Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
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Philosophische Handbibliothek
Band V
P H I L O S O P H I S C H E
H A N D B I B L I O T H E K
Herausgegeben von
Clemens Baeumker
Ludwig Baur
Max Ettlinger
unter Mitarbeit von
Matthias Baumgartner / Adolf Dyroff
Godehard Jos. Ebers / Josef Ant. Endres / Josef Geyser
Martin Grabmann / Johannes Lindworsky / Hans Meyer
Franz Sawicki / Josef Schwertschlager
Johann Peter Steffes / Michael Wittmann
1 9 2 3
Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München
Verlagsabteilung
Kempten
E X P E R I M E N T E L L E
P S Y C H O L O G I E
von
Johannes Lindworsky S. J.
Dritte, durchgesehene Auflage
Band V
der Philosophischen
Handbibliothek
1 9 2 3
Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München
Verlagsabteilung
Kempten
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck verboten
Made in Germany
*
Copyright 1923 by Josef Kösel & Friedrich Pustet, K.-G. München
Buchdruckerei des Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, Kommandit-Ges.
Zweigniederlassung Kaufbeuren
Vorwort zur dritten Auflage
Ein doppeltes Ziel hatte sich diese Arbeit gesteckt: kurz und verlässig zu berichten, was bisher über das Seelenleben des Erwachsenen erforscht war, und die in diesem Bilde noch klaffenden Lücken sei es durch eigene Untersuchungen, sei es durch Hypothesenbildung auszufüllen. Die günstige Aufnahme, die das Buch gefunden — auch die zweite Auflage war vor Ablauf eines Jahres vergriffen —, dürfte beweisen, daß jenes Doppelziel im wesentlichen erreicht wurde.
In der dritten Auflage wurden die inzwischen gezeitigten Forschungsergebnisse verwertet, insoweit sie dem Plane des Buches entsprechen und eine gewisse Abgeschlossenheit erlangt haben.
Zwei Wünsche, die mir von geschätzter Seite vorgetragen wurden, konnte ich nicht erfüllen. Zunächst durfte ich ob des beschränkten Raumes nicht mit solcher Breite schreiben, daß das Buch mühelos von jedem Gebildeten gelesen werden könnte. Wer es als Leitfaden neben den Vorlesungen benützt — und für Hochschüler ist die „Philosophische Handbibliothek“ in erster Linie gedacht — wird keine Schwierigkeiten beim Studium finden. Andere Leser dürften bei etwas besinnlicher Lektüre den Inhalt gleichfalls bewältigen und dann um so größeren Gewinn davontragen. Zweitens wurde ein Abriß der Methoden, etwa als Anhang gewünscht. Allein, was an Methodik für das Verständnis der Tatsachen notwendig ist, wird stets an seinem Ort mitgeteilt. Im übrigen möchte ich nicht der Täuschung Vorschub leisten, die Befähigung zu psychologischer Forschungsarbeit lasse sich leichthin erwerben. Wer eine genauere Einführung in die Anfangsgründe der Methodik wünscht, sei auf das gediegene Werk von R. Pauli, „Psychologisches Praktikum“ 3. Aufl. 1923, verwiesen, das sich u. a. auch durch ausgedehnte Literaturnachweise auszeichnet. Noch weiter führende Literaturangaben finden sich bei J. Fröbes, „Lehrbuch der experimentellen Psychologie“ 2. Aufl. 1922/23. — Der S. 90 zitierte Aufsatz ist zwar schon seit geraumer Zeit gedruckt, wird aber vielleicht erst im nächsten Jahr erscheinen.
Köln, im September 1923.
Johannes Lindworsky S. J.
Druckfehlerberichtigung:
S. 104 Zeile 2 von unten lies: „[objektiven]“ statt „subjektiven“.
INHALTSVERZEICHNIS
| Seite | ||||||
| Vorwort | ||||||
| Inhalt | ||||||
| Abkürzungen | ||||||
| 1. | Die Eigenart der experimentellen Psychologie | |||||
| 2. | Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie | |||||
| 3. | Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie | |||||
| 4. | Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie | |||||
| 5. | Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen Psychologie | |||||
| Erster Abschnitt: [Die Empfindungen] | ||||||
| 1. | Kap. Die Empfindung im allgemeinen | |||||
| 2. | ||||||
| A. | ||||||
| 1. | Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen | |||||
| 2. | Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen | |||||
| 3. | Die Gesetze der Farbenmischung | |||||
| 4. | Der Simultankontrast | |||||
| 5. | Die Umstimmung der Netzhaut | |||||
| 6. | Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung | |||||
| 7. | Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung | |||||
| 8. | Die Farbenblindheiten | |||||
| 9. | Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie | |||||
| 10. | Theorien des Farbensehens | |||||
| B. | ||||||
| 1. | Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen | |||||
| 2. | Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen | |||||
| 3. | Die Theorie der Gehörempfindung | |||||
| 3. | ||||||
| A. | ||||||
| 1. | Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen | |||||
| 2. | Reize und Organe des Geschmacksinnes | |||||
| B. | Die Geruchsempfindungen | |||||
| C. | Die Temperaturempfindungen | |||||
| D. | Die Druckempfindung | |||||
| E. | Die Schmerzempfindung | |||||
| F. | Die Organempfindungen | |||||
| G. | Die statischen Empfindungen | |||||
| H. | Die kinästhetischen Empfindungen | |||||
| 4. | Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie | |||||
| 5. | Kap. [Die Psychophysik] | |||||
| 1. | Aufgaben und Methoden der Psychophysik | |||||
| 2. | Das Webersche und das Fechnersche Gesetz | |||||
| Zweiter Abschnitt: [Empfindungskomplexe] | ||||||
| 1. | ||||||
| 1. | Die Tatsache der Tonverschmelzung | |||||
| 2. | Gesetze der Tonverschmelzung | |||||
| 3. | Die Erklärung der Konsonanz | |||||
| 2. | Kap. Die optischen Raumeindrücke | |||||
| A. | ||||||
| 1. | Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus | |||||
| 2. | Der blinde Fleck | |||||
| 3. | Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche | |||||
| 4. | Unvollkommenheiten des Einauges | |||||
| B. | ||||||
| 1. | Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung | |||||
| 2. | Das Tiefensehen | |||||
| C. | ||||||
| 1. | Doppeltsehen und Einfachsehen | |||||
| 2. | Die Sehrichtung des Doppelauges | |||||
| 3. | Das Tiefensehen mit zwei Augen | |||||
| 4. | Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung | |||||
| 3. | ||||||
| 1. | Der Raumsinn der Haut | |||||
| 2. | Der Tastraum der Blinden | |||||
| 3. | Theorie des Tastraumes | |||||
| Dritter Abschnitt: Die absoluten Vorstellungen | ||||||
| Vierter Abschnitt: Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen | ||||||
| 1. | Die Synästhesien | |||||
| 2. | Erscheinungsweisen der Farben | |||||
| 3. | Die Sehgröße | |||||
| 4. | ||||||
| a) | Ortssinn und Lagewahrnehmung | |||||
| b) | Die Raumlokalisation im allgemeinen | |||||
| Fünfter Abschnitt: [Elementare Denkfunktionen] | ||||||
| 1. | Die Beziehungserkenntnis | |||||
| 2. | Das aktive Beziehen | |||||
| 3. | Die Abstraktion | |||||
| Sechster Abschnitt: [Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen] | ||||||
| 1. | Kap. Die Gestaltwahrnehmung | |||||
| 2. | Kap. Die Zeitwahrnehmung | |||||
| 3. | Kap. Die Bewegungswahrnehmung | |||||
| Siebter Abschnitt: [Elementare Gefühle] | ||||||
| 1. | Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle | |||||
| 2. | Die Eigenart der sinnlichen Gefühle | |||||
| 3. | Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten | |||||
| 4. | Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl | |||||
| 5. | Verbindung und Lösung der Gefühle | |||||
| 6. | Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle | |||||
| 7. | Theorie der sinnlichen Gefühle | |||||
| Achter Abschnitt: Das elementare Wollen | ||||||
| 1. | Überblick über die verschiedenen Willenstheorien | |||||
| 2. | Die experimentelle Untersuchung des Willens | |||||
| 3. | Das elementare Wollen nach den experimentellen Ergebnissen | |||||
| II. Buch. | ||||||
| Erster Abschnitt: Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung | ||||||
| Zweiter Abschnitt: Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion | ||||||
| 1. | ||||||
| 1. | Das Nervensystem | |||||
| 2. | Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen Funktionen | |||||
| 2. | ||||||
| 1. | Die Methodik der Assoziationsforschung | |||||
| 2. | ||||||
| a) | Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen und der Assoziationsstärke | |||||
| b) | Einfluß des Lernstoffes | |||||
| c) | Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens | |||||
| d) | Die Bedeutung des allgemeinen psychischen Verhaltens | |||||
| e) | Nebenassoziationen | |||||
| 3. | ||||||
| 1. | Die Konstellation | |||||
| a) | Die Hilfen | |||||
| b) | Die Hemmungen | |||||
| 2. | Die Komplexbildung | |||||
| III. Buch. | ||||||
| Erster Abschnitt: [Die höheren Erkenntnisleistungen] | ||||||
| 1. | Kap. Die Vergleichung | |||||
| 2. | Kap. Die Dingerfassung | |||||
| 3. | Kap. Wahrnehmung und Vorstellung | |||||
| 4. | Kap. Begriffe und Kategorien | |||||
| 5. | Kap. Die Gewißheit | |||||
| 6. | Kap. Das schlußfolgernde Denken | |||||
| 7. | Kap. Das produktive Denken | |||||
| 8. | ||||||
| 1. | Das Urteil | |||||
| 2. | Die Annahme | |||||
| 3. | Die Frage | |||||
| 9. | ||||||
| 1. | Erinnerung und Wiedererkennen | |||||
| 2. | Erinnerungstäuschungen | |||||
| 3. | Die Aussage | |||||
| 10. | Kap. Das Ichbewußtsein | |||||
| Zweiter Abschnitt: [Die höheren Gefühle] | ||||||
| 1. | Eigenart der höheren Gefühle | |||||
| 2. | Theorie und Einteilung der höheren Gefühle | |||||
| 3. | Bemerkenswerte Arten der Gefühle | |||||
| 4. | Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens | |||||
| 5. | Die Beziehungen des Gefühls zu anderen Funktionen | |||||
| Dritter Abschnitt: [Das Willensleben] | ||||||
| 1. | Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes | |||||
| 1. | Das Wesen des Motives | |||||
| 2. | Einteilung der Motive | |||||
| 3. | Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven | |||||
| 2. | ||||||
| 1. | Die determinierenden Tendenzen | |||||
| 2. | Das Gesetz der speziellen Determination | |||||
| 3. | Die Messung der Willenskraft. Das assoziative Äquivalent | |||||
| 3. | ||||||
| 1. | Die äußere Willenshandlung | |||||
| 2. | ||||||
| a) | Die Aufmerksamkeitsbewegung | |||||
| 1. | Begriff und Arten der Aufmerksamkeit | |||||
| 2. | Eigenschaften der Aufmerksamkeit | |||||
| 3. | Die Bedingungen der Aufmerksamkeit | |||||
| 4. | Die Wirkungen der Aufmerksamkeit | |||||
| 5. | Die Theorie der Aufmerksamkeit | |||||
| a) | Die bisherigen Theorien | |||||
| b) | Die genetische Aufmerksamkeitstheorie | |||||
| b) | Die Vorstellungsbewegung | |||||
| 1. | Die gebundene Vorstellungsbewegung | |||||
| 2. | ||||||
| a) | Die Gestaltung der freien Vorstellungsbewegung | |||||
| b) | Freie Vorstellungsbewegung und Phantasie | |||||
| IV. Buch. | ||||||
| Erster Abschnitt: [Die Sprache] | ||||||
| 1. | Die Leistungen der Sprache | |||||
| 2. | Die Entstehung der Sprache | |||||
| 3. | Die Sprachentwicklung | |||||
| Zweiter Abschnitt: [Die Sitte] | ||||||
| 1. | Gebräuche | |||||
| 2. | Die Konstanz der Kultur | |||||
| 3. | Recht und Sittlichkeit | |||||
| Dritter Abschnitt: Die Kunst | ||||||
| 1. | Das Schöne | |||||
| 2. | Der ästhetische Eindruck | |||||
| 3. | Die Entstehung und Entwicklung der Kunst | |||||
| Vierter Abschnitt: Die Religion | ||||||
| 1. | Der Gottesglaube | |||||
| 2. | Das Gebet | |||||
| 3. | Religiöse Entwicklungen | |||||
| V. Buch. | ||||||
| Erster Abschnitt: Der Schlaf | ||||||
| Zweiter Abschnitt: Der Traum | ||||||
| Dritter Abschnitt: Die Hypnose | ||||||
| Namenregister | ||||||
| Sachregister | ||||||
ABKÜRZUNGEN
APs: Archiv für die gesamte Psychologie.
CgEPs: Bericht über den ... Kongreß für experimentelle Psychologie.
FPs: Fortschritte der Psychologie
ZaPs: Zeitschrift für angewandte Psychologie.
ZPaPs: Zeitschrift für Pathopsychologie.
ZPs: Zeitschrift für Psychologie.
Einleitung
1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie
In diesem Buche wird von seelischen Vorkommnissen die Rede sein: wie wir die Farben sehen und die Töne hören; wie unsere Phantasie arbeitet; wie das Gedächtnis seine Schätze gewinnt und verliert; wie sich unser Gemüt regt; wie das menschliche Denken von Erkenntnis zu Erkenntnis vordringt und unser Wille seine Ziele verfolgt. Solche und ähnliche Vorgänge zu beobachten, sie im einzelnen kennen zu lernen und ihre Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, das ist, allgemein gesprochen, die Forscheraufgabe des Experimentalpsychologen. Anders lauten die Fragen, die sich der Philosoph über das Seelische stellt: Woher stammen die seelischen Vorkommnisse? Was ist die Seele? Ist die Seele geistig, unsterblich, mit Freiheit begabt? Wie verhalten sich Leib und Seele? Der charakteristische Unterschied zwischen den Interessen des Philosophen und des Experimentalpsychologen springt in die Augen. Dieser schaut auf die seelischen Einzeltatsachen, auf das Wie der psychischen Erscheinungen. Der Philosoph hingegen bemüht sich um ihre letzten Gründe: die Seele als Urgrund der Bewußtseinserscheinungen ist sein eigentlicher Forschungsgegenstand.
Der verschiedene Gesichtspunkt, von dem aus beide das nämliche Seelenleben betrachten, bedingt die Entstehung zweier verschiedener Wissenschaften. Weil aber der Experimentalpsychologe sich um Einzeltatsachen kümmert, weil er nicht nach letzten Gründen und allgemeinsten Gesetzen fragt, darum kann seine Wissenschaft nicht als Philosophie gelten. Sie steht aber im engsten Zusammenhang mit der philosophischen Psychologie. Der Experimentalpsychologe muß wenigstens einen Teil seiner Aufgabe gelöst haben, ehe der Philosoph die seinige auch nur beginnen kann; wenigstens einige Einzeltatsachen des Seelenlebens müssen festgestellt, beobachtet und beschrieben sein, ehe sich Schlüsse auf die letzten Ursachen solcher Tatsachen ziehen lassen. Und noch vor jeder genaueren Kenntnis beider Wissenschaften darf man vermuten, daß die Schlußfolgerungen des Philosophen um so mannigfacher und sicherer sein werden, je mehr Tatsachenmaterial der Experimentalpsychologe zutage gefördert hat. Die experimentelle Psychologie ist somit eine unentbehrliche Hilfswissenschaft der Philosophie.
Mit dieser vorläufigen Bestimmung ist auch schon die Eigenart der Experimentalpsychologie kundgetan: sie muß ihrer ganzen Natur nach darauf ausgehen, mit möglichst großer Sicherheit und in reichster Fülle seelische Tatsachen festzustellen. Es stehen ihr zu dieser Aufgabe, wie wir später noch im einzelnen sehen werden, mancherlei Methoden zu Gebote. Von der idealsten dieser Methoden, dem Experiment, hat sie ihren Namen erhalten. Diese Bezeichnung ist freilich ein Notbehelf; denn nicht alle Probleme unserer Wissenschaft können durch das Experiment gelöst werden. Gleichwohl sagt man besser experimentelle als empirische Psychologie, da auch die philosophische Psychologie empirisch sein muß; auch sie hat von Tatsachen auszugehen, wenn anders sie eine wissenschaftliche Psychologie sein will.
2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie
Die experimentelle Psychologie, wie sie soeben von uns aufgefaßt wurde, hat noch keine Geschichte, ja genau genommen, liegt sie selbst noch in der Zukunft. Die experimentelle Psychologie ist nämlich zurzeit in dem Prozeß der Loslösung von der Philosophie begriffen, den die Physik schon lange hinter sich hat. Gegenwärtig will ein Teil der Autoren nur die experimentelle Psychologie allein gelten lassen, während die Mehrheit die reinen Tatsachenfragen zusammen mit den philosophischen behandelt, freilich zum Schaden beider. Nur wenige entschließen sich zur klaren Sonderung beider Wissenschaften. Läßt sich sonach eine Geschichte der experimentellen Psychologie noch nicht schreiben, so kann man doch die Entwicklung kenntlich machen, die bis zu dem gegenwärtigen Stadium der allmählichen Verselbständigung geführt hat.
Die Psychologie hat niemals völlig der empirischen Grundlage entbehrt. Erfahrungen wie Träume, Erinnerungen u. ä. bildeten häufig den Ausgangspunkt und die Anregung zu den psychologischen Erwägungen der alten griechischen Philosophen. Man wird aber kaum sagen können, daß selbst ein Aristoteles, dem doch schon eine Formulierung der Assoziationsgesetze gelang, in ähnlicher Weise darauf ausgegangen wäre, psychische Tatsachen zu sammeln, wie er biologische und zoologische Beobachtungen beigebracht oder überliefert hat. Und so blieb es auch in der Hauptsache im Mittelalter. Einige wenige leicht zugängliche Selbstbeobachtungen waren der Unterbau, auf dem sich alsbald das spekulativ erarbeitete System der lebenswichtigen philosophisch-psychologischen Fragen erhob. Das braucht nicht zu befremden. Denn dies sind Fragen, zu denen jeder Mensch irgendwie Stellung nimmt, während die psychischen Einzelerscheinungen eine solche Bedeutung zumeist nicht beanspruchen und infolge ihrer Alltäglichkeit und engsten Zugehörigkeit zu unserem Ich nicht einmal unsere Verwunderung erregen — die doch nach Aristoteles allein den Anstoß zur Forschung gibt.
Um die Aufmerksamkeit der Forscher auf die seelischen Prozesse zu lenken, genügte die Abwendung Descartes’ von der herkömmlichen Psychologie noch nicht, obwohl er in der Seele nicht mehr das Prinzip des Lebens, sondern das des Bewußtseins sah; es bedurfte der Opposition der englischen Aufklärungsphilosophie, die in ihrem tendenziösen Kampfe gegen die grundlegenden Begriffe der Substanz und Kausalität die Tatsachen der Assoziation in den Mittelpunkt der Betrachtung stellte. So entstand die Assoziationspsychologie, begründet von Locke, Hume und Hartley, erneuert von J. St. Mill und zuletzt durch Bain glänzend vertreten. Mit ihrer Leugnung des Denkens und Wollens regte sie zu lebhaftem Widerspruch an und sah sich auch selbst gezwungen, in stets erneuten Versuchen die seelischen Erscheinungen allein durch Empfindung und Vorstellung verständlich zu machen. So hat sie sich ohne Zweifel um das Studium der Bewußtseinsphänomene verdient gemacht. Sie stand jedoch der tieferen Einsicht ins Seelenleben im Wege, wo immer sie jede Erörterung über die seelischen Elemente in dogmatischer Befangenheit von vorneherein ablehnte und die widerstrebenden Tatsachen mit der Zwangsjacke sensistischer Terminologie vergewaltigte.
Eine zweite Wurzel der heutigen experimentellen Psychologie hat man in der Anbahnung einer physiologischen Psychologie zu erblicken. Es waren zunächst Theoretiker, die von der Physiologie wertvolle Aufschlüsse erwarteten. Die extremsten unter ihnen waren allerdings auf dem besten Wege, die Psychologie zugrunde zu richten. So schon der Assoziationspsychologe Priestley, der die psychologische Analyse durch die Physik des Nervensystems abgelöst wissen wollte, und ähnlich Comte, der an jeder Selbstbeobachtung verzweifelnd, Physiologie und Phrenologie an die Stelle der Psychologie setzte. Besonnener gingen Lotze, Horwicz und Maudsley voran. Die eigentliche Befruchtung durch die Physiologie ist aber den experimentierenden Physiologen wie Helmholtz, Weber, Hering zu danken. Sie bildeten wichtige Methoden aus, deren sich später die Psychologen bedienten.
Das Geburtsjahr der experimentellen Psychologie ist das Jahr 1860, wo Fechners „Elemente der Psychophysik“ erschienen. Angeregt durch E. H. Webers Untersuchungen über den Tastsinn, hat Gustav Theodor Fechner mit bewußter Absicht das Experiment zur Erzielung psychologischer Erkenntnisse angewandt und die Grundlage zu der ausgedehnten experimentellen Methodik geschaffen, deren sich heute die Psychologen erfreuen. Mit stärkerer Heranziehung der Physiologie setzte W. Wundt das Werk Fechners fort und erwarb sich namentlich durch die Gründung des ersten psychologischen Laboratoriums bleibende Verdienste um die neue Wissenschaft. Seitdem hat sie, gepflegt von einer stattlichen Zahl hervorragender Forscher und empfohlen durch die Fülle der von ihr in kurzer Frist festgestellten Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten, sich ihren Platz im System der Wissenschaften gesichert. Ein Markstein in ihrer Entwicklung wird durch den Namen Oswald Külpe bezeichnet, insofern Külpe mit Entschiedenheit für die Verselbständigung der experimentellen Psychologie als Einzelwissenschaft eintrat.
Gegenwärtig bahnt sich eine neue Entwicklung der Psychologie an. Wie sich die Physik allmählich von der Naturphilosophie loslöste und zur Experimentalphysik wurde, dann aber eine theoretische Physik ausbildete, der nicht zuletzt die großen Fortschritte der gesamten Physik zu danken sind, so melden sich heute die Ansätze zu einer theoretischen Psychologie. Während die experimentelle Psychologie die Haupterscheinungen des Seelenlebens erforscht, sucht die theoretische auf Grund der experimentellen Befunde die allgemeinsten Gesetze des Psychischen aufzustellen, aus denen sich dann die Einzelerscheinungen begreifen und ableiten lassen[1].
Hinsichtlich der bevorzugten Methoden lassen sich unter den heutigen Psychologen drei Gruppen unterscheiden. Neben der großen Zahl der prinzipiell experimentierenden Forscher finden sich solche, die wie Lipps und Brentano nur die schlichte Selbstbeobachtung heranziehen. Ihnen steht die phänomenologische Richtung nahe, deren bedeutsamster Vertreter Husserl ist. Sie geht allerdings nicht auf die Herausstellung von psychischen Einzeltatsachen aus, sondern bemüht sich, durch „Wesensschauung“ den Kern, das Wesentliche der seelischen Erlebnisse aufzuzeigen. Der besonnene Experimentalpsychologe wird weder die schlichte Selbstbeobachtung noch die phänomenologische Wesensschauung aus seiner Werkstätte verbannen. Namentlich die letztere kann ihm zur Vorbereitung wie zur Kontrolle der experimentellen Forschung schätzenswerte Dienste leisten. Jedoch der Erfolg dürfte schon heute dahin entschieden haben, daß beide Methoden für sich allein kein ausreichendes Fundament mehr abgeben für den weitauslagernden Bau der Tatsachenpsychologie.
Verwandt mit der Sonderung infolge der Methodik ist die durch den theoretischen Standpunkt hervorgerufene. Hier haben wir die „reinen“ Psychologen, die eine Ergänzung unseres psychologischen Wissens durch die Physiologie ablehnen und nur auf die bewußten Prozesse das psychologische Lehrgebäude errichten wollen. Dementsprechend verzichten sie auch auf die Klärungen, die von der Physiologie zu erhoffen sind. Ihnen gegenüber weist die größere Mehrzahl darauf hin, daß die Kette der Bewußtseinserscheinungen nicht lückenlos ist und daß sich außerdem gesetzmäßige Beziehungen zwischen physiologischen Zuständen und gewissen Seelenvorgängen nachweisen lassen. Diese Gruppe heißt also jeden Aufschluß willkommen, den die Physiologie zu geben vermag; gleichwohl betont auch sie, je länger je mehr, daß die seelischen Erscheinungen in erster Linie zu beachten sind. Innerhalb dieser Gruppe stehen sich nun wieder zwei oder drei Richtungen gegenüber. Die eine bekennt sich rundweg zur Assoziationspsychologie und weigert sich vorerst noch, elementare Denk- und Wollenserlebnisse anzunehmen. Die Schar ihrer Anhänger lichtet sich mit jedem Jahr; ihr bedeutendster Vertreter ist heute Th. Ziehen. Über sie suchte der angebliche Voluntarismus Wundts hinauszukommen, ohne jedoch mit seiner Apperzeptionslehre außerhalb des engsten Schülerkreises Anklang zu finden. Die dritte Gruppe endlich ging namentlich aus der Schule Külpes hervor. Wie sie jede wissenschaftliche Methode auszunutzen gewillt ist, so sträubt sie sich auch nicht, neue seelische Grundphänomene anzuerkennen, wenn anders sie durch zuverlässige Beobachtungen verbürgt sind. Infolgedessen hat sie, von der Wundtschen Richtung ausgehend, ihren Standpunkt bezüglich der Probleme des Denkens und Wollens in stets neu aufgegriffenen Untersuchungen allmählich wesentlich geändert und damit die Verbindung mit den von der aristotelischen Philosophie herkommenden Forschern gewonnen.
Literatur
M. Dessoir, Abriß einer Geschichte der Psychologie. 1911.
O. Klemm, Geschichte der Psychologie. 1911.
3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie
Wir haben als den Gegenstand der experimentellen Psychologie schon oben im allgemeinen die seelischen Vorkommnisse gekennzeichnet. Um ihn schärfer zu umschreiben und gegen die Objekte anderer Wissenschaften, namentlich der Naturwissenschaft, abzugrenzen, müssen wir von der naiven Auffassung des Erwachsenen ausgehen.
Der von psychologischen und erkenntnistheoretischen Fragen noch unberührte Erwachsene sieht sich einer Welt von äußeren Dingen gegenübergestellt, die mit seinem Ich nichts zu tun haben. Seiner Auffassung nach sind ihm nicht zuerst seine Bewußtseinserscheinungen gegeben, sondern jene greifbaren Gegenstände, die er vor sich sieht. Erlebnisse wie Schmerz und Freude lenken ihn erst auf seine Innenwelt hin. Hat er weiterhin Gelegenheit, festzustellen, daß ein anderer Dinge als rot bezeichnet, die er etwa gelb nennt, so wird er auf den subjektiven Beitrag aufmerksam, den jeder Mensch zur Wahrnehmung der äußeren Dinge hinzubringt. Die Abhängigkeit vom Subjekt wird ihm noch deutlicher, sobald er einmal beobachtet, wie er selbst den nämlichen äußeren Gegenstand unmittelbar nacheinander, ohne daß sich an dem Objekt oder an den äußeren Bedingungen der Wahrnehmung etwas ändert, bald so, bald anders erblickt, wie er z. B. die Drehungsrichtung eines Windrades jetzt auf sich zu-, jetzt von sich abgewandt sieht. Nimmt er noch hinzu, daß sich bei geschlossenen Augen oder im Traum ganz ähnliche Ausblicke darbieten, wie bei offenen Augen und im Wachzustand, dann wird ihm klar, daß die Bilder der äußeren Gegenstände fast mehr von ihm stammen als von den fremden Objekten. Trotzdem hören die äußeren Dinge nicht auf, dem wahrnehmenden Ich wie etwas Fremdes, Getrenntes gegenüberzustehen, und dieser Eindruck bliebe erhalten, auch wenn das Subjekt zur Überzeugung käme, daß die Außenwelt in Wirklichkeit nicht bestünde.
Diese beiden Umstände: die relative Subjektivität von Schmerz, Freude, Wahrnehmungen u. ä. einerseits und die unzerstörbare Gegensätzlichkeit des betrachtenden Subjektes und der Außenwelt anderseits ermöglichen es, den Gegenstand der experimentellen Psychologie scharf zu umschreiben. Alle seelischen Vorkommnisse sind einem Subjekt zugehörig; sie alle sind einem Bewußtsein immanent, so daß kein anderer Mensch ein unmittelbares Wissen von ihnen hat. Diese Eigenart kommt nicht nur meinen Bewußtseinsvorgängen, sondern allen zu, die es vielleicht gibt; sie läßt sich aber in keiner Weise von den Dingen aussagen, die dem Ich fremd gegenüberstehen; sie seien denn Erlebnisse eines anderen Bewußtseins. Gegenstand der experimentellen Psychologie sind sonach alle jene Phänomene, die ihrer Natur nach bewußtseinsimmanent und unmittelbar nur für das erlebende Subjekt erfaßbar sind. Dabei sehen wir natürlich von ihrer etwaigen Erfaßbarkeit durch höhere als menschliche Wesen ab. Alle anderen Dinge, auf welche diese Kennzeichnung nicht zutrifft, bilden den Gegenstand anderer Wissenschaften; die körperlichen unter ihnen insbesondere geben das Objekt für die Naturwissenschaften ab.
Der Gegenstand der experimentellen Psychologie ist also nicht die substantielle Seele; denn zu ihr gelangen wir nur unter der Führung der philosophischen Psychologie, die auf Grund der Bewußtseinserscheinungen nachzuweisen hat, daß die psychischen Erlebnisse einen substantiellen Träger voraussetzen. Wir können aber auch nicht die gesamte Erfahrung als Gegenstand der Psychologie bezeichnen, auch nicht mit der Einschränkung: insoweit die Erfahrung von unserem Ich abhängig ist. Zu unserer Erfahrung gehören nämlich auch die Dinge außerhalb des Ich. Sie stehen aber in unserer Auffassung, von der wir als Psychologen auszugehen haben, als etwas Wirkliches und von dem Ich Unabhängiges vor uns. Auch die naive Auffassung unterscheidet, sobald sie nur einmal darauf hingewiesen wird, sehr wohl zwischen dem Gesichtsbild des Tisches, das sich je nach dem Standpunkt des Betrachtenden beständig ändert, und dem unverändert bleibenden Tisch, der diese verschiedenen Gesichtsbilder bedingt. Die äußere Erfahrung und die Bewußtseinsinhalte sind somit zwei ganz getrennte Gegenstandsgebiete. Wir wenden uns aber auch drittens gegen jene Psychologen, die z. B. die Farben aus dem Stoffgebiete unserer Wissenschaft ausscheiden wollen. Allerdings sprechen uns die Farben als objektive Eigenschaften der Außendinge an, und wir müssen hier von diesem unmittelbaren Eindruck ausgehen. Es wird sonach eine Wissenschaft erforderlich sein, die sich mit den Körperfarben befaßt. Allein wir stellen auch fest, daß es Farben als immanente Bewußtseinsinhalte gibt, so immanent, daß die individuelle Verschiedenheit des Farbensehens sich jahrhundertelang versteckt hielt und immer nur sehr indirekt nachgewiesen werden kann. Farben und Töne gehören darum sehr wohl zu dem Forschungsgegenstand der experimentellen Psychologie.
Die Aufgabe der experimentellen Psychologie deckt sich im allgemeinen mit der einer jeden Tatsachenwissenschaft: sie heißt Beschreiben, Gruppieren, Erklären. Die bewußtseinsimmanenten Erlebnisse sind möglichst adäquat zu beschreiben. Was eine solche Beschreibung voraussetzt und welchen Schwierigkeiten sie gerade in der Psychologie begegnet, davon soll hier noch keine Rede sein. Die induktive Art unserer Einführung wird sie uns noch oft fühlbar machen. Gelingt aber die Beschreibung der Erlebnisse, so wird ein Vergleich dieser Beschreibungen zeigen, ob immer wieder neuartige, voneinander verschiedene Phänomene auftauchen — in diesem Falle müßte man an der Begründung einer wissenschaftlichen experimentellen Psychologie verzweifeln — oder ob sich gleiche bzw. verwandte Erlebnisse finden, die sich in fest umgrenzten Gruppen anordnen lassen. Auch hier hat die Psychologie größere Hindernisse zu überwinden als andere Einzelwissenschaften. Die Erlebnisse als ganze gleichen einander sehr wenig, und es bedarf der Analyse, um zu psychischen Einheiten oder gar zu psychischen Elementen vorzudringen, die dann als gleich behandelt werden können. Endlich hat die Experimentalpsychologie auch eine Erklärung der Bewußtseinserscheinungen zu versuchen. Doch ist der Begriff dieser Aufgabe des Erklärens kein einheitlicher. Im Sinne der positivistischen Naturwissenschaft nennt man es eine Erklärung, wenn es gelingt, die Gesetzmäßigkeiten der Erscheinungen aufzuweisen. Sobald diese bekannt sind, ist man imstande, beim Auftreten eines bestimmten Phänomens die Bedingungen anzugeben, die es herbeigeführt haben, wie man auch umgekehrt, sobald gewisse Bedingungen erfüllt sind, voraussagen kann, welche Folge sich einstellen wird. Diese Art der Erklärung setzt also die Beobachtung von Gesetzmäßigkeiten im psychischen Geschehen voraus. Ob solche Gesetzmäßigkeiten überhaupt im Bewußtseinsleben vorliegen, das kann erst die folgende Untersuchung lehren. Sie ohne weiteres und auf allen Gebieten dieser Disziplin voraussetzen, wie dies z. B. James tut, nur deshalb, weil sonst eine wissenschaftliche Psychologie unmöglich sei, das kann nicht mehr als vorurteilslose Forschung gelten. Eine andere Art der Erklärung greift über den Bereich der Bewußtseinstatsachen hinaus und sucht z. B. in dem physikalischen Reiz und in der Beschaffenheit der nervösen Substanz die Ursachen bzw. die Bedingungen der Empfindung. Auch diese Art muß die Psychologie, wenn sie nicht reine, sondern physiologische Psychologie ist, verwerten. In diesem Sinne wird oft nach der Ursache einer psychologischen Gesetzmäßigkeit zu forschen sein; ob z. B. die Gesetzmäßigkeiten des Farbenkontrastes letztlich auf seelische oder auf körperliche Faktoren zurückzuführen sind.
4. Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie
Weil unser Forschungsgegenstand die Bewußtseinserscheinungen sind, so erblicken wir in der Bewußtseinswelt, jener Welt, die in eigenartiger Weise neben dem Reich der sichtbaren Dinge besteht, die naturgemäße und wesentliche Quelle der psychologischen Wissenschaft. Wo immer sich Bewußtsein findet, da kann der Psychologe versuchen, Kenntnisse zu schöpfen. Der Bewußtseinswelten gibt es aber unzählbare: bei jedem Menschen, jedem Tiere, und selbst die Bewußtseinswelten höherer Wesen brauchen nicht notwendig von vorneherein unberücksichtigt zu bleiben. Dieser erfreuliche Quellenreichtum wird nun leider in seinem Werte dadurch vermindert, daß all diese Milliarden von Quellen bis auf eine einzige fest ummauerte und versiegelte Quellen sind. Nur in sein eigenes Bewußtsein eröffnet sich dem Forscher ein unmittelbarer, freier Einblick. Wir sind jedoch zu der Annahme berechtigt, daß das Bewußtseinsleben in einem mehr oder weniger eindeutigen Zusammenhang mit seinen Äußerungen steht. Der Einzelne bemerkt auf jeden Fall, wie sich regelmäßig mit einem Erlebnis der Freude ein bestimmter, äußerlich wahrnehmbarer Ausdruck verbindet; bei schmerzlichen Erlebnissen hingegen stellt sich mit derselben Regelmäßigkeit ein merklich verschiedener Ausdruck ein. Ähnliche Ausdruckserscheinungen gewahre ich nun bei den andern Menschen und vielfach auch bei Tieren und gelange so mit einem Analogieschluß dahin, auch bei diesen die gleichen oder verwandte Bewußtseinserscheinungen anzunehmen. Richten wir unser praktisches Verhalten zur Umwelt nach diesen Analogieschlüssen ein, so gibt uns die Erfahrung recht. Unsere Überzeugung von dem Vorhandensein und der Gestaltung des fremden Bewußtseins wird dann naturgemäß so lebendig, daß wir unmittelbar in die fremde Seele zu schauen meinen und die Mittelbarkeit unseres Wissens oft zum eigenen Nachteil vergessen.
Neben der primären Quelle psychologischer Forschung, dem Bewußtsein, lernen wir also die Äußerungen des Bewußtseins als sekundäre Quellen kennen. Die Äußerungen des Bewußtseins sind entweder fließende und begleiten einen gleichzeitig verlaufenden psychischen Vorgang, oder sie verbleiben als dauernde Wirkungen früherer Bewußtseinserscheinungen. Zu ersteren gehören die lebendige Sprache, die willkürlichen Bewegungen, die unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen u. a., zu letzteren die Sprachdenkmäler, die Erzeugnisse von Kunst, Religion und Volksleben u. ä. m. Eine dieser sekundären Quellen, die lebendige Sprache, namentlich wenn sie, durch Frage und Antwort unterstützt, uns die Selbstbeobachtungen anderer mitteilt, gestattet uns einen so klaren Einblick in das fremde Bewußtsein, daß man mit Grund die Behauptung wagen kann: wenigstens innerhalb gewisser Grenzen handle es sich da schon nicht mehr um eine sekundäre Quelle, sondern die mitgeteilte Selbstbeobachtung eines Fremden sei der eigenen Selbstbeobachtung des Forschers gleichwertig. Dieses Problem restlos zu lösen, ist Aufgabe der speziellen Erkenntnistheorie.
Die Methoden der experimentellen Psychologie richten sich nach ihren Quellen. Weil das Bewußtsein die primäre Quelle ist, ist folgerichtig die Selbstbeobachtung die primäre Methode. Sie gewährt die unmittelbarste Kenntnis der Seelenprozesse und bleibt letzten Endes der Schlüssel zum Verständnis aller Ergebnisse, die durch andere Methoden erzielt werden. Die Selbstbeobachtung kann beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein. Unbeabsichtigt wird sie stets nur gelegentlich auftreten und darum nur spärliche Beiträge liefern. Die beabsichtigte Selbstbeobachtung wird nun häufig während des zu beobachtenden Erlebnisses angestellt. Dadurch wird aber ihr Wert recht zweifelhaft. Man braucht zwar nicht wie manche Autoren die absolute Unmöglichkeit einer gleichzeitigen Selbstbeobachtung anzunehmen, aber das läßt sich auch experimentell nachweisen, daß die gleichzeitige Beobachtung modifizierend, wenn auch nicht notwendig fälschend auf das Erlebnis einwirkt. Die gelegentliche Beobachtung hingegen stellt sich in der Regel nicht während, sondern unmittelbar nach Ablauf des seelischen Vorganges ein. Man kann sich leicht davon überzeugen, daß ein Bewußtseinsphänomen unmittelbar nach seinem Ablauf nicht gänzlich unserem Wissen entschwunden ist. Es steht gewissermaßen in seiner Gesamtheit noch vor uns, ohne daß wir es im eigentlichen Sinne zu reproduzieren brauchten. Man lasse sich z. B. eine mittelschwere Kopfrechnung vorlegen, löse sie schnell und frage sich, wie man zur Lösung gelangt ist. Man wird dann leicht angeben können, ob man einen rechnerischen Kunstgriff gebraucht hat, ob man die Zahlen im Geiste gesehen oder sie sogar phantasiemäßig niedergeschrieben usw. Die Zuverlässigkeit solcher Angaben wird für uns über jeden Zweifel erhaben sein. Ebensowenig wird man befürchten, die rückschauende Beobachtung könne nachträglich das Erlebnis umgestalten. Das vermag nicht einmal die Absicht zur rückschauenden Beobachtung, wenigstens solange sie nicht eine bestimmte Erwartung einschließt.
Die primäre wissenschaftliche Methode der experimentellen Psychologie ist somit die rückschauende Selbstbeobachtung. Da aber eine bloß gelegentliche Selbstbeobachtung nicht ausgiebig genug ist, um auf sie eine ganze Wissenschaft aufzubauen, hat man sie zur systematischen und experimentellen umgestaltet. Das Wesen des Experimentes beruht nun in der willkürlichen Herbeiführung eines Vorganges zum Zwecke der wissenschaftlichen Beobachtung. Es macht den Forscher von der Gunst des Zufalles unabhängig und ermöglicht eine wiederholte und darum zuverlässige Beobachtung. Das psychologische Experiment, das sich zwischen Versuchsperson und Versuchsleiter abspielt, hat überdies den Vorteil, daß der beobachtenden Versuchsperson die Absichten und Erwartungen des Versuchsleiters verborgen bleiben können, wodurch ein unvoreingenommenes Erleben und Beobachten seitens der Versuchsperson möglich wird. Das psychologische Experiment kann nun einen doppelten Zweck verfolgen: es kann darauf ausgehen, einen seelischen Prozeß überhaupt nur herbeizuführen, damit er genau beobachtet werde. In diesem Falle ist es nach neuerer Terminologie (Baade) ein Darstellungsexperiment. Die eingehendste Selbstbeobachtung ist bei ihm die Hauptsache. Der Forscher kann aber auch erkunden wollen, wie verschiedene psychische (oder auch psychische und physische) Faktoren aufeinander einwirken: wie z. B. das Lernen bei gleichzeitiger Ablenkung der Aufmerksamkeit erfolgt — in diesem Falle bezeichnet man den Versuch als Kausalexperiment. Auch dies ist ohne jede Selbstbeobachtung nicht auszuführen. Aber sie tritt hier wesentlich zurück. Die Hauptsache ist hier die Leistung der Versuchsperson, etwa die Bewältigung der Lernaufgabe mit und ohne Störung. Auf diese Weise kann der Psychologe planmäßig den verschiedenen Erlebnissen und Erlebnisseiten, wie auch dem kausalen Nexus unter ihnen nachgehen und dadurch seine Beobachtung zu einer systematischen machen. Dementsprechend ist beim Kausalexperiment die Variation der Versuchsbedingungen wesentlich, beim Darstellungsexperiment hingegen entbehrlich.
In einem umfassenderen Sinne läßt sich das psychologische Experiment folgendermaßen einteilen. Hinsichtlich seines Zweckes: Das Prüfungsexperiment (Test) fragt nach dem Gelingen einer Leistung. Das Forschungsexperiment nach der Natur eines psychischen Vorganges, und zwar als messendes (psychophysisches) nach dessen Größenverhältnissen, als darstellendes nach dessen Beschaffenheit, als Kausalexperiment nach dessen Abhängigkeit von verschiedenen Bedingungen. Eine zweite Teilung ergibt sich aus dem Verhalten der Versuchsperson (Vp). Je nachdem diese von dem Zweck und der Anlage des Experimentes weiß, ist das Verfahren ein wissentliches, halbwissentliches oder unwissentliches. Je nachdem ferner die Vp an dem Zustandekommen des seelischen Erlebnisses beteiligt ist, kann man das Experiment als ein auslösendes (ein Sinnesreiz ruft ohne weiteres eine Empfindung oder ein Gefühl hervor), ein ausführendes (die Vp bringt willkürlich die gewünschte Erscheinung hervor, z. B. sie erinnert sich willkürlich) oder ein gemischtes nennen. Das ausführende Experiment ist entweder ein unvollkommenes, wenn die Vp willkürlich ein Erlebnis nachzumachen sucht (Schreibtischexperiment), oder ein vollkommenes, wenn sie durch die Versuchsanordnung in eine Lage gebracht wird, in der sie naturgemäß zu jenem Erlebnis gelangt.
Durch das Experiment ist nun die bloß gelegentliche Beobachtung nicht völlig außer Kurs gesetzt. Gerade sie weist oft dem Psychologen neue Probleme zur experimentellen Nachprüfung und sie bleibt der einzige Zeuge für all jene Seelenvorgänge, die sich nicht willkürlich herbeiführen lassen. Um nun auch die bloß gelegentlichen Selbstbeobachtungen der Forschung dienstbar zu machen, ist man auf ihre planmäßige Sammlung bedacht. Man verwendet dazu zweckmäßig den Fragebogen. Je genauer dem Aussender eines solchen Bogens die Zuverlässigkeit der Beantworter bekannt ist, je zugänglicher die erfragten Erlebnisse einer durchschnittlichen Beobachtungsgabe sind und je mehr die Fassung der Fragen, frei von jeder Suggestion, den Beantworter zur Angabe von Tatsachen anleitet, von theoretisierenden Äußerungen hingegen fernhält, um so brauchbarer wird das Ergebnis einer solchen Rundfrage sein.
Insoweit die sekundären Quellen nicht eine Fixierung der Selbstbeobachtung sind und somit zur primären Quelle hinleiten, können sie alle als Wirkungen psychischer Prozesse gelten, Wirkungen, aus denen sich mancherlei Schlüsse auf ihre Ursachen ziehen lassen. Sie sind fertige geistige Produkte und demnach keinem experimentellen Eingriff mehr zugänglich. Ihnen gegenüber sind nur noch die Methoden der Analyse, des Vergleiches und der statistischen Verarbeitung möglich. Von besonderem Werte ist dabei der Vergleich, der sich nach Aufstellung einer Entwicklungsreihe des betreffenden psychischen Produktes, etwa der Kinderzeichnungen, ausführen läßt.
Literatur
R. Pauli, Psychologisches Praktikum. 3. Aufl. 1923.
W. Stern, Die differentielle Psychologie. 3. Aufl. 1921.
5. Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen Psychologie
Wir geben im Anschluß an Titchener einen Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen Psychologie.
I. Die Psychologie des normalen Seelenlebens.
A. Die individuelle Psychologie.
-
Die Psychologie des Menschen.
- Allgemeine Psychologie: die Psychologie des Erwachsenen.
- Die spezielle Psychologie der einzelnen Entwicklungsstadien (des Kindes, des Greises u. ä.).
- Die differentielle Psychologie; sie behandelt die psychischen Unterschiede der Individuen.
- Die genetische Psychologie; sie erforscht die Entwicklung der Psyche im Laufe des Lebens.
- Die Tierpsychologie. Ihre Unterabteilungen ähnlich wie bei 1.
- Die vergleichende Psychologie. Sie befaßt sich mit der Vergleichung der verschiedenen Entwicklungsstufen der Seele bei Tier und Mensch.
B. Die kollektive Psychologie.
- Die Völkerpsychologie schildert die Erscheinungsweise des Seelischen in der Gemeinschaft.
- Die ethnologische Psychologie oder die differentielle Psychologie der verschiedenen Völker und Rassen.
- Die Klassenpsychologie oder die differentielle Psychologie der Gesellschaftsklassen und Berufe.
II. Die Psychologie des kranken, anormalen Seelenlebens.
Diese Einteilung wählt das Subjekt der psychischen Vorgänge zum leitenden Gesichtspunkt. Sie kann ergänzt werden durch zwei andere Einteilungen, die entweder die psychischen Funktionen oder die Gegenstände der psychischen Funktionen berücksichtigen. Daraus ergibt sich eine Psychologie der Vorstellung, des Willens usw. auf der einen Seite, und eine Sprach-, Kunst-, Religionspsychologie auf der anderen. Die Einteilung nach Gegenständen führt theoretisch zu unbegrenzt vielen Zweigen der Psychologie. Praktisch werden indes nur jene bestehen können, die sich auf einen bedeutsamen Gegenstand beziehen oder eigenartige psychische Erscheinungen betreffen.
Wir besprechen im folgenden in erster Linie die Psychologie des normalen und gebildeten Erwachsenen. Doch werden wir an gegebener Stelle auch die andern Zweige der Psychologie zu Rate ziehen.
[1] Vgl. des Verfassers, „Umrißskizze zu einer theoretischen Psychologie“ 2. Aufl. 1923.
I. Buch
PSYCHISCHE ELEMENTE UND ELEMENTARE VERBINDUNGEN
ERSTER ABSCHNITT
Die Empfindungen
1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen
Die Erlebnisse, die den Gegenstand der Psychologie bilden, zeigen sich uns als eine so vielgestaltige, stets wechselnde Mannigfaltigkeit, daß es auf den ersten Blick als unmöglich erscheinen möchte, sie wissenschaftlich zu beherrschen. Wie soll man das kaleidoskopartige Geschehen festhalten, beschreiben, benennen, in die Ordnung eines Systems bannen und gar noch Gesetzmäßigkeiten bei ihm entdecken? Dazu kommt, daß die seelischen Vorgänge vollendete Einheiten zu sein scheinen. Mehr oder weniger selbständige Glieder, wie bei einem Organismus, oder gar abgeschlossene Teile, wie die Bausteine eines Hauses, bieten sich dem ersten Blicke nicht dar. Alles ist eng miteinander verwachsen, eines scheint kontinuierlich ins andere überzugehen. Dennoch bleibt ein Weg, der, wenn auch mühsam, durch das nahezu unentwirrbare Dickicht führt: Wir können gleiche, ähnliche oder wenigstens verwandte Seiten der verschiedenen Erlebnisse feststellen.
Auf diesem Wege der Abstraktion gelangt schon das vorwissenschaftliche Denken dazu, größere Gruppen seelischer Vorgänge zusammenzufassen; es spricht von Erkennen, Wollen, Fühlen u. dgl. Wir verwerten diese Absonderungen und suchen nunmehr in der Gruppe der Erkenntnisvorgänge so weit mit der Abstraktion vorzudringen, als es überhaupt möglich ist. Bei den Erkenntnisvorgängen läßt sich nun Inhalt und Akt unterscheiden: sehe ich eine blaue Blume, so ist mein Sehen der Akt, die blaue Blume der Inhalt dieser Wahrnehmung. Unsere weitere Abstraktion soll sich nur auf den Inhalt beziehen, und zwar in einer einzigen Richtung. Wir beachten das eigenartige Blau der gesehenen Blume. Ich finde diesen Inhalt bei anderen Individuen derselben Gattung, vielleicht aber auch bei Blumen einer anderen Gattung und bei Erzeugnissen der menschlichen Kunst. Der Inhalt „blau“ ist somit für sein Bewußtwerden von seiner sonstigen Umgebung, von einer bestimmten Gestalt u. ä. m. unabhängig. Er steht mir auch wieder vor der Seele, wenn ich von ähnlichen Dingen träume. Vielleicht bin ich sogar imstande, bei geschlossenen Augen die blaue Blume vor mir zu sehen. Der Inhalt „blau“ ist also auch unabhängig und loslösbar von dem Akt des Wahrnehmens, Träumens oder Vorstellens. Damit ist nicht gesagt, daß wir den Inhalt „blau“ außerhalb eines dieser Akte erleben könnten, es ist aber gezeigt, daß er von einem jeden einzelnen dieser Akte relativ unabhängig ist. In entsprechender Weise läßt sich dartun, daß jener Inhalt auch bewußtseinsmäßig gegeben sein kann, ohne notwendig bestimmte andere Inhalte bei sich zu haben, wie etwa den der räumlichen oder zeitlichen Lokalisation. Wir stellen somit als eine charakteristische Eigenschaft dieses Bewußtseinsinhaltes fest, daß er andern Inhalten gegenüber relativ selbständig ist. Wir können das „blau“ nicht nur in unserer Auffassung von solchen andern Inhalten unterscheiden, wie da sind ein bestimmter Träger dieser Farbe, eine bestimmte Form u. ä., sondern er selbst kann erlebnismäßig ohne einen bestimmten aus ihnen vorkommen. Wir können nun in der Abstraktion noch weiter gehen und etwa den Farbenton blau von seiner Ausdehnung unterscheiden. Allein dieser begrifflich bzw. auffassungsmäßig möglichen Unterscheidung vermag die erlebnismäßige Sonderung nicht zu folgen. Wo immer wir den Inhalt blau erleben: wir finden ihn wenigstens an ein Minimum von Ausdehnung gekettet. Wir bezeichnen darum die Ausdehnung als eine Eigenschaft dieses Bewußtseinsinhaltes und stellen fest, daß wir mit der erlebnismäßigen Abstraktion an ein Ende gelangt sind: blau ist als ein einfaches Erlebniselement anzusehen. Vergleicht man sodann diesen Inhalt mit dem Namen oder dem Begriff „blau“, so stellt sich heraus, daß der Name und der Begriff als Prädikat der verschiedensten Blaunuancen anwendbar ist, er hat eine gewisse Allgemeinheit. Das von mir erlebte Blau hingegen ist stets etwas Konkretes, Individuelles, eine bestimmte Nuance, die mit keiner andern verwechselbar ist. Es hat weiterhin eine Eigenart, die nur durch sich selbst charakterisierbar ist: eine gewisse Greifbarkeit, Anschaulichkeit, verglichen mit der „Blässe des Gedankens“. Wenn wir ferner den Bewußtseinsinhalt „blau“ mit einem Gefühlserlebnis vergleichen, so finden wir, daß wir ihn gewissermaßen uns selbst gegenüberstellen und anschauen können, ohne befürchten zu müssen, daß unsere Aufmerksamkeit ihn zugrunde richtet, wie das bei Gefühlen und Willensakten der Fall zu sein scheint: das Erlebnis besitzt eine gewisse Objektivität. Fassen wir all diese Eigentümlichkeiten des Blau-Erlebnisses zusammen: die relative Selbständigkeit, Einfachheit, Konkretheit, Anschaulichkeit und Objektivität, und studieren die mannigfachen Seiten unserer Gesamterlebnisse, so werden wir entdecken, daß eine überaus stattliche Reihe von ihnen die genannten Eigenschaften aufweist. Wir fassen diese Erlebniselemente unter dem gemeinsamen Namen der Empfindungen zusammen. Eine Empfindung ist somit ein relativ selbständiger, einfacher, konkreter, anschaulicher, objektiver Bewußtseinsinhalt.
Ebenso wie die Blauempfindung lassen auch alle anderen Empfindungen verschiedene Eigenschaften erkennen. Als allgemeine Eigenschaften der Empfindung zählt man gewöhnlich auf: Qualität, Intensität, zeitliche Dauer und räumliche Ausdehnung. Die bedeutsamste dieser Eigenschaften ist sicher die Qualität. Sie ist gewissermaßen der Kern des Empfindungserlebnisses; sie ist das, was das Süß zum Süß, das Blau zum Blau macht. Die Qualität einer Empfindung kann nicht geändert werden, ohne daß zugleich die Empfindung selbst geändert wird, obwohl es verschiedene Grade der Qualitätsänderung einer Erlebnisseite gibt. Statt des einen bestimmten Blau kann eine andere Nuance eintreten: die neue Empfindung ist der vorigen noch ähnlich. Es kann aber auch ein Rot erscheinen: die neue Empfindung ist spezifisch verschieden. Oder die Farbenempfindung wird durch eine Tonempfindung ersetzt: die neue Empfindung ist zur früheren disparat. Nach der noch verbreiteten Sprechweise von Helmholtz wäre in dem vorletzten Falle eine neue Qualität, im letzten eine neue Modalität erschienen. Schon weniger durchsichtig sind die Verhältnisse bei der zweiten Eigenschaft der Empfindung, der Intensität. Von der Intensität irgendeines Vorganges zu reden, scheint vielen nur dann einen Sinn zu haben, wenn dieser Vorgang eine reine Intensitätsänderung zuläßt, d. h. wenn seine Intensität sich ändern kann, ohne daß sich gleichzeitig auch die Qualität verändert. Eine solche reine Intensitätsänderung wird allgemein angenommen bei den Tönen, hingegen bei den Farbenempfindungen vielfach angezweifelt, weshalb auch die Intensität als allgemeine Eigenschaft der Empfindung angefochten wird. Die Frage nach der zeitlichen Dauer, der dritten allgemeinen Eigenschaft, darf nicht mit der Frage nach der Dauer des Reizes verwechselt werden, die erforderlich ist, damit eine bestimmte Empfindung im Bewußtsein hervorgerufen werden könne. Es fragt sich vielmehr, ob die voll entfaltete Empfindung, deren Dauer bekanntlich sehr verschieden sein kann, überhaupt erlebbar sei, wenn ihre zeitliche Dauer auf Null reduziert würde und die Empfindung in einem unteilbaren Moment erlebt werden müßte. Eine beweisbare Antwort wird sich auf diese Frage in keinem Sinne geben lassen. Es bleibt darum auch fraglich, ob die zeitliche Ausdehnung eine allgemeine Eigenschaft der Empfindung ist. Einer Empfindungseigenschaft ist es nämlich wesentlich, daß sie nicht auf Null gebracht werden kann, ohne daß damit die Empfindung selbst ihr Ende erreicht. Daß endlich die räumliche Ausdehnung keine allgemeine Eigenschaft der Empfindung ist, dürfte kaum bestritten werden. So wenig die Farbenempfindung ohne eine räumliche Ausdehnung verwirklicht werden kann, so wenig scheint die Tonempfindung ihrer zu bedürfen oder auch nur fähig zu sein. Man erkennt hieraus, daß sich zwar die Empfindungserlebnisse unter einen allgemeinen Begriff zusammenfassen lassen, daß dieser Begriff aber noch sehr verschieden geartete Bewußtseinserscheinungen einschließt. Als wirklich allgemeine Eigenschaft dieser verschiedenen Erlebnisse läßt sich eben nur die Qualität und, in einem erweiterten Sinne, die Intensität nennen.
Literatur
A. Messer, Empfindung und Denken. 1908.
A. Pfänder, Einführung in die Psychologie.² 1920.
2. Kap. Die höheren Empfindungen
A. Die Gesichtsempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen
Unter den zahlreichen Inhalten, die wir als Empfindungen bezeichnen, sondert sich leicht und scharf umgrenzt die umfangreiche Gruppe aus, welche der Sprachgebrauch als Farben zusammenfaßt. Eine rein psychologische Beschreibung dieser Empfindungen läßt sich nicht geben. Sie sind ein letztes Erlebnisdatum, das nur durch sich selbst hinreichend gekennzeichnet wird. Für den Farbentüchtigen zerfallen sie in zwei Hauptarten, in die farblosen Lichter, auch neutrale oder tonfreie Farben genannt, und in die bunten Farben. Die farblosen Lichter lassen sich nach ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit in eine kontinuierliche Reihe (Qualitätenreihe) ordnen, an deren einem Ende das tiefste Schwarz, an deren anderem Ende das blendendste Weiß zu stehen kommt, während die verschiedenen Abstufungen des Grau beide Enden verbinden. Geometrisch und symbolisch wäre diese Qualitätenreihe durch eine begrenzte Gerade darzustellen. Prüfen wir die verschiedenen Abschnitte der Schwarz-Weißreihe darauf, ob die betreffenden Inhalte der Definition der Empfindung genügen, so erhebt sich nur die eine Schwierigkeit, ob wirklich die Graunuancen als einfache Inhalte anzusprechen sind. Weist doch eine jede eine Ähnlichkeit sowohl mit Schwarz wie mit Weiß auf. Allein ähnlich sein bedeutet noch nicht zusammengesetzt sein. Nur wo sich im erlebten Inhalt Teile absondern, die als solche psychisch zu verwirklichen sind, da liegt eine Mehrheit von Empfindungen vor. Dieser Gesichtspunkt gilt auch für die noch zu besprechenden Abstufungen der bunten Farben.
Um die bunten Farben zu ordnen, denken wir uns, wir erlebten sie in ihrer größtmöglichen Ausgesprochenheit. Zunächst sei ein reines Rot, ein reines Gelb und zahlreiche Schattierungen von Orange gegeben. Bringt man diese in eine Qualitätenreihe, so beginnt sie etwa mit Rot; dann folgen jene Arten von Orange, die dem Rot ähnlicher sind als dem Gelb, dann ein Orange, das gleichviel Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb hat, weiter Nuancen, die mehr dem Gelb als dem Rot verwandt sind, und endlich das reine Gelb. Die beiden Enden der Reihe zeigen keine derartige Ähnlichkeit miteinander, die Zwischenfarben hingegen haben Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb. Ausgehend vom Rot läßt sich feststellen, daß die Rotähnlichkeit immer mehr ab- und die Gelbähnlichkeit immer mehr zunimmt. Ebenso wie die Schwarz-Weißreihe wäre auch die Rot-Gelbreihe durch eine begrenzte Gerade zu symbolisieren. Die nämliche Betrachtung wiederholt sich bei den zwischen Gelb und Grün, Grün und Blau, Blau und Rot einzuschließenden Farbentönen. Die geometrische Symbolisierung ergibt also vier Gerade, deren Endpunkte je zwei Geraden gemeinsam sind und die darum ein geschlossenes Viereck bilden. An seinen Endpunkten liegen die vier Urfarben (Hering) Rot, Gelb, Grün, Blau. Sie weisen miteinander keine Ähnlichkeit nach Art der Zwischenfarben auf und bedingen darum je einen Richtungswechsel in der gesamten Farbenreihe: das von Rot bis an das Gelb vorhandene Rotmoment hört mit dem Gelb auf und ist in der Gelb-Grünreihe nicht mehr zu beobachten usf. Ob die Seiten des Farbenviereckes als gleich lang anzunehmen sind, wäre davon abhängig, ob in jeder der vier Farbenreihen gleichviel unterscheidbare Farbentöne erlebt werden können.
Wie von jeder Urfarbe zu ihren beiden Nachbarfarben, so gibt es auch direkte Übergänge von den Urfarben und den eingeschlossenen Tönen zu Weiß, zu Schwarz und zu sämtlichen Graunuancen. Dieser Tatsache verleiht man einen passenden Ausdruck, indem man die Schwarz-Weißlinie zu ungefähr gleichen Teilen nach oben und unten durch das Farbenviereck gehen und somit die Längsachse eines Oktaeders bilden läßt. ([Fig. 1].) In diesem Farbenoktaeder haben alle erlebbaren Farben ihren bestimmten Platz: die obere Spitze nimmt das Weiß, die untere das Schwarz ein, während die Urfarben an den Ecken der mittleren Ebene liegen. Da aber das Gelb dem Weiß ähnlicher ist als das Blau, so ist die Farbenebene nicht senkrecht, sondern schräg zur Schwarz-Weißlinie einzuzeichnen.
Fig. 1. Die Farbenpyramide.
Nach Titchener, Lehrbuch der Psychologie S. 63. Leipzig 1910, Barth.
Jede Farbe kann prinzipiell durch drei Momente bestimmt und in das Farbenoktaeder eingeordnet werden: durch den Farbenton, d. h. durch ihre Ähnlichkeit mit einer der vier Urfarben, durch ihre Helligkeit, d. h. durch ihre Ähnlichkeit mit Weiß und durch ihre Sättigung, d. h. durch die Deutlichkeit der Buntheit bzw. ihre Unähnlichkeit mit den Tönen der Schwarz-Weißreihe.
Ein anderes Problem bildet die Frage nach der Intensität der Farbenempfindungen. Man wird hier zweckmäßig zwei Fragen auseinanderhalten: Gibt es bei der Farbenempfindung eine Intensitätssteigerung? und: Kann den Farbenempfindungen wenigstens eine Intensitätsstufe zuerkannt werden? War unsere Anordnung der Farben in das Oktaeder richtig, so ist die erste Frage zu verneinen; denn wir bestimmten jede Farbe nur aus den drei Momenten der spezifischen Qualität, der Helligkeit und der Sättigung; für eine Intensitätssteigerung bleibt kein Raum. Auch wenn irgendeine der Farben auf dem kürzesten Weg zum Verschwinden gebracht wird, so geschieht das nicht durch Herabsetzung ihrer Intensität, sondern dadurch, daß eine andere Empfindung an ihre Stelle tritt, mag diese andere Empfindung eine bunte Farbe oder auch Schwarz sein. Denn auch Schwarz ist als positive Empfindung anzusehen. Wird es ja ebenso wie alle andern Farben erlebt und draußen scharf umgrenzt vorgefunden, zum Unterschied von dem bloßen Ausfallen, dem Nichthaben einer Empfindung. Darum kann auch die Schwarz-Weißreihe nicht als eine Intensitätsreihe angesprochen werden, wie Helmholtz meinte. Man muß sich bei dieser Erwägung vor verschiedenen Verwechslungen hüten. Ganz außerhalb der Erörterung hat die Intensität des die Empfindung hervorrufenden Reizes zu bleiben, da es sich nur um die psychischen Inhalte handelt. Ferner darf man die Intensität der Farbe nicht ihrer Helligkeit, d. h. ihrer Ähnlichkeit mit Weiß gleichsetzen. Auch die als Eindringlichkeit bezeichnete Fähigkeit einer Empfindung, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, gehört in einen ganz anderen Problemkreis. Es muß vielmehr nach einer Empfindungseigenschaft gesucht werden, wie sie deutlich bei den Tönen erlebt wird, die bei gleichbleibender Qualität eine verschiedene Stärke besitzen können. Fassen wir diese Intensität als Abstand von Null auf, so werden wir jedem Ton eine bestimmte Intensität zuerkennen müssen, auch wenn es einmal aus irgendeinem Grunde unmöglich würde, die Intensität des Tones wie früher zu verändern. Aus dem gleichen Grunde wird man auch jeder Farbenempfindung eine gewisse Intensitätsstufe zuerkennen müssen, obwohl es unmöglich bleibt, diese herauf- oder herabzusetzen. Neuerdings tritt Stumpf für eine Intensitätsänderung der Farben innerhalb enger Grenzen ein. (Vgl. Stumpf, Die Attribute der Gesichtsempfindungen. 1917.)
2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen
Da die Empfindungen eine letzte psychische Gegebenheit sind, ist es unmöglich, sie psychologisch zu erklären. Wir können aber über manche ihrer Bedingungen Aufschlüsse gewinnen, wenn wir den rein psychologischen Standpunkt verlassen und auf das körperliche Organ wie auf die äußeren Reize achten, die an dem Zustandekommen der Empfindungen beteiligt sind. Diese Grenzüberschreitung ist geboten, weil wir ohne sie gewisse Gesetzmäßigkeiten nicht verstehen können, die sich an den Bewußtseinsinhalten selbst zeigen.
Das Organ, durch welches die Farbeninhalte erstmals in unserem Bewußtsein geweckt werden, ist das Auge. Sein Bau wird hier als bekannt vorausgesetzt. Als normale Reize wirken auf das Auge die Ätherwellen ein. Diese unterscheiden sich voneinander durch ihre verschiedene Länge, ihre verschiedene Intensität (Amplitude) und durch ihre größere oder geringere Reinheit. Im allgemeinen hängt der Farbenton von der Wellenlänge, die Helligkeit von der Intensität und die Sättigung von der Reinheit ab. Stellt man im Spektralapparat die reinen Farben her, so beginnen diese mit Rot, dem eine mittlere Wellenlänge von rund 700 µµ entspricht. Urgelb entfällt dann auf die Wellenlänge 580, Urgrün auf 500, Urblau auf 480. Für ultrarote und ultraviolette Strahlen ist unser Auge nicht empfänglich. Alle Farben, die nicht im Spektrum enthalten sind, müssen durch die Zusammensetzung verschiedene Wellen erzeugt werden. So namentlich Weiß und Purpur. Übrigens können auch jene bunten Farben, die im Spektrum eine eigene Wellenlänge haben, durch die Vereinigung anderer Wellen hervorgerufen werden. Nur der Schwarzempfindung entspricht kein äußerer Reiz. Gleichwohl kann man durch bloßes Schließen der Augen oder durch den Aufenthalt in einem lichtleeren Kaum noch nicht die tiefste Schwarzempfindung erzeugen. Diese entsteht vielmehr, wenn man ein dunkles Grau durch den Kontrast mit einem umgebenden Weiß vertieft.
Die Helligkeit der bunten Farben ist von zwei Faktoren abhängig. Zunächst von der Wellenlänge; denn Gelb ist heller als Blau und Rot (die spezifische Helligkeit der Farben). Sodann von der Intensität der Reize. Nimmt die Intensität z. B. eines roten Lichtes zu, so wächst innerhalb mittlerer Grenzen die Helligkeit (Weißlichkeit) des Rot. Müssen wir schon diese Wirkung der mittleren Intensitätssteigerung als eine qualitative Änderung der Farbenempfindung bezeichnen, so erst recht die bei größerer Änderung der Intensität eintretende Änderung der Farbe: Eine starke Vermehrung oder Verminderung der Intensität des Farbenreizes beeinträchtigt auch den Farbenton. Rot und Grün werden mit zunehmender Intensität des Lichtes direkt weiß; alle andern Töne nähern sich dem Gelb oder Blau und gehen dann in Weiß über. Bei starker Intensitätsabnahme hingegen dehnen sich im Spektrum Rot und Grün aus. Ebenso verschiebt sich die Helligkeitsverteilung. Das Maximum der Helligkeit rückt von Gelb nach Grün. Erscheint bei guter Beleuchtung eine rote Fläche heller als eine blaue, so kehrt sich das Helligkeitsverhältnis um, sobald man die beiden Farben sowie das Auge verdunkelt. (Purkinjesches Phänomen.) Setzt man am Spektralapparat die Lichtintensität noch weiter herab, so schwinden alle Farben, und es bleibt ein farbloses Band zurück mit dem Helligkeitsmaximum an der Stelle, wo zuvor das Grün gestanden hat.
Zur bequemeren Besprechung der Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung mußten wir auf die Farbenwahrnehmung übergreifen. Eine isolierte Empfindung ist ja im Grunde nur ein Abstraktionsprodukt. Sie läßt sich einigermaßen annähernd veranschaulichen, doch nicht als solche herstellen. (Vgl. W. Baade, Gibt es isolierte Empfindungen? 6. Kongreßbericht 1914.) — Zum Studium der Farbenempfindungen eignen sich nicht die Oberflächenfarben der Gegenstände, da diese durch ihre Verbindung mit den Dingen und durch unser Wissen davon in ihrer Erscheinungsweise beeinflußt werden. Tauglicher sind die von Katz als Flächenfarben bezeichneten Eindrücke, wie sie am Spektralapparat oder bei Betrachtung einer farbigen Fläche durch das Loch eines Schirmes erzielt werden. — Die Vergleichung bunter Farben auf ihre Helligkeit ist auf direktem Wege nur sehr schwer möglich. Man hilft sich, indem man versucht, jede der bunten Farben zwischen ein Grau aus einer Grauskala einzuschließen, das sicher heller, und ein anderes, das sicher dunkler ist als die betreffende Farbe. Durch Übung kann man die Grenzen immer enger ziehen und gewinnt so indirekt einen Maßstab für die Helligkeit der beiden Farben. Über andere Methoden siehe Langfeld, Über heterochrome Helligkeitsvergleichung ZPs 33. R. Pauli, Grundfragen der Photometrie. (Die Naturwissenschaften Heft 41, 1913.)
3. Die Gesetze der Farbenmischung
Wirken mehrere Töne auf das Ohr ein, so entsteht eine Tonverbindung, aus der sich die Einzeltöne bei etwas Übung leicht heraushören lassen. Wirken jedoch mehrere farbige Lichter gleichzeitig auf den Sehnerv ein, so entsteht im Bewußtsein nur eine einzige einfache Empfindung. Nur die Rücksicht auf ihre Entstehung berechtigt die psychologisch unzulässige Bezeichnung solcher Farben als Mischfarben. Die Gesetze der Farbenmischung bilden die Hauptgrundlage für jede Theorie der Gesichtsempfindung. Sie wurden darum schon von älteren Forschern wie Newton, Graßmann, Helmholtz eingehend behandelt.
Eine Mischfarbe läßt sich erzeugen, indem man auf einer farbigen Kreisscheibe einen andersfarbigen Sektor anbringt und beide rotieren läßt. Befestigt man darüber eine kleinere, konzentrische Scheibe, so hat man die Möglichkeit, die am Rande erzeugte Mischfarbe mit der Farbe der inneren Scheibe bequem zu vergleichen. Durch geeignete Wahl der farbigen Scheiben ist es nun erreichbar, die Farbe des äußeren Ringes der der inneren Scheibe gleichzumachen, d. h. eine Farbengleichung herzustellen. Sie wird durch die Summe der Bogengrade der Mischfarben einerseits und durch die verglichene Farbe anderseits ausgedrückt. Mischt man auf die besagte Weise Rot mit Blau in bestimmter Nuancierung, so erhält man Purpur, eine Farbe, die im Spektrum nicht vorkommt. Nimmt man dagegen zu Rot Blaunuancen, die mehr nach Grün zu liegen, so wird die Mischung immer ungesättigter — wie überhaupt die Mischfarben in der Regel weniger gesättigt sind als ihre Komponenten — und dem Grau ähnlicher, bis bei einem gewissen Grün eine tonfreie Farbe entsteht: Ein bestimmtes Rot, mit einem bestimmten Grün gemischt, ergibt ein bestimmtes Grau. Es läßt sich nun zeigen, daß für jede Farbe eine andere existiert, die, mit ihr gemischt, Grau ergibt. (Satz der komplementären Farben.) Mischt man jedoch zwei nichtkomplementäre Farben, so erhält man eine bunte Mischfarbe, und zwar jene, die innerhalb des Farbenviereckes auf der kürzeren Verbindungsstrecke der beiden gemischten Farben liegt. (Satz der Mischfarben.) Wählt man darum drei Farben so aus, daß die komplementäre einer jeden auf dem Farbenviereck oder dem Farbenkreis zwischen den beiden andern liegt, so kann man durch passende Mischungsverhältnisse alle Farbentöne hervorrufen. Um möglichst gesättigte Mischfarben herzustellen, muß man gewisse nichtkomplementäre Nuancen von Rot und Grün nebst Blauviolett als Mischfarben benutzen. Auf Grund dieser Tatsachen ist endlich der dritte Satz verständlich, daß gleich aussehende Farben, miteinander gemischt, gleich aussehende Mischungen ergeben.
Über die verschiedenen Methoden zur Herstellung der Farbenmischungen vgl. Fröbes I 51 f. Unstatthaft ist die Mischung von farbigen Pigmenten oder Flüssigkeiten. — Die Farbengleichungen verschiedener Beobachter sind individuell etwas verschieden, weil die Netzhautmitte der einzelnen Individuen eine verschieden starke Gelbpigmentierung aufweist.
4. Der Simultankontrast
Legt man auf einen roten Grund ein kleineres Stück graues Papier und fixiert etwa dessen Mitte während 1–2 Sekunden, so erscheint das graue Papier grün gefärbt. Wiederholt man den Versuch mit den verschiedensten Farben, so ergibt sich der Satz, daß jede Farbe in ihrer Umgebung ihre komplementäre Farbe induziert (Farbenkontrast). Die Erscheinung wird weit auffälliger, wenn man das bunte Umfeld und das graue Infeld mit einem durchsichtigen Seidenpapier bedeckt (Florkontrast). Entsprechend wird ein mittelgraues Papier auf weißem Grund verdunkelt, auf schwarzem Grund aufgehellt (Helligkeitskontrast). Ist das kontrastleidende Infeld gleichfalls gefärbt, so entsteht nach den Gesetzen des vorigen Abschnittes eine Farbenmischung. Da nun die Tendenz zur Induktion der Gegenfarbe von jedem Teilstück einer farbigen oder hellen Fläche gilt, so läßt sich leicht ableiten, daß die Sättigung bzw. Helligkeit innerhalb einer Fläche geringer sein muß als am Rand (Binnenkontrast und Randkontrast). Dabei wird stets eine Fixation des Blickes während einiger Sekunden vorausgesetzt. Der Simultankontrast entsteht momentan, ist anfangs am deutlichsten und geht dann rasch zurück. Entfernt man die beiden kontrastierenden Felder ein wenig voneinander oder trennt man sie durch eine schwarze Grenzlinie, so verringert sich der Kontrast oder verschwindet ganz.
Der Simultankontrast könnte auf den ersten Blick als eine Beeinträchtigung unseres Sehens erscheinen. In Wirklichkeit kommt er diesem sehr zustatten. Ohne den Simultankontrast wären nämlich alle unsere Gesichtswahrnehmungen arg verschwommen. Infolge der verschiedensten Unregelmäßigkeiten der brechenden Medien entsteht nämlich auf der Netzhaut eine sehr unscharfe Abbildung des äußeren Gegenstandes, der auch nur ein Gesichtsbild mit sehr ungenauen Umrissen entsprechen könnte. Durch die Induktion der Gegenfarbe werden nun die schwächeren, über das wahre Bild hinausragenden „Verzeichnungen“ mehr oder weniger aufgehoben. Vom Standpunkt der noch zu besprechenden Heringschen Farbentheorie beruht ein weiterer Vorteil des Simultankontrastes darin, daß durch ihn die Netzhaut für die Aufnahme des wandernden Farbeneindruckes gewissermaßen vorbereitet wird: die Stelle der Netzhaut, die soeben infolge des Kontrastes zu einem roten Objekt grün empfindet, ist in der besten Verfassung, um alsbald das rote Objekt wahrzunehmen.
Die Tatsachen des Simultankontrastes erklärt man heute allgemein mit Hering, Mach und älteren Forschern physiologisch. Man denkt sich die benachbarten Stellen der Netzhaut oder eines andern Teiles des nervösen Apparates in funktioneller Wechselwirkung zueinander stehend, ähnlich wie die Wassersäulen in einer Manometerröhre: sinkt die eine Wassersäule, so muß die Nachbarsäule steigen. Entspricht nun dem Sinken die Empfindung der einen Gegenfarbe, so ist mit dem Steigen die der andern verbunden; empfindet ein Netzhautelement rot, so muß darum das Nachbarelement grün empfinden. Helmholtz wollte die Kontrasterscheinungen psychologisch als „Urteilstäuschung“ oder, wie man heute sagen müßte, als Resultat der Auffassung deuten. Gegen diese nicht mehr haltbare Anschauung sei nur ein durchschlagender Beweis von G. E. Müller angeführt. Einem Grünblinden wurden zwei Hintergründe vorgelegt, ein grüner und ein grauer, die er beide für gleich grau ansah. Auf beiden brachte man nun ein kleineres graues Quadrat an. Während nun das Quadrat auf dem grauen Hintergrunde seine Farbe nicht änderte, sah der Grünblinde das Quadrat auf dem grünen Hintergrund in roter Farbe.
Die Tatsachen, auf die sich Helmholtz stützte, gehören zumeist in den Bereich der Oberflächenfarben (s. [S. 25]), wo wirklich die Auffassung eine bedeutsame Rolle spielt, wie später noch zu zeigen ist. Die hier besprochenen Gesetzmäßigkeiten werden aber in erster Linie stets von den Flächenfarben verstanden. Die auffällige Erhöhung des Kontrastes durch die Überdeckung mit einem (weißen oder schwarzen) Flor dürfte auch darin begründet sein, daß er die Farben als Flächenfarben erscheinen läßt. — Andere beachtenswerte Anschauungen über den Kontrast von E. R. Jaensch (6. Kongreßbericht 1914) und F. W. Fröhlich („Grundzüge einer Lehre vom Licht und Farbensinn“ 1921). — Übrigens leistet der heute freilich eingebürgerte Ausdruck des Farbenkontrastes einer Begriffsverwirrung Vorschub. Die Farbeninhalte rot-grün, gelb-blau besagen nämlich keinerlei Gegensatz; ebensowenig die physikalischen Reize.
5. Die Umstimmung der Netzhaut
Ein Lichtreiz, der auf eine bestimmte Stelle der Netzhaut einwirkt, ruft, wie soeben geschildert, gleichzeitig eine Erregung der nicht unmittelbar gereizten Netzhautteile hervor. Er verursacht aber auch, nachdem er selbst schon vergangen ist, auf der unmittelbar gereizten Stelle eine nachdauernde Erregung, der mannigfache Nachempfindungen entsprechen.
Blickt man für einen Moment in ein sehr helles Licht und schließt alsbald das Auge, so sieht man für eine Weile noch das Bild des Lichtes. (Positives Nachbild.) So erscheint auch ein im Dunkeln rasch bewegter Funke nicht als wandernder Punkt, sondern als Lichtlinie. Fixiert man einen farbigen Gegenstand etwa eine halbe Minute lang und schaut dann auf eine helle Wand, so hat man das Bild des Gegenstandes in komplementärer Farbe vor sich, und zwar um so lebhafter, je intensiver und anhaltender der Reiz war. (Negatives Nachbild, sukzessiver Kontrast.) Betrachtet man eine Landschaft durch ein gelbes Glas, so schwindet allmählich die gelbliche Färbung der Gegenstände; sie erscheinen nach und nach in ihrer objektiven Belichtung. Die Netzhaut ist für Gelb ermüdet. Richtet man nach Entfernung des gelben Glases das Auge auf eine farblose Fläche, so zeigt sie das komplementäre Blau. Diese als Umstimmung der Netzhaut bezeichnete Erscheinung ist ganz allgemein: jede Lichteinwirkung setzt die Aufnahmefähigkeit für das einwirkende Licht herab und erhöht die für das gegenfarbige Licht. Darum erscheint auch farbiges Lampenlicht nach kurzer Zeit als weiß. (Vgl. jedoch [S. 109.]) Im Zusammenhange damit steht die sog. gleichsinnige Lichtinduktion: Fixiert man eine farblose Scheibe auf farbigem Grund, so läßt sie zuerst die Kontrastfarbe erkennen. Nach einiger Zeit aber tritt an die Stelle der Kontrastfarbe die komplementäre, d. h. die Farbe des Umfeldes, so daß Grund und Scheibe in dem gleichen Lichte erscheinen.
Die Erklärung der Umstimmungserscheinungen wird durchgängig auf dem Gebiete der Physiologie gesucht. Sie ist je nach der allgemeinen Farbentheorie, welche die einzelnen Autoren vertreten, verschieden. An dieser Stelle genügt uns die schon bei dem Simultankontrast verwertete Hilfsvorstellung der kommunizierenden Röhren. Lassen wir die Farbenempfindung nicht nur von dem auf der einen Wassersäule ruhenden Druck, sondern auch von der Menge des in der Röhre befindlichen Wassers abhängig sein, so hat man eine Veranschaulichung dafür, daß mit der Andauer des Reizes die geweckte Farbenempfindung schwächer werden und die Disposition zur Empfindung der Gegenfarbe anwachsen muß. Eine Ausnahme macht dann allerdings die Schwarz-Weißempfindung, deren Verhalten die Zuhilfenahme neuer Hypothesen erfordert.
6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung
Exponiert man eine weiße Scheibe weniger als ⅒ Sekunde, so wird sie nicht als volles Weiß, sondern als Grau gesehen. Exponiert man auf dieselbe Weise (tachistoskopisch) eine farbige Scheibe, so erscheint sie farblos, und erst, wenn der farbige Reiz etwa ½ Sekunde lang auf das Auge einwirkt, wird er richtig wahrgenommen. Man spricht hier von dem Ansteigen der Empfindung. Der Reiz muß eine gewisse (zeitliche) Schwelle überschreiten, damit die Farbe nicht nur als Licht (generelle Schwelle), sondern auch als Farbe (spezifische Schwelle) erscheine.
Hört der Lichtreiz auf, so schwindet damit noch nicht sofort die Lichtempfindung, sondern sie klingt allmählich ab. Der schlichten Beobachtung scheint dieses Abklingen ein bloßes Nachlassen der eigentlichen Empfindung zu sein. Genauere Untersuchungen lassen es als möglich erscheinen, daß das Abklingen der Empfindung mit dem positiven Nachbild zusammenfällt, daß aber zwischen dem positiven Nachbild und der eigentlichen durch den Lichtreiz unmittelbar hervorgerufenen Empfindung dem primären Bild, noch eine andere Erregung, das sekundäre Bild, liegt. (Vgl. v. Kries, Die Gesichtsempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III. Bd. 8, Seite 101 ff.) Auf das positive Nachbild folgt dann, wie oben beschrieben, das negative.
Wechseln auf einer rotierenden Scheibe weiße und schwarze Sektoren miteinander ab, so hat das entstehende Grau die gleiche Helligkeit, wie wenn das Weiß seine Helligkeit der ganzen Scheibe mitteilen müßte. Hat also der weiße Sektor den Umfang von 180°, und wäre der schwarze Sektor absolut dunkel, so erscheint die rotierende Scheibe so hell, wie wenn die halbe Intensität der 180° Weiß auf die ganze Scheibe verteilt wäre. (Talbotsches Gesetz.) Es verhält sich somit das Auge in dieser Beziehung wie eine photographische Platte, die um so länger exponiert werden muß, je schwächer die Beleuchtung ist, falls der gleiche Wirkungsgrad erzielt werden soll.
Zu den zeitlichen Verhältnissen der Lichtreize können wir auch die merkwürdigen Erscheinungen rechnen, die sich bei längerem Aufenthalt im Dunkeln oder im Hellen ergeben. Tritt man aus einem hell erleuchteten Raum in einen dunkeln, so kann man zunächst in ihm nichts unterscheiden. Allmählich wird jedoch das Auge für die schwachen Reize empfindlich, es herrscht die Dunkeladaptation oder das Dämmerungssehen. Nach einem Aufenthalt von etwa 20 Minuten hat sich die Empfindlichkeit gegenüber dem Anfangszustand um das 8000fache vermehrt. — Verläßt man nun den dunkeln Raum, so wird man von der Helle empfindlich geblendet und vermag nichts zu sehen. Nach kurzer Zeit gewöhnt sich jedoch das Auge wieder an das Licht: es ist helladaptiert.
Wie schon oben erwähnt, werden bei Dunkeladaptation keine Farben-, sondern nur noch Helligkeitsverschiedenheiten empfunden. Dabei ruht das Helligkeitsmaximum nicht mehr im Gelb, sondern im Grün; Blau erscheint heller als Rot. Aus diesem Grunde werden auch Farbengleichungen für das dunkeladaptierte Auge unwahr. Nach den bisherigen Forschungen gilt letzteres indessen nicht für den gelben Fleck, die Stelle des deutlichsten Sehens. Diese für die Theorie der Lichtempfindungen höchst bedeutsame Ausnahme wird freilich von Hering bestritten. (Archiv f. Ophthalmologie Bd. 90, S. 1 ff.)
7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung
Das Auge ist nicht allein auf die Leistungsfähigkeit der Netzhautmitte angewiesen. Wieviel wir dem Sehen mit den seitlichen und peripheren Teilen verdanken, können wir uns veranschaulichen, wenn wir eine enge Röhre vor das Auge halten. Es läßt sich leicht ausmessen, wie weit die Ausdehnung des nichteingeengten Gesichtsfeldes reicht. Man stelle einen halbkreisförmigen Reif so vor das Auge, daß dieses sich im Kreiszentrum befindet und die Mitte des in der horizontalen Ebene aufgestellten Ringes fixiert. Nähert man jetzt einen kleinen Gegenstand ruckweise vom äußeren Ende den Ring entlang der Mitte, so findet man den Punkt, wo der Gegenstand erstmals gesehen wird. Drückt man die Entfernung dieses Punktes von der Reifmitte in Bogengraden aus, so hat man die seitliche Ausdehnung des Gesichtsfeldes nach innen bzw. nach außen gemessen. Dreht man alsdann den Reif um 90°, so daß er in der Vertikalebene liegt, so kann man die obere und untere Grenze ermitteln. Ein nach diesem Prinzip gebautes Instrument nennt man Perimeter.
Untersucht man nun mit Hilfe des Perimeters die Helligkeitsempfindlichkeit der Netzhaut bei Dunkeladaptation, so ergibt sich, daß diese an der Stelle des deutlichsten Sehens am geringsten ist und innerhalb gewisser Grenzen nach der Peripherie zu ansteigt. Dazu stimmt die Praxis der Astronomen, lichtschwache Sterne nicht zu fixieren, sondern durch „Vorbeisehen“ zu betrachten. Bei Helladaptation besteht kein Unterschied der Hellempfindlichkeit für die Mitte und die seitlichen Partien, dagegen zeigen sich überraschende Verschiedenheiten für die Farbenempfindungen. Bringt man bunte Scheibchen der Reihe nach an verschiedenen Stellen des Perimeters an, so verschwinden in einer gewissen Zone bestimmte Schattierungen von Rot und Grün, während andere in Gelb und Blau übergehen: die Zone der Rot-Grün-Blindheit. Rückt man die Farbenscheibchen noch weiter hinaus, so verschwinden alle Farben. Die Netzhautperipherie ist total farbenblind. Dabei ist der Umstand bedeutsam, daß die Helligkeitsverteilung auf dieser äußersten Zone mit der auf der Netzhautmitte übereinstimmt. Also auch hier ist Gelb die hellste Empfindung, während bei der Dunkeladaptation, wo gleichfalls die Farben in Grau übergehen, die größte Helligkeit an der Stelle des Grün beobachtet wird. Auch das ist beachtenswert, daß ausgedehntere farbige Objekte ebenso wie intensiver beleuchtete weiter peripherwärts farbig erscheinen, als solche von geringerem Umfang bzw. geringerer Intensität. Es entspricht endlich den bisher genannten Tatsachen, wenn die für die Netzhautmitte hergestellten Farbengleichungen sich auch auf den seitlichen Teilen als gültig erweisen. Auch dies ist ein für die Theorie bedeutsamer Gegensatz zu den Verhältnissen bei der Dunkeladaptation.
8. Die Farbenblindheiten
Bevor sich eine Theorie der Gesichtswahrnehmungen versuchen läßt, müssen noch die Tatsachen aufgezählt werden, die aus dem experimentum naturae bekannt geworden sind. Infolge angeborener Mängel, seltener infolge von Krankheit (Vergiftung), stellen sich mannigfache Abnormitäten im Farbensehen ein. Je leichter sich nun diese aus einer Theorie verständlich machen lassen, um so mehr gewinnt die betreffende Theorie an innerer Wahrscheinlichkeit. Breitet man vor verschiedenen Individuen eine Anzahl farbiger Wollbündel aus und greift man aus dieser Menge ein grünes Wollbündel heraus mit der Aufforderung, alle gleichfarbigen neben das grüne zu legen, so werden sich immer Individuen finden, die neben das grüne auch graue und braune Wollfäden legen. Diese Individuen halten grau und grün für gleich, weil sie eben grün überhaupt nicht empfinden. Wiederholt man den Versuch mit einer andern Farbe, so wird man bei einer hinreichend großen Zahl von Prüflingen solche finden, die für andere Farben unempfänglich sind. Diese Anomalien des Farbensehens, die Farbenblindheiten, wurden erst 1794 von Dalton entdeckt. Sie konnten so lange unbekannt bleiben, weil die Farbenblinden in der Regel auch jene Farben richtig benennen, die sie als solche gar nicht empfinden. Sie stützen sich dabei auf andere Merkmale und bezeichnen etwa ihr helleres „Rot“ ebenso wie der Normale als Gelb.
Wie die fortschreitenden Untersuchungen ergeben, sind die Arten der Farbenblindheiten sehr mannigfaltig. Zu einer ersten Orientierung genügt es indes, die drei wichtigsten und verbreitetsten Klassen aufzuzählen: die Rot-Grün-Blindheit, die Gelb-Blau-Blindheit und die totale Farbenblindheit. Die erste ist die häufigste. Sie findet sich bei nahezu 4% aller Männer; bei Frauen jedoch sehr selten, obwohl sie durch die Mutter vererbt wird. Der Rot-Grün-Blinde sieht an der Stelle des Spektrums, wo für den Normalen das Grün liegt, weiß. Links von dieser Stelle erblickt er nur Gelbnuancen, rechts nur Abschattungen von Blau. Für die seltener anzutreffenden Gelb-Blau-Blinden existieren nur die verschiedenen Arten von Rot und Grün. Den total Farbenblinden endlich erscheint die Außenwelt grau in grau, ähnlich wie sich dem Normalen ein photographisches Bild darstellt. Das Spektrum der total Farbenblinden weist nicht bei allen die gleiche Helligkeitsverteilung auf. Manche haben, um nur die wichtigsten zu erwähnen, die gleiche Helligkeitsverteilung wie das normale helladaptierte Auge, andere empfinden die Helligkeitsabstufungen wie das dunkeladaptierte Auge.
Über verschiedene Abarten der Farbenanomalien, ihre Klassifikation und andere Methoden ihrer Feststellung siehe Fröbes, I, 81 ff.
9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie
Wir beginnen die Darstellung der Theorie der Gesichtsempfindung mit jener theoretischen Anschauung, die an letzter Stelle ausgebildet wurde. Die Endteile des in der Netzhaut sich aufspaltenden und ausbreitenden Sehnerven sind in der Hauptsache zwei anatomisch verschieden gebaute Organe: die spindelförmigen Stäbchen und die flaschenförmigen Zapfen. ([Fig. 2].) Sie sind nicht gleichmäßig über die Netzhaut verteilt, sondern die Netzhautmitte (fovea) enthält auf der Stelle des deutlichsten Sehens (auf einer Fläche von etwa ½ mm Durchmesser) nur Zapfen, während nach der Peripherie hin die Zapfen immer spärlicher werden.
Die schon erwähnten Gesetzmäßigkeiten der Hell- und Dunkeladaptation, insbesondere die verschiedene Helligkeitsverteilung im Spektrum während dieser Zustände, die geringe Helligkeitsempfindlichkeit der Netzhautmitte des dunkeladaptierten Auges, die totale Farbenblindheit mit der Helligkeitsverteilung des Dunkelauges, die Tatsache, daß in der Dämmerung ein fixierter weißlicher Fleck auf dunklem Grunde verschwindet und umgekehrt ein schwarzer Fleck auf weißem Grunde ganz ausfällt (K. L. Schaefer), alle diese Umstände führten zu der Annahme, daß den anatomisch verschieden gebauten Endorganen auch eine verschiedene Funktion zukomme: den Stäbchen die Wahrnehmung der Schwarz-Weißreihe bei sehr schwacher Beleuchtung (der Dämmerungsapparat), den Zapfen die Wahrnehmung aller Farben bei hellem Licht (der Hellapparat). Diese Theorie wurde von M. Schultze (1866) angedeutet und durch Parinaud und namentlich v. Kries ausgestaltet (Duplizitätstheorie).
Fig. 2. Schematischer Querschnitt durch die Retina nach Ramon y Cajal. a und b Stäbchen und Zapfen. c und d Zapfenzellen und Stäbchenzellen. e und f bipolare Zellen. g, h, i, j, k Ganglienzellen des Sehnerven. H Optikusfasern. t Müllersche Stützfasern. s zentrifugale Nervenfasern.
Nach Ebbinghaus, Grundzüge der Psychologie I 3. Aufl. Seite 187. Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co.
Die Duplizitätstheorie erhielt eine eigenartige Bestätigung in der Entdeckung des Sehpurpurs. Diese Substanz findet sich nur bei den Stäbchen. Vom Licht bestrahlt, zersetzt sie sich augenblicklich und bildet sich aufs neue, wenn dem Auge das helle Licht entzogen wird. Es ließ sich nun nachweisen, daß die Unterscheidungsfähigkeit des Dunkelauges in genau dem gleichen Maße wächst, wie sich der Sehpurpur mit der Dauer des Aufenthaltes im Dunkeln vermehrt. Nimmt man nun an, die Zersetzung des Sehpurpurs rufe direkt oder indirekt die Weißempfindung hervor, so werden die Adaptationserscheinungen leicht verständlich. Beim Eintritt in das Dunkel ist noch kein Sehpurpur vorhanden, und da die Zapfen nur auf starke Reize ansprechen, entbehrt man gewissermaßen jedes Organ zum Sehen. Allmählich bildet sich der Sehpurpur; man unterscheidet langsam die Gegenstände im schwach beleuchteten Raum. Tritt man nun ins Helle, so ruft die lebhafte Zersetzung eine intensive Weißempfindung hervor, durch die man wie geblendet und zum Erkennen der Dinge unfähig gemacht ist. Sobald aber der Sehstoff aufgebraucht ist, hört die Blendung auf und der Hellapparat vermittelt die Farbenempfindungen. Die totale Farbenblindheit mit dem Helligkeitsmaximum im Grün erklärt sich nach der Duplizitätstheorie sehr einfach durch das Nichtfunktionieren des Zapfenapparates.
Die Duplizitätstheorie gewann neue Stützen aus der Erforschung des Tierauges. So fand man Nachttiere mit gut entwickeltem Stäbchenapparat und nachtblinde (hemeralope) Tiere, die wie die Hühner wenig Stäbchen besitzen. Allein neben solchen Bestätigungen ergaben sich auch mancherlei Schwierigkeiten. So will man bei den nachtblinden Hühnern (wie auch neuerdings bei der Fovea des menschlichen Auges) das Purkinjesche Phänomen festgestellt haben, und die der Stäbchen entbehrenden Schildkrötenaugen sollen Dunkeladaptation aufweisen.
10. Die Theorien des Farbensehens
Die ältere Young-Helmholtzsche Theorie nimmt im Sehnerven drei Faserarten an, deren Erregung die Rot-, Grün- und Violett- bzw. Blauempfindung vermittelt. Jeder Lichtreiz wirkt auf alle drei Fasern ein, erregt aber je nach seiner Wellenlänge eine der drei Fasern besonders lebhaft. Das langwellige Licht z. B. erregt gleichmäßig Rot-, Grün- und Blaufasern, am stärksten jedoch die Rotfasern, weshalb bei seiner Einwirkung Rot empfunden wird. So erklären sich sehr einfach die Gesetze der Farbenmischung. Um den Farbenkontrast verständlich zu machen, mußte Helmholtz, wie wir sahen, zu einer psychologischen Deutung greifen, die nicht allen Tatsachen gerecht wird. Das negative Nachbild rührt nach dieser Theorie von der Ermüdung her: Hat das Auge eine Zeitlang rot empfunden, so waren zwar alle drei Faserarten tätig, aber die am stärksten erregte Rotfaser wurde auch am meisten ermüdet. Wendet sich das Auge nun auf einen weißlichen Hintergrund, so ist die Grün- und die Violettfaser leistungsfähiger als die Rotfaser, weshalb ein komplementäres Grünblau gesehen wird. Allein von einer solchen Ermüdung kann nach neueren Untersuchungen nicht die Rede sein. Selbst nach zehnstündigem Aufenthalt im Hellen ist das Auge nicht merklich ermüdet. Und doch stellt sich der Kontrast schon nach kurzer Zeit ein.
Am wenigsten leistet die Helmholtzsche Theorie für die Erklärung der Farbenblindheiten. Man kann diese im allgemeinen zurückführen entweder auf eine anormale Absorption: wie beim Normalen eine gelbe Pigmentierung vor der Netzhaut liegt, so beim Anormalen eine andere Färbung, die gewisse Lichtstrahlen absorbiert; oder auf eine eigenartige Änderung der Netzhaut- bzw. der Nervenprozesse; oder auf den Ausfall bestimmter optischer Organe oder Funktionen. Ob eine anormale Pigmentierung vorliegt, wird sich im Einzelfall feststellen lassen. Die große Mehrzahl der Anomalien kann jedoch auf diese Weise nicht erklärt werden. Man hat somit entweder eine Änderung der Funktionsweise oder den Ausfall von Funktionen anzurufen. Vor der ersten Hypothese scheut jedoch ein streng wissenschaftliches Denken zurück, da mit der Einführung unkontrollierbarer neuer Faktoren schier alles erklärt werden kann. Wo immer sich darum eine organische Änderung nicht unmittelbar feststellen läßt, ist jene hypothetische Erklärung zu bevorzugen, welche die Anomalien mit dem Ausfall schon bekannter Faktoren zu deuten vermag. Dazu ist nun die Helmholtzsche Theorie nicht imstande, was hier jedoch im einzelnen nicht nachgewiesen werden kann. (Vgl. Fröbes I, S. 87.) Ebensowenig vermag sie die Frage zu beantworten, warum die Farbenempfindungen stets paarweise einander zugeordnet sind.
Gerade von der paarweisen Gegensätzlichkeit der Farbenempfindungen nimmt die Heringsche Theorie ihren Ausgang. Sie fordert drei Sehsubstanzen: eine Weiß-Schwarz-, eine Rot-Grün- und eine Blau-Gelbsubstanz. Reize, die auf diese Substanzen dissimilierend einwirken, verursachen die Weiß-, die Rot- und die Blauempfindung; assimilierend wirksame Reize hingegen rufen die Grün- und Gelbempfindung hervor. Auf die Weiß-Schwarzsubstanz wirken die äußeren Reize jedoch nur dissimilierend ein. Schwarz wird nur auf innere Reize hin empfunden. Jedes farbige Licht besitzt auch eine Weißvalenz. Beachtet man nun, daß die entgegengesetzten Prozesse der Dissimilation und Assimilation die Tendenz haben, nach Aufhören der Reize ineinander umzuschlagen, wie wir das schon an dem Bild des Manometers veranschaulicht haben, so ergibt sich eine befriedigende Deutung der wichtigsten Tatsachen. So versteht man leicht die Farbenmischung, das Bestehen von Komplementärfarben, deren Mischung Weiß als Restphänomen bestehen läßt, sowie die Wendepunkte in der Qualitätenreihe der Farben. Ebenso begreift sich, daß an der Peripherie der Netzhaut die Gegenfarben gleichzeitig verschwinden und bei der Intensitätssteigerung des äußeren farbigen Reizes auch paarweise in Weiß übergehen. Wird eine der Sehsubstanzen fortdauernd dissimiliert, so wird schließlich das dissimilierbare Material erschöpft, die betreffende Farbenempfindung verblaßt und nähert sich dem Grau (Lokaladaptation). Hört nun der äußere Reiz auf, so setzt von selbst der umgekehrte Prozeß ein, weshalb das negative Nachbild auftritt. Da aber durch die Dissimilation der Assimilationsstoff auch in der Nachbarschaft der erregten Netzhautstelle angehäuft wird und jede Anhäufung des Assimilationsmaterials den Assimilationsprozeß zur Folge hat — Entsprechendes gilt von der Dissimilation —, so beginnt alsbald neben jeder gereizten Netzhautstelle der entgegengesetzte Prozeß, und wir erleben den Simultankontrast. Die Farbenblindheiten erklären sich nach dieser Theorie im großen und ganzen als Ausfallserscheinungen. Für gewisse Anomalien versagt indes die Heringsche Theorie. G. E. Müller hat sie darum weiter ausgebaut, indem er außer antagonistischen Netzhautprozessen noch innere Nervenerregungen mit verschiedenen Valenzen annahm. (Vgl. Fröbes I, 61 ff. u. 81 ff.)
Literatur
E. Hering, Grundzüge der Lehre vom Lichtsinne. Handbuch der ges. Augenheilkunde. 1905/13.
F. W. Fröhlich, Grundzüge einer Lehre vom Licht- und Farbensinn. 1921.
B. Die Gehörempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen
Als wesentlich anderer Bewußtseinsinhalt steht übergangslos neben den Farben das Reich der Schallwahrnehmungen. Wollen wir in ihm bis zu den Empfindungen mit der Analyse vordringen, so scheidet sich die Menge dieser Eindrücke leicht in zwei große Gruppen, in Klänge und Geräusche, die schon das vorwissenschaftliche Denken als musikalische und unmusikalische Eindrücke auseinanderhält. In der Analyse der Geräusche ist man noch nicht weit fortgeschritten. Man unterscheidet Momentan- und Dauergeräusche, schreibt ihnen die Eigenschaften der Stärke und Höhe zu, ist aber noch nicht imstande, endgültig zu entscheiden, ob das Geräusch stets ein zusammengesetzter Eindruck ist, oder ob es Geräuschempfindungen gibt, und ob im ersteren Falle die Geräusche auf Töne zurückführbar sind. Man kann allerdings durch Häufung kurz dauernder Töne ein Geräusch erzeugen. Allein damit wird die Frage nicht entschieden, da die Verbindung solcher Empfindungen bzw. ihrer Reize möglicherweise einen ganz neuen und andersartigen Bewußtseinsinhalt bedingt. Eine Lösung dieser Frage kann nur durch den unmittelbaren Vergleich des Geräuscheindruckes mit den Tonwahrnehmungen angestrebt werden.
Bei den Klängen glaubt man jedoch sehr bald auf wahre Empfindungen zu stoßen, an denen sich nur noch die bekannten Eigenschaften der Höhe, der Stärke und der Klangfarbe beobachten ließen. Sieht man aber genauer zu, so findet man, daß die Verschiedenheit des a der Violine von dem a der Trompete, abgesehen von den Streich- und Blasegeräuschen, auch darauf beruht, daß sich mit dem a der Violine andere Teiltöne verbinden als mit dem der Trompete. Gelingt es, durch künstlich herbeigeführte Interferenzwirkungen diese Teiltöne auszuscheiden, so verschwindet auch die Klangfarbe als eine Empfindungseigenschaft, und es bleiben nur die beiden andern übrig. Davon ist die Tonstärke leicht erfaßbar: das gleiche a einer Stimmgabel kann stärker und weniger stark ertönen. Die verschiedenen Stärkegrade sind in einer eindimensionalen Geraden adäquat darstellbar. Sehr viele Probleme birgt indes die zweite Eigenschaft der Tonhöhe, die noch keineswegs befriedigend zu lösen sind.
Vorab ist die Bezeichnung Tonhöhe für die rein psychologische Betrachtung hinderlich. Wir verbinden mit dem Wort „Höhe“ in der Regel den Begriff eines Maßes oder eines Vergleiches, Bewußtseinsinhalte, die, wie später zu zeigen ist, in den Bereich der Gedanken, nicht der Empfindungen gehören. Die Empfindung als solche liefert uns nur eine eigenartige Tonqualität, und wenn mehrere Töne nacheinander geboten werden, eine Anzahl in sich verschiedener Tonqualitäten. Von einem oben und unten, hoch und niedrig enthält die reine Empfindung nichts. Es fragt sich nun, ist diese Tonqualität ein Letztes, Einheitliches? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir die mannigfachen uns bekannten Töne nebeneinander halten. Da stoßen wir auf die mißliche Tatsache, daß die Sprache für das Reich der Töne keine Benennungen geschaffen hat außer allgemeinen, wenig zweckdienlichen wie „hoch“ und „niedrig“. Die Musik, nicht die Psychologie, hat sich zu helfen gesucht, indem sie aus der unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Töne gewisse herausgriff und mit willkürlichen Namen a, b, c usw. belegte. Böte man nun einem normal hörenden, aber jede musikalische Erfahrung entbehrenden Menschen eine größere Anzahl solcher Töne in bunter Reihenfolge und ließe ihn eine Qualitätenreihe herstellen, wobei er die Töne, ähnlich wie zuvor die Farben, nach ihrer qualitativen Zusammengehörigkeit zu gruppieren hätte, so könnten wir wohl zwei Tatsachen feststellen: als zusammengehörig würden einmal jene Töne bezeichnet, wie sie auch von der Musik innerhalb der Tonleiter aneinander gereiht werden; zweitens verriete sich die Neigung, Töne als nächst ähnlich paarweise zusammenzufassen oder gar miteinander zu verwechseln, die in der Musik als Oktaven oder Quinten bekannt sind. Es ergibt sich somit die merkwürdige Erscheinung, daß derselbe Ton c′ sich von c in einer Hinsicht weiter entfernt hat als etwa a, in anderer Hinsicht dem Grundton c näher liegt als a. Es muß also die Tonqualität eine doppelte Seite aufweisen: eine, die sich gleichmäßig fortschreitend ändert, und eine, die nach dem Ausgangspunkt zurückstrebt. Eine räumliche Darstellung beider Tendenzen in ihrer Vereinigung böte etwa eine auf einem Zylinder aufgezeichnete Schraubenlinie. Dringlicher indes als eine räumliche Symbolisierung dieser Verhältnisse ist die psychologische Charakterisierung der beiden Seiten der sog. Tonhöhe. Man hat für die geradlinig fortschreitende den Ausdruck Höhe im engeren Sinne oder besser „Helligkeit“, für die periodisch wiederkehrende die Bezeichnung Qualität versucht. W. Köhler machte auf die unverkennbare Ähnlichkeit aufmerksam, welche die verschiedenen Töne mit den Vokalen haben: die tiefen mit u, o, die hohen mit e, i und wollte die Töne allein durch ihre „Vokalität“ charakterisieren. Aber vielleicht ist es richtiger, die Vokale durch die Töne zu charakterisieren; erhalten sie ihren Charakter doch durch bestimmte Töne, die Formanten (Stumpf, Die Struktur der Vokale, 1918). Weil uns jedoch die Vokale geläufiger sind als die reinen Töne, hören wir in diese leichter Vokale hinein, als umgekehrt die Töne aus den Vokalen heraus. Auch ist mit der Vokalität die ganze Eigenart des Tones nicht erfaßt; namentlich die zwischen den Oktaven und Quinten zu dem Grundton bestehende Ähnlichkeit bleibt unberücksichtigt. Wie auf den Vokalcharakter so hat man auch auf den Raumcharakter der Töne hingewiesen: die tieferen Töne haben etwas Breites, Ausgedehntes, die höheren etwas Spitzes an sich.
Obwohl Qualität und Höhe sich verschieden verhalten, in pathologischen Fällen sogar getrennt voneinander auftreten sollen (G. Révész), sind sie doch keine selbständigen Bewußtseinsinhalte und darum auch nicht Empfindungen, sondern nur unselbständige Momente oder Seiten der Tonempfindungen, ebenso wie der Farbenton und die Helligkeit, die eine ungeteilte Farbenempfindung ausmachen. Wenn pathologisch in der Parakusie oder normal in den Regionen der tiefsten und höchsten Töne zwar das Steigen und Fallen noch erkannt wird, die Qualität hingegen unbestimmbar ist, so liegen ähnliche Verhältnisse vor wie bei der Farbenblindheit mit normaler Helligkeitsverteilung: es wird nicht die Helligkeit allein empfunden, sondern verbunden mit einer bestimmten, sich nahezu gleichbleibenden Qualität.
Die Qualitätenreihe der Töne, von der oben die Rede war, enthält eine überaus große Mannigfaltigkeit von unterscheidbaren Einzeltönen. Vergleicht man nun, von einem beliebigen Ton ausgehend, der Reihe nach die aufeinanderfolgenden Töne mit dem Ausgangston, so findet man, daß gewisse Töne so innig mit ihm verschmelzen, daß nur ein geübtes Ohr die Zweiheit der Töne bemerkt, während bei dem Zusammenklingen anderer die Zweiheit sofort hervortritt. Wir nennen nun den Tonabstand, bei dem die innigste Verschmelzung eintritt, der Musiklehre folgend, eine Oktav, den hinsichtlich des Verschmelzungsgrades nächstfolgenden eine Quint, der sich die Quart, die große Terz, die Sext, die Sekunde und die Septim anschließen. Der Zusammenklang der beiden letztgenannten Intervalle ist für uns unlustbetont; wir sprechen von Dissonanzen, während die erstgenannte Intervalle die wohlgefälligen Konsonanzen ergeben.
Wie bei der Besprechung der Konsonanz, so überschreiten wir nochmals das enge Gebiet der eigentlichen Empfindung, indem wir uns der Klangfarbe zuwenden. Doch ist diese zweifache Gebietsüberschreitung hier berechtigt, weil wir durch sie die Tonempfindung selbst näher kennen lernen. Helmholtz wies experimentell nach, daß mit den Tönen, die wir erzeugen, gewisse „Obertöne“ verbunden sind, und zwar gesellt sich für gewöhnlich der nächste Oktavton, die Quint von dieser Oktav, ferner die zweite Oktav usw. hinzu. Es sind immer nur ganz bestimmte Töne, die sich mit dem Grundton vereinigen, aber nicht alle Obertöne sind in jedem Falle vorhanden und nicht alle sind jedesmal in der nämlichen Stärke gegeben. Wegen dieser doppelten Variationsmöglichkeit klingen gleich hohe Töne auf verschiedenen Instrumenten ganz verschieden. Mit Hilfe der Helmholtzschen Resonatoren, metallener Hohlkugeln mit einer Öffnung zum Auffangen und einer kleineren zur Abgabe des Tones in den Gehörgang, lassen sich die Teiltöne aus dem Klangganzen heraushören. So gelangt man zu einer Charakteristik des einfachen Tones gegenüber dem zusammengesetzten Klang. Der einfache Ton ist angenehm, ohne Rauhigkeit, unkräftig, in der Tiefe weich und dumpf, in höheren Lagen hell und spitz. Der menschliche Mund beim Pfeifen und die Flöte der Orgel erzeugen Klänge, die dem einfachen Ton sehr nahestehen. Verbindet sich mit dem Grundton eine Anzahl niederer Obertöne, so ergibt sich ein reicher musikalischer Klang wie bei der offenen Orgelpfeife. Ungeradzahlige Teiltöne machen den Klang hohl und bei größerer Anzahl näselnd. Ist der Grundton zugleich der stärkste, so bezeichnen wir den Klang als voll, andernfalls als leer. Werden endlich die jenseits des sechsten liegenden Obertöne sehr intensiv, so erhalten wir den scharfen, rauhen Klang der Blechmusik.
2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen
Als allgemeiner Reiz für die Entstehung der Schallwahrnehmungen gelten schwingende Luftmassen. Dem einfachen Ton entspricht die einfache Sinusschwingung, und zwar wird die Gesamtqualität des Tones oder die Tonhöhe durch die Zahl der in einer Sekunde erfolgenden Schwingungen und die Intensität des Tones durch die Amplitude bedingt. Für die Intensitätsregel ist allerdings zu beachten, daß sie in dieser einfachen Form nur für Töne gleicher Höhe gilt. Denn die lebendige Kraft, von der die Stärke des Tones abhängt, richtet sich sowohl nach der Amplitude wie nach der Schwingungszahl; je größer diese ist, um so geringer kann jene sein. Darum klingt von zwei Tönen gleicher Amplitude der höhere lauter (Helmholtz), weshalb z. B. eine Piccoloflöte oder ein guter Sopran ein stark besetztes Orchester zu übertönen vermag.
Die Zahl der Luftschwingungen in der Sekunde bestimmt die Höhe des Tones. 435 Doppelschwingungen in der Sekunde ergeben z. B. den Wiener Kammerton a. Die Raschheit der Schwingungen muß nun so groß sein, daß auf eine Sekunde wenigstens 15 Schwingungen kommen, wenn überhaupt ein Ton gehört werden soll (Ellis). Als oberste Schwingungszahl, die auf uns noch den Eindruck eines Tones macht, gibt man 20000 (König) oder 50000 (Edelmann) Schwingungen an. Im Alter rücken diese Grenzen ein wenig zusammen (Zwaardemaker). Wenn nun als untere Grenze 15 Schwingungen für die Sekunde genannt werden, so ist damit nicht gesagt, daß tatsächlich wenigstens 15 Luftstöße unser Ohr treffen müßten, sondern es ist nur ausgesprochen, mit welcher Geschwindigkeit diese Stöße einander zu folgen haben, damit überhaupt ein musikalischer oder doch ein akustischer Eindruck entsteht. Es genügen nach den neueren Untersuchungen in Wirklichkeit schon zwei aufeinanderfolgende Luftstöße zur Erzeugung einer Tonempfindung. Allerdings ist der Charakter dieser Tonempfindung noch nicht völlig bestimmt. Aber schon mit 16 Schwingungen ist der höchste Grad der Bestimmtheit erreicht. Eine ähnliche Feinheit zeigt das Ohr in dem mittleren Gebiet für die Unterschiede der Geschwindigkeit der Luftstöße. Beträgt der Unterschied auch nur eine halbe Schwingung in der Sekunde, so wird der Ton als ein qualitativ anderer erkannt, wenngleich die Bestimmung seiner Höhe unsicher sein kann. Es lassen sich darum in einer mittleren Oktave über 1000 Töne unterscheiden. Bei etwa 40 Schwingungen irrt man allerdings um eine ganze Schwingung und an den oberen Grenzen vollends um Tausende bei der Bestimmung der Tonhöhen.
Höchst beachtenswert sind die Beziehungen, die zwischen den Schwingungszahlen jener Töne bestehen, die wir oben rein psychologisch als mehr oder weniger miteinander verschmelzend, mehr oder weniger konsonant herausgestellt haben. Die Schwingungszahl eines beliebigen Tones verhält sich zu der seiner Oktav, seiner Quint, seiner Quart, großen Terz, kleinen Terz usw. wie 1 : 2, 2 : 3, 3 : 4, 4 : 5, 5 : 6 usf. Ähnlich einfache Verhältnisse finden sich bei den Schwingungszahlen des Grundtones und der Obertöne. Diese verhalten sich der Reihe nach wie 1 : 2 : 3 : 4 : 5 usf. Aus solchen Tatsachen darf man jedoch nicht den Schluß ziehen, unser Ohr fasse diese eigenartigen Zahlenverhältnisse auf, oder ein konsonantes Intervall erscheine uns deshalb wohlgefällig, weil das Verhältnis der Schwingungszahlen ein sehr einfaches sei. In dem Bewußtsein des über die Tonreize nicht unterrichteten Menschen ist nichts vorhanden als der angenehme oder unangenehme Zusammenklang zweier Töne. Dagegen besitzt unser Ohr eine merkwürdige Fähigkeit, die kompliziertesten Luftwellen zu zerlegen. Ertönt eine Stimmgabel, so werden die benachbarten Luftteilchen in Transversalschwingungen versetzt, die sich geometrisch als einfache Sinusschwingungen nach ihren einzelnen Phasen wiedergeben lassen. Erklingt nun gleichzeitig eine zweite Stimmgabel, so erfassen die von ihr ausgehenden Stöße das nämliche Luftteilchen. Auch sie möchten ihm eine Sinusschwingung erteilen. Da es jedoch nunmehr beiden Antrieben folgen muß, so wird seine Bewegung eine sehr eigenartige, und das Kurvenbild der Totalbewegung wird ein recht kompliziertes, das mit der ursprünglichen Sinuskurve kaum noch eine Ähnlichkeit aufweist. Aber wie sich mathematisch jede Kurve in Sinuskurven zerlegen läßt (Fourrier 1822), so wird auch der verwickelte Gesamtreiz im Ohr in seine einfachen Komponenten zerlegt. Und darum verschmelzen zwei gleichzeitig erklingende Töne nicht zu einem Mischton wie zwei Farben zu einer Mischfarbe verschmelzen, sondern jeder Ton bleibt für sich bestehen. Aus demselben Grunde macht es für das Hören keinen Unterschied, ob zwei Töne gleichzeitig oder nacheinander einsetzen, so sehr sich auch die entstehende Gesamtkurve infolge einer Phasenverschiebung verändert.
Man hat den der Tonempfindung bzw. dem musikalischen Eindruck zugehörigen Reiz vielfach als periodische Luftschwingung dem ein Geräusch verursachenden Reiz gegenübergestellt und diesen als unperiodischen gekennzeichnet. Drückt man aber eine Anzahl benachbarter Klaviertasten gleichzeitig nieder, so vernimmt man ein Geräusch, obwohl hier aus der Summe periodischer Teilreize wieder ein periodischer Gesamtreiz entstehen muß. Anderseits hört man beim Ausklingen einer Sirene zweifellos einen musikalischen Klang, und doch folgen sich hier nicht periodische Schwingungen, da die Reize sich beständig ändern. Man wird also den musikalischen Reiz als den einfacheren gegenüber dem sehr komplizierten Geräuschreiz zu betrachten haben, ohne vorerst eine scharfe Grenzlinie ziehen zu können.
Bevor wir nun die Theorie der Gehörempfindungen darstellen können, müssen wir noch zwei Tatsachengruppen besprechen, die über die Einzelempfindung hinausführen, die Schwebungen und die Kombinationstöne. Erklingen zwei benachbarte Töne gleichzeitig, so bemerkt man rhythmische Intensitätsschwankungen: bei sehr nahe zusammenliegenden Tönen ein allmähliches Ab- und Zunehmen der Intensität, bei entfernteren vernimmt man abgegrenzte Stöße oder endlich ein verworrenes Schwirren. Zählt man ab, wieviele Schwebungen auf die Sekunde entfallen, so stellt sich heraus, daß die Zahl der Schwebungen gleich der Differenz der Schwingungszahlen der beiden Töne ist. Je näher also die Töne einander liegen, um so geringer ist die Zahl der Schwebungen. Schwebungen bei hohen und bei niederen Tönen unterscheiden sich durch die größere Rauhigkeit in den oberen Regionen. Merkwürdigerweise ruft auch ein kräftiger Oberton Schwebungen mit dem Grundton hervor, wodurch also ein neues, die Klangfarbe mitbestimmendes Element gegeben ist.
Die Erklärung der Schwebungen möchte man zunächst bei den äußeren Reizen suchen. Vereinigt man zwei wenig voneinander unterschiedene Sinuskurven, so ergibt sich eine neue Kurve, die periodisch ein Maximum und ein Minimum der Amplitude aufweist. Es wird also wirklich die Luftwelle durch Interferenz abwechselnd geschwächt und verstärkt. Allein diesem Deutungsversuch widerspricht die oben mitgeteilte Tatsache, daß das Ohr von der durch Kombination der Schwingungen entstandenen Form der Kurve unabhängig ist, da es aus dieser die ursprünglichen Komponenten herausanalysiert. Somit müssen die Schwebungen im Ohr selbst entstehen. Die Theorie der Gehörempfindungen hat dies verständlich zu machen.
In eigenartiger Weise geht unser Sinnesorgan über die objektiv vorhandenen Reize hinaus und bleibt doch wiederum in streng gesetzmäßiger Beziehung zu den Reizen bei den sogenannten Kombinationstönen. Wird gleichzeitig ein hoher (h) und ein tiefer (t) Ton geboten, so hört man unter Umständen noch einen dritten Ton von der Schwingungszahl h−t, den Differenzton. Außerdem ist ein Ton von der Schwingungszahl h+t vernehmbar, der Summationston. Sorgfältige Beobachtungen ergaben nun, daß sich zwischen dem Ton t und dem tieferen Differenzton h−t ein neuer Differenzton bildet von der Schwingungszahl t−(h−t) = 2t−h. Man nennt ihn den zweiten Differenzton. Wie man sieht, lassen sich nach diesem Prinzip noch eine Reihe anderer Kombinationstöne rein rechnerisch ableiten. Man will sie zum Teil auch beobachtet haben. Von größerer Bedeutung sind indes nur die drei genannten Kombinationstöne. Zu ihrer einwandfreien Feststellung hat namentlich Stumpf eine exakte Methode ausgearbeitet, auf die wegen ihrer vorbildlichen Sorgfalt hier wenigstens aufmerksam gemacht sei. (Stumpf, Beobachtungen über Kombinationstöne ZPs. 55 [1910], S. 1 ff.)
Die Kombinationstöne, von denen hier die Rede ist, lassen sich nicht aus äußeren Reizen erklären, die sich etwa infolge des Zusammenwirkens zweier Schallquellen bilden. Eine derartige Entstehung eines neuen objektiven Reizes ist allerdings möglich, z. B. wenn man zwei Stimmgabeln auf einer gemeinsamen Unterlage befestigt oder wenn im Harmonium zwei Pfeifen von einer gemeinsamen Windlade aus gespeist werden. Die so entstehenden Kombinationstöne verlangen keine weitere psychologische oder physiologische Erklärung. Sie sind daran als objektive Töne zu erkennen, daß sie durch einen Helmholtzschen Resonator verstärkt werden, während der subjektive Kombinationston gleich laut bleibt. Sind aber die Schallquellen sorgfältig getrennt, so kann sich ein neuer äußerer Reiz nicht bilden, es sei denn, man setze besonders empfindliche und geeignete elastische Körper beiden Reizen aus. So fand man, daß auch bei getrennten Schallquellen empfindliche Flammen, Telephonplatten und Membranen nach dem Muster des Trommelfelles mit dem Kombinationston reagieren. Die Vermutung ist darum berechtigt, daß die Kombinationstöne auf die nämliche Weise im Trommelfell entstehen. Wenn man nun auch nach Wegfall des Trommelfelles Kombinationstöne gehört hat, so könnten sie in einer andern Membran des Mittelohres, etwa in dem runden Fenster am Eingang der Schnecke, erzeugt worden sein.
3. Die Theorie der Gehörempfindung
Der äußere Gehörgang wird von dem Trommelfell, einer schräg verlaufenden, trichterförmig nach innen eingezogenen Membran abgeschlossen. Wie physikalische Untersuchungen lehren, sind Membranen dieser Bauart am geeignetsten, die verschiedenartigsten Schwingungen der umgebenden Medien aufzunehmen, ohne zu sehr in Eigenschwingungen zu geraten, wodurch sie zur getreuen Vermittlung der fremden Schwingungen untauglich würden. Innen liegt dem Trommelfell der Hammer an, der einerseits dessen Eigenschwingungen zu dämpfen, anderseits die dem Trommelfell von außen erteilten Schwingungen vermittels der beiden andern Gehörknöchelchen, des Amboß und des Steigbügels, auf die Membran des zum Vorhof führenden ovalen Fensters zu übertragen hat ([Fig. 3]). Das innere Ohr ist mit einer Flüssigkeit erfüllt. Somit erzeugen die Schwingungen am ovalen Fenster Flüssigkeitswellen, die sich durch das ganze innere Ohr und namentlich durch die Schnecke fortpflanzen. Dort teilen sie sich der mit Endolymphe angefüllten häutigen Schnecke mit und erregen deren Grundmembran, auf welcher der Hörnerv endigt. Die Grundmembran enthält etwa 20000 straff gespannte, zur Schneckenspindel radiär verlaufende Fasern, deren Länge nach der Schneckenspitze hin zunimmt.
Fig. 3. Schema des Gehörorgans (nach Nagel). 1. der Hörnerv. 3. Utriculus. 4. ein Bogengang. 5. Sacculus. 10. das knöcherne Labyrinth. 11. das Felsenbein. 12. das ovale, 13. das runde Fenster. 15, 16. der äussere Gehörgang. 17. das Trommelfell. 18–20. Hammer, Amboß, Steigbügel. 21–23. Paukenhöhle und Eustachische Röhre.
Aus Nagel, Handbuch der Physiologie des Menschen III, 2 S. 542. Braunschweig, Vieweg & Sohn.
Nach der Helmholtzschen Theorie soll nun jede dieser Fasern wie die Saiten eines Klaviers auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein: die am Ausgang der Schnecke liegenden kürzeren auf die höheren, die an der Spitze liegenden längeren Fasern auf die tieferen Töne. Bei einer rhythmischen Erregung der Endolymphe würden dann nur jene Fasern in Schwingung geraten, die auf diese Wellenbewegung abgestimmt sind, ähnlich wie beim Hineinsingen in ein Klavier nur die den gesungenen Tönen entsprechenden Saiten mitschwingen. Die Schwingung der Hautfaser reizt den auf ihr endigenden Hörnerven, wodurch schließlich im Gehirn ein der Gehörempfindung entsprechender psychophysischer Prozeß hervorgerufen wird. Diese Ansicht wird durch Tierexperimente bestätigt: Zerstörung der Schneckenspitze verursachte Taubheit für tiefe, Zerstörung der Schneckenbasis Unempfänglichkeit für hohe Töne. Den Haupteinwand gegen die Theorie, so winzige Fäserchen könnten nicht auf die tiefen Töne abgestimmt sein, hat Helmholtz durch mathematische Untersuchungen zurückgewiesen.
Die Resonanztheorie macht nun zunächst die Tonlücken und Toninseln, d. h. den krankhaften Ausfall gewisser Partien der Tonreihe, leicht verständlich. Es versagen da die entsprechenden Teile der Grundmembran. Ferner erklärt die Theorie ganz einfach die Tatsache der Klanganalyse: mag die Gesamtwelle wie immer gestaltet sein, sie kann nur jene Teile des Resonators in Schwingung versetzen, die auch durch ihre Komponenten erregt würden. Helmholtz nahm nun an, jeder Faser der Grundmembran entspreche eine bestimmte Nervenfaser, die stets mit demselben Ton antworte. Anderseits glaubte er, bei jeder Erregung würde nicht nur eine isolierte Faser in Schwingung versetzt, sondern auch die ihr zunächst anliegenden. Diese Annahmen vertragen sich nicht mit der Tatsache, daß wir einfache Töne zu hören imstande sind (Stumpf). Man läßt darum heute die gleiche Nervenfaser innerhalb enger Grenzen mit einer veränderlichen Erregung reagieren. So versteht man auch die Schwebungen. Beim Erklingen zweier benachbarter Töne werden nicht nur zwei vereinzelte Fasern erregt, sondern auch die Nachbargebiete dieser beiden Fasern. Greifen diese nun übereinander, so müssen die mittleren Fasern, die beiden Antrieben unterliegen, der Interferenz zufolge bald ein Maximum, bald ein Minimum der Erregung aufweisen. Die Dauergeräusche sodann würden durch eine gleichzeitige Erregung größerer Strecken der Grundmembran verständlich, wobei ein Tongewirre entstehen müßte, verbunden mit mannigfaltigen Interferenzerscheinungen, die den Charakter des Unruhigen und Rauhen bedingten. Die Momentangeräusche hingegen würden durch Reize erzeugt, die kürzer sind als eine Schwingung und darum keinen Ton hervorrufen.
Die Helmholtzsche Theorie hat sich trotz mancher inneren Schwierigkeiten bis heute zu behaupten vermocht. Als einzige beachtenswerte Rivalin steht ihr heute die geistvolle Theorie von Ewald gegenüber. Ewald läßt durch jeden Reiz die ganze Grundmembran in Schwingung geraten, und zwar so, daß sie in eine Reihe stehender Wellen zerlegt wird. Die verschiedenen Reize erregen sie aber in verschiedener Weise. Somit gehört zu jedem Klang ein ganz charakteristisches Wellenbild. Können sich keine stehenden Wellen bilden, so vernehmen wir ein Geräusch. Ewald konnte zeigen, daß eine von Wasser umgebene Membran nach Art der Grundmembran tatsächlich solche Wellenbilder gibt. Gleichwohl wird diese Theorie von der Helmholtzschen durch die Zahl der erklärbaren Probleme übertroffen. Zuletzt sei noch erwähnt, daß manche Forscher zu der Annahme eines besonderen Organs für die Wahrnehmung der Geräusche neigen.
Literatur
C. Stumpf, Tonpsychologie 1883 u. 1890.
3. Kap. Die niederen Empfindungen
A. Die Geschmacksempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen
Es bereitet keine Schwierigkeit, die Inhalte der Geschmacksempfindung von denen der höheren Sinne, des Gesichtes und des Gehörs, zu sondern. Durch das, was man gemeinhin Geschmack nennt, wird unser Bewußtsein in ganz eigenartiger Weise bereichert. Die Verlegenheit beginnt erst, wenn wir uns bemühen, aus den im Alltagsleben als Geschmäcke benannten Eindrücken die eigentlichen Geschmacksempfindungen herauszulösen. Die Spielarten des Geschmackes der Speisen und Getränke scheinen unbegrenzt zu sein. Schaltet man jedoch den Geruchsinn beim Schmecken aus, so schrumpft ihre Zahl schon beträchtlich zusammen. Bei zugehaltener Nase läßt sich ein Stück Zwiebel von einem Stück Apfel nicht unterscheiden, und auch die Blume des Weines verschwindet. Weiter läßt sich leicht erkennen, daß Wärme und Kälte den einzelnen Geschmackseindruck mitbestimmen, ohne selbst Geschmack zu sein. Auch das Beißende, Prickelnde, Stechende mancher Geschmackserlebnisse verrät sich leicht als Bestand anderer Empfindungen, da wir solche Eindrücke für sich allein, etwa auf unserer Hand, erfahren können, wo wir niemals versucht sind, sie als Geschmäcke zu beurteilen. Nach all diesen Ausscheidungen bleiben heute als allgemein anerkannt nun vier Qualitäten des Geschmackes übrig: süß, sauer, salzig, bitter.
Daß hier noch ungelöste Probleme liegen, kann man sich durch die Frage zum Bewußtsein bringen: Wodurch unterscheidet sich rein inhaltlich die Geschmacksempfindung von den Geruchs- und den verschiedenen Arten der noch zu besprechenden Hautempfindungen? Dabei müssen wir den Gedanken an die aufnehmenden Organe, an die verursachenden Reize und an die körperlichen Begleit- oder Folgeerscheinungen (man denke an die Würgbewegungen bei „ekelhaften“ Geschmäcken) gänzlich beiseite lassen. Allerdings kann die Antwort auf obige Frage nur lauten: Sie unterscheiden sich durch sich selbst. Es erhebt sich aber die weitere Frage: Ist dieser inhaltliche Unterschied so groß, daß wir uns nicht einen Übergang zwischen den Qualitäten vorstellen können? So versteht man auch, wie bis auf die Gegenwart über den Empfindungscharakter von metallisch und alkalisch Zweifel herrschen konnte. Letztere betrachtet man heute nicht mehr als einfache Geschmacksempfindungen.
Die vier Geschmacksqualitäten haben keine Unterarten und stehen unverbunden einander gegenüber. Graphisch wären sie vielleicht durch vier isolierte Punkte darzustellen, von denen jedoch die Repräsentanten von sauer, salzig und bitter näher beieinander liegen.[2] Die Mischung der Geschmäcke vergleicht man mit den Mischungen der Töne: Die beiden Komponenten bestehen nebeneinander fort. Nur die Mischung von süß und salzig soll den Mischgeschmack „fade“ ergeben. Es findet sich auch eine der Umstimmung der Netzhaut vergleichbare Erscheinung: nach Einwirkung von schwacher Natronlauge schmeckt destilliertes Wasser süß.
2. Reize und Organe des Geschmacksinnes
Geschmacksreize sind gelöste Stoffe, Dämpfe und Gase. Jedoch ist es noch ganz unklar, in welchem Zusammenhang die chemische Beschaffenheit eines Stoffes mit seinem Geschmack steht. Vielleicht wird die spätere Forschung verhältnismäßig einfache Beziehungen finden, auf die sich alsdann eine Theorie der Geschmacksempfindung aufbauen läßt. Als sogenannten inadäquaten Reiz bezeichnete man oft den elektrischen Strom, da er an der Anode den Eindruck sauer, an der Kathode den Eindruck bitter oder alkalisch hervorruft. Es scheint indes der elektrische Strom nur mittelbar, durch die elektrolytische Zersetzung des Speichels zum Geschmacksreiz zu werden.
Die Organe des Geschmacksinnes befinden sich beim Erwachsenen auf der Zunge, dem weichen Gaumen, der Rückseite des Gaumensegels und im Schlund. Beim Kinde scheinen noch andere Partien des inneren Mundes für die Aufnahme von Geschmacksreizen befähigt zu sein. Man unterscheidet drei Arten der sogenannten Geschmacksknospen: hinten auf der Zunge die größten und seltenen papillae circumvallatae, die besonders für bitter empfänglich sind; an den seitlichen Rändern die papillae foliatae und vorne die papillae fungiformes, die für süß empfindlich sind. Sauer und salzig soll man besonders an den Rändern und an der Spitze der Zunge empfinden. Zwischen den Geschmacksbechern liegen unempfindliche Stellen. Nach neueren Untersuchungen soll bei Reizung der Nachbarstellen eine ähnliche Ausfüllung der unempfindlichen Partien stattfinden wie auf dem blinden Fleck auf der Netzhaut. (Ponzo. Vgl. Zentralbl. für Psych. II, Nr. 20.)
Literatur
W. Nagel, Der Geschmackssinn, in Nagels Handbuch der Physiologie III, 1905.
B. Die Geruchsempfindungen
Die Geruchsempfindungen mischen sich leicht mit den Meldungen der niederen, d. h. vorwiegend den vegetativen Funktionen dienenden Sinne. So kennt der Sprachgebrauch stechende Gerüche, die in Wahrheit eine Verbindung von Geruch- und Tastempfindungen sind. Pathologische Erfahrungen (Anosmie) lehren beide auseinanderhalten, da der Geruch ausfallen kann, während die stechende oder brennende Empfindung bestehen bleibt. Ebenso redet man von süßlichem und säuerlichem Geruch. Durch künstliche Eingriffe wie durch das experimentum naturae wissen wir jetzt, daß diese Mischempfindungen durch die namentlich auf der hinteren Seite des Gaumensegels ausgelösten Geschmacksempfindungen zustande kommen. Schließt man also die begleitenden Druck-, Stich-, Temperatur- und Geschmacksempfindungen aus, so steht man den reinen Geruchsempfindungen gegenüber, die auch nach dieser Loslösung noch eine unübersehbare Mannigfaltigkeit darstellen.
Es wurden die verschiedensten Versuche unternommen, in die an immer neuen Eindrücken reiche Welt der Gerüche eine beherrschende Ordnung und Einteilung zu bringen. Bis heute hat noch keiner dieser Versuche allgemeine Anerkennung gefunden. Am bekanntesten ist die etwas einseitig nach der Botanik orientierte Einteilung Linnés (1759), die neuerdings Zwaardemaker unter Hinzufügung von zwei weiteren Klassen wieder aufgegriffen hat. Zwaardemaker teilt alle Gerüche in Nahrungs- und Zersetzungsgerüche ein. Zu ersteren gehören vier Klassen: 1. Ätherische Gerüche (Fruchtäther, Wachs, Äther); 2. Aromatische Gerüche (Kampfer, Gewürze); 3. Blumengerüche (Reseda, Vanille); 4. Moschusgerüche (Moschus, Ambra). Fünf weitere Klassen bilden die Zersetzungsgerüche: 1. Lauchgerüche (Knoblauch, asa foetida); 2. Brenzliche Gerüche (Tabak, Teer); 3. Bockgerüche (Käse, Schweiß); 4. Widerliche Gerüche (Wanzen); 5. Ekelhafte Gerüche (Aas, Faeces). — Die neueste Untersuchung (Henning) gelangt zu sechs Grundklassen der Gerüche und ordnet sie einem regelmäßigen trigonalen Prisma ein: würzig, harzig, brenzlich sind die drei Ecken seiner Grundfläche; blumig, fruchtig, faulig die entsprechenden der oberen Schnittfläche. Auf die Kanten und Flächen dieses Geruchskörpers kommen Gerüche zu liegen, die in sich einfache Empfindungen sind, jedoch Ähnlichkeit zu den verschiedenen Nachbarpunkten zeigen. Von diesen unzerlegbaren Übergangsgerüchen sind die analysierbaren Mischgerüche zu unterscheiden, die in dem Geruchsprisma keine Stelle finden. Eine bestätigende Nachprüfung der Henningschen Gruppierung bleibt abzuwarten.
Bei länger anhaltendem Geruchsreiz nimmt die Intensität der Empfindung ab, und die Empfänglichkeit für andere Gerüche wird gleichfalls herabgesetzt, doch ist die Erklärung dieser Tatsache keine einheitliche, sondern teils in der Ermüdung des Endapparates, teils in der Abstumpfung der Aufmerksamkeit zu suchen. Doch steigt die Ermüdung nicht bis zur völligen Unempfindlichkeit für stärkere Gerüche, falls man absieht von einer toxischen Lähmung der Riechschleimhaut, wie sie etwa durch Chloroform herbeigeführt wird. Bei gleichzeitigem Einwirken mehrerer Geruchsreize beobachtet man teils eine Mischung der Komponenten von verschieden hohem Verschmelzungsgrad, teils einen Wettstreit der Teilgerüche, teils eine wechselseitige Aufhebung. Erfolgt letztere wegen der physikalischen Paralysierung der Reize, so bietet sie kein besonderes psychologisches Interesse. Es soll aber auch eine physiologische bzw. psychologische Kompensation der Geruchsempfindungen vorkommen, was indes von Henning entschieden verneint wird.
Als Reize kommen für den Geruchsinn die materiellen Teilchen in Betracht, welche die riechende Substanz aussendet. Ob sie jedoch notwendig in gasförmigem Zustand die Nervenendigung erreichen müssen, der ob diese auch durch Flüssigkeiten unmittelbar erregt werden kann, ist heute noch umstritten. Auch die Beziehungen zwischen der chemischen Konstitution der Riechstoffe und den Gerüchen bildet noch ein offenes Feld der Forschung. Obwohl Vertreter derselben chemischen Familie verschieden, und solche verschiedener Familien ähnlich riechen können, scheint doch die Ähnlichkeit des inneren Aufbaues auch eine Ähnlichkeit des Geruches zu bedingen.
Das Organ des Geruchsinnes ist die braungelbe Riechschleimhaut in der obersten der drei Nasenmuscheln. Ihre Gesamtgröße beträgt nur etwa 5 qcm. Von hier aus führen die Riechnerven direkt durch die Öffnungen des Siebbeins in die Schädelkapsel zu den lobi olfactorii, den Riechkolben. In der Riechschleimhaut münden aber auch Trigeminusfasern, die Vermittler der mit den Gerüchen verbundenen Tastempfindungen. — Zu einer Theorie der Geruchsempfindungen sind kaum erste Ansätze vorhanden. Manche Forscher nehmen an, daß ähnlich wie beim Farbensinn so auch hier entweder verschiedene Fasern oder doch verschiedene Riechsinnsubstanzen für die verschiedenen Klassen von Geruchsempfindungen vorhanden seien. Anders und einfacher denkt sich Henning den Vorgang der Geruchsauslösung. Der eigentliche Geruchsreiz besteht in der Aufspaltung des Riechstoffmoleküls an der Oberfläche der Riechzelle. Nun entspricht den sechs Grundgerüchen je eine besondere Art der molekularen Bindung der Riechstoffe. Somit ergeben sich auch sechs verschiedene Arten der Spaltungen oder sechs verschiedene Arten der Reizung ein und derselben Nervenfaser.
Literatur
H. Henning, Der Geruch. 1916.
C. Die Temperaturempfindungen
Kälte- und Wärmeeindrücke sind uns im allgemeinen ihrem Wesen nach geläufig. Sie heben sich im Bewußtsein leicht von andern Empfindungen wie Geruch, Geschmack, Druck, Schmerz ab. Ob wir nun Kälte und Wärme als zwei gesonderte Empfindungsarten oder als Qualitäten einer Empfindungsklasse ansehen sollen, ist für die rein psychologische Betrachtung, die weder auf den verursachenden Reiz, noch auf dessen einheitliche Messung durch das Thermometer, noch auf die empfänglichen Organe oder die biologische Bedeutung dieser Eindrücke achten darf, nicht leicht zu entscheiden. Sicher stehen beide Empfindungen einander näher als alle anderen Modalitäten der Empfindung. Die Psychologie der Alltagssprache hebt die Intensitätsstufen von warm und kalt hervor (lau, warm, heiß, kühl, kalt, eisig) und weiß namentlich von den Extremen auch Abarten anzugeben, wie „sengend heiß“, „schneidend kalt“. Man erkennt indes sehr leicht, daß solche Unterarten nur durch die Vereinigung von Temperatur- und anderen Eindrücken zustande kommen. Somit gibt es bei warm und kalt nur die eindimensionale Intensitätssteigerung. Ein genaueres Studium der Temperaturempfindungen ist jedoch nur durch gesonderte Reizung einzelner kleiner Hautstellen möglich. Dabei ergibt sich, daß die Kälteempfindung nicht mit kühl, sondern mit kalt schlechthin beginnt. Wird eine größere Fläche dem Kältereiz ausgesetzt, so hat man den Eindruck „naß“, den man auch erfährt, wenn man die Stirne längere Zeit von einem kalten Gegenstand berühren läßt und diesen alsdann entfernt. Sonach scheint der Eindruck „naß“ Kälte ohne Berührung zu besagen, ein Erlebnis, das wir in der Regel nur infolge Einwirkung einer Flüssigkeit haben. Die Vorstellung „naß“ koppelt also für unser Bewußtsein die reine Kälteempfindung mit der Vorstellung des sie bedingenden Reizes zusammen. Sehr intensive Kältereize bewirken eine Mischempfindung von Kälte und Schmerz. Die Steigerung der Wärmeempfindung endigt mit dem Eindruck der Hitze. Diese kann man jedoch nicht als eine Verbindung von Wärme- und Schmerzempfindung auffassen; denn bei einer Temperatur von 36° redet man zwar von Hitze, nicht aber von Schmerz. Wie namentlich die Untersuchungen von Alrutz lehren, ist die Hitzeempfindung eine Verschmelzung der Kalt- und Warmempfindung. Zum genaueren Verständnis müssen wir die Organe der Temperaturempfindungen berücksichtigen.
Betastet man mit einem Bleistift der Reihe nach verschiedene Hautstellen, so beobachtet man an gewissen Punkten ein augenblickliches Aufblitzen der Kälteempfindung. Man ist auf einen „Kältepunkt“ gestoßen. Untersucht man auf die gleiche Weise mit einem gleichmäßig warm gehaltenen Metallstift, so entdeckt man andere Punkte, wo die Wärme besonders verspürt wird; wenn auch die Wärmeempfindung nicht so jäh ansteigt wie die Kälteempfindung. Es gibt somit besondere Nerven zur Vermittlung der beiden Temperaturempfindungen. Ihre Aufnahmeorgane liegen voneinander getrennt, und zwar kommen auf einen Quadratzentimeter der Haut durchschnittlich 12–13 Kälte- und nur 1–2 Wärmepunkte. Die Kältepunkte liegen der Hautoberfläche näher als die Wärmepunkte, was ebenso wie ihre größere Zahl der Erhaltung des Organismus dient, dem die Kälte nachteiliger werden kann als die Wärme. Läßt man nun auf einen Kältepunkt einen Wärmereiz von 35° einwirken, so empfindet man nicht Wärme, sondern Kälte, die „paradoxe Kälteempfindung“. Eine paradoxe Wärmeempfindung zu erzeugen, erscheint zwar als grundsätzlich möglich, läßt sich aber wegen der tiefen Lage der Wärmepunkte nicht gut verwirklichen. Aus diesen Tatsachen erklärt sich dann leicht, wie bei Einwirkung eines ausgedehnten Wärmereizes höherer Temperatur die Hitzeempfindung als eine Verschmelzung der beiden andern auftreten kann.
Als die normalen Reize des Temperatursinnes bezeichnet man die objektiven Temperaturunterschiede. In der Gegend von 28–29° liegt eine Indifferenzzone, bei der weder kalt noch warm empfunden wird. Sie schwankt übrigens je nach der Ausbildung der Endorgane an der einzelnen Körperstelle und der augenblicklichen Adaptation an eine Temperatur. Der Indifferenzpunkt der Haut steigt nämlich oder sinkt, wenn auf dieselbe Stelle längere Zeit eine höhere oder niedere Temperatur eingewirkt hat. Hält man darum die eine Hand etwa eine Minute lang in kühles, die andere gleichzeitig in warmes Wasser und taucht alsdann beide in Wasser mittlerer Temperatur, so empfindet man an der ersten Wärme, an der andern Kälte. — Die Theorie der Temperaturempfindungen ist noch wenig geklärt. Die Ansichten von Weber und Hering kombinierend könnte man etwa sagen: der Wärmeapparat reagiert nur auf Reize über, der Kälteapparat nur auf Reize unter dem Indifferenzpunkt. Zunächst wird nur das Steigen und Sinken der Temperatur gemeldet (Weber). Aber auch die absolute (stationäre) Temperatur wird wahrgenommen (Hering), bis sich der Indifferenzpunkt der Haut dem einwirkenden Reiz angeglichen hat. Allerdings bleibt auch so noch ungeklärt, daß wir stundenlang Kälte oder Hitze in einem Körperglied empfinden können. Die weitere Annahme Herings, daß die Kälteempfindung auf assimilative, die Wärmeempfindung auf dissimilative Vorgänge zurückführbar seien, ist nach der Entdeckung der getrennten Sinnesorgane für beide Empfindungen nicht mehr haltbar.
Literatur
T. Thunberg, Physiologie der Druck-, Temperatur- und Schmerzempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III, 1905.
D. Die Druckempfindung
Die Druckempfindung scheint von einer einzigen Qualität zu sein. In ihrem schwächsten Grade nennen wir sie Berührung. Auf einem einzelnen Punkt der Körperhaut hervorgerufen, scheint sie doch immer eine gewisse flächenhafte Ausdehnung zu besitzen und hat bei zunehmender Intensität etwas Körniges an sich, als werde ein Sandkorn in die Haut gedrückt. Reine Druckempfindungen sind selten zu beobachten. Spitz-stumpf, rauh-glatt, hart-weich sind zusammengesetzte Eindrücke, die überdies von uns den Gegenständen selbst beigelegt werden. Sehr umstritten ist die Frage, welcher Empfindungsklasse der Kitzel und das Jucken angehören. Die meisten Forscher neigen dahin, ersteren zu den Druck-, letzteres zu den Schmerzempfindungen zu rechnen.
Geringere Druckempfindungen dauern nicht lange an, auch wenn der äußere Reiz fortwirkt. So gewöhnen wir uns rasch an den Druck der Kleider, der Brille u. ä. Stärkere Empfindungen werden jedoch längere Zeit erlebt. Merkwürdigerweise können diese den äußeren Reiz überdauern.
Als adäquater Reiz gilt der mechanische Druck oder richtiger das durch Deformation der Haut bewirkte Druckgefälle. Je stärker dieses ist, je rascher der Druckreiz einwirkt und je größer die von ihm betroffene Stelle ist, um so stärker ist die Druckempfindung. Wird jedoch die dem Druckreiz ausgesetzte Fläche zu groß, so tritt die Empfindung nicht auf, weil keine Deformation der Haut entsteht. Darum empfinden wir im Bad den Wasserdruck nicht, es sei denn an der Stelle der Haut, wo diese gleichzeitig mit der Luft in Berührung tritt. Auf die Deformation der Haut infolge der anhaltenden Verschiebung der Gewebeflüssigkeit ist wohl auch das Druckbild zurückzuführen, wie man es z. B. nach Abnahme des festeingepreßten Hutes noch eine Zeitlang haben kann.
Als Organe des Drucksinnes lassen sich zurzeit die jeden Haarbalg wie ein Korbgeflecht umgebenden Nerven und an den unbehaarten Stellen die Meißnerschen Tastkörperchen nennen. Letztere findet man, wenn man mit abgestumpften Pferdehaaren die Hautfläche abtastet.
Literatur
M. v. Frey, Neuere Untersuchungen über die Sinnesleistungen der menschlichen Haut. FPs. II S. 201 ff. 1914.
E. Die Schmerzempfindung
Zur Aufstellung eigener Schmerzempfindungen reicht die einfache Selbstbeobachtung nicht hin. Sie führte im Gegenteil zu der Annahme, der Schmerz sei keine Empfindung, sondern ein Unlustgefühl, das sich bei den höhere Intensitätsstufen aller Empfindungen einstelle. Die Pathologie machte uns nun mit Fällen von Analgesie ohne Anästhesie bekannt, wo der Druckreiz zwar verspürt wurde, aber auch bei großer Stärke nicht schmerzte. Anderseits entdeckte die Physiologie eigene Schmerzorgane, die mit den Druck-, Kälte- und Wärmepunkten nicht identisch sind. Betastet man mit einer Nadel oder einem zugespitzten Pferdehaar die mit Seife gewaschene und feucht gehaltene Haut, so empfindet man leichte Stiche, die sich qualitativ nicht von schmerzenden Stichen unterscheiden. In diesem Fall kann also der Schmerz nicht von einer zu heftigen Empfindung oder einer Zerstörung der Organe herrühren. Anderseits bleibt er aus, wenn man mit einer Nadel selbst tiefer in Temperaturpunkte einsticht.
Durch die Reizung der Schmerzpunkte ist man also in der Lage, die Schmerzempfindung zu beobachten. Ebbinghaus charakterisiert sie als Stichempfindung, die langsam anschwillt und langsam abklingt. Als eigentliche Schmerzqualitäten nennt man allgemein den stechenden und den dumpfen Schmerz. Den ersteren erlebt man bei oberflächlichen Reizen, von dem letzteren kann man sich ein Bild machen, wenn man eine in die Höhe gezogene Hautfalte zusammenkneift. Becher will am sensiblen Dentin eine von den genannten deutlich verschiedene Schmerzqualität beobachtet haben. Die sonst oft erwähnten Arten des Schmerzes: der stechende, brennende, schneidende Schmerz sind Verbindungen verschiedenartiger Empfindungen. Der Schmerzempfindung ist es eigentümlich, daß sie schon bei geringer Heftigkeit unlustvoll ist. Dennoch ist die Unlust weder stets noch immer eindeutig mit ihr verbunden. Leichte Stichempfindungen können indifferent oder auch lustbetont sein, während anderseits die nämliche stärkere Schmerzempfindung bald höhere, bald niedere Unlust mit sich bringt, je nachdem man das Steigen oder Abnehmen des Schmerzes erwartet (Becher).
Schmerzerregend können bekanntlich die verschiedensten Reize wirken: mechanische, thermische, elektrische und chemische. Die schmerzempfindlichen Punkte scheinen alle andern Hautsinnespunkte an Zahl zu übertreffen. Ist so für den Schutz des Organismus gesorgt, so verhindert die größere Latenzzeit, daß wir durch zu häufige Schmerzempfindungen belästigt werden. Von den Hautsinnen wird nämlich bei gleichzeitiger Reizung zuerst Druck, dann Kälte, dann Wärme und erst an letzter Stelle Schmerz empfunden.
Literatur
T. Thunberg, Physiologie der Druck-, Temperatur- und Schmerzempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III, 1905.
F. Die Organempfindungen
Bislang war es immer möglich, die besprochenen Empfindungen im Bewußtsein auffindbar zu machen und bis zu einem gewissen Grade zu isolieren. Das wird bei den sog. Organempfindungen seine beträchtlichen Schwierigkeiten haben. Auch schwebte demjenigen, der den Namen „Organempfindungen“ in die Psychologie einführte, keineswegs der streng formulierte Empfindungsbegriff vor, wie wir ihn oben aufstellten. Man versteht vielmehr unter diesem Worte die Gesamtheit der sinnlichen Eindrücke, die uns über den inneren Zustand des Organismus unterrichten: Ermüdung und Frische, Hunger, Durst, Sättigung und Übelkeit, Atemnot und Herzaffektionen, Empfindungen des Genitalsystems u. ä. m. Wie man sieht, hat man es hier mit einem Komplex von Empfindungen zu tun, demgegenüber die Psychologie zwei Aufgaben zu lösen hat: sie muß erstens feststellen, welche Teilempfindungen in die einzelnen Komplexe eingehen; sie muß zweitens untersuchen, ob bei der Analyse der genannten Gesamteindrücke neue Arten der Empfindung zu entdecken sind. Beide Aufgaben sind noch kaum in Angriff genommen. Das ganze Gebiet wird zurzeit noch fast ausschließlich von der Physiologie beherrscht. Daß bei den meisten Organempfindungen Druck, Kitzel, Schmerz und Temperaturempfindungen eine Komponente bilden, ist leicht zu erkennen. Einen von diesen verschiedenen Sinnesinhalt konnte man indes bis heute noch nicht mit Sicherheit aufzeigen.
Ebensowenig wie eine eigenartige Empfindung läßt sich ein besonderes Organ dieser Empfindungen nennen. Erwähnenswert ist vorerst nur die vielumstrittene Frage, ob die inneren Organe überhaupt empfindungsbegabt seien. Manche chirurgische Erfahrungen sprachen dafür, daß z. B. die Organe des Verdauungssystems völlig unempfindlich seien. Die großen Schmerzen bei Darmerkrankungen schienen nur von der umgebenden höchst empfindlichen Bauchwand herzurühren. Es dürften jedoch die inneren Organe nur gegen eine bestimmte Art von äußeren Reizen unempfindlich sein, während sie auf die ihnen entsprechenden inneren Reize im normalen Zustande mit mäßigen Empfindungen, in entzündetem Zustande mit heftigen Schmerzen reagieren.
Literatur
E. Becher, Über die Sensibilität der inneren Organe, ZPs. 49 (1908), 341 ff.
G. Die statischen Empfindungen
War es bei den Organempfindungen wenigstens möglich, auf gewisse Empfindungskomplexe hinzuweisen, so müssen wir hier, um einen Anknüpfungspunkt zu gewinnen, Bewußtseinstatsachen heranziehen, die weit das Gebiet der Empfindungen überschreiten. Wir sind imstande, mit ziemlich großer Genauigkeit auch bei verschlossenen Augen die Lage zu beurteilen, die unser Gesamtkörper im Raume einnimmt. Dieses Urteil gründet sich nicht auf die Druckempfindungen allein, die der Körper je nach der Richtung der Schwerkraft erleidet. Denn einmal kann man die Druckempfindungen möglichst ausschalten, und zum andern zeigt sich, daß bei gewissen Erkrankungen trotz der vorhandenen Druckempfindungen völlige Nichtorientierung herrscht. Zweitens wissen wir auch bei geschlossenen Augen Bescheid über Bewegungen, die der Körper als Ganzes ohne Bewegung seiner Glieder macht, mag sie nun eine geradlinige oder eine Drehbewegung sein. Allerdings muß die bedeutsame Einschränkung hinzugefügt werden, daß wir immer nur die Beschleunigung der Geschwindigkeit und mit dieser auch die Richtung der Bewegung wahrnehmen, während wir bei gleichmäßiger Bewegung ohne derartige Wahrnehmungen bleiben und bei Verlangsamung leicht der Täuschung einer scheinbar entgegengesetzten Bewegung verfallen. Wendet man aber bei gleichförmiger Bewegung den Kopf oder den ganzen Körper, so erkennt man augenblicklich die tatsächlich vorhandene Bewegungsrichtung wieder. All diese Wahrnehmungen von der Lage des Körpers können nun gewiß nicht der Inhalt irgendwelcher Empfindung sein, sondern schließen, wie später darzutun ist, sogar Denkprozesse ein; allein es muß sich mit der Lage oder der Beschleunigung des Körpers wenigstens ein eindeutiger Empfindungskomplex verbinden, auf den sich unser Urteil stützt. Es stellt sich nämlich heraus, daß auch die Tiere sinnliche Anhaltspunkte für die Körperlage besitzen, und anderseits geht der Verlust des Lagebewußtseins parallel mit dem Verlust gewisser nervöser Organe.
Dieser nervöse Apparat befindet sich neben der Gehörschnecke. Er besteht aus drei halbkreisförmigen Kanälen, den Bogengängen, die in drei Ebenen nahezu senkrecht aufeinanderstehen. Diese Kanälchen sind mit Flüssigkeit gefüllt und erweitern sich an ihren Enden zu den sog. Ampullen, von deren Innenwand feine Härchen in die Flüssigkeit der Bogengänge hineinragen. Unmittelbar neben den Bogengängen liegen die beiden Säckchen, das elliptische und das runde, die gleichfalls mit Endolymphe gefüllt sind und in denen feine Kalkplättchen, die sog. Otolithen, auf zarten Härchen ruhen. In diese drei miteinander nicht kommunizierende Räume, in die Bogengänge und die beiden Säckchen, mündet der nervus vestibularis. Schneidet man nun diese Organe bei Tieren heraus, so werden diese gegen ihre Körperlage gleichgültig: die Katze, die zuvor Schaukelbewegungen nicht vertragen konnte, schläft jetzt ruhig in der Schaukel ein. Beseitigt man nur einzelne Bogengänge oder reizt man sie künstlich, so erscheinen Störungen in der Lageauffassung der betreffenden Ebene. In einem sehr hübschen Tierexperiment wies Kreidl die Bedeutung der Otolithen nach: Krebse verlieren manchmal ihre Otolithen und erhalten neue aus dem Material ihrer Umgebung. Kreidl richtete es nun so ein, daß Eisenteilchen an Stelle der Otolithen traten. Brachte er dann einen Magneten von einer Seite her in die Nähe des Tieres, so warf es sich auf die andere Seite, offenbar weil es den Eindruck hatte, in die Richtung des Magneten zu fallen. Wurden die Eisenteilchen jedoch nur außen an den Kopf des Tieres geklebt, so blieb es gleichgültig gegen die Einwirkung des Magneten oder wurde passiv angezogen. Endlich entbehren Taubstumme ohne Labyrinth des Drehschwindels, der sich bei Normalen nach mehreren Drehbewegungen einstellt, wie sie anderseits im Wasser untergetaucht, ihre Körperlage nicht beurteilen können. All diesen Tatsachen sucht man in folgender Auffassung gerecht zu werden.
Beginnt der Kopf eine Bewegung in einer der drei Ebenen der Bogengänge, so bleibt für den Anfang das Labyrinthwasser ein wenig zurück und übt so einen Druck bzw. Zug auf die Härchen in den Ampullen aus. Wird die Bewegung gleichförmig, so muß nach physikalischen Gesetzen dieser Zug aufhören, um wieder einzusetzen, sobald die Bewegung merklich langsamer wird oder plötzlich aufhört. Nimmt man nun an, daß die Verbiegung der Sinneshaare in jeder Ebene eine charakteristische Empfindung oder einen eigenartigen Empfindungskomplex bedingen — die Drehung des Kopfes können sie unmittelbar nicht melden —, so erklären sich leicht die oben aufgezählten Wahrnehmungen der Körperbewegungen. Eine andere Aufgabe haben die Otolithen. Sie drücken bei aufrechter Haltung nach unten. Wird der Körper oder der Kopf für sich schief geneigt, so verbiegen sie die Haare, und diese Verbiegung bleibt, im Gegensatz zu der Biegung der Haare in den Ampullen, solange die schiefe Haltung eingenommen wird. Die Otolithen dürften also die dauernden Lageempfindungen vermitteln.
Es scheint nun ziemlich sicher zu sein, daß die Reizungen des Vestibularnerven mancherlei Reflexbewegungen auslösen, durch die sich die Sinneswesen gegen Lagestörungen schützen können. Aber es ist noch umstritten, ob sie auch Empfindungen hervorrufen. Die meisten Forscher entscheiden sich für letzteres und weisen auf die eigentümlichen Inhalte hin, die man hat, wenn man sich nach längerer Drehung plötzlich ganz ruhig hält und auf die Eindrücke im Kopfe achtet. Gibt man nun das Vorhandensein charakteristischer Eindrücke zu, so fragt es sich weiter, ob diese von den Tastempfindungen verschieden sind oder nur eine besondere Qualität bzw. Verbindung von Tastempfindungen darstellen. Letzteres hält Wundt für wahrscheinlich, während Nagel und andere in ihnen eine neue Empfindungsart erblicken. Wie immer auch diese Frage zu beantworten ist, so ist doch festzuhalten, daß die statischen Empfindungen aus sich weder einen räumlichen Charakter besitzen, noch viel weniger unmittelbar eine Lage, eine Drehung u. ä. zu melden vermögen, da die Inhalte „Lage“ und „Bewegung“ Relationen einschließen, die nur das Denken erfassen kann.
Literatur
A. Kreidl, Die Funktion des Vestibularorgans, Ergebnisse der Physiologie V (1906), 572.
H. Die kinästhetischen Empfindungen
Die Bezeichnung „kinästhetische Empfindungen“ ist ein Sammelname für jene Sinnesangaben, die uns von der Lage und der Bewegung der verschiedenen Körperteile zueinander Kunde geben. Im engeren Sinne schließt er die Gesichtsempfindungen aus und läßt es dahingestellt, ob neben den schon bekannten Hautempfindungen eine neue Art von Sinneseindrücken besonderen Anspruch auf diesen Namen erheben kann. Die Aufstellung einer neuen Empfindungsklasse begegnet hier noch größeren Schwierigkeiten als bei den statischen Empfindungen. Denn hier ist es weder möglich auf bestimmte Bewußtseinserscheinungen noch auf ein bestimmtes Organ hinzuweisen. Wir müssen darum von gewissen Leistungen der Seele ausgehen und prüfen, ob sich diese mit dem bisher gefundenen Empfindungsmaterial verständlich machen lassen.
Wir Erwachsene sind imstande, die Lage der verschiedenen Körperglieder zueinander auch ohne die Hilfe des Gesichtssinnes ziemlich genau zu beurteilen. Daß dies nichts Selbstverständliches ist, offenbaren uns Krankheitsfälle, wo der Patient bei geschlossenen Augen zwar seinen Arm bewegen, aber nichts über dessen Haltung aussagen kann und ihn in den unbequemsten Lagen beläßt, die ein anderer ihm gibt. Wir wissen sodann von den aktiven und passiven Bewegungen unserer Glieder, und zwar ist dieses Wissen ein recht genaues. Der an Ataxie Leidende hingegen scheint gerade die feinere Kenntnis seiner Gliedbewegungen zu entbehren; denn alle seine Bewegungen sind unvollkommen und schleudernd. Weiter verspüren wir den Widerstand elastischer und fester Gegenstände, ein Erlebnis, das nicht allein durch die Druckempfindungen der Haut zu erklären ist, da es auch bei Unempfindlichmachung der Haut bestehen bleibt. Daß der Hautsinn hier nicht in Frage kommt, zeigt auch die von Goldscheider beschriebene paradoxe Widerstandsempfindung. „Hält man an einem Faden ein nicht zu leichtes Gewicht und macht damit eine schnelle Abwärtsbewegung, so hat man im Augenblick des Auftreffens des Gewichtes auf den Boden die Empfindung eines Widerstandes ... Es ist, als ob man mit einem Stock aufstieße. Setzt man die Abwärtsbewegung weiter fort, so hat man die Empfindung, als ob man eine Federkraft zu überwinden habe.“ (Fröbes I, 155.) Endlich schätzen wir die Gewichte der von uns gehobenen Körper und die von uns zum Ziehen oder Drücken verwendete Kraft, weshalb man von Schwere-, Spannungs- und Kraftempfindungen redet. Es fragt sich nun, welchen Sinnesdaten sind alle diese Leistungen zu verdanken?
Zweifellos tragen die Hautempfindungen einen Teil zu den genannten Kenntnissen bei. Dennoch kann man sie nicht an erster Stelle dafür verantwortlich machen, wie es die ältesten Erklärungen wollten, da bei künstlicher oder krankhafter Ausschaltung der Hautsinne die kinästhetischen Wahrnehmungen nicht wesentlich beeinträchtigt werden. — Spätere Forscher, wie Bell und E. H. Weber, sahen in den sensorischen Muskelnerven die Quelle des hier zu erklärenden Wissens: Entsprechend der verschieden starken Muskelspannung treten verschiedene Spannungsempfindungen auf und liefern so einen Anhaltspunkt zur Beurteilung der Gliedlage. Dagegen sprachen indes Fälle von Muskeldegeneration, in denen gleichwohl die Lage der Glieder und der Unterschied von Gewichten angegeben werden konnte. Zudem hängt ja auch die Lage eines Gliedes nicht eindeutig von der Kontraktion des Muskels ab: bei einer passiven Bewegung werden die Muskeln überhaupt nicht kontrahiert, und dieselbe Lage eines Gliedes kann bei großer wie bei geringer Muskelspannung eingehalten werden. — Ein dritter Erklärungsversuch führte die Innervationsempfindungen ein: es soll uns der motorische Impuls bewußt werden, den wir den Muskeln erteilen. Wird sich ja auch ein Kranker, der sein gelähmtes Bein bewegen will, einer Kraftanstrengung bewußt, obwohl in dem Muskel selbst keinerlei Kontraktion erfolgt. Allein die verspürte Kraftanstrengung kann auf andere, gleichzeitig miterregte Muskeln zurückzuführen sein und verliert somit jede Beweiskraft. Dagegen werden die Innervationsempfindungen unwahrscheinlich, da Kranke vielfach ihre Glieder richtig gebrauchen, sie also richtig innervieren, ohne darum über die Lage und Bewegung ein Wissen zu erlangen. Daß wir von dem Impuls, den wir unseren Bewegungen erteilen, nichts wissen, veranschaulicht eine bekannte Gewichtstäuschung: Hebt man zwei gleich schwere, aber verschieden große Gewichte, indem man auf sie hinblickt, so kann man sich von dem Eindruck nicht freimachen, das kleinste Gewicht sei das schwerste. Wir heben nämlich unwillkürlich das größere Gewicht mit einem größeren Krafteinsatz. Käme uns nun der erteilte Impuls zu Bewußtsein, so könnten wir ihn bei der Gewichtsvergleichung beachten und uns so über die Täuschung hinweghelfen.
Nach Erledigung der Innervationsempfindungen erlangte die Goldscheidersche Theorie nahezu allgemeine Anerkennung: Die Gelenke sollen sehr dicht mit den Vater-Paccinischen Tastkörperchen besetzt sein. Drehen sich nun bei einer Bewegung zwei Gelenkflächen gegeneinander, so werden die Tastkörperchen stets an einer anderen Stelle gedrückt. Jeder Stellung des Gliedes entspricht darum eine eigenartige Reizung der Vater-Paccinischen Körperchen. Somit kann sich diese qualitativ eigenartige Empfindung eindeutig mit dem optischen Bild von der Bewegung des Gliedes verbinden und so allmählich zu einer ausreichenden Kunde von der gegenseitigen Stellung der Glieder werden. So erklärt sich auch leicht die Widerstandsempfindung als ein Gelenkdruck. Zur Deutung der paradoxen Widerstandsempfindung aber ist noch zu beachten, daß der Zug des Gewichtes eine gleichgroße entgegengerichtete Muskelspannung bedingt. Berührt nun das herabgelassene Gewicht den Boden, so hört der Zug auf, während jene Muskelspannung noch andauert, dadurch die Gelenke aneinander preßt und so denselben Eindruck wie ein äußerer Widerstand hervorruft.
Auch diese Theorie, deren positive Beweise man schon bald angegriffen hat, wurde neuerdings stark erschüttert, als es gelang, die freigelegten Gelenkflächen Operierter verschiedenen Reizen auszusetzen. Dabei ergab sich, daß von den Gelenkflächen aus überhaupt keine Empfindungen zu wecken waren. Wenn darum die Gelenk-Organe überhaupt Träger von Bewegungsempfindungen sind, so müssen diese in den die Gelenke umspannenden Gelenkkapseln ausgelöst werden, die allerdings reichlich mit Nerven versehen sind. Die eindeutige Zuordnung bestimmter Empfindungskomplexe dieser Art zu bestimmten Lagen der Glieder wäre vielleicht auch hier möglich. Indes die bestechende Einfachheit der alten Goldscheiderschen Auffassung ist dahin.
So ist also heute die Frage der kinästhetischen Empfindungen noch ungeklärt. Die neuesten Untersuchungen Störrings lassen den Beitrag des Drucksinnes der Haut für feinere Bestimmungen wieder bedeutsamer erscheinen, während die Forschungen v. Freys den Kraftsinn aufs neue zu Ehren bringen. Daß wir wirklich Muskel- oder Sehnenempfindungen haben, die von dem aufgewandten Kraftmaß Kunde geben, beweist ein schlichter Versuch: Hat der steifgehaltene Arm ein aufgesetztes Gewicht zu heben, so erscheint es schwerer, wenn es weiter von dem Drehgelenk entfernt aufgelegt wird, als wenn näher. Hier sind die Gelenkempfindungen die nämlichen, weil der Arm sich in beiden Fällen um gleichviel Grade hebt; die Druckempfindungen, die das aufgesetzte Gewicht auf der Haut hervorruft, können ausgeschaltet werden, und die inneren Spannungsempfindungen, d. h. jene Empfindungen, die der Druck des kontrahierten Muskels von innen auf die Haut auslöst, sind auch jedesmal die gleichen. Verschieden ist nur die aufgewandte Kraft. Vorerst lassen sich somit die kinästhetischen Empfindungen noch nicht ausschließlich oder vorwiegend einem Organ zuschreiben. Alle genannten Organe, die Haut, die Gelenke und die Muskeln, sind in gewissem Grade befähigt, Lage- und Bewegungsempfindungen zu vermitteln.
Über die Qualität dieser Empfindungen, ob sie untereinander gleich und ob unter ihnen ganz neuartige Phänomene sind, läßt sich heute noch nichts ausmachen. Aber auch hier ist zu betonen, daß der Inhalt dieser Empfindungen in sich nichts von einer Lagebestimmung enthalten kann.
Literatur
Ebbinghaus-Bühler, Grundzüge der Psychologie I⁴ § 32. Die Kraft- und Bewegungsempfindungen.
[2] Anders H. Henning, Der Geruch 1916 S. 491 ff., der ein Geschmackstetraeder aufstellt.
4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie
Läßt man einen Wärmereiz auf einen Kältepunkt einwirken, so entsteht, wie wir sahen, eine paradoxe Kälteempfindung. Drückt man die hinter dem Trommelfell herziehende Chorda tympani, die unter anderem Fasern des Geschmacksnerven enthält, so erlebt man eine Geschmacksempfindung. Das gleiche geschieht, wenn man diesen Nerv elektrisch oder chemisch reizt. Der Sehnerv antwortet bei elektrischer, chemischer und mechanischer Reizung mit einer Lichtempfindung. Solche und ähnliche Beobachtungen führten zur Aufstellung des Satzes von den spezifischen Sinnesenergien durch Joh. Müller (1826): Der gleiche Reiz ruft in verschiedenen Sinnen verschiedene Empfindungen hervor, je nach der Natur des Sinnes; verschiedene Reize rufen in dem gleichen Sinne die gleiche Empfindung hervor. Was besagt dieser Satz? Er besagt, daß der Empfindungsinhalt, das Quale der Empfindung, aus dem empfindenden Subjekt stammt. Es wird nicht eine Eigenschaft eines äußeren Gegenstandes gleichsam durch die Sinne nur hindurchgeleitet zur wahrnehmenden Seele, sondern die Seele antwortet in verschiedener Weise auf die einwirkenden Gegenstände, je nach der Sinnespforte, bei der sie anklopfen. Ein psychologisch und erkenntnistheoretisch höchst bedeutsamer Satz.
Man muß sich indes vor einer unberechtigten Verallgemeinerung dieses Satzes hüten. Er besagt nicht, daß unsere Seele oder ihre Sinne völlig gleichgültig seien gegen die einwirkenden Reize, womit einem extremen Subjektivismus Tür und Tor geöffnet wäre. Es sind nämlich nur die einem jeden Sinne entsprechenden, die adäquaten Reize begünstigt. Vor den inadäquaten Reizen sind die meisten Organe schon durch äußere Schutzvorrichtungen für gewöhnlich bewahrt (Ettlinger). Außerdem vermögen die inadäquaten Reize nur unabgestufte, unklare Eindrücke hervorzurufen. Bei den adäquaten Reizen hingegen zeigt sich eine streng gesetzmäßige Zuordnung von Reiz und Empfindung. Einen Beweis dafür boten die Qualitäten des Farbensinnes, die ganz eindeutig an bestimmte Wellenlängen gebunden sind. Andere Belege dafür wird uns die Psychophysik liefern.
Weitere Probleme, die der Müllersche Satz aufwirft, sind von einer endgültigen Antwort noch mehr oder weniger entfernt. So vor allem die Frage, was man sich unter der spezifischen Energie eines Sinnesnerven zu denken habe. Man wird da nicht an eine geheimnisvolle Kraft denken dürfen, die in dem Nerven wohnt, sondern eher an einen eigenartigen physiologischen Zustand, der bewirkt, daß der Nerv, wenn er überhaupt erregt wird, immer nur in eine bestimmte Art der Erregung versetzt werden kann; wie etwa eine Klaviersaite oder ein Resonanzboden, wenn sie durch irgendwelchen Druck oder Stoß überhaupt in eine selbständige Bewegung geraten, immer nur eine bestimmte Form der Erschütterung aufweisen. — Allerdings steht es nicht fest, ob es der periphere Nerv ist, der, wie wir soeben voraussetzten, in eine spezifische Erregung gerät, oder ob diese nur im Gehirn ausgelöst wird, während der Nerv als indifferenter Leiter jeden Reiz zu übermitteln imstande ist. Für die letztere Ansicht werden die Halluzinationen, subjektive Erregungen, die sicher im Gehirn entstehen, geltend gemacht. Aber mit dem Bestand solcher zentraler Erregungen ist noch nichts für die Beschaffenheit der peripheren Nerven entschieden. Für die spezifisch verschiedene Erregbarkeit der Leitungsnerven hingegen bildet ihre mit Sicherheit festzustellende verschiedene Organisation ein beachtenswertes Argument. — Endlich läßt sich die Frage, ob die spezifische Energie den Sinnen angeboren oder erst im Laufe des Lebens erworben sei, nicht lösen. Die Erwerbung der spezifischen Sinnesenergie im Verlauf des Lebens hat die Beobachtung für sich, daß bei Blinden oder Tauben, denen von Geburt an diese Empfindungen abgehen, eine inadäquate Reizung der Nervenstränge keine Licht- oder Schallempfindung bewirken. Es scheint somit, als müsse der adäquate Reiz, der durch das äußere Organ leicht in den Sinnesnerven eintritt, diesen erst in seiner Weise bearbeiten und disponieren, so daß er später auch auf inadäquate Reize nicht mehr anders als in dieser vorgebildeten Art ansprechen kann. Wäre dies der Fall, dann käme den äußeren Reizen eine noch größere Bedeutung zu, als wir ihnen soeben einräumten. Die Reize schüfen sich geradezu die Reaktion. Sodann wäre die von manchen Entwicklungstheoretikern vertretene Hypothese glaubhafter, daß sich nämlich die Vielheit der Sinne aus einem einzigen primitiven Sinne durch beständiges Einwirken der verschiedenen äußeren Reize herausdifferenziert habe. Allein die genannte Beobachtung an Blind- und Taubgeborenen ist kein durchschlagender Beweis, da ein Gehirnzentrum degenerieren kann, wenn es nicht geübt wird.
Literatur
R. Weinmann, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895.
N. Brühl, Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller im Lichte der Tatsachen, 1915.
5. Kap. Die Psychophysik
Zündet man in einem nur von einer elektrischen Lampe dürftig erhellten Saal eine zweite gleichstarke Lampe an, so ist die Beleuchtungssteigerung ganz auffällig. Wird jedoch zu hundert Lampen eine weitere hinzugefügt, so wird niemand die größere Helligkeit zu bemerken imstande sein. Diese auf allen Empfindungsgebieten zu beobachtende Tatsache erlangte eine für die Entwicklung der gesamten Psychologie grundlegende Bedeutung, als der Physiologe E. H. Weber (1846) bei Untersuchung des Hautsinnes fand, daß sie einer bestimmten Gesetzmäßigkeit folgt: Muß man zu einem Druck von der Stärke 100 einen solchen von der Stärke 1 hinzufügen, damit der Unterschied im Druck überhaupt gemerkt wird, so muß bei einem solchen von der Stärke 200 ein Druck von der Stärke 2 hinzukommen, soll nunmehr die Verstärkung des Druckes eben bemerkbar sein. Oder: das Verhältnis von Reizzuwachs, bei dem eben eine Empfindungszunahme eintritt, zum Anfangsreiz ist konstant (¹⁄₁₀₀ = ²⁄₂₀₀). Diese Entdeckung legte für G. Th. Fechner den Gedanken nahe, von hier aus ein brauchbares Maß der Empfindung zu gewinnen. Und es war ein Lieblingstraum von ihm, von diesen vielversprechenden Anfängen aus das ganze psychische Leben mit der mathematischen Formel zu beherrschen. Es sollte in Zukunft nicht mehr von Psychologie, sondern von Psychophysik die Rede sein. Dieser Wunsch hat sich nun freilich nicht erfüllt. Dagegen wurde er die gesegnete Quelle der meisten psychologischen Forschungsmethoden und die Anregung, auch auf andere Gebiete die quantitativen Arbeitsweisen zu übertragen. Diese Methoden verstehen wir jedoch im Folgenden nicht unter Psychophysik.
1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik
Die unmittelbare Aufgabe der Psychophysik besteht in der Ermittlung bestimmter Reizgrößen. Nicht jeder physikalische Reiz löst schon eine Empfindung aus. Erst wenn ein Licht, eine Schallschwingung, ein Gewicht eine gewisse Größe erreicht, empfinden wir etwas. Man nennt diese von dem Reiz zu erreichende Größe die absolute Schwelle der betreffenden Empfindung. Sie ist bei den verschiedenen Sinnen verschieden und innerhalb desselben Sinnes je nach dem Ort der Reizung bzw. nach den erregten Nervenfasern verschieden. Die absolute Schwelle kann als Maß der Empfindlichkeit dienen. Denn je niedriger für einen Sinn bzw. für ein bestimmtes Nervengebiet die Reizschwelle ist, um so größer ist seine Empfindlichkeit.
Eine zweite Aufgabe liegt in der Ermittlung der Unterschiedsschwelle. Wie groß muß der zu einem schon wahrgenommenen Reiz hinzutretende Reizzuwachs sein, damit ein Unterschied in der Empfindung erkennbar werde? Es wäre da zu untersuchen, ob jeder Unterschied der Reize bemerkt wird, ob stets der gleiche Reizzuwachs einen Empfindungsunterschied herbeiführt, wie sich die einzelnen Sinne in dieser Hinsicht verhalten usw. Drittens sind die äquivalenten Reize zu bestimmen. Die zu beantwortende Frage lautet hier: Welche Reize lösen die gleiche Empfindung aus? Erscheint z. B. der Abstand zweier Zirkelspitzen gleich groß, wenn der Tastzirkel an verschiedenen Stellen aufgesetzt wird? Weiter sind die äquivalenten Reizunterschiede zu finden: gegeben sind zwei Paare veränderlicher Reize und man soll erkunden, unter welchen Bedingungen die von je zwei Reizen gebildeten Empfindungsunterschiede einander gleich erscheinen. Endlich die Ermittlung gleichwertig erscheinender Reizverhältnisse: zu drei gegebenen Reizen A, B, a muß der vierte b gefunden werden, so daß A : B = a : b (Bühler).
Die Methoden zur Lösung der vier Hauptaufgaben teilt man nach Ebbinghaus ein in die Methoden der Reizfindung und der Urteilsfindung, d. h. entweder ist die Empfindungsgröße schon bestimmt und es bleibt der Reiz zu suchen, der sie herbeiführt, z. B. gesucht ist der Reiz, der eine ebenmerkliche, übermerkliche, einer andern gleiche Empfindung bewirkt — oder die Reize sind gegeben und das Urteil über sie wird erfragt, z. B. gegeben sind drei Gewichte a, b, c, und es ist zu beurteilen, ob der Schwereunterschied bei den Reizen a−b dem bei den Reizen b−c gleich sei oder nicht. Die allgemeine Methode der Reizfindung teilt sich in die zwei besonderen: die Methode der Herstellung und die Grenzmethode. Bei der ersteren hat der Beobachter den gewünschten Reiz selbst herzustellen. Er verschiebt z. B. auf einer Geraden eine Trennungsmarke, bis sie im Mittelpunkte zu stehen scheint. Bei der Grenzmethode hingegen bietet der Versuchsleiter (Vl) den zu vergleichenden bzw. zu beurteilenden Reiz dar, indem er sich allmählich jener Grenze nähert, bei welcher das festgesetzte Urteil abgegeben wird. Es wird also z. B. gefragt, bei welcher Spitzendistanz des Tastzirkels zwei Punkte wahrgenommen werden. (Vgl. [S. 96].) Der Vl berührt dann die Haut der Vp bei so engem Abstand der Spitzen, daß gewiß nur ein einziger Punkt wahrgenommen werden kann. Allmählich vergrößert er dann den Abstand, bis die Vp den Eindruck von zwei Berührungen hat. Den so gefundenen Abstand bezeichnet man als die untere Raumschwelle. Darauf wird der Tastzirkel von neuem aufgesetzt, und zwar diesmal mit einer Entfernung der Spitzen, die beträchtlich größer ist als die untere Raumschwelle, so daß die Vp notwendig den Zweiheitseindruck gewinnt. Nunmehr wird die Zirkelweite in gleichmäßigen Schritten immer mehr vermindert, bis die Vp wieder das Urteil abgibt: einfache Berührung. Der Abstand, bei welchem dies geschieht, gilt dann als obere Raumschwelle, und das arithmetische Mittel aus unterer und oberer Schwelle wird als die Raumschwelle schlechthin angesehen. — Die Methode der Urteilsfindung ist nur in der sog. Konstanzmethode vertreten. Der Vl bereitet eine größere Anzahl von Reizen vor und wendet sie in planvollem Wechsel an. Er legt sich etwa zehn Zirkelabstände zurecht und setzt in buntem Wechsel bald einen kleinen, bald einen großen Abstand auf und läßt die Vp jedesmal beurteilen, ob eine oder zwei Spitzen empfunden wurden. Dabei kommt jeder Abstand wiederholt vor.
Die Konstanzmethode ist die verlässigste, weil sie die Vp über den Sachverhalt völlig in Unwissenheit hält. Dagegen ist die Berechnung der verschiedenen Empfindungsgrößen bei ihr nicht sehr einfach. Auch verlangt sie eine sehr große Zahl von Einzelversuchen. Bei gewissen Versuchsanordnungen muß jeder Reiz etwa vierzigmal verwendet werden, somit sind bei zehn Reizstufen schon 400 Einzelversuche notwendig. Die beiden andern Methoden hingegen führen mit ungleich weniger Versuchen zum Ziel und erlauben die Berechnung der Empfindungsgrößen durch einfache Mittelziehung (arithmetisches Mittel oder Zentralwert). Dafür aber sind beide kein unwissentliches Verfahren. Die Herstellungsmethode ist naturnotwendig ganz wissentlich, und bei der Grenzmethode merkt die Vp sehr bald, ob die angewandten Reize steigen oder fallen. Zur sicheren Verwendung der psychophysischen Methoden sind nun noch eine Anzahl von Vorsichtsmaßregeln notwendig. Aus der räumlichen und zeitlichen Folge der Reize, sowie aus dem Verhalten der Vp entspringen Fehlerquellen, die unschädlich gemacht werden müssen. Dafür, so wie für die genauere mathematische Behandlung der Ergebnisse sei auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen.
Literatur
G. Th. Fechner, Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860.
G. E. Müller, Die Gesichtspunkte und Tatsachen der psychophysischen Methodik, 1903.
2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz
Nachdem die oben schon angeführte Entdeckung E. H. Webers von Fechner aufgegriffen wurde, der sie auch mit dem Namen Webersches Gesetz versah, wurde ihre Gültigkeit auf allen Sinnesgebieten geprüft. Abgesehen von sehr starken und sehr schwachen Reizen, hat man nun das Webersche Gesetz auf allen Sinnesgebieten mit Ausnahme von Geschmack und Geruch annähernd bestätigt gefunden. Und zwar gilt es im großen und ganzen nicht allein für ebenmerkliche, sondern auch für übermerkliche Empfindungsunterschiede. Diese Gesetzmäßigkeit kommt uns zu statten, wenn die Beleuchtung der Gegenstände schwankt. Obwohl in solchen Fällen die Helligkeit der einzelnen Teile eine ganz andere wird, bleibt der Gegenstand für uns doch gleich gut erkennbar, da es für uns in erster Linie auf die Verhältnisse der Helligkeiten ankommt.
Für das Webersche Gesetz wurde eine dreifache Erklärung versucht. Eine psychophysische von Fechner: das Gesetz beruht auf dem Übergang vom Physischen zum Psychischen. Eine psychologische von Wundt: die Empfindungen entsprechen immer genau den Reizen, aber bei der vergleichenden Beurteilung der Empfindungen tritt die Größenverschiebung ein. Die Fechnersche Theorie muß als unbegründet fallen. Die Wundtsche erklärt nicht, warum die Unterschiedsempfindlichkeit auf verschiedenen Sinnesgebieten verschieden groß ist. Es dürfte also nur die physiologische Deutung übrig bleiben, nach der die stärker beanspruchten Nerven einen höheren Reizzuwachs verlangen, um aufs neue zu reagieren, ähnlich wie eine stärker belastete Wage auch ein größeres Übergewicht braucht, um auszuschlagen. Für diese Auffassung sprechen auch mancherlei Analogien aus Physiologie und Chemie.
Fig. 4. Graphische Darstellung des Fechnerschen Gesetzes.
Nach Titchner, Lehrbuch d. Psychologie Fig. 27, S. 219, Leipzig, J. A. Barth.
Ausgehend von dem Weberschen Gesetz und unter der Voraussetzung, daß die ebenmerklichen Empfindungszuwüchse, in denen eine Empfindung vom Nullpunkt bis zu einem beliebigen Intensitätsgrade ansteigt, einander gleich seien, hat Fechner eine „Maßformel“ abgeleitet, die in ihrer einfachsten Form lautet: s = log r; in Worten: wenn die Empfindungen arithmetisch zunehmen, so steigen die zugehörigen Reize in einer logarithmischen Kurve an. (Fechnersches Gesetz.) ([Fig. 4].) Mit dieser Formel wäre die prinzipielle Möglichkeit geboten, die Empfindung zu messen. Man hat nun sowohl die Gültigkeit der erwähnten Fechnerschen Voraussetzung wie auch die Größennatur und die Meßbarkeit der Empfindungsintensität angezweifelt. Allein die Gleichheit der ebenmerklichen Empfindungszuwüchse ist zum wenigsten eine sehr naheliegende Annahme, und die Empfindungsintensitäten erscheinen dem Unvoreingenommenen als wahre Größen, zwar nicht extensiver, aber doch intensiver Natur. Der Schall des Donners erscheint uns wirklich stärker als der eines umfallenden Ofenschirmes. Ebenso können wir mit Sicherheit zwei Druckempfindungen als gleich oder ungleich beurteilen. Übrigens hat das Fechnersche Gesetz in der weiteren Entwicklung der Psychologie keine größere Bedeutung erlangt. Sein Wert liegt in dem energischen Versuch, Maß und Zahl in die Psychologie einzuführen, ein Ziel, das die Psychologie seither nicht aus dem Auge verloren hat und auch grundsätzlich festhalten muß, will sie eine wahrhaft empirische Wissenschaft bleiben.
Außer der Empfindungsintensität hat man keine andere psychische Größe mehr mit Erfolg zu messen versucht. Die Messung der Willenskraft durch Ach muß als verfehlt gelten. ([S. unten].). Dagegen liefert die Häufigkeit, die Dauer und die Güte eines seelischen Vorganges bzw. der von ihm vollbrachten Leistung Zahlenwerte, die sehr großen Aufschluß versprechen. Die Behandlungsweise solcher Zahlenwerte kann hier nicht dargestellt werden. Nur auf die Korrelationsrechnung sei noch kurz verwiesen. Auch wo sich geistige Leistungen nicht unmittelbar messen lassen, bleibt es doch zumeist möglich, sie nach ihrer Güte in Rangstufen anzuordnen, oder festzustellen, wie oft sich gewisse Merkmale mit anderen verbinden. Die Mathematik hat nun Formeln erarbeitet, mit denen der Grad der Beziehung berechnet werden kann, in der zwei Rangordnungen oder mehrere Merkmale zueinander stehen.
Literatur
R. Pauli, Über psychische Gesetzmäßigkeit. 1920.
W. Betz, Über Korrelation. 3. Beiheft zur ZAngPs. (1911).
ZWEITER ABSCHNITT
Empfindungskomplexe
Faßt man die Empfindungen als die elementaren Bausteine des anschaulichen Erkennens auf, so läßt sich die Frage aufwerfen, wie sich die Verbindung solcher Elemente gestalten werde: Wird sie eine reine Addition von Empfindungen sein, oder werden bei dem Zusammensein von Empfindungen neue Gesetzmäßigkeiten auftreten? Bei der Untersuchung dieser Frage könnte man wie bei der Empfindungslehre immer streng von dem psychisch Gegebenen ausgehen, Empfindungskomplexe aufsuchen und sie erforschen. Statt dieses analytischen Weges, der mancherlei Schwierigkeiten bietet, steht uns aber auch der bequemere synthetische offen. Wir kennen schon die Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung und dürften auch durch die vorausgegangenen Betrachtungen gegen den „stimulus-error“ (Titchener), d. h. gegen die Verwechslung von physikalischem Reiz und psychischem Erlebnis geschützt sein. Man könnte also systematisch durch gleichzeitige Verwendung mehrerer Reize Empfindungskomplexe hervorzurufen bedacht sein. Dabei müßten zwei oder mehr Reize zunächst auf dasselbe Sinnesorgan und dann auf verschiedene Organe einwirken. In manchen Fällen, wo mehrere adäquate Reize nicht allein dasselbe Organ, sondern auch dieselben Nervenfasern erregen, wird wie bei dem Auge nur eine einzige Empfindung entstehen. Diese Fälle gehören nicht hierher und wurden auch schon bei der Empfindungslehre besprochen; alle anderen Fälle sind jedoch hier zu berücksichtigen. Allerdings liegt eine systematische Durchforschung des Gesamtgebietes noch nicht vor. Das wenige über die Verbindung der niederen Sinnesempfindungen, wie der Gerüche und Geschmäcke, wurde schon oben gelegentlich gestreift. Beide Empfindungsarten gehen miteinander auf jeden Fall eine sehr innige Verbindung ein, die der Unkundige nicht leicht zu analysieren vermag. Immerhin scheint es hier bei einer einfachen Addition der Empfindungen zu bleiben. Doch stehen genauere Untersuchungen noch aus. Bei den andern Sinnen hingegen werden durch das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Sinnesreize seelische Gebilde bedingt, die schon immer die Aufmerksamkeit der Psychologen erregten und darum eingehender erforscht sind. Von diesen Empfindungskomplexen sind die aus Tönen bestehenden verhältnismäßig die einfachsten: fehlt doch bei ihnen das räumliche Moment. Mit ihnen soll darum bei der Besprechung der Empfindungskomplexe begonnen werden.
1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen
1. Die Tatsache der Tonverschmelzung
Läßt man gleichzeitig zwei oder mehrere Töne erklingen, so verschmelzen gewisse Töne oder Tongruppen so innig miteinander, daß ein neues einheitliches Tongebilde aus ihnen entstanden zu sein scheint, ähnlich wie aus der Vereinigung mehrerer Farbenreize eine neue Empfindung, die Mischfarbe, entsteht. Diese neue Empfindung scheint eine eigene Qualität, Intensität, ja sogar eine eigene Tonhöhe zu haben. Indes sind doch nur musikalisch weniger begabte Psychologen, wie Fechner, für den Empfindungscharakter solcher Tonverbindungen eingetreten. Für Musiker und musikalisch hochbefähigte Forscher, wie Helmholtz und Stumpf, steht es außer Frage, daß auch in diesen Verschmelzungen eine Mehrheit von Empfindungen vorliegt. Anders als bei der einheitlichen Mischfarbe lassen sich hier die Teilempfindungen herausanalysieren, und zwar nicht nur infolge der Bekanntschaft mit den Tonverbindungen; denn ein geübter Musiker vermag auch aus den fremdartigen Klängen eines ihm unbekannten Instrumentes die Teiltöne herauszuhören.
Allein trotz der inhaltlichen Mehrheit läßt sich eine gewisse Einheit und Bindung des Tonkomplexes nicht bestreiten, auch dann, wenn er sich nicht aus den am stärksten verschmelzenden Tönen zusammensetzt. Solange ein solcher Tonkomplex nicht analysiert wird, legt man ihm als Ganzem unwillkürlich bestimmte Eigenschaften bei. Schärferes Zusehen führt jedoch zu mehrfachen Berichtigungen. Nach den besten Beurteilern kommt der Tonverbindung keine eigene Intensität zu; auf jeden Fall ist der Mehrklang nicht stärker als der Teilton, wohl aber voller und reicher. Die Höhe, die das Tonganze zu haben scheint, richtet sich nach dem tiefsten Teiltone. Erklingen Grundton und Oktav zusammen und bleibt dann der Oktavton aus, so hat man nicht den Eindruck, als ob sich die Höhe des Zweiklanges verändert habe; umgekehrt erlebt man aber einen überraschenden Aufstieg, wenn der Grundton wegfällt. Folgen zwei Akkorde aufeinander, so wird der Höhenschritt der Akkorde nach dem Schritt jener Stimme beurteilt, die am meisten steigt. Diese Tatsachen, sowie der Umstand, daß man gewisse Eigenschaften hoher Obertöne, wie das Schrille, Dissonante u. ä. auf den ganzen Klang überträgt, beweisen, daß wir es hier nicht mit Eigenschaften zu tun haben, die dem Empfindungskomplex als solchem zukommen, sondern daß Auffassungs- und Beurteilungsphänomene vorliegen, deren Verständnis erst später erschlossen werden kann.
2. Gesetze der Tonverschmelzung
Nicht alle Tonpaare verschmelzen gleich innig, d. h. nicht alle nähern sich gleichviel dem Einklang. Unter Verschmelzung verstehen wir nämlich mit Stumpf die Annäherung an den Einklang. Gewisse Tonpaare unterscheidet auch ein musikalisch normales Ohr nicht ohne weiteres vom Einklang, während andere auch von Unmusikalischen sofort als Zweiklang gehört werden. Die genauere Untersuchung ergibt folgende Gesetze der Tonverschmelzung. Sie hängt zunächst von der Höhe der beiden Töne ab. Nach der Innigkeit der Verschmelzung scheinen fünf Stufen zu bestehen: Oktav, Quint, Quart, Terzen und Sexten, endlich alle übrigen Intervalle, die untereinander keinen Unterschied des Verschmelzungsgrades aufweisen. Die Verschmelzungserscheinung ist sodann in allen Tonlagen zu beobachten, extrem hohe und tiefe Lagen vielleicht ausgenommen. Drittens gilt das Erweiterungsgesetz: ein Intervall läßt sich um eine Oktav erweitern, ohne seinen Verschmelzungsgrad einzubüßen. Die Non hat darum die gleiche Verschmelzung wie die Sekund, C und c wie C und c¹. Viertens ist der Verschmelzungsgrad unabhängig von der Stärke wie von der Zahl der Teiltöne. Die Einheitlichkeit eines Zweiklanges vermindert sich also nicht, wenn beide Töne oder einer von ihnen stärker bzw. schwächer wird; sie leidet auch nicht darunter, daß ein dritter Ton hinzutritt.
Konsonanz und Dissonanz. Unter Konsonanz versteht der Sprachgebrauch sowohl die innige Verbindung zweier Töne, wie auch die Annehmlichkeit, die einer solchen Verbindung eigen ist. Sieht man von letzterem als einem Gefühlsmoment ab, es wechselt nämlich je nach dem Beurteiler, so kann man die Konsonanz der Verschmelzung in unserem Sinne gleichsetzen. Die Stufenfolge in der Vollkommenheit der Konsonanz, welche die Musikwissenschaft aufgestellt hat, stimmt nämlich mit der Reihenfolge der Verschmelzungsgrade überein. Nach der Musiktheorie sind Oktav, Quint und Quart vollkommene Konsonanzen, Terzen und Sexten unvollkommene, alle andern Dissonanzen. Ein prinzipieller Gegensatz zwischen Konsonanzen und Dissonanzen ließ sich jedoch experimentell nicht nachweisen. Somit darf die Dissonanz als mangelnde Einheitlichkeit zweier oder mehrerer Töne gelten. Empfindungsmäßig erscheint die Konsonanz als das Klare, Einfache, während die Dissonanz als rauh, unklar, zwiespältig anspricht.
3. Die Erklärung der Konsonanz
Eine kurze Besprechung der verschiedenen Erklärungsversuche wird uns zugleich noch einzelne Faktoren kennen lehren, die den Gesamteindruck mitbestimmen. Der älteste Erklärungsversuch beachtete besonders die einfachen Verhältnisse, die zwischen den Schwingungszahlen konsonanter Töne herrschen; einfache übersichtliche Verhältnisse seien uns angenehm (Leibniz). Allein die Konsonanz empfindet auch derjenige, der von den mathematischen Verhältnissen der Schwingungszahlen keine Ahnung hat. Ebensowenig wie von den Schwingungszahlen entdecken wir etwas von der Rhythmik der harmonischen Töne (Lipps). Verständlicher ist die Erklärung, welche die harmonischen Intervalle unmittelbar ein Lust-, die unharmonischen unmittelbar ein Unlustgefühl hervorrufen läßt. In der Tat begleitet jene in der Regel ein unmittelbares Lust-, diese ein unmittelbares Unlustgefühl. Doch ist dieser Zusammenhang ein unauflöslicher. Im Altertum soll die Oktav, im Mittelalter die Quint als angenehmstes Intervall gegolten haben, während heute die Terz bevorzugt wird. Und wie die Lust, so kann auch die Unlust wandern: Freunde moderner Musik können an dissonanten Intervallen Gefallen finden. Helmholtz hatte auf die große Bedeutung der Obertöne für die Klänge hingewiesen. Ein gewisser Reichtum an Obertönen scheint in Wirklichkeit den Gesamteindruck der Konsonanz zu verstärken. Zwischen Obertönen und Grundtönen entstehen ferner, wie oben gezeigt wurde, Differenztöne, die ihrerseits Schwebungen verursachen können. Diese verleihen dem Gesamteindruck etwas Rauhes. Darum erblickte Helmholtz das Wesen der Dissonanz in den Schwebungen, das der Konsonanz in der Freiheit von solchen. Allein abgesehen von der Mißlichkeit, daß der positive Eindruck der Annehmlichkeit, wie ihn etwa die Terz gewährt, durch etwas rein Negatives verständlich gemacht werden soll, verträgt sich diese bedeutsame Theorie nicht mit den Tatsachen. Denn Stumpf gelang der Nachweis, daß es schwebungsfreie Dissonanzen und von Schwebungen begleitete Konsonanzen gibt. Helmholtz versuchte noch eine zweite Erklärung durch die Klangverwandtschaft. Zwei Töne sind um so ähnlicher, je mehr gemeinsame Obertöne sie haben. Nun sind gerade die konsonantesten Töne auch die im genannten Sinne ähnlichsten. Konsonanz ist darum als Ähnlichkeit der Töne zu verstehen. Indes, auch obertonfreie Töne verschmelzen. Auf eine andere Art der Klangverwandtschaft machte Wundt aufmerksam und suchte sie zur Theorie der Konsonanz zu verwerten: zwei Töne sind indirekt miteinander verwandt, wenn sie Obertöne desselben Grundtones sind. Tatsächlich wird auch bei einem Zweiklang der Grundton als Differenzton mitempfunden. Auch diese Theorie weist zwar neue Elemente auf, die bei dem Gesamteindruck mitspielen, läßt jedoch das Grundphänomen unerklärt. Der gemeinsame Grundton fügt zu den beiden andern nur einen dritten hinzu, besagt aber noch nicht eine Konsonanz der Primärtöne. Nach Ablehnung all dieser scharfsinnigen und für die Erkenntnis der Konsonanzerscheinungen wertvollen Erklärungsversuche kommt schließlich Stumpf dazu, in der Verschmelzung eine letzte psychologische Tatsache zu erblicken, die also psychologisch nicht weiter gedeutet werden kann und höchstens eine weitere physiologische Erklärung zuläßt. Vermutlich entsprechen den stärker verschmelzenden Tönen einheitlichere physiologische Vorgänge, die darum auch einen einheitlicheren psychischen Vorgang bedingen.
Literatur
C. Stumpf, Tonpsychologie. 2 Bde. 1883/1890.
2. Kap. Die optischen Raumeindrücke
Eine Mehrheit optischer Reize, die gleichzeitig auf das Auge einwirken, bedingen durch ihre Vielheit einen ganz anderen Eindruck als eine Mehrheit akustischer Reize. Mögen noch so viele und vielartige Luftwellen unser Ohr treffen, es entsteht niemals ein räumlich ausgedehnter Klang; der Klang gewinnt niemals etwas Flächenhaftes. Das Auge hingegen empfängt den unmittelbaren Eindruck einer sich in die Breite und Tiefe erstreckenden Ausdehnung; wenigstens ist dies so bei dem normalen Erwachsenen, von dem unsere Betrachtung stets ausgeht. Es wird sich empfehlen, zunächst den optischen Eindruck der Fläche zu studieren.
A. Der optische Eindruck der Fläche
1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus
Als erstes Problem drängt sich die Frage auf: Woher stammt das Räumliche beim Zusammentritt mehrerer Gesichtsempfindungen, oder genauer: bei der Reizung benachbarter Netzhautelemente? Bewirkt schon die Reizung einer einzigen Optikusfaser einen flächenhaften Eindruck? Ein solcher Versuch müßte wohl an einem Blindgeborenen angestellt werden, um etwaige Einflüsse der Entwicklung auszuschließen; allein mit unseren gegenwärtigen Mitteln ist er nicht ausführbar. Wir gehen darum besser von der uns bekannten Gesichtsempfindung selbst aus, die wir uns zunächst mit einem Raumwert ausgezeichnet vorstellen. Versuchen wir nun das Flächenhafte eines Rot auf Null zu reduzieren, so leuchtet ein, daß damit die Empfindung selbst verschwinden muß. Die Ausdehnung scheint somit eine der Gesichtsempfindung ursprünglich zukommende Eigenschaft zu sein.
Damit, daß das Empfindungselement von Haus aus flächenhaft ausgedehnt ist, ist noch nicht verständlich gemacht, warum die Reizung mehrerer nebeneinander liegender Netzhautelemente eine Summation der Flächeneindrücke ergibt, mit andern Worten, weshalb wir in diesem Falle eine ausgedehntere Fläche wahrnehmen. Noch viel weniger ist damit erklärt, wieso die räumliche Ordnung der Gesichtseindrücke der räumlichen Anordnung der gereizten Netzhautelemente entspricht. Namentlich um diese beiden letzten Fragen dreht sich auch heute noch der Streit zwischen Empirismus und Nativismus.
Teils aus metaphysischen Gründen, mit Rücksicht auf die Einfachheit der Seele (Herbart, Lotze), teils aus dem methodischen Gedanken heraus, mit möglichst wenigen Elementen des Seelenlebens auszukommen (die englischen Assoziationspsychologen), erkennt der Empirismus der ursprünglichen Gesichtsempfindung keine Ausdehnung zu. Die Entstehung der räumlichen Ordnung des Gesichtsbildes suchte Lotze durch die geistvolle Theorie der Lokalzeichen zu erklären: Wird eine exzentrisch gelegene Netzhautstelle von einem Lichtreiz getroffen, so wendet das Auge unwillkürlich die Netzhautmitte der Lichtquelle zu. Es führt dabei eine ganz bestimmte Muskelbewegung aus, die immer nur dann vorhanden ist, wenn nach anfänglicher Reizung jener bestimmten Stelle die Netzhautmitte dem Lichtreiz ausgesetzt werden soll. Werden andere exzentrische Stellen getroffen, so erfolgen andere Bewegungen und dementsprechend andere Muskelkontraktionen. Jede Muskelkontraktion ruft aber in der Seele eine eigenartige Spannungsempfindung hervor. Somit verbindet sich mit der Reizung einer jeden Netzhautstelle eine eigenartige Spannungsempfindung: dem System der Netzhautstellen entspricht ein System von Spannungsempfindungen. Wie die Bücher einer Bibliothek durch ihre Etiketten, so sind die qualitativen Erregungen der einzelnen Netzhautorte durch ihre Spannungsempfindungen gekennzeichnet. Und genau so wie eine solche Bibliothek in beliebiger Ordnung verpackt und doch in der früheren Ordnung in einem andern Raume wieder aufgestellt werden kann, so können auch in der Nervenleitung die Erregungen einen beliebigen Weg nehmen: die Seele weiß dann doch die ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen. — Wundt baute diese Theorie zu der der komplexen Lokalzeichen aus. Die Farbenqualitäten, die von dem gleichen Reiz auf verschiedenen Orten der Netzhaut erregt werden, sind nicht gleich; bekanntlich verlieren sich nach der Peripherie zu sogar einzelne Farbentöne. Für jeden Punkt der Netzhaut gibt es eine charakteristische lokale Färbung. Mit dieser verbinden sich die gleichfalls charakteristischen Spannungsempfindungen. Und die Verschmelzung beider ergibt in der Seele ein völlig neues Produkt: die Ausdehnung samt der Ordnung. Allerdings soll sich dieser Vorgang nicht in der Entwicklung des Individuums, sondern in der des Stammes vollzogen haben.
Allein die von den Empiristen vorgebrachten Gründe sind nicht überzeugend, und anderseits stehen ihrer Erklärung die größten Schwierigkeiten im Wege. Die Einfachheit der Seele kann diese sicher nicht hindern, ein Ausgedehntes abzubilden. Hingegen ist es unbegreiflich, wie die Summation unräumlicher Empfindungen jemals die Vorstellung einer Fläche liefern soll. Auch bleibt unfaßbar, daß die Verschmelzung von Licht- und Spannungsempfindungen das ganz anders geartete Produkt des Räumlichen ergibt. Der methodische Vorteil, mit weniger Elementen eine Erscheinung zu erklären, darf nicht durch die Einführung unbegreiflicher Annahmen erkauft werden. Weiter, die Lokalzeichentheorie muß eine Empfindlichkeit für kleinste Augenbewegungen ansetzen, die mit unseren sonstigen Erfahrungen nicht übereinstimmt. Überdies ist die Feinheit der Lokalisation gerade bei der Stelle der Netzhaut am größten, die keine Bewegungen zur Erreichung besserer Sichtbarkeit auszuführen braucht, nämlich beim gelben Fleck. Aus diesen Gründen neigt darum heute die Mehrzahl der Psychologen hinsichtlich der Flächenwahrnehmung dem Nativismus zu: Es ist eine letzte, nicht weiter zu erklärende Tatsache, daß der Reizung eines Netzhautelementes eine räumliche Lichtempfindung entspricht. Es ist ferner eine letzte Tatsache, daß die von räumlich getrennten Netzhautelementen erregten Empfindungen sich nicht über-, sondern flächenhaft aneinanderlegen, und zwar in der gleichen Reihenfolge und Richtung, in welcher die von den Lichtwellen getroffenen Nervenzellen angeordnet sind. Jeder Reizung einer bestimmten Netzhautstelle entspricht ein bestimmter Ortswert. Eine begünstigende Bedingung, nicht eine Erklärung dafür, liegt in der Tatsache, daß das Linsensystem des Auges die einzelnen Lichtstrahlen geordnet auf der Netzhaut verteilt, und daß die isolierte Nervenleitung die einzelnen Erregungen gesondert zum Gehirn weiterführt. Ist somit nach nativistischer Auffassung der Ortswert einer Netzhauterregung von Anfang an mitgegeben, so kann doch die weitere Entwicklung eine Verfeinerung der Ortsauffassung bewirken. Beides veranschaulicht sehr hübsch die pathologische Erfahrung bei Loslösung und Verschiebung der Netzhaut. Weil die Netzhautelemente ihren bestimmten Ortswert haben, erscheint dem Kranken ein regelmäßig gezeichnetes Gitter als verzerrt. Nach einiger Zeit soll sich jedoch wieder das normale Bild einstellen, weil nunmehr die verschobene Netzhautpartie einen andern Ortswert erlangt hat.
Die soeben dargestellte nativistische Auffassung muß sich heute wohl einige Abstriche gefallen lassen. Die Annahme, daß die Erregungen des einzelnen Sehnerven schon einen ausgebreiteten (das Wort „flächenhaft“ legt schon den Begriff des „ebenen“ nahe, der hier verfrüht ist; vgl. [S. 87]) Eindruck bedingen, und die Tatsache, daß dank des dioptrischen Apparates jedes Netzhautelement von einem vorbeiziehenden Objekt in jener zeitlichen Reihenfolge gereizt wird, die dem objektiven Sachverhalt entspricht, erklären die fraglichen Erscheinungen. Ohne Rücksicht auf den weiteren Verlauf der Sehnerven oder deren Einstrahlung ins Sehzentrum muß sich das Sehding ausgebreitet und richtig orientiert aufbauen[3]. Das Nebeneinander, die Richtung und die Reihenfolge der „Flächenelemente“ ist keine letzte Tatsache, sondern eine notwendige Folge der beiden genannten Faktoren. Darum bedarf es auch keines angeborenen „Ortswertes“, es genügt ein erworbener.
2. Der blinde Fleck
Die Sehsphäre im Gehirn erleidet mancherlei Unterbrechungen, so schon durch die unempfindliche Stützsubstanz, die Neuroglia. Auch die Netzhaut enthält verschiedene unempfindliche Stellen. Trifft das Bild kleinster Punkte auf sie, so verschwinden die Punkte; sie tauchen gleichsam unter. Dennoch zeigt das anschauliche Gesichtsfeld selbst keinerlei Unterbrechungen. Daraus ergibt sich das interessante Problem, wie solche Lücken von der Seele ergänzt werden. Am meisten wurde dieses Problem am blinden Fleck untersucht. Blinder Fleck heißt die unweit von der Netzhautmitte gelegene Eintrittsstelle des Sehnerven. Zeichnet man etwa 5 cm voneinander entfernt zwei nahezu in einer Horizontalen liegende Kreuze und fixiert bei geschlossenem linken Auge das links liegende aus etwa 17 cm Entfernung, so verschwindet das rechts liegende, um bei geringer Verschiebung des Auges sofort aufzutauchen. Das rechts angebrachte Kreuz kann auch durch einen Kreis von 1 cm Durchmesser ersetzt werden. Es ist also eine beträchtliche Ausdehnung, die so zum Verschwinden gebracht wird. Was wir nun an dem blinden Fleck sehen, möge der Leser durch eigene Versuche finden.
3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche
Eine linear angeordnete Reihe von Lichtreizen erzeugt das seelische Bild einer Lichtlinie. Es fragt sich nun: wie ist die Zuordnung der einzelnen Netzhautelemente zu den Teilen des gesehenen Bildes? Läßt man zwei getrennte Lichtreize auf eng benachbarte Netzhautstellen einwirken, so erscheinen sie als zwei gesonderte Punkte, wenn sie den Gesichtswinkel von etwa 1′ bilden. Man nimmt an, daß zwischen den beiden gereizten Elementen wenigstens ein anderes liegen und von einem merklich verschiedenen Reiz getroffen werden muß, falls so nahe beieinanderliegende Punkte „aufgelöst“ werden sollen. Doch steigt die Feinheit des Auflösungsvermögens mit der Stärke der einwirkenden Reize und mit der Größe des Helligkeitskontrastes zwischen den leuchtenden Punkten und dem Grund, unter günstigen Bedingungen bis zu einem Auflösungswinkel von 10″. Für diesen Fall würde allerdings die obige Annahme der Trennung zweier Eindrücke durch ein dazwischen liegendes Netzhautelement nicht mehr ausreichen[4]. Die Sehschärfe wird noch größer, wenn es sich darum handelt, die verschiedene Lage zweier Geraden zu erkennen; nach Hering deshalb, weil bei verschiedener Lage sofort eine andere Reihe von Netzhautelementen erregt wird. Die Sehschärfe ist am größten in der Netzhautmitte; bei 20° Entfernung ist sie (nach Dor) nur ¹⁄₄₀, in 40° nur ¹⁄₂₀₀ von dieser.
Unter „Augenmaß“ versteht man die Fähigkeit, Richtung und Größe einer Linie zu beurteilen. Im Zusammenhang mit unserem Grundproblem interessiert uns vor allem der Geradheitseindruck, den eine objektiv gerade Linie hervorruft. Er ist keineswegs immer vorhanden. Hält man ein Lineal so vor das Auge, daß man es fixiert und es gleichzeitig einen rechten Winkel zur Blicklinie bilden läßt, so erscheint das Lineal gerade. Verschiebt man es jedoch gegen den Fixationspunkt, so zeigt es eine konkave Krümmung gegen diesen. Den Ursprung des Geradheitseindruckes wollte Helmholtz aus den Augenbewegungen erklären: bewegt man das Auge einer geraden Linie entlang, so verschiebt sich das Netzhautbild in sich selbst, was bei einer gekrümmten nicht der Fall ist. Bei der Geraden entsteht so eine Linie, bei der gekrümmten müßte ein breites Band erzeugt werden. Allein wir erkennen die Gerade auch mit ruhendem Auge, und bei nicht allzu schneller Bewegung läßt auch die krumme Linie kein Band entstehen (Bühler). Auch hier wird man mit Hering auf eine ursprüngliche Zuordnung bestimmt gelagerter Netzhautelemente zu dem Eindruck der Geradheit schließen müssen.
4. Unvollkommenheiten des Einauges
Daß eine einäugig betrachtete, nicht fixierte Gerade als gebogen erscheint, und daß dementsprechend eine aus hyperbolischen Kurven hergestellte Schachbrettfigur unter bestimmten Bedingungen wie eine normale gesehen wird (Helmholtz), das sind Widersprüche zwischen der gegenständlichen Welt und ihrem psychischen Abbild, Empfindungsinadäquatheiten, wie österreichische Psychologen sich ausdrücken. Sie werden allerdings durch das zweiäugige Sehen und durch andere Hilfsmittel zumeist ausgeglichen. Eine andere Empfindungsinadäquatheit stellt sich heraus, wenn man eine Horizontale bei einäugiger Betrachtung nach dem Augenmaß teilen will. Der nach der Körpermitte zu gelegene Teil der Linie wird dann zu klein gemacht. Er hat also für das Auge einen größeren Wert als der andere Teil. Da aber sein Bild stets auf die nach auswärts gelegene Hälfte der Netzhaut fällt, kann man auch sagen: die Breitenwerte wachsen auf der äußeren Hälfte der Netzhaut rascher als auf der inneren. Ebenso wird bei Halbierung einer Vertikalen der obere Abschnitt zu klein genommen. Die Höhenwerte wachsen also auf der unteren Netzhauthälfte rascher als auf der oberen. In ähnlicher Weise fanden sich Richtungstäuschungen, so beim Herstellen einer Vertikalen oder einer Horizontalen allein mit Hilfe eines Auges und unter Ausschluß äußerer Anhaltspunkte. Wie diese Erscheinungen, so sind auch einzelne geometrisch-optische Täuschungen unmittelbar auf Unvollkommenheiten des Auges zurückzuführen. So erscheint ein weißes Quadrat auf schwarzem Grund größer als ein schwarzes auf weißem Grund, wie überhaupt helle Flächen gegenüber dunklen überschätzt werden. Offenbar ergreift da der Reiz durch Irradiation auch die benachbarten Netzhautelemente, die nicht direkt von dem Lichtstrahl getroffen werden. Die Vertikale wird gegenüber der Horizontalen überschätzt. Ein wirkliches Quadrat erscheint den meisten Beurteilern als zu hoch. Bei dieser Täuschung könnten jedoch auch die verschieden großen Bewegungsanstrengungen mitspielen, die man bei beiden Richtungen aufzuwenden hat, weshalb manche Forscher hier von Assoziationstäuschungen sprechen. Dagegen dürfte es auf die vertikale Teilungstäuschung hinauskommen, wenn uns die gedruckte 8 und das gedruckte S als symmetrisch gebaut anspricht, während sich doch durch einfache Umkehrung die größere Ausdehnung des unteren Teiles unschwer erkennen läßt. Andere geometrisch-optische Täuschungen als die genannten setzen höhere geistige Prozesse voraus.
B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge
1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung
Der Begriff „aufrecht“ besagt eine Beziehung der Lage eines Dinges zu einem andern. Beziehungen (als solche) zu erfassen, ist aber nicht Sache der Sinne — eine Tatsache, die wir später ausführlich nachzuweisen haben. Wenn wir darum in der Empfindungslehre an die Frage herantreten, warum wir aufrecht sehen, ist es erforderlich, vorab darüber klar zu werden, welcher anschauliche Tatbestand vorliegt, wenn wir die Lage irgendeines Dinges als aufrecht bezeichnen. Da ergibt sich, daß aufrecht soviel bedeutet wie der gewöhnlichen stehenden Lage unseres Körpers gleichgerichtet. Als unten gelegen charakterisieren wir dabei jene Teile, die unseren Füßen und dem Boden, auf dem wir stehen, am nächsten sind, während die entgegengesetzt liegenden sich „oben“ befinden. Senkt sich der Blick, so erscheint die Wurzel eines Baumes z. B. nahe bei unseren Füßen, die Krone hingegen strebt, wie unser Haupt, dem Himmelsgewölbe zu. Treten wir dagegen vor einen gefällten Baum hin, so erstreckt sich der gesehene Baum horizontal. Seine Krone liegt jetzt vielleicht in der Nähe unserer rechten Hand und sein Stamm in der Nähe unserer linken. Die Orientierung nach diesen beiden Richtungen geschieht somit nach der Lage unseres eigenen Körpers. Da sich nun die von unten und oben, von rechts und links kommenden Lichtstrahlen im Knotenpunkt des Auges kreuzen und erst nach dieser Kreuzung die Netzhaut treffen, so hat das Netzhautbild eine andere Lage als der gesehene Baum: seine unteren Teile bilden sich auf der oberen, seine rechten Teile auf der linken Hälfte der Netzhaut ab, und umgekehrt.