Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].

Die Schelme von Steinach

Erzählung für die Jugend

von

Josephine Siebe

Mit Buchschmuck von Ernst Kutzer

Fünfte Auflage

Verlag von Levy & Müller in Stuttgart

Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart

Erstes Kapitel
Steinach am Wald

Zwei Reisegefährten erzählen sich etwas von den Schelmen von Steinach, und Heinrich Fries plant mit seiner Mutter eine Sommerreise

In einem Bähnchen, das bedachtsam, ohne sonderliche Eile, aber mit viel Gepuff und Gestöhn durch das Land lief, saßen zwei Männer. Der eine war alt, der andere war jung. Der Alte kannte die Gegend, der Junge kannte sie nicht, und weil der Junge zu denen gehörte, die sich gern belehren lassen, fragte er dies und das. Der Alte gab ihm gern Auskunft, er gab sie wie einer, der Land und Leute liebhat.

Das Bähnchen fuhr auch an einem Dorf vorbei, über dem das Gebirge dunkel bergan stieg. Von drei Seiten liefen Straßen auf das Dorf zu; sie waren mit Obstbäumen eingesäumt, die just in Blüte standen. Wie weiße, schimmernde Bänder lagen die Straßen im Sonnenglanz, und ein weißer Blütenkranz umschmiegte auch das Dorf. Es sah hübsch aus, und der junge Mann im Zug beugte sich rasch hinaus und las, was an dem Bretterbudchen stand, das sich stolz Bahnhof nannte. »Steinach am Wald« hieß das Dorf.

Auch der alte Mann schaute hinaus und nickte dem Dörfchen zu wie einer, der einen guten Freund grüßt, zu dem er sagen will: Wir haben uns lieb.

»Da oben hat wohl einmal eine Burg gestanden?« fragte der junge Mann und deutete auf einen mäßig hohen, nach einer Seite steil abfallenden Berg, dessen Gipfel ein paar Mauerreste krönten.

»Ja, dort oben – der Berg heißt der Schafskopf – hausten einst die Schelme von Steinach, das war ihre Stammburg.«

»Die Schelme von Steinach auf dem Schafskopf!« Der junge Mann lachte und fragte: »Ein verlockender Name! Gibt es die Schelme noch?«

»Nein, das Geschlecht ist ausgestorben, aber« – ein heiteres Schmunzeln lief über des Alten Gesicht – »die Geschichten von ihnen leben noch in der Erinnerung, und die Nachbarn ringsum nennen die Steinacher gern nach den alten Herren von einst die Schelme von Steinach.«

Das Züglein hatte den kleinen Bahnhof verlassen. Pustend und stöhnend fuhr es weiter, und das Dorf mit den weißen, schimmernden Blütenstraßen entschwand allmählich den Blicken der Reisenden. Doch die Gedanken des jungen Mannes blieben noch daran hängen, er fragte: »Wie waren denn die Schelme von Steinach, daß man noch heute ihren Namen den Dörflern anhängt?«

»Nun, beim richtigen Namen genannt waren es Raubritter. Sie hausten wie Habichte auf ihrem Bergnest und nahmen gern, was ihnen gefiel, auch wenn es anderen gehörte. Aber die Schlimmsten waren sie nicht, andere adelige Herren trieben es dazumal wohl ärger. Sie waren nicht hart, sondern gutmütig und voll lustiger Einfälle. Ein Raubzug war ihnen meist ein heiterer Spaß, und sie schädigten die Beraubten nicht an Leib und Leben. Ja, es kam vor, daß sie einen Kaufmann, den sie ausgeplündert hatten, noch gastlich auf ihrer Burg bewirteten, damit er sich vom Schreck erhole, und er von ihnen ging, als wäre er zu Besuch da droben gewesen.«

»Und wieso gleichen die Steinacher von heute ihnen, daß man sie auch Schelme nennt? Rauben sie etwa auch?« fragte der junge Mann fröhlich.

»Na, rauben und plündern tun sie freilich nicht, sie sind ehrlich, einer wie der andere, aber für einen lustigen Spaß sind sie immer zu haben,« erwiderte der Alte lächelnd. »Die Steinacher sind ein sangesfrohes, heiteres Völkchen, und weil sie Sinn für Scherz und Fröhlichkeit haben, leben auch noch die Geschichten der Schelme in ihrer Erinnerung. Es geht damit wie bei manchen Dingen: das Schlimme wird vergessen, das Gute bleibt in der Erinnerung haften.«

»Jetzt ist Steinach ganz verschwunden!« Der junge Mann rief’s bedauernd, denn auch das letzte Zipfelchen der weißen Blütenstraßen verhüllte nun die Ferne. »Man muß einmal hinfahren und den Spuren der Schelme nachgehen.«

Der alte Herr sah den jungen Mann, der blaß und schmal war, prüfend an. »Ein paar Wochen in Steinach täten Ihnen wohl gut. Sichtbare Spuren der Schelme sind nicht mehr viele zu finden. An der Kirche steht außen ein Grabstein aufgerichtet, ein Herr Arnulf von Steinach liegt da begraben. Und weil den die Steinacher alltäglich sehen, erzählen sie die meisten Schelmengeschichten von diesem Herrn Arnulf. Die Burg selbst ist ein Trümmerhaufen, nur ein Turm steht noch halb. Aber natürlich,« der Alte schmunzelte wieder, »liegt oben ein Schatz begraben; die Steinacher sagen es wenigstens.«

»Ich werde den Schatz suchen gehen,« sagte der junge Mann. Er sagte es heiter und seufzte doch dabei, denn er dachte an die kleine, enge Viertreppenwohnung, in der er mit seiner Mutter hauste, und in der es reichlich knapp herging.

»Ja, ja, einen Schatz möchte wohl jeder gern finden, und doch gehen die Menschen an so vielen Schätzen der Welt achtlos vorbei. Just so wie einst Herr Arnulf von Steinach.«

»Wie war denn das?« Der junge Mann machte ein Gesicht, daß der Alte neckte: »Ei, auch auf Geschichten hungrig?«

»Geschichten höre ich wirklich gern,« bemerkte der andere, »und auf Steinach und die Schelme bin ich schon ganz neugierig geworden.«

»Also die Geschichte ist so: Herr Arnulf hatte einst gehört, daß ein Kaufmann mit kostbarem Geschmeide von Köln am Rhein käme, an des Markgrafen von Meißen Hof wollte er. Den muß ich fangen, dann hat alle Not ein Ende, dachte der Schelm von Steinach. Er war nämlich nicht sehr begütert, und seine Standesgenossen pflegten zu sagen: ›Arm wie der Schelm von Steinach!‹ Herr Arnulf legte sich also auf die Lauer mit seinen Mannen, und richtig, der Kaufmann mit seinen Leuten zog auf der Straße einher. Es ging wie immer in solchen Fällen: mit lautem Geschrei überfiel der Ritter mit seinen Knechten den Zug, der Kaufmann schrie und jammerte, seine Leute schrieen und jammerten noch lauter; es geschah aber keinem ein Leid, und der Kaufmann mit den Seinen wurde auf die Burg gebracht. Inzwischen ging ein armseliges Bäuerlein mit einem Sack auf der Landstraße dahin. Es grüßte demütig, und der Ritter, froh über den reichen Fang, warf ihm ein paar Batzen zu. »Was trägst du denn da?«

»Schweinefutter,« stammelte das Bäuerlein und dankte untertänig für die milde Gabe.

Herr Arnulf hatte keine Zeit, sich weiter um das Bäuerlein zu kümmern; froh über den reichen Fang, zog er zur Burg hinauf. Nach Schelmensitte wurden der Kaufmann und seine Leute in ein anständiges Gemach gebracht und mit Wildbret, Brot und Wein bewirtet, während der Ritter erst einmal die Beute betrachtete. Da war aber die Enttäuschung groß! Von dem kostbaren Geschmeide war nichts zu finden, einige Kasten waren ganz leer, und der ganze Raub bestand in einigen Ballen geringer Leinwand. Der Kaufmann wurde herbeigebracht, und Herr Arnulf fuhr ihn zornig an, wo denn das kostbare Geschmeide sei.

»Ach du lieber Himmel,« rief der Mann klagend, »so etwas habe ich nie besessen; aber Gewürze hatte ich und dergleichen, die hat mir schon jemand geraubt. Es gibt der Herren mehr, die auf uns arme Kaufleute fahnden. Ich bin ein armer, unglücklicher Mann!«

»Potzwetter, da haben wir die falschen erwischt!« dachte Herr Arnulf grimmig. Er ließ aber den armen Kaufmann das nicht entgelten; der durfte noch am Abend mit den Seinen weiterziehen und sogar seinen Kram mitnehmen. Denn dazu war der Herr Arnulf zu stolz, zu nehmen, was einer übriggelassen hatte.

Danach lag er viele Tage und Nächte auf der Lauer, aber kein Kaufmann zog vorbei, und von dem kostbaren Raub, den er zu machen gedachte, bekam er kein Ringlein zu sehen.

Nach ein paar Monden kam ein Vetter, ein reiselustiger Herr, der wußte von einem Spottlied zu sagen, das man in Köln am Rheine auf den Gassen sang. Der reichste Kölner Kaufmann, so hieß es in dem Liede, sei den Schelmen von Steinach als Bäuerlein mit Schweinefutter an der Nase vorbeigezogen. Im Walde habe er dann auf sein Gefolge gewartet, und alle miteinander hätten sich weidlich gefreut über des Schelmen Reinfall, der das Märlein von den ausgeraubten Kisten und Ballen so leicht geglaubt habe.

Da half nun dem Herrn Arnulf kein Wüten und Zürnen mehr, der reiche Kaufmann saß in Köln sicher in seinem stattlichen Hause und zeigte den Batzen, den ihm der Schelm geschenkt hatte.

Noch jetzt sagen sie in der Steinacher Gegend, wenn einer gar armselig tut und es nicht nötig hat: »Dem würde der Schelm auch einen Batzen schenken.««

Es war, als hätte das Züglein darauf gewartet, bis die Schelmengeschichte zu Ende war, es hielt, und alle Leute mußten aussteigen. Die große Bahnlinie war erreicht, und etliche Reisende sagten: »Gut, daß die Bummelei ein Ende hat und wir in den Schnellzug steigen können.«

Der junge Mann dachte das nicht, als er nun allein weiterfuhr, denn sein Reisegefährte hatte ein anderes Ziel. Er dachte an das Dorf im Kranz der blühenden Bäume; es mochte sich dort wohl gut wohnen. Nun lächelte er nicht mehr, nun seufzte er nur, weil es ihm einfiel, wie anders alles in seinem Leben gekommen war, als er es einst erhofft. Studieren hatte er wollen, da war sein Vater gestorben, just als er in der Prima saß. Seiner Mutter blieb so ein winziges Geldchen, daß sie gerade noch so lange davon leben konnte, bis sich ein kleiner Erwerb gefunden hatte. Er ging auf ein Seminar und wurde Lehrer, weil er dort eine Freistelle erhielt. Nun war er Hilfslehrer in einer großen Stadt, seine Mutter stickte und nähte noch, und beide hofften, er würde bald eine bessere Stelle erhalten. Er hatte darum die Reise gemacht, aber sie war vergeblich gewesen, die Stelle war einem anderen zuerteilt worden, und er kehrte in die graue Stadt zurück. Trübe blickte er zum Fenster hinaus.

Draußen lag die Welt im Frühlingsglanz, aber ihm war das Herz schwer. Er wußte wohl, er hatte es eigentlich ganz gut; sein Amt war zwar bescheiden, aber es nährte ihn doch, er war zudem jung und gesund, und die allerbeste Mutter umsorgte ihn. Doch er konnte es nicht vergessen, daß er hatte studieren wollen, und sehnte sich danach, noch immer mehr und mehr zu lernen, und sollte nun lehren, – das machte ihn unfroh. Er wollte höher hinaus im Leben, nach Ehre und Ansehen stand sein Sinn.

An alles das dachte er auf der Bahnfahrt, er dachte auch noch daran, als er wieder die vier Treppen zu seiner Wohnung emporstieg, und oben las ihm seine Mutter die Gedanken von der Stirn und sagte wehmütig: »Mein armer Junge!«

Da bezwang er sich, und heiter erzählte er von seiner Fahrt durch das frühlingsgrüne Land, und Steinach am Walde fiel ihm dabei ein. Er schilderte das Dörfchen, zu dem drei weiße, schimmernde Straßen führten, und er erzählte auch von den Schelmen. Darüber wurde er ganz froh, und zuletzt sagte er: »Weißt du, Mutter, wir sparen recht, und dann machen wir einmal eine Ferienreise nach Steinach am Walde.«

»Ach ja,« sagte die Mutter, und ein sehnsüchtiger Glanz trat in ihre sanften Augen, »das wird schön!«

Sie dachte an ihre fröhliche Jugend, die sie auf dem Lande verlebt hatte, und der Sohn dachte auch daran, denn die Mutter hatte ihm viel erzählt. Und auf einmal verschwand seine trübe Stimmung, ein fröhlicher Arbeitsmut kam über ihn, vielleicht konnte er noch mehr durch Stundengeben verdienen, konnte wirklich einmal mit seiner Mutter verreisen.

Herr Heinrich Fries, so hieß der junge Lehrer, reckte die Arme und rief heiter: »Es bleibt dabei, Mutterle, wir reisen einmal nach Steinach am Wald. Nächstes Jahr – oder vielleicht noch diesen Sommer.«

Die Mutter mahnte lächelnd: »Bau’ dein Luftschloß nicht zu hoch!«

»Ach, warum nicht? Wer weiß, wie schnell so etwas wird! Recht fleißig will ich sein, und in den großen Ferien reisen wir, – ja sicher, – schon in den großen Ferien.«

Zweites Kapitel
Auf der Apfelstraße

Warum Besenmüller auf der Pflaumenstraße sitzt und Schwetzers Fritze seinen Himbeerapfel fortwirft – Der neue Lehrer findet die Begrüßung sehr seltsam, und Frau Besenmüller erscheint zur rechten Zeit

In Steinach am Wald blühten die Bäume an den Straßen nicht mehr, denn es war Herbst geworden. Auf jeder Straße hatte ein anderer Baum die Herrschaft, und die Steinacher redeten darum von einer Apfelstraße, einer Birnen- und einer Pflaumenstraße.

Die Bäume hingen voller Früchte, und keine Steinacher Hausfrau brauchte weder um Weihnachtsäpfel noch um Pflaumen zum Kuchen oder um Birnenschnitze für die Winterszeit in Sorge zu sein. Von allem gab es reichlich. Die Äste brachen fast unter der Last der reifen Früchte.

»Destowegen braucht das Kindervolk aber nicht immer auf die Bäume zu klettern oder drumherum zu kriechen,« sagte Besenmüller, der in dieser Zeit in Steinach das Amt eines Obstwärters ausübte. Das war nicht leicht. Spazierte nämlich Martin Besenmüller auf der Apfelstraße entlang, dann spielten die Kinder auf der Pflaumenstraße, und schrie da ein Bube »Besenmüller!«, flugs liefen alle zur Birnenstraße.

An einem Herbsttag, der heiß und sonnenleuchtend war, – man hätte ihn für einen Sommertag halten können – saß um die erste frühe Nachmittagsstunde Besenmüller auf der Pflaumenstraße und strickte. Das war eine Arbeit, die ihm manchen Spott eintrug. Die Steinacher Kinder waren unnütz genug, ihn oft neckend zu bitten: »Besenmüller, ich hab’ ’n Loch im Strumpf, geh, schenk mer ’n neuen!«

Dann tat Besenmüller zwar gewaltig böse, er schimpfte und schalt, und seine liebe Frau schalt noch mehr, aber der Mann blieb doch sitzen und strickte weiter. Und seine Frau sagte: »Strick’ nur, Besenmüller, was for ’s Gemüt muß der Mensch haben. Was für Stadtleute das Gelese und Klaviergespiele is, das is for dich das Gestricke. Laß dir deine Freude nicht verärgern!«

Besenmüllers Ärger ging aber nicht tief, und wenn er zankte, lag wohl ein heimliches Lachen in seinen Augen. –

Ein Vergnügen war es nun wirklich, so im Sonnenschein unter einem Baum zu sitzen und zu stricken. Besenmüller hatte einen rosenroten Strumpf vor, und seine Laune war auch rosenrot; er rief herzvergnügt »Guten Tag!«, als ein Bauer vorbeikam.

»Na, Besenmüller, hütest du die Zwetschen mal wieder?« fragte der Mann. »Freilich, freilich, se sin arg schene alleweil. Das Kindervolk möchte zu gern ran.«

Besenmüller lächelte schadenfroh. Auf der Birnenstraße gab es nicht mehr viel zu holen, und die Winteräpfel, die noch auf den Bäumen saßen, lockten nicht so sehr. »Se sin jetzt sehre wilde, de Kinner,« brummelte er.

»Jo, jo, wenn nur der neie Lehrer erst käme!« gab der Bauer zur Antwort. »Vater Hiller ist zu gut.«

»Aus ’ner großen Stadt kommt der.« Besenmüller machte ein unzufriedenes Gesicht, und der Bauer fragte: »Is dir wohl niche recht?«

»Nä, bewahre, ’n Städter ist ’n Städter, der wird nich nach Steinach passen. Iche bin unzufrieden.«

Da ging der Bauer kopfschüttelnd weiter. Ja, wenn Besenmüller unzufrieden war, so war das eine schlimme Sache. Besenmüller war nicht allein Obstwächter, er war auch der Schul- und Kirchendiener. Je ja, und der war nun mit dem neuen Lehrer unzufrieden!

Besenmüllers Laune war nun nicht mehr so rosenrot wie sein Strumpf, der Gedanke an den neuen Lehrer hatte sie ihm ein bißchen verdorben. Fünfunddreißig Jahre hatte der alte Lehrer Hiller in Steinach sein Amt verwaltet, und auf einmal wollte er fort. Er brauche Ruhe, hatte der Arzt gesagt. Nun wollte Vater Hiller, so wurde er gern genannt, zu seinen Kindern ziehen, und ein neuer sollte an seine Stelle treten.

Wie dieser neue Lehrer sein würde, daran dachte nicht allein Besenmüller an diesem Nachmittag, auch die Kinder redeten davon. Die saßen alle miteinander, Buben und Mädel, große und kleine, auf der Apfelstraße und fanden, daß Winteräpfel auch schon im Herbst ganz gut eßbar sind. Sie kannten auch genau die Bäume, auf denen die frühreifen Früchte hingen. Die Buben saßen auf den Bäumen, die Mädel darunter, und alle schmausten sie mit vollen Backen.

Dort, wo sich die Apfelstraße schon dem kleinen Bahnhof näherte, – er lag etwa eine Viertelstunde vom Dorf entfernt – saß auf einem Himbeerapfelbaum Arnulf Weber. Schlank und rank war er; wenn er mit seinen Kameraden ging, ragte er immer ein Stückchen über sie hinaus. Und lärmten die Buben auf der Straße gar zu arg, dann sagten die Steinacher: »Mer hört’s, Arne is dabei.«

Arne saß oben auf dem Baum, und im untersten Geäst hing Fritze Schwetzer. Der war kurz und stämmig, und seinen Namen verdiente er gar nicht. Maulfauler als Fritze Schwetzer konnte nicht leicht einer sein. Wenn den seine Mutter mit einer Bestellung zu einer Nachbarin schickte, dann sagte er dort meist nur das letzte Wort, etwa »Kuchenblech«, die Nachbarin mußte es sich dann dazu denken, daß Frau Schwetzer ein Kuchenblech geliehen haben möchte. An diesem Herbstnachmittag sagte Fritze überhaupt nichts. Er aß nur einen Himbeerapfel nach dem andern, obgleich seine Mutter bei Tisch gesagt hatte: »Fritze, du wirst noch platzen, wenn du so arg stopfst.«

Desto mehr redete Arne. Seine Stimme tönte hell die Apfelstraße entlang, und von einem Pfundapfelbaum und anderen Bäumen, auch aus dem Graben heraus, in dem die Mädel saßen, kam Antwort. Lustige Neckworte flogen hin und her. Manchmal sauste ein Apfel von Baum zu Baum, im Graben kicherte es, und in all den heiteren Lärm hinein schrie auf einmal Zimplichs Max: »Nu kommt er balde!«

»Wer denn?« Die den Ruf gehört hatten, fragten es, und die anderen riefen: »Was hat er gesagt?«

»Der Neue.« Zimplichs Max brüllte es laut, und Ach- und Ohrufe tönten die Apfelstraße entlang. Auf einmal dachten sie alle an den neuen Lehrer, auf den sie ungeheuer neugierig waren. Ob er wohl sehr streng war? Strenger als Herr Hiller sicher! Und nun würden die schönen vielen Feiertage ein Ende haben, denn Vater Hiller hatte zuletzt nicht mehr soviel unterrichten können, er war lange leidend gewesen.

»Ich fürcht’ mich niche!« Ein kleiner, dicker Stöpsel, der mit Müh und Not auf einen niedrigen Baum gekommen war, schrie es kühn und laut. Das Wort fand Beifall von da und dort, von oben und unten versicherten es Buben und Mädel: »Wir ferchten uns niche.«

»Jackenknöpfle hat recht!« Webers Arne warf dem kleinen, dicken Burschen einen roten Himbeerapfel hinüber, der fing ihn auf, biß hinein und ärgerte sich dabei. Sein Spitzname kränkte ihn. Jakobus Knöpfle hieß er, daraus hatte ein Spaßvogel Jackenknöpfle gemacht, und dieser Name hing ihm nun an. Seine Mutter tröstete zwar: »Sei froh, daß sie nicht Hosenknöpfle sagen!« Aber das war doch nur ein schlechter Trost. –

Während so die Kinder auf der Apfelstraße von dem neuen Lehrer redeten und Besenmüller auf der Pflaumenstraße verdrießlich an ihn dachte, fuhr Herr Heinrich Fries im Zuge nach Steinach. Er war der neue Lehrer, und als er so das Land im Herbstschmuck sah und an seine Frühlingsreise dachte, kam es ihm ganz wunderbar vor, daß nun Steinach sein Ziel war. Wie es so kommt. Im Sommer hatten die Ersparnisse noch nicht zu einer Reise gereicht, und Mutter und Sohn hatten zueinander gesagt: »Nächstes Jahr vielleicht.« Und dann war Heinrich Fries eines Tages in die Schule gekommen, in der er als Hilfslehrer unterrichtete, da hatte sein Rektor zu ihm gesagt: »Wollen Sie auf das Land? Es ist schnell eine gute Stelle zu besetzen. Der dortige Lehrer ist krank, er will in den Ruhestand treten.«

Auf das Land? Dorflehrer sollte er werden? Nur zögernd hatte er gefragt: »Wie heißt denn der Ort?«

»Steinach am Wald.« Der junge Lehrer im Zug mußte wieder lächeln, als er an sein Erstaunen damals dachte und an das seiner Mutter über den seltsamen Zufall. Steinach am Wald, dorthin sollte er. Nur drei Tage blieben ihm Bedenkzeit, und in diesen Tagen hatten Mutter und Sohn viel von dem fernen Dorf gesprochen. Sehr froh waren sie beide nicht, sie wären gern in der Stadt geblieben.

Frau Fries gehörte zu jenen Müttern, in deren Herzstübchen die Wände voller Bilder hängen, fast alles Bilder ihrer Kinder. In diesem Stübchen stehen dann lauter Dinge, an denen die Kinder ihre Freude haben oder sie einst hatten. Auch ein großes Sorgenwinkelchen gibt es drin, dort liegt das Leid der Kinder. Manchmal ist dieser Sorgenwinkel recht groß, und die Mutter hat viel, viel damit zu tun. Auch Frau Fries’ Herzstübchen war immer ausgefüllt von der Sorge und Freude um ihren Sohn. An sich selbst dachte sie nie, nur an den Sohn, und der sollte mehr werden als nur ein Dorflehrer, ein Gelehrter sollte er werden wie sein Vater. In der Stadt konnte er weiterarbeiten, auf dem Dorfe wohl nicht.

Die gute Mutter! dachte Heinrich Fries, als er Steinach immer näher kam. Nun würde er bald dort sein, aber allein zuerst, so hatte es die Mutter verlangt. »Wenn es dir nicht gefällt, kommst du zurück,« waren ihre Worte gewesen. Und der Sohn wußte, sie würde in ihrer Einsamkeit von morgens bis abends arbeiten, nur für ihn. Sie würde für ihn sorgen unermüdlich, vielleicht kam er bald zurück und brauchte ihre Hilfe.

Da hielt der Zug, Steinach am Wald war erreicht. Er stieg aus und sah, daß er der einzige Reisende war, der das tat. Der Zug fuhr weiter, und er schlug den Weg nach dem Dorfe ein. »Nur immer die Apfelstraße hinunter,« sagte der Bahnbeamte freundlich. »Ihren Koffer lassen Sie nur hier, Herr Lehrer, – das sind Sie doch?«

Der Mann grüßte und nickte, und Heinrich Fries ging die Apfelstraße entlang. In der großen Stadt, aus der er kam, konnte er durch viele Straßen gehen, niemand kannte ihn, und hier wußten sie gleich, wer er war. Es ist freilich ein Dorf, sagte er zu sich und seufzte im Herzen, nur ein Dorf!

Um diese Zeit dachte Besenmüller gerade auf der Pflaumenstraße: »Heute sin se aber brav, die Kinner!« und die braven Kinder jauchzten, lärmten und schmausten vergnügt auf der Apfelstraße. Da tönte der schrille Pfiff einer Lokomotive in das fröhliche Gelärm hinein, und Arne schrie: »Vielleicht kommt jemand.«

Geschwind verkrochen sich die Buben im dichteren Blattgewirr, und die Mädel duckten sich in den Graben. Es war doch möglich, daß jemand vom Bahnhof kam, und wenn sie auch alle meinten, im Recht zu sein mit dieser Schmauserei, erwischen lassen wollte sich keins. Ein paar meinten: »Arne, paß auf!«

»Es kommt wer – ’n Fremder!« schrie der zurück, und der Ruf eilte die Apfelstraße entlang von Baum zu Baum.

Von den Bäumen herab, aus dem Straßengraben hinauf lugten schwarze und blaue Augen dem Ankommenden lustig entgegen. Wer mochte das sein? Ein Fremder in Steinach, welch ein Wunder!

Fritz Schwetzer allein kümmerte sich nicht um den, der kam. Er hatte eben einen Himbeerapfel angebissen, der außen schön rot und glänzend, aber innen verfault und bitter war, das ärgerte ihn. Er drehte den Apfel rundum, biß noch einmal da an und dort, vielleicht gab es noch eine süße Stelle, aber da der Apfel bitter blieb, warf Fritze ihn in weitem Bogen auf die Landstraße, da mochte er liegen.

»Holla, was ist denn das?« Heinrich Fries sah sich erstaunt um, ihm war etwas an den Kopf geflogen und hatte ihm den Hut heruntergerissen, und doch war es ganz windstill, kein Lufthauch war zu spüren. Aber freilich, in den Bäumen raschelte und zitterte das Laub, und der junge Lehrer sah da und dort Bubenbeine hängen, er sah auch neben seinem Hut einen angebissenen Apfel liegen. Rasch trat er auf den Himbeerapfelbaum zu, packte Fritzes Beine und rief: »He, du da oben, ist das Sitte hier, Fremden den Hut vom Kopf zu werfen?«

Fritze erschrak. Er sagte aber nichts, sondern versuchte nur seine Beine zu befreien. Arne beugte sich rasch hinab, um sich den Fremden näher anzusehen. Doch dabei entglitt ihm sein Apfel und traf Herrn Fries an die Nase.

»Potzwetter,« rief der nun ärgerlich, »da sitzt ja noch so ’n heilloser Bube! Ihr scheint mir ja nette Rangen zu sein! Kommt mal gleich herunter.«

»Nä,« rief Arne trotzig. Der hatte gar keine Lust, mit dem Fremden unten auf der Landstraße zu stehen. Auch Fritze Schwetzer verspürte dazu keine Neigung, aber ihn konnte der junge Mann leicht herunterholen. Das war bedenklich, und er überlegte, es wäre eigentlich ganz ratsam, dem fremden Mann einfach über den Kopf weg zu springen. Auf diese Weise entging er aller Fragerei. Gedacht, getan. Ehe Herr Heinrich Fries noch wußte, wie und was, sauste Fritze vom Baum herunter; aber hatte vorher sein Apfel des jungen Lehrers Hut mitgenommen, so nahm der Bube gleich diesen selbst. Pardauz lagen beide auf der Straße, Fritze überschlug sich zweimal, sprang auf und raste hinweg.

Aus dem Graben schauten drei lachende kleine Mädel heraus, und oben auf dem Baume kreischte Arne laut vor Vergnügen. Sein Jubel fand ein Echo. Plötzlich lachte, schrie und kicherte es die ganze Apfelstraße entlang. Den Buben und Mädeln schien die Purzelei des Fremden ein lustiger Spaß zu sein, dieser selbst freilich fand es gar nicht lustig, der war sehr verdrießlich. Er suchte mißmutig seine Sachen zusammen, die zerstreut am Boden lagen, und dachte dabei: »Das ist ja ein netter Anfang! Wenn das so weiter geht, wird es mir schwerlich gut in Steinach gefallen.«

Die Schelme von Steinach. Seite 22.

Unschlüssig stand er eine Weile da und sah die lange Straße hinab. Kerzengerade lief sie bis zum Dorfe hin; an ihrem Ende ragte fein und schlank der Kirchturm in die Luft. Der junge Lehrer sah aber nicht allein das Dorf im Hintergrunde, er sah auch da und dort Bubenbeine von den Bäumen herabhängen, und kleine kecke Mädelnasen streckten sich aus dem Graben heraus. Recht seltsame Früchte waren das. Wie er noch so stand und sich seine zukünftigen Schulkinder betrachtete, tönte von unten herauf der Ruf: »Besenmüller, Besenmüller kommt!«

Ritsch, ratsch verschwanden die Beine, wie reife Äpfel plumpsten die Buben von den Bäumen, aus dem Graben kamen die Mädel heraus, und heidi ging es nach rechts und nach links über die Stoppelfelder hinweg. Im Umsehen lag die Apfelstraße verlassen da, nur eine auffallend große Frau schritt dem jungen Lehrer entgegen.

In der Mitte der Straße trafen sich beide. Die Frau musterte rasch den Fremden, dann sagte sie: »Ich bin die Besenmüllern, Herr Lehrer!«

»Ja, kennen Sie mich denn?«

»Nu freilich, sonst kommt doch ’n Fremder nich her um die Zeit. Und Pflaumenkuchen hab’ ich schon gebacken, und unser alter Herr Lehrer erwartet Sie. Und mein Mann sitzt unten auf der Pflaumenstraße, und ich dachte gleich, de Kinner sin hier. Besenmüller is zu gut, viel zu gut, Herr Lehrer, so gut is keiner wie der. Er müßte strenger sein gegen die Kinner. Gelle, das meinen Sie auch?«

»Hm,« sagte der junge Lehrer nur. Er kannte weder Besenmüller noch seine Frau, er wußte nichts von deren Güte oder Strenge. »Ich will nun gehen,« murmelte er.

»Ich geh’ mit, und Ihr Zimmer ist schon fertig, Herr Lehrer.«

So schwatzte Frau Besenmüller, des Kirchen- und Schuldieners Frau, unablässig weiter und führte den jungen Lehrer nach Steinach hinein. Der brauchte nichts zu fragen und zu sagen, Frau Besenmüller erzählte ihm alles, wie ein Mühlwerk ging ihre Rede, und dabei konnte ihr Begleiter nie sehen, weinte sie oder lachte sie, weil nämlich ihr Gesicht ganz merkwürdig schief war. Seltsame Leute und seltsame Sitten scheint es hier in Steinach zu geben, dachte der junge Lehrer, als sie das Dorf erreichten. Ob ich hier wohl lange bleiben werde? Sicherlich nicht!

»Nä, so was,« rief da Frau Besenmüller, »Webersch Wagen is umgepurzelt, nä aber!«

Quer über die Straße lag ein umgestürzter Düngerwagen und versperrte den Zugang. Der Duft, der von ihm ausging, war nicht lieblich, und Heinrich Fries schickte sich seufzend an, in einem weiten Bogen herumzugehen, und so langte er endlich verdrießlich vor dem Schulhause an.

Drittes Kapitel
Der Empfang

Eine Ratssitzung auf dem Schelmenacker – Malchen gibt ein rotes Band, und Fritze Schwetzer zeigt, wie gut er werfen kann – Besenmüller nennt seine Frau Lydia, und Heinrich Fries lauscht dem Abendgesang

»Da sin mer also!«

Frau Besenmüller blieb vor einem großen, stattlichen, gelbgetünchten Hause stehen, und der junge Lehrer sah verwundert daran empor. Das sollte ein Dorfschulhaus sein?

»Gelle, das ist mal fein?« Die Frau Besenmüller schmunzelte, und selbst ihre weinerliche Gesichtsseite wurde freundlich. Sie war ungemein stolz auf das Schulhaus und merkte gleich, dem neuen Lehrer gefiel es.

Der maß das stattliche Gebäude mit hellen Blicken. Ja freilich, so ein Haus konnte einem schon gefallen. Es glich eher einem großen Gotteshaus, und es mochte anderthalb Jahrhunderte und mehr auf seinem Platze stehen. Es war zweistöckig und hatte ein doppeltes Dach. Lustig, wie lauter vergnügte Kinderaugen, schauten die Dachaugen in die Welt hinein. An der Ostseite rankte sich wilder Wein am Hause empor, der glühte im Herbstrot, und so in farbiger Schöne prangte auch der Garten, der von zwei Seiten an das Haus grenzte.

»Gelle ja, das is fein?« sagte Frau Besenmüller noch einmal und führte den jungen Lehrer in das Haus hinein. Dem weiten Hausflur und der schön gewundenen Treppe war es auch anzumerken, daß das Haus nicht als Schule gebaut worden war. »Ein Graf hat das Haus einmal gebaut,« erzählte denn auch des Schuldieners Frau eifrig, als sie die Treppe voran emporstieg. »Der hat gesagt, in der Stadt taugten die Leute nischte niche, womit er ja recht hatte, und daderum wollte er auf dem Dorfe leben. Wie nun das Haus fertig war, is er niche reingezogen, denn hat’s ihm gerade wieder in der Stadt gefallen. Da hat er gesagt, auf dem Dorf taugten sie nischte niche. Närrsch, gelle? Ja, so sin nu die Leute. Un hier is unser alter Herr Lehrer, un ich bring’ gleich den Kaffee.«

Frau Besenmüller hatte eine Türe geöffnet und rief in das große, helle Gemach hinein: »Hier is er!« Dann verschwand sie eilig, und die beiden Lehrer standen sich gegenüber. Der eine weißhaarig und gebückt, viele, viele Furchen im alten, milden Gesicht, der andere blond, groß und schlank, seine grauen Augen blitzten tatenlustig. Sie schüttelten sich die Hände, und jeder dachte vom andern: »Der gefällt mir.«

Frau Besenmüller brachte wirklich sehr schnell Kaffee und einen ungeheuren Teller voll Pflaumenkuchen dazu, auch Brot, Butter und Wurst, gerade so, als hätte Heinrich Fries eine Weltreise gemacht. »Dieser Empfang gefällt mir besser,« sagte er heiter, und dann berichtete er Vater Hiller von seinem Erlebnis auf der Apfelstraße. Der lächelte dazu und erwiderte: »Böse gemeint war’s nicht, na ja, aber wild sind sie freilich, das ist schon wahr.«

Er erzählte seinem jungen Nachfolger allerlei von Steinach und seinen Bewohnern, von den Kindern und dem Schulhaus. Das war wirklich ein altes Herrenhaus gewesen, wie es Frau Besenmüller erzählt hatte. Drei alte Gräfinnen, Schwestern, hatten zuletzt viele Jahre darin gewohnt, und es war nach ihrem Tode, weil ihr Erbe unauffindbar gewesen war, dem Dorf als Schulhaus gegeben worden.

Während die beiden Lehrer so von alten und neuen Zeiten, vom Schulhaus und den Steinacher Kindern sprachen, saßen die letzteren auf dem sogenannten Schelmenacker. Das war ein Stück Wiesenland zwischen der Apfelstraße und der Birnenstraße; dort lag inmitten ein großer Steinhaufen, auf dem es sich wunderbar saß, wenigstens sagte es Webers Arne. Alle die Buben und Mädel hatten sich hier versammelt, die auf der Apfelstraße gewesen waren. Dort hatten etliche Frau Besenmüllers laute Worte gehört, und sie wußten es jetzt, der Fremde war der neue Lehrer.

Sie waren sehr niedergeschlagen, denn so seltsam hatten sie den neuen Lehrer doch nicht empfangen wollen. »Du bist dran schuld,« sagten sie alle einmütig zu Fritze Schwetzer.

»Nä.« Fritze sagte weiter nichts, aber dies eine Wort ärgerte die andern, sie riefen entrüstet: »Leugne nich, du hast’n Hut runtergeschmissen!«

»Ja.« Fritze seufzte, das viele Reden war doch beschwerlich.

»Wir wollen was singen.« Ein Mädel mit Augen und Haaren, wie Tinte so schwarz, rief das.

»Jetzt?« Ein paar Stimmen fragten es mißmutig. »Warum denn?«

»Hier doch nicht!« Hinzpeters Malchen, so wurde die Kleine genannt, kicherte in ihre Schürze hinein. »Hihihi, ich meine – nä – so nich, hihihi, wir wollen dem neuen Herrn Lehrer was singen.«

»Nä.« Fritze Schwetzer sah Malchen ganz wütend an. Singen, das könnte ihm passen!

Die andern fanden den Plan aber nicht so dumm, einige sagten ja, andere nein, bis Arne alle überschrie: »Wir wollen doch in der Schule singen, beim ersten Mal, Herr Hiller hat’s gesagt.«

Freilich, so war’s, Arne hatte recht. In der Schule sollten sie den Lehrer mit Gesang begrüßen.

»Wir bringen ihm ’nen Strauß.« Malchen kicherte wieder, und wieder sagten etliche ja und etliche nein.

Die Buben waren die Neinsager, die Mädel die Jasagerinnen. »Blumen sind Quatsch,« erklärte der kleine dicke Jakobus.

»Och, Jackenknöpfle, sei doch stille, Blumen sind fein! Und Stadtleute lieben Blumen.«

Vier Mädel redeten auf einmal, und sie hörten auch nicht gleich auf, sie erzählten von allerlei Blumenempfängen, von denen sie wußten oder gehört hatten.

Eine Weile wogte der Streit hin und her, aber zuletzt fanden die Buben den Blumenstrauß ganz gut, und sie beschlossen, jeder sollte rasch laufen und Blumen holen, und dann wollten sie hier einen schönen Strauß binden. Malchen Hinzpeter versprach ein rotes Band dazu.

Nun der Plan gefaßt war, gingen alle sehr eilig an die Ausführung. Das Blumenholen war nicht so einfach. In den kleinen Gärten, die so freundlich die Häuser von Steinach schmückten, gab es zwar noch allerlei Blumen, aber die Bäuerinnen hüteten sie ängstlich. In Steinach gingen die Frauen Sonntags noch mit einem Strauß zur Kirche, und jede wollte einen schönen Kirchenstrauß haben. Weil es im Herbst auch allerlei Feste gab, Hochzeiten und Kirmesfeiern, darum hüteten die Steinacherinnen im Herbst ihre Gärten besonders gut. Heimlich huschten die Buben und Mädel hinein, pflückten von den nur noch spärlichen Blumen ab, was sie erreichen konnten, und kehrten mit ihrem Raube vergnügt zum Schelmenacker zurück.

Dort wanden die Mädel den Strauß, alles kunterbunt durcheinander: Astern, späte Levkoien, gelbe Studentenblumen und Georginen, so dick wie Pfannkuchen; auch ein paar Reseden und Rosen kamen noch hinein, dazu Spargelkraut, und das rote Band umschloß das Ganze zuletzt feierlich.

Als der Strauß fertig war, entstand eine große Frage: Wer sollte ihn überreichen?

»Ich, ich, ich!« schrieen geschwinde etliche Stimmen, aber schnell kam es ihnen in den Sinn, daß es ein schweres Werk sei, dem neuen, fremden Lehrer den Strauß zu geben, und alle riefen einmütig: »Ich nicht!«

»Webers Arne soll’s tun,« sagten die Mädel.

»Hinzpeters Malchen ist die Rechte dazu,« erklärten die Buben. Aber die beiden wollten auch nicht. Sie redeten alle hin und her, bis zuletzt Arne sagte, er wolle es tun, aber Malchen müsse den Strauß tragen, und alle sollten mitgehen. Damit waren denn die andern einverstanden, und sie zogen nach dem Schulhause, Malchen mit dem Strauß, den sie ängstlich unter ihrer Schürze verbarg.

Sie beschrieben einen Umweg und langten so ziemlich unbemerkt vor dem Schulhaus an. Dort schubsten sie sich vor der Türe herum und wagten nicht hineinzugehen; die Allerfurchtsamsten mahnten ärgerlich: »Arne, geh doch! Hinzpeters Male ist ’n Furchthase.«

Auf einmal rief aus einem der oberen Fenster Frau Besenmüller herab: »Nu, was soll’s denn? Was wollt ihr?«

Husch, husch, rissen alle aus. Wie die Hasen liefen sie davon, denn vor der Schuldienersfrau hatten sie gewaltige Angst. Frau Besenmüller schalt noch eine Weile, dann klappte sie das Fenster zu, und es war wieder still. Die Kinder standen alle hinter dem Hause und sahen zu den Fenstern empor. Jackenknöpfle zeigte auf ein Fenster, das offen stand; er flüsterte geheimnisvoll: »Dort wohnt er!«

»Fein!« jubelte Arne. »Wir werfen den Strauß rein.«

»Nä!« murrte Fritze Schwetzer, aber gleich fragten fünf zugleich: »Willst du ihn reintragen?«

»Nä!« Fritze verzog sich. So ging es immer: Wenn er einmal was sagte oder sagen wollte, schrieen die andern so sehr, das war wirklich anstrengend.

»Ich werfe!« Webers Arne nahm Malchen den Strauß aus der Hand, zielte, und bums schlug der Strauß an ein anderes Fenster an.

»Ich kann’s besser!« Heine Langbein griff nach dem Strauß, und die Mädel kreischten: »Ihr zerhaut ihn noch!«

Richtig, pardauz klatschte der Strauß an die Mauer an und fiel zurück, und Röse Traugott ergriff ihn noch, ehe er auf die Erde fiel.

»Ich will werfen!« – »Nä, ich!«

Ein paar Bubenhände griffen nach dem Strauß, aber Röse wehrte ab und klagte: »Da, die Rose ist schon abgebrochen und die auch.«

»Schwetzers Fritze, wirf du doch, du kannst das so fein!« rief Arne. Das war nicht Spott, Fritze war als guter Werfer bekannt, und wirklich kam er wieder herbei, und ihm gab Röse auch den Strauß. »Nimm ihn recht in acht!«

»Hm!« Fritze wog den Strauß prüfend in der Hand, dann zielte er, trat drei Schritte zurück, zielte wieder, und hoch im Bogen sauste der Strauß durch die Luft. Wutsch, flog er in das offene Fenster hinein. Drinnen erklang ein lautes Klirren, ein Rufen, und unten flohen die Kinder entsetzt nach allen Seiten hin und schrieen: »Er hat das Fenster eingeschlagen!«

»Nä, drinne etwas!« Husch, husch, husch waren alle fort, nur Fritze Schwetzer stand wie erstarrt vor dem Hause, er war so tief erschrocken, daß er nicht einmal an das Ausreißen dachte. Was war da oben geschehen?

Vater Hiller hatte seinen jungen Nachfolger gerade in das Zimmer gebracht, in dem er vorläufig wohnen sollte. Zur Einrichtung hatte Frau Besenmüller überall im Dorfe Hausrat zusammengeborgt. Ein wenig zusammengewürfelt sah daher das Zimmer innen aus, aber doch freundlich und behaglich, und Heinrich Fries meinte, bis seine Mutter nachkäme, würde es schon gut gehen. Aus dem Tische stand Frau Besenmüllers Glanzstück, eine himmelblaue Glasvase, die ihr gehörte. Und just als der junge Lehrer die ansah und dachte: »Nein, so ein häßliches Ding!« kam etwas in das Zimmer geflogen. Klirr ging’s in eine Scheibe des Fensters hinein, und klirr, bums, klatsch! lag auch die himmelblaue Vase zerschmettert am Boden. Frau Besenmüller kreischte entsetzlich. Heinrich Fries eilte zum Fenster und sah hinaus. Dort unten stand Schwetzers Fritze unbeweglich wie ein Baum. »He du,« rief der junge Lehrer hinab, »was soll der Unsinn? Hast du geworfen?«

Dem Fritze war die Stimme bis in den Magen gerutscht, dort saß sie, und Fritze konnte sich noch so abquälen, kein Wörtlein kam heraus.

»Nun, sehen Sie nur, Herr Hiller den Jungen da unten, wie frech er dasteht! Ob er geworfen hat?«

Der alte Mann hatte den Strauß erblickt, der in eine Ecke gefallen war, er hatte ihn aufgehoben und strich nun liebevoll über die zerknickten Blumen. Er sah auch Fritze unten stehen und ahnte, die andern waren ausgerissen. Milde sagte er: »Es sollte wohl ein Willkommensgruß für Sie sein, Herr Kollege.«

»Ein eingeschlagenes Fenster, eine zerbrochene Vase und –,« Heinrich Fries sah nun auch den Strauß mit dem roten Bande, da mußte er lächeln. »Ein wenig seltsam ist ja die Art, mir die Blumen zu bringen.«

»Aber gut gemeint. Ich kenne meine Steinacher Kinder, sie haben gedacht, es sei sehr schlau so.« Vater Hiller lächelte gütig, und sein Lächeln fand auch auf dem Gesicht seines Nachfolgers heiteren Widerschein.

Frau Besenmüller dagegen sah nicht allein grimmig drein, sie schalt auch für drei, und als sie die Scherben ihrer himmelblauen Vase auflas, drohte sie bei jedem Stück: »Na, wartet nur, Besenmüller soll euch schon strafen, wartet, wartet!«

Es wartete aber keiner von den Missetätern ab, was geschehen würde, selbst Schwetzers Fritze war auch davongelaufen. Auf dem Schelmenacker fanden sich alle wieder zusammen, und sie berieten, was zu tun sei. Zerschlagen hatte Fritz mit dem Strauß etwas, das stand fest. Etliche wollten ihm darum Vorwürfe machen, aber da erhoben Arne und Malchen laut ihre Stimmen: »Er kann nischte dafor.«

»Nä,« sagte Jackenknöpfle in edler Selbsterkenntnis, »ich hätte noch mehr zerschmissen.«

Sie überlegten ernsthaft, was sie tun sollten, und alle meinten, Frau Besenmüller müßte versöhnt werden; denn war Frau Besenmüller böse, dann ging sie sicherlich von Haus zu Haus und erzählte die Geschichte, oder sie stellte sich morgen an die Schultüre und gab jedem einen Katzenkopf, ob groß, ob klein, ihr war es gleich, die stärksten Buben duckten sich vor Frau Besenmüller.

»Wir sagen’s Besenmüller, der hilft uns schon,« riefen nach etlichem Hin- und Herreden ein paar Stimmen. Der Vorschlag fand gleich ungeteilten Beifall, und die Kinder wunderten sich schließlich alle, daß sie nicht gleich auf den Gedanken gekommen waren.

»Hurra, zu Besenmüller! Hurra, hurra!«

»Auf der Pflaumenstraße sitzt er.«

Auf der Pflaumenstraße saß Besenmüller wirklich. Sein rosenroter Strumpf war ziemlich vollendet, keine Bäuerin hätte ihn glatter und sauberer stricken können. Aber beinahe entfiel die rosenrote Herrlichkeit Besenmüllers Händen, so eilig, mit so viel Geschrei und Geschwätz kamen die Kinder alle an.

»Holla, an die Zwetschen geht mir keins!«

»Nä, Besenmüller, nä, wir kommen nur mal so.«

»So, ih nä!« Besenmüller zwinkerte mit den Augen. »Was ist denn? Warum ist meine Frau denn so böse?«

»Ach, nur wegen dem Strauß!«

»Was ist mit dem Strauß?«

»Wir wollten dem neuen Herrn Lehrer einen schenken.«

»Und Schwetzers Fritze hat ihn geworfen.«

»Das Fenster war offen.«

»Nur –.« Da schwiegen alle, und Besenmüller strickte klapp, klapp, Nadel um Nadel. Endlich sagte er: »Das Fenster ist wohl zerschmissen?«

»Ja – aa,« ertönte es kleinlaut, »und – und –«

»Was denn noch?«

»Das wissen wir niche!«

»Hm, und nun ist Frau Besenmüller böse?«

»Ja, Besenmüller. Wir haben sie noch schimpfen hören.«

»Ihr seid wohl gleich ausgerissen, haste nich, kannste nich?«

»Ja.« Sie drängten sich alle lachend dichter und dichter an Besenmüller heran. »Sag’s ihr doch, sie soll wieder gut sein.«

»So fix geht das niche. Erst versprecht, Zwetschen werden nich genommen heute.«

»Nä,« riefen alle einstimmig; sie sahen aber gar nicht erst zu den Bäumen hinan, so voll hingen sie, so köstlich blau schimmerten die Früchte.

»Also euer Wort?«

»Ja!« Sie schrieen es wieder im Chor, und Besenmüller wickelte darauf sorgsam seinen Strumpf zusammen, nahm seinen Stock und verließ für diesen Tag die Pflaumenstraße. Er wußte, die Kinder hielten ihr Versprechen, also mußte er nun auch das seine halten und seine Frau versöhnen. Bis in die Nähe des Schulhauses gab die Schar dem alten Manne das Geleit, weiter nicht; Frau Besenmüller könnte sie ja sehen. Die hatte freilich längst den Zug erblickt, und als ihr Mann das Haus betrat, kam sie ihm entgegen und rief vorwurfsvoll: »Besenmüller, du bist zu gut, nä, die Kinner verdienen’s nicht!«

»Aber Lydia, Kinner sin Kinner!« Weiter sagte der Schuldiener gar nichts. Es war auch nicht nötig. Seine Frau vergaß die himmelblaue Vase, das zerschlagene Fenster, ihren Zorn und alles; wenn ihr Mann sie Lydia nannte, dann war es ihr immer gleich wie Feiertag, pflegte sie zu sagen. Es gab nämlich auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, den die Schuldienersfrau mehr bewunderte als ihren Mann. Was der sagte, galt. Wenn der Herr Schulrat gekommen wäre und hätte Besenmüller du genannt und ihn zum Schulvorstand ernannt, Frau Besenmüller hätte sich kein bißchen darüber verwundert. Höchstens hätte sie gesagt: »So was ist richtig!«

Die Kinder sahen den Schuldiener in das Haus treten, hörten drinnen die Stimme der Frau, dann liefen sie beruhigt von dannen – nun war Frau Besenmüller versöhnt.

Sie schliefen alle trotz ihrer verschiedenen Dummheiten, die sie tagsüber begangen hatten, sehr gut. Nur Schwetzers Fritze träumte schwer, er war im Traum als riesengroßer Blumenstrauß dem neuen Lehrer selbst vor die Füße gefallen. Doch Träume sind Schäume, sie vergehen im Lichte des neuen Tages.

Ernste Gedanken vergehen nicht so leicht, die verscheuchen selbst den Schlaf. Während in Steinach am Wald alles in tiefer Ruhe lag, strahlten im Schulhaus noch lange zwei Fenster hell in die Nacht hinaus. Der alte und der junge Lehrer, sie wachten beide, jeder saß einsam in seinem Zimmer, der eine sann der Vergangenheit, der andere der Zukunft nach. »Ich wollte, ich könnte in meinem Steinach bleiben,« dachte Vater Hiller wehmütig; es wurde ihm schwer, aus seinem lieben Amt zu scheiden. Sein junger Nachfolger aber seufzte: »Werde ich es je in diesem Steinach aushalten?« Er stand am offenen Fenster, ringsherum lag alles im Schweigen. Bis auf einmal ein fernes Sausen durch die Nacht kam; es klang näher, ein Pfiff ertönte, dann verhallte das Sausen wieder: ein Zug war vorbeigefahren. »Könnte ich doch wieder mit hinaus aus dieser Enge!« entfuhr es dem jungen Lehrer, und er seufzte abermals.

Heinrich Fries streckte die Arme aus, aber plötzlich ließ er sie sinken und lauschte, ein anderer Ton wurde laut, ein feines, süßes Singen rauschte auf.

»Breit aus die Flügel beide,

O Jesu, meine Freude,

Und nimm dein Küchlein ein!

Will Satan mich verschlingen,

So laß die Englein singen:

Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Lieben,

Soll heute nicht betrüben

Ein Unfall noch Gefahr,

Gott laß euch ruhig schlafen …«

Die Stimme verhallte, und nichts regte sich mehr im Dorf. Heinrich Fries stand noch lange am Fenster. Er war aber nicht mehr unruhig und niedergedrückt, das holde Singen hatte ihn froh gemacht, und er dachte an die neue Arbeit, und daß er sein Amt mit frischem Mut antreten wolle.

Viertes Kapitel
Ein letzter Schultag

Die Brummer wollen auch singen, und die Katze Minchen will in die Schule gehen – Die Hohenstaufen sollen Berge sein, und Frau Besenmüller redet von der rechten Liebe

Am nächsten Morgen lag Steinach im Nebel. Die Sonne wollte zwar sehr gern scheinen, sie bezeigte die allergrößte Lust dazu, aber der Nebel ließ sich nicht so schnell verjagen. Der hatte das ganze Dorf in dichte, weißgraue Schleier gehüllt, und es konnte gerade jeder noch seinen Nachbar sehen, mehr nicht. Es sah sehr lustig aus, wenn auf der Dorfstraße Gestalten im Nebel auftauchten und gleich darin wieder verschwanden. »Wie Rosinen im Mehl,« sagte Frau Knöpfle, des Jakobus Mutter.

Den Kindern schien der Nebel ein vergnügliches Ding zu sein, und Jackenknöpfle stellte die nachdenkliche Frage: »Ob’s mal so dicken Nebel gibt, daß mer die Schule nich findet?«

Die andern meinten zwar alle, dies würde sehr fein sein, und etliche strengten sich auch an, die Schule nicht zu sehen, sie sahen sie aber doch. Zum Überfluß klingelte Frau Besenmüller auch noch lauter als sonst, und die Kinder dachten schon: »Oje, vielleicht ist sie doch böse!« Aber die Schuldienersfrau war nicht mehr böse. Die hatte schon am frühen Morgen das Klassenzimmer blitzblank geputzt, hatte ein Blumengewinde um die Türe angebracht und einen Strauß auf das Pult gestellt. Es sah sehr festlich aus, und die Kinder staunten ehrfürchtig ihr Schulzimmer an; es wurde ihnen darüber auch ganz festlich zumute, und alle nahmen sich vor, sehr gut zu singen. Die Steinacher waren ein sangeslustiges Völkchen. Sie sangen gern und gut, aber Brummer gab es auch unter ihnen und solche, die nicht singen konnten, so gern sie vielleicht auch wollten. Unter den Kindern war Schwetzers Fritze ein rechter Brummer. Alle meinten, dem Buben wäre das gleich, aber da irrten sie alle, denn heimlich im Herzen bekümmerte es Fritze sehr, daß er so schlecht singen konnte. Er hätte manchmal gern recht aus dem Herzen heraus gesungen, wie er sich auch sehnte zu schwatzen wie die andern. Es war aber damit schlimm. Wenn er was sagen wollte, hatten es zwei andere schon gesagt, und wenn er singen wollte, rief selbst der gute Vater Hiller: »Hör’ auf!«

Schweigsam war Hinzpeters Malchen nun freilich nicht, und wenn sie sprach, hatte sie auch ein glockenhelles Stimmlein, aber singen, das konnte sie nicht. Sie sang immer ein paar Töne zu tief oder ein paar Töne zu hoch, sie rutschte mit ihrem Singsang immer aus, und wenn die andern in die Höhe kletterten, saß sie im Graben. Sie wurde darum die »Krähe« genannt, ein Name, der Malchen bitter kränkte, denn sie war so singlustig wie eine rechte Lerche. Daheim sang sie auch nach Herzenslust, und niemand störte sie. Ihr Vater meinte: »Ein Hahn kräht ja auch, die Schafe blöken, die Gänse schnattern, ja, warum soll da mein Malchen niche singen?«

Auch die alte Großmuhme sagte das. Sie war freilich ziemlich taub, sie erklärte aber doch: »Malchen singt sehre scheene, fast wie ’n Engel. Vielleicht gefällt’s auch dem neuen Herrn Lehrer besser, mer kann so was niche wissen.«

Daran nun dachte Malchen, als sie an diesem Nebelmorgen zur Schule wanderte. Ach, vielleicht konnte sie auch noch einmal so singen wie Pastors Regine. Sehr froh, sehr hoffnungsvoll trat sie in das Schulzimmer, und dort setzte sie sich so brav an ihren Platz, wie es an diesem Tag alle taten. Sie waren alle schrecklich neugierig, wie der neue Herr Lehrer sein würde, und als Vater Hiller mit seinem jungen Nachfolger das Zimmer betrat, war es, als wollten alle blauen, grauen und braunen Augen den neuen Herrn Lehrer verschlingen, selbst die Schüchternen starrten ihn unentwegt an. Der mußte ein wenig lächeln, als er die Kinder alle so vor sich sah, rechts die Großen, links die Kleinen, da die Buben, dort die Mädel. Er sah sich auch in dem großen Klassenzimmer um, das blinkte vor Sauberkeit, und seine schön mit Stuck verzierte Decke erzählte von glanzvoller Vergangenheit.

Vater Hiller sprach das Gebet, und dann begann der Gesang. Sorgsam hatte der alte Lehrer das Loblied eingeübt, festlich und rein sollte es klingen, dem neuen Lehrer zum Gruß. Daran, daß an einem solchen Tag die Brummer teilnehmen wollten an der allgemeinen Freude, hatte er freilich nicht gedacht. Malchen schmetterte zuerst los, Schwetzers Fritze folgte ihr, und als das die andern Brummer hörten, sangen sie unverzagt mit. Hui ging’s in die Höhe, bums saß Schwetzers Fritze in der Tiefe; Malchen war einen halben Takt voraus, Hans Neuber schleppte dreiviertel Takte hinterher.

Klapp! schlug Vater Hiller auf das Pult. »Stille! Was ist das für eine Singerei? Es darf nur mitsingen, wer es kann.«

Ein paar senkten verlegen ihre Köpfe, nur Malchen nicht, die dachte: »Ich kann’s doch, ich habe fein gesungen!«

Das Lied begann noch einmal, und hui entwischte Malchens Stimme wieder, die kletterte gleich bis aufs Dach. Die andern stockten, und ein paar murrten: »Die Krähe singt so falsch!«

Malchen wurde blutrot vor Schreck und Scham, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Malchen weinte gleich sehr heftig los, und Heines Marlise tat es ihr nach, und Vater Hiller ließ verdrießlich den Taktstock sinken. »Aber Kinder,« rief er ärgerlich, »was soll das? Schämt euch, so das Festlied zu singen! Wer heult, muß raus. Also eins, zwei, drei, jetzt noch einmal!«

Das half, die Mädel stellten das Weinen ein, die schlechten Sänger schwiegen, und nun brauste feierlich und rein im Klang der Lobgesang auf. Es ging glatt, nur beim letzten Vers mischte sich ein seltsamer Ton, ein Schnurren, Scharren und Schreien hinein. Kaum war das Lied verklungen, da riefen ein paar Stimmen: »Eine Katze, eine Katze!«

Vater Hiller war sehr sanftmütig und geduldig, er war auch immer mit seinen Schulkindern gut fertig geworden. An diesem Tage wurde er aber doch ärgerlich. Er hatte seinem jungen Nachfolger recht zeigen wollen, wie nett und brav seine Schulkinder waren. Nun gab es erst die verkehrte Singerei und jetzt das Geschrei einer Katze wegen. Er rief darum strenger als sonst: »Wo steckt denn die Katze? Wer hat eine mit?«

Alle schwiegen, eines sah das andere an, und merkwürdig, die Katze schwieg auch.

»Es ist ja keine hier,« brummte der alte Lehrer, »irgend jemand –«

»Miauau, raurau, miau!« schrie es jämmerlich, und Kinder und Lehrer sahen sich an und im Zimmer herum.

»Vielleicht im Schrank,« sagte Heinrich Fries, der daran dachte, daß auch in der Stadt mitunter eine Maus auf seltsame Weise in den Schulschrank geriet. Vater Hiller sah prüfend die Kinder an. Offen, zutraulich, sehr erstaunt waren aller Augen zu ihm aufgeschlagen, er sah es gleich, keins hatte ein schlechtes Gewissen. Er trat aber doch an den Schrank und schloß ihn auf. Keine Katze war darin.

»Miauau, raurau, miau!« quäkte es wieder, und ein paar Stimmen zugleich schrieen: »Im Pulte ist das!«

»Ach Unsinn!« Der alte Lehrer klappte das Pult auf, keine Katze war zu sehen. »Es wird vor der Türe sein. Also aufgepaßt, wir fangen an!«

»Miauau, raurau, miauau!« Noch kläglicher klang’s, und Heinrich Fries sah sich verdutzt um, das kam doch von unten herauf.

Aller Augen starrten zu dem neuen Lehrer hin, das klang ja gerade, als käme das Miauzen von dessen Platz.

Vater Hiller schritt zur Türe, öffnete sie, sah hinaus, – nirgends war eine Katze zu sehen, und auf einmal war alles still. War es doch ein dummer Bubenspaß, das Gemauze?

»Miauau!« quäkte es drinnen immer jämmerlicher. Er hörte es nun genau, es kam aus dem Zimmer. »Frau Besenmüller, Frau Besenmüller!« rief er laut. »Kommen Sie einmal her, hier schreit eine Katze irgendwo.«

Frau Besenmüller kam mit unheimlicher Eile angelaufen, und noch an der Türe rief sie atemlos: »Das ist sicher so ’n dummer Bube, der das macht. Webers Arne kann gut mauzen.«

»Ich mauze nicht!« Arne kreischte ordentlich vor Entrüstung, und gleich riefen ein paar Stimmen: »Nä, Arne war’s nicht!«

»Unterm Pult scheint etwas zu sein.« Heinrich Fries hatte es genau gehört; er versuchte, das Pult wegzuschieben, aber Frau Besenmüller sagte ordentlich ein wenig gekränkt: »So was is niche möglich. Erst vorhin hab’ ich darunter und darüber gewischt. Ach nä, Herr Lehrer, Katzen sitzen in Steinach niche im Schulzimmer. Die Buben sind’s, die machen immer so ’ne Dummheit. Niche auszuhalten ist das manchmal mit denen.«

»Nä,« schrieen die Buben und Mädel wie aus einem Munde, »Frau Besenmüller verklatscht uns nur.«

»Klatsch, patsch, ich weiß, was ich weiß.«

Rutsch, schob der junge Lehrer das Pult zur Seite, und – hervor spazierte kläglich mauzend ein schneeweißes Kätzchen.

Erst starrte Frau Besenmüller mit offenem Munde das Tierchen an, dann aber stürzte sie mit einem Schrei darauf los, hob es auf und sagte im Tone allerbitterster Anklage: »Dich haben se unner’s Pult getan, mein Minchen! Nä, aber auch so ’ne ungezogene Kinner!«

»Wir waren’s doch nicht!«

»Stille!« Vater Hiller hob den Taktstock. »Wer’s getan hat, kommt vor.« Keins rührte sich, und wieder las der alte Mann in all den blühenden Gesichtern, – nein, es hatte keins ein schlechtes Gewissen. »Frau Besenmüller,« sagte er gütig, »besinnen Sie sich mal, die Katze wird Ihnen wohl nachgelaufen und selbst unter das Pult gekrochen sein.«

»Hm!« Die Schuldienersfrau sah ihr Kätzchen an, dann nickte sie langsam. »Ja, erstaunlich klug ist’s freilich, da kommt kein so ’n Dickkopp von Bube gegen auf, nä, nä! ’s ist schon möglich, se hat zuhören wollen.«

»Aber Besenmüllern!« Die Kinder kreischten vor Vergnügen, daß die Katze hatte zuhören wollen, und Frau Besenmüller zog schmunzelnd mit ihr zum Zimmer hinaus.

Der Friede war wiederhergestellt, und Vater Hiller sagte ernsthaft: »Doch jetzt Ruhe!«

Der alte Lehrer war verstimmt, daß dieser erste Schultag so laut und zerfahren begann. Er sah wohl das leise Lachen in den Augen des andern. Wehmütig überschaute er seine Schar, und Mädel und Buben spürten es, ihr guter, alter Freund war unzufrieden. Da nahmen sie sich zusammen; ganz still und feierlich saßen sie da, und so begann der Unterricht. Es ging nun alles glatt und gut, die Kinder wußten viel, wenn auch nicht alles. Manch einem wollte und wollte die Antwort nicht zum Munde heraus, was natürlich von der Antwort schnöde Bosheit war. Mitunter klang auch wohl die Antwort so verkehrt, als wäre sie vom Monde herabgefallen. So kam der Stille Ozean auf einmal in die Nähe von Berlin, und die Donau bezeigte die allergrößte Lust, vom Gotthard herunter zu rinnen. Die Hohenstaufen sollten durchaus Berge sein, und Kaiser Friedrich Barbarossa saß auf einmal mitten im Siebenjährigen Kriege drin, und niemand wußte, wie er hineingekommen war.

Sonst ging es aber ganz gut, Vater Hiller war leidlich zufrieden, und die Kinder waren es ungemein, und weil der neue Lehrer lächelte, meinten sie alle: »Der findet’s fein bei uns.«

Frau Besenmüller klingelte draußen, grell und laut fuhr der Ton durch das weite Haus.

Der alte Lehrer erschrak. Das hörte er nun zum letztenmal. Morgen war Sonntag, und am Montag in aller Morgenfrühe wollte er abreisen. Wenn die Klingel wieder ertönte, dann trug ihn der Zug schon von Steinach fort. Er stand ein wenig geneigt, weil ihn das Alter müde gemacht hatte, vor den Kindern, zu ihnen sprechen wollte er, gütige Worte sagen, aber die Stimme versagte ihm.

»Liebe Kinder!« setzte er an, und dann noch einmal: »Liebe, liebe Kinder!«

Da war es Hinzpeters Malchen, als müsse ihr das kleine, zärtliche Herz brechen vor Kummer, sie schluchzte laut auf und rief flehend: »Ach, bleiben Sie doch bei uns, lieber Vater Hiller!«

»Ach bitte, bitte, ja, Vater Hiller!« tönten alle andern Stimmen nach. Sonst hatten die Kinder »Herr Lehrer« gesagt, in der Abschiedsstunde kam ihnen das trauliche »Vater« auf die Lippen. Und wie einen gütigen Vater umdrängten sie jäh den alten Mann. Sie sprangen über Tische und Bänke hinweg, krochen unten durch, um nur ja schnell des alten Freundes Hand fassen zu können.

Die Mädel heulten, die Buben schnitten so widerborstige Gesichter, als wäre ihnen ein bitteres Tränklein im Halse stecken geblieben, und immer wieder bettelten sie: »Bleiben Sie doch da, Vater Hiller, ach bitte, bitte!«

»Ich reise ja erst übermorgen, Kinder.« Ein paar helle, glänzende Tropfen rannen dem alten Mann über die Backen. Die Kinder sahen es, aber sie hörten zugleich das verheißungsvolle »Übermorgen«. Da war ja noch viel Zeit, da konnten sie Vater Hiller noch oft besuchen, konnten ihn sehen, wenn er durch das Dorf ging. Sie konnten ihn auch zur Bahn bringen. Das sagten sie gleich laut: »Wir gehn mit auf ’n Bahnhof, alle!«

»Dann müßt ihr aber alle früh aufstehen.«

»Ach ja, das wird fein! Hurra, wir gehn mit auf ’n Bahnhof!«

»Und Sie besuchen uns bald, Vater Hiller, ja?« bettelte Malchen.

»Ja freilich, ich besuche euch bald.«

»Hurra, Vater Hiller besucht uns!« In den Augen standen noch Tränen, die Münder lachten schon, und immer wieder drückten die kleinen derben, braunen Hände die welke Hand des treuen Freundes. Sonst liefen Buben und Mädel immer alle, so flink sie nur konnten, zur Schule hinaus, heute konnten sie sich gar nicht trennen. Vater Hiller mußte sie selbst mit sanfter Gewalt bis zur Haustüre geleiten, und draußen ging es nochmals an das Abschiednehmen.

In einem Winkel stand Frau Besenmüller, sie hatte die große Schulglocke mit beiden Händen an ihr Herz gedrückt, und ihre Tränen fielen darauf nieder.

»So ist’s recht, so muß nu ’n Abschied sein,« brummelte sie vor sich hin. »Da sieht man doch, ’s war die rechte Liebe.«

Die rechte Liebe! Das Wort tönte wie ein silbernes mahnendes Glöcklein im Herzen des jungen Lehrers. Still entfernte er sich, und niemand merkte es. Er stieg die Treppe hinauf, betrat sein Zimmer, und dort öffnete er weit das Fenster. Er sah, wie sich draußen der Nebel löste und die letzten Fetzen zerflossen. Die Sonne ging siegreich hervor, und schimmernd glänzten Büsche und Bäume im goldenen Herbstkleid. Die rechte Liebe, dachte Heinrich Fries, – würde sie ihm auch wachsen zu Steinach und seinen Kindern?

Fünftes Kapitel
Auf der Schelmenburg

Frau Besenmüller erlebt eine ganz schauerliche Gespenstergeschichte – Ihr Korb füllt sich geschwinde, und Webers Arne und Schwetzers Fritze bekommen Zwetschgenkuchen zu essen – Der neue Lehrer aber denkt an die alten Schelme von Steinach

»Besenmüllern«, wie die Kinder die Schuldienersfrau nannten, hatte viele vortreffliche Eigenschaften, aber auch zwei Fehler: sie war neugierig und sehr abergläubisch. Zwar sagten die Kinder, Frau Besenmüller scheure auch zuviel, das hielten sie für deren allergrößten Fehler, aber die Erwachsenen waren anderer Meinung. Vater Hiller nannte Frau Besenmüller eine tüchtige, saubere Frau, während besonders die Buben es höchst überflüssig fanden, wenn Frau Besenmüller sie immer ermahnte: »Putzt eure Schuhe ab, tragt mir nicht die ganze Dorfstraße ins Haus!«

Zimplichs Max knurrte immer: »Um so ’n bißchen Dreck!« Aber wie es halt ist, Frau Besenmüller hatte andere Ansichten. Sehr lustig dagegen fanden die Kinder es, wenn die Frau ihnen allerlei erzählte, was sie vorausgeahnt hatte, und was sonderbarerweise immer ganz anders in Erfüllung ging. Es sah Frau Besenmüller zum Beispiel aus allerlei Zeichen und Andeutungen, auch aus ihren Träumen, daß sie einen Unfall erleiden würde; dann fiel vielleicht Hinzpeters Malchen auf die Nase, und das war weder für Malchen noch für Frau Besenmüller ein großes Unglück.

Aber die Frau blieb dabei, dies und das als besonderes Zeichen zu deuten, und darum sagte sie auch nach Heinrich Fries’ erstem Schulvormittag zu ihrem Mann: »Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird das nischt hier!«

»Warum denn niche, Frau?«

»Na, da ist das zerbrochene Fenster und dann – die Katze. Nä, das wird nischt!«

»Aber Frau!« Der Schuldiener lachte. »Scherben bedeuten Glück, und die Katze, die war doch weiß, und nur die schwarze Katze bringt Unglück, und stimmen tut das nicht emal. Mir hat noch nie ’ne Katze Verdruß gebracht. Nur einmal hat mir eine meine Wurst gestohlen, und die war grau, die Katze nämlich.«

»Hm!« Frau Besenmüller seufzte, sie hätte ihres Mannes Worten schon gern vertraut, aber sie konnte nicht. »Nä, nä, Scherben und ’ne Katze, was zuviel is, is zuviel!« murmelte sie.

Während Frau Besenmüller so geheimnisvoll allerlei Ungemach vorausahnte, ging Heinrich Fries sehr vergnügt in Steinach spazieren. Das Dorf gefiel ihm immer besser. Es war sauber und wohlhäbig. Die kleinen, weißen Häuser waren alle mit Schiefer gedeckt, und diese dunklen Dächer glänzten in der Sonne wie edles Gestein. Ein Gärtchen schmiegte sich an jedes Haus an, und hinter den Fenstern blühten noch Geranien und manche andere feine Blumen. Der junge Lehrer ging bis zur Kirche, die inmitten des Dorfes lag; sie war grau und alt, Efeu war an ihr emporgewachsen, und ein wenig hatte der auch den Grabstein des Schelmen umrankt, der hier begraben lag. Die Inschrift war schwer zu lesen, und der Ritter, der fromm die Hände gefaltet hatte, sah gar nicht so schelmisch drein, wie das doch eigentlich ein Held so vieler Schelmengeschichten tun müßte.

Die Schelme von Steinach. Seite 56.

Von der Kirche aus führte ein schmaler Weg zum Pfarrhaus hinüber. Das lag weiß und still in einem großen Garten, die Fenster standen offen, und die weißen Vorhänge flatterten und wehten, als wollten sie winken: »Komm herein, komm herein!« Doch Samstag nachmittag war keine Besuchszeit für ein Pfarrhaus, und darum blieb der junge Lehrer auch nur draußen am Zaun stehen. Vater Hiller hatte ihm viel Liebes und Freundliches von den Pfarrersleuten erzählt. Sieben Kinder waren in dem weißen Haus groß geworden. Sechs waren draußen in der Welt, lernten und schafften dort, und nur die Jüngste war noch daheim.

Ob das wohl die Sängerin war, die mir gestern einen so guten Trost ins Herz gesungen hat? dachte Heinrich Fries. Er brauchte nicht lange auf eine Antwort zu warten, denn drinnen im Garten hub die gleiche Stimme ein lustiges Liedchen an. Kinderstimmen fielen ein, und als der junge Lehrer weiterging, da sah er auf zwei langen Bänken viele kleine Mädel sitzen, die strickten und nähten, und ein junges Mädchen saß vor ihnen, schön und anmutig anzuschauen: Pfarrers Regine. Eine allzu strenge Lehrerin mußte sie nicht sein, denn man konnte nicht leicht etwas Vergnüglicheres sehen als diese Nähstunde im herbstlich bunten Garten.

Die Mädel saßen alle dort, aber wo mochten die Buben sein? Heinrich Fries sann darüber nach, als er weiterging. Er sah nur die Allerkleinsten auf der Gasse spielen, jene, die noch nicht am ersten Schultag zu seufzen brauchten: »Wenn doch erst wieder Ferien wären!« Die großen Buben waren alle unsichtbar, sie mochten wohl wieder auf einer der Obststraßen sein, denn nicht einmal ihr Rufen ertönte. Da und dort grüßte man den jungen Lehrer freundlich, der redete mit dem und jenem, und dabei wunderte er sich, daß niemand die Frage tat, wie es ihm hier gefalle. Er wußte nicht, daß die Steinacher meinten, ihr Dorf müsse eben jedem gefallen, weil es gar so hübsch war.

Als Heinrich Fries es nach allen Seiten hin durchwandert hatte, beschloß er, da die Sonne noch hoch stand, gleich noch den Schafskopf zu besteigen, um von dort aus das Land zu überschauen. Eine halbe Stunde, länger währte der Weg wohl nicht. Ein Bauersmann gab ihm bereitwillig Auskunft, welcher Weg zu gehen sei, und versicherte dabei: »’s ist recht sehre scheene oben, nur niche, wenn’s dunkel ist.«

»Warum? Spukt es vielleicht?«

Der junge Lehrer lachte, und der Bauer lachte auch. Er sagte nicht ja, er sagte nicht nein, in seinen Augen aber war ein lustiges Blinken, und Heinrich Fries dachte: »Wirklich, die Schelme scheinen noch nicht ausgestorben zu sein.« Er schlug den Weg nach dem Schafskopf ein, und um die gleiche Zeit tat dies Frau Besenmüller auch. Oben am Berghang gab es viele wilde Rosen, und ihre kleinen roten Früchte wollte Frau Besenmüller pflücken. Ihr Mann liebte den Hagebuttentee, meinte, er sei gut für allerlei Gebreste im Winter, und darum sorgte die Frau immer beizeiten für einen rechten Wintervorrat. Es war ihr immer ein schwerer Weg; sie ging nicht gern auf den Schafskopf, selbst nicht am Tage, abends wäre sie um keine Königskrone gegangen. Sie graulte sich, sie meinte immer, von den Schelmen säße noch etwa ein halbes Dutzend in irgendeinem Mauerloch zu allerlei Untaten bereit.

Weil sie sich fürchtete, rannte Frau Besenmüller; je schneller sie oben war, desto schneller war sie wieder unten. Sie kam daher auch viel früher oben an als der neue Lehrer und begann eilfertig zu pflücken. Die wilden Rosen hatten das alte Gemäuer dicht umzogen. Wo nur ein freies, sonniges Plätzchen war, gleich hatte sich so ein Rosenbusch hingesetzt und gedacht: Da bin ich und bleib’ ich, das ist nun mein Reich. Weil die Sonne immer so warm auf dem Schafskopf ruhte und niemand den Frieden dieses stillen Fleckchens störte, blühten die Rosen meist in üppiger Fülle, und ebenso ungestört wurden kleine, rote Hagebutten daraus.

Frau Besenmüller brauchte nur zuzugreifen, ribsch, rabsch, da füllte sich ihr Korb. Um den Turm herum, von dem freilich nur noch ein kümmerliches Restlein stand, wuchsen die meisten Rosen, und die größten Hagebutten gab es da. Wie sich die Schuldienersfrau nun dem Turme näherte, graulte sie sich wie immer etwas. Sie blickte an dem grauen Gemäuer empor. Nur auf der einen Seite gab es noch eine Fensteröffnung, und aus diesem Loch heraus hing ein Strick.

Frau Besenmüller schrie laut auf, als sie das sah. Sie rannte gleich den Berg wieder ein Stück abwärts. Wo kam der Strick her in dem verfallenen Turm? Von unten herauf starrte die Frau zu dem Strick empor, – ganz ruhig, unbewegt hing er da. Von den alten Herren von Steinach konnte er nicht mehr übrig geblieben sein, denn sooft Frau Besenmüller auch schon hier gewesen war, den Strick hatte sie noch nie gesehen.

Also war jemand oben gewesen, jemand hatte den Strick dorthin getan. Wozu? Warum? und wer war es gewesen? Die Frau seufzte schwer. Sie graulte sich und war neugierig, die Furcht trieb sie zurück, die Neugier wieder vorwärts. Sie stand und überlegte, sah auf den Strick, der seltsam in der Sonne glänzte und dahing, als müßte es so sein. Und just über den allerschönsten Rosenbüschen hing er, an denen die roten Früchte schimmerten und lockten.

Und Frau Besenmüller ließ sich locken. Schritt um Schritt kam sie näher, bis sie vor den Büschen stand. Sie pflückte rasch und eilfertig, rupfte und rupfte, und dabei blinzelte sie immer wieder nach dem Strick. Was tat denn der? Er schwankte und zitterte doch hin und her!

»Was nur damit ist? Müßte mal dran ziehen!« Frau Besenmüller überlegte das eben, als sie Schritte hörte; trapp, trapp kamen sie den Berg herauf.

Sie erschrak sehr, aber da begann ein lustiges Singen, und da Gespenster am hellichten Tage nicht Wanderlieder zu singen pflegen, beruhigte sie sich gleich wieder. Ein Weilchen lauschte sie dann, da sah sie Heinrich Fries den Weg emporkommen, und sie brummelte zufrieden: »Das ist mal recht, der sieht sich gleich gut um.« Alle Furcht war wie weggeblasen, nur die Neugierde war geblieben, und die trieb sie noch näher zu dem Stricke hin. Sie mußte doch sehen, wie der hierher kam. Was hatte so ein Strick hier zu diesem Loch, das früher ein Fenster gewesen war, herauszuhängen?

»Überall Unordnung! Ärgern muß mer sich alleweil,« schalt die Frau, griff rasch nach dem Strick und zog fest daran und –

Heinrich Fries hörte auf einmal ein lautes Geschrei, ein Poltern und Rasseln. Er brach jäh sein Lied ab und war mit ein paar Sätzen im Burghof.

»Hilfe, Hiiiilfe, uuh, uuh!« kreischte Frau Besenmüller. Die hielt den Strick in der Hand, schwankte mit ihm wie eine Fahne im Winde, während unaufhörlich Mauergeröll purzelnd von oben herabrieselte.

»Lieber Himmel, was ist das?« Der junge Lehrer hatte die Frau erreicht, er hielt sie fest. »Was ist geschehen? Lassen Sie doch den Strick los!«

»Huuhhu,« heulte Frau Besenmüller, »er – er – is – ja verhext!«

»Was, der Strick?« Heinrich Fries wollte auch danach greifen, aber er zog rasch seine Hand zurück. »Der klebt ja, der ist mit Vogelleim eingeschmiert.«

»Huuhhuuh, drinne sitzt – huhuhuh – so ’n Graul!« Frau Besenmüller zog angstvoll am Stricke, der gab jäh nach, und plumps saß die Schuldienersfrau halb in den Rosenbüschen drin. Von dem alten Mauerwerk bröckelte wieder etwas ab, das rieselte zu Boden, und eine Staubwolke stieg empor.

»Holla, das Gespenst wollen wir mal fangen!« Der junge Lehrer hatte flinke Beine, er lief um den Turm herum, fand den Eingang und fand auch die bösen Neckgeister. Ein ganzes Nest voll war es. In dem von drei Seiten nur mit ganz niedrigem Gemäuer umschlossenen Turmviereck wimmelte es von Buben, und Arne Weber hatte Schwetzers Fritze auf den Schultern, und der trug wieder das Jackenknöpfle; so reichte es knapp bis zum Fensterloch. Jackenknöpfle wollte gerade herabklettern, als der neue Lehrer erschien. Da wackelte die lebendige Leiter, und Heinrich Fries konnte das Jackenknöpfle noch eben auffangen und es vor einem vielleicht schlimmen Fall bewahren.

Draußen jammerte und schrie Frau Besenmüller noch immer angstvoll um Hilfe, innen starrten die Buben den neuen Lehrer an, als wäre nun der das Gespenst, mit dem sie die Schuldienersfrau hatten schrecken wollen.

»Kommt mal mit!« Kurz und scharf klang der Befehl, und kein Bube wagte es, auszureißen. Wie eine Schafherde, die in einen Gewittersturm geraten ist, so folgten sie alle ihrem neuen Lehrer. Der führte sie um den Turm herum bis dahin, wo Frau Besenmüller noch immer einen wilden Kampf mit dem geleimten Strick ausfocht.

»Da sind die Gespenster, Frau Besenmüller.«

»I du meine Güte, nä, so was!«

Die Frau wäre weniger verdutzt gewesen, wenn Heinrich Fries ein in weiße Bettücher gewickeltes Gespenst oder einen alten, mit Ketten, Schwertern, Schlössern und sonst was für Eisenkram rasselnden Ritter angebracht hätte. »I du meine Güte, die verflixten Bengel!«

»So, jetzt helft einmal Frau Besenmüller vom Strick loskommen. Schnell, eins, zwei, drei!«

Zehn Bubenhände und mehr griffen nach dem ungeleimten Ende, sie zerrten und zogen. »Herrje,« schrie Frau Besenmüller, die vorwärtsgezogen wurde, »nicht so rasch, du meine Güte!« Plumps, saß sie noch einmal in den Rosenbüschen, aber sie war doch den unheimlichen Strick los.

»Und nun geschwind, Buben, alle heran und Hagebutten gepflückt! In einer halben Stunde muß der Korb voll sein.«