Transcriber’s Note
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In Dingsda
von
Johannes Schlaf
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Inhalt
- [Vorwort]
- [Abseits]
- [Rendezvous]
- [Die Rezension]
- [Einsamkeit]
- [Lektüre]
- [Feierabend]
- [Siesta]
- [Kirchgang]
- [Helle Nacht]
- [Dämmerstunde]
- [Zwischen Papieren]
- [Nach einem Begräbnis]
- [Im Wind]
- [Abschied]
[pg 3]
Vorwort
Dies ist die dritte Auflage, die mein »Dingsda«-Büchlein erlebt. Sie mag bekunden, daß es im Laufe der Jahre seine Wirkung getan hat und daß es noch immer munter weiterlebt. Im stillen hat es gewirkt. Aber das entspricht seiner Art. Doch eindringlich. Schon oft wurde darauf aufmerksam gemacht, wie man an mehr als einer Stelle auch den Spuren seiner Einwirkung auf die Entwicklung unserer neuesten deutschen Novellistik seit zwanzig Jahren begegnen kann.
Doch lieber als das ist mir der Umstand, daß es nach wie vor seine unmittelbar lebendige Wirkung auf den Leser übt. Daß es mit der Sonne, dem freundlichen Stilleben und Einleben in die schlichten Freuden, mit denen die Natur gütig unsere Herzen heilt, auch anderen wohltut; daß es im Laufe der Jahre immer neue Freunde gewonnen hat; abseits von all den anderen, lauteren, aber oft auch wohl vergänglicheren Erfolgen unseres literarischen Lebens … Ich habe dieser neuen Auflage nichts hinzugetan und nichts genommen. Das Büchlein hatte damals eine ganz bestimmte Notwendigkeit seines Entstehens. Es ist ein aus sich selbst gewordenes Stück Leben und Seele. Das erfordert auch die Pietät seines »Schöpfers«. Da darf nichts verändert und beschnitten werden. Das ist in solchen Fällen nichts als Verschlimmbesserung …
Möge diese schöne Bücherei meine stille »Dingsda«-Welt von damals noch recht vielen Freunden ans Herz tragen!…
Weimar, Sommer 1912.
Johannes Schlaf.
[pg 5]
Abseits
Zwischen vier und fünf Uhr bummelte ich, meine Zigarre zwischen die Zähne geklemmt, fröstelnd in der Morgenkühle die Linden entlang. Eine Droschke rumpelte vorbei über den Fahrdamm. Ein paar Nachtschwärmer drückten sich mit vorgebeugten Schultern und hochgeklapptem Rockkragen an mir vorüber, und die elektrischen Monde warfen mir ihr weißes Glühlicht ins Gesicht.
Ich summte so vor mir hin. Eine schöne alte Melodie.
»Die Sonn erwacht;
Mit ihrer Pracht
Erfüllt sie die Berge, das Tal!
O Morgenluft!
O Waldesduft!
O güldener Sonnenstrahl!«
Und so weiter. Mit Grazie in infinitum. Quer durch den Tiergarten.
An der Potsdamer Brücke blieb ich stehen.
Die Laternen schoben eine Reihe goldener, strahlender Balken in den Kanal hinunter. Sie bauten einen blinkenden Märchenpalast in das träge, schwarze Wasser hinein. Goldene Lichtspäne schaukelten weit über die Wasserfläche an den dunklen Kähnen hin, und es wehte ein scharfer, kühler Wind.
Fern das dumpfe, rastlose Rauschen des Verkehrs. Immer in demselben gleichmäßigen Tonfall. Berlin kennt keinen Schlummer …
… Hm! Zum Beispiel! Die vielen Streiks jetzt! Und wenn nun hier das schöne, saubere Straßenpflaster aufgerissen würde und …
»O Morgenluft!
O Waldesduft!«
[pg 6]
Und da überrieselte mich eine brennende Sehnsucht.
Diese Melodie! Seit ein paar Stunden konnte ich sie nicht loswerden. Und auf einmal kam es mir voll, hell und klar zum Bewußtsein: sie war das erste, unbewußte Regen eines unwiderstehlichen Wunsches.
Einmal fort von diesem verfluchten Schreibtisch, an den mich der verwünschte Trieb anschmiedet, dieses unheimlich komplizierte Leben hier überall um mich herum zu erfassen, festzuhalten und formend zu gestalten. Einmal fort aus diesem literarischen Getratsch, das einem die Ohren mit dummen Redensarten wundreibt. Einmal fort aus diesem verzweifelt wirren Getriebe, das einem Tag und Nacht keine Ruhe läßt, einen zum Schreibtisch zieht, vom Schreibtisch treibt; das so rätselhaft unsinnig ist, einen mit bunten Ahnungen betrunken macht und in quälende Zweifel reißt. Fort aus diesem endlosen, dummen Wechsel von Halten und Verlieren …
»O Morgenluft!
O …«
Bon! Abgemacht! – Ich will mich ein paar Wochen lang »einer geregelten Lebensweise befleißigen«, Philister sein unter Philistern, eine ländliche Pfeife rauchen, will mich abends mit den Hühnern zu Bett legen und morgens mit der Sonne aufstehen, über die grünen Hügel laufen, durch die taunassen Felder; will im Grase liegen, in den blauen Himmel starren und die Sonne mir auf den Pelz scheinen lassen; will vegetieren wie die roten Feldnelken und nichts denken; nichts, nichts denken …
[pg 7] Ich werfe die Zigarre weg und schlage den Rockkragen in die Höhe, weil mich mit einem Male der Gedanke ängstigt, ich könnte mich erkälten. – Die Hände in den Überrock und nach Hause. Und morgen: fort, fort!…
»O Morgenluft!
O Waldesduft!
O güldener Sonnenstrahl!« …
————
Nun ja! Alles ganz schön! Als mir aber der Bart einen Zoll lang aus dem Kinn geschossen war, weil es dem Ortsbarbier beliebte, zwar nicht zu streiken – in diesem empörenden Neste wurde nur konservativ gewählt –, aber am Delirium tremens zu leiden, und als ich an ein paar sternlosen Abenden nach einem Besuch bei dem Herrn Pastor, sonst einem liebenswürdigen alten Herrn, beinahe auf dem hochwohllöblichen Stadtpflaster ein paar Beinbrüche davongetragen hätte, da war mir die Sache über, gründlichst über …
Der Mensch muß ja nun heutzutage einmal Abwechslung haben …
Also weiter, weiter …
Zunächst aber beschloß ich, eine Sekundärbahn zu benutzen und meinem Heimatsorte, der in der Nähe lag, einen Besuch abzustatten.
Das war eine halbwegs sentimentale Anwandlung. Aber, lieber Gott! so ein Stückener fünfzehn Jahre mochte es her sein, daß ich das Nest nicht gesehen hatte. –
Am Vormittag kam ich an. Der Zug – halb Güter-, halb Personenzug – entlud sich seiner sechs Passagiere; der [pg 8] Bahnhofsinspektor kroch aus seinem Bureau hervor, preßte sich die rote Mütze auf den Kopf und trug langsam seinen dicken Bauch am Zuge entlang. Ein paar italienische Hühner, die vor dem kleinen, neuen Backsteingebäude umherpickten, stoben gackernd auseinander. Die beiden Schaffner traten zusammen und staunten meinen Hut und Überrock an, der ihnen vielleicht außergewöhnlich neumodisch vorkam. –
Kaum hab ich ein paar Schritte getan, da regt sich mein Lokalpatriotismus. Nun haben wir hier auch eine Bahn!…
Aber ein Wetter? Köstlich!
Da liegt das Nest. Die roten Dächer im Gartengrün den Berghang hinauf übereinander aufgestapelt, übereinander hinweglugend. Vögel drüber in der blauen, goldigen Luft. Die drei Kirchtürme, die hohen grauen Schloßtürme vom höchsten Gipfel herab und die kerzengeraden Rauchsäulen in der blendenden Sonne.
Alles genau so wie früher. Nur nach dem Bahnhof zu ein paar Bauplätze und ein paar neue Häuser. Nur da, ganz neu: ein paar längliche rote Backsteingebäude und ein weißblendender »Palast«. Ein Großhändler. Ein wirklicher, richtiger Großhändler. Ich lese das Firmenschild: H. Windesheim & Co. Glückauf! –
Und nun trat ich durch das Tor, durch das »damals« noch der gelbe Postkutschkasten abends zwischen den blühenden Fliederbüschen auf der staubgrauen Chaussee gemütlich hereinhumpelte. Wie schön der Postkutscher immer geblasen hatte, wenn wir so neben der alten Karre hersprangen!…
[pg 9] Da sind die Gartenmauern mit dem übernickenden Grün, und da ist der »Goldene Bär« und der »Schwarze Adler«. Herrgott! Fünfzehn Jahre? Wirklich fünfzehn Jahre?
Ich … Hm! Kann man sich hier nicht irgendwo ein paar Zigarren kaufen?…
So! Freilich: ländlich, schändlich! Aber … Ja! Warum man nur heutzutage so über den Tabak räsoniert?…
So! – Der schöne blaue Rauch! Und nun um Gottes willen nicht sentimental werden! Denn »das hat gar keinen Zweck«! –
Ich stolpere, mit schweifenden Blicken, rauchend über das bucklige Pflaster mitten über den Fahrweg. Immer weiter und weiter.
Wenn mir jetzt ein alter Freund, ein Jugendbekannter, ein ehemaliger Schulkamerad, nun biederer Schuster, Zimmermeister oder Schlosser, begegnete und mich fragte, was ich für ein »Metier ergriffen« hätte? Das Herz klopft mir ein wenig.
Hm! Peinlicher Gedanke! Wie sollte ich mich ihm, unbeschadet meiner Reputation, verständlich machen?
Nein, ich will ganz allein so ein Stündchen, sozusagen inkognito, hier umherbummeln, ganz mutterseelenallein, mir still alles ansehen und mich dann wieder fortschleichen, hinaus zum Bahnhof.
Ich lese die Firmenschilder. Ja, nun merke ich doch: die Generationen haben sich ein wenig verschoben. Es kann aber auch sein, daß ich viele Namen vergessen habe.
Ein paar Leute gehen an mir vorüber. Ob Bekannte darunter sind? Niemand redet mich an, nur fremde Gesichter.
[pg 10] Wie lächerlich klein die Häuser geworden sind! Richtig eingeschrumpft sind sie.
Ach, die kleinen Straßen! Hinauf und hinunter! Die Schwalben schießen zwitschernd an den grauen, gelben, weißen und blauen Häuserchen hin. Ein paar gelbflaumige Gänseküchelchen piepen auf dem Pflaster umher. Dort drüben sehen die weiten grünen Felder und Gärten in die Stadt herein; über die Dächer hinweg die blaue, sonnendunstige Ferne.
Ach, und so still! Wie still hier die Welt geblieben ist! Nur fernher rattert langsam, schläfrig ein Lastwagen. Unten schwatzen ein paar Nachbarn über die Gasse hinüber. Ich höre ganz deutlich, was sie sprechen; Wort für Wort.
Weiter. –
Hier haben wir Ball gespielt. Hier hab ich einmal einen Silbergroschen gefunden und ihn sträflich in Johannisbrot und Kirschen vergeudet. Hier haben wir gewohnt, und hier; und hier wurde ich geboren … Ach, ach, ach – In dem kleinen Häuschen da noch der alte Buchbinderladen mit der schön waschblau gestrichenen Tür. Hier habe ich mir Neuruppiner Bilderbogen und Bleistifte gekauft. Ich trete ein. Eine alte Frau. Ich kenne sie sofort wieder. Ordentlich Herzklopfen bekomm ich. Ich mache einen kleinen Einkauf. Sie kennt mich nicht mehr. Natürlich … Nein, anreden will ich sie nicht. Still weiter! –
Und nun den alten Marktplatz hinauf. Da, der mittelalterliche Rathausturm mit der blauen Sonnenuhr. Dort oben wohnt noch der Türmer, der die entsetzliche Brandglocke läutete, wenn Feuer ausgebrochen war. Der Türmer, [pg 11] der abends immer so schöne Choräle über die stillen roten Dächer beruhigend in den schönen Feierabend hineinblies. Die Falken schrillten dazwischen, und die Schwalben schossen in langen, weiten Bogen um das spitze Schieferdach des Turmes, auf dem die Abendsonne lag.
Hier auf dem Markt versammelten sich in ihren grünen Röcken und steifen Tschakos mit den schwarzen Hahnfederbüschen – nur die Musik hatte rote – die Stadtschützen, wenn draußen vor der Stadt im Schützengarten hinter dem alten Schloß Mannschießen war. Das dauerte immer acht Tage. Jeden Tag zogen sie hinaus, und es war ein schönes, aufregendes Fest.
Wie spät? Was! In einem kleinen Stündchen hab ich das ganze Nest durchstreift und stehe vor dem anderen Tor. Da ist die alte Grabenbrücke. Durch Brennesseln und Scherben krochen wir Jungens hindurch in ein enges altes Gewölbe, das wir unter einem Garten aufgestöbert hatten. Hinten konnten sich gerade noch ein paar Sonnenstrahlen durch eine vergitterte Luke zwängen, die ein bläuliches Dämmerlicht gaben. Wir machten hier Rauchversuche mit Pfennigzigarren, lasen grellbunt illustrierte Räuber- und Indianergeschichten und unternahmen, von ihnen begeistert, allerlei Raubzüge in die Gärten und Schotenfelder der Umgegend. –
Und jetzt steh ich draußen auf den grünen Bergen. Die Wolfsmilch blüht wie früher zwischen den Kalksteinen, und die frische Luft weht immer noch über die Gräserchen und Hungerblümchen, die sich zwischen dem Geröll hervorzwängen. Immer noch taumeln die weißen und gelben Schmetterlinge drüberhin, und unten im Tale fließt der [pg 12] Bach zwischen Wiesen und Gärten und stürzt über die brausenden Mühlwehre.
Und dort auf der Anhöhe das Schloß. Der Marterturm, der alte, riesige graue Wachtturm, die hohe Schloßkirche. Die dicken, ungeheuren, unverwüstlichen Wallmauern, zwischen denen Ebereschen und Vogelbeeren hervorbrechen. Weit, weit dehnen sie sich in die Runde. Tief der alte Wallgraben mit Gras und Gebüsch, hier und da voll Geröll und Mauerstücken. Die tiefen schwarzen Schießscharten. Die Brücke und das Tor mit den Wappen und Kruzifixen und den steinernen, knienden Rittern davor.
Da oben zwischen dem alten Mauerwerk kletterten und spielten wir umher. Hab ich keinen Bekannten, keinen Freund mehr hier? Nein, nicht einen einzigen. Nur Erinnerungen und ein paar Gräber. –
Und wieder streif ich durch das Nest, bis ich zu einem Gäßchen komme. Zwischen alten Scheunen und halbzerfallenen, gelbbraunen Lehmhütten mit verwitterten Strohdächern schlendere ich hinauf, auf die Friedhofskapelle zu. Oben im Dachstuhl, frei in der Frühlingsluft, die alte grünspanige Friedhofsglocke, umspielt von Sonnenschein und Schmetterlingen im Gebälk. Und unten davor die uralte mächtige Linde, die mit ihrem zerklüfteten Wipfel das Ziegeldach überragt. –
Jetzt bin ich oben. Rechts und links zweigt sich die Scheunengasse weiter, und rechts und links von der Kapelle aus auf der anderen Seite, lang, weit die hohe Friedhofsmauer.
Ich stehe vor der Kapelle. Unter den vier Bogenfenstern an den beiden Seiten des breiten Tores – »Eingang zur [pg 13] Ruhe« haben sie darüber gemalt – stehen in altfränkischer Schrift Sprüche eingegraben. Ich suche sie zu entziffern.
»Hier seynd viel dausend neingeschiegt
und warden auf das Jüngste Gericht«
heißt der eine. –
Es ist so still und so einsam, so totenstill hier. Nur die Linde raunt ununterbrochen, und die Bienen summen leise dazwischen umher. Die sonnige Luft, so warm und schläfrig. Mücken und große stahlblaue Schmeißfliegen darin hin und her. Ein schimmlig modriger Geruch von dem Müll und Schutt an den Scheunen hin.
Ich starre auf die dunklen Fenster, und mir ist, wie damals immer, als müßte auf einmal von drinnen heraus aus der grabesstillen, feuchtkühlen Finsternis ein weißer Totenschädel durch die blinden, spinnwebüberzogenen Scheiben grinsen. Ich schreite auf das massive Eisengittertor zu. Wie oft, mit einer, war ich da hindurchgeschritten. – Es ist recht rostig geworden. Wie ich auf die Klinke drücke, kreischt ein Ton schrill und scharf in die sonnenheiße Mittagstille. Es ist zugeschlossen. Hier ist kein Eingang mehr. Ich gehe ein Stück die Mauer hin und finde ein neues, sauberes Tor neben einem neuen Leichenhause.
Ich schreite hindurch, und da merk ich erst, daß ich noch immer diese dumme Zigarre im Munde habe. Schnell laß ich sie hinter meinem Rücken zu Boden gleiten. Ein unerklärliches Gefühl von Scham, Angst und Sehnsucht überkommt mich, und zitternd, mit klopfendem Herzen tret ich ein. Mir ist, als sollt ich in den nächsten Augenblicken von jemand, von einer verhört werden, als sollt ich Rechenschaft ablegen über all die Jahre. –
[pg 14] Kein Mensch da. Ich bin ganz allein auf dem weiten, stillen, sonnigen Friedhof.
An dem halbversunkenen, regenverwaschenen Kapellentor schleich ich vorbei, unwillkürlich einen Augenblick auf den Zehen. Es ist hier schattig von Bäumen, und das alte Gemäuer haucht einen kühlen Moderduft aus.
Ich sehe rechts hinüber. Der alte Ahorn. Da ist das Erbbegräbnis. –
Nein! Ich kann noch nicht gleich so hingehen. Es würgt mir in der Kehle, und es ist, als ob mir die Augen feucht würden. Ein so dummes, sonderbares Gefühl. Die ganzen Jahre her: nein, wohl kaum ein einziges Mal ist mir so zumute gewesen. –
Ich gehe vorbei und schreite zwischen den Gräbern entlang die gelbsandigen, buchsbaumumfaßten Wege hin. Die Sonne blinkert auf der Goldschrift eines Marmorsteins. Überall Grabmäler. Hohe, niedrige, breite, schmale. Uralte, sargähnliche; grünübermoost. Eine Säule mit einem goldumfransten, steinernen Mantel drüber. Zwei verschlungene Hände. Zwei umgekehrte Fackeln, gekreuzt. Eine vergoldete Schlange, die sich in den Schwanz beißt. »Das Symbol der Ewigkeit«, hatte sie mich damals belehrt, als sie mich fast täglich mit hierher nahm und ich über die grünen Gräber weg nach den bunten Schmetterlingen haschte, den Admirals, den Trauermänteln, Totenköpfen und den gelben Buttervögeln … Dort eine wetterverwaschene Grabschrift. Naive Verse, die mit dem »Wiedersehen da drüben« trösten. Die alten, dunkelgrünen Lebensbäume und die hellgrünen Trauerweiden. Birken und Tannen. Goldlack und fliegendes Herz. Rosen und [pg 15] Nelken und Jelängerjelieber. Dazwischen verblichener, silbergrauer Flor um einen welken Kranz. Blumen und Grün, überall Blumen und Grün in der bienensummenden, duftschweren Mittagschwüle. –
Hier standen die alte Mauer und die Pflaumenbäume. Wie oft hatte ich in den Ästen gehockt, während sie da drüben auf der grüngestrichenen, sauberen Lattenbank unter dem Ahorn vor einem Grabe saß …
Und hier, an dieser Stelle, muß es gewesen sein, wo einmal eine kleine Schar Leute im Kreise um etwas herumstand. Es war ein Mann, lang und starr über ein Grab hin. In der Hand hatte er eine Pistole, und da, wo der Kopf sein mußte, hatten sie ihm eine blaue, verwaschene Schürze übergedeckt … Es fällt mir wieder ein. – Hier die Mauer, an der er dann eingescharrt wurde. Drüberhin kann man weit über die Felder und Hügel hinsehen. – Alles streicht an mir vorbei wie im Traume; und endlich steh ich unter dem Ahorn und sinke auf einer alten, regenverwaschenen Bank nieder. Sie ist wacklig und hier und da ausgebessert.
Vor mir drei efeuüberwucherte Gräber und ein schlichter Sandstein in Form einer aufgeklappten Bibel. Auf dem einen Blatte ein Bibelspruch, auf dem anderen ein Name und ein paar Daten. Und da drunter liegen ein paar morsche, braungraue, schmutzige Knochen und ein goldenes Ringelchen … Weiter nichts! –
Du?… Das bist du?…
Und doch – Was, »und doch«? – Ja, und doch ist etwas so lebendig in mir: all diese Erinnerungen.
Wie wunderlich das ist!
[pg 16] Alle die Erinnerungen von dem, damals, da unten zwischen den grünen Bäumen und roten Dächern; und von dem hier oben, wenn ich hier neben ihr saß in meinem blauen Kittelchen und an ihrem guten Gesicht hing. –
Eine kommt nach der anderen, und … allmählich werd ich so wunderbar müde von dem einschläfernden Bienengesumme ringsum und der warmen Sonne und dem Blumenduft und dem leisen, wispernden Rauschen über den ganzen Friedhof hin, so wunderbar müde …
Als ich nachher wieder draußen vor der Kapelle stand, fühlt ich mich sehr frisch und heiter. Ich summte sogar vor mich hin. So entschlossen war ich, beinahe übermütig. – Zwei Männer kamen mir entgegen, die Friedhofgasse herauf. Sie bogen um die Ecke und gingen an den Scheunen hinunter. Der eine kam mir so bekannt vor.
Donnerwetter! War das nicht der »lange Hirsch«?!
Jawohl! Aber er hatte recht gemischtes Haar bekommen. So die Couleur »Kümmel und Salz« … Er schlenkerte immer noch so mit den Armen, wenn er sprach.
Ich sah ihm nach und lachte.
Der einzige Bekannte, den ich wiedergetroffen hatte.
Er war ein Allerweltsmacher. Sozusagen der Spaßmacher der ganzen Stadt, mit bei allen dummen Streichen. Oft hatte er schönes Geld; aber dann vertrank er’s bis auf den letzten Pfennig, denn er konnte kein Geld leiden.
Einmal hatte ich ihn, hoch zu Pferde, in einer kakelbunten, phantastischen Uniform, einen dreieckigen Hut mit einem riesigen Federbüschel auf dem Kopfe, vor einer aufgeputzten Schar unter Trommel- und Pfeifengetön über [pg 17] den Markt zum Tore hinaus in die Berge reiten sehen. Es war irgend so ein Frühlingsspiel.
Der lange Hirsch hatte mich damals immer sehr interessiert.
————
Gegen Abend saß ich wieder auf der Bahn. Vor mir, in der Richtung, in welcher der Zug fuhr, lag bereits das Abendrot am Horizont hin über den Feldern.
Ich saß ganz allein im Coupé. Ich lehnte mich zurück, drückte mich in die Ecke und kniff die Lippen und Augen zusammen, um die Empfindungen im Zaum zu halten, die in mir umherrumorten.
Ich sah ein anderes Abendrot. Breit, qualmig von Kohlendunst, sich in den blaßblauen Himmel verlierend, und hohe blaugraue Häusermassen schieben und zacken sich breit hinein, und ich höre ein Rauschen und Brausen, rastlos lockend wie Meeresbrandung. Weiße elektrische Monde seh ich, breite Straßen mit der Pracht zahlloser Schauläden, wie aus Licht gewebt, rollende Wagen und alle die Menschen, diese sonderbaren, unruhigen, hastenden, hoffenden Menschen …
Noch eine Weile will ich mich hier draußen im Lande herumtreiben, wo die Welt so still und langsam geht.
Wie lange aber wird es dauern und ich muß wieder hin. Ich muß, und sollt ich ersticken in diesem rastlosen, unbarmherzig vorwärtstreibenden Strudel. Ich muß. – Die Sehnsucht wird mich treiben. Die Sehnsucht? Wonach?…
[pg 18]
Rendezvous
Ein wenig blasiert, ein wenig müde, kam ich hierher in dieses Nest.
Ein ganz gewöhnlicher Marktflecken, mehr Dorf als Stadt, einen Talkessel in die Höhe liegend, zwischen Gartengrün und Wald, bei einem See.
Ein ganz simples Nest. Aber ich begegne hier keinem Menschen, denn für regelrechte Touristen ist es doch ein wenig zu langweilig. Gott sei Dank! Ich meinerseits habe hier Luft, Licht, Sonne. Das ist für mich die Hauptsache. Und dann macht sich der sterntropfende Nachthimmel hier über diesen winzigen Baracken und bemoosten Scheunendächern ebenso schön wie anderswo.
Aber eins nötigt mir zuweilen ein resigniertes Lächeln ab. Ich genieße hier. Ja! Ich genieße alles. Bis zum Kleinsten. Einen Buchenwipfel, vom Sonnenlicht durchzittert; die lärmenden Spatzen auf der ungepflasterten Gasse; ein Huhn, das im Grase pickt; die Bienen, die in den Kirchenlinden summen; einen Schmetterling über die Blumen am Feldrain hin. Aber ich genieße das alles als Kontrast, als etwas Heiteres, Niedliches, Lichtes, Sonniges gegen einen gewaltigen, düsteren Hintergrund. Es ist noch so etwas wie Raffinement in meinem Genuß; er ist nicht unbefangen. Ich genieße wie einer, der einer Krankheit entronnen ist, wie ein Genesender. Nun immerhin: wie ein Genesender …
Ob das wohl jemals anders sein kann? Ich meine: ob man wohl noch einmal ganz, ohne Rest, im Leben, in einem großen Glück aufgehen kann? Besinnungslos? [pg 19] Fortgerissen? – Ganz Kraft, ganz Leben, ohne des »Gedankens Blässe«?
Wenn ich mich recht zurückbesinnen kann, so war das wohl früher einmal. Es ist aber nun schon recht lange her. Ein einziges großes Fest war damals das Leben und ließ kein Reflektieren aufkommen; kein Reflektieren …
Ach was!
Wie herrlich der Mond dort voll über den Bäumen steht!
Zudem: heute hab ich ja ein Rendezvous. Ein nächtliches Rendezvous …
————
Wie spät? Gegen zehn. –
Es ist so hell, daß ich’s hier, beim offnen Fenster, erkennen kann.
So! – Und nun schnell das Jackett über, den Hut. Zum Fenster hinaus. Leise durch den schönen, hellen Garten. Über den Zaun, mit einem Satz.
Die Ungeduld! – Und sie wird mich doch noch ein Weilchen warten lassen. –
Aber wenn ich hier langsam so an den Gärten hinbummle?
Alles schon tot. Nirgends ein einziges rotes Licht zwischen den schwarzen Bäumen durch. Wie das Mondlicht drin flimmert! Wie sie sich in den weiten klaren Himmel zacken!
Fern, fern vom anderen Ende der Stadt kläfft hell ein Hund in die mondglimmende Nachtluft hinein. Rein und klar jeder Ton. In einem fort. Aus dem Inneren, vom Markt her, schläfrig, behaglich das Kuhhorn des Nachtwächters. Von Zeit zu Zeit, immer wieder. Jetzt hier, [pg 20] jetzt da. – Das Kirchglöckchen: zehn zitternde, silberhelle, friedliche Töne.
Die wunderfrische, schöne Nachtluft! – Ah! Man kann aufatmen, aufatmen, aufatmen! –
Dort, weit am Horizont, verschimmern die graugrünen, wogenden Felderflächen in den Mondglast. Die Sterne tropfen drüberhin. Unzählig! Unzählig! – Schwarz kraust sich die Waldung drüben den Berg hinan mit breiten, langen, mattsilbernen Lichtflecken drüber und silbernem Gekräusel. Und der Bach rauscht den Hang herunter; rätselhaft, wie raunend. Verschwimmende, ungewisse Töne. Wie Stimmengewirr, bänglich. – Unruhig bleibt man stehen und lauscht, als könnte man Worte hören, irgendwelche Worte. Aber aus den dichten Gärten schluchzt eine Nachtigall; weithin, lang, süß. Beruhigend, traulich. – Lächelndes Sinnen überkommt einen.
Husch, husch! – Eine Eule! Weich, samten über den mondlichten, staubigen Grasweg hin. Zwischen den Gärten kreischen Katzen. Von Zeit zu Zeit ein flinkes, zierliches, sich entfernendes Rascheln in den Zäunen hin, wie in Windungen. Blumen glimmen von den hellen Beeten her. Und hier stehen sie am Weg entlang; wild, in breiten bunten Flecken; regungslos …
Weiter! Immer hier an den Zäunen entlang.
Hier der Kirchberg.
Weiß, schneeweiß die Kalkwände. Und der Turm, mit den schmalen schwarzen Luken. Das Glockengebälk. Die Glocken und die Balken silbern beleuchtet nach dem Mond zu, auf der anderen Seite tiefschwarz. In dem einen Fenster fängt sich das Mondlicht. Es sieht aus, als wären [pg 21] drin, in dem kahlen stillen Kirchenraum, Lichter angezündet zu irgendeinem mystischen, gespenstigen Gottesdienst.
Ein steiler Hang mit Kalkgeröll. Drüber, einsäumend, Gras, und schwarze Lebensbäume und mondbeschienene Kreuze und weiße Leichensteine dazwischen. Alles so still, so still …
Ob jetzt wohl unten vor über den abschüssigen Weg hin das gespenstige Gespann kommt? Es ist ganz feurig. Der Wagen, der Lenker drauf, die wilden Rosse: alles von rotem, glühendem Feuer. So lodert, flammt es über den Weg hin und unten in den umbuschten, laichgrünen Entenpfuhl hinein. Da findet es seine Ruhe.
Nein! Es ist ja noch nicht zwölf.
Und dann ist das auch nur in ganz schwarzen Nächten, in denen man die Hand nicht vor den Augen sieht, und da auch nur für Sonntagskinder.
Aber wie sonderbar! Es war mir doch wirklich zwei Sekunden so, als könnte das möglich sein. Ich habe, ein wenig zitternd, sogar darauf gewartet.
Man verlernt in einem so kleinen, dummen Neste doch all seine kluge, gute, verständige Großstadtweisheit. Man fühlt und glaubt das Ungereimteste wie ein Kind.
Ach, was ist der Verstand! – Der Verstand? Ach was! Der Verstand ist ein spargellang aufgeschossener, engbrüstiger, bläßlicher Lümmel, einen Kneifer auf spitzer Nase, vor kalten grauen Augen, mit schmalen mokanten Lippen und dünnem, glattgescheiteltem Haar von einem charakterlosen Blond. Das ist der Verstand. – Ein Lokalprodukt von elektrischem Licht, guten Fahrverbindungen, [pg 22] breiten, klaren, sauberen Straßen, modisch geputzten Menschen, Fabrikschornsteinen, Palästen und Telephonen …
Da geht alles so leicht und gut und bequem zu. Das Leben wird klar, plan, systematisch wie ein Rechenexempel, und selbst Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Bis einem gelegentlich ein mondbeschienener Kirchberg einen Strich durch die saubere, zierliche Rechnung macht und das Leben einen wieder einmal in einer stillen, nachdenklichen Stunde als Problem mit seinen geheimnistiefen, rätselhaft unergründlichen Nachtaugen ansieht …
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Weiter. Hier am Bache entlang, zwischen Gras, Huflattich und Ranunkeln hin. Hier ist es dunkel und schaurig. Ein feuchter, kühler Wasserdunst.
Von den Gärten hüben und drüben, dicht über die schiefen Lattenzäune weg, drängen sich buschige, schwarze Zweige über das Wasser hin. Sie berühren sich. Und das Mondlicht sickert und tropft hindurch und legt bebende Reflexe über das still plätschernde Wasser und die breiten Blätter auf den dicken, hohlen Stielen am Ufer hin.
Hier und da eine Lücke in den Zäunen. Ich sehe auf silbergrüne Wiesen. Schweifende, wallende, wogende Nebel drüber und Silbergeriesel.
Langsam, träge treibt da etwas mitten in der Strömung, zwischen weißen und gelben wankenden Wasserrosen hin. Etwas Längliches, Schwarzes, Rundes. Im Mondlicht Löcher drin, weiße Rippen: ein Kadaver. Ein toter Hund oder so etwas. – Da treibt es vorbei, weiter; entfernt sich mit den flinkernden, plätschernden Wellen hinein in den silbrigen [pg 23] Mondglast da hinten zwischen dem übergeneigten, sich mischenden Baumgrün.
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Angelangt!
Die Lattentür ist angelehnt, halb offen; wie verabredet.
Zwischen den Heckenbüschen durch seh ich in den Garten.
Mit klopfendem Herzen.
Nein, noch nichts.
Ob sie sich versteckt hat, mich neckt?
Hinein! Suchend zwischen dem Flieder, Schneeball, Goldregen, den Stachelbeerbüschen und Obstbäumen hin.
Lächelnd, immer auf der Hut, daß es nicht unversehens weiß hinter einem Busch, hinter einem Baum hervorhuscht, mich zu erschrecken.
Nein! Noch nicht da. Nirgends.
Natürlich!…
Hier auf die Bank, unter den Birnbaum.
Vom Kirchberg her ein feiner, verzitternder Klang.
Ein Viertel auf elf.
Das helle Licht über die Beete und Blumen, über die gelben Kieswege hin! Wie am Tage. Hinter dem Zaune der plätschernde Bach. Und die schöne, milde, linde Luft, und der weite, weite, lichttropfende Himmel …
Und …
Sst! War das …
Nein, die Katze! Dort an den Büschen hin.
Oben lugt das Haus über das Hofstaket empor, mit hellem Dach und weißen Gardinen zwischen dem Weinlaub vor. Kein Licht. Alles dunkel.
Nein, noch nichts …
[pg 24] Ich lehne mich gegen den Baumstamm und seh in den Himmel hinein, weit oben über den Bäumen und träumenden Dächern, immer nur in den Himmel hinein. Es ist, als ob all das unendliche Licht herniedersinkt, immer tiefer, immer näher, wie ein goldiger Regen.
Und in sehnendem Traume seh ich hinein in den goldigen schönen Trug; lange, lange … Wunderbar beruhigt und doch sehnend, nun meine Gedanken schweifen: Wer weiß, wohin?…
Da – alles fort! Ein jäher, minutenlanger Schreck. Aber es ist mir weich und warm über die Augen weg und ein linder, warmer Atem an den Schläfen hin und von hinten ein leises, silbernes Kichern …
»Du?!« – – –
Die Rezension
Eins verursacht mir zuweilen eine stille Freude: daß ich hier so gar nicht wählerisch bin.
Es ist unglaublich, was für ein höllisches Beizkraut von Tabak ich nebenan beim Krämer bekomme. Es würde mich in der Stadt zur Verzweiflung gebracht haben. Und wie schön schmeckt mir hier im Garten bei einem Buch oder draußen zwischen den Feldern meine Pfeife Paetum optimum supter solem …
Auf der Enveloppe ein Hahn auf einer Tabaksrolle, mit lang ausgespreizten, spießartigen Sonnenstrahlen herum, oder ein Reiter auf einem Pferd mit wahren Elefantenbeinen. Ein haarsträubend primitiver Holzschnitt … Ich weiß nicht, ob ihr die Sorte kennt. Kaum.
[pg 25] Das macht, ich lebe hier in so ganz anderen Dingen. Ich bin so gleichmäßig, so ruhig, so heiter-durchsättigt von all dem schönen, sonnigen, sommerlichen Leben hier.
Jetzt seh ich erst, wie ich in der letzten Zeit meine Kraft, meine Gedanken und mein Empfinden in allerlei nebensächlichen Kleinigkeiten verkrümelt hatte. In den heikelsten Raffinements hatt ich mich verloren. Ach Gott, wer weiß, was alles! Immer von einem zum anderen. Alle möglichen Japanereien.
Aber jetzt? Wie ausgetauscht bin ich!
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Ich stehe z. B. jeden Morgen um fünf Uhr auf. Sobald die Sonne über das Dach geklettert ist und zwischen der Lücke im Fenstervorhang hindurch kann und mir mit ihren goldenen Fingern übers Gesicht streichelt, muß ich heraus. Unten im Garten trink ich dann meinen Kaffee, unter einem weitüberhängenden Apfelbaum, zwischen Kohlbeeten, Stachelbeerbüschen, Stiefmütterchen, vis-a-vis einer rotaufgeblühten Nelke, die durch den ganzen Garten leuchtet, recht prätentiös über all die Rosen, die roten und gelben und weißen am Staket hin. Oben im Hofe piepsen die flaumigen Hühnerküchelchen um die Glucke herum, und der große weiße Hahn, Herr Meier, mit dem feuerroten, in der Sonne transparenten Kamm trompetet in den frischen Morgen hinein auf dem schönen, goldgelben und sammetbraunen Düngerhaufen. –
Dann streif ich durch die Felder.
Zuerst an einer Bergkante hin, unter mächtigen schattenden Buchen, Linden und Kastanien. Bläuliche Schattenflecke [pg 26] und goldiggelbe Lichtkringel zucken über den braunen Weg. Nach unten, den grünen Hang hinunter bis zur Chaussee, Kirschbäume und Rotdorn. Zwischen den Bäumen hindurch seh ich über weite, tauglitzernde Wiesen weg am Bache hin. Jenseits winden sich Felder kreuz und quer und bunt durcheinander die Hügelhänge hinauf. Und hier und da, zwischendurch, blitzt lang der See auf. Links liegt das Nest in dem Talwinkel in das Grün eingekuschelt, und die blauen Rauchsäulen steigen steilgerade in die Morgenluft hinein.
Dann bieg ich rechts in einen steinigen Hohlweg ein. Von beiden Seiten hängt dichter, staubiggrüner Teufelszwirn über. Oben, zwischendurch, ein langgestrecktes, tiefblaues Bandstück vom Morgenhimmel; und in den Gärten die Finken und Meisen und die Bachstelzchen, die Wippschwänzchen, trippeln vor mir über den Weg.
Und dann, auf einmal, bin ich im freien Felde.
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Sonne! Sonne!
Die ganze Welt ist trunken von Sonne.
Weit die Hänge hinunter, hinauf und wieder hinunter; in die Länge und Breite und Tiefe. Weit! Weit!
Und oben: mächtig, mächtig der lerchenschmetternde Himmel mit dem großen, gleißenden Sonnenauge.
Sonne! Sonne!
Die Morgenluft wühlt in werdenden und verebbenden und wieder neuen silbrigen Wellen über die weitgedehnten Felder hin. Und jeder Gedanke ertrinkt mir in diesem goldigen, weitleuchtenden Lichtmeer.
[pg 27] Aber über die Arme und den Körper rieselt es mir, heiß, belebend wie elektrische Ströme, und meine Brust hebt sich, und freier rühren sich die Füße. Und hinein in den sonnigen, frischen, gesunden Morgen; in die Luft, in die Sonne! Weiter, immer, immer weiter!
Und meine Augen weiten sich, und meine Nüstern dehnen sich und schnaufen die Luft ein, und mir ist, als wollt ich mit jeder Fiber das alles in mich aufnehmen, die ganze lichte, singende, weite, herrliche Welt!
Und ich stammle wunderliche, wahnselige Worte vor mich hin, die ich nicht höre. Es ist nur, als flute etwas aus meiner Seele heraus, hinaus wie überströmendes Leben, überwallende Kraft.
Und alles liegt unter mir, weit unten in der Sonne.
Die hohen Talbäume so klein, mit krausem, zitterndem Laub, und die Pflüger, wie Schnecken langsam die sattbraunen Feldbänder hinkriechend, und die kleinen Dächer und der Fluß.
Nur hoch, hoch da oben, ewig über mir, das jubelnde, golddurchblitzte Blau; weißleuchtendes Gefieder drin, dort und dort.
Und ich möchte aufschreien vor unbändiger Lust und quälender Ungeduld, und ich recke die Arme und verliere mich in Kraft und Leben.
Bis ich taumlig werde von alledem, bis es mir über die Kräfte geht und ich hinsinke in das krause Weggras, und mein trunkenes Auge sich sammelt und beruhigt an den stillen, roten, nickenden Wegnelken und dem gelben Steinklee und dem violetten Thymian, den bunten Schmetterlingen und den leise, leise summenden Hummeln.
[pg 28] Wie betäubt lieg ich und starre vor mich hin in das kurze Gras und wage nicht, seitwärts zu blicken …
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Hier ein Grashalm, scharf an beiden Rändern von unzähligen Kristallen. Vorn an der zierlichen Spitze ein rundes, funkelndes Tautröpfchen. Das Hälmchen schwankt leise in der wehenden Luft hier oben. Und der Tropfen leuchtet. Jetzt orangen, jetzt goldig, jetzt bläulich, grün, violett, silberhell.
Halme, dünn, schlank, mit krißligen Dolden.
Wenn ich den Kopf in das kleine, krause Rasengewirr lege und die Augen etwas zusammenkneife, wanken sie wie sturmbewegte, hohe Baumkronen gegen den blauen Himmel hin und her, hin und her. Wie ein Wald von wunderlichen Fabelbäumen.
Und die Hummeln mit dem schwarzsamtenen Leib und der braunsamtenen Verbrämung, eifrig von einem Kelch zum anderen. Und dann in die Luft hinein, in den sonnigen Morgen, hinunter in das Tal, taumelnd im zackigen Flug, in der Luft schwebend wie riesige Ungeheuer.
Vor mir eine Feldnelke. Wie ich sie betrachte, ragt sie hoch, hoch über eine einsame Feldscheune weit draußen am hügeligen Horizont und taucht mit ihrer glutroten Krone in den Himmel.
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Und ich atme auf, tief, einmal, wieder und wieder.
Ich stammle vor mir hin, alte, vertraute Laute. Und die fügen sich zu rhythmischem Tonfall, wie die Luft weht und [pg 29] stoßweise mir in die Ohren knattert, gleich flatterndem Seidenband; wie die Grashalme sich biegen und beugen, hin und her, hin und her; wie die Lerchen trillern in bestimmtem Rhythmus, der wiederkehrt und wiederkehrt, leiser, lauter, ferner, näher; wie der unaufhörliche Feldgesang der Insekten; wie die weiten Felder den Hang hinab fluten und fluten; immer, unersättlich in demselben Rhythmus. Und erstaunt lausch ich mir selbst.
Ich glaubte, ich könnte das nicht mehr.
Und wie ich lausche, ist es dieselbe alte, ewige Melodie. Immer dieselbe, unersättlich dieselbe. Fragend, sehnend, wild, beruhigt, angstvoll und glückgesättigt.
Die alte Weise. Das alte Lied.
In Ewigkeit wohl wird es gesungen werden …
Und so lieg ich und liege, in der Sonne, im Grün. Über mir die blaue Unendlichkeit, und unter und vor mir die weite, grüne, jubelnde Welt. Und die Gedanken schweifen, bis mich ein Grauen faßt, ein wonniges und drückendes Grauen, daß ich mit ihnen so allein bin, so allein hier oben in der stillen, rätselhaft raunenden Einsamkeit …
Und hinunter wieder, taumelnd, träumend, mit wankendem Fuß in die talfriedliche Enge der Menschen …
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Das erste Haus, eine kleine weißgetünchte Kate, an einen laubigen Hügel gelehnt, sich duckend zwischen aufgeschichtetem Birkenholz und Dünger, flachsköpfige Kinder in bunten Kittelchen vor dem schwarzen Türloch, knallrote Geranien und Fuchsien auf den grünen Fensterbrettern, macht mich wieder zum verständigen Menschen.
[pg 30] Ich bin sogar imstande, über die Gasse weg dem dicken Krämer einen »guten Morgen« zuzurufen, wie er in der Ladentür steht und in die Morgenluft hineinschnüffelt.
Nein, er dankt mir ganz normal! Es ist unmöglich, daß man mir so etwas wie den verrückten Engländer anmerkt. In so einem kleinen Klatschnest wäre das auch in mancher Hinsicht fatal.
Für alle Fälle ist es auskömmlicher, man merkt mir gar nichts an, gar nichts, so wenig wie möglich, wes Geistes Kind ich bin. Ganz kann ich mich sowieso nicht verleugnen, und ich weiß, daß mich dieser infame Tütchendreher mit Wonne bei meinen Einkäufen übervorteilt. Wer weiß, was für Lapsus ich mir sonst noch in meiner göttlichen Unbewußtheit zuschulden kommen lasse. –
Fidel pfeif ich mich die Gasse hinab und habe dabei so meinen Spaß, wie sich allerlei Gedankenwerk in meinem Schädel zusammenkreiselt. Sicher werd ich heute noch was zusammenleimen, was die ganze Morgenherrlichkeit wiederholt, kindlich, kindisch stammelnd, trotz aller Mühe und zerkautem Federhalterende.
Ach ja! –
Und dann wieder die Rezensenten im Winter. Wie sie mir alle meine Gebresten vorfingern werden. Da merkt man erst wieder mal, was für ein kapitaler Ignorant man ist … Ja, ja, die Rezensenten! –
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Mit dieser, allerdings etwas flüchtigen Berücksichtigung einer gewiß nützlichen Menschensorte tret ich in mein Zimmer ein.
[pg 31] Ein lichtgrau tapezierter quadratischer Raum voll Sonne und Luft. Ein weißes Bett, ein Waschtisch, ein geblümtes Sofa mit einem weißen Hundefell davor, ein braun gebeiztes Regal mit ein paar Büchern und umständlichem Rauchutensil, ein paar Stühle, ein paar kolorierte Stiche à la Neuruppin, ein einziges, breites Fenster mit weißen Gardinen. Davor gerückt ein großer Tisch. Viel weißes Papier darauf im wirren Durcheinander und dazwischen ein Tintenfläschchen. Die Sonnenstrahlen huschen drüberhin und schillern in dem Wasserglas mit den vier »gloire de Dijon«. Und draußen ein wippender, schaukelnder, sattgrüner Laubtumult. Dahinter bläulich die Hügel.
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Nun?
Hier: feierlich, würdig, reserviert, mit einer gewissen Andacht hergelegt, ein Kreuzband. Richtig! Eine Zeitung! Na?
»Allen, die sich Menschheit, Leben und Poesie von Grund aus verekeln lassen wollen, sei dieses Buch bestens empfohlen. Es häuft Häßliches, Schmutziges und Niedriges bergehoch. Nichts als Schmutz, Elend und Verkommenheit, körperlich wie geistig. Ebenso wie jener schönfärbende, falsche Idealismus, welcher alles in erborgten Schimmer kleidet, ist ein Todfeind aller Poesie jene sogenannte Wahrheit, die alle Krankheiten, seien sie des Leibes oder der Seele, auf die Gestalten häuft und die Augen schließt, um nichts Lichtes zu sehen. Nur der Wechsel von Licht, Halblicht und Dunkel gibt den Schein der Körperlichkeit in Kunst und Leben« usw. usw.
[pg 32] »Schmutziges«? »Niedriges«? »Idealismus«? »Wahrheit?« »Halbdunkel«? »Schatten«? »Poesie«?
Ja, da haben wir ja wieder mal die Jacke gründlichst vollgekriegt!
Und wie viel kluge Worte der Mann hat! Daß doch der liebe Gott für so viele schöne, saubere Redensarten gesorgt hat!
O du heilige, böse Natur! Du meine glückliche, unglückselige Liebe! Warum läßt du mich die Worte und klugen Maßstäbe vergessen? Weshalb bist du mir im »Kleinen« wie im »Großen«, im »Geringen« wie im »Bedeutenden« immer dieselbe, immer die gleiche, immer und überall und vor allem das große, süße, schauerliche, erhabene und lockende Problem? Längst bist du ja in säuberliche Grade und Werte verrubriziert. Daß du doch immer und überall so wunderbar bist und es mich vergessen läßt!
Dir ist es gleich: für mich ist es kein Spaß. Denn ich muß in der »talfriedlichen Enge der Menschen« wohnen. Ja, wenn man so vergeßliche Triebe hat!
O du lachendes, freudiges Morgenlicht!…
Und ich lache in die schöne Welt hinein und lache und lache …
Gut! Weg damit!
Die niedliche Hand aber, die mir mit so unschuldiger Andacht diese prätentiöse, mürrisch-mißvergnügte Zeitungsmißgeburt auf meinen Tisch gelegt hat, wird heut abend warm in meiner liegen. Heut abend. –
Und alles bleibt beim alten.
Trotz alledem und alledem …
[pg 33]
Einsamkeit
Eine Stelle fand ich heut in meinem Notizheft, die ich mir neulich einmal aus irgendeinem Drama ausgezogen hatte.
»Auf allgemeines Verlangen: es wäre ungeheuer angenehm,« sagte da einer, »wenn all dies Gewäsch von Freiheit und Ehre und Selbständigkeit und Sittlichkeit und Verantwortung und Berufensein und Wahrheit bald ein Ende hätte. Sehen Sie, wir werden ganz verrückt davon! – All die dicken Worte und feisten Redensarten!«
O ja! – Nun, ich lache auch über »all die dicken Worte und feisten Redensarten«. Denn hier bin ich gut im Sichern.
Das Kreisblättchen, das alle Wochen dreimal hierherkommt, ist ungefährlich. Und sonst …
»Weit! Weit
Liegt die Welt hinab,
Ein fernes Grab.
O holde Einsamkeit!
O süße Herzensfreudigkeit!«
Einsamkeit! Einsamkeit!
Ach, ich könnt es nur so herausjauchzen!
Nun leb ich erst! Das war’s, was ich brauchte, als ich hierherging! Nicht mich zerstreuen, nicht »erholen«: zu mir selbst kommen wollt ich.
Jahre überblick ich. Das Neue des Tages, der Zeit stürzte auf mich ein, von allen Seiten.
Es hat mich begeistert: es hat mich geängstigt und müd gemacht.
[pg 34] Ich habe mich an ihm bereichert: das war meine Begeisterung, mein gieriges Aufnehmen, all die Wonne dieser Jahre.
Ich hab es von mir abgeschieden: Ach! all die schlimmen Stunden, wo es mich fast verrückt machte, wo ich in Ermattung und Stumpfheit, in Verwirrungen und fiebernden Erregungen mich verlor!
Und nun! Nun find ich mich wieder. Nun werd ich mir bewußt, was das alles zu bedeuten hatte.
Man kann sich nicht verlieren. Man kommt immer zu sich selbst zurück. Und ich? Bereichert. O ja! Bereichert!…
»O holde Einsamkeit!
O süße Herzensfreudigkeit!«
Aber nicht die »blaue Blume« will ich hier suchen gehen, alter Tieck! hier in walddämmernder Einsamkeit: mich selbst will ich fühlen und entfalten. Ich brauche keinen romantischen Hexenspuk und keine »blaue Blume«, die mir die Herrlichkeiten der Welt auftut! Ich bin ein Kind meiner Zeit! – Frei will ich sein, was ich geworden bin, hier – und dort, wo ich es geworden bin, wo dieselben Kräfte spielen wie hier. Nicht das »Hier« ist besser als das »Dort«, und nicht das »Dort« als das »Hier«. Überall ist die Welt wunderbar. Überall die gleiche, eine … Ich brauche keine »blaue Blume«. Die blaue Blume ist mein fühlendes, lebendiges Herz.
In Luft und Licht will ich mich baden, das tausendfältige Leben der Natur hier in der Einsamkeit fühlend mitleben, wie ich es – »dort« nun mitleben werde. Nicht nach Wundern will ich suchen, die mich erlösen sollen von dem, was täglich mich umgibt, sondern fühlen, bis in mein tiefstes [pg 35] Herz hinein erschauernd fühlen, wie das und alles ein Wunder, ein unaussprechliches Wunder ist!…
Nicht mit Metaphern und Hyperbeln will ich die schöne Wunderwelt verrenken und mir darauf etwas zugute tun und anderen zumuten, daß sie sich dabei etwas zugute tun sollen: die Welt ist nicht zu verschönen! Sie ist schön, so wie sie ist. Und wenn ich »Licht« sage oder »Mücke«, »Blume« oder »Baum«, »Werden« oder »Vergehen«, so bebt mein Herz von unerhörten Wundern …
Das ist meine ganze Weisheit, in schlimmen Tagen erkämpft, in der Einsamkeit erkannt …
Lektüre
Die wunderbaren Stunden, wenn ich nachmittags mit meinem Buche hinaufschlendre in die Waldeskühle! Denn einige Lektüre hab ich mir doch mit hierhergebracht. Wenigstens so pro forma. Man ist doch nun einmal ein zivilisierter Mensch.
Aber gleich gesagt: Dostojewski, Zola, Ibsen, Tolstoi usw. hab ich zu Hause gelassen. Ein paar Bände Goethe, das »Wunderhorn«, den »Simplicissimus«, den »Jobst Sackmann« und noch einiges Deutsche der Art hatte ich mir diesmal in meinen Reisekoffer gesteckt. Alte Liebe rostet nicht …
Ich weiß nicht: aber es geht mir immer wieder das Herz auf über alledem, wenn ich mich in den Sackgassen der Fremde so recht abgemüht und herumgeschunden habe. Und wenn ich so in den alten Büchern lese, in dieser Umgebung und jetzt, wird mir gleich wohler.
[pg 36] Muttersprache! – Alt, veraltet: ja! Meinetwegen!
Aber doch: der Geist ist derselbe; er trägt auch mich. Auch heute noch! – Und es ist mir, als wolle das alles weiterwachsen, neue Triebe treiben, neu sich offenbaren.
Es bleibt am Ende doch so: man fühlt nur seine Gefühle, spricht nur seine Sprache. Das ist Pflicht. Das ist Notwendigkeit.
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Die wunderbaren Stunden!
Die Gassen liegen still und öde. Die Leute sind draußen auf den Feldern oder drin in ihren Werkstätten. Ein paar Fliegen, ein paar Schwalben, die Luft in feinen Wellenlinien an den Häuserchen und über dem stillen Laub der kleinen Vorgärten hinflirrend in dem heißen, hellen Nachmittagslicht: das ist alles. Drüber der Himmel mit schneeweißen, in einem feinen Silberduft verschwimmenden Flockenwölkchen. Ab und zu, von dem Hügelland oben schräg vor dem Ausgang der Gasse her, ein kühlendes Lüftchen.
Noch ein halbes Stündchen Weg über die grünwelligen Hügelhöhen hin, und ich stehe zwischen dem Vorgestrüpp an den alten, stillen Eichen hin …
Hoch oben in den mächtigen Wipfeln spielt die Sonne. An den dicken, grauborkigen Stämmen liegt es in goldigen, saftiggrünen, lila und violetten Lichtern.
Tief aus dem blaudämmernden Grunde, fern, weithin verhallend in der nachmittagsstillen Einsamkeit, der gelle Schrei eines Vogels.
Morsches Geäst und Reisig knickt unter meinen Schritten [pg 37] in das weiche Waldmoos hinein, und die Dornen der wilden Rosen zupfen an meinen Kleidern.
Ein Getier, das durch Farne, Moos und hohes, wogendes Waldgras hinraschelt. Wuchtende, leise sausende Schwingen über mir hin. Eine Krähe, ein mächtiges schwarzes Tier, die schräg über das Gestrüpp zu dem Vorlande hinstrebt.
Und nun verlier ich mich zwischen den alten Stämmen, hinein in das kühle, bläuliche Dämmern …
O hier! Hier!…
O Einsamkeit! Waldeinsamkeit!
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Mein Ruheplätzchen!
Tief im Walde drin haben die Eichen ein Stück grünen Hang frei gelassen. Im Kreise stehen sie herum, hoch und still, mit ihren breiten, wetterzerklüfteten Wipfeln. Zwischen den Stämmen das wunderliche Dämmern. Zitternde Sonnenlichter lassen hier und da ein Stück Stamm draus hervorleuchten und fallen in goldigen, magischen Tropfen auf die Haselnußblätter drunter. Alles andere verschwimmt, nach hinten, in ungewissen nebeligen Konturen. Unten an den Stämmen Haselnußgebüsch und wilde Rosen. Hohes, lichtgrünes Gras über die ganze Lichtung. Bunte Waldblumen leuchten in der Sonne draus vor. Ein fortwährendes, leises, metallisches Gesumme von Waldbienen, Hummeln und Käfern. Bald laut, bald leise. Ferner, näher. Oben über allem, als eine freie Flucht aus dieser walddämmernden, rätselhaften Beengtheit, die blaue Himmelstiefe.
[pg 38] Hier unter dem Haselbusch ist das Gras noch niedergedrückt. Das ist mein Plätzchen.
Ich lasse mich nieder.
Das Schrillen eines Raubvogels. Das Pochen eines Spechtes. Aus dem tiefen Grund, rieselnd, ein Waldwässerchen. Hin und wieder ein Luftzug, der ein Laubgewisper unvermutet weckt.
Ich klappe mein Buch auf und fange an zu lesen.
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Ja, nun ist es doch wieder so ein gelbbroschierter Franzose, der heute früh unversehens auf meinem Tische lag.
P. Bourget: Le Disciple.
Eine Einleitung. Ich überfliege sie. Eine Litanei gegen die Dekadenz. Der »jeune homme de 1889« wird vor zwei Zeittypen gewarnt: dem »homme cynique et volontiers jovial«, dessen »religion tient dans un seul mot: jouir«, und vor dem anderen, »qui a toutes les aristocraties des nerfs, toutes celles de l’esprit, et qui est un épicurien intellectuel et raffiné«.
Aber da ist auch schon die erste Störung.
Eine Eintagsfliege kribbelt mit analphabetischer Respektlosigkeit über die sauberen schwarzen Zeilen.
Jetzt macht sie Halt. Mit ihren spinnwebfeinen Füßchen trippelt sie auf einem »nihiliste délicat« herum.
Ich sehe ihre feinen Flügelchen mit dem zarten Perlmutterglanz. Ihr dünnes, lichtgrünes Körperchen krümmt und windet sich zierlich auf und nieder. Die Äugelchen: wie goldene Stecknadelknöpfchen. Ihre zarten, langen Fühlfädchen vibrieren hin und her, nach oben, nach unten, nach den Seiten.
[pg 39] Mit aufgestütztem Ellbogen lieg ich lang im Grase vor dem Buche und betrachte das Tierchen, minutenlang, und fange an zu träumen und so vor mich hinzudämmern.
Ach was, lesen!
Ich wälze mich einen Schritt von P. Bourget, dem Warner, fort, lege mich auf den Rücken, die Hände unterm Genick, und sehe geradeaus in den Himmel hinein.
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Diese herrliche Stille!
Ich kann hören, wie mir das Blut in den Ohren rollt.
Sie wiegt mir jeden Gedanken ein.
Ein paar Schmetterlinge, sich umtaumelnd, flattern in das blendende Blau hinein. Um ihre schwarzsamtenen Flügel zieht es sich wie ein goldglühender, feiner Saum. Manchmal blitzt das tiefrote Tupfchen oben auf den Schwingen.