Vierzig Jahre
aus dem
Leben eines Toten

Zweiter Band

Sechste Auflage

Vierzig Jahre
aus dem
Leben eines Toten

Hinterlassene Papiere
eines französisch-preußischen Offiziers

In drei Bänden

Zweiter Band

Egon Fleischel & Co.
Berlin
1916

Inhalt
des zweiten Bandes.

Seite
I.
Zweiter Aufenthalt zu Neapel. – Ende der Frankfurter freireichsstädtischen Herrlichkeit. – Ich werde von der Terzana befallen. – Das Einstürzen der Häuser in Neapel. – Madame Gasqui. – Ein Vexiermarsch nach Capua. – Großes Avancement im Regiment. – Die Vicaria und ihre Höllenkerker. – Marietta und Teresina. – Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. – Hazardspiele und Liebhabertheater. – Die hübsche Apothekersfrau. – Das Aqua Tofana[1]-[35]
II.
Abmarsch nach Civita-Vecchia. – Die Pontinischen Sümpfe. – Civita-Vecchia. – Ich werde Platzkommandant zu Albano. – Meine Ausflüge nach Rom. – Bankier Torlonia. – Prinzessin Cesarini. – Angelika Kaufmann. – Rom. – Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. – Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den Mauern[35]-[49]
III.
Die Katakomben. – San Sebastian fuori le mura. – Das Abenteuer in den Katakomben. – Die Karnevalsfreuden. – Noch ein Mordanfall. – Die junge Witwe. – Antiquar Vasi und seine Tochter. – Canova. – Beendigung des Karnevals. – Die Entführung einer Nonne. – Der Kardinal-Bischof und der Impressario. – Ich werde zum dritten Bataillon versetzt. – Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom[49]-[100]
IV.
Reise über Florenz nach Genua. – Ankunft zu Florenz. – Eine Überraschung. – Ein Abenteuer. – Die Kathedrale San Maria del Fiore. – Die mysteriösen Schönen. – Lady Mary. – Das Arnotal. – Die schönen Strohflechterinnen. – Abreise nach Genua[101]-[120]
V.
Zweiter Aufenthalt in Genua. – Alte und neue Bekanntschaften. – Signora Palatini. – Ein sentimentales Rendezvous. – Die Brigantenjagd in den italienischen Alpen. – Bocchetta. – Ich nehme fast eine ganze Bande gefangen. – Rückkehr nach Genua. – Das Konservatorium Fieschino. – Albertine. – Ich entdecke eine furchtbare Verschwörung. – Ich avanciere zum Kapitän und werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. – Abreise nach Civita-Vecchia[120]-[153]
VI.
Reise über Mailand nach Rom. – Mailand. – Die Einwohner. – Der Advokat Mazetti. – Eine Spielhölle. – Ich rette Graf G... aus den Klauen falscher Spieler. – Bellina. – Abreise von Mailand nach Rom. – Ankunft zu Rom. – Wiedersehen. – Abfahrt nach Neapel[154]-[165]
VII.
Ankunft in Neapel. – Das Liebhabertheater in Giesù nuovo. – Besteigung des Vesuvs. – Der Hof des Königs Joseph. – Eine deutsche Vorstellung. – Helenchen Cramer. – Caserta. – Nocera de pagani. – Die Ruinen von Pestum. – Zweiter Feldzug in Kalabrien. – Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal. – Die Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. – Monteleone. – Ermordung eines Kuriers. – Fondaco del Fico. – Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den Briganten. – Die hübsche Kalabreserin. – Mileto. – Belagerung der Festungen Scilla und Reggio. – Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. – Rückmarsch nach Neapel. – Abreise nach Genua[165]-[202]
VIII.
Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach Marseille. – Marsch von Marseille nach Perpignan. – Perpignan. – Eine spekulative Spröde. – Toulouse. – Formierung des zweiten Observationskorps an den Pyrenäen. – Ich werde zum dritten Reservekorps versetzt. – Bayonne. – Bordeaux. – Bazas. – Hasparren. – Napoleons Intrigen gegen Spanien. – Abmarsch nach diesem Land. – St. Jean de Lüz[202]-[213]
IX.
Einmarsch in Spanien. – Die baskischen Provinzen. – Miranda de Ebro. – Der Engpaß Garganta Pancorbo. – Briviesca. – Burgos. – Quintana de la Puente. – Valladolid. – Ein Autodafé. – Eine schöne Andalusierin. – Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons Absichten hinsichtlich Spaniens. – Marsch nach Segovia. – Biwak bei Segovia. – San Lorenzo. – El Pardo. – Glänzender Einmarsch in Madrid[213]-[234]
X.
Ferdinand VII. Einzug in Madrid. – Der Friedensfürst. – Der Aufstand zu Aranjuez und Madrid. – Karl IV. Abdankung. – Napoleon zu Madrid erwartet. – Ferdinand vom Volk angebetet und von Savary nach Bayonne gelockt. – Karl IV. protestiert gegen seine Abdankung. – Donna Calvanillas und Rosa Maria. – Theater. – Cortesanos, Majos und Muchachas. – Sitten der Einwohner. – Der Fandango vor Gericht. – Wohnungen. – Der Adel. – Autodafés. – Die Erstürmung von Amors Schloß[234]-[257]
XI.
Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. – Aufstand zu Toledo. – Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. – Wegnahme des Artillerieparks. – Ich rette einem Insurgenten das Leben und werde dabei verwundet. – Ein Renkontre mit Murat. – Eine gefährliche Zusammenkunft. – Abmarsch nach Toledo. – Abmarsch über Madrid nach Aragonien. – Unterwürfigkeit der Madrider Behörden und des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. – Fast ganz Spanien im Aufstand. – Die Junta zu Sevilla und die Provinzialjuntas erklären Frankreich den Krieg. – Wir stoßen zu dem Belagerungsheer vor Saragossa[258]-[277]
XII.
Erste Belagerung von Saragossa. – Palafox. – Außerordentliche Verteidigungsanstalten der Aragonier. – Vorgänge bis zur Belagerung. – Überblick der Geschichte Saragossas. – Heldenmütige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. – Eine Heroine. – Ein seltsames Stiergefecht. – Furchtbarer Straßen- und Häuserkampf. – Die gefangenen Nonnen. – Aufhebung der Belagerung. – Marsch nach Barcelona. – Ich werde stark verwundet und krank. – Aufenthalt zu Barcelona. – Spanische Sitten, Tänze, Theater usw. – Abreise zur See nach Frankreich[278]-[310]
XIII.
Ankunft zu Montpellier. – Ich werde zum 29. Regiment versetzt. – Murat, König von Neapel. – Ermordung einer Kompagnie Voltigeurs. – Der neue König macht sich beim Volk beliebt. – Einnahme der Insel Capri. – Ich werde dekoriert. – Helenes Hochzeitsfeier. – Castellamare. – Dritter Feldzug in Kalabrien. – Rückkehr nach Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. – Ich werde nach Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen. – Neue Bekanntschaften. – Eine durch eine beabsichtigte Leichenberaubung entdeckte Verschwörung. – Murats Politik und Reformen. – Abmarsch nach dem Kirchenstaat[310]-[340]
XIV.
Besitznahme des Kirchenstaates. – Ende der weltlichen Herrschaft des Papstes. – Die Kommandantur zu Velettri. – Der Bischof und der Fournisseur. – Gewaltsame Entführung Pius VII. – Ich gehe als Kurier nach Wien. – Ich übergebe Napoleon meine Depeschen. – Kurze Unterredung mit demselben. – Schönbrunn. – Parade daselbst. – Wien. – Volksstimmung daselbst. – Das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt gefeiert. – Quartierfreuden. – Liebenswürdige Wirtinnen. – Rückreise nach Italien. – Klagenfurt. – Udine. – Treviso. – Mestre. – Ankunft zu Venedig[340]-[369]
XV.
Venedig. – Sankt Markus-Kirche und Turm. – Der Dogenpalast. – Die Pozzi und Piombi. – Die Rialtobrücke. – Das Arsenal. – Die Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. – Venedigs Flor und Verfall. – Der St. Markusplatz. – Die Venezianerinnen. – General Menou. – Dessen religiöse Ansichten. – Ein Mordanfall. – Abreise von Venedig. – Padua. – Ferrara. – Ravenna. – Der Domgeist daselbst. – Eine schöne Reisegefährtin. – Velettri. – Jagd in den Pontinischen Sümpfen. – Abreise nach Paris[369]-[415]
XVI.
Paris im Jahre 1810. – Das Palais Royal. – Unvermutetes Zusammentreffen mit dem Fürsten Y... – Der Konkordienplatz. – Notre Dame. – Das Hotel de Dieu. – Der Justizpalast. – Meinungen über Napoleons Ehescheidung. – Unerwartete Begegnung einer früheren Bekannten. – Eine Interimsehe. – Die Spielhöllen im Palais Royal. – Eine Wache wirft einen jungen Menschen in die Seine. – Der Pariser Karneval. – Die Ochsenprozession. – Stimmung des französischen Volkes bei der Nachricht von der bevorstehenden Vermählung Napoleons mit Marie Louise. – Ein verfänglicher Calembourg aux français. – Das Totenmahl beim Fürsten Y...[416]-[449]

I.
Zweiter Aufenthalt zu Neapel. – Ende der Frankfurter freireichsstädtischen Herrlichkeit. – Ich werde von der Terzana befallen. – Das Einstürzen der Häuser in Neapel. – Madame Gasqui. – Ein Vexiermarsch nach Capua. – Großes Avancement im Regiment. – Die Vicaria und ihre Höllenkerker. – Marietta und Teresina. – Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. – Hazardspiele und Liebhabertheater. – Die hübsche Apothekersfrau. – Das Aqua Tofana.

Den Tag nach unserer Ankunft suchte ich Vetter Moritz auf, der mehrere Briefe von meinen Eltern und Verwandten an mich hatte, die schon längere Zeit angekommen waren, welche er mir aber nicht hatte nachschicken können, da man nie genau wußte, in welcher Gegend Kalabriens wir uns befanden. In einem derselben schrieb mir mein Vater aus Frankfurt:

‚Mit unserer republikanischen und freireichsstädtischen Herrlichkeit hat es ein trauriges Ende genommen, Napoleon hat ein Großherzogtum Frankfurt geschaffen, von dem unsere Stadt die Hauptstadt ward, und Karl von Dalberg ist unter der Benennung: Fürst Primas, unser Großherzog. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß alle bedeutenden Ämter und Stellen jetzt von Ausländern besetzt werden und man die Frankfurter, namentlich auch die Senatoren, ihre Familien und Verwandten, fast unberücksichtigt hintenansetzt und so weiter.‘

Was mein guter Vater als das Schlimmste bezeichnete, war eigentlich das Beste an der Sache und gereichte Frankfurt zum Vorteil; denn bisher hatte man, wie später wieder, alle Stellen durchaus nur nach Gunst und Protektion an Söhne und Verwandte der einflußreichsten Familien vergeben, ohne nur im geringsten darnach zu fragen, ob das Subjekt einige Fähigkeiten zur Verrichtung der ihm obliegenden Funktionen besitze; so konnte zum Beispiel ein Talent, ein Genie wie Klinger, nicht eine Torschreiberstelle erhalten, sondern wurde schnöde an allen Senatorstüren mit Impertinenzen und Grobheiten abgewiesen. Er hatte freilich nicht einmal die Protektion einer Senators- oder Bürgermeisters-Köchin oder Base (oft die beste). Daß er den wohlfürsichtigen, hochgelehrten und so weiter Herren in seinem Faust und später als kaiserlich russischer Generalleutnant ein wenig arg mitgespielt, kann ihm niemand verargen. Die Wohlregierenden und Konsorten wurden da oft nach mehrstündigem Antichambrieren abgewiesen und wieder beschieden und mußten vor dem in der demütigsten Stellung supplizieren, den sie unter ihrer Würde gefunden hatten, nur anzuhören! – Hier herrschte von jeher und herrscht noch die vortreffliche Ämterverteilung, die Schiller so meisterhaft in seinem Fiesko schildert, wo Wölfe die Justiz, Füchse die Finanzen, Esel die Polizeigerichte und so weiter verwalten, in Summa, wo die wichtigsten Ämter durch Dummköpfe, Ignoranten oder Schurken bekleidet werden, wenn diese nur Ratsverwandte sind.

Außer den Briefen empfing ich auch etwas Geld von meinen guten Eltern, das mir jetzt sehr zu statten kam, denn ich war so wie meine Kameraden fast ganz abgerissen aus Kalabrien zurückgekommen, und das Gouvernement schuldete uns obendrein schon vier Monate Gage. Indessen hatte ich in den nächsten vierundzwanzig Stunden alles überstandene Ungemach und Elend rein vergessen; in den ersten Tagen konnte von Diensttun noch keine Sprache sein, das Bataillon wurde durch dreihundert vom Depot angekommene Rekruten verstärkt, die nun einexerziert werden mußten.

Die noch immer in Giesù nuovo wohnenden Damen besuchte ich in den ersten Tagen nach meiner Zurückkunft. Die liebenswürdige Madame Gasqui klagte über Langeweile und Migräne, ich tröstete sie, ihr versprechend, beides zu vertreiben; aber auch mich befiel kurz darauf eine Unpäßlichkeit, so daß ich mehrere Tage das Bett hüten mußte, die Krankheit löste sich endlich in eine Terzana (dreitägiges Fieber) auf, das ich sehr lange und immer wiederkehrend behielt, was mich aber, außer den wenigen Stunden, die der Anfall dauerte, von nichts abhielt; dies waren die Folgen des allerdings sehr anstrengenden Feldzugs in Kalabrien. Nach vielen vergeblichen Versuchen, mich von dem Fieber zu befreien, und nachdem ich sowohl die mir vom Regimentsarzt, als die von dem berühmten Arzt meines Vetters Moritz verschriebenen Droguen vergeblich verschluckt hatte, gab mir endlich der Kommandant der Fortezza del Carmine ein Mittel an, durch welches ich wenigstens nach jedem Anfall auf vier bis sechs Wochen von dieser Plage befreit wurde. Ich mußte nämlich gleich nachdem der Paroxismus vorüber war, eine halbe Unze zu Pulver gestoßene Chinarinde in gutem Wein nehmen, setzte mich dann zu Pferd und ritt ein paar Stunden so starken Trab, daß ich recht gerüttelt wurde; das Fieber verließ mich dann auf längere Zeit, stellte sich aber immer nach einem, auch zwei Monaten wieder ein, und zwar während fünf Jahren.

Im Kastell Carmine bewohnte ich ein Zimmer, dessen Terrasse die Aussicht auf das Meer und auf einen kleinen Platz vor demselben hatte, hier brachte ich manche Morgenstunde mit dem Lesen der italienischen Dichter zu, besonders war es Ariost’s rasender Roland, der mich, nebst Tasso’s befreitem Jerusalem und Dante’s göttlicher Komödie, am meisten ansprach. Den famösen achtundzwanzigsten Gesang des Orlando furioso lernte ich ganz auswendig. Auch die Gitarre nahm ich wieder zur Hand und studierte neapolitanische Lieder und Weisen, unter denen die sizilianische Romanze: „Un giorno Giove in collera“ eine sehr witzige Kanzonette war, die damals ganz Neapel exaltierte.

Eines Tages, als ich gerade in der Lektüre des Orlando vertieft war, hörte ich plötzlich ein entsetzliches ajuto, ajuto! (zu Hilfe, zu Hilfe!) von Frauenstimmen aus einem der meiner Terrasse gegenüberliegenden Häuser erschallen, und gleich darauf sah ich mehrere Damen händeringend an den Balkonen jenes Hauses erscheinen, die „ajuto per l’amor di dio“ schrieen. Ich begriff nicht, was den Frauen sei und glaubte zuerst, es befänden sich Mörder in dem Hause, eilte deshalb die Terrasse hinab, stürzte zum Fort hinaus und fand schon eine Menge Menschen, aber in einiger Entfernung vor dem Hause versammelt, in das sich niemand wagen wollte. Auf mein Befragen, was da vorgegangen sei, erfuhr ich, daß das Haus dem Einsturz nahe wäre und in dessen Innern schon mehrere Wände und ein Teil der Treppe wirklich eingestürzt seien. Die Einwohner desselben standen jetzt alle an den Balkonen des zweiten und dritten Stockwerks, um Hilfe rufend. Ich ließ eilig mehrere im Fort befindliche Leitern durch unsere Soldaten herbeiholen, mit deren Hilfe die geängstigten Bewohner sämtlich in die Straße hinabstiegen und gerettet wurden. Die Leute atmeten erst wieder auf, als sie auf ebener Erde waren und konnten mir nicht genug danken, denn ihr Leben hing an einer Nadelspitze. Ich hörte nun, daß in Neapel das Einstürzen der Häuser gar nichts Seltenes sei und weit öfter vorkomme als Feuersbrünste an andern Orten. Die Ursache davon ist, daß die ganz aus Steinen erbauten und sehr hohen Häuser durch die häufigen Erdbeben so sehr erschüttert werden, daß sie sämtlich große Risse und Sprünge haben und mehr oder weniger baufällig sind. Das Zusammenstürzen eines solchen Hauses ist oft so schnell geschehen, daß an Rettung gar nicht zu denken, in wenig Sekunden liegt es als ein Steinhaufen da, unter dem alles, was sich in dem Augenblick darin befand, begraben ist. Ein paar Tage nach diesem Vorfall stürzte auf dem Markt mitten in der Nacht ein solches Haus ein, wobei dreiundzwanzig Menschen das Leben verloren.

Ich bot den armen Leuten fürs erste ein Asyl in unserem Fort an, sie suchten und fanden indessen noch denselben Tag Unterkunft in einem anderen Teil der Stadt.

Meine meisten Mußestunden brachte ich jetzt in Giesù nuovo zu, wo noch immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr von Gasqui war meistens kränklich, und seine junge, lebenslustige Frau ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleißig mit ihr, diese tödliche Langeweile zu verscheuchen, öfters blieben wir so auf kurze Zeit allein und wechselten dann Küsse, um einige Veränderung in unsere Unterhaltung zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hübschen Frau gekommen, so ist das Übrige eine Kleinigkeit, man nähert sich mit Riesenschritten dem Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu erreichen. Eine solche herbeizuführen war nun mein Bestreben, und da der gute Gasqui durch seine öftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo freilich der Zufall wollte, daß ich mich meistens zu solchen Stunden einfand, an denen ich ihn im Dienst beschäftigt wußte, uns oft selbst überließ, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so hätten wir gutes Spiel gehabt, wenn wir in Giesù nuovo nicht so häufig durch die Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Männer gestört worden wären. Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit einzufinden, wo sie mich anwesend wußte. Eines Vormittags jedoch war diese mit noch einigen anderen Damen und deren Männern von unserem Großmajor Omeara zu einem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, dem die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von Unpäßlichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. – Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestört unter vier Augen zubringen zu können, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der liebenswürdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Türe des ersten Zimmers öffnen hörten. Madame Gasqui sprang, ein großes Tuch überwerfend, aber in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Türe hinter sich abschließend, und ließ mich als Arrestanten im hintern Gemach. – Ich erkannte bald die Stimme des Kapitäns Linange, wie man ihn im Regiment nannte, eines Grafen Leiningen, den Fürst Y. erst vor wenig Monaten als Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der früher, ich weiß nicht mehr in welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. – Gleich nach seiner Ankunft schloß er mit Herrn Gasqui eine dicke Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. – Auch er war zu dem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber losgemacht. Madame Gasqui allein in Giesù nuovo vermutend, war er hierher geeilt. Ich mußte nun in meinem Versteck alle Süßigkeiten anhören, die der halbhundertjährige Liebhaber meiner Schönen vorleierte, welche ihn verlegen anhörte, da sie wußte, daß ich kein Wort von dieser Unterhaltung verlieren würde. Es kam zu einer förmlichen Liebeserklärung und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste böse und aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt haben würde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wäre, oder dann vielleicht den guten Linange derb ausgelacht hätte, muß ich dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergründen? – ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mußte ihr alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmöglichst zu entfernen. Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch dazu kommen, und dann steckte ich in einem Cul de sac, aus dem kein anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies endlich nur dadurch bewirken, daß sie ihm, wenn er gehorsam sei, in weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken ließ. Nachdem sie ihm noch eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre Engelsstimme hören zu wollen – sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied auf einen alten Gecken vorzutragen –, entfernte er sich mit einem ehrerbietigen Handkuß, ich wurde endlich aus meinem Gefängnis erlöst; aber auch ich mußte fort, wenn wir nicht zum zweitenmal überrascht werden sollten. Linange war über eine gute Stunde geblieben, und es war hohe Zeit, daß ich ging. Ich verließ die Dame mit einer heißen Umarmung, mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren Zusammenkünften zu sinnen. –

Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand, so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung mit Dank annahm. – Bei diesem Souper ließ ich zum Dessert die köstlichsten Weine, Cyprier und Christuszähren auftragen, und munterte die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Nötigens eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und allegro allegrissimo war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. – Gasqui aber meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe, so könne sie dies Vergnügen mit mir genießen, er wolle noch eine Weile mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und sich dann direkt nach Giesù nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mühle. Linange machte zwar ein griesgrämiges Gesicht dazu, konnte aber seinem Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mußte nolens volens bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben nicht Feind war, ein Übriges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu meiner großen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, daß ich sogar vergaß, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger gewissermaßen im Pfand zurückließ. Vor der Villa angekommen, bemerkte mir Madame Gasqui, daß sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergnügen des Theaters ohne diese nur halb genießen würde.

„Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Giesù nuovo, sie zu holen.“

„Wo denken Sie hin, es ist über eine halbe Stunde Wegs.“

„Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurücklegen.“

Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen Führer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befördern würde, und in acht Minuten stiegen wir vor Giesù nuovo aus, wo ich dem braven Wagenlenker das doppelte der Taxe einhändigte, der uns vergnügt mit einem felicissima notte dankte.

Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre Lorgnette zu holen. Des Harrens müde, bat ich sie, mich einzulassen, aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert, und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen Türe, wobei ich hatte versprechen müssen, mich recht fein und artig zu benehmen, wurde sie mir geöffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu bedeuten hatte, war mir kein Rätsel, auch stürzte ich, sobald die Türe offen war, der liebenswürdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund mit Küssen, trug sie auf das schwellende Bett und – eine halbe Stunde darauf half ich der verschämten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen Loge, einem chiaroscuro, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das tolle Zeug, das man aufführte, unter Lachen und Schäkern mit ansahen. – Nach Mitternacht verließen wir das Theater, ich brachte meine Dame wieder in einem Kalesso nach Giesù nuovo zurück, wo uns Gasquis Bursche empfing, und mitteilte, daß sein Herr noch nicht zurück sei und er ihn schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.

„Alle Wetter,“ rief ich aus, „ich habe ja die Zeche in der Restauration nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und sind dort im Versatz geblieben!“

Madame Gasqui lachte und lispelte: „Wohl möglich, wenigstens hat mein Mann keine zehn Lire bei sich.“

„Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt,“ versetzte ich, „er verspielt alles. Da muß ich gleich wieder in die Villa Reale zurück.“

Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte: „Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? – Ich glaube, es ist besser, wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt, er könnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.“

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend, seinem Herrn zu sagen, daß wir zuerst hier waren, bevor wir nach der Villa zurückkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wußte er nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glühenden Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber mit einem mürrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: „Wenn man die Leute einladet, so sorgt man auch für die Zahlung, wir sitzen vier Stunden hier wie angenagelt, und können nicht vom Fleck, da wir nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.“

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, daß es meine Absicht gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem: „c’est bon, c’est bon“ ins Wort, Linange aber brummte in den Bart; Madame Gasqui fing vom Theater zu erzählen an und konnte ihrem Mann nicht genug versichern, wie viel Vergnügen ihr die Späße des Arlechino und Pulcinello gemacht hätten.

„Das glaub’ der Teufel,“ murmelte Linange auf deutsch, „ich wollt’ dich bespaßen, wenn ich dein Mann wäre.“

„Und wie artig war nicht Kolumbine,“ fiel ich ein, tuend, als hätte ich Linanges Worte nicht gehört, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwärter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung wurde fröhlicher, Pulcinello und Arlechino mußten das ihrige redlich beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das Heimkehren. – Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu mir: „Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der Leimrute in Obacht!“

„Das tue ich auch, Herr Graf.“

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden, sondern er war sogar seelenvergnügt darüber. Ich brachte jetzt die meiste Zeit, die ich ermüßigen konnte, in Giesù nuovo zu, führte Madame Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir uns besondere Kabinette geben ließen, in denen wir dann, wenn wir allein waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, daß meine Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache hinterlassen, daß ich immer in Giesù nuovo zu finden sei, aber da wußte man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie möglich den abmarschierten Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. – Müde und erschöpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine Zeitlang durch das Fenster die Straße hinab, wobei es mir auffiel, daß ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen Straßen herumschwärmten, sobald sie in einem Orte eingerückt waren. Es ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verließ mein Quartier, und hörte bald, daß die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurück. – „Ei, da soll ja eine Bombe dreinschlagen,“ sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen hören. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. – Es war ein Marsch für die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir gemacht hatten, denn auf ein leeres Gerücht hin, daß die Galeerensklaven und Gefangenen in Gaëta revoltiert hätten, waren wir zum Marsch dahin beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte angekommen, welche dartaten, daß an der ganzen Sache nichts, und sie aus der Luft gegriffen war. Glücklicherweise war unser abermaliges Zurückbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen und wir den größten Teil des Weges in der Nacht zurücklegten. Ich war froh, daß alles so gut ablief, denn ich fürchtete Arrest zu erhalten. Damit mir aber künftig nichts Ähnliches mehr passieren möge, befahl ich meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich künftig, nachdem er mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen Dingen eine gelehrige Schülerin an der hübschen Frau, mit der ich fast jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo, Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange intrigierten, ließ sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verließ uns aber immer spätestens zur Hälfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. – Nach den ausgestandenen schweren Strapazen führte ich ein Leben in dolce giubilo, aß bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner Lebensart nicht selten war.

Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt häufiger an mich kamen.

Wir mochten ungefähr vier Wochen aus Kalabrien zurück sein, als ein großes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten Subjekte, wurden zu Unterleutnants befördert, und ich wurde bei dieser Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb Jahren Dienst und für mein Alter. – Wenn dies so fortgeht, dachte ich, dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. – Zu gleicher Zeit verkaufte mir der junge Stock ein sehr schönes Reitpferd um einen Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und für meine Rechnung bezahlte, mir dabei bemerkend: daß, da sich in meinem Fort keine Ställe befänden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost geben wolle, die er mir gehörig in Anrechnung bringen würde, wozu ich ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein Wunder, denn ich amüsierte mich königlich und suchte mich nebenbei auch noch möglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in welchem ich bei einem berühmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um mir die italienische Schule völlig anzueignen. Einen Zechino mußte ich diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, für jede Stunde bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen, und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheußlichsten Kerker, in denen vielleicht über tausend Unglückliche, Verbrecher und wohl manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhörlich das Klirren der Eisenstäbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen, um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das Ächzen und Stöhnen der Gefangenen hört, hatte ich längere Zeit zu meiden gewußt, mit anderen Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefängnisse, die ich in meinem Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das Äußere dieses Gebäudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Könige von Neapel, von Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser angefüllten Gräben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern eiserne Käfige angebracht, in denen man die Köpfe hingerichteter Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben und andern Raubvögeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu dieser Hölle, auf welche Dantes berühmte Inschrift sehr gut gepaßt hätte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder lebendig zu verlassen.

In den obern Stöcken desselben befanden sich die Archive und Gerichtssäle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so groß ist, daß er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgeschoß saßen die weniger gefährlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen, aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere Verbrechen, Rebellion und Verschwörung gegen die Regierung zur Last legte, oder die mächtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Höhlen aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglücklichen Schlangen, Kröten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf längst verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphäre dieser Behälter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefängnisaufseher von Gitter zu Gitter, mit Stangen an den Stäben klopfend, um sie zu prüfen; dies Manöver erneuerte sich jede halbe Stunde und währte, bis der Tag wieder zu grauen begann. Eine wahrhaft höllische Nachtmusik. Oft übersteigt die Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fünftausend, und mancher schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon über ein halbes Jahrhundert hier; andere saßen unter der früheren Regierung zwanzig und dreißig Jahre, ohne daß ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in verfaulte Lumpen gehüllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib aufgefressen, mit Geschwüren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis sie der wirkliche endlich erlöste. Gott, wie ist man doch mit der Menschheit schon umgegangen! – Die Bastille in Paris war noch ein Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheußlichsten Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria zu bemächtigen sucht, so zählte die Wache daselbst über achtzig Mann und wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte Abteilung, über hundert Mann, verstärkt. An den Hauptgerichtstagen finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwälten, Prokuratoren, Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll Akten in die Höfe fahren und zählte die an einem Morgen ankommenden, mit Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und so weiter waren in lange Mäntel und Perücken gehüllt und ließen ihre Akten in großen Körben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedränge so groß, daß die Hälfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mußte. Nimmer hätte ich mir träumen lassen, daß ich an diesem Ort der Greuel noch so manche selige Stunde wonnetrunken zubringen würde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach Sonnenuntergang plötzlich aus einem Fenster der mittleren Gebäude, welche meiner Wachtstube gegenüberlagen, den Klang einer Mandoline und Gitarre, und bald darauf hörte ich zwei schöne klangreiche Sopranstimmen neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrießlich, als die liebliche Musik, die gewiß auch manchem der Gefangenen auf einige Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mißtönende Klirren der Eisenstäbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn besser zu hören, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren Töne erschallen ließen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien, welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich, daß die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht artige Mädchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, ließ ich meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie aufgehört, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische „Una povera ragazza“ an. Die Mädchen horchten, wie ich wohl merkte, hoch auf und waren mäuschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts mehr, sondern spielten später, nachdem auch ich wieder still geworden, noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden Sängerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich hoffte, mich die Mädchen von Angesicht zu Angesicht würde sehen lassen. Endlich brach die ersehnte Dämmerung heran; als der Tag kaum erschienen war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustüre öffnen, aus der zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht, mit Gebetbüchern in der Hand, traten, die über den Hof und durch das Tor zur Frühmesse in die nächste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine charmanten Sängerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es ärgerte mich nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um sie aber bei der Rückkehr nicht zu verfehlen, die unmöglich lange dauern konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurück; ich grüßte sehr freundlich, als sie an mir vorübergingen, und hatte das Vergnügen, meinen Gruß recht artig, wenn auch etwas verschämt und mit niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu wollen, zu mir herunterbitten ließ. Der Kastellan war so gefällig, sich einzufinden, und nachdem ich mich über mancherlei, die Sicherheit der Gefängnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein kleines Frühstück an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die Güte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen über die Vicaria und ihre Gefangenen und erzählte mir, daß er bereits seit sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener Palermitaner und Witwer sei, zwei Söhne, die sich in Sizilien bei Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte, auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige gräßliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der Vicaria vorgefallen und so empörend waren, daß sie mir das Blut in Wallung brachten.

Während dieser Unterhaltung schielte ich öfters nach den gegenüberliegenden Fenstern, aber von den Mädchen ließ sich keine blicken, doch glaubte ich zu bemerken, daß sich ein Vorhang manchmal ein wenig lüfte, woraus ich schloß, daß sich meine Schönen hinter demselben befänden, und zwar ganz richtig, wie ich später von ihnen selbst erfuhr. – Nach drei Viertelstunden verließ mich der Alte recht vergnügt, um seinen Amtsgeschäften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar manches Merkwürdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof auf und nieder, aber meine grausamen Schönen ließen sich nicht mehr blicken, und schon hörte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein Klang, der mir sonst immer erwünscht war, mich aber diesmal ärgerte. Als jedoch die Schildwache ‚aux armes‘ rief und die neue Wache im Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablösung mit anzusehen, was mich so sehr zerstreute, daß ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die Damen mit dem Degen salutierte, was beide über und über erröten machte. – Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere fleißig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frühe vor der Vicaria ein, aufzupassen, wenn die beiden Mädchen wieder in die Messe gehen würden, um ihnen daselbst das Weihwasser zu präsentieren. Zur nämlichen Stunde wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die Messe hörten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errötend von mir annahmen und sich nun überzeugt hielten, daß ich ein gut katholischer Christ sein müsse. – Ich nahm ein paar Schritte von den Mädchen Platz, so daß ich imstande war, sie während der Dauer der Messe mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, daß bald die eine, bald die andere verstohlen nach mir herüberschielte. – Nach gehörig vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mädchen denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar belohnt, hütete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine Neapolitanerin im Nationalkostüm mit einer französischen Uniform gesehen, sich allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nächsten Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben, unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen, sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, daß ich in zwei Tagen wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergnügen haben würde, sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hören. Etwas verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, daß ich so schnell wieder an diese Wache käme, worauf ich ihr gestand, daß ich deshalb mit einem Kameraden getauscht habe. – Statt den geraden Weg nach der Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mädchen bis an das Ende der Straße Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehens bestens empfahl. – Ich hatte von ihnen herausgebracht, daß die hübscheste, die sich Teresina nannte, die Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des Kastellans war. Den nächsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mühe wert, da ich ein paar Stunden später die Wache an der Vicaria beziehen sollte. Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mädchen schon auf ihrem Balkon sitzend und grüßte sie wieder mit dem Degen, ohne diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem sämtliche Posten abgelöst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit dem man doch ein Wort sprechen könne, indem die anderen keine Silbe Italienisch verstünden, und wurde so gesprächig, daß es mir fast lästig war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schönen Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehört.

„Corpo di Bacco,“ fiel er ein, „das waren meine Mädchen! Nicht wahr, Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schön; es hat mich aber auch Geld gekostet, denn ich ließ sie bei einer der ersten Choristinnen des Fiorentino lernen.“

Als ich ihm sagte, daß auch ich musikalisch sei und singe, rief er aus: „Ei, das ist ja scharmant, da können Sie mit meinen Mädchen musizieren,“ und bald hatte ich ihn so weit, daß er mich bei den artigen Kindern einführte, die unter der Aufsicht einer ehrbaren Tante standen, welche die Haushaltung besorgte. Ich brachte nun fast den ganzen Nachmittag bei diesen Mädchen zu, meine Wache immer im Auge habend, und spielte und sang bis nach Mitternacht mit ihnen. Marietta, die Tochter, war eine maronenfarbige Brünette, mit schalkhaften Feueraugen, munter und fast wild, Teresina, die Nichte, hatte ganz schwarzes Haar, einen feinen, sehr niedlichen Wuchs und eine äußerst liebliche Gesichtsbildung, war auch weit sanfter. Beide sprachen mich fast gleich an, und ich wußte anfänglich nicht, welcher ich den Vorzug geben sollte, bald entschied ich mich jedoch für die Nichte, ohne deshalb der Tochter gerade abhold zu sein. Noch denselben Abend brachte ich es bei beiden zum Händedruck und Handkuß, ohne merken zu lassen, welche mir am besten gefiel; als wir uns endlich um Mitternacht trennten, küßte ich beide auf die Stirn und der ehrbaren Tante die Hand, der Papa war fast immer in seinen Berufsgeschäften abwesend und freute sich, wenn er dann und wann auf einige Augenblicke eintrat, uns so vergnügt und einig zu sehen. – Noch längere Zeit, nachdem ich mich entfernt hatte, sah ich Licht in dem Zimmer der Mädchen und ihre Schatten an den Fenstern vorübergleiten. Den anderen Morgen sprach ich sie nochmals an dem Tor und bat um die Erlaubnis, sie am Nachmittag besuchen zu dürfen, die mir auch auf das verbindlichste erteilt ward. Ich versprach neue Musik mitzubringen und fuhr mit meinem Don Juan unter dem Arm in die Vicaria, wo wieder „la ci darem la mano“ seine Schuldigkeit tun mußte, das ich den beiden Mädchen um die Wette einstudierte. Jetzt war der Weg gebahnt, ich brachte nun meine meisten Nachmittage und Abendstunden in der furchtbaren Vicaria zu, Giesù nuovo fast ganz vernachlässigend und mich bei Madame Gasqui unter allerlei Vorwänden bestens entschuldigend, sie nicht mehr so häufig auf Promenaden und in die Theater führen zu können. – Beide Mädchen hatten noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht und waren wirklich zum Ersticken naiv, aber dahin konnte ich es sobald nicht bringen, sie mit mir in die Theater oder sonst wohin nehmen zu können, dies wollte der Vater und Oheim nicht zugeben, so großes Vertrauen er auch sonst in mich zu setzen vorgab, nicht einmal in Begleitung der Tante. Dagegen aber durften sie ganz allein allen Kirchenfesten beiwohnen, so spät es auch schon in der Nacht sein mochte. – Diese Abendandachten waren in Neapel äußerst anziehend und durch die trefflichste Musik verherrlicht, schade nur, daß diese schönen Töne aus den Kehlen der häßlichen und widerlichen Kastraten kamen.

Schon zehn Tage lang besuchte ich die Vicaria und hatte es immer noch nicht weiter als zu wechselseitig abwechselnden Küssen gebracht, denn ich hatte die Mädchen noch nicht dahin bringen können, die Kirche zu verlassen und irgendwo andershin einen Abstecher mit mir zu machen, obgleich sie schon mancherlei artige Geschenke von mir erhalten hatten. Auch wußte ich sie nicht zu trennen, da jede von ihnen überzeugt schien, meine Aufmerksamkeit gelte ihr allein. – Des Nachmittags war mir indessen doch gestattet, sie in Zivilkleidern auf der Promenade und durch die Straßen begleiten zu dürfen, wobei ich dann Gelegenheit hatte, das neapolitanische Volksleben genauer kennen zu lernen, indem die Mädchen meine Ciceroni machten, mir alle gewünschte Aufklärung gaben und mir alle Laster, Tugenden, Sitten und Gebräuche dieses Volkes erklärten. Wir besuchten vorzugsweise die Kirchen und Klöster, in welchen gerade religiöse Feste gefeiert wurden, wobei die Böller immer eine große Rolle spielten und so stark geladen waren, daß ihr Abfeuern einen Knall wie eine zwölfpfündige Kanone hervorbrachte. Anfänglich glaubten auch wir in den Kasernen jedesmal Kanonendonner zu hören, wenn in einer der näheren Kirchen ein Fest gefeiert wurde, wo oft fünfzig und mehr Böller vor derselben aufgepflanzt waren und Schlag auf Schlag gelöst wurden. Am höllischsten war der Lärm, wenn eine Nonne ihr Gelübde ablegte und eingekleidet wurde.

Am häufigsten besuchten wir Toledo, wo ich meine Signoras mit Eis regalierte und sie dann in die Villa Reale, an den Hafen, auf den Molo und so weiter führte. Von dem Leben und Treiben in Neapel auf offener Straße kann sich niemand einen deutlichen Begriff machen, der es nicht selbst mit angesehen, es geht über alle Vorstellung; da wird fast alles unter freiem Himmel verrichtet, was sonst nur hinter den Mauern verborgen geschieht. Man kocht, siedet, bratet, ißt, trinkt, schläft, schreibt, liest, barbiert und frisiert, verrichtet seine Notdurft und zeugt sogar Kinder, – wenigstens bei Nacht, alles unter der Himmelsdecke und dem gestirnten Firmament; dies tun wenigstens fünfzigtausend Menschen, und unter den Hallen oder Portalen der Kirchen und Paläste oder auf den Stufen und Bänken derselben wird manches Wochenbett gehalten, weshalb man auch die hier zur Welt gekommenen Kinder sowie überhaupt diese beständig auf Bänken herumfahrenden Leute oft scherzweise banchieri nennt. Diese Bankiers laufen, flöhen und reinigen sich von Kot und Ungeziefer, ohne sich im mindesten zu genieren vor dem vorübergehenden Publikum, das, an solche Szenen längst gewöhnt, nicht den geringsten Anstand an denselben nimmt.

Wer sich in Neapel glücklich fühlen will, muß sich ganz dem Vergnügen des süßen Nichtstun überlassen, denn dies ist eine Huldigung, die man dem dortigen Klima zu bringen hat, das heißt, man muß sein Glück in dem fast immer heiteren Himmel, der majestätischen See und den balsamischen Lüften, die uns sanftsäuselnd umwehen, finden, aber alle ernsteren Gedanken und Gefühle möglichst zu entfernen suchen.

Endlich war ich, und zwar mit Marietta, so weit gekommen, daß sie mir versprach, ein Mittel ausfindig zu machen, sie einmal ganz ohne Zeugen sprechen zu können, und zwar in der Vicaria selbst, in der kleinen Kapelle, in welcher gewöhnlich die zum Tod Verurteilten die letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung zubringen. Schon den kommenden Tag sprach ich sie daselbst, jedoch ohne mehr als einen Händedruck zu erlangen, da die Türe des Gotteshäuschens immer offen stand und alle Augenblicke Leute vorübergingen; es gelang mir, sie zu überreden, mich auf meiner nächsten Wache an der Vicaria gegen Morgen zu besuchen, auch riet ich ihr, Teresina zu ihrer Vertrauten zu machen, weil sie sich nicht wohl ohne deren Wissen, da beide in einer Stube schliefen, entfernen konnte. Erst zwei Tage später konnte ich es veranstalten, daß ich diese Wache wieder bezog, nach der ich mich noch nie so sehr wie diesmal gesehnt hatte. Teresina war bereits in das Geheimnis eingeweiht, wie sie mich selbst hatte merken lassen, als ich den Nachmittag vorher bei meinen liebenswürdigen Schülerinnen zubrachte, und daher das weitere ganz offen mit beiden verabredete. Als endlich der ersehnte Tag und die noch ersehntere Nacht herankam, gab ich eine halbe Stunde nach Mitternacht, als eben wieder eine Visitation der Gefängnisse vorüber war, und ich alles ruhig fand, den beiden Mädchen das verabredete Zeichen zum Herabsteigen mit einem weißen Tuch. Ein paar Augenblicke darauf kamen sie auch, in dunkle Tücher gehüllt, und ich führte sie ganz unbemerkt auf meine Wachstube, die in einer Art Entresol lag und ein eigenes Treppchen hatte. Vorsichtig hatte ich die ohnehin düster brennende Lampe in einen Winkel hinter einen Tisch gestellt, und so ein herrliches Chiaroscuro hervorgebracht. Die erst vierzehn Jahre zählende Marietta zog ich neben mich auf mein ledernes Ruhebett, während Teresina gedankenvoll in den Hof hinabsah, um zu beobachten, was daselbst vorging oder vorgehen konnte. Die bald in meinen Armen ruhende Marietta sträubte sich indessen ganz gewaltig und ließ mich ihre Gunst nur bis zu einem gewissen Grad genießen, was mir indessen dennoch weit mehr Vergnügen gewährte, als die baldige gänzliche Ergebung verheirateter und routinierter Frauen, denn Marietta war völlig Anfängerin, die liebe Unschuld selbst, und seitdem war: „la mia passione predominante, sempre la giovin principiante.“

Mehrere Stunden hatten wir bereits vertändelt, und schon verkündete ein lichter Schein die herannahende Dämmerung, als die noch immer am Fenster sitzende und von Zeit zu Zeit seufzende Teresina uns ernstlich ermahnte, daß es hohe Zeit sei, sich zu trennen. Ich fand, daß sie vollkommen recht hatte, ging in den Hof hinab, um allenthalben zu rekognoszieren, ob sich die Mädchen ohne Gefahr und unbemerkt wieder hinüberschleichen könnten, begleitete sie alsdann bis an ihre Haustüre, wo ich beiden einen feurigen Abschiedskuß gab, meine letzte Ronde machte, worauf der Tambour die Diane schlug, und ich mich zur Ruhe auf mein Feldbett warf, das soeben noch der stumme Zeuge meines Glücks gewesen; allerlei phantasierend, schlief ich so gut, als hätte ich eben einen forcierten Marsch zurückgelegt.

Gegen zehn Uhr brachte mir der Bursche der Madame Gasqui ein Billet, in welchem mich die Dame dringend einlud, sie doch gleich nach abgelöster Wache zu besuchen, da sie mir etwas von großer Wichtigkeit mitzuteilen habe. – Was mag sie wollen? dachte ich bei mir selbst; denn was es mit so einer Damenwichtigkeit auf sich hat, war mir längst bekannt. Unterdessen frühstückte Papa Kastellan mit mir auf der Wache, und als ich mit der Mannschaft abmarschierte, salutierte ich die beiden, verschämt hinter der Fenstergardine hervorsehenden Mädchengesichter. Kaum hatte ich die Mannschaft dem Unteroffizier zum Heimführen übergeben und den Degen in die Scheide gesteckt, so war ich auch schon auf dem Weg nach Giesù nuovo, wohin mich die Neugierde trieb, wo ich aber für meinen pünktlichen Gehorsam mit Vorwürfen, daß ich mich gar nicht mehr sehen lasse, von Louise empfangen ward. Sie sagte, dies habe ihr Madame Grenet alles vorausbemerkt, sie aber nimmermehr glauben wollen; nun sehe sie wohl ein, daß jene recht gehabt und deren Warnung gut gemeint gewesen sei. Ich entschuldigte mich mit dem so anstrengenden Dienst, der mir Tag und Nacht keine Ruhe mehr lasse, und bat sie, daß wenn sie meinen Worten nicht glauben wolle, sie sich beim Adjutant-Major erkundigen könne, ob ich nicht dreimal in einer Woche die Wache an der Vicaria, die beschwerlichste und unruhigste in ganz Neapel, gehabt, und wenn dies nicht wahr, so wolle ich in meinem ganzen Leben keinen Kuß mehr von ihr erhalten; um sie noch besser von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen, küßte ich die schmollende Dame auf der Stelle ein halbes Dutzendmal. Sie glaubte mir nun und endigte sogar damit, mich wegen meiner gehabten schweren Strapazen herzlich zu bedauern, fügte dann hinzu, dies sei nicht der Grund gewesen, warum sie mich eigentlich zu sich gebeten, sondern sie habe es nun soweit gebracht, daß ein französisches Liebhabertheater in Giesù nuovo gebildet werden solle, zu dem sich schon mehrere Damen und Offiziere als aktive Teilhaber gemeldet hätten, ich möchte jetzt nur die weiteren Schritte tun und die Leitung des Ganzen übernehmen. Mit Vergnügen vernahm ich diese Mitteilung und willigte freudig in das an mich gestellte Begehren, da ich schon lange eine gleiche Absicht gehabt, aber andere Dinge und auch der Dienst mich verhindert hatten, an die Ausführung derselben zu denken. Noch sagte mir Madame Gasqui, daß ihr Mann im Sinn habe, nächstens mit einigen guten Freunden den Vesuv zu besteigen, ich möge doch auch mit von der Partie sein. Auch dies war längst mein Wunsch und mir willkommen, nur aus den angeführten Gründen hatte ich bis jetzt diesen und noch andere Ausflüge in die Umgegend von Neapel, wie nach Herkulanum und Pompeji und so weiter, zu meinem Leidwesen unterlassen müssen.

Ich verließ nun die jetzt nicht mehr schmollende Dame, mit dem Versprechen, mich baldmöglichst wieder einzufinden und beschäftigte mich, so weit es die Umstände erlaubten, mit der Ausführung der projektierten Partie, wobei ich mir bei Vetter Moritz Rat holte, ohne jedoch meine Wachen an der Vicaria und die damit verknüpften Vergnügungen aufzugeben. Indessen fing ich bald an, mehr Gefallen an der Nichte als an der Tochter des Kastellans zu finden; aber für meine Absichten auf Teresina war Marietta ein schwer zu überwindendes Hindernis, da ich niemals die eine ohne die andere sah.

In einer Nacht, als die beiden Mädchen kaum einige Minuten auf meiner Wachtstube waren, gab es plötzlich Lärm im Hof der Vicaria, und man schrie, daß mehrere Gefangene entsprungen seien, die Wache trat unter das Gewehr, alles wurde lebendig und die lieben Kinder wollten verzweifeln, da sie fürchteten, man möchte auch ihre Abwesenheit entdecken und sie gar bei mir finden. Über das letztere beruhigte ich sie und schloß, indem ich hinabeilte, die Türe hinter mir ab. Vor der Wache traf ich schon den Oberaufseher der Gefängnisse und den Kastellan, die mir meldeten, daß zwei Gefangene eines Kellergefängnisses fehlten, dessen auf das Pflaster des Hofs gehende Gitter durchsägt seien, aber die Kerls müßten sich noch im Palazzo befinden, da sie weder durch das geschlossene Tor, noch über Dächer, Mauern und Gräben hätten entwischen können. Ich tröstete die geängstigten Leute, indem ich ihnen sagte, daß, da die Gefangenen nicht aus dem Schloß sein könnten, wir sie wohl auffinden würden, und ersuchte sie, mit vier Mann Wache, die ich ihnen gab, alle Winkel zu durchsuchen und bei den entferntesten anzufangen, ich wolle einstweilen hier alle in den Hof gehende Türen mit Schildwachen besetzen lassen. Sie befolgten meinen Rat, und ich ließ unterdessen die Mädchen in den Hof entschlüpfen, die aber unglücklicherweise von ein paar Soldaten, welche die Entflohenen in ihnen zu wittern glaubten, angehalten wurden, ehe sie noch ihre ebenfalls besetzte Türe erreicht hatten; ich kam jedoch dazu und befreite sie von der momentanen Haft, brachte sie an ihre Türe, wo die Tante herausstürzte, um die Mädchen, deren Abwesenheit sie schon entdeckt, zu suchen. Ehe aber weder die Tante noch die Nichten zu Wort kommen konnten, sagte ich zu der ersten: „Hier, Signora, Ihre Kinder, welche in der Angst über den entstandenen Lärm die Unvorsichtigkeit begingen, ihre Wohnung zu verlassen, ich bringe sie Ihnen unversehrt zurück, sie können unter allen Umständen nicht besser aufgehoben sein als bei Ihnen.“ „Mille grazie, signor Uffiziale,“ erwiderte die Tante und sagte zu den Mädchen: „Aber wie geht es zu, daß ihr euch noch gar nicht schlafen gelegt hattet, es ist doch längst Mitternacht vorüber.“

„Oh cara zia,“ versetzte Marietta schnell, „wir saßen noch am offenen Fenster, der Musik lauschend, die der Signor Tenente machte.“

„Sonderbar, ich habe doch gar nichts gehört.“

„Vermutlich schliefen Sie gut, Signora, auch spielte und sang ich nur pianissimo.“

„Ja, das ist etwas anderes, mit zunehmendem Alter werden auch alle Sinne schwächer. Ich lag zwar schon längst im Bett, war aber noch nicht eingeschlummert, als der Lärm anging.“

„Hier sind sie, ich habe sie,“ rief nun plötzlich eine Donnerstimme, es war die eines der wachthabenden Sergeanten, der die beiden Entwischten in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl gefunden hatte, und zwar in geistlichem Gewande, welches sie daselbst aus einem Schrank, den sie aufgebrochen, genommen und mit dessen Hilfe sie ganz in der Frühe unangehalten zum Tore hinausgehen zu können hofften.

Eine Stunde nach diesem unangenehmen Intermezzo war alles wieder in der besten Ordnung, die Gefangenen in einem tieferen Kerker angeschmiedet, und der Kastellan kam zu mir, sich bei mir zu bedanken, daß ich seine naseweisen Dinger, welche die Dummheit begangen, wegen dem Lärm aus der väterlichen Wohnung zu laufen, so heil zurückgebracht habe.

Kurz nach dieser Begebenheit, als ich wieder einen Nachmittag bei den Kindern zubrachte, gab ich Teresinen verstohlen einen Kuß, was ich schon öfter praktiziert hatte; aber diesmal wollte es mein Unstern, daß es Marietta bemerkte, und diese wurde von dem Augenblick an so zänkisch und mürrisch, eigensinnig und bissig, daß es gar nicht mehr mit ihr auszuhalten war und ich sie bald nichts weniger als liebenswürdig fand.

Eines anderen Tages brachte ich den Mädchen zwei sehr schön fassonierte Körbchen von Schokolade, wie ich mich überhaupt nie ohne etwas Naschwerk bei ihnen einstellte; diese Schokoladearbeiten wurden schon damals zu Neapel in der höchsten Vollkommenheit fabriziert. In jedes Körbchen hatte ich etwas Bonbon gelegt, aber in das der Teresina noch obendrein einen kleinen goldenen Ring, eine Allianz, wie ich Marietten schon längst eine verehrt hatte, die neben den anderen Bonbons in Papier gewickelt war. Die beiden Mädchen untersuchten ihre Geschenke und die schon längst argwöhnische Marietta auch die ihrer Cousine und fühlte unglücklicherweise sogleich das Papier, in welchem die Allianz eingewickelt war, ohne daß ich es hindern konnte, denn Teresina hatte die Zeichen, die ich ihr machte, nicht bemerkt oder nicht verstanden, nahm es weg, öffnete es, fand den Ring und las auf dem Papierchen die Worte: alla piu amabile, die ich mit Bleifeder darauf geschrieben hatte. Nun geriet das Mädchen in einen solchen Zorn, daß sie die beiden Körbchen mit ihrem Inhalt zur Erde warf, mit ihren kleinen Füßen zerstampfte und zertrümmerte und den Ring mit den Zähnen zerbiß. Vergeblich gab ich mir alle Mühe, sie zu besänftigen, indem ich sie versicherte, daß das Ganze auf einem Irrtum beruhe und ich die Körbchen verwechselt habe, sie hörte gar nicht darauf, fuhr so zu wüten und zu toben fort, daß ihr zuletzt der Schaum vor dem Munde stand und sie nach mir und ihrer Cousine biß, bis sie die heftigsten Krämpfe bekam und sich in denselben auf dem Boden wälzte, so daß mir bange wurde, sie möchte in dem Anfall bleiben. Ganz erschöpft fiel sie endlich in eine starke Ohnmacht und blieb beinahe eine halbe Stunde bewußtlos; wir brachten sie in diesem Zustand auf ihr Bett. – Nun aber fing auch Teresina heftig zu weinen an, machte mir Vorwürfe, daß ich den Frieden und die Eintracht zwischen ihnen beiden gestört habe, ich hätte mich an die eine oder die andere allein halten und nicht beiden zugleich die Kur machen sollen und so weiter. Ich hatte jetzt alle Mühe, dieses sonst so sanfte Mädchen zu besänftigen und zu trösten, die mir noch mitteilte, daß sie schon seit einiger Zeit wegen mir viel von ihrer Cousine zu leiden habe, die sie gleich einem Schatten verfolge, ihr das Leben verbittere, ja wohl imstande wäre, ihr Arges anzutun; denn ich kenne diese Sizilianerinnen und Neapolitanerinnen noch nicht, die zu allem fähig seien, wenn sie sich hintergangen und betrogen und wegen einer anderen zurückgesetzt fänden, sie werde nun wohl Neapel verlassen müssen oder gar fortgeschickt werden.

Endlich schlug Marietta die Augen wieder auf, war aber so matt und erschöpft, daß sie kaum leise zu sprechen vermochte. Ich gab mir nochmals alle Mühe, sie zu beruhigen, konnte es aber nicht dahin bringen, sie ganz zu besänftigen und ein wohlwollendes Wort von ihr zu hören. Nachdem sie sich wieder ziemlich erholt hatte, entfernte ich mich, ihr zum Abschied sagend, daß es unter solchen Umständen wohl das Beste sei, uns künftig zu meiden. Diese Worte ärgerten sie so, daß sie beinahe einen zweiten Anfall bekommen hätte. Um dies zu vermeiden, eilte ich schnell zur Tür hinaus. Von jetzt an mied ich die Wachen an der Vicaria ebenso sehr, wie ich sie früher gesucht hatte. Einige Zeit darauf erfuhr ich, daß ihr Vater beschlossen habe, einen Advokaten, der sich in das Mädchen verliebt, mit ihrer Hand zu beglücken, und dieser sie auch bald darauf als sein eheliches Gespons heimführte. Ich vermied nun zwar diese Wachen nicht mehr, drängte mich aber auch nicht dazu, obgleich ich wußte, daß jetzt Teresina allein in dem Hause ihres Oheims mit der Tante hauste.

Unterdessen hatte ich Madame Gasqui wieder viel öfter besucht und mir viel Mühe gegeben, das beabsichtigte Liebhabertheater instand zu bringen; es war endlich so weit gediehen, daß wir es mit Beaumarchais Figaro, in dem ich die Rolle des Figaro und Madame Gasqui die Gräfin spielte, eröffnen konnten. Die Einrichtung der Bühne und des Raumes für die Zuschauer war allerliebst, und es wurde uns sogar die Ehre zuteil, daß König Joseph unsere Vorstellungen einigemal zu besuchen würdigte. Ich bin überzeugt, die ehrwürdigen Väter Jesu hätten ebenfalls ihre Freude daran gehabt, wenn sie diesem Schauspiel in ihrem alten Betsaal hätten beiwohnen können; im Grunde hatte das Lokal seine ehemalige Bestimmung wieder erhalten, man spielte nur Komödie in anderer Manier.

Durch unseren Bataillonschirurgen hatte ich zufällig die Bekanntschaft einer hübschen jungen Apothekersfrau, einer geborenen Römerin, gemacht. Der Doktor nahm seine Medikamente für die Kunden, die er sich in der Stadt erworben, meistens sogenannte geheime Kranke, bei ihrem Eheherrn und hatte dadurch Zutritt im Haus erlangt. Diese Apotheke lag in der Nähe unseres Forts, und ihr Besitzer war ein gastfreundlicher Mann, der die Musik liebte. Eines Tages hatte ihm der Doktor gesagt, daß sich beim Regiment ein junger Offizier befände, der sehr musikalisch sei, Klavier und Gitarre spiele, gut singe und sogar komponiere, den er, wenn es dem Signor Speziale angenehm sei, einmal mitbringen wolle. Der Apotheker hatte ihm erwidert, er würde ihm dankbar dafür sein. Doktor Kullmann, so hieß der Bataillonschirurgus, lud mich daher ein, ihn doch einmal zu seinem guten neapolitanischen Freunde zu begleiten, und teilte mir dann ganz im Vertrauen mit, daß dieser eine sehr schöne Frau habe, der er den Hof mache; aber obgleich er manchmal eine ganze Stunde, während der Mann in der Apotheke beschäftigt, mit ihr allein gewesen, doch nicht viel weiter gekommen sei, da er mit der verteufelten Sprache nicht fort könne und er oft die größte Mühe habe, sich dem Manne mit seinem Rackerlatein verständlich zu machen; er meinte daher, ich könne ihm wohl behilflich sein, wenn ich den Dolmetscher (also den Kuppler) machen wolle. Ich lehnte es längere Zeit unter allerlei Vorwand ab, den Herrn Doktor zu begleiten; aber er hörte nicht auf, mich so lange darum anzusprechen und erzählte mir soviel von der Liebenswürdigkeit der Signora, die auch ganz vortrefflich singe, daß mich die Neugierde bewog, endlich nachzugeben und den Wunsch des Äskulap zu erfüllen.

Wir wurden von dem Signor Speziale recht artig aufgenommen, der uns sogleich in sein Wohnzimmer führte, wo seine Frau mit kleinen Handarbeiten beschäftigt war. Ich fand die Signora hübsch genug, um ihr Artigkeiten zu sagen, und daß der Doktor gar keinen so üblen Geschmack hatte, auch es wohl der Mühe wert sei, ihm und dem Mann zugleich eine Nase zu drehen; letzterer bat mich, da er von seinem Amico gehört, daß ich ein großer Virtuos sei, ihm und seiner Frau doch das Vergnügen zu machen, sie etwas von mir hören zu lassen; ich entschuldigte mich, indem ich erwiderte, man habe ihm viel zu viel von mir gesagt, so daß er zu große Erwartungen hege, denen ich niemals entsprechen würde, und es also nicht wagen könne, ihm etwas vorzutragen. Er ließ aber nicht ab, mich zu bestürmen, sowie der Doktor ebenfalls in mich drang, und da die Signora ihre Bitte mit denen der beiden Herren vereinigte, so konnte ich nicht umhin, sie zu erfüllen, um so mehr, da mir der Apotheker versprochen hatte, ich solle dann auch die Stimme seiner cara Moglie hören. Ich sang nun einige italienische Lieder, unter denen auch die Romanze des Pagen aus Mozarts Figaro, mit Gitarrebegleitung; die Leute hatten kein Klavier, da die Dame dies Instrument nicht spielte. Nun kam die Reihe an diese, welche dann nach einigem Zieren ebenfalls ihre Kunst zum besten gab, aber bei einer allerdings schönen und klangreichen Stimme doch nur ganz Naturkind im Gesang war, ja, wie ich bald erfuhr, nur nach dem Gehör sang und nicht einmal die Noten kannte, wie dies so häufig in Italien, selbst bei Sängerinnen vom Fach und bei dem Theater angestellt, der Fall war, denen ihre Partien mit der Violine eingegeigt werden mußten. Ich versprach der Signora Golia, der Name ihres Mannes, bei meinem nächsten Besuch einige recht hübsche neue Kanzonette mitbringen zu wollen und ihr diese einzustudieren, worüber sie und ihr Mann ganz vergnügt waren, wozu aber der Doktor ziemlich scheel sah. So hatte er es nicht gemeint, und er sah bald ein, daß er einen Eselsstreich gemacht und den Bock zum Gärtner gesetzt habe, mich in das Haus einzuführen, in dem ich bei meinem ersten Besuch schon weiter gekommen war, als der Pflastermann, ein ehrlicher, recht bedächtiger Schwabe, die jeden Tritt und Schritt hundertmal erwägen und überlegen, ehe sie ihn zu tun wagen, seit Monaten. Aber der Bock war nun einmal geschossen und ließ sich nicht wieder rückgängig machen. Der Signor Golia wurde häufig in die Apotheke abgerufen, und ich benutzte seine kurze Abwesenheit, der Signora Fleuretten mit Occhianten begleitet zu sagen, die mein ehrlicher Kullmann nicht einmal verstand. Endlich empfahlen wir uns, wobei ich der Dame die Hand küßte, etwas, das mein Äskulap noch nicht einmal gewagt hatte und mir jetzt zum erstenmal nachmachte; ich versprach baldiges Wiederkommen. Als wir das Haus verlassen hatten, machte mir der Doktor Vorwürfe, daß, statt sein Interesse zu wahren, ich mir alle Mühe gegeben, ihn aus dem Sattel zu heben.

„Freund, das ist unmöglich, Sie sitzen ja noch gar nicht darin.“

„Spotten Sie nur, aber das ist kein Freundschaftsstückchen, einem Freunde den Bissen vor dem Maul wegschnappen zu wollen.“

„Aber wer will denn das, seien Sie doch kein Kind, alles was ich tat, geschah nur einzig und allein in Ihrem Interesse, wenn Sie nur verstanden hätten, was ich der Signora gesagt, so würden Sie nicht so reden und sich dankbarer gegen mich bezeigen. Ich sprach nur zu Ihrem Lobe und zu Ihren Gunsten.“

„Den Teufel auch, ich müßte ja blind sein, wenn ich Ihr Augenspiel nicht bemerkt hätte.“

„Das war ja auch in Ihrem Interesse; hörten Sie denn nicht, wie sehr ich Ihre Geschicklichkeit pries und hervorhob.“

„Mag sein, aber ich verstand kein Wort davon, es kam mir aber so vor, als wollten Sie sich bei der Signora Golia beliebt machen.“

„Mein Gott, das muß ich ja, wenn ich für Sie wirken soll.“

„Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie mich hintergehen und Sie einmal krank werden, dann ...“

„Dann werden Sie mir doch kein Gift verschreiben?“

„Das nicht, aber ich lasse Sie im Stich.“

„Oh, darüber tröste ich mich, denn ich weiß, wie ich es mit euch Herren Medizinern zu halten habe:

Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;

Ihr durchstudiert die groß’ und kleine Welt,

Um es am Ende gehn zu lassen

Wie’s Gott gefällt.“

„Ach, das ist albernes Zeug.“

„Ei, ei, Herr Doktor, Sie blamieren sich. – Doch allen Scherz beiseite, ich werde mein möglichstes tun, den Doktor bei der Apothekerin beliebt zu machen.“ –

Wir trennten uns nun, und jeder ging seinen Weg, der meinige führte mich nach Giesù nuovo zur Probe eines neu einzustudierenden Vaudevilles, das ich mit Madame Gasqui zusammengeflickt, „Les français à Naple“ betitelt hatte und das den Beifall unseres Publikums und selbst Seiner Majestät erhielt, obgleich es manchen Seitenhieb auf dessen Gouvernement gab, den Joseph jedoch nicht zu verstehen schien oder nicht verstehen wollte. Übrigens fing es an, wenigstens etwas leidlicher in der Verwaltung zu gehen, namentlich seit Röderer das Finanzwesen und ein neues Abgabensystem organisiert hatte; aber verhindern konnte er die fortdauernde unnütze Prodigalität nicht.

Schon den folgenden Tag besuchte ich meinen braven Apotheker wieder und musizierte mit seiner Frau, die bald das Steckenpferd, mit dem ich alle meine Intrigen con amore einleitete, Don Juans Duettino, mit mir singen konnte, worüber sich Herr Golia königlich freute. – Ich dachte: ‚Nun sage mir noch einer, die neapolitanischen Ehemänner seien Teufel der Eifersucht!‘ Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Mein guter Doktor war doch bald überzeugt, daß ich ihn zum besten gehabt, und setzte nun dem Mann Flöhe ins Ohr, so daß dieser mich immer kälter empfing und auch ein paarmal unter dem Vorwand, seine Frau sei ausgegangen und er sehr beschäftigt, ganz kurz abwies. Das erstemal blieb ich jedoch noch eine geraume Zeit in der Apotheke, die Zurückkunft der Signora abwartend, brachte bei dieser Gelegenheit die Sprache auf die italienischen Gifte und namentlich auf das berüchtigte Aqua Tofana, ein Thema, das den Signor Golia ansprach, über welches er, trotzdem daß er mich bereits nicht mehr mit den wohlwollendsten Augen ansah, so gefällig war, mir manche Aufklärung zu geben. Ich erzählte ihm nun, welche abenteuerlichen Vorstellungen man sich in Deutschland von demselben mache, daß man glaube, es werde aus dem Schaum rasend gewordener Menschen fabriziert, die man, um sie zum höchsten Grad der Wut zu bringen, unter den Fußsohlen kitzle, daß man vermittelst dieses Giftes genau Tag, Stunde und Minute, in welcher der seit Monaten schon Vergiftete seinen Geist aufgeben müsse, bestimmen könne und so weiter. Der Apotheker lächelte über diese Mitteilung und erklärte mir, daß die Hauptingredienzien des Acquetta, wie man hier dieses Gift nennt, aus Arseniksäure, mit etwas Laudanum, bitterer Mandelessenz und einigen anderen Liquiden vermischt, um die Bestandteile desselben besser zu verbergen, bestände; daß man allerdings nach der Quantität der beigebrachten Dosis den Tod des Vergifteten früher oder später herbeiführen, aber nie genau den Tag, viel weniger die Stunde angeben könne, in welcher dieser erfolgen müsse, da dies von gar mancherlei Umständen abhinge, wie von der Konstitution, der Nahrung und sogar der Beschäftigung des Vergifteten. Ich erkundigte mich später noch bei anderen Personen nach diesem berühmten Gift, mehrere leugneten dessen Bestehen gänzlich, andere sagten, die Kunst, es zu bereiten, sei längst verloren gegangen, Moritz versicherte mir, es sei durchaus nichts weiter als künstlich präpariertes Arsenik. Dies Resultat ergab auch später eine unter Mürat auf meine Veranlassung angestellte polizeiliche Untersuchung, und die über dasselbe verbreiteten Märchen sind nichts weiter als Erfindungen abenteuerlicher Reisebeschreibungen und Romanschreiber.

Als ich am anderen Tag wiederkam, wurde ich noch kälter von dem Signor Speziale empfangen, der mir diesmal fast gar kein Gehör gab, welches Thema ich auch immer aufs Tapet bringen mochte. Aber es war zu spät; der gute Mann, der anfänglich mit Entzücken zuhörte, wenn ich seiner Frau Singunterricht ohne Noten erteilte, hatte erst Lunte gerochen, als das Feuer schon lichterloh brannte. Längst wußte ich, daß Signora Golia alle Morgen die Messe bei den Karmelitern besuchte, und sprach sie nun hier, ohne daß es ihr Mann oder der Doktor ahnten. Dagegen besuchte ich die Apotheke nur noch sehr selten und auf einen Augenblick im Vorübergehen. Gewiß waren beide erfreut, mich so schnell losgeworden zu sein, während ich so weit schneller zum Ziel gelangte. Die Signora mochte den Merluzzo (Stockfisch) von einem Doktor, der kein gescheites Wort mit ihr reden konnte, nicht leiden, war über ihren Marito (Eheherrn) erbost, daß er mich so auswies, und gab mir Rendezvous bei einer Amica, die sich Signora Rapisarda nannte, in der Strada Pignosecca, deren Adresse sie mir auf einem mit Bleifeder beschriebenen Papierchen mitteilte. Ich suchte das angegebene Haus zur bestimmten Stunde auf und fand in einem Gemach des dritten Stockes beide mich erwartenden Freundinnen, graziös auf einem Sofa sitzend. Als sie mich erblickten, standen beide auf, und Giulietta, dies war der Taufname der Apothekerin, sprang auf mich zu und ließ mir kaum Zeit, der Dame des Hauses meine schuldige Höflichkeit zu bezeigen. Sie stellte mir diese endlich als die Frau eines Beamten vor, welcher dem Hof Ferdinand IV. nach Sizilien gefolgt sei, und seine Gattin, die sich nicht von Neapel habe trennen wollen, wo sie alle ihre Freunde und Bekannten habe, verlassen hätte. Die Amica war so aufmerksam, uns mit Rosolio und Pane di Spagna aufzuwarten und sich dann zu entfernen. – Nun wurde die Türe verschlossen, und wir schwelgten ein paar Stunden im Hochgenuß, nach denen sich die Amica wieder einfand, die zwar äußerst angenehm, aber doch schon etwas verblüht war, und die ich nicht reizend genug fand, um ihr zu Gefallen eine Untreue gegen meine neue Freundin zu begehen, was nur zuweilen bei dem tête-à-tête mit der Madame Gasqui geschah, die dann immer so liebenswürdig war, daß schwerlich der heilige Antonius selbst der Versuchung widerstanden haben würde.

Als Krönung unseres heiteren Lebens in Neapel beschlossen wir, den Vesuv zu besteigen; aber anders hatte es das Schicksal oder vielmehr das Gouvernement beschlossen, und ich sollte abermals Neapel verlassen, ohne zu meinem großen Leidwesen nähere Bekanntschaft mit dem alten Feuerspeier gemacht zu haben; denn das Bataillon erhielt Order, nach dem Kirchenstaat und zwar nach Civita-Vecchia abzumarschieren. Ich tröstete mich indessen damit, Rom wiederzusehen, von dem ich kaum erst einen Schatten im Vorübergehen erblickt hatte.

II.
Abmarsch nach Civita-Vecchia. – Die Pontinischen Sümpfe. – Civita-Vecchia. – Ich werde Platzkommandant zu Albano. – Meine Ausflüge nach Rom. – Bankier Torlonia. – Prinzessin Cesarini. – Angelika Kaufmann. – Rom. – Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. – Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den Mauern.

Mich meinen Schönen bestens und auf hoffentlich baldiges Wiedersehen empfehlend – Madame Gasqui, deren Mann beim zweiten Bataillon stand, blieb zurück und bedauerte hauptsächlich, daß unser Liebhabertheater durch diese grausame Order zerrissen wurde, denn außer mir waren noch mehrere Mitglieder desselben beim ersten Bataillon –, verließ ich Neapel mit leichtem Herzen und ziemlich schwerem Beutel (Moritz hatte die Sorge, mich auf Kosten meiner Eltern mit dem nötigen nervus rerum gerendarum vor dem Abmarsch zu versehen, übernommen) und mit dem festen Vorsatz, daß das erste, wenn ich je wieder nach Neapel zurückkommen sollte, was sehr wahrscheinlich war, da wir immer noch zu dem dort stehenden französischen Armeekorps gehörten, sein solle, den Vesuv zu besteigen.

Wir marschierten auf demselben Weg Etappe für Etappe zurück, auf dem wir von Rom nach Neapel gekommen waren, nämlich über Capua, Sessa, Molla, Terracina, durch die Pontinischen Sümpfe über Velettri und Albano. Diesmal hielten wir aber, da der Marsch keine Eile hatte, Rasttage zu Fondi und Velettri. Unterwegs machten wir öfters Jagd auf wilde Enten, Schnepfen, Wasserhühner und anderes wildes Geflügel, das in der Gegend von Terracina und den Pontinischen Sümpfen in so ungeheurer Menge vorhanden ist, daß man eine fette wilde Ente oft mit zwei Bajocchi (kaum einen Groschen) bezahlt, so daß sich unsere Soldaten von Terracina bis Albano dieses Wild, das sie an ihren Ladestöcken brieten, trefflich schmecken ließen. Bei Treponti schoß ich einmal ein Voltigeurgewehr aufs Geratewohl in einen Rohrsumpf ab, aus dem sich sogleich eine schwarze Wolke von Wildgeflügel erhob und fast die Luft verfinsterte; auch die Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und es stürzten eine Menge verschiedener Vögel aus der Luft, die wir aber nicht bekommen konnten, da wir keine Hunde hatten, die sie aus den Sümpfen holten.

In Rom hatten wir diesmal keinen Ruhetag und mußten sogar die Stadt umgehen, was beinahe für eine Etappe hätte gelten können. Diesmal suchte ich aber mein Quartier auf, da ich zu Pferde und also nicht so marode war. Es wurde mir auf dem Korso bei – den Jesuiten angewiesen! – Aber die Zeit war so kurz zugemessen, daß ich diesmal außer dem Korso und der Piazza Popolo, die ich schon kannte, fast nichts von Rom zu sehen bekam. Von hier marschierten wir nach Pallo oder Palo ab, ein altes Kastell in einer sehr ungesunden und ganz öden Gegend am Gestade des Meeres, in dessen Nähe aber viele und große altrömische Ruinen liegen. Hier übernachteten wir, und der folgende Tag brachte uns bei sehr ungünstigem Wetter nach unserem neuen Bestimmungsort Civita-Vecchia.

Civita-Vecchia, das im Sommer ein sehr ungesunder Aufenthalt sein soll, ist befestigt, hat einen Hafen und ein Zeughaus, mehrere Klöster, war aber ein sehr öder und langweiliger Ort, der etwa sechstausend Einwohner zählen mochte. Nur daß es der Aufenthalt der päpstlichen Galeerensklaven, ein Toulon im kleinen ist, dessen Bagnos mit den in jeder Hinsicht höchst unglücklichen Sträflingen angefüllt sind, bringt einiges Leben in den Ort, aber welches!? – das, welches das Kettengerassel der Elenden verursacht.

Als ich die Kaserne besichtigte, in der unser Bataillon einquartiert wurde und die erst vor wenigen Tagen ein Bataillon Dalmatiner verlassen hatte, war ich in ein paar Sekunden mit Millionen Flöhen bedeckt, so daß meine Beinkleider auf einmal in couleur de puces verwandelt waren. So sehr ich auch schon in Italien und dem südlichen Frankreich an dieses Ungeziefer gewöhnt worden, so war es mir doch nie in solcher Masse vorgekommen, und nur durch eine Überschwemmung mit siedendem Wasser konnte man dasselbe in den Sälen etwas vermindern, vom Vertilgen war keine Rede; in den baumwollenen Bettdecken der Soldaten hatten sich diese quälenden Springer hauptsächlich eingenistet, und kein Klopfen noch Waschen konnte sie aus ihren bequemen Nestern vertreiben; tagelang waren die Leute auf der Flohjagd und knackten, und doch sahen diese weißen Decken immer wie Kümmel und Salz aus.

Kaum waren wir ein paar Tage in Civita-Vecchia, als ich mit vierzig Mann nach Palo beordert wurde, das daselbst befindliche Detachement der Dalmatiner abzulösen. Dieser Posten war so ungesund, daß man selbst im Winter die Leute alle zehn Tage, im Sommer aber alle vierundzwanzig Stunden ablösen mußte, und demungeachtet kam die Mehrzahl der Soldaten fieberkrank zurück und wanderte ins Lazarett; drei Tage Aufenthalt daselbst in der heißen Jahreszeit brachte unfehlbar den Tod. Der Posten mußte jedoch fortwährend stark besetzt werden, und eine Batterie von sechs Feuerschlünden war beständig mit Mitraille geladen, weil die Engländer und Korsaren hier öfters zu landen versucht und ganze Herden Büffel weggenommen hatten.

Einige Tage, nachdem ich in dieser ungesunden Einöde verweilt hatte, kamen mehrere Kompagnien der Dalmatiner auf ihrem Marsch nach Rom hier durch und übernachteten daselbst. Dieses Regiment bestand aus solchen, die in französischem Dienste waren, rote Uniform, Hüte à la Henri IV. trugen und wie die Raben stahlen. Es war meine Schuldigkeit, die Offiziere nach meinen Kräften bei ihrer Anwesenheit zu bewirten, aber wo etwas hernehmen? Brot, Wein, etwas Fleisch und Zugemüse brachten sie selbst mit, von Wein hatte ich zwar auch einigen Vorrat, aber was ihnen sonst vorsetzen? Als ich mich mit meinem Burschen deshalb beratschlagte, gab mir dieser zur Antwort: „Lassen Sie mich nur machen, Herr Leutnant, ich will schon für eine gute Schüssel sorgen.“ Und in der Tat trug er bei dem Mittagessen eine große Schüssel von ihm selbst gar nicht übel zubereitetes Ragout auf, das uns allen vortrefflich schmeckte; als ich ihn nachher vornahm und examinierte, was er uns denn eigentlich vorgesetzt habe, gestand er mir, es sei ein aus Eulen, Dohlen und Fröschen, die er in dem alten Gemäuer des Kastells gefangen, bestehendes Ragout gewesen. Ich lachte und dachte: ‚Nun, wenn es uns nur wohl bekommt!‘ Und das tat es.

Kaum war ich von meinem Eulennest abgelöst, als ich mit der Voltigeurkompagnie, die ihren Kapitän verloren und auch keinen Oberleutnant hatte, nach Albano beordert wurde, um daselbst den Posten als Platzkommandant zu versehen. Unser Bataillonschef Düret selbst wurde mit dem Stab und ein paar Kompagnien als Kommandant nach Corneto, die übrigen Kompagnien nach Porto d’Anzo, Piperno und Velettri beordert, deren Chefs in diesen Orten alle Platzkommandanten wurden, so daß das ganze Bataillon rings um Rom zerstreut lag. Den dritten Tag traf ich, abermals durch Rom marschierend, am Ort meiner Bestimmung ein, der nur drei kleine Stunden davon entfernt lag.

Auf dem Rathaus zu Albano, wo ich mich bei dem Sindico wegen meiner Order auswies, war über der Eingangstür des Saales der Kampf der Horazier und Curiatier in Fresko gemalt. Zu meiner Wohnung wies er mir einen ganzen, einem Kardinal zugehörigen Palazzo an, der eine Reihe von ziemlich schlecht möblierten Zimmern und Sälen hatte. Fast in jedem Gemach desselben aber hingen die in Kupfer gestochenen Bilder sämtlicher Päpste, die auf dem heiligen Stuhl gesessen. Eine alte Frau, eine Art von Hausverwalterin seiner Eminenz, war die einzige Mitbewohnerin in diesem geräumigen Gebäude. Es waren wenigstens einige zwanzig Zimmer, die sie mir zur Disposition stellte, und in mehreren derselben fanden sich große Himmelbetten, die ebenso breit wie lang waren, so daß ich jede Nacht nach Belieben mit meinem Schlafzimmer hätte wechseln können; fast ebenso geräumig war der Unterleutnant logiert, auch der Sergeant-Major sowie alle Sergeanten hatten verhältnismäßig große Quartiere; die Korporale mit ihren Eskadern wurden in verschiedenen Gebäuden einquartiert. Die Stadt mußte mir täglich drei römische Scudi (über sieben Gulden) Tafelgelder geben, außerdem erhielt ich dreifache Rationen an Lebensmitteln und hatte sonst noch allerlei kleine Vorteile, welche mir diese Kommandantur einbrachte: es ging ja alles auf Kosten Seiner Heiligkeit, dessen Gebiet Napoleon militärisch besetzen zu lassen für gut befunden hatte; nur Rom selbst war immer noch mit französischer Garnison verschont. Die Leute wurden sehr gut verpflegt, und ich sah strenge darauf, daß die ihnen verabreichten Lebensmittel von guter Qualität waren, wodurch ich sie mir sehr geneigt machte, auch ließen sie den Papst und unseren Herrgott einen guten Mann sein und hoch leben. Ich machte fast jeden Tag einen Spazierritt nach Rom, das genauer kennen zu lernen ich mir nun vornahm.

In den ersten Tagen meiner Kommandantur, die ich eigentlich dem Wohlwollen Dürets zu verdanken hatte, besuchte ich Rom nur wenig und immer nur auf ein paar Stunden, denn ich wagte es nicht, mich auf längere Zeit zu entfernen, obgleich dieser Posten von keiner großen Wichtigkeit war und hauptsächlich darin bestand, den durchkommenden Militärs die Marschrouten zu visieren, ihnen Quartiere anweisen zu lassen und dergleichen. Nachdem ich aber ein paar Wochen hier war, nahm ich es nicht so genau, sondern brachte längere Zeit, oft ganze Tage in Rom zu, dem Sergeant-Major meine Funktionen während meiner Abwesenheit überlassend.

Zu dieser Zeit erhielt ich Briefe von Haus, die mir das Ableben eines alten Großoheims anzeigten, sowie, daß mich derselbe mit einem Legat von einigen tausend Gulden besonders bedacht habe, die man zu meiner Verfügung stelle, indem ich, was ich bedürfe, bei dem Bankier Torlonia in Rom, an den ich außerdem noch einen Empfehlungsbrief erhielt, erheben könne. Auch Moritz, dem ich von Albano aus schrieb, sandte mir eine Empfehlung an denselben. Dies waren traurig-gute Nachrichten, denn das Ableben des guten alten Oheims, bei dem ich als Kind gar manche vergnügte Stunde gehabt – er hatte mich in besondere Affektion genommen –, tat mir leid, auf der anderen Seite kam mir das Geld und die Empfehlungen bei meinen Exkursionen nach Rom trefflich zu statten. Torlonia lud mich zu seinen Conversazioni ein, die wohl mit die glänzendsten in ganz Rom waren und bei denen ich die angesehensten Familien dieser Stadt persönlich kennen lernte, wie die Cerevetri, Doria, Chigi, Odeschalchi und so weiter. Das Schicksal dieses Bankiers, der sich vom Lohnbedienten oder armen Cicerone, was er zuerst war, bis zum reichsten Mann im ganzen Kirchenstaat und zum Herzog von Bracciano hinaufgeschwungen, ist merkwürdig. Er hatte sich ein geringes Kapital gespart, das er dem Kardinal Braschi in Verwahrung gab oder vielmehr lieh. Als dieser unter dem Namen Pius VI. Papst wurde, beauftragte er Torlonia mit seinen Geldgeschäften; dieser errichtete jetzt ein Bankhaus und wurde bald darauf der Staatsbankier des heiligen Vaters, wobei er sich ein unermeßliches Vermögen erwarb. – So ziemlich ein Pendant zum alten Rothschild. – Pius VII. machte ihn später zum Herzog von Bracciano. Der Mann mochte damals einige fünfzig Jahre zählen und hatte ein sehr gravitätisches Ansehen, in seinem Kontor sitzend: ein schwarzer Samtrock mit großen vergoldeten Knöpfen, eine goldgestickte Weste, ein paar kurze Samtbeinkleider von einer bläulichen Farbe, blaßgelbe seidene Strümpfe, Schuhe mit Steinschnallen und eine schneeweiß gepuderte Perücke war sein alltäglicher Anzug. In seinen Abendgesellschaften glänzten Roms erste Schönheiten, und er selbst hatte zwei hübsche Töchter, unter allen aber strahlte wie eine Sonne unter Sternen die junge Principessa Cesarini so gewaltig schimmernd hervor, daß aller Augen auf sie gerichtet waren, sobald sie eintrat, und auch die meinigen bis zum Verbrennen geblendet wurden. Diese Schönheit, die erst kürzlich an den Fürsten Cesarini verheiratet war, hatte ebenfalls ein originelles Schicksal gehabt. Ihr Vater hieß Conti, sie war von niederer Herkunft und armen Eltern, die so herabgekommen waren, daß sie ein Blumenmädchen werden mußte, das ihre hübsch gewundenen Sträußchen am Nachmittag auf dem Korso zum Verkauf ausbot; ihre Schönheit zog weit mehr als ihre Blumen, die man teuer bezahlte, die Käufer an, und so machte auch der reiche Fürst Cesarini ihre Bekanntschaft, den sie klug genug so hinzuhalten und in ihre Netze zu ziehen wußte, daß er ihre höchste Gunst nur durch das Band der heiligen Ehe und den Schritt ins Brautgemach erlangen konnte; sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er sie heiratete. Hinsichtlich ihrer Schönheit war sie die Recamier Roms.

Den ersten Abend oder vielmehr die erste Nacht, denn erst spät in derselben begannen die Soireen, die ich bei Torlonia zubrachte, verhielt ich mich sehr still und ruhig und machte nur den Beobachter, um mit dem hier herrschenden Ton bekannt zu werden. Spiel und Musik waren auch hier die Haupthebel der Unterhaltung der Gesellschaft, wie zu jener Zeit in ganz Italien. Diese beiden so verschiedenen Dinge, das eine ein der Hölle entwischter Dämon, die andere eine entzückende Himmelstochter, müssen die Langeweile der Sterblichen unter Qualen und Lust töten. Dem Spiel habe ich manche, wenn auch nicht gerade bittere, doch unangenehme Stunde zu verdanken gehabt, denn das einmal verspielte Geld focht mich wenig mehr an, während mir die herrliche Tonkunst die seligsten und glücklichsten Momente meines Lebens schuf; ohne sie würde ich gewiß nicht den hundertsten Teil des genossenen Vergnügens gehabt haben, und noch jetzt macht sie mir manchen frohen Augenblick, namentlich waren es des unsterblichen Meisters der Töne, des großen Mozart Schöpfungen, die mich immer begeisterten.

Don Juan war in Rom noch ebenso unbekannt wie in Genua und dem übrigen Italien, auch von der Zauberflöte, der Entführung, selbst dem Titus wußte man nichts, nur vom Figaro und Cosi fan tutte kannte man einzelne Stücke. Mir war es vorbehalten, den durch Mozarts Musik so liebenswürdig gewordenen Wüstling Don Juan in dem liebeglühenden Italien einzuführen.

Am ersten Abend verhielt ich mich, wie gesagt, sehr passiv in Torlonias Soiree und verlor mit allem Anstand ein Dutzend Zechinen; wenn ich nicht in Uniform gewesen wäre, würde ich schwerlich nur bemerkt worden sein, obgleich mich Torlonia mehreren Gästen als einen ihm gut empfohlenen Tedesco vorstellte. Als ich mir aber nach einigen Tagen wieder fünfundzwanzig Louisdor geben ließ und mich der Bankier abermals zu einer Soiree einlud, fragte ich ihn, ob es wohl erlaubt sei, einige Musica tedesca mitzubringen und vorzutragen, was er mir mit einem: „Vi saremo molto grato!“ beantwortete.

Ich kam diesmal mit meinem Don Juan unter dem Arm und trug, von der Dame des Hauses aufgefordert, das brillante Prestissimo „fin ch’an del vino calda la testa“ mit italienischem Feuer vor, und zwar so rasch, daß mir der mich akkompagnierende Maestro kaum folgen konnte; es wurde mit einem allgemeinen Bravissimo und Dakapo belohnt, ebenso erging es mir mit Figaros „non piu andrai“ und dem Ständchen aus dem zweiten Akt Don Juans, das ich später sang. „Cosa stupenda, questa musica!“ rief selbst der Bankier aus, der auch noch Ohr für einen anderen Klang als den der Piaster und Zechinen hatte. Besser als durch diese Musik hätte ich mich in Rom nicht empfehlen können, und wenn ich als Obergeneral durch eine siegreiche Schlacht ein ganzes Reich erobert haben würde. Es gab nun bald in der ganzen Stadt keine Soiree von Bedeutung mehr, zu welcher der Leutnant, Platzkommandant von Albano, nicht durch einen Expressen eingeladen worden wäre. Es ging wie in Genua, ich studierte Duette und andere Ensemblestücke mit römischen Damen, die herrliche Stimmen hatten, ein und sang mit Donna Annen, Elviren und Zerlinen, deren Anblick allein schon in Ekstase versetzte. Auch Leporellos Aria buffa „Signorina, il Catalogo è questo“ sang ich mit großem Erfolg, wenn auch etwas höher transponiert; die Introduktion und die beiden Finale wurden bald von den musikalischen Individuen der Gesellschaften einstudiert und vorgetragen. Don Giovanni machte Furore, und ich, sein leibhaftiger Repräsentant, wenigstens Aufsehen, verliebte mich, so wie ich mich zu verlieben imstande war, in die wunderholde Principessa Cesarini, obgleich diese keine oder doch nur unbedeutende musikalische Talente hatte, aber desto mehr für die praktische Liebe geschaffen war. Übersättigung hatte, wie dies so oft der Fall ist, das eheliche Glück der jungen Fürstin bald gestört; die Ehe ist und muß notwendig das Grab der Liebe sein, da eine so fortwährend nahe Berührung, in der sich die Gatten unter allen Verhältnissen befinden und sehen, alle Illusion schnell schwinden macht. So ging es auch hier; nach wenigen Monaten wurde der Fürst gleichgültig, und die junge Frau sah sich nach anderen Zerstreuungen um, als mich gerade mein Glücksstern nach Rom führte und ich die schöne Signora kennen lernte, deren Rang hier, wo es so viele Bettelprinzen gibt, daß man, wie in Deutschland, mit Baronen die Schweine mästen könnte, kein Hindernis war, mich ihr zu nähern, ob sie schon auch hinsichtlich des Vermögens sich in sehr glänzenden Umständen befand.

Ich hatte unter anderen auch die Bekanntschaft eines jungen venetianischen Edelmannes gemacht, der sich damals in Rom aufhielt und sich Dandolo nannte. Durch diesen erfuhr ich, daß der Fürst Cesarini eine eben nicht mehr sehr junge und gerade nicht schöne Mätresse unterhalte, die in der Nähe des Spanischen Platzes wohne, deren Gunst er sich nicht einmal allein zu erfreuen habe, die aber eine äußerst verschmitzte und auch witzige Dirne sei und namentlich mit einem gewissen Abbate intrigiere.

Jeden Abend ritt ich nun auf den Korso, wo sich alle Notabilitäten und Schönheiten Roms in ausgesuchter Toilette, in glänzenden Equipagen auf- und niederfahrend, präsentieren und auf der Piazza Popolo stillhalten, um miteinander zu konversieren. Viele dieser Damen hatte ich schon in den Soireen kennen gelernt, grüßte sie, an ihnen vorüber kurbettierend, und hörte öfters zischeln: „Ecco l’Uffiziale francese chi canta cosi bene!“ Auch die berühmte Angelika Kaufmann sah ich hier einigemal und ließ mich bei ihr einführen; obgleich schon hoch in den Sechzigern und kränklich, war sie doch noch sehr liebenswürdig; da ich aber von ihrer Kunst, der Malerei, sehr wenig oder nichts verstand und dies wie natürlich das Steckenpferd ihrer Unterhaltung war, so wiederholte ich meine Besuche nicht oft. Die geniale Dame starb drei Vierteljahre darauf und wurde mit großem Pomp begraben. Ihr Sarg ward von den berühmtesten Professoren und Künstlern, die sich damals zu Rom aufhielten, abwechselnd getragen; unter ihnen war auch Canova. Zwei ihrer besten Gemälde wurden vor ihrer Leiche hergetragen. Das eheliche Schicksal dieser ausgezeichneten Künstlerin ist sonderbar genug, um hier erwähnt zu werden. Während ihres Aufenthaltes zu London, wo sie Mitglied der Königlichen Kunstakademie war, verliebte sich ein Engländer in sie, dem sie aber kein Gehör schenkte. Dieser brütete nun einen seltsamen und abscheulichen Racheplan aus; er suchte nämlich einen ganz gemeinen, aber körperlich sehr wohlgestalteten Menschen auf, den er gehörig instruierte, mit Geldmitteln versah und der, so ausgestattet, unter dem Aushängeschild eines Grafen die Bekanntschaft Angelikas machen sowie dann um ihre Hand anhalten mußte. Dieser listige Plan glückte vollkommen, und das arme Mädchen war bald die Gattin des rohen Gesellen; als sie sich aber über dessen Gemeinheiten und Rohheiten bitter beklagte, deckte der Urheber dieser Rache selbst den ihr gespielten Betrug auf. Eine baldige Scheidung erfolgte darauf, unter der Bedingung, daß sie ihrem getrennten Gatten eine ansehnliche Pension aussetze, welche dieser aber nicht lange genoß, da er glücklicherweise bald starb. Später heiratete sie in Rom wieder, einen Maler namens Zucchi, den sie ebenfalls überlebte. Im Jahre 1808 wurde ihre Büste im dortigen Pantheon aufgestellt.

Da ich mich jetzt so häufig in Rom, und zwar weit mehr als in Albano aufhielt, so hatte ich mir in der ersteren Stadt ein kleines Logis gemietet, das mir zum Absteigequartier diente und in welchem ich, wenn ich es für gut fand, meine Uniform mit einem schlichten bürgerlichen Kleid vertauschen konnte, was besonders bei meinen nächtlichen Streifereien in der alten Weltstadt ratsam war, wo ich oft auf gut Glück in den damals noch fast gar nicht erleuchteten Straßen herumschwärmte und die Kaffeehäuser, in denen die Damen Eis zu sich nahmen, besuchte. Gegen die Straßenbeleuchtung Roms hatten sich die hohen Geistlichen, namentlich auch die Eminenzen von jeher sehr energisch erklärt, damit man deren nächtliche Schliche und Gänge nicht beobachten oder die hübschen Nipotinnen, die sie abends an ihrer Seite in den Karossen sitzen hatten, nicht sehen sollte. Aber unbewaffnet ging ich nicht aus, da keine Woche verging, in der man nicht von ausgeteilten Dolch- oder Messerstichen hörte, und der Unsinn, daß die Mörder in jeder Kirche, an jedem Madonnenbild, ja in ganzen Quartieren, wie an dem Spanischen Platz und in dem Revier der Inquisition, eine Freistätte fanden, wo sie nicht verhaftet werden konnten, bestand noch in seiner ganzen Kraft. Die Angehörigen oder Freunde der Mörder wußten hier die Verbrecher gewöhnlich so lange zu versorgen, bis sie sie ohne alle Gefahr in Sicherheit bringen konnten.

In der Regel ritt ich erst gegen Morgen nach Albano zurück, wo ich dann wenige Stunden ruhte, den Rapport erhielt, dem Sergeant-Major Verhaltungsbefehle erteilte, die vorgefallenen Disziplinarsachen ordnete, frühstückte, und schon gegen Mittag war ich wieder in Rom. Jedoch gebrauchte ich die Vorsicht, meine Adresse zu hinterlassen, damit man mich von etwa außerordentlichen Vorfällen sogleich durch einen Expressen benachrichtigen konnte.

Von den Theatern war, als ich nach Rom kam, zuerst nur eines, das des Apollo geöffnet, bei dem die ausgezeichnete Festa als Primadonna figurierte; aber gleich nach Neujahr wurde Tordinone zuerst mit einer Opera buffa eröffnet, bald darauf auch Argentina und Aliberti, das größte von allen, mit sechs Galerien, von denen eine jede sechsunddreißig geräumige Logen hat, und das della Valle. Während des Karnevals sind alle täglich bis zum Ersticken angefüllt, ebenso mehrere Marionettentheater, mit deren Darstellungen man es hier sowie in Neapel zu einer staunenswürdigen Vollkommenheit gebracht hat. Maschinerie, Gelenkigkeit der Puppen, Dekorationen, alles harmoniert und ist vollendet schön. So sah ich unter anderem ein Ballett ‚La fierra di Sinigaglia‘ aufführen, wo das Gewühl der Messe auf das täuschendste nachgeahmt war. Mitten unter das Volk sprang ein wütender Stier, der sich von der Fleischerbank losgerissen, die natürlichsten und possierlichsten Sprünge machend, alles über den Haufen rannte, wobei sich das Volk ebenso natürlich in die Häuser flüchtete. Hierauf erschien ein marktschreierischer Zahnarzt, der seinen Sitz auf einer hohen Tribüne nahm und den Leuten vermittelst einer Beißzange die Zähne mit schuhlangen Wurzeln zur großen Freude des Publikums auszog; auch sehr kunstreiche Tänze führten diese vier bis fünf Schuh hohen Marionetten graziös aus. Gewöhnlich sind die Sujets zu diesen Marionettenstücken der Tausend und einer Nacht, während der Weihnachtszeit aber der Bibel und dem Neuen Testament entlehnt; namentlich wird dann die Geburt Christi dargestellt, wobei immer der arme Teufel eine klägliche Rolle spielen muß. Was mich anfänglich am meisten in den Theatern Roms wunderte, war, daß man Geistliche und Mönche in großer Menge in den ersten Reihen unter den Zuschauern sitzen sieht, die sich an all dem Hokuspokus recht zu ergötzen scheinen, ohne daß dies im geringsten auffiele. In den ersten Logenreihen erblickt man Eminenzen in Gesellschaft hübscher Mühmchen und Nipotessen; auch ist es dunkel in den Theatern, da fast nur die Bühnen erleuchtet werden.

Ich lebte nun in der Tat in Albano und Rom ein wahres Schlaraffenleben, an Geld fehlte es mir für den Augenblick nicht, das Legat und die Kommandantur, so unbedeutend sie an und für sich war, versorgte mich reichlich, und der immer vertraulicher werdende Umgang mit der schönen Prinzessin Cesarini, die in ihrem ganzen Tun und Sein und durch ihren glänzenden lebhaften Verstand so unwiderstehlich hinreißend und anziehend war, daß sie mich wie alles, was sie umgab, bezauberte, machte mir meinen Aufenthalt in Rom wirklich zu einem Paradies. Schon längst hatte sie bemerkt, daß ich ihr alle mögliche Aufmerksamkeit schenke, ich bot alle erdenkliche Galanterie auf, mich ihr angenehm zu machen, und brachte es auch endlich dahin, mich ihres besonderen Wohlwollens zu erfreuen. Wahrlich keine Kleinigkeit, da ich die halbe Männerwelt Roms, und unter dieser hohe Prälaten, nicht die am wenigsten Gefährlichen, zu Nebenbuhlern bei dieser berühmten Schönheit hatte, denn Geistlichkeit und Weltlichkeit betete diesen Stern erster Größe in dem Reich der Schönheit an, und nur der Musik, meinem dramatischen Talent, vielleicht auch dem Umstand, daß ich mein Roß auf dem Korso und dem Volksplatz gut zu tummeln verstand und prächtige Lançaden und Kapriolen machen ließ, verdankte ich den Sieg über meine großen und gefährlichen Nebenbuhler und daß die Schöne ihre strahlenden Augen auf mich zu werfen würdigte. Noch ein anderer Umstand, wie sie mir nachher selbst gestand, hatte dazu beigetragen, mich in ihre Gunst zu setzen. Eines Abends kam in einer brillanten Konversation bei Colonna die Sprache auf die Deutschen, von denen man unter mehreren guten Eigenschaften, die sie haben sollten, besonders auch die deutsche Treue (germana fede) in der Liebe hervorhob, und die Frauen versicherten in allem Ernste, ein untreuer deutscher Ehemann sei ein ebenso seltenes Phänomen, als ein treuer italienischer, und einen Deutschen zu verführen, der verheiratet sei oder eine Geliebte habe, dazu gehöre mehr als irdische Schönheit, ja die Allmacht einer Göttin. Wie mußte ich nicht innerlich ob diesen seltsamen Behauptungen lachen, welche wenigstens die Frauen für ganz zuverlässig ausgaben, was für Einwendungen die Männer auch machen mochten. Es grenzt wirklich an das Komisch-Romantische, welche Vorstellungen die Römerinnen, und überhaupt die Italienerinnen, von der deutschen Treue in diesem Punkt haben; sie halten es eher für möglich, einen Strom rückwärts fließen, als einer Gattin den deutschen Mann abspenstig machen zu können. Ich ließ sie natürlich bei diesem Glauben, und während ich ihnen vollkommen beipflichtete und diese fede germana als unerschütterlich bestätigte, versicherte ich ihnen, daß, wenn ich jemals das Glück hätte, eine Geliebte zu besitzen, ich mir sogar ein Gewissen daraus machen würde, eine andere Dame nur anzusehen. Dabei faßte ich die Cesarini, die keine zwei Schritte von mir stand, scharf ins Auge. Man verglich nun die französische Flatterhaftigkeit und den italienischen Leichtsinn mit dieser deutschen Beständigkeit, bedauerte nur, daß die Signori tedeschi nicht mit derselben auch die französische Liebenswürdigkeit verbänden und weniger Phlegma hätten.

„Alles läßt sich nicht vereinigen,“ sagte ich lachend.

„Und dann gibt es ja auch Ausnahmen,“ versetzte die Principessa Cesarini, mich ansehend, und ich verbeugte mich tief.

Es wurden nun andere Gegenstände auf das Tapet gebracht, und ein Teil der Gesellschaft setzte sich zum Spiel nieder; da auch die Principessa Cesarini an dem Spieltisch pointierte, so placierte ich mich ganz in ihre Nähe, besetzte dieselben Karten wie sie und gewann so in kurzem einige fünfzig Zechinen. Sie hatte es gleich anfangs bemerkt und sagte lächelnd zu mir: „Sehen Sie, so geht es, wenn Sie mir folgen, ich bin ein guter Führer,“ und fuhr hieran sotta voce fort: „Wollen Sie die Katakomben besuchen, so finden Sie sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, wo Sie einen Führer zu dieser gefährlichen Partie finden werden, der Ihnen vielleicht nicht ganz unangenehm ist.“ – Wie mich diese Worte elektrisierten, vermag ich nicht zu sagen, mein Blut begann zu sieden, und für das Spiel hatte ich weder Augen noch Ohren mehr, ich war dadurch in den dritten Himmel versetzt worden und stand dennoch wie auf glühenden Kohlen. Obgleich Schüchternheit eben nicht mein Fehler war, so hatte ich bis jetzt doch noch nicht einen leisen Händedruck gewagt, nur meine Augen und Artigkeiten mit Worten konnten meine Wünsche verraten haben, und nun sah ich mich mit einem Male und ganz unerwartet an dem Ziel derselben. Gerne hätte ich gefragt: „A che ora, illustrissima?“ Aber es war nicht passend, und ich fand nur noch Gelegenheit, en passant ein „Certo non mancherò!“ ihr zuzuflüstern; ich mußte hier mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen, denn der Lauscher und Aufpasser waren zu viele, wenn es der Herzogin Cesarini galt, die Hunderte von Anbetern hatte, besonders seitdem man wußte, daß sie nicht mehr in sehr großer Einigkeit mit ihrem Gatten lebte. Nach Mitternacht ritt ich nach Albano zurück, um mit dem frühen Morgen schon wieder in Rom sein zu können, wo ich, nachdem ich in dem großen Kaffeehaus auf dem Korso mit Schokolade und pane tedesco[3] gefrühstückt, nach der mir bezeichneten Kirche San Sebastian in fuori le mura fuhr.

III.
Die Katakomben. – San Sebastian fuori le mura. – Das Abenteuer in den Katakomben. – Die Karnevalsfreuden. – Noch ein Mordanfall. – Die junge Witwe. – Antiquar Vasi und seine Tochter. – Canova. – Beendigung des Karnevals. – Die Entführung einer Nonne. – Der Kardinal-Bischof und der Impressario. – Ich werde zum dritten Bataillon versetzt. – Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.

Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der man zu dem größten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn nur das Meer mag eine größere Menge von Leichen bergen; ein finsteres Labyrinth, dessen endlose Irrgänge noch kein Sterblicher genau ermessen konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben müssen, sich nach allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen Gewölben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man durch schmale, enge Gänge, in denen keine zwei Personen nebeneinander Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schädeln und Knochen angefüllten Gewölben, in denen nicht selten unabsehbare Abgründe, Löcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln oder Laternen und Führer nicht wagen darf, diese Souterrains zu betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und die Knochen von nicht weniger als 170000 Märtyrern sollen hier liegen, ohne die der gewöhnlichen Toten zu rechnen.

Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tür der San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die höchste Glückseligkeit kommen sollte. Mit so großer Ungeduld und so heißem Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glücklich machen sollte. Wäre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen Glorie selbst erschienen, so hätte dies schwerlich eine so entzückende Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heißersehnten Prinzessin Cesarini, auch zitterte ich, daß es unterbleiben möchte.

Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so daß ich zweifelte, daß dieser den mir so teuren Schatz enthalten könne. Bald hielt er vor der Kirchentür still, und zwei verschleierte Frauengestalten, von denen die eine einen göttlichen Wuchs verriet, entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist’s, flüsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir kein Zweifel übrig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das Wasser reichend, das sie, den Schleier zurückwerfend, mir auf das freundlichste abnahm, indem sie mir ein „Ben venuto“ mit einem vielsagenden Blick zuflüsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie auf, drehte sich zu mir um – ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen – und sprach: „Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben hinabsteigen.“ – Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezündete Kerze reichte. Wir folgten unserem Führer und stiegen durch die sich in der Nähe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tür in das unermeßliche Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schönen Fürstin die Hand, deren Berührung mich durch Mark und Bein elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefällige Freundin und vertraute Gesellschafterin, mußte auf ihr Geheiß mit einem Laternchen vor uns und dicht hinter unserem Führer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen, drückte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerkuß, streifte aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so daß ihr Licht schnell erlosch.

Unser Führer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die Gänge so eng, daß wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die schönste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt vorwärts fester und inniger an mich drückte, so daß bald ein glühendes Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als ich endlich den Führer mit der ihm folgenden Schönen, denn häßlich war der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah – ich war absichtlich langsam gegangen –, da wagte ich einen langen Kuß auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drücken; ich fühlte den Kuß mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und würden Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode, immer von Märtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wäre und sich nach uns umgesehen hätte, um uns auf die Inschrift eines Steins aufmerksam zu machen. Als er sah, daß ich kein Licht mehr hatte, rief er mir zu: „Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.“

„Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelöscht, nur immer vorwärts.“

Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter heilige Märtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns spürte einige Lust, sich diesem auszusetzen, und wir ließen die Knochen unberührt. Es ging weiter die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich so weit mit meiner schönen Principessa zurückblieb, daß wir zuletzt Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengängen verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch der Liebe in vollen Zügen atmend, uns so ganz vergaßen, daß es uns nicht im entferntesten in den Sinn kam, daß wir hier Gefahr liefen, wenn wir unseren Führer verlieren möchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen. Nach einigen Minuten ließ jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz außerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutküssen bedeckte. Endlich fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt verstummt, und nach gepflogener Götterlust war es uns doch nicht so ganz einerlei, uns ohne Führer und Licht in diesen stockfinsteren unterirdischen Irrgängen zu befinden.

„Das wäre die Lust zu teuer gebüßt,“ meinte Gertrude (der Taufname der Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, „wenn wir zur Strafe hier verhungern sollten.“

„Dahin soll es nicht kommen, mia dolcissima,“ erwiderte ich und schrie nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: „Signor Kustode! Signor Kustode!“

Aber alles blieb still und stumm.

Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall meiner Stimme.

„Das beginnt bedenklich zu werden,“ meinte die Cesarini.

„Bewahre der Himmel,“ versetzte ich; „wie, wenn es dem Herrn Kustode eingefallen wäre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hübschen Begleiterin zu verlustieren?“

Die Cesarini lachte und sagte: „Wo denken Sie hin; der Kustode der heiligen Märtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht mehr in der ersten Jugendblüte.“

„Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr für beide, sich gegenseitig zu trösten.“

„Allen Scherz beiseite, mir fängt an bange zu werden.“

Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch tröstete ich mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und mit demselben zu sterben.

Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der äußersten Vorsicht einen Schritt vor-, rück- oder seitwärts wagen, aus Furcht, in eine der Gruben oder Abgründe zu fallen. Wir schmiegten uns nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, daß wir nur noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ängstlicher war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rückwärts, jedoch mit aller Behutsamkeit mit den Händen längs den Wänden streifend, denn ich hatte weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein, abwechselnd Augenblicke der höchsten Wonne und der höchsten Pein, und nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schöne Gefährtin schon einen Strom von Tränen aus ihren holden Augensternen, die mir aber jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir plötzlich einen Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell wieder verschwand, so daß ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt schrie ich aus allen Kräften, und wir hatten das Vergnügen, den Strahl zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehört, und immer schreiend näherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, daß dasselbe nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehörte, sondern einer anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem Führer besuchten.

„Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen,“ rief die Principessa aus.

„Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen, als so elend umzukommen.“

Als wir uns der Gesellschaft näherten, erkannte ich die Familie des dänischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Führer, um meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelöschte Kerze anzuzünden, und erzählte den dänischen Fräuleins, daß mich und die fremde Dame – die Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich möglichst im Düstern, um nicht erkannt zu werden – ein unglücklicher Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis, uns anschließen zu dürfen, was freundlich gewährt wurde. Nachdem wir der Gesellschaft stumm durch einige Gänge gefolgt waren, kam plötzlich unser Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir verließen dankend die Dänen, erfreut, nicht genötigt zu sein, uns vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu müssen.

Als wir allein waren, sagte der Führer, daß sie uns schon seit einer Stunde mit der größten Angst und Sorgfalt, ebenfalls beständig schreiend und rufend, gesucht hätten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt den kürzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzückt, als wir das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrünstig empfahlen, und eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.

„Und wann und wo werden wir uns wiedersehen?“ fragte ich, meine Schöne an den Wagen geleitend.

„Finden Sie sich um ein Uhr nach Sonnenuntergang in der Kirche della Trinità de Monte ein.“

Sie fuhr mit dem Fiaker nach der Wohnung ihrer Freundin Bianchetta, von wo sie sich durch ihre Equipage, die sie auch dahin gebracht hatte, damit man ihr nicht auf die Spur kommen konnte, wieder abholen ließ.

Daß ich auch das zweite Rendezvous nicht verfehlte und mich schon eine halbe Stunde früher in Trinità de Monte einfand, kann man sich denken. Um es bequemer zu haben, nahm ich mein Pranzo (Mittagessen) bei einem Restaurateur auf dem Spanischen Platz gegen Abend ein, wartete nach diesem, auf einer Ottomane behaglich ruhend, im Vasi lesend, ohne zu wissen, was ich las, Zeit und Stunde ab und verfügte mich dann in die mir angegebene Kirche, wo mir meine Ungeduld die Zeit so lang werden ließ, daß ich abermals an dem Kommen meiner Dame verzweifelte. Doch sie fehlte auch diesmal nicht, kam aber allein, unterließ nicht, ihre kurze Andacht zu verrichten, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Wir bestiegen einen auf dem nahen Spanischen Platz haltenden Fiaker und fuhren nach der Kirche San Nicolo a Cesarini, die sich ganz nahe bei dem Palazzo Cesarini befand, unterwegs gaben wir uns die unverkennbarsten Zeichen unserer gegenseitigen Zuneigung, und sie teilte mir mit, daß sie mich in ihren Gemächern empfangen wolle. Wir stiegen in der Nähe der Kapelle Cesarini ab, traten, jedoch nicht zusammen, in dieselbe ein, und sie verließ mich bald darauf, sich durch eine kleine Tür entfernend, nachdem sie mir noch in dem Wagen gesagt hatte, daß ich einer Donzella folgen solle, die mir in der Kapelle das Zeichen dazu mit einem blauen Tuch geben würde. Es dauerte nicht lange, so trat ein solches Mädchen durch die kleine Tür ein, kniete ein paar Augenblicke betend nieder, erhob sich dann, das bewußte Tuch in die Höhe und vor das Gesicht haltend, und ich folgte dem leitenden Genius durch den Ausgang, den er gekommen war. Aus der Kapelle traten wir unbemerkt in den Palazzo, gingen eine ziemlich finstere Treppe hinan, durch eine Reihe von Stanzen, ebenfalls nicht erleuchtet; endlich öffnete Priscilla, der Name der Zofe, die Tür eines durch eine Alabasterlampe nur düster erhellten Zimmers, wo sie mich eine kleine Weile zu warten bat, da ihre Herrin, die noch Besuch habe, dessen sie sich bald zu entledigen wissen werde, in wenigen Minuten erscheinen würde. Hierauf ließ sie mich allein. Trotz der Sehnsucht, mit der ich diese Erscheinung erwartete, kam mir doch in meiner Einsamkeit der Gedanke, wie leicht es möglich sei, daß ich hier vom Herzog oder durch von ihm angestellte Leute überfallen werden und, da ich durchaus unbewaffnet, mich nicht einmal verteidigen könnte. Ich nahm mir vor, mich den anderen Tag mit einem Stockdegen zu versehen und bei solchen Gelegenheiten auch immer ein paar geladene Terzerolen in der Tasche zu tragen, was in Italien bei dergleichen Intrigen unumgänglich notwendig ist, um sich, wenn man überfallen wird, gehörig verteidigen zu können; denn wenn es auch längst keine zünftigen Banditen, wie sie uns in so vielen Romanen und in Zschokkes Abällino geschildert werden, mehr gab, so ist doch nicht zu leugnen, daß man in Rom für Geld, ohne viel zu suchen, leicht ein paar Kerle dingen kann, die einen Menschen mit dem größten Anstand, noch größerer Gewandtheit und dem besten Humor von der Welt durch ein paar gut treffende Messerstiche in die andere Welt spedieren. Würde man aber in Rom, Venedig, Genua und so weiter nach jenen handwerkszünftigen Roman-Banditen fragen, so würde man sich ebenso lächerlich machen, als wenn man sich in Köln, Koblenz oder Mainz nach den Raubrittern erkundigte, welche von ihren Burgen den reisenden Kaufleuten auflauern, um sie zu überfallen und zu plündern, und sich deshalb ein Geleit ausbitten wollte. Beide gehören vergangenen Zeiten an. An Straßenräuberbanden fehlte es indessen nicht, namentlich im südlichen Teil des Kirchenstaates und im Königreich Neapel, doch wußten wir auch diesen bald das Räuberhandwerk zu legen.

Bald den Banditengedanken Raum gebend, bald an die Heißersehnte denkend, ging ich unruhig in dem düsteren Gemach auf und nieder, bei dem geringsten Geräusch die Ohren spitzend. Jetzt knarrte und öffnete sich leise eine Tapetentür, und Madonna trat in einem blendend weißen faltenreichen Gewand herein. Ich wähnte Ariosts Alcine zu erblicken, so reizend nahm sich diese Erscheinung in dem chiaroscuro aus. Sie schloß die Tür hinter sich und lag in meinen Armen, ich umschlang sie glühend und sank mit ihr auf die schwellenden Kissen einer seidenen Ottomane. Ich glaube, wenn Rom in diesem Augenblick durch ein Erdbeben untergegangen wäre, wir hätten in unserem Dahintaumeln nichts davon wahrgenommen, sondern stöhnten nur in abgebrochenen Silben: carissima, dolcissima, angelina. Rom blieb aber stehen, wenn schon die Ottomane gewaltig erschüttert wurde, bis wir endlich nach drei Viertelstunden wieder eine zusammenhängende Sprache fanden.

Bei Sinnen und etwas abgekühlter, fragte ich Gertrude, ob sie sich auch hier vollkommen sicher glaube, da ich unbewaffnet, und ob kein Überfall vom Herzog zu befürchten sei. – „Oh, der Herzog,“ fiel sie mir lächelnd ein, „der fragt nichts mehr nach mir, ich bin ihm so gleichgültig und gleichgültiger wie die schlechteste Statue seines Palastes, gräme mich aber deshalb nicht im mindesten, wie ich es anfänglich getan; wir gehen jetzt jedes seiner Wege, ohne daß sich eines um das andere kümmert. Es sei fortan nicht mehr die Sprache von ihm, caro Fernando.“ Sie fiel mir um den Hals, und ich küßte und tröstete sie abermals. – „Doch,“ fing sie später wieder an, „wenn wir auch nichts von meinem Manne zu fürchten haben, so mußt du dennoch auf deiner Hut sein, anima mia, denn du hast Nebenbuhler, die wir weit mehr zu fürchten haben. Dies der Grund, warum ich unser intimes Verhältnis möglichst geheim zu halten suche, sonst läge mir wenig daran, daß es die ganze Stadt wüßte, ich wäre im Gegenteil noch stolz darauf. Aber da ist der Kardinal L..., wenn auch ein starker Vierziger, der Marchese T..., der Conte G... und noch ein paar Dutzend andere Kavaliere und Prälaten, die mich mit ihrer widerlichen Liebe und ihren Nachstellungen verfolgen und die ich alle bisher zum besten gehabt oder mit Spott und Verachtung zurückgewiesen habe. Aber ich kenne diese Menschen ganz: ahnen sie in dir den von mir begünstigten Geliebten, so sind mehrere unter ihnen, deren Rachsucht keine Grenzen kennt, und ich muß dann jede Minute für dein Leben fürchten. Ohne diese Furcht würde ich dich bitten, mich von jetzt an nicht mehr zu verlassen und mich allenthalben und an jeden öffentlichen Ort zu begleiten, denn ich möchte dich gerne gleich meinem Schatten um mich sehen, ohne mich im mindesten nach dem Gerede der Leute zu kehren, was ohnehin hier, wo jeder in dieser Hinsicht, Geistlicher wie Weltlicher, ganz nach Lust und Gefallen lebt, nichts sagen will. Als französischer Offizier betrachtet man dich mit doppelt mißgünstigen Augen. Deshalb, wenn du mich liebst, wenn dir dein und mein Leben wert ist, gehe nur mit der größten Vorsicht zu Werke und nimm dich in acht, in der Gesellschaft nie mehr als die gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen, die man gegen jede Dame beobachtet, auch mir zu erweisen.“ Ich versprach, was Gertrude begehrte, und erhielt dagegen die Versicherung von ihr, daß sie es wohl zu veranstalten wissen werde, daß selten ein Tag verginge, an dem wir uns nicht insgeheim sehen und sprechen würden. So geschah es auch, denn außer, daß sie mich häufig in der Abendzeit in ihren Gemächern empfing, machten wir auch nächtliche Promenaden in dem ödesten Teil der Stadt, wo die alte Römerwelt gehaust, zwischen den Trümmern, Gräben und Gärten derselben. Mehr als einmal betrachteten wir erstaunt im Mondschein das Kolosseum, die Ruinen des Friedenstempels und auch den Petersplatz, die sich dann unendlich größer und imposanter ausnehmen.

Die eingetretene Karnevalszeit begünstigte unser häufiges Zusammensein außerordentlich, und bald in türkischem, bald in spanischem und anderen Kostümen fuhren wir des Nachmittags über den Korso und durch die anderen Straßen Roms in Mietwagen oder gingen auch bisweilen zu Fuß, restaurierten uns in Kaffeehäusern und kehrten nicht selten erst gegen Morgen heim, wobei Bianchetta und Priscilla, die zwei Vertrauten unseres Einverständnisses, alle Hindernisse aus dem Weg räumen halfen, was übrigens in der Karnevalszeit nicht schwer war, da sich dann die römischen Damen der unbeschränktesten Freiheit zu erfreuen haben. Die Donzelleta kleidete ihre Gebieterin oft in meinem Absteigequartier in persische oder indische Gewänder, während sie den Palazzo im Kolombinenkostüm verlassen hatte und ich einen Tartarenfürsten vorstellte.

Ich hatte unterdessen auch die Bekanntschaft eines wegen einer unbedeutenden galanten Krankheit im Lazarett zu Rom, einem wahren Palast in der Nähe des Petersplatzes, in dem die kranken Offiziere fürstlich bedient wurden und wohnten, befindlichen Dragonerleutnants namens Bonnier in einem Kaffeehause gemacht und denselben mehrmals wiedergesehen. Wir schlossen bald engere Freundschaft, und er erwies mir bei meinen Intrigen zu Rom mehr als einmal wesentliche Dienste durch Wachehalten, Patrouillieren und so weiter, wenn ich mich an gefährlichen Orten befand, was ich ihm durch einen außerordentlichen Dienst, den ich ihm leistete, wieder vergalt, wie wir bald sehen werden.

Indessen wird nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonne, sagt ein deutsches Sprichwort und sollte sich auch hier bewähren; denn trotz aller List, Vorsicht und Verschlagenheit kam ein junger Abbate, Anverwandter des Hauses Cesarini, unserm Verhältnis auf die Spur, ohne es geahnt zu haben. Hier war es nicht die Rache verschmähter Liebe oder eines zurückgewiesenen Liebhabers, die ihn antrieb, die geheimen Gänge seiner Cugina zu erforschen, ihr nachzustellen und Fallen zu legen, sondern ein gekränkter Familien- und Adelsstolz, den er wie die ganze Verwandtschaft des Cesarini besaß, die ihre Abstammung nicht weiter als bis zu Cäsar selbst zurückzuführen suchte, von dem aber auch kein männliches Glied ein Äderchen hatte. Diese Verwandtschaft konnte es dem Fürsten Francesco, dem Gatten Gertrudens, nicht vergeben, das alte, wenn auch faule Haus der Cesarini mit unedlem Bürgerblut vermischt und verunreinigt zu haben, wie sie sich auszudrücken beliebte. Das war wohl mit ein Grund, daß sich die junge Frau in dieser Familie so unglücklich fühlte, und ihr Gatte, von seinen Verwandten fortwährend angeregt, sie so bald vernachlässigt hatte. Der Abbate schöpfte zuerst Verdacht, weil seine schöne Cugina während dieses Karnevals nicht wie in den vorhergehenden Jahren jeden Nachmittag den Korso in prächtiger Equipage und brillantem Kostüm auf- und niederfuhr, um dort die Huldigungen der großen und eleganten Welt zu empfangen und alle Blicke auf sich zu ziehen, sondern sich kaum einigemal daselbst auf kurze Zeit hatte sehen lassen, was nicht allein ihm, sondern allgemein auffiel, da man sie als eine der ersten lebenden Zierden Roms ungern vermißte. Im allgemeinen schrieb man es jedoch dem Mißverständnis mit ihrem Gatten, das bekannt war, zu. Eines Abends, als wir maskiert in einem Wagen den Korso verlassen hatten, um uns in meine Wohnung zu begeben, daselbst die Kostüme zu vertauschen und spanische Trachten anzulegen, in denen wir ein Festino besuchen wollten, hatte ich bemerkt, daß uns eine Maske in dem Anzug eines peruanischen Sonnenpriesters in einiger Entfernung gefolgt war und stille stand, uns nachsehend, als wir in das Haus traten, in dem ich mein Absteigequartier hatte. Ich teilte es der Cesarini mit, die mir ein gleichgültiges: „non sarà niente“ erwiderte. Ich hatte meinen Spanier schon angezogen, aber die Herzogin konnte mit ihrem Kostüm nicht fertig werden und beschloß nun, sich als Kolombine, was ihr so allerliebst stand, zu kleiden und einen Rosa-Domino über diesen Anzug zu werfen. Als der wiederbestellte Fiaker kam und wir in denselben steigen wollten, bemerkte ich in geringer Entfernung wieder den Sonnenpriester, sowie, daß, als wir abfuhren, sich zwei als türkische Sklaven verkleidete Masken hinten auf den Wagen schwangen. Ich rief dem Kutscher zu, die beiden Kerls herunterzupeitschen, wozu er aber den Mut nicht hatte, sondern sie nur ziemlich höflich ersuchte, herabsteigen zu wollen, wovon sie aber keine Notiz nahmen, sondern blieben ruhig hinten sitzen. Einen Straßenskandal wollte und mußte ich vermeiden und befahl dem Kutscher, nach einem kurzen Umweg wieder an meiner Wohnung vorzufahren. Die Cesarini sagte mir, sie vermute, daß dies Nachstellungen von dem jungen Sforza seien, dessen Gestalt auch der Priester gehabt. Angekommen, sprang ich aus dem Wagen und rief meinem Burschen Louis, der mutig und gewandt weder Gefahr noch Händel fürchtete, von denen ich ihn eher zurückzuhalten als dazu anzufeuern hatte. Diesem befahl ich, sich hinten aufzusetzen. Die beiden Türkensklaven waren, während ich aus dem Wagen sprang, gleichfalls hinten abgesprungen und standen wieder observierend in einiger Entfernung. Leutnant Bonnier hatte sich auch in meiner Wohnung eingefunden, um daselbst eine Zeitlang zu verweilen, wie er die Gewohnheit hatte. Ich sagte ihm mit einigen Worten, daß uns ein paar verdächtige Masken verfolgten. Als ich nun wieder abfahren wollte, trieben die Kerls die Frechheit so weit, sich abermals neben Louis hintenaufsetzen zu wollen, dieser aber stieß den ersten mit einem so kräftigen Fußtritt zurück, daß er hinterrücks niederfiel, und dem zweiten drohte er mit seinem derben Knotenstock, so daß dieser sich nicht mehr zu nahen wagte. Wir fuhren jetzt auf mein Geheiß in möglichster Schnelle auf die Piazza Kolonna, wo wir ausstiegen, in, einer Masken-Bodega weite graue Kambridgemäntel überwarfen, weiße Larven vormachten, schwarze Federhüte aufsetzten und so mehrere Festini und Theater besuchten. Nach Mitternacht brachte ich meine teure Amica in ihren Palazzo zurück, wo sie die getreue Zofe an der kleinen Pforte empfing und von wo ich mich zu Fuß in meine Wohnung begeben wollte. Ich mochte ungefähr noch einige dreißig Schritte von derselben entfernt sein, als ich von zwei verlarvten Kerls angefallen wurde, in deren Händen blanke Dolche schimmerten; etwas dergleichen vermutend, hatte ich schon den Degen gezogen, noch ehe sie mir an den Leib konnten, und ein gespanntes Terzerol in der linken Hand. Die Kerls, hierdurch stutzig gemacht, schienen sich einen Augenblick zu besinnen, versuchten indessen doch mit ihren ziemlich langen Dolchen auf mich einzudringen, ich versetzte aber einem derselben einen Hieb auf die rechte Hand, daß er das Messer schnell und mit einem Schrei zur Erde fallen ließ, der zweite wagte es nun nicht, auf mich loszugehen, sondern gab Fersengeld. Ich sah noch einen dritten, der sich bis jetzt verborgen, eine passive Rolle gespielt hatte und nun ebenfalls Reißaus nehmen wollte, dem ich aber nacheilte und einen tüchtigen Hieb auf den Kopf versetzte, so daß er mit einem lauten: „Ajuto, ajuto!“ davon zu springen versuchte, aber meinem Louis und Bonnier, die, den Lärm hörend, beide bewaffnet gerannt kamen, in die Hände fiel. Ich wollte den Kerl auf die nächste Wache bringen, er fiel mir aber zu Füßen, bat flehentlich um Gnade, ein Illustrissima, Eccellenza, Monsignore nach dem anderen stammelnd und mit einem „fatemi grazia voglio tutto confessare“ endigend.

Unter der Bedingung, daß er mir die volle und ganze Wahrheit haarklein gestehe, versprach ich, ihn nach seinem Geständnis laufen zu lassen, bemerkte aber, daß, wenn er von mir auf der geringsten Lüge ertappt würde, ich ihn ohne weiteres nach Albano transportieren ließe, um ihn dort vor ein Kriegsgericht zu stellen und erschießen zu lassen, denn ich sei der Kommandant von Albano. Dies wirkte, der dumme Teufel glaubte in allem Ernst, daß dies in meiner Gewalt stünde, und rief aus: „Ah in che malanno mi sono precipitato.“ Wir nahmen ihn nun zwischen uns, führten ihn in meine Wohnung, um daselbst ein förmliches Verhör mit ihm vorzunehmen. Hier gestand er, daß er mit noch ein paar anderen seines Gelichters wirklich vom jungen Sforza gedungen worden, mir für einhundertundfünfzig Zechinen das Lebenslicht auszublasen, er sei aber ein Galantuomo, der kein Mestiero von solchem Handwerk mache und sich nur deshalb habe verleiten lassen, weil man ihm gesagt, ich sei ein französischer Vagabund, ein Glücksritter und Ketzer, den in die andere Welt zu spedieren ein Verdienst um die Jungfrau sei, er sähe aber wohl ein, daß man ihn hintergangen habe; denn er würde es nimmer gewagt haben, seine Hand an einen Signor Uffiziale und gar an die geheiligte Person des Kommandanten von Albano zu legen. Der arme Teufel, der ziemlich viel Blut aus der Kopfwunde, die ich ihm beigebracht, verlor, wurde zuletzt ganz matt und schwach. Ich ließ ihm etwas Wein geben und Louis verband ihm, nachdem er die Haare an dieser Stelle abgeschnitten und die Wunde gehörig ausgewaschen hatte, dieselbe. Noch immer hatte er Angst, daß ich ihn nach Albano bringen und dort erschießen lassen werde. Ich suchte ihn zu beruhigen, stärkte ihn mit noch einigen Gläsern Albanerwein, und kündigte ihm dann an, daß es ihm freistünde, hinzugehen wo er wolle. Diese Großmut hatte er nicht erwartet, und es kostete Mühe, ihn davon zu überzeugen. Er war dadurch so gerührt, daß er sich mir abermals zu Füßen warf und sich ganz zu meiner Disposition stellte, indem er sagte, der junge Sforza sei ein gran birbone, der ihn betrogen, und daß er mir fortan von allem Nachricht geben wolle, was derselbe noch gegen mich im Schilde führen möge, so daß ich, gehörig präveniert, immer meine Maßregeln nehmen könne. Der Kerl hielt wirklich Wort und warnte mich, sich fortwährend in Sforzas Vertrauen erhaltend, vor allen Fallstricken, die der Cesarini und mir von dieser Seite gelegt werden sollten, so daß wir sie durch unsere Gegenminen immer nichtig zu machen wußten, was jenem unerklärbar war, und er unbegreiflich fand. Sforza war einer der gefährlichsten Feinde der Cesarini und glaubte sich als naher Verwandter des Herzogs Francesco zurückgesetzt, auch hatte ihn Gertrude immer in gehöriger Entfernung zu halten gewußt, und da er durch seine Spione endlich Wind von dem Verhältnis, indem wir miteinander stehen müßten, erhalten hatte, so warf er nun seine ganze Wut auf mich. Ich fand aber für gut, dies alles zu ignorieren und nur immer mehr auf meiner Hut zu sein, was jetzt nicht mehr schwer war, da sein Hauptagent in meinem und Gertrudens Sold stand und wir denselben reichlich beschenkten. Nur einmal ließ ich mich verleiten, bei einer Abendgesellschaft im Palast des Fürsten Oldeschalchi im Vorübergehen die Worte: „Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Banditen und Meuchelmörder den Galgen zieren werden,“ mit großem Nachdruck an Sforza zu richten. Monsignore schien etwas verlegen, zwang sich zu lächeln, aber seine Lippen bebten, versagten ihm diesen Dienst, und das Lächeln artete in ein konvulsivisches Verzerren des ganzen Gesichts aus.

Unbekümmert über diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns den Vergnügungen zu überlassen; die Cesarini selbst versicherte mich, daß ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken könne; denn dies läge im Charakter eines braven Römers, besonders wenn man so wie wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte. Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, daß sich sein zartes Gewissen Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch keine reellen Dienste geleistet habe.

Es waren nun schon beinahe zwei Monate vergangen, daß ich mit der Cesarini auf dem vertrautesten Fuß lebte und ihr ganz treu geblieben war, aber ewig konnte es nicht dauern, dies war wider meine Natur und lag nun einmal nicht in meinem Charakter. Im Theater Aliberti machte ich eines Abends die Bekanntschaft einer noch ganz jungen, kaum siebzehnjährigen Witwe namens Vernetti, die ihren Mann erst vor wenigen Monaten, und zwar schon vier Wochen nach der Hochzeit, verloren hatte. Ich befand mich diesen Abend zufällig allein im Theater, Gertrude, an Migräne leidend, hütete Bett und Zimmer. Die blutjunge Frau hatte noch eine ältere Schwester und beide einen alten Herrn, ihren Oheim, bei sich. Das Ungefähr führte mich in eine Loge mit den Damen, die ich beide noch für Mädchen hielt. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, in der jüngsten schon eine Witwe zu finden. Eine Unterhaltung war bald angeknüpft, das Theater selbst lieferte den Stoff dazu; ich erlaubte mir, den Damen einige Erfrischungen anzubieten, die mit Dank akzeptiert wurden, und so war die Bekanntschaft schnell gemacht; nicht nur erhielt ich die Erlaubnis, die Signora in Begleitung des Oheims nach Haus geleiten, sondern auch die, ihr am anderen Tage meine gehorsamste Aufwartung machen zu dürfen. Ich wurde auf das freundlichste empfangen, die ältere unverheiratete Schwester, auch ein recht hübsches Mädchen, wohnte seit dem Tode ihres Schwagers mit der jungen Witwe zusammen, beide sangen artig, spielten, wie alle Römerinnen, Gitarre und Mandoline, wir musizierten, scherzten, es dauerte nicht lange, so küßten wir auch, und bald brachte ich fast alle meine Vormittage hier zu, während ich die Nachmittage und den Abend noch immer meistens der Cesarini widmete. Diese Abwechslung war mir sehr wohltuend; denn das ewige Einerlei, und wenn es auch toujours perdrix ist, tötet, sobald der Reiz der Neuheit vorüber ist, und macht jeder ewigen Liebe ein baldiges Ende.

Meine neue Bekanntschaft, die Signora Vernetti, war wieder von einer allerliebsten Naivität und in der Blütezeit einer eben aufbrechenden Rose, sie hatte sehr regelmäßige, schöne Züge, und dennoch viel Ausdruck im Gesicht, Hals und Nacken waren ganz zum Küssen geschaffen. Schon in den ersten Tagen entdeckte sie mir, daß sie sich schon beinahe seit drei Monaten in der Hoffnung befände und sich ihre Taille zu runden beginne, weshalb wir uns ohne alle Gefahr für sie ganz den innigsten Vergnügungen der Liebe hingeben könnten. Das gute Kind hatte mir ohne Zweifel diese Entdeckung gemacht, um mich zu ermutigen; denn ich hatte mich bis jetzt noch immer ziemlich zurückhaltend bei ihr benommen, was ihr, da sie die geheimen Freuden der Liebe schon kannte, aber nur so kurze Zeit genossen hatte und deshalb um so lüsterner darnach war, gerade nicht sehr gefiel, weshalb sie mir auch das naive Geständnis gemacht haben mochte. Ich war aber nicht der Mann, der sich von einer hübschen jungen Frau so etwas zweimal sagen ließ, sondern vertrat noch in derselben Stunde die Stelle des verstorbenen Ehemannes; nach einem Duett, das wir zusammen sangen, verirrten wir uns zu einem tête-à-tête in das Kamerino, während die Schwester Patience im Wohnzimmer spielte, und wiederholten solche Verirrungen so oft, daß diese zuletzt alle Patience verlor und uns einmal zürnend überraschte, weil wir sie doch gar zu lange ganz allein ließen. Ich küßte nun auch diese, um ihren gerechten Unwillen zu besänftigen, und – weil sie eben küssenswert war. Endlich aber machte ich noch eine dritte weibliche Bekanntschaft zu Rom, und zwar meine passion predominante, una giovan’ principiante, das fünfzehnjährige scharmante Töchterchen des Buchhändlers und Antiquars Vasi, die ich, in dessen Bottega manches Buch, römische Ansichten, Karten und Pläne kaufend, kennen lernte. Während ich mit dem Papa mich in gelehrte Disputationen einließ, führte ich mit dem Töchterchen einen verstohlenen Augenstreit, lancierte Occhiaten und wechselte Blicke. Ich ließ den Alten manche lateinische und altitalienische Scharteke in seinem antiquarischen Magazin suchen und holen, nahm die Augenblicke seiner Abwesenheit wahr, dem schönen Mädchen meine unnennbare Liebe zu gestehen, und wußte mich bald so sehr in des caro Papa Gunst zu setzen, dem ich seine Bücher zu raisonnabeln Preisen bezahlte, daß er mir gestattete, mit der holden Eurichetta manches Stündchen Musik zu machen, wobei denn auch noch manche andere Saite als die der Gitarre gegriffen wurde, wenn wir uns unter vier Augen in dem hinteren Zimmer befanden und neue Käufer den Antiquarius in seinem Laden zu unserer großen Freude oft sehr lange beschäftigten. So hatte ich nun der Schönen drei, unter denen mir oft die Wahl wehe tat, und ich wußte manchmal nicht, zu welcher ich zuerst meine Schritte wenden sollte.

Indessen machte ich damals auch eine Bekanntschaft, die nicht minder von Interesse als die meiner Schönen, ja wohl noch von höherem und bleibenderem war, nämlich die des berühmten Canova. Vasi war es, der mich bei diesem Fürsten der modernen Bildhauerkunst einführte, in dessen Werkstätte wir einen kolossalen, ganz nackten Napoleon, aus kararischem Marmor gehauen, sahen, an den der berühmte Meister nur noch die letzte Meißelfeile zu legen hatte. Diese Statue, die nächstens nach Paris abgehen sollte, sprach mich nicht sehr an, dagegen entzückte mich die vollendete Bildsäule einer Nymphe von weißem Marmor, die einen Wuchs und Formen hatte, welche, trotzdem sie von Stein waren, dennoch das Blut der Lebendigen in Wallung und Glut zu versetzen vermochten; ich habe keine Statue mehr gesehen, die einen so lebhaften Eindruck wie diese Nymphe, eine Auloniade, auf mich gemacht hätte, und glaube schwerlich, daß sich in der Wirklichkeit eine solche Gestalt auffinden läßt. Auch eine Bildsäule Ferdinand IV., des verjagten Königs von Neapel, stand in Canovas Atelier, die letzte Feile erwartend, die sie aber vorerst nicht erhielt. Wir sahen noch mehrere andere Schöpfungen des hochberühmten Meisters, die zum Teil erst halbvollendet waren, und mit der liebenswürdigsten Gefälligkeit zeigte uns derselbe seine Säle, uns alle nur zu wünschenden Erklärungen gebend. Noch führte mich Vasi in die Werkstätte eines anderen berühmten Bildhauers namens Massimiliano; auch dieser hatte einen kolossalen Napoleon, aber im kaiserlichen Ornat, mit Zepter und Krone, beinahe fertig, der mir minder mißfiel als der nackte, obgleich Arbeit und Kunst jenem bei weitem nicht gleichkamen. Was Canova besonders auszeichnete, war daß er die Natur mit den idealischen antiken Schönheiten so zu verschmelzen wußte, daß alle seine Schöpfungen eine Lieblichkeit atmeten, wie keine anderen mehr; und dabei war er selbst von der liebenswürdigsten Bescheidenheit, er schien fast beschämt, so viel Verdienst, Talent und Genie zu haben.

Der Karneval ging nun zu Ende, ich hatte ihn gottlob ordentlich mitgetobt, werde mich aber hüten, eine Beschreibung desselben zu geben, da ihn mein berühmter, wenn auch etwas steifer Landsmann so meisterhaft als lebendig geschildert hat, und er außerdem dieses Jahr (1807) bei weitem nicht so glänzend und lebhaft ausfiel, wie dies gewöhnlich der Fall ist, woran die Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen schuld war.

Die nun beginnenden Fasten, die ich mir recht langweilig vorgestellt hatte, vergingen mir indessen außerordentlich angenehm.

Ich hatte meine Damen und machte jeden Morgen in Bonniers Gesellschaft weite Spaziergänge in dem öden, verwilderten und romantisch gelegenen Teil der Stadt, wo man nur Weingärten, Ruinen, Palmen, Lorbeerhecken, hier und da ein Kloster oder eine Kirche antrifft.

Eines Morgens nahmen wir unsere Richtung nach dem Lateran, bewunderten die Raritäten dieser Kirche, in der sich, wie zu Loretto, Beichtstühle für die Sünder aus allen Nationen befinden, in denen der Deutsche, der Pole, der Franzose, der Spanier und so weiter seine Sünden in seiner Muttersprache bekennen und auch in dieser zu seinem großen Trost absolviert werden kann. – Von hier begaben wir uns zu der ganz nahen Scala Santa, die mein Freund noch nicht gesehen hatte. Obgleich wir beide gute Christen waren, so schien uns doch die Ersteigung der heiligen Treppe auf den Knieen etwas zu umständlich und langweilig, auch würden wir der vielen Gebete wegen, die man auf jeder Stufe herzusagen hat, in große Verlegenheit gekommen sein, da weder der eine noch der andere ein Paternoster oder Ave-Maria wußte, und außerdem würden unsere schönen, mit Silber besetzten Uniformbeinkleider dabei sehr Not gelitten haben; wir faßten demnach ein Herz und stiegen festen und sicheren Trittes, auf die uns für Ketzer haltenden Leute nicht achtend, die rechts angebrachten profanen Treppen hinauf. Vor dem heiligsten aller Altäre angekommen, knieten wir jedoch nieder und staunten das von Engel gepfuschte Bild an, richteten aber auch mitunter einen weltlichen Blick auf die heranknieenden Sünder und besonders auf die Sünderinnen. –

Wir waren noch nicht lange in dieser Position, als eine Prozession andächtiger Klosterfrauen, von ihrer Äbtissin angeführt, an der untersten Stufe der Scala Santa erschien und sich bereitete, dieselbe knieend zu erklimmen. – Vier und vier beknieten nebeneinander eine Stufe, ihre Schleier hatten sie, da sie viel küssen mußten[4], natürlich zurückgeworfen, und ihre Gesichter ganz enthüllt. Daß wir nun nicht mehr auf das heilige Bild, sondern auf die ankommenden lebendigen schauten, unter denen sich manch reizendes Madonnenköpfchen befand, brauche ich nicht erst zu versichern, und wir hatten alle Zeit, die frommen Schwestern, die so langsam Stufe für Stufe betend zu uns heranknieten, gehörig zu mustern. Gleich müssen uns die guten Kinder nicht bemerkt haben, wenigstens die Frau Äbtissin nicht, denn sie hatte schon ein Dritteil der Stufen überkniet, als sie mit Schrecken zwei französische Uniformen mit Epauletten und Mordgewehren, und dabei einen schwarzen Schnurrbart gewahrte. Aber was sollte die gute Frau machen? – An ein Umkehren war nicht mehr zu denken, eine Retirade auf den Knieen unmöglich, ohne zu riskieren, die Hälse zu brechen, und stehenden Fußes wieder hinabzugehen, hätte Bann und vielleicht ewige Verdammnis bewirkt; die fromme Herde, die schon etwas durch unsere bunten Uniformen in ihrer Andacht gestört worden, mußte samt der Hirtin nolens volens vorwärts, wobei manches Schäfchen auf uns Sünder einen neugierigen aber verstohlenen Blick warf, der nicht verloren ging.

Je näher die Nonnen dem heiligen Altar und folglich uns kamen, desto häufiger schielten sie nach uns, wahrscheinlich waren wir die ersten französischen Militärs, welche die guten Kinder zu Gesicht bekamen, und der Glanz unserer Uniformen muß den des heiligen Bildes noch übertroffen haben, da sogar die älteren Schwestern ihren Rosenkranz ziemlich verwirrt abzubeten schienen. Meinem Freund und mir fiel bald eine junge, kaum sechzehnjährige Nonne von ausgezeichneter Schönheit auf, die in der vierten Reihe auf der linken Seite kniete, ein wahres Engelsgesichtchen, dessen überaus feine Züge, blendend weißer Teint und seelenvoller Blick ihr das Ansehen einer halb Verklärten gaben, wozu ein etwas schwermütiger Zug, der sie noch um so interessanter machte, das seinige beitrug, sowie das sie sehr gut kleidende Nonnengewand. Je näher sie herankam, je mehr ruhten unsere Blicke auf ihr, die sich zuletzt unbeweglich fixierten. Auch sie schien es bald bemerkt zu haben, daß sie ausschließlich der Gegenstand war, der unsere Augen fesselte; bei der Erknieung einer jeden neuen Stufe sah sie uns zuerst nur flüchtig und dann immer etwas länger an; als sie endlich die letzte erreicht hatte, warf sie uns noch einen vielsagenden und bedeutungsvollen Blick zu, der von einem halbunterdrückten Seufzer begleitet war. Der Saum ihres Gewandes hatte das Kleid meines Freundes berührt, dem diese Berührung einen elektrischen Schlag gegeben zu haben schien; denn ein sehr merkliches Zittern durchbebte in diesem Augenblick seinen Körper, welches von der schönen Büßenden gleichfalls bemerkt worden sein muß; ihr Gesicht färbte sich in demselben Augenblick glühend rot, sie neigte sich hierauf zur Erde und schien in tiefster Andacht vor dem Altar zu beten. Als endlich alle Nonnen oben angekommen und auch die letzte ihr Gebet verrichtet hatte, standen sie sämtlich, auf ein von der Äbtissin gegebenes Zeichen, auf, und gingen auf der entgegengesetzten Seite, wo wir standen, die profane Treppe hinab. Noch einen flüchtigen Blick warf das holde Kind im Vorübergehen auf uns und verschwand. – Auch wir gingen bald darauf die andere Treppe hinab und folgten der frommen Herde in einiger Entfernung. – Mein Freund gestand mir sogleich, daß dies überirdische Wesen, wie er sich ausdrückte, einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht, und da er auf keine Weise Hoffnung habe, zu ihrem Besitz zu gelangen, ja sie je wieder sehen zu können, so mache ihn dies zum unglücklichsten Menschen von der Welt.

Der Zug nahm nun seine Richtung nach San Balbino zu; wir folgten ihm gewissermaßen mechanisch, und bemerkten deutlich, wie manche der Nonnen sich öfters umsahen. Hinter San Balbino kam die Prozession durch lauter einsame, von Mauern, Gärten und Ruinen begrenzte Straßen; endlich gelangte sie an ein von hohen Mauern umgebenes und mit fest verwahrten Gitterfenstern versehenes Gebäude, das wir seiner Bauart und den Türmen nach zu urteilen, sogleich für ein Frauenkloster erkannten. An der eisernen Pforte angekommen, zog die Äbtissin eine Klingel, worauf sich sogleich die schwere Türe knarrend öffnete, sämtliche Schwestern folgten ihrer Gebieterin, nachdem einige von ihnen noch einen sehnsuchtsvollen Blick rückwärts in die freie Natur getan hatten, die sich ihnen nun wieder auf eine halbe Ewigkeit verschloß. Wir beobachteten dies alles, ungesehen hinter einem Gesträuch verborgen.

Endlich war auch die letzte Nonne über die verhängnisvolle Schwelle getreten, die Pforte drehte sich abermals zentnerschwer in ihren Angeln, fiel prasselnd zu, und wir hörten deutlich, wie das schwerfällige Schloß dreimal herumgedreht und drei Riegel vorgeschoben wurden. Mein Gefährte stieß, als die Türe zugefallen war, einen tiefen Seufzer aus, stützte sich auf meine Schultern, und wir blieben einige Minuten bewegungslos in dieser Attitüde.

Endlich richtete er sich wieder auf, indem er tief Atem holend sagte: „Nun ist sie auf immer für mich und die Welt verloren!“ – Ich sprach ihm Mut ein und stellte ihm vor, daß Rom ja so viele außerordentliche Schönheiten besitze, die man täglich sehen, sprechen und bewundern könne, es demnach töricht sei, sich in eine lebendig begrabene Klosterschwester zu verlieben. Doch ich predigte tauben Ohren und muß aufrichtig gestehen, daß das Engelsgesicht auch auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte, der, wenn ich nicht die Bekanntschaft der Prinzessin Cesarini gemacht, der ich mit ganzer Seele zugetan war, auch mich leicht zu Torheiten hätte verleiten können. Langsamen Schrittes und Arm in Arm entfernten wir uns beide, nachdem wir durch einen vorübergehenden Gärtnersjungen erfahren hatten, daß das Kloster, welches die seltene Perle auf Lebenszeit in Verwahrung genommen hatte, der heiligen Ursula angehörte. Alle drei Schritte wurde ein Halt von einigen Minuten gemacht, wobei wir die grauen düsteren Mauern anstarrten, was so lange dauerte, bis auch die höchsten Zinnen und Spitzen der Türme unseren Blicken entschwunden waren. Da schon längst die Essenszeit vorüber war, gingen wir zu einem Restaurateur, wo ich mir’s trefflich schmecken ließ, denn die Promenade hatte mir großen Appetit gemacht; mein verliebter Kamerad brachte aber kaum einen Bissen über den Mund und saß, den Kopf auf die Hände gestützt, gedankenvoll und stumm da. Der arme Teufel erregte wirklich mein Mitleid, so sehr es sonst meine Gewohnheit ist, mich über solche schmachtende Seladons lustig zu machen. – Ich wandte alles mögliche an, ihn aufzuheitern, ließ San Giorgio und Champagner bringen, doch alles vergeblich; ich mußte allein trinken; von da besuchten wir mehrere Kaffeehäuser, in denen wir manche schöne Römerin trafen, die in Gesellschaft eines Violettstrumpfs oder eines Abbate ihren Sorbett zu sich nahm, aber auch diese machten nicht den mindesten Eindruck auf meinen Freund; wir verließen die Kaffeehäuser, und ich schlug einen Spazierritt auf dem Korso vor, da die Stunde herangekommen war, wo sich die ganze schöne Welt Roms daselbst zeigt. Mein gemütskranker Freund nahm es an, und wir ritten, Kapriolen und Lanzaden neben den zahlreichen Wagen machend, daselbst auf und nieder. Bald erschien auch meine schöne Cesarini in einem Halbwagen mit ihrer Tante, sie sah schöner wie je aus, und ich hatte Nonnenkloster und die ganze Begebenheit rein vergessen, schloß mich dem Wagen an, und vertiefte mich so in ihr Anschauen und ein angeknüpftes Gespräch, daß ich die Abwesenheit meines Kameraden erst dann bemerkte, als wir auf der Piazza Popolo Halt machten, um der Konversation besser pflegen zu können, wie es daselbst gebräuchlich ist. Nach Verlauf einer Stunde sah ich Bonnier in gestrecktem Galopp, sein Roß mit Schweiß bedeckt und ihn sehr erhitzt, von der Piazza Venezia hersprengen, und hätte, wenn er mir’s auch nicht gestanden, doch erraten, wo er herkam; er hatte unterdessen eine Runde zu Pferd um das Ursulinerkloster gemacht und die hohen Mauern und eisernen Gitter angeseufzt. Ich empfahl mich nun, nachdem ich versprochen, mich im Apollotheater einzufinden, wohin ich denn auch meinen so schwer verwundeten Freund beredete. Um ein Uhr nach Mitternacht war das Schauspiel beendigt; der Mond stand hoch und hell am Horizont. Bonnier erklärte mir, daß er unmöglich schon zu Bette gehen könne und gar keinen Schlaf verspüre, sondern noch eine Promenade au clair de la lune machen wolle, wozu er mich dringend einlud.

Ohne eine besondere Divinationsgabe zu besitzen, war es leicht zu erraten, wo diese Promenade hingehen sollte; lächelnd und kopfschüttelnd hing ich mich an seinen Arm, und ehe eine halbe Stunde verging, waren wir unter den bewußten Mauern. Das hohe Kloster mit seinen Kuppeln und Türmen nahm sich im Mondschein recht schauerlich aus, und dreimal machten wir die Runde um dasselbe. Jetzt schlug die Turmuhr, es war die zweite Stunde nach Mitternacht, und nur mit Mühe brachte ich meinen ächzenden und stöhnenden Freund dahin, sich endlich mit mir zur Ruhe zu begeben.

Von den Strapazen des Tages ermüdet, fiel ich bald in einen festen Schlaf, der mir trefflich bekam; doch kaum graute der Morgen, so wurde ich auch schon durch ein ziemlich fühlbares Rütteln aus dem besten Schlummer geweckt, und meine kaum halb geöffneten Augen erblickten wieder den verliebten Narren Bonnier, der mir mit möglichster Beredsamkeit die Schönheiten des anbrechenden Tages vordemonstrierte und mich mit aller Gewalt zu einem romantischen Morgenspaziergang bereden wollte. Ich schlug es ihm aber schlaftrunken ab, legte mich unwillig auf das andere Ohr und schlief, auf die verliebten Narren scheltend, wieder ein.

Es war beinahe Mittag, als Bonnier von seinem Spaziergang zurückkehrte und mich noch im Bette antraf. Er rief aus: „Wie ist es möglich, so die schönste Zeit seines Lebens zu verschlafen, ich habe schon das ganze alte Rom durchwandert.“ Ich sprang nun aus dem Bette und erwiderte: „Ebensoviel wert, als diese Zeit wachend in fruchtlosen Träumereien hinzugeben.“ Dies brachte den guten Bonnier ein wenig in Wallung, und er äußerte mir, daß seine Liebe ebensowenig frucht- als hoffnungslos sei. Klostermauern seien noch lange keine Festungsmauern, er habe die des Ursulinerklosters heute Morgen hinlänglich rekognosziert und gefunden, daß man sie mit Feuerhaken und Strickleitern bequem übersteigen könne, es wäre nicht das erstemal, daß eine Nonne entführt worden sei, ein guter Soldat müsse sich durch nichts abschrecken lassen, und je größer die Schwierigkeiten, desto mehr Ehre, sie zu überwinden. Ich gab dies alles gerne zu, endigte aber damit, ihm zu bemerken: er wisse ja noch gar nicht einmal, ob seine Geliebte ebensolche Gesinnungen hege, ja ob sie nur etwas für ihn fühle, das man Liebe nennen könne, sogar ihr Name sei ihm unbekannt. – „Das könnte wohl der Fall sein, wenn ich so lange wie du geschlafen hätte,“ gab er mir zur Antwort; „es ist eine Tochter aus der Familie Narelli zu Pesaro, die erst seit vier Monaten eingekleidet, und was die Liebe anbetrifft, so habe ich auf der Scala Santa hinlänglich gesehen, woran ich mich zu halten habe.“ Voll Verwunderung fragte ich ihn, wie er ihren Namen erfahren hätte. – „Durch den Klostergärtner, den ich diesen Morgen über eine Stunde sprach,“ versetzte er, „und nachdem ich ihm eine deutliche Beschreibung meiner Geliebten gemacht, ohne ihn jedoch die Ursache ahnen zu lassen, warum ich nach ihr forsche, versicherte er mich, daß es keine andere als die Narelli sein könne. Ich erkundigte mich noch nach manchen von den übrigen Schwestern, um Verdacht zu vermeiden, und er nannte mir noch viele Namen, die ich bereits wieder vergessen habe. Auch über die inneren Verhältnisse des Klosters gab er mir Aufschluß, und da ich ihn fragte, ob ich den Klostergarten nicht einmal sehen dürfe, antwortete er mir, daß dies ohne eine besondere Erlaubnis der Frau Äbtissin nicht angehe, die er jedoch darum fragen und mir morgen schon Bescheid geben wolle, in jedem Fall aber könne dies nur zu einer Stunde geschehen, in welcher die Nonnen in ihren Zellen seien. – Du siehst also, Freund, daß ich schon um einige Schritte dem Ziele näher gerückt bin und daß ich es mit deiner Hilfe wohl noch erreichen kann.“ – „Das muß ich gestehen, du hast schon Riesenschritte gemacht,“ erwiderte ich lächelnd, „und wenn es so fortgeht, so bist du übermorgen in der Zelle der Geliebten, nur sehe ich nicht recht ein, was dir das Besehen des Klostergartens nützt und was ich bei der Sache viel tun kann.“

„Wie magst du nur so fragen! Wenn ich den Garten kennen lerne, so orientiere ich mich im Innern, ersehe mir die Stelle, wo meine Angebetene am leichtesten zu entführen ist, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir vermittelst deiner intimen Bekanntschaft mit der Cesarini von außerordentlichem Nutzen sein. Damenbesuche dürfen die Nonnen zu jeder Zeit annehmen, die Cesarini hat, wie du weißt, in mehrern Frauenklöstern Verwandte, sie ist mit den Gebräuchen in denselben bekannt, durch sie könnte man leicht die Narelli erforschen und dann ein Einverständnis mit ihr anknüpfen.“

„Du siehst, Lieber,“ fuhr Bonnier fort, „daß ich alles wohl überlegt habe, und du mußt mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini über diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden, wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten für dich gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer kann.“ – „Schon gut,“ unterbrach ich den immer ungestümer werdenden Bonnier, „hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die Cesarini, und du sollst morgen früh das Resultat wissen.“ „Warum morgen früh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurückkommst, und wenn es erst gegen Morgen wäre, mußt du mir Bericht von dem Erfolg abstatten.“ Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine gewöhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr aber zu meinem größten Leidwesen von der Cesarini, daß es ihr heute unmöglich sein würde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwägerin den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen hätten, wir müßten daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gesträuche, Ruinen und Gärten patrouillierte, das finstere Gebäude, welches seine ganze Seligkeit einschloß, von allen Seiten anstöhnte, und erspähte, wo er wohl die Laufgräben am besten eröffnen könnte. Erst eine Stunde nach Mitternacht kam er zurück und traf mich zu seiner Verwunderung schon wieder schlafend im Bette an.

Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, daß ich sie gar nicht habe sprechen können, stampfte er mit dem Fuß so gewaltig auf den Boden, daß alle Fenster klirrten, und nur mit der größten Mühe gelang es mir, ihn zu besänftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verständlich zu machen, daß ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und keine Verhinderung denkbar wäre, was ihn endlich etwas beruhigte; er warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten Morgenstrahlen schon wieder verließ, um nach dem bewußten Ort zu eilen. Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig über den tollkühnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden, denselben als unausführbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte höchst verderblich werden und uns in die größte Gefahr bringen könne. Dagegen wandte ich den unerschütterlichen Vorsatz Bonniers, dessen heiße, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, daß sie mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande zu besuchen, um die nötigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter würde sie sich aber auch in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition in die Hände zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die Sünde, eine Braut Christi zu verführen, sei die größte von allen, die der Papst selbst nicht einmal vergeben könne.

Mit diesen schlimmen Aussichten mußte ich sie verlassen; ich teilte sie Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untröstlicher wurde, da ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gänzlich fehlgeschlagen war. Die Äbtissin wollte zwar anfänglich die Erlaubnis dazu geben, als sie aber hörte, daß der Fremde ein Franzose und gar ein Offizier sei, verbot sie dem Gärtner bei Strafe des Wegjagens und des Bannes, ihr je wieder einen ähnlichen Antrag zu machen; dieser war weder durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewiß schon aufmerksam geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich während der Zeit wie gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch in Bürgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine Perücke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte ihrer verstorbenen Großmutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wußte sie auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr gesprächig, erzählte viel und mancherlei; endlich brachte sie die Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so hieß die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli vorzustellen. Dort knüpfte sie mit dem jungen Mädchen ein ziemlich vertrauliches Gespräch an, ließ sich von ihr die Zeremonien ihrer Einkleidung erzählen, welche diese mit mancher unterdrückten Träne vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen ließ sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände berichten, und die Nonne sagte ihr, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr außerordentlich gefallen hätten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer); besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe sie unaufhörlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestört worden; indessen hoffe sie, daß ihr die Madonna diese Sünde vergeben werde, sie sei so schon unglücklich genug; sie sprach noch ferner und viel von uns, und zwar so, daß die Cesarini deutlich merkte, daß auch sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier gequält wurde, nur schien es der Cesarini, daß nicht dieser, sondern ich der Gegenstand sei, der ihr Herz erfüllte; doch konnte sie darüber keine vollkommene Gewißheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte sich, ihr ein herzliches Lebewohl wünschend; die Alte begleitete sie bis an die Treppe, die Äbtissin war nicht sichtbar. Ich erzählte meinem Freunde alles Wort für Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich ihm zu verschweigen für nötig erachtete. Er schwamm in Entzücken und glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plänen und Projekten brachte er abermals die Nacht zu.

Noch einmal gelang es meiner Überredungskunst, die Cesarini ins Kloster zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung über eine Klosterentführung so beiläufig und nur von weitem zu erforschen. Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, daß das Mädchen, wiewohl mit einiger Mühe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir aber zu gleicher Zeit, daß sie nun ein für allemal nichts mehr mit dieser Sache zu schaffen haben wollte und daß, wenn ich nur noch einen Funken von Liebe für sie fühle, ich sie mit allen ferneren Auf- und Anträgen der Art verschonen möchte; auch würde sie auf den Fall, daß die Sache zur Ausführung käme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner Besuche im Kloster machte, welches natürlich einen dringenden Verdacht auf sie werfen müsse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur allzugut ein und hätte um keinen Preis der Welt der mir so teuern Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mögen. Doch schlug sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien: Eine junge Französin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mächtig sei, müsse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit dürfe man bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch nicht sehr skrupulös; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie durch Aufträge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, käme dann die Entführung zustande, so könnte sie sich zugleich mit entführen lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. – Ich bewunderte meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich über ihre sonderbare Gewissensängstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte, wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die trefflichsten Ratschläge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch erfuhr ich von ihr, daß auch nahen Anverwandten männlichen Geschlechts der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet sei, um ihre Schwestern, Töchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur im Beisein und unter der Aufsicht älterer, eigens dazu bestimmter Nonnen. Wenn wir uns also für Anverwandte der Narelli aus Pesaro ausgäben, uns gehörig verkleideten und unkenntlich machten, so könnten wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natürlich müsse sie aber auf alles erst durch die Französin vorbereitet sein und einwilligen. – Diese unerwartete Entdeckung überraschte mich sehr und machte mir viele Freude; nun erst fing ich an, an die Möglichkeit einer Entführung zu glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. – Als ich Bonnier dies alles mitteilte, war er ganz außer sich, nannte mich einmal über das andere seinen besten Freund, für den er jeden Augenblick das Leben lassen wolle, packte mich beim Kopf und küßte mich, so daß ich Mühe hatte, mich seiner gewaltigen Zärtlichkeit zu entziehen. Demoiselle Lenier, so hieß die Französin, wurde nun durch die Cesarini zur Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her, sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergnügen zu gewähren, und was die Sünde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, – sie war eine Pariserin! –

Sowohl ich als Bonnier hatten nun öfters Unterredungen mit der Lenier, wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer fingierten und wirklichen Aufträge zu entledigen. – Es ging alles glücklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die Narelli, und zwar lange und viel, und ließ sie merken, daß sie jene Offiziere kenne und öfters spräche und daß der eine von ihnen, wie es schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein müsse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben könne. – Die junge Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich, ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es schiene, als sei auch sie nicht gleichgültig bei dieser Erzählung; sie sprach ihr nun Mut und Trost ein und wußte sich schon bei diesem ersten Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so daß jene sie sehr dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was die Lenier denn auch recht gerne versprach.

Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rückte diese näher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli Klostername), daß, wenn es ihr Vergnügen mache, die beiden Offiziere noch einmal zu sehen, so könne schon Rat dazu werden, sie müsse sich aber um Himmelswillen nichts merken lassen und äußerst verschwiegen sein. Angelika schien anfänglich über den Vorschlag zu erschrecken, konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darüber kaum verbergen und fragte nun, wie dies wohl möglich sei. – Die Lenier gab ihr allen erforderlichen Aufschluß und sagte, sie würden sich als ein paar nahe Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im Sprechzimmer erscheinen, dann müsse sie aber auch die Unbefangene so gut als möglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe, aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehörigen Instruktionen, so daß nach manchen Unterredungen mit jener sie einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefaßt zu sein versprach. – Um die Sache noch leichter zu machen, waren wir überein gekommen, daß wir uns als junge, angehende Geistliche aufführen lassen wollten, welche auf einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger Beförderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der höheren Geistlichkeit zu machen. – Endlich war der verhängnisvolle Tag herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau Äbtissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem Empfang bestimmt. In aller Frühe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefähren Maß für uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien zum Geschenk für ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt. Wir kostümierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch nicht nötig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie lachte zwar, äußerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir seien die größten Sünder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wünschte uns eine glückliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an, unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns erwischte und für das erkennen würde, was wir wirklich seien. Bonnier meinte, dann würden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition überliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir würden als Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser angehörten, der Geniestreiche liebte und deren selbst täglich ausführe, genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer fing an, mir das größte Vergnügen zu machen. Doch hatten wir uns auf alle Fälle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. – Unter diesen und ähnlichen Gesprächen gelangten wir an die Pforten der Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht ehrenfest heraus und klingelten. Die Tür drehte sich knarrend in ihren Angeln. – Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. – Daß mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht leugnen, auch mein bis über die Ohren verliebter Freund schien etwas betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schüchternes Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die Schwester Pförtnerin führte uns durch lange, düstere Gänge, graue Hallen und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hieß, indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau Äbtissin zu melden. Diese war, nach ihren Äußerungen, von der Absicht unseres Besuches schon unterrichtet und wußte, daß wir der Narelli Anverwandte seien.

Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Daß die Äbtissin selbst kommen würde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm; wir fürchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hörten wir Tritte, eine Tür jenseits des Gitters wurde geöffnet, und vier verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die Pförtnerin, sogleich wieder entfernte; die übrigen drei traten nahe ans Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ältere Schwestern; die Äbtissin war zu unserer großen Freude nicht dabei. Ich redete erstere sogleich mit „carissima cugina“ an, schüttete eine Tasche voll Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so daß niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schöne, fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr die Zunge etwas geläufiger, und sie fing an, sich nach ihren Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als möglich beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefaßt und knüpfte eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen Dingen und wußte sie so gut zu amüsieren, daß sie weder von den Worten noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, daß das Briefchen, welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreißigmal umgeschrieben, glücklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Händchen passiert und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. Über eine gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen und Worte zu erkennen gab, daß es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfürchtigen Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, über die Maßen lobten, uns auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne versprachen. – Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pförtnerin empfing und bis vor die äußeren Klosterpforten geleitete.

Freund Bonnier schwamm abermals in Entzücken und beteuerte wiederholt, er müsse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster und ganz Rom in Brand stecken solle. – „So arg wird es hoffentlich nicht werden,“ fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit ihr gekommen sei. Hierauf erzählte er mir, was ich schon wußte, nämlich daß er das Billett glücklich angebracht, aber mündlich nur mehr im allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine förmliche Liebeserklärung zu machen, aus Furcht, die anderen hätten etwas merken können, morgen aber müsse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach die weiteren Vorkehrungen so bald als möglich zu treffen. Bei unserer Zurückkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren, das wir bis jetzt selbst noch nicht wußten. Es wurde nun einstimmig beschlossen, daß Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und ritten gegen Abend auf den Korso; um allen möglichen Verdacht zu vermeiden, waren wir übereingekommen, daß weder Bonnier noch ich uns wieder in Uniform in der Nähe des Klosters dürften blicken lassen. Den Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurückkam und Bericht über ihre Ambassade erstattete.

Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von Bonnier entzückt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklärt; diese versicherte uns, daß, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache mit Angelika gewiß in Richtigkeit sein würde, auch habe sie ihr zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm solche bei der nächsten Zusammenkunft zu übergeben, was sie ihr nach einigem Sträuben endlich versprochen. – Genug, es ging bis jetzt alles nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es möglich war, ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes Einverständnis sowie ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen Angelika und Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die Schwierigkeit, die Entführung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche löst nicht Liebe und List? – Daß das Entkommen aus dem Kloster über die Gartenmauern vollbracht werden müsse, darüber waren alle einig, sowie daß dies nur kurz vor oder nach Mitternacht geschehen könne. Wegen der ungeheuren Höhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit, deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrößere; indessen war dies unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die größere Schwierigkeit bestand darin, wie Angelika durch drei Türen, welche zum Garten führten und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen könne. – Aber auch dafür erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika mußte die Größe und Form aller dieser Schlüssellöcher in Wachs abdrücken, und wir ließen fünf Hauptschlüssel verfertigen, mit denen sie die Türen öffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das Übersteigen der Mauern möglich zu machen, ließ ich in Civita-Vecchia, wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf, denn außerdem, daß man schwerlich solche hohe Leitern gefunden hätte, wie sie hierbei erforderlich waren, würde deren An- und Herbeischaffung auch weit mehr Umstände und Verdacht verursacht haben.

Diese Strickleitern mußten nun auf eine solide Art auf der äußeren und inneren Seite befestigt werden. Zu dem Ende hatte ich einen Franzosen von der zu Civita-Vecchia liegenden Marine mitgenommen, welcher ein Schlosser von Profession war (einem Italiener wäre hier nicht zu trauen gewesen), der zu diesem Zweck einhundertundzwanzig sehr lange und starke eiserne Haken geschmiedet hatte, die er bei Nachtzeit zuerst von außen an der Mauer befestigen mußte, und zwar so, daß jedesmal in einem Zwischenraum von dritthalb Schuhen drei dieser Haken nebeneinander eingeschlagen wurden. Glücklicherweise waren die Mauern fast überall dicht mit Efeu und anderen Gesträuchen bewachsen, und man konnte die Eisen fast alle so anbringen, daß man, wenigstens bis zu einer beträchtlichen Höhe, nichts davon wahrnehmen konnte. Natürlich mußte sich der Mann mit Hilfe der Seile und seiner eingesetzten Haken hinaufarbeiten, welches, je höher er kam, desto schwieriger wurde und das umgekehrt auf gleiche Weise jenseits der Mauer bewerkstelligen, als er oben angekommen. Zehn Nächte dauerte diese gefährliche Operation, wobei jedesmal eine Stunde vor Mitternacht angefangen und eine Stunde vor Sonnenaufgang geendet wurde. Während dieser ganzen Zeit standen Bonnier und ich Schildwache in der Nähe und unsere Bedienten auf Vorposten, um uns von dem geringsten Geräusch zu benachrichtigen; das Kloster lag aber so einsam und abseits, daß wir auch keine lebende Seele außer uns gewahrten. Als endlich alles so weit in Ordnung war, kamen wir überein, daß wir acht Tage vor der zur Entführung bestimmten Zeit unsere Abschiedsvisite im Kloster machen, sowie auch das Lazarett verlassen und uns als Fremde in einem Privathause die letzte Zeit verborgen halten müßten, damit man nicht sogleich Verdacht gegen uns haben könnte, indem wir angeblich schon einige Zeit vorher abgereist waren. – Dies alles war in Ordnung, nur die Lenier besuchte noch fast täglich das Kloster, um Angelika in ihrem Vorsatz zu bestärken und ihr Mut einzusprechen, da sie, je näher der entscheidende Zeitpunkt heranrückte, desto ängstlicher wurde. Endlich war die verhängnisvolle Nacht da, Angelika hatte noch am Morgen ihrer Freundin versprochen, alles zu versuchen. Um elf Uhr hielt ein Wagen mit vier Postpferden, in dem die Lenier saß, in der Nähe des Klosters, um alle drei nach Civita-Vecchia zu bringen, von wo sie sogleich mit einer segelfertigen Felukke nach Genua abgehen sollten, wohin sich Bonnier Urlaub zu verschaffen gewußt. Angelika hatte versprochen, mit dem Schlag Mitternacht in den Garten zu kommen; alle Schlüssel waren ihr eingehändigt worden. Bonnier und der Marinesoldat überstiegen die Mauern, ich blieb diesseits, um auf alles acht zu haben, und die Bedienten standen wieder auf ihren Lauerposten. Schon lange hatte die Klosterglocke Mitternacht geläutet, eine, zwei, drei Stunden vergingen, und Angelika erschien nicht, der Tag fing zu grauen an, und sie erschien noch immer nicht. Es war nun die höchste Zeit, an die Retirade zu denken, – schon fing es an, sich im Kloster zu regen. Endlich gelang es mir, meinen der Verzweiflung nahen Freund zum Zurücksteigen zu bewegen, nachdem ich selbst hinüber geklettert war, um ihn zu holen, was mir nur durch die Vorstellung gelang, daß dies das einzige Mittel sei, nicht alles zu verderben; ich würde noch heute die Ursache von Angelikas Ausbleiben erforschen. – Der Wagen wurde heimgeschickt, und wir begaben uns in einem mißmutigen, sehr traurigen Zustande in unsere Wohnung.

Daselbst angelangt, war mein erstes Geschäft, mit der Lenier Rücksprache zu nehmen, wie man den Grund von Angelikas Nichterscheinen erfahren könne. Die Sachlage war nun viel mißlicher geworden, gerne wäre ich mit Bonnier ins Kloster geeilt, aber da wir schon Abschied genommen hatten, war es nicht mehr möglich. Zum Glück war dies nicht der Fall mit der Lenier; aber diese fürchtete, die ganze Intrige sei entdeckt, man habe vermutlich Angelika auf der Tat ergriffen, und sie getraute sich nicht, in das Kloster zu gehen. Bonnier geriet bei dieser Vermutung außer sich, und ich hatte alle Mühe, ihn von tollen Streichen abzuhalten. Wir kamen endlich überein, da auf die Cesarini gar kein Verdacht habe fallen können, diese zu bitten, sogleich einen Besuch in dem Kloster zu machen; aber auch sie war auf keine Weise dazu zu bewegen, indessen war sie wie gewöhnlich mit vortrefflichem Rat bei der Hand und schlug vor, ihr Kammermädchen mit einem Auftrag an Beatrice abzuschicken, wodurch man alsbald erfahren würde, ob etwas Außerordentliches unter den Nonnen vorgefallen sei; das Mädchen solle sich nur ganz unbefangen nach der Narelli erkundigen, was um so eher tunlich, da wir verabredet hatten, daß sie sich zwei Tage vor der beabsichtigten Flucht krank stellen und das Bett hüten solle. Die Gesandte wurde abgeschickt, und wir blieben sämtlich eine lange Stunde in der äußersten Spannung und Erwartung. Endlich kam der Wagen zurück, wir eilten ihr entgegen, und sie konnte uns nicht schnell genug berichten, daß nichts Besonderes vorgefallen sei, aber daß die Narelli noch als krank im Bett läge und nach Beatricens Versicherung wirklich sehr übel aussehe. Nun war uns allen ein schwerer Stein vom Herzen, ich schrieb Angelikas Ausbleiben keinem anderen Umstande als ihrer großen Ängstlichkeit zu und hatte recht; denn als die Lenier von einem Besuch, den sie ihr auf unsere Bitten hatte machen müssen, zurückkehrte, erzählte sie, daß das arme Mädchen jetzt in der Tat unwohl sei und Fieber gehabt habe; sie sei zur bestimmten Stunde durch die langen öden Klostergänge an die Pforten, welche nach dem Garten führten, geschlichen, wobei sie schon unterwegs die tödlichste Angst befallen habe, und als sie endlich bei der ersten angekommen, sei es ihr unmöglich gewesen, das Schlüsselloch zu finden, und noch weniger hatte sie Kräfte gehabt, den Riegel zurückzuschieben, nur mit der größten Anstrengung habe sie sich wieder bis in ihre Zelle schleppen können und sei fast ohnmächtig auf ihr Bett niedergefallen, wonach sie den übrigen Teil der Nacht in einem beständigen Fieberschauer zugebracht; sie sehe wohl ein, daß es ihr unmöglich wäre, das Vorhaben auszuführen, sie würde einen zweiten Versuch wahrscheinlich mit ihrem Leben bezahlen müssen. Nun war abermals guter Rat teuer; Bonnier wollte verzweifeln. Verliebte verlieren gewöhnlich bei Widerwärtigkeiten alle Besinnung, machen dann einen dummen Streich nach dem anderen, wenn sie auch sonst Verstand und Scharfsinn besitzen.

Er wollte auf der Stelle zum Papst, sich Seiner Heiligkeit zu Füßen werfen, alles eingestehen und um Angelikas Entbindung vom Klostergelübde anhalten; nur mit vieler Mühe konnten wir ihm den unsinnigen Vorsatz ausreden, indem wir ihm vorstellten, das wäre der gerade Weg, sie ohne Rettung zu verlieren und ihr vielleicht gar zum Einmauern zu verhelfen. Die unerschöpfliche Cesarini fand wieder einen Ausweg und meinte, man würde es der Lenier schwerlich abschlagen, einige Tage bei ihrer kranken Freundin zuzubringen und wohl auch einige Nächte an ihrem Bette zu wachen, ihr von neuem zuzureden und mit ihr vereint in der wieder zu bestimmenden Nacht das Kloster zu verlassen. Die Aufgabe wäre wirklich für ein so junges, unerfahrenes Mädchen zu schwer gewesen, aber mit Hilfe der mutigen und schlauen Freundin würde sie solche gewiß lösen; denn es sei ein ganz anderes, wenn man bei solchen Unternehmen zu zwei sei und sich einander Mut und Trost einsprechen könne. Auch diesen Vorschlag fanden wir sehr zweckmäßig und überredeten leicht der Lenier kleine Bedenklichkeiten. Sie eilte den kommenden Morgen wieder nach St. Ursula, teilte den neuen Plan Angelika mit, die in der Tat schon wieder auf dem Wege der Besserung war und herzlich gern einwilligte, in Gemeinschaft zu fliehen. Nun mußte sie sich noch kränker stellen und gewaltige Sehnsucht nach ihrer Freundin äußern; es gelang auch, von der Äbtissin die Erlaubnis zu dem Aufenthalt der Lenier im Kloster sowie zu den Nachtwachen zu erlangen, und täglich stattete sie uns Bericht über den guten Fortgang der Sache ab; endlich wurde zum zweitenmal die Stunde der Flucht bestimmt, alle Anordnungen wie das erstemal getroffen, und um vier Uhr (elf nach unserer Uhr) stand wieder alles auf seinem Posten; wir warteten wieder und warteten abermals vergeblich, der Tag graute schon, als wir notgedrungen die zweite Retirade antraten.

Noch waren wir über das abermalige Ausbleiben in der größten Bestürzung und erschöpften uns in Mutmaßungen, als die Lenier zu uns ins Zimmer trat und das Rätsel löste. Beide Mädchen hatten um elf Uhr die Zelle verlassen und waren bis an die innere Tür gekommen, die sie zu öffnen versuchten, konnten aber den rechten Schlüssel nicht gleich herausfinden, und während sie probierten und drehten, glaubten sie ein Geräusch zu hören, liefen beide davon und in die Zelle zurück, wo sie außer Atem ankamen und sich ganz erschöpft auf das Bett warfen; selbst die Lenier hatte eine gewaltige Herzensangst gehabt, auch hätten mehrere Nonnen heute morgen von einem Geräusche, was sie die Nacht gehört, gesprochen. – Ich machte ihr Vorwürfe und stellte ihr vor, daß man so lange zaudern würde, bis alles entdeckt wäre, denn mit jedem mißglückten Versuch werde die Gefahr größer. Dies sah sie wohl ein und versicherte, sie würde die kommende Nacht gewiß entschlossener sein, sie habe nochmals mit Angelika darüber gesprochen, beide sich wechselseitig über ihre Furcht Vorwürfe gemacht und würden, es koste auch, was es wolle, die Sache durchsetzen; sie müsse bald wieder zurück und habe die Schlüssel mitgebracht, damit wir die letzte Tür von außen aufschließen möchten und sie alsdann nur noch den Riegel wegzuschieben hätten; ferner würden sie sich in große weiße Bettücher hüllen, damit im Falle die anderen Nonnen etwas merkten, man sie für Gespenster halte und es nicht wage, sich ihnen zu nähern. – Dürfte man die große Klosterpforte, welche auf die Straße führt, öffnen, so hätte man freilich weit weniger Umstände, meinte die Lenier, doch dies sei zu gefährlich, weil die Pförtnerin und noch ein Wächter in der Nähe schliefen. Sie fuhr abermals ab, mit der kräftigsten Versicherung und dem heiligsten Versprechen, daß diese Nacht oder nie die Geschichte beendigt und sie die Türen öffnen würde. Wir alle und besonders ich, der ich anfing, der Sache herzlich müde zu werden, wünschten ihr den besten Erfolg mit auf den Weg.

Es wurde Nacht, und wir begaben uns zum drittenmal auf unsere Posten, überstiegen die Mauern, probierten die Schlüssel und sperrten endlich das Schloß der äußeren Tür glücklich auf, doch der innere Riegel verhinderte das Öffnen derselben; wir lauschten, hörten aber nicht das mindeste Geräusch; schon verzweifelten wir an dem Kommen der Mädchen, als wir ganz leise Schlösser aufgehen und Riegel zurückschieben hörten. Bonnier bebte vor Verlangen und Entzücken, man kam näher, wir hörten Tritte und endlich den Riegel der letzten Tür gehen, sie öffnete sich, und – beide Geister fielen uns halb ohnmächtig in die Arme. – Wir verloren indessen keine Zeit, sondern trugen sie in den Garten an den Ort, wo die Strickleitern angebracht waren. Es war wahrhaftig keine kleine Arbeit, die beiden Damen, eine nach der anderen, mehr tot als lebendig über die himmelhohen Mauern zu bringen; die junge Pariserin, welche zuerst den seltsamen Weg antrat, kletterte noch so ziemlich, aber Angelika mußten wir einen Strick um den Leib befestigen und Bonnier und ich nachhelfen, so daß wir nur jeder einen Arm für uns übrig hatten. Doch wurde auch diese saure Arbeit, ob mit Gottes oder des Bösen Hilfe, will ich hier nicht entscheiden, vollbracht, und wir standen in Zeit von einer halben Stunde sämtlich jenseits des Gartens auf festem Boden, warfen uns in den Wagen und jagten mit verhängtem Zügel über die Engelsbrücke und durch das nach Civita-Vecchia führende Tor voran, die beiden Bedienten zu Pferde hinterdrein und der Marinesoldat auf dem Bock.

Als wir Rom eine Miglia weit im Rücken hatten, ließ ich halten, nahm zärtlichen Abschied von Freund Bonnier, seiner Geliebten und der Lenier, wünschte allen eine glückliche Reise, warf mich auf mein Pferd und sprengte mit meinem Bedienten ventre à terre durch Rom zurück nach Albano, wo ich mich schon seit acht Tagen als présent sous les armes gemeldet und fast jeden Morgen ein Stündchen zugebracht hatte. Bei Tagesanbruch kam ich daselbst an, und schon gegen zehn Uhr wußte man auch hier, daß die vergangene Nacht eine Nonne aus dem Ursulinerkloster entflohen sei. Die Sache machte in der Hauptstadt der christlichen Welt ein ungeheures Aufsehen, der heilige Vater schickte erst den Kardinal-Staatssekretär nach dem Kloster, den Tatbestand zu untersuchen, und fuhr dann selbst dahin. Alle Sbirren und Karabiniere wurden in Bewegung gesetzt, St. Ursula förmlich geschlossen, Haussuchungen veranstaltet, besonders in der Lenier Wohnung und bei ihren Hausleuten; kurz, kein Mittel blieb unversucht, die Täter herauszukriegen und die Entwichenen wieder zu erwischen, doch alles vergeblich, es kam nichts heraus, und Angelika mit Bonnier waren bereits auf der hohen See in Sicherheit. Man mußte sich damit begnügen, einen geistlichen Bannfluch auf die Entflohenen und alle dabei beteiligten Verbrecher zu schleudern. Alle möglichen Vorkehrungen wurden nun in sämtlichen Frauenklöstern getroffen, damit dergleichen sobald nicht wieder passieren könne. (Wenn das Brot gestohlen, schließt man den Schrein zu.) Die armen zurückgebliebenen Nonnen mußten am meisten dadurch leiden, und die Frau Äbtissin entging nur mit Mühe schwerer Strafe und der Absetzung. Alle Schlosser, Maurer und Seiler Roms wurden scharf inquiriert, ob sie nicht Haken, Seile und so weiter geliefert. Die Cesarini stand Todesangst aus, doch ritt ich nach wie vor täglich zu ihr nach Rom. Von Bonnier erhielt ich bald Briefe aus Genua, worin er mir seine glückliche Ankunft daselbst meldete. –

An fünf Monate hatte ich nun schon in Albano und Rom recht unbekümmert zugebracht und in den Tag hineingelebt, außer den erwähnten Intrigen noch so manche kleine nebenher gehabt, namentlich auch mit einem hübschen Albanermädchen, einer giovan principiante, und dies Schlaraffenleben fing endlich an, mir langweilig zu werden, als mich plötzlich eine sehr unangenehme Begebenheit, bei der ich wider Willen und halb gezwungen eine aktive Rolle gespielt, aus demselben riß und ihm ein tragikomisches Ende machte.

Gleich nach Ostern kam eine wandernde Schauspielertruppe nach Albano, um daselbst Vorstellungen zu geben. Eines Morgens in aller Frühe besuchte mich der Impressario derselben, um sich und sein Theater mir zu empfehlen. Als Verehrer und womöglich Protektor aller dramatischen Kunst, versprach ich ihm auch meinen besonderen Schutz, sowie zu tun, was in meiner Macht stünde, seinem Unternehmen förderlich zu sein; ich nahm ihm auch gleich ein paar Dutzend Billetts für einige Scudi ab. Der Mann sah ärmlich und gedrückt aus, hatte eine fast kalabresische braune Hautfarbe und einen ungeheuren Backenbart. Der Zufall oder mein Unstern wollte, daß in diesem Augenblick gerade der Kapitän Caguenec, der mit seiner Kompagnie in dem nahen Velettri lag, wo er Platzkommandant war, zu mir kam, um mich zu einer Jagd einzuladen und mir zugleich anzuzeigen, daß dieser Tage unser Bataillonschef Düret eine Rundreise machen würde, um alle detachierten Kompagnien zu inspizieren. Er wollte wissen, wer der so elendwild aussehende Mann sei. Ich teilte ihm das Anliegen desselben mit, und wir fragten ihn, was er diesen Abend, es war gerade ein Sonntag, aufzuführen gedenke.

„Ah eccellenza illustrissima,“ erwiderte der Impressario, „wenn ich so glücklich wäre, am Sonntag spielen zu dürfen, dann wäre mein Glück gemacht.“

„Und warum dürfen Sie das nicht?“

„Seine Eminenz, der Herr Bischof-Kardinal, haben es bei Bann- und Gefängnisstrafe verboten, man würde mir sogleich das Theater schließen; auch dürfen keine Frauen auftreten, sondern alle Frauenrollen müssen von Männern gespielt werden.“

Wir fanden dies sonderbar, besonders da doch in Rom selbst alle weiblichen Rollen mit Frauen besetzt wurden, und machten dem Signor Impressario diese Bemerkung, der aber nur mit Achselzucken antwortete. Da man gerade das Frühstück auftrug, so lud ich den armen Teufel ein, teil daran zu nehmen, was er mit großem Dank und freudig akzeptierte. Wir waren zu fünf, denn Caguenec hatte seine Geliebte, ein artiges Mädchen aus Velettri, mitgebracht, Leutnant Felix, mein Unterleutnant, der Impressario und ich, und ließen uns das Frühstück und den Albanerwein so trefflich schmecken, daß wir alle äußerst munter wurden und, bis auf das Mädchen und ich, etwas in dem Dach vulgo Kopf hatten; Caguenec aber trank sich nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einen bösen Rausch an und war bald so en train, daß er übersprudelte; dieser Mensch war mein böser Geist.

„Höre,“ fing er beim Nachtisch an, „sage mir doch, wer ist denn eigentlich hier Kommandant? – Du oder der Bischof? – So ein Pfaffe sollte sich in Velettri unterstehen, zu verbieten, daß man am Sonntag Komödie spiele, ich wollte ihm seine Bischofsmütze zurechtsetzen, daß er daran denken sollte. Befiehl du nur, daß heute abend Komödie gespielt werde, du hast das Recht dazu!“

Ich hatte auch den Kopf etwas warm, Felix noch mehr, er gab dem Caguenec vollkommen recht, und wir sagten dem Impressario, er müsse diesen Abend eine Vorstellung geben, was er jedoch abzulehnen suchte, sich mit dem Verbot der geistlichen Behörde entschuldigend; das Mädchen pflichtete ihm bei, sie meinte, der poveretto würde ja ewig verdammt, wenn er sich so etwas unterstünde. Caguenec wollte, daß wir zum Bischof gehen und diesem befehlen sollten, seine Einwilligung zu geben; wir, die vier Männer, fanden diesen Vorschlag vernünftig und machten uns nach dessen Palazzo auf, wo aber der Impressario unten an der Tür stehen blieb, während wir dessen Stufen hinaufeilten. Der Gang durch die Luft hatte uns und besonders Caguenec noch mehr erhitzt, und die Köpfe glühten. – Nachdem wir die Treppen hinaufgestürmt waren, begegneten wir einem geistlichen Diener, den wir nach seinem Herrn fragten und ihm befahlen, uns zu ihm zu führen, der Kommandant von Albano habe mit ihm zu sprechen; dieser wollte uns erst melden, indem er sagte, er wisse nicht, ob Seine Eminenz schon zu sprechen sei.

„Was sollen die Umstände,“ fiel ihm Caguenec ins Wort, „für französische Offiziere muß er immer zu sprechen sein!“ Wir folgten alle drei dem Diener auf dem Fuß in das Gemach, wo Seine Eminenz noch im tiefsten Negligé auf einem Faulbett ausgestreckt Schokolade zu sich nahm.

Ohne alle weitere Entschuldigung brachte ich sogleich mein Gesuch vor, aber der erschrockene Prälat gab mir nach einigen Augenblicken zur Antwort, daß er unmöglich in dasselbe einwilligen könne, und schützte geistliche Verordnungen vor.

„Was Verordnungen,“ fiel ihm Caguenec ins Wort, „hier hat niemand etwas zu verordnen als der Platzkommandant von Albano, und Sie haben sich um das Messelesen und sonst um nichts und den Teufel um das Komödienspielen zu bekümmern.“

„Questo è vero,“ fiel ich ein und begehrte seine Einwilligung, damit diesen Abend gespielt werden könne, schriftlich, wozu er sich aber schlechterdings nicht verstehen wollte.

„Wer wird so viele Umstände mit dem Pfaffen machen!“ rief jetzt Caguenec, faßte die Eminenz, ehe wir’s uns versahen, beim Kragen, riß sie vom Ruhebett herab und schrie: „Pfaffe, jetzt schreib, oder es setzt Hiebe.“ Aber der arme Bischof schrie aus vollem Halse: „Ajuto, ajuto, son assassinato!“ Caguenec, wütend, versetzte dem geistlichen Herrn nun derbe Püffe und Stöße mit geballter Faust, drei bis vier Diener sprangen zwar ins Gemach, blieben jedoch vor Schrecken, als sie ihren Herrn so behandeln sahen, unbeweglich an der Tür stehen. Endlich gelang es uns, dem Leutnant Felix und mir, den tollen Caguenec von dem Kardinal abzuhalten, den ich nun noch einmal ersuchte, das an ihn gestellte Begehren zu bewilligen, indem er sich sonst noch größeren Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Jetzt gebot er einem seiner Diener, ihm das Calamajo (Schreibzeug) zu geben, und schrieb nieder, daß er dem Impressario für diesen Abend eine Vorstellung erlaube. – Caguenec sagte: „Warum tatest du dies nicht gleich, dummer Pfaffe, dann würdest du dir die Püffe erspart haben.“ – Wir empfahlen uns, das Papier in der Hand, dem Bischof einen buon giorno wünschend, und zeigten es triumphierend dem unten harrenden Impressario, der, ignorierend, wie wir dasselbe erlangt hatten, darüber ganz entzückt war und uns ein vortreffliches Schauspiel, ‚I brigandi‘ betitelt, versprach. Caguenec und Felix gingen Arm in Arm zu dem nach Rom führenden Tor hinaus bis zu dem Grabmal des Ascanius, wo sie sich niedersetzten und einschliefen, während ich mich heim begab, um auf ein paar Stunden nach Rom zu reiten, mir aber vornahm, zur Vorstellung der Brigandi wieder zurück zu sein. Als ich in das Zimmer trat, sprang mir Caguenecs Geliebte entgegen, mich fragend, wo ich ihren Capitano gelassen habe und wie die Sache abgelaufen sei. Ich gab ihr über beides die gehörige Auskunft und fand jetzt, daß Regina eine recht hübsche, schlanke Brünette sei und ein Paar recht feurige, funkelnde Augen habe, was ich vorher gar nicht wahrgenommen. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß sie die Tochter einer Uhrmacherswitwe in Velettri wäre, die einige Wein- und Obstgärten daselbst besaß, in denen sie zufällig Caguenecs Bekanntschaft gemacht und er ihr den Antrag gestellt, sie als seine Geliebte zu unterhalten, worin ihre Mutter auch eingewilligt, da er viel versprochen habe und ihre Umstände nicht die glänzendsten seien; bis jetzt aber habe er von den Versprechungen keine gehalten, außer Nahrung und Wohnung habe sie noch nichts von ihm bekommen und ihm doch ihre Jungfrauschaft gebracht, dazu sei er noch obendrein sehr oft imbriaco, da hätte sie denn ihre liebe Not mit ihm, sie habe sich schon die unsäglichste Mühe gegeben, ihm diese Sünde abzugewöhnen, aber vergeblich, öfters komme er in einem solchen Zustand heim, daß er sich ganz angekleidet auf das Bett fallen lasse und ohne sich zu rühren bis zum anderen Morgen schlafe.

Die naive Einfalt, mit der mir Regina diese Erzählung machte, brachte mich zum Lachen. Ich nahm sie in meinen Arm, küßte sie und sagte zu ihr, es sei gewiß recht fatal, daß der Mann einen so festen Schlaf habe. – „Freilich,“ erwiderte sie, „und das Fatalste ist, daß ich dabei nicht einschlafen kann.“ – „Du mußt dich dafür rächen und entschädigen,“ versetzte ich ihr, sie auf meinen Schoß ziehend. – „Ei, das möchte ich wohl, wenn ich nur Gelegenheit dazu hätte.“ – „Oh, die soll sich leicht finden,“ meinte ich, küßte das schon glühend werdende Mädchen recht innig, verriegelte die Stubentür und zog sie in mein anstoßendes Schlafgemach. – Nach einer halben Stunde verließen wir dasselbe wieder, und um bei Caguenec allen Verdacht zu vermeiden, schwang ich mich auf mein Pferd und ritt zum Tor hinaus, der Landstraße nach Rom zu, wo ich die beiden Schläfer noch an Ascanius’ Mausoleum schnarchend fand, sie mit einem lauten Hallo aufweckte und ihnen verkündete, daß ich nach Rom reite, dem Caguenec lachend zurufend: „Du bist mir ein sauberer Held, deine Regina sitzt bei mir verlassen und seufzt und langweilt sich.“

„Himmelsapperment,“ schrie Caguenec, sich die Augen reibend, „ich habe ganz vergessen, daß ich die Hexe bei mir habe; höre, du wirst mir doch keine Streiche gemacht haben, sonst könntest du mir leicht vor die Klinge müssen.“

„Wo denkst du hin, ich habe mehr zu tun, als mich um deine Geliebte zu bekümmern.“

„Wenn auch, ich kenne dich, du bist mir ein sauberer Zeisig.“

Ich sprengte indessen mit einem: „Albernes Zeug!“ davon, suchte in Rom die Vernetti auf, bei der ich über Mittag blieb und sie dann gegen Abend in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario versprochenen Extravorstellung beiwohnen könnte. Das war sie in jedem Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war eine Erhöhung von einigen Holzblöcken und Brettern gemacht und mit alten Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr hätte ausfindig machen können; einige abgerissene und davor gestellte Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler! Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Fürsten im Vergleich mit diesen gekleidet. Das Ärgste waren aber die rot- und schwarzbärtigen Aktricen und deren Kostüme, schmutzige Tücher auf Poissardenart um die Köpfe gewunden, Unterröcke um die Hüften hängend, welche hinten und vorn so große Löcher hatten, daß man einen Kopf durchstecken konnte. Zerrissene Hemdärmel und ein über das Hemd und den bloßen Hals geworfenes lumpiges Tuch vervollständigten das Erbärmliche ihrer Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zärtlichen Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saßen Caguenec und seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus Albano, aber kein einziges weibliches Wesen außer den beiden angeführten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomödie zu besuchen. Um den Saal, eine Art Stall, zu füllen, ließ ich sämtlicher Mannschaft und den Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts geben, für die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich eine solche Künstlergesellschaft und ein solches Publikum zusammenfinden, und dennoch amüsierte ich mich, wenigstens eine Zeitlang, königlich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen, Zärtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Händen und Füßen war über alle Maßen komisch-heroisch und possierlich; Blicke warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudern und zum Lachen hätte bringen können. Das Sujet des Stücks war schwer zu erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hälfte der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner Dulcinea blieben über Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir ja nicht, ich hätte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen können. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gäste, nachdem sie noch gehörig gefrühstückt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurück.

Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Düret und sein Adjutant-Major sprangen, die zu mir heraufstürmten. Ersterer begrüßte mich mit den Worten: „Voilà une belle affaire, que diable avez-vous fait?“ Er zog dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten der päpstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung angetragen wurde. Ich erzählte Düret den Zusammenhang der ganzen Geschichte, der dann ausrief: „Das wird eine saubere Sauce werden, toujours ce diable de Caguenec, aber über Sie wird das ganze Wetter kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von ihm, nach Befinden der Umstände Ihnen sogleich arrêts forcés zu geben. Ich will indessen mein Möglichstes tun, diese unangenehme Sache so glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut werden Sie nicht davonkommen.“ Nachdem er ein Frühstück genommen, fuhr Düret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhören, setzte dann seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d’Anzio und so weiter fort und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurück.

Indessen war mir diese Sache nicht gleichgültig, ich teilte den Vorfall der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu machen und mich bei ihm zu entschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber nicht entschließen, und während ich so zwischen dem, was ich zu tun und zu lassen hätte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitän Stahl an und verkündete mir, daß er die Order habe, mich abzulösen, indem ich zum dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Düret schrieb mir dazu, ich könne Gott und ihm danken, daß die Sache so gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem Kriegsgericht bestanden, und nur mit großer Mühe habe man ihn davon abgebracht. – So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewißheit befreit, die mich seit acht Tagen quälte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfügen. Hier blieb nichts übrig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen Bekannten und den Familien in Rom, in deren Häusern ich so manche Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswürdiger Liberalität aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, daß, wenn ich ihm den Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewiß ausgeglichen haben würde und es dann zu keiner Klage gekommen wäre. Aber wer sich meine Abreise am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der letzten Zeit so ziemlich gleichgültig behandelt oder doch sehr vernachlässigt hatte. Sie wollte sich anfänglich gar nicht darein finden und entwarf allerlei Pläne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu wohnen und so weiter. Ich hatte große Mühe, ihr die Unausführbarkeit eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaßen zu beschwichtigen, beschloß ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir eine Eröffnung, die mich nicht wenig überraschte. Sie gestand mir nämlich, daß sie in der Hoffnung sei und daß sie, seit sie mich kenne und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgang mit ihrem Gatten mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch für Folgen nach sich ziehen könne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine großen Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mätressen und bekümmere sich gar nicht um sie, auch könne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafür eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft zu. – Noch hatte ich die Trajanssäule nicht bestiegen, und als ich diesen Wunsch äußerte, versetzte sie: „Das können wir ja noch zusammen tun.“ Bei der Ausführung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die Antoninsäule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren, sah mich meine Begleiterin plötzlich mit einem grellen Blick an und sprach: „Wie, wenn ich mich da hinabstürzte, dann hätten auf einmal alle Sorgen und alle Pein ein Ende.“ – „Sind Sie toll,“ fiel ich ihr ins Wort und faßte sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und sagte: „Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens müßtest du dich mit mir hinabstürzen wollen.“ – „Dazu spüre ich noch keine Lust,“ erwiderte ich ihr, „es wäre ein dummer und nicht einmal gewisser Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen.“ Ich umfaßte und küßte sie und machte, daß wir bald wieder hinabkamen.

Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum ewigen Andenken eine über vier Schuh lange Locke von ihrem schönen Haar und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war; andere prächtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich führte sie endlich in ihre Wohnung zurück, wo ich ihr den letzten langen Abschiedskuß in ihrem Schlafgemach gab und sie in Tränen gebadet verließ. – Ihre letzten Worte waren: „Non dimenticarmi!“ Ich erwiderte, daß ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr versprochen, mein Möglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir auch vornahm.

Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, daß diese Verwechslung gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Händen, daß er seinem Herrn die größte Freude, die man ihm heimlich zu machen wünsche, verursachen würde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein Schlüsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehöre, was außerdem noch versiegelt war. Hier blieb nichts übrig, als mich des Geschenks zu bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die splendide Geberin zu beleidigen und tief zu kränken, konnte ich das Geschenk nicht wohl zurückschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren und warf mich, tief in meinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund des Wagens, über die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich nun an meiner Phantasie vorübergehen ließ.

IV.
Reise über Florenz nach Genua. – Ankunft zu Florenz. – Eine Überraschung. – Ein Abenteuer. – Die Kathedrale San Maria del Fiore. – Die mysteriösen Schönen. – Lady Mary. – Das Arnotal. – Die schönen Strohflechterinnen. – Abreise nach Genua.

Da ich als Partikulier und nicht als Militär, das heißt, wenigstens nicht nach meiner Marschroute reiste, die mir volle fünfunddreißig Tage bis zu meiner Ankunft in Genua gestattete, so hatte ich beschlossen, meinen Weg über Florenz zu nehmen.

In Siena verweilte ich einen Tag, um mich auszuruhen, und fuhr mit einbrechender Nacht nach Florenz ab, wo ich noch lange vor Tag ankam und Mühe hatte, das dienende Personal eines Gasthofs aus dem Schlaf zu wecken, um mir ein Zimmer anweisen und eine erquickende Schokolade bereiten zu lassen. Letzteres versteht man nirgends so gut als in Italien. Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage bis drei Wochen in Toscanas schöner Hauptstadt zuzubringen, da ich durch mein schnelles Reisen diese Zeit vollkommen wieder einbringen und jedenfalls zu dem auf der Marschroute bezeichneten Zeitpunkt in Genua eintreffen konnte. Nachdem ich ein paar goldene Morgenstunden verschlafen, ließ ich meinen Koffer und auch das verschlossene und versiegelte Wagenkistchen auf mein Zimmer bringen, das zu öffnen ich bis jetzt noch keine Muße gefunden hatte, da die Sehenswürdigkeiten Sienas alle meine Zeit daselbst in Anspruch nahmen. Ich entsiegelte und schloß das Kästchen auf und war vor Verwunderung starr, als ich es mit der feinsten Battistwäsche, gestickten Taschentüchern und Hemden angefüllt fand. Oben lag ein in rosenfarbiges Seidenpapier gewickeltes Portefeuille von blauem Samt, auf dem mit Perlen Gertrudens Namenszug von einem Blumenkranz umgeben gestickt war. Als ich dasselbe öffnete, fiel mir ein auf Velinpapier mit Goldrand geschriebenes Briefchen in die Hand, das mit einer Brillantnadel, mit einem von Rubinen umfaßten prächtigen Solitär, zugesteckt war. Ich nahm die Nadel herunter, entfaltete es und las:

‚Carissimo Fernando!

Nimm dies kleine Geschenk als ein Andenken von mir und der unvergeßlich seligen Stunden, die ich mit Dir zubrachte, gütig auf; wohin Dich auch immer die Verhältnisse und des Schicksals Wege führen mögen, gedenke Deiner Dich so innig liebenden Freundin in Rom. Sie hat erst zu lieben begonnen, als sie Dich kennen lernte, vergiß sie nicht, dies würde sie unglücklich machen, gieb mir wenigstens einmal jeden Monat Nachricht, die Du mir durch die mit Dir verabredete Adresse zukommen lassen kannst. Deine Briefe werden mir mindestens ein Schattentrost sein. Deine Abwesenheit macht mein Leben zur Einsamkeit und es wird traurig genug dahinfließen, nur Nachrichten von Dir können mir einige heitere Augenblicke gewähren. Lebe wohl, sei glücklich und vergiß nimmer Deine Dich bis zum letzten Atemzug liebende Gertrud.‘

Schreiben an zurückgelassene Geliebte war meine Sache sonst nicht; aber hier mußte ich doch eine Ausnahme machen, antwortete ihr sogleich und meldete ihr meine glückliche Ankunft in Florenz. Während ich schrieb, packte mein Bedienter das Kistchen aus, plötzlich rief er: „Ach, sehen Sie doch, Herr Leutnant, was da für ein schönes Kästchen ist,“ ich drehte mich um und erblickte eine wunderschön gearbeitete Schatulle von Ebenholz mit Perlmutter und Silber ausgelegt, an der ein goldenes Schlüsselchen an einem himmelblauen Bande herabhing. „Wie schwer es ist,“ sagte der Bursche, mir es darreichend, ich öffnete es und fand zu meiner nicht geringen Verwunderung das sehr wohlgetroffene Porträt der Principessa Cesarini in Miniatur gemalt und mit Rosetten eingefaßt; aber noch weit mehr erstaunte ich, als ich unter demselben zehn Rollen, jede mit einhundert Zechinen vorfand. Dies war zuviel, wenigstens das Gold hätte sich nicht vorfinden sollen, auch ein Zettelchen lag in der Schatulle, auf dem geschrieben stand: ‚Nicht wahr, lieber Fernando, Du zürnest mir nicht, daß ich mich unterfing, Dir einen Pfennig für die Not beizulegen, und wenn Du zürnest, so sieh mich nur an (mein Porträt), und ich bin eitel genug zu glauben, daß Dir dann aller Unwille vergehen wird.‘ In der Tat war das Bild so lieblich lächelnd und so sprechend ähnlich gemalt, die Züge dem reizenden Original so bezaubernd gleich, daß ich es einigemal küßte, und mir zum erstenmal der Gedanke kam: wie ist es möglich, daß man auch gegen solche Reize gleichgültig werden kann, und mit der Natur schmälte, daß sie mich mit einem so veränderlichen Herzen geschaffen hatte; denn was kann am Ende der Mensch für sein Temperament, für seine Leidenschaften, für seine Art zu fühlen und zu empfinden; nicht mehr als der Bucklige für seinen Höcker, der Krumme für seinen Wuchs, er kann sich ebensowenig von seinen moralischen Auswüchsen befreien wie dieser von seinen physischen.

Nachdem ich von meiner Überraschung zurückgekommen, nahm ich mir vor, dieses mir mit so unendlicher Liebe zugetane Wesen nicht zu dem großen Haufen zu werfen, und beinahe machte ich mir über die zu Rom und Albano gegen sie begangene Untreue und Vernachlässigung Vorwürfe. Während ich solchen Gedanken Raum gab und im Vornehmen und Vorwerfen begriffen war, hörte ich plötzlich die Akkorde auf einem sehr wohlklingenden Pianoforte anschlagen, und bald darauf die Romanze ‚Solitario bosco ombroso‘ durch ein liebliches Silberstimmchen aber mit fremdem Akzent vortragen, deren Refrain ‚per trovar qualche risposo, nel silenzio nel orror‘ mit ganz besonderem Ausdruck gesungen wurde.

Dieser Gesang, der mich, sowie jede Musik in der frühen Morgenstunde, in eine ganz eigene Stimmung versetzte, brachte mich schnell wieder auf andere Gedanken, ich vergaß Bild und Schreiben und lauschte nur auf die Silbertöne, die aus einem in meiner Nähe befindlichen Gemach zu kommen schienen. Ich erkundigte mich bei einem Aufwärter nach der singenden Dame und erfuhr von demselben, daß es die junge Gattin eines vornehmen Engländers sei, die mit ihrer Schwägerin die anstoßenden Gemächer bewohne und deren Mann sich dermalen in Paris befände, um daselbst die Erlaubnis zu seiner Rückkehr nach England auszuwirken, da alle Engländer, die sich auf dem europäischen Festlande befanden, so weit der napoleonische Einfluß reichte, Kontinentalarrest hatten.

„E bella?“ fragte ich den Cameriere. „Bellissima ed assai giovine.“ – „Und ihre Umgebung?“ – „Die beiden Ladys haben nur zwei Kammerfrauen und einen Bedienten um sich, fahren jeden Tag spazieren, gehen aber zu niemand und empfangen auch keine Gesellschaft.“ – „Besuchen sie auch keine Kirchen?“ – „O ja, alle, aber nur um die Bilder zu sehen, denn es sind unglückliche Ketzerinnen.“ – „Gut, bestellen Sie mir jetzt den berühmten Haarkräusler der Stadt, ich will mir die Haare schneiden lassen.“ Mit einem: ‚Illustrissimo sara servito‘ empfahl sich der Cameriere, und sobald ich allein war, trillerte ich: ‚God save the King‘ und ‚Rule Britannia‘, die einzigen englischen Lieder, die mir bekannt waren und die ich auswendig wußte. Man hatte mich gehört, denn die Zofen streckten ihre niedlichen Köpfe aus der Tür im Korridor, um zu erforschen, wer wohl hier englische Nationalgesänge anstimme. Bald darauf vernahm ich auch, wie man sich bei einem Aufwärter nach dem Fremden erkundigte, der nebenan logiere und englisch singe. – „Non so,“ lautete die Antwort, „aber ich werde es bald wissen und Ihnen dann mitteilen.“ Ein paar Minuten darauf kam der primo Cameriere zu mir, mich nach Stand, Herkommen, Reiseabsicht und so weiter im Namen einer hochlöblichen Polizei inquirierend. Lächelnd befriedigte ich den neugierigen Burschen, wissend, welche Polizei ihn abgeschickt. „Ah Mosiou est Oufficier français?“ versetzte er sich verneigend, und mit einem ‚Umilissimo servo‘ komplimentierte sich der dienstbare Geist wieder zum Zimmer hinaus, um die Neugierde der Zofe und durch diese die ihrer Herrschaft zu befriedigen. Ich packte nun die erhaltenen Geschenke wieder sorgfältig ein, worauf der bestellte Signor Peruchiere erschien, mich frisierte oder vielmehr nur durchkämmte, die Spitzen der Haare abschneidend, und mich für eine ihm gespendete Zechine vollkommen mit den Verhältnissen der schönen Welt von Florenz bekannt machte. Ich warf mich sodann in grande tenue, um die Sehenswürdigkeiten der schönen Stadt aufzusuchen, ging jedoch noch vorher drei bis viermal aus meinem Zimmer auf den Korridor, bis an die Treppe und wieder zurück, indem ich tat, als hätte ich etwas vergessen, und jedesmal hatte ich das Glück, einem der englischen Kammermädchen zu begegnen, die ich mit einer freundlichen Verbeugung grüßte und von denen ich eben so freundlich wieder gegrüßt wurde.

Gegen einundzwanzig Uhr in mein Hotel zurückgekommen, ließ ich mir auf meinem Zimmer ein Pranzo servieren, das sehr splendid aufgetragen wurde, denn man stellte mir wenigstens ein paar Dutzend Platten vor, von denen ich kaum vier berührte, aber destomehr ließ sich mein Bursche die anderen schmecken, wogegen ich nichts hatte; denn bezahlen mußte ich sie doch, da sie aufgetragen waren, verbat mir aber in Zukunft einen so reichlichen Service.

Kaum hatte ich den letzten Bissen im Mund, so eilte ich wieder fort, die Promenaden aufzusuchen, auf denen sich die schöne Welt von Florenz und namentlich die schönen Florentinerinnen zeigen. Ein paar Tage nach meiner Ankunft verfolgte ich zwei schlanke, tief verschleierte weibliche Gestalten, denen ich gegen abend auf der Brücke della Trinità begegnet war, in einiger Entfernung; sie schienen es bald bemerkt zu haben und eilten längs dem Quai hinab, gingen über Ponte Vecchio wieder über den Arno, an dem Palast Pitti vorüber, über die Piazza San Spirito, dann wieder einige Straßen zurück und machten so fortwährend vergebliche Gänge hin und her. Es leuchtete mir ein, daß sie mir zu entgehen und zu verhindern suchten, daß ich in Erfahrung bringe, wo sie sich hinbegeben würden; aber dadurch wurde meine Neugierde nur noch weit mehr angeregt, ich folgte ihnen jetzt fast auf dem Fuß nach und betrat beinahe zu gleicher Zeit wie sie die Gärten des Palastes Pitti, in die sie endlich ihre Schritte lenkten. Hier suchten sie die einsamsten Gänge hinter den dichtesten Gebüschen auf, wohin ich ihnen immer nachging. Als sie unter den schwarzgrauen Mauern der Fortezza angekommen waren, welche diese Gärten auf der einen Seite begrenzen, die sich dort recht pittoresk an Alleen und Bosketten hinziehen, wandten sich die beiden Damen plötzlich um, und die eine fragte mich: „ma che cosa ci volete, Signoro?“

„Nichts als Ihre Reize bewundern.“

„Ah é un forestiero,“ sagte die, die mich angeredet zur anderen, nun waren beide plötzlich freundlich und gestanden mir, daß sie mich für einen Spia gehalten, den man ihnen nachgeschickt, um ihnen aufzupassen.

„Aber, meine Damen, sehen Sie mich doch recht an, habe ich denn die Miene eines Spions?“

„Das nicht, mein Herr,“ versetzte die eine etwas verlegen, „aber wir konnten Sie ja auch nicht recht ansehen, übrigens,“ setzte sie lächelnd hinzu: „sehen Sie doch aus wie ein Schalk, dem nicht so ganz zu trauen ist.“

„Ich ein Spion, wo denken Sie hin? Ich spioniere höchstens nach den Reizen der schönen Damen, und in diesem Sinne mögen Sie recht haben.“

Ich begleitete nun die beiden Signoras mit ihrer Erlaubnis an die anmutigsten Orte des Gartens Boboli und hatte bald von ihnen herausgebracht, daß die eine die unterhaltene Geliebte eines Principe und die Tochter eines untergeordneten Beamten sei, die andere, ihre Freundin, ebenfalls von einem reichen Edelmann ihre Subsistenz habe; indessen schien es, daß sie auch noch andere Liebhaber nebenbei hatten, beide wollten jedoch nicht recht mit der Sprache heraus. Nachdem ich etwa eine Stunde mit ihnen herumspaziert war, fanden sie, daß es jetzt Zeit sei, sich nach Haus zu begeben; auf meine Frage, ob ich nicht das Vergnügen haben könne, sie heim zu begleiten, antworteten sie mit einem impossibile, und die eine fügte hinzu: „wir werden zu sehr beobachtet und wohnen an der Piazza di Santa croce“. Sie redeten noch leise miteinander, und die hübscheste sagte endlich: „Da Sie ein so artiger Kavalier zu sein scheinen und, wie Sie sagen, Ihnen soviel daran liegt, unsere nähere Bekanntschaft zu machen, so will ich Ihnen ein Mittel angeben, wie Sie diesen Abend in unserer Gesellschaft zubringen können. Begeben Sie sich, sobald es Nacht ist, in den Dom, dort sollen Sie uns treffen, und von da können Sie uns in einer kleinen Entfernung folgen, Sie müssen uns aber versprechen, uns jetzt zu verlassen, sonst sehen Sie uns nicht wieder.“ Ich ging diesen Vertrag ein, bat mir aber ein Unterpfand aus, die eine zog einen kleinen Ring vom Zeigefinger, den sie mir darreichte, indem sie sagte: „Hier, Signore,“ blickte mich jedoch dabei ein wenig mißtrauisch an. Beide entfernten sich jetzt eilig. Meine Neugierde war zu groß, als daß ich mein Versprechen so unbedingt hätte halten können, ich versuchte doch zu erforschen, wohin sie sich begeben würden, um zu erfahren, ob sie mir die Wahrheit gesagt. Ich hatte sie bis beinahe an den Ausgang des Gartens begleitet, dann aber verfolgte ich sie mit den Augen, und sah, daß sie wieder den Weg nach dem Ponte Vecchio einschlugen. Ich eilte schnell auf der anderen Seite des Palastes Pitti vorüber, sah sie dann über diese Brücke gehen, und beauftragte einen Jungen, der sich mir gerade darbot, und dem ich ein gutes Trinkgeld versprach, den Damen unbemerkt nachzuschleichen und mir zu rapportieren, in welches Haus sie gegangen seien, ich aber wollte seine Rückkunft auf der Brücke della Trinità abwarten. Es dauerte nur wenige Minuten, so kam derselbe zurück und berichtete mir, daß er die Signoras aus dem Gesicht verloren hätte, als sie um eine Straßenecke gegangen seien, da er ihnen aber ziemlich nahe gewesen, so müßten sie notwendigerweise in ein Haus dieser Straße getreten sein, aber in welches, habe er nicht ermitteln können. Ich fand den Schluß des dummen Jungen zwar logisch, aber keineswegs für mich genügend, gab ihm verdrießlich die versprochene Belohnung, und hieß ihn sich trollen. Dem Abenteuer weiter nachzugehen und mich in den Dom zu begeben, würde ich jetzt unterlassen haben, hätte ich nicht den Ring gehabt, den ich doch restituieren mußte.

Die Nacht kam endlich heran, ich machte mich, bevor sie völlig eintrat, auf den Weg nach dem Dom, in dem ich vergeblich eine ganze Stunde auf meine Schönen wartete und unterdessen die Sehenswürdigkeiten desselben, soweit es eine, obschon spärliche Beleuchtung zuließ, betrachtete. Bewunderung verdient die achteckige Kuppel dieses Gebäudes, von der selbst Michel Angelo sagte: daß wenn es auch nicht unmöglich sei, dieses Baukunststück nachzumachen, es doch eine Unmöglichkeit wäre, dasselbe zu übertreffen.

Bald fing ich an die Geduld zu verlieren, als ich die erwarteten Schönen noch immer nicht kommen sah, machte einigemal die Ronde außerhalb der Kirche, die auf einem großen Platz liegt, so daß man sie von allen Seiten gehörig sehen und den Prachtbau bewundern kann, und staunte den hohen, mit schwarzem, rotem und weißem Marmor bekleideten, sich in der nebligen Dämmerung majestätisch emporhebenden Glockenturm an; er wurde nach der Zeichnung des berühmten Giotto erbaut, der vom Ackerpflug weg in die Werkstätte des Cimabus trat, bald seinen Lehrer und Meister weit hinter sich lassend, durch sein Talent sich die Freundschaft Dantes und Petrarchs in hohem Grade erwarb und mit Reichtümern und Ehren beladen starb.

Noch einmal ging ich in die Kirche mit dem Vorsatz, wenn jetzt die Damen nicht erschienen, mich weg und in das Theater zu begeben. Als ich eintrat, erblickte ich zwei schwarz gekleidete Frauen mit zurückgeschlagenen Schleiern in einer Seitenkapelle knieend; ich umging sie und erkannte meine Erwarteten. Als sie mich erblickten, warf mir die eine eine Occhiata zu, bald darauf erhoben sie sich und flüsterten, an mir vorübergehend, die Worte: „Ora venite.“ Ich befolgte dies sogleich und begann die Unterhaltung noch in der Kirche. Das Weihwasser nehmend, standen sie still, die eine sah mich nochmals mit forschendem Blick an, und sagte dann: „Dürfen wir Ihnen auch gewiß trauen?“ – „Meine Signora, ich bin französischer Offizier.“ – Die andere fiel nun ein: „Ich traue ihm, komm, laß uns gehen.“ – Wir verließen den Dom, die Damen führten mich durch eine Menge kleiner und schmaler Winkelgassen, so daß ich bald alle Richtung verloren hatte und ich nicht mehr wußte, in welchem Stadtteil ich mich befand. – Jetzt erst kam mir der Gedanke, ob auch ich ihnen wohl trauen dürfe, in den Sinn; ich hatte indessen meine geladenen Terzerolen bei mir, und dachte: „Mit diesen magst du es schon wagen.“ Endlich kamen wir bei einem ziemlich großen Gebäude an, an welchem die eine Signora eine kleine Seitentür mit einem Schlüssel öffnete, wir schritten durch einen schmalen langen Gang wieder an ein Pförtchen, das in einen Garten führte, wo wir durch Gebüsche und Irrwege endlich in eine Allee gelangten, an deren Ende sich ein kleiner Pavillon befand, den man auftat, ohne zu leuchten, so daß wir fortwährend im Dunkeln tappten. Ich fragte nun nach Licht, man antwortete mir aber, dies sei unnötig. Ich fing doch an die Möglichkeit eines Fallstricks zu denken, und daß ich wohl in eine Trappoleria (Mausefalle) geraten sein könne. Auf meine wiederholte Bitte um Licht, wurde mir: „Si fa l’amore senza lumen, setzen Sie sich,“ zugleich zog mich ein zartes Händchen auf ein Sofa nieder. Ich hatte einen Beutel ziemlich mit Gold gefüllt bei mir, der wohl die Raubsucht eines Banditen lüstern machen konnte, doch das konnten die Signoras nicht wissen; indessen wollte ich mich vorsehen, wenn ich wirklich in eine solche Mordhöhle gefallen sei, und nahm ein Terzerol in die rechte Hand, um auf alle Fälle gefaßt zu sein. Zufällig betastete die unsichtbare Dame das Instrument und rief, mich fahren lassend, mit einem Schrei des Entsetzens aus: „Cosa è questo?“ – Die Angst, mit welcher ihr diese Worte entfuhren, sowie daß die andere Stimme ganz leise mit einem: „ma per l’amor di dio cosa avete“ einfiel, schien mir jedoch zu sagen, daß mein Verdacht unbegründet sei, und ich erwiderte nun ebenso leise ein: „niente, Signore, seien Sie ruhig,“ und gestand den Damen dann offen, daß, weil sie Licht verweigert hätten, ich mich eines Verdachts nicht habe erwehren können. Sie erklärten mir nun, daß sie kein Licht anzünden wollten, damit niemand wisse, daß Leute im Pavillon seien und sie nicht verraten werden könnten. So beiderseits beruhigt, überließen wir uns anderen Gefühlen, als denen der Furcht und des Argwohns, und ich fand bald, daß im Dunkeln ganz gut munkeln sei, denn auch im Finstern wußte ich die Rosalippen und die verborgenen Reize meiner Schönen zu finden, die ich abwechselnd an den Busen drückte, ohne die Eifersucht gegen die andere rege zu machen, da sie sich im Gegenteil gegenseitig animierten, meine Gunstbezeigungen zu teilen. Endlich aber waren wir alle drei so ziemlich schachmatt, und die Damen bemerkten mir, daß es wohl ora di partire sein möge, weil nach zehn Uhr sich oft ihre Signori einfänden. Ich küßte beide zum Abschied, griff sodann in die Tasche und wollte ihnen einen Teil des bei mir habenden Goldes einhändigen, aber man wies es nicht nur mit großem Unwillen zurück, sondern sagte zürnend: „Mein Herr, für was halten Sie uns?“ – „Für sehr liebenswürdige Damen, wovon ich Ihnen soeben die Beweise gegeben habe; nehmen Sie nur hin, es ist Gold.“ – Nun wurden sie noch zorniger, und die eine rief aus: „Glauben Sie, daß wir ... sind? Sie haben sich sehr in uns geirrt, und wir hätten nicht geglaubt, daß Sie fähig sein könnten, uns so zu beleidigen, sonst würden wir Ihnen sicher nicht erlaubt haben, mit uns zu gehen, wir bedürfen Ihres Goldes nicht.“ – Ich hatte alle Mühe, meine mysteriösen Schönen zu besänftigen, die mir nicht ohne Schwierigkeit das Wiederkommen am nächsten Donnerstag, früher sei es unmöglich, gestatten wollten. Ich wurde denselben Weg, den ich gekommen war, und ebenso im Finstern zurückgeleitet; hinter mir wurde das letzte Pförtchen verschlossen und verriegelt. Als ich mich auf offener Straße befand, suchte ich mich, soviel es die Nacht erlaubte, zu orientieren und mir das Haus, das ich noch soeben verlassen, und seine nächsten Umgebungen zu merken. Einigemal ging ich auf und nieder und erkundigte mich bei mehreren Vorübergehenden, wem dasselbe gehöre, konnte aber keine genügende Auskunft erhalten. Ich entfernte mich nun, mir die Straße bestens merkend, sah noch ein paar Akte einer Opera buffa und begab mich dann in mein Hotel, wo ich bei offenem Fenster, den italienischen heiteren Sternenhimmel betrachtend, die englischen Ladys musizieren hörte. Die Damen sangen Kavatinen mit zwar englischem Akzent, aber auch mit englischer Stimme. Mein Bedienter erzählte mir während des Auskleidens, daß sich das Kammerkätzchen abermals bei ihm sehr dringend nach mir erkundigt habe, namentlich wo ich meine Zeit zubringe, wie lange ich wohl noch hier bleibe, was eigentlich meine Geschäfte hier seien und so weiter, was er alles bestens und auf das Klügste beantwortet habe. Ich legte mich zu Bett und schlief, während die englische Musik noch fort dauerte, ermüdet ein. Den anderen Morgen war mein erster Gang, die Straße und das Haus aufzusuchen, in dem ich den Abend vorher in den Armen einer zweifachen Liebe geschwelgt hatte; aber vergeblich war all mein Forschen und alle meine Bemühungen fruchteten nichts, es war mir unmöglich, dieselben wiederzufinden, da ich versäumt hatte, mich nach dem Namen der Straße zu erkundigen, glaubend, daß ich sie keinenfalls fehlen könne, so daß mir jetzt die ganze Begebenheit wie ein lebhafter Traum erschien. Hätte ich nicht den Ring noch am Finger gehabt, den ich im Freudentaumel zurückzugeben vergessen hatte, so würde ich am Ende wirklich geglaubt haben, daß das ganze Abenteuer nur ein Traum und ein Spiel meiner Phantasie gewesen sei. Nachdem ich lange genug vergeblich gesucht, nahm ich mir fest vor, das nächstemal – die Damen hatten mir wieder Rendezvous im Dom gegeben – gewiß dieses geheimnisvolle Haus so gut zu bezeichnen, daß es mir unmöglich entgehen könne, und sollte ich einen Ariadnischen Knäuel dazu verwenden, dessen Faden man mir freilich in der Nacht abschneiden und so den Rückweg in dieses Labyrinth unmöglich machen konnte. Ärgerlich über meine wenige Vorsicht, ging ich wieder in den Dom, dessen Schönheiten ich nochmals bewunderte, und bestieg den Kampanile, mich an dem Anblick des zu meinen Füßen liegenden prächtigen Florenz und seiner reizenden Umgebung weidend.

Nachdem ich mich noch eine Zeitlang an dem Tag, an welchem ich das Haus des vornächtlichen Abenteuers vergeblich aufgesucht, in den Straßen der Stadt herumgetrieben hatte, kehrte ich zum Mittagessen in mein Hotel zurück und nahm es wieder auf meinem Zimmer ein, wobei ich unentgeltlich das Vergnügen einer Tafelmusik genoß, mit der mich meine Nachbarinnen zu erfreuen geruhten, und mein Bedienter rapportierte mir während desselben, daß man sich abermals nach mir erkundigt habe und daß die Damen diesen Abend das Theater Pergola, wo man eine Opera seria aufführte, besuchen würden, was ihm das Kammerfräulein wohl zwei oder dreimal wiederholt hätte. So viele Aufmerksamkeit konnte nicht umhin, endlich auch die meinige rege zu machen. Ich trug dem Burschen auf, sich zu erkundigen, in welchen Palco die Damen wohl gingen und mir wo möglich einen Platz in demselben zu verschaffen. Dies erfuhr er durch einen der Kameriere, der mir auch den gewünschten Platz gab und einen Schlüssel zu dieser Loge einhändigte. Als ich in dieselbe, die sich im ersten Rang befand, trat, hatten die beiden Damen schon in einer zwar einfachen, aber doch sehr eleganten Toilette in derselben Platz genommen; ich grüßte sie mit einer stummen Verbeugung, die mir ebenso stumm erwidert wurde. Nach einer kleinen Pause wagte ich sie französisch anzureden, das mir aber mit einem: „I don’t understand“ erwidert wurde; dies war schlimm, denn das Englische war mir nicht sehr geläufig, da ich nie viel Gelegenheit gehabt hatte, mich in dieser Sprache praktisch zu üben. Indessen wußte ich mich dort nach und nach so ziemlich verständlich zu machen und brachte von den Damen heraus, daß ihnen der gezwungene Aufenthalt in Florenz zwar nicht unangenehm sei, sie sich aber doch häufig sehr langweilten. Die Unterhaltung wurde von jetzt an belebter, die Ladys verstanden auch einige Worte italienisch, und den Hauptstoff mußte die Vorstellung der Oper und des Ballets liefern, in denen eine hübsche Cantatrice und eine noch schönere Ballerina, erstere als Zelina, die andere als Psyche, wohl des Lorgnettierens wert waren. Die beiden Engländerinnen besaßen recht hübsche englische Gesichter, die, wenn sie auch nicht das Ausdrucksvolle der Italienerinnen, noch das schelmische Wesen der Französinnen, doch eine große Lieblichkeit hatten. Schön war wirklich Lady Mary, die Gattin eines Lords T..., die mit einem junonischen Wuchs das verklärte Gesicht der skandinavischen Freya verband; die andere Dame, ihre Schwester, eine halbblonde Engländerin, Miß Betty, hatte zwar auch manche Liebeswürdigkeiten, stand jedoch der Schwester weit nach. Mylady hatte die Güte, mir nach beendigtem Schauspiel einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, „da wir ja doch unter einem Dach wohnen,“ wie sie hinzusetzte, was ich dankbar annahm. Ich leistete den Damen noch über eine Stunde Gesellschaft auf ihren Zimmern, wo man abwechselnd einige Romanzen sang und dann an den Balkon trat, den nächtlichen Sternenhimmel Italiens zu bewundern. Auf einige Sospiri der Lady Mary ließ ich ein leises Händedrücken und endlich einen gehorsamsten Handkuß folgen, mir weitere Freiheiten herauszunehmen gestattete mir die Anwesenheit der Schwester nicht. Die Damen machten mich mit ihrem Vorhaben bekannt, nächsten Donnerstag eine Fahrt in das Arnotal zu unternehmen, um dasselbe, sowie seine berühmten Strohflechterinnen kennen zu lernen, und fragten mich, ob ich es schon besucht habe. Auf mein Nein luden sie mich ein, ihr Begleiter zu sein, was ich mit Vergnügen annahm; sie sagten mir noch, daß sie gerne öfters einen Spazierritt machen würden, aber dieses Vergnügen aus Mangel eines Kavaliers oder passenden männlichen Begleiters entbehren müßten; auch hierzu bot ich mich ergebenst an, und ritt nun fast jeden Tag mit den schönen Töchtern Britanniens in den herrlichen Umgebungen von Florenz spazieren. Nachdem ich noch den Tee mit ihnen genommen und es längst Mitternacht vorüber war, empfahl ich mich, beiden ehrerbietigst die Hand küssend, und eingeladen, mich morgen wieder einzufinden. Als ich auf meinem Zimmer war und noch lange kein Schlaf in meine Augen kam, fiel es mir erst ein, daß ich meinen Unbekannten versprochen, mich den Donnerstag Abend wieder im Dom einzufinden, dachte es jedoch einrichten zu können, daß ich zur bestimmten Zeit von der Partie ins Arnotal zurück sein würde. Am nächsten Tage wartete ich gegen Mittag wieder auf, frühstückte auf ihre Einladung auf echt englische Weise mit ihnen, und ritt dann zwei Stunden mit den hübschen Ladys spazieren, die beide sehr gute, graziöse und anmutige Reiterinnen, zum Entzücken schön gewachsen waren, und denen die Amazonenkleider und runden Federhütchen allerliebst standen. Ich besuchte auch noch einige Kirchen und Gärten mit ihnen und fand in einem derselben Gelegenheit, die Lady zu versichern, daß ich durchaus nicht gleichgültig gegen ihre Reize sei; in einem Moment in welchem die Schwester durch ein kleines Gebüsch von uns getrennt war, wagte ich es, ihre niedliche Hand fest an mein Herz zu drücken, und da ich nur geringen Widerstand fand, ihre schlanke Taille mit meinem Arm zu umfassen, sowie einen Kuß auf ihren kleinen Mund zu drücken, der ihre sonst blassen aber zarten Wangen plötzlich rötete. Jetzt rief uns die Schwester zu: „But, where are you staying,“ und als wir wieder zu ihr kamen, bewies mir ihr Lächeln, daß sie zwar nicht gesehen, doch geahnt, was vorgefallen war, wenn es auch die noch gerötete Wange der Lady nicht verraten hätte. „My sister is extremely happy,“ fuhr sie nun lachend fort, „jemand gefunden zu haben, der sie in der Abwesenheit ihres etwas hölzernen Gatten so gut zu unterhalten imstande ist. Denn der edle Lord, schon beinahe ein fünfziger, ist ein recht langweilig trockener Ehemann, der noch obendrein einen starken Spleen hat.“ Aus diesem und ähnlichem Gerede der Miß konnte ich entnehmen, daß Lord T... ein echter bockssteifer Engländer sein müsse. Ich war nun für den Rest des Tages der unzertrennliche Begleiter der Damen, küßte die Lady jetzt auch in Gegenwart der Schwester, was diese nicht anzufechten und jene nicht zu erschrecken schien, und bat um die Erlaubnis, auch in der Nacht mich bei ihr einfinden zu dürfen, was mir zwar nicht bewilligt, aber auch gerade nicht verboten wurde; als ich sie hierauf ersuchte, doch ihre Stubentüren nicht verschließen zu wollen, da spielte sie die Stumme, ich versicherte sie indessen, daß ich so leise auftreten wolle, daß gewiß niemand mein Kommen hören solle. Die Miß schlief zwar in demselben Zimmer, das neben der Wohnstube lag, aber nach ihrem Benehmen zu urteilen, schien sie mir kein Hindernis mehr, sondern eher die Beförderin meiner Absichten zu sein; die Kammerfräuleins aber schliefen in einer höheren Etage. Ich entfernte mich diesmal schon eine Stunde vor Mitternacht mit einem good night, um den Damen Zeit zum Entkleiden und Wegschicken der Dienerinnen zu geben, machte sodann zwei Stunden lang an meinem Fenster philosophische Betrachtungen über den besternten Himmel, das Wesen der Gestirne und den sonderbaren Lauf des menschlichen Lebens. Als es endlich auf der Straße und in der Albergo stiller und stiller geworden und auch der letzte Türschlag verhallt war, schlich ich mich eine Stunde nach Mitternacht, halb entkleidet, in einem leichten Oberrock und von Gertrudens Händen gesticktem schneeweißen Batisthemd, über den Korridor und drückte leise an die Türe, welche zu den Gemächern der Engländerinnen führte, die ich nicht verschlossen, sondern nachgebend fand. – Ich befand mich nun im Vorzimmer, tappte im Finstern durch die Wohnstube in das nur sehr matt durch eine Veilleuse erleuchtete Schlafgemach, in dem ich beide Schwestern dem Anschein eingeschlafen fand. Mit leisen Tritten schlich ich mich an das Bett, in welchem Lady Mary recht sanft zu ruhen schien, und drückte einen Kuß auf ihre Purpurlippen. Sie schien recht schlaftrunken zu erwachen, und ich flüsterte: „Are you asleep?“ erhielt aber keine Antwort und schloß nun die verschlafene Lady in meine Arme ... Der Tag begann schon zu grauen, als ich den Rückzug in mein Zimmer antrat, um ein paar Stunden der Ruhe zu genießen. Aber kaum war ich eingeschlafen, so klopfte man mich schon wieder aus den Matratzen und dem Schlaf auf, indem man mir meldete, daß der Wagen angespannt sei und man den Ladys schon das Frühstück serviere. Ich sprang rasch aus dem Bett, kleidete mich an, eilte dann zu meinen Reisegefährtinnen, die wirklich schon frühstückten, und als sie mich gewahrten, beide etwas verlegen unter sich sahen, aber nach einigen Artigkeiten und Pläsanterien, die ich mir erlaubte, sich bald wieder faßten. Fröhlich, wenn auch nicht ganz so munter, bestiegen wir nun den Wagen, der uns in raschem Trabe in das Arnotal brachte.

Hier sitzen unter Laubdächern und Reben vor den niedlichen und reinlichsten Bauernhäuschen die zierlichsten und schmucksten Dirnen, in die feinsten schneeweißen Linnen gekleidet, mit seidenen Korsetten und blumenbekränzten Strohhüten auf den allerliebsten Köpfchen, und flechten mit zarten Händen – Stroh zu den in der ganzen Welt berühmten Hüten. Denn wie manche Schöne in Newyork und Kalkutta, in Paris und London, am Missisippi und Ganges, am Rhein und an der Newa, schmückt sich nicht mit diesem Produkt, welches sie den sie besuchenden Fremden mit einer Manier anzubieten wissen, die das Abschlagen des Ankaufens nicht nur unmöglich macht, sondern man gibt ihnen auch gerne noch mehr als sie fordern, wenn man nicht zur Rasse jener lederzähen Filze und Zinsenmenschen gehört, die sich nur mit dem letzten Lebenshauch von ihrem Mammon trennen können, und keine andere Farbe als die des Geldes, keine andere Berechnung als die der Zinsen kennen. Mir wenigstens ging es so; ich kaufte vorerst zwei der feinsten dieser Hüte, bezahlte sie mit Gold, mir alle Herausgabe des mir zukommenden Geldes verbittend, und verehrte sie meinen beiden Begleiterinnen, die außerdem noch für eigene Rechnung und auch für ihre dienstbaren Geister, für die letzteren Hüte von geringerer Qualität, kauften. Die Verkäuferinnen, besonders eine derselben, gefielen mir so wohl, daß ich mir sogleich vornahm, sie schon den nächsten Tag, und zwar inkognito zu Pferde wieder zu besuchen und noch mehr Hüte und einen ganz besonders schönen für Gertrude zu kaufen, ihr denselben durch ihre Freundin zukommen zu lassen, als ein geringes Äquivalent für die außerordentlichen Geschenke, die ich von ihr empfangen hatte und über die ich ihr zärtliche Vorwürfe gemacht, denn ich hielt mein Versprechen wenigstens darin, daß ich ihr ziemlich regelmäßig schrieb. Wir brachten den ganzen Tag in dem großen, reizenden Arnotal zu, von dem wir einen kleinen Teil zu Fuß durchstrichen.

An diesem Abend sollte ich meine Unbekannten wieder im Dom treffen, aber die Stunde war verpaßt. Ich eilte dennoch gleich nach unserer Ankunft, mich unter einem Vorwande bei den Ladys entschuldigend und baldige Rückkehr verheißend, in die Kirche, zu der mich diesmal nicht sowohl Liebe und Sehnsucht nach Genuß, als die Neugierde führte, endlich zu erforschen, wer meine mysteriösen Schönen eigentlich seien. Aber vergeblich, die Zeit war verstrichen, und in Santa Maria del Fiore keine Spur von ihnen zu finden. Nachdem ich eine Stunde daselbst umsonst harrend zugebracht, schlug ich mir die Sache aus dem Kopf und eilte zu meinen hübschen Engländerinnen zurück, mit denen ich den Rest des Abends und einen großen Teil der Nacht, nachdem wir den Tee unter fröhlichen Scherzen und Rückerinnerungen an das schöne Arnotal genommen, zubrachte. Den andern Tag machte ich eine Tour zu Pferde mit ihnen in die nächsten Umgebungen der Stadt und nach Pratolino, dem ehemaligen Versailles der Medici, das aber beinahe in Ruinen lag. Auch die schönen Villen der Bardi, Pitti, Palmieri, Corsini, sowie die berühmte Karthause von Vallombrosa und andere Orte besuchte ich in ihrer Gesellschaft. Demungeachtet fühlte ich einen Drang, meine schöne Contadina im Arnotal wiederzusehen. Eines Morgens machte ich mich unter dem Vorwande dringender Geschäfte für den ganzen Tag von meinen englischen Fesseln frei und ritt in gestrecktem Trabe zu der schönen Strohflechterin, der ich noch drei wunderschön gearbeitete Hüte abkaufte, von denen einer nach Rom und die beiden anderen nach Frankfurt wanderten; einer für meine Mutter und der andere für eine noch sehr junge Schwester. Das Mädchen, das ich auf das Generöseste in Gold bezahlt hatte, war dagegen äußerst freundlich und nannte mich: il suo signor cavaliere forestiero, ihre nicht sehr großen, aber blitzenden Augen verrieten nur zu sehr, daß sie eben kein für die Liebe unempfindliches Temperament habe. Im Lauf der Unterhaltung gestand sie mir auch, daß sie bereits schon anderthalb Jahre Sposa, das heißt mit einem jungen Mann versprochen sei, der einen Dienst in der Stadt habe; sie wolle noch anderthalb Jahre Hüte flechten, um ihre Aussteuer ganz zusammen zu bringen, bevor sie sich verheirate. Da ich sie fragte, in was diese denn bestehen müsse, zählte sie mir alles auf, was sie sich schon angeschafft und noch ferner erforderlich sei. Ich bat sie nun, mir das erstere zu zeigen, worin sie mit einem freundlichen „con molto piacere“ willigte, was der so wohlklingende florentinische Dialekt bezaubernd machte. Ich trat mit ihr in das Haus, das sie mit ihrer Mutter, einer Witwe, bewohnte, und dann in das Stübchen, in welchem sie mir schon ziemlich viel aufgespeichertes Linnen und anderes Hausgerät, Geschirr und dergleichen zeigte. Hier, so nahe mit ihr in Berührung, wie hätte ich der Versuchung widerstehen können, das seidene Mieder, das eine so schlanke Taille umschloß, zu umfassen? – Aber das Mädchen sträubte sich, und als ich sie an mich drücken und küssen wollte, hob sie in einem so gar leisen Ton zu schreien an, daß man es unmöglich in der nächsten Kammer hören konnte; ich raubte ihr mehrere Küsse, mit denen ich die Worte, die sie ausstoßen wollte, erstickte. Als ich aber mehr wagen wollte, warf sie mir so bedenklich zornige Blicke zu, daß ich für gut fand, von weiteren Versuchen abzustehen, und sie sagte mit fast weinerlicher und ängstlicher Stimme: „Per l’amor di dio, vorreste farmi infelice?“ „Um alles in der Welt nicht, mein charmantes Mädchen, man kann sich auch lieben, ohne sich gerade unglücklich zu machen; und wenn du es mir gestatten wolltest, so könnte ich dir auch Unterricht in dieser geheimen Kunst erteilen. Auf jeden Fall wirst du mir das Wiederkommen erlauben, um dir noch einige an deiner Ausstattung fehlende Dinge mitzubringen.“ Verschämt unter sich blickend und an dem Schürzchen zupfend, antwortete sie: „Das Wiederkommen kann ich Ihnen nicht wehren, nur müssen Sie fein fromm und artig sein, auch nicht zu oft kommen, sonst würde es Verdacht bei den ohnehin neidischen Nachbarn erregen.“ – Mit ein paar Küssen und ihr klopfendes Herzchen an meine Brust drückend, nahm ich für heute Abschied von meiner florentinischen Schäferin, welche mir die erkauften Hüte sauber in ein Papier rollte, die ich an der Türe mit Ostentation, mit einer seidenen Schnur, die mir das Mädchen gegeben, an den Sattelknopf band, wobei mir die freundliche Mutter behilflich war, und ich das Pferd allerlei Bewegungen machen ließ, damit die Nachbarn sahen, daß ich, um Einkäufe zu machen, gekommen war. Sodann sprengte ich mit einem lauten Addio und leisem a rivedere davon.

Schon am anderen Abend fand ich mich wieder bei meiner holden Vilanella ein, ihr allerlei Kleinigkeiten mitbringend, unter denen ein goldenes, mit Granaten gefaßtes Kreuzchen war, das ich Gattina, so nannte sich die hübsche Schäferin, an einem Samtbändchen um den Nacken hing. Sodann steckte ich ihr einen kleinen Goldreif mit emaillierten Blumen an den Finger und gab ihr Bänder und ähnliche Dinge, alles unter dem Aushängeschild einer Aussteuer. Das Mädchen freute sich kindisch über diese Geschenke, zu deren Annahme sie sich gerne nötigen ließ. Ich bat sie, mir noch einmal ihre Schätze in der Kammer zeigen zu wollen, wozu sie sich, und zwar auf Zureden der Mutter, herbeiließ. Sie war bei weitem nicht mehr so scheu und spröde wie das erstemal; ich hatte sie mit allerlei Geheimnissen bekannt gemacht und verließ sie erst spät in der Nacht, wobei wir verabredeten, daß ich künftige Besuche nur nach eingetretener Finsternis abstatten dürfe; ich sah sie aber nur noch einmal, da ich während der kurzen Zeit, die ich in Florenz zubringen konnte, auch einen Abstecher in das Chianatal mit den Ladys machen mußte. Meine beiden Unbekannten konnte ich aber trotz aller Mühe, die ich mir gab, ich ging wenigstens noch drei oder viermal in den Abendstunden in den Dom, nicht wieder entdecken. Vielleicht in einer anderen Welt wieder, dachte ich, für dieses Leben sind sie für mich verloren. Daß sie, wie sie mir angegeben, ein paar unterhaltene Mätressen seien, wollte mir nicht recht einleuchten und stimmte nicht ganz mit der Zurückweisung des Goldes überein; es blieb mir von ihnen nichts übrig als das Andenken an einen abenteuerlichen Abend und der goldene Ring; mir die Sache aus dem Kopf schlagend, hatte ich sie bald vergessen.

Beinahe drei Wochen hatte ich in Florenz zugebracht und es war die höchste Zeit, an meine Abreise zu denken. Auch hoffte ich nicht lange in Genua zu bleiben, da mir Düret versprochen, sobald die fatale Geschichte von Albano ein wenig verraucht sei, auf meine Zurückversetzung zum ersten Bataillon anzutragen und mich so wieder in die Nähe von Rom zu bringen. Meinen liebenswürdigen Ladys teilte ich meine Abreise nach Genua nur vierundzwanzig Stunden vor derselben mit, einen soeben erst deshalb erhaltenen Befehl vorschützend. Beide schienen über diese unerwartete Nachricht betroffen, und ich mußte am Ende auf Marys dringende Bitten noch zweimal vierundzwanzig Stunden zugeben. Sie eröffnete mir, daß sie an ihren Mann nach Paris schreiben und diesem mitteilen wolle, daß sie ihren Aufenthaltsort Florenz mit Genua zu vertauschen wünsche, wovon ich ihr zwar abriet, indem ich bemerkte, ich wisse ja gar nicht, ob und wie lange ich daselbst verweilen würde, im Grunde aber, weil ich ihre Anwesenheit teils wegen meiner älteren, teils wegen allenfallsiger neu anzuknüpfender Intrigen fürchtete. Sie ließ es sich jedoch nicht ausreden und so schieden wir ziemlich getröstet, ein baldiges Wiedersehen hoffend und fürchtend, voneinander.

Am Abend des fünften Tages nach meiner Abreise von Florenz traf ich wohlbehalten in Genua ein.

V.
Zweiter Aufenthalt in Genua. – Alte und neue Bekanntschaften. – Signora Palatini. – Ein sentimentales Rendezvous. – Die Brigantenjagd in den italienischen Alpen. – Bocchetta. – Ich nehme fast eine ganze Bande gefangen. – Rückkehr nach Genua. – Das Konservatorium Fieschino. – Albertine. – Ich entdecke eine furchtbare Verschwörung. – Ich avanciere zum Kapitän und werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. – Abreise nach Civita-Vecchia.

Da es zu spät war, als ich in Genua ankam, um mich noch nach einem Quartier umsehen zu können, so stieg ich in einem Gasthof ab, wo ich bis zum hellen Morgen recht ausschlief und mich dann bei meinem nunmehrigen Bataillonschef, Herrn von Brüge, meldete, der mich, durch Düret schon hinlänglich unterrichtet und empfohlen, mit den Worten empfing: „Das Glück, Sie bei meinem Bataillon zu haben, verdanke ich der hohen römischen Geistlichkeit. Sie werden die Voltigeur-Kompagnie kommandieren, die jetzt vakant ist, und sind für heute bei mir zu Tische eingeladen, wenn Sie mit meiner Suppe vorlieb nehmen wollen.“ – Brüge war ein Elsässer, in der Gegend von Kolmar zu Haus, und hatte ein allerliebstes Kind, ein kaum zehn Jahre altes Mädchen, deren Mutter eine ziemlich heroische Frau war. Nachdem ich dem, was der Dienst heischte, Genüge geleistet und mir ein Quartierbillett für drei Tage hatte geben lassen, war mein erster Gang zu meinem alten Gitarrelehrer Guercino, um mich bei ihm oder vielmehr bei seiner Frau nach meinen alten Bekannten zu erkundigen. Den alten Mann fand ich unwohl und bettlägerig, und seine Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mich erblickte. „Ah siate ben venuto,“ rief sie endlich aus, die Arme in die Höhe streckend. Nach gehöriger Bewillkommnung erfuhr ich, daß die Marchesa P... seit meiner Abreise kränkele, daß die mutwillige Peretti im letzten Karneval an einem Nervenfieber gestorben, Signora Doria sich mit ihrem Mann in Paris befinde, die Costa noch immer ein Heer von Anbetern habe, die Spinola aber vollkommen wohl und munter sei. So wurde ich schnell von dem au fait gesetzt, was sich während meiner etwa anderthalbjährigen Abwesenheit zugetragen. Der Tod der fröhlichen Peretti schmerzte mich, das Kränkeln der Marchesa P... tat mir leid, und das Wohlsein der Spinola freute mich. Den alten Guercino und seine Frau, die mir wieder ihre untertänigsten Dienste anbot, beschenkte ich mit ein paar Zechinen, ihr lachend bemerkend, daß ich leicht in den Fall kommen könnte, ihrer zu bedürfen, und bat sie einstweilen, die Marchesa P... von meiner glücklichen Ankunft in Kenntnis setzen zu wollen, was sie mir noch im Lauf des Tages zu tun versprach. Bei der Parade stellte mich Brüge meinen neuen Kameraden vor, von denen ich nur noch wenige kannte, und zum Diner fand ich mich seiner Einladung zufolge bei ihm ein. Madame Brüge, eine noch sehr rüstige Dame von kaum vierzig Jahren, bot mir den täglichen Tisch, versteht sich gegen gehörige Vergütung an, den ich auch akzeptierte; sie führte eine gute französische Küche. Während des Essens kam die Rede auf die Musik, und sie meinte, daß es wohl jetzt bald Zeit sei, daß ihre Tochter Unterricht in dieser Kunst erhalte, was sie schon früher veranstaltet haben würde, wenn sie einen Lehrer in Genua gefunden hätte, der französisch spreche. Dies war so ziemlich ein Wink mit einem Mastbaum, denn sie kannte mein musikalisches Talent. Ich erbot mich mit Vergnügen, der Kleinen Unterricht im Klavierspiel zu geben, was mit großem Dank angenommen wurde und mehrere Jahre später allerlei Folgen hatte. Für jetzt aber sollten diese Lehrstunden, die mir Freude machten, da das Mädchen viel musikalische Anlagen hatte, bald wieder unterbrochen werden. Am Abend begab ich mich abermals zu Guercinos, wo ich erfuhr, daß die noch immer leidende Marchesa P... die unerwartete Nachricht meiner Ankunft sehr erschüttert habe und mich dieselbe baldmöglichst zu sehen wünsche, wozu aber vorerst wenig Hoffnung, da sie immer noch sehr schwach sei. Ich machte jetzt meine Besuche in all den Häusern, in denen ich früher Zutritt gehabt, und erhielt bald wieder eine Menge Einladungen. Die Spinola sah ich zuerst bei Dorias wieder, wo ich mich lange mit ihr unterhielt und sie mir eine junge Dame, Signora Palatini, die erst kürzlich verheiratet und ihre liebe Freundin sei, vorstellte. Dieses war eine schmächtige, nicht sehr große, aber sehr niedlich gewachsene Frau, mit einer originellen pikanten Gesichtsbildung, die, wenn auch nicht schön, doch etwas sehr einnehmend war. Ich machte beiden Damen den Hof und ließ die Spinola merken, daß es mir nicht unangenehm sein würde, die so kurz vor meiner Abreise von Genua mit ihr in Gesellschaft der Marchesa P... gemachte Bekanntschaft weiter auszuspinnen. Ich hatte mir wieder eine Wohnung unweit der Kaserne ausgesucht, die ganz geeignet war, geheime Besuche zu empfangen. Mich diesen Abend noch deutlicher zu erklären, war nicht gut möglich, da ihr die Palatini nicht von der Seite wich und sich mit einer auffallenden Lebhaftigkeit in alle Gespräche mischte, die ich mit der Spinola anzuknüpfen versuchte. In einem Gartensaal musizierte man, ich wurde angegangen, mich hören zu lassen und trug mehrere neue Cavatini vor, die ich in Rom und Neapel gelernt; als die Dame vom Haus und noch einige andere den Wunsch ausdrückten, ich möchte doch wieder etwas aus dem Don Giovanni singen, und da ich einige Augenblicke anstand, wandte sich Signora Palatini mit einer großen Zudringlichkeit an mich, diesem Wunsch nachzugehen, indem sie einige dutzendmal wiederholte: „Si Signore, il Don Giovanni, il Don Giovanni, Sie müssen ihn singen, denn ich kenne ihn noch nicht und habe doch so viel davon sprechen hören.“ Dieses Benehmen setzte mich in Erstaunen und fast in Verlegenheit. An Subordination gewöhnt, befolgte ich die gestrenge Order, das ‚Fin ch’an del vino‘ singend, und erhielt dafür einige danksagende Blicke von der kleinen Tyrannin, die sich nun auch spielend und singend hörbar machte, eine sehr hohe, sonore Sopranstimme hatte und mich dann ohne Umstände vor der ganzen Gesellschaft einlud, sie doch ja recht bald und oft zu besuchen, um mit ihr zu singen, sie erwarte mich morgen vormittag nach der Messe, ich möge doch einige Duette mitbringen. Dieses so ganz ungenierte und überaus freie Benehmen war mir noch gar nicht und am wenigsten in Italien vorgekommen, wo die Damen im Gegenteil die meiste Ursache haben, ihre Intrigen geheim zu halten und möglichst zu verbergen oder doch passend zu bemänteln. Es machte mich immer verlegener, weil ich wohl bemerkte, daß sich die Gesichter aller, die es mit angehört, zu einem hämischen Lächeln verzogen und man sich in die Ohren flüsterte. Als dies die Spinola sah, trat sie zu mir und sagte: „Das Benehmen der Palatini darf Sie nicht wundern, sie ist ja noch ein halbes Kind, kaum sechzehn Jahre alt, und dabei sehr verzogen, von einem überaus reizbaren und heftigen Temperament, das sich nichts übel nimmt, alles, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt, um jeden Preis auch durchsetzen will, ohne über die Folgen nachzudenken. Ihrem schon ältlichen und schwachen Mann, an den sie ihre Verwandten verkuppelt haben, hat sie eine halbe Million di dotta mitgebracht und dem ihr ebenfalls aufgedrungenen Cicisbeo, dem Conte M..., jenem noch gepuderten Pavian, den Sie dort am Pharotisch pointieren sehen, so mitgespielt, daß er sich schon einigemal für das Cicisbeat bedanken wollte, allein der Ehemann und die Verwandten gaben es nicht zu, aber er hat die Hölle ...“ In diesem Augenblick sprang die Palatini, die gerade sang, ihre Noten hinwerfend und wild auf die Tasten des Cembalos schlagend, die Musik unterbrechend auf, stellte sich vor die erschrockene Marchesa hin und sagte dieser überlaut: „Ich finde es höchst unartig, Signora, daß, wenn ich singe, Sie sich mit Herren unterhalten. Nun singen Sie der Gesellschaft etwas vor.“ – Die Spinola war dadurch so verblüfft, daß sie nichts erwidern konnte, ich aber nahm schnell das Wort und sagte zu der aufgebrachten zornglühenden Dame: „Signora, es war nur von Ihnen und Ihrem eminenten Talent die Rede, das uns entzückte und das mir die Marchesa nicht genug rühmen konnte. Ich war die Veranlassung dazu, indem ich die Signora zuerst fragte, welcher Meister Ihre herrliche und unvergleichliche Stimme zu einem so hohen Grad ausgebildet habe, worüber man im Begriff war, mir Auskunft zu geben, als Sie uns gerade unterbrachen.“

„Wenn dies ist, so bitte ich um Vergebung für meine gewiß sehr verzeihliche Neugierde, aber Sie werden mir selbst zugestehen, daß nichts unangenehmer ist, als wenn man sich alle Mühe gibt und sich anstrengt, einer Gesellschaft Vergnügen zu machen und andere dabei plaudern.“ – Sie hatte nicht unrecht.

Der Zorn des kleinen Teufelchens hatte sich mit jedem Wort, das ich gesprochen, mehr gelegt. Ihren Cicisbeo, der sich jetzt auch eingefunden, um zu sehen, was die Unterbrechung und diese Szene herbeigeführt, schickte sie mit den Worten heim: „Mein Herr, Sie haben sehr unrecht, sich von Ihrem Spiel zu entfernen, die ganze Sache darf Sie gar nicht interessieren, haben Sie die Güte, sich sogleich wieder an Ihren Spieltisch zu verfügen; ich bitte Sie darum, hören Sie, sogleich.“ – Der Signor trollte sich, den befehlenden Bitten folgend, ohne ein Wort zu erwidern, an seinen Platz, und Signora Palatini ergriff ihr Notenblatt wieder und beendigte das Morceau. Die übrige Gesellschaft, obgleich über diesen sonderbaren Auftritt erstaunt und Gruppen bildend, wo man sich in die Ohren zischelte, schien es doch nicht sehr zu befremden. Bald darauf begann der Tanz mit einer Monfarina, welche ich mit der Spinola antrat, die mich aber, nachdem wir einigemal die Tour im Saal gemacht hatten, aufforderte, die jetzt nicht tanzende Palatini zu engagieren, der sie mich abtrat. Ich tanzte mit dem kleinen Satan, der mir gleich bei der ersten Tour eröffnete, daß er Giulietta heiße, ich ihn künftig nur bei diesem Namen nennen solle und sich böse gebärdete, als ich es nicht augenblicklich tat. Ich wiederholte jetzt dreimal in einem Atemzug „Signora Giulietta“ und sie nach dem Tanz, während dessen die Unterhaltung wunderlich genug war, an ihren Platz führend, abermals: „mille grazie, Signora Giulietta.“ Ehe sich die Gesellschaft trennte, kam sie noch einmal in Begleitung ihres cavaliero servente auf mich zu und sagte: „Daß Sie ja das Kommen morgen nicht vergessen und sich pünktlich einfinden; ich erwarte Sie eine Stunde vor Mittag, um mit Ihnen zu musizieren.“ – „Ich werde von Ihrer gütigen Einladung Gebrauch machen und mich zur bestimmten Zeit einfinden.“ – „Sie sind Zeuge,“ sagte sie zu ihrem Begleiter, der mit einem Schafsgesicht zuhörte, und beide empfahlen sich. Die Marchesa Spinola flüsterte mir im Weggehen zu: „Nehmen Sie sich in acht, der kleine Teufel wird Ihnen zu schaffen machen.“ – „Ich werde ihn zu zähmen wissen,“ erwiderte ich. Kaum waren diese Worte gesprochen, so trat die Palatini nochmals in den Saal zurück und rief der Spinola zu: „Auch Ihre Portandina erwartet Sie, wollen Sie nicht kommen?“ Sie nahm die Marchesa beim Arm, sie mit sich fortziehend und mir noch eine felice notte zurufend.

Ehe ich mich den anderen Morgen, wie ich versprochen, zu ihr begab, ging ich zu Guercinos, um bei diesen vielleicht etwas näheres über dies sonderbare, aber dennoch pikant liebenswürdige Wesen zu erfahren. Diese wußten mir aber weiter nichts zu sagen, als daß Signora Palatini wegen ihres unbändigen Eigensinns und ihrer ausschweifenden Phantasien, die sie oft die tollsten Streiche begehen ließen, in ganz Genua bekannt sei. Ich begab mich zu der kleinen Wilden, die, als sie mich erblickte, auf mich zusprang, laut rufend: „Es ist brav, daß Sie Wort gehalten; wir werden auch ganz ungestört sein, mein Mann mußte auf meine Veranlassung eine Vileggiatura ins Gebirge machen, und den Signor Leonardo habe ich für den ganzen Tag verabschiedet; jetzt kommen Sie.“ Sie nahm mich bei der Hand, führte mich in ein Zimmer, wo ein Flügel stand, und nötigte mich, ihr zuerst etwas vorzusingen. Ich trug ihr die Arie ‚Oh Idol mio, quando mai‘ und so weiter vor; nach wenigen Takten fiel sie mit einem „Bravissimo!“ dazwischen, schlug in die Hände, und ich hielt ein, ihre Rechte ergreifend und küssend. Jetzt hatte Klavierspiel und Gesang ein Ende, und ein anderes Spiel sollte beginnen; aber zweimal schlüpfte sie mir unter dem Arm durch, laut lachend, endlich aber umfaßte ich die kleine Blindschleiche, deren Taille ich mit meinen Händen umspannen konnte, hob sie in die Höhe, daß sie zappelte, und sagte lachend: „Was nun? – Jetzt sind Sie ganz in meiner Gewalt, Giulietta.“ – „Die Sie doch wohl nicht mißbrauchen werden?“ – „Gewiß nicht, bella fanciulla,“ antwortete ich, sie sanft auf den Boden niedersetzend. Aber wieder ging sie mir durch, in ein zweites, drittes und viertes Zimmer, aus dem aber kein Ausgang mehr war. „Jetzt sind Sie gefangen und werden mir nicht mehr entwischen.“ – „Ma – ma –“ stöhnte sie bald mit hochklopfendem Herzen, und ihre Wangen waren mit jener Röte gefärbt, die einladender ist als das schönste Morgen- und Abendrot. Ich küßte sie, aber sie biß mich in die Lippen, daß es mich schmerzte und fast blutete; ich ließ mich indessen dadurch nicht stören und fuhr zu küssen fort, sie auf ein Ruhebett bringend, bis uns beiden der Atem fast ausging ...

Der kleine Tollkopf war jetzt ziemlich zahm geworden, und nachdem wir einige Zeit geruht, setzten wir uns an das Klavier, um nun wirklich zu musizieren. Endlich war es Zeit, mich zu entfernen, und ich durfte es auch, indem ich baldiges Wiederkommen versprach, denn Giulietta wollte durchaus, daß ich den ganzen Tag bei ihr zubringen sollte, und hätte mich nicht der Dienst abgerufen, so würde ich es mit Vergnügen getan haben, denn Langeweile hatte man bei dem unruhigen Geist auch keine Minute. Bei dem zweiten Besuch wiederholte sich die Szene des ersten, und so ging es einige Zeit fort, ohne daß ich mich weder um die Spinola noch um die P..., die ich noch nicht wieder gesehen hatte, bekümmerte. Eines Morgens aber besuchte mich die alte Guercino in meiner Wohnung und machte mir Vorwürfe, daß ich mich gar nicht nach der armen Marchesa P... erkundige, die jeden Tag nach mir frage und mich nur noch einmal zu sehen wünsche, sehr leidend sei und sich vielleicht nicht wieder von ihrer Krankheit erholen würde. Ich verabredete mit der darauf dringenden Guercino, der es wohl nur um die Präsente zu tun war, die es bei dieser Gelegenheit absetzte, daß man eine Zusammenkunft veranstalten möge, wozu, wie sie mir sagte, die Marchesa Spinola schon alles vorbereitet habe, in deren Haus dieselbe stattfinden solle, wohin sich die P... in einer Portandina bringen lassen würde. Wir setzten nun diese Entrevue auf den Abend des nächsten Tages fest, wo ich mich ein Uhr nach Sonnenuntergang in dem bezeichneten Hause einfinden wollte. Giulietta verlassend, bei der ich den Tag wieder zugebracht hatte, begab ich mich zur bestimmten Stunde zu dem verabredeten Rendezvous in den Palazzo Spinola. Eine niedliche Cameriera empfing mich und führte mich über eine Hintertür in abgelegene, spärlich erleuchtete Gemächer. In dem letzten derselben fand ich eine weibliche Figur, in weiße Gewänder gehüllt, in einem Armstuhl sitzen, die, als ich eintrat, eine zusammenfahrende Bewegung machte und in deren blassen und leidenden Zügen ich dennoch die Marchesa P..., die vor nicht ganz anderthalb Jahren noch so blühend schöne Tonina erkannte. Ich stürzte auf sie zu, wollte ihre Hand fassen, die sie aber schnell zurückzog, indem sie sprach: „Oh, lassen Sie diese nichtssagenden Flatterien. Wir sind von allem genau unterrichtet; kommen Sie nicht eben erst von der tollen Palatini?“ – „Ganz gewiß,“ fiel hier die Spinola ein, „seit seiner Zurückkunft bringt er alle Stunden, die er ermüßigen kann, dort zu.“ – „Wie freute ich mich,“ fuhr die andere wieder fort, „als ich hörte, daß Sie wieder in Genua angekommen seien, und hoffte von diesem Ereignis eine baldige Genesung, aber wie furchtbar bin ich enttäuscht.“ – „Es ist unverzeihlich und recht abscheulich,“ sagte nun die Spinola, und ich stand in der Tat vor den beiden Signoras wie ein Schulknabe, den der Herr Inspektor herunterputzt, weil er unartig gewesen. Gern hätte ich mich wie gewöhnlich durch einen Scherz lachend und spottend aus der Affäre gezogen, aber der Zustand Toninas war doch zu ernsthaft – sie litt besonders an Nervenübeln –, als daß ich es wagen durfte, und ich suchte durch ein halbes pater peccavi mich aus der Klemme zu befreien, indem ich meine Besuche bei der Palatini zwar nicht leugnete, aber behauptete, sie seien durchaus ganz unschuldiger Natur und gälten bloß ihrem musikalischen Talent, indem ich nichts treibe, als mit ihr singe. – „Wer so etwas glauben wollte,“ fiel mir die Spinola wieder ins Wort, „ja, wenn die Signora nicht ganz ohne Hehl und ohne Scham selbst von ihrem Verhältnis mit Ihnen spräche! Halten Sie uns doch nicht für so einfältig.“ – „Und schonen Sie doch um Himmelswillen Ihre Freundin,“ unterbrach ich die Marchesa, „sehen Sie denn nicht, wie die Arme leidet?“

In der Tat hatte die P... in diesem Augenblick Konvulsionen und Krämpfe bekommen und stöhnte: „Oh, mir ist sehr übel!“ Wir sprangen ihr beide zu Hilfe; sie bekam eine förmliche Ohnmacht. – „Sehen Sie, was Sie gemacht haben,“ sagte die Spinola zu mir, meine Hilfe zurückweisend – „Das ist einzig und allein nur Ihre Schuld,“ erwiderte ich etwas aufgebracht, „Sie kannten den Zustand Ihrer Freundin und führen eine solche Szene herbei; wenn Sie dergleichen Klatschereien erfuhren, mußten Sie sie eher verheimlichen, als mitteilen und bekräftigen.“ – „Nicht von mir hat es die Marchesa zuerst erfuhren, ganz Genua redet von den Tollheiten Ihrer Charmanten. Sie sind samt ihr die Mär der Stadt. Wo dachten Sie hin, sich mit einer solchen Törin einzulassen und darüber Ihre besten Freundinnen zu vernachlässigen? Nein, Sie können kein Deutscher sein, so etwas tut kein Deutscher, dies verzeiht man nicht einmal einem leichtsinnigen Franzosen.“ – Ich suchte die aufgebrachte Signora zu besänftigen, welche die Schläfe und Stirn der noch immer bewußtlosen Freundin mit starken wohlriechenden Wassern rieb, ihr Diebsessig unter die Nase hielt, indem sie ihren Kopf an ihren Busen legte. Als sie sich so beschäftigte, die Ohnmächtige wieder zu sich selbst zu bringen, drückte ich einen leisen Kuß auf deren Stirn, indem ich noch leiser sagte: „Dies wird sie vielleicht am ehesten erwecken.“ – „Was unterfangen Sie sich,“ fuhr mich die Spinola zwar heftig, aber ebenfalls kaum hörbar an, „glauben Sie, wir würden uns von Ihnen betören lassen? Gehen Sie zu Ihrer Pazza, dort ist es besser angewandt, und lassen Sie uns in Ruhe.“ – „Nicht so böse, meine schöne Signora, Sie haben mir zuerst die Palatini bei Dorias zugeführt, ich bitte ja aufrichtig um Vergebung, werfe mich reuevoll zu Füßen.“ Ich wollte nun auch ihr die Hand küssen, als Tonina plötzlich ein Lebenszeichen von sich gab und bald darauf wieder die Augen aufschlug. Als sie sah, wie wir beide um sie beschäftigt waren, lächelte sie wehmütig, und ich bat sie, vor ihr kniend und ihre Hand fassend, innig um Vergebung, nochmals beteuernd, daß nur der Schein gegen mich sei, und jetzt unterstützte mich die Spinola in meinem Vorgehen, indem sie sprach: „Eine Möglichkeit ist es immer, wenn auch schwer zu glauben. Ich will ihn doch nicht ganz verdammen, denn das tolle Weib ist wohl fähig, Dinge zu sagen, die nicht sind.“ – Abermals küßte ich feurig Toninas Hand, die mich jetzt mit einem bedeutenden Blick ansah und lispelte: „Aber wenn Sie mich dennoch betrügen?“ – Der Ton, mit dem sie dies sagte, ging mir durch Mark und Bein, und ich fühlte mich so zerknirscht und über mich selbst angehalten, daß ich in diesem Augenblick vielleicht alles bekannt, wenn man mich noch weiter inquiriert hätte. Ich suchte die Leidende indessen immer mehr zu beruhigen, bekam endlich wieder den Mut, ihr meine unerschütterliche Treue zu beteuern und bei allen Göttern zu versichern, daß ich nur sie liebe und hoffentlich von meiner Unschuld klar überzeugen werde, sie möge sich jetzt nur beruhigen und so ihre schnelle Genesung herbeiführen. Noch beinahe eine ganze Stunde brachte ich in dieser mir sehr peinlichen Lage zu und verließ die Damen, nachdem die Marchesa P... wieder so weit hergestellt war, um sich in ihrer Portandina fortbringen lassen zu können. Ehe ich mich entfernte, hatte man von mir das Versprechen verlangt, meine Bekanntschaft ganz aufzugeben und die Palatini nicht mehr zu besuchen, ich stellte aber den Damen vor, daß dies bei dem bekannten Charakter der Donna nicht wohl tunlich sei, ohne sich allem Möglichen von ihrer Seite auszusetzen, und ich nur allmählich und mit großer Vorsicht abbrechen könne, was man endlich auch einzusehen beliebte, mir aber einschärfte, Wort zu halten, wenn ich nicht böse Folgen erleben wolle. Ich empfahl mich bestens, froh, als ich wieder freie Luft schöpfte, dieser Szene enthoben zu sein. Die Sache war mir aber doch nicht ganz gleichgültig, denn ich kannte die Genueserinnen mit als die rachsüchtigsten Frauenzimmer Italiens, befand mich zwischen zwei Feuern und wußte noch nicht, wie ihnen zugleich Face und Front zu machen. Als ich mir gerade den Kopf zerbrach, was ich wohl in dieser Verlegenheit für einen Operationsplan entwerfen müsse und mit aller Taktik und Strategie nicht zu Ende kommen konnte, zog mich ein Deus ex machina, wenigstens für den Augenblick, aus derselben. Ich besuchte noch den nämlichen Abend die Opera Buffa, wo ich Giulietten versprochen hatte, mich einzufinden, und traf hier den Herrn von Brüge, der, als er mich sah, auf mich zukam und mir verkündete, daß ich schon den nächsten Morgen mit meiner Kompagnie in die Gebirge zur Verfolgung der immer dreister werdenden Briganten abmarschieren müsse; gerne hätte er mich zurückbehalten, allein da es ausdrücklicher Befehl vom kommandierenden General sei, daß die Voltigeurkompagnien zu diesem Zweck verwendet werden sollten, so müsse er mich wohl ziehen lassen. Die Order kam mir erwünscht. Giulietta hatte mich, während der Bataillonschef mit mir sprach, unverwandt angesehen, und als ich mich in ihre Loge begeben wollte, um sie mit dem erhaltenen Befehl bekannt zu machen, kam sie mir schon auf dem Korridor entgegen und fragte mich, was denn der Kommandant so angelegentlich mit mir gesprochen und von mir gewollt habe. Ich teilte ihr den Inhalt unseres Gesprächs mit, worüber sie außer sich geriet und in die Worte: „Das dulde ich nicht, ich gehe selbst zum General!“ und ähnlichen Unsinn ausbrach. Lachend bedeutete ich ihr, daß gegen militärische Order eine weibliche schlechterdings nicht aufkommen könne, sondern daß sie hier durch jeden unüberlegten Schritt nicht nur sich, sondern auch mich und meine militärische Ehre kompromittieren würde, ohne dadurch irgend etwas zu ändern, da gegen solche Befehle gar keine Einwendungen, selbst die begründetsten nicht angehört würden. – „Gut, dann gehe ich mit und reite auf einem Maultier an der Spitze deiner Kompagnie.“ – Diesen tollen Gedanken suchte ich ihr auszureden, indem ich ihr sagte, daß dies nicht gelitten würde und außerdem die Expedition schwerlich länger als ein- oder ein paarmal vierundzwanzig Stunden dauern würde. – „Wenn es aber länger dauert, komme ich doch nach,“ versetzte sie nun, und ich sah, wie recht die Spinola gehabt, als sie mir gesagt, der kleine Teufel würde mir zu schaffen machen, denn ich fürchtete irgendeinen tollen Streich, den abzuwehren nicht in meiner Gewalt stünde. Ich entfernte mich jetzt unter dem Vorwande, Anordnungen treffen zu müssen, und versprach, vor dem Abmarsch Abschied von ihr zu nehmen. Statt dessen schrieb ich ihr einen Brief, mich mit der Unmöglichkeit und der übereilt befohlenen Entfernung entschuldigend, den ich ihr erst zukommen ließ, als wir schon einige Stunden von Genua entfernt waren. Ebenso benachrichtigte ich die Spinola schriftlich von diesem Ereignis, mit der Bitte, es ihrer Freundin schonend mitzuteilen, und vertröstete auch sie auf baldige Zurückkunft. In der Tat war ich froh, als ich den anderen Morgen Genua, aus dem ich absichtlich schon vor Sonnenaufgang mit meiner Kompagnie abmarschiert war, im Rücken hatte und sah mich jeden Augenblick um, fürchtend, den kleinen Satan auf seinem Maultier hinter mir angesprengt kommen zu sehen.

Schon seit einiger Zeit war es in den italienischen Alpen sehr unruhig geworden, es hatten sich starke Banden zusammengerottet, die so verwegen wurden, daß sie in den letzten Tagen sogar einen französischen Posten von einigen zwanzig Mann überfallen und die Leute sämtlich ermordet hatten. Dies war in einer geringen Entfernung von Genua geschehen. Die italienischen Alpen sind in dieser Gegend ebenso unwirtsam, voll Schluchten und sicherer Zufluchtsorte für Räuber und Insurgenten, wie die Waldgebirge Kalabriens. Jeder Mann hatte sechzig scharfe Patronen und für vier Tage Brot bei dem Ausmarsch erhalten.

Eine besondere Instruktion hatte ich nicht und konnte sie nicht erhalten haben, sondern sie lautete nur im allgemeinen, die Spuren der Briganten aufzusuchen, sie zu verfolgen und wo möglich tot oder lebendig einzufangen, mich dabei so viel es sich tun ließ der Bauern in den Dörfern zu bedienen und Führer aus denselben zu nehmen. Das weitere blieb meiner Einsicht überlassen, indem ich nach Umständen agieren müsse. Ist man einmal über die Riviera – so wird das Uferland genannt, welches den Meerbusen umgibt – hinaus, so werden die Berge immer öder, steiler und kahler, Felsen türmen sich auf Felsen, seltener werden Bäume und Gebüsch, und nur hier und da sieht man noch einige Kastanien, der Weg, dessen Rand sich oft an unabsehbaren Abgründen und Schlünden hinzieht, über welche mitunter sehr gebrechliche Brücken führen, kann nur noch durch sehr sichere Pferde und Esel betreten werden. Viele dieser Brücken waren durch die Briganten abgebrochen, so daß ich häufig wieder umkehren und andere Wege aufsuchen mußte. Als ich den zweiten Tag zu Ovada ankam, erfuhr ich, daß erst vor ein paar Tagen hier drei Gendarmen überfallen und ermordet worden waren; um an diesen Ort zu gelangen, hatte ich einen Führer aus dem Flecken Campo Marone mitgenommen, der mich auf großen Umwegen hierher gebracht, wo ich mich auf vierundzwanzig Stunden einquartierte, um Erkundigungen über den Aufenthalt und die Spuren der Briganten einzuziehen. Ovada ist ein ziemlich großer Ort, der an der Orba liegt und etwa tausend Einwohner zählen mag. Wo ich aber auch anklopfte und forschte, niemand wollte mir Auskunft über die Banden geben können; die Stimmung der Einwohner und Landleute war uns überhaupt sehr ungünstig, allenthalben zeigte sich große Unzufriedenheit mit der Regierung, Haß gegen die französische Herrschaft und ein Geist des Aufruhrs und der Widerspenstigkeit, der unter Umständen sehr gefährlich werden konnte. Zu den zahlreichen Räuberbanden, die sich in den italienischen Alpen umhertrieben, gesellte sich fortwährend alles Gesindel, und alle, welche irgend etwas begangen hatten, flüchteten sich zu ihnen in unzugängliche Schlupfwinkel im Gebirge. Dabei hatten sie fortwährend geheime Verbindungen in Genua, Turin, Piemont und der Lombardei. Was mir sehr im Wege stand, war die abscheuliche Sprache, die in dieser Gegend geredet wird; überall wollten die Einwohner kein Italienisch sprechen und stellten sich, als verstünden sie mich nicht. In Ovada suchte ich einen Geistlichen auf, der doch den Sprachunwissenden nicht machen konnte, wenigstens meine Fragen beantworten mußte, aber auch von diesem konnte ich nichts weiter herausbringen, als daß man zwar viel von den Briganten höre, aber ihren Aufenthalt nicht wisse noch erspähen könne. Überhaupt zweifle er an dem Bestehen dieser Banden, wie man sie in Genua schildere; es seien höchstens nur einzelne Straßenräuber vorhanden, und es sei ganz vergebliche Mühe, diese aufsuchen zu wollen, da kein Mensch ihre Schlupfwinkel kenne. Aber der geistliche Herr wußte sie gewiß. Von Ovada marschierte ich mit ebensowenig Erfolg nach Casaleggio und von da nach den Dörfern Acquata und Isola, ganz abscheulichen Nestern, in denen alle meine Bemühungen ebenfalls erfolglos blieben, so daß ich schon verzweifelte, jemals auf die Spur der Briganten zu kommen. In Ronco brachte ich einen Tag und zwei Nächte zu und erfuhr am Morgen nach der letzten, daß in der verwichenen Nacht abermals ein Gendarm zwischen hier und dem nahen Fornaro ermordet worden sei. Seinen Leichnam habe man schrecklich verstümmelt auf der Landstraße gefunden. Ich machte mich nun mit meiner Kompagnie eilig nach Fornaro auf, das ziemlich nahe an der Bocchetta liegt, stellte rings um das Dorf Piketts und drohte es anzuzünden, wenn mir nicht in Zeit von zwei Stunden die Mörder der Gendarmen ausgeliefert würden, denn ich hatte einige Indizien, daß es Bewohner dieses Ortes waren. Um meiner Drohung mehr Nachdruck zu geben und zu zeigen, daß es mir Ernst damit sei, ließ ich von den Soldaten Brennmaterial zusammenbringen und auf einen Haufen legen; aber vergeblich, die Einwohner heulten, schrieen und winselten, beteuerten ihre Unschuld, und von den Mördern war keine Spur aufzufinden. So zog ich schon sieben Tage vergeblich in diesen Öden und zwischen Schluchten umher, wobei die Nahrung auch nicht die beste war und ich mehrere Marode zählte, die ich nach Bocchetta führen ließ, von wo sie ins Lazarett nach Genua gebracht wurden. Ich selbst fing an, höchst mißmutig zu werden und an irgendeinem günstigen Erfolg meiner Mission zu verzweifeln, als ich auf eine List verfiel, die wenigstens teilweise gelang. Ich suchte die entschlossensten und mutigsten Leute meiner Kompagnie heraus, ließ sie ihre Säbel scharf schleifen und so zu zwei und drei Mann streifen, während ich mich mit den übrigen in einem nahen Dorf verweilte, in dessen Mitte ich ein Pikett aufstellte und dessen Ausgänge so besetzte, daß sich keine Seele aus demselben ohne meine Erlaubnis entfernen durfte. Die Leute, die ich auf die Streifereien ausschickte, instruierte ich dahin, daß sie sich nicht weiter von dem Ort entfernen sollten, als man das Abfeuern eines Gewehrs hören könne, und wenn sie Bauern oder sonstige Individuen auf sich zukommen sähen, sollten sie dieselben bis auf gefällte Bajonettweite herankommen lassen, dann aber ihnen das Gewehr vorhalten und sie nach ihrem Begehren fragen; sollten jene aber Miene machen, noch weiter vorzudringen oder irgendeine feindliche Bewegung versuchen, losschießen, und wenn das Gewehr nicht mehr zur Verteidigung geschickt sei, dasselbe von sich werfen und sich mit dem blanken Säbel verteidigen, bis der nicht lange ausbleibende Sukkurs käme; würde man aber aus der Ferne auf sie schießen, so sollten sie das Feuer erwidern, doch immer nur einer nach dem anderen, um sich zu soutenieren. Andere Soldaten hieß ich, nur mit dem Seitengewehr bewaffnet, ganz in der Nähe des Orts spazieren gehen. Aber auch dieses Manöver hatte ich schon einige Tage umsonst versucht; endlich hörte ich, nachdem ich zwei Stunden vor Tagesanbruch, denn ich marschierte nur nachts und immer unvermutet ab, damit die Briganten so wenig als möglich von ihren Spionen unterrichtet werden konnten, in dem sehr einsam im Gebirg gelegenen Dorf Ritegno angekommen war und die Streif- und Lauerposten abgeschickt hatte, plötzlich einen Schuß und gleich darauf noch acht bis zehn fallen. Ich jagte jetzt mit einem Teil der übrigen Mannschaft nach dem Ort zu, von wo das Schießen herkam, und fand fünf von meinen Leuten im Handgemenge mit wenigstens zwanzig Briganten. Als mich diese ankommen sahen, ergriffen sie die Flucht, bis auf drei, welche von den Voltigeurs festgehalten wurden; einer derselben stach jedoch einen Mann mit einem Dolchstoß nieder. Dies sehend, sprang ich hinzu und versetzte dem Kerl mit solcher Kraft einen Hieb über den Kopf, daß er einen zweiten beabsichtigten Dolchstoß nicht führen konnte, sondern mehrere Schritte zurücktaumelte und von seinem Blut überströmt ohnmächtig niedersank; aber auch der gestochene Voltigeur war gefährlich verwundet. Die beiden anderen Briganten wurden unterdessen entwaffnet und festgehalten. Den Entflohenen setzten wir zwar eine Strecke nach, mußten jedoch bald umkehren, da wir jede Spur von ihnen verloren. Ich ließ alle drei, auch den Schwerverwundeten, der wieder zu sich gekommen war und nebst dem von ihm gestochenen Soldaten zur Not verbunden wurde, knebeln und sagte ihm, daß er ohne Absolution und Segen zur Hölle fahren solle, wenn er nicht gestände, wo sich seine Spießgesellen aufhielten und wer sie seien. Ebenso drohte ich den anderen mit augenblicklichem Erschießen, wenn sie nichts gestehen würden, und ließ jeden gehörig bewacht einzeln und von den andern getrennt führen, so daß sie sich weder durch Worte noch durch Blicke oder Zeichen miteinander verständigen konnten. Der Verwundete ward aber mit jedem Augenblick schwächer und flehte um einen Tropfen Wasser zur Labung, den ich ihm aber verweigerte, bis er gestanden, was ich begehrte. Ich hielt ihm nochmals seine bevorstehende Höllenfahrt vor, worauf er mir mit matter Stimme erwiderte: „Gewiß nicht, denn ich habe schon im voraus Absolution und Vergebung aller Sünden erhalten und bin im Gegenteil gewiß, daß ich für meine Ermordungen der Feinde unseres Landes sogar dem größten Teil der Pönitenz des Fegfeuers entgehen werde.“ – Jetzt fragte ich ihn, wer ihm denn solche Albernheiten glauben gemacht, und reizte ihn, noch mehr zu beichten, mich über seinen Aberglauben lustig machend. Ich brachte auch noch so viel von ihm heraus, daß er erst vor vierundzwanzig Stunden in Asconi, einem Dorf im Gebirge, gebeichtet habe. Hierauf ging ich zu einem anderen Gefangenen und sagte zu diesem: „Ah, Briccone, du bist auch aus Asconi?“ Er erblaßte und leugnete. Nun teilte ich ihm mit, daß mir sein sterbender Kamerad dies gestanden, worauf er versetzte: „Er hat gelogen, ich bin nicht aus Asconi, sondern der andere, mein Geburtsort ist Cento Croce.“ – „Du hast aber doch erst vor vierundzwanzig Stunden in Asconi gebeichtet und Absolution erhalten.“ – „Ha, der Verräter,“ knirschte der Brigant. Auch den dritten nahm ich nun ad coram und erfuhr genug, um überzeugt zu sein, daß die Kerls in Asconi und Cento Croce zu Hause waren, und brach, nachdem ich die Verwundeten und Gefangenen nach Bocchetta expediert, mit dem Rest meiner Leute, noch über hundert Mann, durch öde und kahle Wildnisse mit einem gezwungenen Führer nach Asconi auf, sah aber den Ort ganz verlassen und keine lebendige Seele. Auch fand sich in den erbärmlichen Hütten desselben nicht das mindeste vor, was uns zur Nahrung und Labung hätte dienen können, und wir mußten uns an das mitgebrachte Brot und Wasser halten. Einige der Leute hatten noch etwas Aquavit bei sich, auch fingen wir ein halbes Dutzend Hühner und ein paar Hähne weg, die sich uns zufällig darboten und nun an Ladestöcken gebraten und mit Pulver zubereitet wurden, da wir kein anderes Salz hatten. Gegen Abend marschierte ich unter Hörnerklang – die Voltigeurs hatten statt der Trommeln eine Art kleiner Wald- oder Posthörner – und mit möglichstem Geräusch ab, ließ aber drei Viertelstunden von dem Dorf hinter einer Felsenwand Halt machen und befahl den Leuten, sich möglichst ruhig und still zu lagern. Brot und Wasser war wieder unsere Kost, obgleich wir ein paar aufgefangene Ziegen bei uns hatten, die ich aber nicht zu töten gestattete, weil kein Feuer gemacht werden durfte, wenn mein Plan gelingen sollte. So kampierten wir bis um zwei Uhr nach Mitternacht; zwar hatte mir schon einer der ausgestellten Lauerposten einige Stunden nach Sonnenuntergang berichtet, daß man Licht in Asconi wahrnehme, ich fand aber für gut, noch eine spätere Zeit abzuwarten, um mein Vorhaben auszuführen. Jetzt kehrten wir in aller Stille nach Asconi zurück, wo wir noch Licht in einigen Häusern sahen. Wir schlichen uns ganz leise und unbemerkt heran, und mit der Hälfte der Mannschaft besetzte ich alle Zugänge des Orts, während ich mit der anderen Hälfte in denselben einrückte und ein Haus, eine Art Osteria, aus dem ein ziemlich bacchanalischer Lärm ertönte, umzingelte. Wir entdeckten, daß sich einige zwanzig wohlbewaffnete Banditen nebst mehreren Weibern und Mädchen in einer großen Stube desselben befanden, sich ganz unbekümmert Orgien überlassend. Nachdem ich meine Mannschaft auf das beste geordnet und instruiert hatte, ließ ich die Trompeter ins Horn stoßen und die Leute auf dieses Signal plötzlich die Gewehre gegen die Fenster und Türen abfeuern, die letzteren darauf mit Gewehrkolben einstoßen und zur Attacke blasen. Ich drang nun mit einem Teil der Mannschaft in das Haus, während die anderen, ihre Bajonette in die Fenster haltend, dasselbe fortwährend umgaben. Die Briganten, durch diesen unerwarteten Überfall verblüfft und an vierzig Läufe gegen sich gerichtet sehend, durch das Geschrei der Weiber und Kinder noch mehr außer Fassung gebracht, dachten im ersten Augenblick nicht daran, Widerstand zu leisten, als aber einige ihre Büchsen abfeuerten, folgten die anderen diesem Beispiel, worauf meine Leute ebenfalls ein mörderisches Feuer auf sie gaben. Ich drang, an der Spitze zwei Sergeanten, in das Zimmer; dem Unterleutnant hatte ich den Befehl der Leute vor dem Haus und im Dorf über lassen, und es entspann sich ein mörderisches Gefecht in der Stube selbst, in der sich die Briganten wie Verzweifelte wehrten, und erst nachdem mehrere von ihnen tot niedergestreckt, auch viele verwundet waren und ich ihnen dann bei augenblicklichem Niederschießen gebot, die Waffen zu strecken und auszuliefern, hatte der Kampf ein Ende. Mehrere von meinen Leuten waren gleichfalls verwundet, doch keiner sehr gefährlich, und keiner war geblieben, ich selbst aber mit einem Dolch in den linken Arm geritzt worden. Ich ließ ihnen nun Gewehre, Pistolen, Säbel und Dolche abnehmen und sie, während sie noch vor Wut schäumten, mit Gewehrriemen binden, da ich keine Stricke auftreiben konnte, und so bis zu Tagesanbruch bewachen, während sich Unteroffiziere und Soldaten mit den hübschesten der Weiber und Mädchen, wenn auch etwas gewaltsam, vergnügten, was die Gefangenen, die es wenigstens mit anhörten, bis zum Rasendwerden in Wut versetzte. In ein paar anderen Häusern fingen wir noch ein halbes Dutzend von dieser Bande, sehr viele aber waren entsprungen und hatten sich durch die Flucht gerettet. Wir fanden in dem einen Haus auch noch einen ziemlich vollen Weinschlauch, gebratenes Ziegenfleisch, Polenta, Öl, woran sich die fast verhungerten Voltigeurs gütlich taten. Mit Tagesanbruch verließ ich das Dorf mit meinen Gefangenen, deren Arme ich auf dem Rücken hatte zusammenschnallen und binden lassen. Als wir ausmarschierten, warfen sich mir die Weiber zu Füßen, um die Freilassung ihrer Männer und Geliebten flehend und sich an die Soldaten klammernd, die sie transportierten, so daß wir alle Gewalt nötig hatten, sie los zu werden und ich nur durch die Drohung, auf sie und die Gefangenen schießen zu lassen, verhindern konnte, daß sie uns folgten. Ich marschierte nun nach Cento Croce, fand aber dieses Nest ganz ausgestorben; von da mit meinem Fang über Ritegno und Bocchetta, wo ich erst den folgenden Mittag ankam und die Gefangenen nebst einem ausführlichen Rapport nach Genua abschickte und mich dann in Ronco einquartierte, die Zurückkunft meiner Leute und der zwei Sergeanten, die ich mit abgesandt, erwartend. Wir bedurften der Ruhe, uns von den Strapazen und Entbehrungen zu erholen. Ich erhielt aber den anderen Tag Order, mit meiner Kompagnie gleichfalls wieder in Genua einzurücken, um dort bei den Verhören der Gefangenen gegenwärtig zu sein und die nötige Auskunft zu geben, zugleich wurde mir aber für meine erfolgreichen Bemühungen eine Belobung und noch zwei Rasttage in Ronco gestattet.

Ungefähr sechzehn Tage hatte ich mich in diesen Gebirgen umhergetrieben, und meine Abberufung war mir daher willkommen, da bei einer solchen, immer mit den größten Entbehrungen und Gefahren verknüpften Expedition doch nur wenig Ruhm zu erwerben ist, während eine weit weniger beschwerliche Waffentat gegen einen gewöhnlichen Feind im offenen Felde mit Eklat ausposaunt und belohnt wird. Dagegen ist aber wohl keine Art Krieg zu führen so unterrichtend und so reich an Erfahrungen, als gerade diese. Man lernt dadurch besonders jedes Terrain gehörig benutzen, erlangt einen großen Scharfblick und eine richtige Übersicht in allen Gefahren und weiß jeden kleinen Vorteil bestens wahrzunehmen. Die beständige Aufmerksamkeit, welche man bei allen Streifzügen in so kupiertem Terrain notwendig haben muß, schärft den Blick und Verstand außerordentlich. Jeder einzelne Mann kommt da oft in die Lage, alle seine Intelligenz und Fähigkeiten aufbieten zu müssen, um nicht das Opfer irgendeiner Versäumnis oder Nachlässigkeit zu werden, die oft mit dem Leben bezahlt werden muß. Die Erfahrungen und Gefahren eines solchen Krieges machen dann auch zu allen größeren Kommandos und zum Anführen der wichtigsten Expeditionen fähig.

In Genua zurück, verfügte ich mich zuerst zu meinem Bataillonschef, Herrn von Brüge, der mich freundlich empfing und meinen Erzählungen mit vieler Teilnahme zuhörte und von diesem zum kommandierenden Divisions-General Montchoisy, dem ich einen vollständigen Bericht abstattete und wurde darauf von ihm zur Tafel geladen, ebenso bei dem Kommandanten General Mouret. Die Verhöre fanden bald statt, und zehn dieser Briganten wurden zum Tode verurteilt, die übrigen kamen auf die Galeere.

Ich hatte eben keine große Eile, mich nach meinen Schönen zu erkundigen oder sie aufzusuchen, sondern fürchtete vielmehr, Neuigkeiten von ihnen zu hören und wollte hinsichtlich ihrer wenigstens eine Zeitlang das Inkognito in Genua bewahren, aber am Morgen des dritten Tages erhielt ich in aller Frühe ein Billettchen von Giulietta, in welchem sie mich in sehr gebieterischen und dringenden Ausdrücken aufforderte, sie noch diesen Vormittag zu besuchen. Ich mußte dem Gebot wohl Folge leisten, begab mich zu ihr und erlebte einen Auftritt, der weit ärger war, als ihn sich meine ausschweifende Phantasie gedacht und ich gefürchtet hatte. Der kleine Satan rief mir entgegen: „Also zitieren muß man Sie, wenn man Sie sehen will,“ redete nur von Dolch und Gift, von Herzen durchbohren und Augen ausstechen, Gurgel abschneiden und in Stücke zerreißen und so weiter. Zuerst hielt sie mir meine Abreise ohne Abschied, wie ein Dieb in der Nacht, vor, dann aber wollte sie hinter mein intimes Verhältnis, das es denn doch noch nicht war, mit der Spinola gekommen sein, und schwur hoch und teuer, daß dieses blutig enden würde, wenn ich es fortsetze. Ich suchte die halb Rasende zu beruhigen, indem ich ihr ebenfalls hoch und teuer schwur, daß ich noch nie ein intimes Verhältnis mit der Spinola gehabt, und das konnte ich mit gutem Gewissen; ich wußte sie endlich so weit zu besänftigen, daß wir uns so ziemlich im Frieden, der gehörig gefeiert worden war, trennten, indem ich alles versprach, was sie versprochen haben wollte. Sie gestand mir ein, wie sie meine Ankunft in Genua erfahren; ein Kammermädchen, das einen Unteroffizier des Regiments kannte, hatte denselben angehen müssen, ihr meine Zurückkunft sogleich zu melden; nun war er aber gerade den Tag auf der Wache, und sie erfuhr es doch erst achtundvierzig Stunden später. Ich fand für gut, mich jetzt auch bei Guercino nach der Marchesa P... und der Spinola zu erkundigen und hörte, daß erstere im ganzen etwas besser sei, aber noch immer so sehr an den Nerven leide, daß sie auch die geringste Erschütterung oder Gemütsbewegung, die sie um jeden Preis vermeiden müsse, in den traurigsten Zustand versetze. Ich hatte bald auch eine Zusammenkunft mit der Spinola, bei der wir gemeinschaftlich den Zustand der armen Marchesa bedauerten, uns gegenseitig deshalb trösteten und so gerührt waren, daß wir, ohne zu wissen wie, bald einander in den Armen lagen; und was die Palatini nur vermutet hatte, verwirklichte sich schneller, als ich geglaubt. – Nun war aber die schwere Aufgabe, einer jeden von beiden glauben zu machen, daß sie die einzige Auserwählte sei, etwas, das weder so leicht noch gefahrlos war, da alle diese Damen ihre Kundschafterinnen hatten, die das Spionenhandwerk trefflich verstanden. Wenige Tage vor meiner Ankunft war ein junger französischer Artillerieoffizier das Opfer der Eifersucht einer Frau geworden, der, nachdem er eine Zeitlang ein vertrautes Verhältnis mit ihr gehabt, Anstalt machte, eine junge Französin, die Tochter eines Artillerieobersten, zu heiraten. Kurz vor dem schon festgesetzten Vermählungstage hatte sie ihn bei einer letzten Zusammenkunft, um die sie ihn gebeten, mit eigenen Händen erdolcht und so gut zu treffen gewußt, daß er fast lautlos niedergestürzt war, sich dann selbst als seine Mörderin angegeben und den Gerichten überliefert, die sie für eine Wahnsinnige erklärten. – Ich nahm meinen Tisch wieder bei Herrn von Brüge, setzte den musikalischen Unterricht mit der kleinen Josephine fort, an der ich eine sehr fleißige und talentvolle Schülerin hatte, die mir mit kindischer Liebe so sehr zugetan war, daß mir diese Stunden eher eine Unterhaltung, eine Erholung, als eine Mühe waren. Öfters auch führte ich das liebenswürdige Kind spazieren und zeigte ihm Genuas Kuriositäten; so besuchte ich eines Tages das Conservatorio Fieschino mit ihm, ein Nonnenkloster, welches ein Domenico Fiesco im Jahr 1760 stiftete und das durch die künstlichen Blumen, die die Nonnen desselben verfertigen und die von einer seltenen Schönheit und Frische sind, nicht nur in ganz Italien berühmt, sondern selbst bis nach Amerika, wohin sie versendet werden, bekannt ist. Von diesen Blumen, welche die heiligen Mädchen zum Schmuck der sündhaften Weltkinder verfertigen, bietet man den Fremden an, die das Kloster besuchen, und verkauft sie ihnen sehr teuer; der Handel findet im Sprechzimmer durch ein doppeltes Gitter statt. Ich kaufte Josephinen ein solches Bukett, wobei die Nonnen das Kind so allerliebst fanden, daß sie es zu sich hinter das Gitter nahmen und es noch mit einem anderen Strauß solcher Blumen beschenkten, es auch aufforderten, sie öfters zu besuchen, was wir versprachen, und es brachte von jetzt an oft ganze Tage in diesem Kloster bei den frommen Schwestern zu, unter denen mehrere so liebenswürdig waren, daß ich das Mädchen um dieses Glück beneidete. Doch sah und lernte sie auch manche Dinge dort, wie ich später von ihr erfuhr, die eben nicht sehr klösterlich waren. – Zu dieser Zeit war der Dienst bei unserem Bataillon wegen des Einexerzierens der neuangekommenen Rekruten, fast ausschließlich Preußen, die in dem unglücklichen Krieg von 1807 nach der Schlacht bei Jena, der Übergabe von Magdeburg und so weiter gefangen worden waren und Dienste genommen hatten, wieder beschwerlich, wenigstens für mich, da ich eine wahre Antipathie gegen dieses so ganz geistlose und mechanische Einochsen der Handgriffe, Wendungen und des Marschierens hatte; auch wußte ich mich die meiste Zeit davon zu dispensieren. Selbst die Pelotons- und Bataillonsschule langweilte mich, weil sie sich in zu engen Grenzen bewegte; ich hätte gar zu gern Heere manövrieren lassen.

Bis jetzt war es mir geglückt, mein Verhältnis mit den beiden Damen so zu verheimlichen, daß keine von ihnen daran zweifelte, daß ich den Umgang mit der anderen aufgegeben, aber jeden Tag konnten mir die Karten aufgedeckt werden. In der letzten Zeit hatte ich einigemal bei Giulietta eine sehr liebenswürdige Dame, eine nahe Anverwandte von ihr, die Signora Albertina Palatini getroffen, die ganz das Gegenteil von ihrer wilden Cousine und eine sehr sanfte und ruhige Frau, von blassem, schmächtigem Aussehen, eine geborene Venetianerin war, die sich hierher verheiratet hatte. Sie besaß ganz das zierliche, fein-graziöse Wesen, das die Venetianerinnen besonders auszeichnet, Schönheiten, denen das Heroische der Römerinnen, das Blühende der Florentinerinnen abgeht, die dagegen fast verklärte, oft sehr geistreiche Gesichter und die zarteste weiße, fast durchsichtige Haut von der Welt haben. Die Signorina Albertina hatte ein raffaelisches Madonnenantlitz, ihre Unterhaltung war von der Art, daß sie unwiderstehlich für sie einnahm, und nie habe ich hinsichtlich des Kontrastes zwei verschiedenartigere Wesen kennen gelernt, als diese beiden Cousinen, die sich dennoch sehr gut miteinander vertragen, und, was das Sonderbarste war, daß, obgleich ich Albertinen eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit in Gegenwart Giuliettens schenkte und mich, soviel es tunlich war, fast ausschließlich mit ihr unterhielt, diese doch keine Idee von Eifersucht oder Mißtrauen blicken ließ, sondern das größte Vertrauen in ihre sanfte und sentimentale Verwandte setzte, nicht bedenkend, daß es die Sentimentalen oft ganz gewaltig hinter den Ohren sitzen haben, denn stille Wasser sind tief. – Ein bloß geistiges Einverständnis hatte sich auch bald zwischen mir und der neuen Bekannten entsponnen, und in den Gesellschaften, in denen ich sie traf und die sie frequentierte – sie wurde weit mehr als ihre Cousine zu denselben gezogen und eingeladen –, unterhielt ich mich und tanzte viel mit ihr; ein gegenseitiges Wohlwollen, ohne Drang nach sinnlicher Lust, war bald entstanden, und jedes bezeigte große Teilnahme für das, was dem anderen widerfuhr; wie sehr dies von Albertinens Seite der Fall war, hatte ich bald Gelegenheit, auf das unzweideutigste zu erproben.

In ganz Italien ist hinsichtlich Genuas eine Redensart im Munde des Volkes, die heißt: Uomini senza fede, donne senza vergogna, mare senza pesce, bosco senza legna. Mit derselben hat es, wie es mit so mancher ähnlichen abgeschmackten sprichwörtlichen Redensart der Fall ist, gleiche Bewandtnis, sie ist fast ganz falsch und irrig. – Was das erste anbetrifft, Uomini senza fede, so sind die Genueser in dieser Hinsicht nicht schlimmer als die anderen Italiener, was freilich kein Lob ist, und ebenso ist es mit den Frauen der Fall, die übrigens auch bei dem vertrautesten Verhältnis noch immer eine gewisse Dezenz beobachten, sich nie so ganz schamlos hingeben, wie zum Beispiel die Französinnen, die, wenn man einmal auf einen gewissen Punkt mit ihnen gekommen ist, gar keine Zurückhaltung mehr kennen, was sie denn auch, trotz ihres geistreichen und witzigen Geplauders, ihres so aufgeweckten munteren Verstandes, gar schnell bis zum Ekel widerlich erscheinen läßt, sobald man intim mit ihnen geworden. – Das Meer ohne Fische ist nun vollends eine offenbare Lüge; ich habe nirgends bessere und dabei sehr billige Fische gegessen wie hier, namentlich die Triglia, ein köstlicher Rotfisch, Sardellen, frischen Tunfisch, die kleinen köstlichen rosenfarbigen Bianchetti, die man auch Rosetti nennt, und so weiter. – Ein Wald ohne Bäume aber ist barer Unsinn, man findet hier die herrlichsten Zitronenwäldchen, deren Duft die Lüfte parfümiert. – Ich erwähne dieses alberne Sprichwort hauptsächlich in Betracht der Frauen, die nicht mehr intrigieren als alle Italienerinnen und Spanierinnen, fast eher schamhaft als schamlos sind, wenigstens habe ich sie so gefunden, sogar die sonst so ausgelassene Giulietta war in gewissen Dingen sehr dezent, und selbst die öffentlichen Dirnen, denen ich nur auf den Straßen begegnete, da ich vor solchen immer den größten Abscheu und Ekel hatte, haben es bei weitem noch nicht zur Unverschämtheit der Pariser Boulevardnymphen gebracht; man konnte zu jeder Zeit durch alle Gassen Genuas gehen, ohne von ihnen angehalten zu werden.

Etwa vier Wochen nach meiner Zurückkunft aus den Alpen war wieder ein großes Fest bei Dorias, zu dem das ganze Offizierskorps der Garnison sowie die ganze schöne Welt und der Adel Genuas, den ich zum erstenmal so vollständig versammelt sah, eingeladen war. Im hellen Glanz strahlten die Damen, die ihre Toilette mit großer Sorgfalt gewählt hatten; auch Albertina Palatini war zugegen, aber ganz einfach weiß, jedoch in die feinsten Spitzen gekleidet, ohne Brillanten oder Perlen, weiße Rosen im Haar. Ihre feine blasse Haut und dieser Anzug gaben ihr das Ansehen einer Halbverklärten. Ich hatte fast nur Augen für sie und war mit der ebenfalls anwesenden Spinola und Giulietta übereingekommen, daß ich beide ignorieren und ihnen nur die ganz gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen erweisen würde. Ich hielt mich hauptsächlich in Albertinens Nähe auf, deren elegante Anmut beim Tanz bewundernd. Sie blickte mich einigemal so bedeutungsvoll an, daß es schien, als hätte sie mir etwas Besonderes mitzuteilen. Ich trat bald darauf eine Monfarina mit ihr an, und nachdem dieselbe beendigt war, drückte sie mir ein Billettchen verstohlen in die Hand, indem sie mir zuflüsterte: „Leggete subito!“ Ich eilte in ein entlegenes Gemach unter eine Fensterhalle und las:

‚Signor, finden Sie sich eine Stunde vor Mitternacht in der Grotte der Calypso der Villa Doria ein, wo ich Ihnen Dinge von der größten Wichtigkeit mitteilen werde, meiden Sie mich aber den Rest des Abends, damit jeder Verdacht eines Einverständnisses fern bleibt. Um der Madonna willen, verlieren Sie das Billett nicht, wenn Ihnen Ihr und mein Leben teuer ist, vor allem hüten Sie sich vor meiner Cousine und meinem Bruder; suchen Sie die Grotte auf und placieren Sie sich bei der zweiten Monfarina in meiner Nähe.‘

So sehr ich auch über den Inhalt dieses seltsamen Schreibens erstaunt war und nachdachte, so glaubte ich dennoch aus demselben nichts weiter vermuten zu können, als einen gefährlichen Anschlag Giuliettas, die hinter meine Schliche gekommen, oder ein gewöhnliches Rendezvous. Etwas zerstreut kehrte ich in den großen Saal zurück, begegnete bisweilen den Blicken Albertinens, die alsdann ihre Augen verlegen niederzuschlagen schien. Ich suchte nun die bezeichnete Grotte auf, die in dem entlegensten Teil der Bosketts lag, mir die dahin führenden Wege merkend, und tanzte dann abwechselnd mit der Spinola, Giulietta, Teresina Doria und anderen. Bei der zweiten Monfarina placierte ich mich neben den Tänzer Albertinens, die mich während der Tour leise und schnell fragte: „Wissen Sie die Grotte? Haben Sie das Billett vernichtet? – Verfehlen Sie die Zeit nicht!“ – Ich beantwortete alles mit gleicher Heimlichkeit und begab mich eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit an den bestimmten Ort. Kaum hatte ich Posto daselbst gefaßt, so hörte ich mehrere Männerstimmen eifrig im Gespräch begriffen, und da ich fürchtete, sie möchten in die Grotte kommen, so trat ich schnell aus derselben und hinter ein nahes Gebüsch. Meine Vermutung war nicht ganz falsch, denn sie blieben vor dem Eingang der Grotte stehen und schienen sich im genuesischen Jargon ziemlich heftig zu streiten. Ich verstand nur einzelne und abgebrochene Worte, wie Il Commandante, teatro, francese und so weiter. Gerne wäre ich aus meinem Hinterhalt hervorgegangen, um Albertinen aufzusuchen und sie zu verhindern, sich hierher zu verfügen, aber es war unmöglich, ohne von diesen Personen bemerkt zu werden, die dann glauben mußten, ich habe sie belauscht. Über eine gute Stunde mußte ich in dieser peinlichen Lage bleiben, jeden Augenblick fürchtend, die Signora kommen zu sehen, als sich die Männer, es waren ihrer wohl einige zwanzig, entfernten, sich in mehrere Gruppen verteilten und auf verschiedenen Wegen wieder in den Palazzo begaben. Sobald ich sie weit genug glaubte, eilte auch ich wieder in den Tanzsaal zurück, Albertinen mit scharfen Blicken im Gewühl suchend, konnte sie aber nirgends entdecken; ich rannte nun wieder zur Grotte, aber auch hier keine Spur von ihr, ich lief durch alle Gänge und Alleen des Gartens, alles vergeblich. Eben wollte ich wieder in die Haustür treten, als mich eine Frauengestalt, in einen Mantel gehüllt, bei der Hand nahm und einige Schritte mit sich fortzog; es war Albertine. Ich wollte reden, aber sie fiel mir schnell ins Wort: „Ich weiß alles, was Sie mir sagen wollen, und habe nur zwei Minuten Zeit, denn schon werde ich vermißt. Wenn Ihnen Ihr Leben und das aller Ihrer Kameraden teuer ist, so verfehlen Sie morgen nicht, in die Frühmesse der Annunziata zu kommen.“ Mit diesen Worten verlor sie sich schnell ins Gebüsch, da man Leute kommen hörte. Es waren Gäste, die sich schon entfernten. Ich trieb mich noch eine geraume Zeit in dem Garten umher, über dieses Abenteuer und was es zu bedeuten habe nachdenkend; als ich endlich wieder in den Saal trat, war es schon drei Stunden nach Mitternacht und die Kerzen beinahe heruntergebrannt; die Generalität und alle Offiziere waren längst weg, ich fand nur noch wenige Nobili unter einer Fensterhalle in so eifrigem Gespräch vertieft, daß sie mich kaum zu bemerken schienen, und entfernte mich ebenfalls. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf das Bett, meinem Bedienten befehlend, mich mit Tagesanbruch, der nicht mehr sehr entfernt war, zu wecken. Ich konnte aber nicht einschlafen, und erst gegen Morgen schloß ich die Augen, in einen leisen und unruhigen Schlummer versinkend, aus dem ich, durch einen beängstigenden Traum erschreckt, bald wieder erwachte, mich schnell ankleidete und zur Annunziatakirche eilte. Außer einigen alten Frauen und verschleierten Damen, die hin und wieder an Altären knieten, war noch niemand in der Kirche. Nach einer halben Stunde trat die von mir heiß Herbeigewünschte ein. Ich hatte sie an der Tür erwartet und reichte ihr das Weihwasser, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. In einer kleinen Seitenkapelle öffnete sie eine ziemlich verborgene, stark mit Eisen beschlagene Tür, die sie leise anlehnte; ich folgte ihr unbemerkt und befand mich samt ihr in einem sehr kleinen, von hohen Mauern umgebenen Kirchengärtchen oder vielmehr Höfchen, mit Bäumen besetzt. Nachdem ich auf ihr Geheiß die Tür hinter mir zugemacht, sagte sie: „Signor, mein Benehmen muß Ihnen sehr seltsam vorkommen, aber das Interesse, welches Sie mir von dem ersten Augenblick, da ich Sie sah, einflößten, wird, verbunden mit dem, was ich Ihnen nun entdecken werde, mich nicht nur entschuldigen, sondern Sie mir auch für immer verpflichten. Erst aber schwören Sie mir, daß Sie weder mich noch meinen Mann noch meinen Bruder, so groß auch die Schuld des letzteren sein möge, verraten oder ins Verderben stürzen wollen.“ – Lächelnd fragte ich sie, ob es wohl noch eines solchen Schwures bedürfe, und reichte ihr die Hand, mein Ehrenwort deshalb gebend. Ihre Hand ruhte zitternd in der meinigen, als sie fortfuhr: „Es ist eine gräßliche Verschwörung gegen Ihre Truppen und die Garnison im Werk und dem Ausbruch so nahe, daß keine Zeit mehr zu verlieren ist, wenn Sie sich retten wollen. Heute abend sollen mit dem Beginn des zweiten Akts die sich im Augustinertheater befindlichen Generale und Offiziere ermordet, zugleich auf ein Signal die Kasernen in Brand gesteckt und sich von den Verschworenen der Wälle und Tore bemächtigt werden. Die Anstalten sind so gut getroffen und alles so vorbereitet, daß wohl niemand leicht entkommen kann. Mehrere tausend Briganten und Landleute vom Gebirge befinden sich schon seit gestern abend in der Stadt versteckt, noch weit mehr werden im Augenblick der Ausführung von den Bergen herunterströmen; mehrere englische Kriegsschiffe werden sich mit anbrechender Nacht der Küste nähern und unfern der Stadt Truppen ans Land setzen. Das Signal wird sogleich nach der im Theater erfolgten Ermordung durch eine vom Fanal aufsteigende Rakete gegeben werden. Dies alles habe ich teils durch meinen Mann, teils durch eine Instruktion, die ich in der Schreibtafel meines Bruders fand, die er bei jenem zurückgelassen, erfahren. Namen kann und werde ich Ihnen keine nennen, auch weiß ich nicht, wer die eigentlichen Urheber und Lenker der Verschwörung sind, und erinnere Sie nochmals an Ihr Versprechen.“ – „Das ich heilig halten werde, teuerste Signora,“ unterbrach ich sie, hinzusetzend: „denn es soll Sie nicht gereuen, die Retterin so vieler tapferen Leute geworden zu sein.“

Albertine nahm mit Tränen in den Augen Abschied und entfernte sich durch eine andere Tür, während ich mich durch die Kirche zurück und nach Haus begab. Hier überlegte ich, wie ich es anzufangen habe, die Sache dem kommandierenden General zu entdecken, ohne die Palatini und ihre schuldigen Verwandten zu kompromittieren. Nach einigem Nachdenken war mein Entschluß gefaßt, ich eilte zuerst zu Herrn von Brüge, teilte ihm flüchtig mit, was ich ungefähr wußte und sagen durfte, ohne mein Wort zu brechen, sowie daß ich durch einen Zufall hinter die furchtbare Sache gekommen sei, indem ich diesen Morgen in einer Villa spazieren gegangen, in einem Gebüsch ungesehen zehn bis zwölf Männer belauscht habe, die sich in einem von dichtem Gesträuch umgebenen Rondel beratschlagt hätten, ohne daß es mir möglich gewesen, nur einen derselben zu erkennen; soviel sei aber gewiß, daß noch diesen Abend der Tanz im Theater angehen solle. Herr von Brüge ging sogleich mit mir zu dem kommandierenden General Montchoisy, dem ich dasselbe noch umständlicher wiederholen mußte. Da die Zeit so kurz war, man auch nicht ein einziges Individuum kannte, an das man sich hätte halten können, so war guter Rat teuer. Der General sagte mir, warum ich denn nicht wenigstens den Männern nachgegangen sei, um zu erforschen, wer einer oder der andere gewesen; ich entschuldigte mich mit der Dringlichkeit der Sache und daß ich sie zu schnell aus den Augen verloren habe. Es wurde jetzt in meiner Gegenwart über die Maßregeln beratschlagt, die zu ergreifen seien, da man mit aller Vorsicht zu Werke gehen mußte, um die Verschworenen, die man nicht kannte, nicht aufmerksam zu machen und ahnen zu lassen, daß man etwas von ihren Absichten wisse, weil, wenn sie sich verraten geglaubt, sie leicht einen Desperationscoup ausführen konnten, dem man bei der Unbekanntschaft mit den näheren Verhältnissen nicht hätte gehörig begegnen können. Ich stand wie auf Kohlen und kämpfte mit mir selbst, ob ich nicht lieber die Wahrheit gestehen und wenigstens den Corbetti, so hieß Albertinens Bruder, nennen solle; aber ich hatte das Ehrenwort gegeben, und dies konnte ich nicht brechen. Nach manchen in Beratung gezogenen und wieder verworfenen Plänen machte ich Vorschläge, die denn auch mit wenig Modifikationen vorgenommen und ausgeführt wurden, und man kam endlich über folgendes überein, nämlich: die Chefs der Regimenter und Bataillone sogleich in den Gouvernementspalast zu bescheiden, die verschiedenen Korps nach dem Mittagsappell mit wenigen Ausnahmen, damit die Straßen nicht ganz von Militär entblößt würden, in den Kasernen zu konsignieren, allen Zutritt zu denselben von diesem Augenblick an zu untersagen, damit von dieser Konsignierung in der Stadt nichts verlaute, eine Stunde vor dem Beginn des Schauspiels sämtliche Truppen unters Gewehr treten zu lassen und, sobald das Theater angefangen, die Artillerie auf den Wällen und Bastionen verteilen, die Kanonen gegen die Stadt zu richten, nachdem man sie scharf geladen, auch Kugeln auf dem Rost glühend zu machen, alle Wachen sowie die Hauptwache allmählich zu verstärken, die Theaterwache zu verdoppeln und gehörig mit scharfen Patronen zu versehen, sodann jedermann den Eintritt in das Schauspielhaus zu gestalten, aber keinem Zivilisten erlauben, dasselbe wieder zu verlassen, sondern beim Aufziehen des Vorhangs alle Bürger, bei denen man Waffen finden würde, zu verhaften. Diese Maßregeln wurden mit äußerster Geheimhaltung vorbereitet, so daß selbst kein Offizier, der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, etwas von einer Verschwörung ahnte. Die Bataillonschefs ordneten selbst die Konsignierung an, und zur gewöhnlichen Zeit strömte man ungewöhnlich zahlreich ins Theater. Ein Aide du camp des Generals hatte mit mir die Bewerkstelligung der Verhaftungen übernommen, der ersten Wache am Theater war eine zweite, hundert Mann stark, gefolgt, doch wurde der freie Ausgang noch bis zum Aufziehen des Vorhangs gestattet und erst dann den jetzt doppelt aufgestellten Schildwachen geboten, denselben zu wehren. Die Ouvertüre war verhallt, und der Vorhang rollte in die Höhe, aber statt der Akteurs erblickte man eine in zwei Treffen gestellte Abteilung von Grenadieren. Ich trat jetzt mit gezogenem Degen vor, kommandierte: „Apretez-armes, joue!“ Auf fast allen Gesichtern der Zuschauer las man eine große Bestürzung und auf vielen Todesblässe. Jetzt trat der General-Adjutant vor und rief mit lauter Stimme: „Den Herren Offizieren wird im Namen des Herrn Generals befohlen, sich sofort auf die rechte und linke Seite des Parterres zu begeben und ihre Degen zu ziehen, die übrigen Zuschauer aber haben bei Strafe des augenblicklichen Erschießens die strengste Ruhe und Ordnung zu beobachten, denn bei der geringsten zweideutigen Bewegung wird eine Generalsalve auf die dichtesten Haufen gegeben.“[5] Jetzt kommandierte ich wieder: „Redressez vos armes!“, und die Grenadiere brachten ihre Gewehre wieder in die Lage des ‚Fertigmachens‘. Die Offiziere hatten getan, wie ihnen befohlen war, und zwei Genueser erdolchten sich im Parterre. Die Bestürzung war allgemein. Den Damen wurde nun insinuiert, sich zu entfernen, die Wachen traten ins Parterre, man visitierte jeden Mann streng, und alle, bei denen man Dolche, Stockdegen, Terzerole oder sonstige Waffen fand, nicht weniger als hundert und einige neunzig, wurden auf der Stelle verhaftet, die anderen entlassen. Während dies im Theater vorging, wurde draußen Generalmarsch geschlagen, die Truppen marschierten auf den Plätzen und Wällen auf, die Fanale wurden besetzt und starke Patrouillen streiften durch alle Straßen. Auf solche Art wurde diese gefährliche Verschwörung, welche eine Wiederholung der Sizilianischen Vesper geworden wäre, im Moment, wo sie ausbrechen sollte, erstickt. Es wurden Militärkommissionen zur Untersuchung niedergesetzt und bald darauf acht Rädelsführer zum Tode verurteilt und guillotiniert, die übrigen meistens auf die Galeeren geschickt; viele der Teilnehmer waren entwischt und zu den Briganten in die Gebirge entflohen. Der Gatte Albertinens war gar nicht vorgefordert worden, da niemand etwas auf ihn ausgesagt, er auch nicht im Theater gewesen war, aber dem jungen Corbetti hatte ich nicht nur durchgeholfen, sondern ihn sogar drei Tage lang in meiner Wohnung verborgen und ihm dann Gelegenheit verschafft, sich nach Sizilien einzuschiffen.

Alles ging bald wieder seinen geregelten Gang fort, und ich arbeitete an meiner Versetzung zum ersten Bataillon, denn der Aufenthalt in Genua war mir wegen meinen Verhältnissen mit den verschiedenen Frauen, die nimmer einen guten Ausgang erwarten ließen, verleidet; ich schrieb deshalb oft an Düret. Eben hatte ich wieder einen solchen Brief beendigt, als ein Lohnbedienter zu mir in das Zimmer trat und mir sagte, es seien gestern abend ein paar fremde Damen in dem Hotel Croce di Malta angekommen, die mich zu sprechen wünschten und bitten ließen, sie doch diesen Vormittag zu besuchen, indem sie mir vermutlich sehr angenehme Mitteilungen zu machen hätten. Auf meine Fragen, wer denn die Damen seien, erwiderte der Abgesandte: „Non le conosco,“ und mehr war aus ihm auch nicht herauszubringen. Ich konnte mir gar nicht denken, welche Donna Elvira mich in Genua aufsuchen möchte, denn daß es die Cesarini nicht sein konnte, wußte ich, da ich erst vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten hatte, die keineswegs einen solchen Schritt vermuten ließen. Nachdem ich meine Dienstgeschäfte verrichtet, eilte ich neugierig in das Maltheserkreuz und fand – meine Engländerinnen aus Florenz, die mir gar nicht in den Sinn gekommen waren. So sehr ich auch überrascht war, hieß ich sie doch freundlich willkommen, frühstückte mit ihnen und versprach, sie verlassend, gegen Abend wieder zu erscheinen. Als ich zu Hause angekommen war, dachte ich: ‚Immer besser, meine hiesigen Verhältnisse verwickeln sich mehr und mehr; die Götter mögen wissen, welches Ende das nehmen wird.‘ Ich überlegte, durch welche Mittel ich den sicher bevorstehenden, höchst unangenehmen Begebenheiten wohl entgehen könne, als mich eine Ordonnanz zum Bataillonschef beorderte. Dieser empfing mich ungewöhnlich freundlich und überreichte mir mehrere Papiere, indem er sagte: „Ich gratuliere von Herzen!“ Das eine war meine Ernennung zum Kapitän, das andere ein Schreiben von Düret, aus Civita-Vecchia datiert. Das letztere brach ich hastig auf, durchflog es und las unter anderem seine herzlichen Glückwünsche zu meinem Avancement sowie die Meldung, daß er zugleich meine Versetzung zum ersten Bataillon bei dem Oberst Omeara durchgesetzt habe, wobei ihm besonders das Vorgeben genutzt, daß das Musikchor seit meiner Abwesenheit ganz verwahrlost und kein Offizier beim Bataillon sei, der mich in dieser Hinsicht ersetzen könne, man alles dem Maître de musique zu überlassen genötigt und ich in dieser Hinsicht gewissermaßen unentbehrlich wäre. Er schloß noch mit einer väterlichen Warnung hinsichtlich Caguenecs und daß er mich recht bald erwarte. Herr von Brüge hatte auch schon meine Versetzungsorder erhalten und bedauerte, besonders wegen seiner Tochter, mich sobald wieder zu verlieren. Auch ich tat, als sei es mir leid, war aber innerlich über das Ereignis seelenvergnügt, und zu Hause angekommen, setzte ich mich an das Klavier und komponierte einen recht munteren pas redoublé, machte dann sogleich Anstalten zu meiner Abreise und ließ mir meine feuille de route ausfertigen. Nun blieben mir noch die sauersüßen Abschiedsszenen übrig. Der Marchesa Spinola sagte ich bei Guercinos, wohin ich sie zitiert und wo ich sie auch in der letzten Zeit öfters gesehen hatte, ein zärtliches Lebewohl, der Marchesa P..., die noch immer krank war, schrieb ich einen herzbrechenden Abschiedsbrief, bei den kaum angekommenen Ladys spielte ich den Verzweifelnden, indem ich zu Lady Mary sagte: „Da sehen Sie, was es heißt, ein Soldat sein; auch keine Minute ist man Herr über sein Leben und seine Zeit; aber hatte ich es Ihnen nicht in Florenz gesagt, daß es so kommen würde?“ Mary war wirklich außer sich und rief aus: „Wie! nachdem ich mir alle Mühe gegeben und Gott weiß was alles vorgebracht habe, um meinem immer noch in Paris weilenden Gatten plausibel zu machen, daß ich meinen Aufenthalt in Genua nehmen möchte, verlassen Sie es? Oh, wäre ich doch lieber in Florenz geblieben; vorerst kann ich nicht daran denken, von hier wieder wegzureisen.“ „Gott sei Dank!“ erwiderte ich in Gedanken und brachte noch eine recht zärtliche halbe Nacht mit ihr zu. Auch Albertinen, der ich soviel zu danken hatte, schien meine Abreise durchaus nicht gleichgültig zu sein, auch sie schwamm in Tränen. Nun aber kam noch der schwierigste und von mir am meisten gefürchtete Abschied von allen, der von meiner tollen Giulietta, der ich erst den letzten Abend vor meiner Abreise, als sie mich, wie es sehr häufig geschah, in meiner Wohnung besuchte, dieselbe mitteilte. Es setzte eine zweite, womöglich noch tollere Szene, als die, bevor ich zur Brigantenjagd abging, und nur durch die Versicherung, daß ich ganz gewiß, ehe vierzehn Tage vergingen, wieder in Genua sein und in ihren Armen liegen würde, gelang es mir, sie einigermaßen zur Raison zu bringen und von albernen Streichen, mir diesmal gewiß folgen zu wollen und so weiter, abzubringen.

Da ich noch immer bei Kasse war, auch meinen schönen Reisewagen noch hatte, so beschloß ich diesmal über Mailand nach Rom zu gehen und rollte mit Tagesanbruch zu dem nach Alessandria führenden Tor hinaus, mit der Hoffnung, vielleicht den mir so angenehmen Posten in Albano wiederzuerhalten.

VI.
Reise über Mailand nach Rom. – Mailand. – Die Einwohner. – Der Advokat Mazetti. – Eine Spielhölle. – Ich rette Graf G... aus den Klauen falscher Spieler. – Bellina. – Abreise von Mailand nach Rom. – Ankunft zu Rom. – Wiedersehen. – Abfahrt nach Neapel.

Meine Marschroute gestattete mir wieder einen Monat Zeit, um den Ort meiner Bestimmung zu erreichen; da ich mit Extrapost ganz bequem in fünf bis sechs Tagen und noch früher in Civita-Vecchia eintreffen konnte, so benutzte ich die dadurch gewonnene Zeit, die merkwürdigsten Städte der Lombardei und Oberitaliens, die ich noch nicht gesehen hatte, zu besuchen, so vor allem Mailand.

Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage in dieser merkwürdigen Stadt zuzubringen, mein Aufenthalt dehnte sich aber beinahe drei Wochen aus.

Das gesellige Leben war zu jener Zeit noch immer freundlich, obgleich man sich sehr vor dem napoleonischen Spionenwesen fürchtete und seine Worte gewaltig auf die Wagschale legte. Dennoch war man gegen Fremde zuvorkommend, artig, gastfrei und selbst dienstfertig. Ich hatte durchaus keine Empfehlungen mit nach Mailand gebracht, ging auch fast immer nur in Zivilkleidern und hatte doch in den ersten paar Tagen schon im Theater und im Kaffeehause die Bekanntschaft einiger angesehener Bürger gemacht, die mich zu sich einluden und in ihren Familien einführten. Die Schönheit der Mailänderinnen ist in Oberitalien sprichwörtlich, sie haben eine sehr frische Hautfarbe, einen äußerst wohlproportionierten Wuchs, schöne Augen, meistens ein rabenschwarzes, dickes, langes Seidenhaar, das freilich oft sehr frühe ins Graue übergeht, dabei viel Anmut und angenehme Manieren, lieben Putz und Pracht leidenschaftlich, wissen sich aber mit Geschmack und gewählt zu kleiden und trugen damals sehr die Pariser Moden, die man acht bis zehn Tage später, als sie in Frankreichs Hauptstadt erschienen, gewiß war, auf dem Korso und in der Skala bewundern zu können. Auch in Equipagen, deren man Hunderte in einer Reihe begegnete, wurde großer Aufwand gemacht. Mailand war damals diejenige Stadt Italiens, wo man die Franzosen am wenigsten ungern sah, selbst die Männer waren ihnen nicht gerade abhold. Ich war in einem Gasthof abgestiegen, den ich jedoch nach zwei Tagen mit einer Privatwohnung in der Nähe des Domplatzes vertauschte, von wo ich meine Ausflüge in alle Teile der Stadt bequem machen konnte.

Als ich das Canobbiana-Theater zum erstenmal besuchte, machte ich die Bekanntschaft eines ältlichen Mannes, der sich mir als einen Advokaten namens Mazzetti zu erkennen gab und, nachdem er mich nach meiner Wohnung gefragt hatte, mir schon den anderen Tag in den Vormittagsstunden einen Besuch abstattete; er versicherte, daß er sehr für mich eingenommen sei und bedauerte nur, mich nicht früher gekannt zu haben, weil er mir sonst eine Stanza in seinem Hause angeboten haben würde. Über diese außerordentliche Zuvorkommenheit und teilnehmende Gefälligkeit erstaunt, deren Grund ich mir nicht wohl zu erklären vermochte, war ich auf meiner Hut. Daß es meine liebenswürdige Persönlichkeit nicht sein konnte, die den alten Rechtsverdreher anzog, war mir klar, und am allerwenigsten hielt ich einen Italiener, wenn auch einen Mailänder, einer so schnell auflodernden uneigennützigen Freundschaft fähig, obgleich mich Signor Mazzetti auf corpo und anima versicherte, daß er sich nur zu mir hingezogen fühle, weil ich ein noch mit den italienischen Sitten unbekannter Signor Cavaliere forestiere und in dem gefährlichen Mailand so ganz unbekannt sei; mein offenes Wesen und meine Liebenswürdigkeit, ich müsse charmanter Eltern Kind sein, habe ihn so angesprochen, daß er sich vorgenommen, mir den Aufenthalt in seiner Vaterstadt möglichst angenehm zu machen. Der alte Fuchs hatte während der Zeit seine Späherblicke in meinem Zimmer umherspazieren lassen, meine Koffer und das Wagenkistchen wohlgefällig betrachtet und gefragt, ob ich mit eigenem Wagen und Extrapost reise, und mich dann dringend gebeten, ihn doch ja noch denselben Abend mit einem Besuch beehren zu wollen, wo ich eine angenehme und sehr unterhaltende Gesellschaft bei ihm antreffen würde, namentlich auch einige sehr liebenswürdige Damen von seiner Bekanntschaft, ausgezeichnete musikalische Talente. Als ich ihm erwiderte, daß auch ich dieser Kunst nicht ganz fremd sei, versicherte er mir mit einem Faunenlächeln, daß ihn diese Entdeckung entzücke, und schmunzelte dabei satanisch unter seinen buschigen Augenbrauen. Als ich versprach, seinem Divertimento beiwohnen zu wollen, konnte er kaum die Freude, die aus seinen grimassierenden Mienen hervorleuchtete, die mir aber nicht entging, verbergen. Er blieb, während ich mich ankleidete, bat mich dann, ihm doch die Ehre zu erzeigen, die Schokolade mit ihm in einem nahen Kaffeehause nehmen zu wollen, wobei ich bemerkte, wie der alte Fuchs mit gierigem Wohlbehagen seine Augen auf die gefüllte Börse warf, die ich zu mir steckte. Während wir die Schokolade tranken, unterhielt er mich mit allerlei Stadtneuigkeiten, die mir nicht uninteressant schienen, und ich begleitete ihn dann auf sein Verlangen bis an seine Wohnung in der Straße San Giuseppe, damit ich, wie er meinte, sie den Abend um so weniger verfehlen könne, und die er mich wohl zu merken bat. Er hatte sich unterdessen auch nach meinem Namen und Stand erkundigt. Ersteren teilte ich ihm mit, und er machte ein Signor Federico daraus. Aber ich verschwieg ihm, daß ich französischer Offizier sei, und gab mich für einen zu seinem Vergnügen reisenden Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes aus, der besonders Italien kennen zu lernen wünsche. Zur übereingekommenen Stunde verfügte ich mich zu meinem überartigen Patron und fand daselbst eine, wie es mir schien ziemlich gemischte Gesellschaft von einigen zwanzig Personen, unter denen mehrere recht hübsche Damen, eine junge Sängerin, seconda Donna della Canobbiana, und eine reizende Tänzerin della Scala. Mein freundlicher Wirt stellte mich den Damen als einen Cavaliere forestiere von sehr guter Familie vor. Die Unterhaltung ward bald animiert genug, man reichte Eis, Limonade und Süßigkeiten herum, sodann wurde musiziert; Signora Bellina, so hieß die Cantatrice, trug allerliebste Cavatinen und Canzonette buffe vor, so daß alle davon entzückt waren, besonders als sie das damals so beliebte ‚Una povera ragazza tutt’ onesta‘ und so weiter mit einem parlando espressivo sang. Auf des Hausherrn Ersuchen, der, ohne mich noch gehört zu haben, mich seinen Gästen als einen virtuoso famosissimo anpries, sang ich zuerst einige französische Romanzen, unter denen der von mir selbst komponierte Troubadour ‚Brulant d’amour en partant pour la guerre‘, die nur wenige verstanden, dann ein komisches Duett mit der Signora Bellina. Ich wurde nun auch mit Komplimenten bis zum Ekel überhäuft, bis endlich Signor Mazzetti, der Musik ein Ende machend, ein kleines Spielchen arrangierte, wobei eine schon ziemlich ältliche und hochgeschminkte Schöne den Bankier und ein neben ihr sitzendes konfisziertes italienisches Gaunergesicht ihren Croupier machte. Jetzt glaubte ich schnell den Schlüssel zu der zuvorkommenden Freundlichkeit des Advokaten gefunden zu haben, und hatte mich nicht geirrt. Man war so aufmerksam, mich zuerst zu fragen, ob ich vielleicht gerne selbst Bank halten wollte. Es war das beliebte Faráone reale (Basetta), das gespielt wurde. Ich dankte ergebenst für die mir zugedachte Ehre. Man gab die Kartenbücher aus, ich gewann ziemlich oft, und nur selten schlug mir eine Karte fehl, doch ließ ich mich nicht durch diesen Gewinn verführen, höher als einen Zechino zu pointieren, obgleich man mich von verschiedenen Seiten aufforderte, da ich in der Glücksader sei, es zu benutzen; auch hatte ich bemerkt, daß der Bankier schon einigemal verstohlene Blicke mit dem Herrn vom Hause gewechselt hatte, ich aber wechselte solche mit der schönen Sängerin, die mich mehr als alle Könige, Paroli sept, quinze, trente-un et le va interessierte, um mich ebenfalls in eine Augenkorrespondenz mit dieser zu setzen, was ich auch zustande brachte. Ich mochte ungefähr einige dreißig Zechini gewonnen haben, als mich dieses Spiel unausstehlich zu langweilen anfing, da es mich hinderte, ein anderes zu beginnen. Ich ließ nun einige Taillen vorübergehen, ohne zu pointieren. Dem Mazzetti, der mich bereden wollte, mein Glück zu poussieren, erwiderte ich, daß mich das Spiel langweile. Dies schien man eben nicht sehr artig zu finden, die Dame Bankhalter und einige andere Spieler verzogen ihre Gesichter, und ihre Stirnen umwölkten sich, ich kehrte mich jedoch nicht daran; um aber den Herren zu zeigen, daß ich nicht aufhören wollte, um den Gewinst in die Tasche zu stecken, setzte ich, was ich gewonnen, jetzt auf eine Karte, Herzdame, und – gewann wieder, ich bog ein Paroli auf die Coeurdame und – gewann abermals. Nun fing mir die Sache bedenklich zu werden an, und ich setzte bald zehn, zwanzig und dreißig Zechinen auf verschiedene Karten, abwechselnd gewinnend und verlierend, endlich erklärte ich, daß ich für diesen Abend zu spielen müde sei, und trat mit einem Gewinn von mehr als neunzig Zechinen ab. Man reichte nochmals Erfrischungen, worauf einige der Damen Tanzlust bekamen, und ich tanzte mehrmals mit der Signora Bellina und der Ballerina von der Scala, die, sonderbar genug, nicht walzen konnte. Es war längst Mitternacht vorüber, als sich die Gesellschaft trennte. Die beiden Theaterprinzessinnen fuhren zusammen in einem Wagen fort; nachdem sie weg waren, erkundigte ich mich bei Mazzetti nach ihren näheren Verhältnissen und erfuhr, daß die Sängerin zwar die Geliebte eines Kommissär-Ordonnateurs sei, der sie unterhalte, aber nichtsdestoweniger zu den Unerbittlichen gehöre; übrigens sei sie noch sehr jung und die Tochter einer Exballerina, die sie dem Kommissär als Jungfrau überliefert habe. Signora Mazzetti – der Advokat war verheiratet –, eine reifere Schönheit, fragte mich noch beim Weggehen, wie es mir bei ihr gefallen habe, und als ich ein „Vortrefflich!“ entgegnet hatte, lud sie mich zudringlich ein, doch den folgenden und alle Abende, wenn mir es angenehm, meine Besuche zu wiederholen. Ich versprach es, zog aber am anderen Morgen durch mein altes Mittel, einen renommierten Haarkräusler, Erkundigungen über dies Haus und seinen Besitzer ein und erfuhr, daß meine Vermutungen nur zu begründet waren, daß nämlich aus dem praxislosen Rabulisten Mazzetti ein Spieler von Profession geworden, der in Verbindung mit einigen Helfershelfern Jagd auf alle bemittelten Fremden mache, diese Zugvögel in seinen Netzen zu fangen und ihnen dann die Federn auszurupfen suche, was ihm auch meistens gelänge, indem er die verführerischsten Frauen von zweifelhaftem Ruf und namentlich Aktricen zu diesem Zweck in sein Haus ziehe. Von den ersteren ständen mehrere förmlich in seinem Sold und seien der Köder, mit dem er seine gefährlichen Angeln umwinde, in den gar manche Gimpel so gewaltig bissen, daß sie sich ganz verbluteten. Ich nahm mir vor, den mir ebenfalls behagenden Köder vorsichtig abzunagen und doch nicht an dem Angelhaken hängen zu bleiben. Bellina war es, die mich anzog. Diese sowie die Tänzerin und noch einige andere Schönen waren mit die unschuldigen Werkzeuge des verdorbenen Rechtsfeindes, das heißt, sie besuchten nur aus Koketterie und Vergnügungssucht Mazzettis Haus, in dem sie sich trefflich unterhielten und lustige Kurzweil fanden, ohne sich um die Spielangelegenheiten und den eigentlichen Zweck dieser Zusammenkünfte weiter zu bekümmern, wenn sie nur ihre Privatabsichten erreichten. So von allem hinlänglich unterrichtet, konnte mir dieses Raubnest unmöglich gefährlich werden, und ich beschloß, dasselbe zu meiner Unterhaltung bestens zu benützen und der liebenswürdigen Sängerin faute de mieux den Hof zu machen, mit der ich dann auch, wenn sie im Theater beschäftigt war, erst nach demselben dort eintraf. Ich spielte unterdessen das Königsspiel in derselben Weise, wie ich es begonnen hatte, fort, ohne zu biegen, jetzt aber mit auffallendem Unglück, so daß mich diese Abende doch ziemlich teuer zu stehen kamen und ich meine Dulzinea bald an einem anderen Ort als in dem teueren Lokal Mazzettis zu sehen suchte, wo ohnehin auch die Nebenzimmer keine ungestörte Unterhaltung erlaubten. Wir waren schnell einig, daß wir uns in der Wohnung einer anderen Aktrice, ihrer Freundin, trafen. Indessen fuhr ich fort, von Zeit zu Zeit die Abende Mazzettis zu besuchen, doch wenig, oft gar nicht spielend, was Ursache war, daß man mich jetzt sehr kalt daselbst aufnahm und am Ende mein gänzliches Wegbleiben gerne gesehen hätte, da es der sauberen Gesellschaft klar war, daß sie eben keinen großen Fang an mir gemacht. – Eines Abends traf ich einen blondlockigen, blauäugigen jungen Mann dort, an dessen Akzent – er sprach nur sehr gebrochen italienisch, aber ziemlich gut französisch – ich sogleich einen Norddeutschen zu erkennen glaubte. Ich hatte mich nicht geirrt, es war ein Kurländer von sehr guter Familie. Dasselbe Manöver, das man mit mir gemacht, wurde auch bei diesem genau wiederholt, nur mit dem Unterschied, daß, da er die Karten immer bog, Paroli und Lapes machte, die Summen, die er gewann und verlor, weit bedeutender waren; er spielte, da er anfänglich gewann, immer kühner, bald aber fing er zu verlieren an. Dabei hatte ich bemerkt, daß Mazzetti, der nie selbst Bank hielt und den ich scharf beobachtete, verschiedene Zeichen gegeben hatte. Es dauerte nicht lange, so war der junge Mann schon in einem Verlust von mehr als fünfhundert Zechinen und von allem baren Geld entblößt. Dies war gegen den gewöhnlichen Gang, den man in dieser Spielhölle zu befolgen pflegte. Aber man sah, daß ich öfters mit dem Fremden sprach, auch hatte ich einigemal deutsche Worte mit ihm gewechselt, die jedoch keinen Bezug auf das Spiel gehabt, und so fürchtete man, daß ich den Fremdling unterrichten und abspenstig machen könnte und dachte: ‚Man muß ihn rupfen, solange er sich noch in unseren Klauen befindet.‘ Ich war daher den Herren ein lästiger Aufpasser, den sie gern los gewesen wären. Der Graf G..., so nannte sich der Goldvogel, nahm nun den Wirt beiseite und bat ihn, ihm gegen Versatz eines schönen Solitärs und einer Brillantnadel eine Summe vorstrecken zu wollen; man lieh ihm hundert Zechinen darauf, und als auch diese verloren waren, noch fünfzig auf eine prächtige mit Perlen besetzte goldene Repetieruhr. Der Graf war desperat, als er auch dies letzte Geld verloren hatte, und rief unwillkürlich auf deutsch aus: „Jetzt bin ich verloren!“ Ich unterhielt mich jetzt in seiner Muttersprache mit ihm, und alle, besonders aber der Fuchs Mazzetti, spitzten gewaltig die Ohren, und Ärger und Wut drückten sich auf dem Gesicht des letzteren aus, daß er nicht verstand, was da in einer Sprache verhandelt wurde, die kein anderer der Anwesenden sprach und einige nicht einmal kannten. Der Graf entdeckte mir, daß er jetzt aller Mittel beraubt sei, um weiter zu reisen, und daß er erst in vier Wochen im günstigsten Falle wieder neue Wechsel erhalten würde, die er in Rom vorfinden solle. – Auf meine Frage, wie er in dies Haus gekommen sei, erzählte er mir, daß er die Bekanntschaft eines der anwesenden Herren, er bezeichnete mir ihn, in einem Kaffeehause gemacht, der ihn mit großer Artigkeit und Zuvorkommenheit hier eingeführt habe; er wisse nun für den Augenblick keinen Rat und schäme sich vor dieser ehrbaren Gesellschaft. – Ich ersuchte ihn, sich zu beruhigen, und erbot mich, ihm zwanzig Zechinen zu leihen, ihm bemerkend, daß man mit geliehenem Geld gewöhnlich Glück habe, bat ihn aber, nicht eher fortzuspielen, als bis er auch mich pointieren sehen würde. Ich ersuchte nun den Signor Mazzetti, mir einen Augenblick Gehör schenken zu wollen, da ich ihm etwas Wichtiges unter vier Augen mitzuteilen habe. Wir begaben uns in ein Nebenzimmer, wo ich ihm zuerst eröffnete, daß ich kein durchreisender Cavaliero, sondern ein französischer Kapitän wäre, der im Begriff sei, sich zu seinem im Kirchenstaat stehenden Regiment zu verfügen, und bat ihn sodann, mir doch die Freundschaft erweisen zu wollen, den jungen Fremden, der ein Landsmann von mir sei, sein verlorenes Geld wiedergewinnen zu lassen. Der Rabulist tat zuerst, als verstände er nicht, was ich wollte, und als ich ihm mein Begehren so deutlich auseinandersetzte, daß er nicht mehr gut ein Mißverständnis affektieren konnte, spielte er den Beleidigten, den Galant-Uomo, dem man Satisfaktion für solche Schmähung schuldig sei und so weiter. Ich fiel ihm aber sehr ernst ins Wort, indem ich ihm ohne alle Umstände rund heraus erklärte, daß hier alle seine Rabulistenschwänke vergeblich seien, indem ich schon längst außer allem Zweifel über das Metier sei, das er und seine Spießgesellen trieben, und daß, wenn der von ihnen in die Falle gelockte junge Mann nicht diesen Abend sein Geld wiedergewönne, ich mich noch in der Nacht oder doch morgen mit Tagesanbruch zu dem Platzkommandanten verfügen und diesem die Sache anzeigen würde, wo dann er und alle seine Helfershelfer zum Galgen oder zur Galeere reif sein würden. – „Sie wissen, daß wir wenig Federlesens machen,“ setzte ich noch hinzu, „und es uns auf ein paar Kugeln nicht ankommt.“ – Der alte Gauner wollte zwar noch allerlei Umstände machen, die ich aber mit einem: „Wohlan, ich gehe zum Platzkommandanten, der dann die Polizei requirieren wird,“ beseitigte, und gab ihm, auf die Uhr sehend, genau eine halbe Stunde Zeit, dem Grafen wieder zu seinem Verlust zu verhelfen, indem ich bemerkte, daß ich vollkommen die Kunstgriffe kenne, die hier angewendet würden, um das Spiel nach Gefallen zu lenken. (Dies war ein ben trovato und non vero.) Dem verstockten Sündenknecht fiel jetzt das Herz in die Schuhe, er bat um Schonung und versprach meinen Wunsch zu erfüllen, ersuchte mich aber demütig, ihm mein Wort zu geben, von der Sache gegen niemand etwas zu erwähnen, was ich auch tat. Ich kehrte mit ihm in das Spielzimmer zurück, nahm ein Libretto in die Hand, fing an zu pointieren, nachdem ich dem Grafen deutsch gesagt hatte, er möge jetzt nur ganz mir nachsetzen. Wir verloren noch dreimal, als ich aber beim drittenmal dem Mazzetti einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, fingen wir zu gewinnen an, und ich bog nun die Karten gegen meine Gewohnheit. In weniger als zwanzig Minuten war mein Kurländer wieder zu all seinem Geld gekommen und imstande, auch seine Pretiosen einzulösen; ich hatte an siebenhundert Zechinen gewonnen. Wir empfahlen uns bald darauf mit einem felicissima notte, die hochansehnliche Gesellschaft mit langen Gesichtern zurücklassend. Den Grafen G... begleitete ich bis in sein Hotel, gab ihm den guten Rat, sich diese Begebenheit zur Warnung für ganz Italien dienen zu lassen, wo man allen bemittelten Fremden unaufhörlich solche Fallen stelle, und wir schieden unter Versicherung einer unverbrüchlichen Freundschaft.

Als ich Bellina am anderen Morgen diesen Vorfall mitteilte – sie war an dem Abend nicht bei Mazzetti gewesen – und ihr dabei vorhielt, daß sie sich von dem alten Spitzbuben zu einem der Lockvögel gebrauchen lasse, womit man die Fremden auf die Leimrute ziehe, versicherte sie mir mit Tränen in den Augen, daß sie dies in aller Unschuld getan, von diesen Umtrieben nicht das geringste geahnt und nur der angenehmen Unterhaltung halber diese Soireen besucht habe. Daß sie Wahrheit sprach, davon war ich schon früher überzeugt. Noch denselben Morgen machte ich eine Promenade mit ihr und bestieg die höchste Spitze des Doms in ihrer Gesellschaft, wo wir uns an der entzückenden Aussicht in die schöne Lombardei weideten.

Einige Tage später setzte ich meine Reise über Florenz fort, denn es zog mich mit aller Macht nach Rom, und je näher ich dieser Stadt kam, desto mehr brannte ich vor Ungeduld, die Cesarini wiederzusehen, da ich, seitdem ich sie verlassen, noch kein zweites, ihr ähnliches weibliches Wesen wieder kennen gelernt hatte. Ich fuhr von Florenz denselben Weg, den ich vor etwa einem halben Jahr gemacht, in der entgegengesetzten Richtung zurück, oft an dem Rande der schaurigsten Abgründe der Apenninen vorbei, aber von den Räubern und Banditen, vor denen man mich so sehr gewarnt, sah ich keine Spur, obgleich mein Louis in jedem vorüberwandernden Bauer einen solchen wittern wollte und sich schlagfertig machte. Vor Viterbo brach die Vorderachse meines Wagens, wodurch ich genötigt war, mich beinahe drei Stunden in diesem Orte aufzuhalten, weshalb ich auch erst spät in der Nacht zu Rom ankam und mein Vorhaben, Gertrude noch denselben Abend aufzusuchen und zu überraschen, denn ich hatte ihr zwar mein Kommen geschrieben, aber nicht die Zeit bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an dem Spanischen Platz ab und eilte am anderen Morgen, so früh es tunlich war, zu Torlonia, der über meine unerwartete Ankunft erstaunt schien. Als ich ihm aber meine Hoffnung, die Kommandantur von Albano wieder anzutreten, vertraute, teilte er mir die ganz unerwartete Nachricht mit, daß das Bataillon schon seit zehn Tagen den Kirchenstaat verlassen und in das Regno, so nennen sie gewöhnlich in Rom das Königreich Neapel, abmarschiert sei. Dies warf mit einem Schlag meine Projekte über den Haufen, und alle meine Pläne wurden zu Wasser. Ich erkundigte mich jetzt zuerst nach der Cesarini und hörte, daß der Herzog und seine Gattin so gut wie völlig getrennt lebten. Ich ließ ihr ein Billettchen zustellen, in dem ich ihr meine Ankunft meldete und sie bat, mich wissen zu lassen, wann ich das Vergnügen haben dürfe, sie zu besuchen. Eine halbe Stunde darauf fuhr ein Wagen vor mein Hotel, dem zwei schwarz gekleidete, verschleierte Damen entstiegen, gleich darauf öffnete eine Cameriera meine Zimmertür, und Gertrude lag in meinen Armen. Wir blieben einige Minuten lang im stummen Entzücken des Wiedersehens, und war es von meiner Seite auch nicht mehr das Feuer der Liebe, das mich beseelte, so fühlte ich doch eine wahrhaftige, aufrichtige und dankbare Freundschaft für die Principessa. Aber die schlanke Nymphentaille, die mich früher so entzückte, war verschwunden, und der Leib hatte sich gewaltig arrondiert, auch die Gesichtszüge waren weniger fein und etwas aufgedunsen, wie dies bei den Frauen gegen das Ende einer Schwangerschaft meist zu sein pflegt. Nichtsdestoweniger schloß ich sie zum zweiten- und drittenmal in meine Arme und drückte sie fest an meine Brust, ich war ja der Urheber dieses Zustandes. Sie fragte mich endlich lächelnd: „Nicht wahr, du findest mich sehr verändert?“ Dabei sah sie mich mit forschenden Augen an. Ich erwiderte die Frage nur durch Küsse. Nachdem endlich des Bewillkommens genug, kamen andere Dinge zur Sprache, und sie war außer sich, als ich ihr mitteilte, daß sich mein Aufenthalt in Rom nur auf wenige Tage erstrecken könne, da ich dem Bataillon nach Neapel folgen müsse. Sie brachte fast die ganze Nacht bei mir zu, und erst gegen Morgen geleitete ich sie heim. Wir sahen uns nun jeden Tag, und ich machte nirgends Besuche, um die wenige kostbare Zeit nicht mit unnützen Dingen verstreichen zu lassen. Nicht einmal Vasis suchte ich auf; die Vernetti lag in den Wochen.

Schnell waren die zehn Tage verstrichen, die ich längstens in Rom verweilen durfte und durch Extrapost wieder gut machen konnte. Ich fürchtete mich vor dem Abschied, der auch wieder herzbrechend genug war. Ernstlich verbat ich mir diesmal jede Geschenke und verbot auch meinem Bedienten, hinter meinem Rücken etwas anzunehmen; dennoch bestach ihn Gertrude wieder, und in Neapel angekommen, fand ich abermals das Wagenkistchen mit allen möglichen Dingen gefüllt, auch wieder mehrere Rollen Gold vor. Wir hatten die letzte Nacht noch bis zum grauenden Morgen zusammen zugebracht, und es war heller Tag, als ich zu dem nach Albano führenden Tor hinaus, und ohne mich weder bei Tag noch bei Nacht länger, als es das Umspannen erforderte, aufzuhalten, bis nach Neapel fuhr, wo ich mich sogleich bei Düret und dann bei dem jetzigen Oberst des Regiments, Omeara, meldete. Ersterer empfing mich wie immer sehr wohlwollend und freundschaftlich und erzählte mir als Neuigkeit, daß Caguenec abermals in strengem Arrest auf dem Fort sitze, weil er wieder einen Straßenunfug im Verein mit einigen jungen Leuten, meist Kadetten, in der Trunkenheit verübt habe, wobei sie des Nachts die Laternen in Toledo und die Gläser und Scheiben in einigen Eisbuden zerschlagen hätten.

VII.
Ankunft in Neapel. – Das Liebhabertheater in Giesù nuovo. – Besteigung des Vesuvs. – Der Hof des Königs Joseph. – Eine deutsche Vorstellung. – Helenchen Cramer. – Caserta. – Nocera de pagani. – Die Ruinen von Pestum. – Zweiter Feldzug in Kalabrien. – Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal. – Die Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. – Monteleone. – Ermordung eines Kuriers. – Fondaco del Fico. – Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den Briganten. – Die hübsche Kalabreserin. – Mileto. – Belagerung der Festungen Scilla und Reggio. – Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. – Rückmarsch nach Neapel. – Abreise nach Genua.

Der Oberst Omeara hielt mir, als ich mich bei ihm gemeldet, einen kleinen Sermon wegen der Geschichte in Albano und gab mir das Kommando der noch vakanten Voltigeurkompagnie, die sich freute, ihren alten kreuzfidelen Kommandeur, wie die Leute sagten, wiederzuerhalten, und der ich fünfzig Dukati (etwa hundert Gulden) zum besten gab, damit sie sich einen guten Tag mache. Zugleich übergab mir der Oberst auch das Musikchor wieder, das, wie er behauptete, seit meiner Abwesenheit sehr vernachlässigt worden, und bat mich, doch einige neue Märsche zu komponieren; ich schrieb ein halbes Dutzend pas redoublés nieder, welche zum Geschwindschritt recht animierten, und dedizierte sie dem Herrn Oberst, der mich dafür manchmal zur Tafel lud.

Diesmal wurde auch mir mein Quartier in Giesù nuovo angewiesen, wo ich noch die mir wohlbekannten Damen Gasqui, Alphonse, Grenet und so weiter antraf, die, wie es schien, ihr permanentes Hauptquartier in dem alten Palazzo der ehrwürdigen Väter Jesu aufgeschlagen hatten, während ihre Männer alle möglichen Kreuz- und Querzüge machen mußten. Das französische Liebhabertheater bestand immer noch, und man veranstaltete von Zeit zu Zeit Aufführungen, allein es fehlte ihm gerade ein erster Liebhaber. Ich wurde daher von den Damen freudig als ein solcher empfangen. Die Freude sollte aber nicht von sehr langer Dauer sein; daß ich indessen die mir gemachten Offerten nicht abschlug, kann man sich denken. Ich erhielt sogleich ein ganzes Dutzend Rollen, aus Lustspielen von Molière, Mercier, Beaumarchais und so weiter, aber auch der hohe Cothurn wurde angeschuht, und man wagte sich an Crébillon, Corneille, Racine und so weiter. Ich studierte meine Rollen meistens mit Madame Gasqui tête-à-tête ein, und da dieser in den meisten Stücken die Rolle meiner Geliebten zugeteilt war, so wurden unsere Proben mit vielem Feuer gehalten, dem natürlich zuletzt Ermüdung und Erschlaffung folgen mußte. In Molières Tartüffe hatte ich mich sogar an die Titelrolle gewagt, und in seinem Cocu imaginaire spielte ich den Lelie, beides mit Beifall.

Auch meine Signora Speziale suchte ich wieder auf und fand freundliche Aufnahme, vor allem aber war mir jetzt daran gelegen, endlich einmal den Vesuv zu besteigen, was ich bei meiner früheren zweimaligen Anwesenheit in Neapel versäumt hatte, und da ich fürchtete, es möchte abermals ein Deus ex machina oder die Marschorder dazwischen kommen, so drang ich auf die Ausführung dieses Projekts, das auch von den Damen in Giesù nuovo unterstützt wurde, da sie es bis jetzt bei ihren Männern nicht hatten dahin bringen können, dem alten Feuerspeier einen Besuch abzustatten. Außer den Damen Gasqui, Grenet, Cramer, Mutter und Tochter, und deren Männern, war auch noch der junge Stock, der Neffe des Herrn Moritz, und dessen Arzt mit seiner Gattin von der Partie, so daß wir im ganzen fünfzehn Personen zählten. Wir fuhren bis Resina, wo man die Wagen verließ, um Maultiere und Esel zu besteigen, mit deren Führern der bei uns befindliche neapolitanische Doktor einen förmlichen Vertrag, jedoch nur mündlich abschloß; er mußte dabei gewaltig debattieren, und es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bevor er ihn zustande brachte. Das Hin- und Herhandeln wollte kein Ende nehmen, es war ein wahres Gezänk, alle Augenblicke glaubte ich, daß man sich bei den Köpfen nehmen würde, und wollte mich einigemal ins Mittel legen, was sich aber der zu sehr knickernde Medico verbat, indem er meinte, dann wäre gar kein Ende abzusehen. – Nachdem endlich der Eselshandel abgeschlossen war, setzte sich die nun berittene Karawane in Marsch. Die Patrone der Langohren hörten nicht auf, diese durch ihr gellendes Geschrei zum Voranschreiten aufzumuntern, und wenn sie ihre Schritte ralentando nehmen wollten, zogen sie sie bei den Schwänzen an, was dann einen kurzen Trab bewirkte. Gleich anfangs passierten allerlei kleine Malheurs; der Esel, welcher das Glück hatte, Madame Grenet zu tragen, gebärdete sich sehr ungezogen und warf sich endlich gar nieder. Kaum hatte die Dame noch Zeit gehabt, sich loszumachen, als sich das unflätige Tier auf den Rücken legte und, mit greulichem Geschrei alle Viere in die Höhe streckend, sich wälzte. Das unvernünftige Tier nahm gar keine Räson mehr an, da half weder Zureden noch Stoßen, auch wollte Madame Grenet um keinen Preis mehr dasselbe besteigen, und seinem Führer blieb nichts anderes übrig, als zurückzulaufen und ein anderes, gehorsameres Tier herbeizuschaffen, was ziemlich schnell abgemacht war, da der die ganze Gesellschaft belustigende Auftritt noch ganz nahe bei Resina vorgefallen war. Ich hatte der Dame mein Maultier angeboten, das ihr aber zu hoch war. Sie bestieg jetzt nach vielem Zureden den neuen Esel, aber zwei Kavaliere mußten ihr beständig zur Seite reiten und der Patron das Tier am Zaum führen; wir setzten uns wieder in Bewegung, der ergötzliche Vorfall hatte uns einen Aufenthalt von beinahe einer halben Stunde verursacht. Gleich hinter Resina kamen wir auf die schwärzliche Lava, und bald schien die Natur öde und ein düsteres Trauergewand angelegt zu haben; es war, als habe hier eine verheerende, alles verdorrende Hand gewütet. Bäume und Sträucher wurden immer seltener, bald sah man nur hier und da noch ein Stückchen angebautes Land, gleich einer Oase in der Wüste. Der Anblick des Ganzen stimmt sentimentale Gemüter leicht zur Schwermut und Melancholie; aber hier wachsen auch die berühmten Christustränen (Lacrimae Christi), denen nicht mehr wie billig die neapolitanische Geistlichkeit und die Mönche so zugetan sind, wie dereinst die Pfaffen am Rhein der Liebfrauenmilch. – Bald waren wir ganz von Lava umgeben, aber eben diese Lava ist es, welche den Boden um den Vesuv herum zum fruchtbarsten und ergiebigsten der Welt macht, der nie des Düngers bedarf und bei wenig Zoll Tiefe das Vortrefflichste und Köstlichste, was Landwirtschaft hervorbringen kann, gibt. Kein Fleck der Erde ernährt im Verhältnis seines Umfanges eine solche Seelenzahl, wie dieser, und nicht mit Unrecht sagt der Neapolitaner: „Der Berg speit Gold aus.“ Auf der hundertjährigen Lava bildet sich zuerst eine Art Moos, das sich dann in Staub und Erde verwandelt, aus welcher bei geringer Pflege erst Pflanzen, dann Sträucher und endlich Bäume hervorsprießen, und aus dem ödesten Ort wird der fruchtbarste, wenn ihn nicht neue Lavaströme verwüsten. Von den hohen Ulmen hängen die Purpurtrauben in nie gesehener Fülle und Schönheit herab. Wir kamen nun an Schluchten und Abhängen vorbei, über Lavabrücken zu dem Piano delle Ginestre, einer kleinen Fläche, von der aus man ein unabsehbares düsteres, schwarzgraues Schlackenmeer erblickt, wo weder das Hälmchen einer Pflanze noch der Flug eines Vogels zu sehen noch das Summen eines Insekts zu hören ist und nicht die mindeste Abwechslung das ewige Einerlei unterbricht, eine gräßliche Öde, wie sie die Edda am Ende der Eiswelt beschreibt. Jetzt gelangten wir zur Einsiedelei San Salvatore auf der Somma, wo uns der schon sechzigjährige aber noch sehr rüstige Eremit recht freundlich empfing, und hier eröffnete sich dem ermüdeten Auge eine entzückende, unbeschreiblich schöne Aussicht. Diese Eremitage besteht aus einigen Kammern und einer kleinen Kapelle. Wir stärkten uns in derselben durch einen guten Imbiß für die noch zu bestehenden Strapazen. Die mitgenommenen Provisionen wurden ausgepackt und unter einigen Bäumen vor der Einsiedelei verzehrt. Der Eremit lieferte uns außerdem noch Salami, Brot, Käse, Eier und Lacrymä Christi, und zwar echten, reinen und unverfälschten, wofür wir ihn unsererseits mit ein paar Zechinen beschenkten, wodurch seine Freundlichkeit noch erhöht wurde. Der gute Greis führte gar kein übles Leben in seiner Einsamkeit, und während der langen Zeit, die er daselbst zugebracht, haben ihn gar manche hübsche Bauernmädchen und junge Bauernweiber besucht, ihn immer reichlich mit nahrhaften Lebensmitteln versehend; in der guten Jahreszeit kommen jeden Tag Fremde, die ihn beschenken, auch hatte er schon ein artiges Kapitälchen bei einem Bankier in Neapel stehen. Sein Vorgänger hätte über zwölftausend Ducati hinterlassen. Dieser letztere war ein Franzose und ehemaliger Kammerdiener der Pompadour gewesen, der in dem hohen Alter von einundneunzig Jahren hier starb. Bevor wir uns zur Weiterreise anschickten, brachte uns der Eremit sein Fremdenbuch, in das wir alle unsere Namen einschrieben und in dem sich Namen aus allen Weltgegenden und von allen Nationen, mitunter manche berühmte und berüchtigte, befanden. Wir ritten jetzt längs der Somma auf schmalen Höhen, Lavaschluchten zu beiden Seiten, bergan, bis wir an das Atrio del Cavallo kamen, einen zwischen der Somma und dem Vesuv liegenden Talgrund, den Ort, an dem man bis zum Jahre 1630 Halt machte, weil er zu jener Zeit mit üppigen Bäumen und Pflanzen bewachsen war, ja sogar eine fette Fütterung für Maultiere und Pferde bot; seitdem wurde er aber von der Lava überströmt und ist jetzt nur noch ein versteinertes Lavameer. Hier stiegen wir alle ab, da der noch übrige Teil des Weges, der jetzt sehr beschwerlich wurde, zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Unsere von Resina mitgenommenen Führer banden uns besondere Gurten, auch den Damen, um den Leib und befestigten Stricke daran, an die sie sich selbst festbanden. So zogen sie uns durch das mit jedem Schritt vorwärts immer tiefer werdende Aschenmeer; der Boden schien unter unseren Tritten zu weichen, die Luft wurde, je mehr wir voran kamen, schwefelgeschwängerter, so daß sie bei denen, die keine sehr guten Lungen haben, zuletzt Bangigkeit und Beängstigung der Brust hervorbringt. Die Asche wurde so tief, daß die Damen genötigt waren, ihre Kleider bis beinahe über die Knie hinaufzuheben; sie hatten sich aber alle mit grauen Unterbeinkleidern versehen. Unsere zweibeinigen Zugtiere trieften von Schweiß, auch uns, die sie zogen, standen dicke Tropfen auf der Stirne. Alle Augenblicke mußte Halt gemacht werden, damit die Damen Atem schöpfen konnten. Sie hatten sämtlich ihre sonst so süßen Gesichter in saure Falten gezogen, nur die junge Cramer, meine halbe Landsmännin, ein Offenbacher Kind, machte noch immer ein freundlich lächelndes Gesicht. Je höher wir stiegen, desto schwieriger wurde das Vorankommen und desto gewaltiger pochten die Herzen der Damen, aber diesmal nicht vom Feuer der Liebe, sondern von der Hitze und Asche des Vulkans getrieben.

Dennoch konnten manche der Herren ihre boshaften Späße nicht lassen, die Waden und etwas krummen Beine einiger Frauen bekrittelnd, doch erlaubten sich nur die Ehemänner dergleichen Unziemlichkeiten. Ich machte meine Betrachtungen nur im stillen, ohne sie durch Tadel oder Spott kundzugeben, auch meinten die sich getroffen fühlenden Schönen ärgerlich, es sei jetzt keine Zeit zu solchen Scherzen, und hatten recht, denn wir waren bereits auf einem Terrain angekommen, in welches unsere Führer mitgebrachte, mehrere Zoll lange Späne steckten, die sie rauchend und endlich glühend wieder hervorzogen, so nahe waren wir dem höllischen Feuermagazin.

„Bis hierher und nicht weiter,“ sagten unsere Ciceroni, nachdem sie das Experiment einigemal vorgenommen hatten. Ermüdet genug, machten wir einen allgemeinen Halt. Kaum ein paar hundert Schritte von uns wogte noch flüssige Lava. Mit einigen mitgebrachten Orangen erquickte ich die nach Labung lechzenden Gaumen unserer Schönen, wofür mir vielsagende dankende Blicke wurden, und die letzte teilte ich mit dem freundlichen Helenchen Cramer, die ich als giovine principiante auf dieser beschwerdevollen Reise in ganz besondere Affektion nahm. Wir standen nun nahe am Rand des flammenwirbelnden Höllenrachens, dem die glühenden Feuerregen und Fluten entströmen, die alles, was sie berühren, verheeren und vernichten; ihr Gang ist zwar langsam und schwerfällig, aber um so sicherer erreichen sie Verderben bringend das Ziel. Hat die flutende Glut einen Baum umschlungen, so sieht man alsbald dessen grüne Blätter sich zuerst gelb, dann braun und endlich schwarzgrau färben, Stamm und Zweige fangen bald zu glühen an, und in kurzer Zeit ist der Baum in Asche verwandelt. Majestätisch, ohne sich zu eilen, wälzt sich der Strom herab, ohne jedoch eine Minute zu versäumen; kommt die Lava an einen Gegenstand, der sie am Voranschreiten hindert, so steigt sie an demselben empor, bis sie ihn überreicht und umgeben hat, und setzt dann ihren Lauf wieder ungestört fort. Die brennenden Massen überwältigen alles, selbst Mauern und Felsen. Fliehend entgeht ihnen zwar der Mensch und das Tier, doch darf keines der anscheinenden Langsamkeit allzusehr trauen, sonst ist er verloren.

Hier, am Rand dieses Kraters, findet man es begreiflich, wie Dichter und Völker den Abgrund oder Eingang zur Hölle vermuten konnten, denn furchtbar schauerlich liegt es zu des Menschen Füßen, und er erkennt sein erbärmliches Nichts. Gräßlich gezackte, mit Schwefel und Asche bedeckte Lavarinde umgibt den höllischen Schlund, dem unzählige Rauchsäulen unaufhörlich entsteigen, ihn fast immer dem Auge entziehend. Man ist geneigt, an das Dasein eines infernalischen Spukes zu glauben. Hier ist man abgeschieden von allem, was atmet und lebt, es sei Tier, Insekt oder Pflanze, und nur ein donnerähnliches Getöse läßt sich von Zeit zu Zeit vernehmen. Wirft man einen Stein mit Kraft auf den Boden, so dröhnt es hohl, wie über einem Gewölbe. Ich stand, das seltsame Schauspiel anstaunend, dicht neben Helenchen, die sich vor demselben grausend, so fest an mich schmiegte, daß ich das kleine Herzchen pochen hörte, und nicht umhin konnte, das geängstigte Täubchen mit meinem schützenden Arm zu umfangen. Da der unaufhörlich aufsteigende Rauch manchmal so dicht wurde, daß er uns gleichsam in eine Wolke hüllte und vor den übrigen unsichtbar machte, so konnte ich selbst an den Pforten der Hölle der Versuchung nicht widerstehen, meinem kleinen Engel durch Küsse Mut einzuflößen. Man muß in allen Dingen die sich darbietende Gelegenheit schnell benützen, denn sie kommt oft nie wieder. Dies hatte ich aus Lafontaines Fabeln, aus der, wo der Geliebte, um das Brautkleid der Schönen zu schonen, die ihn vor ihrer Vermählung mit einem anderen noch glücklich machen will, einen Teppich holt und so um das ihm zugedachte Glück und eine Jungfernschaft kommt. – In einem hübschen Salon oder gewöhnlichen Wohnzimmer würde sich die junge Taube vielleicht gesträubt haben, aber hier, vor dem furchtbaren Naturschauspiel, wo sie kaum zu atmen wagte, ließ sie sich das Herzen und Küssen recht willig gefallen, dachte nicht an ein Widerstreben, und so war die Einleitung zu weiteren Bewilligungen schnell gemacht.

Nachdem wir wohl zwei Stunden hier zugebracht und uns dennoch kaum satt gesehen hatten, traten wir den uns leichter werdenden Rückzug an, der fast in ein Laufen durch die Asche ausartete. An dem Ort angekommen, wo die Langohren unserer harrten, bestiegen wir wieder das liebe Vieh, und ich ritt vergnügt und heiter an Helenens Seite bis Resina, wo wir eine bestellte Cena einnahmen und uns sodann in den Wagen setzten. Ich hatte zwar versucht, mich vis-à-vis dem Fräulein Cramer zu placieren, aber die Damen Gasqui und Grenet, welche meine Absicht merkten, wußten sie zu vereiteln, und ich mußte mit ihnen und Herrn Grenet einen Wagen besteigen. Eine Stunde vor Mitternacht waren wir in Giesù nuovo angekommen und unterhielten uns bei Madame Gasqui, die ihrem daheimgebliebenen Gatten die gesehenen Wunder rapportierte, noch lange bis nach Mitternacht von den gehabten Genüssen.

Den nächsten Morgen hatten wir Probe von der „Phädra“, die in einigen Tagen aufgeführt werden und deren Vorstellung der Hof beiwohnen sollte. Unser Liebhabertheater fing an, immer mehr Aufsehen zu erregen; die Gasqui und Grenet spielten sehr gut, erstere besonders in dem Lustspiel und in den Vaudevilles, in denen sie hübsche Romanzen, trefflich vorgetragen, einlegte. Auch noch zwei andere aktive Damen waren seit kurzem der Gesellschaft beigetreten, die beide nicht minder gefielen; eine machte wirklich Furore. Madame Damiette war die Gattin eines Kriegs-Kommissärs, die sich mehr für heroische Rollen und Anstandsdamen eignete, die andere, Madame Detrée, war die junge Frau eines Obersten von der Linie und als semimentale Liebhaberin unübertrefflich; daß sie aber auch außer der Szene dieses Fach vorzüglich bekleidete, sollte ich bald erfahren. Der Oberst war mit seinem Regiment in Kalabrien, und was war natürlicher, als daß sich die junge Frau, eine kaum zwanzigjährige Französin aus Orleans, zu entschädigen und zu trösten suchte? Zur „Phädra“ hatte ich die Rollen so verteilt, daß Madame Damiette die Titelrolle, Herr Damiette den Theseus, Madame Detrée Aricie, Madame Gasqui Ismene, Madame Grenet Oenone und ich den Hippolyte spielte. Die Gasqui wollte sich zuerst durchaus diese Rollenverteilung nicht gefallen lassen und die der Aricie übernehmen. Nur mit großer Mühe brachte ich es dahin, daß sie sich mit der Ismene begnügte, indem ich ihr vorstellte, daß sie ja doch die Königin des Lustspiels und des Vaudevilles sei und der Madame Detrée wohl die Freude lassen könne, eine traurige Liebhaberin zu machen. Dies half, – ich ging jetzt fleißig die Rollen bald mit der Phädra, bald mit der Aricie, mit letzterer etwas leidenschaftlicher, durch, und nach einem Dutzend Proben und ein paar Generalproben glaubten wir uns imstande, vor einem allerhöchsten Publikum produzieren zu können, denn die beiden Majestäten mit glänzendem Gefolge geruhten, derselben, wie gesagt, beizuwohnen. Namentlich war die Königin von jungen und schönen Damen umgeben, und dies machte, daß wir uns alle die größte Mühe gaben, etwas nicht ganz Gewöhnliches zu leisten. Die Vorstellung fiel auch wenigstens leidlich aus, ihre Majestäten hatten sich amüsiert, und mein Hippolyt hatte dem König Joseph so gefallen, daß ich bald nach dieser Vorstellung eine Einladung an den Hof bekam, wo es so ziemlich ungeniert, durchaus nicht steif herging und bei weitem kein so ängstliches und oft komisches Zeremoniell beobachtet wurde, wie an dem Hof seines kaiserlichen Bruders. Joseph war ein ziemlich natürliches Menschenkind, hatte sogar etwas Treuherziges in seinem Benehmen, er würde als Privatmann gewiß ausgezeichnet und ein guter Familienvater geworden sein, und man hätte dann seine Schwächen weniger oder gar nicht bemerkt. Seine Stellung auf dem Thron von Neapel war nicht die beneidenswerteste, ja fast peinlich zu nennen. Er sollte und durfte nur das gehorsame Werkzeug seines ihn tyrannisierenden Bruders sein, dessen Ab- und Ansichten selten mit den seinigen harmonierten, der auch in großer Entfernung von Neapel keineswegs den Zustand der Dinge daselbst so kannte, um ihn richtig beurteilen und leiten zu können. An Ort und Stelle fanden sich nicht zu überwindende Schwierigkeiten, die er in Paris oder seinen Hauptquartieren kaum ahnte. Er geriet aber in Wut und Zorn, wenn man sie in Neapel nicht wie er wollte, augenblicklich aus dem Wege räumte. Joseph hatte nicht verlangt, König zu sein, ja er war es fast gegen seinen Willen geworden. „Lasse mich in meiner Familie regieren,“ hatte er zu seinem Bruder gesagt, ehe er Frankreich verließ.

Die Königin Julie, Tochter des Kaufmanns Clairet zu Marseille, war in diesem Stück ganz mit ihrem Gatten einverstanden und eine vortreffliche, herzensgute Dame, die mit Engelsgeduld die Untreue und Schwächen ihres Gemahls nicht nur ertrug, sondern sogar entschuldigte und zu beschönigen suchte. Sie war erst kürzlich von Frankreich gekommen, und von allen Schwiegertöchtern der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, diejenige, welche diese am meisten und aufrichtigsten liebte. Am Hof des Königs Joseph zu Neapel herrschte ein etwas militärischer Ton, wozu die fortwährenden Unruhen im Königreich und namentlich in Kalabrien, welche machten, daß man ewig auf dem qui vive sein mußte und ab- und zuging, das ihrige beitrugen. Die königliche Tafel verlassend, stiegen die Generale und Stabsoffiziere nicht selten in die Wagen oder zu Pferde, um sich nach Kalabrien und so weiter zu begeben, da von dort oder aus anderen Gegenden des Reiches während der Mahlzeit schlimme und bedenkliche Nachrichten eingelaufen waren. Von Josephs Hofhaltung in ihrem Innern wurde ich damals nicht genauer unterrichtet, da auch mich das Schicksal bald wieder aus Neapel rief, nachdem ich nur einigemale am Hofe erschienen und also noch ziemlich fremd war. Erst in ihrem Exil zu Frankfurt lernte ich die daselbst unter dem Namen einer Gräfin von Survillier mit ihren beiden Töchtern wohnende Exkönigin und ihren vortrefflichen Charakter näher kennen.

Auf Anstiften meines Vetters Moritz, der ebenfalls unseren Aufführungen in Giesù nuovo beiwohnte, arrangierte ich auch eine deutsche Vorstellung, und zwar „Kabale und Liebe“, bei der eine Frau von Gemmingen, die Gattin eines Kapitäns, die Lady Milford, Helene Cramer die Luise und eine Madame Reisinger die Mutter, der junge Stock den Vater spielten und ich mein altes Paradepferd, den Major Ferdinand, hervorsuchte. Die Vorstellung war, trotzdem sich die Liebe zwischen mir und Helenchen ins Spiel mischte, nicht sonderlich, obgleich die sehr nachsichtigen deutschen Zuschauer, die Franzosen und Italiener räumten den Saal alle gleich nach dem ersten Akt, sich trefflich unterhalten haben wollten. Damit hatte es aber sein Bewenden mit dem deutschen Theater, obgleich Moritz gerne noch andere ältere Stücke als angenehme Erinnerungen an seine Jugend aufgeführt haben wollte. Die Sache war zu schwierig, Akteurs und Aktricen zu schlecht, so daß ich selbst einen Degout an deutschen Vorstellungen bekam. Denn obgleich Helene Cramer mit großer Naivität und vielem Feuer spielte, so zog ich es doch vor, außerhalb der Bühne die Liebhaberrollen bei ihr zu übernehmen, und teilte jetzt mein Herz hauptsächlich zwischen Madame Detrée und ihr. Sie wohnte bei ihren Eltern in der Fortezza nuova, wo ich sie oft sah, und zwar unter der sehr strengen Aufsicht der Frau Mama, die das Goldtöchterchen auch keinen Schritt allein tun ließ und so unrecht nicht hatte. Wir besuchten zwar fast alle Theater miteinander, aber immer in Gesellschaft der Mama, die nicht von der Seite wich. Ich hatte also fast nur ein theoretisches, platonisches Verhältnis mit Demoiselle Cramer, während das mit Madame Detrée vollkommen materiell war. – Madame Cramer ließ mich nicht undeutlich merken, daß ihr Töchterchen eine vortreffliche Partie für mich wäre. Aber an das Heiraten und gar an das Heiraten als Offizier, deren Weiber, um den ewigen Gelegenheiten der Verführungen zu widerstehen, ganze Engel oder Mütter Gottes sein müßten, dachte ich so wenig, als ein Kapuziner zu werden. – Ohne die Mutter gerade vor den Kopf zu stoßen, wußte ich dennoch solchen Anspielungen gehörig auszuweichen und suchte noch einige Lustpartien zu veranstalten, in der Hoffnung, dabei Gelegenheit zu finden, der Mama Argus ein X für ein U vormachen zu können. Ich lud die Familie zu einer Fahrt nach dem schönen königlichen Schloß zu Caserta, einem der herrlichsten Schlösser der Welt, ein. Aber auch hier kam ich nicht viel weiter. Nur einmal gelang es mir in dem mit Statuen bevölkerten Park, Mutter und Tochter auf einige Augenblicke zu trennen, daß ich letzterer zu den Füßen einer marmornen Aphrodite, durch eine flüchtige, aber feurige Umarmung versichern konnte, wie liebenswürdig ich sie finde. Aber kaum hatte ich sie ein paarmal geküßt, als schon ein: „Helene, wo steckst du denn?“ sich ganz nahe vernehmen ließ, und mit einem „Hier, Mama,“ wand sich die Taube aus meinen Armen, der Mutter entgegenspringend.

Bei der Heimfahrt war es zwar schon düster und endlich dunkel, aber Madame Cramer hatte so scharfsehende Augen, daß ich kaum von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Händedruck wagen durfte. Mehr hoffte ich von einer zweiten Partie, die ich nach dem weiter entfernten Pestum veranstaltete, wozu mehrere Tage erforderlich waren. Nachdem Madame Cramer eingewilligt hatte, nahm ich viertägigen Urlaub, und wir fuhren ohne den Papa, der als Adjutant-Major nicht wohl abkommen konnte, den uns schon bekannten Weg über Portici und Resina, dann wie in einem Garten durch das Tal Scafati, über den Sarno, durch Nocera de Pagani, das alte, von Hannibal zerstörte Nuceria Alphaterna, wo ein Cybeletempel in den ersten Zeiten der Christenheit in eine Kirche, jetzt San Mariamaggiore, umgewandelt wurde, die noch von einer doppelten Reihe Säulen aus Giallo antico und Alabaster umgeben ist.

Von hier fuhren wir über Vietro nach Salerno, das an dem Ufer des Meeres in einer freundlichen, von heiteren Hügeln umgebenen Ebene liegt und das ich schon aus unserem ersten Feldzug in Kalabrien kannte, sowie Eboli, wo wir nächtigten, aber die Mutter ihren Schatz gleich einem Drachen bewachte. Am anderen Morgen machten wir uns in aller Frühe nach den Ruinen von Pestum auf, wohin ein ziemlich einsamer Weg führt. Nachdem wir durch eine ausgedehnte Heide gekommen waren, entdeckten wir verschiedene isoliert stehende Gebäude, die, wenn man ihnen nahe ist, kolossal und imponierend hervortreten. Erst im Jahre 1775 wurden diese schönen Ruinen einer grauen Vorzeit, vielleicht die herrlichsten der griechischen Baukunst, entdeckt. Diese unermeßlichen Säulenreihen der Tempel, die noch aus der heroischen Sagenzeit stammen und Jahrtausende, in einsamer Wüste trauernd, an sich vorübergehen, Roms Entstehung, Größe und Herrlichkeit, seinen Verfall und dessen christliche Erhebung bis auf unsere Zeiten sahen, geben manchen Stoff zu ernstem Nachdenken.

Hier endlich wurden wir durch die Gunst des Zufalls auf eine halbe Viertelstunde von der Mama getrennt, die sich auf kurze Zeit zu entfernen genötigt war. Ich benutzte diesen Umstand so gut als möglich, und dem aus Eboli mitgebrachten Führer befehlend, auf die Mutter zu warten, verirrte ich mich mit Helenchen hinter die dicken Neptunssäulen und versicherte sie bei dem Dreizack des mächtigen Weltbeherrschers meiner feurigsten Liebe, von der ich ihr, so viel es die Umstände erlaubten, die handgreiflichsten Beweise gab. Im Taumel der Wonne vergaßen wir Pestums und der Welt, bis uns endlich die kreischende Stimme der Mama aufschreckte, die, als wir unter den tausendjährigen Trümmern hervorkrochen, ausrief: „Aber Mädchen, was hast du denn, du bist ja so rot wie ein gesottener Hummer!“ –

„Nichts, Mama, das Steigen über die dicken Steine des Venustempels hat mich so erhitzt.“

Ob Mama Cramer glaubte oder nicht, ist mir ein Rätsel geblieben, jedenfalls war sie so klug, zu tun, als glaubte sie es. Wir hatten wohl an drei Stunden in Pestums Ruinen verweilt und eine mitgebrachte kalte Küche unter den Vorhallen des Neptuntempels eingenommen, als wir unsere Rückreise antraten und bis Salerno fuhren, wo wir übernachtetem. Den anderen Tag trafen wir wieder wohlbehalten in Neapel ein. In meinem Hauptquartier in Giesù nuovo angekommen, erfuhr ich von meinem Bedienten, den ich zurückgelassen hatte, daß Madame Gasqui wenigstens schon zehnmal nach mir geschickt habe. Als ich hierauf zu ihr eilte, empfing sie mich mit einem artigen Donnerwetterchen, weil ich, ohne ihr etwas zu sagen, nach Pestum, und zwar mit deutschen Damen, gefahren sei. Nach einem ziemlich langen Hadern kam es endlich wieder zu einem wohlbesiegelten Frieden, und nun eröffnete mir die Dame, daß wir Voltaires „Zaïre“ geben müßten, weil die Königin bei einer ihrer Hofdamen den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von uns aufführen zu sehen. Louise wollte aber diesmal durchaus die Titelrolle spielen. Der Himmel oder das Schicksal oder der Kriegsminister, gleichviel, hatte aber beschlossen, daß ich in einem anderen Trauer- und Schauspiel auftreten würde, dessen Bühne abermals Kalabrien sein sollte. Das Bataillon erhielt Order, in vierundzwanzig Stunden nach Cosenza abzumarschieren, und der Stab des Regimentes wurde samt dem Oberst Omeara nach Castelamare verlegt. Kaum hatte ich noch soviel Zeit, mir ein paar gute Pferde zu kaufen; während meines diesmaligen Aufenthaltes hatten mir wieder Vetter Moritz und Stock die ihrigen zur Verfügung gestellt. Den Abend vor dem Ausmarsch machte ich meine Abschiedsronde, da, wo es anging, küssend und umarmend, auch Helenchen mußte mir ein Küßchen geben, auf das ich freilich das der Mama drein nehmen mußte.

Es sah neuerdings wieder sehr unruhig im südlichen Teil des Königreiches aus, obgleich man fast tagtäglich in der Hauptstadt darauf loshängte, verurteilte und hinrichtete. Als wir diesen Marsch nach Kalabrien antraten, ging es schon dem Winter zu, und die fatale Regenzeit war vor der Türe. Wir marschierten damals über Portici, Salerno und so weiter. Seit unserer ersten Expedition nach Kalabrien und nach der Schlacht bei Maida hatten sich die Engländer Reggios und des Schlosses von Scylla bemächtigt. Der Feind war abermals mit einem Armeekorps von ungefähr achttausend Mann, welches der tapfere Prinz von Hessen-Philippsthal befehligte, gelandet. General Regnier, der noch immer in Kalabrien kommandierte, hatte bei der ersten Nachricht, die er hiervon erhielt, in aller Eile so viel Truppen als möglich zusammengebracht, es waren kaum über viertausend Mann, damit das feindliche, freilich größtenteils aus Banditen und Raubgesindel bestehende Heer schon Ende Mai 1807 auf das Haupt geschlagen und so seinen Fehler bei Maida wieder gut gemacht. Selbst der Prinz von Hessen-Philippsthal hatte sich nur mit Hilfe seines schnellen Pferdes retten können und büßte beinahe seine ganze Artillerie ein, die er in Stich lassen mußte. Die ihn verfolgende französische Kavallerie verfehlte ihn nur um zwanzig Minuten. Sein Heer wurde gänzlich gesprengt und ein großer Teil desselben zu Gefangenen gemacht. Der Prinz landete mit kaum hundert Mann an den Küsten Siziliens. Dieser Sieg war sehr zur gelegenen Zeit gekommen, denn ohne ihn würde nicht nur Kalabrien, sondern sehr wahrscheinlich das ganze Königreich in Masse gegen die neue Regierung aufgestanden sein. Nun wurde gegen Reggio marschiert, dasselbe bald darauf belagert und das Schloß Scylla von der Landseite blockiert. Das letztere ist indessen außerordentlich fest, und da viel daran gelegen war, diesen, die Meerenge von Sizilien beherrschenden Punkt wieder zu besitzen, um Herr der Küste zu sein, so mußte man schweres Belagerungsgeschütz von Neapel kommen lassen, um das Fort gehörig beschießen zu können. Dies war aber zu Land ohne die außerordentlichsten Anstrengungen nicht wohl fortzubringen, weshalb man es einschiffte, wo ein Teil desselben auf der See von den Engländern weggenommen wurde.

In Cosenza angekommen, blieb das Bataillon zwei Tage daselbst, den dritten Tag marschierten wir gegen Abend nach Rogliano, wo wir den übrigen Teil der Nacht bis gegen Morgen verweilten, dann aber aufbrachen und durch ein schauerlich wildes, von steilen Felsen umgebenes Tal kamen, in dessen Umgegend jetzt der berüchtigte Banditenchef Francatrippa, der die Rolle des Fra Diavolo übernommen hatte, sein Wesen trieb. Hier mußten wir, Mann für Mann, einen ganz schmalen Felsensteig im Zickzack, wie von einem Theaterberg, zwischen steilen Felswänden hinabsteigen, wobei die bepackten Maulesel und Pferde von ihren Führern und abgestiegenen Reitern vorsichtig an der Hand geführt wurden, sodann einen Waldstrom passieren, über den nur ein sehr schmaler und geländerloser Fußsteig führte. Dann kamen wir nochmals an furchtbaren Abgründen vorüber. Diesen Tag führte ich wieder die Avantgarde des Bataillons, doch war an Seitenpatrouillen bei diesem Terrain nicht zu denken. Kaum waren ungefähr zwanzig Mann von meinen Leuten, an deren Spitze ich marschierte, auf dem schmalen Pfade an den Rand eines solchen Schlundes herangeschritten, als sich die Briganten oben auf dem Felsen zeigten und eine Decharge auf uns abfeuerten, dann gleich Gemsen wieder verschwanden, auf ihren Sandalen davonspringend. Großen Schaden hatten sie nicht angerichtet, nur ein paar Leute hatten leichte Streifschüsse erhalten. Ich ließ indessen sogleich Halt machen, und wir kletterten mit Hilfe des Gesträuchs den am Eingang der Schlucht weniger steilen Felsen hinan, hoffend, so den Briganten in den Rücken zu fallen. Aber als wir hinaufkamen, war keine Spur mehr von ihnen zu sehen. In die weg- und pfadlosen Wildnisse zwischen Klippen und Gesträuch konnten wir uns nicht wagen, ohne Gefahr zu laufen, in einen Hinterhalt des Francatrippa zu geraten. Das Terrain war hier den Briganten so günstig und uns, die wir es nicht kannten, so nachteilig, daß wir gewiß verloren gewesen wären, wenn die Bewohner desselben in Übereinstimmung gegen uns agiert haben würden, selbst wenn wir hätten bedeutendere Streitkräfte entwickeln können. Leicht war es, die Truppen in Abteilungen zu überfallen und zu vernichten. Glücklich kamen wir in Scigliano an, von wo wir nach Nicastro und von da in die Ebenen von Sanveria marschierten. Hier waren wir in der Nähe eines alten Gebäudes, das eine traurige Berühmtheit erlangt hatte, da in demselben gleich nach der verlorenen Schlacht bei Maida eine ganze Kompagnie Franzosen, die sich in dasselbe geflüchtet, von den Bewohnern der Umgegend und den sizilianischen Briganten bis auf den letzten Mann ermordet worden war. Jetzt lag wieder ein französisches Detachement in dem Gebäude; es war befestigt worden, verpallisadiert und auf mehrere Monate mit Proviant versehen. Nichtsdestoweniger trieben in der Nähe dieses Tales Francatrippa und seine Banditen ihr Wesen auf das frechste, und keine Patrouille unter zwanzig bis dreißig Mann durfte sich an Streifereien wagen, wollte sie nicht überwältigt werden. Die Aussicht von den dieses Tal umgebenden Höhen auf den Golf von St. Euphemia ist entzückend. Von hier aus sowie von Nicastro wurden fortwährend Abteilungen auf die Brigantenjagd abgeschickt, ohne daß sie sehr ergiebig gewesen wäre. An diesem geringen Erfolge war hauptsächlich das Einverständnis der Räuber mit den Einwohnern schuld, die ihnen allen Vorschub leisteten, während sie uns flohen und mit einem ewigen: „non capisco“ oder „non so niente“, das zum Verzweifeln war, abspeisten, während unsere fast unerreichbaren Feinde die vollkommene Kenntnis des Terrains besaßen. Nach mehreren Tagen des vergeblichen Hin- und Hermarschierens in den den Golf umgebenden Bergen und Wäldern, brachte ich mit meinen Voltigeurs zwei Tage in dem Städtchen Pizzo zu, am südlichen Ende des Golfs, in dessen Umgegend außerordentlich viel Mais und Reis, die Hauptnahrung der Einwohner, gepflanzt wird. Das Klima ist so warm, daß selbst das Zuckerrohr hier sehr gut fortkommt und gedeiht, wie mich der Augenschein überzeugte. Das Bataillon hatte sich einstweilen in die zahlreichen Landsitze, die von Pomeranzen- und Zitronenhainen umgeben, in der Nähe von Nicastro liegen, einquartiert. Die hier vorhandenen Wälder sind seit undenklichen Zeiten der Aufenthalt von Räuber- und Banditenhorden, mit denen sich die Gutsbesitzer, wenn sie einige Sicherheit genießen wollen, verständigen und abfinden müssen, indem sie ihnen von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Summen einhändigen. Namentlich ist der Wald von Sankt Euphemia, und zwar mit Recht, sehr berüchtigt. In dieser Wildnis hatten auch jetzt die Briganten und ihre Banden und Spießgesellen ihr Hauptquartier aufgeschlagen und wurden noch obendrein von den Engländern und Sizilianern unterstützt und besoldet, mit denen sie beständig kommunizierten und welche in der Nacht fast gefahrlos landeten und ausschifften, was wir nicht wohl verhindern konnten, da der so nahe an der Küste gelegene Wald ein geheimnisvolles Labyrinth war, und nur die Räuber und Banditen den in dasselbe leitenden Faden in Händen hatten, auch alle Zu- und Ausgänge kannten, die außerdem durch gut verborgene, mit Gesträuch und Dornen bedeckte Gruben fast unzugänglich gemacht waren. Und so bot dieser Wald die erwünschteste Leichtigkeit und Gelegenheit, uns aufzulauern. In diesem Walde, den zu reinigen jetzt unsere Aufgabe war, hauste damals ein alter berüchtigter Kalabrese, Benincasa genannt, welcher der oberste Chef aller Banden war, die, sowie Francatrippa selbst, mit ihm in genauer Verbindung standen und seine Befehle auf das pünktlichste befolgten. Es war ein wahrer Assassinen-Fürst, ein zweiter Alter vom Berge. Schon lange Zeit vor der französischen Okkupation hatte er sein blutiges Räuber- und Mörderhandwerk in diesem furchtbaren Walde getrieben, wo ihn die Arme der elenden neapolitanischen Justiz nicht hatten erreichen können, und von wo aus er die ganze Umgegend brandschatzte. Unser Bataillon erhielt nun Befehl, diesen gräßlichen Menschen und seine Banden zu zerstreuen, auf ihren Höhlen und Mordsitzen aufzuscheuchen und sie womöglich zu vernichten. Aber vergeblich blieben alle Versuche. Die List, die ich in den italienischen Alpen und den Gebirgen von Genua angewendet hatte, die Briganten zu fangen, würde bei diesem alten schlauen Fuchs nichts gefruchtet haben, und wenig fehlte, so wäre ich bei einem Versuch, in diese Wildnis zu dringen, samt meinen Voltigeurs ein Opfer der Fallstricke des listigen und blutdürstigen Benincasa geworden. Ich hatte mich bei dem Verfolgen einiger verdächtiger Individuen verleiten lassen, zu Pferde an der Spitze der Mehrzahl meiner Kompagnie in den Wald zu dringen, und zwar da, wo sich scheinbar ein ziemlich breiter Eingang zeigte. Der Mannschaft einige Schritte voransprengend, fühlte ich plötzlich den Boden unter mir wanken und stürzte samt meinem Pferde in eine über sechs Schuh tiefe Grube, die wohl fünfzig Fuß breit war und über hundert im Umfang haben mochte und wahrscheinlich darauf berechnet war, eine Abteilung verfolgender Reiterei stürzen zu machen, die man dann in der Grube leichter zusammenschießen konnte. Da ich allein in dieselbe gestürzt war, ohne daß jedoch ich noch mein Pferd bedeutend beschädigt worden wären und meine Leute gleich herbeirannten, so hatte es, da der Sturz so glücklich abgelaufen war, keine weitere Gefahr mehr für mich, nur kostete es viele Mühe, das Pferd wieder aus der Grube zu schaffen, da sie senkrechte Wände hatte, in welche die Soldaten sogleich eine so schiefe Abdachung gruben, daß das erschrockene Tier herausgeführt werden konnte. Dieser Vorfall war ein Warnungszeichen, besser auf der Hut zu sein. Noch mehrere Versuche, die Banden aus dem Walde zu jagen, scheiterten ebenfalls, und Düret hielt es für das beste, mit dem Banditenfürst zu unterhandeln, nachdem er seine Berichte gemacht und Vollmacht dazu begehrt und erhalten hatte. Aber die Unterhandlungen zerschlugen sich, obgleich man dem Benincasa und seinen Banden große Versprechungen gemacht und bedeutende Vorteile eingeräumt hatte. Wahrscheinlich traute der alte Fuchs, der selbst nie ein Versprechen gehalten, uns nicht. Sodann trat jetzt die Regenzeit in ihrer ganzen Kraft ein und machte, daß wir wenigstens auf ein paar Monate alle ferneren Versuche gegen diese aalartigen Feinde einstellen mußten, die aber gerade deshalb um so kühner aus ihren Schlupfwinkeln hervortraten, großen Schaden zufügten und mordeten und raubten, wo sie sich die Stärkeren wußten. Ohnedies ist ein friedliches und gemächliches Leben den rohen Naturkindern der kalabrischen Wildnisse verhaßt, Gefahren, Raub und Mord ihr Element. Dabei besitzen sie eine außerordentliche Gewandtheit und Behendigkeit und wissen ihre Gewehre trefflich zu gebrauchen, jedoch immer nur aus dem Hinterhalt. In offener Schlacht taugen diese Briganten nicht und halten nicht Stich gegen wohldisziplinierte Truppen, nur die neapolitanischen Krieger fürchten sie wenig, schätzen sie gering und werden von diesen gefürchtet. Wir verließen, hauptsächlich durch den sich unaufhörlich in Strömen ergießenden Regen gezwungen, die Gegend am Golf von Sankt Euphemia und marschierten zuerst nach Monteleone, wo wir mehrere Tage weilten und Kleider und Waffen in möglichst besten Stand zu setzen suchten, denn beide hatten sehr gelitten. Wieder waren es Schuhe oder doch Sohlen, die uns am meisten not taten, und viele der Leute gingen schon fast auf bloßen Füßen. Dies war bei dem ewigen Hin- und Hermarschieren auf solchem Boden und in solchem Wetter kein Wunder. Tag und Nacht wurde patrouilliert, und alle von Neapel kommenden oder zurückkehrenden Kuriere, Adjutanten, Stabsoffiziere und so weiter mußten von einer Stadt zur anderen eine Eskorte von wenigstens dreißig Mann haben. Dies alles machte den Felddienst außerordentlich beschwerlich. Auch kam es vor, daß manche Kompagnien acht bis vierzehn Tage bei diesem Regenwetter biwakieren mußten, wie es mir selbst einmal erging, so daß wir fast ganz im Wasser und Kot lagen und schliefen. Die Lebensmittel waren dabei ebenso schlecht wie in der ersten Kampagne und mangelten manche Tage gänzlich. Viele Ortschaften waren ganz menschenleer und bis auf wenige Hütten zerstört; auch hatten wir seit unserem Abmarsch aus Neapel keinen Sold mehr erhalten, und ich hatte schon fast meine ganze Barschaft der Kompagnie vorgeschossen, ein Vorteil, den keine andere Kompagnie hatte und worum die meinige beneidet wurde. Aber ich konnte auch mit meinen Leuten den Teufel austreiben, in die Hölle wären sie mir gefolgt, während die anderen Soldaten des Bataillons, besonders Böhmen und Österreicher, knurrten und murrten, denn an Knödel war da nicht zu denken. Polenta und Reis gab es nur, und auch dieses nicht immer. Fleisch war eine seltene Kost. Viele Soldaten hatten, aus der Not eine Tugend machend, das Beispiel der Kalabresen befolgt und statt der mangelnden und ganz zerrissenen Schuhe sich Sandalen aus Ziegenfellen, oder was sie sonst haben konnten, um die Füße gewunden. Die Offiziere waren oft noch weit schlimmer daran als der gemeine Mann, der raubte und wegnahm, wo er etwas fand, was jene nicht konnten und froh waren, wenn ihnen der Soldat etwas von dem Geraubten mitteilte. Meine Leute versorgten mich jedoch trefflich und ließen mir oft Eier, Käse, Brot, Speck und dergleichen zukommen, so daß ich an Lebensmitteln nur selten Mangel litt, da sie mir immer das Beste brachten. Der französische Soldat war bei all dem Mangel und Elend doch immer lustig und guter Dinge, machte Bonmots und war unerschöpflich in Scherzen. Eine solche Munterkeit unter allen Umständen ist in der Tat ein kostbares Geschenk des Himmels. Unsere Leute und namentlich die Russen und Polen vergaßen nur dann ihr Elend, wenn sie Aquavit genug haben konnten, wonach sie in einem Dorf oder einer Meierei immer zuerst forschten. Machten sie einen solchen Fund, dann war auf kurze Zeit wieder alles gut.

Da man in Sizilien glaubte, was auch die Engländer und wir selbst vermuteten, daß man diesseits des Kanales eine Landung auf jener Insel beabsichtige und vorbereite, wozu es allen Anschein hatte, so sandte die sizilianische Regierung unaufhörlich Briganten in großen Haufen herüber, die von den Engländern des Nachts an das Land gesetzt, sich dann sogleich in die Wälder und Gebirge verloren und die französischen Truppen auf alle Weise verfolgten, um ihnen die Gelüste nach der reichen und schönen Insel vergehen zu machen. Wir wurden nun wieder mehr denn je von den Insurgenten beunruhigt und in Atem erhalten. Während unseres Aufenthaltes in Monteleone, einer nicht unbedeutenden Stadt von etwa sechzehntausend Einwohnern, mit einem ehemals befestigten Schloß, das Friedrich II. erbaute, wurde bei Fondaco del Fico, einem in der Nähe jenseits Pizzo befindlichen, alten, halbverfallenen, sehr weitläufigen Gebäude, welches das Aushängeschild: „Osteria di Cicerone“ führte, ein von Neapel kommender Kurier mit sehnsüchtig erwarteten Depeschen und Briefen für das ganze Armeekorps angefallen, beraubt und samt seiner Eskorte, aus einer Abteilung von einem Sergeanten befehligter Infanterie bestehend, einigen zwanzig Mann, ermordet. Nur zwei, und davon der eine noch schwer verwundet, waren so glücklich, dem Tode durch eine schnelle Flucht zu entgehen und brachten die traurige Nachricht dieser Begebenheit nach Pizzo und Monteleone. Aus ihrem Bericht ergab sich, daß die Eskorte selbst mit schuld an ihrem Unglück sei, denn die Leute waren nicht beisammen geblieben und zum Teil durch eine bedeutende Strecke getrennt. In dem Augenblick, als sie überfallen wurden, waren keine zehn Mann beisammen. Ungefähr ein halbes Jahr darauf wiederholte sich derselbe Vorfall mit einem Detachement vom neunten Linienregiment in der Gegend von Nicastro. Ich erhielt jetzt Befehl, mit meiner Kompagnie ungesäumt nach Fondaco del Fico aufzubrechen und Jagd auf die Räuber zu machen. Etwa eine Miglie davon stießen wir auf die schrecklich verstümmelten Leichen der Ermordeten. Eine Menge zerrissener Papiere, die ich sammelte, lagen nebst dem Felleisen des Kuriers umhergestreut. Aber die Waffen der Unglücklichen, sowie deren Tornister hatten die Briganten mit fortgeschleppt, die Leichen auch zum Teil ihrer Kleider beraubt. Fondaco del Fico liegt an dem Eingang eines dichten Waldes und, wie die Altertumsforscher behaupten, genau auf der Stelle, wo das alte, vom Meer verschlungene Hipponicum gestanden haben soll, von dem noch Tempelruinen in der Nähe sind. Cicero hat sich hierher geflüchtet, um den Verfolgungen des Clodius zu entgehen, und schrieb aus dem nahen Fundus sicae mehrere Briefe an den Atticus. Ich stellte zuerst die nötigen Wachen um das Gebäude herum und gegen den Wald, ließ dann die Leichen der Ermordeten durch Bauern nach Monteleone bringen, untersuchte alle Zugänge und Schlupfwinkel des Eulennestes auf das sorgfältigste und drang dann mit einer Abteilung meiner Leute, jedoch mit großer Vorsicht, einige hundert Schritte in den Wald vor, ohne eine Spur von den Briganten entdecken zu können, worauf ich mich wieder auf Ciceros Osteria zurückzog. Mit einbrechender Nacht traf ich alle Vorkehrungen, um mich gegen einen Überfall sicher zu stellen, und die Folgen bewiesen bald, daß meine Vorsicht nicht unnötig war. Als es dämmerte, zündeten meine Leute Feuer an und brieten das von Monteleone mitgebrachte Ziegenfleisch an demselben. Wir waren mit Lebensmitteln auf drei Tage versehen. Ich ließ fortwährend starke Patrouillen in geringer Entfernung um unser Rattennest gehen, stellte mehrere Posten nach allen Richtungen, jedoch immer à portée einer vom anderen aus, und machte selbst einigemale die Runde an der Spitze einer Patrouille. Es blieb aber alles ruhig, bis kurz vor Mitternacht, wo plötzlich eine ungeregelte, aber starke Decharge von Flintenschüssen auf die Posten abgefeuert wurde, deren Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Der Angriff geschah von der Seite des Waldes, und kaum waren wir aufgesprungen, die Leute lagerten noch um das Feuer, als ein Schuß ganz in unserer Nähe, keine fünfundzwanzig Schritte entfernt, fiel, dessen Kugel einen Sergeanten mitten auf die Brust, aber glücklicherweise da traf, wo sich dessen Büffetterie (Riemenzeug) kreuzte, und ihm so keinen Schaden verursachte. Ich brach nun mit etwa fünfzig Mann in der Richtung gegen den Wald auf, aber es war, als seien unsere Feinde wie durch einen Zauberschlag verschwunden. Man hörte und sah nichts mehr von ihnen. Den Wald selbst durfte ich nicht zu betreten wagen, wollte ich nicht abgeschnitten werden; denn ich kannte ja die Zahl der Gegner nicht und würde bei der herrschenden Finsternis auch ohne allen Erfolg das Wagnis unternommen haben. Ich zog mich wieder auf unsere Osteria zurück, besetzte gehörig alle Zugänge des Gebäudes, ließ die ganze Mannschaft, alle Posten einziehend, in dasselbe einrücken und verbarrikadierte dann die Hauptzugänge mit Holz, Erde und Steinen. Bald nach Mitternacht gab die an einer kleinen Pforte stehende Schildwache Alarm, und wir hörten nun deutlich das Annähern vieler Fußtritte, sowie ein Summen von verworrenen Stimmen. Da man auf ein dreimaliges Qui vive! der Schildwache keine Antwort hörte, so feuerte diese ab, worauf sogleich eine Salve von den sich nähernden Feinden erfolgte, deren Kugeln aber an den Mauern unserer extemporierten Feste abprallten. Daß die Bande sehr bedeutend sein mußte, war mir jetzt klar, denn es schienen mindestens ein paar hundert Schüsse zu sein, die zumal gefallen waren. Ich traf daher meine Anordnungen so, daß wir uns wenigstens bis zum Anbruch des Tages in der Defensive hielten, denn in dieser Dunkelheit einen unsichtbaren Feind angreifen zu wollen, dessen Stärke und Position man nicht kannte, wäre Unsinn gewesen. Ich machte mich aber auf einen Angriff und guten Empfang von meiner Seite gefaßt. Letzteres war nicht nötig, da der erstere unterblieb und sich die Briganten begnügten, von Zeit zu Zeit gegen das Gebäude zu feuern, aber jedesmal aus einer anderen, ganz verschiedenen Richtung. Die Nacht war sehr finster, stürmisch und regnerisch, und hätten die Briganten mehr Mut und Entschlossenheit gehabt, so konnten sie uns viel zu schaffen machen, besonders da die allenthalben verfallenen Mauern unserer Feste wenig Schutz gewährten und ich sie nicht an allen Orten zugleich stark besetzen konnte. Auch ließ ich alle Lichter löschen. Bald darauf sahen wir dagegen viele Feuer an und in dem Walde auflodern, die der alte Fuchs Benincasa, denn kein anderer als er war es, der diese Banden in Person befehligte, hatte anzünden lassen und durch welche er mich in die Falle und aus meiner Feste zu locken hoffte. Ich erkannte aber gleich, was die Feuer zu bedeuten hatten, übersah meines listigen Gegners Absicht und verließ Fondaco del Fico nicht. Nach anderthalb Stunden erloschen die Feuer allmählich wieder. Als aber der Tag zu grauen begann, erblickten wir zahlreiche Brigantenhaufen am Ausgange des Waldes postiert, die, wie es den Anschein hatte, sich anschickten, uns jetzt offen und am Tage anzugreifen. Ich hielt es für besser, einen solchen Angriff nicht hinter den Mauern abzuwarten, obgleich ihre Zahl wenigstens dreimal stärker war als die unsrige. Ich formierte meine Kompagnie in Sektionen und rückte dann in geschlossener Kolonne gegen die Haufen, die sich, als sie uns herankommen sahen, schlagfertig machten. Im Geschwindschritt vormarschierend, ließ ich, noch einige dreißig Schritte von dem Feinde entfernt, Halt machen, dreimal abfeuern, nachdem ich die Kompagnie schnell in ein Peleton formiert hatte, und dann kommandierte ich: „Fällt’s Bajonett, Sturmschritt, vorwärts, marsch!“ Die Briganten hatten unser Feuer heftig erwidert, mir zehn Mann mehr oder weniger schwer verwundet und einen getötet. Aber auch von ihrer Seite hatten wir mehrere fallen gesehen. Als wir ihnen aber schon dicht auf dem Leibe waren, zogen sie sich laufend in den Wald zurück, hinter den Bäumen hervorfeuernd. Hier konnte ich sie nicht verfolgen, da der Kampf in jeder Hinsicht zu ungleich geworden wäre, und zog mich, als ich auf meiner rechten Seite in einer ziemlichen Entfernung neue Haufen hervorbrechen sah, deren Absicht war, sich Fondacos, wo ich nur einen schwachen Posten zurückgelassen hatte, zu bemächtigen oder mich wenigstens davon abzuschneiden, schnell dahin zurück. Der übrige Teil des Tages verstrich nun, ohne daß wir weiter beunruhigt worden wären. Als aber die Nacht wieder angebrochen war, hörten wir deutlich ein großes Getümmel im Walde, was mir anzudeuten schien, daß die Feinde große Verstärkungen erhalten haben mußten. Etwa drei Stunden nach Sonnenuntergang sahen wir plötzlich mehr als hundert Fackeln ähnliche Lichter hellodernd aus dem Walde hervorkommen und sich gegen unsere Feste zu, deren Barrikaden ich während des Tages noch möglichst hatte verstärken lassen, in Bewegung setzen. Wir erkannten bald, daß die Feuerbrände, welche ein Teil der Briganten in der Hand trug, während sie in der anderen ihre Gewehre zum Abfeuern fertig hielten, große Stücke von fettem, dürrem Nadelholz waren. Als sie sich beinahe auf Schußweite unseren Mauern genähert hatten, ließ ich Feuer auf sie geben, das sogleich erwidert wurde, worauf sie, zum Teil ihre Feuerbrände von sich werfend, einen allgemeinen Angriff auf der Südseite von Fondaco begannen. Dieser war jedoch nur fingiert, wie ich auch gleich vermutet hatte, da ich andere Haufen ohne Fackeln, gleich Schatten, in einer geringen Entfernung von den ersteren gesehen und recht gut bemerkt hatte, daß sich diese, von der Dunkelheit begünstigt, aber doch durch den wenn auch entfernten Fackelschein verraten, von einer anderen Seite Fondaco näherten. Ich ließ sogleich auch die anderen, nach dem Meer zu gehenden Teile der Gebäude möglichst stark besetzen und bewachen. Während wir mit den bereits herangekommenen Briganten im Handgemenge waren, nachdem sie ihre Gewehre und Pistolen abgefeuert, hatten wir uns hauptsächlich ihrer Dolchstöße zu erwehren, denn der Kampf wurde an den Eingängen und Breschen geführt, vernahmen wir plötzlich das Alarmgeschrei auf der anderen Seite, wohin ich jetzt eilte, meinem Leutnant überlassend, die fingierten, aber doch ernstlichen Angriffe zurückzuschlagen. Bald war der Kampf ringsum allgemein, und meine Voltigeurs schlugen mit den Gewehrkolben auf die Feinde los, während ich von einem Posten zum anderen sprang, die Leute zur tapferen Verteidigung aufmunternd. Als ich so hin und her lief, vernahm ich plötzlich an einer etwas von mir entfernten Stelle, wo die Mauer sehr hoch, noch unversehrt und nicht bewacht war, ein Geräusch. Ich näherte mich leise auf den Zehen, blieb dann bewegungslos stehen und entdeckte bald, wie sich zwei Briganten schon an der inneren Mauer sachte herabließen, denen andere, die auch bereits die Köpfe über die Mauer streckten, folgen sollten. Jetzt sprang ich auf den ersten, als er beinahe den Boden erreicht hatte, zu und rannte ihm meinen Säbel durch den Leib, so daß er furchtbar brüllend zu Boden stürzte. Der ihm folgende aber kletterte eiligst wieder das Seil hinan, an dem er sich herabgelassen und das jenseits der Mauer festgehalten wurde. Mit dem Säbel konnte ich ihn nicht mehr erreichen, dagegen schoß ich eine Pistole auf ihn ab, traf ihn aber nicht so, daß er am Entkommen verhindert gewesen wäre. Doch war er, nach dem Blut, das er verlor, zu urteilen, stark verwundet. Der am Boden Liegende winselte und schrie: „Misericordia, misericordia!“ Ich rief nun nach Licht, entwaffnete den schwer verwundeten Gefangenen vollends, ließ ihn vorerst da liegen und beorderte einen Korporal, so lange das Gefecht dauere, die Runde mit drei Mann fortwährend innerhalb der Mauern zu machen, um jedem Versuch eines Übersteigens sogleich zu begegnen. Und wirklich wurde noch zweimal ein solcher gemacht, während der Kampf an den teilweise eingerissenen Barrikaden auf das wütendste fortwährte. Einer der Übersteigenden hatte sich in das Bajonett eines Voltigeurs gespießt, mit dem ihn derselbe aufgefangen hatte. Noch mehrere Stunden dauerte das verzweifelte Gefecht fort, da immer frische Brigantenhaufen in das Gebäude zu dringen versuchten. Schon waren meine Leute sehr ermüdet, sieben derselben außer Kampf gesetzt und zwei getötet, mehrere leicht verwundet. Aber auch die Briganten hatten schon ziemlich viel Tote und Verwundete. Nachdem die Feinde wenigstens zehn- bis zwölfmal ihre Attacke, meistens unter den stärksten Regengüssen, erneuert, auch schon einmal einen scheinbaren Rückzug gemacht und eine halbe Stunde darauf wiedergekommen waren, um mit erneuerter Wut ihre Angriffe zu beginnen, zogen sie sich endlich gegen Morgen, an einem günstigen Erfolg ihrer vergeblichen Anstrengungen zweifelnd, zurück. Was mich hauptsächlich gegen ihre große Übermacht schützte, denn es mochten wohl über tausend Mann sein, die uns gegenüberstanden, war die Regellosigkeit ihrer Angriffe, Mangel an Einheit und Zusammenwirken, da fast jeder nur auf seine Faust tat, was ihm eben das Beste deuchte, und wenig auf ein Kommando hörte. Nur darin stimmten sie überein, daß sie das Gebäude erstürmen und uns ermorden wollten. Hätten sie bei ihrer Übermacht und dem elenden Zustande unserer Befestigungen zumal und auf allen Seiten zugleich den Angriff begonnen, so würden wir einen schlimmen Stand gehabt haben. Durch die Aussagen der zurückgebliebenen Verwundeten, sie hatten deren einige zwanzig nebst elf Toten zurückgelassen, erfuhr ich, daß Benincasa wieder die Seele dieser Expedition war und allem Vermuten nach weitere Versuche der Art machen würde. Indessen waren die mitgebrachten Lebensmittel aufgezehrt, mein ferneres Hierbleiben also unmöglich, auch so ziemlich zwecklos. Meine Instruktion lautete ohnehin, daß, wenn ich binnen drei Tagen nicht durch andere Truppen abgelöst würde, ich zurückzumarschieren habe, weshalb ich beschloß, nach Pizzo und Monteleone aufzubrechen. Aber auch mein Abzug war gefährlich genug, denn die Banden im Walde wurden beständig durch neu hinzukommende Briganten verstärkt und würden uns sicher, unser kleines Häufchen erkennend, jetzt auch im freien Felde überfallen haben. Als ich so überlegte, wie unser Rückzug am besten zu bewerkstelligen sei und mich deshalb auch mit den Unteroffizieren beriet, hörten wir auf einmal Trommelschlag und sahen hinter einem nahen Gebüsch unsere Karabinier-Kompagnie, vom Kapitän Czerny angeführt, zu unserer großen Freude mit blinkenden Gewehren anmarschieren. Jetzt waren wir erlöst. Fast zu gleicher Zeit traf auch noch ein vierzig Mann starkes Detachement von Royal-Corse, das einen anderen, von Neapel kommenden und nach Reggio bestimmten Kurier geleitete, ein, und als ich im Begriff war, abzumarschieren, kamen noch vier Kompagnien vom neunten Linienregiment an, die zur Verstärkung des Belagerungskorps nach Scylla bestimmt waren. Letztere blieben jedoch bei Fondaco über Nacht, während ich mit meinen Voltigeurs und der Eskorte des Kuriers nach Monteleone abging, nachdem ich den Kapitän Czerny noch vorher von allem gehörig instruiert hatte. Die Wege hatten sich durch den vielen Regen seit drei Tagen so verschlimmert, daß ich, obgleich zu Pferde, Mühe hatte, durchzukommen. Ein kleiner Bach, den wir passieren mußten und der uns beim Hermarsch kaum bis an die Waden gegangen, war schon so angeschwollen, daß uns das Wasser bis an die Brust reichte, und so reißend, daß wir wieder, Mann an Mann dicht geschlossen, durch denselben waten mußten. In der Nähe von Pizzo stießen wir auf drei gräßlich verstümmelte Leichname französischer Soldaten, denen Nasen und Ohren abgeschnitten waren und welchen man zum Hohn die Zeugungsglieder in den Mund gesteckt hatte; sogar die Augenhöhlen waren ihnen ausgebohrt. Dieser Anblick versetzte uns in die größte Wut. Das Tschakoschild und die Platten der Patrontaschen, die wir in der Nähe fanden, denn die Leichname waren aller Kleider beraubt, verkündeten uns, daß es Chasseurs vom zwanzigsten Linienregiment waren, von dem eine kleine Abteilung in Pizzo lag. Hier machte ich einen kurzen Halt und ließ Erfrischungen aus dem Städtchen holen, worauf ich, immer unter dem heftigsten Regen, nach Monteleone aufbrach. Aber kaum mochten wir fünfhundert Schritte zurückgelegt haben, als sich eine starke Brigantenbande, wohl an vierhundert Mann, unseren Blicken zeigte und Miene machte, uns das Weitermarschieren ersparen zu wollen. Daß die Übermacht der Kalabresen im Freien eben nicht sehr zu fürchten ist, wußte ich nun schon aus Erfahrung, sowie, daß Entschlossenheit und ein herzhafter Angriff sie schnell zum Wanken bringt. Ich besann mich daher nicht lange und marschierte im Sturmschritt auf den Schwarm zu, der, als wir nahe genug waren, Gewehre und Pistolen auf uns abfeuerte. Auch ich ließ Feuer geben, aber die meisten Gewehre versagten von beiden Seiten wegen der durch das Regenwetter verursachten Nässe. Dennoch hielten die Briganten stand, auf die wir nun mit gefälltem Bajonett eindrangen. Nach geringem Widerstand, wobei sie ihre Dolche wenig gebrauchen und ihre Pistolen, die ohnehin meistens versagten, nicht wieder laden konnten, da wir ihnen keine Zeit dazu ließen, ergriffen sie die Flucht und zerstreuten sich, ihre Toten und Verwundeten im Stiche lassend, die uns in die Hände fielen. Ich verfolgte sie zwar eine kleine Strecke, ließ jedoch bald davon ab, da es unmöglich war, sie zu erreichen. Wir setzten nun unseren Marsch nach Monteleone fort, wo wir am Nachmittag eintrafen. Die gefangenen und verwundeten Briganten, die ich zu Fondaco und bei Pizzo gemacht, wurden noch denselben Tag auf Dürets Befehl erschossen, wie alle Bewohner Kalabriens, die mit den Waffen in der Hand gefangen wurden. Die Banden hörten nicht auf, alle Städte und Ortschaften, in denen sich französisches Militär befand, zu umschwärmen, und machten sich oft mit unglaublicher Frechheit bis vor die Tore der Städte, so daß es keinem einzelnen Soldaten zu raten war, sich nur auf hundert Schritte von denselben zu entfernen. Noch vierzehn Tage blieb das Bataillon, von dem aber beständig zwei Dritteile detachiert oder auf Streifzügen begriffen war, in Monteleone. Diese Stadt, welche eine sehr angenehme Lage in einer schönen Ebene, einer der fruchtbarsten und üppigsten von ganz Kalabrien, hat, ist ziemlich wohlhabend und war kein unangenehmer Aufenthalt für die Kompagnien, die sich nach ihren Strapazen in derselben erholen durften.

Trotz des wütenden Franzosenhasses der Kalabresen, den sie auch ihren Weibern und Kindern einprägten, gelang es mir dennoch, die junge Frau eines Krämers zu Monteleone auf meine Seite zu bringen, mit der mich der Zufall in nähere Berührung gesetzt hatte. Als ich eines Morgens aus meiner Wohnung trat, sprang gleich einem gescheuchten Reh ein junges weibliches Wesen mit feurig schwarzen Augen in dem zierlichen Kostüm dieser Gegend über die Straße hinüber zu einer Nachbarin und verlor dabei ihre große silberne, mit einem dicken Knopf versehene Haarnadel, mit welcher hier zu Lande die Frauen und Mädchen ihr dickes, seidenes Haar aufstecken und zusammenhalten, ohne daß sie ihren Verlust bemerkte. Als glücklicher Finder nahm ich mir vor, den Fund selbst wieder zu übergeben. Sie war aber schon in das Haus getreten, und als ich ihr folgen wollte, kam sie wieder mit aufgelösten Haaren zurück, das Kleinod ängstlich suchend, das ich ihr mit einem: „Ecco signorina quel che cercate!“ überreichte, worauf mir ein „Grazie molto!“ mit einem wohlgefälligen Blick wurde. – „E la buona mano?“ fragte ich nun. – „L’avrete!“ erwiderte sie, sich lächelnd entfernend, mir noch einen seelenvergnügten Blick zuwerfend, indem sie sagte, ihr Mann werde nicht ermangeln, für die buona mano zu sorgen. Was sie damit sagen wollte, begriff ich nicht. Aber eine Viertelstunde daran brachte mir der Mann ein kleines Körbchen mit allerlei Spezereien, womit er mich belohnen wollte, seiner Gattin die silberne Nadel wiedergegeben zu haben. Diese hatte es mit der buona mano ernstlich gemeint, und auch geglaubt, daß es mein Ernst gewesen, als ich eine solche begehrte, worüber ich herzlich lachen mußte. Dem Überbringer aber erklärte ich, daß, wenn ich die Sachen behalten solle, er ein Gegengeschenk dafür annehmen müsse, und ich gab ihm ein neapolitanisches Goldstück, das wenigstens den dreifachen Wert hatte. – „Alle Francesi sind doch keine Diavoli, wie unser Beichtvater versichert,“ meinte der gute Mann.

Die Feuerblicke der jungen Frau hatten indessen mein leicht entzündbares Herz in Flammen gesetzt, und ich spähte bald die Zeit aus, wann sie in die Kirche ging, wo ich aber das Weihwasser zur näheren Bekanntschaft nicht anwenden konnte, da die guten Kalabreserinnen diese Galanterie nicht kannten. Das Kirchengehen hätte mich nicht weiter gebracht, wenn mich nicht ein altes armes Weib beobachtet und bemerkt hätte, daß meine Augen immer mit Wohlgefallen auf der jungen Krämersfrau ruhten. Auch hielt sie mich für einen guten katholischen Christen, da ich, wie ich es schon seit meiner Ankunft in Italien getan, die hauptsächlichsten Zeremonien der katholischen Kirche mitmachte, was die wenigsten anderen Offiziere, wenn sie auch wirklich katholisch waren, taten. Ich gab dem alten Weib einige Male ein Almosen von ein paar Kupfermünzen; die zeigte sich dafür so erkenntlich, daß sie mir beim dritten Male ganz sotto voce sagte, wenn sie mir in irgend etwas dienen könne, ich es ihr nur anvertrauen möge, sie wolle es bestens besorgen, denn sie sähe wohl, daß ich ein buon christiano und kein diavolo francese sei. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß die hübsche Krämersfrau Bettina Bergella heiße und die Tochter eines Seidenwebers sei, die sie als Kind gewartet und oft auf ihren Armen getragen habe, sie erhalte auch immer noch kleine Geschenke von ihr. Ich gab der Alten einen Ducato, der sie noch weit gesprächiger machte, so daß sie mir ohne weitere Umstände erklärte, daß, wenn ich es wünsche, sie die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir machen und die Sache schnell zu einem erwünschten Ziel bringen wolle. Ich nahm das Anerbieten dankbar an, und die alte Hexe hatte es schon in den nächsten vierundzwanzig Stunden so weit gebracht, daß ich eine Zusammenkunft in ihrer Kammer mit der jungen Frau hatte, welche sie zu bereden gewußt und versichert hatte, wie sie mir sagte, daß ich kein Diavolo francese sei, wie ihr Vater, ihr Mann und ihr Beichtvater vorgaben, auch würde sie durch den Umgang mit mir weder länger im Fegfeuer oder gar in der Hölle schmachten, da ich vom Papst selbst, den ich kenne, Absolution für alle Sünden für uns beide erhalten würde. Genug, sie hatte das Weibchen zu beschwatzen gewußt, die sich auch vielleicht gerne beschwatzen ließ und die Gründe der Alten mit Wohlgefallen anhörte. Ich schlich mich in der Dämmerung in die Wohnung der Unterhändlerin, und bald darauf fand sich auch die artige Kalabreserin, direkt von ihrem Vater kommend, daselbst ein. Sie sträubte sich zwar anfänglich ein wenig gegen meine Liebkosungen, aber es war mehr Ziererei als Verschämtheit, und während ich sie mit kalabresischem Feuer in die Arme schloß, machte die Alte die Aufpasserin, damit wir nicht überrascht werden konnten. Ich hatte auf diese Weise wohl ein halbes Dutzend Zusammenkünfte mit Bettina während meines Aufenthaltes in Monteleone. Die alte Hexe, die sich vortrefflich dabei stand und von beiden Seiten Geschenke erhielt, bot sich an, mir noch andere junge Weiber aus dem Orte zuzuführen, wenn es mir Vergnügen mache. Aber ich verbat es mir, auch währte mein Hiersein nur noch wenige Tage, denn ich wurde nochmals mit der Kompagnie, und zwar nach Mileto detachiert, wo wir indessen nur drei Tage blieben. Monteleone war, Cosenza ausgenommen, wohl mit der angenehmste Aufenthalt in ganz Kalabrien, und muß vor dem furchtbaren Erdbeben von 1783, welches die ganze Provinz schrecklich verwüstete und vielen tausend Einwohnern das Leben kostete, noch weit bedeutender gewesen sein. Noch waren hier sowie in Mileto die Spuren von diesem entsetzlichen Naturereignis sichtbar, und allenthalben stieß man auf in Ruinen verwandelte Gebäude. Auch zählten vor diesem Unglück diese Städte mehr als die doppelte, ja dreifache Einwohnerzahl, kaum daß der dritte Teil der zerstörten Häuser wieder aufgebaut war.

Mileto liegt auf einer Anhöhe unfern den Ruinen des alten Miletus. In dieser Gegend war es, wo vor wenigen Monaten der Prinz von Hessen-Philippsthal von Regnier geschlagen worden war. Ich besuchte das Schlachtfeld, auf welchem damals der Besitz des Königreiches entschieden wurde; denn wurde Regnier nochmals geschlagen, so war Neapel für den neuen Herrscher verloren. Von hier wurden wir sowie das ganze in Monteleone, Nicastro und so weiter stehende Bataillon nach Seminara beordert. Der Marsch dahin über Rosarno, Drosi und so weiter und die Wege waren abscheulich. Oft war kaum durchzukommen, und wir mußten ungeheure Umwege machen, um Stellen aufzufinden, wo wir die hoch angeschwollenen Wald- und Bergströme passieren konnten, was immer mit großer Gefahr verbunden war. In Rosarno, sodann in Gioja und Drosi wurde Nachtquartier gemacht, und zu Seminara angekommen, ein Teil des Bataillons nach Palma detachiert. Alle diese Orte waren bei dem schrecklichen Erdbeben von 1783 fast gänzlich zerstört worden und noch weit entfernt, sich nach einem Vierteljahrhundert wieder erholt zu haben. Überall stieß man auf Trümmer, und Seminara, das vor dem Erdbeben mehr als zwölftausend Einwohner zählte, hatte deren jetzt kaum dreitausend, war nur an einer Stelle wieder aufgebaut, und mehr als viertausend Menschen waren unter dem Schutt der eingestürzten Häuser begraben worden. Auch Palma, das an dem Ufer des Meeres liegt, hatte zwei Dritteile seiner Bewohner verloren, war aber wieder sehr regelmäßig hergestellt. Kaum hatten wir zweimal vierundzwanzig Stunden geruht, so wurden zwei Kompagnien, worunter die meinige, vor Sciglio oder Scilla, und zwei andere vor Reggio beordert. Diese beiden Festungen waren noch von den Engländern und Sizilianern besetzt und wurden von uns blockiert und belagert. Scilla, welches der Tyrann Anaxilas von Rhegium gegründet, und das ebenfalls durch jenes Erdbeben stark mitgenommen wurde, liegt in einer weiten Schlucht unfern dem Kap Scilla, zu der man nur von der See aus gelangen kann. Die Stadt selbst, die etwa fünf- bis sechstausend Einwohner zählte, lehnt sich an einen hohen Felsen dieser Schlucht, und auf einem zweiten, ihr gegenüber liegt das feste Schloß, welches von ungefähr fünfhundert Briganten und Sizilianern verteidigt wurde. Eine in den steilen Felsen gehauene schmale Treppe verbindet das Fort mit der Stadt, und vermittelst den in der Meerenge liegenden englischen Schiffen unterhielt die Besatzung ihre Kommunikation ununterbrochen mit Sizilien. Von hier, wo noch wenig Aussicht war, sich dieser Feste zu bemächtigen, wurde meine Kompagnie ebenfalls vor Reggio beordert. Die Wahrscheinlichkeit war aber ebenso gering, diese Stadt zu nehmen, da sie eine gute englisch-sizilianische Besatzung hatte. Es fehlte uns immer noch an hinlänglichem Belagerungsgeschütz, das die Engländer größtenteils gekapert, und die bloße Blockade zu Land, da die Garnison mit allem Notwendigen von der See aus versorgt wurde, brachte uns nicht weiter. Wir waren zehnmal übler daran als die Belagerten, denn wir litten Mangel an allem. Das unaufhörliche Regenwetter machte diese Belagerung oder vielmehr Blockade zu dem unangenehmsten Geschäft von der Welt. Das ganze Erdreich hatte sich sozusagen in Schlamm aufgelöst, alle Waldströme waren ausgetreten. Die Wälder selbst, an vielen Orten nur auf Schußweite von der Küste entfernt, wimmelten von Briganten und Insurgenten, die nicht aufhörten, uns zu beunruhigen, ohne daß wir etwas Nachdrückliches gegen sie zu unternehmen imstande gewesen wären. Sie stürzten sich wie reißende Tiere wütend auf jede Beute, die sich ihnen darbot, und von der sie mit Sicherheit voraussehen konnten, daß sie ihnen zuteil werden mußte. Wir, die Belagerer, waren gewissermaßen wieder belagert und blockiert, da uns von diesen Wald- und Höhlenbewohnern oft die besten Zufuhren weggenommen oder abgeschnitten wurden. Trotzdem mehrere bedeutende Orte, wie Calanna, San Agata und andere Dörfer in der Nähe von Reggio lagen, welche abwechselnd von den Truppen, um sich zu erholen, besetzt wurden, mußten wir doch manchmal eine ganze Woche unter freiem Himmel und im Regen, Schlamm und Wasser kampieren, ohne daran denken zu können, die Kleider am Leibe nur einmal zu trocknen. Denn indem man das Hemd wechselte, wenn man ja eines zu wechseln hatte, wurde dasselbe schon wieder durch und durch naß. Kein Feuer brannte mehr und die aufgeworfenen Erdhütten waren voll Wasser. Man stand oder saß im Morast, während das Wasser am Körper in Strömen herabrollte, und dabei oft kein Stück trockenes Brot, viel weniger etwas Warmes zu essen. Nur Wein und Branntwein war meistens in hinlänglicher Quantität vorhanden. Man sollte kaum glauben, daß Menschen nur vierundzwanzig Stunden solche Strapazen auszuhalten imstande seien. Aber wie vermag sich der Körper nicht abzuhärten! Daß ich in meiner Kindheit und bei Breidenstein so hart und rauh gehalten worden, kam mir jetzt sehr zu statten. Zwar blieb mein Fieber nicht aus, aber China und roter Wein verscheuchten es wieder. Unsere Kranken mehrten sich übrigens bald auf eine Weise, welche Schrecken und Besorgnis einflößen mußte.

Schön ist der Anblick der Meerenge von Messina, das man mit seinem Mastenwald und dem prächtigen Hafen von der diesseitigen Küste erblickt, ebenso im Hintergrunde die Rauchwolken des kolossalen majestätischen Ätna. Bei einer späteren Fahrt durch diese Meerenge mit einer französischen Flotte, 1814, von Korfu kommend, hatte ich Gelegenheit, die herrlichen Küsten Siziliens ganz in der Nähe in Augenschein zu nehmen. Der Gipfel des alten Ätna war jetzt mit Schnee bedeckt, aus dem der Rauch emporzuquellen schien.

Nach beinahe drei Wochen, als wir fast zwei Dritteile der Leute, die nur schlecht gepflegt werden konnten, eingebüßt hatten, wurden wir endlich durch neue, von Neapel ankommende Bataillone abgelöst. Wir marschierten, noch immer unter Regen, fast schuhlos und abgerissen, über Monteleone, Nicastro und so weiter bis nach Cosenza zurück. Es war wirklich ein Jammer, anzusehen, wie die Leute auf den grundlosen Wegen, mit den mit Stricken an den Füßen befestigten Stücken von Ziegenfellen, die immer wieder rissen, bei der schlechtesten Kost, vorwärts mußten. Auch die Gamaschen und Beinkleider hingen schon ziemlich zerlumpt um die Waden. Oft bedurfte es keiner geringen Anstrengung, die Füße aus dem Morast zu bringen, wo dann die Schuhlappen oder Felle noch stecken blieben und mit bloßen Füßen weiter marschiert werden mußte, bis man wieder etwas fand, sie zu bedecken. Erst in Cosenza wurde diesen beklagenswerten Übelständen teilweise abgeholfen, neue Schuhe ausgeteilt und ein vierwöchentlicher Sold ausgezahlt. Wir befanden uns wie in einem Paradies, und die Soldaten vergaßen in den Schenken jubilierend alles ausgestandene Ungemach bei dem starken roten Wein. Nach einer fünftägigen Rast und bestmöglichster Restauration brachen wir nach Neapel auf. Aber die Wege waren nicht besser, wohl noch schlimmer, die Bäche und Flüsse kaum mehr zu passieren, und ehe wir nach Tarsia kamen, ertranken vier Mann in dem Fluß Crati, durch den Strom von der Masse weggespült, hinter Castrovillari wieder zwei in einem Waldbach. Endlich rückten wir anfangs Dezember, nach unbeschreiblichen Strapazen und Entbehrungen, ganz zerlumpt und mit kaum einem Dritteil der ausmarschierten Mannschaft in Neapel ein, wo ich mein altes Quartier in Giesù nuovo wieder bezog und mehrere Briefe vorfand, unter denen einer, der mir Gertrudens glückliche Niederkunft meldete.

Schon in den ersten zwei Tagen übergab mir Madame Gasqui die Rolle des Britannikus, mit der Bitte, sie doch möglichst schnell einzustudieren, da die Königin den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von Racine aufführen zu sehen. – „Aber, lassen Sie mich um Gotteswillen nur zu Atem kommen,“ bat ich die in mich dringende Schöne, und acht Tage später spielte ich wirklich den Britannikus ganz zur Zufriedenheit Ihrer Majestät, wie sie mir selbst zu versichern geruhte, und hoffte nun für die ausgestandenen Leiden ein recht vergnügtes Hofleben, ein angenehmes Weihnachtsfest, und einen noch fröhlicheren Karneval in der Hauptstadt des irdischen Paradieses, in welchem ich auch mein Helenchen wieder aufgesucht und einige sehr schöne Hofdamen in Perspektive hatte, in dolce giubilo zuzubringen. Aber ich machte die Rechnung ohne den Wirt, denn acht Tage nach der Vorstellung des Britannikus eröffnete mir der Oberst Omeara, daß ich nebst noch sieben anderen Offizieren, von den beiden ersten Bataillonen, wieder nach Genua abgehen müsse, wo ein viertes Bataillon aus der dort im Depot angekommenen Mannschaft schnell formiert werden solle und zu dem ausdrücklich die tüchtigsten Offiziere des Regiments versetzt werden müßten, da, wie es schien, dasselbe eine besondere Bestimmung erhalten würde. Schon den nächsten Tag erhielten wir unsere Marschrouten nebst der Ordre, in drei Tagen abzureisen. Ich ordnete meine Sachen, nahm von Moritz und den anderen Bekannten und Damen Abschied, und machte mich an dem festgesetzten Tage mit meinen Kameraden auf dem Wege nach Rom.

VIII.
Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach Marseille. – Marsch von Marseille nach Perpignan. – Perpignan. – Eine spekulative Spröde. – Toulouse. – Formierung des zweiten Observationskorps an den Pyrenäen. – Ich werde zum dritten Reservekorps versetzt. – Bayonne. – Bordeaux. – Bazas. – Hasparren. – Napoleons Intrigen gegen Spanien. – Abmarsch nach diesem Land. – St. Jean de Lüz.

Ich war mit den mit mir versetzten Offizieren übereingekommen, daß wir diesmal mit ein paar Vetturini die Reise so weit es tunlich, zurücklegen wollten. Mein Pferd, eines hatte ich verloren, ließ ich durch meinen Burschen nachbringen. Wir fuhren ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu dem nach Aversa führenden Tor hinaus, und kamen schon am Abend des folgenden Tages in Rom an. Hier weilten wir vierundzwanzig Stunden, und ich suchte außer der Prinzessin Cesarini, die über mein unverhofftes Kommen erfreut und erstaunt war, und mit einem triumphierenden Blick mir den zur Welt gebrachten Knaben zeigte, aber trostlos schien, als ich ihr meine so nahe bevorstehende Abreise verkündete, niemand auf. Ich schied von ihr, die Hoffnung aussprechend, daß wir uns in ganz kurzer Zeit und dann gewiß auf länger wiedersehen würden. Sie erzählte mir viel von den Unannehmlichkeiten, denen sie fortwährend hauptsächlich durch die Verwandten ihres Mannes ausgesetzt sei, die ihr das Leben schrecklich verbitterten.

Wir setzten unseren Weg über Florenz, wo wir einen Tag blieben, fort, und fuhren dann rastlos über Pistoja, Lucca, Massa, Spezia, Chiavari und so weiter, später Extrapost nehmend, bis Genua, wo wir in der zweiten Hälfte des Dezembers eintrafen, und wo uns Herr von Brüge bei den neu errichteten Kompagnien einteilte. Nach und nach wurden zu jener Zeit die Regimenter bis auf sechs Bataillone, ohne das Depot, gebracht und erhielten dann noch einen Colonel en second. Mir wurde die Karabinier-Kompagnie des neuen Bataillons zuteil. Zugleich wurde uns angekündigt, daß sich dasselbe spätestens in drei Tagen einschiffen müsse, um mit dem ersten günstigen Wind nach Marseille abzufahren, wo wir vermutlich weitere Order erhalten würden. Die wenigen Tage unseres Aufenthaltes in Genua brachte ich meistens in den Kasernen und bei Brüges zu, ohne meine früheren Bekanntschaften aufsuchen zu wollen. Namentlich vermied ich es sorgfältig, mit der tollen Giulietta zusammenzutreffen. Erst den Tag vor unserem Einschiffen machte ich meinem alten Gitarrenlehrer einen Besuch, und erfuhr von diesem daß die Marchesa P... noch immer kränkle, die Spinola melancholisch sei und die Palatini sich oft nach mir erkundige. Letztere wünschte ich noch zu sehen, und die alte Guercino veranstaltete, daß ich am Abend vor unserer Einschiffung noch eine Zusammenkunft mit ihr hatte, die wegen der schnellen Trennung, mein Dasein war fast nur eine Erscheinung, recht zärtlich-traurig ausfiel. Guercinos schenkte ich eine Quadrupel. Das Geld, das ich der Kompagnie in Kalabrien vorgeschossen, hatte ich mir einstweilen in Neapel von Moritz geben lassen, und diesen deshalb auf die Regimentskasse angewiesen, sobald bezahlt würde, was auch einige Wochen nach unserer Abreise geschah. Erst den fünften Tag verließen wir mit günstigem Wind den Hafen von Genua, in mehreren Felukken und anderen Küstenfahrern eingeschifft. Es war zehn Uhr morgens, als wir die Anker lichteten. Der uns gut zu statten kommende Nordost blies tüchtig in die Segel, war aber auch Schuld, daß die kleine Flottille bald getrennt war. Einige Fahrzeuge derselben entfernten sich von der Küste und steuerten gegen Süden. Die Unglücklichen! Sie wurden noch denselben Tag von einer englischen Fregatte genommen, ohne den geringsten Widerstand leisten zu können. Die Felukke, auf der ich mich befand, hielt mit noch einigen anderen, die bei uns geblieben waren, in Albenga, Monaco und auf meine Veranlassung an der Insel Porquerolles an, um uns dort zu restaurieren. Den dritten Tag nach unserer Abfahrt von Genua liefen wir glücklich in den Hafen von Marseille ein, wo wir ein paar Tage in der Quarantäne zubringen mußten. Noch fehlte das Schiff, auf welchem sich unser Bataillonschef, Herr von St. Agneau, befand, und wir glaubten es auch von den Engländern gekapert, aber vierundzwanzig Stunden später traf es ein. Aus der Quarantäne entlassen, marschierten wir sogleich, ohne uns in Marseille aufzuhalten, nach Aix ab. Unsere Bestimmung lautete vorerst nach Perpignan. Wir kamen nun über Lambeß, Orgon, Saint Remis, Tarascon, Lünelle, lauter mir schon bekannte Orte, nach Montpellier, wo wir einen Rasttag hatten. Hier besuchte ich die Herren Michel und Gayral und fand Madame Gayral ziemlich verändert, ebenso die Verteuil, die noch bei dem Theater daselbst war. Von hier kamen wir über Gignac, Mèze, einem Städtchen von viertausend Einwohnern, nach Pezenas, das ein Schloß mit einer sehr schönen Aussicht hat und schon zur Zeit der Römer wegen seiner feinen Wolle berühmt war. In Beziers, wohin wir den folgenden Tag marschierten, hatten wir wieder Rasttag. Diese alte Stadt hatte noch Mauern und antike Türme und liegt an der Orbe und dem Kanal Du Midi. Auch ihre Lage ist entzückend und die Einwohner sind davon so eingenommen, daß sie ein Sprichwort haben, welches sagt: „Wollte Gott die Erde bewohnen, so würde er keinen anderen Ort als Beziers zum Aufenthalt wählen.“ Dagegen ist die Stadt selbst um so weniger einladend und hat meist enge, finstere, krumme und schmutzige Straßen. In einer engen Gasse liegt der gotische Palast der Montmorency. Ein Narr aus dieser Familie hatte hier jenes Gemälde, die Sündflut darstellend, verfertigen lassen, unter welchem man die Worte las: „Ah mon Dieu, sauvez la maison des Montmorency!“ Indessen gab es solche Stammbaumsnarren in allen Ländern, wo Ahnen spukten, und auf die gar oft ein stämmiger Kutscher oder tüchtiger Jäger ein Reis pfropfen mußte, sollte er nicht völlig eindorren. Als wir in Perpignan, unserem geglaubten Bestimmungsort, ankamen, nahm ich wieder mein altes Hilfsmittel, einen gewandten Haarkünstler und Bartkratzer zur Hand, hauptsächlich, um mir ein angenehmes Quartier ausfindig zu machen, da die Einquartierungsbillette nur auf drei Tage lauteten. Mit seiner Hilfe fand ich auch schon den zweiten Tag ein solches bei der artigen Frau eines Officier payeur namens Delongé, der bei der Armee in Deutschland stand und seine trauernde Gattin nur selten mit Nachrichten von sich erfreute. Ich mietete sogleich auf einen ganzen Monat für achtzehn Franken, ohne zu handeln, ein paar Zimmer. Die junge Dame war aus Bordeaux gebürtig, wo ihr Vater, früher ein reicher Kaufmann, falliert hatte, und der nun eine untergeordnete Stelle in Perpignan bekleidete. Die französischen Sitten und selbst die Sprache, das languedoquer Patois, die von den italienischen so sehr abwichen, kamen mir jetzt fast sonderbar vor. Der zweijährige Aufenthalt in Italien hatte mich denselben ganz entfremdet. Der Abstand ist so groß, als läge das Weltmeer zwischen beiden Ländern. Doch fand ich mich schnell wieder in das französische Wesen.

Meine artige Hauswirtin bat ich, mir den Mittagstisch bei ihr, versteht sich gegen gehörige Vergütung, zu geben, wozu sie sich aber nicht verstehen wollte und überhaupt gegen die Gewohnheit der militärischen und auch anderer Strohwitwen sehr spröde tat, kaum daß sie mir die Hand zum Kuß erlaubte, und wenn ich ihr dieselbe drücken wollte, gleich mit einem: „Fi donc, vous me faites mal“ bei der Hand war. Drei Tage wohnte ich schon bei ihr, hatte es aber noch nicht weiter als bis zum Handkuß beim Willkomm und beim Abschied bringen können. Den vierten wurde plötzlich bei der Parade der Befehl bekannt gemacht, daß wir in zweimal vierundzwanzig Stunden nach Bayonne abmarschieren würden. Ich teilte diese Nachricht sogleich der Madame Delongé bei meiner Nachhausekunft mit, worüber sie ganz erstaunt zusammenfuhr und zu erschrecken schien und endlich mit einem „Vous plaisantez“ herausfuhr. „Point du tout, c’est très serieux,“ erwiderte ich, und mich stellend, als setze ich dies Erschrecken auf Rechnung der Miete, fügte ich hinzu: „Aber seien Sie ganz ruhig, die Miete werde ich doch für den ganzen Monat berichtigen.“ Errötend ließ sie nochmals ein: „Fi donc, halten Sie mich für so interessiert?“ fallen. – „Also ist es wirklich an dem, daß Ihr Bataillon schon übermorgen Perpignan verläßt?“ – „Leider nur zu wahr,“ seufzte ich, ihr die Hand wieder küssend und drückend, und diesmal erfolgte kein ‚Fi donc‘, sondern man ließ das niedliche Pätschchen in der meinigen ruhen. Ich zog es nun näher an mich, drückte es, ohne Widerstand zu finden, an mein Herz und bald darauf einen Kuß auf die sich rötenden Wangen der Dame. – „Sehen Sie,“ sagte ich ihr jetzt, „was wir für eine kostbare Zeit vertändelt haben; daran ist allein Ihre unzeitige Sprödigkeit schuld.“ – „Ja, wer hätte auch denken können, daß ...“ Hier blieb sie, sich besinnend, plötzlich stecken. – „Fahren Sie doch fort, meine Schöne: daß wir uns so schnell trennen müssen? Ist es nicht das, was Sie sagen wollten?“ – „Das nicht, aber –“ „Aber es ist doch so,“ ergänzte ich nochmals, zog die immer röter werdende Madame Delongé an mich, und bald lag sie umschlungen in meinen Armen, Brust an Brust. – „Sehen Sie, so geht es, wenn man die Grausame zur Unzeit spielen will.“ Es kam nun zu einem allerliebsten Schäferstündchen, nach dem mir die Dame offen gestand, daß, da die Herren vom Militär in der Regel so sehr volage seien, sie geglaubt habe, mich besser zu fesseln, wenn sie mich lüsterner nach der verbotenen Frucht mache; „denn,“ setzte sie hinzu, „gar bald wird man vernachlässigt, wenn man sich so schnell ergibt.“ – „So, also haben Sie schon die Erfahrung gemacht,“ versetzte ich lachend. – „Das eben nicht, aber so habe ich immer gehört.“ – „Ah, das ist etwas anderes; aber lassen Sie uns die kurze Zeit, die uns noch übrig bleibt, wohl nutzen.“ Dies taten wir denn auch, und so wohl, daß ich die zwei Nächte, die wir noch in Perpignan blieben, fast kein Auge zu schließen vermochte. Auch hatte ich nun die Ehre, ihr Tischgenosse mittags und abends zu sein, wofür ich Antoinetten, so durfte ich sie jetzt nur noch nennen, ein schönes goldenes Armband mit drei Pensées und dem eingegrabenen Datum, aber ohne Namenszug, vor der Abreise zum ewigen Andenken verehrte. Auch das sie bedienende Mädchen, das in einem Kämmerchen neben der Herrin schlief und nur durch eine dünne Bretterwand von derselben geschieden war, bedachte ich großmütig, damit sie reinen Mund halte und die Blinde, Taube und Stumme spielen möchte, wenn sie mich allenfalls in den bloßen Strümpfen in das gastfreundliche Seitengemach schlüpfen sah oder hörte; doch glaube ich nicht mit Unrecht, daß sie die sehr Vertraute ihrer Dame war. Eben schlummerte ich ein wenig, als am Morgen nach der zweiten Nacht die Tambours das unerbittliche Rappellieren hören ließen. Ich nahm noch einmal Abschied, warf mich in die Uniform, schnallte den Degen um und riß mich nach einem letzten Kuß aus Liebchens heißen Armen. Eine Stunde darauf befand ich mich mit dem Bataillon auf dem Marsch nach Salces, von wo es über Narbonne nach Carcasonne, der Hauptstadt des Departements Aude, die am Fluß dieses Namens und an dem Kanal Du Midi liegt, ging.

Von hier führte uns der Weg über Villepinte nach Villefranche, einem kleinen Städtchen im Departement Haute-Garonne, und von da nach Toulouse, wo mir ein Sejour gestattete, diese alte berühmte Stadt wenigstens oberflächlich kennen zu lernen.

Toulouse liegt an der Garonne, die sie in zwei Teile teilt, von denen der kleinere St. Cyprien heißt; beide sind durch eine sehr schöne Brücke verbunden, zu der ein Triumphbogen führt, der im siebzehnten Jahrhundert erbaut wurde. Wälle und alte Mauern befestigen die Stadt, die breite, gutgepflasterte Straßen, zum Teil schöne Häuser, einige große Plätze und sehr schöne Promenaden hat, wozu man die herrliche Esplanade zählen muß. Auch ist hier eine gute Kanonengießerei. Die Zahl der Einwohner mag an achtzigtausend betragen. Die Lage und die Umgebungen der Stadt sind himmlisch. In dieser Stadt wurde 1762 der unglückliche und unschuldige Calas als ein Opfer des scheußlichen Ungeheuers, religiöser Fanatismus genannt, hingerichtet.

Von Tarbes kamen wir nach dem Geburtsort Heinrich IV., Pau, der ehemaligen Hauptstadt von Bearn, jetzt die der Basses-Pyrenées. Bernadotte, der nachmalige König von Schweden (Karl XIV.), wurde hier geboren. Sie liegt am rechten Ufer der Gave de Pau, hat ziemlich breite und gut gebaute Straßen und an neuntausend Einwohner. In den Mauern des alten, einer großen Burg ähnlichen Schlosses, das dereinst die Residenz der Könige von Navarra war, hat Heinrich IV. das Licht der Welt erblickt. Zur Zeit der französischen Revolution wurde es sehr mitgenommen und dann zum Staatsgefängnis gemacht; aber der Park, in welchem Heinrich so oft der Jagdlust pflegte, ist noch vorhanden, ebenso der Cours Bayard, der eine der besuchtesten Promenaden ist, deren es hier sehr schöne gibt. Von der Brücke, die über den Gave de Pau führt, hat man eine großartige Aussicht auf die sich riesenmäßig amphitheatralisch erhebenden Pyrenäen. Der Aufenthalt in Pau ist wegen seiner reinen und gesunden Luft sehr gesucht, und das ganze Jahr hindurch halten sich viele Fremde hier auf; auch ist das Leben angenehm und wohlfeil, die Einwohner sind leutselig und gefällig. Die Umgegend ist entzückend und sehr malerisch.

In Pau sollten wir bis auf weitere Order liegen bleiben; die ganze Umgegend, besonders nach Bayonne zu, wimmelte von Truppen jeder Waffengattung, die zum Teil auf Wagen herbeigefahren waren, was uns nicht so gut geworden. Niemand konnte noch mit einiger Gewißheit sagen, was diese abermalige Versammlung eines Heeres in dieser Gegend bezwecke, obgleich jedermann der Meinung war, daß es auf Spanien abgesehen sein müsse und wir dem Marschall Jünot folgen würden, da schon Truppen vom zweiten sogenannten Observationskorps in Spanien eingerückt waren.

Die Weihnachten und das Neujahr 1808 hatten wir diesmal auf dem Marsch zugebracht, ohne an irgendeine Feier zu denken. Jetzt erhielt das Bataillon Befehl, gegen Bayonne aufzubrechen, in dessen Nähe es verlegt werden sollte. Zu der nach Spanien bestimmten Armee hatte man besonders neu formierte Korps gebildet, welche die Benennung Legions de reserve für die Infanterie und Regiments provisoirs für die Kavallerie, Dragoner, Kürassiere, Chasseurs à cheval und so weiter erhielten. Die Mannschaft dazu hatte man teils aus den Depots anderer Regimenter, teils aus der antizipierten Konskription von dem Jahre 1808 genommen. Schon längst hatte ich eine Versetzung in ein französisches Regiment und das Regiment Y. zu verlassen gewünscht, aber bis jetzt vergeblich darnach getrachtet, und am liebsten wäre ich zur leichten Kavallerie, namentlich den Husaren oder Chasseurs à cheval gegangen. Jetzt schien mir die Formierung des nach Spanien bestimmten Heeres eine passende Gelegenheit, dieses Projekt auszuführen und die Versetzung zu einem anderen Regiment durchsetzen zu können, obgleich ich aller Protektion dazu entbehrte. Meine Dienstzertifikate hatte ich mir vor unserer Abreise nach Neapel ausfertigen lassen. Ich lag mit meiner Kompagnie in einem ungefähr anderthalb Stunden von Bayonne entfernten Weiler, besuchte aber oft diese Stadt, in welcher sich jetzt ein sehr glänzender und zahlreicher Generalstab befand. Hier war das große Depot für alle nach Spanien bestimmten Truppen, wo es beständig von Offizieren und Soldaten aller Waffengattungen wimmelte. So machte ich in einem Kaffeehause die Bekanntschaft eines Stabsoffiziers vom zweiten Regiment garde de Paris, das dem zweiten Observationskorps der Gironde zugeteilt war, welches der General Düpont en Chef kommandierte. Durch diesen Offizier, einen Bataillonschef namens Bardin, erfuhr ich, daß unser ehemaliger Oberst, Fürst Y..., ganz kürzlich als Brigadegeneral bei der ersten Division des vom Marschall Moncey befehligten Observationskorps stand. Bardin hatte den Fürsten öfters in Paris gesehen und fragte mich nach dessen Verhältnissen in Deutschland; wir waren beide bald darin einverstanden, daß sich derselbe niemals als ein großer Kriegsheld im Feld hervortun würde, auch riet mir Bardin, alles anzuwenden, um in ein anderes Regiment zu kommen, da das Regiment Y... sowie Latour d’Auvergne in einem schlimmen Ruf in der Armee stünde wegen der Desertionen und Exzesse, welcher sich Soldaten und Offiziere desselben schuldig machten. Ich erwiderte ihm, daß der Rat wohl gut und dies schon längst mein Wunsch sei, aber es mir durchaus an Bekanntschaften fehle, um ihn in Erfüllung zu bringen, und dies um so schwerer sei, weil ich kein geborener Franzose, sondern jetzt ein Untertan des Großherzogs von Frankfurt sei. Bardin erkundigte sich nach meinen bisherigen Dienstverhältnissen, nach den Kampagnen, die ich bereits gemacht, und ersuchte mich, ihm meine Etats de services den nächsten Tag mitzubringen, er könne vielleicht Mittel und Wege finden, mir in dieser Angelegenheit behilflich zu sein. Mit Freuden tat ich, was er verlangte, und brachte ihm schon den nächsten Morgen die gewünschten Papiere in sein Quartier. Nachdem er sie durchgesehen, versprach er mir, sich bei dem General Legendre, den er persönlich kenne und der Chef vom Etat-Major bei dem vom General Düpont befehligten Armeekorps von fünfundzwanzigtausend Mann sei, für mich zu verwenden und mich ihm bestens zu empfehlen. Bald versicherte er mir, daß meine Angelegenheit recht gut stünde und ich nächstens Neues erfahren werde; in der Tat wurde ich schon zehn Tage später auf Befehl des Marschall Moncey provisorisch der dritten Legion der Reserve zugeteilt und bald darauf vom Kriegsminister definitiv bei derselben angestellt.

Von Bayonne wurde ich nach Bordeaux beordert, wo noch eine Abteilung der Legion, bei der ich jetzt stand, lag. Ich fuhr mit der Post dahin und ließ meine beiden Pferde – ein zweites sehr gutes hatte ich in Pau gekauft – durch meinen Reitknecht nachbringen. Ohne mich irgendwo aufzuhalten, erreichte ich diese berühmte Handelsstadt Frankreichs und meldete mich bei dem das zweite Bataillon kommandierenden Bataillonschef, der mir die dritte Kompagnie seines Bataillons übergab. Diese Legionen hatten weder Grenadier-, Karabinier- noch Voltigeurkompagnien. Herr Marlot, so hieß mein Chef, nahm mich recht freundlich auf und teilte mir mit, daß er jeden Tag den Befehl zum Abmarsch nach Bayonne erwarte, da die vier letzten Kompagnien schon völlig organisiert und marschfertig seien. Ich ließ mir schnell die bei meiner Legion notwendige neue Uniform machen und gab meinen neuen Kameraden, die sämtlich aus verschiedenen französischen Regimentern zu derselben versetzt worden waren, ein kleines Fest, nämlich ein Dejeuner, bei dem die Bayonner Schinken und die besten Bordeauxweine die Hauptbestandteile ausmachten und in Überfluß serviert wurden. Denselben Abend besuchten wir das große schöne Theater, unstreitig das schönste in Frankreich, das 1781 erbaut wurde und ein Meisterstück des Architekten Louis sowie der Baukunst überhaupt ist. Seine prächtige Fassade ist mit zwölf korinthischen Säulen verziert, und zwölf mit den Säulen korrespondierende Statuen schmücken die Balustrade. Das Vestibül und die Prachttreppe sind majestätisch. Außer der großen Bühne, die zum Teil außerordentlich schöne Dekorationen, wirkliche Meisterstücke der Dekorationsmalerei aufzuweisen hat, sind noch viele Säle, wie der für Konzerte, der prächtige Foyer, der Malersaal und so weiter, alle der Pracht des Gebäudes entsprechend, in demselben.

Den sechsten Tag nach meiner Ankunft zu Bordeaux erhielten wir Befehl zum schleunigen Abmarsch, den wir den folgenden in aller Frühe antraten. Durch verschiedene unbedeutende Orte kamen wir nach Bayonne, wurden aber vorerst nach Hasparren, einem Kantonsstädtchen in der Nähe von Bayonne, verlegt, wo wir jedoch nur zwei Tage blieben. Es war jetzt die ganze Gegend so sehr mit Truppen aller Art angefüllt, daß nicht selten Stabsoffiziere in den elendesten Baracken einquartiert waren. Ich selbst hatte noch ein ziemlich leidliches Quartier mit noch einigen Offizieren bei einem Viehhändler.

Die Vereinigung einer solchen Truppenmasse auf diesem Punkt und der Zweck derselben war, wie gesagt, noch immer ein halbes Rätsel. Daß es Spanien gelten solle und wir den schon daselbst befindlichen Truppen folgen würden, war ein großes Geheimnis, das noch niemand zu enthüllen vermochte. Aber was dort tun, da ja Frankreich im tiefsten Frieden mit diesem Lande lebte und sein Herrscher der beste Freund Karls IV. schien. Daß das kleine Portugal eine solche Heeresmasse notwendig mache, wollte niemand einleuchten; aber niemand fiel es auch nur im Traum ein, daß es auf Spanien abgesehen sei, und keiner von uns hielt damals den Kaiser Napoleon solcher heillosen Intrigen fähig, wie er sie bald darauf anspann. Diese große Beutelschneiderei, denn wie soll man es anders nennen, durch welche er Spanien an sein Haus bringen wollte, war eine ebenso dumme wie unpolitische Büberei, ein Schurkenstreich, der bittere Früchte tragen mußte und der, als er bekannt wurde und offenbar am Tag lag, auch die eifrigsten Verehrer und Anbeter seines Urhebers tief betrübte und verletzte; dabei wurde alles so linkisch angesponnen und angegriffen, daß es kaum zu begreifen war, wo Napoleon seinen Kopf hatte; denn hätte er sich nur öffentlich gegen den mit Recht verhaßten und verachteten Friedensfürsten Godoy erklärt und dann dem spanischen Volk einige Monate Zeit gelassen, seinen angebeteten Götzen Ferdinand VII. näher kennen zu lernen, so hätte er das leichteste Spiel von der Welt und die ganze spanische Nation für sich gehabt, so wie seine erbärmliche Hinterlist und dummtückischen Streiche ihm dieselbe notwendig zum erbittertsten Feind machen mußten. – Diese verblendete Einsichtslosigkeit und Schlechtigkeit mußte Napoleon schwer büßen.

Der geheime Vertrag, der im Oktober 1807 zwischen beiden Kronen abgeschlossen war, besagte, daß ein Korps von vierundzwanzigtausend Mann französischer Truppen sich im November bei Bayonne versammeln und bereit halten sollte, in Spanien einzurücken, um nach Portugal zu marschieren und den Engländern, welche dieses Land unaufhörlich bedrohten, zuvorzukommen. Diesen Heerhaufen hatte man das erste Observationskorps der Gironde genannt, und es rückte schnell in Spanien vor. Hierauf wurde sogleich ein zweites, ebenso starkes formiert und nach Bayonne und die Umgegend verlegt, zu dem wir gehörten; auch dieses sollte nun schnell in Spanien einrücken, aber immer als Verbündete des Herrschers dieses Landes. Schon anfangs Dezember war ein Teil desselben dem ersten Korps nach Spanien gefolgt, und unsere Legion erhielt noch in der ersten Hälfte des Monats Januar denselben Befehl. – St. Jean de Lüz, ein großer Hafen im Golf der Gascogne, eine Grenzfestung gegen Spanien mit ungefähr viertausend Einwohnern, war das letzte französische Nachtquartier vor unserem Einmarsch in Spanien. Hier war es, wo Ludwig XIV. nach dem mit diesem Land geschlossenen Frieden 1660 seine Vermählung mit der Infantin Maria Theresia, der Tochter Philipps IV., feierte. 1793 hatte daselbst ein Gefecht zwischen den Spaniern und den Franzosen stattgefunden. – Es war den 13. Januar 1808, als wir über die Bidassoa gingen, die Spanien von Frankreich trennt, und so die Grenze überschritten. Auch dieser Fluß war ein verhängnisvoller Rubikon für Napoleon.

IX.
Einmarsch in Spanien. – Die baskischen Provinzen. – Miranda de Ebro. – Der Engpaß Garganta Pancorbo. – Briviesca. – Burgos. – Quintana de la Puente. – Valladolid. – Ein Autodafé. – Eine schöne Andalusierin. – Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons Absichten hinsichtlich Spaniens. – Marsch nach Segovia. – Biwak bei Segovia. – San Lorenzo. – El Pardo. – Glänzender Einmarsch in Madrid.

Unser erstes Nachtquartier auf spanischem Boden war Irun, ein sehr altes Nest, das schon zur Zeit der Römer stand und jetzt kaum zweitausend Einwohner zählen mochte, die größtenteils von den Passanten leben, die sich von Frankreich nach Spanien und umgekehrt begeben. Diese Stadt mit ihren schmutzigen, schlecht gebauten Straßen gab uns eben keinen guten Vorgeschmack von dem, was uns in Spanien erwartete. Hier begann in einer Hinsicht so ziemlich wieder das italienische Leben, das heißt, die Leute wurden nicht einquartiert, sondern in Kasernen oder andere große Gebäude gelegt und später auch wieder in Kirchen und Klöster; sie bekamen ihre Rationen Fleisch, Brot, Wein, Zugemüse und so weiter und mußten sich alles selbst kochen und zubereiten; dies ist zwar auch der Fall in Frankreich, aber außer dem, daß der Soldat bei dem Bürger einquartiert ist, der ihm auch Holz und Licht geben muß, geschieht es nicht selten, daß letzterer noch einen Extrabraten und allerlei Zutaten in die Küche seiner Einquartierung liefert, wenn er nicht zu den Schmutzfilzen gehört. Die gelieferten Rationen waren in Spanien im Durchschnitt noch weit schlechter als in Italien, besonders das Ziegenfleisch von keiner guten Qualität. – Wenn man die auf gemeinschaftliche Kosten Spaniens und Frankreichs erbaute und unterhaltene Brücke der Bidassoa passiert hat, befindet man sich in der Guipuzcoa, die nebst Biscaya und Alava die baskischen Provinzen bildet. Hier erinnert auch nichts mehr an das eben verlassene Frankreich; Charakter, Sitten, Gebräuche und selbst die Bauart und die Wohnungen sind so himmelweit verschieden, daß man glauben sollte, beide Länder wären durch viele hundert Meilen getrennt, und man sei durch einen Zauberflug von dem einen in das andere versetzt worden. Das Hauptquartier unseres Armeekorps war in Valladolid, und die Legionen und Regimenter kantonnierten längs dem Duero. Die vier ersten Kompagnien unserer Legion wurden in die Gegend von Burgos verlegt, wohin vorerst unsere Bestimmung lautete. Von Irun marschierten wir über Hernani nach Tolosa. Der Weg ging durch ein fruchtbares und gut angebautes, lachendes Tal, in dem Hernani, ein großer von Bergen umgebener Flecken, der blendend weiße Häuser und schöne Baumgruppen hat, liegt. Tolosa ist kein unfreundliches Städtchen am Oria und Araxes, über den letzteren führt eine hübsche Brücke mit einem Turm. Die Stadt konnte ungefähr fünftausend Einwohner haben. Jeder Einwohner, jeder Bauer dieser Provinz behauptet, er sei von Adel, und wer kann ihm diese Behauptung streitig machen, als etwa ein hirnverrückter Stammbaumfabrikant?

Noch zeigten sich die Bewohner der baskischen Provinzen nicht feindselig gegen uns, obgleich manche dieser verbrannten Gesichter allerdings schon Mißtrauen ausdrückten und uns mit zweideutigen Blicken ansahen. Die Frauen und Mädchen dieser Gegend sind niedliche Geschöpfe, und die Landmädchen, welche ihre Haare in langen, mit Bändern geschmückten Flechten, die ihnen über die Schultern herabfallen, tragen, sind äußerst lebhaft und munter; auf dem Kopf haben sie dünne Musselinschleier, die um die Achseln fliegen, geheftet. Die es nur irgend aufbringen können, tragen goldene Ohrringe, mitunter auch Perlen und Halsketten von Korallen. Ihr Anzug ist sehr nett, und da sie in der Regel gut gewachsen sind, so stehen ihnen ihre Leibchen und Jäckchen allerliebst. Was mich hier am meisten ärgerte, war, daß ich mich mit den Einwohnern und also auch mit den Frauen weder verständigen noch unterhalten und deshalb an keine galanten Abenteuer denken konnte. Ich hatte geglaubt, mir mit dem Italienischen helfen zu können, wenn ich an das Ende der Wörter nur ein s oder os hinge; aber dies ging nicht, namentlich in den baskischen Provinzen, wo die Sprache eine ganz verschiedene ist; aber auch in einem großen Teil des übrigen Spaniens konnte ich mir nicht wohl damit forthelfen, da, wenn auch die Worte oft ganz ähnlich, ja sogar ganz dieselben, Aussprache und Akzent jedoch himmelweit verschieden sind und man sich erst an diese gewöhnen muß, namentlich in den Provinzen, wo das Spanische schlecht oder verdorben gesprochen wird. Ich nahm mir zwar vor, jetzt die spanische Sprache zu studieren, aber hierzu ließen mir die Kriegsbegebenheiten und Unruhen wenig Zeit, und ich konnte es nicht weiter bringen, als mich notdürftig im Spanischen auszudrücken, auch kamen wir, einige Fälle ausgenommen, zu wenig in nähere Berührung mit den Einwohnern; doch konnte ich bald den Cervantes, Calderon, Lope de Vega und andere spanische Autoren im Original lesen, namentlich amüsierte und erheiterte mich Don Quixote nicht wenig.

Von Tolosa war unser nächster Marsch nach Villa Real, einem Flecken, der eben nichts Königliches aufzuweisen hatte; ein paar Kompagnien mußten in dem nahen Dorf Zummaraya übernachten; von hier kamen wir über das Städtchen Bergara an der Deva nach Mondragon, einem Ort, der nicht unbedeutende Waffenfabriken hat. Der Weg von Bergara bis Vittoria ist fortwährend mit freundlichen Dörfern und vielen Landhäusern besät, die fast ununterbrochen zusammenhängen; überhaupt sind die baskischen Provinzen sehr bevölkert und trefflich angebaut, was sie von dem übrigen Spanien sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet und was sie ihrer viel freieren Verfassung zu danken haben, welche die Betriebsamkeit und den Handel ihrer Bewohner anspornte. Auf diesem Wege hatten wir fast beständig den im Tale wogenden Fluß Zadorra vor Augen, der dessen reizendste Partien in Krümmungen durchschneidet. Alles kündigte hier einen gewissen Wohlstand an, die Landleute, Männer wie Frauen, waren reinlich und gut gekleidet. Von Mondragon stiegen wir auf den Berg, auf dem der Flecken Salinas liegt, von dem man noch eine Strecke über diesen Teil der Pyrenäen kommt, dann aber geht es fast beständig bergab bis Vittoria, das man nun bald vor sich liegen sieht.