JOHANNES URZIDIL
STURZ DER VERDAMMTEN
GEDICHTE
LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI „DER JÜNGSTE TAG“, BAND 65
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER · WEIMAR
STURZ DER VERDAMMTEN
I.
Gott warf mich aus wie ein Kristall, ein Körnlein war ich schwebend in seinen Gewässern,
ich spannte Tiefe und Höhe, und Höhe und Tiefe schufen mein Angesicht.
Solch Angesicht schuf ich mir, daß ich es trage untröstlich und unwandelbar,
durch maßlos verwobene Vielfalt, daß ich es trage ewig und unwandelbar.
Du Fischer Gott, viel ist seither verflossen.
Kinder trug man in Särglein silbernen Holzes zur kühlen Erde.
An Deinen Angeln winde ich mich verhöhnt und höckerig,
umkränzte mich mit Wiese und Wald und Ebenmaß Deines Gelächters.
Woge, die mich zerschlug, Berg, darin ich erstickt, Frost, daran ich zerbarst
und ihr, Lüste und Schmerzen, Ja und Nein, daraus ich mich wob und wirkte,
ihr seid, ich aber bin nicht. — An Gottes Angeln
schwanke ich matt und verworfen, unwissend, was er mit mir fahe.
Er irrt, ein Gelächter, mir über die Fläche des Herzens,
er zehrt mir an Krippen der Seele und leert sie aus,
er schlägt sich als Atem leise an meine Spiegel,
er schreitet vorüber und hat weder Gruß noch Sinn.
Schwer ist und trostlos unwandelbaren Antlitzes zu sein,
zu verschäumen im Dunkel, zu verhallen in eigener Weite.
Finster schufen wir uns die Welt, erhaben, voll großer Geste.
Doch eh’mals in silbernen Barken war Süße und Licht.
II.
Weh uns, weh der Schwere, Schwere schwer ohne Boden, ohne Rast,
weh uns, weh dem Sturze, unendlich entfielen wir Deiner Verneinung, Herr.
Grenze setztest Du, Tod und Verwandlung,
durch tausend Verwandlungen ewig stürzen wir totwärts ins Dunkel.
Unser Fall ist ab und auf, rechts und links, ohne Gegend, ohne Raum,
unser Maßloses hast Du zerrissen zu Vielfalt, verklebt in schmerzlichem Widerspiel,
unser einiger Strahl brach sich an Deinen Flächen und sonderte sich in schwirrende Weltensysteme.
Wehe, wer nimmt von uns Antlitz verzerrt und bresthaft,
Verfluchung unserer Schönheit, die sich aufbaut wie Hohngelächter eines anderen Gottes.
Verfelst sind wir gleich Erzadern in die Kurzatmigkeit Deiner Ordnung.
Mit Dir, Gott, Palisade, haben wir uns gegen uns umgürtet.
Siehe, es ist Frühling, bunter Frühling und alle Frauen werden schön.
Siehe, es ist fahle Herbstzeit und das Gewässer orgelt klagend im Haine.
Soweit ich mich weite in Unmaß der Mitternacht, die smaragden sich auftut:
Zerspalten bin ich in Du und Ich, in Sinn und Gebilde.
Dieses ist unser Sturz, den niemand von uns nimmt, der Sturz der Verdammten:
Gefesselt sind unsere Häupter an diese Scholle Ordnung, die lastend uns mitreißt.
Wissend zu sein, ward uns nicht, Unwissenheit ward uns nicht,
wie flackernder Pechkranz, geschleudert ins Dunkel versinkt unsre Seele.
III.
(Chor der Pferde)
Aus Mühsal der Verschirrung, spitzem Hetzwort, dröhnenden Asphalten,
aus Häuserflucht, die engend uns umwölbt und dem Getön der kriegerischen Städte
auf leisem Floß entglitten wir durch fieberndes Gewässer, drauf der Mond
wie eine Flöte hing, die blanke Münzen in die Wellen träuft.
In diesem Weideland, umsäumt von dem Kristall der Nacht
(Aquamarin ertönt, Topase lächeln da und dort),
in sanften Umriß hingelagert träumen wir durch Stundenflut,
der Hufe Munterkeit ist eine Herde bunten kleinen Feldgetiers.
In Stollen eingekantet und genährt von Fäulnis, drein sich böses Wort wie giftger Ampfer mengt,
war unser Herz ein schwelend Grubenlicht, gehängt an rauhe Klippen, wo kein Halm ergrünt.
Wir barsten in Kolonnen wiehernd schreckenvoll und türmten uns zu schauerlichem Babel der Vernunft.
Wir brachen ein in fahler Vorstadt sonndurchglüht und großer Zulauf zerrt an uns und Polizist.
O Mensch, in Schwere eingebettet, Schwankung zwischen Auf- und Niedergang,
Verwandlung, reinlich abgeteilt vom Grenzenlosen, angeufert an das Nichts,
in sich gesondert weh in Ja und Nein, Versagung pflanzend in das Herz der Welt,
o Mensch, abreiß ich alle Riegel, weh, was zerrst Du meinen wunden Leib.
Satanisch ist Dein Thule, abgeebbt von Gott!
Versargt in schiefgefügte Satzung taumelst Du durch Maskenwirrsal unverwandt,
indessen er, pfadlos und süß im Zittern unserer Weichen bebt,
parforcegehetzt von Dir, blutroter Reiter im Geheimnis Deiner Welt.
IV.
Auf den Boulevards Deiner Seele wirst Du, o Mensch, einstmals Dir selbst begegnen,
auf den Boulevards und den Brücken, vergeblich beschritten von viel unkundigen Füßen.
Dich wirst Du finden, den dunklen Sucher, von allen verlassen,
der seinen Schatten aufsammelt vom Boden, daß er niemand verletze.
Leise wird Dein Tritt sein von Haus zu Haus, alle Tore wirst Du versperren
und alle Schlüssel schleuderst Du hinter Dich, in die seufzende Schwärze des nächtlichen Flusses.
Du lässest die Straßen sich rollen wie hitziges Blech, Deine Hand zerdrückt die grünliche Frucht der Laternen,
sogar den Hunden und Fledermäusen wirst Du mit fahlem Messer und spitzem Steinwurf begegnen.
Deine Gefährten werden sein die Seellosen, die Bäume und die Gestirne,
alle Pfade wirst Du hinaustragen in die Wüste und sie im Winde zerstreuen,
zwischen Deinen Fingern werden die Dimensionen wie spröde Stäbe zerbrechen
und den Raum, darin Du verkapselt Dich mühtest, reißest Du auf nach allen Seiten hin, maßlos.
Wohl Dir, Du guter Wälzer der Augen, des Eis nicht zerschmilzt zu zeitlicher Träne,
den Gott nicht mehr einsam macht, nicht mehr das Weib mit sinnlos klaffendem Mantel umlauert.
Wohl Dir, Maskenzertrümmerer, Finder eigenen Unheils, Selbstverneiner:
Das schimmernde Sein hast Du zum Nichtsein gemacht und Dich gelöst zu düstergroßer Verklärung.
Endlos ist Dir das wehe Gelände des Schmerzes,
darinnen Du schreitest und schwarzes Brot der Versagung issest,
ewig ist Dir das phosphorfarbene Schlafwandlerlächeln,
das nicht zerschellt in den hohlen Grüften der Erde.
DER UNERLÖSTE SINGT ZUR NACHT
Ich kann meinen Worten nicht mehr entfliehn, o Gott,
sie kommen zu mir auf den Brücken, die Tag und Abend verbinden,
es können meine Lippen die kostbaren Worte nicht
mehr umklammern wie Schätze,
so daß nun jeder sie ergreift und hinhält
in den Bezirk seines zernagenden Lichtes. —
Alle Gebilde haben ihre Namen,
ein jegliches redet seine Sprache in allen Zungen der Erde,
selbst Du, o Gott, enträtst nicht Deines Wortes.
Ich aber will die nicht, so da lärmen und allen gemein sind.
Ich unterwinde mich aus ihren Umgitterungen
meine fastenden Hände emporzudrängen, daß Du mich lehrest
alle die Dinge, die wortlos und ungeboren
noch nicht in Zeit getaucht sind und schweben zwischen Dir und mir.
Und meine Stimme ertönt an den Toren des Abends:
Ist es das Rauschen Deines Mundes, oder die Schlankheit meiner Geliebten,
daß ich bin wie ein Gefäß und schamlos überfließe vor jedem?
Was ist es, das mich erfüllt wie ein Antlitz und ich vermag nicht
es zu erlösen mit meinen Gesang, daß es lebe und wandle?
Siehe, ich suche Dich, Gott, jenseits der menschlichen Wasser,
in den Gebärden der Dinge, daß Du mir Antwort sagest,
und ich entsetze mich, Du möchtest plötzlich
hinschütten auf meine Torheit den Lawinensturz Deines Lachens.
Denn ein Zecher bin ich an Deinen Bänken, o Gott,
und kann mich nicht lösen aus der Umarmung der Dinge,
die Du wie bunte Netze gestellt hast rings um mich her,
daß ich nimmer genese von der Unwissenheit Deines Anfangs.
Doch über das Nackte der Dinge streuest Du aus die Saat Deines Mundes,
und alle singen ihr einfältiges Ich und sind und kreisen
und Du schreitest unter ihnen wie ein Gärtner oder ein Hirte.
Mir aber täte not ein Zuchtmeister meiner Gedanken
und für meiner Brände Springflut ein Herd und sorgliche Wartung,
denn uferlos ist meine Rede unter den Menschen,
die einander heimsuchen und tausendfacher Gespräche pflegen.
Versage mir nicht, o Gott, Einkehr in Deine Gebilde!
Unbändig bin ich und bin außer mir und reiße mein Gewand ab.
Ich zerbreche Deine Satzung, wer da kann, begreife meine Nacktheit.
Meine entfalteten Hände umtasten seit je Dich, den Verwandten,
und streifen an alle die Dinge, die noch der Zeugung bedürftig
jenseits der Worte wohnen und jenseits ihrer Vernichtung.
Ich bin voll von ihnen, o Gott, und weiß nicht sie zu erfassen
und bin ein Tanzender ohne Bewußtsein, mitten in ihrem Geheimnis.
Es ertönt meine Stimme!
Es ragen empor meine Schläfen!
Ich strecke meine Hände nach Dir in die schwarzen Flüsse der Nacht.
DER STÄDTER
Was denn bin ich, daß meine Seele nicht mehr
wie ein Gebirge über die Wälder aufsteigt,
daß ich ausströme und mein Gefäß zersprengt ist
und aller Dinge Schmerz in mir erbraust?
Nicht mehr sind mir sanfte Geschlechter der Blumen,
aufgerafftes Lachen an bunten Pfaden,
kindliches Leid, überdacht von Muttertröstung,
ach, und verwaist ragt mir die entkränzte Stirne.
Nachtcafés begrenzen meine Tage,
Marmorblitz der Säle und Billardstoß,
münzenklangdurcheilte Kellnerhände,
schwarzbewegter Katarakt der Schöße.
Was denn bin ich, daß ich nicht durchbreche
Kampfesordnung feindlicher Geräte?
Weltall donnert hinter Spiegelscheiben.
Meine Seele reitet durch die Nacht.
DEM WAHNSINNIGEN
Da meines Atems falbe Säule Dich streifte,
legtest Du groß auf mich Deiner Augen Getöse.
Deine Gedanken: Verzacktes Getürm über krachenden Schläfen,
Deine Worte dem taumelnden Nachtschwalbenflug zu vergleichen.
O, zu sein wie Du, ein Seiltänzer über den Dingen,
verschmäht und verworfen von Leuten trüben Gebläses,
mit aufgeworfener Lippe einsam zu sein in den Scharnieren des Lebens,
zu sein wie Du und nicht zu verrücken des Grases holdselige Einfalt.
Wenig ist, guter Taten kundig zu sein,
nichts Weckerprasseln und kalte Güsse des Morgens!
O, zu sein wie Du, verschränkt in alle Geräte,
zerschwankt und zerborsten an allen Gebilden der Welt.
DEM ENTSCHWINDENDEN
Ich bin ein Sieb, durchschüttet von dem Korn der Welt,
darinnen alles Grobe sich verfängt
und bin angefüllt mit den Rauheiten der Menschen,
ihr flüchtiges Sein zu umklammern bleibt mir versagt.
Auch Du bist bald geglitten in die Tiefe,
immer weniger wirst Du auf meinem Boden,
meine Maschen sind zu weit für Dich,
Du liebes Korn, Du lieber Mensch.
Ich gebe Dir mit zartes Geräusch der Läuterung,
lese von Dir das Fremde, daß Du rein seist,
gebe Dir mit Sehnsucht, Dich zu behalten,
Du streifst mich ab, unbekümmert und weißt um nichts.
Wann kommt endlich Gebilde, daß ich es fasse,
daß meine Leere erfüllt sei, daß ich es trage,
Korn, tausendfältig erwachsen, seltsamen Duftes,
haftend, schwer und gesund, dem ich nicht mehr Sieb bin.
BESEELUNG
Wer im blitzenden Chorus werktätiger Sekunden
hinschreitet im Dreiklang des Raums, ein Zweikämpfer aller Gebilde,
wenig weiß der um den Dichter, der in den Schwärzen der Nacht
endlos sich auftut über allem, ein kosmischer Versöhner.
Denn, daß er Gott errufe, singt er „o Ding, o Fontaine, o rauhes Gestein der Straßen“
und treibt das Gewerbe des Müßiggangs, voll Beschwerde und Demut,
er nimmt alle Schwere auf sich und wirft die Dimensionen durcheinander
und läßt das Feindliche in chaotischer Umarmung erbrausen.
Wer ist da, daß er Erbarmen trage mit der Not aller Dinge und ihres Wieseins Schauder,
daß er ahne Beklommenheit vergossenen Weines,
und Tiefsinn großer Seen, die blank wie Münzen sich ründen?
Mich aber siehe weinen! Zur Pforte bin ich geworden.
Es raffen zum Leben sich tote Atome im Sturz meiner Tränen.
Meines Atems Golfstrom umklammert
die tanzende Heerschar der Nachtgestirne.
LIED DES UNSTETEN
Ich hatte den wahnsinnigen Jüngling verlassen und war durch Wälder
vorbeigezogen an krummen Flüssen und endlosem Hügelgelände,
durch viele Täler des Jammers, wo die Gewässer der Klage rauschen
und der Mensch hinsinkt im Diskussturze der Stunden.
Wer ist, der meinen Ruf hört, wer kränzt meine Spur mit liebenden Blüten,
Wirrsälig ist mein Gedanke, labyrinthisch die Rede, doch gut ist mein Wille.
O, nicht mehr bin ich wagrecht, überflüssig und voll Überhebung.
Recht tut, wer meinen Gesang schweigen heißt vor dem abendlichen Zirpen der Grillen.
Siehe, allen bin ich bereitet, ein Trank, eine Speise,
ich, allverwoben, allfahrend auf den Flößen der Erde,
ich, überall reglos sitzend in den Kathedralen der Nacht,
ich, windflüchtiger Falter, durchtanzend den Lotos eurer Träume.
DER AUSSICHTSTURM
Zwischen eisernem Gebälk, daran der Wind frohlockend sich klammert,
windet mein Tritt sich empor, spiralig zur gläsernen Plattform,
unter mir liegt Gedächer der Stadt, Krümme des Flusses, Gärten und Rebengelände,
unter mir die Eile der Menschen, Wagengerassel und die keuchende Heerschar der Schlote und Dampfmaschinen.
Hier ahne ich Dich, o Gott, sofern ich Dir näher bin um den Atemzug einer Henne,
(ich bin vor Dir so klein, wie der winzige Angler, der in der Tiefe stillen Gedanken nachhängt)
ich häufe Deine Sinnbilder im Dunkel meiner Gemächer,
zugemessen ward mir der Tag und das Nächtliche nach meinem Verdienste.
Dich erkenne ich, o Tod, Du Gleichnis alles Lebendigen,
Du in allem Leben enthaltener, tausendfach verzweigter,
brüderlich immer nahe im Speichenflug der rasenden Automobile,
verschlossen in der dunklen Selbstentäußerung des bräutlichen Beischlafs.
Dich auch vielfältige Zeit, Zweikampf des Todes mit Lebendigen:
Jetzt heben sich die Vorhänge der Theater und nackte Schultern neigen sich über die Brüstung,
jetzt lauert der Gymnasiast vor dem Tor der Geliebten, und der Beamte schließt gähnend das Hauptbuch,
jetzt brüllen die Kälber in den Ställen ein letztesmal, und das Rad der Lafette zerschneidet den Bauch des Gefallenen am Schlachtfeld.
Ich aber will lernen demütig zu sein,
denn wo der Verzückte nieder sich fallen läßt, wie der Erlöser von der Zinne des Tempels,
wo der Übermäßige auf unsichtbarer Spur weiterhin schreitet in das Geheimnis der Sphären,
da will ich, Sünder, an eisernem Gerüst abwärts mich tasten zur gebrechlichen Erde,
denn vielleicht daß unten meiner jemand wartet. Ich will mich beeilen.
Wer ballt mich zur Kugel, auf daß ich rascher die Serpentine hinunter rolle?
Wer schmilzt mich zu glühendem Bächlein ins Herze zu fließen den wartenden Freunden:
Zu sein einer im andern und die vermessenen Hände zu tauchen in Quelle der Einfalt.
ERNEUERUNG
Nun haben meine Hände alle Not umschlungen,
auftanzet meiner Freude lichtumflatterter Delphin,
daß ich, emporgeschreckt aus diesen Niederungen,
wieder ein Mensch, hinjauchzendes Gott-Tier geworden bin.
Auftakt des Weltalls ist in meine Brust gestiegen,
die toten Träume, die in ausgeblaßter Nacht
am Horizont wie schwärzliche Gehölze liegen,
sind schweren Atems nun in meinen Tag erwacht.
Weintriefender Kentaur sind meine Sinnlichkeiten,
Gedanke ätherfarben faßt mich in Gestalt,
auch kann ich über Wasser ungefährdet schreiten,
Windstrahl sein und Gelächter, auf einem Mund geballt.
Von meiner Stirn umlaubt sitzt ihr, erstaunte Gäste,
und jegliches in mir wird tausendfach verwandt,
wenn ich mich, Baum, erlösend ob Erdenzwiespalt veräste,
Urtrost bin, nachbarlicher Bruderdruck der Hand.
UNRUHE IN TIEFER NACHT
Oh, wohl sehnt ich in meinem schwanken Tritt
aufbrausender Gestalten frohe Wiederkehr,
oder sag, gehst auch Du suchend durch die weite Stadt,
wenn Nacht ist?
Glaubst Du, ich ahnt es nicht, daß Du zuweilen
aufschrickst in Dunkelheiten vor bangem Ton,
um Deine Lippen die stumme Frage:
Warum quälst Du mich?
Aber ich weiß,
einmal noch wirst Du liebevoll
zärtlich noch einmal Deine Hand auf meinen bebenden Scheitel legen
oder mich suchen
hinter dem Zittern der Fliedersträuche.
Vielleicht, daß ich dann schon fortgezogen bin
tief hinein, wo tausend Welten rollen,
alles von mir werfend.
Aber sollt ich wie ehmals
unstet durch Gassen wandern und Dämmerungen,
Oh daß Du, Grenzenlose, dann in meine Einsamkeiten glittest
schwer und dunkel
und mich umschlössest, so wie damals,
da mir der Gott
glühenden Fittichs ins Antlitz stürzte.
GEBET BEI ANBRUCH DES MORGENS
Einst wohnt ich jenseits
der Dämmerungen,
weinte hinter Wassern
in den Schoßduft der Nacht
den Klagelaut des Fortgedrängten,
nun laß mich beten:
Oh, dir netzt den Fuß
opalfarbene Flut,
mit schlankem Finger der Wind
spielt in Deinem Haar.
Deines Busens Duftschleier hab ich gesucht den langen Tag,
bis draußen zwischen Geröll, zwischen Geklüft die Sonne starb.
Oh, warum bebt Dein Schoß vor mir zurück?
Lag meine Sehnsucht nicht wie ein Tiger Nacht um Nacht?
Siehe, den Zorn des Lebens streift ich wie einen Traum von mir,
bald gleiten, wehe, schon stürzen
in die zyanblauen Geschwader der Nacht
blutrote Sonnenkatarakte.
Dann ist dein Haar