Die Sternbuben in der Großstadt

Die Sternbuben
in der Großstadt

Eine heitere Geschichte
von
Josephine Siebe

Mit vier farbigen Vollbildern von Ernst Kutzer

Stuttgart
Verlag von Levy & Müller

Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.

Erstes Kapitel.
Reisepläne auf der Löwengasse.

Im Silbernen Stern zu Breitenwert stand Mina in der großen Küche und — wunderte sich.

Mina, die schon zwanzig Jahre in dem altberühmten Gasthaus diente, war eigentlich nie eine Minute müßig, aber jetzt stand sie am Herd, ließ die Töpfe überkochen und sagte nur immerzu: „Jemine, nein, so etwas, jemine, jemine!“

Käthle, die Zweitmagd, hielt beim Hühnerrupfen inne und sah ihre ältere Genossin verdutzt an. So ein Gewundere war ihr noch nicht vorgekommen. „Sag doch, was ist, was soll das Jeminegerufe?“ fragte sie neugierig.

Da tat Mina einen kellertiefen Seufzer und sprach mit einer Stimme wie eine Brummglocke: „Unsere Bübles sollen nächste Woche verreisen!“

„Waaas?“ Käthle sperrte Augen und Mund weit auf, vergaß das Hühnerrupfen und schüttelte vor Verwunderung den Kopf, als wäre sie ein Apfelbaum, von dem just ein paar Äpfel herunterpurzeln müßten.

„Ja, ja, guck mich nur net an, als wäre ich ein Gespenst!“ rief Mina barsch. „Unsere Bübles verreisen — nach Leipzig.“

Mina seufzte, Käthle seufzte. Mina aus Sorgen, Käthle, weil sie die Sache nicht verstand, auch nicht wußte, wo dies Leipzig lag. Auf dem Monde vielleicht! Wer konnte alle Städte in der Welt kennen. Aber schließlich schwätzte Käthle lieber als zu seufzen; sie ermahnte daher Mina: „Erzähl doch, warum müssen sie verreisen? Ist’s gar eine Strafe?“

„Bewahre, eine Belohnung! Eingeladen sind sie von einer reichen, vornehmen Dame. Mathes ist ihr Patchen. Ach jemine, die kennt doch unsere Bübles net, die weiß net, was das für Stricke sind!“

„Jetzt sind sie doch brav!“ rief Käthle entrüstet.

„Na, na!“ Mina sah gar nicht aus, als glaube sie sehr an der Bübles Bravheit, und das war nicht nett von Mina, denn die ganze Löwengasse, in der der Silberne Stern stand, fand, die Sternbübles, Mathes und Peter Hinz, wären jetzt sehr brav. Früher, na ja, da war es etwas anders gewesen, aber seit einem halben Jahre ließ sich gegen die beiden wahrlich nichts sagen. Und jetzt behaupteten die Buben sogar, sie würden ein gutes Zeugnis aus der Schule heimbringen. Und dann durften sie reisen.

Während Mina seufzte, Käthle fragte und die Töpfe zischten und brodelten, standen die beiden Buben mitten auf der Löwengasse und erzählten ihren Kameraden von der großen Reise.

Es herbstelte schon, aber der Tag war noch warm, und die Sonne schien hell in die Löwengasse hinein. Die gute Dame freute sich einmal wieder an den schönen, alten Häusern und an den jungen, lustigen Kindern, die es in der Löwengasse gab. Sie dachte vielleicht, ich sehe doch in viele, viele Gassen hinein, aber so eine wie die Löwengasse gibt es nicht wieder. Ein bissel krumm und schmal ist sie freilich und manchmal auch etwas schmutzig, aber sie ist und bleibt doch eine liebe Gasse. Wenn ich nicht Madame Sonne wäre, weiß der Himmel, ich möchte drin wohnen! Und weil die Sonne gerade Zeit hatte und mit dem Schlafengehen noch warten wollte, blinkerte sie ein paar Kindern neckend auf den Nasen herum. Das störte die wenig; die hörten den Sternbübles zu und riefen gerade: „Reist ihr wirklich ganz alleine?“

„Freilich, freilich, ganz alleine!“ Es war ein Wunder, daß Mathes und Peter nicht jeder flugs einen Meter größer wurden, so stolz reckten sie sich. Die anderen Kinder, es waren Veit, Steffen, Trinle und Kasperle Grill aus der Linde und Alette Amhag aus der Rose, neben der Gundele Hinz, der Sternbuben lahmes Schwesterchen, stand, sagten alle miteinander, so eine weite Reise, das wäre eine feine Sache.

„Und allein reisen wir!“ schrieen die Sternbuben noch einmal.

„Ich hab’ Angst, ihr kommt net hin,“ rief Trinle Grill. Da seufzte Gundel gleich verzagt und klagte: „Mir ist so bang um die beiden!“

Heisa, da schauten aber Mathes und Peter gekränkt drein! „Wir kommen schon hin,“ schrieen sie entrüstet, „und gleich schreiben wir, wenn wir da sind. Och je, wenn’s doch erst so weit wäre!“

Es standen noch zwei auf der Löwengasse, die auch dem Geschwätz über die Reise zuhörten, es waren dies Herr August Baldan, Provisor in der Lindenapotheke, und der immer freundliche Herr August Häferlein, der sein Lädchen neben dem schönen alten Haus zur Rose hatte. Herr Baldan, der immer etwas grillig war, brummte über das Geschrei der Kinder, und Herr Häferlein lächelte dazu, aber plötzlich taten sie alle beide ihren Mund zugleich auf und fragten: „Sagt mal, Sternbuben, warum reist ihr gerade nach Leipzig?“

„Weil — weil —“ Mathes sah Peter an und Peter sah Mathes an, und dann schrieen sie wie aus einem Munde: „Weil wir da eingeladen sind.“

„Na ja, aber von wem denn?“ brummte Herr Baldan.

„Von unserer Pate!“ Die Buben schrieen es wieder zusammen. Eigentlich war Frau Geheimrat von Ringewald in Leipzig nur die Patin von Mathes, aber das nahmen die Bübles nicht so genau. Und ehe Herr Baldan nur Luft schnappen konnte zu einer neuen Frage, erzählten sie so geschwind, wie ein Hase rennt, von der Frau Pate. Furchtbar reich sei sie und furchtbar vornehm, und mal wäre sie in Breitenwert gewesen und im Silbernen Stern krank geworden. Frau Hinz, die Sternwirtin, hatte sie gut und treulich gepflegt, und weil Mathes gerade ein wunderfitziges kleines Büblein war, hatte sie viel Spaß an ihm gehabt und hatte den Kleinen noch am Tage vor ihrer Abreise aus der Taufe gehoben. Und alle Jahre zu Weihnachten kam eine Kiste mit Spielsachen drin, aber selbst war die Frau Patin nie wieder in Breitenwert erschienen. „Aber jetzt hat sie geschrieben, wir sollen kommen,“ rief Peter, und Mathes fügte stolz hinzu: „Sie möcht’ uns arg gern kennenlernen!“

„Na, die wird sich schön wundern, wenn ihr zwei Löwengäßler ankommt!“ brummte Herr Baldan. Der hatte heute Regenwetterlaune, aber den Sternbuben verdarb er mit seinem Gebrumme nicht ihre purzelvergnügte Sonnenscheinlaune. Die beiden schwätzten so lustig weiter, als säße der grillige Herr Baldan irgendwo auf dem Glasberg im Märchen. Sie zählten die Tage bis zur Abfahrt und berichteten allerlei furchtbar wichtige Dinge; so sagte Mathes: „Wir kriegen neue Hösle.“

„Ja, und neue Hüte und neue Schuhe,“ schrie Peter.

„Alles neu, sogar neue Sacktüchles!“ Dabei fiel es Mathes ein: ein Sacktuch kann man manchmal brauchen; er fuhr in seine Tasche und brachte ein schwärzliches, zusammengeklebtes Lappending zum Vorschein.

„Pfui, aber pfui!“ riefen die drei Mädel entsetzt, und Trinle, die neben Mathes stand, sprang gleich ein paar Schritte weit. Sie rümpfte ihre kleine Nase verächtlich und sagte ganz spitzweis: „Soll das ein neues Tüchle sein?“

„In Leipzig werden sie sich ja recht über die Saubarteles wundern!“ brummte Herr Baldan wieder. Doch diese Rede kränkte Mathes nicht so sehr wie Trinles Verachtung. Er seufzte tief und versenkte sein mißachtetes Taschentuch wieder in die Tiefe seiner Tasche.

Und just da fiel Peter etwas ein, über das er ganz plötzlich in ein unbändiges Lachen ausbrach. Er kreischte vor Vergnügen, tat einen Luftsprung, krümmte sich wie eine Sichel, wollte etwas sagen, schluckte und prustete und brachte vor Lachen doch kein Wort heraus.

Die andern sahen ihn verdutzt an, auch Mathes sah erst verwundert drein, doch auf einmal fiel ihm ein, an was der Bruder denken könnte, und er stürzte auf ihn zu und tuschelte ihm etwas ins Ohr.

„Freilich, freilich!“ Peter nickte und kicherte, prustete und schluckte, hielt sich sein Bäuchlein vor Lachen, und Mathes tat ihm alles nach. An jedem Ende der Löwengasse war das Gelächter der beiden zu hören.

„Sagt’s doch, was habt ihr denn?“ Die andern wurden ungeduldig, sie wollten auch das große, furchtbar wichtige Geheimnis erfahren. Aber die Sternbübles brachten kein ganzes Wort heraus. Die schnappten nach Luft wie ein paar Fischlein, die man auf ein Sofa gesetzt hat, und Herr Baldan tippte mit dem Finger an seine Stirn und sagte ärgerlich: „Übergeschnappt, übergeschnappt. Das kommt von der Reise.“

Da dachten Veit und Steffen Grill, hier hilft nur ein handfester Stoß, um die beiden wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und sie pufften die beiden von rechts und links, klatschten sie auf die Rücken, und das half wirklich. Mathes gelang es endlich, die große wichtige Neuigkeit zu verraten; er platzte heraus: „Wir sollen — sollen — Handschuhe kriegen!“

Potzwetter ja, die Sternbübles und Handschuhe!

Selbst Herr Baldan rutschte aus seiner Schlechtwetterlaune heraus und in das allergrößte Vergnügen hinein. Er lachte mit seinem Freund August Häferlein um die Wette, und wenn die beiden sich einmal verpusteten, lachten die andern umso lauter.

Die Sternbübles strahlten. Sie kamen sich ungeheuer wichtig vor, und es tat ihnen nur leid, daß sie die Handschuhe noch nicht hatten und sich noch nicht im ungewohnten Staat ihren Kamerädles zeigen konnten. Sie sagten das auch, und da fiel auf einmal Alette Amhag etwas ein, und sie rannte eilfertig in die Rose und kehrte nach zwei Minuten mit einem Kästchen voll Handschuhe zurück. Feine, zarte Lederhandschuhe waren es, die Alette noch zu groß waren, und die, wie sie meinte, Mathes und Peter wohl passen würden. Außer Fäustlingen im Winter bei der allerbittersten Kälte hatten die Sternbübles noch nie Handschuhe besessen, und als sie jetzt die feinen rehbraunen Dinger sahen, erschraken sie ordentlich. Die sollten sie anziehen? Sie sträubten sich heftig, wie Zahnausziehen erschien ihnen das.

„Ihr müßt!“ riefen Alette und Trinle, und Alette, die schon weit in der Welt herumgekommen war, sagte ernsthaft: „In der großen Stadt trägt man eben Handschuhe.“

„Flink hinein,“ schrie Herr Baldan, „wir wollen doch mal sehen, wie aus unsern ruppigen, struppigen Sternbuben ein paar feine Herrles werden!“ Die feinen Herrle stiegen den Buben arg in die Nasen, und jeder streckte flugs seine Hände nach den Handschuhen aus.

Aber wie Mädels nun mal sind, alle drei zugleich riefen sie entrüstet: „Pfui, aber pfui, sind eure Hände schmutzig!“

„Wir haben sie doch gewaschen!“ brummte Mathes gekränkt.

„Wann denn?“

„Na, heut früh!“

O jemine, und jetzt war es Nachmittag!

„Ihr müßt an das Brünnle gehen,“ riet Trinle; „wir helfen!“

Da entschlossen sich die Sternbübles zu dem schweren Werk, aber an den Brunnen brauchten sie nicht zu gehen. Alette nahm sie in die Rose mit hinein, und nach ein paar Minuten kamen sie mit blitzblank gewaschenen Händen wieder heraus, und die Handschuhprobe begann.

Das war ein schweres Werk!

Die Finger der Sternbübles, die so gelenkig für allerlei unnütze Dinge waren, schienen plötzlich steif gefroren zu sein, und die drei Mädels hatten ihre liebe Not, ehe die Handschuhe saßen. Aber schließlich gelang die Sache doch, und mit weit gespreizten Fingern standen Mathes und Peter da; die Handschuhe saßen wunderfein.

„Ich schenke sie euch für die Reise,“ sagte Alette.

„Ich schenke euch auch was,“ schrie Trinle, vom guten Beispiel der Freundin angesteckt. Sie stürzte in die Linde hinein und kam nach wenigen Minuten zurück, und doch meinten die Sternbuben, sie wäre ewiglange geblieben, so erwartungsvoll waren sie. Sie dachten schon, Trinle würde mit einem Reisekorb voll Geschenken ankommen, und sie waren herzlich enttäuscht, als Trinle bei ihrer Rückkehr nur zwei winzige Seidentüchlein in der Hand hielt.

„Das sind Tüchle für Mädles,“ schrieen sämtliche Buben verächtlich, selbst Kasperle, der doch erst ein rechter Dreikäsehoch war, schrie mit.

„Unsinn!“ Trinle faßte Peter geschwind beim obersten Jackenknopf und stopfte dem Buben — eins, zwei, drei — das eine Tüchlein, es war himmelblau, in die Brusttasche. „Herr Häferlein trägt auch immer da ein Tüchle,“ sagte sie, „und dann ist’s fein!“

Alle schauten auf Herrn Häferlein. Wirklich, dem guckte ein seidenes Zipfelchen aus der Brusttasche heraus, und da erklärte Mathes flugs: „Ich will auch ein Tüchle!“ Er bekam auch eins eingesteckt, das war zur Abwechslung rosenrot. Und wie die Buben nun mit den Handschuhen an den weitgespreizten Händen und den seidenen Zipfeln in den Brusttäschchen einherschritten, auf und ab, sehr würdevoll und feierlich, da sagten alle, fein sähen sie aus, arg fein! Aber freilich, fein müßten sie in der großen Stadt einhergehen, sonst machten sie Breitenwert und der Löwengasse Schande.

„Von mir kriegt ihr noch eine Tüte von den großen Zuckerhimbeeren zum Abschied,“ versprach Herr Häferlein.

„Ich schenke euch Schokolade,“ rief Alette, und Gundel nickte dazu und versprach: „Ich auch!“

„Von uns kriegt ihr Malzzucker,“ riefen die Lindenkinder. Den gab nämlich ihr Vater manchmal her, wenn sie ihn recht darum baten.

„Von mir bekommt ihr Bauchwehtröpfles.“ Herr Baldan lachte. „Ihr verderbt euch doch den Magen unterwegs, ich kenne das schon! Kinder tun das immer, zumal wenn sie allein fahren. Da sind Bauchwehtröpfles die beste Reisegabe,“ versicherte er.

Ein Sturm erhob sich.

Die Kinder fanden alle miteinander, das wäre nicht recht von Herrn Baldan, so etwas zu sagen. Und alle erzählten sie von Reisen, die sie schon gemacht hätten, und bei denen sie putzmunter geblieben und ohne Bauchwehtröpfle ans Ziel gekommen waren.

Alette Amhag war weit in der Welt herumgekommen; die Grills waren schon etliche Male zur Großmutter gefahren, zwei Stunden weit, und selbst die Sternbuben hatten schon mal eine halbe Stunde in einem Zug gesessen. Und wie sie das alles mit viel Lärm und Geschrei Herrn Baldan erzählten und der immer entgegnete: „Ja, aber allein seid ihr net gereist,“ da kamen plötzlich zwei die Löwengasse entlang, die gewöhnlich den langsamen Schritt liebten. Doch diesmal rannten sie.

Wer kann auch immer wissen, was einem Esel einfällt! Und Bäckermeisters Esel waren es, die angerannt kamen. Der leere Brotwagen rasselte und rumpelte hinter ihnen her, und am Gassenende tauchte der dicke Bäckermeister Hering auf, der laut schrie: „Halten, halten!“

Wenn was los war, mußten die Sternbübles immer dabei sein. Sie vergaßen Handschuhe und seidene Tüchlein und stellten sich kampfbereit den Eseln entgegen. Aber die hatten nun mal keine Lust, stehen zu bleiben. Nach links flog Mathes, nach rechts Peter, Veit und Steffen leisteten ihnen Gesellschaft, die Mädels kreischten, Herr Häferlein schrie höflich: „Bitte, stehen bleiben!“ Aber Esel sind sonderbar, die hören nicht immer auf höfliche Leute.

Herr Baldan machte es gescheiter. Der schrie nicht, bat nicht, drohte nicht, der stellte sich einfach den Ausreißern entgegen und hielt sie fest. Bums, da standen sie, bis der Bäckermeister kam und sie heimholte.

Auf der Löwengasse gab es ein großes Wehklagen. Die Sternbübles stimmten es an, denn weder den alten Hösles noch den neuen Handschuhen war der Kampf mit den Eseln gut bekommen. Jammernd standen beide da und hielten die Hände weit ausgestreckt; gerade in den Gassenschmutz hatten sie damit gegriffen, hin war alle Pracht.

Doch Alette, die sich besser auf Handschuhe verstand, tröstete, die könnten gereinigt werden, und Gundel versprach: „Ich flick euch die Hösle,“ und Herr Baldan versicherte: „Ihr werdet noch manchmal in den Schmutz fallen, ehe ihr nach Leipzig kommt.“

Die Sternbübles sahen sich an. Nun, so etwas kam freilich öfter vor, und immer war es wieder gut geworden. Warum also weinen?

„So ist’s recht!“ rief Herr Häferlein. „Lacht nur wieder, dann bekommt ihr auch die Zuckerhimbeeren.“

„Und reisen dürft ihr so weit!“ sagte Trinle Grill sehnsüchtig.

Die Reise, o jemine, wenn’s nur erst so weit wäre!

Mathes und Peter vergaßen die Esel, die beschmutzten Handschuhe, die zerrissenen Hösle, alles, und plötzlich stimmten sie, nicht gerade sehr lieblich, ein Lied an, das Gundel ihnen zur Freude und Übung wohl schon zwanzigmal vorgesungen hatte.

„Wir reisen in die weite Welt,

Juchheissassa!

Wir haben einen großen Beutel Geld,

Juchheissassa!

Mit Stock und Hut

Und frohem Mut,

Mit ’nem großen Reisesack

Huckepack

Geht’s in die Welt hinaus,

Juchheissassa!

Haben wir genug, kommen wir wieder nach Haus.

Juchheissassa!“

Zweites Kapitel.
Eine Reise, die keine Reise ist.

Am nächsten Morgen hing den Sternbuben der Himmel voller Geigen. Es bekümmerte sie kein bißchen, daß es draußen regnete, plitsch, platsch, immerzu. Sie merkten auch nichts davon, daß unter den Geigen am Himmel etliche dicke, brummige Baßgeigen waren, bereit, ihnen mit Gebrumme und Gesumme auf den Kopf zu fallen. Beim Aufstehen schwätzten sie, als müßten sie an diesem Tage eine Million Wörter und etliche darüber verbrauchen, und sie merkten gar nicht Minas Jammermiene, als die in das Zimmer trat. Gleich ein Dutzend Fragen auf einmal purzelten Mina entgegen, doch die gab darauf keine Antwort, sondern sagte knurrig: „Seid still, schreit net so, Gundele ist krank. Der Hals tut ihr weh, das kommt von dem dummen Herumgestehe auf dem Gäßle.“

Plumps! da lag die erste Brummgeige am Boden.

Gundele krank! Ja, das ging doch gar nicht an! Die Buben mußten doch auf dem Schulweg mit der sanften Schwester von der Reise reden; dies war doch das Allerwichtigste auf der ganzen Welt!

Just in diesem Augenblick krabbelte dem Peter ein Nieser ins Näslein, und er nieste laut und vernehmlich: haizih! „Ich bin auch krank, ich muß zu Hause bleiben!“ schrie er.

„Haizih, haizih!“ antwortete Mathes. Bei dem klangen die Nieser etwas sonderbar, aber er schrie doch gewaltig: „Ich bin auch krank, ich kann net in die Schule gehen.“

„Wir unterhalten Gundele!“ schlug Peter vor.

Aber so ein paar Nieser machten auf Mina keinen Eindruck. Die sagte kaltblütig: „Wer krank ist, muß ins Bett und Süpple essen, nur Süpple. Na, und mit der Reise wird es dann wohl nichts werden.“

Haizih! Peter nieste vor Schreck gleich noch einmal, aber er rief doch sehr flink: „Ich bin net krank, pah, ein Schnüpfle ist net schlimm!“

„Na denn marsch in die Schule! Gundele laßt ihr jetzt in Ruh, die soll noch schlafen!“

Die Buben seufzten schwer, aber sie wagten kein Widerwort, denn mit Mina war schlecht verhandeln an diesem Morgen. Dies merkten sie schon. Ein paar Minuten später trabten sie der Schule zu, und sie hielten dabei Ausschau nach den Kameraden. Auch nach Herrn Häferleins Laden schielten sie hinüber, vielleicht stand der freundliche Kaufmann an der Türe und war zu einem Schwätzlein bereit. Doch niemand ließ sich blicken. Nicht einmal Bäckers Esel ging heute auf der Gasse spazieren, es sah auch niemand zu einem Fenster heraus. Weil nun die Sternbuben nicht mit jemand anderm von ihrer Reise reden konnten, redeten sie mitsammen. Sie taten dies so eifrig, als hätten sie sich tausend und einen Tag nicht gesehen, und darüber vergaßen sie ihren Schulweg.

Bumbum! hub da plötzlich die große Uhr der Marktkirche zu schlagen an. Lieber Himmel, schon so spät! Der Schreck fuhr den Sternbuben gewaltig in die Beine, sie begannen zu rennen und rasten mit gesenkten Köpfen vorwärts, weil sie meinten, es ginge so schneller. Auf einmal stießen sie aber dabei auf ein unerwartetes Hindernis. Jemand stellte sich ihnen entgegen, breitete die Arme aus und sagte gemütlich: „Euch laß ich net vorbei, ihr rennt sonst noch das Kirchtürmle um.“

Die Butterfrau Greinle, die allwöchentlich die Butter in den Silbernen Stern brachte, war es, die die Buben aufhielt. Sie wollte ein Späßle machen und dachte nicht an die Schule. Und weil Frau Greinle ein bißchen schwerhörig war, verstand sie auch nicht gleich, was Mathes und Peter ihr zuriefen. Die große, dicke Frau hielt die zappelnden Büblein fest und sagte neckend: „Euch nehm ich mit, euch kann ich gut zur Kartoffelernte brauchen.“

„Schule!“ schrie Mathes, und Peter kreischte: „Wir müssen rein, wir müssen rein!“

„Lieber Himmel, Frau Greinle, was machen Sie denn da!“ klang’s von der Schultreppe her. „Lassen Sie doch die Buben los, es hat ja schon angefangen!“ Der Schuldiener Hupp rief das sehr laut, und diesmal verstand es Frau Greinle, und sie gab erschrocken die Buben frei, die heulend die Treppe emporhasteten. Oben blieben sie aber stehen und klagten: „Jetzt kriegen wir ’n Strichle, huhuuuh!“

Schuldiener Hupp, der viel zu gut zu allen unnützen Buben und Mädeln war, tröstete die beiden Schelme. „Ich sag’s eurem Lehrer, nun geht nur!“

„Ich werd’s sagen!“ Trapp, trapp, kam die große, dicke Butterfrau die Treppe empor, und da rannten die Buben erschrocken hinein, denn der Gedanke, von Frau Greinle begleitet in die Klasse zu treten, war ihnen sehr unangenehm. Sie ahnten schon, sie würden ausgelacht werden, und sie wurden wirklich ausgelacht. Ihren Kameraden erschien die Geschichte sehr spaßhaft, selbst der Lehrer lächelte ein wenig, er meinte aber doch: „Etwas spät scheint ihr aber doch gekommen zu sein.“

Mathes und Peter sahen sich an, eigentlich war’s doch gut gewesen, daß Frau Greinle sie aufgehalten hatte, denn nun kamen sie ohne Strich oder Nachsitzen über das Zuspätkommen hinweg.

Aber ach, von den dicken Brummgeigen am Himmel purzelten an diesem Tage doch noch etliche auf der Sternbuben Köpfe. Sie hatten über der Reise vergessen, ihre Ranzen richtig zu packen, das Lesebuch fehlte, und Peters Schreibheft war nicht zu finden, auch hatten beide ein falsches Gedicht gelernt, und dies konnten sie noch nicht einmal, und in der Geographiestunde warfen sie beide die Länder, Meere, Städte und Flüsse durcheinander wie Nüsse in einem Säcklein. Lobstriche gab es darum nicht an diesem Tage, und Mathes und Peter rutschten gerade noch so knapp am Nachbleiben vorbei, und sie zogen nach der Schule recht bedrückt heim.

Der Regen hatte nachgelassen, aber Gundel lag immer noch im Bett. Sie war zwar nicht sehr krank, aber die Mutter gebot doch: „Ihr Buben bleibt draußen, Gundel muß Ruhe haben.“

Dies war sehr betrüblich, denn die Buben hätten himmelgern mit der Schwester geschwätzt und hätten mit ihr Reisepläne geschmiedet, auch machten ihnen die Schularbeiten wenig Spaß ohne Gundels Hilfe. Sie wollten schon das Arbeiten vergessen, als ihnen noch zur rechten Zeit einfiel, nur wenn sie bis zuletzt fleißig waren, durften sie reisen. Darum setzten sie sich gleich nach dem Mittagessen hin und arbeiteten ganz brav und emsig. Mina, die es sah, sagte zu Käthle: „Wirklich, unsere Buben sind jetzt arg fleißig, an solchen Tagen haben sie sonst immer ein Dummheitle gemacht, und heute hört man sie kaum.“

An Dummheiten dachten die Sternbuben auch wirklich nicht; wenn sie mal ihre Nasen von den Büchern aufhoben, lachten sie sich an, und Mathes wußte, Peter denkt an die Reise, und Peter wußte dies ebenso von Mathes. Und kaum waren sie fertig, da redeten sie auch von der Reise. Und da jemand, der reisen will, einen Koffer haben muß, dachten die Buben auch an den Koffer. Sie hätten gern einen gehabt, der funkelnagelneu und blitzeblank gewesen wäre, doch ihre Mutter meinte, zwei Büble wie sie brauchten keinen neuen Koffer, oben auf dem Boden würde schon noch ein Köfferlein stehen, das gut genug für sie wäre.

Mina solle den Koffer herunterholen, verlangten die Buben. Doch Mina hatte keine Zeit, auch sagte sie: „Das hat noch gute Wege; ehe ihr reist, rinnt noch viel Wasser vom Berge, und der Koffer kann noch ein paar Tage auf dem Boden bleiben.“

Mina, die nie reiste, wußte eben nicht, was Reiseungeduld ist. Sie sah ihre Gurken an, die sie einlegen wollte, und ließ die Buben stehen. Doch die dachten, pah, ein Köfferle können wir uns allein vom Boden holen! Und weil gerade niemand auf das Schlüsselbrett achtete, an dem alle die großen, dicken Schlüssel des Hauses hingen, nahm Mathes flugs das rechte Bund, und beide erstiegen tatenlustig die Bodentreppe.

Das Sternenhaus war weitläufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken und Winkel, und neben dem riesengroßen Wäscheboden gab es noch allerlei geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten. Urväterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht weiter an, sie stülpten alles durcheinander, guckten in alle Schränke und Kästen hinein und entdeckten endlich ein braunes Köfferlein und eine große, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein; namentlich die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bäume und Rosen gestickt waren, fanden sie sehr schön, und sie beschlossen, Köfferlein und Tasche zu wählen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen später mit Köfferlein und Tasche das Haus verlassen und das Löwengäßle entlang streichen.

Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war wieder hell geworden, und in der Löwengasse tat sich eine Tür nach der andern auf, und große und kleine Leute spazierten aus den Häusern heraus. Mathes und Peter fanden bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die wollten Gundel besuchen und waren sehr betrübt zu hören, dies sei verboten. Sie lachten beide sehr über der Sternbuben Reisegepäck; das Köfferlein fanden sie schäbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und Steffen Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schön wären Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit als gar nicht.

„Sternbuben, wo soll’s denn hingehen?“ Vor den Kindern blieb ein kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom Bäckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das Bäckerfräulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder neckten sie, weil das Bäckerfräulein auf jeden Spaß hereinfiel und dann selbst so herzhaft darüber lachen konnte.

„Nach Leipzig fahren wir,“ schrien die Sternbuben stolz.

„Jemine, jetzt gleich?“

„Ja freilich, jetzt gleich!“

„In einer halben Stunde geht der Zug!“ rief Veit.

„Jemine, da müßt ihr euch aber eilen!“

Die Kinder lachten, und das Bäckerfräulein regte sich auf. Es gehörte nämlich zu den Menschen, die immer Angst haben, sie könnten zu spät auf die Bahn kommen. „Geht nur, geht, eilt euch! Jemine, und so allein sollt ihr fahren?“ Das Bäckerfräulein sah so ängstlich drein, daß den Kindern ihre Neckerei leid zu werden begann. Aber dann war es doch wieder sehr lustig, so auf der Löwengasse einen herzbewegenden Abschied zu nehmen, mit dem heimlichen Gedanken, wir gehen nachher in den Laden und erzählen alles.

„Sputet euch nur, sputet euch nur!“

Die Kinder rannten wirklich die Löwengasse hinab, und das Bäckerfräulein winkte und nickte ihnen noch zu, wünschte glückliche Reise, eine gute Heimkehr, und dabei wuchs der Sternbuben Reiselust noch mehr. „Wir wollen auf den Bahnhof gehen,“ riefen sie.

„Ha, fein!“ Die andern Kinder waren damit einverstanden, und alle sechs marschierten nun miteinander nach dem kleinen Bahnhof. Das war ein Spaß! Sie wurden unterwegs ein paarmal gefragt, wohin die Reise gehen sollte, und jedesmal antworteten Mathes und Peter keck: „Wir reisen nach Leipzig, jetzt gleich!“

Breitenwert hatte nur einen kleinen Bahnhof. Viele Züge hielten da nicht, und die großen Schnellzüge fuhren immer sehr hochmütig an dem Städtchen vorbei, und nur die Bummelzüge ruhten sich behaglich ein Weilchen aus, ehe sie weiterdampften. Und just als die sechs Löwengäßler auf dem Bahnhof anlangten, stand so ein gemächliches Zügle da, und seine Lokomotive pustete, als wollte sie sagen: „Kommt mit, liebe Leute, kommt, kommt!“

O die Glücklichen, die dem Ruf folgen konnten! Sehnsüchtig sahen die Kinder auf den Bahnsteig hinaus, sie wären gern alle miteinander in den Zug gestiegen, nur mal hinein und wieder hinaus!

„Macht doch, daß ihr hier wegkommt!“ brummte der Beamte an der Sperre. „Kinder haben hier nichts zu suchen.“

Oho, wenn man in sieben Tagen nach Leipzig reisen will, da kann man sich den Bahnhof doch genau ansehen! Die Sternbuben sahen aus wie der leibhaftige Widerspruch, und Peter krabbelte in seiner Hosentasche herum, vielleicht fand sich doch ein Gröschle, um eine Bahnsteigkarte zu lösen. Doch das Gröschle — es war längst ausgegeben — fand sich nicht, auch die Grills hatten kein Geld, und sie brummten auch: „Mal so raus könnte uns der Schaffner doch lassen!“

Alette Amhag sah die Sehnsucht ihrer Freunde, und sie konnte helfen. Sie hatte von ihrem Vater Geld bekommen, um ihrer Puppe ein neues Kleid zu kaufen. Doch Puppen müssen nicht so eitel sein und immer neue Kleider haben wollen, dachte sie und zog ihr Geldbeutelchen heraus. Vier Groschen waren drin und eine blanke Mark, vier Groschen — damit kamen vier Buben auf den Bahnsteig. Sie flüsterte Trinle ihren Plan zu, und obgleich Trinle auch gern hinausgegangen wäre, sagte sie doch: „Ja, die Buben sollen gehen.“

Und ein paar Augenblicke später marschierten vier Buben stolz durch die Sperre an dem erstaunten Beamten vorbei. Mathes und Veit trugen den Koffer, Peter die bunte Tasche, und Steffen sagte hochmütig: „Ich werde Plätze suchen.“

Sie kletterten auch wirklich alle vier in ein Abteil zweiter Klasse hinein, klapp! flog die Türe zu, und Trinle und Alette bekamen Grüße zugewinkt. Sie nickten wieder und riefen: „Gute Reise!“ bis sie sahen, wie der Schaffner am Zuge entlang lief und die Türen schloß. Da erschraken sie. „Kommt raus, kommt raus!“ schrieen sie laut.

Doch die Buben hatten auch gemerkt, es geht fort, und sie wollten eiligst aussteigen. Steffen suchte die Türe zu öffnen, es ging nicht. Veit versuchte sein Heil, Mathes half, Peter half, pffpffpff, tat da die Lokomotive und — fort ging der Zug.

Die beiden Mädels schrieen verzweifelt: „Sie fahren weg, sie fahren weg!“

„Brüllt doch net so!“ rief der Mann an der Sperre unwirsch.

„Was fehlt euch denn?“ fragte der Bahnvorsteher milder.

Da erzählten Alette und Trinle, und der Beamte runzelte die Stirn und sagte, die Buben müßten Strafe zahlen, viel.

„Aber sie sind doch gar nicht da!“ jammerte Alette.

„In Himmelsberg hält der Zug schon, bis dahin ist’s ein halbes Stündle, da werden sie schon wiederkommen! Aber nachher müssen sie zahlen, sonst werden sie eingesperrt.“

Das war ein schlechter Trost.

„Aber wenn sie nun immer weiter fahren?“ rief Trinle weinend.

„Dürfen sie gar nicht. In Himmelsberg werden sie aus dem Zug geholt; ich bestelle das gleich mit dem Fernsprecher! Und nun geht heim, Kinder haben auf ’nem Bahnhof nichts zu tun. Den Buben ist Strafe gesund.“

Die Mädel seufzten und weinten, weinten und seufzten, das Heimgehen ohne die Buben machte ihnen wenig Spaß. Sie beschrieben allerlei Umwege und gingen um die Löwengasse herum wie die Katzen um einen heißen Hirsebrei, sie fürchteten die Frage: Wo sind die Buben?

Diese fuhren unterdessen ein Stücklein in das Land hinein, ohne gerade viel Vergnügen von der Fahrt zu haben. Daß der Zug in Himmelsberg hielt, wußten Veit und Steffen wohl, aber wie sollten sie dort ohne Fahrkarten vom Bahnhof herunterkommen? Und Geld hatten sie alle vier nicht, um die Fahrkarten zu bezahlen, darum ahnten sie alle vier, es würde bös werden.

Es wurde auch bös. In Himmelsberg öffnete der Herr Bahnvorsteher den vieren selbst das Abteil, er ließ ein kräftiges Donnerwetter auf die vier Schelme niedersausen, und dann verlangte er Geld, viel Geld. Die vier dachten an ihre schlecht gefütterten Spartöpflein, o weh, wenn sie die bis auf den Grund leerten, so viel war nicht drin!

Was war da zu tun?

„Geht einstweilen hinaus, nachher reden wir noch zusammen.“ Des Herrn Bahnvorstehers Stimme grollte, er sah bitterböse aus, dabei war aber doch so ein heimliches Blinken in seinen Augen, daß Steffen, der es sah, ein wenig Hoffnung schöpfte. Er ging aber auch neben den andern wie ein begossenes Pudelchen durch die Sperre, trapp, trapp, und dann waren sie draußen, niemand sah nach ihnen, niemand fragte sie.

Ein Weilchen standen die vier beisammen, bis sie begriffen, daß, wenn sie jetzt recht liefen, sie in einer halben Stunde in Breitenwert sein konnten. Würde man sie nicht zurückhalten?

Kein Mensch ließ sich blicken. Der Zug fuhr fort, und da machten es die vier ihm nach, sie rannten auch fort. Fünf Minuten lang rannten sie und redeten kein Wörtchen, bis endlich Peter den Mund auftat und rief: „Ich hab’ das Täschle liegen lassen!“

Die schöne, buntgestickte Tasche fuhr mit dem Zug in die weite Welt. —

Alette Amhag und Trinle Grill bogen gerade beim Obermarkt in die Löwengasse ein, als vom Untermarkt her die vier Buben angerast kamen. Heil und unversehrt, nur etwas niedergeschlagen wegen der verlorenen Tasche.

„Und der Koffer, wo ist denn der?“ fragte Trinle emsig.

„Veit hat ihn!“

„Nein, du hast ihn, Mathes!“

„Ich net!“

„Ich auch net!“

Ja, wo war er? Auf dem Bahnhof in Himmelsberg hatten die Buben das Köfferle noch gehabt, später auch noch, als sie sich ausgeruht hatten, aber dann war Mathes davongelaufen und Peter davongelaufen, und weil der Koffer keine Beine hatte, war er stehengeblieben.

Tasche weg, Koffer weg, was würde die Mutter dazu sagen!

„Ihr dürft vielleicht net reisen!“ Trinle sah äußerst bekümmert drein, Alette weinte ein bißchen vor Mitleid, die Buben stöhnten, und der Abschied von der Löwengasse fiel nicht so vergnügt aus wie die Begrüßung. Die Sternbübles ließen die Nasen hängen, als sie den Silbernen Stern betraten, und Mathes tuschelte Peter zu: „Wir sagen’s morgen Gundele, und vielleicht sagt’s Gundele der Mutter und vielleicht —“

„Wer hat denn heute den Bodenschlüssel gehabt?“ Die Frage dröhnte den beiden entgegen wie ein Kanonenschuß. Mina stand im Hausflur und sah sehr grimmig drein. „Na, raus mit der Sprache, wer ist auf dem Boden gewesen?“

Nun kam alles heraus.

„Die dürfen net reisen!“ rief Mina entrüstet. „Das schöne, bunte Täschle haben sie verschleppt und ’s Köfferle von ihrem Großvater dazu. Die müssen daheimbleiben.“

Ganz so streng sprach die Mutter nicht, aber sie redete auch von Zuhausebleiben, wenn die Buben in den nächsten Tagen noch ein Dummheitle machten.

„Dann müssen die gerade alle sieben Tage im Bett bleiben,“ schalt Mina. „Frau Hinz, lassen sie die net reisen, die stellen ganz Leipzig auf den Kopf, zwei solche Unnützle, wie die sind.“

Mathes und Peter gelobten wieder einmal der Mutter reumütig, sie würden schrecklich brav sein, und kein Bube legte sich in Breitenwert an diesem Abend mit besseren Vorsätzen in das Bett, als es Mathes und Peter Hinz taten. Lobstriche wollten sie noch in der Schule bekommen, sich nicht einmal mehr die Hösle zerreißen, ganz wunderbar sollte es werden. Und dann schliefen sie ein und träumten seltsame Dinge: dem Peter fuhr eine Lokomotive ins Bett hinein, und das Bäckerfräulein war Lokomotivführer, und Mathes saß mit der bunten Reisetasche irgendwo mutterseelenallein in der Welt, und er schrie vor Angst laut nach der Mutter. Er schrie und schrie, bis er der Mutter Stimme hörte, die beruhigend an sein Ohr klang: „Buben, aufstehen, es ist Zeit!“

Hurra, wieder eine Nacht vorbei!

„In sechs Tagen reisen wir!“ schrieen die Buben.

„Wenn ihr brav seid und keine Dummheitles macht,“ sagte Mina von der Türe her.

„Pah, wir sind nie —“

Mehr sagten die Buben nicht, sie steckten die Köpfe in die Waschschüsseln; Mina machte so ein sonderbares Gesicht, das war recht unbehaglich.

„In sechs Tagen reisen wir!“ Die Buben riefen es Gundele zu, der es wieder besser ging. „In sechs Tagen!“

„Wenn — wenn ...!“ echote da Mina wieder.

Drittes Kapitel.
Die Ankunft.

Es war sechs Tage später. Auf einem der vielen Bahnsteige des großen Leipziger Bahnhofes schritten zwei Damen auf und ab. Die ältere der beiden, die Frau Geheimrätin von Ringewald, sah sehr blaß und traurig aus, und ihre Tochter Eva bemühte sich, sie durch allerlei lustige Worte zu erheitern. „Paß auf, Mutter,“ sagte sie, „die beiden Buben werden uns viel Spaß machen.“

„Ich weiß nicht recht, Eva,“ antwortete die Geheimrätin, „ob es nicht eine Torheit war, die Buben einzuladen. Was sollen wir mit ihnen anfangen?“

„O, ich spiele mit ihnen und zeige ihnen unsere Stadt,“ rief Eva vergnügt, und ihr liebliches Gesicht strahlte wie ein junger Frühlingsmorgen. „In das Museum führe ich sie, in den zoologischen Garten, überall hin, ich freue mich schon darauf!“

Die Geheimrätin lächelte wehmütig. Sie wußte genau, daß sich ihre Tochter nur auf den Besuch freute, weil sie ihr damit eine Zerstreuung zu schaffen gedachte. „Mein gutes Kind, du,“ flüsterte sie leise, „wenn ich dich nicht hätte!“

Die schöne Eva von Ringewald unterdrückte einen tiefen Seufzer. Der galt dem großen Leid, das der Mutter und ihr Leben trübte, und sie sagte tapfer, sich zum Fröhlichsein zwingend: „Jetzt werden sie gleich kommen, in einer Minute werden sie da sein; wir wollen sie schon heiter empfangen, gelt, mein Goldmuttel?“

Die Geheimrätin konnte nicht mehr antworten, denn der Zug, der die Sternbübles nach Leipzig bringen sollte, fuhr just ein. Mit Puffpaff und lautem Gepfeife lief er in den Bahnhof ein. Die Türen wurden aufgerissen, Menschen stiegen aus, da und dort ertönten frohe Willkommrufe, Gepäckträger wurden herangewinkt, und ein paar Minuten war der Bahnsteig von lautem Getöse erfüllt. Doch alle hasteten, so schnell sie konnten, dem Ausgang zu. Der Bahnsteig leerte sich, und nach ein paar Minuten stand die Geheimrätin mit ihrer Tochter nur noch allein am Zug, dessen Türen ein paar Schaffner schlossen.

„Sie sind nicht gekommen,“ rief Eva traurig.

„Aber ihre Mutter hat doch heute gedrahtet, sie wären abgefahren.“ Frau von Ringewald sah sehr besorgt drein. „Wenn ihnen nur nichts zugestoßen ist!“ sagte sie ängstlich.

„Vielleicht sind sie irgendwo sitzengeblieben.“ Eva lief noch einmal den Zug entlang, und in diesem Augenblick rief ein Schaffner in ein Abteil hinein: „Hallo, hallo! Was macht denn ihr da drinnen?“

Neugierig blickte Eva in das Abteil und sah darinnen auf den Bänken zwei Büblein liegen, die so fest schliefen, als lägen sie um Mitternacht in ihren Betten.

„Das sind sie,“ rief Eva, „ganz sicher, das sind sie!“

Der Schaffner grinste. „Wollen Sie die abholen, Freileinchen?“

„Ja,“ antwortete Eva, „die Beschreibung paßt.“ Und sie rief laut die Namen: „Mathes, Peter, wacht auf!“

„Rrrrrr“ schnarchte der eine, „pff, pff“ schnaufte der andere.

Der Schaffner lachte. „Na, die haben einen gesegneten Schlaf,“ meinte er, „die muß man anders wecken!“

Und geschwinde kletterte er in das Abteil hinein und hob eins, zwei die Buben von den Bänken und stellte sie hin. „Aufwachen!“ schrie er.

Da rissen die Sternbübles, denn sie waren es wirklich, ihre Augen so weit auf, so weit es ging. Weil ihnen die Umgebung aber gar zu fremd vorkam, dachten sie, sie träumten noch, und fanden, ausgeschlafen hätten sie noch nicht, und, pardauz, lag der Peter rechts auf der Bank und Mathes links auf der Bank und rrrrrr, pff, pff schnarchten und pusteten alle beide weiter.

Ein zweiter Schaffner und ein Gepäckträger waren inzwischen herbeigekommen, auch die Geheimrätin stand vor dem Abteil, und alle miteinander lachten über die verschlafenen Büblein.

„Die können’s!“ sagte der zweite Schaffner, und flugs kletterte er auch in den Wagen, er packte Peter, sein Kamerad packte Mathes, und beide trugen die Buben auf den Bahnsteig, und dort setzten sie sie so fest auf den Boden, daß die Sternbübles nun wirklich munter wurden.

Sie gähnten, sahen sich an, sahen sich um, und weil ihnen die ganze Sache etwas sonderbar vorkam, brachen sie in ein lautes Geschrei aus. Das Brüllen nun verstanden die Sternbübles ausgezeichnet. Daheim in Breitenwert, in der Löwengasse, sagten die Leute nicht: „Der brüllt wie ein Ochse,“ sondern: „Der brüllt wie die Sternbübles,“ wenn jemand zu arg schrie.

Und wenn die beiden schrieen, dann sah Mathes den Peter an und Peter sah den Mathes an, und bei allem Schmerz und Kummer dachten sie meist: Ich kann’s noch lauter.

So ein mörderliches Geschrei war man aber auf dem Bahnhof von Leipzig nicht gewöhnt. Ein paar Beamte liefen noch herbei, der Zeitungsmann, einer, der Früchte und Keks verkaufte, alle kamen sie, und alle fragten sie: „Was ist los, was fehlt den beiden?“

Eva versuchte die Buben zu trösten. „Seid doch ruhig!“ bat sie. „Ihr seid ja am rechten Ort. Kommt, wir fahren jetzt mit einem Wagen zu uns!“

Doch Eva konnte viel reden, die beiden brüllten weiter.

„Mit denen muß man deutsch reden,“ brummte der erste Schaffner. Und plötzlich brüllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an: „Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die Lokomotive!“

Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still waren sie beide.

„Endlich!“ sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den beiden werden! dachte sie bekümmert. Wären die nur erst wieder da, wo sie hergekommen sind!

Vorläufig schienen die Sternbübles aber gar nicht an die Rückreise zu denken. Nun sie den ersten Schreck überwunden hatten, wurden sie ganz zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten Tag und streckten ihnen ihre Hände hin. An denen klebte viel Kohlenstaub und Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein säuberlich sahen die Sternbübles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter waren so schwärzlich, als hätten die Buben schon in der Lokomotive gesteckt.

„Na, nun kommt nur!“ sagte die Geheimrätin bedrückt. Ihre Freude über den Besuch war nicht sehr groß. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an der Hand, Eva führte Peter, ein Träger trug das Köfferlein der beiden, und so gelangten sie alle an die Sperre.

„Eure Fahrkarten,“ mahnte Eva, „die müßt ihr hier abgeben.“

Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bübles sehr dringlich eingeschärft, die Karten zu hüten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten zu verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklärten jetzt beide wie aus einem Munde: „Die Fahrkärtle können wir net zeigen.“

„Aber ihr müßt sie doch abgeben!“ rief Eva.

„Nur heraus damit!“ sagte der Beamte an der Sperre. „Schnell, schnell, ich mache hier gleich zu!“

„Die Fahrkärtle wollen wir behalten,“ behaupteten die Buben ganz unverzagt.

„Nein, die müßt ihr abgeben, sonst — sonst —“

„Kommt ihr in die Lokomotive,“ half der Schaffner Eva, die nicht wußte, was sie den Buben androhen sollte.

Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da waren die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schüttelte ein wenig den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: „Na, euch merkt man’s an, daß ihr noch nicht viel gereist seid!“

„Viel Vergnügen in der großen Stadt!“ rief ihnen der Zeitungsmann noch spöttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so fröhlich und freundlich: „Danke schön!“ daß Frau von Ringewald dachte, sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!

Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren vor lauter Sehen und Sichwundern so müde geworden, daß sie zuletzt eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.

Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!

Die Sternbübles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie gleich recht viele auf einmal.

Und so groß waren die Häuser, so viele Menschen gab es, und die rannten alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es irgendwo brannte oder sonst etwas los war.

Die Bübles drehten sich wie Windmühlenflügel, sie schauten nach rechts, nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoßen, und Eva und ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke drin hatten. O je, das war eine mühsame Sache, mit den beiden vorwärts zu kommen!

Das Gepäck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hüh, und im rechten Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los. Durch viele Straßen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbübles wurden immer größer, immer ängstlicher schauten die beiden drein, und als der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und Eva sagte: „Hier wohnen wir,“ da ergriff die beiden eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der Löwengasse, und Mathes rief jammernd: „Ich möcht’ heim!“

„Ich auch,“ schrie Peter nicht minder ängstlich.

Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrüll auf dem Bahnhof, und sie sagte rasch: „Erst müßt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewiß hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!“

Das war ein Wort!

Die Sternbübles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darüber vergaßen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergnügt aus dem Wagen.

Aus dem Hause kam ein älteres Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen. Es war die Köchin Hulda. Die sah Mathes und Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden über die Schwelle stolperten, brummte Hulda: „Na, die sehen aus, als machten sie lieber zehn Dummheiten als eine.“

„Aber Hulda!“ sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. „Die Buben sind so nett und bescheiden und nur ein bißchen schüchtern; die werden sicher nicht viel Mühe machen.“

„Naaa!“ Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim Aussteigen, nahm das Gepäck und folgte den andern in das Haus hinein.

Ringewalds bewohnten das Erdgeschoß, das sehr groß und geräumig war, und zu dem auch ein mäßig großer Garten gehörte, der auf der Rückseite des Hauses lag. Den Sternbübles aber, die an ihr geräumiges Heimathaus gewöhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen mußten, recht klein und nicht sehr prächtig; Verstecken spielen ließ sich schwer darin.

„Erst mal waschen!“ sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hände gar nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles schneeweiß und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei Waschtische, und das allerschönste war ein weißes Schränkchen, hinter dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.

„Das ist für euch, wenn ihr recht artig seid,“ erklärte Hulda, als sie sah, wie verlangend die Bübles nach dem Schränkchen schielten. „Aber erst wird gewaschen.“

Nun waren die Sternbübles gar nicht gegen eine tüchtige Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am hellichten Tage waschen sollten, während ihnen ein Schrank mit allerlei wundersamen Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht. Kaum also hatte Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum Schrank hin, um dessen Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der Schrank verschlossen, und Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als ihre Nasen an die Scheiben pressen und alles von außen ansehen.

Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und Pferde, und just überlegten sie, was sie damit spielen wollten, als Hulda wieder in das Zimmer trat. „Jemine,“ schrie die, „ihr seht ja immer noch wie ein paar Feuerrüpel aus, und, ach du meine Güte, den Schrank habt ihr ja ganz beschmiert! Ich dacht’ es mir gleich, mit euch beiden kommt nur Ärger ins Haus.“

Ehe Mathes und Peter noch recht begriffen wie und was, hatte sie Hulda gepackt und zog sie nicht sehr sanft zum Waschtisch. „Jacken aus,“ befahl sie grob, und dann strählte und striegelte sie an den Buben herum, daß denen wirklich Hören und Sehen verging. Da war Mina daheim im Silbernen Stern doch freundlicher, wenn die auch mal schalt, so grob faßte sie nicht zu. Die Buben ahnten freilich nicht, wie unwillkommen Hulda ihr Besuch war. Buben konnte die nämlich kein bißchen leiden, sie behauptete es wenigstens immer, meinte, die wären alle unnütz, und seit Frau von Ringewald die Sternbübles eingeladen hatte, war Hulda immer in einer sehr unholden Laune. An diesem Tage war noch dazu das Stubenmädchen Ida krank, also mußte Hulda allein für die Gäste sorgen. Wohl wurde es denen nicht dabei, und am liebsten wären sie eiligst entwischt.

Sie folgten ganz verdattert dem Mädchen ein paar Minuten später in das Speisezimmer, in dem die Geheimrätin und Eva auf sie warteten.

Das Zimmer war groß und schön eingerichtet. Ein reich geschmückter Tisch, mit allerlei guten Sachen bestellt, stand in der Mitte. Um aber zu dem Tische zu gelangen, mußten Mathes und Peter über spiegelblanken Boden schreiten, und daran waren die Breitenwerter Buben nicht gewöhnt. Sie taten einen Schritt, noch einen Schritt, dann rutschten sie.

Mathes griff zuerst nach Huldas Rock, Peter tat es ihm nach, Hulda wehrte sich, und klatsch, saßen sie alle drei auf dem Boden, und die Teller und Gläser auf dem Tisch klirrten von dem Fall.

Die Geheimrätin sprang erschrocken auf, Eva lief zur Hilfe herbei, Hulda schimpfte gewaltig, und die Buben taten und sagten nichts, die waren viel zu verdutzt dazu.

„Ich sag’s ja, ich sag’s ja, die Bengels bringen nur Verdruß ins Haus!“ zeterte Hulda und sah die beiden so bitterböse an, daß denen himmelangst wurde. Sie dachten gerade, es wäre vielleicht am besten, unter den Tisch zu kriechen, als Eva von Ringewald sie aufhob. Die wußte mit sanften Worten lind zu trösten, und den Sternbuben kam das blonde Fräulein so holdselig wie eine schöne Märchenfee vor. Sie standen auf und gingen an ihrer Hand an den Tisch, und weil Hulda, die sich über ihr Gezeter etwas schämte, nun auch stilleschwieg, tauten die kleinen Gäste allmählich auf und gaben Bescheid auf allerlei Fragen. Freilich, ein wenig kurz gerieten die Antworten; ja und nein, mehr sagten beide nicht, aber dafür aßen sie unglaublich viel. Eva fragte mitleidig: „Ihr hattet unterwegs wohl gar nichts mit?“

„Doch, zehn Bröter!“ antwortete Mathes.

„Und viele Äpfel!“ ergänzte Peter.

„Und Schokolade!“

„Und Zuckerhimbeeren von Herrn Häferlein!“

„Und Kuchen!“

„Und —“

„Lieber Himmel, und das habt ihr alles aufgegessen?“ rief Eva ganz entsetzt. „Euch wird es übel werden.“

Die Buben rissen ihre Münder weit auf. „Übel wird uns net,“ versicherten sie, verwundert über Evas Entsetzen. „So arg viel war’s doch auch net!“ fügte Peter kleinlaut hinzu.

„Halt nur jedem sein Rucksäckle voll!“ sagte Mathes.

Eva lachte, und selbst über das ernste Gesicht ihrer Mutter glitt ein fröhliches Lächeln, und ihre Heiterkeit fand das allerfröhlichste Echo bei den Sternbübles; die lächelten nicht, die lachten so herzhaft, daß sie hin und her wackelten vor Vergnügen. Sie erfüllten den weiten Raum mit fröhlichem Lärm, und Mutter und Tochter dachten beide: Gut, daß die Buben gekommen sind! Nur Hulda dachte das nicht. Die hörte aber auch das Lachen nicht; sie saß in der Küche, brummte und knurrte wie ein Bär, dem es in seiner Höhle nicht gefällt, und sie sagte wohl zum zwanzigsten Male zur kranken Ida: „Paß auf, von den Jungen kommt uns Ärger ins Haus; wenn’s noch Mädel wären, aber Jungen! Was fängt man mit denen an!“ Und dabei seufzte sie tief und dachte an einen Jungen, den sie so lieb gehabt hatte wie fast nichts auf der Welt.

Ida lachte. „Hulda,“ rief sie, „wenn Sie keine Jungen leiden können, warum sind Sie denn mit jedem Betteljungen so freundlich, der ins Haus kommt?“

„Schnickschnack, ich kann freundlich sein mit wem ich will!“ Damit war das Gespräch zu Ende. Hulda nahm ihr Strickzeug, strickte und sagte kein Wörtlein mehr an diesem Abend.

Viertes Kapitel.
Die Trostbuben.

Reisen, Schmausen und Lachen macht müde. Unversehens trat der Sandmann hinter Mathes und Peter; denen fielen die Augen zu, und sie waren recht froh, als Fräulein Eva vom Zubettgehen sprach. Sie sagten schon halb schlafend gute Nacht, und in ihrem Zimmer sahen sie nicht einmal mehr nach dem Spielschrank. Sie purzelten beinahe in ihre Betten. Als Frau von Ringewald ein Weilchen später nachsehen kam, fand sie die beiden schon im festen Schlaf liegen.

Eva saß neben den Betten, und sie flüsterte der Mutter heiter zu: „Ich wollte ihnen noch ein Märchen erzählen, ich habe aber nur gesagt: ‚Es war einmal —‘ da schliefen sie schon.“

Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schön waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weißen Betten lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.

Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und seinen Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?

Tränen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte zärtlich ihre Arme um der Mutter Hals. „Sei nicht traurig,“ bat sie, „unser Fritz kommt wieder. Er muß ja wiederkommen!“

„Er muß ja wiederkommen!“ wiederholte die Geheimrätin, und eine leise Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.

„Wie könnte er die beste Mutter je vergessen!“ Eva zog die Mutter auf den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Füßen, und so, während die Sternbübles schliefen, Mathes im Traume lächelte und Peter etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt gezogen war.

„Wäre der Onkel doch nicht so streng gewesen!“ klagte Eva.

„Darum durfte er uns doch nicht verlassen!“ Frau von Ringewald hatte dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen, daß ihr Junge, ihr zärtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war. Heimlich, ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.

Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen. Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von Ringewald hatte seine Strenge zu fühlen bekommen. Der sollte studieren wie sein verstorbener Vater oder Buchhändler werden wie sein Onkel. Zu beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger werden, nichts anderes.

Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es aus, dann — Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise — ging er davon, ohne Abschied.

Es wäre wohl anders gekommen, wäre die Mutter dagewesen. Die erfuhr nie, was zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn eigentlich vorgegangen war. Der Konsul schwieg darüber, und Fritz schrieb nicht, nie, seit zwei langen Jahren nicht.

Eva tröstete alle Tage die Mutter mit dem gleichen Wort: „Unser Fritz kommt wieder; wenn er etwas erreicht hat, kommt er wieder.“

Er kommt wieder! Die Mutter hoffte es, aber zwei Jahre sind lang für die Sehnsucht einer Mutter. Eva sah das liebe, gütige Antlitz täglich blässer werden. Die Geheimrätin mochte nicht mehr ausgehen, ihr Gram war wie eine Spinne, die ein dichtes graues Netz spinnt, das Licht und Freude absperrt.

Eva schlug allerlei Reisen vor, aber die Mutter war zu müde dazu. Auch nach Breitenwert in den Silbernen Stern wollte Eva reisen, und wie auch da die Geheimrätin nein sagte, fiel es Eva eines Tages ein, sie könnte die Sternbuben einladen, der Mutter zum Trost und zur Freude.

Mathes und Peter Hinz als Trostbübles! Dies Amt ihnen zuzutrauen, darauf wäre in Breitenwert wohl niemand gekommen. Aber als Eva von Ringewald die beiden so friedlich schlafen sah, dachte sie: Es war schon recht, die beiden einzuladen, Mutter wird gewiß ihre Freude an ihnen haben.

Von ihrem hohen Amt, Trostbübles zu sein, ahnten die beiden nichts. Denen raubte kein Kummer den Schlaf, auch die vielen Bröter, Äpfel und anderen guten Dinge lagen ihnen nicht im Magen, die schliefen wie zwei Murmeltiere, ohne nur einmal aufzuwachen.

Nun hatten die Sternbuben aber eine dumme Angewohnheit. War Schule, dann schliefen sie wenn möglich bis Mittag, waren Ferien, dann wachten sie in aller Herrgottsfrühe auf. Daheim schalt Mina oft über diese dumme Angewohnheit, denn sie meinte, Buben wären in den Ferien am besten im Bett aufgehoben, da richteten sie am wenigsten Unheil an.

Weil in Leipzig die Breitenwerter Schule den Buben so entfernt lag wie Afrika, wachten sie natürlich sehr früh auf und wußten gar nicht, wo sie waren.

Sie blickten sich eine Weile höchst verdutzt an, meinten, sie tummelten sich noch in einem Träumchen herum, aber da knurrten ihnen auf einmal ihre Magen sehr vernehmlich. Na, und so etwas pflegt man meist nicht zu träumen.

„Wir sind verreist!“ schrie Mathes plötzlich.

Peter stopfte nachdenklich seinen Bettzipfel in den Mund. Das Verreistsein so am frühen Morgen war ihm etwas ungemütlich, er hätte lieber daheim in seinem Bett gelegen. Eben wollte er darüber stöhnen und knurren, als sein Blick auf den Spielschrank fiel. „Das Schlüssele steckt,“ schrie er, und hops! da war er auch schon aus dem Bett.

Hops! sprang Mathes ihm nach. Beide kauerten am Schrank nieder und begannen höchst vergnügt seine Herrlichkeiten auszuräumen. Nur mal ansehen, dachten beide.

Zuerst kamen ein paar Geduldspiele zum Vorschein. Die legten die beiden schnell wieder weg; Geduld war nichts für sie, und daheim nahmen sie diese Spiele auch nur vor, wenn sie vor Langeweile gar nicht wußten, was anfangen. Ein bißchen Puppenkram, der noch aus Eva von Ringewalds Kindheit stammte, betrachteten Mathes und Peter sehr von oben herab. Sie verrenkten und verdrehten den Gliederpüppchen die Glieder, und dann räumten sie weiter. Ein Baukasten und einer mit allerlei Getier gefiel ihnen schon besser, aber dann packten sie noch ein paar Tiere aus, bei deren Anblick sie in das hellste Entzücken gerieten. Es waren ein paar Mäuse, eine Ente und ein Hahn, die laufen konnten, wenn man sie aufzog. Ähnliche Tiere hatten die Sternbübles letztes Jahr zu Weihnachten bekommen, die hatten aber so viel im Silbernen Stern und auf der Löwengasse herumlaufen müssen, daß ihnen sehr bald die Eingeweide entzweigegangen waren.

Die Buben drehten nun flink Mäuse, Hahn und Ente auf. Da krähte der Hahn und schlug mit den Flügeln, die Ente schnatterte, und die ganze Gesellschaft lief lustig in der Stube herum. Sie rannten, standen still, Mathes und Peter drehten sie wieder auf, und sie vergaßen über dem Spiel ganz und gar, sich anzuziehen. Auf einmal, just als die Mäuse wieder frisch aufgezogen herumrannten, tat sich die Türe auf, und herein spazierte Hulda, die eine Kanne warmes Wasser brachte.

Eine lebendige Maus wäre vielleicht vor so einer wichtigen Person, wie es Hulda war, ausgerissen. Die Spielmaus aber war höchst frech, die lief dem Mädchen gerade zwischen die Füße.

Hulda schrie fürchterlich. Sie tat wahrhaftig, als wäre ein Löwe im Zimmer, und die Buben, die das Geschrei für Spaß ansahen, lachten laut und tapsten in ihren Nachthemden hin und her.

Da schnurrte auch die zweite Maus daher, und Hulda, die sich ganz entsetzlich vor Mäusen fürchtete, hielt beide für lebendig. Klatsch! warf sie den Wasserkrug hin und rannte jammernd aus dem Zimmer.

Draußen durchgellte ihr Geschrei die Wohnung, und die Geheimrätin, Eva, selbst die kranke Ida liefen herbei, alle meinten sie, irgendein Unglück sei geschehen.

„Was ist mit den Jungen?“ fragte Frau von Ringewald.

„Brennt es? Soll ich die Feuerwehr holen?“ quiekte Ida, die sich noch ihren Rock zuheftete.

„Mäuse, Mäuse! Die Bengels haben Mäuse mitgebracht, und nu lachen se noch!“ Hulda schüttelte ihre Röcke, sie fürchtete, die Mäuse wären an ihr heraufgekrochen. „Sie beißen, sie beißen!“ stöhnte sie.

„Die Jungen sind an den Spielschrank gegangen,“ rief Eva. „Hulda, schämen Sie sich, Sie sind ein rechter Hasenfuß, laufen vor ein paar Spielmäusen davon!“

Sie ging in das Zimmer, und dort fand sie die Hemdenmätze mitten in der Überschwemmung stehen. Die Mäuse, Hahn und Ente hatten das Laufen eingestellt; Wasser vertrugen sie nicht, selbst der Ente war es zu viel. Mathes und Peter waren sehr verdutzt über Huldas Davonlaufen. Und als sie die draußen schluchzen und jammern hörten, denn Evas Wort vom Hasenfuß hatte die treue Seele bitter gekränkt, dachten sie, das Klagen gelte dem Kruge, und sie riefen Eva eifrig entgegen: „Das Krügle ist net ganz entzwei!“

„Nur der Henkel ist ab!“ erklärte Mathes.

„Ein paar Sprüngle hat’s,“ fügte Peter hinzu.

„Und laufen tut es vielleicht auch.“ Eva nahm lachend Mathes den Krug aus der Hand; sie sah den ausgeräumten Spielschrank, die Tiere in der Wasserflut, und sie zwang sich zu einem ernsten Gesicht und sagte: „Spielt ihr in Breitenwert auch erst, ehe ihr euch anzieht? Das ist bei uns nicht Mode!“

Den Buben fuhr der Schreck gewaltig in die Glieder, und sie stürzten sich eilfertig auf ihre Sachen. Das liebliche Fräulein Eva mochten sie gewiß nicht kränken.

Rips, raps, rups — ging es. Mathes zog zwei Strümpfe über ein Bein, Peter versuchte verkehrt in seine Hosen zu schlüpfen, und dann schrie Mathes: „Das sind meine!“ und Peter schrie noch lauter: „Meine sind’s!“ Einer zog nach rechts, einer nach links, dann gab einer dem andern einen Puff, und die Hösles flogen hoch im Bogen durch das Zimmer.

„Streitet euch doch nicht!“ Eva mahnte es, aber da sah sie, wie sich die Brüder vor Lachen krümmten, und sie ahnte, so machten die es oft. Sie räumte flink den Spielschrank ein, zog vorsichtig wieder den Schlüssel ab und sagte plötzlich gelassen zu den beiden, die sich noch immer um ihre Kleidungsstücke rauften: „So, wer jetzt nicht in fünf Minuten fertig ist, der bekommt kein Frühstück!“

Das Wort half wunderbar gut. Jetzt fuhr auf einmal jeder Bube ins rechte Hosenbein, und bald standen beide blitzblank und fertig da, und Eva führte sie in das Frühstückszimmer. Dort wartete Frau von Ringewald schon am zierlich gedeckten Tisch. Und Hulda stand da, bereit, Kaffee einzugießen, aber mit einer Miene wie eine Pulvertonne, die in die Luft fliegen will.

Das kleine, behagliche Zimmer lag nach dem Garten hinaus, der jetzt im bunten Herbstschmuck prangte. Freilich waren der Staub und der Ruß der großen Stadt auf Büsche und Bäume niedergesunken; alles sah ein bißchen schwärzlich aus, und dann gab es auch nur ein paar wohlgepflegte Beete und sorglich geglättete Wege in dem mäßig großen Garten.

Spielen kann man da nicht drin, dachten die Sternbuben, und gerade da fragte Fräulein Eva, die sehr stolz auf den grünen Winkel war: „Gefällt euch unser Garten?“

„Noi!“ riefen die Buben wie aus einem Munde, und beide schüttelten so heftig die Köpfe, damit auch gar kein Zweifel an ihrem Mißfallen blieb.

„Na, solch freche Jungen! Finden unsern Garten nicht schön!“ brauste Hulda empört auf. „Ihr habt wohl gleich ’nen Park am Hause, he?“

„Aber Hulda!“ Evas Stimme klang vorwurfsvoll, und dann fragte sie freundlich: „Was gefällt euch denn nicht an unserem Garten?“

Die Buben sahen sich verlegen an. Was ihnen eigentlich an dem sauberen Gärtchen nicht gefiel, wußten sie selbst nicht zu sagen. Sie dachten eben nur an die Gärten, die sich daheim hinter den Häusern der Löwengasse hinzogen, und die so ganz anders waren, so viel lustiger und freier.

„Man kann net drin spielen,“ platzte endlich Mathes heraus.

„Er ist so — so fein!“ stotterte Peter.

„Natürlich, für euch zwei ist er zu fein!“ Es war gut, daß draußen die Flurglocke ertönte und Hulda das Zimmer verlassen mußte, sie hätte sonst gewiß noch allerlei gesagt, was den Buben recht unangenehm gewesen wäre. Fräulein Eva war viel netter, die schwieg von dem Garten. Sie sah nur wehmütig hinab. Ach, was wußten so ein paar dumme Breitenwerter Buben davon, wie froh ein Großstadtkind über so ein grünes Fleckchen sein kann!

„Erzählt einmal von eurem Garten!“ forderte die Geheimrätin auf, während sie Semmeln recht dick und lecker mit Mus für ihre Gäste bestrich.