Johannes Schlaf

Stille Welten

Neue Stimmungen aus Dingsda

Berlin W

F. Fontane & Co.

1899


Stille Welten

Neue Stimmungen aus Dingsda

von

Johannes Schlaf

Berlin W

F. Fontane & Co.

1899


Alle Rechte
insbesondere das der Übersetzung
vorbehalten.


Inhalt.

Seite
1. Das blaue Zimmer [1]
2. Unser Haus [7]
3. Muskochen [13]
4. Programm [21]
5. Der Wanderer [27]
6. Der Marterturm [35]
7. Logos [55]
8. Im Laden [65]
9. Das Rosenfest [83]
10. Der Blumentopf [91]
11. Die Dose [99]
12. Herbstblumen [105]
13. Weltspiel [123]
14. Ruhe [131]
15. Beim Türmer [139]
16. Die Hyacinthe [149]
17. Die Fliegen [155]
18. Bornschein [161]
19. Bibellektüre [167]
1. Incarnation [169]
2. Gethsemane [185]
3. Golgatha [203]
20. Nachtgang [217]

Das blaue Zimmer.

Jetzt, zum Herbst erst, bin ich also in die Sommerfrische gegangen und will nun diese ganze Jahreszeit mitsamt dem Winter hier, — hier! — verbringen.

Ein sonderbarer Einfall.

Doch mit solchen sonderbaren Einfällen hab’ ich’s ja nun mal. —


Aber dieses Blau ringsum! Dieses Blau, dieses wunderköstliche Blau!

Wer von meinen lieben Wirtsleuten, Herr Haberland oder Madame, ist nur auf diesen entzückenden Einfall geraten, mir meine Bude inzwischen in dieses wunderscheene Himmelblau zu kleiden?

Wirklich: je me trouve tout en bleu! —

Dieses nichtsnutzige Französeln! — Ich muß denn doch wohl in letzter Zeit zu viel Verlaine gelesen haben. —

Alles blau! — Diese himmlisch hellhimmelblaue Wandtünche! — Und an den Fenstern diese niedlichen Dingerchen von Vorhängen aus Kattun mit ihrem Kornblumenmuster und ihren sauber ausgeplätteten Falbeln. Dieser blaugestrichene Tisch mit der blaugemusterten Quastendecke. Hellblaugeblümt das Sofa dahinter und hellblaugeblümt die Polster der blauen Stühle. Blau die Thür mit ihrer sinnigen weißen Lilie, von der ich nun freilich nicht ganz genau weiß, ob sie nicht dennoch eine Tulpe sein soll. Blau der ehrwürdige Kleiderschrank. Blau auch das kleine Rollschreibepult, auf dem Meister Haberland während meiner Abwesenheit seine Cigarrenkisten aufzustapeln pflegt. Nur der Rundspiegel über dem Sofa mit der langen, seitwärts ragenden Pfauenfeder hat einen vergoldeten Rahmen und das große Öldruckbild der Sixtinischen Madonna, die in ihren prächtigsten Couleuren prangt.

Ein Pendant bietet meine Kammer. O dieses Himmelbett, in dem man versinkt bis über die Nasenspitze! Und dieses zartblaue Blumenmuster seiner Vorhänge!

Und der blaue Bauernkachelofen mit seinen Bronzemalereien, denen sicher irgendwelche Muster aus der Steinbeilzeit zu Grunde gelegen. —


Unser Haus.

Es will Nacht werden.

Ich steige den Hügel hinauf, auf dem unser Haus liegt.

Die kleine Häuserreihe da oben, die größere Häusermasse des Dorfes hier unten: über alles scheint der runde Mond...

Hell wie am Tage breitet sich die ganze Gegend. Die Hofhunde kläffen und bellen in allen Tonarten. Der glitschige Rasen, auf dem ich in die Höhe klimme, breitet sich im Silberflimmer.

Nun bin ich vor unserm Haus.

Unserm Haus..

Mein Gott, diese Stille!...

Ich betrachte das kleine Gebäude, und erfasse es mit meinen gestillten Sinnen.

Diese weiße geisternde Tünche! Und so eigen dunkel das verwitterte Ziegeldach drüber in den erhellten Höhen! Und wie der riesige Nußbaum es überragt! Dieses unaufhörliche Flüstern und Rauschen in seiner runden Krone...

Wie ein Hauch alles, wie ein Hauch! Wie ein Traum, ein Träumen...


Nur ein Erdgeschoß. In der Mitte dunkelt die braune Hausthür. Zwei rissige Kalksteinstufen führen zu ihrer Schwelle hinauf. Sie reichen bis zur Ladenthür hinüber. Die dicken Firmschildbuchstaben mit ihrer schwarzen Ölfarbe: Albert Haberland.

Die Läden des kleinen Schaufensters sind geschlossen.

Vier Fenster. Oben seh ich meine zwei Giebelfensterchen. So licht ist die Nacht, daß ich das Kornblumenmuster der Gardinen erkennen kann.

Ein kühler Luftzug weht von den Bergen her die Häuserreihe herab und spielt mit dem blauen Pappschild neben dem Schaufenster. Mit weißer Kreide sind allerlei in dieser Jahreszeit besonders verlangte Waren draufgeschrieben.

Dieses Klappern und Rascheln des Schildes gegen die Hauswand! Heimisch-gruslig wie so eine Art Gespenst in dieser Nachteinsamkeit!

Nun, Gott bewahre Herrn Haberland vor Alpdrücken und uns alle vor allen schlimmen Dingen...

Gute Nacht! —


Muskochen.

Vielleicht zum heimlichen Verdruß der Frau Haberland konnt’ ich mich heute vormittag nicht sogleich von der Küchenthür fortbringen. Denn Madame Haberland hatte ihre liebe Not. — Vor ein paar Tagen haben wir nämlich hinten im Garten die Pflaumen gepflückt, und nun ist sie beim Muskochen. — Seit frühem Morgen schon ist dieser Duft nach frischgekochten Pflaumen durch das Haus gezogen und war auch zu mir die Treppe in die Höhe gekommen; und wie so etwas zu Unsereinem zu kommen pflegt: man hat als Stadtpflanze gleich seine Neugier auf so eine unbekannte weiblich-ländliche Bethätigung, daß man seelenvergnügt die Treppe hinunterspringt und mit dabei sein muß.

Und dann gab’s da so viel Vergnügliches.

Dieses Loch von Küche mit seinen rotgetünchten Wänden, mit seinen mannigfachen Geräten und seinem mit roten Ziegeln ausgelegten Fußboden!

Und nun Madame Haberland! —

Sie ist großartig! Geradezu großartig!...

Wirklich: wie so ein weiblicher Heros steht sie in dieser engen heißen Kajüte von Küche. Dicht vorm Herd. Und wie die von der Glut krebsroten Arme sich bewegen, wie ihre runden fetten Hände den Musrührer umklammern und mit ihm in dem mächtigen Kupferkessel umherrühren, aus dem der dicke weiße Brodem in den schwarzen Rauchfang hinaufsteigt! — Wie sie in Glut, Hitze und Dunst dasteht, stramm und rund, und ihr gesundes Mondgesicht wie eine Bauernrose glüht!...

Um sie herum aber in liebenswürdigster Krabbelei ihre sechs Bälger, wie sie sie selbst in sehr begreiflicher Rage tituliert, mit einem schwachen Versuch, sich ihrer Wißbegier, ob das Mus bald fertig ist, zu erwehren. Alle sechs wimmeln um sie herum und füllen das kleine Ding von Küche, daß der bekannte Apfel nicht zur Erde fallen könnte. —- Alle sechs, denn selbst die älteren sind heute zu Haus, weil gerade die Herbstferien sind.

Der eine ist über die Nußschüssel her, denn in ein richtiges Pflaumenmus müssen auch Nüsse hinein, Nüsse mit grüner Schale; meinetwegen kann die grüne Schale auch fehlen, ich höre aber: die mit der Schale sind das eigentlich Richtige...

Minchen interessiert sich für das Faß, das mit den aufgeschnittenen und ausgekernten Pflaumen gefüllt ist. Die beiden älteren bethätigen neben ihr ein gleiches Interesse, obgleich von Madame Haberland mehrmals in sehr energischer Weise aufgefordert, ihr die beiden bereits laufbaren Brüderchen abzunehmen, die mit stieren Guckaugen und gereckten Hälschen wie die Kletten an ihren Schürzenzipfeln hängen. Aber Grete, dieses „große alte Kalb“ hat nur einmal so einen halben Versuch gemacht, als ob sie Fritzchen und Karlchen von Mamas Schürze lösen wollte. Denn sie brüllen so... Mäxchen, das noch nicht laufen kann, ist es inzwischen gelungen, bis zum schwappvollen Wassereimer zu rutschen, wo es ernsthaft und gründlich seinen kleinen stillen Beschäftigungen obliegt.

Madame Haberland seufzt nur noch ab und zu, in Bezug auf Fritzchen und Karlchen resignierend, und rührt nur mit aller Kraft in ihrem Kessel umher. Kaum daß sie, ohne im übrigen ihre Thätigkeit zu unterbrechen, so auf gut Glück, noch mal so etwas wie ein „Balg“ oder sonst ein autoritatives Kosewort mit etwas weinerlicher Stimme in den Tumult um sie her hineinwirft. —

Etwa zwei Minuten hab’ ich am Thürpfosten gelehnt und zugekuckt und bin von der guten Madame Haberland, allerdings mit einer Stimme, der nicht viel Neigung zu einer ausgedehnteren Unterhaltung anzumerken war, obenein noch belehrt worden, daß zu einem guten Pflaumenmus außer selbstverständlich den Pflaumen und den bereits erwähnten grünen Nüssen auch noch Zimmet, Citronenschale und „janzer Ingwer“ gehöre. Aber nun wend’ ich mich, ihre Stimmung respektierend, in den Flur zurück, nicht ohne daß es mir vorher noch gelungen wäre, das beträchtlich angefeuchtete Mäxchen in aller Stille von dem Eimer wegzubringen. Es hatte sich an ihm emporgerichtet, und drohte soeben vornüber die Balance zu verlieren...


Wie ich im Flur bin und im Begriff stehe, auf den kleinen Hof hinauszutreten, wo es trotz des sonnigen Herbsttages „etwas kühler“ ist, fällt mir so ein, wie ich vor ein paar Jahren an einem schönen Spätsommerabend die gute Madame Haberland einmal aus der Stadt hier heraus begleitete. Wir waren eben über die Schloßgrabenbrücke aus dem dunklen Thorgang in die Bergfreiheit herausgetreten, da stand der Sommermond groß und voll zwischen den beiden uralten Schloßtürmen und alles lag weithin in seinem Glanz. Madame Haberland, die wohl etwas verschnaufen wollte, blieb stehen; und da sagte sie, ihr rundes Gesicht freundlich zu dem schwesterlichen Gebilde hinaufgewandt: „Luna lacht...“


Programm.

Aufs Land gehen. Das heißt Weltflucht, Flucht vor dem großstädtischen Verkehr und seinen nervenzehrenden Zerstreuungen, Umgang mit der Natur, Einsamkeit. Aber eigentlich bin ich nicht gerade hierhergegangen, um den lieben Nächsten zu fliehen.

Der heilige Tertullian, oder ist’s Augustin? kurz eins von jenen großen Kirchenlichtern meint: du wirst etwas mehr aus der Natur, von Bäumen und Waldblumen lernen als aus den Büchern. Das mag schon seine Richtigkeit haben: aber für diesmal nichts davon, denn: „crede experto“: das Schlußstück ihrer Weisheit ist, daß sie Dich vermittelst einer gründlichen Langeweile doch wieder zu dem lieben Nächsten zurücktreibt. — Und gerade der ist’s, den ich nichts weniger als meiden wollte. Nur das, was man — dieu m’en préserve! — Saison zu nennen pflegt, mit Gesellschaften, Soiréen, mit diesen dummen Theateraufführungen und Konzerten; diese Buchhändlerläden mit ihren kunterbunten Büchertitelbildern, die mit jedem Tag verschrobener werden. Da mag ich ihn nicht, wo er wimmelt wie in einem Termitenbau. Aber hier, wo er abseits in einfachen Verhältnissen als Bauer und Halbbauer hinlebt, hier will ich ihn haben, will mich seines Umganges erfreuen und von ihm lernen.

Ich werde in diesen Tagen meinen lieben alten Freund, den Herrn Aktuarius Nerrlich aufsuchen, werde in der Weise von ehedem, denn er ist in dieser Hinsicht so wunderbar jugendlich und frisch geblieben, mit ihm über Politik, Kunst und Freisinn plaudern und mich von ihm seinem Stammtisch zuführen lassen im „Goldnen Stern.“ Wir werden uns Anekdoten erzählen, Stadtklatsch treiben, Cigarren rauchen, Bier trinken und Kegel schieben. Nein: es wird gar keine Zeit sein, Langeweile zu haben, denn nie bin ich mehr aufgelegt gewesen, alle derartigen „Bagatellen“ und sogenannten Spießbürgerkram ernster zu nehmen als derzeit. — Ich werde mit Nachbar Schraube, dem Fischermeister, auf den See hinausfahren, Fische angeln und Netze legen, ich werde mit Herrn Haberland hinten in der Niederlage Bier und Petroleum auf Flaschen ziehen, und mein Herz soll meinen lieben Mitmenschen in keiner Weise verschlossen sein. —


Der Wanderer.

Es wehte mich heute einmal so an, aus der „Kultur“!

Du lieber Gott, es ist mir ganz plümerant geworden! Ich will das nur alles einmal aus mir heraus wirbeln, und es soll ein Adieu sein für lange Zeit, so Gott will! —

Panamaskandal, soziale Frage, der große Kladderadatsch, ethische Kultur, Humanitätsdusel, gereinigtes Christentum, Neubauten, Stiftungen, Volksküchen, Staatsstreiche, Kapital und Arbeit, Antisemitismus, Bombenattentate, Dörings Seife mit der Eule, Wasmuths Hühneraugenringe in der Uhr, Militarismus, die Ismen und Asmen, die Aner und Janer, die Isten und Asten! O heiliges Tremtrem! —

Horr! — Mein Schädel! Mein Schädel! —

Die Vielzuvielen! Die Vielzuvielen!

Erbarmen!

Will sich nicht etwas Neues durch mein Gehirn furchen und einen dicken, dicken Strich durch all den Quark machen?!

Die Vielzuvielen!

O Nietzsche! O Martyrium! — Wie werd’ ich sie los?!

Sieh, eine Hydra mit tausend Köpfen! Der alte Drache, der seine wirre Weisheit in die Welt heult!

Wo ist der Herkules, wo der Siegfried, der ihm das Maul stopft?! —


O, er ist da! Er ist da! — Die Not ist am größten!

Ich will mir das Trostlied vorsingen von Ihm, dem Einen, dem alten herrlichen Drachentöter, dem Dummen, dem Riesen, dem Herrn über die Vielen und Vielzuvielen, dem jungen Alten, dem Wanderer, dem zweiseitigen Einzigen und Einen!

O Herr, Herr! Ein Trost- und Schlummerlied meinem armen Schädel!

Er ist der Eine, Adam, der alte köstliche Junge, der nie fertig wird, der Endlose, ewig Wiedergeborene, der Vater der Vielheit, der aus der Vielheit als der Eine wieder geboren hervortaucht, still, heimlich, schlicht, unbekannt und die Vielheit überwältigt durch und in sich! Der ewig Hungrige, der sie in sich hineinschlingt, um sie ewig neu zu zeugen und Sich!

Komm, Du friedlicher Mörder und Totengräber Deiner Selbst! Komm, Du streitbarer Riese, Herr und Friedefürst! Komm, Du hündischer Sklave Deiner Selbst! — Du herrlicher Herr, der blöden Menge ein Spott, den wenigen Deinen eine verzweifelte Sehnsucht! —


Zuweilen hab’ ich eine Vision von ihm.

Ich sehe ihn über den Markt gehen. — Er ist hager, unscheinbar und schmächtig, mit dunklen tiefen Augen, wie sie der Rabbi von Nazareth gehabt haben mag. Aber entschieden hat er etwas von dem dummen Jungen aus Meißen. Das heißt: jetzt sieht er aus wie der ausgefeimteste Jesuit! — Nein! — Doch! — N...

Das ist Er, Zarathustra, der dunkle Herr, der Helldunkle!

Er ist behend, geschmeidig; ein Spott den Fetten und Neunmalklugen und doch zehnmal schlauer als ihrer der Schläueste.

Mit nach innen gewandten Sinnen taumelt er, ein Innerer und doch ein Äußerer, durch die Zeit, trunken von den Geheimnissen der Welt, und träumt sie vor sich hin, und sein Träumen ist der alte Gigantenkampf mit der Sphinx! —


Ich sehe ihn, den Taumler.

Er hascht nach einer Stimme; einer goldenen, grausigen, süßen Stimme.

Wo ist ihr Körper?!

Sie kichert, brüllt, singt, sänftigt und wühlt auf, peitscht und peinigt, streichelt, kost, heult, klagt, flötet die alten, alten, uralten Geheimnisse.

Irgendwo! Irgendwo!

Überall! Nirgends!

Ich sehe ihn, den Taumler, den Sucher.

In seinen Augen gleißt der Wahnsinn seiner Sehnsucht nach Ihr, nach Ihr.

Das ist Er, der Böse, Gute, Heimliche, Deutliche, und das ist das ganze Geheimnis seiner Heimlichkeit.

Der Vielgeschmähte, Verlachte, Mystische.

Er!! —

Hahahahaha!! —

Das ist das Lied und das meine Glosse: Helf er sich selbst, ihm ist nicht zu helfen!

Und eine andere, dunklere: Arzt, hilf Dir selber! —

O, ich habe die Schmähsucht. Du Harlekin fin de siècle! Du Ritter von der traurigen Gestalt! Mondpierrot, Phantast, Spielzeug einer Rotte von dummen Jungen! Vogelscheuche, Uralter, junger Greis an Körper und Weisheit! Ehrloser Hund! Tier! —

So seh’ ich ihn mitten über den Markt gehen. Die Spatzen pfeifen ihn aus, und die Jungens schmeißen ihn mit Dreck.

Er greint und sie johlen oder gaffen stumm sein dummes Rätselgesicht an.

Das ist das dunkle, verrückte Lied vom Wandrer an der Wende.

Ich verlange nicht, daß einer draus gescheit wird! —


Der Marterturm.

Es ist Spätnachmittag. Ich stehe vor der Hausthür und lasse mich von der Sonne und der frischen Bergluft, die über die Höhenwiese herweht, zu einem Spaziergang einladen.

Unwillkürlich lenke ich meine Schritte zum Schlosse hin.

Bald habe ich in nur noch kurzer Entfernung das graue, weitgedehnte Mauerwerk mit seinen Bastionen und Basteien vor mir, mit dem altertümlichen Gebäude des Kreisgerichtes, den Domänen-Gebäuden, dem Kirchturm der Schloßkirche und vor allem dem Wachtturm und dem Marterturm, grau, tot, beide hergeisternd seit Urzeiten in alles buntfröhliche Leben hinein.

Mir fällt ein, daß ich doch eigentlich noch nie den Marterturm betreten habe, der so „außerordentlich interessant“ sein soll. Und nun wandelt mich plötzlich ein Verlangen an, sein Inneres einmal in Augenschein zu nehmen.

Ich will bei dieser Gelegenheit gleich meinem Freund, dem Herrn Aktuar Nerrlich, so eine Art vorläufige Antrittsvisite machen. Bestimmt werde ich ihn oben im Archiv des Kreisgerichts finden, und dann kann er mir wohl auch gleich zu dem Turmschlüssel verhelfen, der es mir ermöglicht, für einige Zeit mal in dem alten Burschen von Turm umherzukramen.

Langsam und vorsichtig steig’ ich den Kalksteig mit seinem kurzen Rasen, auf dem man zuweilen ausrutschen kann wie auf Glatteis, zu der Brücke hinab, die über den Wallgraben durch einen langen Thorgang in das Schloßgebiet hineinführt.

Ich betrete den Hof.

Romantisches Gebiet!...

Hier gleich zur Linken befindet sich ein uralter Kellerraum, der jetzt von der Domäne als Milchkeller benutzt wird. Natürlich ist es hier nicht recht geheuer. Abends und um die Mittagszeit kommt es vor, daß es den Mägden die Kerzen auslöscht und daß die tugendvergessenen unter ihnen im Dunkeln von unsichtbarer Hand Ohrfeigen bekommen. Das ist das Mönchsgespenst, das dann gegen Mitternacht mit Vorliebe an der alten romanischen Kirche vorbei in das Kreisgerichtsgebäude eintritt und die Korridore der Gefangenen unsicher macht.

Ich steige die Freitreppe zu dem großen Portal — das Gebäude mag aus dem sechszehnten Jahrhundert stammen — hinauf und trete ein. Im Vorflur begegnet mir der alte Gerichtsdiener Bärwinkel, der mir, „ganz gehorsamst“ mitteilt, daß der Herr Aktuar oben im Archiv zu finden seien... Drei endlose Wendeltreppen hinauf. Die Archivräume befinden sich dicht unter dem Dachboden.

Ich trete ein. — Helle, goldstaubwimmelnde Sonnenbalken stemmen sich schräg durch den Raum mit seinen mächtigen Wänden, alle vier voller Aktenfaszikel in Regalen von der Decke bis zu dem weißgrau gescheuerten Dielenboden. — Die vielen viereckigen Pappstückchen aus der bunten Rückenverklebung, mit ihren „Hinz contra Kunz“ und ihren Aktennummern aus den alten verstaubten Dingern hervor, bringen einige Unruhe in diesen öden Papierspeicher. — In der Mitte des Saales steht ein gewaltiger Tisch, und an ihm sitzt ein nervöses Schreiberlein im grauen Anzug, mit so einem richtigen blanken Sardellensemmelschädel, löst die Aktenpapiere aus ihren bunten Papprücken und schichtet sie in Stößen neben sich auf den Fußboden. — Ich biete ihm die Zeit und frage nach dem Herrn Aktuarius. — Der Herr sollen sich in das Nebenzimmer bemühen. —


Recte tu quidem! — Da steht er, mitten zwischen Aktenbündeln gleich am ersten Fenster, natürlich wieder hinter seiner Staffelei!...

Ah?!! — Der kleine untersetzte Herr mit seiner goldenen Brille, seinem rotrunden backenbärtigen Gesicht, die gestickte Sammetkappe auf den Locken, die lang und schwarz, aber schon ein wenig „meliert“ bis auf den Rückenteil der Weste fallen — denn natürlich arbeitet er wieder in Hemdärmeln — breitet die Arme aus und starrt — bist Du’s wirklich?! — in freudiger Überraschung auf den Besuch. — Schnell mit lachenden Stammelworten, eifrige Äuglein hinter den Brillengläsern, Palette und Pinsel auf das Fensterbrett und nun, die Hände lebhaft ausgestreckt, hervor, die meinigen mit temperamentvollem Druck ergreifend und sie auf das Wärmste schüttelnd, indes er mich in seiner Aktuarwürde und im Selbstbewußtsein seiner freien Seele wohlwollend erfreut mustert und mich mit seinem schönsten, sonorsten — er singt in der „Liedertafel“ einen sehr geschätzten Bariton — Tribünenpathos begrüßt...

Natürlich interessiere ich mich für seine Malerei, die in diesem langweiligen kleinen Nest nun schon mal eine seiner Junggesellenschrullen ist. Ich bewundere, kritisiere und bitte ihn, sich nicht stören zu lassen. Er pinselt weiter. Aber ich merke, wie er sich auf unsere bevorstehenden Stammtischabende im „Goldenen Stern“ freut.

Ach, wie er vor Wißbegierde brennt! — Wie er gleich nach der „Weltstadt“ fragt, diesem Wunder seiner stillen Sehnsucht, und wie er mich sofort in eins seiner freisinnigen Gespräche verwickelt. — Diese kleine naive Eigenheit, sogleich auf sein Lieblingsthema zu kommen, läßt mich ihn lieben. Zwar es ist immer dasselbe von Büchner, Darwin, Häckel, Vogt bis zur letzten Rede Eugen Richters: aber es hört sich ihm so schön zu. Wie seine Augen vor Begeisterung strahlen, wie seine Locken beben, wie er gestikuliert und eine fast jünglingshafte Verve entwickelt...

Indessen für diesmal setz’ ich ihm ein Wehr und komme auf den Schlüssel.

Er ist einigermaßen verdutzt, aber dann giebt er mir nach einer kleinen Pause, wennschon ein wenig verstimmt, Bescheid. In der Domäne kann ich ihn bekommen... Ich spreche von heute abend und dem „goldenen Stern“ und erziele damit einen leidlichen „Abgang“...


Auf dem grauglatten Rasenfilz schreite ich zwischen windgeducktem Heckenrosengebüsch hin, um das alte graue Ungeheuer herum.

Die tote Ruhe dieser vier kolossalen verwitterten Mauerflächen mit ihren winzigen Luken! — Er stammt aus der Zeit der sächsischen Kaiser...

Wie die Falken schrillen! — Und die vielen schwarzen Dohlen!...

Oben, man reckt sich den Hals aus, die niedrige schwarzbraune Haube im klaren Blau, zwischen den weitgestreckten weißen Windbäumen! —

Tausendjährig! —

Ein wenig nervös steig’ ich die morschen Kalksteinstufen hinauf zu der schweren, beschlagenen Thür. Wie sie in das Mauerwerk hineingehen, geben sie einen Begriff seiner ungeheuerlichen Dicke.

Das Aufschließen macht Mühe. Das alte Schloß giebt Laute von sich, die mir durch alle Nerven fahren.

Endlich! — Die Angeln bewegen sich. — Ein heiserer Baßton, der in einen schrillen Diskant umschlägt in modriges totstilles Dunkel hinein, wie — aus ihm heraus mir entgegen.

Schwarze Stille! —

Ich trete ein und befinde mich in einem Vorraum.

Eine Art wunderlicher Furcht hat mich ergriffen. Aber sie ist nicht unangenehm. Weil sie mehr eine unwillkürliche plötzliche Erinnerung an jene Knabenfurcht ist, mit der ich mich wohl in der Dunkelheit, gelegentlich eines noch notwendigen Ganges, am Friedhof vorüberdrückte. Die alten dunklen Tannen und Trauereschen und der Ahorn, in dem es so seltsam winselte, pfiff und raunte...


Schrillen und Schilfern um mich herum. —

Wie ich mich vorwärts taste auf so etwas wie eine Treppe zu, die ich in ihren leisen Umrissen mehr errate als sehe, klirrt etwas. — Es muß Ackergerät sein. Die Leute von der Domäne mögen’s hier untergebracht haben.

Aber jetzt bemerke ich einen leisen Lichtreflex, eine matte Helle. Sie markiert oben die letzten Sprossen einer Leiter, die durch eine viereckige dämmernde Öffnung in einen Oberraum führt.

Mit einigem Mißtrauen, mich so leicht wie möglich machend, klimm’ ich in die Höhe.


Ein saalartiger Raum, von zwei schmalen Luken erhellt. — Seine Decke ist eingestürzt. Ein paar Fetzen hängen noch an dem Gemäuer herab und von ein paar dicken Balken, die sich schwarz nebeneinander hinqueren. — Ich habe einen Blick in eine schier endlose Höhe. Kreuz und quer schießen die Lichtstrahlen durch die Luken herein und geben eine mäßige Helle. Hellere Lichter liegen hier und da auf dem Gemäuer, blinken auf riesigen Spinnweben, auf dem vorragenden Stroh eines Genistes. Unausgesetzt, ohrenzerreißend schallt ein Geschrill, Gekrächz, Pfeifen, und das Rauschen und Klatschen der Fittige aus dem Getümmel der Vögel da oben hernieder. Manche fahren bis tief in den halbdunklen Raum herab.

Um mich herum stockt ein dumpfes Dämmern.

Nur die gekreuzten Lichtstrahlen der beiden Luken...


Die dumpfe stickige Luft... Wenn der Wind nicht ein bißchen hereinpfiffe...

Ich beuge mich zu einem mächtigen Block nieder, der schwarzbraun im Licht mitten im Raum steht. Sein ehemaliger grausiger Zweck ist mir sofort klar.

Aber wie ich wieder aufblicke, fahr’ ich zusammen. — Drüben, in der Ecke, in deren Dunkel ein müder Schein kaum hineindringt, seh ich etwas wie eine gedrungene unförmliche Gestalt, der ein Durcheinander wimmelnder Staubatome grausig so etwas wie eine Bewegung giebt.

Ich fasse mich und trete hinzu.

Die „eiserne Jungfrau“... Jenes scheußlichste aller Marterwerkzeuge; jene plumpe Gestalt einer Weibsperson aus Eisen. An der Seite kann sie geöffnet und aufgeklappt werden; dann finden sich im koncaven Vorderteil lange, großen Nägeln ähnliche Zapfen, die, wenn wieder zugeschlagen wird, dem hineingezwängten Delinquenten durch Augen, Kopf, Herz und Leib dringen.

Und nun gewahr’ ich all das fürchterliche Gerät an den Wänden, unten auf dem Fußboden, gegen die Mauer gelehnt.

Da hängen mächtige harte Geißeln mit Bleikugeln oder zackigen Sternchen aus hartem Metall unten an den Stricken. Da sind Streckapparate, auf denen die Körper der armen Sünder in die Länge gereckt wurden. Da sind eingekerbte, mit stumpfen Spitzen versehene Schraubstöcke, in denen die Daumen zusammengequetscht wurden. Da sind härene Bande zum Zusammenschnüren der Glieder. Da sind die „spanischen Stiefel“. Da ist das „mecklenburgische Instrument“, vermittelst dessen man ein kreuzweises Zusammenpressen der Daumen und großen Zehen ermöglichte. Da sind Bänke und Leitern. Da sind Stricke mit Apparaten, in welche die Hände eingeschraubt wurden. Der Körper hing dann in seiner Schwere von der Decke hernieder, während unten an den Füßen noch jene großen Eisengewichte befestigt wurden, die ich dort in einer Ecke gewahre. Da sind Beile und Zangen und Pfriemen zum Brennen der Gesichter, Weichen und Arme, zum Blenden der Augen. Da ist die „pommersche Mütze“, mit der in einer sehr gefährlichen Weise der Kopf zusammengepreßt wurde. Da ist der „gespickte Hase“...

Und nun seh’ ich auch erst so recht alle die dunklen braunmodrigen Flecke auf dem Estrich, zwischen Staub, Deckenschutt und Vogelkot.

Ich meine, es müsse vertrocknetes Blut sein.

Genug!...


Ah, die Luke! — Und der schöne Sonnenstrahl! — Und das Stückchen Himmel! Auf der Kante sitzt ein Vögelchen; sitzt da und zwitschert sein Lied in das Dunkel hinein...

Wieder fort...

Und nur die Einsamkeit! — Tiefer! Grausiger! — Mit dem Winseln und Pfauchen des Windes, mit diesem abscheulichen Sausen, Klatschen und Rauschen der Fittige oben und den häßlichen Lauten des Vogelgetümmels.


Minuten gehen...

Meine Phantasie wird lebendig. Ich fange an, Laute zu mißdeuten. Ich meine Knacken von Gliedern, Kettengeklirr, Geräusche arbeitender Werkzeuge zu hören, Stöhnen, Schreie; sehe verzerrte Gesichter, spüre huschende Bewegungen, wie ich dastehe in einer tiefen Starre.

Ich schüttle mich.

Ach, Donnerwetter! Die Fledermäuse natürlich, der Wind, die Vögel, Mäuse... Aber jeder Laut hallt so wieder!...

Ich sitze da und eine Strophe geht mir im Kopf herum, die ich mal gelesen. Mit einem Mal. Es ist, als ob sie jemand in mir Wort für Wort flüstere.

„Der Verzweiflung schriller Schrei

Höhnt aus allen Glocken.

Aber ewig streut der Mai

Seine Blütenflocken!“

Sich in dieses Rätsel zu versenken!...


Auf! —

Ich rücke eins von den Geräten an die Luke, das es mir ermöglicht, mit dem Kopf hinaufzukommen. Ich sehe die goldige Landschaft, Dächer, Bäume, getünchte Mauern, ferne Hügel, Felderbreiten und Waldstriche.

Ein paar Jungens lärmen mit ihren hellen Stimmen draußen umher und blasen auf Schalmeien aus Weidenrinde. Aber die Stimmen und Töne haben so eine wunderliche Nüance, irgend etwas Unsagbares, als ob sie etwas dunkles, Furchtbares vertuschen sollten.

Helle! — Licht! —

Die Wahrnehmung bringt mich plötzlich auf die Archivräume und den Herr Aktuar mit seinen Träumen von einem freien Reich der Zukunft. — Der gute Herr Aktuar, der nichts davon haben wird als seinen schönen Traum, der ihn so begeistert! — Und das goldene Reich mit all seinen freien Bürgern?

Ich sehe nur immer die unheimlichen schwarzbraunen Flecke hinter mir auf dem Boden, von denen ich meine, sie seien Blut; Blut, das nichts wegzubringen vermag! Nie! — Nie! — Und ich weiß mit einem Mal, was es mit der Lebensfreude auf sich hat! — Und ich weiß, woher sich Lieder, Freude und Schönheit gebären!...

Fort! —


Wie schön die Abendsonne blendet! — Alles so still, so friedlich, so wundersam! Wie ich den Steig hinab taumele, mit pochenden Schläfen und zwinkernden Augen, atme ich so recht von Herzen auf und sehe das gemütliche Honoratiorenzimmer im „Stern“ mit dem großen Rundtisch, mit der riesigen Schnupftabacksdose drauf und dem hölzernen Klingelmesser drüber.

Nun, trotz allem Pessimismus werd’ ich heut abend mit dem Herrn Aktuarius gründlichst das Mittelalter totschlagen.

Jedenfalls: wir werden uns ansehen, froh, wieder beisammen zu sein, werden unser Bier trinken, unsere Cigarren rauchen und plaudern, plaudern...


Logos.

Es war bei der alten Lehmmauer, die sich lang am Gipfel des Klosterberges hinzieht, in dessen Tiefe, ganz in der Nähe der Schloßumwallung, sich der herrliche Klostergarten breitet. Da traf ich mit dem „dummen Joseph“ zusammen. — Der „dumme Joseph,“ das alte Inventar der Stadt, der Ortsidiot. Eine gute harmlose Seele; nur daß er sich ab und zu seinen Rausch antrinkt. Er haust in einem Winkel des städtischen Armenhauses und verdient sich seine paar Pfennige zum Schnaps durch allerlei Gelegenheitsarbeiten.

Mit seinem chokoladenbraun verwitterten Gesicht, in der olivigen Jacke, in Lederhosen und barfuß, eine alte dicke Wintermütze auf dem Kopf, unter der ihm der Schweiß an den vorlugenden graumelierten Haarspitzen in dicken Tropfen herniederrann, kam er mir entgegen und schob auf einem Schubkarren einen gewaltigen Petroleumballon vor sich her. Augenscheinlich war er, ob infolge eines kleinen Spitzes oder weil die Bälge ausnahmsweise mal nicht hinter ihm her waren, außerordentlich aufgeräumt. Denn schon von weitem hatte ich ihn brüllen hören und war bald zu der Annahme gekommen, daß das Gesang bedeuten sollte: nur war es mir noch nicht möglich gewesen, irgend so etwas wie einen Text wegzubekommen. Als ich indessen bei der Lehmmauer mit ihm zusammentraf, da hörte ich, wie er nach einer fürchterlichen Gassenhauermelodie immer ein und dieselben vier Worte sang. Und wie wir schon, er nach der Stadt, ich nach der Schloßgrabenbrücke zu, ein ganzes Stück auseinander waren, hörte ich immer noch die vier Worte:

„Mein Ziel ist Gott! — Mein Ziel ist Gott! — Mein Ziel ist Gott!“


Was?! — Der See?! —

Wie in aller Welt war ich gerade hierher geraten?! — Richtig! Jetzt saß ich in Nachbar Schraube seinem großen Fischerkahn, ganz vorn an der Spitze. Sie ragte gerade aus dem Schilf heraus in das kräuselnde Smaragdgrün des Wassers hinein, in all die zahllosen, weit hüpfenden goldenen Sonnenflämmchen... Und spüre, wie’s mich schaukelt... Der Kahn? Ein Wort? Vier Worte?... Genau die vier Worte des „dummen Joseph“. Aber eigentlich: Worte? Nein! Ich weiß selbst nicht...

Ach, nur immer dies Wiegen und die fern verschleierte Weite des feinen Wellenspiels... Immer dies sanfte, monoton einlullende Plätschern an den feuchten Wänden des Kahns... Das Wispern im Schilf... Und so ein Staunen... So halb Grauen, halb Lust...


Horch!

O, dies leise Schwirren der Luft über die kräuselnde Fläche hin! — — —

Warum spricht es nur immer in mir so leise und heimlich: „Wort“? „Wort“?...

Ich liege mit dem Kopf über Bord und alles geht mir so wohlig durcheinander.

Wort?

Aber nein! Nun ist es mit einem Mal eine Vorstellung, eine Erinnerung.

In der Einsamkeit steh’ ich am Strand. Bis dicht zu meinen Füßen treibt eine Boe meterhohe Wellen aus der dunklen stahlblauen Ferne mit mächtigen Schaumkämmen schräg gegen den Strand, und ich höre das unaufhörliche donnerartige Bersten der aufgestauten Gewässer auf dem harten Ufersand. Ich höre das Pfeifen, Zausen und Winseln des Windes, der dunkelgeballtes Gewölk jagt und in dem starren Dünenhafer zischt. Ich spüre diesen eigentümlichen Thrangeruch und höre das schrille Jauchzen der Möven: immer „tjäh!“ — „tjäh!“ — „tjäh!“, das so sehr an den Grundtyp der Anwohnersprache erinnert. Aber alles verschlingt und übertäubt dieses eine ungeheure Rollen, Donnern, Brüllen der berstenden Wassermassen.

Das Wort!... Wort!... Logos!...


Wort. — Urlaut. — Bewegung... Anorganisch und Organisch... Entwicklung... Einheit...

Still! —

O, wie köstlich! — Ich höre die feinen, leisen Laute, hervorgebracht von den Wassermolekülen, die durch den frischen Luftstrom in Bewegung gesetzt sind. Ich höre, mein Ohr neigend, das unendlich feine Zischen und Gären der befeuchteten Ufererde, wenn sich der kräuselnde Wellendrang zurückzieht; höre es raunen, wie ein Geheimnis... Und weiter hört meine folgernde Vernunft mit geheimen Ohren die leisen Geräusche der sich einenden und lösenden Elemente, hör’ ich die sich entbindenden Massen der Elektrizität, brüllende Sturmlaute über die Länder hin, Regengeriesel und Donnern der Lawinen und die vielen Laute und Stimmen der Tiere und das Wort, das menschliche Wort, die Sprache in ihren tausend Verfeinerungen. — Und alles ist ganz gleich und einerlei und dasselbe: Bewegung, Laut, Wort, Sinn. Alles gleich und alles dasselbe eine Wandeln... Alles gleich!...

O, nur die Wellen, die weitschimmernde Fläche und die tanzenden Flämmchen, und die Wellen, die plätschernden raunenden Wellen...


„Herr Dokter!“

Ich fahre herum.

Meister Schraube! In persona! — Mit seinem gutmütigen braunen Gesicht, mit dem Pfeifenstummel und der „Maurerfreese“.

Ach, nun weiß ich: wir wollten ja alle beide ’nausfahren und Reusen legen!

Meister Schraube bedauert, daß er sich verspätet hat.

„Jedenfalls, ich bin hier beinah’ umgekommen vor Langeweile!“

Die Kette klirrt vom Pflock. — Ruder eingesetzt! — Los!...


Im Laden.

Ich sitze auf einem Korinthenfaß und sehe zu, wie Herr Haberland verkauft.

Wunder meinte ich, wie früh ich heute aufgestanden wäre, aber Herr Haberland ist nun schon reichlich eine Stunde auf den Beinen und hat hinter seinem Ladentisch alle Hände voll zu thun.

Es geht mir so durch den Sinn: ich weiß nicht, ob es gerade nötig ist zu wissen, daß es einen lieben Gott giebt: sicher ist es von nöten, daß zum Beispiel Herr Haberland heute für so und so viel Reichsmark Ware umsetzt. Vielleicht komme ich darauf, weil Herr Haberland so privatim ein bißchen Freigeist ist; vielleicht aber bringt mich auch seine Geschäftigkeit auf diesen Einfall.

Denn das ist ein wahres Vergnügen, ihm zuzusehen!

Diese nervöse Beweglichkeit paßt ganz zu einem Wuchs: die Ladentischkante reicht ihm bis über den Bauch, der übrigens ein sehr diskreter Bestandteil seiner Persönlichkeit ist und sich in diesem Augenblicke hinter der grünen Schürze verbirgt. Die grüne Latzschürze mit der Messingkette. — Wer hat in seinem Leben noch nicht einen kleinstädtischen Krämer in dieser Schürze vor seiner Ladenthür das duftende Kaffeesieb schwenken gesehn! — Es ist einer der herzerquickendsten und weltversöhnendsten Anblicke, die man genießen kann! — Immer hat Herr Haberland übrigens diese Schürze nicht vorgebunden. Aber er will nachher, wenn seine Madame aufgestanden sein wird, hinten in der Niederlage noch Petroleum auf Flaschen füllen; denn er verkauft Petroleum nicht direkt vom Faß, sondern in Flaschen; eine Neuerung im Petroleumverkauf, die sehr praktisch sein soll, und die er, findiger Kopf und Fortschrittsfreund, der er ist, da neulich von einer Geschäftsreise nach der nächsten Großstadt hierher nach Dingsda importiert hat.

Aber nichts Prachtvolleres als sein Kopf! Dieser mächtige Schädel mit diesem geweckten vifen Gesicht! Eine hohe kahle Stirn, und schlichtblondes Haar rahmt eine Glatze ein, rund und spiegelnd wie eine Billardkugel. Aber sie ist jetzt nicht zu sehn, denn Herr Haberland hat seine graue Ladenmütze auf. Eine runde Kappenmütze mit einem gewaltigen Schirm, der spitz wie ein Schnepfenschnabel vorspringt. Er hat sie schief und verwogen auf der linken Seite, und sie ist tief heruntergezogen. Unter der behaglichen Nase starrt eine rote Schnurrbartraupe, und vor den gescheiten grauen Augen funkeln und blitzen die beiden Brillengläser.

Und dieser Blick vor allem! Dieser Blick! Noch nie hab’ ich mein Lebtag einen so komplizierten Blick gesehn! — Da ist Humor, Leutseligkeit, diskrete Ironie und Witz, denn die Kunden werden von Herrn Haberland in ihren diversen charakteristischen Eigentümlichkeiten ebenso genossen, wie sie von ihm unterhalten sein wollen und müssen; da ist vor allem „das Geschäft“; da ist eine unwillkürliche Aufmerksamkeit, daß die Ware richtig verabreicht wird, und das alles und wer weiß, was noch? liegt in diesem Blick...


Vornehmlich hat Herr Haberland augenblicklich hinter dem kleinen Branntweinausschank zu thun, denn die ersten Kunden des Tages sind zu bedienen, und das sind die Arbeiter, die in aller Frühe in die Kalksteinbrüche hinausmüssen, weit draußen in den Thalsenkungen der Berge. Dort arbeiten sie den lieben langen Tag über bis in den Abend hinein für ihre anderthalb oder zwei Mark, und da ist es begreiflich, daß sie sich ihren „Schluck“ mitnehmen müssen, der von Herrn Haberland sehr geschickt aus der großen Glasflasche in die Zinnnöselchen und aus ihnen in das Fläschchen praktiziert wird, das sie ihm hinreichen. — Natürlich holen sie auf Borg. Sie kommen dann aber auch noch mal am Abend mit vor; und dann stehen sie vor dem Ladentisch oder sitzen auf der Bank an der hellgetünchten Wand und „genehmigen“ sich noch „einen“ vorm Schlafengehen, und wer’s von ihnen etwas näher an den Nabob heranhat, leistet sich wohl auch noch den Luxus einer Fünfpfennigcigarre. Am Sonnabend wird dann alles „glatt gemacht“.

Also diese Arbeiter. — Es ist selbstverständlich, daß sie alle nach der Reihe Sozialdemokraten sind. Deshalb ist Herrn Haberlands Benehmen augenblicklich im allgemeinen auch etwas reservierter. In etwas! Denn es ist selbstverständlich, daß das „Geschäft“ die Hauptsache ist.

Ja, das „Geschäft“! — Ich bewundere die Macht dieses „Geschäftes“. Denn so verschieden die politischen Ansichten Herrn Haberlands und dieser Leute auch sein mögen, und man weiß ja, wie die Politik den Charakter verdirbt und die Leidenschaften incitiert: das „Geschäft“ hat hier einen Altruismus zu Wege gebracht, der sich in einer teils allgemein humanen, teils sogar humorvollen Verkehrsweise Herrn Haberlands darthut und dessen ethische Qualitäten unverkennbar sind...


Diese Arbeiter! — Romantisch! — Pittoresk! — Alles, was in Dir Maler ist, hat seine Augenweide; denn an ihren Kleidern kannst Du die ergiebigsten Farbenstudien machen. Vornehmlich sind es diese Übergangsfarben. — Alles, was Du da in einem Nest wie Berlin „unter den Linden“ und in der „Leipziger Straße“ und „Friedrichsstraße“, in Theatern, Konzertsälen, in Gesellschaften und Zirkeln herumprunken siehst, ist entschieden eine ganz gewöhnliche Farbenplebs gegen den intimen Zauber dieser Tönungen.

Da ist vor allem jenes bekannte Olivengrün. Wie es sich dort über das breite Schulterstück eines gekrümmten Rückens aus einem Rotbraun herausspielt, im Strahl der Morgensonne in ein feines Gelb hinein! Die Couleuren einer Lederhose; die Nüancierung jenes ehemals weißen Maurerpantalons; das zartverblichene Blau jenes Leinenflickens auf den friesigen zerschlissenen Halbpaletots da! Nun, und was alles diese geheimen Meisterstücke atmosphärilischer Farbentechnik sind!...

Diese Arbeiter mit ihren rotbraunen Gesichtern! Diese schwieligen Hände mit ihren krummen ungefügen Fingern und ihrer Behaarung! Dieser Duft nach Rippenknaster, Branntwein und frischer Bergluft!...

Und die Gestalten! — Denn siehst Du: so führen die Fäuste die Steinpicke, die Schaufel, das Brecheisen, langsam, bedächtig, zweckmäßig, Stoß für Stoß, immer in dem gleichen festgewohnten Rhythmus der Bewegungen; so schieben sie die Karren, den Schienenwagen, und so geben diese Bewegungen dem Rücken diese Krümmung, biegen sie die Beine, formen sie die Mienen der Gesichter, bedingen sie diesen müden und schleppenden Gang, in dem doch Kraft ist.

Schade nur, daß sie, wie gesagt, alle nach der Naht Sozialdemokraten sind, diese gefährliche neumodische Menschensorte die „teilen“ will!...


Sie sind fort. — Langsam schleppen sie sich, ihre schäbigen Ledertaschen über die Schulter, den Steig zu den Hügeln hinauf, und die Rauchwölkchen aus ihren Kurzpfeifen kräuseln sich fein und blau in die helle Morgenfrische.

Hm! — Nun ja! —

Ich stopfe mir Shag in meinen Stummel und zünde mir eine Morgenpfeife an, und Herr Haberland klebt an seinen Düten weiter. — Große Düten, mittelgroße Düten, kleine und kleinste Düten. Spitze Düten und eckige Düten. Blaue, graue, gelbe und weiße Düten. — In vier langen Reihen bedecken sie den Ladentisch in einer Weise, daß Herr Haberland den Pinsel nur in den Kleistertopf zu tunken und, während er die eine seiner großen dürren Hände drüber spreizt, mit ihm drüber hinzufahren braucht. Man hat dann nur noch nötig den bekleisterten Rand so einer Düte umzudrücken und sie ist fertig. —

Die Sonne blinkert so friedsam auf den Schnaps- und Likörflaschen. — Und die schönen blauen Zuckerhüte mit ihren weißen Spitzen! Und die blitzblanke Messingwage! —

„Ja! — Gute Kunden! — Aber Sozialdemokraten! — Aber freilich: so schuften müssen den ganzen Tag für kaum zwei Mark, in Wind und Wetter und Sonnenglut?!“

„Ja ja!“...

Und große Pause...


Bimmelimbimbimbimbimbim...

Die letzten Bimbims in immer beschleunigterer Tonfolge.