The Project Gutenberg eBook, Die Oberheudorfer in der Stadt, by Josephine Siebe, Illustrated by Karl Schmauk
Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.
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Die Oberheudorfer
in der Stadt
Allerlei heitere Geschichten
von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
von
Josephine Siebe
Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
von Karl Schmauk
Stuttgart
Verlag von Levy & Müller
Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart.
Inhalt.
| Seite | |
| Auf dem Johannesplan | [1] |
| Traumfriedes Abschied | [10] |
| Die Grünmützen von Feldburg | [25] |
| Ein böser Tag | [38] |
| Heine Peterles Brief | [58] |
| Eine Stadtfahrt | [71] |
| Verkehrte Gedanken | [110] |
| Das Abenteuer im Schloß | [126] |
| Der kleine Teufel hilft Fräulein Wunderlich über die Dornenhecke | [147] |
| Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird | [163] |
| Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen | [178] |
| Sommerferienlust | [203] |
| Im Zirkus | [225] |
Auf dem Johannesplan.
Auf den Stufen, die zu der altersgrauen Stadtkirche von Feldburg emporführten, saßen drei Kinder: zwei Buben und ein Mädel. Es war just um die Zeit, da es die Blumen schrecklich langweilig finden, immer warm und wohlbehütet im braunen Erdbettchen zu liegen, und lieber hinaus wollen, um die Sonne zu sehen und den blauen Himmel. Auch die drei Kinder ließen sich die Frühlingssonne behaglich auf die Nasen scheinen. Mit untergeschlagenen Armen und weit vorgestreckten Füßen saßen die drei da und schauten unverwandt nach einem kleinen Haus hinüber, das in einem Winkel lag. An dem Haus war eigentlich nicht viel zu sehen. Es war das unscheinbarste und kleinste am Johannesplan – so wurde der Kirchplatz genannt. Ein bissel schüchtern und schief stand es in seinem Eckchen, zwei vornehme Nachbarn zur Seite. Links wurde es von dem Schulhof des Gymnasiums begrenzt, zur rechten Seite stand ein prächtiges, altertümliches Haus. Recht vornehm, ja beinahe hochmütig sah das aus; seine Fenster waren fest verschlossen und verhüllt, und über dem breiten Tor trug es ein großes steinernes Wappen.
»Es ist noch immer zu,« sagte das eine Mädel und warf einen flüchtigen Blick auf die verhängten Fenster des großen Hauses. Die Kleine seufzte, und da keiner der Buben etwas sagte, begann sie wieder: »Ich möchte nur wissen, wann er kommt!«
»Wer?« fragte der eine Junge kurz, »der Professor oder der Junge aus Oberheudorf?«
»Natürlich der Junge!« rief das Mädel, verwundert, daß der Gefährte überhaupt fragen konnte.
Der, ein stämmiger, hellblonder Junge, dem eine kleine, lustige Himmelfahrtsnase keck im runden Gesicht stand, brummte etwas mürrisch: »Du bist ganz verdreht mit deinem Oberheudorfer Jungen, Füchslein. Wer weiß, was du gehört hast!«
»Ich habe schon recht gehört; Fräulein Wunderlich hat es meiner Mutter erzählt, sie bekämen einen Jungen aus Oberheudorf in Pension, für den der Graf Dachhausen alles bezahle. Freilich, das Warten ist langweilig.«
Die Kleine stand auf und rekelte sich. Sie war ein feines, hübsches Ding mit einem Paar rotblonder Zöpfe und braunen, lachenden Augen. Um der roten Haare willen nannten ihr Bruder Ulrich und ihr Freund Jobst sie »das Füchslein«; der Neckname kränkte sie aber nicht, ja sie war schon so daran gewöhnt, daß sie fast erstaunt war, wenn sie einmal jemand mit ihrem Taufnamen Marianne ansprach.
»Sei nicht so ungeduldig!« knurrte Ulli und sah gelassen weiter nach dem Häuschen hinüber. Einmal würde ja dort die Türe aufgehen, und er, Ulrich Sonntag, hatte das Warten gelernt. So rasch und flink in Wort und Tat das Füchslein war, so langsam und bedächtig war ihr Bruder Ulli. Dem spazierte jedes Wort immer fein sacht aus dem Munde heraus, und die Schwester sagte manchmal ungeduldig: »Du sagst aber auch erst zu Mittag guten Morgen, so lange dauert es bei dir!«
»Ist besser, als vor Eifer mit der Nase in die Suppenschüssel fallen,« gab dann wohl der Bruder zurück. Da lachte die Schwester, und die beiden waren wieder die allerbesten Freunde; langes Bösesein kannten sie nicht.
»Jetzt wird die Türe aufgemacht,« schrie Marianne Sonntag plötzlich. »Vater Wunderlich ist's, der sagt uns, ob der Junge wirklich kommt.« Sie schnellte auf und raste über den Platz nach dem kleinen Haus hinüber, aus dem jetzt ein alter Herr trat. Jobst rannte der Freundin nach, Ulrich aber blieb sitzen, er dachte gelassen: »Sie werden schon herüber kommen.«
Sie kamen auch wirklich, denn Herr Matthias Wunderlich wollte in die Kirche gehen. Das Füchslein hing an seinem Arm und schwatzte: »Vater Wunderlich, ist das wahr, kommt ein Junge aus Oberheudorf zu dir, und ist das der, von dem mein Onkel Doktor sagt, er wäre ein kleiner Held, weil er einmal im Winter bei Gewitter – – –«
»Aber Füchslein,« rief Jobst lachend, »bei einem Schneesturm war es doch.«
»Ach ja, das meine ich doch auch,« sagte Marianne verlegen. Sie redete nämlich mitunter wirklich so geschwind, daß etwas anderes herauskam, als sie sagen wollte.
Der Organist hatte es aber doch verstanden, und just am Fuße der Treppe, so daß Ulli die Antwort hören konnte, erwiderte er freundlich: »Ich weiß schon, was du meinst, Mädel. Ja, das ist der Junge, der einmal, um Medizin für seine kranke Pflegemutter zu holen, den weiten Weg von Oberheudorf bis hierher gelaufen ist; er wäre ja damals beinahe im Schnee umgekommen!«
»Und was will er hier, warum kommt er her?« rief das Füchslein und hielt den alten Mann fest, der gerade den riesigen Schlüssel in das Schloß der Kirchtüre stecken wollte.
»Lernen soll er hier, auf das Gymnasium gehen.«
»Ein Junge aus 'nem Dorf auf das Gymnasium?« schrie Jobst und sah so hochmütig drein, als wäre Gymnasiastsein die höchste Würde.
»Warum nicht, wenn er gut lernt?« Vater Wunderlich schaute Jobst von Hellfeld mit seinen klaren, guten Augen ernst an. »Dieser Friede, der zu mir kommt, ist ein armer Waisenjunge, und wenn man den auf das Gymnasium schickt, muß er doch schon ein besonders fleißiger Bube sein!«
»Ich bin schrecklich neugierig auf ihn,« versicherte das Füchslein eifrig, »o so neugierig! Wann kommt er denn, und wie heißt er weiter, und warum kommt er gerade zu dir, Vater Wunderlich, und wie sieht er aus?«
»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt er, weil der Lehrer in Oberheudorf mich kennt; der bat mich auch, den Jungen wenigstens auf ein halbes Jahr zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.«
»Wenn – – wenn – – er sich aber draußen nicht die Schuhe abstreicht?« fragte Füchslein ganz ängstlich.
Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend bekannt, und fast jedes Kind, das in das Haus kam, hatte schon tüchtige Schelte bekommen wegen unsauberer Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen. Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen konnte das Fräulein nicht vertragen. Und dabei kamen viele Kinder in das Haus, denn der Organist Wunderlich war ein sehr gesuchter Musiklehrer.
»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann und seufzte ein klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher Frage. »Aber nun laß mich los, Kind, ich muß in die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.«
»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den Organisten ganz fest, »sage mir noch, liebster, bester Vater Wunderlich, wird wirklich über die Oberheudorfer Kinder ein Buch geschrieben?«
Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind. Die Oberheudorfer meinen, ihre Kinder machten so viele dumme und lustige Streiche, daß man gleich ein paar Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie mein künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen ist, und daß man ihn hierher schickt auf das Gymnasium, das sind lauter lustige und auch ein bißchen ernsthafte Geschichten.«
»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den Jungen,« rief das Füchslein, »wäre er doch erst da!«
»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter schon.« Vater Wunderlich hatte nun wirklich die Kirchentüre aufgeschlossen. Er befreite sich von Mariannes Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach und lauschten still auf einer Bank den schönen Klängen der Orgel; heute waren sie, besonders das Füchslein, zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das Mädel seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal in den Magen.«
Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot zu verzehren. Hunger hatten sie immer, und ob der von der Neugierde oder von der Ungeduld kam, war ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger.
Während alle drei schmausten, redete das Füchslein wieder von dem Oberheudorfer Jungen. In dem Hause der Sonntags – es war ein altes, wohlhabendes Kaufmannshaus – diente ein Mädchen, das aus Berenbach bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese – sie hieß Katharina Luise und wurde von den Kindern einfach Katerliese genannt – hatte viel von dem freundlichen Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern der Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres auf der Welt als Berenbach und Oberheudorf. Sie pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer sind was Besonderes; was wo anders eine Dummheit ist, wird bei ihnen eine lustige Geschichte.«
»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder zwischen Kauen und Schlucken, »in Oberheudorf – –«
»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld plötzlich, »du redest immer nur von Oberheudorf, und wie es meinen Kaninchen geht, danach fragst du nicht.«
Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den Freund und sagte neckend: »Tu doch nicht so, bist ja auch neugierig; aber erzähl', ist der neue Stall schon fertig?«
Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe im Sonnenschein saßen und von den Kaninchen, Ullis Schildkröten, Oberheudorf und der Schule, die am Mittwoch beginnen sollte, plauderten, saß drinnen Herr Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit halben Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen alten Manne war das Herz ein bißchen schwer. Als sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf, ihn gefragt, ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein Haus aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was er von diesem Friede hörte, gefiel ihm sehr; er dachte, der würde ein recht guter, kleiner Hausgenosse sein. Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser Friede sein, ein armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm und seiner braven Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich ja gesagt hatte, so ungern tat es nachher seine Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge wird uns eine rechte Last sein.«
Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann sagte sie gewiß: »So was wird der Friede auch anstellen!« Kamen mit Lärm und Geschrei die Gymnasiasten über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald wird in unserem Haus auch solcher Lärm sein!«
Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr heftig und leicht erzürnt, auch wollte sie immer recht behalten. Weil sie nun von Anfang an gesagt hatte, ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich geht es gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner Orgel. »Ich wollte beinahe, der Junge bliebe in Oberheudorf.«
Traumfriedes Abschied.
Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der Kirchentreppe von Feldburg von dem Oberheudorfer Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich kommen sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von Haus zu Haus, um Abschied zu nehmen. Traumfriede nannte man den schlanken, blonden Jungen im kleinen Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen Genossen, dem dicken Friede und dem blauen Friede. An diesem Tage war der Traumfriede aber gar kein Träumer, er war vielmehr ganz wach und munter und sah jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch an, als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in sein Herz einprägen. Zum Träumen ließen ihm aber auch seine Freunde und Freundinnen keine Zeit; ein ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich da und dort ein Fenster auf, und jemand sagte brummend: »Nä, die Kinder sind heute aber auch zu toll, sie tun ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm machen sie.«
Traumfriedes Abschied.
Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein bißchen um die ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie meinten heute ein Recht zu haben, sehr laut zu sein. Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich in die Stadt ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu werden. Schon das Wort klang so feierlich. Die meisten Kinder konnten es gar nicht richtig aussprechen, und Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte: »Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten sich diesen Namen alle Buben und Mädel ausgezeichnet. Also ein »Kimm na'm Ast« sollte Traumfriede werden und später ein Student, – und da sollen seine Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten Tag? Na, das wäre doch wirklich etwas viel verlangt gewesen! Es gab auch vor jedem Haus einen kleinen Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob Traumfriede drinnen im Bauernhaus wohl etwas geschenkt bekommen würde. Denn fürs Schenken – sie mußten aber die Beschenkten sein – waren die Oberheudorfer Kinder alle sehr eingenommen.
Sie standen alle zusammen, die ungefähr in Friedes Alter waren. Schulzens Jakob, seine Schwester Röse, Annchen Amsee, Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der dicke noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren Namensvetter begleiten. Und Heine Peterle war auch da, der erst recht. Mit einem so wütenden Gesicht ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu, »zu dumm, da ging ich nich rein!« Er versicherte dabei aber doch dem Traumfriede, er würde ihn besuchen, ganz gewiß.
Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an den einzigen Tag zurück, den er einmal in der Stadt verlebt hatte. Zu dumm waren doch die Leute in der Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig schaute er den Traumfriede an, der gerade wieder aus einem Hause kam. Der Friede fühlte sich aber just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er freundliche Worte zu hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe, und jeder sagte: »Aber gelt, wenn du heimkommst, siehst du bei mir ein, na, und vielleicht besuchen wir dich mal in der Stadt.«
Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch alle seine Freunde und Freundinnen einmütig, Schulzens Jakob sagte sogar: »Kann sein, ich komme schon nächste Woche.«
»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine Schwester Röse dazwischen, »der hat aber gesagt, mit der dummen Stadtfahrerei wär's nichts.«
»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur mal'n Einser bring',« schrie Anton Friedlich so stolz, als trüge er die Einser schockweis in der Hosentasche herum.
»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die Stadt fahren,« kicherte Annchen Amsee, und die andern schrieen und lachten: »Du kommst aber fix hin!«
Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter Faulpelz, und seine Einser hatten meist recht hübsche Querbalken und wurden Vierer genannt. Der Bube schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, und vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.«
So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und Lachen hatte Traumfriede seine Abschiedsbesuche gemacht, und die Zeit, da die Bäuerinnen die Abendsuppe auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz und eilig ging es dabei zu, denn Friede war das Herz schwer, und er konnte nicht viel sagen. Die andern aber hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und Tag aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl zu sagen. Kaspar auf dem Berge, der Wirt zur himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen samt seinem recht bescheidenen Köfferlein.
Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme Lenelies, seiner Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun dort Waldbauers Mariandel stehen. Das Mädel war vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch ein Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen und erzählte, die Muhme habe Besuch, und mit dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da liefen die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem windschiefen Häuslein der Muhme anstieg, und oben setzten sie sich unter einen Haselbusch, der erst winzige, feine Blättchen hatte, und sprachen von Friedes künftigem Leben.
»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien heim,« sagte Mariandel, froh, daß Pfingsten so bald schon auf Ostern folgen sollte.
Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies hat gesagt, so bald heimkommen gibt kein Geschick; vor den Sommerferien wird's nichts.«
»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter meint, du würdest wohl oft auf Sonntag kommen.«
»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt auch, es wäre besser, ich lebte mich erst ordentlich in der Stadt ein, nur – – nur – – wenn ich's mal gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte ich kommen, aber das tue ich nicht – – weil's doch feig wär.«
Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen still beisammen. Da tat sich auf einmal unten die Türe auf, und Muhme Lenelies trat heraus mit ihrem Gast: der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit der alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu sprechen, und als er jetzt aus dem Hause ging, sagte er – und der Wind trug die Worte zu den Kindern auf dem Nußhügel empor –: »Nun vermahne Sie den Buben nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit er unserm Dorf keine Schande macht in der Stadt und kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar dumme Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied ist allemal gut, himmelangst muß es so'nem Bengel werden!«
Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem weichherzigen Mariandel kamen gleich die Tränen; es flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast nichts getan!«
»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies sprach unten, und in diesem Augenblick kam es dem Buben gar nicht in den Sinn, daß er eigentlich lauschte; es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz geworden. Würde die Muhme auch denken, daß es nötig sei, ihn hart zu vermahnen?
»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht, so ein Kinderherz ist wie ein Garten im Frühling, man sät und pflanzt hinein und muß dann halt geduldig warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt immer achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft nicht immer viel, und wenn man den Garten überschwemmt, geht der Samen erst recht nicht auf. Alles mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich habe an meinem Friede getan, was ich konnte, aber ihm heute den letzten Abend noch mit ellenlangen Ermahnungen verderben, das will ich lieber lassen; vergißt er mich und meine Worte, dann vergißt er auch die lange Predigt.«
»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben unterm Nußstrauch und raste den Abhang hinab, »ich vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie, und ich werde dir gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er bisher tapfer unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte bitterlich und vergaß ganz, daß Buben immer meinen, ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine Schande.
Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg, den sie sacht streichelte, sah die Muhme mit ihren klugen, freundlichen Augen still den Schulzen an. Der nickte, schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der Himmel, nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild, Muhme. Hm, ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand, Friede, und heule nicht, und das sage ich dir, wenn du mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann schlag' ich dir alle Knochen entzwei.«
Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und Friede hatte nun doch seine Abschiedspredigt erhalten. Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht den stillen Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr Pflegesohn sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen sollten, und von denen, die vergangen waren. Waldbauers Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf ihr Flehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte, wie Friede einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf gefallen war. »Da biste mir gleich ins Herz gefallen, mein Junge,« schloß die alte Frau ihre Erzählung. »So, und nun bring das Mariandel heim, und dann gehst du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf dem Berge schon los, da heißt es früh aufstehen.«
Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als er zu Bett ging. Dann schlief er aber doch wie ein Murmeltier und mußte sich erst besinnen, was eigentlich für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er war sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen Morgendämmern – denn die Sonne war noch gar nicht aufgegangen – mit Muhme Lenelies vor der himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der Knecht die Pferde an, und eben trat auch der Wirt aus dem Haus und rief freundlich: »Na, da ist ja unser Städter! Nun man aufgesessen, eins, zwei, drei, und keinen langen Abschied.«
Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte noch einmal ihren Pflegesohn und sagte schlicht: »Zieh mit Gott,« und dann rollte der Wagen die Dorfstraße entlang. Die Muhme aber drehte sich um und kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner zu sehen, wie bitterschwer ihr doch der Abschied wurde.
Friede war es zumute, als träume er, als er so in der Frühmorgenstille durch das Dorf fuhr. Mal bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein Hahn, und aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade ihr erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der Nachtwächter, kam just verschlafen, noch ein paar Strohhalme am Rock, aus einer Scheune heraus; er war von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung, ein armer, geplagter Nachtwächter brauche vor allem einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans Rumpf aber sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er ihm freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste, und halt dich brav in der Stadt, sonst kommt's gleich in der ganzen Welt rum, daß die Oberheudorfer nichts taugen.«
»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem Berge. »Aber sag mal, Nachtwächter, wo sind denn die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch nicht eine Bubennase zu sehen ist, nä, so was!«
Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah rechts und links, sah in die Luft, auf die Erde, legte den Finger an die Nase und sagte endlich bedächtig: »Die haben's alle verschlafen!«
Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, die is mächtig klug. Hüh hott, wir woll'n bißchen rascher fahren!«
Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter sah dem Wagen stolz nach. Ja freilich, er war mächtig klug; es ist schon was, herauszukriegen, daß es die Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie nicht zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind!
Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen das große Ereignis aber doch nicht, sondern sie waren alle putzmunter. Ganz leise und heimlich hatten sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie hatten sich miteinander eine Überraschung ausgedacht. Überraschungen fanden die Oberheudorfer Buben und Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft die Erwachsenen der Meinung waren, diese oder jene Überraschung wäre gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte Schulzes Jakob und der dicke Friede es gesagt, man müsse Traumfriede noch einen ganz besonders schönen Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden gewesen und waren sehr heimlich dabei zu Werke gegangen. Selbst Schuster Pechdraht, der doch sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras wachsen hörte, hatte nichts gemerkt.
Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als er niemand sah, von dem er noch einmal Abschied nehmen mußte. Ihm kam es doch recht schwer an, daß er nun die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der Schule und immer gedacht, es würde wunderschön sein, wenn er erst in der Stadt auf das Gymnasium gehen könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer dem Doktor, den er einst zu Muhme Lenelies geholt hatte, niemand kannte, niemand unter den vielen, vielen Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. Wer in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« dem Oberheudorfer Buben erschien diese kleine Stadt aber doch groß, fremd und ein wenig unheimlich.
Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, und Friede drehte sich gerade noch einmal um und schaute hinüber nach dem Häuschen der Pflegemutter, als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter dunkle Gestalten aufsprangen. Von rechts und links tauchten sie auf, und plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. Kaspar auf dem Berge, der noch etwas verschlafen war, schrak auf seinem Bock zusammen und wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr noch als er erschraken seine beiden braunen Pferde; denen kam die ganze Sache höchst unheimlich vor, und da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und nützlich erschien, rissen sie eben aus.
Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar auf dem Wege schrie laut: »Halt, halt, halt!« und Friede umklammerte angstvoll seine kleine Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.
Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte der Wagen nach rechts, einmal nach links; ein Stein kam, hopp flog der Wagen hoch, nun kam ein Loch im Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber. Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn der Weg statt bergab zur Abwechslung nicht einmal bergauf gelaufen wäre. Da wurde den Pferden das Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen und ruhten sich etwas aus.
»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt Kaspar auf dem Berge wütend. Er kletterte vom Bock und brachte das verwirrte Geschirr in Ordnung; dabei sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! Nä, sag mir mal, was haben die vor Tau und Tag im Straßengraben zu sitzen und so'n Geschrei zu machen?«
»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch ganz verdattert war, »aber ich glaub' – – ich glaub', das sollte zum Abschied für mich sein.«
»Wa–as?« Der Wirt sah den Buben groß an, dann brach er in ein dröhnendes Lachen aus. »Is gut, is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf die Dummheiten ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun man mit dem Abschied gegangen, und ich gäb' was drum, wenn ich die dummen Gesichter sehen könnte, mit denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach der Stadt fahren.«
Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen wirklich mit reichlich dummen Gesichtern im Straßengraben. Sie hatten sich die Geschichte aber doch so wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten sie Traumfriede ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, der würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie alle aus dem Graben sprängen. Sie hatten sich dazu in zwei Hälften geteilt, in die rechten und in die linken Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider vergessen, sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. So fingen die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz –« an und die von links mit: »Das Wandern ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut zusammen, und weil ein paar Buben, die nicht singen konnten, noch hurra dazwischen brüllten, klang der Gesang schon etwas wüst, und es war Kaspars Braunen nicht übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt zuzuhören.
»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle wütend. Annchen Amsee und Waldbauers Mariandel heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt runter, und denn ist er tot, huhuhu!«
»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel mit. Die Buben schalten, das wäre Unsinn, aber ganz wohl war ihnen auch nicht zumute, und zuletzt zogen alle zusammen heulend und schreiend in das morgenstille Dorf hinein.
Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an diesem Morgen noch schliefen, wurden unsanft geweckt, und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge ist mit seinem Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. Die Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht so schlimm sein, und der Wirt käme schon mit seinen Pferden zurecht, aber sie riefen doch, man müsse ihm jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile seinem Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was stellt ihr aber auch immer an!«
Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich dem Wirt nach. Ein Viertelstündchen hinter dem Dorf aber trafen sie den Waldwärter Leberecht Sperling, der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei ganz vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die beiden Helfer um, und man freute sich im Dorf, daß kein Unglück geschehen war. Weil die Kinder inzwischen aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur« gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des Gastwirts nach und rissen auch aus. Hui! waren sie weg, dorthin und dahin gelaufen, bis die Schulglocke ertönte – denn in Oberheudorf waren die Osterferien kürzer als in der Stadt –, und Hans Rumpf, der Nachtwächter, wieder mal sagen konnte: »Na, endlich sind sie wieder untergebracht; so'ne Schule ist doch was Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!«
Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei nichts vernommen. Sie saß still in ihrem etwas abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, sorgenden Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er da, jetzt fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg entlang, und als ihre Uhr die Stunde anzeigte, da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen mußte, sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: »Gottes Segen mit dir, mein Herzensjunge!«
Die Grünmützen von Feldburg.
»So, da wär'n wir ja,« sagte Kaspar auf dem Berge, als die ersten Stadthäuser vor seinen Blicken auftauchten. »Sitz gerade Bub und halt die Nase hoch! In der Stadt muß man reputierlich auftreten, sie heißen's hier Manieren.«
Er selbst reckte und streckte sich nach dieser Ermahnung, schnalzte mit der Peitsche und fuhr sehr stolz mit seinem mit Säcken, Butter und Eierkästen beladenen Wäglein in der Stadt ein. Er wollte es den Leuten da schon zeigen, was der Gastwirt aus Oberheudorf für ein gewichtiger Mann sei.
Friede schaute sich mit großen Augen um. Da war er nun in der Stadt, die er nur einmal im Winterschnee gesehen hatte, und in der er jetzt viele, viele Jahre wohnen sollte. Das Herz klopfte ihm stark, und er sah jedes Haus, an dem der Wagen vorbeirollte, so genau an, als müßte er gleich in alle Stuben hineinsehen und die Menschen betrachten, die darin wohnten. In der Vorstadt gab es freundliche, helle Häuser, die in großen oder kleinen Gärten lagen; je weiter in die Stadt hinein aber Friede kam, desto enger wurden die Straßen. Da gab es schmale Gäßlein mit uralten, spitzgiebeligen Häusern; ein dicker, grauer Turm erhob sich am Ende der Vorstadt, an ihm lehnte noch ein Stück zerbröckelte Stadtmauer, und darüber hatte der Efeu ein immergrünes Tuch gespannt.
»Ich fahre dich vors Organistenhaus,« erklärte Kaspar auf dem Berge, »es hat ein besseres Ansehen, wenn einer angefahren kommt.« Er klopfte dem Buben freundlich auf die Schulter: »Gelt ja, wir zwei beide wollen es den Städtern schon zeigen, was zwei rechte Oberheudorfer sind!«
Freundlich nickte er nach rechts und links und brummte dann: »Das ist nu so'ne dumme städtische Mode, daß sie nicht recht guten Tag sagen können.«
Das Wäglein rasselte und rumpelte durch die Straßen; nun ging es ein wenig bergauf, der Johannesplan war erreicht, und die alte Stadtkirche mit ihren schönen Portalen und den spitzen, schlanken Türmen erhob sich vor den beiden.
Über den Kirchplatz liefen just um diese Stunde eine Anzahl Buben, ein paar davon in Friedes Alter, die andern etwas größer. Sie trugen alle grasgrüne Mützen und sahen an diesem Morgen alle miteinander aus, als wären sie ganz aufgelegt zu lustigen Streichen. Es waren Gymnasiasten, die an dem letzten Ferientag sich mit ein paar Lehrern und Mitschülern auf dem Schulhof treffen wollten, um einen Ausflug zu machen.
Die Buben kamen sehr eilfertig heran; sie rannten beinahe Kaspar auf dem Berge mit seinem Wagen um.
»He, nicht so hitzig!« schrie Kaspar auf dem Berge. »Sagt mir lieber, Buben, wo wohnt der Herr Organist Wunderlich? Ich bringe den Friede aus Oberheudorf.«
Die Buben blieben lachend stehen, und ein schlanker, langer Junge sagte spöttisch und keck: »Nein, wie nett, daß Sie aus Oberheudorf sind.«
»Gelt ja, das ist schon was,« nickte der dicke Wirt. »Aber du meine Güte, warum habt ihr denn alle so grasgrüne Mützen auf? Die reinen Laubfrösche!«
»Holla!« schrieen ein paar Buben empört, »wir sind keine Laubfrösche, wir sind Gymnasiasten.«
»Ih nä,« rief der Wirt vergnügt und gab Friede einen kleinen Rippenstoß, »sieh doch, Friede, das sind nun alles deine Kameraden. Gib'n die Hand, sieh nicht so dämlich drein, Bub!«
»Was, der Bauernbengel will ein Gymnasiast sein?« rief der lange Junge wieder.
»Na freilich,« Kaspar grinste vergnügt, »der Friede Heller ist's doch aus Oberheudorf, der Muhme Lenelies ihr Friede. Gelt, ihr habt euch schon recht auf'n gefreut?«
Die Jungen brachen in ein lautes Gelächter aus. Der dicke Wirt und der blonde Junge, der vor Verlegenheit so rot wie ein Bündel Radieschen geworden war, kam ihnen höchst spaßhaft vor. Sie schauten einander an, keiner sagte etwas zum andern, aber jeder dachte wie der andere: »Wir machen einen Ulk.« Sie brüllten auf einmal so laut, daß es über den ganzen Kirchplatz dröhnte: »Der Friede Heller aus Oberheudorf ist da, der Friede Heller ist da, hurra, hurra, hurra!«
»Friede Pfennig,« schrie ein kleiner, kecker Bursche, »'n Pfennig ist mehr als 'n Heller,« und die andern echoten: »Friede Pfennig, Friede Pfennig!«
»Aufgepaßt, da kommt der Herr Direktor!« sagte plötzlich der erste Sprecher und deutete auf einen langen, dünnen Mann, der vom Gymnasium herkam. Im Nu rissen alle Buben die Mützen vom Kopf und schrieen: »Guten Morgen, Herr Direktor!«
Flugs riß Kaspar seine Kappe auch ab, Friede bekam einen Puff, weil er die seine nicht schnell genug abnahm, und während der Bube nur schüchtern sein guten Morgen sagte, brüllte der Oberheudorfer Wirt laut: »Allerschönsten guten Morgen, Herr Drektor, un hier is nu der Friede Heller aus Oberheudorf, und ich bin der Wirt Kaspar auf dem Berge von der himmelblauen Ente.«
»Das ist – – un – – unverschämt,« schrie der mit »Herr Drektor« Angeredete. »Was fällt Ihnen ein, Sie – – Sie – – Kaspar, Sie!«
Die Buben kreischten vor Lachen: »Friede Pfennig, steig aus, Friede Pfennig, steig aus, sag dem Herrn Direktor guten Tag!«
Friede hatte rasch gemerkt, daß die Buben ihren Spott mit ihm und seinem Beschützer trieben, er zupfte diesen ängstlich am Ärmel und bat: »Wir wollen weiterfahren!«
»Nä,« rief der, »fällt mir nicht ein, un wenn das zehnmal ein Drektor ist, anschrein lasse ich mich nicht. Sie, Herr Drektor,« brüllte er, »ich bin der Wirt zur himmelblauen Ente aus Oberheudorf.«
»Das ist un – – unverschämt,« rief der andere wieder, »denken Sie denn, Sie können mich foppen mit Ihrer himmelblauen Ente? Was fällt Ihnen denn ein, Sie grober Bauer, Sie!«
»Nä, nu schlägt's dreizehn!« Kaspar auf dem Berge war jetzt wirklich wütend, er fuchtelte mit seiner Peitsche in der Luft herum und donnerte: »So, Schulmeister woll'n Sie sein und benehmen sich gegen einen rechten Mann so? Nä, hier bleibt mir der Friede nicht; Muhme Lenelies heult sich ja die Augen aus, wenn sie das erfährt, Herr Drektor!«
»Sie sind ein ganz unverschämter, grober Bauer,« kreischte der andere wieder – er konnte vor Zorn kaum noch reden – »der Kuckuck ist Ihr Direktor!«
»Herr Direktor, Herr Direktor,« jauchzten die Jungen, »Friede Pfennig, steig aus, gib ihm die Hand, sonst schilt Muhme Lenelies!«
Der Lärm, das Schreien, Lachen und Schimpfen wäre wohl noch eine Weile fortgegangen, wenn nicht der Organist Wunderlich aus seinem Haus gekommen wäre. Da stoben plötzlich die grünbemützten Gymnasiasten davon, und der sogenannte Direktor eilte beinahe ängstlich auf den alten Herrn zu und rief kläglich: »Jetzt verhöhnt mich sogar der grobe Bauer dort!«
»Ich bin kein grober Bauer, potzwetter noch mal, Sie – Bohnenstange; ich bin Kaspar auf dem Berge, Wirt zur himmelblauen Ente.«
Von der Schulmauer her, hinter welche die Gymnasiasten geflüchtet waren, kam ein wahrer Lachsturm. »Kaspar auf dem Berge bringt Friede Pfennig, haha, huhu! Herr Direktor, hahaha!«
»Na wartet nur!« Mit ein paar langen Sätzen verschwand der Direktor hinter der Schulmauer, und von dort her tönte erneuter Lärm, bis plötzlich eine tiefe Stille eintrat.
Der Oberheudorfer Wirt schaute höchst verdutzt drein, Friede aber saß ganz zusammengekauert auf dem Wagen, er kämpfte nur mit Mühe die Tränen nieder. »Das also ist mein künftiger Hausgenosse?« sagte der alte Herr jetzt freundlich zu ihm, dann wandte er sich zu dem Wirt und klärte diesen über seinen Irrtum auf. Der sogenannte Direktor war der Schuldiener Mayer, den die übermütigen Jungen meist spottend »Herr Direktor« nannten. Sie taten es leider, weil sie wußten, daß der Schuldiener sich bitter darüber ärgerte. Der hatte nun wohl gedacht, Kaspar auf dem Berge wolle ihn auch necken, und war darum so bitterböse geworden.
»Kurioses Volk, die Stadtleute!« murmelte Kaspar auf dem Berge. Er fuhr sich nachdenklich durch die Haare, und als er nun Friede so niedergeschlagen seine Sachen vom Wagen heben sah, sagte er gutmütig: »Mach dir nichts draus, Bube, daß sie dich Friede Pfennig genannt haben, du beißt dich schon durch, und beim Kohlbauern hast es ärger gehabt.«
Für Friede, den der Spott tief gedemütigt hatte, war dies der rechte Trost. Beim Kohlbauern, zu dem man ihn als armes, verlassenes Waisenbüblein gebracht, hatte er Schläge genug bekommen und Hunger gelitten, nein wirklich, so schlimm würde es hier sicher nicht sein, und ganz getröstet sah er zu dem kleinen, blitzsauberen Organistenhaus hinauf. In ihm sollte er künftig seine Heimat haben.
Er trug seine Sachen hinein, und drinnen kam ihm Fräulein Wunderlich, des Organisten Schwester, entgegen, eine rundliche, lebhafte kleine Dame. Sie empfing den neuen Hausgenossen aber nicht sonderlich freundlich.
»Ah, da bist du ja!« rief sie. »Na meinetwegen, mir ist es recht, daß du bleibst, nur das sage ich dir, mit schmutzigen Schuhen darfst du mir nicht in die Zimmer gehen; Maikäfer, Frösche, Mäuse und solche Tiere darfst du nicht fangen und sie in meine gute Stube setzen oder in mein Bett legen. Und Feuer darfst du auch nicht anzünden, daß einem in der Nacht das Haus über dem Kopf zusammenbrennt. So was kann ich nicht leiden!«
Friede wollte gerade bescheidentlich sagen, daß er alles dies gewiß nicht tun wolle, als die Dame eindringlich fortfuhr: »Mit den Leuten nebenan im großen Hause darfst du auch nicht sprechen, hörst du, sonst werde ich böse. So, und nun geh die Treppe hinauf! Rechts die erste Türe ist offen, das ist dein Zimmer, du kannst gleich deine Sachen auspacken.«
Husch war die Dame schon über den Flur gelaufen, um draußen mit Kaspar auf dem Berge zu sprechen. Von ihm wollte sie durchaus Hühner kaufen, obgleich der Wirt versicherte, er hätte keine. »Na, das begreife ich nicht,« rief Fräulein Wunderlich, »wie man vom Dorfe sein und keine Hühner haben kann!«
Kaspar ärgerte sich, er schwieg aber und dachte mitleidig: »Die Städter sind nun mal nicht recht gescheit, aber leid tut's mir um den Friede, er hätte lieber bei uns bleiben sollen.«
Friede war unterdessen die Treppe hinaufgestiegen, hatte eine Türe offen gefunden und sich etwas erstaunt in dem Zimmer umgesehen. Komisch war das, denn es stand mehr als alles darin, übereinander, untereinander, Möbel, Kisten und Kasten, Einmachbüchsen, eine Waschwanne, alte Blumentöpfe, Bilder mit zerschlagenen Rahmen, und Platz war wahrlich nicht viel, nicht einmal für so einen schmalen Jungen, wie Friede einer war. Der Bube war an einfaches Hausen gewöhnt, immerhin hatte er sich sein Stadtkämmerlein doch anders vorgestellt, wenigstens so sauber und ordentlich, wie es im Häusel der Muhme Lenelies aussah.
Kaspar auf dem Berge wollte auch sehen, wie der Junge untergebracht war. Er habe das der Muhme versprochen, erklärte er. So stapfte er hinter Friede die Treppe hinauf, während Herr Wunderlich selbst unten auf die Pferde achtgab.
»Potzhundert!« rief der dicke Gastwirt oben erstaunt, »meiner Seel', ich hätt' nicht gedacht, daß man in der Stadt so kurios die Kammern einrichtet. Hm, hm, nä, wirklich, Friede, meine Frau würde das 'ne Rumpelkammer nennen.«
»Muhme Lenelies auch,« sagte Friede kleinlaut, »aber da steht 'n Bett und – – –«
»Junge, sag mir mal, was machst du denn in meiner Schrankstube?« rief plötzlich Fräulein Wunderlich von unten herauf, und dann erkletterte die rundliche Dame eilig die Treppe. »Aber Junge, Junge, doch auf der andern Seite!«
»Rechts sollte ich – –,« stotterte Friede.
»Rechts, ach so, ja, ja!« Die Dame brach in ein höchst vergnügtes Lachen aus: »Junge, merk dir das, rechts und links kann ich einmal nicht unterscheiden, und wenn ich rechts sage, meine ich fast immer links, und wenn ich links sage, dann meine ich rechts, das ist mal so!«
»Ih, nä!« Der Wirt grinste: »So was, das habe ich meiner Lebtage nicht gehört, daß 'n Frauenzimmer so verdreht ist und links sagt und – – –«
»Erlauben Sie mal,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet, »ich bin kein Frauenzimmer! Auf dem Dorfe gibt es Frauenzimmer, in der Stadt gibt es Damen.« Dabei sah sie den dicken Kaspar so von oben herab an, daß dem himmelangst wurde. Er scharrte verlegen mit seinen Füßen auf dem blitzsauberen Fußboden, was Fräulein Wunderlichs erneuten Ärger erregte. Sie sagte aber nichts und öffnete nun links eine Türe zu einem so freundlich eingerichteten Stübchen, daß Friede einen hellen Freudenruf ausstieß. »Hier soll ich wohnen, hier?«
»Freilich!« Das Fräulein lächelte nun freundlicher; sie strich sogar dem Buben die Wangen und sagte: »Mag's dir gut gehen bei uns in unserem Hause!«
Kaspar auf dem Berge nickte wohlgefällig, so war's recht; das Stübchen gefiel ihm wohl, und zuletzt schied er mit dem Bewußtsein, dem Friede ginge es so gut, wie es einem in der Stadt gehen kann. So schön wie in Oberheudorf konnte es eben nirgends sein.
Am Abend erzählte er daheim viel von seiner und Friedes Ankunft, von den Laubfröschen, dem falschen »Drektor« und dem verkehrten Frauenzimmer, und Muhme Lenelies, die in die himmelblaue Ente gekommen war, dachte voll heimlicher, sorgender Angst: »Wie wird es nur meinem Friede ergehen in der fremden, fremden Stadt!«
Die Oberheudorfer Buben und Mädels redeten am nächsten Morgen mehr vom Traumfriede und der Stadt als von ihrer Schule und ihren Arbeiten. Die Buben besonders beneideten den Kameraden glühend. Es mußte doch wundervoll sein, eine froschgrüne Mütze zu tragen! Allein um dieser Mütze willen wären die meisten gleich bereit gewesen, auch auf das Gymnasium zu gehen. »Und so'ne feine Kammer hat er,« wisperten die Mädels, »der Wirt hat gesagt, seine Fremdenstube wäre nicht schöner. Ach ja, der Friede hat's gut!«
»Vielleicht geh ich auch noch in die Stadt zur Schule,« sagte Heine Peterle daheim sehr wichtig zu Muhme Rese, »die grüne Mütze ist fein!«
»Ja,« meinte Muhme Rese, »'ne Mütze tragen und lernen ist halt 'n Unterschied; wieviel Fehler haste heute gehabt?«
Flugs war der Bube hinaus. Nach seinen Schularbeiten ließ er sich nicht gern fragen, denn darin sind die Erwachsenen komisch; sie schreien über ein paar Dutzend Fehler immer gleich, als wäre das eine ganz schlimme Sache! – – –
Ein böser Tag.
»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles etwas fremd vorkommt,« hatte der Organist Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er am Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins Gymnasium zur Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer! Wer ein rechter Mann werden will, darf nicht gleich verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.«
Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und dachte: »Ich will schon tapfer sein.« Doch bei der Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht nötig, er wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer sagten, das, was er noch nicht wisse, würde er schnell nachholen. Er kam, wie es der Oberheudorfer Lehrer gesagt hatte, in die Quarta hinein, und sein Pflegevater ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm eine froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu, und als Friede sie aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte ich doch jetzt einmal mich damit im Dorfe zeigen!«
Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei. Traumfriede schlief, trotzdem es ihm am Abend seltsam bang ums Herz wurde, doch wie ein Murmeltier im fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium hinüber, die grüne Mütze keck auf dem blonden Kopf. Er hatte es sehr eilig gehabt, und so betrat er als einer der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus – es war ein ehemaliges Stiftsgebäude – kam Friede überaus prächtig vor, und da die große Uhr über dem Eingang ihm zeigte, daß er noch viel Zeit hatte, so blieb er stehen und betrachtete sich fast ehrfürchtig das weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen; statt Hirtenjunge und Allerweltshelfer in Oberheudorf war er nun ein Gymnasiast, ein Lateinschüler, und später würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein Doktor, ein – –
»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf! Na, Friede Pfennig, wie geht es denn Muhme Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine stolzen Zukunftsgedanken hinein.
Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich erst besinnen, daß der Ruf ihm galt. Ein paar Jungen standen neben ihm, der längste von ihnen war der Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so spöttisch und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut ins Gesicht stieg, was den andern zu lautem Lachen reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr Oberheudorfer! Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner Mütze?« Und ehe es sich Friede versah, sauste ihm die Mütze vom Kopfe und geriet schnell unter ein paar Bubenbeine.
»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, und weil er, der in Armut groß geworden war, das Neue stets schonte, hob er die Mütze eilig auf und sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie abscheulich von dir!«
»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der lange Junge. »Geh doch, klag's der Muhme Lenelies, Friede Pfennig!«
Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar Lehrer über den Schulhof gekommen wären, hätte es sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede ein Weilchen später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das Gefühl, unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte und lachte um ihn herum: »Friede Pfennig aus Oberheudorf ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.«
Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«
»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!«
Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen. Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch.
Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du! Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.« Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.
Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: »Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«
Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies, dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos; er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf: »Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«
Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten, wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das Messer in den Mund!«
Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel, Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden.
»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört, und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher komm zu mir.«
Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.«
Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme Lenelies!«
In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor, das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt. Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte. Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es doch wie damals!«
Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet, auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,« rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen Frühlingstag, he?«
Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit den hellen Augen gesehen haben.
»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden Buben, he?«
»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs Gymnasium gehen.«
»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und Mädels.«
Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder: »Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«
»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle hatten schön blank putzen wollen.
»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. »Da ist die Treppe, nun komm!«
Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei, drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.«
Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und – da stockte er und wurde blutrot.
»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der Professor.
»Ich – – – ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,« stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel.
»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut mit mir?«
Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs Verbot.
Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe, und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal, Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?«
»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen – – so – –,« und krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!«
»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte: »Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in deine Stunde, Kind!«
Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus dem Nachbargarten heraufschallen, und nun – was war das? – – – ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche, den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage, dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«
Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch der Herr das hörte!«
Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab.
Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in der Kehle. »Da! – Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach Oberheudorf zurück.«
Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen. »'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, »rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch, in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar nicht ansehen.
Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.«
»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben. Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier? Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«
»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse dich nicht, ich bleibe dein Freund.«
Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem Herzen?«
»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus, »er soll zwar gräßlich sein, aber – – aber – –«
»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher mit dir als mit uns.«
Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen, das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm geschwind seinen Hut.
»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder, nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich leide es nicht!«
Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie, stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren.
»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«
Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund wieder.«
Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte. Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch die gleiche Freundschaft hegten.
»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter, »der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«
Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.«
»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist uns dreien zur Versöhnung gekommen.«
Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen. »Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,« versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«
Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben, früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu schwer fertig!«
»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«
So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war.
Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer, als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so viele Gründe, einen Brief zu schreiben!
Heine Peterles Brief.
Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in der die meisten Oberheudorfer Kinder die Schule am liebsten hatten, – sie war nämlich aus. Die Schulglocke hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das Buch zugeklappt, und nun ging es laut und lustig auf der Dorfstraße zu. Und es war drollig: jene, die in der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der Lehrer fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte an diesem Tage auch Heine Peterle. In der Schule hatte er nichts gewußt, so wenig, daß es beinah zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen schwatzte er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und die Kinder nun alle aus dem Schulhaus herausgekommen waren, schritt der Postbote durch das Dorf. Allzuviel hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft saß meist in den Dörfern in der Nähe, und wenn ein Familienmitglied dem andern etwas sagen wollte, lief es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine Briefe, und so purzelten sämtliche Buben und Mädel vor Erstaunen beinahe um, als der Postbote auf die Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist für Heine Peterle Putzenkeller!«
Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er ein Fliegenschnapper werden, doch seine Gefährten brüllten gleich laut los: »Heine Peterle kriegt 'n Brief – 'n Briiiieef!«
»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief kriegen?« Der Postbote schmunzelte und hielt dem Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!« Aber der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, er stöhnte ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, war zu überwältigend.
»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die andern auf. Anton Friedlich versetzte ihm einen Puff von links, Schulzens Jakob einen von rechts, und nun entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu nehmen. Er wurde feuerrot dabei und hielt das kleine weiße Ding zitternd in der Hand.
»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite steht's,« sagte der Postbote, »nu mach ihn nur auf!«
»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben und Mädel vergnügt, »dann ist der Brief für uns alle.«
»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte das Schreiben fest an seine Brust, denn Anton Friedlich griff schon danach. »Mach ihn doch auf!« mahnte der.
»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin steht,« ermunterten auch die andern, und Annchen Amsee drängte sich dicht an Heine Peterle heran. »Uh je, geht das langsam!«
»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig, »erst lese ich'n alleine. Nä, laß doch!«
Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu greifen, und kaum hatte ihn Heine Peterle vor dem Griff geschützt, als der dicke Friede danach langte. »An mich ist er erst recht, ich heiße Friede!«
»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte Heine Peterle das weiße Ding, er puffte mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, was drinne steht.«
»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du bist! Der Brief ist doch für uns alle!«
»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß ich'n lesen.«
»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«
»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle wurde immer zorniger, immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst muß ich ein Messer haben!«
»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel, Vater nimmt immer Muttern ihre.«
Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«
»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!«
»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da guck mal meins!«
»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem angepriesenen Messer in die Hand geritzt.
»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los – sonst – sonst – eß ich den Brief auf!«
Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä, mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.
»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder, die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir lassen ihn nicht aufessen.«
»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die Geduld riß, »und ich – ich – esse ihn doch auf.«
»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig sein.«
»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!«
»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu fliehen trachtete.
»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf, aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen, schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten und kreischten, – es war ein fürchterlicher Lärm.
»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen. Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er.
»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick später wäre er unter ihre Hufe gekommen.
»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht erschrocken, »am hellichten Tage kann man hier nicht ruhig fahren, weil einem die Buben in den Weg laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft, und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder jammerten, denn die Peitschenhiebe waren nicht sanft, aber alles Klagen und Jammern übertönte plötzlich laut Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg, huhuhuhu, ich habe meinen Brief verloren.«
Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, Hans Rumpf schalt, die Kinder sollten nach Hause gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße stehen und fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn denn?«
»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«
»Er hat ihn doch aufgegessen!«
»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«
»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen hatte und alles sah, was andere nicht sahen, hob ein schwarzes, triefendes Ding von der Straße auf: in einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war darüber hingegangen.
Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief an, von dem eine schwärzliche Tunke herniederrann, und jetzt streckten sich die Hände nicht nach ihm aus. Schulzens Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch nicht mehr lesen!«
»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei Stimmen.
»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob sich wichtig vor und griff mit spitzen Fingern nach dem schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch in den Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein getrocknet, dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, wir woll'n den Brief auch trocknen!«