Zuchthausgeschichten
von
einem ehemaligen Züchtling
von Joseph M. Hägele
Mit einem Vorwort
von
Dr. Alban Stolz
Professor an der Universität zu Freiburg.
Zweiter Theil
Inhalt:
[I. Der Duckmäuser]
[1. Der Duckmäuser als Schulbube]
[2. Dorfgeschichten]
[3. Duckmäusers Glücksstern erbleicht]
[4. Junges Glück und alter Hochmuth]
[5. Der Duckmäuser wird Soldat, sucht und findet in der Kaserne Vorbilder]
[6. Die Kirchweihe]
[7. Wie Einer fast ohne Schuld des Teufels werden kann]
[8. Itania, das Kasernenhäschen, der Deserteur]
[9. Der Duckmäuser läßt sich Etwas erzählen]
[10. Bruchsal]
[II. Aus den Briefen des Spaniolen]
[1. Vorbericht]
[2. I.]
[3. II.]
[4. III.]
[5. IV.]
[6. V.]
Münster, 1853.
[ ] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
Der Duckmäuser
Wir befinden uns im Krankensaale des Zuchthauses zu Freiburg. Es ist ein helles, freundliches, trauliches Gemach; die reinlichen Betten mit ihren Täfelchen oben an der Wand, die einfachen, doch stets blank gescheuerten Nachttische, der lange Tisch mitten in der Stube, dort an der Säule die Schwarzwälderuhr mit ihrem bunten Zifferblatte und schwerfälligem, regelmäßigen Picken, der große Kachelofen dort neben der Thüre, dessen gelb glasirte Kacheln mit dem mattgrünen Wandanstriche harmoniren, der Ordinationskasten mit seinen Flaschen, Gläsern, Schüsseln und Düten obendrauf, all dieses zusammen macht einen gemüthlichen, wohlthuenden Eindruck und das geschäftige Hin- und Hereilen des Krankenwärters, das freundlich stille Benehmen des Aufsehers, das menschenfreundliche des Arztes und der Beamten bei ihren Besuchen lassen Einen schier vergessen, daß man ein Zuchthäusler, ein Gefangener sei und dies um so mehr, weil die Tracht der Sträflinge durch die langen weißen Röcke der Genesenden in Vergessenheit gebracht und der Lärm der Arbeitssäle nur von weitem zu hören ist.
Dort an einem Fenster sitzt ein bleicher, hohläugiger Bursche, hüstelt zuweilen und schaut mit seinen großen Augen, aus welchen bereits der Lichtschimmer einer andern Welt leuchtet, schwermüthig und sehnsüchtig in die herrliche Landschaft hinaus. Das nahe Gebirge mit seinen bunten Wäldern, langen Kämmen und Felsenwänden, die Hügel mit ihren Kapellen, Schlössern, Höfen, Obstgärten, Weinbergen und wogenden Saatfeldern, das weite sonnige Rheinthal mit seinen blitzenden Quellen und Bächen, unübersehbaren Matten und Feldern, Alleen und kleinen Wäldchen, aus denen die Kirchthürme vieler Dörfer herüberwinken, im Hintergrunde eine lange im Duft verschwindende Waldlinie, weiter hinten eine Hügelkette voll Dörfern, gleichsam mitten in einem ungeheuern Garten stehend, vom dunkeln, den Gebirgszug abschließenden Walde umzäumt; zuletzt hinter diesem mächtigen Zaune das mächtige, wie eine dunkle Wolkenmasse in das gartenähnliche Rheinthal herüberstarrende Vogesen-Gebirge, auf welches sich das tiefe Blau des Himmelsdomes zu stützen scheint—all dieses gewährt einen Anblick, dessen entzückende Schönheit der roheste Sträfling tief empfindet, wenn er auch seine Empfindung niemals auszusprechen und noch weniger mit dem Messer des Verstandes anatomisch zu zergliedern versteht.
Und wenn erst die leuchtende Königin des Tages hinabtaucht in einem Gluthmeere voll unaussprechlicher Farbe, ihre halbe Scheibe hinter den dunkeln Vogesen vollends versinkt, ihre letzten Strahlen aus hundert Fenstern und Quellen blitzen und zucken, das weite Rheinthal, die Höhen des Schwarzwaldes mit einem rosigen Verklärungsschimmer übergießen, der mehr und mehr, die Ebene dem Sohne der Nacht, dem Schatten überlassend die Höhen emporfließt, von den höchsten Gipfeln noch einen Scheideblick in das dämmernde Thal hinabwirft und dann zum Himmel zurückkehrt—ach, man glaubt Gott über das Land schreiten zu sehen, in ein versinkendes Paradies hineinzuschauen! ...
Im kranken Gefangenen wird der Verbrecher vergessen, wenn er nicht selbst daran erinnert, das Damoklesschwert der Hausordnung hängt minder drohend über seinem Haupte, an die Stelle unerbittlicher Beamten tritt der heilende Arzt.
Der Gefangene nähert sich einigermaßen dem Zustande der Freiheit, die Krankenstube verbindet ihn durch die Aussicht in den Marktlärm des Stadtlebens mit der Gesellschaft, durch die Aussicht in die wunderliebliche Landschaft mit der Natur, durch beides mit Gott etwa? Selten! ...
Alle Vortheile, aber auch alle Nachtheile der Krankenstuben ordentlicher Spitäler finden sich in diesem Saale des Zuchthauses vereiniget.
Gegenwärtig liegen nur wenige Kranke in den Betten, mehrere sitzen auf dem Rande derselben oder auf einfachen Stühlen, andere am langen Tische, um Kaffeebohnen auszulesen oder Düten zu fabriziren.
Mild und freundlich schaut die Sonne herein, der ergraute Aufseher macht ein Schläfchen, wer wollte es ihm verübeln? Tausende von Nächten hat er in einer langen Reihe von Jahren treulich durchwacht, schon seit zwölf Uhr Nachts ist er wieder auf den alten Beinen, die Natur überwältiget ihn, er mag immerhin duseln und träumen von einer bessern Besoldung! ...
Mehrere Gestalten sind uns bekannt.
Auf jenem Bette liegt halbaufgerichtet der Mordbrenner aus der Baar, stützt das Bulldoggengesicht in die schwielenharte Faust und starrt finster und trotzig durch die hellen Scheiben in das freundliche Himmelsblau.
In jenem Winkel lehnt der Exfourier, blättert in einem alten, halbzerrissenen Gebetbuche und das höhnische Zucken der Mundwinkel zeigt schon, daß er nicht betet, sondern critisirt, wenn er auch nicht von Zeit zu Zeit über "den Thurm Davids, das elfenbeinerne Gefäß und goldene Haus" seine Kasernenwitze losließe.
Neben ihm liegt Martin der Wirthssohn, das Gespenst des früheren Schlosserlehrlings mit verzweiflungvoller Resignation lächelnd, wenn er zu fühlen vermeint, wie der Tod langsam zu seinem Herzen steige.
Das Murmelthier fehlt auch nicht, sondern schnarcht den Faden des Lebens weiter, während im weißen Nachtrocke und Pantoffeln leise eine Gestalt mit gebräunter, von tiefen Leidenschaften durchwühltem Gesichte auf und ab wandelt—der Spaniol, der vor kurzer Zeit mit dem betrogenen und als Räuber zum zweitenmal verurtheilten Zuckerhannes hier zusammentraf. Von Zeit zu Zeit steht der Spaniol düster sinnend an einem Fenster, welches in das Straßenleben der Stadt hinabsehen läßt und ein wilder Schmerz arbeitet in seinen Zügen. Draußen Revolution, der erste Kanonendonner der "großen Zukunft" und er—mit seinen himmelstürmenden Ansichten, seiner verzehrenden Thatkraft und seinem brennenden Ehrgeize ein Sträfling, ein ohnmächtiger Gefangener, ein gemeiner Verbrecher! ...
Kein Wunder, daß er heute nicht predigt; sein Stolz läßt ihm keine laute Klage zu, aber er herrscht auch hier und würde nicht nur der Liebling der meisten Beamten und Aufseher, sondern wohl auch der meisten Mitgefangenen sein, wenn nur der kropfige Zuckerhannes nicht da wäre und geplaudert hätte.
Doch diesen blutarmen Menschen um die sauerersparten Pfenninge betrügen, das ist eine That, welche auch im Zuchthause nicht immer Vergebung findet und weil der Betrogene den Spaniolen als Vater seines ganzen Unglücks betrachtet, nichts von der Rechtfertigung desselben hören mochte und bei der Mehrzahl der Sträflinge in der ersten Zeit vollen Glauben fand, deßhalb neigte sich der Spaniol bisher mehr den Hütern als den Gehüteten zu und soll neulich den ärgsten Aufseher im Eifer für die Hausordnung überboten haben.
Wenn er naht, verstummen die Meisten, aus ihren Blicken kann er Vieles lesen, heute mag er nicht predigen! ...
Der Zuckerhannes selbst liegt im Bette, athmet zuweilen schwer auf und hustet krampfhaft, horcht auf die Reden einer kleinen Gruppe seiner nähern Freunde, welche ganz in seiner Nähe sich niedergelassen hat.
Da finden wir den einst so fröhlichen und lebendigen, jetzt immer düstern und schwermüthigen Bläsi, aus der Pfalz, diesen unglücklichen Dragoner, den das Schicksal so hart vom Gaule geworfen.
Neben ihm sitzt der Patrik von Hotzenwald, dieser rohe, ungehobelte, doch gutmüthige und witzige Spitzbube, der immerhin noch mehr werth ist, denn sein Nachbar, der Donat, dessen Geschichte deutlich zeigt, was aus einem Menschen ohne Erziehung, Geld und Religion werden kann, wenn der Stachel der Genußsucht tief im Fleische mit seinen lüsternen Schwingungen steckt.
Diese Leute hören dem Duckmäuser zu, welcher keine Gelegenheit fand, dem Zuckerhannes Gutmachgeld zu senden und sich jetzt nach Bruchsal gemeldet hat, weil er voraussieht, sein einziger Freund werde nicht mehr mit dem Leben davonkommen. Den langwierigen Todeskampf des Unglücklichen darf und mag er nicht ansehen, mag nicht erleben, daß eines Tages ihm das Glöcklein verkündiget, der Hegäuer habe ausgelitten und die letzte Freude des lebenslänglich Verurteilten habe ein Ende. Lieber will er allein, ganz allein in einer Zelle leben, denn er hat zwar als Bube betrogen und gestohlen, bei den Soldaten böse Streiche gemacht und zuletzt seinen Vater ermordet, doch ein grundverdorbener Mensch ist er bei alledem nicht und wer seine tragische Geschichte kennt, wie der Zuckerhannes dieselbe aus seinem eigenen Munde hörte oder dazu noch schwarz auf weiß von seiner eigenen Hand besaß, der kann diesen Unglücklichen nicht mehr verachten, er muß ihn bemitleiden und begreift, daß ein solcher Mensch mitten unter Sträflingen jahrelang vereinsamt lebte und Sehnsucht nach der Zelle empfindet.
Was er jetzt dem verunglückten Dragoner, dem ungeschlachten Patrik und dem leichtsinnigen Donatle erzählt, sind nur Bruchstücke und der Zuckerhannes könnte Manches dagegen einwenden, weil er den am Hochmuth laborirenden Duckmäuser auswendig und inwendig sammt der ganzen Geschichte desselben zu kennen vermeint und findet, derselbe wasche sich viel weißer als er sei ... Man mag sagen, was man will, der Mensch ist ein geborner Aristokrat, denn Jeder will schöner, reicher, gescheider [gescheidter], vornehmer und besser sein, wie der Andere, jeder sucht bei Andern soviel als möglich zu gelten und vertuscht, heuchelt, lügt, mag er Bettler oder Graf oder noch mehr sein; die Sträflinge bleiben auch hierin Menschen und die Wenigen, die es dahin gebracht haben, mit Sünden, Lastern und Verbrechen groß zu thun, sind eigentlich verkehrte Menschen, Unmenschen! ... Der Vatermörder ist kein Unmensch; schon die Erzählung, welche er seinen Kameraden zum Besten gibt, verräth dem Eingeweihten die Sucht, nicht schlecht sondern so gut als möglich zu erscheinen, und wir glauben, die wahre Geschichte desselben beweise, der arme Tropf sei wirklich unserer Achtung und noch mehr unserer Theilnahme würdig, seine Geschichte eine sehr lehrreiche Alltagsgeschichte aus den niederen Volksklassen.
Der Duckmäuser als Schulbube.
Wer sich einen Bauersmann vorstellt, der unter seinem Nebelspalter etwas finster hervorschaut und dessen eckiges Gesicht die Sorgen des Lebens tüchtig durchfurcht haben, obwohl sie nicht im Stande waren, einen Zug ernsten Trotzes in unterthänigst kriechende Demuth vor jedem bessern Rocke zu verwandeln, der hat das Gesicht des Vaters unseres Helden gesehen und wird den abgetragenen Kittel, die Lederhosen, deren ursprünglich gelbe, die Weste, deren ehemals rothe in eine von den Malern bisher unentdeckte Farbe übergegangen ist, nicht vergessen und noch weniger die knorrigen Eichenfäuste und die breitgetretenen Füße des Mannes. Wer sich näher nach ihm erkundigte, würde überall erfahren haben, der Jakob sei ein nicht ganz armer Mann mit sechs lebendigen Kindern, habe niemals recht lesen lernen, folglich auch den "höflichen Schüler" niemals studirt und sei eine grundehrliche Haut, welche Gott und den Amtmann fürchte, mit seinem Weibe glücklich lebe und von jedem Nachbarn geliebt werde, obwohl er ein bischen hart, unbeugsam und auffahrend dazu sein könne.
Sein Weib, die Theres, mag in ihrer Jugend nicht häßlich gewesen sein, aber auf dem Lande wird die Schönheit gar rasch verschwitzt und wenn eine Frau ihre zwölf Kindbetten durchgemacht hat, wirds schlimm aussehen, wenn hinter der Leibesruine nicht ein treues, frommes Herz schlägt. Doch unter dem Mieder der Theres sah es gut aus und deßhalb lebte sie auch mit ihrem Alten recht glücklich, insofern festes Vertrauen auf Gott alle Sorgen und Drangsale des Tages ohne viel nutzloses Klagen und Weinen überstehen läßt.
Jakob hatte auf dem Felde, in Wald, Stall und Scheune, die Theres an all diesen Orten, in der Küche, am Waschzuber, in allen Winkeln des Hauses und im Garten dazu vom Anbruch des Tages bis zur sinkenden Nacht alle Hände voll zu thun, so daß die Beiden außer an Sonn- und Feiertagen wenig mit einander plaudern, geschweige zanken konnten. Wenn es so kalt wurde, daß der Jakob seine 5- bis 8pfündigen Schuhe anziehen mußte, dann wurde er etwas brummig, denn das war Zeitverlust und wenn der Mond schien, war er im Stande, noch in der Sommer-Nacht zartes Laub und dergleichen für seine Kühe, Geisen und Schweine zu holen und es war gut, daß seine Hände nichts davon wußten, die Brombeeren und Schlehen hätten auch Dornen, und daß er mit bloßen Füßen im Verhau herumstolperte, ohne von spitzen Dornen, Steinen und dergleichen mehr als eine Ahnung zu besitzen. In der Nacht bekam er seine Ruhe, wenn nicht gerade eine Kuh kalbern wollte, das Geschrei der Kinder beirrte ihn wenig; wenn er die ganze Woche tüchtig gearbeitet hatte und am Sonntagmorgen vor der Kirche so glatt und freundlich wie ein Schuljunge hinter dem Ofen hervortrat, wo er sich ohne Spiegel und Seife musterhaft rasirte, dann pflegte er zu sagen: "Theres, die Arbeit ist gethan, heute wird zum Herrgott gebetet und Mittags im Hirzen drüben ein Hälbsle getrunken, wenn auch der Bettelvogt noch zehnmal schellt von wegen der Herrensteuer!" ...
Die Theres freute sich auch auf den Sonntag, denn wenn es für sie auch keinen Hirzen gab, so gab es doch eine Kirche und eine rechte Predigt und ordentlicher Gottesdienst erquickt ein frommes Weibergemüth mehr, denn ein Fäßlein Burgunder oder gar Capwein. Die Woche über kam die Theres kaum zum Athemholen und in der Nacht, wenn der Jakob schnarchte trotz der größten Baßgeige, fing die Plage erst recht an, denn die eisgraue Großmutter konnte die Kinder in der Nacht nicht alle pflegen und schweigen und trocken legen, und wenn eines zahnte oder sonst krankte, schlossen die beiden armen Weiber oft kein Auge.
Am Sonntag aber wars so traulich in dem aufgeputzten Häuslein, als ob die Leute die Kirche aus dem Gottesdienste mit sich genommen hätten und Mittags stand auch Fleisch auf dem Tische, an hohen Festtagen Wein aus dem hintern Fäßlein, wo der Alte und Gute älter und besser wurde, während der Gewöhnliche vom Essig wenig sich unterschied.
Nachmittags nach der Vesper zog dann Jakob seinen blauen Rock ohne Kragen mit tellergroßen Metallknöpfen an, stopfte sein Pfeiflein, drückte den Nebelspalter ein bischen aufs linke Ohr und machte mit dem Liebhardt, Fidele, Michel oder Bassi einen Gang durch die Fluren und dann in den Hirzen, um bis zum Abend an seinem Hälbsle zu trinken, während das junge Volk kegelte, auf der Straße spielte, in Rädlein beisammen stand oder Arm in Arm kettenweise singend durch das Dörflein auf und ab zog. Es mochte zweifelhaft sein, ob der Jakob an seinen Aeckern und Kühen größere Freude hatte, denn an seinen Kindern, mindestens pflegte er jene zärtlich, während er diese nach Herzenslust herumkrabbeln, fallen und heulen ließ, ohne sich groß umzusehen, dagegen bleibt es sicher, daß die alte Hanne ganz vernarrt in ihre Enkel und die Theres in den Benedikt am vernarrtesten war.
Der Benedikt, ihr erstes Kind hieß ihr "Augäpfelchen" und man darf ihr solche Vorliebe verzeihen, obwohl sich dieselbe nicht nur in Blicken und Reden kund gab. Der Benedikt mit seinen schwarzen Haaren, den runden Apfelbäcklein, kohlschwarzen Augen und dem freundlichen Munde war wirklich ein herzallerliebstes Büblein und dabei so munter und gescheid, wie keins im Dorfe gefunden wurde.
Die Leute hatten keine eigene Kirche, nicht einmal eine Kapelle, mußten im Leben und Tod ihrem Herrgott die Besuche im nächsten Orte abstatten und als der Benedikt die ersten Höslein an hatte und vom Vater am rechten von der Mutter am linken Händlein zum ersten Mal in die Kirche geführt wurde, blieben alle Leute stehen und gab es eine ganze Prozession von schweigenden und redenden Bewunderern, das Herz der Eltern bebte vor Freude und daheim konnte Theres der alten Hanne nicht genug erzählen, welche Ehre sie mit dem "Augäpfelchen" eingeerndtet, wie brav er in der Kirche gewesen, die Händlein gefaltet und bei der Wandlung mit Kreuzmachen und Brustklopfen gar nicht mehr aufgehört habe. Das Büblein holte bereits Alles beim Krämer, besorgte alle Aufträge pünktlich, griff alles geschickt an, es mochte sein, was es wollte und lachte vor Vergnügen laut auf, wenn man es nur lobte. Mit Lob ließ sich der Benedikt durchs Feuer treiben.
Besaß das Dörflein keine eigene Kirche und keinen Pfarrer, so besaß es doch eine eigene Schule und einen Schulmeister. Zwar hatte dieser nirgends besonders studirt, war eine gefallene Größe, nämlich ein großer Maurer, der von einem Dachsparren herabgefallen und ein Bein gebrochen hatte, dabei ein guter, braver Mann und wußte Alles den Kindern beizubringen, was diese in der Welt brauchen, vor allem den Katechismus.
Der Benedikt saß keine sechs Wochen in der Schulstube, so wurde auch der alte Lehrer gänzlich in ihn vernarrt und es dauerte keine zwei Jahre, so kannten die Kinder Einen Ihresgleichen als Unterlehrer, nämlich des Jakoben Benedikt.
Was Andere in einem Jahre lernen, lernte unser Held ohne große Mühe in vier Wochen und was der Mathes, der acht volle Jahre stets im Eselsbänklein saß und später dennoch ein tüchtiger Bauer und braver Mann geworden ist, in seinem Leben niemals begreifen wird, begriff der Benedikt rascher und leichter als die gescheideste [gescheidteste] Schulkamerädin, nämlich die Susanna.
Eine andere Uhr denn eine Sonnenuhr besaß weder die Schule noch der Schulmeister und vom achten Jahre an war der kleine Schulmeister auch "Zeitverwalter" mit einer kleinen Unterbrechung gegen das Ende der Schuljahre, wo der Muthwille, der in ihm steckte, den alten Lehrer einige Wochen in Verzweiflung setzte.
Das Augäpfelchen der Theres wurde das Augäpfelchen des Lehrers, aller Buben und Mägdlein und vieler Erwachsenen und vielleicht haben die Weihrauchwolken dazu beigetragen, auch seine Gestalt in die Länge und Breite zu treiben.
Mit den Buben stand er gut, weil er der Stärkste, bei allen Spielen und lustigen Streichen, die sich mit seiner Unterlehrersehre vertrugen, voran, dabei unpartheisch und freundlich gegen alle war und bei den Mädlen stand er besser als jeder Andere angeschrieben, weil er eine merkwürdige Vorliebe für sie hegte, sie zart und schonend behandelte, gegen Schimpf und Schläge schützte, ihnen in der Schule einsagte, beim Singen eines Liedes den rechten Ton anstimmte und die leidigen Schulaufgaben gegen ein bischen Lob oder auch gegen ein Schmätzlein machen half.
Um nicht weitläufig zu werden und dennoch einen rechten Begriff von dem kleinen Benedikt zu bekommen, der ein ganz anderer Kerl war, denn der verachtete, blutarme und arg vernachläßigte Zuckerhannes, wollen wir nur drei Thatsachen aufmerken.
An einem Frühlingstage wird in der Schule biblische Geschichte gelesen und die Kinder schauen sehnsüchtig durch die Scheiben in die grünende und blühende Welt und rücken unruhig hin und her, denn das stundenlange Sitzen und Schwitzen ohne Unterbrechung ist die Folter der Kinderjahre. Auf einmal zupft ein Mädle das Andere und ein Bube den Andern und wer den Grund entdeckt, hält die Hand vor den Mund oder kichert laut. Weßhalb? Der "Unterlehrer" hat aus einem Stücklein Holz und vier beinernen Knöpfen ein Wägelein gezimmert, einen kleinen Kiesel als Fracht darauf gelegt und vier stattliche Maienkäfer, an eine Deichsel gebunden, ziehen das Ganze über die Sitzbänke. Der Lehrer merkt's, zieht die Stirne kraus und ruft den Benedikt auf, im Lesen fortzufahren. Wer beim letzten Wort weiter fährt, ohne eine Miene zu verziehen, ist der Benedict. Der Lehrer weiß, welchen Kopf und welche Kenntnisse der muthwillige Unterlehrer besitze, meint, derselbe sage einige Satze auswendig her und werde bald stecken bleiben, doch der Benedict liest und liest, ohne nur einmal zu stottern, ohne eine Silbe zu verfehlen.
Dessen verwundert sich der Lehrer, steht auf, greift nach Benedicts Buch und siehe—dieser hat Alles auswendig hergesagt, denn lesen konnte er schon deßhalb nichts, weil er das Buch, wie der Lehrer auch seither geglaubt, verkehrt in der Hand hielt.
Dieser Streich und hundert ähnliche dazu verschafften dem Benedict den Beinamen "Leichtsinn" und mit den Jahren wuchs sein Leichtsinn wirklich, wie er denn einmal, als ein Schuldschein geschrieben werden sollte, dem Lehrer keinen andern machte als folgenden:
"Ich heiße Leichtsinn, bin der Leichtsinnigste und habe in diesem Zustande geschrieben!"
Wenn er wollte, brachte er stets die besten Aufsätze, doch schien er immer weniger zu wollen, der Lehrer sagte wenig dazu, verschonte ihn fernerhin auch mit Schlägen und wußte warum.
War eine Schulaufgabe zu machen oder gar die Sonntagspredigt nachzuschreiben, so gings wie eine Prozession zu Jacobens Haus, denn hier saß der Benedict, trug die Predigt Wort für Wort im Kopfe und dictirte Jedem der zu ihm kam und Jedem verschieden, je nachdem er den Hansjörg mit seinem harten Hirnkasten, den Mathes, diesen privilegirten und getreuen Eselsbankdrücker oder einen Gescheidtern vor sich bekam. Die besten Aufsätze jedoch dictirte er den Mädlen, lief stundenlang von Haus zu Haus und bevor die Sabin insbesondere das Fließblatt ins Heft gelegt hatte, dachte er nicht ans Ballspielen oder an etwas Anderes.
An einem Winterabend zogen alle Buben ihre Schlitten lange vor der Betzeit heim und mit vielen Erwachsenen dem Rindhofe zu und Niemand fragte, was es gebe, weil Jeder wußte, es werde alldort Comödie gespielt. Die Mädchen saßen schon in der Scheune, Sabinens Gesicht glänzte vor Freude; sie saß mit der Mutter Theres und Hanne auf der vordersten Bank, der Jacob fehlte auch nicht und sah heute nicht sorgenschwer und finster drein, sondern koste mit zweien seiner jüngern Kinder; die Bänke füllten sich rasch und Alles schaute gespannt und ungeduldig nach einem Vorhange, der aus vier zusammengenähten Leintüchern gebildet war. Endlich kommt auch der alte Lehrer, eine Schelle lärmt, der Vorhang geht auf und mit einem Ah! der Bewunderung betrachten Alle—das Marionettentheater und wissen, daß heute der Benedict den "verlornen Sohn" spielen wird.
Hat der Benedict dem Landstreicher Kranich nicht längst alle Possen abgespickt? Macht er ihm nicht alle Zauberstücke nach und hat er nicht die Herzen der Dorfbewohner schon durch den "Todessprung des Ritters, den Doktor Faust, die Genofeva von Brabant, die drei Müllerstöchter, die Hirlanda, schöne Magelona" und Anderes erfreut? Sind nicht Einzelne aus den nahen Dörfern und einmal sogar der Herr Pfarrer gekommen? Hat der Benedict nicht seine Herzkäfer, die Sabin, Euphrosin, Susann, Margreth, Thekla, Line, Affer, Lisbeth und Andere geplagt, bis alle Puppen da waren? Hat er nicht den Hanswurst selbst gemacht und dazu ein Stück Hosenleder verschnitten, welches dem Mütterchen auf Ostern Schuhe hätte geben sollen?
Heute bat er sichs sauer werden lassen, um den "verlornen Sohn" prächtig auszustatten. Jetzt sieht man den Alten in seinem Ruhesessel, der älteste Sohn steht trotzig vor ihm und fordert sein Erbtheil. Dann geht er fort ins fremde Land, ein Reisender kommt zu der Mutter und sagt derselben, aus ihrem Sohne sei etwas Großes geworden, er kommandire eine ganze Armee. Richtig kommt der Sohn mit seiner großen Armee, diese jauchzt, johlt und jodelt wie nach dem größten Siege selten eine und so geht das Ding fort bis ans Ende, wo der Benedict ein bischen heiser wird.
Wer aber beschreibt das Entzücken des Publikums? Wann hat der vielgeübte Kranich jemals den weichherzigsten Mädlen Thränen entlockt? Der Benedict tritt hervor, ist umringt von nassen Augen, der Lehrer wird zum Wortführer des Lobes der Zuschauer, der Benedict verlebt eine der seligsten Stunden seines Daseins, die Mutter desselben schwimmt mit der Sabin' und andern Mädchen in Freudenthränen, von ihrem Augapfel, ihrem Liebling entlockt.
Jetzt drängt sich das mehr als 80jährige Bäbele mit seinen schneeweißen Haaren aus dem Hintergrunde hervor; war doch der Benedict auch ihr Liebling und sie muß ihm auch ihre Huldigung darbringen. Sie thut es, doch thut sie noch mehr, denn das Morgenroth einer höhern Welt leuchtet durch ihre Wangen, die Augen schauen prophetisch in die Zukunft und zu dem Volke sich wendend, spricht sie das inhaltsschwere Wort. "Glaubt nur, ihr Leut', aus dem Benedict wird entweder ein großer Herr oder ein großer Spitzbube, in unserm Geleise bleibt er nicht!" Wie oft hat der "Duckmäuser" in bangen Kerkernächten, in der erschütternden Einsamkeit der Zelle an diese Worte gedacht! Bäbeles Gebeine sind längst vermodert, ihr Name ist verschollen, doch ihr prophetisches Wort hat sich erfüllt und zittert durch das Herz eines Lebendigbegrabenen!
Längst haben sich die einzelnen Kameradschaften der Buben und Mädchen alle bemüht, den Benedict an sich zu fesseln, längst war er der Mittelpunkt, um den sich die Dorfjugend sammelte; in die "Kunkelstube", wo er gerade zu finden war, dahin kamen auch Männer und Frauen, denn er erzählte Legenden der Heiligen, Rittergeschichten und Anderes so schön und lebendig, daß man Alles zu sehen und zu hören glaubte und in seinem Dörflein war noch alte Sitte und Zucht vorherrschend und man hätte einen Menschen, der über die Heiligen spottete oder die Unschuld erröthen machte, aus den meisten Kunkelstuben einfach hinausgeworfen.
Seit dem Abend, an welchem der verlorne Sohn gespielt worden, schaute der Jacob seinen Benedict respectvoller an, derselbe war ihm und Andern längst über den Kopf hinausgewachsen, der Held der Dorfjugend und sein Name in allen umliegenden Dörfern mit Ehren genannt.
Wurde ihm noch nicht die Welt zu enge, so war dies allmählig doch mit der Schulstube der Fall. Lernen konnte er hier nichts mehr und wußte er sich die Langeweile auch zu vertreiben, so wünschte er doch sehnlichst, Mutter Theres möchte die Zügel ein bischen länger machen und dies war nicht der Fall, so lange der Benedict zur Schule ging.
Die ganze Weisheit des Vaters bestand in dem Sätzlein: Bete und arbeite! Er ging mit Beispiel voran, hielt mit eiserner Strenge darauf, daß die Seinigen es auch thaten und wenn die Mutter nicht Alles über ihn vermocht', wie der Benedict Alles über die Mutter, so würde es wohl mit dem Heldenthum kläglich ausgesehen haben! ... Auf dem Lande ist das Geld von je als die theuerste Sache betrachtet worden, wo wenig Geld und 6 unerzogene Kinder zu finden sind, gibts zu arbeiten; gar oft mußte der gute Benedict die Kunkelstube meiden und bis um Mitternacht selbst spinnen; freilich spann das Mütterchen auch mit, denn der Winter vergeht rasch und die Leinwand muß zeitig auf die Bleiche, doch Mütterchen fing an, dem geistvollen und gelehrten Benedict mit ihren endlosen Rosenkränzen allgemach langweilig zu werden. Er wünschte oft, die Großmutter möge vom Kirchhofe kommen und sich wieder statt seiner mindestens an die Kunkel setzen; die Hanne kam jedoch nie wieder, sie hatte auf Erden genug gesponnen und der Faden ihrer Pilgerfahrt war im letzten Spätjahr leise und sanft abgerissen worden.
Der Communionunterricht beginnt, Benedict faßt freudige Hoffnungen, wiewohl er erst im Sommer 14 Jahre alt wird, der Mittwoch vor dem Palmensonntag macht dieselben zu Schanden, denn an diesem Tage werden die Namen derer verlesen, welche zum erstenmale zum Tische des Herrn gehen und aus der Schule entlassen werden. Zitternd vor Erwartung sitzt er da, jeder Name zuckt wie ein Schwert durch seine Seele, zuletzt wird noch dem Mathes die Erlösung vom Eselsbänklein angekündiget, dann kommen die Namen der Mädchen, er kanns kaum glauben, dennoch ist's richtig—sein eigener Name fehlt, der Lehrer mag den Unterlehrer nicht vor der Zeit verlieren. Noch mehr, die Seraphin, einer seiner Herzkäfer, der auch erst im Heumonat 14 Jahre alt wird, darf als "die feinste, fleißigste und sittsamste" communiciren und die ganze Schule hört an, wie der Lehrer erklärt, der Benedict müsse als der "Leichtsinnigste von Allen" noch ein Jahr da bleiben.
Jetzt war Feuer unter dem Dache und brannte ein volles Jahr! ... Besaß die Seraphin das gehörige Alter? Nein; wem hatte sie ihren Ehrenplatz zu verdanken? Zum guten Theil dem Benedict, der ihr einsagte und alle Schulaufgaben machte. Saß derselbe nicht an einem verdienten Ehrenplatz? Und jetzt sollte jene "die Feinste, Fleißigste und Sittsamste" und er dagegen "der Leichtsinnigste von Allen" sein?
Zunächst ward der Seraphin der Krieg erklärt und bald hieß das arme Mädchen allenthalben nur "die Feinste, Fleißigste und Sittsamste" und getraute sich nicht mehr, irgendwo hinzugehen aus Furcht vor Spott und Hohn. Hat das Mädchen dem Lehrer nur Milch und nichts Anderes schmeichelnd ins Haus getragen? Waren die Susanna und Margreth nicht zweimal in der Nähe, als Seraphins Mutter den weißen Korb mit einem noch weißern Tüchlein deckte und der Tochter empfahl, den Herrn Pfarrer drüben doch recht inständig zu bitten, daß sie aus der Schule komme und vorzustellen, was die alternde Mutter alles zu thun habe? Würde der Benedict, wenn er Solches vorher gewußt hätte, nicht dem Vater eine Kuh aus dem Stalle gezogen und dem Schulmeister gebracht haben statt vergänglicher Milch und dies nur, um aus der Schule zu kommen? ... Dem Pfarrer legte Benedict nichts in den Weg, er besaß den Muth nicht dazu; desto schlimmer kochte er es dem Schulmeister;— statt des gehofften Unterlehrers besaß dieser jetzt einen unbeugsam trotzigen, saumseligen und muthwilligen Schüler mehr, bei welchem Milde und Güte, Bitten und Betteln so wenig fruchtete als Drohungen und Schläge.
Schulaufgaben machte er für seine Herzkäfer, für sich selbst niemals oder in der Art, wie jenen früher erwähnten Schuldschein. Fragte ihn der Lehrer Etwas, so antwortete er trocken, er wisse es nicht oder machte die Mitschüler zu lachen, bat ihn der Lehrer, ihn ein bischen abzulösen, so ermahnte er denselben, sich an die "Feinste, Fleißigste und Sittsamste" und nicht an den "Leichtsinnigsten von Allen" zu wenden. Einmal mußte er hinaus, um die Sonnenuhr zu richten, was Keiner besser verstand; er that's, verschwieg jedoch eine ganze Stunde und der Lehrer machte fort, bis Weiber und Bursche kamen, um die Kinder zum Mittagsessen aus der Schule fortzuholen; ein andermal richtete er die Sonnenuhr so, daß der Lehrer die Schule fast um eine Stunde zu früh schloß. Von jetzt ab mußte jedoch der Max aus dem Rindhof die Sonnenuhr richten lernen, und weil der Lehrer sah, Hopfen und Malz seien am Benedict verloren, kümmerte er sich auch allmälig wenig darum, ob derselbe schwänze oder nicht und wenn er erschien, mußte er neben Mathesens Ersatzmann, dem dummen Hansjörg sitzen, der genug schmunzelte, auf seinem Katzenbänklein einen so trefflichen Einbläser neben sich zu haben! ... Endlich naht die letzte Schulprüfung, diesmal wird der Benedict kein Lob und keinen Preis davontragen!
Einige Buben müssen die "verhexte Kuh und rothe Milch", einige Mädchen den "feurigen Drachen" zusammen declamiren lernen und wenn der Philipp, der jetzt neben dem Rindhofmax auf dem Ehrenplatze sitzt, Einen hätte, der die Rolle des belehrenden Herrn Pfarrers in den "Feuermännern" ausfüllte, würde der Lehrer hoffen, auch dieses Jahr beim Dekan Ehre zu erndten. Demüthig bittet der arme Mann den Benedict, ihm den einzigen und letzten Gefallen zu erweisen und bei der Prüfung die Rolle des Belehrers in den "Feuermännern" zu übernehmen, doch der Benedict lacht ihm schadenfroh ins Gesicht und meint: "Ich und der Hansjörg führen auf dem Katzenbänklein die Declamation der Stummen mit einander auf, gelt Hansjörg?"—Der Hansjörg grinzt und nickt bejahend, die Schüler lachen, der tief gekränkte Lehrer sagt dem Benedict, er möge ganz von der Prüfung wegbleiben und schließt die Schule sogleich vor Wehmuth.
Am vorletzten Tag vor der Prüfung geht der Lehrer in die Schulstube und wer exerzirt die Prüfungshelden nach Mienen, Stellungen und Reden in die "verhexte Kuh und rothe Milch" ein? Wer denn anders als der Benedict!
Der Erstaunte bleibt an der Thüre stehen, bis das Ding fertig ist, dann eilt der arme Mann, der statt Geister stets vor der Prüfung lauter Schwarzröcke sieht, begeistert auf den Benedict zu, drückt krampfhaft dessen Hand vor lauter Freude und bittet denselben öffentlich vor allen Schülern um Verzeihung ob der bisherigen Zurücksetzung. Unser Held weint auch beinahe vor Freude über solche Befriedigung des Ehrgeizes, doch trotz den Ermahnungen des Lehrers und der Schüler setzt er sich keineswegs auf den Ehrenplatz, sondern auf das Eselsbänklein neben dem einfältigen Hansjörg.
Die Prüfung naht, kommt, ist bei den kleinen Schülern vorüber, sie drängen hinaus, die andern hinein, doch—der Benedict fehlt, mit Todesangst schielt der arme Lehrer nach der Thüre und sucht ein Taschentuch, um einige aufsteigende Angsttropfen abzuwischen.
Endlich geht die Thüre auf, der Ersehnte tritt herein, schreitet stolz am Eselsbänklein vorüber und setzt sich auf den Ehrenplatz; der verlassene Hansjörg hat ein gar wehmüthiges Gesicht dazu gemacht! Noch niemals zeichnete sich der Benedict bei einer Prüfung so aus, wie diesmal; auch die Rolle des belehrenden Pfarrers in den "Feuermännern" spielt er meisterhaft und wie Alles vorüber ist, tritt er vor die 15 oder 18 gegenwärtigen Herren, verbeugt sich ehrerbietigst und beginnt das schöne, lehrreiche Gedicht: "Der Holzhacker"—auf eigene Faust zu declamiren und biß bei den Worten:
"Und biß, o Graus, am goldnen Bröcklein die Zähne sich aus!"
so ernsthaft und natürlich zu, daß sämmtliche Herren nachbeißen zu wollen schienen.
Der Declamation folgte ein langes Beifallsgeklatsche und öffentliche Belobung des über den Benedict ganz entzückten Dekans als Abschied aus den Kinderjahren.
Ob unser Held den Leib Jesu Christi beim erstenmal auch würdig empfangen und gewußt habe, was er eigentlich thue, ist ihm heute zweifelhaft, doch meint er, der Unterricht sei ein bischen arg mangelhaft und schlecht gewesen und ein Bube könne nicht Alles aus dem kleinen Finger saugen, wenn er auch ein Benedict sei.
Dorfgeschichten.
Wenn mans genau und eine Landkarte dazu in die Hand nimmt, lassen sich die Einwohner des Badnerlandes in lauter Schwarzwälder und Odenwälder eintheilen. Die schwäbische Hochebene und rauhe Alp sind wohl geognostische Kinder des Schwarzwaldes und das Rheinthal von Basel bis Mannheim eigentlich nur ein Bergkessel zwischen dem Schwarzwalde und den Vogesen.
Freilich gedeihen auf den Höhen des Schwarzwaldes nur Nadelhölzer; selbst diese verkrüppeln und verschwinden am Feldberge und wenn auf den Vorhügeln des Rheinthales drunten Mandeln verblüht sind, Kastanien blühen und die Rebe ihre Schößlinge treibt, sind die rechten Schwarzwälder froh, wenn ihr Hafer angesäet und ihre Kartoffeln gestupft werden können und thun, als ob sie heuer gerathen wollten. Doch die rechten Schwarzwälder bewohnen nur ein kleines Gebiet; jedes Thal hat wieder sein Besonderes in Sprache, Tracht und Sitte und wer das Murgthal bis Freudenstadt und Rothweil, das Kinzigthal von Offenburg bis Schenkenzell und Alpirsbach, das Simonswälderthal, Höllenthal und viele andere Thäler von der würtembergischen Grenze bis zum Rheine besucht hat, weiß am Ende nicht mehr recht, wo er den Schwarzwald eigentlich suchen soll, nicht weil Land und Leute einen cosmopolitischen Brei bilden, sondern weil man kaum recht Athem holen kann, um Verschiedenheiten in der Natur und unter den Menschen zu finden.
Steigt er vom Schluchsen [Schluchsee] oder Titisen [Titisee], wo Schlehen, Preiselbeeren und andere Kinder des Nordens allein noch zu finden sind, in die Seitenthäler herab, wo Obstbäume die Strohhütten beschatten und wogende Saatfelder die saftiggrünen Wiesen mit ihren sprudelnden Quellen allgemach ersetzen, die gelben Strohhüte und kurzen, faltenreichen Röcke allmälig verschwinden und tritt er aus den Vorhügeln mit ihren Weinbergen in das Rheinthal hinaus und wandert vom Wiesenthale abwärts bis zur Murg und zum Neckar, so befindet er sich allerdings nicht mehr in der Gebirgswelt, sondern in einer gartenähnlichen Ebene, doch das Gebirge kommt ihm weder aus den Augen noch aus dem Sinn, die Ebene liefert ihm auch alle Augenblicke etwas Anderes und wenn er aus den zahllosen Mannigfaltigkeiten die Einheiten heraussucht, theilt er die Menschen am Ende in zwei große Partheien, nämlich in Dorfmenschen und Stadtmenschen; im Gebirge herrschen die Dorfmenschen, in der Ebene die Stadtmenschen vor und der Unterschied der Dorfmenschen unter sich ist bei weitem nicht so groß, wie ihr Unterschied von den Stadtmenschen.
Wer das Leben und Treiben der Schwarzwälder im engern Sinne genau kennen lernen will, muß den "Kalender für Zeit und Ewigkeit" oder "Spindlers herzige Erzählungen aus neuerer Zeit" zur Hand nehmen, denn Berthold Auerbachs Dorfgeschichten, so anmuthig, hinreißend und herrlich sie auch uns und vielen tausend Andern vorkommen, sind eben doch keine eigentlichen "Schwarzwälder" Dorfgeschichten, sondern laufen fast ohne Schwarzwälder Lokalfarben auf die Gegensätze zwischen Stadt und Land hinaus.
Im Gebirge verschlingt das Dorfleben das Stadtleben, in der Ebene geht´s umgekehrt zu und wie das Stadtleben allmälig auch in den Seitenthälern und auf den Höhen des Gebirgs zur Herrschaft kommen will, zeigt unter Andern die Geschichte des Duckmäusers.
Das Heimathdörflein desselben liegt an der Mündung eines Thales, das einen allmäligen Uebergang vom Schwarzwalde zur Rheinebene bildet und zwar nicht blos der Natur, sondern auch des Charakters der Bewohner. Land und Leute wachsen immer und überall wundersam zusammen und für ein geübtes Auge ist jede Gegend ein Buch, aus dem es die Geschichte, das Leben und Treiben ihrer Bewohner so im Allgemeinen herausliest!
Kehren wir nach diesem kurzen Ausfluge zu unserm Benedict zurück, der aus der Schule entlassen, bereis ein bischen größer und vom Mütterlein ein bischen weniger gezügelt wurde.
Sein Vater, der finstere, doch grundehrliche Jacob arbeitet noch immer den ganzen Tag, rasirt sich am Sonntag hinter dem Ofen und trägt Nachmittags nach der Vesper seinen Nebelspalter in den Hirzen. So lange der Benedict in der Schule war, durfte er nicht ins Wirthshaus und nicht einmal den größern Burschen den Kegelbuben machen, doch jetzt hilft er dem Vater tüchtig arbeiten, stolzirt am Sonntage mit Etwas herum, was bei uns fast so viel bedeutet, als die toga virilis bei den alten Römern, nämlich mit einer Tabakspfeife und wenn es ihm beifällt, auch ein Schöpplein im Hirzen zu trinken, so sieht's der Jacob nicht gerne, doch der Sohn will thun wie andere auch und noch mehr, weil er der Held in 5 Dörfern ist. Der Vater hört denselben doch lieber herausstreichen als schimpfen und muß eben nachgeben, wie andere redliche Väter auch nachgeben.
Abends mag der Benedict nicht mehr beim Mütterlein spinnen, die kleine Hanne kanns thun, wird dieselbe doch mit jedem Tage größer und der Bruder geht in die Kunkelstube, um seinen Erzählerruhm aufrecht zu erhalten. Alle einzelnen Kameradschaften der Bursche und Mägdlein buhlen um seine Gunst, wo die Margareth ist, welche er am liebsten zu haben scheint, sitzt die Ofenbank voll und wenn er kommt, kommt Freude und Leben und jedem der Feierabend zu frühe.
Alle Häuser besucht er, jeden Abend ein anderes, in jedem ist er beliebt und bekannt und Niemand weiß, welchem er den Vorrang gebe! Uebrigens darf man nicht glauben, daß die Buben und Mägdlein unziemliche Kurzweil trieben an den langen Abenden, mindestens geschah dies nirgends, wo der Benedict hinkam und dieser wußte einen wüsten Gast derb abzutrumpfen und heimzuschicken.
Der Liebling der Jungen wollte auch der Liebling der Alten sein, zudem dem Mütterchen eher Ehre denn Schande machen und so wurde in den Kunkelstuben nur Ehrbares und oft Heiliges erzählt und nichts Unziemliches geschwatzt oder gar getrieben. Der Benedict hielt viel auf Ehre und hätte es sich nicht nachsagen lassen, daß ein unehrbares Wort aus seinem Munde gekommen und deßhalb liebten ihn auch alle Mädchen und ihre Eltern hatten nichts dagegen, wenn dieselben mit ihrer Kunkel und dem Rosenkranz nach dem Nachtessen in das Haus wanderten, in welchem der Benedict gerade zu finden war.
Eines Abends sitzt so eine trauliche Gesellschaft im Vaterhause des Hansjörgen und der Benedict erzählt bis gegen 10 Uhr, daß den Zuhörern bald die Thränen in die Augen schießen, bald die Gänsehaut aufsteigt. Jetzt stellt die Margareth ihre Kunkel weg, streicht die braunen Haare aus der Stirn, steht auf und sagt gar holdselig: "Benedict, 's ist bald Zeit, wir wollen noch Eins tanzen, damit wirs lernen bis Fastnacht!"—Alle Buben und Mägdlein sind dabei; der Benedict hat seine Klarinette bei sich, denn auch ein Musikus ist er geworden, der blinde Hans hat ihm die Griffe und Pfiffe gezeigt, er spielte bereits die schönsten Hopser, Ländler, Walzer und dergleichen aus dem ff heraus und jetzt sucht er den Ton, während Tisch und Bänke in eine Ecke gestellt werden und der Hansjörg vor Freuden mit der Zunge schnalzt und Sprünge macht wie ein Tiroler.
In diesem Augenblick tritt jedoch die Ursula, Hansjörgens Mutter in die Stube und sagt zum Benedict: "He, Benedict, wollt Ihr tanzen? Weißt wohl, daß ich nichts dagegen habe, wenn´s Zeit ist, doch ist heute nicht Freitag Abend? Was fällt dir auch ein, an einem solchen Abend blasen zu wollen? Kommt am Sonntag oder an einem Tage in der nächsten Woche!"
Der Benedict wird feuerroth, steckt die Klarinette ein, geht mit dem jungen Volke fort und sagt auf dem Heimwege zu den Mädlen, er wisse gar nicht, was er darum gäbe, wenn er heute nur nicht in Ursulas Haus gewesen wäre! ... Die Ursula war eine Gevatterin seiner Mutter und Gotte dreier seiner jüngern Geschwister, hatte ihn von Kindesbeinen an geliebt und geehrt, doch wer ihr Haus mit keinem Schritte mehr betrat und ihr auf der Straße fortan auswich, das war er, und zwar deßhalb, weil er meinte, sie hielte ihn in ihrem Herzen für einen religionsfeindlichen Menschen, der sich nichts daraus mache, am Freitag zu tanzen und aufzuspielen!
Hatte es früher schon schlechte und verrufene Leute im Dorfe gegeben, so gab es allmälig auch Aufgeklärte, denn mancher, der als frommer, züchtiger Rekrut fortgegangen war und auf Urlaub heimkam, hatte die Welt in der Stadt und in der Kaserne mit neuen Augen betrachten gelernt und der reiche Max aus dem Rindhofe wanderte jetzt fleißig in die nahe Stadt, wo er in jeder Bierkneipe gescheidte Leute und genug kirchenfeindliche Zeitungen fand. Der arme Benedict regierte die Jungen im Dorfe, der reiche Max sah dies nicht gern, suchte und bekam auch Anhang und daß der vielgepriesene "Zeitgeist" auch in diesem Dörflein zu rumoren anfange, zeigte sich vor dem Frohnleichnamsfeste. Seit urdenklichen Zeiten saßen jedes Jahr am Tage vor dem Frohnleichnamsfeste die Mädchen in der Schulstube und arbeiteten oft bis Mitternacht, um das Kreuz und den Altar, zu welchem die Prozession morgen aus dem Pfarrdorfe herüberzog, mit den stattlichsten Kränzen und Blumen zu schmücken. Sie hätten es sich um keinen Preis nachsagen lassen, der Herrgott am Kreuz und das ganze Kreuz sammt dem Altare seien nicht mit Kränzen, Blumen und Bändern aufs reichlichste ausstaffirt gewesen. Die Bänder wurden von den Mädchen und deren Müttern geliefert und heuer kommandirt der Benedict den ganzen Tag im Schulhause, macht den stattlichsten Kranz, der die Dornenkrone bedecken sollte und verspricht Abends beim Fortgehen, er werde der erste sein, welcher morgen früh den ersten Kranz ans Kreuz hefte.
Dem schwülen Tage folgte eine Regennacht, welche zu stürmisch war, als daß man hätte fürchten mögen, die Prozession werde darunter leiden und noch um 11 Uhr saßen einige Mädchen in der Schulstube, um beim Licht die letzten Zurüstungen zu treffen. Der Benedict liegt im Bett und will sich eben vom Rauschen des Sturmes in den Baumwipfeln und vom Plätschern des Regens in Schlaf lullen lassen, als es leise an seinem Fensterlein klopft und ruft. Er springt auf, denn er kennt diese freundliche Stimme und verwundert sich über den seltsamen Ton derselben.
"Hör', Benedict, jetzt sind wir Mädchen zu Schanden gemacht," berichtet die Margareth, welche den hübschen Kopf in das Kammerfensterlein hineinstreckt, damit das Wasser vom Dache sie nicht ersäufe.
"Verlassen und verrathen sind wir, alle Mühe war umsonst, denn die Buben haben keine Maien geholt!" bestätigt die Susanne. "Was? keine Maien?" sagt der Benedict erschrocken und Margareth sammt der Jutta und dem Vefele, die auch herbeieilen, erzählen, der Max habe die Buben aufgehetzt, heuer keine Maien im Walde zu holen und gesagt, es sei eine Schande für so große Esel, sich noch mit solchen "Kindereien" abzugeben. Daß der Max nicht umsonst redete, während der Benedict im Schulhause saß, stellte sich um Mitternacht sonnenklar heraus. Die Maien sind jedoch gleichsam die Rahmen, welche das Kreuz und den Altar liebend umfassen und wie armselig sieht ein Bild ohne Rahmen drein? Je größer, schöner und frischer die Maien, desto größer die Ehre für die Mädchen, an den Maien erkannten die Leute aller benachbarten Dörfer, wie Buben und Mädchen in diesem Jahre zusammen standen, seit Menschengedenken hatten die Maien nie gefehlt, drum that es den Mädchen heuer desto weher, sie sahen nicht nur den Herrgott vernachlässigt, sondern sich selbst beschimpft.
Rathlos steht der Benedict, ängstlich stehen seine Herzkäfer vor dem Fensterlein, der Regen stürzt wie aus Kübeln vom dunkeln Nachthimmel und ob den Vogesen, dem Rheinthale und Schwarzwalde zugleich flammen Blitze und kanonirt hundertstimmiger Donner.
"Geht heim, ihr Lieben, Maien müssen her, ich verlasse Euch nicht!" sagt endlich der Benedict, reicht den Mädchen die Hand, schließt das Fensterlein und schleicht zu den Eltern. Die Mutter hat all ihre Seiden- und Taffetbänder ins Schulhaus geschickt, sie weiß, daß sich die Mädchen heuer ganz besonders abmühten, jetzt erzählt er, wie schimpflich die Buben gehandelt und die Mutter stößt ihren Alten aus dem Schlafe. "Wär´ der Werktag nicht schon vorbei und der Fronleichnamstag angebrochen, so ginge ich wahrlich trotz Sturm und Wetter in den Wald!" meint der Benedict zögernd, um den Eltern an den Puls zu fühlen.
"Was an Sonn- und Feiertagen zu Gottes Ehre gearbeitet wird, ist keine Sünd´! antwortet die Mutter."
"Aber woher Maien? Die Weidenstöcke am Bach sind abgehauen, ... das Unwetter ist grausig, ich müßte eben junge Birklein holen, ´s ist fast eine Stunde in den Wald und wenn mich der Cyriak, der Waldhüter erwischte, gäbe es theure Maien!" meint der Benedict. "Ah bah! Cyriak hin oder her, wenn´s dir Ernst wäre, würdest du nicht darnach fragen, ob es theure oder wohlfeile Maien gäbe! Warum haben denn die Buben keine geholt, he?" sagt der Vater.
"Weil´s der Max, der Willibald und noch ein paar so schöne es für eine Schande erklärten und Alle, welche holen wollten, so verspotteten, daß sie es bleiben ließen!"
"Eine ewige Schande ist´s für euch, Buben, euch von dem ungerathenen Max, der unserm Herrgott und dem eigenen Vater, dem herzensguten Fidele nur Schande macht, in der Art verhetzen zu lassen! Gehst du nicht, so stehe ich wahrhaftig auf, wecke den Fidele und wir alte Kracher bringen gewiß Maien!" fährt der Jacob auf, wirft die Schlafkappe weg und richtet sich aufgebracht im Bette empor.
Fünf Minuten später eilt der Benedict mit einem Beil und Stricken durch die Sturmnacht, kein Faden an ihm bleibt trocken, bis er in den Wald kommt; hier ist's stockfinster, doch seine Hände wissen glatte Birkenrinde von der der jungen Erlen gut zu unterscheiden und bald hat er vier stattliche junge Birklein vor den Wald auf die nassen Wiesen herausgeschleppt. Das Aergste ist, daß er kaum zwei auf einmal zu tragen vermag; muß er den Weg doppelt machen, so kommt der Tag, ehe alles an Ort und Stelle und die Freude der Mädchen fertig ist. Was thut der Benedict? Er springt mit zwei Birklein eine Strecke weit, springt zurück, um die beiden andern nachzuholen, macht auf diese Weise fort und die ersten Strahlen des Tages sehen die letzten zwei Birklein am Altare. Der Regen hat aufgehört, die Schwalben zwitschern und die Rothkelchen singen auf den Dachfirsten, der Benedict tropfnaß und heidenmäßig schwitzend, springt ins Schulhaus, dann zum Altare zurück, heftet richtig, wie ers versprochen, auch den ersten Kranz ans Kreuz und dann geht er heim, um noch ein Stündlein zu ruhen.
Sehr früh kommen einige Bauern zum Altare, um bei der Verzierung des Kreuzes zu helfen, alle bewundern die herrlichen Birklein, der Cyriak kommt aber auch dazu und sagt:
"Diesen Vier hab' ichs gestern Abend spät noch vermacht, daß sie heute da gesehen werden! ... Am Werktag sind sie nicht geholt worden und diesen Morgen auch nicht! ... wer die geholt hat, muß gesalzen werden! ich bring ihn heraus, gebt Acht, 's wird theure Maien geben!" brummt er zum Xaver, betrachtet ärgerlich die schönen Bäumlein und macht eine Faust.
"Sie stehen besser hier, als in deinem Revier!" lacht der Xaver.
"Heut' sind die Birklein noch schöner als gestern, gelt Cyriak?" scherzt der alte Liebhardt.
"Sollen auch schön Geld kosten, ich bringe den Buben heraus!" versichert der Cyriak und geht mit starken Schritten das Dorf hinauf.
Die Ehre der Mädchen war in den Augen aller Einheimischen und Fremden durch die Verzierungen und durch die vier prächtigen Birklein herrlich gerettet, dafür wurde auch der Benedict von den Mädchen schier in den Himmel erhoben und erklärt, er allein sei treu gegen Gott und Menschen, er verdiene, daß sie ihn zeitlebens auf den Händen trügen.
Das Wunderbarste bei der Sache blieb, daß kein Mädchen den Waldfrevler verrieth. Um Mittag wurde das Vefele, das heute Nacht bei demselben gefensterlet, von ihrem Vater, dem Cyriak, ins strengste Verhör genommen, doch sie weiß nichts und ihr Bruder, der Mathes, versichert, er wisse auch nicht, wer die Birklein geholt, wenn ihn der Vater auch mit dem Waldbeil vor das Hirn schlüge. Wie ein Feuerreiter eilt der Cyriak von Haus zu Haus, von Mädchen zu Mädchen, doch die Birklein blieben abgehauen und—was keine Erdichtung, sondern blanke Thatsache ist und ein Licht auf die angebliche Schwatzhaftigkeit der Mädchen wirft—der Benedict unverrathen, mindestens für das laufende Jahr.
Vom Max und dessen Anhange mußte er dagegen Spottreden genug hören, doch kümmerte er sich wenig um diese "neumodische Schwitt", wie der Max mit seinen Kameraden hießen, welche auch allgemach an Werktagen und am Sonntag unter dem Gottesdienst im Wirthshause zu sehen waren. Liberalseinsollende Zeitungen und böse Bücher übten wohl nur Einfluß auf diese Bursche, weil Aufklärer in jedem Wirthshause saßen; sie selbst waren keine großen Freunde vom Kopfzerbrechen und Lesen und ihre Weisheit floß in einem unter dem Landvolke allmälig weit verbreiteten Sprichwörtlein zusammen, welches heißt: Predigen und Büchermachen ist das Handwerk der Pfaffen und G'studirten! Woher solches Sprichwort stamme und welche Leute es am liebsten im Munde führten, darauf sah die "neumodische Schwitt" nicht, sondern schloß mit ihrem gesunden Bauernverstande ruhig weiter: "Ist der Pfaff ein Handwerker, so ist die Kirche seine Werkstätte, Gottesdienst und Predigt aber sind Stücke seiner Arbeit. Bei jedem Handwerker hat man die Auswahl unter seinen Arbeiten, daher wählt man aus der Predigt gerade das, was Einem am besten gefällt und gefällt Einem nichts (was bei steigender Aufklärung bald der Fall sein muß), nun, dann läßt man dem Pfaffen seine ganze Arbeit und geht am Ende gar nicht mehr in die Werkstätte desselben!"
Die Eltern der "neumodischen Schwitt" sammt den meisten bejahrtern Einwohnern betrachteten die Kirche als das Haus Gottes, den Geistlichen als Diener Gottes, thaten, wie ihre Urahnen, hielten Sonn- und Feiertage heilig, beteten zu Hause, in der Kirche, im Felde bei Prozessionen und Bittgängen, zierten das Kreuz vor dem Dorfe und schliefen nicht ein, wenn der Benedict Legenden erzählte. Sie waren der Religion treu geblieben; Protestanten, welche über die Jungfrau Maria, die Heiligen, die Ohrenbeichte, das Abendmahl, die Ehelosigkeit des Pfarrers witzelten, gab es keine und dies aus dem einfachen Grunde, weil es überhaupt im Dörflein des Benedict und in der Umgegend weder Protestanten noch Hebräer gab.
Es lebte da ein gutes, glückliches Völklein und wenn auch die Protestanten von ihm als eine Art Heiden betrachtet wurden und die kleinen Kinder davon liefen, wenn ein Hebräer auf der Straße zu sehen war, so geschah doch Niemanden etwas zu Leide um des fremdartigen Glaubens willen. Was zum alten Eisen gehörte, blieb der Aufklärung unzugänglich; der Jacob pflegte zu sagen, die "neuen Lehren" seien von "alten Lumpen" längst gepredigt worden und dafür wußte er Namen zu nennen. Doch die Aufklärung in religiösen und politischen Dingen kam auch in dieses Dorf und ihre erste Frucht war Zwiespalt unter dem jungen Volke beiderlei Geschlechtes.
Der Max saß mit dem Willibald und Andern fleißig im Wirthshause, der Fidele und die Eltern der Uebrigen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, ermahnten, baten, weinten, zankten, fluchten und wetterten, doch gab dies keinen Zwiespalt unter der Dorfjugend, denn hier zwitscherten die Jungen nicht, wie die alten sangen, sondern die Alten mochten sagen, klagen und thun, was sie wollten, die "neumodische Schwitt" ließ sich dadurch wenig Galle aufrühren und noch weniger graue Haare wachsen.
Zuerst begnügte sie sich, im Wirthshaus zu sitzen statt in der Werkstätte des Pfarrers; bald spotteten sie über Jene, welche beim Alten bleiben wollten und in demselben Jahr, in welchem der Max aus der Sonntagsschule entlassen wurde, hatte er auch die Magdalene zum Extraschatz, ein armes, doch hübsches Mägdlein voll Leben und Feuer.
Weil sie einige Sommersprossen im Gesichte und rothe Haare hatte, deßhalb hieß sie auch "die Rothe" oder das "Fegfeuer" und wegen ihres lebhaften ungestümen Wesens zuweilen "der Feuerteufel."
Unter den Burschen war der Max der Reichste, doch der Benedict der Gescheidteste und Angesehenste und letzteres zeigte sich, als jener seine Macht erprobte und einen Vorschlag machte, welcher so recht zu der "neumodischen Schwitt" paßte.
Uralte Sitte und patriarchalisches Leben herrschten in diesem Dörflein noch und so bestand auch der Gebrauch, daß die Buben den Mädchen insgesammt am Neujahr und bei andern Gelegenheiten Geschenke machten, ohne dabei Gedanken an nähere Liebschaften zu haben.
Nun meinte der Max, welcher vielleicht etwas von der Zehntablösungsfrage aufgeschnappt hatte, man möge künftig den Mädchen nur noch am Neujahr Etwas geben und zwar keine Ringe oder ein Konstanzer Gesangbuch und ähnliches Zeug, sondern baares Geld. Er stand gerade unter der alten Linde, welche die Jugend so vieler Geschlechter beschattete und die Sache wurde noch an demselben Abend in allen Kunkelstuben verhandelt. Die "Rothe" und einige andere Mädlen wären mit dem Geldgeschenk zufrieden gewesen, doch wurde viel gestritten, der Max und der Bendict [Benedict] redeten sich für und gegen die neue Mode schier Lunge und Leber heraus.
Am Ostermontag kam die Angelegenheit bei den Buben und Mädchen zur Berathung und Entscheidung, der Max hatte gotteslästerlich viele Worte, Flaschen und Versprechungen aufgeboten, Benedict in den letzten Tagen so geschwiegen, daß der Max ihn auf seine Seite zu bringen hoffte, doch jetzt trat derselbe für die alte Sitte und seine jungen Herzkäfer auf und siehe da, die meisten Buben fielen ihm zu.
Wüthend zog Max mit den Seinigen von der Linde in den Hirzen; von diesem Tage an brachte er dem Benedict den diesmal sehr unverdienten Namen, "der Duckmäuser" auf; der Zwiespalt des jungen Volkes offenbarte sich noch an demselben Tage darin, daß die Neumodischen sich im Wirthshause abgesondert von den Altmodischen setzten, doch geschah keine feierliche Kriegserklärung, es wurden einstweilen nur neue Namen aufs Tapet gebracht.
Benedict hieß fortan "der Duckmäuser" und sein Anhang "die schwarze Schwitt", Maxens Roche gab den Anlaß, dessen Schwitt die "roche" zu taufen und von "lewatisch gewordenen Schaufelstudenten" und "Knierutschern" war beiderseitig viel Munkelns und ingrimmigen Höhnens.
Viele Buben und Mädchen wußten noch nicht recht, zu welcher Schwitt sie halten sollten und am andern Sonntage stehen und sitzen sie nach der Vesper um die Linde herum, plaudern und scherzen, singen und lachen, doch will die Freude nicht recht in Gang kommen, denn der Benedict fehlt und vergeblich läuft bald die Susanne, bald die Margaret mit ihren Kameradinnen ins Oberdorf, um den Herzkäfer herbeizuholen. Im Hirzen sitzt der Jacob vor seinem Hälbsle, daheim steht die Theres im Garten und ihr Waldburgele hält sie immer an der Schürze, das Besele und das Kätherle folgen der Mutter wie die Küchlein der Henne, doch weder der Jacob noch die Theres wissen, wo der Benedict steckt und die kleinen Schwestern wissen auch nichts, als daß er ihnen ein Rad am Wägelein flickte, worauf sie ihre "Doggenbaben" spaziren führen, dann die Kappe genommen, den Kittel über das rothe Wamms angezogen habe und fortgegangen sei, nachdem er in der Küche beim Anzünden der Tabakspfeife sich noch ein bisle verbrannt habe! ... Auf einmal geht der Ersehnte mit dem Gregor, seinem liebsten Kameraden vom Unterdorf herauf und langsam auf die Linden zu, die Susann' und die Margareth, das Vefele und die Apel, die Affer, Sabin' und Andere laufen ihm entgegen.
"Sag uns doch, warum bist du bös auf uns?"—"He, ich bin mit Euch durchaus nicht bös!"—"Ja, warum kommst heute nicht?"—"Ei, bin ich jetzt nicht bei Euch?"—"Du bist bös mit uns, wenn du's auch verhehlst!"—"Ich bin nicht bös, gelt Gregor nit?" "Aber", sagt der Duckmäuser jetzt laut und vernehmlich und steht mitten unter dem Haufen, "ich und der Gregor und der Mathes bleiben jetzt für uns Herr, und Alle, welche am Frohnleichnamstag Maien geholt haben, dürfen nicht mehr zu mir kommen!"—"Und die, welche keine Maien geholt, sollen uns vom Leibe bleiben!" rufen die Mädchen.—"Ich gehe über Feld, wer will mit?"—"Ich, ich, ich auch, wohin?" rufen und lärmen die Buben.—"Ja, es dürfen keine Andern mit mir als solche, die den Mädlen keine Maien geholt haben!" ruft der Duckmäuser.
Der Stich wurde verstanden, die Buben sonderten sich in zwei Heere, das größere sagt: "Benedict, wir sind bei dir!"—[">[Wollt Ihr altmodisch bleiben?" fragt der Benedict und Alle antworten. "Ja!" Einer rennt in den Hirzen, mit feuerrothem Kopfe kommen der Max, der Willibald und Andere; der Max scheidet zuerst seine Rothe von den andern Mädlen ab, die Buben alle thun dasselbe, die Scheidung der Lämmer und Böcke, der schwarzen und rothen Schwitt ist in wenigen Minuten entschieden, die rothe Schwitt verläßt mit ihren Mädchen die Linde, am nächsten Sonntage soll sichs zeigen, ob die rothe oder schwarze Schwitt ihren Mädlen größere Freuden zu bereiten verstehe!" [verstehe!]
"Lauter Markgräfler muß auf den Tisch", schwört der Max, "kein Mädle darf an den Wänden herumstehen, wenn's auch keinen besondern Schatz hat, bei uns gilt die Eine was die Andere, wir bringen Anderes auf's Tapet, als Blumenzutragen, Maienholen, den Eckpfosten am Schulhaus verzieren und das verwitterte Kreuz, wo der Herrgott bald einen Schnurres von Moos bekommt!" Was ist das für ein Munkeln und Gerede die ganze Woche, wie gespannt sind die Alten und Jungen, doch ruhig bleiben die Mädlen der schwarzen Schwitt, denn ihr Herzkäfer hat gesagt: "Der Max und ich stehen einander gleich dick gegenüber am Sonntag, obgleich er der einzige Sohn des reichen Fidele ist und ich der des fast armen Jacob; ihr Mädlen sollt nicht zu Schanden werden!" Am Sonntag nach der Vesper sitzen die beiden Schwitten mit ihren Mädchen im großen Saal beim Hirzenwirth einander gegenüber; dem Duckmäuser thut nichts weher, als daß der Hansjörg und dessen Schwester, zwei stille, harmlose, einfältige Seelen auch bei der rothen Schwitt sitzen. Die Beiden halten den Duckmäuser für ihren Todfeind seit dem Freitag, an welchem ihre Mutter demselben das Tanzen und Klarinettblasen verbot, obwohl er ihnen kein böses Wort gegeben. Der Max bekommt gar keine Zeit zum Sitzen vor lauter Einschenken und Zubringen des Markgräflers an seine "Gemeinmädlen", und feurige Wangen und blitzende Augen gibts unter der rothen Schwitt, bis endlich der Max seinen Wamms auszieht, das Halstuch locker knüpft, das Schnupftuch in einem Knopfloche seiner rothen Weste festbindet, seine Rothe am Kopfe nimmt und sagt: "Auf Alte, wir tanzen jetzt Eins!"
Jetzt wird getanzt, gesoffen und gefressen, daß es erst eine rechte Art bekommt. Unter dem Tisch der rothen Schwitt liegen die Scherben aller geleerten Flaschen, vom Tische herab regnet der Zwölfer, kein Glas darf vom Munde, ehe es ganz geleert ist, nur der Hansjörg und dessen Schwester sind von diesem Gesetze ausgenommen; die Pyramiden von Wecken und Bretzeln, welche vor den Mädchen gestanden, waren zum guten Theil wieder Teig geworden, die rothe Schwitt tanzt, stampft und jauchzt, daß der Boden zittert und die Scheiben klirren.
"Franz", schreit der Max dem Aufwärter zu, der mit seiner weißen Schürze schwitzend umherfliegt, "Franz, einen Kübel voll vom Allerbesten, vom alten Rothen!"
"Jo, s'ischt anfangs nöthig, daß Ihr's in Kübeln fordert, d'Butelle sind bi Gott alle z'sammeng'schlage!" brummt der Franz.
"Franz, hol ihnen den Brunnentrog im Hof, sie können die Köpf hineinhängen, daß sie bälder voll werden!" ruft der Duckmäuser vom Tisch seiner Schwitt herüber und der Willibald schaut ihn giftig an.
Schon um 5 Uhr trinkt der Max nicht mehr, hört auch nichts von der schönen Musik, denn er liegt schwerbetrunken hinter dem Holzschoppen des Hirzenwirths und seine Rothe mag auch irgendwo so ein Plätzlein gefunden haben; um 6 Uhr ist von der rothen Schwitt nichts mehr zu sehen als eine im Markgräfler gebadete und von Flaschen zerhämmerte Tischplatte voll Scherben und Teig; die Gäste wurden theilweise fortgetragen, theilweise taumelten sie hinaus, um im Freien sich zu lagern, nur der Hansjörg und dessen Schwester sitzen noch da und diese führt der Duckmäuser jetzt an die lange und dicht besetzte Tafel der schwarzen Schwitt.
Die Mädlen der rothen Schwitt haben sich theilweise fortgeschlichen, theilweise buhlen sie um Aufnahme bei der schwarzen, heute wird aber nichts daraus.
Der Duckmäuser hat auch Pyramiden von Wecken und Bretzeln aufstellen lassen, doch nichts durfte verdorben werden; er hat stets denselben Wein kommen lassen wie der Max, doch blieb die Tischplatte sauber und Niemand wurde zum Saufen gezwungen; Alle sind nüchtern und in Ehren fröhlich, der Duckmäuser sitzt stolz zwischen seiner Margareth und der Marzell.
Den Mädlen der schwarzen Schwitt gefiel's gar wohl, keinen "Batzenvierer", sondern denselben Wein wie die der rothen trinken zu dürfen; nunmehr ist die rothe Schwitt fort, die Mädlen meinen, man könne jetzt mit dem Zwölfer aufhören, weil das Prahlen und Wettzechen vorüber sei, doch jetzt läßt der Duckmäuser erst vom Dickrothen ausstellen, bringts der heißgeliebten Margareth zu und lacht:
"He, Ihr glaubt, der Benedict habe einen schwindsüchtigen Geldbeutel, weil sein Alter das Knieschlottern bekommt, wenn er ihm einen Batzen geben muß? Seid getrost, der Dorfhanswurst hat noch Späne!" Alles Zureden und Lobreden der Mädchen half nichts, gab nur zu zärtlichen Wortgefechten Anlaß und alle Mädlen gelobten, der altmodischen Schwitt treu zu sein, alle Buben schwuren, wie ehrliche Brüder zusammenzuhalten und die Mädlen in Ehren hoch zu halten. Erst Abends zehn Uhr schied die schwarze Schwitt vom Hirzen und vom Dickrothen, doch kein Betrunkener war zu hören oder zu sehen und den ganzen Sommer redeten Alt und Jung vom Ehrentage, welchen der Benedict seinen Herzkäfern bereitete.
Am nächsten Sonntage legt der Duckmäuser der Susanne, die mit ihren Kameradinnen aus der Kirche kommt, die Hand auf die Achsel, schaut sie gar ernsthaft an und fragt. "Habt ihr recht andächtig gebetet, Mädlen?"—"Ja!" —"Auch für mich?"—"Wir beten Alle für dich!" rufen die Mädlen treuherzig und dem Duckmäuser wirds wohler ums Herz.
Er hat sich nichts merken lassen, doch bang und schwüle ist's ihm seit dem letzten Sonntag und finstere Ahnungen, als ob ihm etwas Großes, Ungeheures bevorstehe, schnüren seine Brust zusammen; jetzt thut ihm das Geständniß der lieben Kameradinnen gar wohl und gießt Muth in seine Seele!" [Seele!] ... Daheim hat der jüngere Bruder schon das Papier gerichtet und die Feder gespitzt, damit ihm der Benedict die Predigt dictire; der Benedict kommt und dictirt, doch guckt er wieder in Einem fort in eine Ecke und der Bruder muß heute gar zu oft fragen: "was kommt jetzt, was soll ich jetzt schreiben" und meint, er habe heute nicht recht aufgepaßt, sonst müßte er nicht so lange studiren.
Plötzlich fragt der Vater draußen mit einer Stimme nach dem Benedict, welche diesen zittern macht; rasch öffnet er die Kammerthüre und ruft: "Was ist's, was gibts?" Die Frage ist noch nicht recht heraus, fühlt sich der Benedict am Titus gefaßt, hageldichte Schläge versetzt ihm der Jacob mit einem vierfachen, reichlich mit Knöpfen versehenen Seilstumpen und brüllt. "Wo hast du Geld geliehen?" "Hab' keines geliehen!" heult der Benedict, krümmt sich unter den Eichenfäusten des Vaters und immer wüthender haut dieser zu und haut zu, wie der Sohn schon auf dem Boden liegt, denn Weste und Wamms hatte dieser ausgezogen und trug nur ein Hemd und dünne Sommerhöslein, so daß kein Hieb verloren ging. "Ach, Vater, sechs Kreuzer habe ich geliehen!"—"Bei wem, Schlingel!"—"Beim Aloys!"—"Wo hast noch geliehen?"—"Beim Bernhard!"—"Wieviel?"—"Nur zwölf Kreuzer!"—"Wo hast noch geliehen?"—"Beim Stoffel!"—"Wieviel?"—"Achtzehn Kreuzer!"—"Und wo noch?"—"O Jesus, Maria und Joseph, laßt mich gehen, beim Bernhardt!"— "Wieviel?"—"Einen Sechsbätzner!"
Auf solche Weise ging das Examen fort, der Jacob bebte vor Zorn und Wuth, doch seine Kräfte gaben nach von lauter Zuschlägen, der Benedict aber war Eine Beule von oben bis unten und sein Blut rann ihm über das Gesicht und den zerfleischten Leib. Athemlos und keuchend steht der Jacob, vermag kaum den Seilstumpen mehr in der Hand zu halten, mit heiserer Stimme gibt der Benedict die letzte Antwort: "Ach, beim Liebhardt hab' ich zwei Gulden geliehen!"—und aufs neue schlägt der Vater zu, daß sich der Sohn wie ein Wurm auf dem Boden krümmt, schreckensbleich steht der Bruder, die Schwestern weinen vor Mitleid, die Theres bringt vor Angst und Schrecken kein Wort hervor und hat den Muth zum Abwehren verloren, denn sie kennt ihren Alten und weiß, wozu ihn die Wuth bringen kann.
Das Blut Benedicts, der keine Stimme und keine Thränen mehr zum Weinen hat, gibt ihr endlich den Muth, in den Augenblicke, wo alle Kinder um Hülfe für den Bruder schreien, aus der Küche zu springen, dem Vater, der mit beiden Händen seinen Strick hält und zuhaut, unter den Streich zu fahren, denselben am Arme zu packen und zur Menschlichkeit zu ermahnen. "Spring fort, spring fort, Benedict!" rufen angstvoll die Geschwister und der Benedict springt nicht fort, doch wankt er zur Thüre und zur Hinterthüre hinaus in den Obstgarten und von da über den Zaun ins Feld.
Ohne Kappe, ohne Halstuch, ohne Wamms und Weste, ohne Schuhe und Strümpfe und dazu ohne Geld wankt der Mißhandelte von Wenigen gesehen und von Keinem erkannt, dem Weidengebüsche am Mühlenbache zu.
Dies waren Folgen des Ehrentages der schwarzen Schwitt.
Der Vater hatte nicht gewußt, daß sein Sohn die Zeche bezahlte; diesen Morgen wandelt der Liebhard mit ihm und andern Nachbarn aus der Kirche, das Gespräch kommt auf den Benedict, Alle loben denselben und der Liebhardt sagt: "Darfst glauben, Jacob, daß ich deinem Buben die zwei Gulden nicht geliehen hätte, wenn er ein liederlicher Mensch wäre!"—"Was? zwei Gulden hat er bei dir geliehen?" fährt der Jacob auf und macht Augen wie Pflugräder.—"Hätte ich das Maul gehalten!" denkt der Liebhardt, der jetzt erst merkt, der Jacob wisse nichts um die Sache, doch kann er nicht als Lügner dastehen, erzählt die Sache ausführlich und der grundehrliche Jacob schämt sich in den Boden hinein, der finstere Jacob aber eilt heim, flicht Knoten am Seilstumpen und ist gerade fertig geworden, als sein Opfer den Kopf zur Kammerthüre herausstreckte.
Der Duckmäuser hatte nicht nur beim Liebhardt, sondern noch bei vielen Andern, welche keine Buben oder Mädlen bei den Schwitten hatten, Geld geliehen, wußte nicht, daß der Vater nur vom Liebhardt etwas wisse, gestand zuerst den kleinsten, dann größere, allmälig alle Posten ein und mit den Zahlen wuchs so der Grimm des Vaters. Als dieser der Theres Alles erzählt, steht die gute, grundehrliche Frau gleich einer Bildsäule da und würde ihren Mann zum erstenmal einen Lügner gescholten haben, wenn sie die Geständnisse ihres "Augapfels" theilweise in der Küche draußen nicht selbst gehört hätte. Beim Mittagessen erschien kein Benedict, in der Vesper fehlte er auch und den ganzen Tag bis in die tiefe Nacht hinein war ein Geläufe der Buben und Mädlen der schwarzen Schwitt zum Elternhause ihres "Herzkäfers", doch vom Benedict wußte Niemand ein Sterbenswörtlein, seine Eltern und Geschwister verriethen aber auch nicht, wie er geschlagen worden sei und warum.
Noch um zehn Uhr Abends geht die Margareth mit der Susanne, Marzell und Anderen durch das Oberdorf, sie reden lauter Liebes und Gutes vom Duckmäuser, eine dunkle Gestalt schleicht hinter ihnen eine Weile her und dann verschwindet sie zwischen den Gartenzäunen.
Es ist der Benedict, der seiner Wohnung zutrollt, die beiden kleinern Schwestern stehen noch im Hofe, eilen freudig auf ihn zu und berichten auf seine leise Frage, der Vater liege im Bett, die Mutter jedoch sei noch auf, sie habe immer geweint und gefürchtet, er werde sich den Tod anthun, doch wisse kein Mensch, was der Vater gethan habe.
Die letzte Versicherung tröstet den Duckmäuser, wenns nur Niemand weiß, dann steht alles gut! wie lieb ihn die Mädlen haben und wie hoch ihn die Buben der schwarzen Schwitt in Ehren halten, das hat er auf dem Heimwege erfahren!
Am Bache hat er seine schwarzblauen Beulen und blutigen Striemen wehmüthig betrachtet, sich dann ins Wasser gelegt und an den Wunden gerieben, hoffend, dieselben würden eher unsichtbar werden, dann legte er sich zwischen den Weiden nieder und schlief mit hungrigen Magen bis zum Abend, wo er noch sitzen blieb, bis es recht finster wurde und dann fortschlich, um zu sehen, wie es im Dorfe und daheim aussehe.
"Gang, Hannesle, lang mer jetzt die Kleider zum Kammerfenster heraus und bring mein Geld; es liegt hinter dem Getüchtrog in einem dunkeln Lumpen eingewickelt!" sagt der Duckmäuser; der Hannesle geht, berichtet der Mutter, der Bruder sei Gottlob wieder gekommen, das Mütterchen bringt das Geld selbst und fragt, wozu er so viel geliehen.
Ihr gesteht er Alles und sie sieht ein, daß der Augapfel Geld lieh, um die Altmodischen der schwarzen Schwitt im Dorfe gegen die liederlichen und allgemach verrufenen Rothschwittler in Oberhand zu halten, vergißt ihre Schaam und würde die Beulen ihres Augapfels gerne nicht nur aus dessen Gesicht, sondern von seinem ganzen Leibe mit ihren Zähren abgewaschen haben. Sie will ihm Essen holen, er will nichts und sagt, er verdinge sich noch heute Nacht in der Stadt oder sonst wo und nur das feierliche Versprechen der Mutter, beim Vater ganz gutes Wetter zu machen, bringt ihn davon ab, doch bleibt er nicht daheim, sondern geht wieder fort.
Eine halbe Stunde später kommt der Duckmäuser zum Dorfe, torgelt und taumelt und redet mit sich selber wie ein Schwerbetrunkener und findet aber doch den Weg zu den Linden, wo noch Buben und Mädchen der schwarzen Schwitt stehen, denn das Verschwinden ihres Herzkäfers hat Alle in schwere Unruhe und Besorgniß versetzt und Mehrere suchen in den umliegenden Ortschaften ihr Haupt.
Der Mond steigt über den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes auf und leuchtet ins Thal, die Susanne erkennt den Duckmäuser, Alle springen ihm fragend entgegen und sehen seine Beulen und Striemen; er spiele die Rolle des Betrunkenen, wiewohl er im Pfarrdorfe drüben nur zwei Schöpplein schnell hinabstürzte; sie glauben, daß er heute fortgewesen, im Rausche unbesonnen gewesen sei, Händel angefangen und "Pumpes" bekommen habe.
Dies war's, was er wollte, denn daß ihn seine Eltern so wenig verriethen, als die, von welchen er Geld geliehen, wenn er nämlich dieses Geld rasch zurückgebe, dessen war er gewiß.
Der theuern Margareth, der holdseligen Marzell und dem herzensguten Vefele erzählte er die Sache vom Liebhardt selbst, doch wollte er auf dem Markte, wohin er jeden Donnerstag mit einem Korb voll Eier, Butter und dergleichen geschickt wurde, ein großes Unglück gehabt und die zwei Gulden gebraucht haben, um den Schaden vor dem strengen Vater zu verbergen!
Er konnte als armer Bursche mit den paar rothen Batzen, welche die Mutter dem Vater für ihn abschwatzte, seine Anführersrollen nicht spielen, der Max würde ihn mit seinen Kronenthalern arg zu Schanden gemacht haben. Heimliche Schulden drückten den Benedict und seitdem er so gründlich erfahren, was der Vater von Schulden halte, wars ihm desto unlieber, weil die Mutter gar zu scharfe Augen machte, wenn sie den Marktkorb zurüsten half.
Ohne dem Augapfel ein Freudlein in Ehren zu mißgönnen, blieb sie sehr sparsam und häuslich; seit der Geldgeschichte schien ihr auch ein Licht darüber aufgegangen, weßhalb der Benedict seit einiger Zeit manchmal in "Brandpeterle's" Haus schlich, welches im Punkte der Ehrlichkeit und in einigen andern dazu nicht im besten Geruche stand. Sie paßte gewaltig auf, wenn derselbe seinen Marktkorb auf den Kopf nahm und in die nahe Stadt marschirte, suchte zuweilen hinter dem Getüchtrog und in andern Winkeln und schüttelte den ergrauenden Kopf, obwohl sie niemals etwas Verdächtiges fand.
Man munkelte im Dorfe hie und da von Schulden des Benedict, die rothe Schwitt meinte, "er habe es dick hinter den Ohren und sei halt der Duckmäuser", doch die Leute wurden nach und nach bezahlt und der rothen Schwitt das böse Maul gestopft.
An einem Dienstag Abend sitzt der Benedict bei den Mädlen unter den Linden, da sagt die Marzell: "Gelt, du hast heute ein Pfund Butter bei der krummen Lisbeth für s' Baschi's Wittfrau gekauft?"—"Ja, warum sagst du's?"—"He, die Lisbeth hat dich bei einer ganzen Heerd Weiber ausgerichtet, habest ihr kein Geld für die Butter gegeben und nachher doch behauptet, du hättest sie bezahlt!"—"Wart'! der Lisbeth will ichs morgen sagen! Hab' ich je in meinem Leben um einen halben Kreuzer betrogen?" fährt der Benedict auf und geht bald ein bischen verstimmt heim.
Am nächsten Markttage steht die krumme Lisbeth mit andern Weibern und Mädlen des Dörfleins auf dem Wochenmarkte und just neben einer Obsthändlerin. Auf einmal kommt der Benedict, kauft für zwölf Kreuzer Obst, gibt der Frau das Geld und geht.
Eine Viertelstunde später kehrt er eilfertig zurück und fragt die Obstfrau schon von weitem: "Nicht wahr, bei Euch habe ich für zwölf Kreuzer Obst gekauft?"—"Ja, das habt Ihr!"—"Ich habe Euch ja 's Geld nicht gegeben?"— "Doch, doch, Ihr habts mir in die Hand gelegt!"—"Oh, das kann gar nicht sein, ich weiß es von meinem Gelde, die zwölf Kreuzer fehlen mir nicht!"
Wer keine doppelte Bezahlung will, ist die blutarme Obstfrau, wer darob ein tüchtiges Geschrei anfängt, der Benedict und während alle Weiber recht aufpassen, sagt er und schaut auf die krumme Lisbeth hinüber. "So ist's! Die Eine will ihre Waare gar nicht, die Andere dagegen doppelt bezahlt haben! ... Für die halbe Stadt muß ich einkaufen; gehe ich nun auch einmal fort und vergesse in Gedanken das Bezahlen, so finde ich bald, wo es fehlt, wenn ich die Rechnung über mein Geld stelle! ... Doch zweimal, wie es vorgestern Eine mit ihrem Pfund Butter haben wollte, zahle ich nicht gern!"
"Da sieht man wieder, wie man den Leuten Unrecht thut!" ließen sich die Weiber vernehmen und schauten auf die Lisbeth.
"Ich hab's vorgestern gleich nicht geglaubt, der Benedict geht jetzt schon lange auf den Markt und hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen![">[ meint die Apel.
Abends hört der Duckmäuser von seinen Herzkäfern lauter Liebes und Gutes und einer ganzen Heerde Weiber hat die Lisbeth eingestanden, es sei leicht möglich, daß sie Benedicts Geld für die Butter verloren habe; ein Loch sei nicht in ihrem Rocke, doch habe sie das Geld in der Eile nicht in den Beutel gethan und vielleicht mit dem Schnupftuche weggeworfen.
Sauer, blutsauer ließ sich's unser Held werden, bis die ärgsten Gläubiger zufrieden gestellt waren, Angst und Noth stand er genug dabei aus und fand, der Erwerb auf krummen Wegen gewähre dem Menschen sehr wenig Freude; er würde sich gern mit den paar Batzen begnügt haben, welche die Mutter ihm zusteckte, doch sollte er jetzt vor dem Max zurücktreten, aufhören, an der Spitze der schwarzen Schwitt zu stehen und so die "Neumodischen" Herren im Dörflein werden lassen?
Der Max besaß Geld wie Heu; nicht blos an hohen Feiertagen und besondern Gelegenheiten, sondern jeden Abend, den Gott gab, lebte die rothe Schwitt herrlich und in Freuden, sei es im Hirzen oder in Kunkelstuben, und wenn die schwarze Schwitt auch nicht groß thun, prahlen und unmäßig sein wollte, so gab es doch von Zeit zu Zeit Gelegenheiten zum Geldausgeben und der Benedict hätte es nicht sehen können, wie Maxens Rothe, Willibalds Luzie und Andere mit Geschenken überhäuft wurden, während die braven, treuen und lieben Mädlen der schwarzen Schwitt leer ausgingen.
Wenn er jetzt zuweilen mit einem kleinen Marktkorbe auf dem Kopfe zum Ort hinausging, so wuchs der Korb merkwürdig in die Höhe, ehe er durch das Stadtthor keuchte und einige Weiber wollten wissen, das Wunder gehe ganz natürlich zu; gewiß war, daß der Benedict unterwegs seinen kleinen Korb abstellte, seitwärts vom Wege in das Weidengebüsch des Mühlenbaches trug und weit schwerer bepackt wieder hervorkam, sich vorher nach allen Seiten umsah, ob kein Unrechter in der Nähe sei und dann rascher als vorher der Stadt zulief. Die krumme Lisbeth mit ihren scharfen Augen bemerkte es wohl, andere Weiber wußtens bald; sie zogen den Benedict auf wegen seines Abstellens bei den Weiden und dieser merkte, daß Mutter Theres sammt andern ihres Geschlechtes und manchen Männern dazu seine Ehrlichkeit und Redlichkeit stark bezweifelten.
Der Liebhardt war nicht allein beim Jacob gewesen, als die Geldanleihe zur Sprache kam, Andere mochten die Sache herum gesagt haben, Benedicts Eltern zahlten alle ihnen bekannten Gläubiger aus, diese merkten auch etwas, das Pfund Butter war auch noch nicht vergessen und das Dörflein lag nicht in einer Gegend, wo man gestohlen haben mußte, um für unehrlich zu gelten; eine wackere Lüge reichte dazu hin und der Marktkorb machte die Mutter so mißtrauisch, daß sich der Held der schwarzen Schwitt nicht mehr zu helfen wußte. Zuweilen kam jetzt wohl die Schwindsucht an sein Geldbeutelein, doch von Zeit zu Zeit besaß er Geld und so vorsichtig er mit dem Ausgeben desselben war, schüttelten doch manche den Kopf und meinten, der Max habe mit dem Namen "Duckmäuser" keinen üblen Einfall gehabt.
Duckmäusers Glücksstern erbleicht.
An einem Sonntagmorgen tritt der Benedict aus der Kammer in die Stube, der Vater rasirt sich gerade hinter dem Ofen und tritt diesmal nicht so glatt und sauber wie sonst hervor, denn er hat sich im Eifer geschnitten oder vor innerer Bewegung gezittert, seine Stirn ist gefaltet und der Blick so finster, daß der Sohn bereut, durch das Löffelgeklirre der Mutter in die Stube gelockt worden zu sein.
"Bist du gestern Nacht nicht wieder in Brandpeterles Haus gewesen?" fragt der Jacob und der Mund zuckt bei dieser Frage gar seltsam.—"Ja, ich war ein Viertelstündle dort und hab' geschwind die Geschichte vom Fortunatus mit dem Säckel und Wünschhütlein erzählen! müssen!" meint der Benedict kleinlaut.—"Woher hast du denn diese schöne silberne Uhr, die heute Nacht aus deinem Sacke rutschte?" fragt der Alte mit blitzenden Augen und zitternden Lippen und zieht die Uhr aus dem Kasten—"Ho, ich habe sie gefunden!"—"So was findet man nicht so am Wege! Kerl, was fängst Du für ein Leben an? Gib Acht, gib Acht, daß ich nicht hinter dich komme, 's geht dann anders als wegen dem Liebhardt!" donnert der Vater und schlägt die Eichenfaust auf den Tisch, daß die blechernen Löffel und zinnernen Teller in die Höhe springen und die jüngern Kinder ängstlich zusammenfahren.— "Alter, denk' an unsere Verabredung!" ermahnt die Theres, welche eine Schüssel voll gebratener Erdäpfel neben die dampfende Suppe stellt.—"Wo hast du die Uhr gefunden?" forscht der Jacob weit sanfter.—"Da und da."— "Bah, bah, weßhalb hast du sie denn verborgen? Weßhalb mußte ihr Picken erst dein Glück verkünden? Soll man das Maul halten, wenn man Etwas gefunden hat? Meinst du, es werde Niemand nach der Uhr fragen? Kerl, Kerl, nimm dich in Acht, heute gehst du mir nicht zum Hause hinaus, hast's gehört?[">[—"Ja, ja!" versichert der zitternde Benedict und die Mutter wirft ihm einen Blick unaussprechlicher Angst und Bekümmerniß zu, denn sie ahnt, wie ihr Augapfel zu der schönen Uhr gekommen sein möge. Aus der Kirche bringt der Vater die Hiobspost, gestern Abend sei dem Melchior die Silberuhr, welche er an der Wand hängen hatte—weggefunden worden, der Benedict glaubt sein Todesurtheil zu vernehmen, doch flicht der Vater diesmal keinen Seilstumpen und versetzt dem Bueb nur gelegentlich einen Stoß, daß derselbe der Länge nach zu Boden stürzt und will einen Fußtritt oben drauf setzen, den die herbeieilende Mutter jedoch verhindert.
Bei Nacht und Nebel trägt der Jacob die Uhr wieder dahin, woher sie genommen wurde, kommt unbeschrieen wieder heim, kann kein Wort reden vor Schmerz und Schaam, die Theres aber nimmt den Benedict in die Kammer, fällt vor ihm auf die Kniee und bittet ihn unter strömenden Thränen und mit aufgehobenen Händen, sich zu bessern und von dem Wege abzulassen, den er eingeschlagen.
Bei allem, was dem Christenmenschen und Kindesherzen heilig ist, beschwört sie ihn, vor Gott und den Menschen ehrlich und rechtschaffen zu wandeln und bringt ihn zum Schwure, wieder ordentlich zu werden.
Sie verspürt an Eiern, Butter und dergleichen, daß es dem Duckmäuser diesmal Ernst sei; sie kennt ihn inwendig wie auswendig und will Alles thun, um ihn auf dem rechten Wege festzuhalten. Sie weiß, es gäbe Eine im Dörflein, welche mehr über den Benedict vermöge, denn alle Geistlichen, Vater und Muster zusammengenommen, diese Eine hieß Margareth und zu dieser geht die tiefbekümmerte Theres, erzählt ihr, wie alle Ermahnungen, Warnungen, Schläge und andere Mittel den Buben nicht von Brandpeterles wegbringen könnten und wie es mit Melchiors Uhr zugegangen sei.
Ob der unerwarteten und nie geahnten Nachricht erschrak die Margareth so sehr, daß sie den Benedict, für welchen sie freudig ihr Leben gelassen hätte, von dieser Stunde an nicht mehr liebte, sondern eher fürchtete, und später fürchtete wie selten ein Mensch gefürchtet wird. Sie verrieth Theresens Vertrauen mit keiner Silbe, blieb gegen dieselbe eine zärtliche Freundin und liebende Tochter, doch die Liebe für den Benedict war aus ihrem reinen, blutenden Herzen verschwunden, jeder Blick und jedes Wort und die Scheu vor dem verdächtigen Geliebten verrieth es jetzt schon.
Am dritten Abend darauf rüstet der Benedict seinen Marktkorb, die Mutter sieht ihm mit nassen Augen zu, denn er sieht gar bleich und zerstört aus, thut wie Einer, der nicht mehr bei sich selbst ist und hört stumm die Aufträge herzählen, welche er morgen befolgen soll; schon um 3 Uhr will er wie gewöhnlich fortgehen und um diese Zeit pflegt die Mutter noch ein bischen zu schlafen.
Der Marktkorb ist gepackt, der Benedict setzt die Kappe auf und nimmt die Pfeife von der Wand. "Wohin willst du noch?" fragt die Mutter.—"Zu den Andern!" brummt der Sohn kurz und grob.—"Nein, du gehst jetzt nicht zu den Andern, sondern bleibst da! ... Wenn gute Worte nichts nützen, dann will ich auch anders mit dir anfangen!" ruft die schwergekränkte, erzürnte Mutter.
Der Vater sitzt am Tische, sucht in einem alten Kalender den Tag, an welchem die kleine Ammerey zur Welt kam, doch jetzt steht er auf und langt nach den Stricken, die neben dem großen Legendenbuch am Kasten herabhängen, der Duckmäuser jedoch schießt wie eine Kugel aus dem Rohr zur Thüre hinaus in die stockfinstere Nacht hinein.
Einige Minuten später geht er in das Haus des Brandpeterle, in welchem die rothe Schwitt jetzt ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Der Brandpeterle sitzt nicht in der Stube, denn er liegt schon längst drüben auf dem Kirchhofe, doch dessen verrufene Wittwe setzt eben zwei Krüge Wein auf den Tisch, ihre hübsche, doch leichtsinnige Tochter, die Hanne, sitzt auf dem Schooße des Willibald, der mit fünf andern Buben und fünf Mädlen der rothen Schwitt just vom Duckmäuser redet, denn dieser wird erwartet. An diesem Abend wird das bisherige Haupt der schwarzen Schwitt vollends zum Haupte der rothen ernannt, die Hanne zur "ehelichen Geliebten" desselben gemacht und der erste Beschluß des Neubekehrten heißt: Brandpeterles Haus bleibt Hauptquartier der rothen Schwitt, die ganze Jungfrauschaft der schwarzen ist im Bann!
Etwa um die Zeit, wo Benedict sonst den Marktkorb auf den Kopf zu nehmen pflegte, tritt er aus Brandpeterles Haus und geht nicht heim, um den Korb zu holen, sondern zum Dörflein hinaus und am Kreuze vorüber, wohin er vor drei Jahren in der Frohnleichnamsnacht die Maien gebracht.
Er zieht die Kappe nicht herab, sondern schaut nach der andern Seite.
Es wird Abend, wird wieder Tag, wird Sonntag, Dienstag und noch einmal Dienstag, vom Benedict ist nichts zu sehen und zu hören, die Hanne mit der rothen Schwitt wartet so vergeblich wie die schwarze. Am folgenden Sonntag, während Alles in der Kirche ist, was nicht ganz notwendig in der Küche oder bei der Wiege oder im Krankenbette bleiben muß, tritt der Duckmäuser wieder über die Schwelle seines Vaterhauses, die Mutter steht am Heerde und kehrt sich um, doch sie fährt erschrocken zusammen und findet keinen Gruß.
Ohne ein Wort zu sprechen, geht er in die Kammer, zieht ein frisches Hemd und die Sonntagskleider wieder an, nimmt einen schweren Geldbeutel aus dem Sacke der alten Hosen, steckt denselben ein und geht mit einem barschen "Adje" wieder zum Hause hinaus.
Kein Kundschafter erfuhr, wohin der Benedict gegangen, doch wie es dunkel wird, kommt er mit Zweien von der rothen Schwitt das Dorf herauf zur Linde, die Mädchen der schwarzen Schwitt drängen sich nicht um ihn herum, wie dies sonst immer der Fall war. "Wo ist d´ Margareth?" fragt er—"Wir wissens nicht! ... sie wird daheim sein!" antworten Einige—"Und Ihr, was thut Ihr da? Ihr könntet auch daheim sein!" sagt er und geht dann das Dorf weiter hinauf.
Im Hofe des Brandpeterle sitzen die Dorothea, Klara, die Sabine, welche aus der "Feinsten, Fleißigsten und Sittsamsten" auch eine Helden der rothen Schwitt geworden ist, vielleicht aus Scheu vor dem Oberhaupte der Schwarzen.
Der Duckmäuser will mit den Mädchen scherzen, die Gefährten dagegen halten ihn eifersüchtig ab. "Diese gehen dir nichts an, dir gehört die Hanne, laß diese sitzen, wo sie sitzen!"—"Was? Ihr habt mir nichts zu befehlen, ich kann hingehen, wohin ich will und Ihr, wohin Ihr wollt!"
Mit diesen Worten kehrt der Benedict den Rücken und zu der Linde zurück, wo Mädlen der schwarzen Schwitt einsilbig beisammensitzen und kein Lied anstimmen.
"Guten, guten Abend, ihr Lieben! Was macht ihr Lieben?"—"Ach, was machen wir! ... was denkst du aber auch! ... laß jetzt den Karren rennen, wohin er rennt!"—"Was sagt denn die Margareth?"—"Ach, was sagt sie! ... was wir halt auch sagen, daß Solches kein Mensch von dir geglaubt hätte! ... wo bist denn gewesen die ganze Zeit?"—"Weiß es selber nicht!" "Bleibst jetzt wieder da?"—"Dableiben? bei wem?"—"He, bei wem? bei deinen Leuten!"— "Heute und morgen noch nicht!"—"Ach, thue es doch der Margareth und uns zu lieb und folge deinen Leuten!"—"Der Margareth? Wißt Ihr nicht, daß sie mir den Abschied gegeben hat? daß ich jetzt ein Rothschwitter bin und die Hanne meine Herzige ist?"—Die Mädchen bleiben stumm, einige fahren mit der Schürze über die Augen, andere weinen laut.
"Wenn Ihr zu der Margareth kommt, so sagt ihr, sie habe mich zum Herrn in´s Brandpeterles Haus gemacht, gute Nacht!" sagt der Benedict mit bebender Stimme, ein ingrimmiger Schmerz wühlt in seinem Herzen und droht ihn zu erwürgen, er vermag kaum das "gute Nacht" noch herauszubringen, kehrt sich ab und geht. "Benedict höre, ich muß dir noch Etwas sagen!" ruft ihm die Susanne nach.—"Was weißt noch?" fragt er mit unsicherer Stimme.— "Ich wills dir allein sagen!"—"Gut, Susanne, ich komme noch einmal zu dir heute Abend!"
Um 11 Uhr klopft Einer am Kammerfensterlein der Susanne, diese öffnet und der Benedict fragt, was sie ihm denn zu sagen habe.
Dieses schwache, einfältige Mädchen sagt in einer stundenlangen Rede Alles, was Verstand, Ehre, Rechtschaffenheit und Gottesfurcht dem Zuhörer zu sagen vermochten; jedes ihrer Worte dringt tief, schmerzlich tief in seine Seele, sie fühlt, wie seine Hand in der ihrigen bebt und nimmermehr würde die Predigt des begeistertsten Kanzelredners, nimmermehr die Thränen der Mutter solch erschütternden Eindruck auf ihn gemacht haben, wie die Rede des einfachen Bauernmädchens, in dessen unansehnlichem Körper eine edle, herrliche Seele wohnte.
Stumm hört er die Susanne an, zuletzt schließt diese mit den Worten. "Wir Mädlen sind alle bei deiner Mutter gewesen und sie hat uns versprochen, dir solle nicht das geringste Leid widerfahren, wenn du nur ihr und dem Vater wieder folgen wollest! ... Jetzt sage mir was du thun willst!"
"Liebe Susann, ich kann nicht mehr hier bleiben, ich bin vom ganzen Dorfe verachtet!" meint der Benedict düster.
"Nein, du bist nicht verachtet, Alle haben Mitleid mit dir und von dem, was deine Mutter der Margareth, gesagt hat, wissen nur wir vier: ich, das Besele, die Marzell' und die Margareth! Wir haben nirgends ein Wörtlein gesagt und werden keines sagen, du weißt, daß wir dir treu sind!"
"Aber die Margareth?"
"Auch sie vergißt dir Alles und ist nicht mehr böse, wenn du jetzt folgen willst! ... Sie ist die ganze Zeit nicht aus dem Hause gekommen, hat nur geweint und wenn du noch jetzt zu ihr gehst, wird sie dir das Nämliche sagen, wie ich!"
Verzweiflungsvoll starrt der Benedict zu Boden und schweigt, die Susanne bittet noch einmal, Besserung zu versprechen und ermahnt ihn jetzt heimzugehen und wieder redlich zu werden, sie wolle immer für ihn beten.
"Susanne, ich will dir folgen, will heute Nacht noch heimgehen und meine Leute um Verzeihung bitten, aber—es nützt nichts, es ist zu spät! ... Gott behüte dich liebe Freundin!"
Verzweiflungsvoll schaut der Benedict zum sternenreichen Nachthimmel empor, wischt zwei große Thränen ab und geht, geht jedoch nicht heim, sondern zuerst vor das Kammerfensterlein des Besele, dann vor das der Marzell, hört bei Beiden dasselbe, was die Susanne gesagt und pöpperlet mit bangem klopfenden Herzen endlich noch bei der Margareth an.
Diese benimmt sich ganz so, wie ihre besten Freundinnen es vorausgesagt haben, versöhnt sich mit ihm und schließt ihre Predigt also:
"Wie oft, wie oft, Benedict, hat das schneeweiße Bäbele selig von dir gesagt, es sei nicht alles Gold, was glänze! ... Sei aber fortan jetzt brav und redlich, ich bitte dich um Gotteswillen, Allerliebster! ... Denk´ jetzt an unsern Herrgott, bete und arbeite, wie dein Vater, der brave Jacob sagt und thut! ... Laß solche Sachen bleiben, dadurch wird kein Mensch glücklich, wie du ja selbst schon oft gesagt hast!"
Schon bricht der Tag an, die Schwalben zwitschern, es ist Zeit, den Marktkorb endlich zu holen, er geht heim, Vater und Mutter sprechen mit ihm, als ob gar nichts vorgefallen wäre, Benedicts Entschluß zur Besserung steht fest, ist aufrichtig, aber—zu spät!
Drei Tage früher und der Duckmäuser hätte wohl den armen, stets verachteten, ungeliebten und durch die Lieblosigkeit der Menschen zumeist verderbten Zuckerhannes niemals kennen lernen!
Wunderbar ist die Macht, welche von einer unschuldigen, tugendhaften, christlich gesinnten Jungfrau nicht nur auf das Gemüth eines unverderbten, sondern auch eines verderbten, ja lasterhaften Jünglings ausgeübt wird. Die hohe Verehrung, welche ächte Katholiken der Jungfrau Maria zollen, wurzelt im tiefsten Geheimniß des menschlichen Herzens und wer die Liebe der jungfräulichen Mutter nicht versteht, lernt nur schwer die Liebe des Gottessohnes zum Menschengeschlechte verstehen. Ein Verächter Marias ist gewöhnlich ein schlechter oder mindestens sehr befangener Christ und wer die Jungfrauen nicht achtet, ein roher und noch häufiger ein schlechter Mensch. Schade, daß heutzutage christlich gesinnte Jungfrauen nicht häufiger sind! Hat Satan nicht zuerst die Eva und dann erst, als diese gesündigt hatte, durch sie den Adam verführt? Hat die Susanne, welche noch lebt und über den universellen Sieg der rothen Schwitt im Dörflein trauert, nicht den grenzenlosen Leichtsinn und tief eingewurzelten Hochmuth des Benedict in Einer Stunde gebrochen? Wie wäre er sonst unter das Fensterlein der Margareth und nach Hause gekommen? ... Mit dem Marktkorbe auf dem Kopfe wandert Benedict wiederum der Stadt zu, zuerst holt ihn das Besele, dann die Marzell und zuletzt auch die Susanne auf dem Wege ein, alle drei sprechen leise und angelegentlich mit ihm und stumm hört er ihre Reden an, antwortet zuweilen nur mit einem schmerzlichen: Ach, ich!—
Die "Alltagsmarktweiber" des Wochenmarktes stecken ihre Köpfe zusammen und verwundern sich ebenso sehr über die fremdgewordene Erscheinung des Benedict als über das nachdenkliche Gesicht und zerstreute Wesen desselben, denn heute bringt er auch nicht einen seiner sonstigen Marktwitze und fröhlichen Späße vor.
Auf dem Wege waren ihm noch früher als das Besele drei Gensdarmen begegnet; diese gingen seinem Dörflein zu, ein schwüles, banges, unheimlichem Ahnen erfüllte seine Seele, er sah immer nur die drei Gensdarmen, welche dem Hause seiner Eltern zugingen und hörte nur immer, wie dieselben nach ihm fragten!
Er verkaufte den Marktkram und ging dann in die Apotheke, um Arznei für sein krankes Brüderlein zu holen. Ihm folgt jedoch einer der drei fatalen Gensdarmen und als Beweis, daß derselbe bereits wieder aus dem Dörflein komme, folgt auch der kleinere Bruder, der Hannesle deutet bleich und zitternd auf den Aeltesten und sagt: das ist unser Benedict! ... Der Hannesle wartet auf die Arznei, der Verhaftete übergibt demselben den Korb sammt dem Marktgelde und wird vom Gensdarmen in das Amtsgefängniß geführt. Man fand nicht mehr bei ihm, was man suchte, doch er dachte an die verflossene Nacht, gestand seine ganze Schuld dem Assessor, welchem er vorgeführt wurde und kehrte noch am Abend desselben Tages in sein Dörflein zurück.
Der Jacob schmierte gerade ein Pflugrad, als er seinen Ungerathenen kommen sah, eilte zum Hause, stellte sich neben die Theres und beide erklärten einstimmig, er habe kein Elternhaus mehr, sei für immer von ihnen verstoßen und sie wollten vergessen, jemals einen Sohn gehabt zu haben, der Benedict heiße.
Diese furchtbare Erklärung brachte den Duckmäuser nicht außer sich, er behauptete, derjenige gar nicht zu sein, welchen die 3 Gensdarmen gesucht hätten; seine Unschuld sei gleich erkannt und deßhalb sei er auch gleich wieder freigelassen worden nach dem ersten Verhöre. Auf solche Weise erschlich er den Eintritt ins Elternhaus.
Viele Bewohner des Dörfleins jedoch glaubten nicht an seine Unschuld, bürdeten ihm zehnmal mehr auf, als er jemals gethan hatte und so wenig sich die Mehrzahl scheute, Ehre zu geben wem Ehre gebührt, so wenig scheute sich dieselbe, ihren Argwohn und ihre Verachtung dem Benedict ins Gesicht hinein zu werfen.
Als ihm die Mutter ebenfalls den Markt und die häuslichen Arbeiten abnahm und dem Gregor übergab, zugleich nirgends einen Schlüssel mehr stecken ließ, wo etwas zu holen war, da entleidete dem Benedict das Leben im Elternhause und er wäre fortgegangen, wenn die Mädchen ihm nicht in dieser Zeit Proben wahrer Freundschaft und Liebe gegeben hätten. Diese scheuten weder Muthmaßungen noch Sticheleien und böse Nachreden, theilten ruhig und freudig seine Verachtung, gingen offen mit ihm um, kamen zur Mutter Theres, um diese zu trösten, zu beruhigen und derselben eine freudenvollere Zukunft zu versprechen, insofern solche von ihrem Aeltesten abhänge. Der Duckmäuser hatte die arglosen, unschuldigen Mädchen leicht von seiner Schuldlosigkeit überzeugt und sie glaubten an seinen guten Willen zur Besserung. Er hielt sich möglichst fern von den Leuten, seufzte im Stillen, denn Ruhe blieb seinem Herzen fremd. Böses erwiederte er nicht mit Bösem, nahm Alles in Demuth hin, betete viel und nach einiger Zeit gab es auch Stunden, wo er selbst an eine bessere Zukunft glaubte. Was thut, hofft, fürchtet ein junger Mensch nicht in arger Bedrängniß?
Die treuen Mädchen, welche zur altmodischen Schwitt gehörten, standen mit ihrer Treue vereinzelt, denn die meisten Buben und Mädlen ihrer Parthei hielten das stille, ruhige, demüthige Benehmen des außer Kredit gekommenen Oberhauptes meist nur für einen Akt neuer Verstellung. Dagegen begegnete die rothe Schwitt dem Duckmäuser so freundlich, zuvorkommend und wohlwollend wie noch nie, denn sie glaubte, jetzt oder nie sei der rechte Augenblick da, um ihn ganz an sie zu fesseln.
"Wie lange werden die treuen Mädchen der alten Schwitt noch zu dir halten? Wie lange wird es dauern, bis der letzte und ärgste Schlag im Hause geschieht? Bis du von den Besten unter den Guten verachtet, verlassen, aus dem Elternhause verstoßen sein wirst? Sind dann alle Deine Anstrengungen nicht vergeblich gewesen? Sei pfiffig, Benedict, bei der rothen Schwitt winkt Freude und Genuß, gerade jetzt ist es die rechte Zeit zum festen Anschluß an dieselbe! Leben die Buben und Mägdlein der rothen Schwitt nicht auch im heimathlichen Dörflein? Haben sie nicht ihre Eltern hier, Verwandte und Gesinnungsgenossen genug in den umliegenden Dörfern? Stelle dich an die Spitze der rothen Schwitt, mache das Leben derselben zur Mode, dann wird die allgemeine Verachtung aufhören, sie muß aufhören!" Also flüstert in bangen, schlaflosen Nächten der Versucher dem Benedict ins Herz, mächtig kämpft die Erinnerung an die Nacht des Fensterleins, mit letzter Kraft die Liebe zur Margareth und deren Freundinnen gegen jene Stimme an—er erlebte grausam qualvolle Stunden, der unglückliche Duckmäuser! ... "Fort, fort von hier, das ist meine einzige Rettung!" sagt er an einem Sonntagmorgen zu sich selbst und geht.
Nach der Vesper steht er jedoch mit dem Willibald, der ihn eine Stunde vom Dörflein traf und zur Umkehr bewog, unter der Linde und sein letztes Wort heißt: Ihr dürft auf mich zählen, Willibald, ich komme bestimmt!
Nach dem Abendessen schleicht er ohne Wamms und Kappe zur Thüre hinaus in den Garten; hier hängt Wamms und Kappe an einem Rosenstocke, er zieht sich an, setzt die Kappe recht aufs linke Ohr und nach einigen Minuten steht er in der Mitte der rothen Schwitt, welche insgesammt im Hauptquartier beim Brandpeterle sitzt und ihn jubelnd bewillkommt.
Die Hanne mit glühenden Bäcklein holt sogleich einen Hafen voll vom Alten, ihre Mutter überreicht ihm die Schlüssel zum Keller und zum Speicher, zur Fleischkammer und zum Geldkasten, erklärt ihn zu ihrem Eidam und spricht:
"Hab's schon oft der Hanne gesagt, sag's täglich, Dich und sonst keinen Andern will ich im Haus haben, denn Keiner ist im ganzen Revier, der dir gleicht! ... Hast ganz Recht gehabt, ganz Recht gehabt, wenn du nur einen ganzen Maltersack voll, Maltersack voll bei so einem reichen Geizhals erwischt hättest! ... Man muß nicht so dumm sein, nicht so dumm sein, wenn man dazu kommen kann! ... Ich hab' eben lauter Esel, der Sepp, der Sepp, er muß bei dir lernen!"
Toll und bunt geht es zu beim Brandpeterle, die rothe Schwitt rast vor Freuden über das neue Oberhaupt, selbst der Max hat allen Groll vergessen, doch schon um halb neun steht der Benedict auf, um fortzugehen.
Alle erklären sich dagegen, er bleibt fest und die Alte meint: "Was, du willst fort? fort von deiner Schwiegermutter? Willst halt noch zu deiner Schläferin, gelt? ... Möcht' nur auch wissen, was du denkst! ... Du der lustigste Bueb im Dorf, im Dorf, magst mit einem so todten Mädle gehen, wie die Margreth eines ist, während die vornehmsten Mädlen, wie meine Hanne, die Hanne dort, die Finger nach dir lecken!"
Vergeblich jedoch beschwört die Schwiegermutter den Eidam zum Dableiben, vergeblich ruft sie:
"Hanne, schenke ihm ein, er darf nicht fort! ... Du behälst ihn bei dir heute Nacht und wenn seine fromme Mutter auch allen Heiligen die Füße abrutscht!"
Doch der Duckmäuser geht, findet die fromme Mutter mit seinen treuen Freundinnen auf der Staffel des Hauses sitzend; sie fragen ihn, wo er gewesen sei, er gibt eine ausweichende Antwort, doch die Dasitzenden errathen die Wahrheit, ohne ihren Gedanken zu offenbaren, er redet wenig und legt sich bald zu Bette.
Von nun an schwankt er haltlos hin und her, nirgends hat er sein Bleiben, auch bei der rothen Schwitt bleibt er nie lange und kommt nur, wenn er die bösen Geister, welche ihn plagen, im Wein und bei der Hanne ersäufen will, sucht dann in der Hölle Ruhe und Frieden und findet stets das Gegentheil davon.
Der Mutter und den treuen Mädlen entgeht seine Haltlosigkeit nicht, sie bieten alle Macht ihrer Zärtlichkeit und Liebe auf und bringen ihn wirklich dazu, das Haus des Brandpeterle zu meiden, der Hanne und der ganzen rothen Schwitt mit Verachtung entgegen zu kommen. Aus dem leichtsinnigen Benedict scheint ein ernster, rechtschaffener Mann werden zu wollen, die Mutter und die Margareth glauben ihren Herzkäfer Gott und der Tugend gerettet zu haben, doch an einem Freitag Morgen tritt ein Zweifarbiger, nämlich der Amtsdiener in die Stube und meldet, der Benedict habe morgen früh um 9 Uhr vor Amt zu erscheinen.
Derselbe stand gerade beim Hirzenwirth im Taglohn, erfuhr von der Einladung nichts, bis er Abends spät nach Hause kam.
Da geht das Donnerwetter los, die Eltern meinten, er habe wieder irgendwo einen schlechten Streich gemacht und es fehlte nicht viel, so würden sie ihn noch in dieser Nacht fortgejagt haben.
Mit bangem Herzen geht der Duckmäuser am folgenden Morgen vor Amt in die Stadt und macht den Rückweg erst wieder nach vier Wochen, weil der Gefängnißwärter nichts vom Heimgehen wissen will, bevor die Strafe erstanden sei.
Während dieser Zeit saß die Mutter oft gar traurig und niedergeschlagen am Abend mit der Margareth, dem Vefele, der Marzell und der Susanne auf den Staffeln und gegen alle Tröstungen unzugänglich, sagte sie hundertmal:
"Er hört nicht auf zu lügen, hierin liegt der sicherste Beweis, daß er sich nicht ändern will! Er hat über unser Haus jetzt eine Schmach gebracht, welche nie wieder hinwegkommt, so lange er darin ist, darum soll er auch nie wieder in dieses Haus treten, wenigstens so lange ich am Leben bin!"
Die Mädchen meinten, Benedicts Strafe sei ja nur eine Folge des gewiß abgelegten Leichtsinnes, die Mutter habe ihm nach der Rückkehr von der mehrtägigen Wanderung Alles verziehen und dürfe also nicht so hart sein, wenn sie gerecht handeln wolle, doch Alles half nichts und wenn Theres nichts mehr zu erwidern wußte, begann sie zu seufzen oder zu schimpfen.
An einem Mittwoch Morgen kommt der Benedict durch den Garten auf das Haus zu und steht auf der Schwelle der Hinterthüre; die Mutter stand am Heerde, jetzt wendet sie sich um, ihre Augen sprühen Feuer, sie eilt ihm entgegen und ehe er sich's versieht, spritzt das Blut aus einer Wunde an der Stirn und dann schlägt sie die Thüre vor ihm zu mit den vernichtenden Worten:
"Du, Galgenstrick, kommst nimmer über die Schwelle dieses Hauses, so lange ich noch schnaufe! Wirst genug haben an diesem Willkomm, kannst damit hingehen, wohin du willst, mich aber nenne nie mehr deine Mutter!"
Sie hat ihrem Sohne den Abschied mit einem scharfkantigen Holzscheite gegeben und er wird die Spuren der Wunde inwendig und auswendig ins Grab nehmen.—
Junges Glück und alter Hochmuth.
Es gibt nichts Lieblicheres und Wohltuenderes als die sonnenreichen, milden Tage, welche von Maria Geburt bis Allerheiligen und manchmal bis in den Dezember hinein der Herbst in das badische Land bringt. Oft schaut der Schnee von den höchsten Bergen des Schwarzwaldes dem paradiesischen Frühling und Sommer des Rheinthales tief ins Auge und der Blick in die Schweizeralpen gibt ihm Muth zum Dableiben und muß er sich endlich in die schattenreichsten Klüfte flüchten, zuletzt auch diese Schlupfwinkel meiden und als neutrales Gebiet zurücklassen, wo weder der Winter noch der Sommer herrscht und nur der Frühling sein neckisches Knabenspiel ein bischen treibt, so kehrt der Winter von seinem Besuche bei den Schweizerbergen doch frühzeitig wieder zurück und versucht es, seinen Schneemantel wieder über die Höhen des Schwarzwaldes zu werfen. Entdeckt der September einige Zipfel des Schneemantels, so lacht er darob und jagt den Winter mindestens in seine Klüfte mit einer etwas stark verbrauchten Sonnenstrahlenruthe zurück; der Oktober lacht auch noch, doch heult, lärmt und weint er immer mehr dazwischen, denn der Winter redet von seinen Burgen herab schon ein ernsthafteres Wörtlein und sendet wohl zuweilen seinen Spion, den Frost in das Land des Herbstes; dieser gibt den Gedanken an Eroberung der Burgen immer mehr auf, begnügt sich, in den stillen, heimlichen Thälern des Schwarzwaldes am Tage herumzuwandern und bekommt endlich genug zu thun, um sich den vom Gebirge herabstürzenden Vortrab des Winters vom Leibe zu halten; wenn der November endlich auf den Kampfplatz tritt, mit seinem wahren Diplomatengewissen und ebenso geneigt, mit dem Sommer und dem Winter zu unterhandeln und beide an der Nase herumzuführen, so schaut dieser manchmal griesgrämig und finster drein, wenn ihm der Oktober keinen guten Neuen credenzt und tüchtig einschenkt. Ist der Wein gut und ein bischen viel, dann bringts der November wohl noch dem Dezember zu und mehr als ein sonnenhelles Lächeln zuckt über das kahle, verwitterte Gesicht des sonst so kalten und menschenfeindlichen Alten, er lüftet wohl seinen Schneemantel oder schlendert denselben lustig auf die Schwarzwälderberge zurück und stirbt als treuloser Knecht des Winters in der süßen Trunkenheit, welche der Oktober, ein rüstiger lebensfroher Fünfziger und der grauwerdende November mit seinem abgelebten Intriguantengesichte über ihn gebracht haben.
Am Tage, an welchem der Duckmäuser mit blutiger Stirn und blutendem Herzen dem Elternhaufe den Rücken kehren mußte, hatte der Oktober just scharfe Händel mit dem Winter bekommen, denn jener hatte den Schneemantel des letztern bereits auf den mittlern Bergen entdeckt und fürchtete für seine Vorhügel, wo der Wein noch vollends anszukochen war; beide lärmten und tobten, daß alle Bäume Reißaus nehmen wollten und weinten vor Zorn und Wuth, daß die Mutter Erde ob dem Verderben ihres zersetzten Unterrockes auch plätschernd schimpfte und kein trockener Faden an unserm Wanderer blieb.
Seine Werktagskleider hatte der Benedict im Thurme ein bischen stark abgerutscht, war neben andern auch mit Flickergedanken heimgegangen, jetzt besaß er nichts auf der weiten Welt, denn zerrissene Kleider, ein zerrissenes Herz und einen magern Geldbeutel, und weil er doch nicht wußte, wohin er sollte, ließ er sich vom Sturm auf's Gerathewohl vorwärts treiben und trunken von Schmerz, gleichgültig gegen das Leben, fühlt er wenig vom wilden Kampfe der Jahreszeiten und noch weniger von Hunger und Durst.
Würde ihm ein Gensdarme begegnen, so würde er nichts sagen über Wer, Woher und Wohin und ließe sich geduldig in irgend ein Gefängniß führen.
Gegen Abend kommt er in ein fremdes Dorf und der Leuenwirth nimmt ihn auf, weil er demselben einiges Geld zeigen kann. Er ißt und trinkt wenig, weint jedoch viele bittere Thränen in sein Kopfkissen, weils ihm wird, als ob die Margareth, das Vefele, die Susanne sammt der Marzell in der Kammer wären und gar wehmüthig und traurig in das Bett des Verstoßenen hineinschauten, der nicht einmal Abschied von diesen lieben Seelen genommen hatte. Er weint und betet, redet im unsäglichen Wehe mit sich selber, da fährt ein Gedanke durch seine Seele, wie ein falber Blitz durch die stürmische Wetternacht.
Lebt nicht einige Stunden von hier, in einem Dorfe in der Nähe des Rheines ein alter, guter Freund? Ist dieser Freund nicht wohlbestallter Schweinehirt seines Dorfes? Braucht ein solcher nicht einen Knecht, wenn die Zahl der unartigen, grunzenden Pflegebefohlenen ein bischen groß ist? Heißt der Freund nicht auch Mathes, wie neben dem Gregor der beste Freund, welchen der Benedict bei der schwarzen Schwitt besaß? Ist jener Mathes kein "göttlicher Sauhirte", so ist er doch ein gutmüthiger, lustiger Kamerad und ein Musikant dazu. Wie oft ließ er den Brummbaß schnurren an Kirchweihen und an der Fastnacht, bei Hochzeiten und sogar bei einigen Festen der schwarzen Schwitt und saß er nicht auf der Musikantenbank in der Nähe des Benedict, wenn dieser mit seiner Klarinette die schönsten Walzer und Hopser in den Tumult und in die Staubwolke des Tanzsaales hineinblies? Hatte er nicht manches Glas mit dem Benedict getrunken, diesen seinen "Herzgepoppelten" genannt, ihm von den Freuden des einsamen, stillen Waldes und des Lebens unter den Schweinen erzählt? Kannte der Mathes nicht die Margareth und die Marzelle und Alle, welche dem Duckmäuser jemals lieb und werth gewesen? Wo sollte in dieser Zeit sonst ein Plätzlein gefunden werden, wo der verstoßene Bueb überwintern konnte?
Ganz beruhigt schläft Benedict ein, erwacht sehr frühe und lauscht, bis ein Getrabe im Wirthshause entsteht, darf nicht lange darauf warten, läßt sich den Weg ein bischen sagen und dieser ist nicht schwer aufzufinden. Die Sterne stehen noch über den finstern Höhen des Gebirges, als er sich auf den Weg macht und es wird nicht Mittag, so findet der Benedict den schweinetreibenden Mathes mitten unter seiner Heerde im Eichwald.
Der Hirtenhund des Mathes würdigt den Gast keines Blickes, denn er erkennt in demselben kein rechtes Schwein und was nicht Schwein heißt, existirt für ihn gar nicht auf dieser Welt; dagegen hört der Trüffelhund des Mathes mit Scharren auf, bellt lustig und rennt dem Ankömmling entgegen, sein Herr thut dasselbe und nach 3 Minuten weiß der Benedict, daß er zu keiner gelegneren Zeit hätte kommen können.
Der Mathes erkennt im Unglücke des Freundes eine Schickung des Himmels, welcher sich auch eines geplagten Schweinehirten erbarmt; gerade gestern ist der Knecht entlaufen, "'s war ein Ueberrheiner, ein Spitzbube", sagt der Hirt und installirt sofort durch Ueberreichung des Hörnleins den Benedict als neuen Knecht.
Wie der schmucke Benedict, der trotz des armseligen Gewandes ein hübscher Bursche blieb und durch das Tuch um den Kopf etwas Rührendes und Malerisches gewann, am andern Morgen mit seinem Horn die Ringelschwänze des Rheindorfes zusammenbläst, grüßt ihn von manchem Hofthor herüber manch liebliches und freundliches Gesicht, und es kommt ihm vor, die Leute seien hier wohl besser als daheim im Dörflein.
An den letzten Häusern bläst er noch einmal recht herzhaft und freudig und wäre das Hörnlein eine Klapptrompete gewesen, so würde er in langgezogenen Tönen und raschen Tonläufen der neuen Heimath einen feierlichen und jubelnden Morgengruß zugeblasen haben. Jetzt treibt ein gar reinlich gekleidetes und nettes Mädle mit brennend schwarzen Augen, zarten rothen Wangen und freundlichem Munde ein Mutterschwein sammt drei Ferkeln zur grunzenden Armee, blickt auf, steht wie versteinert, geht auf den Benedict zu, nennt ihn beim Namen, faßt dessen Hand, begrüßt ihn als Freund und ladet ihn dringend ein, doch so bald als möglich in ihr Haus zu kommen.
Gewiß hat noch kein Feldherr sein siegreiches Heer mit seligeren Empfindungen in die Heimath zurückgeführt, als jetzt der Duckmäuser seine Ringelschwänzlein zum Walde trieb.
Er hat Brod, hat einen Freund, hat eine liebe Freundin, was will der Mensch mehr? Bis zum Abend muß er im Walde bleiben, der Mathes ist ein kurzweiliger Gesell, doch von zarten Gefühlen und schwärmerischen Empfindungen versteht er nichts, dem Knechte kommt es vor, als ob der kurze, trübe Oktobertag mit seinen dampfenden Bergwäldern ein endloser Junitag voll Blüthenduft und Sonnenlicht und herrlicher, doch gar zu langsam reifender Früchte sei und kaum sind seine Pflegebefohlenen freudig grunzend und lustig schreiend heimgesprungen, kaum sind die letzten von den Bäuerinnen unten im Dorfe in die Ställe gelockt worden, so steht der Benedict vor der Schulkamerädin und Landsmännin, der freundlichen Rosa; ihr Pflegevater, der alte Straßenbasche, ein ehemaliger Unteroffizier, jetzt ein zufriedener Bauer und fleißiger Straßenknecht dazu, ladet ihn zum Nachtessen ein und die Pflegmutter springt fort, um bei der Scheckenbäurin drüben die versprochenen Trauben und beim Adlerwirth eine Flasche Ueberrheiner zu holen.—Lange Jahre haben sich Rosa und Benedict nicht mehr gesehen; sie kam fort, ehe die beiden Schwitten im Werden waren und ihre Geschichte ist eine in jeder Hinsicht zu wahrhaftige Dorfgeschichte, die Rosa spielt fortan eine zu erhebliche Rolle, als daß wir nichts Näheres erzählen sollten.
Rosas Eltern wohnten einst nicht weit vom Schulhause, in welchem der Benedict als Unterlehrer und als "der Leichtsinnigste von Allen" Knabenlorbeern pflückte. Sie liebte den Unterlehrer, denn er sagte auch ihr ein, machte auch ihre Aufsätze, beschützte auch sie beim Schuckballen und Ziehen auf der Wiese gegen den Unverstand und die Rohheit des Max, Willibald und anderer gar früh keimender Lümmel der rothen Schwitt, welche Freude daran fanden, die Mädchen zu necken, zum Weinen zu bringen, ihre Kleider zu zerreißen und in den Kinderhimmel derselben hineinzubengeln, bis sie sich schüchtern mit Zusehen begnügten oder schreiend heimsprangen. Die Freundlichkeit, Güte und Liebe des starken Benedict gegen die schwachen Mädlen war auch der Rosa unvergeßlich geblieben, deren Geschick sich minder freundlich gestaltete, als das der Kameradinnen, so daß sie ohne Gottes besondern Schutz leicht ein weiblicher Zuckerhannes hätte werden mögen, deren es jährlich mehr im Badischen wie anderwärts gibt. Rosas Eltern waren weder reiche noch arme, sondern mittelbegüterte, dabei grundehrliche, gottesfürchtige Leute vom alten Schlage.
War Benedicts Vater ein bischen zu finster und in Geldangelegenheiten oft karg und hart, so war der Vater Rosas fast zu leutselig, zu gut und barmherzig, schenkte Jedem gleich sein Zutrauen und litt an der Schwachheit, niemals eine Bitte abschlagen zu können, wo das Helfen irgendwie in seiner Macht stand.
Kommt eines Tages ein naher Vetter zum Klaus, wie Rosas Vater hieß, der überall der "ehrliche Klaus" genannt wurde und dessen Wort mehr galt als heutzutage doppelte gerichtliche Versicherung; der Vetter aber klagte erbärmlich, denn er hat Schulden, die Gläubiger wollen entweder bezahlt sein oder einen guten Bürgen haben. Klaus redet mit seiner Alten, leistet richtig Bürgschaft und sein bloßes Versprechen, im Nothfalle Selbstzahler werden zu wollen, beruhigte und befriedigt die Gläubiger des Vetters. Dieser jedoch gehört zu den vielen gewissenlosen Schuften, die gar stolz und eingebildet im Bauernrock und Herrenmantel an Zuchthäusern vorüberwandeln und sich darüber freuen, daß man in der Welt gemeiniglich nur die kleinen Spitzbuben hängt, die großen dagegen laufen läßt. Er benützt Klausens gutmüthige Schwachheit noch weiter, nimmt auf dessen Bürgschaft hin ein ordentliches Kapital auf, macht im Stillen Haus und Hof zu Geld und eines schönen Morgens verschwindet er aus dem Dorfe und kommt nicht wieder; nach einigen Monaten wandern die Seinigen ihm nach und zwar nach Amerika, wo allmälig alle Spitzbuben und Schurken der Welt sich gerne ein Stelldichein geben und den ehrlichen Leuten das Spiel verderben.
Jetzt kommen einige Gläubiger des saubern Vetters zum Klaus, doch ihre Hoffnungen sind schwach, denn der Klaus ist kein reicher Mann, hat ein Weib und vier unschuldige, unerzogene Kindlein, zudem besitzen sie nicht Schwarz auf Weiß und das Ja, welches ehemals aus Klausens Lippen tönte, verhallt gewiß unter dem Nein aller Gründe, welche Klugheit, Selbstliebe und Pflichtgefühl eines Familienvaters einzugeben vermögen.
Einige Gläubiger klopfen gar nicht an, sie wollen den biedern, ehrlichen Mann nicht einmal durch eine Frage ängstigen.
Zu den Andern dagegen spricht der Mann wörtlich:
"Mit all dem Geld, für welches ich gutstand, könnte ich meine Ehre und die Reinheit meines Gewissens nicht erkaufen. Ich hab' Euch mein Wort gegeben und bin jetzt schuldig mein Wort zu halten, werde es thun, so gut ich's eben vermag!"
Einige Wochen später wird Klausens Häuslein sammt Allem, was darin und daran ist, versteigert; er hat deßhalb mit seiner Alten keinen Streit bekommen und mit ihr und den Kindlein beim Rindhofbauern, dem Fidele und allzuschwachen Vater des schlimmen Max, vorläufig ein Kämmerlein und Brod bekommen, doch am dritten Tage nach der Steigerung ist dem Klaus das Herz gebrochen, er legt sich ins Bett und stirbt nach wenigen Stunden, während er wörtlich also betet. Herr, du hast mich arm gemacht, darum komm' ich jetzt zu dir und übergebe dir die Sorge für mein Weib und meine Waislein!
Gott hat das Gebet erhört; acht Tage später bricht auch dem Weibe das Herz und sie folgt ihrem Klaus nach in ein Land, wo es keine Schuldgesetze, keine Bürgschaften und keine Versteigerungen gibt.
Jetzt werden die vier Kindlein verloost und getrennt, sind noch viel zu jung zum Arbeiten, das älteste zählt kaum 10 Jahre, das jüngste kaum einige Wochen. Die siebenjährige Rosa wandert in das Haus eines wegen seines Unverstandes und seiner Rohheit gefürchteten und berüchtigten reichen Hofbauern, der nur darauf sinnt, wie das Kind sein elendes Bettlein und die Dienstbotenkost mit Zinsen vergüten könne.
Rosa sollte noch lange zur Schule, doch täglich muß sie den schweren Milchkorb auf den Kopf nehmen und stundenweit in die Stadt marschiren, sobald der Morgen graut.
Bei uns fehlt der Schnee gar oft im Dezember und Januar; am Tage regnet's und in der Nacht gefrierts, so daß auf allen Wegen und noch mehr auf dem Straßenpflaster das Glatteis am Morgen die Wanderer zum Fallen bringt.
Ein Fehltritt, dann ist's geschehen und so ging es einmal dem Rosele, diesem schwachen Kinde; sein Fuß gleitete aus und der Milchkorb lag auf der Straße. Wie hat das Kind vor Angst und Schrecken gezittert und gebebt, als die Scherben der Milchtöpfe klapperten! Mit weinenden Augen schaut es zu, wie die bläuliche Milch in gefrorene Fußtapfen und Wagengeleise rinnt, fühlt schon den Seilstumpen sammt dem Farrenwedel des Pflegherrn auf dem Rücken, weiß nicht mehr, was es thut, liest endlich einige Kohlköpfe und Scherben zusammen, in welchen noch ein wenig Milch zurückblieb und läuft still weinend und schluchzend der Stadt zu.
Vom Korbe herab tröpfelt die Milch noch immer über das grüne Biberkleidlein und das Kind sieht bald aus, als ob es einmal Milch geregnet habe, in seiner Todesangst hat es die Sache erst auf dem Wochenmarkte wahrgenommen.
Hier begegnet es seinem ehemaligen Unterlehrer, dem Benedict, denn der Hofbauer, bei welchem Rosa lebt, wohnt nicht im Dörflein, sondern gehört nur noch zur Gemeinde desselben. Beide sehen sich sonst blutwenig, jetzt aber sieht er seine alte Schülerin wieder und hört die schlimmen Prophezeiungen der Weiber, welche den unmenschlichen Hofbauern kennen. Benedicts Geheimkasse hinter dem großen Getüchtrog ist gerade in Floribus, er schenkt dem Rofele gerade so viel als es heimbringen soll, kauft dazu neue Milchtöpfe, tauscht dieselben gegen alte aus und weil ein Milchtopf ziemlich wie der andere aussieht, geht das vor Freuden weinende Mägdlein mit dem Gelde und der vollen Anzahl seiner Töpfe aus der Stadt getrost wieder heim.
Der Hofbauer erfuhr niemals etwas von der Milchgeschichte und das Rofele zählte zwölf Jahre, als es von dem Unmenschen erlöst und in demselben Rheindorfe beim Sraßenbasche ein Unterkommen fand, in welchem jetzt der verstoßene Duckmäuser als Knecht des "Saumathes" lebt.
Der Straßenbasche ist, wie gesagt, ein alter pensionirter Unteroffizier, hat in den napoleonischen Kriegen große und kleine Kugeln tausendweise summen, singen und pfeifen hören und brachte er es im Felde bei aller Pflichttreue und Tapferkeit nicht weiter als zum Sergeanten, so brachte er es im Frieden und in der Ehe nicht einmal zum Vater. Er war von Hause aus ein armer Teufel, doch sein ehemals fuchsrother Schnurrbart zündete ein Flämmlein im Herzen eines braven und bemittelten Mädchens an, sein grundehrliches, biederes Soldatenherz brannte schon vorher ein bischen, der Pfarrer schloß den altmodischen Dorfroman mit einer Trauung und beiden Leutchen fehlte bei ihrem christlichen, genügsamen und deßhalb sorgenfreien Leben nichts zum Glücke außer einem Kinde.
Gott, welcher den Seufzer des sterbenden Klaus gehört, lieferte dem Straßenbasche und dessen bravem Weibe das arme Rosele in Hände und Haus und vom zwölften Jahre ihres Alters lebte das Mädchen nicht als Magd, sondern als erklärte Tochter und künftige Erbin des ganzen Hauswesens beim Straßenbasche. Gar oft hatten die Pflegeeltern die Milchhafengeschichte gehört und mit der Erzählerin gewünscht, den edelmüthigen Helfer in der Noth kennen zu lernen, jetzt sitzt die seit sechs Jahren zur blühenden Jungfrau herangewachsene älteste Tochter des ehrlichen Klaus mit freudestrahlendem Gesichte dem Benedict gegenüber und dieser liest aus ihren Augen einen ganzen Himmel heraus.
Der Straßenbasche küßt wahrhaftig in seiner Begeisterung ob der Milchgeschichte die Hand des armen Gastes, er und seine Frau betrachten den Liebesdienst, als ob er ihnen erwiesen worden wäre, die Rosa hat heute wieder Alles lang und breit erzählt, der Benedict fängt bereits an stolz zu werden, doch plötzlich fängt die Rosa auch an, in Gegenwart der Pflegeeltern dem Staunenden alle Streiche, welche er daheim ausgeübt, von A bis Z herzuzählen; an jeden Streich knüpft sie sammt dem Straßenbasche gar zärtliche Mahnungen und liebreiche Warnungen und schließt endlich die lange Strafpredigt mit den Worten:
[">[Ueberlege, Benedict, überlege nur, was ein Gottloser stiften kann. Du hast meine Eltern gekannt und weißt, daß wir Kinder noch glücklich in ihren Armen leben könnten, wenn nicht ein schlechter Mensch gemacht hätte, daß beide fast mit einander gesunden Leibes ins Grab sanken. Gott gebe ihnen ewige Ruhe und ihrem Mörder den Frieden, mir aber Segen, dich für die Rechtschaffenheit zu gewinnen. Meinst du, ich hätte dich und jenen Marktmorgen je vergessen? Einen leichtsinnigen Streich nach dem andern mußte ich von dir hören und das kränkte mich tief in die Seele hinein! ... Darfst es glauben!"
Sie konnte vor Weinen nicht mehr reden, dem Straßenbasche rannen auch die hellen Thränen in den halbrothen Bart, sein Weib, die weichherzige Klara schloß die fromme Pflegetochter in die Arme, küßte dieselbe und konnte nur die Worte hervorbringen: Oh Rosele, mein Kind, mein liebes Kind!
Regungslos hat der Duckmäuser bisher am Tische gesessen, jetzt steht er tief erschüttert auf, um die Hand der Schulkameradin zu küssen und feierlich zu geloben, ihr zu folgen, den Leichtsinn und Hochmuth von heute an ganz fahren zu lassen und ein Christ in Wahrheit zu werden.
Spät geht er vom Straßenbasche weg und dieser sammt der Klara haben ihm herrliche Aussichten in ein friedsames, ländliches Stillleben mit der Pflegetochter, ihrem einzigen Kinde gemacht, wenn er sich nur bessern wolle.
Der Benedict führte sich brav und klaglos auf. Er besaß keine Kleider außer den elenden Lumpen, mit welchen er gekommen war, getraute sich nicht, von seinen neuen Eltern bessere zu fordern, doch schon vor Neujahr war er vom Kopf bis zu den Füßen neu gekleidet, konnte vier nagelneue weiße Hemden aufzeigen, dazu einige Sechsbätzner, um der Rosa einen Neujahrskram zu kaufen und was das Vornehmste dabei war, er durfte sich zum erstenmal in seinem Leben sagen, nur auf ganz ehrlichem Wege zu all diesen Herrlichkeiten gekommen zu sein.
Den ganzen Tag war er mit dem Mathes im Walde bei der Armee; die viele freie Zeit benutzte er, um Birkenreiser zu schneiden und Besen daraus zu machen, die Besen aber sendete er auf den Markt. Einmal bekam er auch Gelegenheit, einem schönen Hasen, der mit offenen Augen hinter einem Pfriemenstocke schlief, das Peitschenholz zwischen die Löffel zu legen und verkaufe das kleine Vieh an den Adlerwirth. Wenn er Morgens seine Ringelschwänzlein zusammenblies, kam manchmal auch eine Bäurin und schenkte dem treuen, braven Hirten einige Kreuzer und zu all diesem kamen zwei Hochzeiten, wobei der "Saumathes" den Brummbaß wieder schnurren ließ, sein Knecht neben ihm die Klarinette blies, daß es fast die französischen Zollwächter drüben hörten.
Bei diesen Hochzeiten trank er auch wieder ein Schöpplein, doch keinen Rausch nach Musikantenart; vorher und nachher sah er das Innere einer Wirthsstube nicht bis zum Neujahrstage, wo er zum erstenmal mit seiner Rosa in den Adler hinüberging, der Straßenbasche mit der Klara kamen später auch, ein Freudlein in Ehren kann niemand verwehren!
Wie daheim, luden ihn die Leute unaufhörlich in ihre Kunkelstuben ein, doch er blieb weg, denn entweder hatte er mit seinen Besen zu thun oder er saß im stillen, frommen Kreise beim Straßenbasche. Noch in den letzten Tagen des alten Jahres bemerkte der Benedict beim Ausfahren, welche Augen und Geberden eine Katharin machte und wie sie mit Schauen, Grüßen und Reden nicht fertig werden will, am Neujahrstag sagt ihm im Adler die Tochter des Mathes: "Käther will Dir fünf Kronenthaler geben, wenn Du sie ins Wirthshaus nimmst!"—"Soll sie nur einem Andern geben, ich habe schon soviel, als ich und das Rösele brauchen!"—"Bist aber doch recht dumm, wenn mans so haben kann!"—"Laß mich dumm sein, Fränz, und bleibe Du gescheidt!"
Richtig sitzt er am Neujahr neben dem Rösele im Adler und die Wirthin hat ihn glücklich gepriesen, wiewohl das Pärlein den ganzen Abend nur zwei Flaschen Batzenvierer trank.
Hatte er doch in kurzer Zeit nicht nur die innige Liebe der alten Schulkameradin, sondern auch die volle Zuneigung des braven Basche und dessen Weibes errungen, war wohlgelitten bei Jung und Alt und verlebte hier die seligsten Tage seines Lebens!
Weil er in keine Kunkelstube ging, kamen allmählig und besonders nach Neujahr Buben und Mädlen, Weiber und Mannen zu ihm in die Behausung des "Saumathes," dessen Stube bald zu klein wurde, wenn der Knecht darin zu finden war.
Am Neujahr hätte dieser den Schweinhirtendienst aufgeben können und wurde arg von den Leuten im Adler geplagt, sich bei ihnen zu verdingen und der Basche selbst redet ihm scheinbar ernstlich zu, doch der Benedict meint: "Bah, bah, 's ist nichts; ein Wirthshaus, das wäre gerade der Platz für mich, um bald wieder in den alten Werktagshosen zu stecken!"—"Gelt, Du traust gewiß der Magd des Adlerwirths nicht?" lacht der Basche—"Nein, nein, ich traue mir nicht!" erwiederte der Benedict und gar wohlgefällig streicht der Alte den halbrothen Schnurrbart.
Schon seit jenem Tage, an welchem der Duckmäuser bei der ersten der beiden Hochzeiten, welche seit Oktober im Adler gehalten wurden, lief sich der blinde Michel fast die Füße aus dem Leib, weil er Klarinettblasen lernen wollte, der Vater desselben kam auch oft, bat inständig und machte große Versprechungen, doch Alles nützt nichts, denn der leiblich blinde Michel hat einen geistig blinden Vater und das Haus desselben ist gerade dasjenige, in welchem sich die Rothschwittler des Rheindorfes häufig sehen lassen. Zwar geht der Basche selbst zuweilen zum Nachbar hinüber, andere ehrbare Leute thun es auch, doch der Duckmäuser glaubt, Gelegenheit zu meiden sei mindestens für ihn das Ersprießlichste, die Leute, welche ihm in die Stube des "Saumathes" nachrennen, bringen ohnehin Anfechtungen und Versuchungen genug. Endlich bittet ihn das Rösele, sich des blinden Michels zu erbarmen und demselben in der Stube der Pflegeeltern das Klarinettblasen zu lehren und jetzt thut er es wirklich.
Als freundlicher, gefalliger, hübscher Bursche und Geschichtenerzähler steht der Duckmäuser längst in hohem Rufe, jetzt wird der Straßenbasche ob dem "musikalischen Scheine" desselben schier ein Narr und räth ihm eines Abends, zum Militär zu gehen und "Hobist" zu werden und meint, bis zum Kapellmeister könne er's leicht bringen. Dieses Wort zündete, denn Hobist zu werden, war einer seiner alten Jugendträume und der Gedanke an Erfüllung dieses Traumes ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe mehr.
Wem dies am wenigsten gefiel, war das Rösele und am dritten Abend, wo der Basche wieder vom Hobistwerden spricht und der Benedict sich streckt, als ob er just unters Maaß stehen wolle, meint sie. "Die Kasern' ist für den Benedict noch gefährlicher als der Adler, lieber will ich ihn zeitlebens beim Mathes sehen denn beim Regiment!"—Das heißt den alten Unteroffizier ein bischen an der Ehre angreifen und er sagt: "Wer liederlich sein und bleiben will, kanns bei der Sauheerd' so gut und wohl noch besser als beim Regiment; 's gibt schlechte, gottvergessene Sauhirten und brave gottesfürchtige Soldaten!"—"Wohl, doch kommt Alles auf die Anlage an, die Einer hat!"—"O närrisches Kind, gerade der Anlagen wegen sollte der Benedict Hobist werden; 's hat schon Mancher sein Glück beim Militär gemacht und er machts auch, das weiß ich zum Voraus!"—"Ja, wenn er nur lauter gute Anlagen hätt', doch hat er auch Anlagen, die bei den Soldaten reichlich ... ich will gar nichts weiter sagen!"—"Bist viel zu ängstlich, Rösele; bei den Soldaten ist eine Zucht, wo diese Anlagen, welche dir bange machen, zurückweichen müssen; haut er über die Schnur, mein! wie wird er da gezüchtiget! ... Übrigens ist er kein Spieler, kein Wirthshaushocker und Vieles Andere nicht, es läßt sich nur Gutes hoffen! ... Ich machte mir ein Gewissen daraus, gegen sein Glück zu sein!"—"O Vetter," sagt die Rosa sehr ernst und wehmüthig, "wenn der Benedict beim Regiment einmal gezüchtigt wird, dann ist's zu spät! ... er ist freilich kein Spieler und kein Wirthshaushocker, das ist wahr, doch ist er stolz, leichtsinnig und dabei der gute Jockel selbst, das habe ich als Kind auf dem Wochenmarkte schon erfahren!"—"Bah, baperlapap, unser Herrgott lebt auch noch!" meint der alte Unteroffizier und langt nach seinem Nasenwärmer, welcher unter der Tafel hängt, die seinen Abschied und das Dienstzeichen einrahmt.—"Ich will jetzt nichts mehr sagen, meint die Rosa, doch so lange ich ihn beim "Saumathes" sehe, habe ich für ihn gute Hoffnung, es ist der geeignetste Platz, um seine ... Anlagen niederzuhalten; dagegen gebe ich alle Hoffnung auf und spreche ihm alle Hoffnung ab, wenn er zu den Soldaten geht! ... Ihr werdet einmal an mich denken, Vetter!"
Schweigend hat der Duckmäuser Alles angehört; Rosas letzte Worte wirkten auf sein Herz, wie Hagelschlag in Blüthenwäldern, das Blut drang ihm zu Kopfe und er mußte sich Gewalt anthun, um seinen Unmuth nicht zu äußern. Beim Fortgehen begleitet ihn die Rosa hinaus und unter der Hausthüre fängt sie noch einmal von der Sache an.
Rösele wiederholt Alles, was sie drinnen gesagt hat, der Benedict entgegnet "Denk' doch auch an den Vetter, den Straßenbasche! Ist dieser nicht von früher Jugend bis ins gesetzte Alter Soldat gewesen und hat er Etwas zu bereuen?[">[—"Wohl wahr, doch bevor er zu den Soldaten kam, hatte er auch nicht zu bereuen, was du bereuen mußt. Frag' ihn, ob er auch je so grenzenlos leichtsinnig gewesen sei, wie Du? Und ob er sich auch soviel eingebildet hat, wie Du? Wirst ganz andere Dinge hören, als man von Dir hören kann!"—"Hoh, Rösele, sei doch nicht so hart, was kannst Du mir denn seit Oktober vorwerfen und ist's nicht bald ein halbes Jahr?[">[—"Liebster, ich sehe und höre wohl, daß Du der alte "Leichtsinn" noch bist und mit Gewalt deinen Leib und deine Seele verderben willst. Jetzt stehst Du auf deinem Eigenthum, in deinem eigenen Hause und dies so lange, als Du hier bleibst, wenn Du aber in eine Stadt gehst, dann" ...—"Dann nimmst einmal einen Andern statt meiner ins Haus, he?" fragt der Benedict etwas verhofft.—"Nein, ich nehme keinen Andern, aber ebenso wenig Dich, wenn Du nicht vom Regiment wegbleibst."—"Rösele, lieb Rösele, sei doch nicht so ängstlich, wirst sehen, daß ich halte, was ich Gott und Dir und deinen Leuten versprochen habe. Der Vater hat schon gesagt, ich komme hinüber nach Freiburg, dann kann ich gar oft zu Dir kommen und siehst doch lieber Einen mit dem Säbel an der Seite und dem Kriegshute auf dem Kopfe, als wenn ich immer und ewig mit der Geisel und dem Hörnle im Dorf und Wald bei den Sauen herumtrummle!"—"Ja gerade das ist's, was mir so bange macht; ich sehe wohl, daß Du dich des Dienstes beim Saumathis schämst und könntest Dich nicht schämen, wenn Du deine Umstände nur ein wenig zu Herzen nähmest!"— "Gute Nacht, lieb' Rösele, bleib mir nur treu und gut, dann wird Alles recht werden!"
In den letzten Tagen des Märzmonats wandert der Straßenbasche mit dem Benedict nach Freiburg; der Benedict kann die schöne große, vierstöckige Kaserne und die Offiziere, Unteroffiziere, Hobisten und Soldaten, welche blank und stolz aus dem Thore strömen, nicht genug anschauen; sein Herz bebt vor Freude und Bangigkeit, wie er mit seinem Begleiter die steinernen Stufen des der Kaserne gegenüber liegenden Kommandantenhauses hinaufsteigt.
Der Oberst verzieht das ernste Gesicht mit dem grauen Schnurrbarte zu einem freundlichen Lächeln, denn der Straßenbasche hat als Unteroffizier unter ihm gedient, die Beiden haben Pulver genug mit einander gerochen und kennen sich noch recht gut; wenn der Basche ein Geschäft in Freiburg hat, muß er zuweilen seinen ehemaligen Hauptmann heimsuchen, 's kostet dem jetzigen Obersten nur ein Schöpplein vom Guten und er läßt sich's gar gerne kosten.
Die Beiden werden also gar herablassend und freundlich empfangen, der Straßenbasche rapportirt, was ihm wegen des Duckmäusers auf dem Herzen liegt, der Oberst betrachtet den Rekruten und meint, die Sache habe gar keinen Anstand, wenn der Junge nur von den Aerzten für tauglich erklärt werde und ein gutes Sittenzeugniß aus seiner Heimath mitbringe.
Wie der arme Benedict vom Sittenzeugniß hört, werden alle Luftschlösser zu Wasser, das Herz fällt ihm in die Hosen, er bekommt so ziemlich den Knieschlotterer und weil der Straßenbasche auf dem Heimwege auch einen bedenklichen Kopf macht und die Neuerungen mit den Sittenzeugnissen verflucht, verliert der Rekrut fast alle Hoffnung, jemals in seinem Leben Hobist zu werden.
"Sechs Jährlein Soldatenstand machte den Benedict zu einem Prachtskerl für das Rösele, wenn er nur angenommen wird! Gottlob, daß der Oberst mein alter Kriegskamerad war!" sagt der Straßenbasche daheim und der Benedict muß gleich um ein Sittenzeugniß schreiben.
Wer sich ob der Betrübniß des Benedict am meisten freut, ist außer der Mutter Klara natürlich das Rösele, welches laut darüber jubelt, weil der Himmel bereits ihr Flehen erhört habe.
Am vorletzten Tag des Märzmonats sitzt die Rosa mit der Walburg und Lisi am Tische, sie nähen und spinnen und plaudern, die Mutter hat ihr altes Gliederreißen und ist gleich nach dem Nachtessen ins Bett gegangen, der Vater dagegen sitzt beim runden französischen Ofen, stopft den Nasenwärmer mit Dreimännerknaster, reicht dann das Päckle dem Benedict, dieser stopft seinen Mohrenkopf auch, zündet dann einen Fidibus an und hält ihn auf die Pfeife des Vaters. Der Straßenbasche thut jedoch gerade, was er allabendlich thut, nämlich er erzählt von seinen Feldzügen und diesmal von einem Gefechte in Spanien; statt tüchtig am Mundspitz zu ziehen, damit der Knaster anbrenne, erzählt er immer weiter, der Fidibus brennt beinahe ab und wie der Benedict daran erinnert, lacht der Straßenbasche und meint, ein Soldat müsse Feuer und Schwert ertragen können, sonst sei er ein Tropf. Auf dieses Wort hin hebt der Duckmäuser den eben weggeworfen flammenden Fidibus wieder auf, hält denselben wiederum auf den Nasenwärmer und zwischen den Fingern fest, bis er gänzlich verbrannt ist.
Die Mädlen am Tische lachen sich schier krank ob solcher "Dummheit" und die Rosa meint sehr offenherzig: "Wenn Dir nur die Finger abgebrannt wären, dann würdest Du froh sein, Sauhirt bleiben zu können! ... Vielleicht wär' es in anderm Betracht auch noch gut gewesen! ... was kann man sagen!"——
Der zweite Fidibus entzündet den Nasenwärmer des Straßenbasche und dieser beginnt, dem Benedict Verhaltungsregeln für den Militärstand herzuzählen, denn schon morgen muß der zweite und entscheidende Gang nach Freiburg gemacht werden, vielleicht liegt das Zeugniß des Rekruten bereits beim Kommando und—Probiren geht über Studiren.
Der Vater kommt eben recht in Zug, da meint das Rösele unwillig: "Das ist nichts, Vetter, Ihr braucht ihm nicht noch zu sagen, wie er sich zu verhalten habe! ... Wißt Ihr, was er braucht? ... er braucht Etwas, das hat niemand, niemand kann ihm's geben... er bleibt bei mir!"—
Der Duckmäuser wird Soldat, sucht und findet in der Kaserne Vorbilder
Am 31. März 183.——es war wiederum an einem Freitag, und Mittwoche mit Freitagen spielen im Leben unsers Helden eine merkwürdige Rolle—steht der Benedict im paradiesischen Zustande vor den Regimentsärzten der Freiburger Garnison und die Herren machen ein bischen seltsame Augen, Einer davon sagt den Grund: "Füße wie zwei Sicheln, Rücken wie das Grammische Bierkellergewölbe, vom Kinn bis zu den Knöcheln Eine Dicke, mein Gott, was soll denn aus dieser Figur gemacht werden?" ... "Wenn wir noch Einen dieser Art hätten, besäßen wir ein hübsches Gestell für die große Trommel!" sagt trocken ein grauer Chirurg, der bei Leipzig die Säge drei Tage lang nicht aus den Händen gebracht hat.—"Was hat denn der Mann bis jetzt gearbeitet?" fragt der Kritiker wieder.—"Ich bin ein Bauer!" stottert der Benedict und schnappt nach Luft.—"Ach, da ist der Rückenkorb viel getragen worden, man sieht's dem Rücken, den Füßen, dem ganzen Mann an!"—"Nein, meine Herrn! doch auf dem Kopfe habe ich viel und schwer getragen."—"Das sieht man wohl, 's ist eine Terrasse, worauf ein Ball arrangirt werden könnte!" meint der trockene Chirurg.—Nun, tröstet der Oberarzt, die Füße werden sich schon wieder strecken, der Tornister wird sich auch Platz machen, der Mann sieht gut aus, hat eine starke, ausdauernde Brust, er kann gut werden!— "Aber der kann doch den großen Bombardon noch nicht erspannen?" fragt der Graue.—"Weiß nicht, er hat ... lange Finger, er ist tauglich!" lächelt der Oberarzt, Eine Viertelstunde später mißt der Compagnieschneider im Zimmer der Staabscompagnie dem Benedict Rock und Hosen an und prophezeit, er werde die Montur meisterhaft machen, doch koste es ein Maaß Bier.
Am ersten April sitzt er auf dem Gang des Hintergebäudes der Kaserne, wo die Hobisten hausen, und ein entsetzlich langer Tambour stutzt ihn mit Kamm und Scheere um ein Schnäpschen zu einem vollkommenen Hobisten um, hält ihm dann den kleinen Spiegel vor und der Rekrut kann sich in seiner nagelneuen Montur nicht genug bewundern.
Schade, daß er nicht sofort zur Säbelkuppel greifen und zum Rösele ins Rheindorf hinüber marschiren darf; der Weg ist doch etwas weit und die Rekruten müssen zuerst Honneurs machen lernen, bevor sie zum Gitter hinauskommen.
Am zweiten Sonntag nach dem ersten April sagt der Straßenbasche beim Mittagessen. "Rösele, am nächsten Samstag gehen wir wieder einmal auf den Wochenmarkt, nach Freiburg hinüber und wollen sehen, was er macht!"—"Ja, ich mag gar nichts mehr hören!"—"Sei doch nicht so einfältig, hast verweinte Augen und ganz umsonst; er ist ja kein Kind mehr und sieht an Andern, wie weit er mit dem Leichtsinn kommt."—In diesem Augenblicke springt des Nachbars kleine Johanne athemlos zur Thüre herein und keucht und sagt: "Rosa, dein junger Vetter ist wieder beim "Sanmathis!"... er ist kein Sauhirt mehr! ... hat einen Säbel! ... Soldat ist er!" "Was? ... Beim Hirt ist er? ... wirst nicht recht gesehen haben, Hanne!"—"Ho, er hat mir ja einen Wecken gegeben, da guckt, den Wecken hat er mir gegeben!"
Der Straßenbasche sieht auf und will zur Thüre hinaus, im gleichen Augenblick öffnet sich diese und in der Stube steht ein schmucker Hobist, der militärisch grüßt und wohlgefällig lächelt.
"Aber Röfele, kennst ihn noch? jetzt sag' nur nichts mehr, sonst—..." "O Vetter, ich bitt' Euch! ... will gern nichts mehr sagen, wenn einmal dort neben Eurem Abschied ein ähnlicher von ihm an der Wand hängt!"—
Schon eilen Nachbarn und Freunde herein, Alle wollen den Hobisten sehen, sprechen, ihm gratuliren, sogar der blinde Michel tappt herein und greift an ihm herum, greift gleich einen Offizier heraus; Alles lobt, bewundert den Benedict, tadelt die unerbittliche Rosa und diese muß zuletzt, um den Straßenbasche nicht zu erzürnen, auch ein Wörtlein des Wohlgefallens von sich geben.
Wie die Leute wieder fort sind, fragt der Alte: "Wie ist's mit dem Zeugniß vom Amt und Bürgermeister gegangen?"—[">[Gar nichts weiß ich davon; entweder ist's vergessen worden oder die Offiziere haben es gar nicht oder im Wirthshause gelesen! Gewiß bleibt, daß zwei Andere fortgeschickt wurden, weil ihre Zeugnisse ein paar Tage ausblieben!"—"Ho, der Oberst hat eben deine Jugend in Anschlag genommen, er ist ein guter Herr, Alles vergißt sich leicht, wenn Du brav bleibst!"—"Ja, brav ist der Oberst! Gestern auf der Parade meldete ich mich und bat für heute um Urlaub, um Kleinmonturstücke zu holen. Da hat er mich ein wenig finster angeschaut und gefragt, ob ich denn eine Kaserne von einem Taubenschlage zu unterscheiden wisse. In der Todesangst nannte ich ihm Euern Namen, da strich er den großen Schnauz und gab mir Urlaub!"—"Wie lange?"—"Morgen früh bei der Tagreveille muß ich unterm Kasernenthor sein!"—"Ja, das sieht ihm gleich, er ist noch der alte Fuchser, bis er weiß, wen er vor sich hat!" lachte der Unteroffizier.
Am andern Morgen oder vielmehr kurz nach Mitternacht eilt der Benedict mit einem ordentlichen Päcklein Freiburg zu. Mutter Klara und Rösele haben feine, blendendweiße Leinwand, woran übrigens im gesegneten Breisgau kein Mangel ist, hergegeben, damit der bierdürstende Compagnieschneider 2 paar Sommerhosen daraus mache; die Mutter des blinden Michel sorgte für Leinwand zu Unterhosen und Kamaschen, die Mutter des Saumathes brachte Hemden und Schuhe, der Straßenbasche und Andere schwitzten etwas Geld, das Rösele legte 3 baare Gulden dazu; noch nach Mitternacht geben einige Buben dem Benedict das Ehrengeleite eine gute Strecke weit und kehren erst auf sein wiederholtes Geheiß singend und jodelnd ins Dorf zurück.—Das Rösele hat ihm mit weinenden Augen so dringend empfohlen, Gott vor Augen zu haben und sich an brave, erfahrene Kameraden zu halten, der Duckmäuser muß Vorbilder suchen und diese sich zu Freunden machen, hat bereits seine Augen prüfend umhergeworfen.