich bei dem Kapellmeister Schmidt sogar schon Schritte getan, um mich nach einem Engagement umzusehen, da wurde ihnen mit einem Mal klar, daß man diesen Hang, der zu einer wahren Leidenschaft geworden, bisher viel zu wenig beachtet habe. – Man hatte mich für den Handelsstand bestimmt, wie die meisten Eltern Frankfurts, welche diesem Stand angehören, nur einzig und allein Glück und Heil in diesem für ihre Kinder erblicken und mit einer stupiden Verachtung auf fast alle anderen Stände herabsehen, sie brotlose Künste nennend, die Mediziner ausgenommen, vor denen sie aus Furcht vor den Krankheiten und dem Tod noch einigen Respekt haben. Aber gerade der Kaufmann war es, der mir vor allem anderen zuwider war und vor dem ich einen wahren Ekel hatte.

Man drang nun immer mehr in mich, daß ich mich für einen Stand erklären solle, indem es Zeit sei, einen Entschluß zu fassen, besonders wenn ich mich dem Handelsstand widme, was wohl das beste für mich sei, da fast alle meine näheren Verwandten mit geringer Ausnahme diesem angehörten und diese Karriere mit Glück betreten hätten. Von allen Seiten gedrängt, erklärte ich endlich rund heraus, ich würde nichts anderes als Schauspieler werden, wozu ich den höchsten Beruf in mir fühle. – Jetzt aber war Feuer in allen Ecken, weniger aber hatte ich von meinen Eltern als von der übrigen Verwandtschaft zu leiden, besonders dem weiblichen Teil derselben: ich wolle die ganze Familie entehren und an den Pranger stellen, hieß es, und alle Basen hielten es für ihre Pflicht und sich berechtigt, mich deshalb herzunehmen und mir die Leviten zu lesen. Es wurde mir unaufhörlich von allen Seiten so zugesetzt, daß ich beschloß, der ganzen Geschichte schnell durch einen Desperationscoup ein Ende zu machen. Erst kürzlich hatte ich Wilhelm Meisters Lehrjahre von Goethe gelesen und wieder gelesen, mich ganz in das Buch und den Charakter Wilhelms vernarrt und faßte nun den Entschluß, den Schöpfer desselben, mit dessen Familie wir ohnehin liiert waren, aufzusuchen, in dem festen Glauben, dieser, der selbst ein so großer Verehrer der dramatischen Kunst sei, würde und müsse mich als ihren Jünger mit offenen Armen aufnehmen. Ich steckte, was mir noch von meinen Konfirmationsgeldern übrig, zu mir, setzte mich auf den Postwagen und fuhr, ohne jemand ein Wort davon zu sagen, nach Weimar, dem damaligen Sitz der deutschen Musen, dem Geburtsort Kotzebues, dem Aufenthalt Schillers, Goethes, Wielands, Herders und so weiter. – Zum Tage meiner Abreise hatte ich wohlüberlegt das Fest des Bornheimer Lerchenherbstes, an dem die Frankfurter so viel tausend Sperlinge für Lerchen verspeisen und bezahlen, gewählt, weil da meine Abwesenheit weniger und erst spät in der Nacht bemerkt würde. Ich fuhr unaufgehalten über Fulda, Eisenach, Gotha und Erfurt, kam den zweiten Tag gegen Abend wohlbehalten, reich an Hoffnungen und Erwartungen und unbekümmert über die Bekümmernis, die ich den Meinigen verursachen mußte, in Weimar an, wo, kaum im Gasthof abgestiegen, ich noch denselben Abend meinen berühmten Landsmann aufsuchte, ihn jedoch nicht traf und auf den folgenden Morgen nach zehn Uhr beschieden wurde.

Empfehlungsschreiben hatte ich zwar keine, hielt diese auch, als mit Goethes Verwandten genau bekannt, für unnötig. Ziemlich von der Reise ermüdet, hatte ich trefflich geschlafen, kleidete mich schon in aller Frühe recht sorgfältig an, und da ich doch den großen Dichter nicht wohl in den ersten Morgenstunden inkommodieren konnte, so trieb ich mich einstweilen in den eben nicht sehr schönen und krummen Straßen Weimars herum, besah das nicht sehr merkwürdige Schloß, den Exerzierplatz, Thaliens Tempel, den ich mir ebenfalls weit imposanter vorgestellt hatte, ging sodann in die schönen Anlagen des Parks, mit Sehnsucht erwartend, daß die Glocke die Stunde anzeigen möge, zu der es schicklich, meine Aufwartung zu machen.

Es schlug endlich zehn, und ich eilte nun nach Goethes Wohnung, wo ich mich als einen Landsmann und guten Bekannten seiner Familie melden ließ. Ich ward sofort vorgelassen, traf ihn jedoch nicht allein, sondern in Gesellschaft einer ziemlich martialisch aussehenden Dame. Ich hatte ihn nur ein paarmal und immer nur einige Augenblicke gesehen, wenn er auf Besuch in Frankfurt war, und wußte mir ihn infolge meines schlechten Personengedächtnisses nicht mehr recht vorzustellen. Er sah der Frau Rat, seiner Mutter, ähnlich, war von ziemlich hoher Statur, kam mir etwas breitschulterig vor, trug das Haupt hoch, und in seinen Minen drückte sich ein mich abschreckender Ernst, ja sogar Strenge aus. Die ganze Figur kam mir steif und abgemessen vor, und vergeblich suchte ich in seinem Gesicht einen Zug, der mir den gemütlichen Verfasser von Werthers Leiden oder Wilhelm Meisters Lehrjahren verraten hätte. – Bei seinem Anblick erstarrte mir das Blut fast in den Adern, und das Herz war mir, wie die Frankfurter sagen, so ziemlich in die Schuhe gefallen. Nur stotternd und stockend konnte ich mein Anliegen vorbringen, bei dem sein sich verfinsternder Blick mir eiskalt durch die Adern schauerte. Ich stammelte, daß ich, seine Werke lesend, eine unwiderstehliche Neigung für die Bühne geschöpft, daß sein Wilhelm meine Liebe zur Schauspielkunst aufs höchste gesteigert habe, nannte ein Dutzend Rollen, die ich schon einstudiert, vergaß aber in meiner Bestürzung unglücklicherweise einige aus seinen Stücken zu nennen, obgleich ich auch den Egmont auswendig gelernt. – Als mich der finstere Mann endlich fragte, ob ich keine Briefe an ihn mitgebracht, und ich ihm hierauf den Geniestreich, den ich gemacht und zu dem mich hauptsächlich sein Wilhelm veranlaßt, eingestand, da legte sich seine Stirne noch mehr in Falten, nur ein karges: so, so! entwischte noch seinen Lippen, und nachdem er gefragt, wo ich wohne, verabschiedete er mich mit der Bedeutung, er würde mich das weitere wissen lassen, ich solle mich indessen ruhig in meinem Gasthof verhalten.

Wie mißmutig mich der gegen alle meine Erwartungen glaziale Empfang und die unfreundliche Aufnahme gestimmt, kann man sich denken. Mehr Anteil, so schien es mir, habe noch die neben meinem steifen Landsmann stehende heroische Dame an mir genommen, wenigstens schienen dies ihre Blicke zu verraten, denn sie war während der ganzen Szene stumm. Gar zu gerne hätte ich Goethe gesagt: Was sind Sie für ein hölzerner Patron, Sie können unmöglich Wilhelm Meisters Lehrjahre geschrieben haben, verschluckte es aber. – Als ich mit einer stummen Verbeugung aus dem Zimmer war, ward es mir wieder leichter ums Herz, und ich erkundigte mich bei einem dienstbaren Geist, wer die Dame sei, die ich gesehen, worauf mir der Bescheid wurde: „Eine französische Frau, die sich Madame von Staël nennt.“ Es war in der Tat Neckers berühmte Tochter, die ich gesehen, welche sich gerade damals nebst Benjamin Constant in Weimar befand, aber beide interessierten mich zu jener Zeit noch wenig, sie hatten ja beide nichts mit meiner, der bretternen Welt zu schaffen.

Nachdem ich mich einigermaßen von meiner moralischen Erkältung wieder erholt hatte, dachte ich, du mußt es doch auch bei Schiller versuchen; dieser, obgleich schon sehr leidend, nahm mich doch weit freundlicher auf und gestattete mir, ihm Ferdinands Monolog: ‚Verloren, ja Unglückselige‘ sowie ein Stück aus der Glocke vorzudeklamieren, worauf er mir sagte: „Sie sind allerdings nicht ohne Talent für die Kunst, wenn Sie sich Mühe geben, so können Sie es weit bringen, ich will mit Goethe sprechen, der allein kann hier etwas für Sie tun.“ Von diesem herrlichen Dichter schied ich nun etwas getrösteter, brachte den übrigen Teil des Tages zu, die nächsten Umgebungen Weimars zu besuchen, ebenso den folgenden und noch ein paar andere Tage, besuchte einigemal das Theater, wo ich Goethe und Frau von Staël sowie Wieland und Benjamin Constant in Gesellschaft des Erbprinzen von Sachsen-Weimar sah. Und so hatte ich wenigstens Deutschlands größte Genies bei Gelegenheit der Reise nach Weimar von Ansehen kennen gelernt.

Schon war ich sechs Tage daselbst, ohne daß ich weiter etwas von Goethe oder Schiller gehört hätte, und fing an zu glauben, daß mich ersterer ganz vergessen habe, als sich am Morgen des siebenten plötzlich meine Türe öffnete, und herein trat – mein Großoheim, der Oberpfarrer von Homburg; er grüßte mich mit den Worten: „Du heilloser Galgenstrick, was machst du für Streiche,“ worauf noch eine lange Strafpredigt und die Erklärung folgte, ich habe mich sofort reisefertig zu machen, da er noch denselben Tag mit mir nach Frankfurt zurückkehren wolle, und wenn ich nicht gutwillig gehorche, sich die hochlöbliche Polizei in das Spiel mische, wo mir es dann schlimm ergehen würde.

Ich sah mich verraten und verkauft, hatte weder von Goethe noch von Schiller noch von allen Musensöhnen Weimars und Jenas etwas mehr zu hoffen und trat gleich nach Mittag die Heimreise per Extrapost mit meinem Oheim an. Schiller starb bald darauf, und Goethe habe ich auch nie wiedergesehen, aber später erfahren, daß er mich gewissermaßen unter polizeiliche Aufsicht in meinem Gasthof hatte stellen lassen. Gleich nachdem ich ihn verlassen, hatte er an seine Mutter nach Frankfurt geschrieben und dieser meine Anwesenheit in Weimar und mein Begehren an ihn gemeldet. Frau Rat Goethe aber war nach Empfang dieses Briefes zu meinen Eltern geeilt, ihnen dessen Inhalt mitzuteilen, worauf in einem Familienrat bestimmt wurde, daß mich der Oheim in Homburg holen und zu sich nehmen solle, um mir ‚den Komödianten aus dem Kopf zu treiben‘.