The Project Gutenberg eBook, Deutsche Jugend in schwerer Zeit, by Josephine Siebe, Illustrated by Ernst Liebermann

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Deutsche Jugend
in schwerer Zeit

Erzählung für die Jugend

von

Josephine Siebe


Mit Bildern von
Professor Ernst Liebermann


Dritte Auflage

Verlag von A. Anton & Co. in Leipzig

Printed in Germany.


Alle Rechte vom Verlage vorbehalten

Otto Wigand'sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.


1. Kapitel.
Im Herrenhaus zu Kloningken.

In das große Wohngemach des Herrenhauses zu Kloningken drang der Duft der blühenden Holunderbüsche. Die Sonnenstrahlen lugten durch das dichte Laub des Pfeifenkrautes, welches die Südwand des Hauses umzog, sie malten große leuchtende Flecke auf den weißgescheuerten Fußboden und sie flimmerten auf den steifen, weißlackierten Möbeln. Das Zimmer war ganz in einen grüngoldenen Glanz getaucht, selbst die alte Kastenuhr in der Ecke hatte noch etwas von dem Schimmer abbekommen. An einem der weitgeöffneten Fenster saß eine schlanke Frau, die Herrin des Hauses, Friederike von Seeheim. Die Frau trug ein schwarzes Gewand, ein weißes Flortuch war um ihre Schultern geschlungen, und durch das volle aschblonde Haar zogen bereits silberne Fäden. Wie ein schönes steinernes Bild, so saß die Frau in all dem strahlenden Frühlingslicht, selbst das leise Lachen, das mitunter wie Vogelgezwitscher durch das Zimmer tönte, fand keinen Widerschein auf ihrem blassen, fast finsteren Gesicht. Das Lachen kam von dem andern Fenster her, dort saßen mehrere Kinder traulich beisammen. Ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren hatte den Platz vor einem zierlichen Nähtisch inne. Renate von Bergen, so hieß die Kleine, trug ein weißes Kleid, das ihr bis auf die Knöchel herabfiel und noch die in Kreuzbänderschuhen steckenden Füßchen sehen ließ, eine schwarze Schärpe schlang sich dicht unter der Brust um das Kleid. Dichte Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herab und das Blondhaar legte sich schlicht um ein sanftes liebliches Gesicht. Sie zeigte einem jüngeren Mädchen einige Stiche an einer linnenen Decke, sie tat es mit viel freundlicher Geduld, ohne daß es ihr gelang, die Aufmerksamkeit der Gefährtin zu fesseln. Diese andere, die Tochter des Kloningkener Pfarrers, Luise Flemming, war ganz das Gegenteil von Renate, dunkles, lockiges Haar umkrauste eine niedrige Stirn und braune Schelmenaugen blitzten unter langen Wimpern hervor. Sie schnitt allerlei Grimassen zu zwei Knaben hinüber, ihrem Bruder Walter und Hans-Heinrich von Seeheim, dem Sohn des Hauses. Beide Knaben saßen dicht nebeneinander, sie lasen eifrig in einem Buch und sie achteten wenig auf das, was um sie herum geschah. Luise konnte viel nicken und kichern, »die Leseratten«, wie sie schmollend die beiden nannte, merkten nichts von ihren Schelmereien. Desto mehr Beifall aber fanden diese bei ihrem jüngeren Bruder, dem vierjährigen Fritz. Dessen rundes Apfelgesichtchen strahlte, er fand alles was die Schwester tat sehr komisch, und immer wieder durchtönte sein Lachen die Stille des Zimmers. Dann flog jedesmal ein mißbilligender Blick der Hausfrau zu den Kindern hin und Renate bat ängstlich: »Sei doch still, Luise!«

Plötzlich wurde hastig die Tür geöffnet und eine dicke ältere Frau trat rasch ein. Auf ihrem Haupte thronte eine weiße, mit feuerroten Schleifen geschmückte Riesenhaube, und als die Frau den Kindern zunickte, nickten die Schleifen mit, wie ein paar Mohnblumen im Winde. Luise kicherte leise und Fritz lachte laut. Die Eingetretene aber machte vor Frau von Seeheim eine sehr tiefe, sehr kunstvolle Verbeugung und sagte: »Wollen die gnädige Frau Baronin nicht die Güte haben hinauszukommen, der alte Barduwik aus Schönheide ist da, um etwas zu bestellen. Er ist sehr embarrasiert von wegen seiner schmutzigen Stiefel und wagt nicht, im Chambre der gnädigen Frau seine Devotion zu machen.« –

Ein flüchtiges Lächeln huschte über das ernste Gesicht der Hausfrau, sie legte sorgsam ihre Arbeit zusammen und ging, die Nachrichten zu hören, die ihr ihre Verwandten sagen ließen. Jungfer Karoline oder, wie sie sich lieber nennen hörte, Demoiselle Karoline, folgte in zierlichem Tanzschritt ihrer Herrin nach. Die Jungfer war ein rechtes Faktotum in Kloningken, sie vereinigte viele Ämter in einer Person und war Wirtin, Gesellschafterin und Kammerzofe zugleich. Vor allem aber war sie die Vertraute ihrer Herrin in vielen Dingen. Sie war in der Jugend Frau von Seeheims Spielgefährtin gewesen und hatte die heiteren Mädchenjahre mit ihr verlebt. Später hatte sie dann mehrere Jahre in einem reichsgräflichen Hause als Zofe gedient und hatte dort, wie sie stets betonte, feine Manieren und Sprache gelernt, durch die sie nun im Dorf Kloningken und bei den übrigen Dienstboten in besonderem Ansehen stand.

Kaum hatte Herrin und Dienerin das Zimmer verlassen, als Luise aufsprang. »Uf,« rief sie, »gut, daß die Frau Pate hinausgegangen ist, Renate, schilt nicht, ich kann nicht mehr arbeiten, ich bin schon ganz steif von diesem ewigen Stillsitzen.« Sie warf die Leinewand, an der sie gearbeitet hatte, hoch empor und fing sie lachend wieder auf. »Kinder, hört, ich muß wirklich einmal in den Garten gehen.« Sie raffte ihr Rosakleid zierlich zusammen und machte eine tiefe Verbeugung, genau so wie vorher Jungfer Karoline, und sagte feierlich: »Wollen die Demoiselle mich gnädigst entschuldigen, und wenn der Herr Junker und der Herr Bruder mich gütigst begleiten wollen, möchte ich anjetzo eine Promenade in den Park unternehmen!« –

»Ob du wohl jemals ernsthaft sein kannst, Luise,« sagte der ältere der beiden Knaben etwas vorwurfsvoll. Er war ein hoch aufgeschossener Jüngling von sechzehn Jahren, ebenso dunkelhaarig wie die Schwester, mit feurigen, braunen Augen und einem trotzig ernsten Zug in dem hübschen Gesicht. Sein Gefährte war kleiner und er sah, trotzdem er nur einige Monate weniger zählte, viel jünger aus. Er glich im Schnitt des Gesichtes, in Haar- und Augenfarbe der Dame des Hauses, nur lag in seinen Zügen eine frohsinnige Heiterkeit, und er schien auch mehr Lust zu haben, auf Luises Scherz einzugehen.

»Warum schiltst du mich, Walter?« schmollte diese. Sie verzog weinerlich die roten Lippen, während große Tränen in ihre Augen traten. Klagend sagte sie: »Sieh doch, wie die Sonne scheint, alles blüht draußen, die Vögel singen, ach, es ist so schön, aber wenn ich mich freuen will und lachen, dann werde ich scheel angesehen!«

Begütigend nahm Renate ihre Hand, »Walter hat es nicht böse gemeint, lache du nur ruhig, wenn es dir danach zu Sinn ist. Nimm Fritz und gehe mit ihm in den Garten, die Frau Tante wird nicht schelten, ich werde rasch deinen Saum fertig nähen!«

»Renate hat recht, Walter! Laß Luise sich doch freuen, sie ist ja noch ein Kind!«

Luise hob das Köpfchen und warf trotzig die Locken in den Nacken. »Pah, ich bin kein Kind, ich werde im November zwölf Jahre alt und du bist noch nicht mal sechzehn!«

Hans-Heinrich lachte. Er verbeugte sich sehr tief und sehr feierlich und bat schelmisch: »Wollen Euer Gnaden mir gnädigst Verzeihung gewähren, und darf ich die Ehre haben, die furchtbar alte Demoiselle in den Garten zu geleiten?«

Von Luises Gesicht wich rasch alle Trauer. Sie hing sich lachend an des Freundes Arm, nahm Fritz an die Hand, und die kleine Gesellschaft verließ unter munterem Geplauder das Zimmer. Bald erschallten vom Garten herauf ihre heiteren Stimmen, erst nah, dann fern und ferner, zuletzt verhallten sie ganz und in dem Zimmer war es wieder still geworden. Mit einem leisen Seufzer beugte sich Renate wieder über die Arbeit und emsig flog die Nadel auf und ab. Walter las weiter in seinem Buche. Er hatte alles um sich herum vergessen und er schrak ordentlich zusammen, als leise die Tür klappte und Frau von Seeheim wieder das Zimmer betrat. »Die andern sind in den Garten gegangen,« sagte Renate, die den fragenden Blick der Tante verstand.

»Luise kann es nie bei einer Arbeit aushalten,« sagte diese ein wenig mißbilligend. Sie nahm ihren Platz am Fenster wieder ein, sie nahm ihre Arbeit aber nur lässig in die Hand. Der sorgenvolle Ausdruck auf ihrem Gesicht hatte sich vertieft und immer wieder ruhten ihre Blicke auf einem Bild, das ihr gegenüber an der Wand hing.

Es stellte einen Offizier in Kürassieruniform dar, einen schönen Mann, mit einem heiteren, frohen Ausdruck im Gesicht, um den Rahmen aber schlang sich ein schwarzes Florband.

Renate sah dies wohl. »Die Tante hat Sorgen,« dachte sie schmerzlich bewegt, »vielleicht hat sie eine traurige Nachricht bekommen! Was mag es sein?«

Fast beklemmend wurde die Stille im Zimmer, zuletzt ließ auch Renate ihre Arbeit sinken und starrte hinaus in den vom Sonnenschein überfluteten Garten. Draußen war es so schön und friedlich, trotzdem stieg in dem Herzen des jungen Mädchens eine heiße Angst empor, sie meinte in der Ferne ein dumpfes Dröhnen zu hören. Sie hatte ein Gefühl, als käme ein Unheil näher und näher und bange lauschte sie.


2. Kapitel.
Ungebetene Gäste.

Man schrieb das Jahr 1812. Seit sechs Jahren war Frau Friederike von Seeheim, die Herrin von Kloningken, Witwe. Ihr Gatte war in der unglückseligen Schlacht bei Jena gefallen und wenige Wochen später war ihr ältester Sohn bei Eylau tödlich verwundet worden. Man hatte den jungen Fähnrich nach Kloningken gebracht und dort war er nach etlichen Tagen in den Armen seiner Mutter gestorben.

Seit jener Zeit hatte Frau von Seeheim das Gut nicht mehr verlassen. Sie widmete sich ganz der Erziehung ihres jüngsten Sohnes Hans-Heinrich, des einzigen, der ihr von vier Söhnen geblieben war. Die anderen beiden waren schon im zartesten Alter gestorben. Tatkräftig, mit starker Hand verwaltete Frau Friederike ihren Besitz, sie war nicht milde und darum oft mehr gefürchtet als geliebt von ihren Untergebenen, aber sie war gerecht. Freilich ihre Liebe konnte sie niemand geben, die gehörte fast ausschließlich ihrem Sohn. Der war ihr Abgott, ihr Liebstes auf der Welt, und im Herzen zitterte immer die heimliche Angst, der Sohn könne eines Tages den Beruf des Vaters ergreifen wollen. Im Äußeren glich Hans-Heinrich seiner Mutter, im Wesen seinem Vater. Er besaß die gleiche heitere Liebenswürdigkeit und den sorglosen Mut wie sein Vater, der am Morgen der Schlacht mit einem Lachen auf den Lippen in den Kampf gezogen war. Wohl blieb der Ernst der Zeit nicht ohne Einfluß auf den Knaben und er konnte mit blitzenden Augen und heißen Wangen mit seinem Freunde Walter Flemming von Krieg und Freiheit sprechen. Dann aber tollte er auch wieder übermütig durch den Park und verschmähte es nicht, mit Luise und Fritz Flemming Ritter und Räuber zu spielen oder auf dem See, der dicht bei dem Gute lag, lustige Wasserfahrten mit ihnen zu unternehmen.

Walter Flemming war viel ernster als Hans-Heinrich, trotzdem er so wenig älter war. Auf dem hochbegabten Knaben lastete die Stille von Kloningken oft schwer, die Heimat erschien ihm oft so eng und klein, und er sehnte sich hinaus in die weite Welt, in den Kampf. Er war vor einem Jahre etliche Wochen in Königsberg gewesen und dort hatte er, durch einen Vetter, einen Kreis junger Männer kennen gelernt, die alle älter als er, eine Art Bund geschlossen hatten, der nur den einen Zweck kannte, Befreiung von dem Joch der Fremdherrschaft. Alle diese jungen Leute waren entschlossen, ihr Leben für die Freiheit des Vaterlandes einzusetzen, sie alle hofften sehnsüchtig auf die Stunde, da der Krieg gegen Frankreich losbrechen würde.

Seither lebte in Walters Seele ein leidenschaftlicher Haß gegen Napoleon, gegen alles was französisch war. Seine Eltern sahen dies oft mit Bangen, und sie versuchten es durch Güte und Strenge, das wilde Wesen des Sohnes in ruhigere Bahnen zu leiten.

In Frau von Seeheims Hause hatte noch eine Nichte von ihr Aufnahme gefunden, Renate von Bergen, eine Waise. Die Kleine war durch die tiefen Schatten, die so früh die Sonne ihres jungen Lebens getrübt hatten, still und ernst geworden. Sie war sehr sanft, aber von scheuem, zurückhaltendem Wesen, und sie verstand es wenig, der Pflegemutter Herz zu gewinnen. Mit großer Liebe aber hingen ihre Gespielen an ihr, und »Mütterchen« Renate, wie sie sie oft nannten, war ihnen Hilfe und Zuflucht in allerlei Kümmernissen des täglichen Lebens.

Wie um die Kinder, so schlang sich auch um die Eltern ein Freundschaftsband, und der Verkehr vom Herrenhaus zum Pfarrhaus in Kloningken war ein reger und kein Tag kam und verging, an dem es nicht ein Hinundher zwischen beiden Häusern gab. Freilich war hier Frau Friederike mehr die Nehmende, sie nahm alle herzliche Liebe und Treue, die ihr Pfarrer Flemming und seine Frau Charlotte darbrachten, als selbstverständlich an, ohne selbst viel Liebe zu geben.

Auch an diesem hellen Frühlingstag dachte Frau Friederike an die Vergangenheit und sie merkte nichts von Renates wachsender Angst.

Aber plötzlich ließ Walter erschrocken sein Buch sinken und lauschte.

»Was war das nur?« Durch die Stille klang es wie ein fernes, dumpfes Gewitterbrausen, es war als erzitterte der Boden unter den Füßen. »Hörst du was, Renate?« flüsterte der Knabe.

Diese nickte beklommen und sah ängstlich zu ihrer Tante hin, auch Frau von Seeheim horchte mit erblaßtem Gesicht. »Hans-Heinrich,« murmelte sie erschrocken, denn in jeder Gefahr galt ihre erste Sorge dem Sohn.

Draußen erschallte auf einmal ein wildes Rufen und Schreien, man hörte Jungfer Karolines jammernde Stimme und jäh riß Hans-Heinrich die Tür auf und stürmte über die Schwelle. Ihm folgte weinend Luise mit dem kleinen Fritz.

»Sie kommen, Mutter, sie kommen,« schrie Hans-Heinrich, und seine grauen Augen blitzten in heftigem Zorn. »Hört ihr es denn nicht, wie es dröhnt, wir haben auf der Erde im Garten gelegen, da hört man es noch deutlicher. Vogt Schwarze sagt, vom Heuboden aus kann man sie kommen sehen, ich will rasch hinaus laufen!«

»Sie kommen, sie kommen,« tönte von draußen das Jammergeschrei, und einige Mägde stürzten verzweifelt in das Zimmer.

Frau Friederike griff entsetzt nach der Hand des Sohnes. »Du bleibst hier,« stieß sie hervor, »ihr Kinder dürft das Haus nicht verlassen.«

Ein rascher, fester Schritt kam draußen über den Flur und Pfarrer Flemming trat hastig ein. Sein freimütiges, kluges Gesicht trug den Ausdruck hoher Erregung, sein Anzug und seine Schuhe waren bestaubt und auf der Stirn perlten ihm große Schweißtropfen. »Ich komme von Schönheide,« sagte er, »ich habe mich so beeilt, um Sie, teure Freundin, vorzubereiten, die Franzosen kommen. Die Generale Regnier und Gouvion St. Cyr sind auf dem Durchmarsch, im Dorf ist bereits eine Abteilung eingetroffen, und sie verlangen Wagen und Pferde bis G., außerdem Lebensmittel. In wenig Minuten werden sie auch hier im Schloß sein.«

»Um hier zu hausen wie eine Räuberbande,« unterbrach ihn Frau Friederike empört. »Mögen sie alles fortschleppen, ihr aber, Kinder, geht in das blaue Zimmer hinauf, eure Augen sollen das französische Gesindel nicht sehen, das ich hasse, hasse wie –«

Der Pfarrer hatte die Hand der Frau ergriffen und sagte traurig: »Hassen ist ein furchtbares Wort, liebe Freundin. Wenn Sie auf diejenigen Ihren Haß werfen, die heute hier durchziehen, dann trifft es unsere eigenen Landsleute, denn diese Armee besteht aus Sachsen und Bayern. Die Leute sind Deutsche wie wir, auch kommen sie nicht als Feinde, unser König, den Gott erhalten möge, ist der Verbündete des Kaisers, wie die meisten deutschen Fürsten.«

»Deutsche, Deutsche,« murmelte Frau Friederike. »Deutsche an seinen Siegeswagen gespannt, o mein Gott, deine Hand ruht schwer auf uns!«

Von draußen erklang jetzt lautes Sprechen und starke Schritte klirrten auf dem Steinboden des Flurs. Man hörte Poltern und Schreien, Waffen rasselten und dazwischen tönte die ängstliche Stimme der Jungfer Karoline. Der Pfarrer öffnete schnell die Tür, und an ihm vorbei drängten sich zwei Offiziere in das Zimmer, während mehrere Soldaten draußen blieben. Der ältere der Offiziere trat auf Frau von Seeheim zu. Er war klein und seine blitzenden, dunkeln Augen, die gebräunte Gesichtsfarbe verrieten den Südländer. Er verneigte sich sehr höflich vor der Hausfrau und sagte mit einem liebenswürdigen Lächeln: »Madame, ick komme zu bitten für meine Soldaten, wir haben noch einen langen Weg, wir brauchen Wagen, Pferde, wir sein hungrik, wir wollen essen, verstehen, Madame?«

Als Frau von Seeheim schwieg und ihn finster ansah, fügte er ein wenig drohend hinzu: »Wir sind Freunde von Ihre Könik, Freunde, verstehen mir?«

»Ich verstehe schon, was an Vorräten vorhanden ist, können Sie erhalten!«

»O, Madame sind liebenswürdik,« sagte er verbindlich, »kann nix for Krieg, ist serr bös, ick verstehen!«

Der andere Offizier, ein junger hochgewachsener Mann, mit offenen Zügen, hellblondem Haar und freundlichen blauen Augen, hatte der Verhandlung wenig Aufmerksamkeit geschenkt, er war zu den Kindern getreten, die sich auf ihrem Platz am Fenster zusammengedrängt hatten, und richtete einige Fragen an sie. Seiner Sprache hörte man den Süddeutschen an und Walter dachte erbittert: »Er ist ein Deutscher!« Renate war die einzige, die Antwort gab. Fritz hatte ängstlich seinen Kopf in ihren Schoß geborgen, Hans-Heinrich und Walter aber setzten allen Fragen des Offiziers trotziges Schweigen entgegen; auch Luises sonst so beredter Plaudermund war geschlossen und scheu sah sie zu dem Offizier empor. »Wie ein richtiger Hasenfuß,« dachte Walter, der sich über die Schwester ärgerte, doch auch Renates ruhige Antworten empörten ihn, und er warf der Freundin einen zornigen Blick zu. Der Offizier merkte wohl den Zorn des Knaben, er lächelte ein wenig spöttisch und sagte mit leichter Neckerei: »Ei, ei, der junge Herr scheint eifersüchtig zu sein.«

Walter sah wohl, wie seines Vaters Augen mahnend auf ihm ruhten, aber er konnte nicht schweigen, heiße Glut stieg ihm ins Gesicht und seine Stimme klang fast rauh vor zorniger Erregung, als er erwiderte: »Ich bin ein Preuße und liebe mein Vaterland, soll ich lachen, wenn – wenn!« Er stockte und fügte dann leise aber fest hinzu: »Die Feinde im Lande sind.«

Renate war totenbleich geworden, sie preßte angstvoll die Hände zusammen, aber doch ruhten ihre Augen stolz auf dem Freund. Hans-Heinrich hatte sich straff emporgerichtet, und seine blauen Augen blitzten und flammten, beinahe hätte er Bravo gerufen.

Von dem Gesicht des Offiziers war das Lächeln geschwunden, er war blaß geworden. Einige Minuten sah er die Knaben fest an, nicht zornig, fast traurig war sein Blick. Dann wandte er sich ohne Gruß ab und schritt auf den Pfarrer zu: »Wer ist jener, mit dem dunkeln Haar?« forschte er.

»Mein Sohn,« gab der Gefragte ruhig zur Antwort.

»Tapferer Junge,« murmelte der Offizier. »Gott erhalte ihn, ich gratuliere zu solchem Sohn.« Er trat rasch, ohne eine Entgegnung abzuwarten, auf seinen Kameraden zu und drängte diesen beinahe schroff zur Eile. Nach wenigen Minuten verließen denn auch die beiden Offiziere das Haus, der Franzose mit höflichen Abschiedsworten, der Deutsche stumm und finster.

Frau von Seeheim aber ging in Vorratskammer und Keller, um die Wünsche der Offiziere zu erfüllen. Der alte Vogt ließ unter schweren Seufzern das Vieh aus den Ställen treiben und die Wagen anschirren. Nach kaum einer Stunde fuhr, von Soldaten eskortiert, ein hochbeladener Wagen nach dem andern von Gut und Dorf Kloningken aus nach der eine halbe Stunde entfernten Straße hin, auf der in endlosen Kolonnen die große Armee Kaiser Napoleons nach der russischen Grenze zog.

Die heimlichen Flüche der Männer, das laute schmerzvolle Klagen der Frauen folgte dem Heere. Das zog mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel dahin und die Waffen und Uniformen blitzten im Sonnenschein. Unabsehbar waren die langen Züge der Wagen und Kanonen, und manch einem ergrauten Krieger wurde das Herz schwer, wenn er die unzähligen Gepäckwagen sah, die das Fortkommen im feindlichen Lande sehr erschweren mußten. Die Landleute wurden gezwungen, mit ihren Pferden zu Hilfe zu kommen, sie mußten auch an Lebensmitteln geben, was sie nur auftreiben konnten. Es waren ja nicht Feinde, Freunde sollten es sein, die das Land durchzogen. Kaiser Napoleon hatte mit dem tiefgebeugten König von Preußen ein Bündnis geschlossen, und die noch zu zahlende Kriegsentschädigung der unglücklichen Jahre von 1806/07 war in Lieferungen von Schlachtvieh, Korn und anderen Lebensmitteln umgewandelt worden. Außerdem durften die durchziehenden Truppen noch Lebensmittel nach Bedarf einziehen.

»Als wäre, wie zu Moses Zeiten, ein Heuschreckenschwarm über das Land gezogen,« so klagte Vogt Schwarze in Kloningken bei seiner Heimkehr. Er ballte die Hände zur Faust, und über sein Gesicht liefen Tränen, die ersten vielleicht, die er seit dem Tode des jungen Herrn geweint hatte. »Seht, Jungfer Karoline,« sagte er zu dieser, »was einem geradezu das Herz im Leibe umdreht, das ist, daß so viele Deutsche dabei sind, Deutsch reden sie, Herrgott, möchten sie auch deutsch denken! Das wurmt mich, wünschen möchte man, daß sie alle drinnen in Rußland ihren Tod fänden; und dann erbarmt's einem wieder das Herz, wenn man an all das ehrliche, deutsche Blut denkt, das da vergossen wird, für was?«

Mit gebeugtem Haupt ging der alte Mann in seine Kammer, und vorsichtig verschloß er hinter sich die Türe. Aus seinem Bettsack wühlte er ein altes, etwas verrostetes Schwert heraus, damit hatte Anno 1758 sein Vater bei Zorndorf unter dem alten Fritz gefochten. Mit finsterer Miene wog der Vogt Erdmann Schwarze das Schwert in der Hand, und dreimal hieb er zu, daß es sausend die Luft durchschnitt, ja er konnte es noch führen. Dann faltete er seine harten Arbeitshände über dem Schwert zusammen und wie ein Schrei brach es aus seiner Brust: »Herr Gott, erbarme dich unserer Not!«

In jenen Tagen klang dieser Ruf aus Tausenden von Herzen angstvoll zum Himmel empor. Bis in den Herbst hinein dauerten die Durchzüge der Truppen, und bei dieser ungeheuren Masse von Soldaten wurde die Angst wach, was wird geschehen, wenn der Siegeszug in Rußland beendet ist, dann bewahre uns der Herr vor dem Übermut des Siegers! Traurig aber sahen die Landbewohner auf ihre zerstampften Felder, in ihre verödeten Ställe und leeren Vorratskammern, und sie dachten voll Sorge an den kommenden Winter.


3. Kapitel.
Eine kleine Heldin.

Die Sorge der Erwachsenen dämpfte auch die heitere Kinderlust etwas, immerhin gab es auch in diesem harten Sommer manche frohe Stunde für die Kinder in Kloningken. Die Winterangst lastete nicht allzu schwer auf ihnen, und namentlich Hans-Heinrich, Luise und Fritzel fanden immer neue Gründe zum Frohsein. Sacht wandelten sich die Sommertage in Herbsttage und der Wald begann in bunten Farben zu schimmern. Die schlanken Birken hatten ihr lichtgrünes Sommerkleid mit einem goldgleißenden Prachtgewand vertauscht, und im Sonnenschein sah der Wald aus wie der goldene Wald des Märchenlandes. In dem Kloningkener Garten standen die Obstbäume fruchtbeladen und Jungfer Karoline hatte es sehr eilig, den Vorrat von Obst in Sicherheit bringen zu lassen. Die Angst, es könnten neue Truppen kommen und die Bäume plündern, veranlaßte sie, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften die Obsternte zu halten. Sogar Vogt Schwarze half mit, er tat dies freilich etwas widerwillig und er brummelte genug dabei, denn er dachte an die verwüsteten Felder, die in diesem Sommer wenig genug Korn geliefert hatten.

An einem schönen warmen Oktobertag saßen Renate und Luise unter einem breitästigen Apfelbaum und Renate war eifrig damit beschäftigt, Obst zu schälen, das zum Winterbedarf getrocknet werden sollte. Luise hatte auch ein Messer in der Hand, aber statt zu schälen, biß sie soeben mit ihren weißen Zähnen in einen großen, rotbäckigen Apfel; »wirklich, Renate, er ist zu gut, um ihn zu trocknen,« versicherte sie. Renate lachte, »ich glaube Luise, du hast schon etliche gefunden, die sich besser zum Essen eignen, wenn du dich nicht eilst, werden wir bis zum Vesperbrot nicht fertig mit unserer Arbeit.«

Seufzend begann Luise nun einen Apfel zu schälen, als sie den zweiten ergriff, seufzte sie tiefer, beim dritten aber sank ihr das Messer aus der Hand und sie klagte halb lachend, halb traurig: »Ich weiß gar nicht, wie das kommt, Renate, dir fliegt jede Arbeit von der Hand, du bist darin gerade wie meine Mutter, wenn die nur etwas anschaut, so ist es schon fertig, aber mir gelingt nichts ordentlich. Nun sieh nur einmal, du kannst jeden Apfel schälen, daß seine Schale ganz bleibt, während es bei mir lauter kleine Stücke werden, es ist zum Verzagen, wenn man so ungeschickt ist.« Ein Weilchen schälte sie wieder eifrig, dann sprang sie plötzlich auf und rief stolz: »Da, jetzt habe ich auch eine Schale ordentlich lang bekommen. Sieh nur wie fein! Nun werde ich das Orakel fragen, wie mein künftiger Gemahl heißt.«

Sie trat einige Schritte vor und warf lachend die Schale hinter sich, dann drehte sie sich blitzschnell um, und o weh – die Schale baumelte an einem Strauch.

Renate rief mit schelmischer Neckerei: »Keinen Mann bekommst du, wer wird auch solchen kleinen Quirl zum Weibe nehmen!«

Luise war rot geworden, sie setzte sich schweigend wieder an ihre Arbeit. »Bist du böse, weil ich dich neckte?« Renate bog sich vor und sah forschend in das traurige Gesichtchen der kleinen Freundin.

Die schüttelte betrübt den Kopf. »Böse? Ach nein, ich bin nur schrecklich traurig, weil ich so dumm und ungeschickt bin. Ach, Renate, ich wollte, ich wäre wenigstens auch eine Johanna von Orleans, wie in dem schönen Buch des Herrn Schiller, das uns Vater neulich vorgelesen hat. Ich wollte, ich könnte auch so im Kampf voranziehen. Du lieber Himmel, denke doch nur, Renate, wie wundervoll das wäre, wenn ich auch mit einem goldenen Helm auf dem Kopfe ankäme und sagte: ›Jetzt ziehe ich in den Krieg!‹ Nachher würde ich in Berlin einziehen und vor den König hintreten und sagen: ›Gnädiger Herr König, ich habe den Bonaparte gefangen genommen und alle Franzosen fortgejagt!‹ Hurra, das wäre mal was!«

Luise war aufgesprungen. Die Äpfel, die sie auf dem Schoß gehabt hatte, kollerten auf die Erde, und in ihrem Eifer warf die Kleine noch einen gefüllten Obstkorb um. Sie achtete gar nicht darauf, sie stand mit blitzenden Augen vor der Freundin und schrie: »Sieh, Renate, so würde ich es machen!« Sie schwang in der erhobenen Hand drohend das Obstmesser und rief laut: »Hurra, hurra, nieder mit den Feinden!«

»Bravo, bravo! Johanna von Kloningken!« rief da plötzlich eine freundliche Stimme. Über den Gartenzaun blickte ein Reiter, der hatte anscheinend die Mädchen schon lange beobachtet und er lachte nun laut und herzlich über Luises kühne Haltung. »Sieh, sieh, was das Mariellchen für ein Sprudelkopf ist, recht kriegerische Ansichten hat sie für ein Pfarrtöchterlein!«

Luise war glühend rot geworden, sie vergaß ganz, den Reiter zu begrüßen, Renate jedoch in ihrer ruhigen Art verbeugte sich mit zierlichem Anstand und sagte: »Die Frau Tante ist im roten Zimmer, darf ich vielleicht Ihr Kommen melden, lieber Onkel?«

Freiherr Franz von Seeheim auf Schönheide, ein Vetter Frau Friederikes, reichte ihr über den Zaun herüber die Hand; »laßt euch nicht stören, Mariellchens, ich reite durch den Hof und werde meine Base schon finden!« Er trieb sein Pferd an und nickte noch einmal zu Luise hin. Diese stand verlegen und kämpfte mit den Tränen der Scham, und Renate mußte sie erst liebevoll trösten, ehe sie sich endlich wieder zu ihrer Arbeit hinsetzte. Sie blieb nun wirklich einige Zeit dabei, freilich, so viele Äpfel sie schälte, so viele Seufzer gab es auch. Als Jungfer Karoline nach einer Weile nachsehen kam, da sagte sie unzufrieden: »Vor eine künftige Hausfrau möchte ich dich noch nicht regardieren, Luise. Ein Mädchen, das Äpfel schält, als hätte sie mit 'nem Pflug die Schalen abgerippelt, das hat noch nicht die Qualitäten vor die Hausfrauenschaft!«

Luise kicherte, trotz dieses vernichtenden Urteils, und Jungfer Karoline bekam, sie wußte nicht wie ihr geschah, einen Kuß. Da war sie rasch versöhnt, und sie selbst tröstete: »Was nicht ist, kann noch werden, und mit die Tüchtigkeit ist das so, die kommt manchmal wie'n Donnerwetter im Sommer!«

Frau Friederike saß in ihrem Arbeitszimmer an ihrem Schreibpult und rechnete. Das Gemach, in dem sie sich befand, war mit altertümlich geschnitzten Möbeln angefüllt, die Einrichtung stammte noch aus Frau Friederikes Elternhause in Pommern; nicht recht zu dieser massigen, gediegenen Pracht einer vergangenen Zeit paßten die Ölbilder, die an den Wänden hingen und die einige Herren und Damen in der koketten, zierlichen Tracht des verflossenen Jahrhunderts darstellten. Auf dem Gesicht der Frau lag ein müder, sorgenvoller Ausdruck, und sie schrak aus schwerem Sinnen empor, als draußen ein kräftiger Schritt erklang. Ein kurzes Klopfen, und Herr von Seeheim trat in das Zimmer.

Die Hausfrau schob ihre Papiere zusammen und begrüßte freundlich den eintretenden Vetter. »Hoffentlich zürnt mir meine liebe Base nicht,« sagte dieser, auf seine hohen, mit Schlamm bespritzten Reiterstiefel weisend, »daß ich so das Boudoir einer Dame betrete. Aber, wäre ich ohne einen Gruß von Kloningken heimgekommen, dann hätte ich vielleicht Schelte von meiner Eheliebsten erhalten.«

Friederike lächelte, »ich wußte gar nicht, Vetter, daß du so unter Henriettes Pantoffel stehst; doch wie geht es daheim?« Herr von Seeheim berichtete allerlei aus dem täglichen Leben, »es geht eben, wie es in solchen Zeiten gehen kann,« sagte er, während sein Gesicht sich verdüsterte. »Mein Viehstand ist jämmerlich, und die Felder, die an der Straße liegen, haben keine Ernte gegeben. Aber meinen Bauern ist es nicht besser gegangen, und ich habe vergeblich Beschwerde erhoben, weil man uns einen Teil der Zugtiere, die wir zum Transport stellen mußten, nicht zurückgegeben hat, aber das ver–. Na, ich will lieber nicht fluchen, so gut Henriette ist, dies mag sie doch zu wenig, also, das französische Gesindel kümmert sich nicht im geringsten um unsere Klagen, und unser armer König ist so machtlos wie wir.«

»Hat man Botschaft, Vetter, wie es in Rußland geht, sind wieder Siegesnachrichten eingetroffen?«

Franz von Seeheim bog sich ein wenig vor und dämpfte seine markige Stimme, »die Zeitungen berichten weiter von glänzenden Siegen, sie schreiben, der Zug der großen Armee wäre einem Triumphzug zu vergleichen. Heute früh aber war der alte Levin Moses bei mir, du kennst ihn, er kauft immer die Felle auf und ist bald hier, bald drüben in Rußland. Ich denke mir, er kennt einen Weg über die Grenze, den nicht viele wissen. Kurz, jetzt ist er wieder hier, so recht wollte er ja nicht mit der Sprache heraus, aber als ich ihm versprochen habe, so wenig wie möglich davon zu reden, da hat er mir denn allerlei erzählt. Die Siege, die gemeldet werden, sollen gar nicht immer rechte Siege sein, bei Borodino hätten sich die Russen so heldenmütig geschlagen, daß man kaum von einem Siege sprechen könnte. Und die Russen sollen auch nicht daran zweifeln, daß es ihnen gelingen wird, die feindliche Armee zu vernichten.«

Die Frau hatte atemlos gelauscht, ihre Hände schlangen sich krampfhaft ineinander, »wenn es wahr wäre, wenn es wahr wäre, dann wäre es die gerechte Vergeltung,« murmelte sie.

Herr von Seeheim nickte; »ja, wenn es wahr wäre, wenn wir hoffen dürften in unserer Not, hoffen auf eine kommende Zeit. Mein Haar fängt an zu bleichen, meine Hände sind schwer und hart, aber bei Gott, noch können sie eine Waffe führen, und wenn mein König rufen würde, Franz von Seeheim bleibt nicht hinter dem Ofen hocken!«

»Und dein Weib, deine Kinder?«

»Sie würden mich ziehen lassen, Friederike,« gab er zur Antwort, er sah die Frau fest an. »Henriette ist ein tapferes Weib, sie weiß, was sie ihrem Vaterland schuldig ist, sie würde nicht klagen, und meine drei Mädels denken wie sie.«

»Sie haben auch noch nichts verloren,« sagte Frau Friederike müde.

Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen in dem Zimmer, dann sagte Franz von Seeheim, sich zu einem heiteren Tone zwingend: »Es ist eine tapfere Jugend die heranwächst, sogar die Mädels träumen von Krieg.« Und lachend erzählte er von seinem Erlebnis am Gartenzaun, wie Luise Flemming kühn das Obstmesser geschwungen hatte.

Bei der Hausfrau fand seine Heiterkeit keinen Widerhall, sie sagte ziemlich schroff: »So ein Betragen ist gar nicht mädchenhaft, und es ist mir unverständlich, wie die sanfte Charlotte solch einen Unband von Tochter haben kann. Das Mädchen ist zu keiner Hausarbeit zu gebrauchen, es tobt durch Haus und Garten schlimmer als ein Bube, und ich muß ehrlich gestehen, ich sehe es gar nicht gern, daß Hans-Heinrich sich gerade an Luise so anschließt.«

»I was,« sagte der Freiherr, »Luise ist ja noch ein Kind und ein liebes, warmherziges dazu. Meine Mädels waren auch so wild, daß ich schier meinen konnte, ich hätte das Haus voll Buben, nun sind sie doch so sittsam und bescheiden geworden, daß es eine Freude ist, sie anzusehen.«

»Ich wollte es Charlotte Flemming wünschen, daß Luise anders würde,« gab die Hausfrau zur Antwort, aber der Ausdruck ihres Gesichtes zeigte deutlich, daß sie wenig daran glaubte.

Der Eintritt Hans-Heinrichs, der kam, den Oheim zu begrüßen, unterbrach das Gespräch. Seine erste Frage war: »Haben Sie Nachrichten, wie es mit der Armee des Kaisers steht?«

Schon wollte Franz von Seeheim dem Neffen erzählen, was er wußte, denn er meinte, der Knabe sei alt genug dazu, aber da traf ihn ein so trauriger, bittender Blick seiner Base, daß er schwieg. Etwas verlegen räusperte er sich, dann brach er ziemlich hastig auf, das Anerbieten Hans-Heinrichs, ihn ein Stück zu begleiten, lehnte er fast schroff ab.

»Was hatte der Oheim?« fragte der Knabe, als sie beide allein waren, seine Mutter. »Es schien mir, als wollte er mir etwas verheimlichen?«

»Torheit,« sagte Frau Friederike rasch, »er ist schlecht gelaunt, weil er Sorgen hat. Das geht vorüber, kümmere dich nicht darum.« Sie nahm schnell, um ein weiteres Gespräch zu vermeiden, ihre Arbeit wieder auf, und Hans-Heinrich verließ das Zimmer.

»Immer werde ich wie ein Kind behandelt,« murmelte er trotzig, als er in sein Stübchen hinaufstieg. »Und ich ziehe doch mit, wenn es Krieg gibt, ich bleibe nicht daheim!«


4. Kapitel.
Stille Tage.

Der Herbst drang immer weiter vor. Die Bäume mußten ihr schönes buntes Laub hergeben, nur die Eichen hielten trotzig ihre braunen Blätter fest; das Obst war in den Kammern geborgen und im Garten blühten nur noch einige kümmerliche Astern. Die Tage waren hell und schön, der Himmel von klarer, durchsichtiger Bläue, die Sonne sah unentwegt leuchtend von dem wolkenlosen Himmel herab. Es war jedoch ein kalter Glanz, früh am Morgen hing weißer Reif an Bäumen und Sträuchern und lag wie ein Schleier auf der Erde. In den großen Öfen des Kloningkener Herrenhauses prasselte schon früher als sonst im Jahre das Feuer.

»Der Schäfer prophezeit einen frühen, harten Winter,« sagte der Vogt zu Frau Friederike, die an seiner Seite über den Hof schritt. »Ein harter Winter wird viel Not ins Land bringen,« setzte er seufzend hinzu.

»Wann wird die Zeit der Not enden?« murmelte die Frau, ihre Augen sahen ins Weite. »Ein früher, harter Winter und die große Armee in Rußland!« Sie schauerte leicht zusammen, »ja, wann wird die Zeit der Not enden?«

Und wirklich trat ein früher Winter ein, eine ruhige, stille, immer mehr und mehr wachsende Kälte, Schnee fiel, und Kloningken lag bald wie abgeschieden von der Welt da. Immer seltener drang eine Nachricht von der Außenwelt in die Stille, und von dem Feldzug in Rußland erfuhren die Kloningkener wenig, so nahe sie auch der Grenze waren. Von dem Brand Moskaus freilich hörten auch die Leute in ihrer Einsamkeit. Man glaubte allgemein, die Stadt sei auf Befehl Napoleons angezündet worden, und voll zorniger Empörung vernahm man die Kunde. Manche Hand ballte sich da heimlich zur Faust, manche bittere, zornige Verwünschung wurde laut. Mitunter kam der Gutsherr von Schönheide, man saß dann entweder bei Pfarrers oder im Wohnzimmer Frau Friederikes, und es waren ernste Worte, die da gesprochen wurden. Manchmal kamen auch die Bauern und der Lehrer zusammen, und sie redeten von der Not der Zeit; sie machten nicht viel Worte, aber aus ihren kurzen, schlichten Reden heraus klang es wie ein Schrei nach Rettung. Nun der Winter eingetreten war, fühlte man erst recht den Mangel an Vorräten. In vielen Häusern in der Stadt und auf dem Lande war in jener Zeit Schmalhans Küchenmeister, und mit Leckerbissen wurden die Kinder nicht großgezogen. Sie waren aber trotzdem guter Dinge. Es gab auch in diesen Wintertagen wundervolle Schlittenfahrten und Schneeballschlachten, bei denen selbst Walter zuweilen all seinen Ernst verlor. Einmal kam Luise auf den Gedanken, ein Regiment Schneemänner zu formen. Dieser Plan fand ungeteilten Beifall, und ein ganzer Sonnabendnachmittag wurde dem Spiel gewidmet. Es wurden freilich nur fünf Männer fertig, aber diese fünf standen so stattlich und drohend gerade vor dem Eingang zum Hühnerstall, daß Jungfer Karoline ordentlich über die fünf weißen Kerle erschrak.

»Der eine hat gerade so ein Gesicht wie Krämer Lorenzen in R…, und solche Ähnlichkeiten sind mir nicht agreable,« behauptete sie.

Der arme Krämer Lorenzen hatte nun zwar nie in seinem Leben eine Holznase und Kohlenaugen besessen, trotzdem behielt der Schneemann seinen Namen. Er behielt ihn so lange, bis Hans-Heinrich eines Tages ein Kriegsspiel angab, da wurde den armen Schneemännern mit Schneebällen und Lanzen aus Bohnenstangen der Garaus gemacht. Vogt Schwarze stand dabei und rief ingrimmig: »Man los, nur feste darauf zu!«

Vom Fenster des Wohnzimmers aus aber sah Frau Friederike mit sorgenvoller Miene dem Spiele zu. Ein Spiel war's nur, kindlich und töricht, aber ihr war das Spiel ein Symbol für ernste Taten. Ihr Mutterherz bangte um den Sohn, den Sohn des heldenmütigen Vaters, der jetzt im Spiel seine junge Kraft erprobte. Am liebsten hätte sie ihn herausgerissen aus der frohen Schar da unten, aber durfte sie ihn denn seiner Freuden berauben? Zuletzt aber hielt sie es nicht mehr aus in ihrer Unruhe. Sie ging hinaus und schalt heftig auf Renate und Luise, es sei unpassend für Mädchen, so wild zu spielen. Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht war in ihrem Zorn, daß sie ohne Grund die Freude der Kinder störte. Es tat ihr dann selbst bitter weh, als alle betrübt auseinandergingen, was war aber doch deren leicht vergessener Schmerz gegen ihre nimmermüde Mutterangst!

Die Freunde vergaßen auch schnell das Sturzbad, wie Luise solche Störungen zu nennen pflegte. Schon der nächste Tag vereinte sie wieder, denn sie hielten treue Freundschaft miteinander. Auch der Unterricht brachte sie zusammen. Den leitete teils Pfarrer Flemming, teils der Lehrer des Dorfes. Dieser, der Magister Ludwig Fürchtegott Richter, war ein etwas wunderlicher Mann. Er hatte Geistlicher werden wollen, er hatte aber seiner Armut wegen sein Studium nicht beenden können. Er war lange Jahre hindurch Hauslehrer gewesen und zuletzt in Frau von Seeheims Haus als Lehrer ihres ältesten Sohnes gekommen. Hier war er geblieben; auf seine Bitte hatte es ihm seine Herrin gern gestattet, die Dorfkinder zu unterrichten, zugleich spielte er die Orgel in der Kirche und versah Küsterdienste. So lebte er nun seit Jahren ein stilles, beschauliches Leben im Dorf. Im Sommer streifte er oft stundenlang in den Wäldern umher, suchte Pflanzen, die er sorgsam studierte und trocknete; spielte dazwischen mitten im Walde ein Stücklein auf seiner Geige, seiner unzertrennlichen Begleiterin, und wenn er in sein kleines Schulhaus heim kam, fand er, er sei einer der glücklichsten Menschen der Welt. Alle liebten ihn seiner rührenden Herzensgüte wegen, am meisten aber die Kinder. Oftmals hielt er Schulstunde in seinem geliebten Wald. Da wurde dann seine Zunge beredt und schließlich wurde weder gerechnet noch gelesen, der alte Lehrer erzählte seinen Schülern die wundersamsten Märchen und Sagen; er erzählte von den Wundern der Schöpfung, von dem Leben der Pflanzen und Tiere, von dem stillen geheimnisvollen Leben im Walde. Seine besondere Freundin war Luise Flemming. Diese brachte es fertig, mitten in der Stunde den Lehrer so lange zu bitten, bis er die Bücher beiseite legte und seine schönen, feinen Geschichten zu erzählen begann. Niemand lauschte dann andächtiger als Luise, in solchen Stunden war sie so still und aufmerksam, als wäre sie von Beruf ein Musterkind.

Sonst aber war es immer Luise, die den heiteren Ton anschlug, die allezeit zu Scherz und Lachen bereit war, die freilich auch nie eine Neckerei übelnahm. Frau Friederike meinte oft mit leisem Kopfschütteln: »Wenn Luise da ist, geht es nie still und gesittet zu.«

Die Kleine, welche im Grunde ihres Herzens eine große Liebe für die ernste Frau empfand, gab sich zwar redlich Mühe, in deren Gegenwart ruhig zu sein, aber ein herunterfallendes Buch, ein davonrollendes Wollknäuel erregte ihre Heiterkeit. Dann waren alle guten Vorsätze vergessen, und unaufhaltsam erscholl ihr perlendes Lachen, und aus ihren Augen blitzte der Kobold. Sie klagte ihrer Mutter oft ihr Leid: »Sie schelten mich doch nicht, wenn ich lustig bin, und die Frau Pate ist immer so böse, ist es denn wirklich ein Unrecht?«

Charlotte Flemming strich dann wohl beruhigend über das lockige Haar ihres kleinen Unbandes und sagte: »Unsere Freundin hat viel Trauriges erlebt, mein Kind, und sie ist darum so ernst. Versuch es immer, daran zu denken, wenn du bei ihr bist, beherrsche deine Lachlust und sei so sanft und bescheiden wie nur möglich. Lerne es verstehen, meine Kleine, daß Menschen, die sehr unglücklich sind, doppelte Rücksicht verdienen!«

Das so wenig liebevolle Wesen der Freundin aber bereitete Frau Charlotte doch großen Kummer. Was hatten ihre Kinder denn nur getan? Traurig sagte sie einmal zu ihrem Manne: »Ich habe oft das Gefühl, daß Friederike den Verkehr mit unseren Kindern überhaupt nicht mehr so gern sieht, auch gegen Walter ist sie so schroff, und er war doch sonst ihr Liebling, nur unseren kleinen Fritz will sie immer um sich haben.«

»Leider ist es so,« sagte der Pfarrer traurig, »unsere Freundin bangt um ihren Sohn. Seit Walter aus Königsberg zurück ist, ist sie auffallend kühl zu ihm, sie fürchtet, daß er Hans-Heinrich aufreizt, und sie hat wohl recht mit ihrer Furcht. Ich wünschte innig, Gott ersparte ihr diese harte Prüfung, ich glaube aber, der Sohn erwählt den Beruf, den Vater und Bruder hatten.«

Pfarrer Flemming hatte recht gesehen. Immer größer wurde die Angst in dem Herzen der Gutsfrau, auch dieser letzte Sohn könnte einst von ihr gehen. Sie vermied es sogar ängstlich, das Gespräch auf den traurigen Krieg zu bringen, sie sprach nie von der Schlacht, die ihr den Gatten geraubt, von dem Sterbelager des Sohnes; jede Äußerung der Klage, des Schmerzes verschloß sie vor ihrem Jüngsten, in seiner Gegenwart kamen ihr sogar versöhnliche Worte von den Lippen. Nur manchmal, wenn sie mit den Freunden allein war oder bei ihrem Vetter weilte, dann brach all der leidenschaftliche, zurückgedrängte Schmerz und Groll sich Bahn, da lieh sie ihrer Empörung über die Lasten, die das Land schweigend tragen mußte, Worte. Franz von Seeheim sagte einst von ihr: »Wenn in jedes deutschen Mannes Herz so viel Haß gegen Napoleon, gegen die fremden Eindringlinge wohnte, wie in dem dieser Frau, dann wehe dir, Frankreich! Aber zu unserer Schmach sei es gesagt, die unten im Rheinland, im Süden fühlen nicht so wie wir.«

»Aber die Zahl derer, die eins mit uns sind, wächst, Freund!« erwiderte der Graf von Lehna, der diese Worte hörte, »gottlob, daß sie wächst!«


5. Kapitel.
Warum Magister Fürchtegott Richter an einem Wochentag die Schule schließt.

»Eine feste Burg ist unser Gott!« – So sangen die Kinder an einem kalten Dezembermorgen in der kleinen Kloningkener Schule. Es war dies eigentlich kein rechtes Weihnachtslied, aber der Magister, Fürchtegott Richter, war der Meinung, Luthers kräftig freies Lied sei in solchen Zeiten gut zu singen, es erhebe die Seele und stärke den Mut. Er ließ darum jeden Morgen mit diesem Liede die Schule beginnen, und auf seiner Geige strich er die Melodie dazu. Weil es aber in dieser Zeit manchmal recht kalt im Schulzimmer war, ließ er zur Erwärmung das Lied mitunter dreimal singen. An diesem Morgen aber waren die Kinder noch beim erstenmal, und trotz der Kälte tönten die jungen Stimmen gar hell auf die einsame Dorfstraße hinaus.

Mitten im Gesang klopfte es an das Fenster, und der Schmied, Franz Strobeck, sah durch die nur halb aufgetauten Scheiben in das Schulzimmer. Verdutzt staunten die Kinder den ungewohnten Besuch an, so etwas waren sie gar nicht gewöhnt. Doch der Schmied kümmerte sich nicht um das Staunen der Kinder, er schrie draußen: »Laßt die Kinder laufen und kommt zum Marotzki, was Ihr da hören werdet, ist besser als Singen und Buben klopfen, das zu hören tut not in solcher Zeit.« Als der Magister darauf das Fenster öffnete, raunte er ihm hastig einige Worte zu. Da geschah etwas, was die Kloningkener Mädchen und Buben in den Jahren, in denen Magister Ludwig Fürchtegott Richter seines Amtes waltete, noch nicht erlebt hatten, die Schule wurde geschlossen, nachdem sie kaum begonnen hatte. Der Magister aber eilte mit fliegenden Schritten in seinem dünnen, schwarzen Röcklein, die Fiedel unter dem Arm, auf den Hof Johann Maritzkis.

An jenem Morgen verließ noch mancher seine Arbeit und stand gleich dem Magister auf der Diele des Bauern, um zu hören, was der kleine, schmächtige Mann erzählte, der Jude Levin Moses, der von Rußland kam. Er erzählte von dem Leidenszug der großen Armee durch Rußland, von dem Brand von Moskau, von der Unordnung, in die das Heer geraten war. Von dem unglücklichen Übergang über die Beresina wußte er zu berichten, und wie Schnee und Kälte in den letzte Wochen noch Tausende von Opfern gefordert hatten. Er wußte viel, der kleine Mann, er hatte viel gehört auf seinen Handelswegen, viel mehr als in den Berichten stand, die über den Feldzug veröffentlicht wurden. Und atemlos lauschten ihm die Leute, ein Grauen überkam sie manchmal, wenn sie von dem ungeheuren Elend hörten. Sie dachten an die Scharen kräftiger, blühender Jünglinge und Männer, die im Sommer vorbeigezogen waren, alle voll Siegeshoffnung. Und manch einer murmelte: »Und so viele deutsche Landsleute waren unter ihnen, so viel deutsches Blut ist da unnütz vergossen worden.«

»Sie kehren zurück,« sagte der kleine Handelsmann, »aber sie kehren geschlagen heim, paßt auf, sie werden als Bettler kommen!«

»Wir nehmen sie nicht auf,« sagte der Schmied finster, »wir haben keinen Platz für französisches Gesindel. Denn das sind sie doch, mögen sie auch Deutsch reden.«

Auch im Herrenhaus saß der alte Moses im Zimmer der gnädigen Frau etliche Stunden, und er, der vor Verlegenheit sonst kaum ordentlich sprechen konnte, erzählte auch hier frank und frei was er wußte. Frau von Seeheim gab ihm reichlichen Botenlohn, er mußte ihr aber feierlich geloben, kein Wort von dem, was er wußte, dem Junker Hans-Heinrich und seinem Freunde Walter Flemming mitzuteilen. Das versprach er denn auch, und er verließ heimlich das Herrenhaus, und doch lief er gerade auf dem heimlichen Weg dem Junker in die Arme.

»Kommt Ihr von Rußland, Moses?« schrie der.

»Nein,« sagte der Alte, »just daher komme ich augenblicks nicht. Ich hab's aber eilig, gnädiger, junger Herr, ich muß mich sputen heimzukommen!«

Da ließ ihn Hans-Heinrich gehen. Der Alte aber dachte wehmütig, »nun habe ich auf meine alten Tage noch geflunkert, wenn ich just auch gerade aus dem Schloß und nicht aus Rußland kam, so war's doch falsch, was ich gesagt habe.« Er seufzte schwer, denn er war ehrlich und die halbe Wahrheit bedrückte ihn.

Von jenem Tage an war es, als würde sacht ein leise glimmendes Feuer geschürt. Man sah die Glut, man fühlte sie, aber noch war es nicht an der Zeit, das glimmende Feuer zu lodernder Flamme anzublasen. Franz von Seeheim war in Königsberg gewesen und mit ernstem Gesicht dann von Gut zu Gut geritten, er war auch bei seiner Base Friederike und im Pfarrhaus gewesen, und am Abend hatte der Pfarrer im Kreise der Seinen zum Schluß des Gebetes gesagt: »Herr unser Gott, deine Mühlen mahlen langsam aber sicher!« Mit einem solchen Ausdruck hatte er es gesagt, daß selbst Luise kein lautes Wort mehr wagte. Ehrerbietig küßte sie der Eltern Hand, nahm dann den kleinen Bruder und brachte ihn sorglich, wie eine kleine Mutter, zu Bett. Fritzchen nutzte das ungewohnt stille Wesen der Schwester aus, er kletterte aus seinem Bett heraus und quartierte sich bei der Schwester ein, was diese stillschweigend geschehen ließ. In dieser Nacht träumte Luise Flemming, sie ritte mit einem glänzenden Helm auf dem Haupt an der Spitze von vielen Soldaten, da plötzlich kamen Feinde, einer schwang seinen Säbel neben ihr, eine entsetzliche Angst befiel sie, und bitterlich weinend fuhr sie aus dem Schlafe empor. Hell schien der Mond in ihr Stübchen. Sie sah den Bruder neben sich schlafen, und beruhigt zog sie ihr weiches Federbett über das Näschen, und mit dem Gedanken an das nahe Weihnachtsfest schlief die kleine Heldin ein.

Weihnachten kam und verging. Es war ein stilles Fest, an dem eigentlich nur die Kleinsten rechte Freude hatten. Es gab überall nur eine kümmerliche Bescherung. Jungfer Karoline trug mit Renate und Luise selbstgebackene Pfefferkuchen, ein paar Äpfel und Nüsse in jedes Haus, das war alles was es zum Heiligen Christ gab. Freilich Weihnachtslieder wurden in jedem Haus gesungen, dafür hatte schon der Schulmeister gesorgt, daß die Kinder ordentlich singen konnten. So ertönten denn an dem stillen Winterabend die lieben Klänge in allen Häusern, das war feierlich und friedsam. In den Herzen der Erwachsenen aber sah es trotz Winterstille und Weihnachtssang nicht friedlich aus, eine bange Unruhe erfüllte die Menschen. Wie Gewitterschwüle lag es über dem Land. Jeder fühlte sie, und angstvoll lauschte man auf Nachricht, aber noch wußte niemand etwas Bestimmtes zu sagen. Man munkelte, es seien in vielen Grenzorten bereits Flüchtlinge aus Rußland eingetroffen. Aber die Nachrichten eilten nicht so schnell von Ort zu Ort. Dazu kam, daß in den Tagen vor Weihnachten wieder viel Schnee gefallen war und die Wege so verschneit lagen, daß jeder am liebsten daheim blieb. Endlich am neunundzwanzigsten Dezember brachte ein Bote die Nachricht nach Kloningken, Napoleon wäre aus Rußland zurückgekehrt, er sollte bereits in Paris eingetroffen sein. Die Armee aber sei vernichtet und ihre trostlosen Reste hätten schon teilweise die Grenze überschritten.

»Sie kommen,« jammerte manche furchtsame Seele weiter drinnen im Lande. Die Grenzbewohner jedoch hatten, nachdem sie die ersten Flüchtlinge gesehen hatten, keine Furcht mehr vor denen, die kamen. Die Not der Feinde nährte ihre Hoffnung auf Befreiung des Vaterlandes, und die Flamme unter der Asche zuckte und glühte. Kaum ein Abend verging, an dem nicht die Männer des Ortes zusammenkamen und ernste Reden führten. Der Schmied, Franz Strobeck, erhielt trotz des Winters so viele Sensen zu schleifen, wie sonst kaum in den Sommertagen, er lachte dazu und wehrte jede Bezahlung ab.


6. Kapitel.
Eine Neujahrsnacht.

So kam des Jahres Wende heran. Auf verschneiten Wegen wandelten die Leute von Kloningken um Mitternacht zur Silvesterandacht. Truppweise gingen die Bewohner der einzelnen Gehöfte, nur die Kleinsten der Kleinen und die Kranken blieben daheim. Jeder trug eine Laterne oder eine brennende Wachskerze in der Hand, und der kleine Fritz Flemming war glücklich, daß er auch mit einem brennenden Kerzlein zum Gottesdienste gehen durfte. In der Kirche stellte sich jeder sein Licht auf seinen Platz, und es war, als schaue Pfarrer Flemming auf lauter Sternlein herab, als er die Kanzel betrat und um Segen für das kommende Jahr bat. Die Gebete, die in dieser Nacht zum Himmel emporstiegen, waren so heiß und inbrünstig wie selten.

Draußen war es schneidend kalt. Die Sterne glitzerten an dem tiefdunkeln Himmel, der Schnee knirschte unter den Füßen und der Wind drang mit Messerschärfe durch die dicken Winterumhüllungen. Als die Leute die Kirche verließen, da dachte mancher voll Behagen an sein Heim, wenn es auch ärmlich war, so war es doch warm, war ein schützendes Dach. Vogt Schwarze sagte, als er die Hoftür verschloß: »Heut' ist's nicht gut sein auf der Landstraße. Was, Demoiselle Karoline, heute möchte Sie nicht draußen lustwandeln?«

Die Jungfer verwies ihm ärgerlich solche Reden. »So was ist nicht agreable zu hören, nach 'nem feierlichen Kirchgang, merk' Er sich das!«

Der alte Mann lachte, er ging noch einmal durch das Haus und durch die Ställe, dann erst legte er sich zur Ruhe.

Bald verlöschten alle Lichter im Hause, nur in dem Zimmer der Hausfrau brannte noch eins, das hell in die kalte Winternacht hinausleuchtete. Wie ein glänzender Stern stand es in der Dunkelheit, so erschien es auch zwei Wanderern, die sich auf der verschneiten Straße mühsam fortschleppten. Der eine hing an des anderen Arm, er taumelte nur noch, seine Augen waren halb geschlossen, und mitunter sank er seufzend zusammen. Dann riß ihn sein Gefährte wieder empor, und sie wankten weiter.

»Voilà ein Licht, Kamerad!«

»Ein Licht!« Die Augen der beiden Wanderer öffneten sich weit. Sie wußten nicht mehr, wie lange sie gewandert waren durch den endlosen Wald, wußten nicht mehr, wo sie sich befanden. Hoffnungslos, stumpf, zum Tode erschöpft, kraftlos vor Hunger, so schleppten sie sich seit Tagen durch die eisige Winterkälte hindurch.

Ein Licht! Dort strahlte es hernieder, sah so friedlich in die kalte Nacht hinaus, und dies kleine Licht gab den beiden wieder etwas ihren Mut zurück. Sie strebten vorwärts, nahmen ihre letzte Kraft zusammen, immer die Augen angstvoll auf das Licht gerichtet, als könnte es verlöschen, ein Irrlicht sein, das sie genarrt hatte.

Vogt Schwarze war noch nicht eingeschlafen, als es draußen zaghaft an das Tor klopfte. Er richtete sich auf und lauschte, war es eine Täuschung gewesen?

Es klopfte noch einmal, lauter, dringender, und ein Ruf kam von draußen, den er nicht verstand. Er stand rasch auf und nahm die Laterne und Schlüssel, um zu sehen, wer Einlaß begehrte. Als er in die Halle trat, kam Frau von Seeheim die Treppe herunter, auch sie hatte das Klopfen vernommen und sie ging nun mit dem Vogt zusammen auf den Hof.

Und wieder klang das Klopfen und wieder war es von angstvollem Rufen begleitet. »Pitié«! – Frau Friederike blieb stehen, »Franzosen,« sagte sie, und die Züge ihres Gesichtes wurden hart. »Wer begehrt Einlaß?« rief sie laut.

»Wir seien malade, mon camarade und ick, helft o pitié!« klang es flehend von draußen herein.

Der Schlüssel in der Hand des Vogts zuckte, er sah fragend auf seine Herrin. Eine Weile zögerte diese, sie lauschte mit vorgebeugtem Kopf. Sie schien zu überlegen, minutenlang, während draußen die Bitte wieder erklang. Franzosen waren es, Feinde. Von denen welche, die ihr den Mann, den Sohn geraubt hatten.

Jäh richtete sie sich empor, nein, für die hatte sie kein Mitleid. Mit harter, heller Stimme, die bis zu den Wartenden hinausklang, rief sie: »Nein, in meinem Hause ist kein Platz für französisches Gesindel. Wir wollen hineingehen!«

Sie ging langsam über den Hof zurück und betrat das Haus. Schweigend, aber zögernd, sich immer wieder umschauend, folgte der Vogt seiner Herrin; ihnen nach klangen die jammernden Rufe.

Die Außenstehenden hatten sich an die Türpfosten geklammert, sie starrten angstvoll zu dem Hause empor. Half man ihnen, ließ man sie nicht hinein? Ach, dort drinnen war noch immer Licht, war es warm, vielleicht gab es dort Brot, ein Lager zum Ausruhen!

Minute um Minute verrann, der eine der beiden Wanderer rüttelte wieder und wieder an der Tür, während sein Gefährte kraftlos in den Schnee gesunken war. Aber plötzlich verlosch oben das Licht, und in ein schweigendes Dunkel gehüllt lag das Haus da.

Ein Schrei klang durch die Nacht, ein Schrei voller Jammer und Qual. Der eine der beiden Verirrten preßte seinen Kopf an die Mauer und schluchzte wie ein Kind. Er wollte noch einmal rufen, aber die Stimme versagte ihm und nur ein Stöhnen kam aus seiner Brust.

Gab es denn keine Hilfe? Verzweifelt irrten seine Augen durch die Nacht, sie war ziemlich hell und er konnte sehen, daß weiterhin noch mehrere Häuser lagen, anscheinend war es ein größeres Dorf. Doch da, dort war es wieder, als schimmere ein Licht, oder war es eine Täuschung? Er sah fest darauf hin, die dunkle Masse dort war wohl ein Haus, und das Lichtlein blieb, es verlosch nicht. Er raffte noch einmal seine Kräfte zusammen und faßte seinen Gefährten unter den Arm.

»Mon camarade!«

Aber der murmelte nur müde: »Ach, laßt mich sterben!« Doch der andere ließ nicht nach, er zerrte und schob, und endlich kam sein Gefährte hoch, und nun taumelten beide dem letzten Hoffnungsstrahl in dieser eisigen Nacht zu.

»Ach, laßt mich sterben«

Pfarrer Flemming hatte noch lange, nachdem er aus der Kirche zurückgekehrt war, mit seiner Frau zusammengesessen, er hatte mit ihr über die Sorgen und Hoffnungen des kommenden Jahres gesprochen. Plötzlich hob der Pfarrer horchend das Haupt. »War es nicht wie ein Ruf, – hörtest du nichts, Charlotte?«

Auch die Frau lauschte, es war ihr als klänge ein Schrei durch die Nacht.

»Vielleicht ein Verirrter, der unser Licht gesehen hat,« sagte der Pfarrer, »ich will nachsehen, wer es ist und sehen, ob wir helfen können.« Er nahm eine kleine Laterne, seine Frau hüllte ihn sorglich in einen Mantel, sie selbst nahm ein Tuch um und sagte einfach: »Ich begleite dich!«

Der Mann nickte nur. Er schloß die Haustür auf und eine eisige Luft wehte ihnen entgegen. Eine Weile war alles still. Dann klang wieder ein Schrei durch die Stille, aber nur schwach, wie ein Todesröcheln. Die Eheleute gingen rasch dem Rufe nach, aber schon nach wenigen Schritten sahen sie am Gartenzaun, im Schnee, zwei dunkle Gestalten liegen. Der Zaun war für die schwachen Kräfte der Wanderer unüberwindlich gewesen, und die nahe Tür hatten sie nicht gefunden. Der Pfarrer beleuchtete sie, dann wandte er sich zu seiner Frau und sagte tiefernst: »Es scheinen französische Flüchtlinge zu sein.«

»Sie brauchen unsere Hilfe, wir wollen sie rasch in das Haus tragen,« sagte Frau Charlotte einfach.

Sie beugte sich nieder und bemühte sich, einen der beiden Männer vom Boden aufzuheben; ihr Gatte unterstützte sie, und ihren vereinten Kräften gelang es, die beiden Verirrten in das Haus zu bringen. Die Pfarrerin räumte, ohne sich lange zu besinnen, das eigene Schlafgemach ein. Im Zimmer sahen sie beide erst erschüttert, in welchem jammervollen Zustande ihre Schützlinge waren. Nur Lumpen bildeten ihre Kleidung, die Füße waren mit dicken Lappen umwickelt, und während Frau Charlotte am Herd stand und einen heißen Trank bereitete, verband der Pfarrer, der darin manche Erfahrung hatte, die Wunden der Flüchtlinge. Ein tiefes, gütiges Erbarmen lag in seinem Gesicht, als er auf die völlig vernachlässigten, vereiterten Wunden sah. Er dachte nicht, dies sind Feinde, er dachte nur daran, daß es Unglückliche waren, die seiner Hilfe bedurften.

Es war eine schwere, unruhige Nacht. Die Pfarrersleute fanden keinen Schlaf in ihr, aber auch Frau Friederike von Seeheim versuchte vergeblich, Ruhe zu finden. Sie wälzte sich auf ihrem Lager hin und her, die weichen Kissen dünkten ihr hart, die Nacht unerträglich lang, der Schlaf floh ihre Augen. Immer wieder sagte sie sich: »Ich tat recht, dem Feinde die Zuflucht zu verweigern, es war meine Pflicht, gegen mein Vaterland.«

Aber immer wieder meinte sie draußen eine flehende Stimme zu hören, die klagend um Erbarmen rief.


7. Kapitel.
Vater und Sohn.

Wie sonst, hielt auch Pfarrer Flemming am Neujahrsmorgen des Jahres 1813 die Andacht in der Kirche. Aber nicht wie sonst begleiteten ihn seine Frau und seine Kinder, nur Luise machte den Kirchweg an der Seite des Vaters. Frau Charlotte war bei den Kranken geblieben, die ihrer Hilfe bedurften, und Walter hatte gefehlt, er war nicht mit der Schwester zur Kirche gegangen und war auch, zu deren Verwunderung, nachher nicht erschienen, und so hatte Luise allein in dem alten Kirchenstuhl gesessen. Ihre lebhaften Augen blickten nicht wie sonst von einem zum andern, sie rutschte nicht auf ihrem Stuhl hin und her, etwas, was ihr schon so manchen Tadel der Mutter eingetragen hatte.

Sie saß ganz still, sie hatte so viel zu bedenken, daß sie sich immer wieder dabei ertappte, daß ihre Gedanken von der Predigt abirrten. Und doch sprach der gute Vater so schön, so ernst und eindringlich, trotzdem mußte sie immer an die beiden armen verirrten Franzosen denken, die in der Nacht in das Haus gekommen waren. Luise hatte trotz ihres Übermutes ein weiches, warm empfindendes Herzchen, das jetzt mit tiefem Mitleid erfüllt war. Sie dachte daran, wie es den Bruder erschüttert hatte, als ihnen heute früh die Eltern erzählten, was in der Nacht geschehen war, totenbleich hatte er das Zimmer verlassen, kein Wort hatte er gesprochen. Jetzt half er gewiß der Mutter bei der Pflege, hatte diese nicht allein lassen wollen. »Seinem Nächsten dienen ist auch ein Gottesdienst,« hatte der Vater gesagt; wie gut von dem Bruder, daß er nach diesem Worte handelte. Luise faßte den Plan, der Mutter auch fleißig zur Hand zu gehen, sie wollte nicht mehr spielen, sondern helfen, und da kamen ihr wieder allerlei romantische Gedanken, was sie alles tun wollte. Jede Arbeit wollte sie der Mutter abnehmen, wie ein richtiger kleiner Engel der Barmherzigkeit wollte sie im Hause schalten und walten, und im Geiste hörte sie schon die Mutter sagen: »Ja, wenn wir unsere Luise nicht hätten, wie sollte es werden!« Dann würde auch Tante Friederike nicht mehr schelten, ganz erstaunt würde sie sein über den Fleiß der Nichte. Flugs kamen ihr ein paar Tränlein der Rührung über ihre eigene Vortrefflichkeit. Doch plötzlich intonierte die Gemeinde das Schlußlied, und der Gesang weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Da fielen alle ihre Luftschlösser zusammen und recht beschämt, daß sie so wenig auf die Predigt geachtet hatte, ging sie an ihres Vaters Hand nach Hause.

Nach der Kirche hatte es die Pfarrersmagd dem Oberknecht vom Gute erzählt, daß ihr Herr Franzosen aufgenommen habe, der eine schrie ganz greulich, kein Wort wäre zu verstehen, sie fürchtete sich ordentlich. Bald verbreitete sich diese Kunde im Dorf und drang in das Herrenhaus. Dort hatten es die Dienstleute schon erfahren, daß in der Nacht Fremde an das Tor gepocht hatten. Jungfer Karoline, die munter geworden war, hatte es erzählt, daß sie vor Furcht sich das Deckbett über die Ohren gezogen, davon hatte sie freilich geschwiegen. Zuerst waren alle geneigt gewesen, ihre Herrin für hart zu halten, besonders, da der Vogt diese nicht, wie sonst, in den Schutz nahm, sondern schwieg. Friedrich, der Oberknecht, jedoch schimpfte auf das französische Gesindel, er ließ harte Worte gegen den Pfarrer fallen. Und weil er eine gewichtige Stimme hatte, redeten die andern bald wie er.

Frau Friederike war mit sich selbst unzufrieden. »Ich bin im Recht,« sagte sie sich, und um die mahnende Stimme ihres Gewissens zu übertönen, sprach sie herbe zu Jungfer Karoline darüber, daß es Sünde sei, wenn ein Deutscher Franzosen in sein Haus aufnehme. Das Wort reute sie rasch, aber es war gesprochen, und es ging weiter durch das Dorf. Manch einer zögerte freilich noch, den Pfarrer zu verurteilen. Die Frauen dachten milde und rühmten die Pfarrersleute ob ihrer Tat. Als Stasiu Wietak, der Stellmacher, der einen heimlichen Groll auf den Pfarrer hatte, so wie ihn falsche Menschen manchmal gegen jene haben, die die Lauterkeit selbst sind, höhnisch über die Flüchtlinge im Pfarrhaus spottete, da verwiesen ihm etliche seine Reden. Am Abend aber kamen die Männer bei dem Schmied zusammen, und die redeten miteinander von der Schmach des Landes. Stasiu Wietak war auch dabei, und er war freigebig an diesem Abend und verschenkte Kirschwasser, er hatte eine große Flasche voll mitgebracht. Das ungewohnte Getränk machte die Köpfe heiß, und der Stellmacher wußte geschickt das Feuer zu schüren; da vergaßen die Leute in dieser Stunde alle die treue Sorge, die Pfarrer Flemming seiner Gemeinde erwiesen hatte, und mit wilden Reden schalten sie auf den Geistlichen. Magister Richter versuchte bescheiden, die Tat des Pfarrers als eine gute hinzustellen, aber verächtlich drehte man ihm den Rücken; ja, Stasiu Wietak rief lachend: »Schweigt, Schulmeister, davon versteht Ihr nichts.« Die Männer nahmen ihren Zorn mit heim und hielten den Frauen, die mitleidig dachten und verteidigen wollten, die Tat der gnädigen Frau als Beispiel vor.

Während es so im Dorfe gärte, saß Pfarrer Flemming in seinem Hause und sorgte mit seiner Frau treulich für das Wohl der Kranken. Er wußte noch nichts von der erbitterten Stimmung seiner Gemeinde gegen ihn, aber eine bange Ahnung davon hatte sich seiner bemächtigt. Die Eheleute sprachen nicht darüber, aber wenn sie sich ansahen, da lag in beider Augen tiefes Weh. Sie wußten, sie hatten sich eine schwere Last auf die Schultern gebürdet, sie fühlten, sie würden um ihrer Tat willen von vielen verdammt werden, ach, und der, der ihnen diese Erkenntnis gebracht hatte, war ihr eigener Sohn gewesen. Ihr eigenes Kind hatte zum erstenmal die Ehrfurcht vor seinen Eltern vergessen, der Knabe hatte seinem Vater einen Vorwurf daraus gemacht, daß er die Feinde in sein Haus aufgenommen, trotzig, mit gefalteter Stirn, mit zornsprühenden Augen, hatte er vor seinen Eltern gestanden und weder die ernste Mahnung des Vaters, noch die sanfte Bitte der Mutter hatten vermocht, ihn von seinem Unrecht zu überzeugen.

»So geh denn in deine Kammer,« hatte der Vater endlich gesagt, »und vielleicht kommt dir in der Einsamkeit die Erkenntnis deines Unrechtes.«

Nun saß der Knabe oben in der kleinen Mansardenstube und starrte auf die weißen, glitzernden Eisblumen am Fenster. Er hatte ein Buch in der Hand, ein Buch, das ihm Frau von Seeheim geschenkt, und an dem sich seine feurige Knabenseele berauschte, »Wilhelm Tell von Friedrich von Schiller«.

»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,« über diese Worte kam er nicht hinweg. Er legte den Kopf auf das Fensterbrett und finstere, unklare Gedanken bewegten seine junge Seele. Ihm war es, als sei plötzlich ein schönes Bildwerk, zu dem er in ehrfurchtsvoller, frommer Bewunderung aufgeschaut hatte, zertrümmert worden. Seine Eltern hatten Feinde in ihr Haus aufgenommen, und sie hatten dadurch in seinen Augen Verrat an dem Vaterland geübt. Er dachte gar nicht darüber nach, was aus den beiden Unglücklichen in der kalten Winternacht hätte werden sollen, alle Worte von Nächstenliebe und Pflicht gegen die Mitmenschen hatte er vergessen. Er redete sich selbst immer tiefer in einen wilden Trotz hinein und kam sich in der kalten Kammer zuletzt fast wie ein Märtyrer einer guten Sache vor. Daß sacht die Dämmerung heraufgekommen war, merkte er gar nicht in seinem Sinnen.

Plötzlich schrak er zusammen, an das Fenster war Schnee geworfen worden, und ein leises Pfeifen klang von unten herauf. Walter sprang auf und öffnete das Fenster, das fest gefroren war und nur schwer nachgab, endlich ging es kreischend auf und Walter sah hinab. Dort unten aus dem Schatten der Bäume heraus löste sich eine Gestalt, und er erkannte Hans-Heinrich, der dort stand und ihm winkte.

Walter erkennt Hans-Heinrich

Walter sann nach, durch das Haus wagte er nicht zu gehen, er befürchtete, dem Vater zu begegnen oder von der Mutter gesehen zu werden. Das Weinspalier reichte nicht ganz bis zum Fenster, aber immerhin war es für ihn nicht allzu schwer, es zu erreichen, kurz entschlossen stieg er auf das Fensterbrett, und mit einem geschickten Sprung erfaßte er richtig das Spalier und kletterte nun an ihm herab; bald stand er neben dem Freunde, der ihm etwas verlegen die Hand reichte. »Komm hinter in euren Holzstall,« sagte der, »ich muß dich sprechen.«

Die Knaben gingen in den schon dunkeln Schuppen, und dort erzählte Hans-Heinrich, wie böse seine Mutter sei, und daß auch die Leute im Dorfe dem Pfarrer zürnten. »Ich denke, dein Vater hat recht getan, Walter, er hat doch nur ein paar arme Menschen aufgenommen, und das ist doch eigentlich seine Pflicht. Ich ginge am liebsten hinein, um die beiden zu besuchen, aber –« er stockte, »Mutter hat es mir verboten, ich sollte – sie mochte nicht, daß ich heute kommen sollte.« Scheu sah er den Freund an und drückte mit unbeholfener Zärtlichkeit dessen Hand, »grüße deine Eltern und Luise,« bat er.

Walter stand und biß die Lippen zusammen, er hörte gar nicht auf des Freundes letzte Worte, die Glut der Scham brannte in seinen Wangen, der Sohn schämte sich seines Vaters. Verachtet von den Leuten war er nun, der so hochverehrte Vater, ein Schützer, ein Freund der Franzosen war er geworden. Das mußte ihm geschehen, der sein Vaterland so glühend liebte.

»Leb' wohl,« sagte er rauh. Er wandte sich hastig ab, selbst der Freund brauchte nicht zu sehen wie sehr er litt. Niedergeschlagen schlich er sich wieder auf demselben mühsamen Weg, auf dem er gekommen war, in seine Kammer zurück.

Diesen Abend erschien Walter nicht mehr unten im Familienzimmer. Als Frau Charlotte mit schwerem Herzen zu dem Sohne kam, um zu versuchen, ob es ihren milden Worten gelingen würde, ihn zur Einsicht und Abbitte zu bewegen, da fand sie ihn, anscheinend im festen Schlaf, angekleidet auf seinem Bette liegen. Sie deckte ihn sorgsam zu und strich dann mit sanfter Hand über sein dunkles Haar, und ein heißes Gebet stieg aus ihrem Herzen empor, daß Gott den Sinn des Knaben lenken möge. Dann ging sie hinaus, und sie hörte nicht mehr das Aufschluchzen Walters. Dieser sprang auf und eilte zur Tür, er wollte diese aufreißen und der Mutter nacheilen, aber sein Trotz hielt ihn zurück, die Hand sank von der Klinke herab, die Schritte der Mutter verhallten, er war wieder allein und warf sich bitterlich weinend auf sein Lager.

Es war eine traurige Nacht im Pfarrhause.

Die Nacht, die kam, war nicht minder schwer als die vorhergehende für die Pfarrersleute. Sie wachten beide bei den Kranken. Luise hatte zwar flehentlich gebeten, sie pflegen zu lassen, aber Frau Charlotte hatte doch kein rechtes Zutrauen zu des kleinen Irrwischs Pflegekünsten. Luise ahnte aber nicht, wie trostreich ihre Hilfsbereitschaft, ihre zärtliche Liebe den Eltern war. Sie nahm Walters Trotzen nicht allzu schwer, und sie ahnte nicht, wie unsäglich die gütigen Eltern darunter litten. Zur Hand bleiben wollte sie jedoch der Mutter, auf dem harten, steifen Sofa der Wohnstube schlug sie ihr Lager auf, und dann schlief sie nach fünf Minuten wie ein Murmeltier und merkte nichts von aller Sorge und Unruhe, die die Kranken verursachten.

Der jüngere der beiden Flüchtlinge lag noch immer von jenem bleischweren Schlaf umfangen, in den er nach seiner Ankunft verfallen war, der ältere dagegen redete in wirren Fieberphantasien, er war anscheinend Franzose, er mischte aber viele deutsche Brocken in seine Reden. Frau Charlotte, die der französischen Sprache mächtig war, lauschte oft schaudernd den furchtbaren Bildern, die die Fieberträume des Kranken ihr enthüllten. Besorgt schritt sie ab und zu und legte immer wieder im Schnee gekühlte Tücher auf die heiße Stirn des Kranken. »Das Feuer brennt so hell,« schrie dieser, und »fort, fort, seht ihr nicht, alles steht in Flammen, kein Wasser – ach, ich verdurste!« Dann wieder flüsterte er geheimnisvoll: »Seht, da sind Tote, da – da – immer mehr, alle, – alle tot. Kamerad, komm doch, vorwärts, sieh, ein Licht.«

Gegen Morgen erwachte der Jüngere aus seinem Schlaf. Er sah sich erstaunt um in dem schlichten, sauberen Zimmer, wo war er nur? Da erblickte er Frau Charlotte. »Mutter,« flüsterte er wie träumend, »Mutter!« Erschüttert trat die Frau an sein Lager. »Ich bin nicht Ihre Mutter,« sagte sie sanft, »aber,« beruhigte sie, als sie den verstörten Ausdruck seiner Züge gewahrte, »Sie sind in guter Pflege, fürchten Sie nichts!«

Der Kranke bedeckte die Augen mit der Hand und stöhnte, »wo bin ich, ach, Madame sprechen Deutsch.«

»Sie sind auch in Deutschland, nicht mehr in Rußland.«

»Rußland!« Erschrocken fuhr er empor. »Mein Gott, was habe ich gesehen!« Er wandte den Kopf und sah auf seinen Kameraden, der gerade still lag und mit stieren, glänzenden Augen in die Weite sah. »Gréville!« rief er, »mon capitaine!« Aber der hörte ihn nicht, seine Lippen redeten schon wieder im Fieber, angstvoll schrie er auf und fuhr von seinem Lager empor, um dann mit einem Schmerzenslaut wimmernd zusammenzusinken. Der andere seufzte tief, er schaute seine Pflegerin an und wollte sprechen, erzählen. Doch sanft verwehrte es ihm die Frau. »Später, wenn Sie gesund sind, jetzt müssen Sie ruhen,« sagte sie gütig. Da schloß der Kranke wieder seine Augen. Der Ausdruck friedlicher Ruhe breitete sich über seine Züge. »Nicht in Rußland,« murmelte er, »gottlob, nicht mehr in Rußland.«


8. Kapitel.
Freunde werden zu Feinden und Feinde zu Freunden!

Der schweren Nacht folgte ein grauer, trüber Morgen, an dem die Schneewolken fast bis auf die Dächer der Häuser herabhingen. An diesem Morgen sprach Pfarrer Flemming mit seinem Sohne, er versuchte es vergebens, von diesem Verständnis für seine Handlung zu erlangen. Der Knabe stand trotzig vor ihm, und er sagte dem Vater, was er von Hans-Heinrich erfahren hatte. Er sah wohl den Schmerz in den Zügen des geliebten Vaters, er sah diesen leiden, wie gern hätte er, wie sonst, die teure Hand geküßt, aber hatte diese Hand nicht den Feinden die Tür geöffnet – in verstocktem Schweigen wandte er sich ab.

Und als er wieder draußen stand, da wäre er am liebsten umgekehrt und hätte sich an des Vaters Brust geworfen, denn immer lauter wurde die Stimme in ihm, die rief: »Dein Vater handelte, wie er handeln mußte.«

Auf der Treppe begegnete er Luise. Die blieb stehen und sagte bittend: »Walter, sag' doch den Eltern ein gutes Wort! Schäme dich doch, wie kannst du so sein!«

In neu erwachtem Trotz rief er heftig: »Sei still, Mädchen verstehen solche Sachen nicht!«

Doch Luise ließ sich nicht einschüchtern. »Gerade verstehe ich es,« sagte sie ein bißchen hochmütig. »Ich verstehe, daß man Menschen nicht einfach draußen im Frost umkommen läßt, und ich verstehe, daß unsere Eltern die allerbesten, allergütigsten Menschen auf der Welt sind, und daß du – du – ein – dummer Junge bist.« Weg war Luise, und Walter stand allein mit seinem Zorn, seiner Empörung und der immer lauter mahnenden Stimme in seiner Brust.

Luise ging etwas niedergeschlagen zu ihrer Mutter, da war ihr nun mal wieder die Zunge ausgerutscht, und sie hatte es doch gerade gut machen wollen, hatte Friedensengel sein wollen, ach, es war doch recht schwer, immer bedacht und richtig zu handeln!

Gegen Mittag ging Pfarrer Flemming in das Herrenhaus. Frau von Seeheim hatte am Morgen geschickt und die Stunden der Kinder absagen lassen, kein Wort hatte sie hinzugefügt, keinen Gruß gesandt. Als der Geistliche auf den Hof kam, waren die Grüße, die die Leute ihm zollten, kurz, fast verlegen, die Ehrerbietung, die man ihm sonst entgegengebracht hatte, fehlte. Im Flur traf er Renate, die küßte wie sonst seine Hand, aber als er nach Frau von Seeheim fragte, stieg tiefes Rot in das zarte Gesicht des Mädchens, und sie senkte wie schuldbewußt das Köpfchen, als sie dem geliebten Lehrer antwortete: »Frau Tante ist nicht zu sprechen!«

Zurückgewiesen! An der Schwelle des Hauses, in das er so oft als Freund gekommen war, als Tröster in schweren Stunden, da der Tod darinnen weilte, und nun? Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen, ein herbes Wort schwebte ihm auf den Lippen, er rang mit sich, aber es gelang ihm, sich zu beherrschen. Stolz richtete er sich auf, »so grüße deine Tante, mein Kind,« sagte er, »und behüte dich Gott!« Seine Stimme zitterte ein wenig, einige Augenblicke ruhte seine Hand auf Renates Haupt, dann schritt er ruhig, hochaufgerichtet aus dem Hause, kein Gedemütigter, ein Sieger.

In ihrem Zimmer ging indessen Frau Friederike rastlos auf und nieder. Sie hörte die Stimme des Pfarrers, sie hörte seinen verhallenden Schritt, und sie schämte sich ihres Tuns. Wie klein, wie feige war sie doch gewesen, weil im innersten Herzen ihre harte Tat, ihre vorschnellen Worte sie reuten, hatte sie es nicht gewagt, dem Manne in die Augen zu sehen. Nun ging er, und in dieser Stunde empfand die Frau erst, wie groß die Freundschaft gewesen war, die der Pfarrer und seine Frau ihr dargebracht hatten. Alle die Stunden wurden in ihr lebendig, in denen sie an den beiden gütigen Menschen einen Halt gehabt hatte. Tag und Nacht war die Freundin in allen schweren Stunden bei ihr geblieben, und der Pfarrer war es gewesen, der ihren sterbenden Sohn heimgeleitet hatte. Dennoch fand sie den Weg in das Pfarrhaus nicht, ein falscher Stolz hielt sie zurück, dem Zuge ihres Herzens zu folgen.

Es war ein Leidensweg, den Pfarrer Flemming an diesem Morgen unternahm. Nur finstere, scheue Blicke trafen ihn, kein Händedruck, kein zutrauliches, freundliches Wort wie sonst, nur kurze, mürrische Grüße wurden ihm zuteil. Die Kinder freilich, die kamen und begrüßten ihn so fröhlich wie immer, und niemand verwehrte es ihnen. Und die alte Frau Ragnit, die seit Jahr und Tag ihr Bett nicht mehr verlassen konnte, freute sich auch wie sonst über den Besuch des Pfarrers. Der saß eine Weile bei ihr, sprach freundlich mit ihr von vergangenen Tagen, und als er ging, sagte die alte Frau schlicht: »Herr Pfarrer, rechte Liebe und rechtes Vertrauen kann mal ein bißchen getrübt werden, vergehen tut's aber nicht.«

Der Pfarrer schüttelte ihr die Hand, das gute Wort tat ihm wohl. Draußen traf er dann den Stellmacher Stasiu Wietak, der begrüßte ihn voll Demut, während ein Lachen auf seinem Gesicht lag. Dieser Gruß tat dem Pfarrer weh, denn er wußte, es war nur Schadenfreude. In schmerzliches Sinnen verloren ging er weiter, ging auf der Landstraße hin dem nahen Walde zu.

Zwanzig Jahre hatte er in Kloningken gewirkt, zwanzig Jahre in frohen Stunden und in sorgenvollen Tagen in gleicher Freudigkeit und Treue seinen Beruf erfüllt, und nun vermochte eine einzige Handlung, zu der ihn seine Christenpflicht gedrängt hatte, dieses Band zu zerreißen. Der bitterste Tropfen in diesem Kelch aber war doch, daß der eigene Sohn sein Tun nicht verstand.

Als Pfarrer Flemming wieder die Schwelle seines Hauses überschritt, da stand Luise mit dem kleinen Fritz an der Tür, und mit einem Jubelruf eilten beide dem Heimkehrenden entgegen. Frau Charlotte, die wohl ahnte, daß es ein schwerer Gang sein würde, den ihr Mann gegangen war, hatte zu Luise gesagt, sie solle dem Vater entgegengehen.

Diese nahm den kleinen Bruder zur Hand und sagte, die Mutter verstehend: »Komm, Fritzchen, wir wollen Vater empfangen und ihn recht, recht lieb haben, wenn er heimkommt!«

Aufatmend schloß der Pfarrer seine Kinder in die Arme, und Hand in Hand ging er mit ihnen in das Haus, wo die Mutter sie schon erwartete.

»Charlotte, mein treues Weib,« rief er mit bewegter Stimme, »in dieser Stunde bin ich arm geworden, und doch, welchen Reichtum hat mein Heiland mir gelassen!« Mit klaren Augen trat er dann an die Betten der Kranken, liebevoll verband er frisch ihre Wunden, die sollten es nie fühlen, was er um ihretwillen zu leiden hatte.

Die Tage gingen. Im Pfarrhaus schlichen sie trübe dahin; die beiden Kranken lagen noch immer schwer danieder und der ältere von beiden wurde von Tag zu Tag schwächer. Einen Arzt zu erlangen war nicht möglich gewesen, die Wege waren verschneit und der alte Wundarzt im nahen Städtchen unternahm nicht mehr solche beschwerlichen Fahrten. Der Pfarrer mußte daher allein, so gut er konnte, die Behandlung führen. Der jüngere Kranke war zwar unendlich schwach, aber seine Wunden begannen zu heilen und sein Geist war klar. Einmal, als der Geistliche an sein Bett trat, sah er ihn lange forschend an und sagte dann mit matter Stimme:

»Haben wir uns nicht schon gesehen?«

Prüfend blickte der Pfarrer in das junge abgezehrte Gesicht; wo war er nur diesem Mann schon begegnet?

Da sagte der junge Mann leise: »Im Sommer, als wir nach Rußland zogen, kamen wir in ein Gutshaus, da waren Kinder, mit denen ich sprechen wollte, ein schwarzlockiger Knabe antwortete mir so trotzig und mutig, ich habe die Szene nicht vergessen.«

»Mein Sohn war es und drüben im Herrenhaus geschah es, jetzt erinnere ich mich.« Er sah erschüttert auf den Kranken nieder, dieser elende, sieche Mensch war jener stattliche, blühende Offizier. »Sie haben schwere Tage hinter sich,« sprach er mitleidig.

»Schwer, nein, grauenvoll, furchtbar, o mein Gott, was habe ich gesehen und was gelitten,« rief der junge Offizier. »Wenn jener nicht gewesen wäre,« er deutete auf seinen Nachbar, »ich läge heute auch erfroren auf Rußlands Eisfeldern, dieser aber war ein guter Kamerad, er half mir vorwärts, er war zäher als ich.« Und halblaut, in schmerzlichem Erinnern sprach er weiter:

»Frierend, hungernd, so sind wir die Straße heimwärts gezogen, wir brauchten keinen Wegweiser, die Leichen unserer Kameraden, die niedergebrannten Dörfer zeigten uns den Weg. Als wir auszogen, waren wir eine große glänzende Armee, und zurückgekehrt sind wir als ein Häuflein elender, zerlumpter, verzweifelter Menschen. Keine Ordnung und Zucht herrschte mehr, wer sich zusammenfand, der ging zusammen, keiner wußte, wo sein Regiment war, wer noch davon lebte. Wir waren sechzig, die wir uns so zusammengefunden hatten, als wir über das Schlachtfeld von Smolensk zogen, vor Wilna waren wir noch zwölf, kaum wußten wir, wo die andern geblieben waren. Manchmal sah man einen Kameraden taumeln, niederfallen, und gleichgültig trotteten wir weiter, helfen konnten wir nicht, so zogen wir müde und stumpf unseres Weges. Manchmal lagerten wir uns am Abend, wenn wir das Glück hatten, Holz zu finden, um uns ein Feuer zu machen, und wenn wir beim Tagesgrauen aufstanden, da lagen wohl etliche Kameraden erfroren da.« Er schöpfte einige Minuten Atem und starrte finster vor sich hin, dann fuhr er leise, müde fort:

»Zuletzt verloren Kapitän Gréville und ich die Richtung, ein furchtbares Schneegestöber trieb unser Häuflein auseinander, wir wanderten weiter und weiter, es war ein anderer Weg. Anfangs mieden wir noch die Dörfer, die wir liegen sahen, denn wir wußten, die Russen marterten die unseren erbarmungslos zu Tode. Zuletzt verloren wir in einem Walde den Weg vollständig, wir irrten planlos umher, es dämmerte schon, als wir einen Weg darin fanden, und an diesem – einen Wegweiser. Wir lasen deutsche Namen, und wir haben geweint wie Kinder vor Freude, unser Mut hob sich, und wir wanderten weiter, wie lange, ich weiß es nicht mehr. Ich war so erschöpft, daß ich nur noch taumelte, da sahen wir ein Licht, ich hörte Stimmen, und da verlosch das Licht wieder, ein anderes tauchte auf, dann verlor ich das Bewußtsein – als ich erwachte, war ich hier.«

Der Kranke sank erschöpft zurück, und ein Blick unendlicher Dankbarkeit traf den Pfarrer. »Hier ist es gut, ach so warm und still!« Als Frau Charlotte an sein Bett trat, faßte er nach ihrer Hand. »Ich habe daheim eine Mutter,« sagte er leise, »sie blieb in Trauer zurück, als ich fortzog, aber ich mußte ja mit, ich ein Deutscher,« und heiß rollten ihm die Tränen über die Wangen. Da schrie sein Nachbar auf: »Les Cosaques, les Cosaques!« und leiser, »mon camarade, frierst du?«

»Mein bester Freund, mein Retter war ein Franzose,« sagte der junge Offizier, die fieberheiße Hand des anderen in die seine nehmend.

Tag um Tag verging. Im Pfarrhaus war es viel stiller als sonst, denn von den Dorfbewohnern kam niemand, um sich dort Rat oder Hilfe zu erbitten. Der Pfarrer selbst ging, wie er es immer getan hatte, auch jetzt täglich zu einigen Kranken, die hießen ihn willkommen, an ihren Betten merkte er nichts von dem Groll, den man gegen ihn hegte. Freilich, wenn er durch die Dorfstraße ging, fühlte er, wie groß die Kluft geworden war, die ihn von seiner Gemeinde trennte.

Auch im Herrenhaus war es stiller als sonst. Frau Friederike ging stumm und finster einher, sie sprach nie von den Bewohnern des Pfarrhauses. Renate war bedrückt, und oft verrieten ihre roten Augenlider, daß sie geweint hatte. Hans-Heinrich aber zog es nach dem Pfarrhaus, und doch wollte er seine Mutter nicht kränken, die zwiespältige Stimmung machte auch ihn still und scheu, er blieb am liebsten allein auf seinem Zimmer. Seine Mutter empfand schmerzlich diesen Zwiespalt, und sie hatte doch nicht den Mut, offen ihre Schuld einzugestehen.

In diese trübe Stille hinein kam eines Tages der Freiherr Franz von Seeheim und brachte eine Kunde, die die Herzen höher schlagen ließ. General von York hatte am 30. Dezember mit den Russen einen Vertrag zu Tauroggen geschlossen, hieß der König ihn gut, so war er einer Kriegserklärung an Napoleon gleich. Kein Jubel wurde laut, aber wie ein Aufatmen ging es durch das preußische Land. Vom Herrenhaus zu Kloningken aus verbreitete sich die Kunde rasch im Dorfe, es war am Freitag in der Dämmerung, als Vogt Schwarze sie von Haus zu Haus trug, und bald standen die Leute zusammen und redeten von der kommenden Zeit.

Herr von Seeheim erfuhr auch von seiner Base die Tat des Pfarrers, »er hat recht gehandelt,« sagte er ruhig. Frau Friederike fuhr auf. »Du verteidigst also auch diese vaterlandslose Tat?« rief sie, und eine leise Angst klang in ihrer Stimme.

»Zwei verirrte, halbtote Flüchtlinge aufnehmen, ist Christenpflicht und keine vaterlandslose Tat; kannst den Pfarrer grüßen und ihm sagen, er hätte recht getan, liebste Base. Und nun gehab dich wohl, ich muß fort, so gern ich noch im Pfarrhause vorspräche und mir die Flüchtlinge anschaute,« sagte der Freiherr gelassen, dann ritt er davon. Hätte er geahnt, wie tief die Erbitterung gegen den Geistlichen war, er hätte sicher noch trotz aller Eile den Umweg gemacht und dem Flemmingschen Ehepaar einen Besuch abgestattet.

Im Dorf Kloningken aber wurde es lebhaft besprochen, daß auch der Freiherr von Seeheim diesmal nicht wie sonst im Pfarrhaus eingekehrt war. Man fand nur die Erklärung, daß auch der Schönheider Herr die Tat des Pfarrers verurteilte, und immer tiefer wurde die Erbitterung gegen diesen im Dorf. Als am Abend die Männer versammelt waren, da drängte sich Stasiu Wietak vor und rief:

»Seid ihr Männer, und duldet es, daß hergelaufenes französisches Gesindel Aufnahme im Dorf findet, wir brauchen es nicht zu dulden; wir haben das Recht, den Pfarrer zur Rede zu stellen. Laßt euch nicht von euern Weibern bereden, daß es eine gute Tat ist, Sünde ist es, sage ich. Seht die gnädige Frau, unsere Wohltäterin, an, sie ist auf unserer Seite, und der Schönheider Herr auch.«

»So mag die gnädige Frau sprechen,« sagte Franz Strobeck bedächtig, und einige Gutgesinnte stimmten ihm zu.

»Nein, einer von uns muß es sein, einer mag am Sonntag nach der Predigt aufstehen und Rechenschaft fordern. Dem Pfaffen muß es eingetränkt werden,« schrie Stasiu Wietak erbost.

Die andern schwiegen. Einzelne Stimmen wurden laut, die für den Pfarrer sprachen. Michael Ragnit schlug vor, zwei sollten in die Pfarrei gehen und mit dem Geistlichen sprechen, »er war immer gut und unser Freund,« ermahnte der Bauer.

Der Stellmacher aber erhob wieder seine Stimme; er sprach so lange und eindringlich, bis es ihm gelang, daß man ihn zum Sprecher wählte. Aber erst sollte er am nächsten Morgen im Herrenhaus fragen, ob die gnädige Frau einverstanden sei. Das versprach er, und er ging am nächsten Morgen wirklich hin und brachte die Einwilligung Frau von Seeheims. Daß er damit eine Lüge gesagt hatte, das erfuhren die Bauern erst, als der Sonntag längst vorbei war.


9. Kapitel.
Demoiselle Karoline sieht einen Geist.

Am gleichen Tage saß Renate in ihrem Zimmerchen. Das war so einfach, daß manches adlige Fräulein von heute wohl verwundert dreinschauen möchte, wenn man ihr zumutete, das Zimmer als das ihre zu betrachten. Das blütenweis überzogene Bett, ein einfacher Tisch, ein Stuhl und eine große buntgemalte Truhe bildeten die Einrichtung. Über dem Bett hingen in schmalem Goldrahmen zwei auf Elfenbein gemalte Bildchen, die Renates Eltern darstellten, darüber ein zierlich in bunten Farben ausgeführter, durch allerlei Blumen und Schnörkel verzierter Spruch: »Sei getreu bis in den Tod.« Dies Blatt stammte von ihrer Mutter, die noch kurz vor ihrem Tode die mühsame Arbeit vollendet hatte, sie bildete nun der Tochter größten Schatz.

Renate saß still, die Hände gefaltet, und sah durch das Fenster. Weit und weiß dehnte sich die Landschaft vor ihren Blicken aus, und der Wald, der sich rechts vom Gute hinzog, wirkte wie eine schwere, dunkle Wolke in der Ferne. Düster hoben sich die Häuser des Dorfes und die Wirtschaftsgebäude aus dem weißen Schneebett heraus, ein rötlicher Feuerschein schwebte über dem einen, dort war die Schmiede, und manchmal klangen die Schläge, die Franz Strobeck auf dem Amboß führte, bis zu dem einsamen Mädchen hin. Renate hörte nicht darauf. Ihre Gedanken gingen immer wieder schmerzlich und sehnsuchtsvoll den Weg vom Herrenhaus zum Pfarrhaus. Am Morgen hatte sie versucht, die Tante mit freundlichem Wort umzustimmen, und von ihr die Erlaubnis zu einem Besuch im Pfarrhaus zu erhalten, aber ihre Bitte war vergebens gewesen. Frau von Seeheim verharrte in ihrem Groll. Sie schämte sich, ihr Unrecht einzugestehen, schämte sich, den treuen Freunden die Hand zu reichen und zu sagen: »Ihr tatet recht, ich war ungerecht und hart.«

Renate litt schwer unter dieser Entfremdung. Sie fühlte das Unrecht und konnte es doch nicht hindern. Ihr Herz hing an den Bewohnern des Pfarrhauses, Frau Charlotte war ihr mehr eine Mutter als die Tante. Und sie sehnte sich nach allen da in dem schlichten, weißen Haus. Und durch nichts konnte sie ihre Liebe, ihre Treue beweisen, durch nichts ihnen in diesen schweren Tagen eine Freude bereiten. »Wäre ich wie Luise mit ihren Einfällen, ich hätte sicher schon einen Weg gefunden, dieses zu tun,« dachte sie. Aber ungehorsam gegen die Befehle ihrer Tante zu sein, wagte sie nicht. Sie war auf ihren Gängen nach dem Dorf freilich schon mehrere Male dicht am Pfarrhaus vorbeigehuscht, mit der leisen Hoffnung, jemand zu sehen. Einmal hatte sie sogar ein Weilchen still am Gartenzaun gestanden, aber sie hatte niemand von den Bewohnern des Hauses erblickt.

Die Sonne war längst untergegangen und die langen Schatten des Abends sanken herab. Hier und da blitzte ein Licht auf, das unten im Dorfe angezündet wurde, auch Renate nahm einen langen Span und kniete vor dem kleinen eisernen Gestell nieder, auf dem ein eiserner Topf, mit glühendem Torf gefüllt, stand, als Ersatz eines Ofens. Der Span flackerte hell auf, und rasch entzündete sie ein kleines Öllämpchen. Plötzlich wurde leise, vorsichtig die Tür geöffnet und eine dunkle, verhüllte Gestalt glitt hinein. Renate sprang erschrocken auf, aber schon belehrte ein leises Kichern sie, daß es ein ungefährlicher Eindringling war, und Luises lachendes, rosiges Gesichtchen sah ihr aus der Umhüllung entgegen. »Ich mußte warten, bis es dunkel ist, die Frau Tante sollte mich nicht sehen, weil sie so böse ist,« sagte sie wie zur Entschuldigung, und dann fiel sie der Freundin um den Hals, und unter hervorbrechenden Tränen stammelte sie: »Ach, es ist schrecklich, Renate!«

Diese strich ihr sanft das wirre Haar aus der Stirn. »Liebe kleine Luise, wie bist du denn hereingekommen?«

In dem beweglichen Gesichtchen der Kleinen kämpfte schon das Lachen mit den Tränen, und sie sprudelte hervor: »Wie ein Räuber bin ich eingeschlichen, weißt du, hinten an dem Gartenzaun bei dem Freundschaftstempel ist eine Lücke, da durch, dann immer am Zaun entlang auf der Erde gekrochen, dann husch, hinten bei der Küche vorbei ins Hans, die kleine Hintertreppe herauf, kein Mensch hat mich gesehen, ach, es war eigentlich sehr schön.«

Nun mußte auch Renate lachen. »Du bist doch ein rechter kleiner Kobold,« sagte sie, »aber rasch erzähle, wie es bei euch daheim geht.« Sie zog die Freundin neben sich auf die Truhe, und beide Mädchen hüllten sich in das große Tuch, das Luise umhatte, denn es war kalt geworden in der Kammer. »Wird auch nicht die Frau Pate heraufkommen?« fragte Luise ängstlich.

Aber die Freundin schüttelte den Kopf, »sie ist böse mit mir und hat mir geboten, oben zu bleiben.« Ihre Stimme zitterte, und Luise schmiegte sich zärtlich an sie an und streichelte tröstend ihre Wangen. Dann begann sie von den Vorgängen im Pfarrhaus zu erzählen, flüsternd, damit ihre Stimme nicht im Hause gehört wurde: »Ach Renate, du weißt gar nicht, wie traurig es bei uns ist, Vater und Mutter sehen so betrübt aus, und der dumme Walter.«

»Luise!« Renate war rot geworden vor Entrüstung, aber die Freundin ließ sich in ihrer schwesterlichen Erkenntnis nicht beirren, sie fuhr gelassen fort: »Ja, dumm ist er, ich bin ihm so gram, er geht mit einem so trotzigen Gesicht umher und ist noch nicht einmal bei den beiden Kranken gewesen, und die haben doch so viele Schmerzen. Der eine ist ein Deutscher, denke nur, und könntest du nur sehen, wie froh er aussieht, wenn Vater oder Mutter kommen, der andere redet immer im Fieber, und Vater sagt, er wird wohl sterben.« Luise schluchzte auf, »es ist zu schrecklich!« Sie rückte noch dichter heran. »Ich habe gehört wie Herr von Lühenaar, so heißt der Deutsche, aus Rußland erzählt hat, o, es war furchtbar. Ich sollte es nicht hören, aber Renate schilt nicht, ich habe gehorcht. Mutter hat mich nachher weinen sehen, und als ich gesagt habe warum, da hat sie auch nicht gescholten. Ach, wenn doch nie mehr Krieg käme, ich weine jeden Tag, wenn ich daran denke.«

Sie brach in Tränen aus und Renate weinte mit. Eine unbestimmbare Angst vor kommendem Unheil lag auf ihnen, und beide umschlangen sich und die Tränen der einen feuchteten die Wangen der andern. Endlich raffte sich Renate auf, und sich zu einem Scherz zwingend, sagte sie mit einem halben, etwas trübseligen Lächeln: »Du wolltest doch immer mit in den Krieg ziehen, wie Johanna von Orleans.«

Luise schüttelte ernsthaft den Kopf, mit einem ihr sonst fremdem Ernst sagte sie: »Nun nicht mehr, wenn ich daran denke, ich sollte so viele Menschen um mich her tot oder verwundet sehen, dann erfaßt mich eine große Angst. Lieber möchte ich wie meine Mutter werden, so gut und sanft, so geduldig die armen Männer pflegend.«

»Ja,« erwiderte Renate, »das möchte ich auch. Es muß schön sein, helfen zu können, Schmerzen lindern zu dürfen.«

Eine Weile saßen die Mädchen stumm beieinander. Gute, feierliche Gedanken bewegten ihre jungen Seelen, und der Wunsch nach segensvollem Tun sproßte in ihnen auf wie die Knospen im Frühling. Endlich begann Luise wieder: »Du weißt doch, daß der arme Vater so traurig ist, weil die Frau Tante und alle Leute im Dorf böse mit ihm sind. Ach, ich weiß es wohl, und ich habe immer gedacht, ich möchte ihm eine Freude machen, nun ist mir etwas eingefallen. Du weißt doch, Vater hört uns so gern singen, wollen wir nun nicht Sonntag in der Kirche unseren neuen Psalm singen? Du, ich und vielleicht Hans-Heinrich, wenn der nicht so dumm ist wie Walter. Sage, Renate, ist mein Plan nicht schön, wird Vater sich nicht freuen? Der Magister ist auch einverstanden, ich war vorhin bei ihm, er sagte, es werden vielleicht recht wenig Leute in die Kirche kommen, und darum wird Vater doppelt froh darüber sein. Sag doch ja, warum schweigst du?«

»Dein Vorsatz ist sehr schön,« sagte Renate mit gepreßter Stimme, »und gewiß würde dein Vater eine herzliche Freude an unserem Gesang haben, aber – wenn – du weißt doch, Tante Friederike, – sie wird es sicher nicht gestatten.«

Luise war ganz erschrocken, sie jammerte betrübt: »Daran habe ich ja nicht gedacht, und ich hätte so gern meinen Vater erfreut.« Sie begann wieder heftig zu weinen, und Renate wurde das Herz schwer, als sie den Schmerz der kleinen Freundin gewahrte. »Luischen,« bat sie, »höre doch auf zu weinen, wenn Hans-Heinrich ja sagt, will ich wohl sehen, dir deinen Willen zu tun, sei nur oben bei der Orgel. Wenn wir singen, bitte ich noch vorher den Magister, du kannst doch deine Stimme sicher?« – »O, gewiß doch,« rief Luise rasch getröstet, sie begann gleich mit ihrer hellen Stimme zu intonieren: »Befiehl –«

Erschrocken hielt ihr Renate den Mund zu. »Wenn dich jemand hörte,« sagte sie vorwurfsvoll.

Luise steckte vor Schreck den Kopf gleich in das graue Tuch, dann sagte sie ein wenig ängstlich: »Ich will lieber gehen, sonst kommt am Ende die Frau Tante doch noch, und das wäre schrecklich!« Sie hüllte sich wieder in ihr dunkles Tuch, öffnete die Tür und lauschte auf den weiten Flur hinab, ob jemand käme. »Renate,« flüsterte sie, »wenn mich jetzt jemand erblickt, gebe ich mich als Gespenst der seligen Frau Berta von Seeheim aus, weißt du, von der sie sagen, sie sei so böse gewesen, daß sie keine Ruhe im Grabe fände.«

»Du bist ein nettes Gespenst,« sagte Renate mit leisem Lachen. »Brr, wenn es solche zappeligen Gespenster gäbe!«

Luise kicherte leise vor sich hin, während ihr noch die Tränen an ihren Wimpern hingen. Sie nahm zärtlichen Abschied von der Freundin, dann huschte sie den Gang entlang. An der Treppe stand sie wieder horchend still, aus der Küche klangen lebhafte Stimmen, aber noch brannte kein Licht im Flur. Luise preßte die Hände an ihr klopfendes Herzchen, vorsichtig stieg sie Stufe um Stufe herab. Da knarrte eine derselben so laut, daß das Mädchen meinte, alle im Hause müßten es hören, aber es regte sich nichts. Sie unterschied jetzt deutlich die laute Stimme Jungfer Karolinens in der Küche, die anscheinend wieder eine Geschichte aus ihrer glorreichen Vergangenheit erzählte, Luise hielt an sich, um nicht zu lachen, am liebsten hätte sie jetzt die Tür geöffnet und mit einem tiefen Knicks die Demoiselle begrüßt. Aber wieder knarrte eine Stufe, und nun schwiegen drinnen die Stimmen. Da bekam sie Angst und eilte mit einigen hastigen Sätzen die Treppe hinab und verschwand gerade in dem kleinen dunkeln Gang, der sie noch von dem Ausgang nach dem Garten trennte, als Jungfer Karoline die Tür öffnete. »Alle Heiligen,« rief diese, erschrocken die Hände zusammenschlagend, »ein Gespenst!«

In diesem Augenblick hatte Luise draußen die Tür erreicht, neben der einiges Gartengerät stand, an das das Mädchen in seiner Hast stieß, es klirrte und rasselte laut, und Luise erschrak selbst über das Gepolter.

»Ein Gespenst, ein Gespenst, huhu,« kreischte die Jungfer, und die Mädchen kamen eilig aus der Küche zu ihrer Hilfe herbei. Wanda, die Zweitmagd, ergriff resolut eine kleine Öllampe, um zu leuchten, aber schon war Luise längst in Sicherheit, und sie kroch vorsichtig am Gartenzaun entlang.

Jungfer Karoline aber wankte schreckensbleich in die Küche, und da sie bei ihrer früheren Herrin mitunter eine Ohnmacht gesehen hatte, fand sie es angebracht, auch eine zu bekommen. Sie sank ächzend auf einen Stuhl, legte den Kopf hintenüber, streckte Arme und Beine steif aus und schloß die Augen.

Die Mägde waren ganz verblüfft über das sonderbare Gebaren, da sagte Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, die zum Besuche in der Küche weilte: »Dem Jungferchen ist der Verstand alle geworden, man rasch ein Topchen Wasser und ihr auf das linke Fußchen treten!«

Ehe nun Demoiselle Karoline Einspruch gegen solche Behandlung erheben konnte, hatte Wanda, die Zweitmagd, ihr einen Schöpfeimer Wasser über den Kopf gegossen und Stine Strobeck ihr kräftig auf den Fuß getreten.

Die freundlichen Helferinnen waren äußerst erstaunt, wie schnell der Jungfer der Verstand wiederkehrte. Sie sprang wie besessen empor und schwapp hatte Wanda einen Schlag auf der Backe, daß sie sich vor Schreck gleich hinsetzte. Die Schmiedsfrau aber bekam eine Flut Schimpfworte zu hören, die nicht gerade reichsgräflich klangen. Mit der Jungfer war nicht zu spaßen, und ein richtiges Gespenst wäre vielleicht vor ihr ausgerissen, wenn es das Schelten gehört hätte. Stine Strobeck schaute mit richtiger Bewunderung drein, und ihr Respekt vor der Jungfer wuchs beträchtlich.

Als sich die Erregung über diesen Zwischenfall etwas gelegt hatte, kam nun wieder das Gespenst an die Reihe. »Große, glühende Augen hat es gehabt,« erzählte die Jungfer, »wie mit Ketten hat es gerasselt,« setzte Mareiken, die Küchenmagd, hinzu. Alle waren sich darüber einig, daß nun sicher ein Unglück geschehen müsse. »Es hilft nun nichts, es muß und muß was passieren,« sagte die Jungfer. An diesem Abend wurde in der Küche des Kloningkener Herrenhauses, als nach dem Nachtessen die Mägde saßen und spannen, von nichts weiter gesprochen als von dem Schloßgespenst, und eine wußte immer noch schaurigere Geschichten als die andere zu erzählen.

So ohne Hindernis kam Luise freilich nicht in ihr Elternhaus zurück: Kurz ehe sie dieses erreichte, prallte sie mit jemand zusammen, und auf einmal hatte Hans-Heinrich seine Arme um sie geschlungen.

»Luischen, habe ich dich endlich!« jubelte er auf, als er die Freundin umfaßt hatte. Diese, glücklich über die Begegnung, erzählte ihm in übersprudelnder Eile, wo sie gewesen, was geschehen sei und was sie tun wollte. Wie ein Wasserfall ging es. Und Hans-Heinrich rief mitten drin lachend: »Sag' doch, Luise, soll Jungfer Karoline singen oder wir? Du redest ja alles untereinander!«

Und Luise lachte und schwatzte weiter. Sie standen beide am Eingang des Pfarrgartens, mitten im Schnee, und hielten sich an den Händen gefaßt, sie fühlten nicht die Kälte, nicht den scharfen Wind, der von Osten her wehte, sie fühlten nur die Freude, einander wiederzuhaben. Als Luise endlich heimkehrte, da nahm sie das feste Versprechen Hans-Heinrichs mit, er wollte alles tun, seine Mutter zu versöhnen, und er wollte auch am Sonntag den Psalm mit ihr und Renate singen.