VERBRÜDERUNG
GEDICHTE
VON
JOHANNES R. BECHER
LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
1916
Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. Februar 1916 als fünfundzwanzigster Band der Bücherei »Der jüngste Tag«. / Die Gedichte »Verbrüderung« wurden in den Jahren 1915 und 1916 in Berlin geschrieben Sie sind meinen Freunden gewidmet
COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG
Erster Teil
Kreuzzug / Ekstasen der Zärtlichkeit /
Abschied von den Frauen
Nicht daß wir zärtlich-feig oft in die Lauben uns stahlen —
Kampf war auch dies. Krieg. Vergewaltigung.
Versuch: wütigen Vorwärtsstemmens,
Überallhin zündend Brüderlichkeit zu entfalten,
Paradies erarbeiten!
Aber, Gott zu säen in die Gefilde des Weibs:
Wie noch vergebens . . .
Ödipus
I
Der Knabe wartet auf die Mutterblüte,
Die unter bauschenden Gewändern thront.
Da kommt sie strahlend weich: die Mutterblüte,
Von keinem Mann, von ihm nur fern bewohnt.
Der Vater muß verreisen in den Norden.
Niemand herein in unsere Nächte stört.
(. . . ach Vater du wie oft um sie gemordet . . .)
Der Mutterblüte tief er angehört. —
Er fuhr dazwischen. Spät. Mit Ofenhacken.
Der jagt ihn, Sturm, aus süßem Wiegenbett.
Nun wird er gleich, ein Vieh, die Mutter packen.
Schnurrbart spritzt rechts und links gleich Bajonett.
Sie spült herauf. Davon die Fleische klirren.
Entfloh ihm taumelnd, als der Zug noch stand.
Die Mutterblüte muß ihn arg verwirren.
Manchmal auszackt sie wie der Hölle Brand.
II
An den Vater
Schlangenader längs der Stirne rollt.
Gabel stößt er pfeifend in Salat.
Weißer Suppe krummes Maul träuft voll.
Makkaroni würgt aus Nase grad.
In den Weinberg kroch er, dichtes Laub,
Den Kniefällen seiner Kinder taub:
Dorther wächst und wächst ein Donnerschnarchen.
Die ihn sucht, sich bückt —: sie schreckt die Blöße.
Auf den Lippen gischtet Spülichtschlamm.
Szepter in der Faust des Patriarchen.
Füße Schweiß mit ihren Haaren klamm
Wäscht sie. Arme Braut des Bösen.
Später, da er vor den weiten Plätzen
Ängstigend sich preßt in ihren Arm —
Seufzer schickt sie den Erbarmungsblicken,
So ihr zu oft glänzende Herren nicken . . .
(Mancher stößt sich in sie rauschend warm).
Die ihm dient als Boot zum Übersetzen.
Ausgeleiert. Nur ein Ausstück. Fetzen.
Finger birgt sie, die erfroren rot
Von Stricknadeln (Messerwald) durchlöchert.
Aus geschwollener Augen Köcher
Spritzeln Tränen auf zerdrehtes Brot.
Niederstürzt sie, die er täppisch rupft,
An die sich heraufwälzt stumpfer Bauch.
Zitternd in ihr kleines Bett sie schlupft:
Ausgesogen, starr. Ein windiger Schlauch.
Bei dem Löffel in die Teller Klirren —:
Hund am Tisch du! Klaffender Tyrann!
Wo dein Sohn, Indianer, dir auflauert
Zwischen Zähnen Beil er fiebernd kauert
Vor dem Schlafgemach — bis schwirrend
Saust das Beil! Das Beil —: es fällt dich an!
Mädchen
I
Franziska
Du Engel ihm vom Zigarettenladen!
Ein Ingenieur pflückt dich als Bräutigam.
Wir dürfen nachts im Raum der Gärten baden.
Wenn orgeln Sonntags gute Bettler am
Geblümten Weg, mit Karussells beladen,
Der Isarstrom verzweigt in grünen Bändern —
Die Augen sich mit dessen Schein berändern.
Doch bald —: er explodiert mit Bombenschritten
Ein neuer Vater! in dem Schlafgemach!!
Der Faust entrasseln paukende Gewitter.
Und tausend Väter kollern heulend nach!
Gepeitschte aller Welt in uns erzittern.
Rückflüchten wir. Es brennt die heimlichste der Lauben.
Sie wollte nurmehr — aus — dem Browning glauben.
Dein Jüngling schrie durch jene finsteren Nächte
An seine Mutter. Auch sie —: fühllos kalt.
Sie wird kein Wort in solche Zuckung sprechen.
Doch dess Gehirn durchrauscht soviel an Wald,
Gebirg, Veranden: überwölbt von Bächen
Azur, inmitten bunt die Sonne platzt.
O, Frühjahrsregen an die Fenster kratzt.
Die läßt ihn nicht. Hoch seine Schulter kriecht
Sie wie Gewürm. Du kannst mir nicht entfallen!
Da —: in die Brüste ihr die Kugel sticht.
Und draußen muß man mit dem Frühstück lallen.
Bald löscht auch er. — Bis groß die Tür ausbricht:
Schutzleute stehn enorm mit Riesenbeilen,
Behelmte Götter sich im Raum verteilend.
II
Dorka
Sie —: Dorka. Die ein orphischer Erdsturz braust.
Ihn aufwarf und bereißt. Entsog. Zerstückte.
Ihm Helferin zu seinem ersten Bau.
Um deren Mund sich Sturm aus Bajonetten zückte.
Armeeen sich im Abgrund ihres Nabels schlugen.
(— vor der er sich zum Trank der Gosse bückte —)
Wie lang schlief er in solchen Leibes Fuge.
Nie je war Nacht so fabelhafte Nacht.
Mit Engeln, die uns auf der Wolken Samtbett trugen.
Sie Dorka. Die ein schmetterndes Orchester lacht!
Am Horizont aufsteht sie, wachsend ungeheuer.
Die Sterne purzeln tönend in den Schacht
Des Schoßes. Wolkgemäuer
Treibt vor und schäumt und klebt sich in die Haut.
Von Küsten euch o Lippen sprudelt Feuer! Feuer!!
Vor dem der Dachstuhl aller Kathedralen taut.
Der Haare schwarze Fahn zuhöchst dem Haupt gehißt.
. . . und von Morästen braut
Es, untermischt mit Wiesen, um den Flor
Der Wimpern, die gleich Lanzengittern niederschatten.
Um Locken Waldung sprießt ein Natternchor.
An Schläfen Nester triefender Kasematten.
III
Mary
Gefügt aus Kurven, die sich mystisch paaren,
Ellipsenscheiben; Pyramidenwald
Muß deinem Haupt zu wehendem Turm sich scharen.
Der Finger Lilie gen die Sonn gekrallt . . .
Café das Beet, aus dem du lächelnd sprießt.
Wie oft wir uns um diesen Hals schon rankten!
So laß dich tragen! Eisiger Mondschwamm fließt.
Und Wind zerrt knisternd deinen Hut, den schwanken.
Umstellt dich Reih starrfunkelnder Laternen:
Gebogenheit an solchem Leib zu lernen.
Man wird stets denken: Atem dieser Brüste!
Und morgens lösch ich mit der Frühe aus!
Die Nacht zerrauscht an deiner Glieder Küste.
Man hört hindurch der schwarzen Meere Braus.
Ein Rundes schält sich aus ovalen Zeichen,
Die wieder drehn in Linien Zickzack unter.
Heut aber willst du Tier mit Park uns reichen
Im Kelch des Worts —: Millionen Fischlein munter
Läßt du ein Wirrnis durch die Lüfte strahlen.
Der Silberlöwe fährt, ein Tollpatsch, drein.
Ein Zebra mußt du auch den Dom anmalen.
Eidechsen Ornament dich benedeit.
An Gitterästen kleben Spülichtratten,
Wie sauberweiß! Von rosenem Flaum betan.
Gleich frommen Hündlein hüpfen auf und ab dir Nattern.
Sich tönend neigt, jahrtausendalt, der Schwan.
Die Zauberin ins Paradies. Gefieder
Der Schneee wogt durch dampfende Mittagsluft.
Da steigst du auf. Kehrst du am Abend wieder?!
. . . nur wimmernd ächzet die Matratzengruft . . .
Der Stadt Geräusche schrillen ineinander.
Kanäleschiffe schnellen rings vorbei
Du balanzierst auf des Gebirges Kante,
Faltest die Kerker, Heilige, entzwei.
IV
Emmy
Du deren Mund an Horizonte knüpfte
Einst düsteren Dichter —: er beträumt dich schwer.
Du hausest Engel tief in Unterschlüpfen.
Versammlerin an kaum betretenem Ort.
Fanatisch du gestreckt von Jenes Wort —
Hah! Schwingst allein dich drehend schon auf Barrikaden!
Im Schrein aller Gehirn Reliquienfetzen.
Ja —: Satzgefüge tollste meißeln dich:
Geschwür. Wirr deinen Körper geißelt
Der Menschheit Auf- und Niedersteigen. Jäh der Treppen Schritt . . .
Und diese Hand so schlug sprengt! deine Brüste.
O! Jungfrau von Orleans unsere!
Fahnen: Gesänge hüllen dich.
Aus den Sonetten um C.
I
Er hüpfet lächelnd kraus von Schleierwinken
Durch Wiese, loh im Scharlachabend brennend.
Schlägt von der Marmorberge Postament,
Bis rauhe Lippen solcher Süße trinken:
Ein wenig Mond mit Firmament gemischt,
Stöße von Nacht und Träume Intervallen.
Daß seine Augen auf die Städte fallen,
Gläsern und trunken. Kühl ihr Weißes lischt.
. . . Ihr Bögen dürftet nicht den Strom mehr drücken
Der gleich Palästen aufgestauten Brücken.
Alleeen rinnen hoch der Finsternis,
Kaum flockt zerbrochenen Mondes grüner Firnis.
Er aber schläft. Sein blutig Lid es hängt
Ein jäher Dorn in Hyazinthenfrühe öd.
II
Sie streift ihn kaum. Doch deinen dunklen Gärten
Ward er zum Bräutigam wie unbemerkt.
Nun tanzt und wiehert er mit lichten Pferden.
Besingt den Mondtag als sein schönstes Werk.
Voll bunter Knospen stehn in Brand die Haare.
In Ohres Muscheln flüstern Samoware.
Ein weicher Strom verzückt ums Aug sich streut.
Der Stirne Golf im weiten Strahl sich freut.
Ein Tod er trifft ihn schlafend unverwundet.
Zypressentraum herbstlicher Nächte mundet.
Von Cymbeln hingerafft ins Blau . . . Noch fand
An ihren Lippen Ruh die steife Hand.
Und Küsse lang wie Nektar ausgeschlürft.
Als hieß es heut zum erstenmal: „Ihr dürft . . .“
III
Ihr Angesicht erfüllt von nächtigem Mohne,
Drum kräuseln rührend spitze Lilaschatten:
Ein Lächeln, das einst fremde Länder hatten,
Bevor sie Frauen wurden, Stadt und Ton.
Die Zedernfüße steigen kaum im Schwung
Von Tänzerinnen. Doch der Mund ist schon.
Sie pendelt kurz, ein blankes Medaillon.
Auf dessen Schildrund rückt die Dämmerung
Nur manchmal. Horizonte Ungefähres
Webt feucht darin. Geborstene Türen klinken.
Um ihretwillen müssen Damen schminken,
Kraß Tuben klexen in ein höhnisch Leeres
Zerrissenes Oval. Asyle stinken.
Sie steht! Ihr die Verrufenen winken — —.
IV
Der Räuber Tod ließ dich wie einen Zeiger
Auf deinem Blatte vor der Stunde stehn.
Der Atem hört ein Schlagwerk auf zu gehn.
(. . . Und Menschen rings auf Plätzen wirr gesteigert . . .)
Ein Pferd will sich vor rosenem Schoß leicht schmiegen.
Im laubichten Haar versammeln sich die Fliegen.
Aus Augen Waben träuft ein Honigmet.
Geborstene Schatten winken noch . . . zu spät.
Die Sonne strömt. Aus Seliger Revier
Spült der Choral (er schmilzt den Kerker) —: Wir!!
Dein Triller wie auf höchstem Seile blinkt.
Schwank über Frühjahrs krummen Regenbogen
Er schaukelt, dreht . . . gleitend hinabgezogen.
Bis ers Finale der Posaunen bringt.
An C.
Manchmal meine ich, Du könntest eine Geschichte aus mir machen und mir ist, als ob das Sterben, jetzt oder später, leichter würde, wenn man weiß: ich selber konnte wohl nichts tun, aber es geschah irgend etwas durch mich.
C.
Der Nacht quoll: schief verworren
Wölbt sich jetzt Morgen grad.
Du kannst ihn schreiten sehen
Ganz Wind und Schwebezeit.
Sein Aug umstreichen Flüsse.
Tosender Wälder Schwung
Flackt um der Berge Schulter.
Des Tages Purpurküsse.
Du kannst ihn schreiten sehen.
Nicht Qual fretzt ihn. Kein Dorn.
Der Nacht quoll: schief verworren
Ganz Wind und Schwebezeit.
Aus Lilienfinger geußt dem
Gekrümmten Schwangeren Balsam.
Säuglingen, den Asylen
Träuft er der Lippen Brod.
(. . . einst stürzten Worte Unflat,
Nun schmilzt ein Mond im Tönen.
Wie Quell springts aus der Flöte Horn.
Jetzt kaum noch Mietskasernen stöhnen . . .)
Du kannst ihn schreiten sehen
— die goldenen Wagen rauschen —
Mit schmetterndem Tempostampfen,
Wo sich vor brüchigem Tor
Sein Volk in den Azur löst.
II
Mond im Fluten Traums verweht,
Nachtigallen dich besuchen.
Wickelst dich aus schweißigem Tuche,
Tanzest auf Balkonen spät,
Flackert noch ob dem Staket
Morgens klein der bunte Shawl.
Purpurküsse ausgesät
Schlürft er in den Städten fahl.
In der Autos Röcheltuten
Gluckst ihm dünn dein Husten ganz.
Sprengt er laut entzwei die Buden.
Zirpt der Karusselle Kranz.
„. . . Jäh in Huren die hohl kichern
Schnappt dein höchster Triller über.
Rette uns zu dir hinüber
Engel . . .“ Herbstlaub wischt der Dichter.
Unter Türen, Räderspeichen
Kauert brüchig das Gebild.
Harfenfinger in die Leichen
Krallt es schüttelnd, tönend wild.
„Wiesen streust du aus. Im Gang
Kräuseln Wälder. Ströme Falten
Zündeln hoch in mystischem Schwang.
Kniee stoßen grad basalten.
Um die Schläfe schmiegt dein Gang.
Langsam schmilzt der Stern ins Haar.
Flöte summt der Samowar.
Weite Weite gräbt sich trüber.
Rollt ein Atem — Nächte Wind.
Pferdeaugen blühn im Kind.
Engel rette uns hinüber! . . .“
III
Wir möchten uns begreifen
Hindurch, ja ganz das Unsere
In tauben Küssen fühlen.
Das alles: Bett, Fluß, Stühle,
Im Haar von Rosa Schleifen . . .
Das aber schreit als Unseres:
Im Schoß das Haupt zerwühlen,
Wie Stürme fetzend durch die Körper schweifen.
Oft nächtens wir uns tönend schwingen
Aus brüchigem Mund zu vollerem Baum.