Oesterreich im Jahre 2020.
Verlag von E. Pierson in Dresden und Leipzig.
Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte von Bertha v. Suttner.
Neunte Auflage.
Zwei Bände. Brosch. M 6.—, eleg. geb. M 8.—.
Auszüge aus den Urtheilen der Presse:
“Als in diesem Jahre die schönen, stillen Herbsttage waren, saß ich in einem Walde bei Krieglach und las ein Buch: “Die Waffen nieder” von Bertha von Suttner. Ich las zwei Tage daran und diese zwei Tage sind ein Ereigniß in meinem Leben. Als die Lektüre zu Ende war, hatte ich den einen lebhaften Wunsch, dieses Buch möchte in alle Kultursprachen übersetzt, in alle Büchereien aufgenommen, in alle Schulen eingeführt werden. Es giebt Gesellschaften zu Verbreitung der Bibel; möge sich auch eine Gesellschaft bilden zur Verbreitung dieses merkwürdigen Buches, welches ich geneigt bin, ein epochemachendes Werk zu nennen.”
P. K. Rosegger. “Heimgarten”, November 1891.
... Das herrliche Werk wird, ich bin überzeugt, ein Standard-werk werden. Seit Frau von Staël haben wir keine so mächtige weibliche Feder aufzuweisen.
Friedrich v. Bodenstedt (Wiesbaden).
Es ist dies ein Buch, das nach jeder Richtung im schönsten Sinne des Wortes veredelt, in dem es den ganzen Zauber, aber auch den unvergänglichen Werth echter Liebe klarlegt.
Aus dem “Bertha v. Suttner” überschriebenen und
vom Reichraths-Abgeordneten Carneri gezeichneten
Feuilleton der “Neuen Freien Presse”. 15./3. 1890.
... Darum gehört ihr Buch zu den gelungensten, die je geschrieben worden sind.
O. Neumann-Hofer
in einem Feuilleton des “Berliner Tageblatt”.
Ich will das Buch nicht preisen, nennen will ich es. Von Hand zu Hand will ich es reichen! Wie ein Evangelium soll es Jünger finden, die es in die Welt tragen!
Hans Land (in seinem am 13. Februar 1890 im Saale der
Wilhelmstr. 118 zu Berlin öffentlich gehaltenem Vortrage).
... Bei den Schilderungen des Krieges gewinnt ihre Darstellung eine Erhabenheit, die an die größten Meister der Weltliteratur gemahnt.
Balduin Groller,
“Neue Illustr. Ztg.”, 2. März 1890.
... Es ist ein muthiges und ein kluges Buch, das Frau von Suttner geschrieben hat.
Max Harden, “Die Nation”, 1890, Nr. 22.
“Ein Kulturroman”.
Das ist nicht nur ein Buch: es ist ein Ereigniß.
Heinrich Hart, “Tägliche Rundschau”.
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.
Socialpolitischer Roman
von
Dr. Josef von Neupauer.
Motto. It is better to fight
for the good, than to rail at
the ill.
Dresden und Leipzig.
E. Pierson's Verlag.
Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Inhalt
| Seite | ||
| Kapitel | I. | [1] |
| Kapitel | II. | [6] |
| Kapitel | III. | [25] |
| Kapitel | IV. | [29] |
| Kapitel | V. | [42] |
| Kapitel | VI. | [71] |
| Kapitel | VII. | [77] |
| Kapitel | VIII. | [98] |
| Kapitel | IX. | [115] |
| Kapitel | X. | [136] |
| Kapitel | XI. | [153] |
| Kapitel | XII. | [162] |
| Kapitel | XIII. | [170] |
| Kapitel | XIV. | [193] |
| Kapitel | XV. | [203] |
| Kapitel | XVI. | [233] |
| Kapitel | XVII. | [263] |
| Kapitel | XVIII. | [280] |
It is better to fight
for the good, than to rail at the ill.
I.
Ich habe die Ehre, mich zum drittenmal einem verehrungswürdigen Publikum vorzustellen. Ich nenne mich Julian West und habe bekanntlich 113 Jahre, von 1887 bis 2000 nach Christi Geburt, verschlafen, erwachte in Boston in Dr. Leetes Hause, wo ich die wunderbaren Veränderungen anstaunte, welche die Erneuerung der Gesellschaftsordnung im 20. Jahrhunderte in meinem Vaterlande bewirkt hatte, und träumte mich dann in einer wüsten Nacht wieder in das Boston vom Jahre 1887 zurück.
Mit diesen Eindrücken hat mich ein gewisser Edward Bellamy seinen Lesern vorgeführt und mich gegen gutes Honorar meine Erlebnisse erzählen lassen.
Dann wachte ich wieder im verjüngten Boston auf, wurde als Professor der Geschichte am Shawmut-College dort angestellt, sollte meine Zuhörer mit Haß gegen die Periode des Wettbewerbs erfüllen, was mir nicht gelingen wollte, da jedermann mit der Gegenwart unzufrieden war, und lernte nach Beendigung meiner ersten Vorlesung einen Mr. Forest kennen, der von allen der Unzufriedenste war, weil man ihn vom Professor der Geschichte zum Pedell degradirt hatte, und wurden mir von diesem die Augen geöffnet über die abscheulichen Zustände, die der Communismus in den Vereinigten Staaten gezeitiget hatte, und er belehrte mich nicht nur über die Mängel des Communismus, sondern er unterwies mich auch, wie wir den Mängeln unserer ehemaligen Gesellschaftsordnung hätten abhelfen können, ohne sie ganz zu untergraben.
Ich habe Herrn Forest ebenso gläubig zugehört wie früher dem Dr. Leete; und wurde ich dann von einem gewissen Richard Michaelis in Chicago neuerdings mit Honorar angestellt und demselben Publikum vorgeführt, das ich das erstemal zu unterhalten die Ehre hatte, wobei ich bemüht war, die gänzliche Haltlosigkeit meiner früheren Auffassung klar zu machen. Ich endete meinen damaligen Bericht mit der Darstellung, wie Dr. Leete erschlagen, seine Tochter vergewaltigt und Mr. Forest in Vertheidigung seines Gegners Dr. Leete geschlachtet wurde, womit ich auf Wunsch des Mr. Richard Michaelis schlagend bewies, daß die Klagen, die Mr. Forest vorbrachte, gerecht waren; denn wie hätte ein ungerechter Mann es über sich vermocht, seinen Feind zu vertheidigen, der durch die Hand eines Dritten fallen sollte! —
Ich war nun ebenso überzeugt, daß der Communismus die erbärmlichste Einrichtung sei, als ich vorher für denselben geschwärmt hatte, und ich bedauerte, daß Mr. Forest im Kampfe gefallen war, da ich Arm in Arm mit ihm das 21. Jahrhundert gerne hätte in die Schranken fordern mögen.
Nun ereignete sich aber das Verwunderliche, daß Mr. Forest sich doch erholte und langsam von seinen furchtbaren Wunden genas. Ich pflegte ihn wie meinen Bruder und las ihm Bücher und Briefe vor, um ihm seine Lage zu erleichtern. So auch einen Brief aus Tulln, einem unbekannten kleinen Orte in Oesterreich, den wir auf keiner Karte finden konnten.
In diesem Briefe sprach ein gewisser Zwirner den Wunsch aus, Mr. Forest kennen zu lernen, da er in einer alten Zeitung, “Boston Gazette”, einen Vortrag abgedruckt gelesen hatte, den Mr. Forest, als er noch Professor war, über die Cultur des 19. Jahrhunderts gehalten hatte, und es ihn interessirt hätte, sich mit dem gelehrten Manne zu unterhalten. Er begreife zwar nicht seinen Haß gegen den Communismus, eine Gesellschaftsform, die ihn vollkommen befriedige, denn auch Oesterreich sei längst dazu übergegangen, aber geschichtliche Forschung böte viel Interesse und er selbst befasse sich mit der Aufhellung der ein wenig in Vergessenheit geratenen Cultur des 19. Jahrhunderts. Er habe Vieles, was sich darauf bezog, aus den europäischen Bibliotheken ermittelt, aber er wünsche, sein Material mit jenem des Mr. Forest zu vergleichen, und meine, Mr. Forest könnte seine Sommerferien zu einem Besuche in Oesterreich benützen. Als Professor müsse ihm der Staat die Mittel zu einer Reise nach Europa zu wissenschaftlichen Zwecken anweisen, während er selbst, der nur ein junger Landmann sei und keinen Namen unter den Gelehrten sich erwerben konnte, weder so laugen Urlaub, noch die Mittel zur Reise beanspruchen dürfe.
Der Arme glaubte Mr. Forest noch im Besitze einer fetten Professur und hatte nicht gelesen, daß derselbe längst war abgesetzt worden.
Indessen gefiel dem Reconvalescenten der Vorschlag, da er Europa noch nicht besucht hatte und es ihm nicht ohne Interesse war, dem zufriedenen Oesterreicher ebenso die Augen zu öffnen, wie er mir gethan, und er beauftragte mich, bei der Regierung um Ausfolgung der Mittel einzuschreiten, welche ihm und mir, den er mitnehmen wollte, die Reise nach Oesterreich ermöglichen sollten. Man mußte sich mit Reisegeld versehen, da zwischen Amerika und Europa keine Reciprocität für den Reiseverkehr bestand, wie sie die Continentalstaaten in Europa untereinander vereinbart hatten. Ich bezweifelte, daß die Regierung uns das Reisegeld anweisen würde. Aber unserem Wunsche wurde entsprochen, denn Mr. Forest war wieder in Gunst, weil er Dr. Leete, ein einflußreiches Mitglied der Regierungspartei, vertheidigt hatte, und was mich betrifft, so dachte man längst, mich von meiner Stelle am Shawmut-College zu entfernen, weil ich nicht mehr mit der anfänglichen Parteilichkeit für den Communismus docirte, andererseits aber das Auditorium sich größtenteils verlaufen hatte. Zudem hatten wir unser Gesuch für die Ferienmonate eingebracht und so bezahlte uns die Staatskasse 3000 Dollars Reisegeld und beurlaubte uns die Regierung für die beiden Monate Juli und August 2020 zur Reise nach Europa.
Um in einem deutschen Lande reisen zu können, suchten wir uns einige Kenntniß der deutschen Sprache vorher anzueignen und verkehrten viel mit eingewanderten Deutschen, die in Boston lebten, und mit 1. Juli 2020 verließen wir Boston und Amerika, um nach glücklicher Ueberfahrt am 13. Juli 2020 die österreichische Grenze bei Salzburg zu überschreiten.
II.
Ich übergehe die Erlebnisse auf der Reise bis Salzburg, welche für den Leser kein Interesse hätten, weil es sich nur um unsere Beobachtungen in Oesterreich handelt.
Wir kamen am 13. Juli 2020 Abends 6 Uhr in Salzburg, einer reizend gelegenen Kreisstadt, an, welche einmal ziemlich volkreich war und gegenwärtig nur etwa 1500 bleibende Einwohner zählt, aber immer an 2500 bis 3000 Fremde beherbergt. Es haben in solchen Städten viele Pensionisten ihren Wohnsitz, die ihn aber, durch keine Berufspflichten gebunden, jederzeit beliebig mit einem anderen Wohnorte vertauschen können, daher sie nicht eigentlich Einheimische genannt werden können.
Die beurlaubten Bürger, welche ihren Urlaub zu einer Reise benützen, halten sich meist einige Tage in diesen Städten auf, um einigen Theatervorstellungen beizuwohnen und die Merkwürdigkeiten zu besehen. Reisende Ausländer, welche die Reisetaxe dritter Klasse bezahlen oder solchen gleichgehalten werden, haben das Recht, in den Kreisstädten abzusteigen und liefern auch ein großes Contingent der wechselnden Bewohnerschaft der Kreisstädte. Auch die Heilanstalten höherer Ordnung und die Mittelschulen für Technik, Landwirthschaft und Gewerbe führen manche Kranke und Schüler in die Kreisstädte, wo in früherer Zeit, als die stehenden Heere noch nöthig waren, auch meist drei Bataillone Militär garnisonirten. Die stabile Bevölkerung betreibt Gärtnerei, Industrie, Hauswirthschaft, Krankenpflege und Unterricht. Es ist ferners an jedem Kreisorte je ein Staatsbeamter für die Angelegenheiten der Gemeinde, des Bezirkes und des Kreises ansässig und hat der Kreisbeamte einige Hülfsbeamte nach Bedürfniß zur Seite. Jedem der drei Staatsbeamten ist ein vom Volke gewählter sogenannter Tribun oder Volksbeamter zur Seite gesetzt, der die Interessen der Einzelnen, Gemeinden, Bezirke und des Kreises wahrzunehmen hat. Ebenso ist an jedem Kreisorte je ein Pädagog und je ein Arzt für die Angelegenheiten der Gemeinde, des Bezirkes und des Kreises bestellt und zerfallen die Kreise in beiläufig zwanzig Bezirke und jeder Bezirk in etwa zwanzig Gemeinden. — Dazu kommen ein ziemlich zahlreicher Lehrkörper, einige weibliche Aerzte und viele Specialisten des ärztlichen Standes, so besonders Operateure, welche im Verbande der Kreisregierung stehen, aber, wenn es sich um Kranke handelt, die nicht oder nicht schnell genug nach der Kreisstadt gebracht werden können, an den Wohnort des Kranken abgehen müssen und welchen die schnellsten Beförderungsmittel jederzeit zur Verfügung stehen.
Am Kreisorte ist eine permanente Bühne mit meist wechselndem Personale und, als wir dort ankamen, war eben eine Operngesellschaft in Salzburg, welche mehrere berühmte Sänger und Sängerinnen zählte.
Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß am Kreisorte die Trauungen gefeiert werden, daß dort häufig die Versammlungen der Verwaltungsbeamten, Aerzte und Lehrer tagen und jede Woche irgend ein Wettbewerb nach Art der olympischen Spiele abgehalten wird, wobei man sich um die Palme in den verschiedensten Künsten und Geschicklichkeiten bewirbt. Der Kreisort beherbergt eine permanente Ausstellung der industriellen und landwirthschaftlichen Produkte und ein historisches Museum, welches die Fortschritte seit 50 Jahren veranschaulicht.
Wir wurden zuerst dem Staatsbeamten für die Gemeindeangelegenheiten vorgestellt, der unsere Papiere prüfte und sich erkundigte, nach welcher Klasse wir reisen wollten. Es richte sich danach die Kategorie der Städte, in welchen wir Aufenthalt nehmen dürfen, die Beherbergung, Verpflegung und die Verkehrsmittel, deren wir uns bedienen können. Wir erhielten einen gedruckten Prospekt zu unserer Orientirung und entschieden uns für die erste und reichste Klasse, welche uns überall Zutritt eröffnete und wofür wir 25 Mark in Geld pro Tag zu erlegen hatten. Wir bezahlten für 20 Tage 1000 Mark zusammen und wurden ersucht, unsere sonstige Baarschaft in Verwahrung zu geben, da im ganzen Lande niemand berechtigt sei, Geld anzunehmen oder etwas zu verkaufen. In die uns ausgestellte Aufenthaltskarte wurde eingetragen, daß wir 1000 Mark Reisegebühr erlegt und außerdem 9000 Mark in Gold deponirt hätten und berechtigt seien, bis 2. August 2020 abends 6 Uhr als Reisende erster Klasse in Oesterreich uns aufzuhalten, vorbehaltlich einer etwaigen Verlängerung, die wir mit der Staatsverwaltung vereinbaren könnten. — Wir erhielten sodann eine gedruckte Belehrung in deutscher und englischer Sprache, wie wir uns in Oesterreich zu benehmen hätten, um nicht gegen Gesetz und Sitte zu verstoßen, wie auch die gesetzlichen Folgen, welche Contraventionen nach sich ziehen würden, daraus entnommen werden konnten, und wurden uns dann zwei prachtvolle Zimmer in den Wohngebäuden angewiesen, welche eine berückende Aussicht gegen die Berge boten.
Nachdem wir uns gereinigt und mit einem Bade erfrischt hatten, erhielten wir die Einladung des Kreisbeamten, seinem Empfange nach der Oper beizuwohnen. Wir stärkten uns mit einem Imbiß im Gemeindehause, wohnten einer Oper von Mozart bei, der in Salzburg noch im 21. Jahrhundert als berühmtester Landsmann verehrt wird, und wurden nach Beendigung der Oper, die vor dichtgefülltem Hause aufgeführt wurde, von dem Personale des Hauses nach den Empfangssälen des Kreisbeamten gewiesen, die in einem Gebäude nahe der Oper, zu welchem man durch einen gedeckten Gang gelangen konnte, gelegen waren. — Ich will nicht bei der Schönheit dieses Baues und der Empfangsräume verweilen, noch die Menge der Besucher erwähnen, da ich mir näheres für später vorbehalte, wo die Hilfsquellen zur Sprache kommen werden, über die Oesterreich im 21. Jahrhundert verfügt. Nur will ich sagen, daß wir verwundert waren, die ersten Sängerinnen nach der Oper mit funkelnden Steinen an Brust und Hals am Arme höflicher Herren beim Kreisbeamten erscheinen zu sehen, was wir damals mit der communistischen Gesellschaftsordnung nicht zu vereinbaren wußten.
Als wir zur Ruhe gingen, machte man uns aufmerksam, daß die Züge in der Richtung nach Wien um 6 Uhr und um 9 Uhr morgens von Salzburg abfahren, und wählten wir den zweiten Zug.
Am nächsten Morgen warfen wir von unseren Fenstern einen Blick über die herrliche Gegend und sahen überall auf Feldern und Wiesen rüstig arbeiten, Lieder erklangen von den Gefilden und schien ein gewisser Wetteifer alle zu beleben. Wir frühstückten im Speisesaale, wo uns ein allerliebstes Mädchen mit dem Nöthigen versorgte, unternahmen einen Spaziergang in die ihrer Schönheit wegen berühmte Umgebung der Stadt und reisten um 9 Uhr ab, nachdem uns eine freundliche Hausgenossin, welche das Geschäft einer Aufwärterin im Fremdenpalaste besorgte, noch einen Gruß des Kreisbeamten und des Gemeindebeamten gemeldet hatte. Man darf aber nicht glauben, daß wir uns irgendwelche Freiheiten gegen dieses “Kammerkätzchen” oder eine geringschätzige Behandlung hätten erlauben dürfen. Unsere gedruckte Belehrung bedrohte uns für einen solchen Fall mit unverzüglicher Entfernung aus Oesterreich, wie uns auch kundgethan war, daß jedes Mädchen und jede Frau in Oesterreich ohne Rücksicht auf deren Beruf Anspruch auf ritterliche Höflichkeit erhebt.
Bahnhof, Waggons, Dienstuniformen des Eisenbahnpersonals zeigten edle Einfachheit und feinen Geschmack. Nach Vorweisung unserer Aufenthaltskarte wurden wir vom Oberschaffner nach dem besten Coupé gewiesen, in welchem wir einige Professoren fanden, die ihre Ferienreise machten. Der Zug war voll besetzt mit Leuten jeden Berufes, die kürzere und längere Strecken zurücklegten, wozu ihnen eine Reiselegitimation des Beamten ihrer Heimath das Recht gewährte. Einigemal war der Andrang von Reisenden etwas zu groß und dann mußten jüngere Leute ohne Rang sich begnügen, in den Gängen und zwischen den Sitzen zu stehen, aber es wurde wieder Platz und so dauerte die Unbequemlichkeit nicht lange. Wer sich nicht fügen wollte, hatte die Wahl, auszusteigen und zurückzubleiben, was nichts auf sich hatte, weil man überall angenehm wohnt und mit allem gut versorgt ist und man ja doch nur zum Vergnügen reist. Die wenigen Personen, die im Dienste reisen, haben allerdings Anspruch auf alle erdenklichen Bequemlichkeiten und unaufgehaltene Beförderung.
Wir hatten unterwegs zweimal kalten Imbiß mit Erfrischungen nach unserer Wahl, erhielten auf unseren Wunsch, da wir uns scheuten, mit den Reisenden deutsch zu conversiren, englische Bücher und Zeitungen aus der fahrenden Bibliothek zum Gebrauche und kamen um 4 Uhr über die Sct. Pöltener Zweiglinie nach Tulln, wo uns der Schaffner einem am Bahnhofe anwesenden Herrn als die beiden Amerikaner vorstellte. Es war Herr Zwirner, der, obwohl er englisch an Mr. Forest geschrieben, doch nur deutsch mit uns sprechen wollte und uns zu unserer Aufklärung mittheilte, der Schaffner, der uns schon in Wels um das nächste Ziel unserer Reise gefragt und erfahren hatte, daß wir noch heute zu Herrn Zwirner in Tulln wollten, habe, wie das immer geschehe, wenn es sich um Fremde handelt, von Linz aus den Kreisbeamten in Sct. Pölten und dieser den Bezirksbeamten in Tulln telegraphisch von unserer Ankunft und dem Zwecke unseres Besuches verständigt. Demnach sei er, Zwirner, der in den nahegelegenen Bergen arbeitete, rechtzeitig von unserer Ankunft benachrichtigt worden, damit die Fremden den Zweck ihrer Reise ohne Umwege erreichen sollten.
Wir begaben uns nach unseren Zimmern, die in gastfreundlicher Absicht so gewählt waren, daß wir die Aussicht über die Donau und den Tullnerboden mit den angrenzenden waldbewachsenen Höhen genießen und sehen konnten, daß das ganze Land wie ein Garten bebaut ist. Zwirner wollte uns gleich mit dem Landstriche, der vor uns lag, bekannt machen. Das Gebiet zwischen der linker Hand strömenden Donau und den Bergen, die sich rechter Hand in sanften Bogen bis meilenweit vor uns nach Osten erstreckten, nennt man den Tullnerboden. Er ist flach, wie eine Tenne und unendlich fruchtbar. Links, jenseits der Donau, sieht man ausgedehnte Auen und weiterhin anmuthige Berge, die sich weit hinaus im Osten mit den diesseitigen Bergen zu kreuzen scheinen. Doch windet sich dort die Donau, deren Lauf man nicht mehr verfolgen kann, in südöstlicher Richtung zwischen den Bergreihen durch. Unsere Bergkette ist von einem scharf abfallenden Berge abgeschlossen. “Auf diesem Berge,” sagte Zwirner, “steht die alte Ruine Greifenstein, zwei volle deutsche Meilen von hier, und links davon, noch eine Viertelmeile weiter und schon jenseits der Donau gelegen, seht ihr den mächtigen Bau des Schlosses Kreuzenstein, vormals gräflich Wilczekscher Besitz und jetzt, wie alle alten Burgen und Schlösser, zur Civilliste geschlagen. Der Kaiser läßt sich aber dort von altersher von einem Mitgliede der Familie Wilczek vertreten.” — Zwirner nannte uns die Ortschaften, die vor uns lagen. Die Straße rechter Hand führe nach Staasdorf, das wir nahe vor uns sahen, und nach Ried, das wir nicht sehen könnten, im Gebirge. Am Saum der Gebirge, von Staasdorf nach Osten vor uns, nannte er uns die Ortschaften Chorherrn, Tulbing, Königstetten und näher zu uns liegen in dieser Richtung Frauenhofen und Nietzing, an der Donau stromabwärts Langlebarn, Muckendorf, Zeiselmauer, dann im fernen Osten Wördern und Sct. Andrä, welches sich wieder an die Berge lehnt; von da zurück, halbwegs nach Königstetten, Wolfpassing. — Tulln sei Bezirksvorort und alle diese Ortschaften, ein großer Theil des rechtsseitigen Waldgebietes und viele Ortschaften nach Süden und Westen, die von unseren Fenstern aus nicht zu sehen waren, gehörten zu diesem Bezirke. Jenseits im Osten beginne der Klosterneuburger Bezirk. Wir sahen keine Kirchthürme, aber die aus mächtigen, castellartigen Gebäuden bestehenden Dörfer waren wohlgepflegt, mit Ziergärten, Parkanlagen und Obstgärten eingerahmt und von großen Wirthschaftsgebäuden begleitet, die überall abseits angelegt waren. Eigentlicher Wald war auf dem Tullner Boden nicht zu sehen, aber die Berge waren herrlich bewaldet. Von den Bergkuppen nannte uns Zwirner nur den Tulbinger Kogel zwischen Tulbing und Königstetten, den wir näher kennen lernen sollten. In Königstetten sahen wir auch ein großes Schloß mit weit ausgedehnten Gärten und Park, das nach Zwirners Mittheilungen zur Civilliste gehörig sei und wo heuer ein Fürst Hochberg Hof halte.
Zwirner verließ uns und wir machten uns für den Mittagstisch bereit, stürzten uns vorher noch in ein Schwimmbecken, um uns nach dem heißen Tage etwas abzukühlen, und gingen um 5 Uhr mit Zwirner zu Tische. Er führte uns in den mächtigen Speisesaal des Gemeindepalastes, der an 1500 Quadratmeter fassen mochte und wie sich einer in jeder Gemeinde und jedem Quartier findet. Dort stellte uns Zwirner dem Beamten vor, der in diesem Saale, in welchem sich die ganze Gemeinde zur Mahlzeit versammeln kann und auch, bei der Hauptmahlzeit meist zu zwei Dritteln versammelt ist, präsidirte, und dieser verkündete dann mit lauter Stimme, daß die Herren Julian West und N. Forest aus Boston in Amerika zu Besuch hier seien, was nicht übergroße Verwunderung erregte, wohl aber von einigen mit einem freundlichen “Cheer” beantwortet wurde.
Zwirner führte uns an seinen Tisch, an dem nur unverheirathete junge Leute saßen, mit welchen wir uns bald im Gespräche befanden, da man uns ermunterte, von Amerika zu erzählen. Nach dem Essen geleitete uns Zwirner in den Park, der die Wohnhäuser umgibt, und bot uns Cigarren an, die wir gerne annahmen. Wir sprachen unsere Verwunderung aus, daß Zwirner nicht selbst auch rauchte, worauf er sagte: “Die Österreicher rauchen nicht.”
Da stieß mich Mr. Forest mit dem Ellenbogen: “Da hat man die Freiheit; den Oesterreichern verbietet die wohlweise Regierung das Rauchen, als ob sie kleine Kinder wären.” Zwirner verstand nicht, was Mr. Forest englisch zu mir sagte, aber er erbat sich lächelnd Aufklärung, da er meine, etwas von “Austria” vernommen zu haben, und fügte zugleich bei, er wolle nicht annehmen, daß wir von etwas gesprochen hätten, was Mr. Forest zu verbergen wünsche, da dies in Österreich als ungesellig gelte und man wohl in Amerika nicht anders denken dürfte. Ich gestand ihm, daß wir Gegner des Communismus seien und im Rauchverbot eine unerhörte Bevormundung erblickten.
“Ihr irrt, liebe Freunde!” sagte hierauf Zwirner, “in Oesterreich lebt ein freies Volk, und niemand kann uns das Rauchen verbieten.” — “Weshalb wagt ihr aber dann nicht zu rauchen?” war meine Frage. — “Das mag einer Erklärung bedürfen,” sagte Zwirner. “Oesterreich war einstens das gesegnete Land der Raucher; die österreichische Regierung hatte das Tabakmonopol im Lande und erzeugte ungeheure Mengen von Cigarren, Rauch- und Schnupftabak im Jahre. Sie begünstigte das Rauchen, weil damals, vor 150 Jahren, das Tabakmonopol große Summen abwarf. Als dann nach und nach die Gemeinwirthschaft eingeführt wurde, hatte die Regierung Mittel genug zur Verfügung, um alle staatlichen Bedürfnisse zu befriedigen, und es wurde die Frage aufgeworfen, ob denn das Rauchen ein wirkliches oder eingebildetes Bedürfniß sei. Man stritt hin und her und es gab Provinzen, die für das Rauchen waren, und andere wollten es abschaffen. Die Regierung wollte nichts von Gewalt wissen und meinte, nur der Jugend könne der Genuß von Tabak verwehrt werden, wenn man das für zweckdienlich halte.
Da sich, wie gesagt, einige Provinzen für das Rauchen, andere dagegen ausgesprochen, schlug die Regierung vor, daß man das Rauchen zwar den Erwachsenen freigeben, aber eine besondere Krankheits- und Mortalitätsstatistik für Raucher und Nichtraucher führen solle. So geschah es und wurden die Nichtraucher für die Ersparnisse an Rauchtabak mit anderen Genüssen entschädigt. Es stellte sich nun klar heraus, daß das Rauchen manche specifische Krankheiten im Gefolge habe und daß der Raucher jährlich 3-8 Tage seines Lebens zusetze, je nach der Menge und Stärke des verbrauchten Tabaks und der Widerstandsfähigkeit der Constitution. — Da verminderte sich nach und nach die Zahl der Raucher, den jungen Leuten verwehrte man den Tabak ganz und gar, und es fand sich, daß die Leute nicht nur gesünder waren, als vorher, sondern auch jährlich das Dreifache jenes Aufwandes in Ersparung gebracht wurde, den die Versorgung des Volkes mit neuen Büchern und die gesammte Bibliotheksverwaltung verursacht.”
“Nun aber, wie kommt es, daß wir doch mit Cigarren bewirthet werden?” fragte ich.
“Wir sind gastfreundlich und sehen jährlich 400 000 Ausländer in unseren Grenzen. Wir suchen jedem Fremden die Annehmlichkeiten seiner Heimath zu bieten und nur für Fremde haben wir Tabak.”
Mr. Forest schwieg für diesmal und hoffte auf eine bessere Gelegenheit, über die communistische Sache zu triumphiren.
Zwirner schlug nun vor, einen Plan für die nächsten Tage zu entwerfen. “Wir haben,” sagte er, “Dienstag, den 14. Juli 2020 und, da wir mitten in der Ernte sind, kann ich mich nicht beurlauben lassen. Für nächsten Sonntag stehe ich euch ganz zur Verfügung, aber an Wochentagen muß ich mich bis 4 Uhr meinem Berufe widmen. Da wir günstiges Wetter haben, schlage ich euch für morgen einen Ausflug auf das Kahlengebirge vor und am Donnerstag findet im Prater ein Kreiswettrennen statt, welches in den Nachmittagsstunden abgehalten wird, und damit ließe sich ein Besuch der Rotunde verbinden. Für später können wir dann weitere Pläne machen. Am Kahlenberge könnte ich euch morgen nachmittags abholen.”
Wir gingen auf den Plan ein und Zwirner verließ uns, um das Nöthige im Gemeindepalaste zu besorgen. Man stellte uns nämlich Karten aus, womit wir wegen unserer Verpflegung für Mittwoch und Donnerstag an die Verwaltung der Wirthschaften am Kahlenberge und im Prater angewiesen wurden, da es gebräuchlich sei, daß jeder dort seine Mahlzeiten einnehme, wo er beherbergt wird.
Nun führte uns Zwirner in sein Wohnzimmer, um dort in Ruhe mit uns Gedanken auszutauschen über das, was uns hauptsächlich beschäftigte. Seine Stube war einfach, aber hell, rein, gut gelüftet und für die jetzige Jahreszeit angenehm kühl. Das Mobiliar schien sehr spärlich und einfach, aber es fehlte nichts, was zur Bequemlichkeit dient. Die Stube lag im dritten Stockwerke nach einer Seite, wo besondere Ruhe herrschte, und Zwirner hatte diese Lage gewählt, weil er beschaulich war und gerne seine Muße mit Studien verbrachte. Wir sahen eine ungeheuere Menge von Büchern aufgestapelt, viele auch in englischer Sprache, dann viele Jahrgänge alter Zeitungen und Fachschriften, welche Aufschluß geben über den Stand der Socialwissenschaft im 19. Jahrhundert, über die Statistik damaliger Zeit und über die Bewegung, die damals durch alle Völker ging, und wie ein Wetterleuchten das Nahen eines erfrischenden Gewitters verkündete. Zwirner klärte uns darüber auf, wie er in den Besitz des Materials gelangt sei. Er sagte, daß niemand Privateigenthum habe und alle Bücher in öffentlichen Bibliotheken verwahrt würden. Wien habe zehn große öffentliche Bibliotheken, jede mit Millionen von Bänden, da dort nach und nach alle Privatbibliotheken Aufnahme fanden und seit Einführung der Gemeinwirthschaft alljährlich eine halbe Million Bände den Centralbibliotheken zuwüchsen.
Die Wiener Bibliotheken umfaßten unter anderem alle Unica und bezögen seit Jahren alles, was auf dem ganzen Erdkreise jährlich erschienen, ohne einen Unterschied der Sprache. Mit allen communistischen Staaten stehe die Regierung im Büchertausche und beziehe auf diesem Wege alljährlich viele Tausende von Werken, da beispielsweise Deutschland allein jährlich 12 000 Werke herausgebe gegen etwa 7000 Werke im 19. Jahrhundert.
Gemeiniglich sende man sich nur ein Probeexemplar zu, finde aber die Reichsbibliotheksverwaltung, daß das Volk an etwas Interesse nehmen dürfte oder daß die Verbreitung eines Werkes nützlich sei, so bestelle man eine große Anzahl von Exemplaren, auch bis zu hundert, so daß jeder Kreis mit einem Exemplar versorgt werden könne. Am Schlusse des Jahres verrechne man sich wechselseitig und rechne man gemeiniglich Band für Band, den Band zu 500 Seiten, die Seite zu 250 Worten. Den inneren Werth eines Werkes ziehe man nicht in Betracht, weil es sich ja doch nur um einen Abdruck handle und die Staaten untereinander den Grundsatz beobachten, daß Wissenschaft und Kunst international seien.
“Und die Schriftsteller erhalten auch kein Honorar?” warf ich ein.
“Diese erhalten natürlich kein Honorar in Geld, da die Geldwirtschaft abgeschafft ist, aber man hat von alter Zeit her den Gebrauch, für geistige Arbeit von höherem Werthe besondere Vortheile und Begünstigungen einzuräumen.”
“Wie bemißt man aber diese und wer schätzt den Werth der Arbeit ab?”
“Den Werth der Arbeit schätzt die Regierung ab, wie man im 19. Jahrhundert die Verdienste eines Staatsbeamten abschätzte und entlohnte, theils durch Beförderung, theils durch Auszeichnungen, theils doch auch durch Prämien!”
“Da kann man sich die Protectionswirthschaft vorstellen,” fluchte Mr. Forest, “und wer gegen die Regierung schreibt oder den Ministern nicht den Hof macht, wird natürlich umsonst auf Belohnung warten.”
“Man schreibt in Österreich nicht für und nicht gegen die Regierung, denn, nachdem der Classenstaat durch Verstaatlichung des Besitzes sich in einen Volksstaat verwandelt hat, haben alle politischen Fragen an Bedeutung verloren und es kann höchstens Verdienst oder Verschulden Einzelner in Frage kommen, wobei Wissenschaft und Kunst nicht betheiligt sind. Allerdings ist bei der Bewerthung geistiger Arbeit ein sicheres Urtheil nicht zu gewinnen, aber es wird damit folgendermaßen gehalten. Man unterscheidet in der Literatur Wissenschaft und Kunst. In der Wissenschaft handelt es sich um Forschung und Mittheilung ihrer Ergebnisse oder um bloße Tradition. Erstere veröffentlicht der Forscher in den Fachblättern oder in selbstständigen Werken. Gehört er dem officiellen Verbande der wissenschaftlichen Körperschaften, also einer Akademie, einer Hochschule oder einem vom Staate eingerichteten wissenschaftlichen Institute an, so gilt das Ergebniß seiner Forschung als geistiges Eigenthum des Staates, der ihm Unterhalt gewährt und alle Forschungsbehelfe zur Verfügung stellt. Das schließt aber nicht aus, daß für epochemachende Entdeckungen besondere Entlohnungen in munificenter Weise bewilligt werden, wie es überhaupt mit der Belohnung besonderer Verdienste gehalten wird.”
“Wie kann das doch mit den communistischen Principien in Übereinstimmung gebracht werden und wie stimmt das mit der Forderung der Gleichheit?” fragte Forest.
“Wir halten Gleichheit nicht für eine Forderung des Communismus in dem Sinne, daß Mann für Mann dasselbe genießt. Wir verstehen unter Gleichheit einmal die Festhaltung der gleichen Würde für jeden Menschen. Jeder ist Mensch und das ist der höchste Adelsbrief. Gleichheit herrscht ferner darin, daß jeder eine vollkommene Erziehung und eine vollkommene Ausbildung erhält, so daß alle seine geistigen und leiblichen Anlagen zur vollen Entfaltung gelangen, gleichviel, wer sein Vater oder seine Mutter wäre. Wir verstehen ferner unter Gleichheit, daß jedem in seinem Berufe alle jene Erleichterungen gewährt werden, die ihn in den Stand setzen, das Höchste zu leisten. Nur durch höhere Leistungen kann sich der Mensch noch ein wenig über seine Mitmenschen erheben. Die Geburtsvorrechte wurden eben deshalb abgeschafft, damit jeder nach Verdienst geehrt und entlohnt werden kann. Das heißt, damit die natürliche Ungleichheit zu voller Entfaltung soll gelangen können hat man alle künstliche und aus der Knechtung entstandene Ungleichheit abgeschafft.”
“Wir sind ferners der Überzeugung, daß, wenn man jedem die gleiche Gelegenheit bietet, das Höchste zu leisten, wozu ihn die Natur befähigt hat, darin allein auch wieder der angemessene Lohn liegt; denn, wenn man einem Manne, der zweimal so stark ist, als sein Nebenmann und daher zweimal so große Lasten bewegt, auch zweimal soviel Nahrung gibt, so ist das eher gleich, als wenn man diesen verschiedenen Leuten genau gleichviel Nahrung zumessen wollte. Keinesfalls bewirkt das eine sociale Ungleichheit und so wenig man daran denken könnte, einer hundertpferdigen Dampfmaschine genau so viele Kohlen zuzuführen, wie einer einpferdigen, ebensowenig könnte man jedem Arbeiter genau und mechanisch dieselbe und gleichviel Nahrung zumessen.”
“Erwägen wir aber genauer, welcher Art die Güter sind, auf welche hervorragende Künstler, Forscher und Erfinder vorzugsweise Anspruch erheben werden, so werden sie wohl unter den Begriff geistiger Nahrung fallen. Das Volk also, der Abnehmer aller geistigen und materiellen Werthe, die durch Menschenarbeit geschaffen werden, hat selbst ein Interesse daran, daß höheres Verdienst auch höheren Lohn findet. Er stellt sich nämlich als produktive Auslage dar.”
“Unsere verhältnismäßige Gleichheit folgt weit genauer dem Verdienste, als die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, die Milliarden des Jahresproduktes an Leute verschwendete, welche überhaupt gar nichts leisteten. Aber wir meinen, daß jeder Arbeiter, schaffe er mit den Händen oder mit dem Kopfe oder mit den Nerven, wo z. B. gespannte Aufmerksamkeit notwendig ist, sich einigermaßen aufreibt, einen Theil seines Lebens einsetzt, und das eben in verschiedenem Maße, nach Art und Menge seiner Leistung, und nach diesem Verhältnisse muß der Lohn abgestuft werden. Wie man dem Acker selbst wieder gibt, was man ihm in der Landwirthschaft entzieht, wie man den Ackergaul selbst verschieden füttert, je nachdem er mehr oder weniger angestrengt arbeitet.”
Da unterbrach ihn das Glockenzeichen, das zur Abendmahlzeit rief, und wir pilgerten, ehe wir noch erfahren hatten, wie es mit der Kunst in der Literatur gehalten wird, nach dem großen Speisesaale. Unser Weg führte am Schwimmbecken vorüber, in dem sich noch Jung und Alt beiderlei Geschlechts tummelte, und durch den Blumengarten, der den Zwischenraum der Häuser ausfüllt. Wir fanden den Speisesaal hell erleuchtet und kaum zur Hälfte gefüllt. Man kam und ging und die hübschesten jungen Mädchen dienten als Heben von Tisch zu Tisch.
III.
Wir wollen nun mit wenigen Worten der beiden nächsten Tage gedenken, wo wir uns mehr überlassen waren, weil Zwirner sehr hart arbeiten mußte. Wir fuhren den nächsten Tag auf den Kahlenberg, wohin die Eisenbahn und eine Zahnradbahn, die vor 150 Jahren erbaut, seither aber sehr verbessert worden war, führt und von wo wir zuerst Wien, mit viel weniger Thürmen, als im 19. Jahrhundert, geschmückt und nicht erweitert, wie man damals dachte, sondern eher zusammengerückt — so lehrten Bilder an den Wänden des Speisesaales — sahen, und wir waren verwundert, überall Grünes zwischen die Häusergruppen gemengt zu sehen, mehr als das sonst in einer Großstadt der Fall ist. Von einer großen Terrasse sahen wir hinab auf die schimmernde Stadt und die umliegenden Weingärten, links die Donau mit dem fruchtbaren Marchfelde und blauen Gebirgen in weiter Ferne und rechts, vom Bergrücken ausgehend, auf dem wir standen, wohl in zwanzig Farbentönen, immer duftiger und blauer werdend, abgestuft, ein herrliches Gewoge bewaldeter Berge, die, zu immer mächtigerer Höhe ansteigend, sich bis weit nach Süden hinziehen, wo der berühmte Schneeberg deutlich sichtbar ist. Es sind weitläufige Wohngebäude und Wirthschaften auf dem Kahlenberge zu sehen; eine alte Kirche, die da gestanden haben soll, ist nicht mehr erhalten und führen Waldwege im Bogen nach einer zweiten Bergkuppe, zwischen uns und der Donau gelegen, welche Leopoldsberg genannt wird und auch bewohnt ist. Die Wohnhäuser dienen alten Leuten, die Gefallen daran haben, Winter und Sommer zum Aufenthalte und werden oft Tausende von Besuchern hinaufgeführt, die sich einige Stunden erlustigen, auch wohl bis spät in die Nacht bleiben und nicht selten im großen Saale sich mit Musik und Tanz vergnügen, wie auch sehr oft Männergesang ertönt, zur Uebung oder zur eigenen Lust oder um fremde Besucher zu ehren, die sich eben in Wien befinden und eine Einladung auf diesen Berg annehmen. Daß alles für Staatsrechnung geht, ist selbstverständlich.
Die weiten Wälder, von Wiesen unterbrochen, bieten Tausenden genußreiche Gelegenheit, sich zu ergehen und dem Ballspiel, Cricket oder Lawn tennis zu huldigen, wozu die Erfordernisse reichlich vorhanden sind. Es ist ein Aussichtsthurm hier und in einer Stunde etwa kann man auf herrlichen Wegen den Hermannskogel erreichen, auf welchem auch ein uralter Thurm steht, dessen Entstehungsgeschichte der Castellan erzählt. Wir legitimirten uns in der Wirthschaft auf dem Kahlenberge mit der Anweisung des Tullner Beamten und wurden mit allem versorgt. Wir ließen Zwirner telephonisch benachrichtigen, daß wir gleich nach dem Mittagstisch nach Payerbach fahren wollten, um die herrliche Nacht auf dem Schneeberg zu verbringen. Man versah uns, als wir aufbrachen, mit einer Tasche, in der wir die nöthigsten Reiseerfordernisse und Mundvorrath mitnahmen, und wurden ersucht, Tasche und Reiserequisiten in Tulln abzugeben, von wo sie wieder gelegentlich zurückgebracht würden.
Ein Amerikaner, den wir zufällig trafen, schloß sich an und über die Zahnradbahn, Franz-Josefs-Bahn und Südbahn kamen wir um zehn Uhr nach Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt wurden. Mit vielen anderen Besuchern genossen wir das erhebende Naturschauspiel, ruhten dann wieder und kamen gegen Mittag nach Payerbach, um direkt in den Prater zu fahren. Dort kamen wir eben gegen Ende des Wettrennens an, das ebenso verlief, wie anderwärts und zu anderer Zeit, nur durfte nicht gewettet werden und die zahllosen Frauen und Mädchen waren nicht demi-reputation.
Nun waren wir doch froh, zu unserem verspäteten Mittagessen zu kommen, das uns angewiesen war, denn unser Mundvorrath war verbraucht und wir wollten nicht, was wir recht wohl hätten thun können, uns in einen beliebigen Speisesaal begeben, da wir Abweisung fürchteten. Recht müde kamen wir gegen neun Uhr nach Tulln und ließen uns das Abendbrot schmecken. Zwirner gab uns das Versprechen, die Rückstellung der Reiseeffekten zu veranlassen, was ja sehr leicht sei, da kaum ein Tag vergehe, daß nicht jemand mindestens nach Nußdorf ginge, und von dort nähmen dergleichen die Schaffner der Zahnradbahn mit.
Wir wunderten uns, daß da Ordnung möglich sei, und Zwirner sagte, wenn die Sachen in drei Tagen nicht kämen, würde man gewiß nach Tulln telephoniren, und wo könnte denn ein Reisender die Sachen, welche offenbar nicht ihm gehören, hinschaffen? Sie würden ihm abgenommen werden und sicher immer wieder an ihren Ort kommen, denn die Centralstellen vermitteln alle Anfragen und Communicationen.
Zwirner erklärte uns das Fernsprechwesen. Es seien schon ursprünglich alle Ortschaften mit den Bezirksvororten, diese mit den Kreisvororten und diese mit den Provinzstädten durch Fernsprechleitungen verbunden worden. In Wien liefen alle Leitungen zusammen und die Kreisstädte hätten auch telegraphische Verbindung mit den Provinzstädten und diese mit Wien. Die Leitung führe überall von Kanzlei zu Kanzlei, könne aber auch von den Einzelnen benützt werden. Eigenes Bedienungspersonal sei nicht nothwendig, da die Telephone überall dort angebracht seien, wo das Anrufen von irgend jemand gehört werden muß.
IV.
Es war ein heller Nachmittag und ein Gewitter hatte die Luft abgekühlt.
Ich sagte, daß ich den amerikanischen Gesandten besuchen müsse, da ich sein Landsmann sei, und Zwirner erwiderte darauf, daß er sich erkundigen wolle, ob der amerikanische Gesandte Abendempfang habe. Er begab sich nach dem Gemeindepalaste und kam bald mit der Nachricht zurück, der amerikanische Gesandte habe sich für den Abend beim Fürsten Hochberg zum Besuche angesagt und er werde sich übrigens freuen, mit seinen Mitbürgern Mssrs. West und Forest dort zusammenzutreffen. Zwirner habe nun beim Fürsten Hochberg, wo übrigens seine Schwester Hausgenossin sei, angefragt, ob es angenehm wäre, wenn er mit den Herren West und Forest aus Boston dort den Abend zubringen würde, hauptsächlich in der Absicht, den amerikanischen Gesandten dort zu begrüßen. Der Fürst habe zustimmend geantwortet.
Zwirner bemerkte, daß wir nicht begriffen, was ein Fürst in einem communistischen Staate zu suchen habe und wie sich diese geselligen Verhältnisse erklären ließen, und sagte: “Die Stellung des Adels werde ich euch ein andermal erklären, aber es ist ganz natürlich, daß wir den amerikanischen Gesandten aufsuchen, wo er eben seinen Abend zubringt, und daß wir uns beim Fürsten Hochberg zu diesem Zwecke einladen. Hat man nicht eben geschäftliche oder, wie wir sagen, dienstliche Besprechungen mit jemand zu pflegen, so sucht man sich abends zu treffen, weil der Abend im ganzen Reiche für gesellige Zusammenkünfte bestimmt ist. Die Last, Empfangsabende zu halten, fällt überall dem Verwaltungsbeamten zu, aber in Wien empfängt der Kaiser oder sein Vertreter täglich und ebenso empfangen die Minister, einige Volkstribunen und der Adel. Wir haben 200 adelige Familien, deren Oberhäupter diese Repräsentationspflichten erfüllen müssen und so gewissermaßen kleine Succursalen des kaiserlichen Hofes vorstellen. Es hat zwar jedes städtische Quartier seinen Palast, wo jedermann seinen Abend angenehm verbringen kann, aber in Wien strömen berühmte Menschen aus aller Herren Länder zu vielen Tausenden zusammen, und will man Berühmtheiten treffen, so ist es am besten, man geht zu Hofe oder in diese kleineren adeligen Cirkel. Bei Hofe ist das Gewühl der Besucher betäubend und man geht gerne einmal, aber sehr ungern zweimal hin. Dagegen sind die Empfänge des Adels außerordentlich angenehm. In dem Palaste eines solchen Magnaten können sich nur etwa zweihundert Personen versammeln. Man verliert sich nicht, jedermann kann beachtet werden, sich aber auch, wenn es ihm beliebt, der Beschaulichkeit hingeben, man findet die schönsten Frauen, deren wir jetzt eine Legion haben, und die interessantesten Männer, viele Künstler und Gelehrte und niemand beklagt sich, er habe je dort einen Abend verloren. Ich muß beim Fürsten Hochberg ebenso aufgenommen werden, wie jeder andere Bewohner des Reiches oder Fremde, aber man sagt sich immer vorher an, weil die Räume nicht besonders groß sind und man dort ungemüthliches Gedränge vermeiden will. Das Haus des Fürsten Hochberg ist übrigens auch mein Haus, die Erfrischungen, die in seinem Hause herumgereicht werden, bestreitet das gesammte Volk und ich bin bei Hochberg ebenso zu Hause, wie in Tulln oder sonstwo im weiten Reiche. Unter der Anfrage, ob mein Besuch angenehm wäre, ist nichts anderes zu verstehen, als eine Erkundigung, ob die Zahl der angemeldeten Besucher eine bestimmte Grenze nicht schon überschritten hat. In früheren Zeiten allerdings konnte eine abschlägige Antwort auch aus anderen Gründen erfolgen. Als die neue Gesellschaftsordnung begründet wurde und man mit der degradirten Bevölkerung aus dem 19. Jahrhunderte zu rechnen hatte, besaß der Adel das heute kaum je mehr ausgeübte Recht, allen jenen den Zutritt zu verwehren, welche einer solchen Gesellschaft nicht hätten zur Zierde gereichen können. In drei Generationen seit 1930 ist aber der Charakter des Volkes so verändert worden, daß der Adel wohl jeden Einheimischen in seinen Cirkeln zulassen kann.”
“Wie hält man es aber mit den Fremden?”
“Wenn ein verdächtiger Fremde sich bei Hochberg zu Besuch melden würde, so würde der Fürst sich beim Quartierbeamten vorher Belehrung einholen und man würde den Mann etwa mit einer Ausrede und einem Theaterbillete auf andere Gedanken bringen. Für uns hat sich längst ein natürliches Gefühl der Schicklichkeit herausgebildet, welches uns lehrt, Störungen aus dem Wege zu gehen und Empfindlichkeiten zu schonen. So gibt es Leute, welche wegen zwischen ihnen bestehender Abneigung nirgends zusammentreffen dürfen, da sie nur zu leicht in Streit gerathen oder doch mindestens nebeneinander des geselligen Abends nicht froh werden könnten. Dem Zusammentreffen solcher Personen wird immer geschickt ausgewichen und ist der Fernsprecher für uns eine wahre Wohlthat, weil sich die verantwortlichen Beamten jederzeit davon unterrichtet halten, welche Gefahren etwa zu besorgen sind.”
Eben fuhr ein schmucker Junge eine Kutsche, mit zwei Pferden bespannt, vor und wir stiegen ein, um uns zu Hochberg zu begeben. Der junge Pferdelenker hatte sich die Begünstigung ausgebeten, so oft als möglich mit der Lenkung der Pferde betraut zu werden, weil ihm das besonderes Vergnügen bereite. Er war der Sohn des Arztes und man sagte uns, daß er mit den Pferden, die diese Tage nicht waren eingespannt worden, nachdem er uns zu Hochberg gebracht haben würde, spazieren fahren wolle und dann werde er uns wieder abholen, da der Empfang um 11 Uhr zu Ende sei.
Die Fahrt ging nicht nach dem Stadtpalast der Hochbergs, da der Hof und der Adel bereits seit anfangs Mai die Landhäuser und Schlösser bezogen hatten, und der Fürst Hochberg hatte auf Wunsch des kaiserlichen Obersthofmeisteramtes die Repräsentation im kaiserlichen Lustschlosse zu Königstetten übernommen, wo auch einige Künstler und Gelehrte, gewesene Minister und einige Berühmtheiten aus dem deutschen Reiche Gäste des Kaisers waren. Es ging dort lustig zu und abends versammelte sich eine täglich wechselnde Gesellschaft von Fremden, die von Wien auf Besuch herauskamen, und von Beamten und Aerzten aus der Nachbarschaft, die sich gerade einen Abend frei machen konnten. Daher fuhren auf derselben Straße auch mehrere Wagen, die beinahe zugleich mit uns gegen 7 Uhr in der Einfahrtshalle des Schlosses hielten.
Das Schloß war im 19. Jahrhunderte Eigenthum eines Grafen Bray und dann von der Civilliste übernommen und neu aufgebaut worden. Es war damals ein jämmerliches Haus, zwischen Hütten eingekeilt. Jetzt steht es prächtig und frei da und der Blumenteppich an dessen Vorderseite ist ebenso herrlich, als der weitausgedehnte Park, der sich rückwärts zum Theile den Berg hinan zieht. Auch das Dorf war im 19. Jahrhunderte armselig und die kaum 1200 Seelen zählende Gemeinde in mehr als zweihundert elenden Hütten vertheilt, zwischen welchen schmutzige Straßen liefen.
Im ersten Empfangssaale eilte der Fürst Hochberg auf uns zu, uns zu begrüßen und willkommen zu heißen, nachdem ein Student, der die Ferien im Schlosse zubringt und eine Art von Secretariat führt, um dem Fürsten die Repräsentationspflichten etwas zu erleichtern, ihm unsere Namen genannt und den Zweck unseres Besuches in Oesterreich, wie auch den Hauptzweck unseres Erscheinens bei diesem Empfangsabende gemeldet hatte. “Very glad to see you here; the Embassador will be here this moment. In the mean while my daughter will keep you company and I shall have a talk with you afterwards.” Damit enteilte der Fürst anderen gemeldeten Besuchern entgegen. Die Tochter des Fürsten, Lori Hochberg, lud uns zu sich in eine Fensternische, wo wir Platz nahmen, und nachdem die junge Dame einige Worte englisch mit uns gesprochen, streifte ihr Blick unseren Freund Zwirner und sie richtete an ihn die Frage: “Werden wir englisch conversiren?” Darauf sagte Zwirner, daß er nicht englisch verstehe, daß wir uns aber ganz gut in deutscher Sprache verständlich machen könnten. Darauf sagte die Prinzessin, sich der deutschen Sprache bedienend: “Ihr müßt wissen, daß wir in Oesterreich in einem wahren Babel leben. Als unser Land die neue Gesellschaftsordnung annahm, waren vier Hauptsprachstämme im Reiche vertreten, und acht Sprachen wurden gesprochen. Man einigte sich unter Franz Josef dem Standhaften, die deutsche Sprache als allgemeines Verständigungsmittel mindestens für die Gebildeten gelten zu lassen, was übrigens damals viel bestritten wurde. Seither hat sich ganz Oesterreich mit Vorliebe auf Sprachstudien geworfen und ist niemand im Lande, der nicht wenigstens zwei Sprachen geläufig spräche, viele sprechen aber an fünf und sechs lebende Sprachen, wie uns auch die Geschichte überliefert, daß Franz Josef der Standhafte mit jedem Bürger seines Reiches in der Sprache verkehrte, die diesem geläufig war, und als er einmal bei einem officiellen Anlasse eine croatische Ansprache mit einer deutschen Rede beantwortete, soll es einen Sturm im Wasserglase gegeben haben und der damalige Ministerpräsident für die Länder der ungarischen Krone mußte Rede stehen.”
Diese jetzt zu einer Nationaltugend gewordene Polyglottie sei der Hauptgrund, weshalb seit 40 Jahren die Fremden aus allen Welttheilen Oesterreich und gerade Wien mit Vorliebe aufsuchten und die 30 Hochschulen in Wien, worunter auch an mehreren Vorlesungen in fremden Sprachen gehalten würden, von Studierenden aus Australien ebenso, wie aus China, Japan und Persien, Süd- und Nord-Amerika und sogar aus den Colonien in Ostafrika besucht würden.
Wir waren noch nicht zu Worte gekommen, was uns recht lieb war, denn wir wurden überall überschüttet mit Aufklärungen und Freundlichkeiten und fürchteten, recht ungeschickte Dinge zu sagen, aber jetzt erlaubte ich mir doch, einzuwerfen, daß wir verwundert gewesen seien, daß Zwirner nicht englisch verstehe, da er uns doch in englischer Sprache geschrieben habe. — Das erkläre sich wohl leicht, sagte Zwirner. Er habe gewiß ebensoviel Sprachentalent als irgend ein anderer Oesterreicher, aber, da sein Beruf der eines landwirthschaftlichen Arbeiters sei, habe er sich die englische Sprache nicht für seine Berufsausbildung eigen machen müssen, sondern seine Privatstudien hätten ihn darauf geführt. Der Volksunterricht führe jeden in alle Zweige menschlichen Wissens so weit ein, daß er auf autodidactischem Wege sein Wissen bereichern könne, wie es ihm gutdünkt. Da er sich nun mit dem Studium des Standes der socialen Frage im neunzehnten Jahrhunderte zu seinem Vergnügen befasse, habe er die Nothwendigkeit empfunden, die Zeitungen, Pamphlete und socialpolitischen Werke Englands und Amerikas aus jener Zeit zu durchforschen, und dazu sei ihm die Kenntnis der englischen Sprache, aber nur insofern nothwendig gewesen, daß er fließend lesen und schreiben lernen mußte, was ihm nach jahrelangen Bemühungen auch gelungen sei.
Mit dem romanischen Sprachenstamme sei er vertraut, da er sich als zweite Landessprache die italienische Sprache gewählt habe, und nachdem die englische Sprache eine Mischung von deutschen und romanischen Wörtern und Formen sei, habe er sich mit Hülfe der Grammatiken und Wörterbücher in der Gemeindebibliothek von Tulln und durch jahrelanges Lesen von englischen Büchern eine vollkommene Vertrautheit mit dieser Sprache erworben. Da er aber niemals jemand habe englisch sprechen hören, verstehe er kaum ein einziges englisches Wort, das man zu ihm spricht.
“Das ist erstaunlich Prinzessin!” wendete ich mich an diese, die darauf bemerkte: “Ihr dürft mich nicht Prinzessin heißen, denn die Töchter der adeligen Geschlechter gehören nicht dem Adel an und vermählen sich auch niemals mit Adeligen.” Dabei streifte sie wieder unseren Freund Zwirner mit einem temperamentvollen Blicke, der mir schon mehrmals aufgefallen war. “Nennt mich also Lori Hochberg,” schloß das schöne Mädchen. Lori war eine imposante Erscheinung; lange kastanienbraune Flechten hingen über den Rücken herab, die funkelnden Augen und der schwellende Mund verriethen das zur Liebe geschaffene Weib und als ich jetzt meine Augen auch mit Wohlgefallen auf Zwirner ruhen ließ, ward es mir klar, daß das ein prächtiges Paar geben würde. Zwirner war ein schöner Mann von wahrer Hünengestalt und edler Haltung und nichts deutete auf seinen Beruf, als etwas starke und große Hände, die übrigens heute in Stulphandschuhen staken. Seine Tracht erinnerte an altdeutsche Bilder und war aus kurzgeschorenem Sammt von verschiedenen Farben zusammengesetzt; die Beine waren bis zu den Knieen mit Gamaschen aus feinem Leder bekleidet und den breitkrämpigen Hut zierten Federn von verschiedenem Wildgeflügel.
Auch Zwirner schien seine Augen gerne über die schöne Gestalt Loris gleiten zu lassen, die er zum erstenmale sah. Aber er war durch Loris Benehmen nicht beunruhigt; im Gegentheile schwebte auf seinen Lippen immer ein Anflug von ganz leiser Ironie, die aber nichts verletzendes hatte.
“Ich hatte noch nicht Zeit,” sagte er, “unsere amerikanischen Freunde über die Stellung unseres Adels, die Umgangsformen in Oesterreich und über unsere Auffassung von der Gleichheit der Menschen vollständig aufzuklären. Das will ich besorgen und deine Bemerkungen ergänzen. Doch bitte ich dich, liebe Freundin, den Gästen Aufschluß zu geben, welche Besuche heute erwartet werden, die ihnen interessant sein könnten.”
Wir wurden wieder in's Gespräch gezogen und da wir Lori unseren Beifall zu erkennen gaben, daß man in Oesterreich so verschiedenartige und geschmackvolle Trachten zu Gesicht bekomme, was sie wieder mit einem lächelnden Blicke auf Zwirners Prachtgestalt beantwortete, nahm sie eine Mappe von dem Tischchen, neben welchem sie Platz genommen hatte, und sagte: “Vergleicht nur einmal diese Trachten aus dem 19. Jahrhunderte und das verkrüppelte Menschengeschlecht jener Tage mit unseren heutigen Volkstypen.” — Zwirner war damit vollkommen vertraut, da ihn seine Studien längst darauf geführt hatten, und er erzählte übrigens, daß man sich damals selbst über die zeitgenössische Tracht lustig machte und daß man die ungeschlachten cylinderförmigen Hüte “Ofenröhren” nannte und die lächerlich verschnittenen Röcke “Frack”. —
Mittlerweile waren viele Besucher vorgefahren und obwohl alle durch unseren Saal verkehrten, hatte man uns nicht gestört, weil Lori niemand ermunterte, sich uns zu nähern, und die Besucher suchten daher den Fürsten in den nächsten Sälen auf, wo sich lautes Gespräch vernehmen ließ. Als aber der amerikanische Gesandte, ein verdrießlich aussehender Diplomat in lächerlicher Uniform, mit Miß Flower, seiner bleichsüchtigen Tochter, am Arme eintrat, erhob sich Lori, um uns bekannt zu machen. Die Begegnung war nur eine flüchtige und endete nach einigen Worten damit, daß die Flowers weiter pilgerten und wir unsere früheren Sitze wieder einnahmen.
Die Fenster waren geöffnet und eine balsamische Luft strömte von den weitläufigen Gärten herein, über die sich Dämmerung zu verbreiten anfing. Jetzt erklangen die Geigen im Tanzsaale und mit den Worten: “Die Zigeuner”, erhob sich Lori, was Zwirner nicht anders verstehen konnte, als daß er sie zum Tanze führen könne. Während sie seinen Arm nahm, rief sie uns freundlich zu: “Werft einen Blick in den Tanzsaal oder streift durch die Gärten, wir werden nur zum Schein zum Tanze antreten, der an einem Sommerabende nicht ernst genommen werden kann.”
Wir folgten dem schönen Paare und bewunderten den Tanzsaal, der, mit weißem Stuck ausgelegt und ohne Aufdringlichkeit mit Vergoldungen verziert, im elektrischen Lichte strahlte und nicht übermäßig heiß war, weil alle Fenster nach dem Parke offen standen. Wir entzogen uns bald dem Gewühle, um Loris Rathe zu folgen und uns in den Gärten zu ergehen, in welchen Glühlichter in den Bäumen und Gesträuchen funkelten, Cascaden und Springbrunnen plätscherten und einzelne Gruppen von Besuchern plaudernd lustwandelten.
Da wir uns nach dem Schlosse zurückwandten und unter den säulengetragenen Vorbau traten, dessen Boden mit schönem Mosaik, — man nennt das in Oesterreich Terazzo — bekleidet war, kamen uns Lori und Zwirner entgegen, die, ein wenig vom Tanze erhitzt, sich noch etwas näher gekommen schienen. Ein vorübergehender junger Freund der Familie wurde gebeten, nachzusehen, ob unser Wagen schon vorgefahren sei, und als er mit der Nachricht zurückkam, der junge Stirner, — so der Name unseres Rosselenkers —, erwarte uns mit Ungeduld, weil die Pferde nicht stillestehen wollten, verabschiedeten wir uns von Lori mit der Bitte, uns dem Fürsten zu empfehlen, dessen Gastfreundschaft wir genossen. “So ist es wohl nicht”, entgegnete Lori lachend, “Herr in diesem Hause sind die Völker Oesterreichs, aber ich werde den Vater in eurem Namen grüßen.” Zwirner schüttelte sie herzlich die Hand, nicht ohne ihm lächelnd in's Auge zu blicken, uns winkte sie freundlich zu und schon war sie nach dem Garten verschwunden. Wir stiegen in den Wagen und auf der Heimfahrt in einer köstlichen Sommernacht stellten wir Zwirner zur Rede über sein Verhältniß zu Lori. Er sagte, er habe Lori heute zum erstenmale gesehen, und, da beide unvermählt seien und heirathen könnten, wäre eine Vermählung nur davon abhängig, daß sie sich liebgewännen. “Lori zeigte mir soviel Wohlgefallen, als schicklicherweise geschehen konnte, und ohne solche Aufmunterung würde kein junger Mann es wagen, einem Mädchen seine Liebe zu gestehen. Aber so entzückend ich auch Lori finde, so ist es doch allgemeine Sitte nur langsam sich zu nähern und sich nicht vom ersten Anblicke ganz gefangen nehmen zu lassen. Die Ehe wird bei uns ernst genommen, soviel man auch unverheiratheten und verwittweten Leuten durch die Finger sieht. Davon aber ein andermal, denn das Thema können wir heute nicht erschöpfen.”
Eben fuhren wir vor unserem Wohnhause vor und da es schon Mitternacht war und wir statt des Abendbrotes bei Hochberg mit etwas Thee und Aufschnitt waren versorgt worden, gingen wir zu Bette, ohne noch in den Speisesaal zu gehen, wo wir noch Licht sahen.
V.
Am anderen Morgen, Samstag, schliefen wir etwas länger und da die Fremdenzimmer in dem Flügel der Wohnhäuser untergebracht sind, in welchem die alten Leute wohnen, welche Ruhe haben wollen, so hörten wir nicht den Schall der Gongs, womit sonst überall Jung und Alt allmorgentlich um 5 Uhr spätestens aus den Federn gejagt wird.
Der Morgen war heiter und wir gingen, nachdem wir das Wohnhaus verlassen hatten, schwimmen, kamen aber schon um 7 Uhr in den Speisesaal, wo ein Dutzend hübscher Mädchen den Dienst versahen und jenen das Frühstück brachten, die sich verspätet hatten. Da wir an Zwirners Tische Platz nehmen wollten, kam ein alter Herr zu uns, nannte sich Dr. Kolb und entbot uns einen Gruß von Freund Zwirner, der schon längst über Feld gefahren sei und uns heute nicht mehr sehen könne, da er abends zu Hochberg wolle und uns eine Wiederholung des Besuches dort nicht zumuthen könne.
Während wir uns an das Frühstück machten, sagte Dr. Kolb, er wolle uns Gesellschaft leisten, was der Hauptberuf der alten Herren den Fremden gegenüber sei, und er bäte, aus dem Metropolitananzeiger, der nur für Wien und Umgebung herausgegeben werde, uns zu informiren, was uns von den abendlichen Genüssen am meisten Vergnügen bereiten könne. Er habe gehört, daß wir Geschichtsforscher seien und wenn uns ein halb wissenschaftlicher Vortrag Interesse bieten könne, so empfehle er die Rubrik: “Wissenschaftliche Vorträge” zu studiren. Der Vorschlag gefiel uns und wir nahmen jeder ein Heft zur Hand, um nach einiger Berathung einen Vortrag des Professors Lueger über Franz Josef den Standhaften und seine Zeit im alten Universitätsgebäude am Franzensring zu wählen. Dr. Kolb zollte dem Vorschlage Beifall und empfahl uns, in seiner Begleitung nach Wien zu fahren und einmal eine erste Rundfahrt zu unternehmen, da wir dieser Stadt viele Tage würden widmen müssen. Da ferners der Vortrag um sieben Uhr abends beginne und kaum vor halb zehn Uhr geschlossen würde, so wolle er uns ein Quartier in der Stadt besorgen, wo wir die Nacht zubringen könnten. Er wolle sich uns ganz widmen und uns am nächsten Morgen, Sonntags, zurückbringen. Das war uns angenehm und Dr. Kolb entfernte sich auf kurze Zeit, um bald darauf mit der Nachricht zurückzukommen, Wien sei einer bevorstehenden Regatta wegen überfüllt, und er habe uns daher nicht in den der Universität zunächst gelegenen Quartieren Herberge verschaffen können, aber im Dritten Gumpendorfer Quartier hätte er drei Schlafzimmer belegt. Solche Festlichkeiten lockten immer viele Menschen nach Wien, aber trotzdem würde in den Sommermonaten Platz genug sein, da Hof und Adel, Studenten und Lehrkräfte, ja auch viele Pensionisten fortzögen, um heim zu eilen oder in den Bergen kühle Wohnungen aufzusuchen. Diese Zeit aber benütze man doch wieder, um junge Leute aus allen Theilen des Reiches nach Wien zu bringen. Man halte es für bildend, die Jugend mit der Weltstadt bekannt zu machen; es gebe das auch Gelegenheit, Fleiß zu belohnen und Unfleiß zu bestrafen, da jede Gemeinde einen Theil der zur Wiener Reise bestimmten Altersklasse strafweise ausschließe, und in Vielen werde ein wahrer Feuereifer für die Schule wachgerufen, wenn sie das herrliche Wien zum erstenmal schauen und hören, daß die besten Schüler an die Hochschule kämen und dann fünf Jahre in der Hauptstadt zubringen könnten.
Die Eisenbahn brachte uns bald nach dem Franz-Josefs-Bahnhofe und Dr. Kolb rieth uns, die Straßenbahn, und nicht die Stadtbahn zu benützen, die man am Ausgange des 19. Jahrhunderts gebaut, aber dann wieder theilweise verlegt habe, um die Störungen zu beseitigen, welche dadurch in die harmonischen Veduten waren gebracht worden. Wir folgten seinem Rathe und bestiegen einen Straßenbahnwagen, der den Weg von dort zum Schottenring, dann im Kreise um den ganzen Ring machte und wieder zu seinem Ausgangspunkte zurückkehrte. Solche Wagen gingen von jedem äußeren Bahnhofe aus, weil sich die Gepflogenheit herausgebildet hatte, daß jeder Ankömmling seinen ersten Besuch mit dieser Rundfahrt einleite; denn es war eine über den ganzen Erdkreis verbreitete Legende, daß man nichts Schöneres sehen könne.
Wir nahmen auf der Imperiale des Wagens Platz, der weder mit Pferden bespannt war, noch von einer barbarischen, qualmenden Straßenlocomotive bewegt, sondern pneumatisch betrieben wurde, indem der neben dem Kutscher angebrachte Windkessel an jeder Haltstelle aus den pneumatischen Röhren mit Druckluft versorgt wurde.
Wir bemerkten, daß die Stadt beinahe aus gleichen Quartieren zusammengesetzt war; sie glichen in ihrer Hauptanlage Tulln und anderen kleinen Gemeinden. Vier große Wohngebäude umschlossen immer einen Palast, der für Verwaltung, Lese- und Speisesäle bestimmt war; dazwischen liefen Gartenanlagen mit Schwimmbassins und nur zwei oder drei Flügel der äußeren Gebäude reichten bis zu den Straßen, die zum großen Theile mit Straßenbahnwagen befahren wurden. Lastwagen fuhren nirgends auf der Straße und Equipagen schossen nur zuweilen an uns vorüber, wie auch einige Radfahrer lautlos vorbeiglitten. Nur die Ringstraße bildete, wie in alter Zeit, eine breite gepflasterte Fläche. Sonst waren überall schmale Trottoirs angebracht und in vielen Straßen, welche von Equipagen gar nicht befahren werden durften, war nur eine ununterbrochene Gartenanlage zu sehen. Es fielen die Straßenbahnschienen, die in die Wiesenplätze gelegt waren und die Schlangenwege kreuzten, kaum auf. Um diesen Betrieb zu ermöglichen, liefen vor den Rädern Schienenräumer einher, welche nicht nur Steinchen auswarfen, sondern auch Gräser und Halme beiseite schoben. Die Wechsel konnte der Wagenlenker während des Fahrens von seinem Sitze aus stellen, da vor jeder Weiche ein Riegel zwischen den Schienen angebracht war, der durch vom Sitze aus verstellbare, am Wagen angebrachte Bolzen nach rechts oder links geschoben werden konnte.
Als wir in die Ringstraße einbogen, sahen wir uns gegenüber das schöne ehemalige Börsengebäude, von Theophil Hansen erbaut, unverwittert in rother Farbe leuchten und da man schon seit mehr als hundert Jahren dort nicht mehr schacherte, war das Haus in ein Unterrichtsgebäude verwandelt worden, wie das ehemalige Polizeigebäude rechter Hand jetzt als Studentenherberge dient. Dr. Kolb machte uns auf die Ballustrade aufmerksam, welche die ehemalige Börse krönt, und sagte, wir hätten bei Leibe nicht zu fürchten, daß die Säulchen brächen und den Vorübergehenden auf die Köpfe fielen, denn man baue in Wien für die Ewigkeit. Er deutete auf das ehemalige Polizeigebäude gegenüber und erzählte, dort stände aus alter Zeit im Hofe ein grün gestrichener Wagen mit Gittern und Zellenwänden, dessen Bestimmung man sich nicht klar machen könne; man vermuthe, daß er zum Transporte von Thieren gedient habe. Es sei ein Ausschreiben ergangen, dieses historische Räthsel zu lösen. Er belehrte uns übrigens, daß von den Wohngebäuden, die im 19. Jahrhunderte an der Ringstraße standen, nur mehr wenige vorhanden wären, da viele Häuser reicher Bürger längst niedergerissen und öffentliche Gebäude an deren Stelle errichtet worden seien. Eine Ausnahme bildete das Sühnhaus, übrigens ein Stiftungshaus zur Erinnerung an den schrecklichen Brand eines Theaters, das an derselben Stelle stand. Das Sühnhaus ist ein schöner Bau, entworfen von Meister Schmidt, dem Dombaumeister des 19. Jahrhunderts. “Hier seht ihr die Votivkirche, vom Architekten Ferstel entworfen. Dieser Bau wurde vom nachmaligen Kaiser Max, von welchem ihr wohl heute abend in der Vorlesung hören werdet, gegründet zur Erinnerung an die Errettung des Kaisers Franz Josef, den ein politischer Schwärmer mit Mordwaffen angefallen hatte, und hier steht schon die gleichfalls vom Baumeister Ferstel stammende älteste deutsche Universität dieser Stadt, in der man neben wirklichen Wissenschaften nur mehr Geschichte der Theologie und Geschichte der Jurisprudenz vorträgt, weil diese angeblichen Wissenschaften nur Requisite des Classenstaates waren. Die Rampe beweist deutlich, daß die Studenten des 19. Jahrhunderts mit Vieren in die Vorlesung fuhren.”
“Wie haltet ihr es jetzt mit der Religion?” wollte Mr. Forest fragen; aber Dr. Kolb bat uns, ihn nicht zu unterbrechen, weil es gelte, die Wandelbilder zu erläutern.
“Hier links das sogenannte Burgtheater, von Meister Hasenauer, — man nannte diese Herren im verrückten 19. Jahrhunderte alle Barone oder Freiherren. Der junge Mann, der dort hoch oben auf der Mauer sitzt, als wäre er von des Nachbars Garten herübergestiegen, wo er Kirschen gestohlen, ist der Gott Apollo, und da wir zu nahe am Theater vorüberfahren, entgehen euch kostbare Merkwürdigkeiten, die auf dem Dache angebracht sind. Nämlich ein allerliebstes Lusthäuschen, um das sich ein munterer Blasengel dreht, der im Uebereifer immer dorthin bläst, wohin ohnedies der Wind zieht. Ferners stehen auf zwei Dachreitern je zwei waghalsige Genien, welche Kränze zum Kaufe auszubieten scheinen, aber nicht herabsteigen, sondern uns hinauflocken wollen. Im Hintergrunde des Parkes rechter Hand steht das ehemalige Rathhaus mit dem Reiterbild Franz Josef des Standhaften über dem Portal und dem kupfernen Wächter auf der Thurmspitze. Auch vom Gemeinderathe und Bürgermeister jener entschwundenen Epoche weiß man nichts mehr. Die Archive aber erzählen wunderliche Dinge über die städtische Verwaltung und die kleinlichen Geschäfte, welche von einer Unzahl von Magistratsräthen, Sekretären und Praktikanten besorgt werden mußten. Der Rathssaal ist noch erhalten und die Castellane zeigen den Sitz, von dem aus Dr. Karl Lueger, ein Ahne unseres Professors, gegen den damaligen Bürgermeister, Dr. Johann Nepomuk Prix, der auch als Baron gestorben sein soll, donnerte, aber vergeblich, denn Dr. Karl Lueger war immer Führer einer Minorität, die er sich unter den verschiedensten Bezeichnungen zusammenzutrommeln wußte. Da er aber weder im Rathhause auf den Bürgermeisterstuhl, noch im Abgeordnetenhause, das wir hier sehen, auf die Ministerbank kommen konnte, hat er in alten Tagen alle Mandate eigensinnig von sich gewiesen. — Das Abgeordnetenhaus ist auch von Theophil Hansen erbaut, den ich euch als Erbauer des ehemaligen Börsengebäudes nannte. Im ehemaligen Rathhause wohnen heute die obersten Volkstribunen mit ihren Sekretären und das Abgeordnetenhaus dient zuweilen zu parlamentarischen Versammlungen, wenn das Volk über größere technische Projekte nicht durch gemeindeweise Abstimmung entscheiden will und aus jedem Kreise drei Abgeordnete mit Vollmacht entsendet.”
“Sonst tagen unausgesetzt gelehrte Versammlungen und europäische Congresse in diesem Bau, weil die Sitzungssäle und Conferenzzimmer dazu geeignet sind. Man erzählt sich übrigens, daß die Sitzungssäle im vorigen Jahrhunderte gänzlich umgebaut werden mußten, weil eine Spezialität dieses Hauses die war, daß man in jenen Sälen sein eigenes Wort nicht verstand, geschweige denn einer längeren Rede hätte folgen können. Auch das ehemalige Abgeordnetenhaus ist von vorzüglichem Material erbaut und ihr müßt nicht glauben, daß die Stufen, die da hinanführen, oder die Postamente etwa dem Wetter nicht trotzen könnten oder gar große Stücke herausfielen und häßliche Löcher entstünden, wenn es friert. Allerdings wird das meiste im Winter in warme Decken gehüllt und mit Brettern bedeckt, was aber auch einen reizenden Anblick gewährt. Der Bau hat auch eine meteorologische Bestimmung, denn inmitten der Marmorbildsäulen, die um den Rand des Daches herumstehen, hat man eine gewaltige Esse angebracht, aus der immer dicker Rauch hervorqualmt, den der Wind der einen oder der anderen Statuenkolonne in den Rücken weht. Daran kann sich der Wiener an den Fingern abzählen, woher der Wind weht, und schlägt der Wind dann um, so steigen die Hauswärter hinauf und machen die Statuen wieder blank. Hier links schimmert durch die Bäume des Volksgartens die Statue des Dichters Grillparzer herüber, etwas sonderbar von einem Ofenschirm begleitet, mit dem man sich aber gerne aussöhnt, wenn man die herrlichen Hautreliefs darauf von Meister Weyr betrachtet. Und nun kommen wir zur Hofburg, in welcher der Kaiser residirt, mit dem Forum, den Museen, und im Hintergrunde, an der Stelle des ehemaligen Hofstallgebäudes, seht ihr den Centralregierungspalast. Die Museen hat der berühmte Baumeister Semper entworfen und auch theilweise gebaut, den Bau aber nach seinem Tode Meister Hasenauer beendet. Von diesem wahrscheinlich, dessen Phantasie immer das Beste auf den Dächern anzubringen wußte, stammen die großen Kuppeln, die je von vier reizenden Kindern begleitet sind, welche wahrscheinlich die Aufgabe haben, sich zu großen Kuppeln auszuwachsen und dann der Reihe nach einzurücken, wenn die großen einstürzen. Statuen sieht man überall. Entweder sind sie als Säulenheilige auf ungeheuren Postamenten angebracht und legen rühmliche Proben von Schwindelfreiheit ab, oder sie stehen knapp hinter der Dachrinne am Rande der Dächer und sehen neugierig auf die kleinen Leute herunter, welche auf der Straße herumlaufen. Es ist das gewissermaßen ökonomisch, denn man erspart die Tafel, auf welche man zu schreiben pflegt: “Man bittet, die Statuen nicht zu berühren und ihnen nicht mit den Schirmen die Nasen abzustoßen.” Die Anordnung der Statuen hatte im 19. Jahrhundert offenbar einen militärischen Charakter. Auf dem Abgeordnetenhause sind sie in Linien ausgezogen und man meint, den Major anreiten zu sehen, der mit dem Säbel winkt, der Flügelmann solle das Knie und der dritte Mann dort die rechte Hand hereinnehmen. Bei der Votivkirche stehen die Heiligen und Apostel eingepreßt nebeneinander, als gälte es ein Carré zu bilden, um gegen eine berittene Legion Teufel Stand zu halten. Das wird aber, ich zweifle nicht, in den Gesetzen der Schönheit vollkommen begründet sein.”
“Uebrigens, Freunde,” sagte Dr. Kolb lachend, “wir lieben unser Wien und wenn wir einiges daran tadeln, hoffen wir, daß unsere Gäste die Schönheiten nicht übersehen werden, von welchen zu sprechen uns nicht zusteht. Wir haben in Wien zwar eine böse Zunge, aber ein gutes Herz und in bösen Zeiten haben sich die Wiener oft mit einem Scherz über großes Unglück hinweggeholfen.”
“Wie ihr seht, ist das ganze ungeheuere Forum, das früher durch Mauern und ein monumentales Thor abgetheilt war, mit Reiterstatuen und mit den Bildsäulen berühmter Männer besetzt, die im Wettstreit ihre Nebenbuhler besiegt und erste Preise davongetragen haben. Es regt das nicht wenig den Ehrgeiz an. Lasset euch nicht die herrlichen und weltberühmten Mosaiken entgehen, die die ganze Fläche dieses Riesenraumes durchziehen und an welchen fünfzig Jahre gearbeitet wurde.”
Nun zeigte uns Dr. Kolb auf einem polychromen Kunstblatte die Abbildungen der Mosaiken, die wir später auf unserer Fußwanderung näher in Augenschein nehmen sollten, und wir fuhren an der alten Oper, einem nicht sehr geschmackvollen großen Baue, und vielen neu errichteten öffentlichen Bauten vorbei, die einen viel großartigeren Charakter zeigten, als die Bauten der älteren Periode, dann den Donaukanal entlang wieder zur alten Börse zurück, um nun auszusteigen und im nächstgelegenen Quartier, wo wir uns legitimirten, das zweite Frühstück einzunehmen. Dann pilgerten wir zu Fuß nach der Votivkirche, besahen den Hofraum der Universität mit den zahllosen Standbildern und Büsten berühmter Lehrer, erfreuten uns im Rathhausparke an den Spielen der Kinder, die da zu tollen pflegen, betraten das alte Rathhaus und den Sitzungssaal, wo auf dem Pulte des Dr. Lueger die letzte Rede dieses Mannes, der sich seinerzeit als Volksredner und durch unermüdliche parlamentarische Thätigkeit großes Ansehen erworben hatte, angeheftet zu lesen war, und hörten in einem Berathungssaale des alten Abgeordnetenhauses von der Gallerie aus den Verhandlungen eines hygienischen Congresses zu, zu welchem einem Anschlage zufolge nur Männer Zutritt hatten, um dann das Forum in Augenschein zu nehmen. Dr. Kolb führte uns vor eine in der Mitte des Forums aufgestellte im Sonnenlichte spiegelnde Säule und sagte: “Das ist die Schandsäule der begrabenen Wirthschaftsordnung, die auf Privatbesitz und Handel aufgebaut war.” — Diese Säule hat einen Durchmesser von einem Meter[A] und eine Höhe von 9,23475 Meter und ist aus purem Golde. Die Inschrift lautet:
“Diesen werthlosen Goldklumpen hat Oesterreich im Jahre 1893 aus Frankreich und England bezogen und sich dafür zu einem Jahrestribut an Nahrungsmitteln für 50000 Menschen verpflichtet.”
“Diese Säule, deren Bewachung im 19. Jahrhunderte eine Armee erfordert hätte, steht unangefochten und unbewacht seit dem Jahre 1943 auf dieser Stelle. Am Fuße dieser Säule hat jeder Regent bei Antritt der Regierung vor versammeltem Volke den Schwur zu leisten, daß er die Rückkehr zur alten Wirthschaftsordnung verhindern und nach keinem persönlichen Eigenthume streben wolle.”
Wir wunderten uns, daß man das Gold nicht doch ausmünze, um Waaren aus Amerika oder China zu beziehen, wo noch Gold im internationalen Handel verwendet wird, aber Dr. Kolb belehrte uns darüber, daß nunmehr auch das Gold, wie ehemals das Silber nur in beschränktem Maße ausgemünzt werde und demnach auch das Gold als Metall keinen erheblichen Werth mehr habe. Würden aber die europäischen Staaten ihre alten Goldvorräthe auf den Markt bringen, so müßte das Metall auch im Welthandel auf ein Fünftel herabsinken. Man behalte sich also vor, das vorhandene Gold zu Schmuck und Geräthen zu verarbeiten, aber vorläufig thue es bessere Dienste in der greifbaren Demonstrirung seiner Werthlosigkeit.
Es war nahezu 5 Uhr, als wir mit dieser Besichtigung zu Ende gekommen waren, und als wir den Straßenbahnwagen besteigen wollten, händigte uns ein Fremdenführer, deren es überall auf der Straße gibt und die angesehene Leute sind, welche in Pension stehen und für die Erlaubniß, sich in Wien niederzulassen, kleine Nebendienste verrichten, je ein Prachtalbum mit der Aufschrift: “Erinnerung an Wien” ein, in welchem herrliche Bilder aus Wien, besonders die polychromen Darstellungen der Mosaiken des Forums, enthalten sind. Auf dem Album war der Tag unseres dortigen Besuches eingetragen und mit der Unterschrift der obersten Staatsverwaltung beglaubigt, daß dieses Album dem fremden Gaste, — dessen Namen einzutragen frei stand, — am Tage seines Besuches auf dem Forum war ausgehändigt worden.
Wir fuhren in unser Quartier, wo wir viele Amerikaner trafen, speisten, badeten und dann ein wenig auf unseren Zimmern ruhten, um nach halb sieben Uhr wieder den Waggon zu besteigen und nach der alten Universität zu fahren. Wir kamen durch die berühmte Säulenhalle, welche glänzend erleuchtet war, über die rechtsseitige Stiege mit den breiten Absätzen und broncenen Candelabern in einen Corridor, wo Fürst Hochberg grüßend an uns vorüberhuschte, der die venia legendi hatte und von Königstetten hereingefahren war, um einen Vortrag über Buddhaismus zu halten und lenkten unsere Schritte nach dem Saale XXXIX, wohin eben viele Besucher strömten. Die Sitzplätze, etwa hundert, füllten sich rasch und lautlos, denn es war keine Vorlesung für Studirende, sondern für das große Publikum, und mit dem Schlage sieben Uhr trat Professor Lueger eilends ein und bestieg sein Pult an der Schmalwand, wohin scharfes Licht fiel, während im selben Augenblicke der Saal sich verfinsterte.
Der Professor begann:
“Geehrte Zuhörer! Ich habe heute einen Vortrag über Franz Josef den Standhaften zu halten, der über 70 Jahre, vom Jahre 1848 bis tief in das 20. Jahrhundert hinein, regierte und als 18 jähriger Jüngling die Regierung unseres Reiches übernahm. Er war vom besten Willen beseelt, ritterlich gesinnt und, da er das Reich in größter Unordnung vorfand und selbes aus einer beinahe mittelalterlichen Verfassung in eine ganz veränderte Gestaltung hinüberzuführen hatte, nahm er den Wahlspruch an: ‘Viribus unitis.’ — Wie ihr sehen werdet, behielt er, was er sich vorgesetzt hatte, zwar unverrückt im Auge, aber das Ziel schien lange unerreichbar und viele verzweifelten an dem Unternehmen, mitten unter Staaten, die nach dem damaligen Zuge der Zeit sich national abrundeten, ein Reich zu kitten, das ein Endchen Italien, ein Stück Deutschland und ein großes Stück Slavien umfaßte und ein ugrofinnisches Reich eingeschlossen umfing, welches zwar keine centrifugale Tendenz haben konnte, aber allen Verschmelzungsversuchen einen störrischen Nacken entgegensetzte und auf seinem Territorium Deutsche und Slaven minorisirte, wie man damals ironisch sagte, nämlich den Willen der geringeren Zahl einer uneinigen Mehrheit auf constitutionellem Wege tyrannisch aufzwang. Wir lachen heute über die politischen Winkelzüge von damals, da wir gelernt haben, über die nationalen Unterschiede hinwegzukommen; aber es ist ein psychologisch merkwürdiges Bild, dieser zähe und gleichmüthige Fürst im Kampfe mit so vielen Nationen und Natiönchen, die alle nach der Hegemonie trachteten oder eifersüchtig darauf waren, dem Uebergewichte anderer zu entgehen, und wie der Schiffer oft, um die Ladung zu retten, Ballast auswerfen muß, hat Kaiser Franz Josef I., der wegen seines Sieges über unglaubliche Schwierigkeiten nach seinem Tode mit dem geschichtlichen Namen “der Standhafte” ausgezeichnet wurde, oft Opfer bringen müssen, nicht ohne mehr als einmal am Rande von Klippen in stürmischer Zeit vorüberzusegeln, die ihm das Steuer brachen, während die Masten über Bord fielen.”
Nach dieser Einleitung entwickelte der Professor die Geschichte Oesterreichs bis zum Regierungsantritte des Kaisers Franz Ferdinand, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundertes hinein regierte und der vierte Vorfahr des gegenwärtig regierenden und im Jahre 1980 geborenen Kaisers Rudolf Max war. Der Redner schilderte den Sieg Franz Josefs über die italienische und ungarische Insurrektion und den vorübergehenden Sieg über die Politik der Hohenzollern, ging dann zur Vermählung des Kaisers Franz Josef mit der bairischen Prinzessin Elisabeth über, zergliederte die Politik des Ministers Bach, der zuerst vergöttert wurde und nach seinem Sturze in völlige Vergessenheit gerieth, zeigte die Oktroyierung, dann Aufhebung der ersten Gesammtverfassung, den grollenden Widerstand der ungarischen Nation, erwähnte den Mordanfall des Ungarn Libeny, der Anlaß bot, die Entstehung der nahegelegenen Votivkirche zu erwähnen, die man vom Hörsaale aus im Abendlicht träumerisch stehen sah, und sagte dann, daß die Regierung bis zum Jahre 1859 erfolgreich schien, als Sardinien im Vereine mit Frankreich, das der verschmitzte Napoleon III. regierte, in Waffen aufstand und Kaiser Franz Josef, nachdem er mit der Schlacht bei Solferino den Feldzug verloren glaubte, mit Verlust einer Provinz Frieden schloß. Wir hörten dann die ersten Versuche schildern, zu constitutionellen Formen wirklich überzugehen, den Trotz der Ungarn, die ihre alte Sonderverfassung begehrten, die Sistierung der Verfassung, den unglücklichen Feldzug gegen Italien und Preußen und dann wieder die erneuerte Aufnahme der bis dahin erfolglosen Bestrebungen. Daran knüpften sich einige höchst dramatische Episoden aus dem Leben des Kaisers und aus der Geschichte seiner Familie, die Verbrennung einer Prinzessin aus der Familie des Erzherzogs Albrecht, das verunglückte Unternehmen des Erzherzogs Ferdinand Max, der auszog, ein Reich in Amerika zu gründen, und, als Aufwiegler verurtheilt, bei Queretaro den Ehrgeiz mit dem Leben bezahlte, die Figur der Kaiserin Charlotte, welche ihr Leben im Wahnsinn endete, den plötzlichen und nie ganz aufgeklärten Tod des hoffnungsvollen Kronprinzen Rudolf, wodurch der Kaiser um den einzigen direkten männlichen Erben gebracht wurde, und wir sahen den berühmten Habsburger unter all diesen Stürmen ungebrochen auf dem hin- und hergeworfenen Schiffe ausharren, über seiner Pflicht seines unermeßlichen persönlichen Leids vergessend, bis ihn neue Keulenschläge des Schicksals trafen, als er, großmüthig seinen nicht schuldlosen Gegnern die Hand zum Bunde reichend, in den fürchterlichsten Krieg verwickelt wurde, den die Welt gesehen, und wie er, obwohl er am Schlusse wieder siegreich seine Stellung behauptete, mit blutendem Herzen sehen mußte, wie russische Reiterschaaren im gesegneten Oesterreich hausten, ganze Provinzen verwüstet wurden, rauchende Trümmer ganz Polen und halb Ungarn bedeckten und die Bevölkerung des eben wieder aufblühenden Reiches decimirt wurde, so daß Oesterreich erst zu Anfang des 21. Jahrhunderts wieder die Bevölkerungsziffer vom Jahre 1890 erreichte. Während dieses letzten Sturmes, der auch Deutschland, Frankreich und Italien an den Rand des Abgrundes brachte und die Thorheit der Oesterreich feindlichen Politik ein zweitesmal erwies, war Oesterreich so erschöpft worden, daß die alte Gesellschaftsordnung sich nicht mehr halten ließ und eine neue eingeleitet werden mußte, die dem Staate unerschöpfliche Hilfsquellen eröffnete, weil sie dem Selbsterhaltungstriebe der Staaten alle jene wirthschaftliche Macht verlieh, welche vordem in den Händen einer tollen Plutokratie dazu diente, kindische Privatlaunen zu befriedigen.
Die fesselnde Schilderung dieser merkwürdigen Regierungsepoche verfolgte das Auditorium mit ungetheilter Aufmerksamkeit, und nachdem die ganz natürliche Veränderung der Gesellschaftsordnung in ihrer Entstehung, ihrem Fortschritte und ihrer schließlich siegreichen Durchführung dargelegt worden war, folgte eine psychologische Skizze des Monarchen jener Epoche die als ein philosophisches Cabinetstück zu betrachten war und frenetischen Beifall entfesselte. Der Vortragende zeigte die Ursachen, warum dieser merkwürdige Fürst solange und am meisten in Oesterreich verkannt wurde und welche Charakterstärke und welches antike Pflichtgefühl dazu gehörte, unter solchen Verhältnissen auszuharren. So groß auch nach dem Urtheile aller Zeitgenossen und dem Zeugnisse aller, die mit dem Kaiser arbeiteten, seine vielseitigen Talente und seine politische Begabung waren, so war doch sein Charakter noch weit mehr anzustaunen. Die unerreichte Selbstbeherrschung und die Versöhnlichkeit dieses Monarchen, wodurch mehr als ein boshafter Gegner überwunden wurde, sowie die Arbeitskraft und Ausdauer, die Franz Josef I. in persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten bewies, haben ihm den Beinamen des Standhaften erworben.
Zum Schluße erwähnte Professor Lueger, wie wir von Dr. Kolb wissen, ein Urenkel des Dr. Karl Lueger, dessen Andenken uns Chroniken und Spottlieder seiner Gegner erhalten haben, einer Legende über das Haus Habsburg. Er sagte, man behaupte, daß schon Kaiser Josef II. und nach seinem Beispiele Kaiser Franz Josef I. eine geheime Geschichte ihrer Regierung und der damit zusammenhängenden politischen Ereignisse und Familienerlebnisse schrieben, die niemand als dem jeweilig regierenden Familienoberhaupte zugänglich war. Sie wurde mit dem umfassendsten Urkundenmateriale belegt und der regierende Fürst suchte in den begleitenden Memoiren sich selbst auf das gewissenhafteste klar zu machen und den Nachfolgern zu überliefern, inwieweit Irrthum, Uebereilung und Leidenschaft des Regenten Antheil hatten an den Unglücksfällen, die das Reich und das Haus trafen. So bildete sich die Dynastie selbst und erzog sich zu einem Amte, das an Schwierigkeit seines gleichen nicht hatte auf dem ganzen Erdenrunde und seit Entstehung des Menschengeschlechtes. Die beschränkten Zeitgenossen des Monarchen hatten aber diese Schwierigkeiten niemals in Rechnung gezogen, sondern Erfolg an Erfolg gemessen, als ob jede Aufgabe gleich schwierig wäre.
Take it all in all, he was a man!
Der Professor schloß und verabschiedete sich mit einer freundlichen Handbewegung; der Saal erglänzte wieder in strahlendem Lichte und wir wollten eben über die Rampe nach einem Straßenbahnwagen eilen, als wir vom Hauspersonale benachrichtigt wurden, daß ein heftiger Regen niederprassle und wir über Stiege VI den Ausgang nach der Universitätsstraße nehmen möchten, wo die Waggons unter einer gedeckten Vorhalle anfuhren. Es waren über fünfzig bereit, welche alle Besucher der Abendvorlesungen, an tausend Fahrgäste, aufnehmen konnten, und wir theilten uns nach einem sinnreichen Verfahren in Gruppen nach Quartieren, wozu anwesende Ordner die Anleitung gaben. Als die Gumpendorfer Quartiere an die Reihe kamen, nahmen wir Platz, um heimzufahren. In der Mitte der Gumpendorfer Quartiere hielten wir unter einer gedeckten Halle aus Eisen und Glas und kamen durch eine unterirdische gedeckte Verbindung nach unserem Quartier. Man sagte uns, daß man von jedem Hause nach jedem Hause, auch zu den Palästen in der ehemaligen inneren Stadt, dem jetzigen Adelsviertel, bei schlechtem Wetter trockenen Fußes kommen könne und daß die Straßenbahnwagen zwar nicht über die Grenze des Adelsviertels verkehrten, aber zur Zeit der Empfänge Wagen genug aufgestellt seien, welche die Gäste von den Aussteigehallen nach der Burg oder den Palästen der Adeligen beförderten. Es sei das zwar eine nicht geringe Arbeit, da oft an 50,000 Menschen zu befördern wären, aber es seien über 1000 Wagen zur Verfügung und sie hätten nur kurze Strecken zurückzulegen. Uebrigens gehe man daran, die Tramway durch dieses Viertel, das nur ein großer, mit Palästen gezierter Park sei, zu führen, da man die Erfahrung gemacht habe, daß dieses Verkehrsmittel pneumatisch betrieben und die Schienen durch Gärten geführt werden könnten, ohne diese zu verunstalten.
Nach dem Abendmahle stiegen wir über eine der hohen Treppen in das erste Stockwerk, wo wir uns leicht zurecht fanden, weil der Grundriß aller dieser öffentlichen Gebäude ähnlich ist, und gelangten in den Bibliothekssaal, der die Mitte des ersten Stockwerkes einnimmt und von kleineren Sälen umgeben ist, welche in den Gemeinden großentheils als Schulzimmer benützt werden, aber in den hauptstädtischen Quartieren als Spielzimmer, kleinere Lesecabinete und zu Vorlesungen vor kleinem Auditorium dienen. Der Bibliothekssaal, der seinem eigentlichen Zwecke nur entzogen wird, wenn wichtige politische Versammlungen der ganzen Gemeinde oder Schlußabstimmungen stattfinden, ist hoch hinauf mit Bücherschränken bekleidet, in welchen sich auch Repositorien für Karten und Stiche befinden, und der in diesem Saale angestellte Ordner zeigte uns, daß die Bibliothek schon 10136 Bände zähle. Wir nahmen einige amerikanische Zeitungen und Bücher, womit wir uns in ein leerstehendes Nebengemach zurückzogen, um zu lesen. Es erregte unsere Aufmerksamkeit, daß dieser kleine Saal, zu dem nur eine einzige Thüre führte, eine kleine Bibliothek enthielt, und in den Kästen sich nur blau gebundene Werke befanden. Dr. Kolb sagte uns, daß alle Bücher, die etwas enthalten, was vor Kindern und jungen Leuten geheimgehalten werden müsse, in blauen Bänden zur Aufstellung käme und daß auch solche Zeichnungen und dergleichen auf dieselbe Art kennbar gemacht würden. Solche Bücher, Zeichnungen, Modelle &c. würden in der kleinen Bibliothek verwahrt, zu welcher die jüngeren Leute und Kinder keinen Zutritt hätten, und es könne aus dieser Bibliothek nur an zuverlässige Personen etwas verliehen werden. Die Frauen wieder bänden ihre Geheimliteratur roth und in ihren Privatlesesaal hätten auch Männer keinen Zutritt. Uebrigens stehe der Antrag in Verhandlung, Kindern gegenüber größere Offenheit walten zu lassen, da man erwarte, daß sich auch da die Vernünftigkeit eines Abhärtungssystemes erweisen werde, vorausgesetzt, daß es schon vor Eintritt der Pubertät zur Geltung kommt.
Wir geriethen nach einer Weile wieder in ein Gespräch mit Dr. Kolb, der uns Aufschluß über das Bibliothekswesen und den Bücherverlag gab. Er sagte, die Reichscentralbibliotheksverwaltung zähle 300 ständige Beamte. Diese könnten aber natürlich nicht die unermeßliche Menge der immer aus dem Auslande zuströmenden Werke lesen und sich so auf dem Laufenden erhalten, daß sie jedermann Aufschluß geben könnten, der sich über einen Zweig der Wissenschaft oder Literatur orientiren wolle. Sie hätten genug mit der Katalogisierung und alljährlichen Ergänzung der gedruckten Kataloge und deren Neuherausgabe, welche alle 10 Jahre stattfindet, zu thun, auch liege ihnen die Bücherversendung aus den Centralbibliotheken und die Oberaufsicht über die Provinzbibliotheksverwaltungen ob, die wieder in einem ähnlichen Verhältnisse zu den Kreisbibliotheken stünden. Die Kataloge seien gedruckt, umfaßten viele Bände und würden in jedem Lesesaale aufgestellt. Wie Gemeinde-, Bezirks-, Kreis- und Provinzbibliotheken zu dotieren sind, ergebe sich von selbst aus bibliothekstechnischen Grundsätzen und würden übrigens aus jeder Bibliothek Bücher versendet, wenn sie entbehrt werden können. In Wien sei ein Röhrensystem errichtet, wodurch es möglich wird, in kürzester Zeit Bücher aus den Hauptbibliotheken in die Lesesäle der Quartiere zu befördern. Dazu bediene man sich der Pneumatik. Die Menschenarbeit bestehe nur darin, die Bücher in die Wagen zu legen und diese in die Mündung der Röhren einzuführen. Jede Centralbibliothek habe 35 Lesesäle zu bedienen. In den Gebäuden der Centralbibliotheken selbst seien zahlreiche Arbeitszellen errichtet, in welchen Gelehrte, Künstler und auch andere Personen sich eine Handbibliothek zusammenstellen lassen können, um ungestört arbeiten zu können.
Wir berechneten, wieviele Bücher Oesterreich brauche, wenn mehr als 40000 Lesesäle, die Oesterreich besitzt, mit so großen Mengen von Büchern dotirt sind, und noch so bedeutende Reservoirs in großen Centralbibliotheken bestehen, aber Dr. Kolb sagte, daß die Landgemeinden durchaus einen geringeren Bibliotheksstand hätten und nur die Bezirksbibliotheken, deren es 2000 gäbe, reichhaltig ausgestattet seien. — Zwirner habe ihm übrigens erzählt, daß nach seinen Forschungen schon im 19. Jahrhunderte Deutschland allein jährlich über 6000 Werke von oft vielen Bänden und großen Auflagen druckte und man also wohl auf eine Jahresproduktion von 10 Millionen Bänden jährlich in Deutschland für jene Epoche schließen könne. Die vergleichsweise Bücherarmut jener Zeit sei nur daraus erklärlich, daß die Bücher meist jahrelang bei Buchhändlern müssig standen, dann kaum einmal gelesen wurden und wieder in Privatbücherregalen verstaubten, während jetzt jeder Band aus der Buchbinderei in die Bibliothek wandert. Die Jahresproduktion betrage jetzt in Oesterreich alljährlich 40 Millionen Bände, also etwa viermal soviel, als im 19. Jahrhunderte in Deutschland, und etwa 20 Millionen Bände würden jährlich ausgemustert und wieder in die Papierfabriken geliefert, daher der Jahreszuwachs 20 Millionen Bände beiläufig betrage, und da dieser Zuwachs in den letzten 20 Jahren constant blieb, so ergebe das allein für diese Jahre 400 Millionen Bände und erhöhe sich die Mannigfaltigkeit der Werke erstaunlich durch den internationalen Tausch, beziehungsweise internationalen Buchhandel, der meist 5 Millionen Bände im Jahre betrage. Es belaufe sich die Zahl der jährlich aufgestellten inländischen und ausländischen Werke auf 50000. — Außerordentlich verschieden allerdings sei die Zahl der Exemplare, da man von manchen Werken 45000 Exemplare auflege, von vielen ausländischen Werken aber nur ein einziges beziehe. Wir bestritten die Möglichkeit, die Jahreskataloge im Drucke zu veröffentlichen, aber Dr. Kolb versicherte, er habe bei Zwirner einen Waarenkatalog von einem gewissen Rix in Wien aus dem 19. Jahrhunderte gesehen, worin Kinderspielwaaren und anderer Tand bis zu einem Preise von 5 Kreuzern verzeichnet waren. Viel mehr als das könne man für die Literatur thun. Uebrigens werden chinesische, japanische und andere Werke der fremdesten Literaturen meist nur summarisch der Zahl und dem Gegenstande nach am Schluße des Katalogs erwähnt.
Wir glaubten, eine Jahresproduction von 40 Millionen Bänden müßte die nationalen Papiervorräthe erschöpfen, aber auch das widerlegte Dr. Kolb, indem er darauf verwies, daß man den Papierverbrauch in Oesterreich schon im Jahre 1890 auf 3-1/2 Kilogramm per Kopf der Bevölkerung berechnete und jetzt betrage er 5 Kilogramm per Kopf. Da nun der Papierverbrauch per Band durchschnittlich nicht einmal ein halbes Kilogramm betrage, sei es leicht ausführbar, für jeden Kopf der Bevölkerung einen Band jährlich zu präliminiren.
Das führte uns noch einmal auf das Verlagswesen, worüber uns Zwirner erschöpfende Mittheilungen nicht gemacht hatte. Dr. Kolb sagte, es seien für den öffentlichen Verlag 3000 Werke mit 40 Millionen Einzelbänden jährlich präliminirt und sei das Verlagsrecht gewissermaßen budgetmäßig auf Civilliste, Reich, Provinzen, Kreise aufgetheilt und könne sogar jede Gemeinde nach einem 40 jährigen Turnus einen Band auf Rechnung des öffentlichen Verlags in 1000 Exemplaren drucken lassen. Der Verfasser reiche also das Manuscript der Centralregierung ein, welche die ausgestoßenen Manuscripte an die Provinzverwaltungen gebe und so weiter. Aber der Verfasser könne sich auch direct an die Civilliste oder einen Kreis, eine Gemeinde &c. wenden. Wer seit fünf Jahren Mitglied des literarischen Vereines sei, könne 1000 Exemplare eines einbändigen Werkes auch in Druck legen, ohne jemandes Erlaubniß einzuholen.
Das verhalte sich so. Wie schon erwähnt, können die Bibliotheken ihre Arbeit unmöglich vollkommen bewältigen. Sie würden zwar von Professoren und Studenten unterstützt, aber auch das genüge nicht und man habe daher einen literarischen Verein gegründet, der jetzt weit über 50000 Mitglieder in allen Theilen des Reiches zähle und sich nach Sprachen Wissenschaften und Literaturzweigen in Sectionen und Unterabtheilungen gliedere.
Die Regierung stelle dem Vereine ein Centralbureau, das sich derzeit in St. Pölten befinde, eine Druckerei und Buchbinderei und jährlich eine bestimmte Menge Druckpapier zur Verfügung und könne der Verein einmal jährlich 100 Werke auswählen, die auf Rechnung des öffentlichen Verlages gedruckt werden, er könne aber auch selbst Werke drucken. Letztere Werke müßten die Mitglieder, welche sie verfaßt haben, selbst setzen und es machten daher nicht viele von dem Verlagsrechte Gebrauch.
Der Verein habe dagegen der Regierung gewisse Dienste zu leisten. Sie weise den Mitgliedern Manuskripte zur Begutachtung und die ausländischen Werke zur Bearbeitung für die Bibliothekszwecke zu. Alle Vereinsthätigkeit sei aber freie Wirksamkeit und könne in die geregelte Arbeitsleistung nicht eingerechnet werden.
Es war Mitternacht und wir ergingen uns noch im Mondscheine im Garten und Dr. Kolb, der als alter Herr aufstehen kann, wann es ihm gefällt, war so gut, uns noch Gesellschaft zu leisten, wobei er uns auf die Straße führte und zeigte, daß eben jetzt der Lastenverkehr beginne, der Waaren und Vorräthe von den Bahnhöfen in die Quartiere bringe und dann den Unrath wegschaffe, was täglich geschehe. Der letztere Dienst gehe nur junge Leute der bestimmten Altersklassen an, aber die meisten hauptstädtischen Dienstleistungen würden, wie wir schon gehört hatten, von den alten Herren des Arbeiterberufes besorgt. Es lebten an 60-70000 solcher Pensionisten in Wien, welche aber meist wieder nach einigen Jahren auf diese Art von Pfründe verzichteten, weil die Oesterreicher es nicht lange in einer Großstadt aushielten. Von jenen Pensionisten hätte jeden Tag in der Woche der siebente Theil Dienst, trüge gewisse Abzeichen und besorge neben der Aufsicht auf den Straßen und in den öffentlichen Gebäuden manche hauswirthschaftliche Arbeiten, den Briefdienst u. s. w., insbesondere auch die Schneesäuberung und die Lenkung der Wagen und Pferde. Jeder Aeltere wähle sich den Standort, der ihm gefällt, und die Jüngeren müßten die zugewiesenen Arbeiten übernehmen.
Eben waren die Unrathsgefäße weggefahren worden und die jüngeren Männer, die den Dienst hatten, entstiegen den unterirdischen Canälen. Dr. Kolb regte den Gedanken an, daß wir uns die Canäle besehen sollten. Einer der jungen Männer stieg wieder hinab und wir folgten auf einer eisernen Leiter. Die durch das ganze Quartier verzweigten Canäle sind mehr als mannshoch, ganz trocken betonirt, können mit Glühlampen erleuchtet werden und, was uns verwunderte, es war merklich übler Geruch kaum wahrzunehmen. Die Canäle stehen nämlich mit mächtigen Essen in Verbindung, in welchen immer Feuer unterhalten wird, und außerdem setzt man vor dem Abstieg in den Canal einen mächtigen Ventilator in Bewegung.
Dr. Kolb empfahl sich jetzt und sagte, er müsse am nächsten Tage früh nach Tulln zur Vorbereitung der Regatta fahren, und es stehe uns frei, mitzufahren oder uns an eine andere Begleitung weisen zu lassen oder auf eigene Faust zu flanieren. Letzteres wollten wir wagen und Mr. Forest sagte leise zu mir, er hätte längst gewünscht, die Begleitung los zu werden, die uns offenbar jeden Einblick in die Gebrechen der Zustände entziehe.
VI.
Es war Sonntag Morgen und wir hatten uns vorgesetzt, in Wien zu wandern, um verläßliche Informationen einzuholen, und zum Mittagessen nach Tulln zu fahren, weil abends die interessante Regatta stattfinden sollte. Wir fanden auch am Sonntag alles in Bewegung, alle öffentlichen Säle und Gebäude vom frühesten Morgen an geöffnet, denn Wien war die Stadt geworden, in der man sich nicht langweilen wollte. Obgleich wir recht müde waren, pilgerten wir doch nach den Museen. Die Ordner auf den Straßen gaben uns genau die Richtung an und da sie sahen, wir seien Fremde und rauchten nicht, fragte uns ein alter Herr, ob wir denn keine Cigarren hätten. Mr. Forest witterte einen Versuch, ein Trinkgeld zu ergattern, aber eingedenk der Vorschriften, die wir gedruckt in der Tasche hatten, wagte er sich doch nicht mit einem Versprechen hervor und sagte nur, wir hätten keinen Vorrath mehr. Der Alte bat sich die Aufenthaltskarten aus und sagte dann, damit könnten wir in jedem Speisesaale Cigarren beziehen, da man ja wisse, daß die Fremden rauchten. Wir meinten, wir seien in Tulln im regelmäßigen Aufenthalte, aber man beruhigte uns, man nehme es nicht so genau, sonst wäre es ja nicht gemüthlich. So wandten wir uns zum nächstgelegenen Speisesaale und erhielten richtig Cigarren für den Tag, nachdem die Daten der Aufenthaltskarte waren notirt worden. Das war uns sehr lieb, wir mußten aber jetzt im Freien bleiben, denn in den Gebäuden ist das Rauchen verboten, es wäre denn in der eigenen Wohnstube. Als wir unsere Cigarren geraucht hatten, besuchten wir die Museen, in denen sich viele Tausende drängten, weil an Sonntagen auch Leute von den benachbarten Dörfern in die Stadt strömen, und wir bewunderten nicht nur die reichhaltigen Sammlungen, sondern auch die herrlichen altersgrauen Gebäude mit den Kuppelsälen und Deckengemälden. Wir forderten einen Katalog, der uns bereitwillig mit der Bitte verabfolgt wurde, ihn beim Weggehen zurückzustellen, weil er nicht zum Verkaufe bestimmt sei. Wollten wir jedoch einen Katalog mit nach Hause nehmen, was wohl der Mühe werth wäre, weil auch interessante Abbildungen und Farbendrucke darin enthalten seien, so müßten wir uns an die Hausverwaltung wenden. Wir verlangten aber für heute nicht darnach, denn es drängte die Zeit und wir wollten lieber früher nach Tulln kommen. Auch waren wir betäubt und hatten uns bisher zu wenig Ruhe gegönnt. Unsere Anfragen bei diesem und jenem, ob man hier zufrieden sei, hatten zu nichts geführt und obwohl Mr. Forest immer Furcht vor Spionen und verkappten Oberbeamten witterte, konnte ich doch an den heiteren Gesichtern und dem ganzen Getümmel erkennen, daß es da Unzufriedene wirklich nicht gebe.
Wir bestiegen einen Straßenwagen, kamen auf den Franz-Josefs-Bahnhof und gelangten ziemlich früh nach Tulln. Nach dem Lunch gingen wir, da wir noch zwei Stunden bis zum Mittagstisch hatten, nach dem Centralrudersporthause, das von der eisernen Brücke etwas stromabwärts dastand, ein schöner Bau mit Empfangssälen, Berathungszimmern und Archiven, an den Wänden Trophäen mit den Namen der einzelnen Sieger und der preisgekrönten Ortschaften. Wir fanden da Zwirner und Dr. Kolb, die alle Hände voll zu thun hatten und uns nur flüchtig begrüßen konnten.
Ruderer in allen Farben, mit bloßem Halse und Armen, hatten hin und her zu laufen und zu ordnen und wurden unzählige Boote in's Wasser gelassen, Ruder eingeseift, Wimpel aufgesteckt und man sah in der Ferne den Rauch von Dampfern, welche Gäste aus Wien brachten, die den Ruderern zur Seite fahren wollten.
Ein kräftiger Junge, selbst Ruderer, belehrte uns über die Farben. Es wäre hier, wie bei Wettrennen, Bicyclefahren &c. jeder Kreis, ja jeder Bezirk erkennbar. Einheimische seien mit den Farben vollkommen vertraut, Fremden gebe man eine Karte mit Provinzen und Kreisen, woraus man die Farben entnehme. Der Knabe hatte eine dunkelrothe Mütze, hellrotes Wamms und eine dunkelorangefarbige Schärpe. Er sagte, die Farben seien von dunkelroth beginnend nach dem Prisma geordnet und zwar: dunkelroth, hellroth, dunkelorange, hellorange, dunkelgelb u. s. f., dann endlich weiß und schwarz, insgesamt vierzehn Farben. Dann kämen in derselben Ordnung zwei aufeinanderfolgende Farben, als dunkelroth-hellroth, hellroth-dunkelorange, u. s. w. bis zu schwarzroth wieder 14 Farben. Da nun Niederösterreich die erste Provinz des Reiches sei, sei die Kappe dunkelroth und da Sct. Pölten der zweite Kreis sei, — Wien bilde den ersten, — sei das Wamms hellroth, nachdem Tulln der dritte Bezirk im Kreise St. Pölten sei, sei die Schärpe dunkelorangefarbig. So sei der Bezirk außer Zweifel. Das genüge den meisten, aber das letzte Abzeichen zeige sogar die Gemeinde an, nämlich das Band, das von den Schultern flattert.
Da Alles vorbereitet war, luden Zwirner und Dr. Kolb die ganze Menge von Gästen zum gemeinsamen Mahle auf dem großen Wiesenplane vor dem Gemeindepalaste.
Da kamen Kinder, Mädchen und Frauen zur Begrüßung, der Bezirksbeamte hielt eine Ansprache, mit einem Hurrah ging's zu Tische und da fehlte es nicht an Jubel und Trinksprüchen aller Art, wobei vor allen Zwirner gefeiert wurde, dem man zutraute, daß er im Einzelkampfe den Meisterpreis erringen werde. Die erschienenen Ruderer waren alle Meister in der Kunst, wohl trainirt und hatten bei kleineren Wettkämpfen Preise errungen, und nur die fünf tüchtigsten Vereine waren zum Start erschienen. Es sollte das Clubwettfahren von der Eisenbahnbrücke bis Greifenstein gehen, wo die ersten Tribünen errichtet waren, und nach einiger Rast sollten drei Matadore, worunter Zwirner, von der Krümmung, die die Donau bei dem ehemaligen und längst verfallenen Dorfe Höflein beschreibt, bis zur neuen Donaubrücke bei Klosterneuburg um die Wette rudern. Beim Clubruderwettfahren kam es nicht darauf an, welchem Club das erste Boot angehörte, sondern welcher Club im Durchschnitte siegte, was schwierig zu bestimmen war, daher gewiegte Schiedsrichter aufgestellt waren. Sie nahmen übrigens Momentphotographien auf, wodurch die Beurtheilung erleichtert wurde.
An vielen Punkten an der Donau waren optische Signale aufgestellt, die sich bis zum Tullner Gemeindepalaste fortpflanzten, um den Verlauf telegraphisch nach Sct. Pölten und von dort über Wien weiter in die Provinzvororte zu melden; die Provinzvororte gaben die einlaufenden Nachrichten an die Kreise weiter und so fort, so daß man im ganzen Reiche Nachrichten hatte, und hieß es bald: “Graz hat Vorsprung,” dann: “Linz kommt heran,” und “Pest überholt alle,” bis zuletzt Tulln, wie erwartet, von den Schiedsrichtern als Sieger erklärt wurde. Zwirner stieg aus dem Boote und eilte die Treppe der Frauentribüne hinan, um den Seinigen den Frauendank zu bringen, den eine Erzherzogin überreichte.
Aber das Interessanteste stand uns bevor, denn wir wußten, daß der Sieger im Einzelkampfe den Preis aus der Hand der Lori Hochberg empfangen solle, und wir waren froh, daß unser Dampfer das rechte Ufer entlang fuhr, weil wir gerade vor der Tribüne anhalten sollten. Zwirner siegte um zwei Bootlängen und kam vor unseren Augen zur Tribünentreppe, um von Lori einen Kranz von goldenen Lorbeerblättern zu empfangen, wofür ihm die Sitte gestattete, die Hand der krönenden Dame zu küssen. Mit donnerndem Bravorufen von den Booten und Schiffen, der Brücke, die dicht voll Menschen war, den Ufern und Tribünen wurde der Sieger gefeiert, der noch seine Anordnungen wegen vorläufiger Bergung der Boote traf und dann mit den Genossen und uns Begleitern den Zug bestieg, der ihn erwartete.
Wir zweifelten nicht, daß der Lorbeerkranz, der übrigens in den Trophäensaal wanderte, für Zwirner mehr bedeute, als nur eben einen Siegespreis.
VII.
Zwirner war von vielerlei Geschäften in Anspruch genommen, weil Deputirte aller Hauptrudervereine da waren, Statuten und Preisausschreiben berathen werden sollten und internationale Verhandlungen schwebten wegen einer Regatta, die den Sieg unter allen Meistern Europas für die nächsten drei Jahre entscheiden und welche im nächsten Jahre am Rhein stattfinden sollte. Wir nahmen daher seinen Vorschlag gerne an, Reisen und Ausflüge auf eigene Faust zu unternehmen.
Wir besuchten den Badeort Baden und kamen dann auf den Semmering, wo noch ein altes Hôtel der vormals bestandenen Südbahngesellschaft steht. Wir sahen auf Photographien, die noch aufbewahrt waren, die ursprüngliche Anlage, die natürlich sehr erweitert und verschönert worden war, wie auch ein kaiserliches Lustschloß jetzt am schönsten Punkte steht, wo heuer ein Graf Coronini Hof hielt. Wir hätten uns kaum an diesem schönen Platze aufhalten können, der meist überfüllt ist, wenn nicht viele Gäste eines Festes wegen nach Graz gefahren wären. Man bat uns aber, nicht länger als bis zum nächsten Abend zu bleiben, weil der Aufenthalt für Leute von schwacher Gesundheit bestimmt sei, die hier Stärkung fänden.
In Bruck an der Mur, einem reizend gelegenen kleinen Orte, brachten wir eine Nacht zu. Um ein Uhr ertönten alle Gongs. Wir fuhren erschreckt auf und hatten nur noch Zeit, über die Stiege hinabzustürzen, da unser Wohnhaus in hellen Flammen stand. Kein Leben wäre in Gefahr gekommen, da überall Nachtwache gehalten und jedermann rechtzeitig gewarnt werden soll. Pflichtvergessenheit hatte das Uebel aber vergrößert. Alle waren guten Muthes; man half das Feuer localisiren und eine tapfere, todesmuthige freiwillige Feuerwehr, wohl ausgerüstet, rettete, was zu retten war.
Aber wir Armen! Wir hatten von unserer ganzen Habe nur das Hemd und die Socken gerettet und waren in Verzweiflung, deren Eingeständniß nur mit Lachen beantwortet wurde. Einige Männer nahmen uns, um uns vor den Frauen zu verbergen, in die Mitte, führten uns in ein gesichertes Gebäude, und ehe wir uns dessen versahen, waren wir mit neuer Wäsche und Kleidern aus den Vorräthen versehen und der Verwaltungsbeamte bat uns anzugeben, was uns sonst abhanden gekommen wäre. Wir hatten Ersatz, aber nicht das geringste persönliche Eigenthum mehr. Wie sollten wir nach Amerika kommen? Doch fühlten wir uns geborgen und begriffen, daß der Communismus auch sein Gutes habe. Nun erfuhren wir aber, daß uns alles, was noch fehlte, in Graz ersetzt werde, wo wir ja doch einige Stunden verweilen würden.
Wir wurden auch unterrichtet, daß die bezahlte Reisegebühr auch als Versicherung für Zufälle gelte und wir nach unserer Wahl beim Austritte aus Oesterreich die uns zur Verfügung gestellten Sachen, die besser und schöner waren, als was uns verbrannt war, behalten oder baaren Ersatz begehren könnten, der nach unserer Schätzung werde bezahlt werden.
Endlich fertigte uns noch der Ortsbeamte eine Interimsreisekarte aus. Da unsere Karten verbrannt waren, und er sagte uns zu, daß wir Duplicate unserer Reiselegitimationen in zwei Tagen aus Salzburg in Graz zugestellt erhalten würden.
Noch in der Nacht wurde Gericht gehalten über die schuldtragenden Personen. Es waren drei angeklagt. — Ein 15jähriges Mädchen hatte sich spät nachts, nachdem es sich entkleidet hatte, im Spiegel beguckt und dabei war das Licht dem Vorhange zu nahe gekommen. Da entstand das Feuer. Eine Matrone, welche in den Schlafsälen der unmündigen Mädchen die Aufsicht hatte, war auf ihrer Runde nach diesem Gemache gekommen und hatte auf die Bitten der kleinen Uebelthäterin versucht zu löschen und es unterlassen, das Haus und die Verwaltung zu alarmieren, was mit einem Drucke auf eine elektrische Klingel hätte bewirkt werden sollen. Der junge Mann endlich, welcher auf dieser Seite die Nachtwache hatte, war im Garten auf einer Bank eingeschlafen.
Die Angeklagten wurden vor den Verwaltungsbeamten gerufen, der die Disciplinargewalt hatte. Ein Verbrechen lag nicht vor und es kam daher die Jurisdiction ihm zu. Der Sachverhalt war in wenigen Minuten festgestellt, da viele Zeugen zugegen waren.
Die jungen Leute, welchen nur Nachlässigkeit zur Last fiel, kamen gelinde durch. Es wurden ihnen die Sonntage auf ein Jahr und die Ferien auf drei Jahre gestrichen. Der junge Mann sollte auf die Hochschule kommen, da man ihn zum Verwaltungsdienste hatte ausbilden wollen; daraus konnte nun wohl nichts mehr werden, weil dieser Beruf Aufmerksamkeit, Ordnungssinn und Pflichttreue voraussetzt.
Die Matrone aber wurde am härtesten bestraft, weil sie im Amte war und die Schuld einer Person hatte verhehlen wollen, die unter ihrer Aufsicht stand.
Sie traf zunächst dieselbe Strafe, wie die beiden anderen, außerdem aber verlor sie das Amt und dessen Vortheile, und wurde zu dreijährigem Nachdienen verurtheilt. Das seit vielen Jahren vorwurfsfrei bekleidete Amt gab ihr gesetzlichen Anspruch, nach dem vollendeten sechzigsten Lebensjahre in Ruhestand versetzt zu werden, und ihre Zeit wäre in zwei Jahren um gewesen. Nun sollte sie nicht nur weitere fünf Jahre dienen, wie der einfache Arbeiter, sondern noch drei Jahre nachdienen, also erst nach vollendetem achtundsechzigsten Jahre arbeitsfrei werden.
Sie brach in Thränen aus und bat um Milderung. Der Beamte solle bedenken, daß ihr Sohn ein berühmter Arzt in Graz sei und sich bald vermählen werde; sie habe gehofft, zu ihm ziehen zu können und Enkel auf ihren Knieen zu wiegen. Sie habe doch nur aus Herzensgüte gefehlt.
Der Beamte entgegnete ihr, daß ein anvertrautes Amt gewissenhaft geübt werden müsse, und sie selbst müsse wünschen, daß Strenge walte, denn auch ihr Leben sei jederzeit von der Pflichttreue anderer abhängig. Sie habe das Leben von mehr als zweihundert Menschen in Gefahr gebracht und der Schade, der hätte verhütet werden können, sei auf mindestens 300 Arbeitsjahre zu schätzen.
Da traten die beiden jungen Uebelthäter vor und erboten sich, je vier Jahre Arbeitszeit auf sich zu nehmen, damit die Alte davon befreit werde.
Der Beamte lachte über diesen Vorschlag und sagte, sie seien junges Blut und dächten leichtsinnig von einer Last, die sie für ihre alten Tage auf sich nehmen. Er wisse, wie man ganz anders davon denke, wenn man alt geworden. Auch hingen sie noch von jenen ab, in deren Gewalt sie stünden, und dann stehe es nicht in Uebereinstimmung mit den Gesetzen, daß Freiwillige für einen Straffälligen eintreten. Endlich sei es der Verwaltung nicht gleichgiltig, wann die Arbeit geleistet werde, die einen theilweisen Ersatz schaffen soll.
Die Matrone erklärte nun, an den Bezirksbeamten berufen zu wollen, und bat den Tribun, sich ihrer Berufung anzuschließen. Da dieser aber die Bitte abschlug, hatte die Arme geringe Hoffnung, daß ihre Berufung Erfolg haben werde. Viele bezeigten ihr Mitleid, aber man fand das Urtheil doch gerecht und nicht übermäßig hart.
Die obdachlos Gewordenen waren schon versorgt und theilweise in benachbarten Ortschaften untergebracht und für den zweiten Tag waren schon alle Arbeitsleute bestellt, um den Bau in kürzester Frist wiederherzustellen.
In Graz erhielten wir alles Versprochene pünktlich übergeben.
Nichts von der Adelsberger Grotte, dem herrlichen Miramare, den Kriegsschiffen.
Oesterreich hat kein Heer mehr, da längst ein Abrüstungstraktat in Europa besteht; aber man unterhält eine sehr bedeutende Seewehr. Alle Continentalstaaten, welchen im Osten Rußland gegen Subsidien und Mannschaften vollen Schutz sichert, haben einen Küstenschutzverband verabredet und unterhalten nicht nur Küstenbefestigungen, sondern auch eine starke Marine, theils zum Schutze gegen England, das von Gibraltar bis zum rothen Meere aus allen Meeren und Inseln verdrängt worden ist, theils zum Schutze gegen die Raubstaaten in Argentinien und China, von wo aus die Piraterie schamlos betrieben wird.
Wir erkundigten uns, ob die Seeleute für den Handels- und Marinedienst ausgehoben würden, und erfuhren, daß man dazu, wie auch für die Truppen, welche in Sibirien dienen, nur jene Freiwilligen nehme, welche dafür die geringste Entschädigung fordern. Natürlich könnten sie kein Handgeld fordern, aber sie begnügten sich meist damit, daß ihnen ein Friedensjahr für 18, ein Kriegsjahr für 24 Monate gerechnet würde.
Auch von Abbazzia und dem großen Feuerwerke, das dort zu Ehren fremder Gäste stattfand, brauchen wir wohl nicht zu berichten. Wohl aber will ich einiges von unserem kurzen Besuche am kaiserlichen Hoflager auf der Insel Lacroma erwähnen.
Wir fuhren am Freitag um drei Uhr auf einer kaiserlichen Yacht vom Festlande auf die Insel hinüber. Der Hof mied sonst die südlichen Gegenden in den Sommermonaten, aber auf den Wunsch der Frauen der kaiserlichen Familie hatte man heuer versucht, den Aufenthalt im Süden dadurch erträglich zu machen, daß man der Natur trotzte. Man schlief vom Morgen bis zum Abende und stand um sechs Uhr abends auf. Die ganze Insel und die weitläufigen Schloßgebäude waren die Nacht über feenhaft beleuchtet. Man hielt die Mittagstafel um zwei Uhr morgens.
Der Kaiser und die Kaiserin blieben auf den Schlössern incognito und verkehrten wie geladene Gäste. Die Repräsentation führte diesmal ein Graf Andrassy mit seiner reizenden jungen Frau. Es war aber bereits für Samstag die Uebersiedlung des Hoflagers nach der Rosenburg bei Horn festgesetzt.
Da die Bewohner der Schloßgebäude noch im tiefsten Schlafe lagen, führte mich, — Forest hatte sich einem anderen Begleiter angeschlossen, — eine Aufwärterin, die Tochter des Schloßverwalters, Anselma, in die kaiserlichen Gemächer, die den Besuchern geöffnet waren. Eine Brise vom Meere her kühlte die Luft ab und wir durchwanderten die weitläufigen Räume. Anselma lüftete zuweilen die schweren Verhänge, um mich nach den Gärten und Wäldern blicken zu lassen.
Dann kamen wir nach dem Cabinete, wo der Kaiser seine Amtsgeschäfte erledigt, und dem Secretariate. In das Arbeitszimmer des Kaisers und das Secretariat führen die elektrischen Drähte. In letzterem zeigte mir meine Führerin die Phonographen mit einer Anzahl von einzulegenden Rollen und sie sagte, daß um sieben Uhr abends die Sitzung des Ministerrathes und der Reichstribunen am Forum in Wien begänne und da finde eine genaue Aufnahme der Referate und abgegebenen Voten durch die Phonographen statt. Jene würden von den Secretären im Nu schriftlich übertragen und beinahe gleichzeitig mit den Verhandlungen vom Cabinetschef dem Kaiser vorgelesen, der seine Entscheidungen bekannt gebe und oft Aufklärungen fordere, oder Aufschub anordne, wenn er schriftliche Vorlagen für nöthig halte.
Die Amtsgeschäfte des Kaisers werden meist in einer Stunde erledigt.
Ich erkundigte mich, um was sich diese Verhandlungen drehten, und Anselma sagte, es würden immer die wichtigsten Vorkommnisse der letzten Tage besprochen. Sie könne mir darüber Aufschluß geben, da man keine Amtsgeheimnisse kenne und vor den Hausgenossen verhandle, die in den Amtsräumen beschäftigt sind. Gestern sei der Brand in Bruck a. d. Mur zur Sprache gekommen und habe besondere Aufmerksamkeit erregt, weil seit vielen Jahren kein so großes Schadenfeuer sich ereignet habe und die bedenkliche Thatsache vorlag, daß amtliche Pflichten verletzt wurden. Man hatte vom frühen Morgen an Berichte über das Ereigniß auf telegraphischem Wege eingeholt und der Statthalter in Graz war persönlich nach der Unglücksstätte abgegangen. Das Ministerium habe befunden, daß der Verwaltungsbeamte ohne alles Verschulden sei und daß sowohl sein Disciplinarerkenntniß, als auch seine Verfügungen wegen Wiederherstellung der Gebäude und ununterbrochenen Betriebes der Produktion volle Anerkennung verdienen, weshalb seine Beförderung bei nächster Gelegenheit ihm zugesagt wurde.
Meine Begleiterin zeigte mir zahllose Kunstwerke der verschiedensten Art und machte mich aufmerksam, daß alles, was die Privatgemächer des Kaisers bergen, von der Hand der Mitglieder der kaiserlichen Familie herrühre. Seit Jahrhunderten erlerne jeder Erzherzog ein Gewerbe und die Erzeugnisse seiner Arbeit, wohl selten ohne Beihilfe geschulter Arbeiter zu Stande gebracht, werden in den Wohnungen der Familie aufgespeichert. Aber auch der Kunst widmeten sich viele Erzherzoge und zähle die Familie der Habsburger nicht nur Schriftsteller und Compositeure, sondern auch Maler, Bildhauer, Medailleure. Dazu die Kunstfertigkeiten der Frauen.
Man hörte klingeln und Anselma lud mich ein, die Gemächer zu verlassen, weil sich der Kaiser eben ankleide, und dann den Weg in sein Arbeitszimmer nehme. Sie führte mich auf mein Zimmer und ich setzte mich in Stand, um mich beim Frühstücke einführen zu lassen.
Der Verkehr war zwanglos. Graf und Gräfin Andrassy wurden so behandelt, als wären sie die Herren des Schlosses. Der Kaiser, dessen Ansprache man abzuwarten hatte, sprach mit mir, als ihm mein Name auf seinen Wunsch war genannt worden, ungezwungen über Amerika. Er sprach von dem Präsidenten unserer Union, “seinem brüderlichen Freunde,” und erkundigte sich nach den Eindrücken, die ich in Oesterreich gewonnen. Ich sagte, daß ich davon sehr befriedigt sei und weit mehr Aesthetik im öffentlichen Leben fände, als bei uns. Das freue ihn zu hören, sagte der Kaiser; es sei, fügte er lächelnd bei, wie die Geschichte berichtet, nicht immer so gewesen. Gerade die Aufgabe des Monarchen sei es, auf Wohlanständigkeit im geselligen und öffentlichen Leben hinzuwirken. Denn politische Aufgaben habe die Staatsverwaltung kaum je mehr zu lösen. Der Reichthum von Jahrhunderten, den die Dynastie und der Adel im Auftrage des Volkes verwalte, müsse dazu dienen, den Schönheitssinn bei allen zu entwickeln, so daß dieser auch alle Umgangsformen und die Beziehungen unter den Staatsbürgern beherrsche. “Das leiseste Unrecht, ja eine bloße Rücksichtslosigkeit verletzt unser Gefühl und man beeilt sich, jedem Genugthuung zu geben, bevor er sie gefordert; man könnte sagen, wir haben ein verweichlichtes Gemüth. — Aber entschuldige, junger Freund, ich muß jetzt die Gräfin Andrassy zu mir bitten, um zu fragen, wie sie geruht hat.” — Wie ich mich grüßend erhob, schritt eben die Gräfin, dem freundlichen Nicken des Kaisers folgend, auf ihn zu.
Später sah ich den Kaiser im Gespräche mit Arbeitern aus mehreren Provinzen, die zur Besichtigung der Insel und Baulichkeiten gekommen waren und gleich jedem anderen Oesterreicher Zutritt am Hoflager hatten. Ich verstand nicht, wovon die Rede war, da der Kaiser nach alter Habsburger Sitte mit jedem in dessen Muttersprache spricht.
Die Habsburger müssen ein Gehirn haben, das hundertjährige Anpassung an eigenthümliche Bedürfnisse ganz absonderlich entwickelt hat. Auch der gegenwärtige Kaiser spricht zehn lebende Sprachen und beherrscht sie in Rede und Schrift. Er war von frühester Jugend auf von Männern und Frauen umgeben, die in den verschiedensten Idiomen mit ihm verkehrten; er lebte abwechselnd unter den verschiedensten Völkern seines Landes, er liest, schreibt, verhandelt in allen diesen Sprachen, und auch in einigen der wichtigsten außerösterreichischen Cultursprachen mit voller Sicherheit. Dazu besitzt er ein ungewöhnliches Personengedächtniß und Menschenkenntniß. Man behauptet, daß er die Namen, persönlichen Verhältnisse und den Beruf von mehr als zwanzig Tausend Bewohnern Oesterreichs kenne und nur in den seltensten Fällen bedürfe es einer Nachhilfe der Personen, die seine Umgebung bilden, um sein Gedächtniß auf die richtige Fährte zu bringen, wenn er jemanden nach langen Jahren wieder sieht. Man liest es ihm an den Augen ab, wenn es nothwendig ist.
Eben hörte ich ihn lustig ausrufen: “Ei, die Gräfin Taaffe! Schon wieder ausgekniffen von Ellischau?”
“Wir haben eine gar zu lederne Gesellschaft in Ellischau zusammengewürfelt bekommen,” sagte die junge Dame heiter. Aber der Kaiser hielt ihr lachend den Mund zu; er fürchtete einen medisanten Bericht und dergleichen durfte der Monarch gar nicht anhören. Es war aber nur eine Verlegenheitsausrede der allerliebsten Frau, einer jugendlichen schlanken Blondine. Sie war von der Kaiserin wiederholt zu geheimen Berathungen berufen worden. Die Kaiserin beabsichtigte, ihrem Gemahl ein Bildwerk aus Marmor nach ihren Ideen meiseln zu lassen. Sie war eine Schwester des Grafen Eduard Taaffe und dessen Frau eine Schwester des Künstlers, der die Arbeit auszuführen gebeten wurde.
Es sollte das Bildwerk eine dahinschreitende Venus vorstellen, die von Liebesgöttern ihrer Gewänder beraubt wird. Von den Räubern war ihr einer in den Nacken geflogen, kniet auf ihren Schultern und verschließt ihr mit seinen Kinderhänden die Augen. Die Göttin greift nach seinen Armen, um sich zu befreien, und diesen Augenblick benutzen die Mitverschworenen, ihr die Schulterbänder, den Gürtel und die Schuhriemen zu lösen.
Die Fürstin wollte mit dem Meister nicht selbst verkehren; sie fürchtete, es könnte, wenn auch unbeabsichtigt, eine Porträtstatue aus dem Kunstwerke werden, was der Kaiser übel vermerkt haben würde. Beschreibungen, Zeichnungen und Modelle wanderten hin und her und der Künstler — wir kannten ihn genau — hatte sich der Sache mit allem Eifer bemächtigt. Seine Ideen vervollständigten die Angaben der Kaiserin und führten daher zu Controversen.
Der Künstler wollte, daß die Ideenassociation des Beschauers berücksichtigt werde. Man solle denken können, daß die Göttin ihren Weg ungehindert fortsetzen werde, von bewundernden Amoretten umflattert. Das bedingte eine andere Einrichtung der Gewandung, als die Kaiserin geplant hatte, und der Künstler wollte noch einen Zephyr zu Hilfe nehmen, der die lose Gewandung an die Glieder der Göttin weht und die Hülle entführen helfen soll.
Von diesen Machenschaften wußte der Kaiser nichts und es war bereits ein herrlicher Block von milchweißem Marmor aus Griechenland für die Civilliste erworben worden, worüber die Beamten des Hofes und der Centralregierung unter Beiziehung des Hoftribunes — die Ungarn nannten ihn den Tribun a latere — verhandelt hatten.
Eigenthümlich war das Auftreten der Hausgenossen. Es war schwierig, die alte Hofetiquette zu brechen und die Gleichberechtigung der Menschen zur vollen Geltung zu bringen, obgleich ja Christus gezeigt hatte, wie das Bedienen der Mitmenschen mit der vollen Menschenwürde zu vereinbaren sei, da er seinen Dienern die Füße wusch. Es war noch immer nicht erreicht worden, daß die aufwartenden Personen in der Gesellschaft gleich berechtigt verkehren konnten. Es waren alle Arbeiten der Hofhaltung durch mancherlei Behelfe veredelt worden. Man hatte ferner nur wohlgestaltete Mädchen und Jünglinge im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren an den Hof gezogen, die ein gewisses Maß von Ehrerbietung schon wegen ihrer Jugend bezeigen durften. Die Kleidung war natürlich würdig und erinnerte nichts weniger als an eine untergeordnete Stellung. In heißen Landstrichen liebte man, die Tracht der Römer und Griechen zu verwenden, wo es anging. Nur wenn die Hausgenossen Dienst hatten, legte man sich gegenseitig etwas Reserve auf. Niemand aber versäumte, jeden Wunsch mit einer freundlichen Bitte einzuleiten, und der Kaiser selbst vergaß nie, jede Handreichung mit einem “Danke, lieber Freund” oder “Vielen Dank, schönes Kind” zu erwidern. Hatten die Hausgenossen ihren dienstfreien Tag, so verkehrten sie seit einigen Jahren vollauf gleichberechtigt in der Gesellschaft. Das verdankte man dem Einflusse des Hoftribuns, der ein Ungar war und seit Jahren darum gekämpft hatte, daß man das Ceremoniell umändere, denn er pflegte zu sagen: “Jeder Ungar ist ein König.”
Der Kaiser aber wurde durch diesen edlen Stolz seiner Mitbürger nicht herabgewürdigt, sondern offenbar erhöht.
Nach dem Frühstück schlenderten wir in den Anlagen umher, machten Bootfahrten in Gesellschaft vieler Herren und Frauen, die uns, weil wir fremde waren, auszeichneten, und wir sahen den Fischern zu, welche ihre Netze auswarfen. Weit hinaus in's Meer warfen die Bogenlichter ihren hellen Schein, als wir endlich gegen elf Uhr heimkehrten, um an der Gesellschaft theilzunehmen. Es versammelten sich über hundert Personen im großen Park, wo auf einem weiten Platze kostbare Teppiche aufgebreitet waren, auf welchen man sich, wenn man nicht auf Stühlen oder Bänken Platz nehmen wollte, im Halbkreise lagerte.
Im Mittelpunkte der Gesellschaft saßen Kaiser und Kaiserin, dann Graf und Gräfin Andrassy, die mittlerweile zur Besichtigung einer Ausstellung nach dem Festlande gefahren waren, und dem Programme gemäß wurde ein berühmter Vorleser eingeladen, das Werk eines Dichters, der anwesend war, vorzutragen. Es war eine poetische Erzählung aus dem neunzehnten Jahrhunderte, von unbeschreiblicher Feinheit der Charakteristik und der Darstellung.
Als die Vorlesung beendet war, leitete der Kaiser die Debatte ein und so sehr er auch das Werk lobte, sprach er doch einige Bedenken aus. Der Dichter vertheidigte sich und eröffnete Gesichtspunkte, die dem Kaiser entgangen waren. Man wollte das Urtheil der Frauen hören und eine junge Frau fand mehreres unzart. Das gab nun Anlaß, zu erörtern, ob der Dichter es an Zartheit hatte fehlen lassen oder ob er innerhalb der Grenzen des reinsten Schönheitssinnes nur berichtet habe, was zum Verständnisse der Zeit und der Menschen jener Periode, sowie, um den Gang der Handlung zu begreifen, nothwendig war.
Das Gespräch drohte allgemein zu werden, aber der Kaiser bat, einen parlamentarischen Vorgang einzuhalten, da es sich um ein Werk handle, welches Hoffnung habe, bei der nächsten Preisvertheilung den Lorbeer zu erringen. Literaten, Professoren und besonders auch Schauspieler wurden aufgefordert, ihre Anschauung zu äußern.
Der Vorleser selbst sprach sich rühmend aus. Er sagte, daß gerade er zu einem Urtheile berufen sei, da sich ein gutes Werk leichter lese und es den Vorleser mit fortreiße. Das gelte besonders von einem neuen Werke, das der Recitator noch nicht kennt. Wäre irgend etwas dunkel, irgend eine Andeutung zu schwer zu verstehen oder etwas am unrechten Orte beschrieben, so würde der Vorleser auf Schwierigkeiten stoßen, eine vollendete Wiedergabe zu bieten; auch lese sich nur das leicht, was mit vollendeter Beherrschung der Sprache verfaßt und auf einen fließenden Vortrag berechnet sei.
Da nun der Dichter noch einiges zu seinen Gunsten vorbrachte und manchen Tadel siegreich widerlegte, schlug der Kaiser vor, man solle über die Frage abstimmen, ob hier ein Meisterwerk vorliege, an dem nichts zu tadeln sei. Alle stimmten für den Dichter, an den die Gräfin Andrassy herantrat, um ihm Glück zu wünschen.
Es wurde jetzt das zweite Frühstück gereicht und man stellte dann Bilder. — Zwischen zwei hochstämmigen Bäumen schlossen sich zwei mächtige Teppiche, hinter welchen die Aufstellung vor sich ging. So oft sich die Teppiche öffneten, bot sich ein entzückendes Bild, in welchem bekannte Scenen aus der griechischen Göttersage dargestellt waren. Die Frauenschönheit feierte Triumphe und umgaukelte unsere Sinne mit einer für Amerikaner unerhörten Freiheit. Ein unermeßlicher Schatz von Juwelen und Prachtgewändern, Gefäßen und Waffen bildete das Beiwerk.
Als der Vorhang für die Aufstellung des letzten Bildes zugezogen wurde, hörte man geschäftig hin und her laufen, es wurde gehämmert und die Pause verlängerte sich eine gute Weile. Man war in gespannter Erwartung. Als die Vorhänge sich öffneten, bot sich uns ein überraschender Anblick dar.
Es war die Darstellung der Anpreisung einer Sklavin, die römischen Patriciern zum Kaufe angeboten wird, nach einem alten Bilde. Durch einen großen Rahmen und die getroffenen Anordnungen, welche den Raum hinter dem Rahmen abschlossen, als spielte die Scene in einem Gemache, war der Eindruck hervorgerufen, als hätte man das herrliche Gemälde wirklich vor sich. Linker Hand stehen die Verkäufer, einer hinter dem andern, gemeine Menschen, den Blick auf die Käufer gerichtet. Der vordere von den Beiden zieht der Sklavin das Gewand vom Leibe, welches sie festzuhalten sucht, und hält sie roh am Arme, um sie zu verhindern, daß sie sich schamhaft abwende. Der alte Römer, der ihr gegenüber sitzt, ein schönes Gefäß auf den Knieen haltend, mit einem breiten unedlen Kopfe, hat ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, und verräth Bewunderung und mühsam unterdrückte Begierde. Hinter ihm auf der rechten Seite des Bildes, der Sklavin zugewendet, steht ein junger Mann, ein Knie auf den Stuhl gebogen, dessen Lehne er mit beiden Händen hält. Auch sein edles Gesicht ist in den Anblick der reizenden Sklavin versunken. Diese Figur stellte ein junger Prinz vor, der das ganze in's Werk gesetzt.
Die Sklavin war die liebreizende Anselma, die herrliche leuchtende Gestalt der Jungfrau war ebenso entzückend, wie die edle Haltung, die Scham und Keuschheit zum Ausdrucke brachte.
Unser Athem stockte, kein Laut ließ sich vernehmen und geraume Zeit blieb das Bild stehen, um uns Muße zu lassen, alle Einzelnheiten zu bewundern. Es schien, daß man der schönen Anselma freigestellt hatte, die Dauer der Vorstellung zu bestimmen, denn wir glaubten, sie etwas flüstern zu hören, als die Vorhänge rasch zugezogen wurden.
Jubelnder Beifall erscholl. Der junge Patricier kam in seiner römischen Gewandung hervor, während Anselma nach ihrer Wohnung gebracht wurde, und der Kaiser befahl ihm, Anselma zu bitten, den Dank des Monarchen entgegenzunehmen, sobald sie sich würde angekleidet haben.
Das Bild wurde besprochen und ebenso die Kunst des Malers, wie die Sorgfalt der Darstellung und die Schönheit Anselmas gerühmt. Nun kam sie, von dem jungen Manne geleitet, in einem herrlichen Gewande aus elfenbeinfarbigem Stoffe, das nur die Arme unverhüllt ließ, und als sie vor den Kaiser trat, sagte er: “Herzlichen Dank, schöne Anselma, für die Gnade, die du uns erwiesen.” — Doch die Kaiserin erhob sich mit den Worten. “Nicht so, lieber Rudolf, können wir soviel Liebreiz, Anmuth und Güte abdanken;” und sie faßte Anselma an den Schultern, um sie zu küssen. Dann schob sie die Jungfrau vor den Kaiser, daß auch er sie küssen solle, und das that er mit den Worten: “Sind wir nicht Schwester und Bruder?” — “Das sind wir,” sagte Anselma, “so lehrt es uns Jesus von Nazareth und meine Eltern haben mich von frühester Jugend an ermahnt, mich nicht geringer zu halten, als irgend jemand, der auf Erden wandelt.” — “Daran erkenne ich meinen Perger!” sagte der Kaiser lachend, “treu wie Gold, aber voll trotzigen Selbstbewußtseins!” — Darauf ergriff nun ihrerseits die Jungfrau die Hände des Kaisers mit den Worten: “Du hast vorhin Deine Schwester geküßt; ich mache von meinem Rechte Gebrauch und küsse meinen Bruder.” — Darauf bog sie sich über den Kaiser. Wir waren begierig, zu sehen, wie sich der Fürst benehmen würde. Er sagte: “Wohlan, ich will Dich schirmen, wie ein Bruder und wer Dich kränkt oder beleidigt, an dem will ich mit eigenen Händen Rache nehmen.” So fand sich der stolze Fürst in die ihm bereitete Lage und benahm dem Vorgange alles Zweideutige.
Es trat jetzt Prinz Lobkowitz an das Mädchen heran, das der Liebling aller geworden war. Es nahm erröthend seinen Arm und er entführte uns die Liebreizende. Da ich meinem Nachbar, einem jungen Künstler zuflüsterte, daß man in Amerika ein Mädchen für beschimpft hielte, das eine solche Rolle in Gegenwart von Männern übernehme, sagte dieser es sei dies auch in Oesterreich bis jetzt nie erhört worden, aber es sei nicht zu zweifeln, daß Anselma nicht ohne die Einwilligung der Frauencurie gehandelt habe, die wohl in Anbetracht des künstlerischen Vorwurfes zugestimmt habe. Darum sei auch Anselma vor jedem Tadel sicher und habe keine Unehre zu fürchten.
Die Gesellschaft brach auf, um auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zu pilgern, wo die Tafel bereitet war. Man speiste diesmal nicht im Garten, sondern es hatte der Haushofmeister die Tafel im Schlosse rüsten lassen. Es waren schon geraume Zeit bedrohliche Wetternachrichten aus Spanien, dem südlichen Frankreich und Italien eingelaufen und nach der Windrichtung war nicht zu zweifeln, daß bald ein Ungewitter losbrechen würde, obgleich wir noch Sterne am Himmel sahen.
Nach dem zweiten Gange prasselte auch ein Regenschauer, begleitet von Donner und Blitz, nieder und da man in den Sälen tafelte, die der Wetterseite gegenüber lagen, konnte man das Naturschauspiel bei offenen Fenstern genießen. Die berühmte meteorologische Reichsanstalt auf der Hohen Warte bei Wien hatte das Auftreten des Gewitters in Lacroma um fünf Minuten zu früh berechnet.
Wir aber reisten bei Morgengrauen ab, weil uns interessante Dinge nach Tulln riefen.
VIII.
Wir setzten uns am nächsten Abend, Samstags, mit Zwirner im Parke unter einen schattigen Baum und baten um die längst versprochenen Aufschlüsse über die Frauen. Zwirner sagte Folgendes: Man habe ursprünglich in den Tag hinein gelebt und die vorsorgliche Regierung habe sich begnügt, täglich den Geburtenüberschuß bekannt zu geben und allmonatlich eine Uebersicht des wachsenden Mißverhältnisses der Erwachsenen und der erziehungsbedürftigen Jugend ziffermäßig nachzuweisen.
Man begriff sofort, daß man zum Rechten sehen und daß das Volk über eine Gesetzgebung in Ehesachen schlüssig werden müsse. Ein Grübler verwies auf die Bemerkungen Platos in seinem Buche vom Staate und auf die Lehren Christi im Evangelium Matthäus 19, 11. 12, welche er auf seine Weise auslegte. Man verlangte Gesetze und in allen Gemeinden berieth man hin und her, um den richtigen Ausweg zu finden. Da entstand nun die Frauencurie. Die stimmberechtigten Mädchen und Frauen wollten sich in diesen Fragen nicht überstimmen lassen und forderten Abstimmung nach Curien. Diese Curien stimmten später auch noch abgesondert über Mutterrechte und einen Gesammtcodex für den Verkehr der Geschlechter.
Es wurde ermittelt, daß zur Zeit der alten Gesellschaftsordnung von sechs, sieben oder acht Frauenspersonen im Alter von 16-45 Jahren jährlich nur eine ein Kind zur Welt brachte. Man kannte die ältere Literatur für und wider den Malthusianismus und kannte die Geschichte des Verkehrs der beiden Geschlechter seit Onan, dem Gatten Thamars.
Nach mehrmonatlichen Verhandlungen, Anhörung der Aerzte, und nachdem auch festgestellt worden war, daß durch die vermehrten Geburten vor allem eine bedenkliche Vermehrung der Cretins, Krüppel und voraussichtlich Arbeitsunfähigen herbeigeführt wurden, wurde unter Annahme vieler Detailgesetze beschlossen, daß nur die gesündesten Mädchen und Jünglinge in einer bestimmten, verhältnismäßigen Anzahl zur Ehe zugelassen werden sollten und die anderen Mädchen, wenn sie ein illegitimes Kind zur Welt brächten, in Strafe zu nehmen seien.
“Nun sehen wir doch endlich die Tyrannei eingestanden,” rief Mr. Forest frohlockend aus.
“Es handelte sich um ein offenbares Volksinteresse und die Gesetze wurden vom Volke selbst vorgeschlagen und angenommen und es waren doch unter den Gesetzgebern die von der Ehe Ausgeschlossenen in der Mehrheit, also ist von einer Unfreiheit keine Rede. Uebrigens werdet ihr hören, daß ich nur von einer vorübergehenden Phase unserer Gesetzgebung im vorigen Jahrhundert spreche.”
“Aber wie kann ein solches Gesetz aufrecht erhalten werden und welche Unsittlichkeiten muß das im Gefolge habe?”
Zwirner sagte, die künftigen Ehefrauen seien zu jener Zeit, wie auch heute noch, schon als kleine Kinder ausgewählt worden, da die Aerzte ein scharfes Auge hätten für Konstitution und Gesundheit und da auch die Sektionen der Voreltern bekannt wären. Auch auf Schönheit sehe man und nun ließe man den künftigen Ehefrauen die Haare frei wachsen, den anderen schneide man die Haare kurz, und so wüchsen sie auf und erführen in einem Alter, wo noch jedes Verständniß mangelt, was ihnen bestimmt sei. So spielten sie auch ihre Rollen und es falle bis zu einem bestimmten Alter nicht auf, wenn etwa, späterer Beobachtungen wegen, das eine Mädchen, das Flechten trug, geschoren würde, einem anderen, das geschoren war, die Haare in Flechten wüchsen. “Sind die Mädchen einmal schon nahezu reif zur Ehe, haben sie schon Pläne im Kopfe und sich den Hochzeitstag ausgemalt, dann sind allerdings schonende Mittheilungen und Vorstellungen erforderlich, wenn ein Irrthum zu corrigiren ist; aber es muß sich jedes Mädchen fügen. Man sieht sie, ehe die Flechten fallen, mit rothen Augen und sie verlangen auch wohl, vorher in die Fremde gebracht zu werden, weil sie sich vor ihren Gespielinnen schämen, den Haarschmuck zu verlieren, der ihr Stolz war.”
“Wenn eine künftige Braut eines Fehltrittes überwiesen wird, begegnet ihr dasselbe strafweise, es wäre denn, daß ein junger Mann, gewiß der Mitschuldige, vorausgesetzt, daß ihm die Ehe verstattet ist, sich innerhalb acht Tagen erböte, die Ehe mit ihr einzugehen.”
“Nun muß ich auf die ältere Periode unseres gegenwärtigen Volkslebens zurückgreifen und jener Gesetzgebung erwähnen, die außer Kraft gesetzt wurde. Wegen der Geburt eines illegitimen Kindes verfiel damals das Mädchen, wegen Ehebruches die verheirathete Frau, in öffentliche Strafe. Die härteste Strafe war damals, daß man die Schuldige zum Büßerhemde verurtheilte. Es war aus grauer Leinwand und hat den ganzen Leib eingehüllt, nur Mund und Augen sind freigeblieben. In ihrer Schlafkammer allein durfte die Sünderin es ablegen, außer ihrer Kammer nie und außer ihrer Kammer durfte auch niemand mit ihr verkehren, noch über andere, als dienstliche Angelegenheiten mit ihr sprechen. Bei Abstimmungen oder Belustigungen mußte sie hinter allen zurückbleiben. Sonst ist ihr kein Leid widerfahren, aber das Erscheinen dieser Person hatte etwas erschütterndes.”
“Die Schuldigen selbst haben sich bald daran gewöhnt und, wenn es ihnen zu hart schien, konnten sie ja, was wir jedem erlauben, der mit seinem Lose in der Gesellschaft unzufrieden ist, ausscheiden und sich ihren Antheil am Nationalvermögen herausgeben lassen, womit sie aber auf die Vortheile der Gesellschaft verzichteten, und mußten sie dann zusehen, wie sie sich selbst fortbrächten, oder sie konnten in die Colonieen, die wir in Afrika haben, auswandern und so ihr Büßerhemd loswerden. Auch in den Colonieen genießt der Oesterreicher volle Versorgung vom Staate, er ist nicht seinem guten Glücke überlassen und er beginnt dort wie hier mit geregelter Arbeit und gesicherter Lebensstellung, wie wir auch jedem auf Wunsch Grund und Boden und ein Haus in der Colonie zu Lehen geben, wenn er allein oder in Familie leben will. Allein dort ist die Sterblichkeit für Einwanderer so groß, daß wir es für Mord halten würden, jemand zur Auswanderung dorthin zu zwingen. Wollte die Sünderin mit ihren Kindern sonst wohin auswandern, so ermöglichte es der Staat, aber die Liebe zur Heimath ist so groß, daß zu jener Zeit beinahe alle diese schönen Sünderinnen das Büßerhemd vorzogen. Junge Leute wandern übrigens unternehmungslustig zuweilen aus, bevor sie mit den Gesetzen in Widerspruch gerathen, und will ich nur noch bemerken, daß wir wegen Mord oder anderer großer Verbrechen niemals Strafe verhängen, wenn der Verbrecher die Verbannung selbst wählt. Wir wollen, daß die Verbannung härter scheinen solle, als selbst der Tod.”
“Nun muß ich weiters erwähnen, daß übrigens auch damals das Gesetz gegen illegitime Geburten nur im Nothfalle angewendet wurde, wenn nämlich deren Zahl derart überhand nahm, daß es wirklich bedrohlich wurde. Einige tausend solcher Geburten, besonders wenn die Kinder doch kräftig und gesund waren, erschienen nicht als eine Last, die zu großer Strenge berechtigt hätte; es sollte nur Nothwehr geübt werden, wenn große Uebelstände drohten. Sehr oft also wurde ein solches Mädchen nur mit einem Verweise der ältesten Frau im Orte entlassen.”
“Allein selbst diese schonende Anwendung eines Gesetzes, das an eine böse Vergangenheit erinnerte, war unsern Vätern ein Gräuel und so fand sich bald ein Ausweg. Die Hauptgrundsätze sollten beibehalten werden; Fortpflanzung der kräftigsten Menschen innerhalb einer Grenze, die kein zu rasches Anwachsen der Bevölkerung erwarten ließ, Kinderlosigkeit der von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen, Ahndung des Ehebruches einer Frau, die nicht die Scheidung erwirkt hatte; aber wir hoben die alten Strafgesetze auf.”
“Die Frauencurie, von der wir noch zu sprechen haben werden und die ihre geheime Organisation hat und von weiblichen Aerzten vortrefflich und auch über manche uns geheim gebliebene Naturgesetze berathen ist, stellte den Antrag, wir sollten jene Strafgesetze aufheben und alle verwirkten Strafen erlassen; sie wolle sich dafür verbürgen, daß, was das Gesetz beabsichtige, ohne solche Strafen erreicht werde, man möge es aber der Frauencurie überlassen, das so zu bewirken, wie sie es für gut hielte.”
“Aber bei der Auswahl der künftigen Ehefrauen, dem Abschneiden und Wachsenlassen der Haare möge es wie von altersher verbleiben, nur verlange man, daß die Begutachtung der Gesundheit von Mädchen nicht von den Aerzten allein, sondern von ihnen in Gemeinschaft mit einer Vertrauensperson der Frauencurie und einer Vertrauensperson der Mutter des Mädchens geschehe, und darauf ist man eingegangen. Wir können damit ganz zufrieden sein; es ist zur feststehenden Sitte geworden, daß kein weibliches Geschöpf das Gesetz übertritt, und ist übrigens das Frauenleben zum Theile ein Geheimniß für uns.”
“Die Frage, was die Nothwendigkeit, das Geschlechtsleben mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, für Folge für die Sittlichkeit mit sich bringe, könnt ihr euch ja zum Theile selbst beantworten, da mir Dr. Kolb erzählt, daß darüber vor euch im hygienischen Congresse verhandelt wurde. Wir pflegen nicht davon zu sprechen, da es Dinge giebt, die man heilig hält und die eine Besprechung bloß der Neugierde wegen nicht gestatten. Wer dazu berufen ist, mag darüber in gelehrten Versammlungen zum Zwecke der Förderung des öffentlichen Wohles sprechen, oder in gleicher Absicht in Fachblättern schreiben, aber ein Gesprächsstoff allgemeiner Art ist dergleichen nicht. Entbindet mich daher von der Aufgabe, mich auf Einzelheiten einzulassen, die unserem Zartgefühle widerstreben. Wir geben uns aber nicht für Heilige aus, wir verabscheuen nichts mehr als den Pharisäismus, wir schweigen nicht, weil wir Gott danken, daß wir nicht sind, wie diese und jene, sondern weil wir uns die Freude am Weibe nicht selbst zerstören wollen.”
“Im Allgemeinen nur sagen wir, daß man von den Menschen nichts Unmögliches, also Unvernünftiges, hoffen darf; es ist uns nicht gestattet, jemand Lasten aufzubürden, die wir selbst mit dem Finger nicht berühren möchten. Unter vielen Uebeln das kleinste zu wählen, ist in sittlicher Beziehung genug, und Aufgabe der Menschen ist, vorwärts zu streben und unablässig auch für das kleinste Uebel wieder Abhilfe zu suchen, sei es auch, daß wir doch wieder nur ein neues, wenn auch kleineres Uebel fänden. Wir können nur sagen, daß einerseits aus religiöser Schwärmerei, die manche alte Männer zu verbreiten suchen, andererseits aus Schamhaftigkeit sich sehr viele Mädchen von der Geschlechtsliebe ganz zurückziehen. Aber es bestehen gerechte Zweifel, ob das selbst für jene, die der Ehe entsagen mußten, sittlich gerechtfertigt ist. Es wird behauptet, daß sie sich dadurch das Leben verkürzen, und die Schwachheit des anderen Geschlechtes, der unvermählten Männer, erheischt ja auch Schonung.”
“Wie ihr bemerken werdet, sind unsere Mädchen und Wittwen gleichweit von Prüderie, wie von Frechheit entfernt, und ist uns eine anmuthige Geschichte aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts überliefert. Ein fremder Prinz, der für Frauenschönheit schwärmte, war in der Hofburg abgestiegen und unser damaliger Kronprinz hörte, daß jener besonders das goldblonde Loreleyhaar vergöttere. Noch am selben Morgen hatte der Kronprinz festgestellt, daß Oesterreich über 150 der schönsten Mädchen mit langen goldblonden Haaren besitze, die im Alter von 15-18 Jahren ständen, und auf seine Einladung waren alle am nächsten Morgen mit ihren Müttern in Wien angekommen. Am Abend, als die Versammlung im großen, weißen Marmorsaale conversirte, wurde die Mitte des Saales geräumt und Hof und Gäste sich im Kreise auf Stühlen niederzulassen eingeladen, worauf sich Feenmusik hören ließ und durch die geöffnete Saalthüre eine Schaar von Elfen in weißer Tracht und Geschmeide tanzenden Schrittes hereinschwebte, mehrmals den Saal langsam umkreiste und wieder verschwand. Die Mädchen kleideten sich sofort um, um heimzufahren. Niemand durfte folgen. Aber man war wie gelähmt davon, zu sehen, daß die jungen Damen, welchen die goldenen Haare frei um den Rücken flatterten, nicht nur die nackten Füße in goldschimmernden Sandalen stecken hatten, sondern daß auch ihr künstlich drapirtes mattweißes Oberkleid, nur auf der rechten Schulter von einer Agraffe festgehalten, die linke Achsel und Brust frei ließ. Der Kronprinz hatte diese Oberkleider, die ja nicht an den Leib zu schneidern waren, mittlerweile anfertigen lassen und Geschmeide und Sandalen gab es von den Bühnen und in der Schatzkammer in Menge. Die jungen Damen und ihre Mütter waren, an dem Vorschlage überrascht, nach kurzem Besinnen darauf eingegangen und so war es gelungen.
Die Kronprinzessin schmollte, der Kaiser zweifelte, ob man nicht zu weit gegangen sei, aber der fremde Prinz erging sich in lebhaften Danksagungen.
Das Reichsblatt berichtete alles getreulich und die Curien der Frauen und Mädchen traten sofort zusammen, um zu berathen, was zu thun sei. Die Frauenzeitung, welche von Frauen redigirt und gedruckt, in gut verschlossenen Couverts verschickt, nur von Frauen und Mädchen gelesen wird und in die noch nie ein Männerauge einen Blick geworfen hat, muß vielerlei Bemerkungen und Anträge enthalten haben, bis nach vierzehn Tagen das Verdict der Frauen und Mädchen Oesterreichs verlautbart wurde. Die Elfen und ihre Mütter wurden von aller Schuld freigesprochen, da sie überrascht worden waren. Gerade auf Betreiben der älteren Frauen wurde auch erkannt, die Schicklichkeit sei doch nicht verletzt und man befürchte keine üblen Folgen, da man strenges Regiment führe und nicht dulden werde, daß dergleichen zu weit gehe. Auch wüßte jedes Mädchen in Oesterreich, Bewerber in gebührende Schranken zu weisen, aber daß dergleichen einem fremden Prinzen zu Ehren geschehen und man glauben könnte, von solchem müsse sich eine Oesterreicherin mehr gefallen lassen, als von ihres gleichen, das habe empört und man beauftragte das Reichstribunat, dem Kronprinzen die Mißbilligung auszusprechen. Es verfügte sich auch der älteste Reichstribun im Auftrage seiner Collegen zum Kronprinzen, der die Mittheilung achtungsvoll anhörte und bat, die Frauen und Mädchen in Kenntniß zu setzen, daß er sich schuldig bekenne und dergleichen nicht wieder thun wolle, aber um die Gunst nachsuche, wieder zu Gnaden aufgenommen zu werden. Das meldete wieder pflichtschuldigst die Reichszeitung und zum Zeichen der Versöhnung wurde beschlossen, der Kronprinzessin ein Spitzentuch zu klöppeln, wie ein schöneres noch niemals zu sehen gewesen.”
“In Anlehnung an jene Scene hat sich für die jährliche Brautschau, wo die Ehecandidaten beider Geschlechter, insgesammt unbewacht, aber gewiß in strenger Zucht und Ehren, verkehren, eine Sitte, oder nennen wir es eine Unsitte, herausgebildet, von welcher man aber Fremden nichts verrathen darf.”
Zwirner schien aber seine Gedanken jetzt nicht bei uns zu haben.
Wir schwiegen und gedachten unserer Liebesabenteuer auf der Reise nach Abbazzia. Denn so ganz unbegnadet verläßt ein Reisender nicht leicht das gastfreie Land, wo jede unschädliche Freiheit Duldung findet. Die Wittwen und die Mädchen mit verschnittenen Haaren verkehren frei mit jungen Männern, ohne aber lästige Zudringlichkeit zu dulden. Es ist auch nicht im geringsten anstößig, wenn sie Fremde oder männliche Genossen auf ihre Stube laden, um mit ihnen ungestört zu plaudern, mit ihnen ein Buch zu lesen, ihnen Stickereien oder Zeichnungen zu zeigen und hört man überall in den Frauencorridoren, viele von ihnen wohnen in ihnen besonders vorbehaltenen Corridoren, schäckern, lachen und plaudern und weiß man auch, daß solchen Besuchen eine Einladung vorausgegangen sein muß, so weiß man doch auch, daß daraus noch nicht das geringste gefolgert werden kann und es sich in der Regel nur um eine Höflichkeit handelt. Es gilt das auch keineswegs schon als eine Aufmunterung und meistens folgt dem leisesten Zeichen von Galanterie, die Wünsche verrathen läßt, auf welche die Schöne nicht eingehen will, eine deutliche, aber nicht unfreundliche Ablehnung. Es bleibt die Antwort aus, das Lächeln macht einem leichten Stirnrunzeln Platz, auch heißt es wohl: “Ergehen wir uns lieber im Garten”, und wird dann die Einladung auf die Stube schwerlich wiederholt. Unter zehnmal mag es aber doch einmal vorkommen, daß man fühlt, man dürfe langsam weiter gehen, und so ist es mir, vielleicht auch Mr. Forest, ja auch einmal ergangen, aber wehe mir, wenn jemand hätte errathen können, wer mir hold gewesen. Ich hätte unfehlbar abreisen müssen; Oesterreicher aber, die nicht schweigen können, werden in Bann gethan und Fluch derjenigen, die einem solchen Gunst erweist. Sie wäre vervehmt.
Ich dürfte nicht einmal verrathen, an welchem Orte mir Heil widerfahren war. Das wäre eine schöne Sache, wenn die Welt erführe, die Frauen in dieser oder jener Gegend seien entgegenkommender, als wo anders. Es sehe jeder, wie er's treibe.
Man fühlt es bald heraus, wo man Hoffnung hat, Gunst zu finden, obgleich die Anzeigen einem Dritten nicht erkennbar sind. Nur die Frauen scheinen sich immer zu verstehen; ihre Wege kreuzen sich nie. Dann aber ist es nicht gestattet, täppisch zuzugreifen. Die kleinste Gunst will erworben und erstritten sein; es entspinnt sich ein Kampf, zu dem sich zwar beide Theile stellen, der aber den Sieg verzögert, oft lange verzögert. Das brennendste Verlangen muß der begehrende Mann zu zähmen wissen, will er der Gunst theilhaft werden, deren sich nur jener erfreut, der weiß, und gesteht, daß er sie nicht verdient und daß sie ihm nur als Geschenk gewährt werden kann. Dieses lang hingehaltene Warten erhöht aber auch das Glück und wir lernen in diesem Lande die käufliche Gunst hassen. Wie kann sich ein Mann so erniedrigen, ein Weib zu umarmen, das, von Allen verachtet, sich selbst verachtet?
Giebt uns aber nach langem Zögern ein Blick der Umworbenen Vollmacht, die Thüre zu verriegeln, dann entschädiget uns auch eine unvergleichliche Liebesglut für die Selbstbeherrschung, die wir uns auferlegen mußten, und wer die Umarmung eines Weibes genossen hat, das sich seiner Würde bewußt bleibt, wird niemals an einer Hetäre Gefallen finden.
Eines noch sei erwähnt. Zu ganz hoffnungslosem Werben verleitet uns die Oesterreicherin nie. Das grausame Spielen mit Gefühlen, die unerwidert bleiben sollen, hält das Weib hier zu Lande für eine Verruchtheit. — Die ganze Gesellschaft in Oesterreich durchweht ein so homogener Zug eines lebendigen Gefühls für Würde und Wahrhaftigkeit, daß jeder, der diese Luft einathmet, erzogen wird und er sich bald zurechtfindet in diesem Liede ohne Worte: “Liebe und Frauengunst”, ein Lied, das in Vergessenheit gerathen war in der traurigen Epoche, in der das feile Weib mit dem gleichermaßen feilen Manne verächtliche Buhlschaft trieb.
Man hörte “Zwirner” rufen und dieser erhob sich mit den Worten: “Kommt mit auf meine Stube, wir haben Versammlung.” — Es erwarteten ihn dort acht Altersgenossen, die uns begrüßten und nachdem man fehlende Stühle aus den Nebengemächern herbeigeschafft hatte, wählte man Zwirner zum Obmanne, der die Versammlung eröffnete. Er begann: “Ihr wißt, Freunde, daß zwei Gesetzesvorschläge in Berathung stehen; die Aufhebung des Adels und die Beseitigung der Monarchie. Die nach der Verfassung erforderlichen zwanzig, beziehungsweise vierzig Bezirke haben zugestimmt und der Antrag ist genügend unterstützt. Die Verfassung schreibt vor:” — Zwirner hatte die Verfassungsurkunde mit den beigedruckten Voten sachkundiger Forscher vor sich liegen und es ging daraus hervor, daß der erste Antrag sofort mit einfacher Stimmenmehrheit angenommen werden kann, der Beschluß aber im Falle eingelegten Vetos über ein Jahr erneuert werden muß. Dann kann das Veto nicht wiederholt werden; wird der Antrag aber bei der ersten oder zweiten Abstimmung vom Volke verworfen, so darf er vor Ablauf von zehn Jahren nicht wieder eingebracht werden.
Der zweite Antrag erfordert zur Annahme eine volle Zweidrittelmajorität und es ist zwar kein Veto zulässig, der Beschluß tritt aber erst nach fünf Jahren, wenn es sich bloß um die Absetzung des Kaisers handelt, nur mit Zustimmung der kaiserlichen Familie in Kraft und kann mittlerweile widerrufen werden. Auch setzt der Vollzug des Beschlußes auf Abschaffung der Monarchie voraus, daß innerhalb der nächsten fünf Jahre eine neue Verfassung mit einer Mehrheit von zwei Dritteln aller Stimmen genehmigt wird, wider welchen Beschluß aber auch kein Veto stattfindet.
Die Debatte wurde eröffnet und wurden viele Meinungen vorgebracht.
Ein junger Mann schrie laut, daß der Adel überflüssig sei, die Monarchie könne beibehalten werden. Der Redner war auffallend vernachlässigt und unreinlich und wir erfuhren später, daß er nie in die Adelscirkel sei zugelassen worden, was aber allgemein gebilligt worden war, daher das Tribunat sich seiner nicht annahm.
Ein anderer sagte, es lägen Voten der Professorencollegien und Studentenverbindungen vor, daß man sich an diese Zirkel gewöhnt habe und man sie nicht missen wolle.
Die meisten Stimmen sprachen sich dahin aus, daß der Adel Functionen verrichte, die nicht entbehrt werden könnten und wozu andere Volksgenossen nicht besser geeignet wären. Einige beklagten die Höhe der Civilliste, aber andere fanden nichts zu bemerken; man sehe ja klar, wie sie verwendet werde. Von der Aufhebung der Monarchie wollte niemand hören. Ein Antrag auf Verminderung der Civilliste wurde nicht in Verhandlung gezogen, weil es sich jetzt um andere concrete Angelegenheiten handle und die Verhandlung in diesem Stadium nicht gestört werden solle. Die Mehrheit war gegen beide Anträge.
Als sich Zwirner erhob, fragte ich: “Was sollen nun diese neun Stimmen?” — Zwirner erwiderte hierauf: “Dieselbe Berathung haben alle anderen Genossen und Genossinnen in Oesterreich heute gepflogen und ich werde in einer Stunde mit den Obmännern meiner Section zusammentreten. Jede Gemeinde und jedes Quartier hat sechs bis zehn Sectionen weiblicher und männlicher Staatsbürger, die sich in Urversammlungen gliedern, deren einer ihr beigewohnt habt. Die Obmänner der Urversammlungen berathen dann, tauschen die Berichte über die Urversammlungen aus, erwähnen der vorgebrachten Argumente, vergleichen die Stimmen für und wieder und stellen dann fest, wie viel schwankende Stimmen abgegeben wurden. — Nach eingehender Berathung wird das wahrscheinliche Stimmenergebnis der Sectionen festgestellt und es wählt jede Section den Obmann, der mit den Obmännern der übrigen Sectionen zusammentritt, um noch einmal zu berathen. Der letzteren Versammlung wohnen die Beamten und Tribunen bei und kann die Berathung auch mehreremale an die Urversammlungen zurückgeleitet werden, wenn bis zum vorausbestimmten Abstimmungstage noch genügend Zeit übrig ist. Der Endabstimmung gehen meist noch Versammlungen des ganzen Bezirkes voraus, in welchen man Redner anhört, und kann die Versammlung jedem Redner das Wort entziehen.”
Ich sagte nun: “Und wenn die Regierung die Abstimmung hintertreibt?”
“Das kann sie nicht, weil die Einleitung der Abstimmung Sache des Tribunats ist.”
Ich sah Forest an und dieser war offenbar in Verwirrung. “Und was mag das Endergebniß sein?”'
“Ich habe gar keinen Zweifel, daß Adel und Monarchie beibehalten werden, denn das Volk ist conservativ, wenn es Einrichtungen gilt, die sich nicht als offenbar schädlich erwiesen haben.”
Nun erwähnte Mr. Forest der Bücher von Bellamy, und Michaelis[B] und sagte, daß man in Amerika zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sei. Darauf sagte Zwirner, es werde sich empfehlen, daß wir ihm die Bücher zum lesen geben, und er werde dann seine Meinung sagen.
Er ging in die Sectionsversammlung und überließ uns unseren Gedanken.
IX.
Der Sonntagmorgen brach an und gab zunächst wenig Hoffnung auf einen vergnügten Tag, da regnerisches Wetter war und man sich auf die Nothwendigkeit gefaßt machte, die geplanten Ausflüge aufzugeben. Viele hatten zwar vor, nach Wien zu fahren und Museen oder die Ausstellung der neuen Bilder zu besuchen, welche von den Bewerbern um den Malerpreis waren eingesandt worden und welche nach Zuerkennung der Preise am zweitnächsten Sonntage ihre Rundreise um die Kreisstädte machen sollten, weshalb sie dann jahrelang für die Bewohner von Wien und Umgebung nicht mehr zu sehen waren, und es bot ein großes Interesse, sich darüber zu streiten, wer wohl den ersten Preis erlangen würde.