E-text prepared by Hubert Kennedy

DER SCHWIMMER

Die Geschichte einer Leidenschaft

Roman von

JOHN HENRY MACKAY

Meiner geliebten Kunst—des Schwimmens—gewidmet…

Erster Teil

1

Wann er schwimmen gelernt hatte?—Man hätte ihn ebensogut fragen können, wie und wann er gehen gelernt habe.

Er wußte nicht mehr, wann er das erstemal ins Wasser gegangen war; aber seine ersten Kindheitserinnerungen waren mit dem Wasser verknüpft, das sein Element war und in dem er lag, wie er auf der Erde ging.

Er war ein geborener Schwimmer.

2

Er hieß Franz Felder und war der Sohn sehr braver und sehr armer Eltern in Berlin O, der fünfte unter achten. Alle waren es stämmige Kerle mit dunklen Haaren und klaren Augen, und beide Eltern hatten vollauf zu tun, die hungrigen Mäuler vom Morgen bis zum Abend zu stopfen, von denen mindestens eines immer nach einer Stulle aufgesperrt war. Sie taten es redlich und gern, und zu hungern brauchte keines. Aber damit war auch der Kreis ihrer elterlichen Pflichten geschlossen, und sobald wie nur möglich blieben die Kinder einander und sich selbst überlassen und mußten sich mit durchs Leben helfen, so gut oder so schlecht, wie es eben ging.

Der Älteste lernte eben aus, als der kleine Franz geboren wurde, und nach diesem kamen dann noch drei, die—wie er vordem den vorhergegangenen älteren—so nun seiner Obhut mit anvertraut wurden, sobald er selbst auf den Füßen stehen konnte. Ohne viel Worte und ohne jede Zärtlichkeit herrschte immer ein gutes Zusammenhalten zwischen den Brüdern. Es äußerte sich hauptsächlich ebensowohl in derben Prügeleien, wie in solidarischem Durchhelfen bei allen kleinen und großen Fährlichkeiten ihrer im ganzen und großen recht mühseligen, aber nicht unglücklichen Jugend.

3

Er hatte das Schwimmen nie "gelernt"; wenigstens konnte er schwimmen, solange er zurückzudenken vermochte, und das war etwa bis in sein viertes Jahr. Damals fiel er auf einer Landpartie, deren Höhepunkt eine Kahnfahrt bildete, ins Wasser—die Frauen kreischten und die Männer fluchten, während er herausgeholt wurde; aber ihm machte die Sache Spaß, und er lachte seelenvergnügt, so daß jemand sagte: "Der fällt uns gleich zu seinem eigenen Vergnügen nochmal hinein…"—was die entsetzte Mutter veranlaßte, ihren Franz für diesen Tag wenigstens nicht mehr von der Seite zu lassen.

Aber das war eine jener Erinnerungen, die nur deshalb so stark in uns zu liegen scheinen, weil wiederholte Erzählungen anderer sie stürzen und halten.

In Wirklichkeit sah sich Franz Felder in seinen Gedanken zuerst als kleinen Jungen von fünf Jahren lange, lange, warme Sommernachmittagsstunden am Ufer der Spree bei Treptow. Seine Eltern wohnten damals in zwei kleinen, heißen Zimmern in einem Hinterhause der Fruchtstraße, aber der Vater hatte es zum großen Jubel der ganzen Familie fertig gebracht, für den Sommer auf einem der Felder am Treptower Bahnhof eine der vielen "Lauben" zu mieten, und man hatte nun ein winziges Stückchen Erde, auf dem man einige Kohlköpfe ziehen und zu dem man hinauspilgern konnte in dem stolzen Gefühl eigenen Besitztums.

Der Vater und der eine oder andere der älteren Brüder, die schon arbeiteten, kamen erst des Abends; aber die Mutter, welche kränkelte, verbrachte oft mit den Jüngsten ganze Tage auf dem reizlosen Fleck, wo sie wenigstens in freier Luft war.

Sooft er nur konnte, rückte Franz aus. Erst klagte und schalt die Mutter, dann ließ sie ihn laufen, da es doch nichts half, ihn zurückhalten zu wollen.

Eine besondere Anziehungskraft hatte für ihn ein großer Holzplatz an der Spree. Seit er einmal, dort umherschlendernd, für den Zimmermeister eine Weiße geholt hatte, stand ihm der Zutritt gegen Leistung gelegentlicher gleicher und ähnlicher kleiner Dienste offen, und nichts hinderte ihn, zwischen den Balken und Stämmen herumzuklettern, soviel er wollte.

So wurde der Holzplatz seine Heimat für diesen Sommer. Aus Spänen kleine Kähne zu bauen, sie mit einem Knopf oder irgend etwas anderem zu "befrachten", sie dem großen Wasser anzuvertrauen und zu sehen, wie es sie hintrieb und verschlang, wurde er nie müde; oder Gräben und Buchten zu bilden und das Wasser hineinzuleiten und herumzupantschen und zu mantschen, bis der Feierabend allen seinen Spielen für diesen Tag ein Ende machte.

Ein besonderes Fest war es jedesmal, wenn er in einem wirklichen großen Boote, das von der anderen Seite herübergekommen war und anlegte, ein Stück mitgenommen wurde oder etwa gar selbst eine Pätschel führen durfte.

Aber am meisten von allem lockte ihn das Wasser selbst; und sechsmal an heißen Sommertagen mindestens warf er Hemde und Hose in den Sand und tauchte sich in die braune, träge, lauwarme Flut. Er schwamm schon wie ein Fisch. Er ging auf den Grund und holte Steine aus dem Schlamm herauf. Er glitt unter den Flößen durch und verschwand hier, um dort in die Höhe zu kommen.—Und er lernte seinen ersten Sprung, den einfachen Kopfsprung. Erst von dem Rand des Floßes, dann von dem des Nachens, endlich von dem des großen Spreekahnes plumpste er—den Kopf voran und mit ausgespreizten Beinen—wie ein Frosch ins Wasser.

Ach, und wie war es schön, den nassen Körper in das heiße Sägemehl zu werfen, sich auf Bauch und Rücken darin herumzuwälzen und dann den weißen Pelz mit einem Sprunge wieder abzuwaschen!… Und stundenlang in der Sonne zu liegen und die Kähne und Dampfer mit festlich geputzten und fröhlichen Menschen auf der Spree vorüberziehen zu sehen, während die roten Wände der Fabriken und die weißen der Villen im Glanz des Sommertages aus dem Grün der Ufer hervorleuchteten und der blaue Himmel sich über alles spannte, die Ringbahnzüge über die nahe Eisenbahnbrücke donnerten und unter ihr die Dampfer pfiffen und läuteten…

Es war ein großer Sommer für den kleinen Kerl, der von den Arbeitern auf dem Platz, die sich nur selten und nur bei übergroßer Hitze ins Wasser wagten, wie ein kleines Wundertier angestaunt und ihre "Otter" genannt wurde, wenn er plötzlich zu aller Ergötzen im Wasser lag und seine ersten, kleinen Kunststücke zeigte.

Im Herbst dieses Sommers war er braun wie ein Neger, gesund und immer hungrig wie ein Haifisch, und er begann bereits, sich etwas einzubilden auf seine frühe Kunstfertigkeit…

4

Mit sechs Jahren kam er, wie jeder andere Berliner Junge, in die Volksschule um bis zu seinem vierzehnten Jahre, dem der Einsegnung, in ihr zu bleiben. In diesen Jahren lernte er schreiben, rechnen und lesen und einige allgemeine, elementare Kenntnisse, das heißt, Franz Felder lernte auch hiervon nur das allernotwendigste. Seine Schrift behielt immer die klobigen Formen der Ungewandtheit, und man sah ihr an, wie mühsam es ihm wurde, die Feder zu führen; sein Rechnen ging gerade so weit, um zur Zusammenzählung seiner kleinen Ausgaben und Einnahmen zu dienen; und sein Lesen—ach, der arme Franz Felder hat in seinem kurzen Leben wenig mehr gelesen, als hier und da den "Lokalanzeiger" und eine Annonce an der Litfaßsäule, denn es ist ihm ewig unverständlich geblieben, wozu Bücher überhaupt anders existierten als um den Überfluß an Zeit zu beseitigen.

Er brachte sich mühsam durch die acht Klassen bis zur ersten hinauf. Zweimal blieb er sitzen, und dreimal half ihm sein "gutes Betragen" durch. Auch die guten Schüler konnten es nicht weiter bringen, denn bis zum vierzehnten Jahre mußten sie alle miteinander in der Schule bleiben. Dann begann für sie alle das Leben—die Arbeit.

Franz war durchaus kein guter, aber auch grade kein schlechter Schüler. Es gab noch viel Dümmere als ihn. Er begriff das wenige, was er zu begreifen hatte, schwer und manches gar nicht; aber was er einmal in sich aufgenommen hatte, war auch sein geworden.

Im allgemeinen war ihm die Schule höchst gleichgültig; er ging hin, weil es nun einmal sein mußte.

5

Aber nicht allein durch die Schule, sondern auch durch die Notwendigkeit frühen Verdienens wurde seine Zeit in Anspruch genommen, und desto mehr, je älter er wurde.

Zwar folgten auf jenen ersten Sommer frohen Umhertummelns und sorglosen Genießens noch einige andere gleich und ähnlich schöne, aber immer öfter hieß es: "Du mußt dies und das tun und holen"—und ein jeder solcher Befehle vernichtete einen Wunsch. Es kam auf jeden Groschen an, der verdient werden mußte, und zudem verlangten die jüngeren Brüder Beaufsichtigung und Fürsorge von den älteren, wie er sie selbst von den Voraufgegangenen genossen.

Dennoch gab es immer noch viele Stunden ungetrübter Seligkeit für den
Knaben, wenn er hinaus konnte ins Freie zum Baden.

Es waren die Stunden, für die er lebte, an die er stets und ständig am Tage dachte und von denen er des Nachts träumte—seine größte Freude und sein durch kein anderes übertroffenes Vergnügen.

Im Sommer mußte einmal am Tage wenigstens gebadet werden; das war Selbstverständlich, und der Tag verloren, an dem es nicht sein konnte. Aber nicht etwa baden, was die anderen so nannten: aus den Kleidern ins Wasser und wieder hinein—sondern hinein und hinaus und in die Sonne, und wieder und wieder ins Wasser, und am liebsten so den ganzen Nachmittag. Und schwimmen und springen und tauchen und im Wasser wühlen wie ein Seehund—das nannte er baden. Als er noch ein kleiner Kerl war, gab es überall an der Spree Gelegenheit, splitternackt ins Wasser zu springen, wenn man nur aufpaßte, daß kein Schutzmann in der Nahe war. Aber als er älter wurde, ging es doch nicht mehr so gut außerhalb der Badeanstalt und ohne Badehose.

Vor dem Schlesischen Tor war ein großes Stück Spree am Ufer durch einen hohen Zaun abgetrennt. Auf seiner Innenseite zog sich ein Gang an allen Seiten hin, und es liefen Bänke an ihm entlang, über denen Nägel zum Aufhängen der Kleider eingeschlagen waren. Außerdem gab es noch ein wackeliges Sprungbett auf einer Art Turm, von dem man "bei Strafe" hinunterspringen mußte, wenn man ihn betreten hatte, und im Wasser lag ein Kreuz aus Balken zur Belustigung der Badenden.

Das war die große Schwimm- und Badeanstalt "Osten", die größte Berlins. Die Balken und Bretter waren schwarz und morsch vor Alter und die Nägel verrostet, und nie wurde ein neuer eingeschlagen, denn das hätte ja Kosten und Mühe verursacht. Alles war verwahrlost, aber Raum gab es hier in Fülle, und an allen heißen Sommertagen waren die Gänge vom Morgen bis zum Abend dicht besetzt mit vielen Hunderten von nackten, schwitzenden Körpern, und der Lärm in und außer dem Wasser nahm kein Ende, ob am Nachmittag die barfüßige Jugend des Ostens oder am Abend die schwarze Arbeiterschaft nach ihrem Tagewerk anrückte. Das Bad kostete einen Groschen, und den ganzen Sommer konnte man hier für einen Taler baden. Was aber Franz Felder vor allem reizte, das war, daß man hier nie oder doch nur ganz selten hinausgeschmissen wurde, auch wenn man die formell vorgeschriebene Badezeit von einer Stunde längst überschritten hatte. Bei der ungeheuren Menge von Badenden war es den Bademeistern ganz unmöglich, irgendeine Kontrolle auszuüben, und es war ihnen auch ganz gleichgültig, mochten sich die Körper in und außer dem Wasser stoßen und drängen und die Kleider über- und die Stiefel durcheinander geworfen werden—solange man sich nur nicht prügelte oder einer am Ertrinken war und herausgeholt werden mußte, rührte sich keiner vom Flecke.

Franz beschloß, hierher die Stätte seiner sommerlichen Tätigkeit zu verlegen und daher mußte er den Taler haben. Das war sehr viel Geld auf einmal, aber unmöglich schien es ihm nicht, ihn für sich zusammenzubringen, ohne daß die Mutter es merkte; denn die hätte natürlich gesagt, einmal in der Woche zu baden sei genug—(soviel verstand die davon!)—und hätte ihm das Geld abgenommen. Im März fing er an zu sparen: Sechser für Sechser und Groschen für Groschen, und er hatte ein wundervolles Versteck auf dem Dachboden des Hauses in einem alten Strumpf und in einer Ecke, wo nie jemand hinkam, da kein anderer im ganzen Hause so geschmeidig war, sich bis dahin durch Bretter, Balken und Gerumpel durchzuwinden. Aber im Mai wurde der Vater krank, und eines Abends kroch Franz voll Edelmut, aber nicht ohne Bitterkeit hin zu seinem Schatz und trug ihn in die Apotheke.

Jetzt mußte er von neuem anfangen, und er tat es: er trug des Morgens Frühstück aus, bevor er zur Schule ging, und lauerte am Nachmittag auf die Reisenden am Schlesischen Bahnhof, denen er hier und da ein Stück Gepäck trug, und als im Juni nach einem kalten Frühling der herrliche, geliebte Sommer und seine Sonne kam, lag er im Wasser und schwamm, daß es eine Art hatte. Diese Sommernachmittage waren noch sein—in diesen und in den nächsten Jahren—solange er auf der Schule war. Er ließ sie sich nicht verkürzen. Nach dem Essen rückte er aus und kam am Abend wieder, mochten sie daheim sagen, was sie wollten. Zwischen diesen vier schwarzen, häßlichen Bretterwänden, die alles, nur nicht den Himmel versperrten, verbrachte er die langen Stunden ungezählter Nachmittage. Hier war die Welt, in der er lebte. Hier lernte er seine ersten, kunstgerechten Sprünge, und hier bildete er seinen kleinen Körper in unausgesetzter Übung zu der Kraft aus, die ihn später zu den Leistungen seiner Siege befähigen sollte.

Solange er noch nicht eingesegnet war, brachte er es fertig, sich für jeden Sommer seinen Taler zusammenzusparen, und diese Sommer vergingen ihm fast wie ein einziger, langer, warmer Sonnentag, den er—durchschwamm.—

Aber auch die Winter dieser Jahre seiner frühen Kindheit waren nicht ohne alle Freuden. Die Stadt Berlin hatte nach langem Zögern im Osten ein großes, rotes Gebäude errichtet: eine Volksbadeanstalt mit musterhafter Einrichtung, die neben den mancherlei Arten von Wannen- und Brausebädern als Mittelpunkt auch eine große Schwimmhalle umfaßte, die Sommer wie Winter geöffnet war und das Schwimmen zu jeder Jahreszeit ermöglichte.

Es war die zweite städtische Anstalt dieser Art. Bisher hatten sich in Berlin nur zwei oder drei andere Privat-Anstalten mit Schwimmbassins mühsam zu halten vermocht, da die wenigsten Menschen überhaupt von der Möglichkeit, "im Winter zu schwimmen", eine Vorstellung hatten und die Existenz solcher Schwimmhallen ihnen daher einfach unbekannt und unverständlich war.

Für Franz Felder waren diese privaten Anstalten deshalb nicht in Betracht gekommen, einmal weil sie viel zu entfernt lagen, und dann, weil das Baden in ihnen viel zu teuer war. So war die neue Anstalt der Stadt wie für ihn gebaut, und wenn er auch im Sommer an dem schmucken Gebäude mit Verachtung vorbei und in den großen Kasten an der Spree lief, so wandte sich ihm doch seine ganze Aufmerksamkeit zu, als der "Osten" sich hinter ihm als dem letzten Badenden bis zum nächsten Sommer schloß und der alte Bademeister, als er ihn endlich endgültig hinausschmiß, halb brummend, halb lachend gemeint hatte: "Na, weeßte, du hast ooch mehr an uns als wir an dir verdient!"…

Franz brachte es fertig, Eintritt auch in das neue Ziel seiner Wünsche zu erlangen. Es war allerdings nicht an ein Abonnement für den ganzen Winter zu denken—eine unerschwingliche Summe, die er weder zusammengebracht hätte, noch gewagt haben würde, selbst für diesen Zweck zu verwenden, auch wenn er im Winter die Zeit gehabt hätte zu täglichem Baden; schon die einzelnen Bäder waren für ihn teuer. Aber sie waren doch zuweilen erschwingbar, und außerdem wurden von der Gemeindeschule aus die jüngeren Schüler ein- oder zweimal wöchentlich vom Lehrer hierher geführt, und bei dieser Gelegenheit überkam Franz eine Ahnung von dem Zweck und Nutzen der Schule. Diese Freibäder versöhnten ihn mit mancher anderen langweiligen und lästigen Stunde.

Das einzige, was ihm diese Freibäder im Winter zu verkümmern vermochte, war die Kürze der vorgeschriebenen Zeit, in der die Kinder im Wasser verweilen durften, und ob auch der Lehrer, selbst ein großer Schwimmer und gütiger Freund seiner Kleinen, bei Franz ein Auge zudrückte, wenn dieser selbst durch die Schnelligkeit, mit der er sich in seine Kleider warf, ein paar Augenblicke längeren Verweilens in dem geliebten Naß zu ergattern vermochte, so war es Franz doch immer, als sei er kaum einmal untergetaucht, und er hatte im Grunde seines Herzens für diese Art von Schwimmerei immer nur das eine Wort tiefer Verachtung: "Det is ja jarnischt!"—Und trotzdem hätte er selbst diese in seinen Augen so flüchtigen Augenblicke nicht missen können und wollen, denn immer seltener wurden die Male, in denen er allein diese wunderbare, warme Halle, die ihm der Inbegriff aller Weite und Schönheit war, besuchen und mit dem Aufgebot aller Schliche so lange als irgend möglich in ihr verweilen konnte; und immer seltener und begehrter zu Hause wurden die Groschen, die er sich durch kleine Beschäftigungen, wie das Brotaustragen am frühen, kalten Morgen vor der Schule und den Verkauf von kleinen Straßenwaren in den Weihnachtstagen, durch stetes Aufpassen auf jede andere mögliche Gelegenheit zuverdienen wußte.

Früh wurde sein junges Leben mühsam und ernst. Aber unglücklich war er nicht, denn er konnte ja schwimmen, Sommer wie Winter schwimmen. Unglücklich wäre er nur geworden, wenn man ihm dies sein einziges Vergnügen ganz genommen hätte. Aber daran dachte keiner, denn keiner verstand, wie es ein so großes Vergnügen sein konnte.

So erreichte Franz Felder sein vierzehntes Lebensjahr.

6

Bisher hatte er von seinem Schwimmen nichts gehabt als sein Vergnügen. "Brotlose Künste!" sagte sein Vater eines Tages, als Franz wieder einmal sein Fortbleiben an einem ganzen Nachmittag und einem halben Abend mit nichts anderem zu entschuldigen wußte, und dieser konnte sich nur mit dem Gedanken über diesen Ausspruch trösten, daß sein Vater eben auch nichts vom Schwimmen verstehe. Er bedauerte ihn deshalb tief, denn für ihn gab es nur zwei Arten von Menschen: solche, die schwimmen, und solche, die nicht schwimmen konnten. Die letzteren waren für ihn eine untergeordnete Klasse von Menschen, jedes Mitleids würdig.

Nun aber—er stand in seinem dreizehnten Lebensjahre—brachte ihm seine Fähigkeit den ersten Erfolg in den Augen der Menschen, und einen schönen.—

Es war an einem Sonntagnachmittag, und Franz lag im Grase an der Spree nahe der Kirche in Stralau, die ihren grauen Turm aus alten Linden und Ulmen heraus neugierig in den wolkenlosen Himmel streckte. Franz war ganz allein. Seinen Freunden, die ihn zu einer Wasserpartie nach Sadowa überreden wollten, hatte er einen Korb gegeben—einmal, weil ein paar mitmachten, die ihm nicht paßten, da sie ihm zu rüdig waren; und sodann, weil er nur drei Sechser in der Tasche hatte, über die bereits anderweitig für morgen verfügt war. Zudem war er ganz gern allein, und die Pätschelei machte ihm nur dann Vergnügen, wenn sie mit einem regelrechten Bade verbunden war.

Franz also lag in dichtem Grase, sog an ausgerupften Halmen und ließ in augenblicklicher Ermangelung eines Besseren einen um den anderen seiner nackten Füße ins Wasser hängen. Erst harte es ihm Spaß gemacht, nach den Sommergärten von Treptow, die alle schwarz von Menschen waren, und auf die Spree, wo sich Unmengen von kleinen Boten, Kähnen und Seglern herumtrieben, hinauszuschauen, und er hatte sich vorgenommen, einmal aufzupassen, wie lange es wohl dauern würde, bis eine dieser meist von den ungeübtesten Händen gelenkten Schalen in den Kurs eines der schwerfälligen Dampfer kam, die einer nach dem andern menschenüberladen und unter ohrbetäubenden Geklingel spreeauf- und abwärts an ihm vorbeiführen. Denn alle Sonntage kamen hier einer oder mehrere Unfälle vor, und das Gottvertrauen, mit dem der Handlungsgehilfe aus NO und der Friseur aus SW, denen doch sonst vor jeder Berührung mit dem Wasser inner- und äußerlich graute, die Boote mit ihren Schönen beluden und direkt auf die Dampfer losfuhren, hatte etwas Rührendes. Aber, wie es immer ist: wenn wir auf ein Ereignis warten, kommt es nicht, und so wurde auch Franz bald müde, auf die Wasserfläche hinauszublinzeln, und er sah zur Abwechselung hinauf in den Himmel, indem er sich auf den Rücken warf.

Ob es wohl ein Wasser gab, das so tief und so blau war, wie dieser Himmel dort oben? Was mußte das für eine Lust sein, darin zu baden!— Er dachte an einen seiner Lehrer, der einmal von einem Märchen erzählt hatte. In dem kam ein Bergsee vor, der sollte "so tief wie das Meer und so blau wie der Himmel" sein. Aber Franz konnte sich keine rechte Vorstellung von einem Bergsee machen, und außerdem war es ja ein Märchen, das der Lehrer erzählte. Die Spree war immer dunkelbraun und schmutzig, und auch in dem Volksbad konnte man nicht auf den Grund sehen, auch dann nicht, wenn das Bassin gereinigt und mit frischem Wasser gefüllt war. Aber es mußte doch wunderschön sein, einmal in einem so ganz klaren, durchsichtigen Wasser zu baden…

Und da empfand Franz auch schon mit heftigem Unbehagen, daß er heute noch gar nicht im Wasser gewesen war. Wenn er es wagte? Aber das wäre doch wohl eine zu große Frechheit gewesen, am Sonntag, hier vor allen Leuten—wenn ihn da ein Schutzmann erwischte, würde es schöne Senge absetzen, und nicht die allein. Nein, er mußte schon warten, bis es dunkel geworden war, und dann auf dem Heimweg noch schnell einmal irgendwo hineinspringen. Weshalb waren doch nur alle Badeanstalten am Sonntagnachmittag geschlossen—das war doch zu dumm!—Wo alle anderen Vergnugungslokale geöffnet waren, blieben die, wo es das allergrößte gab, zu!—

Und wenn er nun doch jetzt sein Bad nähme!—Er getraute es sich, seine Kleider abzuwerfen, so lautlos ins Wasser zu schlupfen, unter ihm hin eine Strecke zu schwimmen, einmal aufzutauchen, um Atem zu schöpfen, und dann ebenso lautlos wieder zurückzuschwimmen, daß kein Mensch ihn bemerken sollte. Aber eine bodenlose Frechheit wäre es doch gewesen und wenn wirklich ein Schutzmann in der Nähe war—und immer war ein solcher Kerl irgendwo in der Nähe!—und die Kinder ein Geschrei erheben würden…

War da schon einer?—Schrieen die Kinder oder wer schrie so?—Franz sprang in die Höhe. Hatte er es nicht gleich gesagt?—Na ja, gleich der ganze Kahn um und alles ins Wasser!—Und ein Geschrei und Gerufe und ein Laufen—jetzt aber raus aus dem Hemde und ins Wasser!—Er fuhr durch das Wasser wie nie in kurzen, kräftigen Stößen. Er wollte schon auf den Kahn zu, als er—noch ein Stück von ihm entfernt—etwas auf dem Wasser kämpfen und untersinken sah: einen Jungen, ein paar Jahre jünger nur, als er selbst. Er erreichte ihn noch gerade und packte ihn beim Arm. Aber der klammerte sich auch gleich an ihm fest, und Franz hatte Mühe wieder loszukommen. Denn so ging das ja nicht. Er schrie ihm zu, ganz ruhig zu sein, er bringe ihn schon ans Land. Aber der andere war schon wieder mit dem Kopfe unter Wasser und hörte nichts mehr.

Da ließ ihn Franz einen Augenblick ganz los, griff ihn dann fest unter dem Arm und brachte nun den sich nicht mehr Sträubenden.—denn der hatte einstweilen genug Wasser geschluckt—langsam, aber in sicheren und kräftigen Stößen ans Land.

Dort streckten sich schon hundert Hände aus—nicht nach dem Retter, um den kümmerte sich keiner—sondern nach dem andern, und Franz war froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie finden zu können. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann hätten sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemühten oder ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen aber war ihm ein Greuel. Und es nützte ja doch nischt!—der seine Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon über alle Berge!

Er machte besser, daß er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, daß der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er, was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war Franz längst verschwunden.

Er trottete in Hemdsärmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der sonntäglichen Spaziergänger die lange Straße längs der Spree nach Hause trabte, mußte er einmal doch die aufsteigenden Tränen hinunterschlucken, als er daran dachte, daß er nun ohne Jacke nach Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen würde. Denn sagen, wie es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht.

7

Er hatte die ganze Sache längst vergessen, und auch der Lärm um die Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die Eröffnung wurde, daß ihm "für seine mutige Tat" die Rettungsmedaille verliehen werden und daß er sie am Tage der Entlassung aus der Schule in öffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte.

Er wußte zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache damit zu erledigen, daß er nicht daran glaubte. Das war auch nur wieder so eine Quatscherei—wegen so was! Aber er irrte sich. Die Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben Lehrers an seiner Schule, der zufällig an jenem Sonntag in der Nähe gewesen war und vergebens nach seinem Schüler gesucht hatte, nachdem er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit gebracht, daß er Luft schnappen konnte.

Franz machte diese Feier kein Vergnügen. Es war ihm unangenehm, so vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott weiß was getan, und er hätte sich am liebsten in die Erde, oder noch weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht.

Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht zuhörte. Dann mußte Franz vortreten vor die andern Schüler und die Herren in schwarzen Röcken hin, und er fühlte, daß er rot wurde, als ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde. Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem Augenblicke ein Gefühl großer Gehobenheit, etwa ähnlich dem, das er empfand, wenn er ganz allein draußen in seinem Elemente schwamm und fühlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefühl mußte sich in seinen Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so gefürchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so ungewohnt bei seinen kühlen, früh lebensklugen Berliner Kindern, legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm, und sich etwas niederbeugend, fügte er seinen Worten noch hinzu:—Du wirst gewiß einmal ein sehr tüchtiger Schwimmer werden…

Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerfälligkeit ganz fremden Plötzlichkeit und Schlagfertigkeit—und wieder stand das seltsame Leuchten in seinen Augen—:

—Der bin ich schon!

Der Rektor lächelte.

—Aber ja. Sonst hättest du dir das da nicht verdient. Ich meinte auch nur, daß du dich noch weiter ausbilden kannst; das willst du doch gewiß?

Franz war wieder der alte, und er antwortete mit seiner eben zu der Einsegnung eingelernten Verbeugung, die das einzige war, was ihm von der ganzen Geschichte "dieser heiligen Handlung" geblieben war:

—Jawohl, Herr Rektor!

Die Feierlichkeit war zu Ende und keiner froher darüber, als Franz, der sofort nach der Volksbadeanstalt stürzte und sie gerade noch lange genug offen fand, um im Wasser für eine halbe Stunde zu vergessen, was auf der Erde um ihn vorging.

Acht Tage vorher war er eingesegnet worden, und so waren die beiden größten äußeren Ereignisse seiner bisherigen kindlichen Jugend zusammengefallen.

Die Einsegnung selbst hafte ihn ganz kalt gelassen und er hatte mit dem besten Willen nicht die üblichen Tränen hervorquetschen können, die bei dieser Gelegenheit erwartet wurden. Aber die Verleihung der Medaille hatte ihn doch etwas innerlich erregt, da die andern so viel Wesens davon machten und ihn anstaunten, wo er ging und stand. Den tiefsten Eindruck machte es ihm, daß sein Name in den Zeitungen stand, und als an einem Abend dieser Woche der Onkel Sattlermeister aus der kleinen Markusstraße in dem elterlichen Keller erschien und mit dröhnender Stimme bei verschiedenen Weißen die Notiz im "Lokal-Anzeiger" über seinen Neffen vorlas, da war dieser fast so glücklich, wie einige Tage später, als derselbe Onkel ihn "zur Einsegnung" mit einer silbernen Taschenuhr beschenkte.

Jetzt war er von der Schule endgültig frei, die er im letzten Jahre geradezu gehaßt hatte. Er war nun darauf angewiesen, auf eigenen Füßen zu stehen, Geld zu verdienen, um seinen Eltern ein Kostgeld zu zahlen, mit einem Wort: sich durchs Leben zu schlagen, so gut es ging.

Für einen bestimmten Beruf, konnte er sich noch nicht entscheiden. Die besseren Berufsarten, die der Mechaniker, Ingenieure usw., bei denen ein Lehrgeld in der Höhe von mehreren hundert Mark zu bezahlen war, waren überhaupt ausgeschlossen, da sein Vater nie in der Lage gewesen wäre, auch nur hundert Mark auf einmal für einen seiner Söhne aufzutreiben. Aber auch die Lehrstellen, bei denen ein Lehrgeld nicht gefordert wurde, die nur die drei- oder vierjährige Verpflichtung unentgeltlicher Kraft verlangten oder nach einiger Zeit und sogar von Anfang an ein kleines, von Jahr zu Jahr um etwas höher werdendes Gehalt bewilligten, waren ihm versagt, denn jetzt wo er vierzehn Jahre alt geworden war, erklärten die Eltern, ihn nur bei sich behalten zu können, wenn er wöchentlich seinen Beitrag für Wohnung und Essen beisteuerte.

Alle seine Brüder hatten das getan, bevor sie sich selbständig gemacht, das heißt geheiratet hatten oder in die Fremde gegangen waren, und Franz wäre der letzte unter ihnen gewesen, der nicht eingesehen hätte, wie berechtigt die Forderung war. Die Familie Felder hatte immer zusammengehalten und gesucht, sich das Leben gegenseitig zu erleichtern; daß es so schwer war, nahmen alle als eine unabänderliche Notwendigkeit, und Franz machte keine Ausnahme, wenn er nicht darüber nachdachte, warum es eigentlich für sie alle so schwer war…

Er ging ohne Zaudern daran, sich Arbeit zu suchen. Er schreckte vor keiner zurück. Im Winter war er Laufbursche und Austräger in verschiedenen Geschäften, hatte dann eine Stelle als Bote in einem großen Zigaretten-Importgeschäft, zu dem er in einer auffallenden Uniform und in einer Mütze mit Aufschrift gehen mußte; und im darauffolgenden Sommer zog er für eine Papeteriewarenhandlung mit einem Karren und einem Hunde, meist allein, zuweilen aber auch mit einem zweiten Jungen, vom Morgen bis zum Abend in der ganzen Umgegend von Berlin herum um Waren abzuliefern. So brachte er es fertig, während dieses ganzen Jahres nie weniger als zehn Mark die Woche zu verdienen, und meistens noch etwas mehr, bis zu dreizehn und selbst vierzehn, die Trinkgelder eingerechnet.

8

Alles, was er an Geld und Zeit erübrigen konnte, gehörte bis auf die letzte Minute und den letzten Pfennig seiner ersten Liebe: dem Wasser!—

Immer brachte er es fertig, auf seinen Geschäftsgängen—und mußte er sich noch so sehr vorher und nachher beeilen—so viel an Zeit zu erübrigen, daß er in das zunächst gelegene Schwimmbad eilen konnte auf ein kurzes, oder, wenn es irgend anging, auf ein langes Bad. Im Sommer fast täglich: da befand er sich meist in den Vororten von Berlin, und statt der wenigen Winter-Schwimmbäder der Stadt fand er überall ein Sommerbad. Und mochte er in Reinickendorf oder Steglitz, am Plötzensee oder in Rixdorf sein—im Sommer wenigstens durfte kein Tag vergehen, an dem er nicht in die Fluten tauchen konnte, die sein Element waren. Er verzichtete auf die Mittagsruhe unter einem Baum auf dem Felde; er überredete seinen Kameraden, mit dem Wagen eine halbe Stunde auf ihn zu warten, und versuchte es auf alle Weise— selbst durch Bestechung mit einem Sechser oder mit einem Glas Bier; er stellte den Wagen bei Bekannten, die er überall machte, für eine Stunde unter, nur um auf sein Vergnügen nicht verzichten zu müssen. Sonst so schwerfällig, wurde er schlau in der Anwendung der Mittel, die ihn zu seinem Ziele führen konnten: seinem täglichen Bade.

Übrigens fand er im Sommer meist Zeit. Bei diesen weiten, tagelangen Fahrten konnte sein Fortbleiben vom Geschäft aus nur selten so genau kontrolliert werden, wie im Winter; wenn er abends, und mochte es auch schon spät sein, mit dem leeren Wagen nach Hause kam und nur alle Bestellungen abgeliefert waren, war der Chef zufrieden, um so mehr, als Franz sehr zuverlässig und ehrlich war, so daß ihm oft große Summen zur Einkassierung anvertraut wurden.

Auch die paar Groschen für das Bad fand er immer. Sie waren seine einzige Ausgabe. Er hatte sonst kein Bedürfnis und verzichtete lieber auf sein Glas Bier, als auf sein Bad. Er konnte hungern und dursten— und oft genug tat er beides—: aber sein Vergnügen ließ er sich nicht nehmen. Auch war es ja ein so billiges Vergnügen. Da er sich immer noch in vielen Fällen auf ein Kinderbillet durchschmuggelte, so kostete ihm sein Hallenbad nicht mehr als zwanzig, sein Sommerbad meist aber nur zehn Pfennig. Das konnte er sich schon leisten. Nur sprach er nicht mehr so viel von seinem Vergnügen. Die Mutter hätte selbst über die kleine Ausgabe geklagt, und seine Freunde verstanden seine Leidenschaft doch nicht so, wie er sie fühlte. So umgab er sie mit der ganzen Heimlichkeit einer wirklich ersten Liebe und stahl sich zu seinem einzigen und größten Vergnügen wie zu einem Stelldichein.

Seine kleine Badehose, die zusammengerollt nicht großer war als seine
Faust, trug er mit sich, wo er ging und stand. Und mehr als sie, den
Groschen und eine Stunde Zeit, brauchte er ja nicht!…

Es war eine harte und freudlose Kindheit, die dem Knaben beschieden war. Aber eine große Freude, die schon jetzt etwas von der alles in ihm beherrschenden, verzehrenden Leidenschaft späterer Jahre an sich hatte, übergoldete ihre graue Nüchternheit, ließ ihn Müdigkeit und Entbehrungen vergessen, und diese Freude war es, in der er seine ganze Jugend auslebte und auskostete in ihrer ersten Kraft und in ihrem ersten unendlichen Genießen.

9

Ihm war das Schwimmen noch keine Kunst. Er ahnte noch nicht einmal, daß es als eine solche betrachtet werden konnte. Wohl wußte er von der sportlichen Ausbildung der Schwimmer, aber diese reizte ihn nicht. Sie war ihm fremd.

Wie als kleiner Kerl von fünf Jahren, so tummelte er sich auch jetzt noch im Wasser, nur daß er mit seiner zunehmenden Kraft gelernt hatte, es jetzt völlig zu beherrschen.

Als nochmals ein Sommer zu Ende ging, da gab es für den jungen Burschen kein Wasser in der ganzen näheren Umgebung von Berlin, wenn es nur eben so groß war, daß man in ihm baden konnte, in dem er nicht geschwommen hätte. Berlin war eine große Stadt mit vielen Straßen und unzähligen Häusern, aber ihre Bedeutung bestand doch nur darin, daß um sie herum die Teiche und Seen lagen und daß sie der dunkle Fluß durchzog…

Er schwamm nur zu seinem Vergnügen und nur zu eigener Lust. Sein einziger Wunsch war, den ganzen Tag im Wasser zu liegen, und er war glücklich über die langen Sonntagnachmittage, an denen er es konnte.

Mit seinen kurzen, stämmigen Beinen seinen festen Armen, an denen sich die Muskeln auszubilden begannen, beherrschte er das Wasser mit vollkommener Sicherheit. Es war sein Freund, zu dem er unbedingtes Vertrauen hatte—sein bester, sein einziger Freund. An seiner Brust vergaß er alle Mühseligkeiten seines jungen Lebens, und wenn er bei ihm sein durfte, war er glücklich.

Und das Wasser vergalt ihm seine Liebe. Es war wie ein Aufschrei der Freude seiner Wellen, wenn es ihn umfing, und es trug ihn sicher und freundlich, wie er nur wollte. Sie spielten, sie rangen miteinander, wie Knaben es tun, um ihre Kraft zu messen, aber sie vertrugen sich immer.

Ach, und wie der Knabe es liebte!

Wie andere Kinder den weißen Sand, mit dem sie spielen, durch die Hände gleiten lassen, so nahm er oft, auf dem Rücken liegend, das flüssige, rätselhafte Element, um es zu fassen, in die Hände und es zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen in flüchtigen Blasen.

Wie andere Kinder zu ihrer Mutter gehen mit ihren Klagen und
Wünschen, so kam er zu ihm, um sich trösten zu lassen.

Sein ganzer, kleiner Körper zitterte vor Aufregung, wenn er das Wasser sah, und er suchte den köstlichen Augenblick zu verlängern, in dem er hinein durfte.

Lag er dann im Wasser, so rollte er sich zunächst förmlich über die Fläche hin, überschlug sich vor Wonne und kugelte sich zusammen, ging unter und kam wieder hervor, streckte die Glieder in unendlichem Wohlbehagen und glitt auf der Oberfläche hin, wie eine Schlange, bis er zu schwimmen begann.

Dann schwamm er, ruhig, langsam und lautlos, fast andächtig; oder in voller Kraft auf ein Ziel los, daß das Wasser rauschte.

Er schwamm, und er wurde nie müde.

Er tauchte, und seine kleine Brust weitete sich mühelos.

Er schwamm und schwamm, wo und wann er konnte.—Es war ein heißer
Sommer, ein langer Sommer, ein arbeitsvoller Sommer.

Aber es war doch ein Sommer voll Freude.

Viel noch sollte Franz Felder in seinem Leben schwimmen. So sorglos, so unbekümmert vielleicht nie mehr.

Zweiter Teil

1

Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlössen sich. Franz Felder hatte seine Stelle aufgeben müssen, da im Geschäft nicht mehr genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerührten Abschied von Cäsar, dem treuen Gefährten so vieler schöner, heller Sommertage, eine neue Stelle für den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er kriegen konnte.

So oft er konnte, ging er nun wieder in das große Volksbad, dessen hohe, warme Halle sich das ganze Jahr über nur an den zweiten Feiertagen schloß und immerweniger besucht wurde, je kälter es draußen wurde.

Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen konnte.

Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten.

Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, daß an den Jungen diese Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, daß er einstweilen noch etwas warten wolle, als er hörte, was der Herr weiter sagte:

—Sie müssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere Jugendabteilung, sondern nur Kräfte, von denen wir uns etwas für unseren Verein versprechen.

Und plötzlich schoß es Franz durch den Kopf: der Herr gehörte ja zum "Schwimmklub Berlin von 1879"—dem ältesten und angesehensten Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer entstammten, der die großen Feste gab, und in den einzutreten überhaupt eine Unmöglichkeit schien … und noch etwas außer Atem und ganz hochrot fragte er fast ungläubig:

—Schwimmklub Berlin von 1879?—

Der Herr lächelte.

—Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beiträge sind um etwas höher, als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser Beziehung, und der gute Wille zählt hier mit, wenn es einmal nicht so geht. Übrigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders wenn Sie viel baden, daß sich das schon machen lassen wird…

Als er sah, daß Franz noch immer nicht antwortete, lächelte er wieder und machte eine Bewegung:

—Ich will Sie übrigens nicht überreden… Sie können sich die Sache ja überlegen—

Aber da sagte Franz hastig, als könne ihm das unerwartete Glück wieder entgehen:

—Nein, nein, ich will schon gern—

Der Herr zog sein Notizbuch hervor:

—Also, der Name…

—Franz Felder—

—Adresse?

—Berlin O, Münchebergerstraße 102, und etwas zögernder: —Hof—im
Keller—

Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand:

—Unsere Übungsstunden für die Jugendabteilung kennen Sie wohl?—
Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr.

Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht hatte, sah, wie der Herr wegging, und fühlte zugleich einen freundschaftlichen Rippenstoß in der Seite:

—Du, wat hat denn der von dir jewollt?

Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab:

—Ich bin aufgefordert worden, dem "Schwimmklub Berlin 1879" beizutreten, und ließ sie stehen.

Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine unbändige Freude ergriff ihn.

O, er wollte Ehre einlegen!—Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag wollte er schon aufbringen und so pünktlich zahlen, daß man ihm deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen noch nicht wußte, wie sie aufzutreiben waren.

Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesäumten Trikot und der Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl 1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so ungeschickt in seiner Aufregung, daß nur eine gewandte Wendung im letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen.

Daran, daß es ihm nie als ein besonderes Vergnügen erschienen war, einem Verein anzugehören, daß er den Zwang der Stunde, das Schwimmen- Müssen um bestimmte Längen, dabei unter schärfster Aufsicht und steter Kritik, daran, daß ihn das ganze Klubleben, soweit er es kannte, mit einem Wort: das "offizielle Schwimmen" nie angezogen hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur Mitgliedschaft an dem ersten und ältesten Schwimmverein Berlins aufzufordern.

Er gehörte von heute ab dem "Schwimmklub Berlin 1879" an, und allen, die es hören wollten, und sehr vielen, die es nicht hören wollten, erzählte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der sie allgemein aufgenommen wurde.

2

Es gab kein jugendliches Mitglied des Vereins, das pünktlicher zu den Übungsabenden gekommen wäre, keines, daß sich williger und begeisterter jeder Anordnung an diesen Abenden gefügt hätte, als Franz Felder. Man merkte es bald, und er erwarb sich manche Bekanntschaft im Klub dadurch auch von solchen, die der Einführung von Mitgliedern, und noch so verheißungsvollen, aus, wie sie es nannten, "anderen Verkehrskreisen", fremd, ja feindlich gegenüberstanden. Bei fast allen von ihnen erwarb sich der neue Ankömmling Achtung und Sympathie, einmal wegen des leidenschaftlichen, fast komisch-weihevollen Ernstes, mit der er die Sache betrieb, und dann wegen der Bescheidenheit und Ehrlichkeit seines Wesens, das sich nie vordrängte. Man setzte bald große Hoffnungen auf ihn und ließ ihn nicht aus den Augen.

Das nächste große Ereignis, das sein Eintritt in den Klub zur Folge hafte, war eine Lehrstelle in einer großen mechanischen Werkstätte, die ihm durch einen seiner neuen Sportfreunde dort verschafft wurde. Er sollte gleich von Anfang an einen Wochenlohn erhalten und erhielt die Zusicherung sorgfältiger und vollständiger Ausbildung. Da unterdessen auch seine Brüder in besseren Stellungen waren und die Einsegnung eines jüngeren bevorstand, trat er die Stelle an. Er blieb bei seinen Eltern wohnen und der größte Teil seines wöchentlichen Verdienstes wanderte nach wie vor in ihre Hände. Was er für sich behielt, brauchte er dazu, um am Sonntag auf den Ausflügen mit seinen Klubgenossen ein Glas Bier zu trinken, und für die ersten paar Mark, die er erübrigte, schaffte er sich ein tadelloses Trikot an, eine Sportmütze und das Klubabzeichen, ein kleines Schild, das auf dem Rockaufschlag getragen wurde.

Er ging nun völlig auf im dem Leben des Vereins. Die Vergnügungen des Klubs waren seine Erholungen, seine Arbeit die seine. Die Sportkameraden waren seine Freunde, mit denen er alles teilte. Die Arbeit des Tages in der Fabrik tat er, weil sie getan werden mußte, und er tat sie gut und fleißig. Seine Familie sah er nur, wenn es unbedingt nötig war, bei den unerläßlichen Geburtstags- und anderen Feiern; mit den paar Freunden seiner Kinderzeit verkehrte er fast gar nicht mehr.

Seine Dankbarkeit gegen seinen Klub wuchs allmählich ins Ungemessene. Er konnte sie einstweilen nur durch völlige Hingabe beweisen. Aber immer wieder schwur er sich selbst zu: seinem Klub Ehre zu machen in jeder Beziehung, Ehre um jeden Preis. Er sollte keinen Unwürdigen in ihm aufgenommen haben.

Er wußte, daß er über eine Kraft verfügte, die ihn vielleicht einmal zu Siegen führen konnte, wenn er sie stählte und übte. Nicht für sich wollte er diese Siege erringen, daran dachte er nicht. Doch er träumte bereits im stillen davon, um den alten Namen des Vereins neue Lorbeeren zu schlingen, die er selbst in heißem Kampfe erfechten würde.

Er schwamm nicht mehr nur ausschließlich zu seinem Vergnügen, er
schwamm um ein Ziel, und begeisterter schwenkte keiner die
Sportmütze, lauter schrie keiner mit, wenn das "Gut Naß!—Hurra!
Hurra! Hurra!" erscholl, als Franz.

3

Seine Fortschritte waren rapide und setzten selbst seine neuen Lehrer in Erstaunen. Bei all seinen Fähigkeiten und all seiner unvergleichlichen Liebe zur Sache war es doch ein rohes Material, das hier in Ausbildung genommen wurde.

Dieses jüngste Mitglied der Jugend-Abteilung—zu der die jungen Leute meist aus der Knabenabteilung mit ihrem vierzehnten Jahr kamen und in der sie etwa bis zu ihrem siebzehnten blieben—war bei seinem Eintritt ein guter Schwimmer gewesen, aber sonst auch nichts. Stil und Form bekam sein Schwimmen erst jetzt unter der steten und strengen Bewachung an den Übungsabenden. Aber wie bald wurde die Form schön und sein Stil sicher!—Nach ein paar Wochen schon war Felder der anerkannt beste Schwimmer seiner Abteilung.

Auf dem internen Wettschwimmen des Klubs, das alljährlich im Winter in der Schwimmhalle des Volksbades stattfand und auf dem mit Ausnahme eines Gastschwimmens befreundeter Klubs nur Klubmitglieder schwammen, holte sich Franz seinen ersten Preis: den im Junioren-Schwimmen über 50 Meter. Es war ein kleiner, einfacher Lorbeerkranz mit bedruckter Schleife, den er nach Hause trug.

Es war nicht das erstemal, daß er ein Schwimmfest sah, denn er war in letzter Zeit oft zu solchen mitgenommen und hatte mit tiefer, innerer Erregung den Wettkämpfen zugesehen, an denen er sich noch nicht beteiligen durfte. Nun schwamm er zum ersten Male mit. Er wußte, daß er siegen würde, denn er kannte ja alle seine Gegner und hatte jeden einzelnen bei den Übungen wieder und wieder geschlagen. Dennoch war er aufgeregt und freute sich, als es vorbei war.

Befangen, wie damals, als ihm der Rektor das Rettungszeichen an die
Brust heftete, nahm er seinen ersten, kleinen Siegerpreis in Empfang.

Aber im Grunde war er doch mächtig stolz, als er den Kranz zu Hause in dem gemeinschaftlichen Schlafzimmer über dem schmalen Bett aufhing, in dem er mit einem jüngeren Bruder den festen, traumlosen Schlaf der gesunden Jugend schlief, und bei Strafe unermeßlicher Schläge verbot er der ganzen Gesellschaft, auch nur ein Blatt zu berühren.

Der Kranz wurde erst angestaunt, blieb hängen und wurde dann über höheren und reicheren Ehrungen vergessen, verdorrte und verstaubte, und war doch der erste Lorbeer der diese junge Stirn berührt hatte.

4

Wieder folgte für Franz Felder auf seinen ersten kleinen Sieg ein
Jahr ernsten Strebens. Es galt jetzt nicht mehr, sich mit seinen
Klubgenossen zumessen, sondern seine Kräfte an weitere, außenliegende
Ziele zu wagen.

Er war sehr in die Höhe geschossen, und die Schlankheit seines Körpers verriet nicht, wie groß die Kraft war, die in ihm lag. Aus dem stämmigen, dicken jungen mit den behaglichen, etwas schwerfälligen Gliedern wurde schnell ein sehniger, junger Mann. Nur das Gesicht blieb noch ganz dasselbe: die blauen, treuherzigen Augen, die vollen, roten Lippen und Wangen und die eigenwillige Stirn, über die das schwarze Haar jetzt immer in einem Büschen niederfiel, so daß es alle Augenblicke zurückgestrichen werden mußte, waren dieselben— das unschuldige, vertrauensvolle Gesicht eines Kindes, das noch vom Leben nichts erlebt hatte. Und derselbe blieb auch der Blick dieser Augen. Es war der gedankenlose, etwas träumerische Blick eines Menschen, in dessen Gehirn mit hartnäckiger Zähigkeit immer und immer wieder nur eine Idee wiederkehrt—eine Idee, die in der Zukunft lebt, einer Zukunft voll großer Erfüllung verschwiegener, noch unausgesprochener, nicht einmal erkannter Wünsche.—

Fehlers Zeit war jetzt völlig eingeteilt. Kam er von der Arbeit des Tages, so war am Abend immer etwas los: entweder es fanden Übungsstunden statt, oder Sitzungen, oder es galt Vorbereitungen für irgendein Fest zu treffen—immer nahm ihn sein Klub in Beschlag. Auch die Sonntage gehörten nach wie vor ausschließlich dem Verkehr mit den Sportgenossen—der Besuch fremder Schwimmfeste, anderer sportlicher Veranstaltungen, geselliger Vereinigungen zu: Musik und Tanz, im Sommer Ausflüge in die Umgegend, Kahnpartien und vor allem die langen Bäder (überall da, wo Wasser war) füllten sie aus und waren seine Freude und seine Erholung. Franz Felder blieb still, wie er es schon als Kind gewesen war, und beteiligte sich höchstens an den Gesprächen über schwimmsportliche Fragen. Sie waren auch die einzigen, die ihn interessierten. Für keinen anderen Sport hatte er das geringste Interesse; in keinem anderen dachte er auch nur daran, sich zu versuchen. Er kannte nur einen einzigen, neben dem alle anderen verblaßten und gleichgültig erschienen.

Es dauerte ziemlich lange, bis er sich heimisch in dem neuen Kreise fühlte. Wenn er auch nie Gefallen an den rüden und lauten Belustigungen seiner früheren Schulkameraden und Altersgenossen gehabt hatte, so waren ihm doch die Verkehrsart und der Ton seiner neuen Bekannten zu fremd, als daß er sich hätte so leicht in sie finden können. Aber diese neuen Freunde hatten ihn wirklich gern und taten ihr Bestes, indem sie ihn überallhin mitnahmen und jetzt ganz als den Ihrigen betrachteten. Langsam trat so eine Wandlung nach der anderen in ihm ein. Auch in seinem Äußeren. Er war nicht mehr der arme Junge in geflickten Kleidern und dem offenen Hemde, sondern ein sauber, oft mit ziemlich geschmackloser Eleganz gekleideter junger Mann, dessen regelmäßige, wenn auch einstweilen nur geringe Einnahmen ihm erlaubten, etwas auf sich zu halten.

Vermochte er auch nie eine gewisse Schwerfälligkeit und Langsamkeit zu überwinden, so beeinflußte ihn doch in allem der gute Ton seines Klubs zum Guten. Er lernte sich in Lebensformen fugen, die ihm bisher unbekannt geblieben waren und die ihn zwanglos das eine tun und das andere lassen ließen—Dinge, an die er bisher überhaupt nicht gedacht hatte. Jene unausbleiblichen Streitigkeiten des Sportlebens mit Ernst und Freundlichkeit zu schlichten, auch laute Fröhlichkeit nie in Rohheit und Zank ausarten zu lassen, und vor allem das Prinzip der Schwimmkunst als eines edlen, den Menschen durch und durch erfrischenden und veredelnden Sports, hoch zu halten—das war von jeher die Aufgabe dieses Vereins mit dem einfachen Namen und der stolzen Vergangenheit gewesen, der mehr als irgendein anderer dazu beigetragen hatte, das Interesse für eine Sache zu wecken, die überhaupt bis vor kurzem noch als keine Kunst, sondern fast allgemein nur als Mittel zu der zeitweiligen, notwendigen Reinigung des Körpers betrachtet wurde.

War—vielleicht nicht zum wenigsten infolge der strengen Befolgung dieses Prinzips, das mehr im allgemeinen für die Sache des Schwimmens zu wirken versuchte, als auf Züchtung großer Erfolge und mit ihnen verbundener Namen ausging—der "Schwimmklub Berlin 1879" in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten und an Mitgliederzahl und äußerer Bedeutung von dem einen oder anderen neueren Verein übertroffen, so war er doch durchaus nicht gewillt, auf seinen alten Ruf, erstklassige Schwimmer und Springer hinauszusenden, zu verzichten und stets bereit, neue Lorbeeren zu den alten zu fügen. Die nächsten Jahre sollten auch nach außen hin wieder zeigen, daß der Klub in keiner Weise zurückgeblieben war—dahin gingen die Wünsche der Mitglieder einstimmig. Sie sollten beweisen, daß man nicht schlief, wenn man auch nicht immer mitschrie.

Man setzte, wie gesagt, große, noch unausgesprochene Hoffnungen auf Franz Felder. Wenn irgendeiner, so war er es, der den Klub zu außergewöhnlichen Erfolgen zu führen versprach. Derselbe Herr, der zuerst stillschweigend auf den kräftigen Jungen aufmerksam gemacht hatte, der sich mit so erstaunlicher Sicherheit und so unbändiger Wonne im Wasser herumwälzte, war und blieb sein treuer Berater. Er wachte mit fast ängstlicher Sorgfalt über seinem Zögling. Bernhard Nagel, von Beruf Chemiker, war seit zwei Jahren wieder Schwimmwart des "S.-C. B. 1879". Selbst in früheren Jahren ein berühmter Schwimmer, lange Zeit der unangefochtene Inhaber so mancher Meisterschaft, ein ausgezeichneter Turner auch heute noch und von jeher ein allbeliebtes Klubmitglied, hatte sich—gerade zur rechten Zeit, auf seiner Höhe—von jeder aktiven Tätigkeit zurückgezogen und sein Name erschien schon lange nicht mehr öffentlich in den Programmen der Schwimmfeste.

Damit aber war sein Interesse an seinem Klub um nichts vermindert. Seine Kraft gehörte jetzt mehr als je den Fortschritten der Sache, und seine Tätigkeit erstreckte sich vor allem auf die Ausbildung der Jugendabteilung. Wie sein scharfes Auge gleich in dem unbekümmerten, wasserfrohen Knaben den geborenen Schwimmer erkannt hatte, so nahm er sich nun seiner von der ersten Stunde hilfreich an. Er war ein strenger Lehrmeister, der scharf aufpaßte und so leicht nichts durchgehen ließ. Bei Felder hatte er indessen eigentlich mehr zu zügeln, als anzuspornen, denn dessen hauptsächlichster Fehler bestand darin, daß er immer gleich zu heftig ins Zeug ging, Um dann am Schluß eines Rennens den Anstrengungen, denen sein Körper noch nicht gewachsen war, und somit erfahreneren und geübteren Schwimmern gegenüber zu unterliegen. Aber das gab sich von Woche zu Woche, und Franz lernte allmählich mit seiner Kraft haushalten. Er vergalt das Interesse seines Schwimmwarts mit unbegrenzter Dankbarkeit. Nicht nur, daß er diesem Manne den Eintritt in den Klub und damit in ein für ihn ganz neues Leben, sowie die Stellung verdankte, die ihn der Not um sein tägliches Brot enthob—er fühlte ganz gut, daß jener Hoffnungen auf ihn setzte; und immer wieder schwur er sich im stillen zu, ihm seine Dankbarkeit eines Tages auch durch Taten zu zeigen. Daher hörte er auf jedes Wort des Tadels und der Ermutigung, wie auf ein Gebot, und das eine konnte ihn ebenso beseligen, wie ihn das andere niederzudrücken vermochte.

Bei der Unzugänglichkeit seines Wesens und seiner Schweigsamkeit, die selten das erste Wort fand, um sich auszudrücken, schloß er sich nur schwer und langsam an seine anderen Kameraden an und ließ sie lieber zu sich kommen, als daß er sich ihnen von selbst genähert hätte. So kam es, daß er zwar mit den meisten in gutem und freundlichem Einvernehmen stand, aber doch keine näheren Freundschaften schloß. Unter den Jugendmitgliedern, seinen Altersgenossen, hatte er manchen Gegner—schon jetzt, wo es noch keine besonderen Erfolge zu beneiden gab. Davon merkte Franz nun zwar noch nichts. Seine glückliche Unbekümmertheit, seine reine Freude an der Sache überhörte oder verstand die unausbleiblichen Bemerkungen nicht, die schon gemacht wurden, als er noch gar nicht öffentlich geschwommen hatte. Er konnte sich nicht denken, daß sie ihm galten. Was war überhaupt die Person! —Wenn nur der Klub siegte!—

Dagegen fielen ihm zwei Freundschaften zu, um die er sich in keiner Weise bemühte. Als er in den Klub trat, fand er unter den vielen fremden Gesichtern ein bekanntes—das eines Altersgenossen, der eine Zeitlang in demselben Hause wie Franz gewohnt und mit ihm in dieser Zeit auch oft gesprochen hatte. Koepke war seitdem Kaufmann geworden, fast schon mit seiner Lehrzeit in einem großen Manufakturwarenmagazin zu Ende und sah bereits seiner Anstellung als wohlbestallter Kommis mit Selbstgefühl entgegen. Wie er in den Schwimmklub Berlin 1897 gekommen war, das war vielen der Jüngeren ein Rätsel, denn er schwamm wie ein Klotz und befand sich allem Anschein nach auf dem Lande weit wohler als im Wasser. Aber die älteren Mitglieder des Klubs wußten, daß sie ihn eines Verwandten wegen aufnehmen mußten, der vor Jahren dem Verein große Dienste geleistet und seinen Eintritt dringend gewünscht hatte. Man hatte ihn sogar nicht einmal ungern aufgenommen. Es gab in jedem Schwimmverein Mitglieder, die—wenn sie es auch ausübend zu nichts brachten—sich doch ganz gut gebrauchen ließen, um in der "Verwaltung" tätig zu sein, wo es immer genug zu rechnen und zu schreiben gab, und die sich sehr wohl fühlten, wenn sie von ihrem Schreibzeug aus die Interessen des Klubs mit Leidenschaft wahrnehmen durften und nicht ins Wasser brauchten. Koepke war dazu die rechte Person. Voll Diensteifer stürzte er sich auf jede ihm zugeschanzte Arbeit. Seine Leidenschaft für das Wasser aus der Ferne war zudem über jeden Zweifel erhaben, und atemloser verfolgte kein Zuschauer die Wettkämpfer, feierlicher notierte keiner die Zahlen in das Programm, als er.

Als er Franz zum ersten Male im Klub sah, kam er ihm gleich entgegen und begrüßte ihn als alten Bekannten aus der Jugendzeit. Er war ein gutmütiger und in keiner Weise überheblicher Mensch. Daß sein Spielkamerad in seinen einfachen Arbeitskleidern vor ihm, dem geschniegelten Kommis, stand, merkte er ebensowenig, wie er es ihn früher irgendwie hatte fühlen lassen, daß seine Eltern im ersten Stock des Vorderhauses und die Franz Felders im Hof wohnten. Der letztere—immer in dieser Beziehung zum Mißtrauen geneigt—merkte es gleich wieder. Man schüttelte sich die Hand. Als Franz aber seinen ersten kleinen Sieg erfochten, besaß er einen ergebenen und ihn schon sehr bewundernden Freund an dem "zweiten Schriftführer" des Vereins.

Bei einem anderen Klubgenossen bedurfte es für ihn nicht erst dieses
Sieges, um in ihm einen ausgesprochenen Gönner zu haben.

Der dicke Brüning war der letzte Inhaber der Hauptschwimmeisterschaften im Klub gewesen und sein fabelhafter Stoß hatte die Gewässer der halben Welt durchfurcht. Nach seinem Rücktritt war in dem Siegeslauf des Klubs die große Pause eingetreten, die heute noch währte. Übrigens waren in diesen Jahren auch sonst keine Siege im Schwimmsport zu verzeichnen, denen die Brünings aus früherer Zeit nicht mindestens ebenbürtig gewesen wären. Darüber freute er sich noch heute.

Einer reichen Charlottenburger Familie entstammend und im Besitz eigenen Vermögens konnte er es sich leisten, seine Jugend dem Vergnügen eines Sports zu widmen, und nachdem er erst in Deutschland überall gesiegt, war er auch außerhalb jahrelang zu allen großen Festen auf seine eigenen Kosten gereist, um überall sich und den Farben seines Klubs Ehre auf Ehre zu erobern und dem Namen des "S.-C. B. 1879" eine internationale Berühmtheit zu verschaffen. Das konnte und wollte ihm sein Klub nie vergessen, und allein sein Name bedeutete heute in ihm noch eine Tat—einen Sieg, so frisch, als wäre er erst gestern erfochten.

Jetzt war der Meister dick geworden und schwamm nur noch "zu seinem eigenen Vergnügen", wie er sagte. Wenn er ins Wasser ging, sah ihm noch jeder nach. Aber nur bei der älteren Generation lebte noch die Erinnerung an jenen furchtbaren Schwimmer, der mit der phänomenalen Kraft und Wucht seiner Leistungen einfach alles andere totgeschlagen hatte. Brüning selbst hatte ohne großes Bedauern seinen Erfolgen Lebewohl gesagt, sich dem Sportleben im allgemeinen zugewandt und ließ jetzt rennen. Übrigens verstand er nichts von Pferden.

Zuweilen noch, aber doch nur selten, erschien er an einem Übungsabend oder auf einer Veranstaltung seines alten Klubs. Wenn er kam, erhob sich ein allgemeines Hurra, denn er war allgemein beliebt, weil er ein nobler Kerl war: immerlustig und aufgelegt, immer bereit zu helfen mit Geld und Rat und riesig freigebig, wenn es galt, die Zeche zu bezahlen. Bei den Jüngeren hieß er nur der "Sektonkel", aber die Älteren hielten große Stücke auf sein erprobtes und unbeeinflußbares Urteil.

Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade stillvergnügt für sich hundert Meter schwamm. Brüning kniff die Augen etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prüfte. Das Resultat war sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition, schüttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit der Zeit erklärte ihn Brüning unter vier Augen als den einzigen im ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbürtiger Nachfolger werden könne, "wenn er hielt, was er versprach".

Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslöschlicher Dankbarkeit; die Freundschaft Koepkes ließ er sich gefallen; an das Wohlwollen Brünings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mißbrauchten.

5

Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich erst in seiner letzten Hälfte.

Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen. In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen, sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen.

Erst spärlich und fast unbeachtet—einer der ersten unter ihnen der "S.-C. B. 1879"—wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu vereinigen.

Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre
Wertungsform gefunden.

Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser, dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von Eisen und Glas.

Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen Interessen in Anspruch genommen wird.

Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde—ihre Namen mit Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier entlehnend—, vereinigen und—bekämpfen sich untereinander, erbittert und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.

Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der stürmischsten
Gärung, der der alte "S.-C. B. 1879" fast allein ruhig zusehen kann,
da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz
Felder in ihm in unablässigem Training um seine ersten Siege ringt.—

Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich bei den großen nationalen und internationalen Meetings oft über zwei Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekämpft: im Schwimmen, im Springen und im Tauchen.

Geschwommen wird um kürzere oder längere Strecken, und zwar ist entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und Rückenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in stromfreiem Wasser, Seen und künstlichen Bassins, oder auch in Flüssen mit zu überwindendem Strömungswiderstand.

Die Zahl der Sprünge ist naturgemäß eine begrenzte. Die Sprungtabelle des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fünfunddreißig auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6 gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den einfachen und schwierigeren Kopfsprüngen steigen sie langsam auf zu den Hecht- und Schlußsprüngen in ihren verschiedenen Drehungen des Körpers. Aber es herrscht eine große Mannigfaltigkeit unter ihnen. Die Höhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs Metern. Viele Sprünge können ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, daß sie sowohl vor-, als auch seit- oder auch rückwärts ausgeführt werden können. Daher ist das Amt eines Preisrichters für das Springen kein leichtes und erfordert langgeübte und intime Kenntnis der einzelnen Sprünge und ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen für Pflicht-, wie für Kürsprünge.

Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach Tellern (Sieger ist, wer in der kürzesten Zeit die größte Anzahl hervorholt), oder in die Länge: das Hechttauchen—man schwimmt unter dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt den Ausschlag.

Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr interessant verläuft: gekämpft wird in allen drei Arten, und Sieger bleibt, wer durchschnittlich in allen die höchste Punktzahl erreicht.

Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den Besitz seines Klubs über. Sie bestehen bei den großen Meisterschaften oft in wertvollen Gegenständen, die die Veranstalter oder auch die Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem heißerrungenen Ruhme erzählen—unvergeßliche Andenken!—Es gibt Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden müssen, ehe sie in den Besitz des Siegers übergehen oder Klubeigentum werden.

Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer äußerlichen Bereicherung und Ausschmückung. Das Schwimmen "älterer Herren", die die Zeit der höchsten Ausbildung ihrer Stärke bereits hinter sich, wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen können bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der höchsten Leistungsfähigkeit ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den für Nichtkenner oft eintönigen Kämpfen versteht, entschädigen, und einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mißt, fehlt heute auf keinem als Abschluß.

Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz "halten die Teilnehmer noch lange zusammen", wie es stets am Ende aller Berichte heißt.

—Gut Naß!—Hurra! Hurra! Hurra!

6

Auf der Meldeliste des "Schwimmklub Berlin 1879" für das diesjährige große Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet für das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war Brünings gewichtiges Wort gewesen, das, für das Junge Mitglied in die Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders Gunsten sinken ließ.

Franz vergaß es ihm nie. Er war erst fast bestürzt, als er von der Entscheidung hörte, trotzdem sie kaum anders hätte ausfallen können, wollte der Klub sich überhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach ein Freudentaumel. Sein Klub sandte ihn hinaus auf das große Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die Meisterschaft der Stadt Berlin über die kurze Strecke von 100 Metern zu ringen!—Er sollte sich auf dem jährlichen Wettschwimmen des großen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern—unter ihnen alten Siegern—im Kampf um die silberne Medaille messen!!

Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der Sport des Schwimmens grünte und blühte, die überallhin die besten und gefürchtetsten Kräfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen. Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den größten Teil der Berliner Schwimmvereine umfaßte, der im Allgemeinen Deutschen Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein großer Sieg—ein Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heißbegehrt…

Und sein Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder, hinaus, diese Meisterschaft zu erkämpfen!—Sein Klub, der vor vielen Jahren zuerst die Initiative zur Gründung eben dieses Schwimmerbundes gegeben hatte, sein Klub, der älteste und angesehenste Berlins, mit dessen schlichtem und doch so berühmtem Namen die so vieler erster Schwimmer der Welt unauslöschlich verbunden waren, der nicht nur für sich und seine Mitglieder, sondern für die ganze Sache des Schwimmens von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war—der "S.-C. B. 1879" entsandte ihn zum diesjährigen Wettbewerb!

Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so wußte er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer. Aber was mehr war, als diese äußere Anerkennung seiner Kraft, war die innere: der Klub hätte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen innerlicher Zusammengehörigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des Klubs—und das waren in der Sache unbedingt die höchsten—er nicht überzeugt gewesen wäre. Er hatte sich jahrelang von den Festen zurückhalten können, stolz auf alte Erfolge und unbekümmert um neue, als die alten Kräfte, die sich zurückziehen mußten, nicht sogleich durch neue von gleicher Stärke ersetzt werden konnten; und er würde sich Zeit genommen haben, im nötigen Falle nochmals jahrelang zuwarten, denn nicht um künstliche Züchtung einzelner Größen und die Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschloß man sich daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mußte man des Sieges ziemlich gewiß sein—und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze…

Felder war sich über all dies durchaus nicht klar. Er fühlte nur, wie sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum ersten Male öffentlich nannte; er wußte, man vertraute ihm die Ehre des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht. So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den es ankam, für seinen Klub zu erfechten. Er fühlte, er mußte ihn erringen!

Er war sehr stolz und sehr glücklich. Aber er hatte Angst, richtige
Angst—zum erstenmal in seinem Leben. Er wußte bisher nicht, was
Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es
war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die
Schlacht geht.

Denn wenn er unterlag?—Wenn er nur einen zweiten, dritten oder überhaupt keinen Preis erhielt?—Er kannte seine Gegner wohl. Fast alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert. Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen.—Außer dem seinen stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der Jüngste von allen!—

Wohl schlug er schon die Ältesten seines Klubs über die kurze
Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine
Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, daß er,
Franz Felder, sein bester Schwimmer war?—Nicht allzu viel.

Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zögling—nicht, weil er fürchtete, daß er unterliegen könne, sondern weil er sah, in welcher verzehrenden Unruhe er umherging und übte. Er warnte ihn, allzu viel Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch unterlag?—Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden, und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich selbst erlebt; und auch Franz würde das erleben. Das war nicht das erste und letzte Schwimmen, gewiß nicht—und immer wiederholte der gute und erfahrene Freund:

—Schwimm so gut, wie du kannst. Kümmere dich um nichts, als um dein Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu tun. Damit sei zufrieden…

Felder hörte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu.

Sein Klub hatte ihn hinausgesandt. In seinen Händen lag seine Ehre.
Er durfte ihm keine Schande machen; er mußte siegen—er mußte!

7

So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er früh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen können.

Am liebsten hätte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen— nur einmal … aber das wurde ihm natürlich nicht erlaubt. So verging der Vormittag in untätiger Ungeduld. Er aß mäßig und trank fast nichts.

Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstraße gegessen und spielte nun gemütlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrührte, sah wie gewöhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine plötzliche Müdigkeit überfiel und er vor sich hindruselte.

—Leg' dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist! rief Brüning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem großen Tisch auf dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den feierlichen Beratungen der Vorsitzende saß. Nach zwei Minuten schlief er wie ein Toter.

Allmählich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem
Nagel und Brüning saßen, spielte ruhig weiter.

Um halb vier warf Brüning die Karten zusammen und zog seine goldene
Uhr:

Massenhaft Zeit noch!—Aber wollen doch lieber gehen…

Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief.
Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch
die etwas geöffneten Lippen. Sicherlich träumte er jetzt von keiner
Niederlage.

Brüning betrachtete ihn mit fast zärtlichem Lächeln.

—Wie ein junger Gott, was?—Und noch das reine Kind!—Aber wecken wir unseren jungen Sieger!

—Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rührte den Schlafenden bei der Schulter.

Franz führ in die Höhe, und sein erster Griff war nach der Uhr.

—Aber wir versäumen das Schwimmen, rief er außer sich, als er sah, daß sie bereits über halb vier zeigte.

Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren mit ihm zum Fest.—

Die enorme Halle des großen Schwimmbassins der Wasserfreunde war festlich geschmückt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen Wölbungen war bis in den letzten Winkel durch die großen, elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten Fensterdrang nur noch das trübe Licht eines frühdunklen Wintertages. Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rückwand hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der veranstaltenden Vereine herab und verhüllten die weiße Fläche der Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile gezogenen Fähnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wölbung der Decke hernieder schwebte regungslos über der Mitte des Bassins die mächtige weiße Fahne des "S.-C. B. 1879" mit dem blauen Rande und dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei dem großen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte—hinter grünem Blattwerk verborgen—die Musik.

Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornüber beugten, um besser die Wasserfläche unter sich überschauen zu können, in der die Wettkämpfe stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt— alles saß hier durcheinander, und unter die dunklen Röcke der Herren mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die weißen, buntgeränderten Mützen der zahllosen Sportgenossen. Alle Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer Zusammengehörigkeit nach hier und dort zusammen.

In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf die Eingangswand gerichtet. Dort saß unter der Galerie an einem mit Papieren bedeckten Tische der Ausschuß des Festes: die Preis- und Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nähe einige hervorragende Gäste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behörden. Hier befanden sich auch die reservierten Plätze für die Vorstände der Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang.

Als Felder und seine Begleiter ankamen, mußten sie sich an der
Aufgangstreppe, wo an der Kasse die üblichen fünfzig Pfennig als
Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die
Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen
arbeiten und hatten Mühe, sich durchzudrängen, um zu den
Auskleideräumen zu gelangen.

Es war gerade eine Pause, und die Wölbung hallte wider von dem erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits erstickend heiß. Über der noch vom letzten Rennen her leise bewegten Wasserfläche zogen sich leichte, weiße Streifen, und die ganze Halle dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen.

Die Uhr wies über die vierte Stunde hinaus. Man näherte sich den großen Wettkämpfen. Längst war die stereotype Eröffnungsrede des Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und liebenswürdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten und der Eröffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und künftige Meister hatten den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heißen Stirn gespürt.—Auch die älteren Herren, die über dreißig, hatten geschwommen und vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt. Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden, über dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde.

Nun kam ein Brustschwimmen und ein großes Tellertauchen mit unzähligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte— für alle Kenner der Clou des Tages.

Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu?—Man hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine große Familie, diese Ecke. Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natürlich wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wußte. Georgy vom S.-C. "Spree" sollte nicht mitschwimmen infolge eines Zerwürfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der gefürchtete vom "Triton", auch. Hatte Franz ihn schon gesehen?—Dort unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mächtig vielen Bändern über der Brust.—Und Riesecker war da, der heute zum ersten Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es würde ihm wohl nichts helfen…

Felder hörte kaum auf das Geschwätz. Er hatte seinem Freunde das Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu blättern. Da stand es:

IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin

Offen für alle Mitglieder. Bahnlänge 100 Meter gleich 4 Längen.

1. B. Riesecker …… (1. Berliner Amateur-S.-C.) schwarze Kappe

2. K. Wenzel …… (S.-C. "Poseidon") gelbe Kappe

3. W. Georgy …… (S.-C. "Spree") rot-weiße Kappe

4. F. Felder …… (S.-C. Berlin 1879) blaue Kappe

5. P. Hoffmann …… (S.-C. "Triton") weiße Kappe

6. W. Hofstetter …… (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe

Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger:

Erster: ……….. Zeit: …. Min. …. Sek.

Zweiter: ………. Zeit: …. Min. …. Sek.

Da stand sein Name. Noch keine Stunde würde vergangen sein, und die Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen würde eingetragen werden in die kleine leere Stelle?—Der seine?—

Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn.
Ahnten sie, wußten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand?—Warum
lachten sie noch?… Außer dem dummen Koepke schien keiner von der
Größe des Augenblicks erfüllt zu sein.

Das Tauchen hatte begonnen. Es würde bei der großen Beteiligung mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht länger, ihm untätig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden unter Wasser blieben, erschien ihm endlos.

Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen Auskleideräume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wüstes Durcheinander herrschte in dem engen Gelaß. Der Boden triefte von Nässe und Schmutz, unter den Lattenbelägen standen Wasserlachen, Stiefel lagen herum, die nicht zueinander paßten, und Kleidungsstücke verschiedenster Art waren wahllos übereinander geworfen—friedlich vereinigten sich hier die toten Dinge, während sich draußen ihre Besitzer so bitter bekämpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war es nicht anders gewohnt.

Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Räume, in dem ein trübes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht anzuzünden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die früh erlöschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene Rufe aus der Halle bis hierher.

Als er das Trikot angelegt hatte und darüber die weiße Badehose mit dem blauen Rande streifte, überkam ihn wieder die zeitweilige Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hüllte sich in sein Badetuch und setzte sich in eine Ecke. Er wußte, daß man ihn rufen würde, wenn es Zeit war, und es war ihm ganz lieb, daß man ihn bis dahin allein ließ.

Er glaubte nicht mehr daran, daß er siegen konnte. Es war eine Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mußte ja unterliegen—wenn nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War überhaupt jemals ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjähriger Pause schwamm der wieder mit!

Er sah trübe vor sich hin.

Plötzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten stürzten herein und suchten lärmend nach ihren Kleidern, während sie laut miteinander über das eben beendete Tauchen sprachen.

Hinter ihnen her Koepke.

—Wo bleibst du denn, Mensch?—Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So komm doch—alle warten schon auf dich! Felder ließ sein großes Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden langsam. Als er sich mühsam durch die immer enger zusammengepreßte Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, blaß und schweratmend an die Oberfläche.

Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedränge. Alles stieß sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschuß in schwarzen Fräcken; Kellner mit gefüllten Biergläsern; Bademeister in hellen, frischgewaschenen Leinwandanzügen; Klubmitglieder in Mützen und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen übersät, freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich begrüßend oder höflich ausweichend; und Gäste des Festes, jeden Alters und Standes und Geschlechtes—alles mußte hier durch, um hinaus oder zu seinem Platz zurückzugelangen, und kaum wurde den Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle dröhnte wider von dem Durcheinanderlärmen zahlloser Stimmen.

Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige
Minuten länger, während welcher die Starter versuchten, einen kleinen
Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen.

Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die blaue Kappe übergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: "Du hast also Nr. 3 und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!" Er hörte Brünings spöttische Stimme, der über den "Blödsinn des übertriebenen Tauchens" sprach und fühlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lächeln, aber er konnte es nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, daß alles vorbei sein möchte.

Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter trat und seine Fahne schwang. Der Lärm in der Halle verminderte sich, Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tönte bis in den fernsten Winkel des Raumes:

—Neunte Konkurrenz: Schwimmen über hundert Meter um die diesjährige Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub "Poseidon" schwimmt wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit.

Ein Murmeln der Überraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten. Dann lösten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte kein Wort verstanden. Er fühlte sich plötzlich vorwärts gestoßen und sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor.

Einen Augenblick—eine kurze Sekunde—stand seine jugendlich-schlanke, ebenmäßige Gestalt allein über dem Bassinrand in der Mitte unzähliger Blicke und überstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als könne sie sich nicht entschließen, den Sprung zu tun—dann streckte Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein heißes Gesicht in die kühle Flut tauchte und seine Hand nach der Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als müsse er aufschreien vor Lust, und er fühlte nichts anderes in dieser Minute mehr, als die maßlose Seligkeit, schwimmen, jetzt losschwimmen zu dürfen!—Endlich im Wasser, war er jetzt wieder Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus auf die glatte Fläche vor sich geheftet, hörte er die Stimme des Starters auf dem Sprungbrett über sich:

—Sind die Herren bereit?—

Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon erklang über ihm wieder die feste Stimme:

—Achtung!—…—Fertig!

Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die
Luft:

—Los!—

Fünf Hände ließen das Brett los, und fünf Gestalten durchschnitten mit rasender Geschwindigkeit das Wasser.

Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren Wölbung, daß man außer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den peitschenden Schlägen der Arme und Hände vernahm. Eine atemlose Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem Kampfe ausging.

Die erste Länge von fünfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen. Beim Wenden legte der Tritone in weißer Kappe sich vor und blieb so liegen bis rast an das Ende der zweiten Länge, wo er seinen Vorsprung gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor.

Wieder stießen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Länge ab; der fünfte war zurückgeblieben und blieb es.

Die vier Körper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Stoß verschwanden die Köpfe mit den bunten Mützen unter der Wasserwoge, die über sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben, um zu neuem Schlage auszuholen und die Körper, von neuem, mächtigen Stoße der Beine getrieben, vorwärts flogen, als würden sie gezogen…

Gegen Ende der dritten Länge schien es, als schwämmen die vier auf einen bestimmten Punkt zu, so sehr näherten sie sich einander. Aber dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los. Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl die rot-weiße wie die rote Kappe eingebüßt, da ihnen die Richtung ein wenig verloren gegangen war. So kam es, daß Felder zuerst, oder doch fast gleichzeitig mit dem Träger der schwarzen, wenden konnte.

Die Musik schwieg plötzlich und die ersten vereinzelten Rufe der
Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die
Zuschauer aufgestanden und überall drängten sich die Köpfe so weit
wie nur möglich vor. Die Spannung erreichte den höchsten Grad.

Die ersten Längen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glücklich, schwimmen zu können, daß er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun erwachte er plötzlich wie aus einem Traum: er hörte die Rufe und sah dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm mit dem nächsten Stoß schon voraus war. Da packte ihn eine fürchterliche Wut. Er wußte wieder, wo er war—und tief Atem holend, stieß er sich ab. Ganz einerlei jetzt—ob er siegte oder nicht; aber leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser und schoß in ihm hin; er kämpfte mit ihm wie mit einem persönlichen Feinde, außer sich vor Wut und Raserei.

Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlänge nicht mehr gerade Linie der vier Köpfe wieder schloß—wie der zweite dem ersten wieder näher und näher kam und wie sich ihm die beiden anderen zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens.

Die Aufregung der Zuschauer stieg ins maßlose. Man rief nicht mehr, man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier Namen erklang aufmunternd, anfeuernd—drohend von überallher…

Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hörte und sah nichts mehr. Er wußte nicht mehr, wohin er schwamm, ob er überhaupt noch in einer Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie ein Ertrinkender das Wasser—er sah und hörte nichts mehr. Er fühlte kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berührten… Er wußte nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht…

Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle durchbrauste und das den Tusch der Musik völlig übertönte. Über sich sah er erregte Gesichter und neben sich für einen Augenblick seine Gegner—erschöpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem. Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Stoß auf die Leiter zu. Er hatte sich vollkommen ausgegeben,

Er hörte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine Bedürfnis sich jetzt hinsetzen zu dürfen. Er drängte sich aufs Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man hatte ihm ein Tuch übergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die Decke. Er hüllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu verbergen, und machte sich rücksichtslos Platz. So gelangte er zu dem Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend, in eine Ecke.

Sie drängten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend über seine eilige Flucht und sein böses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu drücken.

Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch böser:

—Aber warum denn?—Ich war doch nicht erster!—

Er sah, wie sie wieder lachten.

—Wer denn sonst, fragte Brüning.

Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus.

Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung stieg in ihm auf, daß es wahr sein könne. Wenn Nagel es sagte, dann glaubte er es.

Und als auch dieser nickte und sagte:

—Mit 2/5 Sekunden etwa… da war ihm, als löse sich von seiner Brust der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern zu greifen.

Hastig riß er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen Anzug. Um ihn herum ließen die Mitglieder des "S.-C. B. 1879" jetzt ihren Gefühlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen besprochen. Allgemein stimmte man darin überein, daß es ein ganz außergewöhnliches Rennen gewesen war, "wieder einmal eines von jenen, bei denen alles anders gekommen war…" Am äußergewöhnlichsten sicherlich das Endresultat.

Nur einer war ganz zurückgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen. Die übrigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfünftel handeln. Aber Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann Georgy vom "Spree "-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch zugetraut hätte. Hoffmann, der berühmte Hoffmann vom "Triton", der Meister des Vorjahres, war überhaupt ganz zurückgeblieben und hatte zu Ende der dritten Länge schon gänzlich ausgesetzt.

Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit festgestellt und bekannt geworden war, kam zurück und bestätigte fast jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von 1:23 4/5 bis 1:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24 1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde später der junge Hofstetter.

Der Rekord für Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also keineswegs erreicht, wie überhaupt in den letzten Jahren nicht mehr. Was aber die Leistung Felders zu einer so außergewöhnlichen machte, war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein Erfolg, fast einzig in seiner Art.

Neueintretende erzählen von der allgemeinen Verblüffung. Der ganze Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten, da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden habe: man habe ganz genau gesehen, daß Riesecker und Felder zu gleicher Zeit angeschlagen hätten, und man habe es von ihrem Platze aus besser sehen können, als von dem Tische der Richter.

Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der anderen natürlich nur erhöht, und man freute sich im voraus auf die nicht ausbleibenden Reibereien der nächsten Zeit.

Nur Franz war merkwürdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen so heißersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit ihnen und wie mit einem Schlage das Gefühl des Angespanntseins, das einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit… Was hatte er getan?—Wofür wurde er gelobt?—Er hatte geschwommen, wie schon hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserfläche—etwas besser, nicht viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan, was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen Augenblick früher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn plötzlich so, daß ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wäre er unterlegen, ja, wäre er nur zweiter geworden, kein Mensch würde sich um ihn kümmern, niemand seinen Namen nennen… Außerdem: Wenzel hatte nicht mit geschwommen. Wäre er nicht erkrankt, so hätten sie alle miteinander einpacken und zusehen können!

Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel würde es ihm sagen.
Er drängte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus.

Dann hörte er es: "Ein schöner Sieg, weil er so schwer errungen wurde. Wie du geschwommen hast?—Die ersten drei Längen ganz gut. Bei der letzten hast du natürlich den Stil verloren und bist über deine Kräfte hinausgegangen. Sonst hättest du auch nicht gesiegt.—Freu' dich nur ruhig. Wir freuen uns auch."

Ja, Franz freute sich, als er dies hörte, und zog sich seine Sportmütze über die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich wirklich!

Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glückwünschen empfangen wurde.

Die schwüle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrückend. Überall sah man rote Gesichter, auf denen der Schweiß stand, und alles versuchte die innere Glut mit großen Gläsern Bier zu löschen. Aber noch immer erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die lustige Pantomime am Schluß nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorüber. Selbst ein langes, aber vortreffliches Kürspringen vermochte es kaum mehr aufrecht zu erhalten. Wie immer, rächte sich an diesen letzten Nummern die offenbar unvermeidliche Überladung des Programms.

In der Ecke der 79er drängte Brüning seine näheren Freunde zum Aufbruch, endlich "dies verfluchte Schwitzbad" zu verlassen. Er könne es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten länger hierblieben, könnten sie es erleben, daß er sich auszog und ins Wasser ging. Er hatte aus Anlaß des Sieges sogleich ein kleines Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung dafür mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben genügten, um eine gemütliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper für sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden.

Die Geladenen verabschiedeten sich für ein paar Stunden von ihren
Leuten und verließen, von vielen Blicken gefolgt, die heiße Halle.—

Bei Tisch herrschte die lebhafteste Fröhlichkeit. Franz saß zunächst dem Gastgeber, neben ihm ein älterer Schwimmer mit großem Namen, und ihm gegenüber sein verehrter Schwimmwart. Er war äußerlich still, wie immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er ließ sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre schmecken.

Aber als Brüning zum Schluß, als der Sekt kam, das Glas in die Hand nahm und—halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war—eine Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle künftigen Erfolge mit ihm anzustoßen, da übermannte ihn fast die Rührung über so viel unverdiente Freundschaft. Ein großer Entschluß keimte in ihm auf, und während die anderen schon weiteraßen und weiterlachten, stand er plötzlich auf und sagte geradeausschauend und ganz schnell: