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Begierde

20. Tausend

B e g i e r d e

Ein Berliner Roman

von

Jolanthe Marès

16. bis 20. Tausend

Wilhelm Borngräber Verlag Berlin

Alle Rechte, auch das
der Übersetzung, vom
Verleger gewahrt.

In dem eleganten kleinen Teeraum der Pension Mohrmann lag Miß Webb tief in einen der bequemen Sessel geschmiegt, rauchte ihre Zigarette und gab ihrem Erstaunen über Deutschland im allgemeinen und Berlin im besonderen Ausdruck.

»Oh, ich muß Ihnen sagen, Miß Wunsch, daß ich sehr erstaunt bin über alles, was ich hier in Deutschland sehe. Ich habe immer gehört, die deutsche Frau ist nicht elegant und versteht sich nicht zu kleiden. Sie ist nur Hausfrau, hat viele Kinder, kocht, wäscht und besorgt im Haushalt alles selbst. Und nun sehe ich, daß es ganz anders ist. Die deutsche Frau ist eine elegante Dame. Sie kleidet sich nach der Mode, hat Schick und versteht zu flirten. O nein, ich finde die ›Deutsche Hausfrau‹ nicht.«

Lachend warf die der Sprecherin gegenübersitzende Lotte Wunsch den Rest ihrer Zigarette in den Aschenbecher, schlürfte langsam ihren Tee und erwiderte spöttisch: »Auf Ihren Wegen werden Sie auch die deutsche Hausfrau schwerlich finden, Miß Webb.«

»Ich bin sicher, daß es einige gibt. Aber was will das sagen im Vergleich zu den vielen?«

»Geht man nachmittags zum five o’clock tea, man trifft viele Damen, Frauen, die Haus und Kinder haben. Abends in den Restaurants, alles Familien! Ich sehe, es ist nicht richtig mit Ihren drei K — Kirche, Küche, Kinder — ich finde, man amüsiert sich sehr viel bei Ihnen.«

»Man arbeitet aber auch bei uns.«

»Das ist wahr. Ich habe es bemerkt. Die Herren bei Ihnen arbeiten viel, beinahe so viel wie bei uns. Es gibt viele Frauen in Deutschland, die einen Beruf haben und die sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Das imponiert mir sehr. Aber Zeit für Amüsement haben sie trotzdem. Oh, ich denke lange in Berlin zu bleiben to amuse myself.« Miß Webb zündete sich eine neue Zigarette an, warf den Kopf weit zurück, schlug die Beine übereinander, daß die schlanken, in spinnwebfeinen schwarzen Seidenstrümpfen steckenden Beine sichtbar wurden, und den Rauch der Zigarette in leichten Wölkchen in die Luft blasend, fragte sie: »Haben Sie auch den Schrei nach dem Kinde gehabt, Miß Wunsch?«

Fräulein Wunsch starrte auf ihr Gegenüber: »Ob ich was?«

»Nun — ob Sie auch den Schrei nach dem Kinde haben? Man sagt bei uns, die deutsche Frau mit einem Beruf will sehr oft ein Kind, aber keinen Mann, sie will Mutter sein, ohne zu heiraten. Ist das richtig? Wie kann man wünschen, ein Kind zu bekommen? Kleine Kinder sind schrecklich. Niemals möchte ich Kinder haben, sie sind lästig und machen so viel Mühe.«

Mit einem energischen Ruck warf sie den Oberkörper nach vorn, setzte die Füße fest auf den Boden und fragte eindringlich zu Fräulein Wunsch hinüber: »Wollen Sie ein Kind?«

»Es wäre wirklich schade, wenn Ihre Mutter ebenso gedacht hätte wie Sie. Im übrigen scheinen Sie aus Schlagwörtern Ihre Kenntnis der deutschen Frau herzuleiten. Ich würde Ihnen auch raten, länger hierzubleiben, um Ihr Wissen an der Quelle zu vervollständigen.«

»Oh, Sie sind böse, weil ich das gefragt habe, das müssen Sie nicht sein. Ich frage nicht aus Neugierde, ich habe viel Interesse für die deutsche Frau, ich suche sie zu studieren. Ich weiß, die Deutschen haben viel Herz, oder sagen Sie Gemüt? Ich kann es wohl verstehen, daß man wünscht, Kinder zu haben, wenn man verheiratet ist, aber wie eine Frau, die nicht verheiratet ist, sich ein Kind wünschen kann, das begreife ich nicht. Sagen Sie, Mrs. Holm, wünschen Sie sich ein Kind?«

»Ich wäre unendlich glücklich, wenn mir in meiner Ehe ein Kind beschieden wäre.«

»Well, Sie waren verheiratet. Aber Sie, Fräulein von Wangenheim, wie denken Sie darüber?« Die lebhaften braunen Augen wandten sich gespannt und voller Neugierde der ihr zur Rechten sitzenden jungen Dame zu.

Ein flammendes Rot überzog die zarten bleichen Wangen, kühle, abweisende Blicke trafen die Augen der Fragenden: »Aber — ich bitte —«

Erstaunt blickte die Amerikanerin sie an: »Ich denke, Sie sind Künstlerin und wollen zur Bühne gehen? Da darf man nicht prüde sein, Fräulein von Wangenheim, da werden Sie noch ganz andere Dinge zu hören bekommen.«

»Ich will nicht zur Bühne gehen, ich will Konzertsängerin werden.«

»Einerlei. Nicht wahr, Sie studieren bei Professor Sommer?«

»Jawohl.«

»Es soll ein sehr interessanter Mann und guter Lehrer sein. Ich habe viel von ihm gehört. Ich wollte auch Gesang studieren. Sie müssen wissen, wir Amerikaner lieben die Musik sehr. Aber ein Studium nimmt viel Zeit. Ich bin zu praktisch, ohne Vorteil Geld auszugeben. Ich habe keine Zeit zum Studieren, ich liebe es mehr, mich zu amüsieren.«

»Ja, das Studium kostet viel Geld.«

»Die Ausbildung Ihrer Stimme ist eine Kapitalsanlage, die Ihnen später Zinsen bringen wird, vorausgesetzt, daß Sie wirklich Stimme haben.«

»Der Professor hat mir große Hoffnungen gemacht.«

»Waren Ihre Eltern denn mit Ihrer Ausbildung einverstanden? Sie sind aus einer Offiziersfamilie, Ihr Vater ist, wie ich gehört habe, Oberstleutnant. Ist man in diesen Kreisen nicht etwas ablehnend gegen das Künstlertum, wenigstens wenn es die eigene Familie betrifft?«

Ein leichter Zug der Pein huschte über die jetzt wieder bleichen Züge Fräulein von Wangenheims, aber sich bezwingend erwiderte sie:

»Im allgemeinen wohl, Miß Webb. Auch ich hatte einen Kampf zu bestehen, ehe mir die Einwilligung meiner Eltern zuteil wurde, aber — wie Sie sehen — ich bin siegreich aus dem Kampf hervorgegangen und — der Oberstleutnant mußte sich dem Rekruten ergeben.«

»Also: Siegerin. Sie werden auch hier siegen, glauben Sie mir —« und ein so prüfender Blick flog über Gerda von Wangenheim, daß ihr wieder das Erröten kam.

»Good Evening, Mr. Winkelmann, es ist nett, daß Sie kommen, um mich zu entführen. Ach, wie wohltuend wirken Sie in diesem bunten Raum und unter uns farbenfreudig gekleideten Damen!«

»Als dunkler Punkt,« warf Lotte Wunsch dazwischen.

»Wirklich, ich wurde schon ganz nervös. Schauen Sie dieses Schwelgen in Farben, Sie in Ihrem Smoking bringen etwas Ruhe hinein, Sie wirken direkt dekorativ.«

»Sollte ich nicht auch noch anders wirken?«

Kurt Winkelmann neigte sich über die ihm entgegengestreckte Hand der Amerikanerin, begrüßte kameradschaftlich Lotte Wunsch und verbeugte sich verbindlich vor Ebba Holm.

»Und hier, unsere jüngste Mitpensionärin, Fräulein von Wangenheim.«

Kurt Winkelmann war eine schlanke und vornehme Erscheinung mit schmiegsamen, lässigen Bewegungen. In dem bartlosen Antlitz saß eine kühne, etwas scharf hervorspringende Nase und dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen. Volles, kastanienbraunes Haar fiel in die hohe klare Stirn. Es war sein Sport, der bestgekleidetste Weltmann zu sein und als der schickste und eleganteste Lebemann der Welt zu gelten.

Sein geübtes weltmännisches Auge, das sich nur mit Schönheit und Eleganz beschäftigte, nahm die neue Erscheinung in sich auf. Sie ist sehr schön, das ist wahr. Die Haare, die Haut, der zarte Teint, die Figur, alles ist herrlich! Und dennoch — sie war nicht mit dem Schick angezogen, ohne den eine moderne Frau in seinen Augen ein Unding war. Ihr Kleid hatte nicht den tadellosen Schnitt, es war nicht der letzten Mode entsprechend. Das Haar von jenem schönen rötlichen Blond, welches wie Gold schimmert, war zu wenig gelockert, ihm fehlten die von der Mode vorgeschriebenen Wellen. Alles in allem eine eigenartige Schönheit von außergewöhnlichem Reiz, aber — keine elegante Frau nach seinem Geschmack.

Leicht hatte sie das Haupt geneigt und einen flüchtigen Blick über den Ankömmling gleiten lassen, dann plauderte sie ruhig weiter. Sie schien nicht das Interesse für ihn zu empfinden, das er gewöhnlich im Entgegenkommen aller Frauen fühlte, denen man ihn vorstellte. Eine Persönlichkeit wie er, Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle, und diese junge, provinzialisch angezogene Person war gar nicht neugierig, ihn kennenzulernen?

»Mr. Winkelmann, wo werden Sie mich hinführen? Bitte, sagen Sie, Sie hatten mir einen besonders netten Abend versprochen.«

»Erst werden wir ein Konzert besuchen, in welchem die Hempel singt.«

»Oh, wonderfull,« sie klatschte in die Hände — »und dann —«

»Ja, das ist eine Überraschung, kann ich noch nicht verraten.«

»Aber bin ich auch richtig gekleidet, look at me?« Sie war aufgesprungen, stellte sich in die Mitte des Zimmers und drehte sich langsam gleich einer Mannequin herum.

Ihren schlanken zierlichen Körper umspannte gleich einer Haut ein weicher, grasgrüner Seidenstoff, jede Linie scharf abzeichnend. Der schlanke Hals, um den eine dreifache Perlenschnur gewunden war, tauchte gleich einer Lilie aus dem grünen, zarten Gewebe, welches den spitzen Ausschnitt umgab, hervor.

Übermütig blitzten ihm die braunen Augen aus dem leicht gepuderten, pikanten Antlitz entgegen.

»Immer allright, Miß Webb.«

»Eigentlich hätten Sie dieses Konzert auch besuchen müssen, Fräulein von Wangenheim, so etwas sollten Sie sich nicht entgehen lassen.«

»Gnädiges Fräulein interessieren sich für Musik?« und er neigte sich zu Gerda von Wangenheim.

»Ich studiere Gesang.«

»Ah — also angehende Künstlerin —« und er heftete einen seiner verschleierten und heißen Blicke auf sie.

»Fräulein von Wangenheim wird Karriere machen,« rief die Amerikanerin, indem sie sich von dem eintretenden Zimmermädchen den Mantel um die Schultern legen ließ.

»I’m ready, Mr. Winkelmann.« — — —


»Naseweis und frech wie ein Spatz.«

»Sagen Sie lieber gänzlich unerzogen, Fräulein Wunsch.«

»Nein, das möchte ich nicht sagen, Frau Holm. Ich habe schon zuviel gut erzogene junge Damen ein schlechtes Benehmen zeigen sehen, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe, daß schlechtes Benehmen stets eine Folge schlechter Erziehung ist.

Was hier zutrifft, weiß ich nicht. Im allgemeinen wird den amerikanischen jungen Damen eine sehr gute, sogar strenge Erziehung zuteil. Allerdings genießen sie im Umgang mit jungen Männern eine große Freiheit, wobei ›drüben‹ gar keine Gefahr besteht, denn die Frau genießt ja in Amerika einen ganz andern Schutz als hier bei uns. Sie ist dem Manne tatsächlich ein Wesen, dem man Achtung schuldig ist und dem kein Mann wagen wird, sich unehrerbietig zu nahen.«

»Sie können doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß ein gut erzogenes junges Mädchen unserer Kreise sich derartig benehmen kann, wie es diese Dame tut?«

»Unter Umständen noch viel schlimmer. Sie kennen unsere Großstadtluft nicht — die zersetzt. Man ist so vielen Einflüssen ausgesetzt. Es gehört schon Charakter dazu, sich rein zu halten und den verwilderten Elementen fern zu bleiben. Glauben Sie mir, ich spreche nicht so obenhin. Seit zwanzig Jahren lebe ich hier, stehe mitten im Leben, habe viel wohlerzogene Töchter guter Familien an mir vorüberziehen sehen. Viele sind bergab geschritten — moralisch — denn der Weg bergab führte oft zur Höhe des gesellschaftlichen Lebens — zu Ruhm und Glanz.«

»Sie wollen uns schon verlassen, Fräulein von Wangenheim?«

»Ich habe mich heute mit dem Studium überanstrengt. Ich möchte die Stunde bis zum Abendessen zum Ruhen benutzen.«

Gerda von Wangenheim stand in ihrer schlanken Höhe vor den beiden Damen, reichte ihnen die Hand und schritt schwebenden Schrittes aus dem Zimmer.

»Eine herrliche Erscheinung.«

»Und eine gut erzogene junge Dame, Frau Holm. Ob sie nach einem Jahre noch so wirken wird?«

»So lassen Sie doch Ihren Skeptizismus aus dem Spiel. Man muß an das Gute im Menschen glauben; das wäre ja entsetzlich, wenn man allen Menschen nur das Schlechte und Gemeine zutrauen wollte. Sie sind ein ganz unglücklich veranlagtes Wesen, wenn Sie bei den Menschen nur die Anlage zum Bösen sehen.«

»Keine Veranlagung, Frau Ebba, das Leben hat mich so denken gelehrt! Glauben Sie mir, als ich mit achtzehn Jahren hier einzog, in die große Stadt, an die Quelle des pulsierenden Lebens, da lag es vor mir, das Leben, voll eitel Sonnenschein, da glaubte ich an die Menschen, die Glückbringer. Mit ausgestreckten Händen stand ich da: gebt, was gut und schön ist in euch, um euch. Auch ich will euch beschenken, ich bringe meine Jugendkraft, mein heiliges Glühen für alles Schöne und Edle, helft mir schaffen, genießen — leben. Ich war jung, Frau Ebba, da hat man noch Blütenträume!«

»Das Leben erfüllt uns selten die Blütenträume.«

Lotte Wunsch nickte. »Und es ist gut so. Wir Künstler brauchen Bitternisse, Hindernisse! So erst kommen wir zum Schaffen. Die große Enttäuschung im Leben einer Frau ist gewöhnlich der Mann. So war es auch bei mir.

Mit achtzehn Jahren kam ich nach Berlin, um mich der Kunst zu widmen. Nach den Studienjahren in der Kunstschule ging ich in das Atelier des Professor Stein, um unter seiner Leitung zu arbeiten. Ich war eine eifrige Schülerin und, wie mir der Professor versicherte, sehr talentvoll. Er mochte ausgangs der Fünfziger gewesen sein, als ich bei ihm arbeitete. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Offizier verlobt war. Er sprach wenig während der Arbeit, liebte es aber, sich in den Pausen und nach Schluß der Arbeitszeit mit mir zu unterhalten. Wir saßen dann gemütlich in der Plauderecke des Ateliers und rauchten Zigaretten. Ab und zu tranken wir auch wohl ein Glas Wein zusammen. Wir sprachen über Kunst und Theater. Er erzählte mir auch mal einen derben Atelierwitz und amüsierte sich, wenn ich darüber in Verlegenheit geriet. Er meinte: daran müssen Sie sich gewöhnen, Kleine, das ist Atelierton. Ich hatte auch weiter keinen Arg, war er doch mein Lehrer und in meinen Augen der alte Herr mit zwei erwachsenen Töchtern. Das ging nun so eine Weile. Eines Tages, als wir wieder saßen, plauderten und rauchten — er hatte hastig drei Gläser Wein hinuntergestürzt — sah er mich scharf an und sagte: ›Du mußt übrigens ein vorzügliches Aktmodell abgeben.‹ Ich erschrak. ›Zieh dich einmal aus.‹ Ich sprang entsetzt in die Höhe. Da fing er unbändig an zu lachen und schrie mich an: ›Willst eine Künstlerin sein und tust so zimperlich? Weißt doch, daß wir den menschlichen Körper studieren, wo wir ihn finden. Brauchst doch selbst die Leiber der anderen für deine Zwecke, also herunter mit dem Firlefanz, ich will Studien machen an dir — weiter nichts.‹

Zitternd und bebend war ich in eine Ecke geflüchtet. Er war an den großen schwarzen Sammetvorhang getreten, dessen Falten er ordnete. Jetzt wendete er sich und sah mich stehen. Er kam auf mich zu, streichelte mir das Haar und sagte: ›Kind, ich tue dir doch nichts, du als Künstlerin mußt mich doch verstehen. Ich suche wochenlang nach einem Körper wie der deine, tue mir den Gefallen und sträub’ dich nicht, du weißt doch, du dienst der Kunst damit. Komm, hier, trink noch ein Glas, und dann laß uns arbeiten.‹

Ebba Holm — eine Stunde habe ich vor dem Vorhang gestanden — es waren Qualen der Hölle, die ich erlitt. Ich schwor mir zu, der Kunst zu entsagen und nie, nie mehr den Meißel anzurühren. Und kehrte wieder des anderen Tags und arbeitete wie eine Rasende. Und nach der Arbeit stand ich wieder eine Stunde vor dem schwarzen Vorhang und diente seinem Werk. Als ich ging, flüsterte er heiser vor Aufregung: ›Nur noch morgen, Kind, ich danke dir.‹

Und als ich kam, bat er: ›Laß heut deine Arbeit, wir wollen gleich anfangen.‹

Ich stand — stand und krampfte den emporgestreckten rechten Arm in die Falten des Vorhanges — so war die Stellung — da — da sah ich zwei gierige, lüsterne Augen, hörte ich stöhnen — ich wollte schreien — doch schon umkrampften mich seine Arme, bedeckten brennende Küsse meinen jungen Leib — ich wehrte mich wie eine Rasende — immer fester umschlang er mich — wir stürzten zur Erde — im Fallen riß ich den Vorhang herunter — das war meine Rettung. Er verwickelte sich und suchte sich zu befreien — dabei mußte er mich loslassen — ich entschlüpfte und stürzte nach meinen Sachen. — Als ich, in Eile bekleidet, forteilen wollte, kam er zitternd auf mich zu: ›verzeih‹ — ich spie ihm ins Gesicht, ging — und kam nie wieder — — —

Da starb, was edel ist, in den Menschen, da versank die Schönheit des Menschengeschlechts. Nur noch die Begierde sah ich nackt und häßlich, wie sie die Menschen beherrscht.

Ich lernte sehen. Ich sah nicht nur das, was mir geschehen — nein — ich sah auch, was um mich war — was in meiner Umgebung geschah. Im Taumel der Lust, im Begehren nach Gold und Sinnenreiz sah ich die Menschen. Vor meinen Augen war der Vorhang des Idealismus gesunken. Ich sah die Menschen nackt — sah sie so, wie sie sind. Ich habe das Vertrauen zu den Menschen verloren.«

»Sollten Sie nicht ungerecht urteilen?«

»Es gibt Ausnahmen — aber daß es eben Ausnahmen sind, ist gewiß.«

»Und — haben Sie nie jemand liebgehabt?«

»Ich konnte nicht. Verschüttet war mir der Weg zur Liebe, Ebba Holm. Wohl streckte sich manche Hand aus, wollte mich führen und deutete glückverheißend auf das geöffnete Tor — aber — auf dem Weg lag ein Gespenst — zwei gierige, lüsterne Augen — ich konnte nicht an ihnen vorbei — ich fand nicht den Mut, einzutreten in das Land der Liebe — ich hatte sehen gelernt.«

»Sie Arme!«

»Nein, nicht arm — zum starken, willensfesten Menschen hat mich das Schicksal geformt — ich habe meine Arbeit, meine Kunst. Meine Arbeit, meine Aufgaben haben mich ausgefüllt.«

»Sind Sie ganz befriedigt, sind Sie ganz glücklich?«

»Darauf hat, glaube ich, kein Mensch berechtigten Anspruch. Auch Sie sind nicht glücklich, Frau Ebba, und hatten doch die Liebe zur Seite.«

»Sie haben recht, vom Glücklichsein träumt man nur.«


Das Läuten zum Abendessen klang durch das Haus.

Lotte Wunsch fuhr empor aus ihrer Gedankenwelt. Jetzt unter Menschen — unter viele Menschen — schwatzen — lachen — oberflächliches Zeug reden — nein — sie verzichtete lieber auf das gemeinschaftliche Abendessen.

Sie streckte sich auf den Diwan und schloß die Augen.

Vom Glücklichsein träumt man nur!

Wovon sollte sie träumen? Konnte sie mit ihren achtunddreißig Jahren überhaupt noch träumen? Sie ein Verstandesmensch? Sie, die das Denken über das Fühlen stellte!

Wo suchte sie ihr Glück?

In der Arbeit.

Nein — nein — das ist nicht wahr — die Arbeit allein, sie brachte nicht das Glück.

Ihrer Kunst, ihrem großen Ziele hatte sie sich hingegeben mit Eifer und Glut, alles andere von sich gewiesen. Die hohe Aufgabe, die sie sich gestellt, hatte sie ganz erfüllt, und der Erfolg, sich als tüchtige, gefeierte Bildhauerin zu sehen, hatte ihr große Befriedigung gebracht — und doch, und doch dieses Verlangen — wonach? Wie kam es, daß sie oft ein Gefühl ängstlichen, ungestillten Sehnens schmerzlich erfaßte, ein Gefühl der Leere, des Bangens sie beschlich?

War dieses, durch Arbeit und Erfolg im Beruf glücklich sein, nicht ein kühles Verstandesglück, das mit dem eigentlichen Glück gar nichts gemein hat?

Was fehlte ihrem Leben? — — —

Sie lebte ein Leben ohne Liebe, das war es — ein verfehltes Leben für eine Frau.

Ihr war das Schicksal etwas schuldig geblieben — noch konnte sie fordern — oder — —

Sie sprang empor und lief zum Spiegel. Noch war sie nicht alt, aber schon im Stadium unbarmherzigen Welkens, jenes frühen Welkens, das in einem Verlöschen aller Farben, in einem Rücktritt jeglicher Frische besteht. Nie hatte sie etwas für ihren Körper, für ihren Teint getan. Das glatt gebürstete, im Nacken zu einem Knoten zusammengedrehte Haar gab ihrem Antlitz einen strengen, scharfen Ausdruck, machte sie älter, als sie in Wirklichkeit war. Wenn es nach Liebe war, wonach sie hungerte, wie kam es, daß keiner von denen, die sich ihr genaht, ihr Liebe eingeflößt hatte? Keiner ihr Herz angezogen, ihre Sinne in Wallung gebracht?

Die Begierde hatte sie erschreckt, hatte das, was Liebe hatte werden können, erstarren lassen. Wohl hatte sie dieses Erlebnis, diese Enttäuschung auf ihrem Lebensweg für die Kunst reifen lassen, aber den Glauben an die reine, tiefe Liebe hatte sie verloren.

Sie nennen es Liebe und ist doch nur Sinnlichkeit — das, was sich anzieht. — —

Nein — nicht nach dem Manne stand ihr Verlangen, nicht nach dem Rausch der Sinne — das Kind war es, das sie begehrte, und darum mußte die Liebe rein sein — rein, ohne Begehrlichkeit — das war das Glück. Dieses vorlaute, dreiste Wesen dort drüben im Teezimmer hatte die Glocke in ihrem Herzen zum Schwingen gebracht, und nun läutete sie, läutete: ich sehne mich — oh, wie sehne ich mich — ich habe noch nicht das Glück genossen — — und ich sehne mich so namenlos danach — —

Es klopfte.

»Darf ich ein bißchen zu Ihnen kommen?«

»Herzlich erfreut, Frau Ebba, kommen Sie herein und lassen Sie uns gemütlich weiterplaudern, es ist gut, daß Sie da sind — sehr gut — und jetzt spüre ich auch wahrhaftig Hunger — einen Wolfshunger. Ich lasse mir noch etwas kaltes Fleisch bringen, mache uns eine Tasse Tee, und dann erzählen auch Sie mir von Ihrem Blütentraum.«

Sie eilte geschäftig im Zimmer umher, ordnete das Gerät des Teetisches, schob zwei bequeme Sessel an den Kamin, entzündete die Spiritusflamme unter dem kleinen silbernen Teekessel, gab dem eintretenden Mädchen ihren Auftrag und bot sich niederlassend Ebba die Zigarettendose.

»Arg vom Sturm zerzaust sind diese Blüten.«

»Es werden Ihnen neue erstehen, Sie sind noch jung, Frau Ebba.«

»Was nutzt mir die Zahl der Jahre, wenn Erlebtes mich alt macht? Ich bin eine Frau ohne Heim, ohne Pflichten, ein vom Wind verwehtes Blatt.

Ich deutete Ihnen an, was mir geschehen. Wir liebten uns, er, der junge, elegante Rechtsanwalt, und ich, die reiche Fabrikantentochter. Unserer Heirat stand nichts im Wege, nur daß ich eigentlich noch zu jung war. Mit achtzehn Jahren sollte man noch nicht heiraten. Doch gleichviel, wer weiß, ob ich, wenn ich später geheiratet, nicht dieselben Erfahrungen gemacht hätte — möglicherweise mit einem anderen Mann auf andere Art, es sollte wohl so sein — Schicksalsbestimmung, — ich glaube daran. Wir lebten sehr glücklich und zufrieden. Mein Mann gehörte zu den gesuchtesten Rechtsanwälten Hamburgs. Wir hatten einen großen geselligen Kreis. Ich wäre restlos glücklich gewesen, wenn in mir nicht die Sehnsucht nach einem Kindchen, einem kleinen lieben Ding, welches mein ureigenstes Mein gewesen wäre, gelebt hätte.

So vergingen drei Jahre, da fing ich an, bei meinem Manne ein unstetes, flackerndes Wesen zu beobachten. Von mir aufmerksam gemacht, wurde er noch nervöser. Ich beobachtete ihn und hielt ihn für überanstrengt in seiner Arbeit. Er schonte sich nicht, arbeitete oft bis spät in die Nacht hinein, wie ich meinte. Er wurde aufgeregt und mißtrauisch, weil er sich beobachtet wußte. Es kam zu Szenen zwischen uns, in welchen er sich die Spioniererei verbat. Genug, ich kam dahinter, daß mein Mann ein leidenschaftlicher Spieler war. In seinem Büro, welches nicht mit unserer Wohnung in Verbindung stand, fanden nachts Zusammenkünfte statt, bei denen wahnsinnig gespielt wurde. Mein Mann verlor. Er verspielte sein ganzes nicht unbedeutendes Einkommen und hatte bereits mein eingebrachtes Vermögen verspielt. Mein Vater stellte ihn zur Rede — er zeigte Reue und gab sein Ehrenwort, keine Karte mehr anzurühren. Er hat sein Ehrenwort gebrochen. Nach zwei Monaten war er verschwunden, nach Unterschlagung ihm anvertrauter Depots. — — —

Da haben Sie meine Blüten.

Ich löste meinen Haushalt auf, Sie können sich wohl denken, daß ich nicht mehr sein mochte, wo alle mein Unglück kannten. Das Mitleid, die bedauernde Neugierde, sie machten mich elend, und so siedelte ich nach hier über.«

»Und warum gerade nach hier?«

»Weil hier mein Bruder mit seiner Familie lebt, so habe ich doch wenigstens einen Anhalt und Menschen, die mir nahe stehen. Sie wissen, die Pensionszeit hier ist nur ein Übergang, ich will wieder mein eigenes Heim haben, meine eigene Häuslichkeit. Und Sie, Lotte Wunsch, müssen recht, recht oft zu mir kommen. Lassen Sie uns Freunde sein.«

»Mit tausend Freuden. Ich bin Ihnen in treuer Freundschaft zugetan und will es bleiben.«

Und mit kräftigem Druck nahm sie die ihr entgegengestreckte Rechte.

»Wissen Sie, daß ich Angst um Sie habe, Ebba?«

»Inwiefern?«

»Jung, schön, reich, alleinstehend — in jeder Gestalt wird die Versuchung an Sie herantreten: Fangarme werden sich nach Ihnen ausstrecken. Aber, Sie haben einen Tugendwächter — ehe der nicht zur Strecke gebracht ist —«

»Das dürfte wohl gar nicht so schwer sein.«

»Achtunddreißig Jahre alt und noch einen ungeküßten Mund.«

»Kein Beweis. Spät in Brand geraten, desto lodernder. Aber wäre es nicht doch ratsamer, wenn ich auf den Schutz meines Bruders baute? Um an ihm eine Stütze zu haben, bin ich hergekommen.«

»Rechnen Sie nicht zu sehr damit. Väter, Gatten und Gattinnen, Brüder und Schwestern haben selten Zeit für die Ihren, immer nur für die anderen.

Darf ich übrigens mal den Namen Ihres Bruders erfahren? Ich kenne so ziemlich alles, was zur Gesellschaft gehört, da wird mir auch Ihre Familie nicht entgangen sein.«

»Mein Bruder ist der Bankdirektor Lukas Westphal.«

Lotte Wunsch sprang auf, warf ihre Zigarette in den Aschenbecher und stieß einen Pfiff hervor.

»Frau Thea Westphal also ist Ihre Schwägerin?«

»Allerdings, Sie kennen Sie?«

Lotte nickte. »Da suchen Sie Halt und Familienanschluß? Haben Sie Ihre Verwandten schon gesehen?«

»Nein. Nur telephonisch haben wir uns gesprochen. Wir konnten uns noch nicht auf einen bestimmten Tag einigen, da meine Schwägerin stets etwas vorhatte.«

»Und wie lange sind Sie schon hier?«

»Zwei Wochen.«

»Da haben wir es ja! In zwei Wochen keine Stunde Zeit für die Schwester und Schwägerin. Eine moderne Frau in Berlin hat keine Zeit, selbst nicht für Mann und Kinder, Sie werden es schon sehen.

Ich will Ihnen etwas sagen, Ebba. Unsere Großstadtmenschen huldigen dem Ichkultus, der Hingabe an ihre eigene Persönlichkeit. Ein grenzenloser Egoismus lockert das Wurzelreich von Sitte, Moral und Pflichtgefühl — und was das schlimmste ist, er untergräbt den Familiensinn. Man lebt für sich, nicht für die anderen.«

»Nein, nein, Sie malen zu schwarz. So ist es nicht, ich kann das nicht glauben.«

»So werden Sie es lernen. Warum wollen Sie schon gehen, es ist nicht spät, so bleiben Sie noch ein wenig.«

»Ich bin müde, Berlin greift an, ich bin den Trubel in den Straßen nicht gewöhnt, lassen Sie mich gehen.«

»Dann auf morgen, Frau Ebba, und — gute Freundschaft, dabei bleibt es.«

»Gewiß — und gute Nacht.« — — —


Lotte stand vor dem Spiegel und löste den Knoten ihres kastanienbraunen Haars. Da fiel es in kurzen Locken auf ihre Schultern, die Straffheit des Scheitels löste sich, leicht fiel eine Strähne nach vorn und bedeckte die linke Ohrmuschel. Wohl schimmerten Silberfäden hier und da, und doch, war dies das strenge, ältliche Gesicht, welches ihr aus dem Spiegel entgegenschaute? Ein erstauntes Lächeln verjüngte ihre Züge. Sie fühlte sich erlöst und befreit.

Ja, sie hat mich getroffen, wo es am wehesten brennt.

Ich habe geschrieen nach dem Kinde. Es ist etwas Unnatürliches, das Leben einer Frau ohne Kind. Es macht uns zu zwecklosen Wesen. Taube Nüsse am Baum des Lebens!

Hinweg mit dir, du grinsendes Gespenst, welches mir den Weg versperrte, den Zweck meines Lebens zu erfüllen, ich werde dich bezwingen.

Festhalten will ich dich, dich, das Tier im Menschen, durch meine Kunst. Dich, die Begierde, die Gier nach Lust, will ich ihnen zeigen in einer Fratze, so grauenhaft, daß ihnen das Blut erstarren wird und Entsetzen sie erbeben macht, wenn sie darin ihr eigenes Selbst erkennen. — — —


»Das ist ja eine wenig angenehme Lage, in der du dich befindest, liebe Ebba. Hat denn dein Mann gar nichts von sich hören lassen, hast du keine Ahnung, wo er sich befindet?«

»Ich weiß nichts, absolut nichts.

Ich fand seinen Abschiedsbrief auf meinem Schreibtisch. Er bat mich um Verzeihung für das Leid, das er über mich bringe. Er hätte geglaubt, seine Liebe zu mir würde seine Spielleidenschaft verdrängen. Er habe auch wirklich das erste Jahr unserer Ehe keine Karten angerührt, aber dann sei es mit doppelter Macht über ihn gekommen, er könne nicht anders, er wüßte, daß er daran zugrunde gehen wird, aber seine Leidenschaft sei stärker als sein Wille. Er bereue es, mich an sich gekettet zu haben und mir Kummer bereiten zu müssen, aber seine Spielleidenschaft sei so groß, daß sie alles hinwegfege: Liebe, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme.«

»Unerhört, bodenlos! Keine Rücksichtnahme, das ist es! Denkt nur an sich und seine Spielwut, ohne der Familie, der er durch seine Heirat angehört, zu gedenken. Wenn unser Vater nicht die veruntreuten Gelder gedeckt und alles getan hätte, um die Untersuchung niederzuschlagen, würde dein Mann, mein famoser Schwager, jetzt steckbrieflich verfolgt! Meine ganze Stellung wäre ins Wanken gekommen! Eine saubere Geschichte hat uns der Herr da eingebrockt!«

»Entsetzlich, entsetzlich!« hauchte Frau Thea, »wir hätten Berlin verlassen müssen.«

»Ich bitte, regt euch nicht auf. Die Geschichte ist ja nicht an die große Glocke gekommen, hier in Berlin weiß niemand davon. Die einzige Leidtragende bin doch nur ich.«

»Gott sei Dank, daß es uns nicht trifft. Ebba — ich hätte es nicht ertragen, einen solchen Skandal in der Familie! Gewiß, du bist beklagenswert, aber du hast recht, hier weiß ja niemand etwas von der ganzen Geschichte. Du bist jung, schön, hast dein gutes Auskommen, du wirst ein nettes Haus machen, und in kurzer Zeit bist du darüber hinweg. Das Berliner Leben wird dich trösten. Hier kommt man gar nicht zum Nachdenken. Meinst du nicht auch, Lukas? Wir werden Ebba in die Gesellschaft einführen, wer weiß, vielleicht findet sich das Vergessen noch gar in Gestalt einer guten Partie.«

»Ich danke dir für deine gute Absicht, Thea. Für eine sogenannte gute Heirat bin ich nicht zu haben, im übrigen vergißt du, daß ich nicht geschieden bin.«

»Das ist schlimm — sehr schlimm — wie soll man dich da überhaupt einführen? Nicht Witwe, nicht geschieden, und doch ohne Mann.«

»Du giltst selbstverständlich als geschiedene Frau, denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß wir alle Schritte tun werden, um eine Scheidung für dich zu erlangen,« warf der Direktor ein.

»Mir wäre es lieb, Lukas, die ganze Ehegeschichte ruhen zu lassen. Ich denke nicht daran, mich wieder zu verheiraten, da ist es doch ganz gleichgültig, ob ich frei bin oder nicht.«

»Da irrst du, liebes Kind, irrst du ganz gewaltig. Ganz entschieden protestiere ich dagegen, daß du die Frau dieses Lumpen bleibst! Wer kann wissen, was dieser saubere Herr noch alles auf dem Kerbholz hat — oder — was noch alles kommen kann! Urkundenfälschung — Falschspieler — und wie die schönen Dinge, in welche diese Art aalglatt hineinschlüpft, alle heißen. Ich danke für diese Verwandtschaft! Du mußt los, ganz los! Willst du die Frau eines Zuchthäuslers sein?« Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab.

»Du magst recht haben, Lukas — ich fürchte auch nur all die Unannehmlichkeiten.«

»Hast du gar nicht. Ganz einfache Chose. Ich nehme einen tüchtigen Rechtsanwalt und gebe ihm die nötigen Informationen. Du wirst überhaupt gar nicht behelligt. Erfährst nachher nur das Resultat der ausgesprochenen Scheidung.«

»Wenn es so einfach wäre.«

»Aber natürlich. Das Schwerste und Schlimmste hast du hinter dir. Muß ja eine scheußliche Zeit für dich gewesen sein.«

»Wenn du wüßtest, wie ich gelitten! Ich habe ihn geliebt, Lukas, von ganzem Herzen. — Du kannst begreifen, welches Weh die herbe Enttäuschung über mich gebracht hat.«

»Ich begreife, Ebba. Es ist ein harter Schlag für dich gewesen, aber ich hoffe, du kommst darüber hinweg. Du bist noch jung, in der Jugend überwindet man leicht. Es ist sehr vernünftig, daß du nach Berlin gekommen bist, hier ist der richtige Ort, um dich deinen Kummer vergessen zu machen. Halte dich nur an Thea und stürze dich mit ihr in die Geselligkeit, paß auf, wie bald dein Leid versunken und vergessen ist.«

»Hältst du mich für so oberflächlich, Lukas?«

»Oberflächlich! Warum das so ausdrücken! Mit Dingen, die nicht zu ändern sind, muß man sich abfinden können. Du warst von jeher geneigt, alles zu schwer zu nehmen. Nimm das Leben leichter, es lohnt nicht, sich abzuquälen.«

Erstaunt hefteten sich ihre Augen auf den Bruder. War dieser nur an sich, an seine Stellung und Ansehen denkende Mann, der ihr riet, sich möglichst schnell über schicksalsschwere Erlebnisse hinwegzusetzen, ihr ernster Bruder?

Und — klang da nicht ein leichter Unterton von Bitternis aus seinen Worten?

»Ich will es versuchen, Lukas,« und sie streckte ihm die Hand über den Tisch hinüber. »Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber daß mir das glücken wird — ich meine, das Leben leicht zu nehmen — das glaube ich nicht.«

»Unsinn, Ebba,« warf Thea, welche ungeduldig in ihrem Sessel auf die Beendigung des Gesprächs gewartet hatte, ein. »Du mußt nur wollen. Ohne einen Schuß Leichtsinn wäre das Leben überhaupt nicht lebenswert; wer ihn nicht hat, der muß sich eben dazu zwingen.«

»Und wer ihn gleich mit auf die Welt gebracht, hat manchmal zuviel davon,« bemerkte Lukas.

»Besser als zu wenig! Da ich weiß, wohin du zielst, lieber Mann, kann ich mein überschüssig Teil gleich auf Ebba übertragen, dann wäre uns beiden geholfen.«

Er wehrte müde ab. »Du wirst dich nicht ändern, Thea.«

»Habe auch nicht die Absicht, ich bin mit mir zufrieden, wie ich bin.«

»Du bist beneidenswert. Wo ist übrigens Inge? Ich habe sie heute noch nicht zu Gesicht bekommen.«

»Wie solltest du auch, wenn du verhindert bist, mit uns zu speisen.«

»Es war mir leid genug, aber die Sitzung ging vor. Mit großer Mühe konnte ich mich frei machen, um Ebba diese Stunde widmen zu können. Bitte, laß doch Inge rufen.«

Thea klingelte und fragte das eintretende Stubenmädchen nach Fräulein Inge.

»Fräulein Inge ist mit einer Freundin spazieren gegangen.«

»Hattest du ihr denn nicht gesagt, daß wir meine Schwester erwarteten?«

»Ich kam so abgehetzt zu Tisch, habe tatsächlich vergessen, davon zu sprechen, entschuldige, Ebba. Es ist auch so schwer, das Kind von seiner Tageseinteilung abzuhalten.«

Dieses Mal traf der erstaunte Blick die Schwägerin.

»Ja, ja, ich bin eine schwache Mutter. Aber sage selbst, soll ich mich die wenigen Stunden, in denen ich mit meiner Tochter zusammen bin, herumärgern?«

»Warum bist du so wenig mit ihr zusammen?«

»Mein Gott, weil ich keine Zeit habe. Du glaubst gar nicht, wie ich in Anspruch genommen bin. Man hat doch Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber, unsere Stellung bringt das mit sich. Dann gehöre ich zwei Vereinen an, bin natürlich im Vorstand, das kostet auch Zeit.«

»Aber warum tust du das, wenn dich dies deiner Familie abspenstig macht?«

Thea lachte.

»Liebste Ebba, heute ist doch eine Frau nicht dazu da, nur in Häuslichkeit aufzugehen, man hat doch auch andere Interessen.«

»Du kennst die moderne Ehefrau nicht,« sagte Lukas, »kennst nicht die Befriedigung der eigenen Interessen — rücksichtslos.«

»Ja, liegen denn die Interessen der Frau nicht in der Familie, wenn sie so glücklich ist, Mann und Kind zu besitzen?«

Lukas zündete sich eine Zigarre an, sah nachdenklich vor sich hin und erwiderte: »Du bist weltfremd, liebes Kind.«

»Manchmal hat man gerade als Familienmutter seinen Beruf verfehlt, Ebba.«

»Wie kannst du so etwas sagen, Thea. Niemals kann ich dir da beistimmen. Bist du denn nicht glücklich, deinen Mann und eine blühende Tochter zu haben?«

»Glücklich — natürlich bin ich glücklich, aber weil ich außer dem Gatten und der Tochter noch meine Stellung in der Gesellschaft habe — —«

»Weil sie Vorstandsdame verschiedener Vereine ist und ihren sonstigen Interessen nachgehen kann —« fiel ihr ihr Gatte ins Wort. »Ja, liebe Schwester, die Welt sieht hier anders aus als daheim, ich habe auch umlernen müssen, es wird dir ebenso ergehen.«

Er war aufgestanden und hielt ihr beide Hände hin.

»Ebba, zum erstenmal seit langer Zeit habe ich meine Arbeit vergessen, habe in Ruhe geplaudert, das kommt selten vor, wir haben nie Zeit, weder Thea noch ich, die Verpflichtungen — du begreifst! Aber komm, wenn du magst, du bringst die Ruhestimmung mit aus alter Zeit. Ich sagte, du wirst auch umlernen müssen — weißt du — ich möchte wünschen, du tust es nicht.

Doch nun leb wohl, also um elf Uhr treffe ich dich bei Bissings, Thea. Auf Wiedersehen.«

Ebba, die sich gleichfalls erhoben hatte, wollte sich von ihrer Schwägerin verabschieden.

»Es tut mir wirklich leid, Inge nicht gesehen zu haben, ich hatte mich so darauf gefreut. Inge muß doch jetzt bald fünfzehn sein, weißt du, ich habe sie seit meiner Hochzeit nicht gesehen, das werden jetzt fünf Jahre.«

»Ach, entsetzlich, wie die Zeit vergeht. Weißt du, das ist doch was Schreckliches im Leben einer Frau, die großen Kinder, dadurch wird man alt. Heutzutage gibt es Mittel und Wege genug, sich jung zu erhalten, kein Mensch sieht einem die Jahre an, aber wenn dann die großen Kinder auftauchen, dann geht das Rechnen los. Du kannst froh sein, daß du keine Kinder hast!«

»Aber, Thea, du versündigst dich.«

»Natürlich wäre ich unglücklich, wenn ich sie hergeben sollte. Mein Gott, das mag wohl keine Mutter — aber das Leben ist doch so viel bequemer ohne Kinder.«

»Mir scheint, du machst es dir auch trotzdem bequem.«

»Ich bin nun mal nicht dafür geschaffen, im Haus zu sitzen, Kinder zu hüten und Strümpfe zu stopfen, das gibt es heute überhaupt nicht mehr, wer wird in solchem Kleinkram aufgehen.«

»Du mußt nicht übertreiben, es gibt doch einen Mittelweg. Man kann viel geistige Interessen haben und doch seinem Haushalt vorstehen, seine Kinder erziehen und dem Mann ein angenehmes Heim schaffen.«

Thea lachte.

»Du bist köstlich! Du, da fällt mir ein, ich werde dich mit Exzellenz Werner, Vorstandsmitglied unseres Vereins zur Bekämpfung des Geburtenrückganges, bekannt machen. Die wettert ja gegen uns moderne Frauen. Wir wären nur zu bequem, Kinder zu kriegen, wir wollten unsere Schönheit nicht verderben, wollten uns die Mühe nicht nehmen, die Kinder zu erziehen, um ungehindert unsern Vergnügungen nachgehen zu können, ja, wir modernen Frauen seien schuld an dem Zerfall der Familie. Ihr würdet ja großartig zusammenpassen, die hätte eine Freude an dir! Und ich stiege in ihrer Achtung — woran mir allerdings nichts liegt —, denn du bist ja meine Schwägerin.«

»Diesem Verein gehörst du an?«

»Ich bin sogar im Vorstand. Was willst du, man muß eine Rolle spielen in der Welt. Man muß von sich reden machen, so — oder so.«

* *
*

Nachdenklich schritt Ebba Holm die Tiergartenstraße entlang. Der Besuch bei ihrem Bruder hatte ihr kaum erst zur Ruhe gekommenes Innere wieder in Aufruhr gebracht. Bis zum Abendessen in der Pension hatte sie noch eine Stunde Zeit, und so hatte sie den kleinen Umweg durch den Tiergarten gewählt, um zum Steinplatz zu gelangen.

War es möglich?

Mein Gott, sie hatte sie gekannt, öfter war Lukas mit ihr in Hamburg gewesen, auch sie hatte auf der Hochzeitsreise einige Tage mit ihrem Gatten in Berlin zugebracht, niemals zuvor hatte sie diese Oberflächlichkeit bei Thea erkannt.

Sah sie heute die Menschen anders als damals, als sie noch mit ungebeugter Seele durchs Leben schritt?

Hatten die Menschen — oder hatte sie sich gewandelt? Um des Himmels willen, nicht Hausfrau sein! Nein — schöngeistigen Interessen nachgehen! Um eine Rolle zu spielen, sich einem Verein zur Verfügung stellen, der das Zusammenhalten der Familie predigte, um darüber die eigenen Familienbande zu lockern!

Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, und eine Bitterkeit drang ihr ins Herz.

Alles, alles, was sie entbehren mußte, hielt diese Frau in Händen! Mit vollen Händen hatte das Schicksal sie beschenkt, und achtlos warf sie das, was ihr als das höchste Glück einer Frau erschien, zur Seite. Eine moderne Frau! Eine Frau für alle andern, nur nicht für die eigene Familie! Das war ihres Bruders Frau.

Und er? War dies die Gefährtin, die er sich erhofft?

›Weißt du, Ebba, meine Frau muß nur für mich leben, darf keine Modepuppe sein, sie braucht nicht hübsch zu sein, nein, es wäre mir viel lieber, wenn sie häßlich wäre, denn, weißt du, mit einer hübschen Frau in Berlin leben, was doch mein jetziger Posten erfordert, das ist eine gefährliche Sache.

Meine Tätigkeit ist aufreibend. Meine Stellung bringt auch Repräsentationspflichten mit sich. Ich möchte mir eine kleine Insel schaffen, auf die ich mich rette aus Arbeit und Gesellschaft und Menschentrubel. Eine Oase, auf welcher liebende, fürsorgende Hände mich umschlingen, die mir Hast und Sorge von der Seele nehmen.‹

So sprach Lukas, als er das erste Mal hinüberkam nach seiner Berliner Anstellung. Sechs Monate später heiratete er Thea Weil, die Tochter eines reichen Berliner Fabrikanten. Armer Bruder, du hattest umlernen müssen! Ob es dir schwer geworden? Mußtest du Herzblut darüber lassen?

Das Leben leicht nehmen! Ja, wenn das so ginge!

Wie oft hatte sie versucht, über das, was ihrem Herzen Wunden geschlagen, hinwegzukommen. Es ging nicht, die Narben brannten sie und verursachten ihr Schmerzen. Langsam rollten zwei Tränen über ihre Wangen.

Es war dunkel geworden, als sie über die Corneliusbrücke schritt und beim Einbiegen auf den Kurfürstendamm mit Lotte Wunsch zusammentraf.

»Guten Abend, Frau Ebba, was schleichen Sie so müde einher, als lägen tausend Lasten auf Ihrer Seele?«

Ebba war aus ihrem Sinnen emporgefahren und blickte auf die Bildhauerin, die fröhlich mit geröteten, frischen Backen sie anlachte.

»Und Sie jagen im Sturm daher, als wollten Sie alles, was Ihnen hinderlich in den Weg tritt, verjagen.«

»Will ich auch. Sie haben genau das Richtige gesagt — alles fege ich hinweg — auch Ihr schweres Herz, kleine Frau.«

Und sie hakte sich in Ebbas Arm und zog sie von dannen.

»Ebba, hören Sie. Ich muß mich befreien von — dem Häßlichen, was da auf meinem Weg war — um das zu können, muß ich es festhalten — muß ich ihm noch einmal ins Auge schauen, um dann befreit zu sein. Fort« — sie machte eine fortschiebende Handbewegung. »Sie sehen mich so fragend an, ich kann Ihnen das hier auf der Straße nicht erklären. Auch sind wir gleich at home — Sie kommen in mein Atelier — dann will ich Ihnen von meiner Arbeit sprechen — die mich befreien soll von dem, das mein Verlangen nach Liebe zerstörte. — — Was sind Sie schweigsam, Liebe — wo kommen Sie her?«

»Ich war bei meinen Verwandten.«

»Ach so — eine geplagte moderne Frau, Frau Thea Westphal — nicht wahr?«

Ebba nickte nur. »Nicht sprechen jetzt, Lotte Wunsch.«

* *
*

Es war Gesellschaftsabend in der Pension Mohrmann. In Gruppen hatte man sich im Besuchs- und Teezimmer zusammengefunden und saß plaudernd umher.

Diese Gesellschaftsabende in der Pension waren sehr beliebt. Nicht nur, daß die jeweiligen Gäste sich zusammenfanden, auch diejenigen, welche vorzeiten hier gelebt, jetzt ihr eigenes Heim hatten oder anderswo untergekommen waren, fanden sich an diesem Abend ein. Auch Freunde und Bekannte konnten durch Pensionsgäste eingeführt werden. Durch den Zufluß neuer Elemente wurde die Unterhaltung angeregt, neuer Gesprächsstoff geschaffen, und neue Beziehungen knüpften sich an.

Die Ecke des Teezimmers mit den bunt bespannten tiefen Sesseln war wieder von Miß Webb, Ebba Holm und Lotte Wunsch mit Beschlag belegt worden. Zu ihnen fanden sich jetzt Fräulein von Wangenheim, die sich bemühte, an Ebbas Seite zu kommen, Herr Winkelmann, Architekt Gehring und ein junger Baron, welcher, durch Winkelmann eingeführt, heute das erste Mal erschienen war.

Miß Webb winkte den Baron an ihre Seite, während Winkelmann zwischen sie und Fräulein von Wangenheim zu sitzen kam.

»Sie berufen sich auf mein Herz, Mr. Winkelmann. Das, was die Deutschen Herz nennen, das gibt es nicht in Amerika, an der Stelle, wo bei Ihnen das Herz sitzt, sitzt bei uns die Vernunft.«

»Ich dachte, die säße bei normalen Menschen im Kopf.«

»Bei uns hat man zweimal Vernunft, im Kopf und im Herzen.«

»Wie muß es da mit der Liebe bestellt sein, Miß Webb,« warf der Baron ein.

Sie saß in ihren Sessel geschmiegt. Die Hand, auf der ein rosafarbener Hauch lag, machte eine fortscheuchende Bewegung. Alles an ihr zeigte die verfeinerte Lebenskultur der Dame von Welt. Der Kopf mit den reichen Haarwellen saß auf schlankem, edelgeformtem Halse. Der weiße Nacken war von zarter Rundung, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern blitzte Lebensdrang und versteckte Neugier.

»Die Liebe! Ein Zeitvertreib, ein Spiel, um das Leben prickelnd und amüsant zu gestalten.«

Winkelmann lachte auf. »Sie fassen die Liebe richtig auf, nur daß ich eine derartige Auffassung noch nie bei einer Frau gefunden habe.«

»Sie können sich also niemals verlieben oder eine Leidenschaft zu einem Manne empfinden?«

»Ich hasse Aufregungen, Baron — ich wünsche zu herrschen — beides schließt die Liebe aus.«

»Also tatsächlich kein Herz.«

»Nun, vielleicht könnte ich mir ja während meines Aufenthaltes in Deutschland versuchsweise eins anschaffen — wenn es ohne Schmerzen abgeht.« Und sie warf ihm einen aufmunternden, koketten Blick zu.

Er sah sie an. »Wer so aussieht wie Sie, wird niemals Schmerzen durch die Liebe leiden.«

»Das hoffe ich!« Und wieder traf ihn ein feuriger Blick.

Winkelmann hatte sich zu Gerda von Wangenheim gewandt. Seine Blicke gingen über die elegante, vornehme, aber unmodisch gekleidete Erscheinung, die ihm mit ruhigen, klaren Augen gerade ins Gesicht blickte. Kein aufmunternder Blick, kein mißtrauisches Zurückweichen, an das ihn die Frauen gewöhnt hatten.

Er fragte sich, ob diese Gleichgültigkeit nicht nur erkünstelt wäre, aber er kannte die tausend kleinen, weiblichen Schliche zu genau, um nicht sehr bald ihre absolute Aufrichtigkeit zu fühlen.

Ihre ruhige Gelassenheit erregte sein Interesse, er war es nicht gewöhnt, von den Frauen mit solcher Gleichgültigkeit behandelt zu werden.

Mußte es nicht köstlich sein, auf diesem ruhigen Antlitz die Leidenschaft zu entfesseln, diesen schlanken Körper bebend und zitternd in den Armen zu halten und in diesen leuchtenden, unschuldig blickenden Augen den lodernden Funken zu wecken, diesem Weibe den Stempel des Wissens aufzudrücken?

Er wußte, daß jede Frau ihre schwache Stunde hat. Sich nur nicht durch Vornehmheit, tadellosen Ruf oder sichtbare Kälte zurückschrecken lassen.

Vornehmheit und eisige Kälte wehte ihm entgegen.

Begierde — tolles Begehren war es, das sein Blut für das ruhige schöne Geschöpf zu erhitzen begann.

»Gnädiges Fräulein, ist die Liebe für Sie auch nur Zeitvertreib?« Und er hüllte sie ein mit einem jener durchdringenden Blicke, unter denen das Blut aufspringt und wild durch die Adern jagt.

Sie errötete wie ein kleines Kind. Das Blut schimmerte durch ihre zarte Haut und brachte auf derselben matte, opalfarbene Lichter hervor. Sie zog die fein geschwungenen Augenbrauen in die Höhe und erwiderte:

»Einen Zeitvertreib habe ich nicht nötig, da ich mit meinem Studium vollauf beschäftigt bin.«

Sie wußte zu antworten. Er war entzückt.

»Gnädiges Fräulein betreiben Ihr Studium wirklich ernsthaft, als ausübende Künstlerin?«

»Berufs wegen, wenn man von der Kunst so sprechen darf.«

»Und gnädiges Fräulein haben keine Zeit für — für andere Dinge?«

Sie lächelte. »Oh, ich finde schon Zeit, wenn mich gerade etwas Besonderes interessiert.«

»Wozu die Liebe nicht zu rechnen ist?« Und er sah ihr lachend in die Augen.

»Interessiert mich allerdings nicht.«

»Schon die zweite Dame heute abend, welche von diesem schönen Gefühl nichts wissen will.«

»Mein Gott, ich habe schon zu schlimme Erfahrungen gemacht und habe es abgeschworen, mich jemals wieder damit zu befassen.«

Er sah sie verblüfft an. »Gnädiges Fräulein hatten unglücklich geliebt?«

Sie nickte. »Es war schrecklich! Nicht nur einmal, sondern dreimal hatte ich eine unglückliche Liebe. Da werden Sie verstehen, daß man Schluß machen will.«

»Gnädiges Fräulein belieben zu scherzen. Bei Ihrer Jugend —«

»Gott, ich habe eben früh angefangen. Mit zwölf Jahren verliebte ich mich sterblich in meine Erzieherin, eine dunkeläugige leidenschaftliche Polin, die eines schönen Tages mit der Wirtschaftskasse meiner Mutter verschwand. Dann kam mein Klavierlehrer an die Reihe, der meine Liebe tötete, als er mir freudestrahlend erzählte, daß er sich verlobt hätte und sich als Glücklichster der Sterblichen fühle; seine Braut sei ein Engel. Sie werden begreifen, daß dies mich ernüchterte. Nichtsdestoweniger kam dann die übliche Tanzstundenliebe, welche höchst tragisch endete. Mein Vater traf mich und den Erwählten meines Herzens in der Konditorei unseres kleinen Garnisonstädtchens bei Apfelkuchen und Schlagsahne. Ihm wurde in meiner Gegenwart eine Ohrfeige angeboten, bedenken Sie — und ich wurde schreckensbleich und bebend in Erwartung der Strafpredigt hinweggeführt. Sie sehen, ich habe kein Glück in der Liebe.«

»Allerdings unerhörtes Pech, gnädiges Fräulein. Ich begreife vollkommen, daß Ihnen die Lust vergangen ist. Doch trotzdem möchte ich raten, es noch einmal auf einen Versuch ankommen zu lassen, gnädiges Fräulein müssen Ihre Liebe nur einem Würdigeren zuwenden.«

»Und Sie glauben, daß ich den hier finden werde?«

»Ich bin sicher.«

»Und ich bin sicher, daß dies nicht der Fall ist.«

»Warum, wenn ich fragen darf?«

Das liebenswürdige und amüsierte Lächeln, welches auf dem Antlitz Gerda von Wangenheims geruht hatte, schwand. Ihre Züge wurden kalt und abweisend, hochmütig zog sie die Brauen in die Höhe und erwiderte: »Weil die Männer es hier nicht ehrlich meinen, weil sie die Achtung vor der Frau verloren zu haben scheinen.«

»Gnädiges Fräulein, darauf kann ich Ihnen nur erwidern: Ich bitte Sie zu bedenken, daß es die Frau ist, welche den Ton angibt, der zwischen Mann und Frau herrscht.«

»Sie wollen damit sagen, daß die Frau selbst es ist, die die Herabminderung der ihr schuldigen Achtung verursacht hat?«

»Genau das. Es sind nicht alle Damen wie Sie, gnädiges Fräulein.«

Nachdenklich blickte sie ihn an. Ein lautes Lachen Miß Webbs ließ sie zu dieser hinüberschauen. »Sie mögen recht haben — wie traurig für uns Frauen.«

»Darf ich mir einen Rat gestatten, gnädiges Fräulein? Sie wollen Künstlerin werden, ausübende Künstlerin, ich kenne den Werdegang der Künstlerinnen ziemlich genau — es ist ein schwerer — oft ein bitterer Weg. Gnädigste, für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer, Sie sollten anders sein.«

»So wie diese vielleicht?« Verächtlich schürzte sie die Lippen und blickte auf die Amerikanerin.

»Wir lassen aber nicht mit uns spielen! Wir spielen!« rief Miß Webb über den Tisch hinüber, Lotte Wunsch zu. »Es hat eine jede Frau in der Hand, richtig einzusteigen. Sie müssen wissen, ich betrachte den Weg des Lebens als einen langen Schienenstrang, auf welchem die Wagen rollen, rollen auf und ab. Es gibt erster, zweiter und dritter Klasse — was hindert mich, bequem erster Klasse zu fahren?«